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Schildow – Ferne Berge, stumpfe Spiegel und die sanften, schwarzen Riesen

Der Winter feiert sich selbst, schon seit ewig, hat der Sonne mit ernstem Strichmund Hausverbot erteilt. Immerhin sieht er über gelegentliche Verstöße gnädig hinweg, solange es nicht aus dem Ruder läuft. Meist passiert das an Arbeitstagen, sodass an freien Tagen wieder das kriechkalte Klammgrau verlässlich auf der Matte steht.

Aussichtsturm mit Löwenzahn vor den Arkenbergen

Selbst wer zu den Leuten zählt, die bevorzugt zu jeder Jahreszeit rausgehen, muss nun in dieser Hinsicht hartgesotten sein. Dazu gesellten sich jüngst noch spitzfindige Spielarten wie zu Blitzeis gefrierender Sprühnebel, der sich dem Radar und somit der Wetterwarnbarkeit vollständig entzog. So mancher dürfte sich an diesem Tag auf allen Vieren wiedergefunden haben, im besten Fall auf Augenhöhe mit einem der allerersten Schneeglöckchen.

Ganzjährige Wasserbüffel bei der Arbeit

Tristes Wetter und glatter Boden sind nichts, was die winterfeste Vogelwelt groß interessieren dürfte, und so sind wie gewohnt all die bekannten Kehlen in der Höhe zu vernehmen. Sowohl Gänsen als auch Kranichen ist es dabei halbwegs schnuppe, ob sie über der großen Stadt von da nach dort fliegen oder überm farbfahlen Land, denn Schlaf- und Futtergründe finden sich da wie dort. Via Hörkanal ermutigend für die krisenwunde und unwirsche menschliche Seele sind im kleineren Register die selbstbewussten Wintermeisen und die truppweise auftretenden Finken, fast schon knallig bunt wirken in diesem Januar die Rotkehlchen mit ihrer klaren Farbcodierung.

Schönerlinder Teich No. 1

Hier auf der Seite war ja in den letzten Monaten nicht eben viel Betrieb, zuletzt die Bergtour im September, wo die Natur noch saftig bunt und voller Volumen war. Ab Oktober begann dann die endlose Zeit mit wenig Licht und viel Wasser von oben, die manches Gemüt stark herausforderte, im Gegenzug jedoch immerhin einen Boden hinterließ, der auch jenseits der oberen Schicht ganz passabel gesättigt ist. Das war lange nicht der Fall.

Unterwegs auf dem Löwenzahnpfad bei Mühlenbeck-Mönchmühle

Neben dem Umstand, dass all diese Wochen wenig fotogen waren, gab es während des reichlichen Vierteljahres unter anderem eine zeitfordernde Nebenaufgabe mit Bezug zum Berliner Stadtgürtel, welche im Frühjahr konkrete Formen annehmen soll. Erzeugter Text floss vor allem dorthin und ließ sich deswegen hier vermissen.

Schildow

Nennenswert farbkräftig hinsichtlich blauem Himmel oder gelber Sonne ging es auch im neuen Jahr noch nicht zu, nur in einzelnen Stunden an einzelnen Tagen. Die Lust auf draußen ist trotzdem da, wenn auch etwas schwächer auf der Brust oder behutsam hinterfragt, und bewegt sich in mehreren Hinsichten in Graustufen. Doch sollte man sich von miserablem Wetter nicht ins Bockshorn jagen bzw. ans Haus fesseln lassen und als Ausgleichsmaßnahme die Touren etwas kürzer bzw. optionsreicher halten und mit gemütlichen Pausenorten anreichern, sofern das möglich ist.

Strandbad am Kiesesee, Schildow

Aktuell sind bezüglich Anreise neben einem abschwellenden Bahnstreik noch Blockaden von Autobahnauffahrten durch schweres Landgerät zu beachten. Also besser kurz halten und am besten innerhalb von Bahn- und Autobahnring bleiben. Schon lange auf dem Zettel stehen die Teiche bei Mönchmühle und der dortige Abschnitt des Tegeler Fließes kurz vor dem Eintritt ins Berliner Stadtgebiet.

Tegeler Fließ am Musikerviertel, Schildow

Die erwähnte Glätte ist gerade so vergangen, der Boden noch gefroren, was sich in dieser Kombination als gut für die heutigen Wege erweisen soll. Die erste Portion Behaglichkeit gibt es beim Handwerksbäcker in Schildow, wo neben köstlichem Backwerk und heißem Kaffee gerade eine schöne Portion echten Lebens serviert wird. Ein älterer Herr kommt rein, nicht gänzlich symmetrisch in allem, und startet wortreich und immer wieder abschweifend seinen Bestellvorgang, war wohl länger nicht mehr hier. Er kommt gerade aus der Reha, ist geflohen bzw. hat sich nach drei Tagen selbst entlassen vom Knüpfen, Fädeln und Körbeflechten mit irgendwelchen Leuten, mit denen er gefühlt nichts gemeinsam hatte außer der Diagnose.

Das Schlimmste an dem ganzen Mist, sagt er, ist im Nachhinein, dass er beim Autofahren nicht mehr rauchen kann. Weil er die Zigarette nicht mehr sicher im Griff hat. Naja, und wenn die beim Fahn irgendwo hin flutscht und ihr Ding macht, könnsesjavorstelln, dittis keen Spaß. Na und denn wolltense mia sohn Nikotinflasta fapassn. Nüscht! Aus der kurzen Warteschlange kommen sofort die heiteren Hinweise, dass man die Dinger so schlecht angezündet bekommt oder dass die keine zwei Minuten halten, wenn man sie sich auf den Mund klebt. Er dreht sich halb, schaut erstaunt, Sie ham wohl jelauscht? Der Laden ist etwa so groß wie ein großer Teppich und sein Organ recht präsent. So isset, gelauscht, allemiteinander.

Am Schönerlinder Teich No. 1

Am nördlichen Bahnübergang in Schildow sind die Straßen nach Musikern benannt. Darunter haben sich irgendwie Schiller, Lessing und Fritz-Reuter gemengt, die aus dem benachbarten Schreiberlingsviertel mehr oder weniger hinüberragen. Auch einige der Musiker haben es im Gegenzug bis ins genannte Viertel geschafft und stehen also für eine offengeistige Verzahnung der beiden Künste an diesem Ort.

Blasser Spiegel am Teich

Ein kleiner Wiesenschleich führt von Reuter zu Lessing und bald zum Tor des schönen Strandbades am Kiessee, das im heutigen Fahlgrau auch nur trist daliegen kann. Selbst die Farbkleckse von Leuchtturm und Rettungsschwimmergerüst knallen farblich nicht so richtig rein. Anders in kommenden Jahreszeiten, wo dieser Ort mit dem umrundbaren See und den Stränden idyllisch und überaus einladend ist.

Rechts am Zaun verläuft ein Pfad, der sogleich an einem hüfthohen Gletscher vorbeiführt. Ein aufgestockter Gulli gibt tröpfchenweise Wasser ab, das zu einem kieshaufengroßen Eisding gewachsen ist – wie Tropfstein von unten. Er kalbt bis über den Pfad und lässt nur einen winzigen Streifen zwischen Zaun und Gletscherrand, auf dem sich auch ohne Spikes an den Sohlen die Bodenhaftung behalten lässt.

Sog. Blankenfelder Straße mit Arkenbergen voraus

Gleich darauf folgt eine leicht verwunschene und sogar beim heutigen Licht romantische Passage entlang des Tegeler Fließes, hinter dem am anderen Ufer privilegierte Gärten liegen. Die flachen Uferzonen sind von Halbgefrorenem bedeckt, in der fließenden Mitte spielt sich einiger Ententumult ab, inklusive der typisch winterlichen Geräuschkulisse solcher Zusammenkünfte. Die Ufer borden über und wirken wild, das Fließ naturbelassen. Möglichweise steht das Wasser ein paar Zentimeter höher als gewöhnlich, den regenreichen Zeiten geschuldet. Das reichliche Laub am Boden verheißt schattigen Uferwald in anderen Jahreszeiten.

Landschaft der Schönerlinder Teiche

Löwenzahnpfad

Nach der Bahnbrücke am S-Bahnhof Mühlenbeck-Mönchmühle, dessen Name für mich als Jugendlicher ein moderater Zungenbrecher war, ist neben dem Mühlenwanderweg schon der Löwenzahnpfad ausgewiesen. Klingt beides schön und verheißungsvoll, doch heute wird es der letztere. Noch wissen wir nicht, dass die kleine Tour für eine gute Stunde bester Unterhaltung steht, denn diese überschaubare Runde ist vollkommen ausreichend als Tagesziel, eignet sich zudem bestens zum Anfüttern von kleinen oder größeren Kindern und lässt sich überhaupt nicht davon beeindrucken, dass der namensgebende Pfad zwischen zwei stark befahrenen Außenringen und unweit des höchsten Deponieberges weit und breit liegt. Je nach Windrichtung dürfte entweder die Bahn oder die Autobahn akustisch gegenwärtiger sein. Der Berg hingegen liegt gänzlich still.

Obst und Birken entlang des Dammweges

Den Genuss stört das nur in Maßen, da die Landschaft besonders ist und der Weg so zauberhaft schön, es zudem so viel zu gucken und entdecken gibt. Kurz gefasst erinnert es ein bisschen an eine Mischung aus der nahen Hobrechtsfelder Waldweide und den weiter entfernten Teichen an der Blumberger Mühle bei Angermünde – auch beides besondere Ausflugsziele, zu denen man immer gerne wiederkommt. Das dürfte auch für die Löwenzahn-Runde um die Schönerlinde Teiche gelten, denn hier wird wohl eine jede Jahreszeit Markantes hinzufügen und charakterprägend sein. Gleich hinterm Rand der Millionenstadt.

Wasserbüffel auf dem Weg zur Pause

Zunächst geht es zwischen einem Baumstreifen und Feldern auf die Kammlinie der Arkenberge zu, eine durchaus eindrucksvolle Bildmischung, insbesondere mit dem Gedanken, dass man grad noch in der S-Bahn saß. Im kahlen Geäst huscht es überall, ist grad noch flattrig und dann still. Bei den ersten Weidezäunen beginnt das Feuchtland, sogleich gefolgt vom ersten der zahllosen Teiche. Dass es sich einmal um Rieselfelder handelte, später dann um Karpfenteiche, bezeugen noch zahlreiche gut erkennbare Dämme, insbesondere später, wenn der Weg etwas erhöht verläuft und Draufsicht gestattet.

Pfad zum Brücklein No. 1 (nahe des Aussichtsturms)

Schönerlinder Teiche

Hier steht auch die ersten von zahlreichen Tafeln, die farbkräftig und ansprechend gestaltet sind. Viel Information in möglichst wenig Text und jeweils etwas schöne Spielerei, die ohne Strom auskommt. Rechts oben sausen in kurzen Abständen S-Bahnen und Regionalzüge vorbei. Die Böschung zum Bahndamm ist recht steil und gibt unter anderem einer sagenhaften Weide Halt, die einen nach klassischen Senkrechtstamm hat, darüber hinaus über Ausleger verfügt, die über Dutzende Meter in die Breite gehen. Auch nach tieferem Blick scheint all das auf denselben Ursprung in der Mitte zurückzugehen.

Steg übers fließende Wasser

Der Weg drängelt sich vorbei am großen Teich, dessen wässriger Eisspiegel das Erlenwäldchen am Gegenufer verwaschen spiegelt. Danach folgt eine Szene ohne Spuren von Infrastruktur, die entlegen und fast ein bisschen skandinavisch wirkt, vielleicht auch dank der lose verteilten Schneeflecken. Ein kurviger Weg mit Gebäum in Tundrahöhe strebt zu einer flachen Berglinie von klarer Form. Der Blick nach links fällt, hier nun mit allerhand Leitungen und Masten ganz im Hintergrund, auf vereinzelte Wasserflächen. Umgeben sind sie von buschigem Krautland, das hier und dort mit Schilfgürteln verschmilzt.

Nordnordische Szenerie

Mittelgroße, dennoch alte Birken säumen den Weg zur Rechten, am linken Rand zeigen ältere Obstbäume blattlos ihre Posen. Große Pfützen fordern winzige Umweg ein. Und erstmals kommen jetzt auch die sanften Riesen ins Spiel, mit denen man in solchen Landschaften rund um Berlin fast schon fest rechnen kann. Tiefschwarz erscheinen die Leiber der mächtigen, ganzjahrestauglichen Wasserbüffel, die so herrlich neugierig irgendwo herausschauen können.

Löwenzahnpfad Nord

Bald beginnt der eigentliche Löwenzahnpfad, nun wirklich in Gesässbreite, und verläuft weithin sichtbar im ausladenden Bogen, äußerst reizvoll zwischen dem knorrigen Weidezaun und einer schutzgebenden Reihe jungen Gebäums. Es ist kalt, es ist klamm, das graue Wetter wirklich ungemütlich und der Wind fast etwas garstig. Und trotzdem begegnen wir vier Familien mit ihrem Nachwuchs. Keiner davon schaut angeödet oder ähnlich, vielmehr wird vereinzelt gelacht und gekichert – und dieser gemeinsame Tag in der Gewalt der Elemente vermutlich niemals vergessen.

Großer Teich mit noch größerer Ansammlung

Die Ruhe ausstrahlenden Hornviecher sind nun nähergerückt, haben auch die bunten Zweibeiner entdeckt und zeigen mäßige Neugier. Einem ist der viele Trubel wohl zu blöde und er tritt mit getragenen Schritten den Rückzug ins hufnasse Schilfland an, welches sich den Blicken der Zaungäste nahezu entzieht. Vom Aussichtsturm, der zugleich eine Brücke ist und von einem hölzernen Löwenzahn gekrönt wird, wird nun sichtbar, wie groß die Zahl der Teiche wirklich ist. Der Blick fällt zudem auf die weiß überpuderten Flanken der Arkenberge, und mit den schwarzen Büffeln im Vordergrund sieht es jetzt wirklich etwas nordschwedisch oder isländisch aus.

Senke mit Brücklein No. 2

Der Pfad geht in einen kleinen, gewundenen Abstieg durch eine Buchenhecke, an der sich das goldbraune Laub noch gehalten hat und somit Schutz gegen den bissigen Wind bietet, der gerade aufkommt. Gleich danach folgt ein Wegstück, das ohne gefrorenen Boden so eine Sache wäre bzw. ein klarer Fall für Gummistiefel. Doch so kann man einfach über den zähen Matsch spazieren und steht bald vor einem Brücklein mit schlichter Schranke. Das überbrückte, gut vernehmbare Wasser schafft eine Verbindung zur Bogenseekette am Rand der Hobrechtsfelder Waldweide, vielleicht sogar die einzige direkte.

Rastplatz am Rande

Sieben Stufen führen aus der Bodenmatschzone, danach setzt sich der Pfad genauso anmutig fort, wie er bisher verlief, kommt sogar etwas ins Schwingen. Trotz der höheren Lage ist auch hier manche Pfütze zu umschiffen, bevor sogar etwas Wiesengrün ins Bild tritt. Eine Rastbank ist in den Buschstreifen eingerückt und steht ein wenig windgeschützt – gemütlicher werden wir es hier und jetzt wohl nicht bekommen mit unserem heißen Tee. Noch dazu haben sich unten auf einer der größeren Teichflächen unzählige Enten versammelt, die eine mittige Eisscholle nutzen und sich dort angeregt, doch leise austauschen.

Ein Silberreiher fliegt im typischen Stil, vergleichbar dem Gang eines Elches, von links nach rechts, bald dann wieder nach links zurück. Hoch oben im Himmel sind zwei Kraniche, drüben in einem anderen Teich unzählige Gänse zu hören. Für gewöhnlich ist hier auch die Ecke, wo sich gern die Wildpferde sehen lassen, doch die sind entweder nicht ganz so kälterobust wie die Schwarzen oder haben sich gut versteckt. Ihr Farbton jedenfalls würde es hergeben.

Dorfstraße Woltersdorf

Ein weiteres Mal ist ein Brücklein und mit ihm das Weidegebiet zu überqueren. Danach geht es kurz steil hinauf zum nächsten Buschstreifen, der schön dicht ist und den selbstbewussten Wind kurz auf Abstand hält. Erneut fällt ins Auge, wie schön und groß diese kleine Landschaft ist, und das trotz der heutigen Bedingungen von Licht und Witterung.

In der Mitte von Mühlenbeck

Auf einem breiteren Weg kommt man bald zum Rastplatz an einem kleinen Teich, dessen Bankrund von losen, noch berindeten Stammpalisaden umspielt wird. Bald darauf schließt sich die Runde und legt den Rückweg zum schnell erreichten S-Bahnhof nahe. Wer noch Lust auf etwas Dorfbild und einen Nachschlag in Sachen Tegeler Fließ hat, kann vorbei am leicht spröden Campus des Berufsförderungswerkes einen Bogen über Woltersdorf und Mühlenbeck schlagen, der sich gut mit einer Einkehr oder einem schnellen Imbiss verbinden lässt.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
ab Ostkreuz mit der S-Bahn bis Mühlenbeck-Mönchmühle (ca. 35 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: 10,5 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Schönerlinder Teiche zur grünen Jahreszeit

Löwenzahnpfad

Einkehr: Kastanienhof, Schildow
Altes Forsthaus, Woltersdorf
Zum Goldenen Hahn sowie Imbiss-Angebote, Mühlenbeck

Bad Freienwalde – Rote Kronen, pfundige Blüten und der Kamin im Schafstall

Der Sommer war nass, der Sommer war kalt, der Sommer war auch heiß und trocken und lang, doch jetzt schleichen sich nach und nach die alten Weiber in die Szenerie. Wehende Weben segeln durch den Wald, die man erst sieht, wenn man sie schon fühlen durfte. Allerhand Früchte wie Eicheln, Bucheckern und erste Kastanien liegen schon am Boden und verleiten Verspielte zum Zickzackgang, um ein paar davon per Sohle aufzuknacken.

Nicht der schlechteste Platz – am Papenteich in Bad Freienwalde

Die Bahn der Sonne hängt insgesamt schon tiefer, in der Folge sieht man in den gemäßigten Randzeiten des Tages dieses unvergleichliche Licht, das zu den Grundqualifikationen des September-Monats zählt. Warm, wohlig, auch etwas nostalgisch – und mit der Bekräftigung der soliden Tatsache, dass die Gluthitze nach heißen Tagen schon etwas früher gebremst wird. Bedauerlich für Sonnenanbeter, besänftigend für Leute, die Spätsommer und Frühherbst genießerisch entgegenblicken.

Waldgaststätte an der Alten Köhlerei

Die Botanik ist allerorten noch in ihrer Üppigkeit zu bestaunen, Vögel hingegen sind kaum noch zu hören. Nur hier und dort wittern schon Eichelhäher und gefiederte Schwarzkittel etwas Morgenluft und krächzen ihren Anspruch auf übernächste Monate in die Waldesstille. An vielen dieser brütend heißen Tage steht die Luft unbewegt, doch zwischendurch gibt es immer wieder solche, wo ein leichter, wohltuender Wind durch Sonnenblumen-Felder oder Waldbäume streicht und jegliches Laub leise rauschen lässt. Mehr und mehr finden sich bunte Flecken in den Kronen, einiges Laub sammelt sich auch schon am Boden und kruschelt unter den Sohlen.

Vor den östlichen Bergen bei Altranft

Wer an solchen Tagen den Halbschatten sucht und zugleich die Seele streicheln will, weil das Leben manchmal ganz schön teigig sein kann, ist rund um Bad Freienwalde gut aufgehoben. Zwar kommt man hier an vielen Stellen durch attraktiv servierte Höhenmeter ebenso ins Schwitzen, doch das ist selbstgewählt und per Aufstiegstempo regulierbar. Die beiden Höhenzüge, östlich nach Falkenberg, westlich nach Altranft, lösen ohne Kompromisse die Versprechungen von Mittelgebirgsstimmung ein, welche der Märkische Bergwanderpark vielerorts verheißt.

Deichweg am Freienwalder Landgraben

Diese noch recht junge Geschichte ist nicht nur bloßes Marketing, um dem Bad vor Freienwalde eine weitere Berechtigung zu liefern. Vielmehr stecken neben beständigem Mobiliar und bester Ausschilderung viel Herzblut, Ideenreichtum und auch eine Prise Humor darin. Dass man neben all den Pfaden, Talscharten und Aussichtspunkten, den steilen Stiegen, Aussichtstürmen und abgeschiedenen Kammwegen auch eine zünftige Baude nicht missen muss, war am heutigen Tag eine willkommene Erkenntnis, ein wunderbarer Neuzugang in der inneren Datenbank der Einkehrorte.

Bad Freienwalde

Bad Freienwalde ist auch so ein Ort, wo altgediente Wegesammler meinen, die meisten Wege schon gegangen zu sein, zumal einer, wo es einen immer wieder hinzieht, und nicht zuletzt eines der Kronjuwelen unter den märkischen Landschaften. Auch an dieser Stelle wieder einen innigen Dank an die letzte Eiszeit!

Im Villenviertel, Bad Freienwalde

Keine zehn Kilometer liegen zwischen Falkenberg und Altranft. Doch in diesem kleinen Waldgebiet von teils dramatischem Relief lassen sich, insbesondere unter Einbindung des flachen, oderzugewandten Vorlandes und des immer wieder überraschenden Stadtgebiets, so viele Spaziertage der besonderen Art finden, dass häufiges Wiederkehren kein Problem ist.

Vom Bahnhof aus fällt vor dem Hang schon die Kirche in den Blick, von der es wiederum nicht weit ist zum Schlosspark. Der ist wegen mitgenommenen Baumbestandes immer noch zu großen Teilen abgesperrt, doch vorbei an der Schlosshöhe ist in wenigen Minuten der Sowjetische Soldatenfriedhof an der Berliner Straße erreicht.

Zaunpfähle in der August-Heese-Straße

Schräg gegenüber links kommt man vom großen Stadtparkplatz zu einer steilen Treppe, landet kurz darauf am höchsten Punkt bei einem eindrucksvollen Mahnmal und steigt sogleich wieder ab zu den Wohnhäusern. Wer sich im Angesicht zahlreicher zu erwartender Aufstiege noch etwas schonen möchte, geht schräg gegenüber rechts zur August-Heese-Straße, die von bemerkenswerten und bemerkenswert schönen Villen und Grundstücken gesäumt ist. Der wilde Wein leuchtet schon in seinem deftigen Rot.

Auch hier ist der Aufstieg spürbar, zugleich gibt es viel zu gucken und eine Ahnung, wie mondän es hier einmal zuging. Unvermittelt endet die Straße, kurz hängt ein Fragezeichen über der Stirn, doch tatsächlich geht es hier weiter. Erst ganz zuletzt zeigt sich der Einschlupf in einen dieser guten alten Abstiegswege, die entlang wettergegerbter Eisengeländer durch eine Geländescharte führen. Erst auf langen, dann steiler auf kurzen Stufen geht es schnell tiefer.

Stiege hinab zum Kurpark

Kurpark

Eine weitere Stiege stößt von rechts hinzu, und kurz darauf steht man vor dem winzig kleinen Kurpark, der bei nahezu jedem Besuch sehr stimmungsvoll ist. So auch heute. Rechts steht das mondäne Gebäude des Kurmittelhauses, auf der anderen Seite wie immer im rechten Licht die ebenso mondäne Villa Papenmühle. Die bräuchte für ihre einzigartige Ausstrahlung nicht den spiegelnden Weiher und die wehenden Vorhänge der Trauerweide, doch sind sie nun einmal da und werden wohl jeden mit einer Art von Kamera zum Zücken veranlassen.

Auch das gefällige Gebäude direkt vor dem modernen Klinikbau passt in diese Kategorie, mit großer Terrasse und einem schnieken Park mit Theatermuschel im Hinterhof. Rechts liegt jemand Jüngeres lang ausgestreckt auf der Wiese und zählt das Blau am Himmel, links lümmelt jemand Älteres auf seinem Rollator und beweist damit, dass das geht.

Septemberlicht im Kurpark

Beim Umrunden des Kurparks kommt man von der Brücke am Papenteich zum Fürstensteig. Direkt am Waldrand wird dieser von einem Bächlein begleitet, das hier noch keine 500 Meter alt ist. Eine erste Stiege lockt mit steilen Stufen hinauf, in Richtung Siebenhügelweg. Doch wir wollen das schöne Brunnental, das seit jeher ohne Bach auskommt, zumindest kurz berühren.

Haus Papenmühle hinterm Papenteich

Brunnental

Auch gilt es zu prüfen, ob wir es schaffen, den schönen Talweg zu verlassen, dem man über Stunden folgen könnte – erst vor Rädikow verlässt er an einem Rastplatz den Wald. Kurz gesagt: es klappt. Vorher bleiben wir gegenüber der Kurfürstenquelle noch kurz am Barfußpfad und dem Spielplatz für Erwachsene hängen, freilich ohne uns in eine der wetterfesten Stallagen zu hängen und das Duracell-Häschen zu geben. Es ist schlichtweg zu heiß, wir sind ganz klar zu träge, und verbrannt wird ja heute im Auf und Ab noch genug.

Märkischer Bergwanderpark – Aufstieg zur Kapelle

Nach nur wenigen Metern weisen Schilder nach links, wo auch gleich eine sagenhafte Stiege beginnt. Steile Stufen, von klobigen Bohlen gehalten, führen in immer neuen Windungen in die Höhe, Halt für die rechte Hand bietet bis zuletzt ein extradickes Tau, das unterwegs nach links wechselt.

Kapelle überm Brunnental

Kapelle

Nach der letzten Stufe erreicht man eine einwandige Kapelle, die auch als pittoreske Ruine irgendwo oberhalb von Sanssouci rumstehen könnte. In den Mauersteinen, welche die Aussicht nach Norden rahmen, finden sich unzählige eingeritzte Namen – mal mit eiligem Nagel und ohne Fingerkraft hingekritzelt, mal fast schon professionell gesteinmetzt. Dieser Ort ist ein schöner, direkter Lohn für den knackigen Aufstieg aus dem Brunnental.

Schattiger Höhenweg überm Brunnental

Ein weiterer Lohn ist der anschließende Höhenweg, der ein schönes Stück oberhalb des Tales läuft, ohne dabei viel von der erklommenen Höhe herzugeben. Links stehen seltsamerweise mitten im Wald vereinzelte Menschen herum, was sich kurz darauf durch den Waldfriedhof Eichenhain erklärt. Der wäre ohne die Schilder kaum zu bemerken, markant sind ferner die Pausenbänke mit winzigem Unterstelldach daneben. Ob das wirklich als notdürftiger Regenschutz gedacht ist, sei dahingestellt. Zur Rechten steigt der Hang steil an, der Weg wird nun gediegener.

An der Alten Köhlerei

Alte Köhlerei

Am nächsten Abzweig wagen wir einen kleinen Abstecher zur Alten Köhlerei, wo einen umgehend der herrliche große Spielplatz mit tollen Gerätschaften und hinreißenden Holzfiguren gefangen nimmt. Doch weiter hinten gibt es, was noch willkommener ist, ein Blockhaus mit großer Essenluke, wo rund ums Jahr wohlschmeckende und ansehnliche Energie sowohl für großes Besteck als auch für Kuchengabeln durchgereicht wird, nur montags und dienstags bleibt die Luke dicht. Den Service betreiben die Stephanus-Werkstätten, und so erfolgt die freundliche Bedienung hier keinesfalls von der Stange.

In der Waldgaststätte Alte Köhlerei

Für wärmere Monate gibt es sehr schöne Außenanlagen, dabei neben mehreren gemütlichen Holz-Pavillonen auch einen großen überdachten Bereich in Gestalt eines Schafstalls, der nach zwei Seiten winddicht ist und sogar über einen wuchtigen Kamin verfügt.

Für kältere Zeiten findet sich direkt neben der Küche ein großer Raum, der sich kaum hinter einer gemütlichen Baude im nächstgelegenen Mittelgebirge verstecken muss – groß und rustikal, mit Wagenrad-Kronenleuchtern und auch hier einem angemessen dimensionierten Kamin. Da freut man sich jetzt schon auf einen Besuch Ende November!

Oben in den Wäldern

Wir sind gerade die einzigen Gäste und genießen die Waldesstille in der hohen Lage. Während des Nachtisches füllt es sich dann langsam und liefert im gut vernehmbaren Theken-Schnack gleich noch die Erklärung, warum es heute so leer ist: unten im Tal ist Altstadtfest, seit gestern schon und zum ersten Mal nach dreijähriger Pause. Und das wird so richtig gefeiert, mit Fahrgeschäften, Live-Musik und allerhand anderem Lärm, mit unterschiedlichen Märkten, Theater und zweitaktknatternder Parade der Simson-Freunde als Ouvertüre des Spektakels.

Weg über die Hügel

Schon nach zwei Minuten biegen wir an einer Sechsfachkreuzung rechts ab, dem „Weg über die Berge nach Altranft“ folgend. Der führt durch vielfältigen Wald, ist wunderschön und wogt in der Tat in ständigem, sanften Auf-und-Ab auf der Höhe entlang. Das Septemberlicht gibt im lichten Wald alles, zugleich merken wir auch dank der steten Brise nichts von der Affenhitze, die jenseits der Wipfel stattfindet.

Höhenweg nahe der Juliusecke

Der Weg ist wirklich hinreißend schön, schlägt enge Kurven, quert Senken und passiert Abzweige, die durch Scharten gen Tal locken. Manchmal staunt man, wie steil der Hang nach rechts hin abfällt, dann wieder geht es durch ein Stück ausgeprägten Hohlweges. Die unterhaltsame Partie endet an einem Querweg, dem wir kurz nach rechts folgen und darauf hoffen, dass an der nächsten Ecke ein links abzweigender Pfad noch sichtbar ist.

Am Kammpfad vor dem Abstieg

Das ist er gerade so, doch bereits nach wenigen Schritten zeigt er sich ausgeprägter. Mehr und mehr wird er dann zum Kammpfad, wenn auch der Kamm recht platt ist. Zwischendurch verschwindet die Spur mal kurz im Kraut und auch ganz am Ende ist ein wadenhohes Brombeergestrüpp zu durchdringen, doch wieder nur für ein paar Meter.

Zusammentreffen am Waldrand

Links wird der Waldrand sichtbar, zugleich der Rand der hiesigen Berge, und ein paar Hütten begleiten den Pfad. Dahinter treten wir hinaus aufs freie Feld und erhalten nun endlich den weiten Nordblick zur Neuenhagener Oderinsel, der im Wald schon hier und da durchblitzte. Im nahen Vordergrund sorgen ziegelrote Dächer für stimmige Farbakzente. Das war ein herrliches Stück Weg in dieser ersten Tageshälfte. Was jetzt noch kommt, wird sich dahinter nicht verstecken müssen.

Katen in Altranft

Bald wird der schattige Waldrand gesäumt von einem überreifen Sonnenblumen-Feld. Viele der gelbgekränzten Blüten sind mustergültig, jede dritte hat grad Besuch von einer Hummel, deren sich keine von irgendeinem Paparazzo irritieren lässt. An einzelnen, übermannshohen Stämmen hängen mit Blick zum Boden riesige Blüten, prall voller Körner, doch ohne ein einziges gelbes Blatt. Geschätzte fünf Pfund wiegt die schwerste von ihnen.

Lindenbank an der Kirchwiese, Altranft

Im Spiel von Waldhang, Wegkurve und Feld voller Köpfe ergeben sich immer wieder Rückblicke solcher Art, wie man sie im September sehen möchte. Die Sonne schon tiefer, die nachmittägliche Luft leicht dunstig und die Farbkomposition aus allem einfach nur wonnig und augenschmeichelnd.

Schlossparkmauer und Brücke über den Landgraben

Altranft

Kurz vor dem nächsten Dorf verschwindet einer der Gablungswege im Wald und erreicht bald in einer schönen Hohlgasse die ersten Häuser. Eine sonnige Abendbank für langer Tage müde Knochen steht bereit. Vorn saust mit wiederkehrendem Hornprusten einer der kleinen Züge vorbei, eilig auf dem Weg nach Wriezen.

Schloss Altranft

Der große Parkplatz zum Oderbruchmuseum ist fast leer, naja, Altstadtfest in Bad Freienwalde, oder es ist einfach schon zu spät. Entlang der fürs Oderbruch charakteristischer Katen streben wir dem Spitzhelmchen der Kirche zu und genießen die Steigungsfreiheit dieser Tageshälfte.

Deichweg am Landgraben

Auf dem wiesengrünen Dorfplatz bei der Kirche steht eine betagte Linde mit hoher Krone und schattiger Halbrundbank am Stamm. Doch das nächste Päuschen soll am Wasser sein, also noch weiter. Auch den schönen Schlosspark lassen wir heute da, wo er ist, und schlurfen auf dem urgemütlichen Schleichweg entlang der Parkmauer bis zum Brücklein über den Freienwalde Landgraben. Das Wasser ruht unter lückenloser Entengrütze.

Ebereschenallee auf dem Deich

Die Schafe vom Schlosspark haben heute frei oder sind sehr gut im Verstecken, doch der Blick auf die Rückseite des Schlosses ist selbst ohne sie ein schöner. Jenseits der Landstraße beginnt nun ein anmutiger Deichweg, dem auch der ferne Lärm der nahen Landstraße nicht viel von seinem Reiz nehmen kann. Schattig von kleinen Bäumen bestanden, hinter denen schon bald der Schilfgürtel des Landgrabens sichtbar wird und es teilweise bis hoch zur Wegspur schafft. Das Vernügen ist von längerer Dauer und erfüllt ebendiesen Wunsch.

Freienwalder Landgraben am Stadtrand

Bei der ersten Brücke ergibt sich endlich der erhoffte Platz für die letzte kleine Rast, Schwindelfreie können ganz gut auf dem Geländer hocken. Hier beginnen nun auch die Wochenendgärten, deren jeder einzelne ein Glücksgriff ist von seiner Lage. Apfel- und Birnenbäume hängen ächzend voll, hier und da halten sich auch noch ein paar vollreife Pflaumen.

Deich über den Kleingärten, Bad Freienwalde

Auf den letzten Metern liegen unten am Ufer große Kürbisse und erwecken den Anschein, dass jeder am nächsten Morgen ein bisschen woanders liegen könnte. Irgendwo von ferne lässt sich wieder mal ein Kranichpaar hören, das war lange nicht und macht schon Vorfreude auf die Geräuschkulisse der Gänseschwärme, die abends von ihren Futterplätzen zum Nachtquartier wechseln.

Ufergemüse

Herrliche Ansichten und Lichtspiele ergeben sich und es ist wahrhaft ein rechtes Schwelgen, hier entlangzugehen. Das Wasser selbst ist nur ganz selten mal zu sehen, doch es fehlt nichts. Wenn man den Schritt nur etwas drosselt, lässt sich der Genuss auf eine volle Stunde ausdehnen. Und wenn man den besonderen Bäumen am Rand jeweils etwas Aufmerksamkeit schenkt, bedürfte es nicht mal dieser Drosselung. Durch regelrechte Hohlgassen geht es, später auch entlang einer kurzen Allee von Ebereschen, die gerade voller roter Beeren hängen. So etwas haben wir noch nicht gesehen.

Kurz vor Bad Freienwalde

Bad Freienwalde

Die große Baustelle, die schon seit Längerem für allerhand Einschränkungen sorgt, besteht noch immer. Nach dem Unterqueren einer neuen Brücke ist bald die Ladestraße hinterm Bahnhof erreicht, das Fest tönt fern herüber und man meint schon Popcorn und Langos von den Festbuden zu riechen. Vom Bahnübergang ziehen die Massen gen Markt, wo tüchtig die Post abgeht. Die Blumenampeln am Platz sind so großzügig bemessen, dass sie in all der Buntheit und Ablenkung keinesfalls untergehen.

Altstadtfest Bad Freienwalde

Wir bahnen uns den Weg durch die Menge und freuen uns nach ein paar Denkschleifen darüber, dass man wieder einfach so dicht aneinander vorbeigeht, dass viele Menschen ein Fest besuchen können, dass das einfach so geht. Aufs Verweilen, Schnabulieren und Stöbern an sonen und solchen Ständen haben wir heute keine Lust, dazu ist der Kontrast zum bisherigen Tag irgendwie zu markant. Doch es ist schön, dass das Fest gut besucht ist, wieder stattfinden kann und dass das hübsche Bergstädtchen von buntem Leben erfüllt ist.

Freienwalder Schloss

Ein letzter Anstieg steht noch aus, Bad Freienwalde kann so was ja auch bestens im Stadtgebiet. Also biegen wir an der hübschen Fachwerkkirche, die heute eine Konzerthalle ist, ab und erklimmen vorbei am schönen Hof des Kindergartens der „Gartenkinder“ die Schlosshöhe. In dem hübschen Bau, der wie ein feines Stück Torte dasteht, heiratet heute irgendwer oder feiert sonstwas. Alle die rauskommen oder reingehen, sind in Schale geworfen, ungeachtet der Temperatur respektive Schwitzgefahr. Man kann sich ja extrem langsam bewegen und so Gröberem vorbeugen.

Vorbei am Teehäuschen ist gegenüber schon die erwähnte steile Treppe vom Anfang zu sehen, darüber durchaus eindrucksvoll der ansehnliche Turm auf dem Galgenberg, in seiner Halskrause ein paar Anwärter auf das hiesige Turm-Diplom. Dank der hohen Lage des Schlosses verschwindet mit jedem Schritt hinab ein Dezibel vom Festtreiben, bis unten an der Straße nichts mehr übrig ist.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
von Berlin-Gesundbrunnen mit Regionalbahn, umsteigen in Eberswalde (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 158 nach Bad Freienwalde (ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Bad Freienwalde

Turm-Diplom

Alte Köhlerei

Einkehr: Waldgaststätte Alte Köhlerei, oberhalb von Bad Freienwalde
Gaststätte Kolberg, Altranft
Schloss-Café, Altranft
China-Restaurant Sachsenhof, Altranft
zahlreiche Möglichkeiten im Bad Freienwalder Stadtgebiet

Beerfelde – Pfade im Hang, Tau im Bild und der gelochte Pfad

Nass kam es daher, das Frühjahr, und auch kalt ­ – bis zum ersten Wochenende im Mai. Dann endlich war es soweit, dass man sich trauen konnte, die Heizperiode endgültig für beendet zu erklären oder zumindest so zu tun. Der Natur hat es in mehreren Hinsichten gut getan mit manchem Regen und herausgezögerter Sommerhitze, und so hat sich der Mai von Woche zu Woche zu mehr Üppigkeit entwickelt, im Schlepptau all die kräftigen und aromatischen Düfte, die in schönsten Mischungen zu inhalieren waren.

Doppelallee nach Trebus

Erst wurde es grün und grüner noch, in unzähligen Schattierungen, dann kamen all die Farben hinzu, und so fühlt man sich schon regelrecht angekommen im Sommer. Treue Langzeitbegleiter wie Lärchen, Nachtigallen und Kuckucke sind alle noch zu hören, die Mauersegler und auch die ähnlich konstruierten Schwalben wecken mit ihren ganz verschiedenen Tönen weltweit gültige Sommer-Assoziationen. Die erste Hitzewelle ist geschafft, und so ist man schon ein wenig gewappnet für die nächsten Phasen jenseits der Dreißig-Grad-Marke.

Hangstufen in Trebus

Dennoch ist an jedem neuen Draußentag unklar, ob man sich eherfür Frühling oder Sommer bekleiden sollte. Am besten packt man eine Mischung ein, justiert vor Ort nach und hat eben einzwei Pfund mehr im Rucksack, über die man sich in der zweiten Tageshälfte womöglich wieder freut. Denn so recht berechenbar ist das Wetter noch lange nicht.

Badestelle am Ostufer des Trebuser Sees

Was in diesem Jahr vom Mai in den Juni gerutscht ist, zumindest in vielen Landstrichen Brandenburgs, sind die bunten Kornränder mit der erhofften Farbkombi aus Mohn, Kornblume und etwas Weißem. Das kommt in diesem Jahr verstärkt und gern auch flächig solo in Form großköpfiger Margeriten, die hier und dort ganze Wiesen eindecken. Naja, und dann noch die ganzen anderen Akzente aus dem Blau-Lila-Bereich, die Auge und Blick ganz wunderbar verwöhnen. Die Linden fangen an zu duften, ebenso die Robinien, und darunter mischt sich der mal süße, mal herbe Geruch des Korns, das nass oder trocken auch noch anders riecht.

Lupinenfeld vor Beerfelde

So seltsam die Pandemiezeit war, soweit vergessen und zurückliegend erscheint sie für jene, die nicht oder nur leicht betroffen waren, und so reicht es nur noch für ein verwundertes Kopfschütteln, wenn man am Schaufenster eines leergeräumten Testzentrums vorbeiläuft und sich kurz erinnert, dass es das mal gab und dass es mal sehr relevant war. Zu spüren sind die Nachwehen dieser Zeit schmerzlich für die von den Jahren ohnehin gebeutelte Gastronomie vor allem auf dem Lande, die jetzt wieder richtig loslegen könnte und auch gern würde – doch durch die Personalsituation massiv oder bis zum Stillstand ausgebremst wird und immer wieder Kundschaft wegschicken muss. Man wird sich dauerhaft daran gewöhnen müssen, nach Möglichkeit im Vorfeld anzurufen und zu reservieren.

Dorfteich in Beerfelde

Beerfelde

Beerfelde ist ein schönes Angerdorf mit leicht erhöht gelegener Kirche, zwei schönen Teichen auf dem Anger und dazu passend einer Handvoll Parkpfaden, zwischen denen sich Bänke, baumschattige Wiesen und rundbunte Bienenweiden finden. Auch eine kleine Eisdiele gibt es, einen Dorfladen und einen Friseur, nicht zuletzt am Ortsrand noch ein großzügiges Freizeitgelände mit buchtigem Weiher anbei.

Bunte Weide für Sechsbeinige, auf dem Beerfelder Anger

Die Dorfteiche sind gut gefüllt, was wohl dem regenreichen Frühjahr zu verdanken ist, und die im Böschungsgras eingesunkenen Enten guter Dinge. Auf den kreisrunden Bienenweiden, deren schreitende Umrundung um die dreißig Sekunden in Anspruch nimmt, ist wenig Betrieb. Das erklärt sich durch die vielen Linden am Anger, in denen sich der Schallpegel zahlloser Flügelpaare umso mehr summiert.

Wäldchen hinter Beerfelde

Auch im Klärteich am Freizeitgelände sind ein paar Enten unterwegs, vom Gelände selbst kommt gerade jemand mit einem Handwagen voller Angelruten und sieht stark nach Feierabend aus. Kurz darauf entlässt uns der Weg aufs freie Feld und verschenkt erste Weitsichten. Die Landschaft liegt in leichten Wellen, Felder in verschiedenen Reifestadien leuchten in Grünschattierungen, dazwischen pausieren braune Flächen mit blanker Ackerscholle oder abgeerntete Stoppelfelder.

Doppelweg nach Trebus

Das erste Wäldchen verströmt beim Eintritt einen intensiv würzigen Waldduft, der Aromen von Laub- und Nadelbäumen mit regengesättigter Erde und nassem Bodengrün mischt. Man atmet tief und wünscht sich mehr Lungenvolumen. Am folgenden Waldrand wachsen vereinzelte Kronenkiefern, die meisten noch nicht höher als eine Straßenlaterne. Zwischen den langen Nadeln stecken froschgrüne Kiefernzapfen, die aus der Nähe fast etwas exotisch aussehen und kurz die Frage anreißen, wann man zuletzt einer Ananas zu Leibe gerückt ist.

Mittelhistorisches in Trebus

Einen leicht verwachsenen Weg und ein Feld weiter steht der Raps mannshoch mit knackig-prallgefüllten Trauben – man meint, beim Daraufdrücken würde direkt das goldene Öl herausspritzen. Doch so einfach ist es ja dann doch nicht … Gleich gegenüber gibt es nun den sehnlich erwarteten Kornfeldrand mit reichlich Mohnblumen, die in den letzten Wochen kürzer kamen als erhofft.

Mediterrane Hangstufen am Seeblick

Ein kleines Phänomen ist der schnurgerade Weg zwischen Jänickendorf und Trebus, der klar nach ehemaliger Bahntrasse aussieht, doch wohl keine war. Für Leute auf Drahteseln gibt es ein makelloses Asphaltband, nach Osten hin oft windgeschützt durch verschiedene hohe Büschungen. Ein paar Meter parallel dazu läuft als Alleegasse, später lose begleitet von kräftigen Obstbäumen, großen Rosenbüschen und betagten Holundern eine alte Straße, die immer wieder ihr unversehrtes Pflaster durchscheinen lässt. In Sichtweite von Trebus öffnet sich der Blick.

Waldrand hoch überm See

Zwischen beiden Wegen liegt ein breiter Streifen, wild wiesenbewachsen, auf dem in regelmäßigen Abständen kräftige Stämme abgelegt wurden. Die liegen dort schon länger oder noch viel länger und bieten allerhand Tieren und Organismen ein gutes Zuhause. Ein paar sind schon auf dem Weg zum Mehl, andere noch im selbststützenden Mulm und ein paar lassen noch ein festes und resonantes Klopfen auf Holz zu. Jeder von ihnen taugt als Fotomotiv und adelt das ohnehin bemerkenswerte Spurenpaar.

Badebucht am Trebuser See

Trebus

Trebus ist ein kleines Phänomen – hier und da im Dorf und rund herum hat man das Gefühl, in einem Urlaubsörtchen zu sein, kann sich das rege Treiben zu vergangenen Zeiten gut vorstellen, vielleicht vergleichbar der Atmosphäre im Dörferpaar Alt Zeschdorf/Hohenjesar, das nicht weit von Frankfurt/Oder liegt. Bei Trebus heißt die nahe Stadt Fürstenwalde/Spree. Das Schloss gibt es hier zwar schon lange nicht mehr, Teile seiner Bausubstanz bestehen jedoch in manchem Wohnhaus fort. Auf dem ehemaligen Gutsgelände gab es in der Nachkriegszeit groß angelegte landwirtschaftliche Nutzungen in Formen von Maschinen-Traktoren-Stationen und sachverwandten Einrichtungen.

Buchen an der Südspitze des Sees

Heute ist dort ein Verein untergebracht, der auf reichlich Fläche Fahrzeuge, schwer verrückbare Kunst-im-Stadtraum-Objekte sowie DDR-Gebrauchsgegenstände sammelt, auch eine alte Tankstelle und ein gelber Zeitungskiosk gehören dazu. Ein goldener Lenin, schwer wie ein Mopped, steht gegenüber einem ungoldenen, der noch einiges schwerer sein dürfte.

Dort übrigens, wo einmal hoch über dem See das Schloss stand, wurde nur wenige Jahre nach Kriegsende eines der ersten Kulturhäuser der DDR errichtet, das mit seiner breiten Glasfassade zum See hin als sehr gelungen galt.

Trebuser Graben in voller Breite

Auch das Restaurant, welches heute das Gebäude nutzt, gibt einen besonderen Ort ab, nicht nur des schönen Ausblicks und der erhabenen Lage wegen. Mit dazu bei tragen auch große Geländestufen, deren Flanken kunstvoll aus Flachgestein gemauert wurden und von unten gesehen äußerst mediterran wirken. Ganz oben, gleich neben dem vorderen Biergarten, thront ein Pavillon, der uns nun vor dem angekündigten Regen schützt, der pünktlich um zwei ansetzt. In dieser fürstlichen Lage versorgen wir uns aus dem Rucksack, da im Restaurant ohne Reservierung leider wirklich nichts zu machen ist – die Bude ist rammelvoll und die paar Leute vom freundlichen Personal kommen kaum hinterher. Naja, es ist auch Wochenende und Mittagszeit …

Betonpfad am Trebuser Graben

Besonders ist die Topographie von Ort und See, die man von ihrer Gestalt her eher ins Ruppiner Land packen würde. Nahe der Spree dürfte es sowas wohl nicht noch einmal geben. Der wunderschöne, leicht gewundene Trebuser See versinkt tief in der Landschaft, ruht in einer ausgeprägten Rinne und verhilft vielen Grundstücken im Ort zu einer leicht spektakulären Hanglage, die von den Eignern mittels angelegter Terrassen und steiler Stiegen genussvoll ausgelebt wird. Eine Horde von Radfahrern flüchtet sich zu uns unter den Pavillon, plant wortreich den weiteren Weg bis ins Spreetal und verpackt minutenlang dieselbe Information in immer wieder neuen Sätzen.

Talgrund gen Fürstenwalde

Beim Abstieg über die gediegene Treppe, die am Seeufer endet, fallen die letzten Tropfen, vielleicht ist es auch nur das Nachregnen von den Bäumen. Der Zimtschneckenzucker lässt sich mit einem beherzten Wuscheln durch den nächsten Busch von den Händen waschen und unten können die Schirme dann gleich wieder weggepackt werden, fürs Erste zumindest. Ein kurzes Stück geben wir uns dem urigen und sehr romantischen Uferpfad hin, der nah am Wasser durch den dichten Laubwald buckelt. Rechts erhebt sich steil die Flanke und lädt mit immer wieder neuen Pfaden und Stufen zum Aufsteigen ein.

Badesteg am Ostufer

Auch diese unzähligen Pfade und Querwege sind es, die an den Urlaubsort denken lassen und an eigene Episoden aus der Kindheit, die in ähnlichen Kulissen spielten. Ein Phänomen am Trebuser See sind die vielen Stege und Badestellen, von denen nur die allerwenigsten in der Nähe eines Parkplatzes liegen. Nirgends gibt es Verbotsschilder, und eine Stelle ist schöner als die andere, das Wasser klar, der Boden darunter sympathisch und einladend und der Spiegel des Sees mal blau, mal klar oder auch türkis.

Uferhöhenweg mit dicken Bäumen

Es ist nichts einzuwenden gegen den unteren Weg, doch zum einen wollen wir später am Gegenufer nah am Wasser bleiben, zum anderen verwöhnt auch der obere Weg, der zwischen Waldrand und Kornfeld verläuft, großzügig mit Reizen. Die Kombination aus drohendem Gewitterhimmel und fast platinblondem Korn haben wir so noch nicht gesehen, die Duftschwaden vom blattnassen Hangwald und dem leise säuselnden Korn vermischen sich in immer wieder neuen Varianten. Wo der Wald dem Feldrand Schatten spendet, sind die Ähren saftig grün, jenseits davon dann so leuchtend hell wie beschrieben.

See nach dem letzten Schauer

Der Weg taucht schließlich in den Wald ein, durch das dichte Grün ergibt sich das Gefühl einer Hohlgasse, aus der es an allen Ecken tropft. Die Badestellen locken, doch irgendwie fehlt noch eine Kleinigkeit an Sommer, dem auch nachzugeben. Wie es sich auch am Ostufer fortsetzen wird, verfügen die meisten Reingehstellen über ein romantisierendes Element in Form eines gestürzten, rindenkahlen Baumes mit oder ohne große Bogengeste. Manchmal ist es auch eine kleine Steilkante, ein buchtumschmeichelndes Schilfarrangement oder ein reglos im Bild hängendes Tau mit fettem Knoten. Ein paar Enten steuern gelassen gen Seemitte und zeichnen makellose Pfeile auf den Wasserspiegel.

Uferhöhenweg am Ostufer

Am Südende des Sees folgt der nächste Regenschauer, und wieder steht ein großer Pavillon bereit, mit Bänken, die so breit sind, dass man hier halbwegs bequem ein Mittagsschläfchen machen könnte. Mal abgesehen von den Mücken, die heute trotz drückenden Wetters und reichlich flachem Wasser kaum präsent sind, erstaunlicherweise. Im Schilf der Nordbucht sind viele kräftige Vogeltöne zu hören, aus dem Uferboden wachsen kräftige Stämme von Buchen, die ja bei Gewitter als gute Gesellschaft gelten.

Großer Badestrand an der Nordspitze

Trebuser Graben

Das Rinnsal des Trebuser Grabens, der in zeitweiliger Verbindung zur nahen Spree steht, quert unter einem Steglein den Pfad, der hier kurioserweise in ostzonale Lochplatten gefasst ist. Nach rechts öffnet sich ein weiter Wiesengrund, der unter dem Dunst des frischen Regens dampft.

Kurz danach beginnt nun der östliche Uferweg, welcher ebenso schön ist wie sein Gegenüber. Auch hier gibt es also schöne Badebuchten mit gestaltendem Element, auch hier zahlreiche Stege ohne Verbotsschilder, und auch hier zieht sich mancher Pfad den nicht ganz so steil ausfallenden Hang hinauf, als gäbe es oben am Waldrand irgendwelche Weganbindung. Ein Angler folgt der Spitze seiner Rute, die ihn womöglich zum nächsten guten Fanggrund wünschelt.

Hohlweg am Feldrand

Im Unterschied zum Gegenufer verläuft der Weg bald als reizvoller Höhenpfad, der trotz dichten Blätterkleides immer wieder schöne Blicke auf den See erlaubt. Begleitet wird er von teils kräftigen Baumstämmen, einer von ihnen ist frisch umgestürzt, liegt quer über den Weg und fordert einen ausladenden Schritt über den moosbedeckten Stamm ein. Ein massives Metallgeländer begrenzt eine mit Planken befestigte Stelle, ohne ersichtlichen Grund.

Von einer der Badestellen lässt sich über den Wasserspiegel weit nach Süden schauen, und auch der See liegt jetzt leicht unter Dampf. Gegen Ende sind am jenseitigen Ufer die großen Stufen mit ihren Mauern zu sehen, darüber der Pavillon mit seinem kleinen Findlingsfeld davor. Hatten wir vorhin gar nicht wahrgenommen.

Waldrandweg gen Friedhof

Trebus

Am großen Badestrand steht unweit einiger Wildgänse mit Brillen um die Augen ein Mann im besten Alter, der in einem altmodisch wirkenden Badeanzug dem See entstiegen ist und so aussieht, als wäre er einer Schwarzweiß-Fotografie mit gezackeltem Rand entwichen. Die Abtrockenphase wirkt rituell und durchdacht, der Blick wird dabei nicht vom See gewandt.

Zwischen den Feldern

Jenseits der Straße beginnt der Weg unterhalb einer der erwähnten Bungalow-Siedlungen, deren Grundstücke in mehreren Stufen über den Hang verteilt sind und Blick auf den stillen Wiesengrund des Trebuser Grabens haben, der sich hier und da mittels eines Stegleins überwinden lässt. Die Anlage der Grundstücke sowie die Hütte darauf sind meistenteils schön und besonders, und fast immer gibt es auf jeder Hangstufe einen besonders einladenden Ort zum Sitzen. Ein waldiger Pfad führt halbwegs steil hinauf und endet oben bei den Plattenbauten, die irgendwie zu jedem DDR-Dorf mit landwirtschaftlicher Zentralfunktion gehören.

Fernes Kornfeld

Der Weg durch das Wäldchen am Ortsrand endet wieder in Hohlgassenanmutung und zeichnet nun abermals zwischen dichtem Laubwald und hoch stehendem Korn den Waldrand nach. Hinten braut sich das nächste Gewitter zusammen, dann und wann leise grollend. Am Friedhof kühlen wir uns am Wasserhahn kurz die Hände und retten einige der frisch in den Bottich gefallenen Bienen vom Wasser ins Gras.

Robinen-Pflasterweg

Nach einem Stück Landstraße beginnt rechts ein Fahrweg, der nach und nach wiesiger wird. Die Landschaft ist auch hier leicht gewellt, dadurch sehr anmutig, dazu gesellt sich die Farbenpracht der übersichtlich verteilten Blüten und das Gelb des Rapses vor dunkelblauem Himmel. Im Norden wogen gelbe Kornfelder vor grünen und auf dem Weg zum nächsten Wäldchen reichen manche der Pfützen quer über den Weg. Vorbei an einem Lupinenfeld mit eingestreuter Kamille kommen wir zu einer von früher bekannten Baumgasse aus Robinien. Auch hier sind die Bienen in den Wipfeln klar zu hören.

Kopfweiden vor Beerfelde

Draußen vom Feld steigt ein Raubvogel hoch, auf den ersten Blick sowas wie ein Adler, nach Größe, Körper- und Schwanzform dann doch eher etwas kleineres. Mit einem Mal sind es zwei, dann drei und zuletzt sechs von ihnen, die sich hier wohl eine größere Mahlzeit teilen.

Allee ins Nachbardorf

Auch dieser klassische Verbindungsweg von Dorf zu Dorf ist kopfsteingepflastert, was nur in Gefällepassagen sichtbar wird. Der Robinienschatten mit seinem besonderen Licht ist herrlich, der Boden dicht bedeckt mit Blütenlaub, das der Regen heruntergewaschen hat. Am Ende der Robinien wird der Blick nun offener, den Weg begleiten jetzt vereinzelte Kopfweiden, deren Stammumfang abzumessen es bei manchen die Armspannen einer Großfamilie bräuchte. Auch hier liegen große Pfützen auf dem Weg. Zuletzt stehen noch ein paar betagte Apfelbäume am Rand, gerade nah genug am Dorf, um zur Erntezeit von den Hiesigen besucht zu werden.

Beerfelder Kirche

Beerfelde

Am Rand von Beerfelde steht noch einmal roter Mohn vor der mitteljungen Lindenallee nach Schönfelde und gibt ein schönes Kalenderfoto ab. Im Dorf herrscht einiges Hin und Her, Ankommen und Auspacken, auch am Spielplatz bei der Kirche ist noch gut Bewegung. Beim quattrofunktioalen Salon Landfein hingegen liegen die Scheren und Feilen nun bis Montag still. Doch drüben beim Eiscafé, das noch bis weit nach sechs geöffnet hat, da sind noch einige Augen am Leuchten.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Mo-Fr Regionalbahn bis Fürstenwalde/Spree, dann mit dem Bus; alternativ Mo-Fr Regionalbahn bis Müncheberg, dann mit Bussen (1,5 Std.); am Wochenende keine Verbindungen

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B1 bis Müncheberg, dort rechts Richtung Fürstenwalde/Spree (1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen mehrfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zu Beerfelde

Verein der IFA-Freunde Trebus (historisch-nostalgische Sammlung großer und kleiner Dinge)

Badestelle am Trebuser See

Einkehr: Eiscafé Lewerenz (gegenüber auch der Dorfladen), Beerfelde
Seeblick, Trebus (z. Zt. unbedingt rechtzeitig vorher reservieren)

Wernsdorf – Schlafende Pilze, der alte Arm und ein Gruß aus Sachsen

Es ist kaum zu fassen, wie lange jetzt schon der Frühling mit dem Winter rangelt, letzterer schon ganz quarkblass und entkräftet wirkt, doch wie der längst abgemurkste Unhold in gängigen Filmen immer nochmal aufsteht und aus dem Off angestakst kommt.

Brücklein am Oder-Spree-Kanal
Brücklein am Oder-Spree-Kanal

Der Frühling pariert die Stänkereien souverän, so als würde er mit der einen Hand beiläufig das Florett führen und mit der anderen gleichzeitig eine flache Tasse Tee trinken, mit leicht gehobenen Augenbrauen. Und erficht so manchen einzelnen Tag von großer Schönheit, mit bühnenreifen Himmeln und ergreifenden Lichtstimmungen.

Dennoch bleibt die klamm-graue Jahreszeit dominant, und so wurden schon etliche Male hochflorige Mützen und Handschuhe in den Schrank gestopft und bald darauf kleinlaut wieder herausgefingert. Die Vorfreude aufs nicht mehr Frieren ist schon lange unbändig, langsam schlägt sie nun auf die allgemeine Laune durch, was vielfältig zu beobachten ist.

Dorfblick Neu Zittau über die Spreewiesen

Unbeeindruckt davon sind neben vielem Geblüm auch die allerersten Lerchen, die schon vor Mitte März ihre Botschaft fröhlich in die Luft krakeelten, mit scheinbar grenzenloser Ausdauer. Einen Monat später sind endlich erste grüne Schimmer im Holz von Büschen und Sträuchern wahrzunehmen – wenn man etwas guten Willen mitbringt und die Gewächse gegen das Licht betrachtet. Die Ahornblüten täuschen wie jedes Jahr kronenfüllendes Laub vor und lassen es schon etwas heller werden im wintergebeutelten Herzen. Dank des immer wiederkehrenden Regens leuchtet in manch dunklem Wald der Boden grün vom gesättigten Moosteppich.

Am Bruch nördlicher Wernsdorfer See

Trotzdem – manche Frühlingstouren hätte man schon gehen wollen, die von blühenden Bäumen, Wäldern voller Bodenblüher oder schönen Lichtstimmungen leben und sehnsuchtsvoll erwartet in diese Zeit des Jahres gehören. Doch die einen konnte es nicht geben, weil die Blüten vor lauter Kälte in ihren Knospen blieben, die anderen, weil Licht eindeutig Knauserware war an allen Tagen, wo man hätte ausschwärmen können ins Ländchen, ganz gleich in welche Richtung. Vieles hat sich also aufgeschoben oder wurde aufgehoben, in der Hoffnung, dass der Zeitverzug manches später stattfinden lässt und irgendwann dann Sonne, Wolken und Himmel in ihrer schönsten Mischung ins Spiel kommen. Doch denkste. Daraus wurde auch Mitte April nichts.

In der Heide Paschenfeld

Um trotzdem einen schönen Tag zu haben, waren also besondere Wege und Landschaften gefragt, dazu ein gut Teil Wald, damit Wind und Regen uns nicht schon innerhalb der ersten Stunde durchweichen. Von den östlichen Wäldern rutschte der Finger auf de Karte immer mehr in Richtung Stadtgrenze. Ganz kurz davor kam er schließlich mit kleinem Ruck zum Stillstand, zumal sich gleich noch die Erledigung einer pragmatischen Angelegenheit einbauen ließ.

Schmöckwitzwerder

Wo sich die Wasser von Dahme und Spree so nahe kommen wie selten sonst, liegt die Insel Schmöckwitzwerder zwischen drei Seen und einem Kanal. Nur zwei Straßenbrücken und einen stattlichen Fußgängersteg gibt es, auf denen man die Insel erreichen oder verlassen kann. Dazu viel Wald, herrliche Uferpassagen und ganz im Süden die Siedlung Rauchfangswerder, die selbst fast wie eine eigene Insel wirkt. Die Fähre nach Zeuthen ist leider seit Jahren Geschichte – zumindest die Fährallee erinnert mit ihrem Namen noch an sie. Eine Neuauflage als Linienbetrieb zwischen Schmöckwitz und Königs Wusterhausen wird derzeit konkreter, und man darf gespannt sein, ob Berlin bald eine Fähre mehr statt einer weniger im Fahrplan aufführen darf.

Alte Linde an der Wernsdorfer Kirche

Wernsdorf

Ganz im Nordosten der Insel liegt nach deren Verlassen Wernsdorf. Ein hübsches Dorf entlang einer gekrümmten Dorfstraße, das neben etwas Fischerkietzigkeit mit einem einladenden Dorfplatz sowie ebenso ansehnlichen gelben Dorfkirche aufwarten kann. Ein kleiner Pfad führt dicht an deren Turmseite vorbei und zwingt Passanten zum kurzen Knicks vor den tief gebeugten Ästen einer sagenhaften Linde, deren Krone dank ausgefuchster Prothetik eine größere Fläche überdacht. Ein ehrfürchtig stimmender Anblick von Kraft und Anmut und etwas Ewigkeit.

Liebevolle Erhalts-Maßnahme am Kanal

Die Brücke von Wernsdorf hinüber zum Schmöckwitzerwerder ist so ein Platz, wo man gut einzwei Stunden am Geländer lehnen und einfach nur aufs Wasser und das Geschehen darauf gaffen könnte. Unten am Ufer liegt ein größerer Dampfer vertäut, mit einem halben Dutzend Schirmen auf dem Oberdeck, die nur darauf warten, am ersten sonnigen Tag vom Stiel zum Pilz zu werden. Im Dauerniesel wirken sie etwas verzagt, doch bald wird es soweit sein.

Neue Fußgängerbrücke über den Oder-Spree-Kanal

Auf direktem Weg und im fußweichen Bogen durch den satt getränkten Wald steht man bald am breiten Oder-Spree-Kanal, wo zwischen transportierenden Kähnen flanierende Bötchen noch die Ausnahme sind. Der scharfe Kiel des Patrouillenbootes der Wasserpolizei sorgt am Kanalrand bald für etwas schicke Brandung, sonst liegt das Wasser ruhig zwischen den Ufern.

Voraus liegt unübersehbar die neue Fußgänger- und Radfahrerbrücke, die Ende März erst eingeweiht wurde. Die alte Brücke wirkte ihrerzeit schon gewaltig, jetzt schwebt nur der enttreppte Mittelteil überm Wasser und wirkt neben dem wuchtigen Beton-Bauwerk regelrecht gebrechlich. Die neue Brücke macht es nun für alle mit Rädern unterm Hintern erheblich leichter. Dort an der Tafel mit der Wanderkarte hat jemand liebevoll einen wettergegerbten Wegesammler-Aufkleber wiederbefestigt, etwas in dieser Art haben wir noch nicht gesehen. Herzlichen Dank an die helfende Hand!

Wernsdorfer Schleuse in Wernsdorf

Gleich am Fuß der Brücke beginnt ein Pfad der Sonderklasse, über knapp einen Kilometer. Der wiesige Uferweg brückt bei den letzten Gärtchen über einen verträumten Wasserarm und geht dann in einen Dammpfad über, auf dem man sich bald wie mitten auf dem See fühlen kann. Nach Norden erstreckt sich weit der schilfumkränzte Wernsdorfer See, der nach Norden hin immer urwüchsiger und undurchdringlicher wird, so dass selbst mit dem leichtesten Kajak ein Anlanden problematisch sein kann.

Nördlicher Dammweg am Kanal

Entlang des Kanals reichen die Blicke hier tunnelartig bis zum Seddinsee, einem breiten Bauch der Dahme, dort zur recht eindrucksvollen Wernsdorfer Schleuse mit ihrem mittigen Breitband fallenden Wassers. Gen Süden öffnet sich mit dem Alten Wernsdorfer See ein herrliches Wasserreich mit unegalen Uferlinien, das manche an Skandinavien erinnern wird. Im Hintergrund ist bei der Durchfahrt zum großen Krossinsee nochmal der Dampfer mit seinen wartenden Schirmen zu sehen.

Blick zum jenseitigen Dammufer

In der Mitte des Dammes laden einige Stellen zum Sprung ins Wasser ein, nicht heute, jedoch meistens, und ganz in der Mitte schließt ein hochbeiniges Brücklein die Verbindung, die es am Damm gegenüber nicht gibt, und gestattet besegelten Kajaks die Durchfahrt ohne Masteinholen.

Am Bruch nördlicher Wernsdorfer See

Kurz vor der Schleusenbrücke geht hinter einer Handvoll Häuser ein gemütlicher Weg los, zwischen klatschnassen Wiesenlichtungen, dahinterliegendem Bruchwald und einem ganz anständigen kleinen Höhenrücken, der rechts seine bemooste Flanke steil ansteigen lässt. Überall zeigt sich, dass es in den letzten Wochen immer wieder Regen gab, wie auch heute den ganzen Tag. Der Plan mit dem Wald geht auf, der Regen erwischt uns vor allem oben und die Schirme können ohne Gezerre ihren Job machen.

Flanke der renaturierten Halde

Unerwartet beginnt ein massiver Zaun, hinter dem sich ein überdimensionierter Deich erhebt. Beim Blick auf die Karte entpuppt sich der großflächige Wiesenhang als begraste Deponie. Über fünfzig Jahre wurde hier Berliner Hausmüll aufgetürmt, bis 2005 damit Schluss war und der entstandene Berg nach und nach renaturiert wurde. Einige weit verstreute Zeugen waren bereits auf dem Kanalpfad zu sehen, und auch wenn die Margarinedeckel und Konservendosen mit EVP-Preisen von gewissem historischen Wert sind, ist es doch um so erfreulicher, dass es lokal ein Häuflein Leute gibt, die den ganzen Mist nach und nach aus der Natur sammeln. Auch hier ein herzliches Dankeschön!

Pfad am Fließ der Gosener Hauswiesen

Gosener Hauswiesen

Die grüne, doch sachliche Szenerie währt nur ein paar Minuten. Schon kurz nach dem Abzweig des Rundweges nach Gosen lockt links ein kleiner Pfad, der urig und auch wurzlig zwischen Waldrand und einem kleinen Wasserlauf mit reichlich Schilf verläuft. Links erscheinen die weiten Gosener Hauswiesen wie ein verlandeter See. Hier und da steht eine Insel aus hochgewachsenem Gebüsch, auf den Wiesen steht flächig das Wasser.

Die Wiesen hier sind nur eine kleine Außenstelle der weitläufigen Gosener Hauswiesen, die sich nördlich von Neu Zittau bis hin zur Spree ausdehnen, zum Großteil weglos und daher bei Wasservögeln sehr beliebt. Mit im Spiel sind in den benachbarten Schmöckwitzer Bruchwiesen der geradlinige Gosener Kanal, der schon krummere Gosener Graben und der kleine und äußerst kringlige Große Strom. Mittendrin liegen die Fischerei Kaniswall und das Freilandlabor mit dem gleichen Namen, letzteres ein grüner Lernort mit schönen Außenanlagen.

Ortsmitte Neu Zittau

Neu Zittau

Wir bleiben im südlichen Teil und biegen bald ab in einen schönen Pfad, der direkt im Örtchen Neu Zittau endet, einem ausgewachsenen Straßendorf. Nach einem Bogen durchs Wohnviertel gibt es fast am selben Fleck drei empfehlenswerte Möglichkeiten sich zu stärken. Einen schönen Kirchblick, eine Ampel und ein paar Abbiegungen später landet man auf dem Ablageweg direkt an der Spree, wo ein ufernaher, teils pfadschmaler Weg losgeht. Hier zeigt sich wieder einmal die Schönheit dieses kleinen Flusses, der an so vielen Stellen etwas wild und zugleich sanft wirkt. Und dieser Tage gut Wasser führt, was sich teils auch hier bemerkbar macht.

Spreeufer bei Neu Zittau

An herrlichen Badestellen geht es vorbei und durch kleine Waldstücken, über ein Brücklein und entlang der Wochenendhäuschen am Wurgel, wo hier und da ein Ruderkahn vertäut liegt. Über die Wiesen ergeben sich erste schöne Rückblicke auf die Kulisse von Neu Zittau, die vom Kirchturm bestimmt wird und tatsächlich ein wenig an die Oberlausitz denken lässt, wo man das ursprüngliche Zittau findet. Und wo es auch viele langgezogene Straßendörfer gibt. Selbst den leicht angezwiebelten Kirchturm würde man eher in Sachsen verorten als in Brandenburg, kurz vor Berlin.

Pfad am Altarm der Spree

Bis zur Reitanlage ließe sich diesem herrlichen Weg am Fluss noch treu bleiben, doch das Abbiegen auf Höhe eines abgekoppelten Altarms lohnt sich. Ein zauberhaftes Pfadstück beginnt hier, das sich zwischen struppig-büscheligen Feuchtwiesen und der eigenen Welt des alten Spreebogens hindurchquetscht und manche Verbiegung des Oberkörpers einfordert. Die Pfeiler für den Weidezaun stellen alte Eisenbahnschwellen aus Holz, deren zweite Haupteigenschaft ja die langfristige Wetterfestigkeit ist.

Spreewiesen mit teils bekleideten Pferden

Am Ende übernimmt ein gemütlicher Wiesenweg zwischen saftig grünen Wiesen und Weiden, führt in Kurven vorbei an verschmitzten Pferden, die halbverborgen im Unterholz ausharren und dem Regen die nasse Schulter zeigen. Wuchsfreudige Weidenreihen ziehen geradlinig über die Grasflächen. Bei einem Grundstück, das nur so strotzt vor Phantasie in Anlage, Bau und Ausführung von Garten und Behausungen, wird schließlich der Blick frei und macht nun das sächsische gefärbte Panorama rund – hinter einen Wiesensenke Neu Zittau mit Kirche am sanften Hang. Wir geben uns dem gerne hin..

Runder Wiesengrund in Neu Zittau

Gerade als der Regen dichter wird, liegt am Weg eine verspielte Rasthütte mit akkuratem Wetterschutz von drei Seiten und schönem Blick auf den grünen Grund. Der heiße Tee ist jetzt genau richtig, um für die letzte Stunde der Tour noch bei guter Laune zu bleiben. Der anschließende Weg unterhalb der Gärten hätte diesen Job selbst ohne Tee gut erledigt, es ist nun schon die dritte Zufallsentdeckung extraschöner Pfade an diesem Tag. Mehr und mehr geht der Plan des Tages auf.

Heimat-Museum an der Kirche

Neu Zittau Kirche

Vorbei an der Kirche, die auf einem winzigen Rondelltellerchen und gegenüber des ebenso winzigen Heimatmuseum und weiteren Dorfkaten steht, beginnt nun der Aufstieg in den Höhenzug des Kesselberges, der sich in mehreren Phasen vollzieht und keineswegs belächelt werden sollte. Die erste Höhenstufe ist am Friedhof erklommen und führt direkt hinter dessen Außenmauer entlang. Die ist leicht geneigt, doch noch gerade so, dass man ohne Sorgen ihrer Linie folgt.

Im Forst am Kesselberg

Heidefläche Paschenfeld

Nach diversen Abbiegungen im neonmoosgrünen Wald, weiteren Höhenstufen und einem im Sinne des Wortes liegengebliebenen Radfahrer endet der Wald an einer halboffenen Heide, die sicherlich mal Militärgelände war. Jetzt ist der sandige Boden von Weißmoos, Heidekraut und anspruchslosem Grünzeug bedeckt, Kieferchen versuchen sich am Großwerden und unzählige Wege laufen kreuz und quer. So grau der Tag, so erstaunlich grün ist es hier. Der Radfahrer hockt wieder im Sattel und fährt nun dort, wo er zu Fuß vermutlich schneller wäre.

Kronenkiefer in der Heide Paschenfeld

Einen absoluten Mehrwert schenkt uns der anschwellende Regen des Tages schließlich über Bande. Im ersten Teil der Tour war die Schießbahn des hiesigen Schützenclubs sehr präsent, wenn auch hintergründig, und irgendwann tatsächlich nervend. Seit dem Wiedereintauchen in deren akustischen Einzugsbereich ist jedoch Ruhe im Wald, was der nassen Witterung geschuldet sein könnte – ganz gleich, ob nun die Schützen, die Flinten oder die Projektile nicht so gern nass werden oder schlichtweg die Sicht zwischen Korn und Ziel bei stäubendem Niederschlag zu dürftig ist.

Oberes Hafenbecken vor der Wernsdorfer Schleuse

An einer kurzstämmigen Kiefer mit makellos runder Krone wird dann die Historie anhand von gefassten Schützengräben und dem eingezäunten Areal der Schießanlage greifbarer, was die umgebende Natur mit einem milden Lächeln quittiert und sich überhaupt nicht in ihrem Langzeitvorhaben stören lässt. Dementsprechend weiter verbuscht, überwächst und mit Nadeln bedeckt, was da zu bedecken ist.

Schleuse Wernsdorf

Der ausstehende Abstieg zum Oder-Spree-Kanal ist kurz und erfordert durchaus etwas Federn in den Knien, auch wenn der Waldboden schon gutgehend dämpft. Zwischen Weg und Kanal liegen Pferdeweiden, Gärten und kleine Gehöfte, einige tapfere Obstbäume halten ihre leuchtend weißen Blüten ins fahle Nachmittagslicht und die Pfützen auf dem Weg empfehlen uns manchmal an dessen äußersten Rand.

Alte Dorfstraße in Wernsdorf

Die Bucht vor der Schleuse wird im eleganten Bogen von einer gut befestigten Uferkante aus grobem Schotterbruch eingefasst. Direkt an der Schleuse ruft ein vergehendes Wirtshaus vergangene Zeiten wach, und in Verbindung mit dem Rauschen des Wasserfalls flammt kurz so etwas wie Hafenflair auf. Mit ein wenig Zickzacklauf lässt sich jenseits der Brücke der alten Dorfstraße nachspazieren, die teils noch unbefestigt ist und zuletzt direkt am schönen Dorfplatz endet. Gegenüber zieht das halbe Dorf zum örtlichen Krug, der hell erleuchtet ist, und wird wohl bis weit in die Nacht Tante Hannelores Achtzigsten feiern. Die passende Musik dringt schon gedämpft durch die Fenster und bringt drinnen die ersten beblusten Oberkörper ins Schwingen.








Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit Bahn bis Schönefeld oder Königs Wusterhausen, dann Bus (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): übers normale Straßennetz (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 15 km (Abkürzungen vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Gosener Hauswiesen (PFD)

Informationen zu Neu Zittau

Neubrück: Laute Schirme, leuchtendes Moos und die Spree in Eile

Nach mehreren nassen Tagen ist auch für heute Regen angesagt, und zwar von früh bis spät und dann noch weiter. Das Wetterradar zeigt fast nur drohend dunkles Blau. Kein Tag also, an dem man unbedingt rausgehen möchte.

Wasserwanderrastplatz, Neubrück an der Spree

Die Vorboten des Vorvorfrühlings zeigen sich hingegen zustimmend, nehmen die Durchtränkung des oberen Bodens dankend an und senden in den mildesten Momenten des Tages schon mal duftende Hoffnungsschimmer für alle Wintermüden aus. Ein kleiner Duft von allererstem Wachstum und aufgebrochenem Erdreich, freigelegt durch einen kurzen Sonnenstrahl. Oder die Senke eines winzigen Bachsals, dessen im Tiefen hängende Frischluft kurz aufgewirbelt wird.

Im Walde südlich von Neuhaus

So grau der Tag ist, betont er umso mehr jede Schattierung von Grün. Das gilt schon für die weiten Wiesen zwischen den Waldstücken, im Wald dann noch mehr für das gründunkle Nadelwerk oder von Flechten bedeckte Ästeleien. Die weiten Moosteppiche schließlich sind vom tagelangen Niederschlag aufgeladen und quietschen ihr kräftiges Grün regelrecht heraus, leuchtend und intensiv wie eine Neonreklame. Obendrüber sind immer wieder all die großen Vögel zu hören, welche der Landstrich bietet. Das ist in dieser Ausfertigung eher ungewöhnlich für die Spree – doch zur Oder ist es ja nicht weit. Doch von wo eigentlich?

Die volle Spree unweit des Wehres, Neuhaus

Nördlich von Beeskow kommt die Spree ins ausladende Mäandern, schlägt große Bögen von einem Waldrand zum anderen und sorgt so für weite Wiesen, die als Auwiesen durchgehen sollten. Leicht hügelig ist das Gelände, und so ergibt sich ein liebliches und einladendes Landschaftsbild, wo es an jeder zweiten Wegscheidung schwerfällt, sich für einen der Wege zu entscheiden. Bevor der Fluss von Nord auf West dreht und den Oder-Spree-Kanal ein ganzes Weilchen unterbricht, passiert er Neubrück, später noch Drahendorf, beides hübsche Dörfer.

Aufgemoppelter Saalbau nahe der Schleuse, Neuhaus

Neubrück

Wobei Neubrück schon deutlich Niederlausitz atmet. Die ist zwar noch eine Ecke entfernt, doch manches an diesem Dorf erinnert an verschiedene Stellen dort. Neubrück hat zwei Kerne, deren östlicher Neuhaus heißt. Dort liegt mit der hübschen kleinen Zugbrücke die Schleuse, in deren Süden der Wergensee. Vom Ortsausgang führt ein Sträßchen auf direktem Wege nach Müllrose. Einmal der schnurgeraden Dorfstraße in die Gegenrichtun gefolgt landet man im eigentlichen Ortskern mit der Spreebrücke und dem direkt benachbarten Café. Bushaltestellen haben beide Ortsteile.

Plausch an der Schleuse, Neuhaus

Eine der eigenen Erfahrungen, die an die Niederlausitz denken lassen, sind die ganzen Frühblüher, die es hier Mitte Februar schon zu sehen gibt. Neben den gelben Winterlingen, den weißen Schneeglöckchen und den zumeist violetten Krokussen finden sich sogar schon ein paar allererste Märzenbecher, die von Bauform und Design her so formvollendet und anmutig sind, dass es sie eigentlich in Wirklichkeit gar nicht geben kann. Wer noch nie mit so ein Blümchen auf Augenhöhe war, dem kann ich dieses in die Knie gehen nur empfehlen.

Neuhaus

Die Schleuse liegt still unter dem kaum vernehmbaren Rauschen des Niesels, kein Mensch ist zu sehen und die Vorstellung eines ausgedehnten Plausches übern Gartenzaun gerade noch weit weg. Mit etwas Phantasie kann man sich das kleine, bunte Treiben vorstellen, das Klappern von Paddeln auf Bootsleibern, auch das Grün und die Farben der nahenden Monate.

Kurz hinter der Schleuse steht ein halbwegs eleganter Saalbau, der vor gut zehn Jahren noch eine Baustelle hinter staubigen Scheiben war. Heute sind Fassade und Fenster hergerichtet, der Raum ist durchaus mondän zu nennen. Mit Durchblick in den Garten durch hohe Bogenfenster, über der sparsamen und ausgesuchten Möblierung ein Emporengang, der über elegante Wendelstufen zu erreichen ist. Ein schöner Ort, der hier zum Leben erweckt wurde.

Eilige Spree zwischen Neuhaus und Neubrück

Die Straße Zum Wehr strebt direkt zur Spree, die gleich hinter dem Wergensee fließt und mit diesem das Wasser teilt. Voraus sind Gänse zu hören, die über dem Fluss ihre Bögen ziehen, auch viele Enten sind in kleinen Trupps in der Luft unterwegs. Die Spree führt gut Wasser, rauscht nur wenige Zentimeter unterhalb eines Betonsteges entlang und ist zügig unterwegs, wie sich am besten auf der Flussmitte erkennen lässt. Gelandete Enten finden sich gleich ein paar Meter weiter wieder, ihr mitteilsames Schnattern klingt dementsprechend empört. Gegenüber im zerrupften Winterschilf steht ungerührt ein Seidenreiher im Profil, bleibt unbewegt und erhebt sich eine Minute später ohne Vorwarnung und ohne Anlauf in die Höhe.

Die Spreeufer sehen auf beiden Seiten zerzaust aus, hier und dort setzt sich das Wasser über die eigentliche Uferkante hinweg und tränkt knöcheltief den Rand des buckeligen Weidestreifens, der übersät ist von gewagten Maulwurfshaufen. Ein einzelner Baum mit charismatischer Schieflage betont noch das wilde Erscheinungsbild des Flusses. Der Weg entlang des Weidezauns ist untergepflügt oder derzeit nicht erkennbar, doch etwas weiter im Inneren gibt es noch eine Alternative.

Eiscafé im Februar

Neubrück

So oder so landet man am Rand von Neubrück und kommt bald beim weitläufigen Wasserwander-Rastplatz heraus, der auch gut als Festplatz taugen dürfte. Zwei Pavillons sind passend wie selten und verschieben die erste Pause des Tages etwas nach vorn – so eine Gelegenheit sollte man an diesem nassen Tag nicht verstreichen lassen.

Eiscafé im Mai

Die Wiese der Uferböschung ist der Tummelplatz einer kleinen Horde von Hühnern, die einigen Jux mit ihrem Gockel treiben, neugierig ausbüchsen oder konspirativ die Köpfe zusammenstecken, wenn er gerade den Blick woanders hat. Er versucht die Lage durch planfernes Herumstelzen zu regulieren, doch letztlich bleibt es dabei, dass er sein Mühen hat und die Mädels ihren Spaß.

Deichweg bei Neubdrück

Vom Rastplatz sind es nur ein paar Schritte zur urigen Terrasse des Eiscafés, das es hier schon eine ganze Weile gibt. Die grobhölzerne Stallage vermittelt eine Prise Südstaatencharme. Direkt unterhalb liegt ein kleiner Anleger, ideal für Kajaks und Kanus. Heute trommelt der Regen aufs Terrassendach, doch die kreidebeschriebene Karte hängt verheißungsvoll draußen und ist bereit dafür, dass bei passendem Wetter und Gastaufkommen sofort geöffnet werden könnte. Pfirsicheisbecher – heute noch wenig interessant, doch schon bald ein gängiges Ziel der Begierde. Heute wäre das eher ein heißer Kakao, gern auf der Terrasse.

Wiesengrund des Langgrabens

Von der Brücke bieten sich erhebende Blicke auf die Kurven der Spree und einiger Nebengewässer, deren Flächen ebenso dunkelsilbrig spiegeln. Direkt nach der Brücke lässt sich abbiegen auf einen reizvollen Deichweg. Der umrundet eine weite Wiesenbucht, die einiges vor der Jahrtausendwende auch noch geflutet war. Heute liegt sie als Wiesensenke, die man besser nicht ohne Gummistiefel queren sollte.

Blick in den Wiesengrund des Langgrabens

Wohltuend farbkräftig ist es nach all dem Fahlen und Blassen im nächsten Wald. Fast überall am Boden ist es grün, das meiste davon das erwähnte Moos, welches saftig, farbgesättigt und fast schon aufgeplustert all die kleinen Buckel zwischen den Kiefernstämmen bedeckt. Die wiederum sind kräftig braun, ähnlich die beiden Wegespuren, und alles zusammen ergibt im augenschmeichelnden Kontrast und gemeinsam mit der nadeligen Waldluft etwas ungemein Wohltuendes für die gesammelte Wahrnehmung.

Farbgesättigter Wald vor Raßmanndorf

Ein Wäldchen weiter quert ein Wasserlauf den Weg, schmal und kaum im Fluss, doch durchaus unterwegs, und zwar in Richtung Spree. Schnurgerade über die weite Wiese kommt er, verweilt kurz in einem von Gras-Köpfen besiedelten Tümpel und setzt sich im Wald mit ganz neuem Charakter fort – leicht dramatisch, in kleiner Schlucht und von gestürztem Astwerk verwühlt. So klein das Wässerchen ist, gestaltet es doch die ganze weite Wiese, fast bis hin zur Straße.

Wäldchen mit Weißmooseppich

Raßmannsdorf

Der gerade Waldweg führt vorbei an einer dicht bestandenen Schonung, deren Boden lückenlos von Weißmoos bedeckt ist. Es scheint regelrecht hindurch in all dem Grün und Braun. Kurz hinter dem winzigen Friedhof beginnt Raßmannsdorf, ein beschauliches Straßendorf. Beim Dorfausgang gibt es eine kleine Pension mit hübscher Außenanlage, die laut Aushang offen haben soll.

Wahrhaftig ist auf den zweiten Blick Licht zu sehen, sogar ein junges Pärchen, das im Kaminzimmer sitzt, und nach kurzem Gedankenschluckauf sitzen auch wir dort, warm und trocken. Ist es doch ähnlich erstaunlich, dass an einem solchen Tag jemand sein Café offen hat und an einem solchen Tag auch Spaziergänger des Wegs kommen. Das verdient Respekt in beide Richtungen.

Die regennasse Spree im Februar, Spreebrücke Raßmannsdorf

Auch wenn nichts brennt und knastert, ist es sehr gemütlich jetzt in dem formvollendet möblierten Raum. Der Herr hinterm Tresen ist behende und ebenso elegant wie die stilvolle Einrichtung und sollte hier als Accessoire niemals fehlen. Ergänzt wird er durch eine herzlich brandenburgernde Dame, die eher von hier stammen dürfte als er.

Ein betagter Mops liegt viel lieber auf dem Fußabtreter als auf seiner Decke, fordert von jedem neuen Besucher einen Ausfallschritt und inspiziert dann jeweils hinterm Tresen die Bestände. Das erneute Hinlegen braucht ein paar Sekunden, bis schließlich alles passt und kurz über den kinnstützenden Pfoten die Augen mopstypisch gelangweilt verdreht werden.

Paddler im Frühsommer, Spreebrücke Raßmannsdorf

Von der zweiten Spreebrücke sieht der Fluss gleich noch etwas breiter aus, die Ufer sind von Bäumen bestanden und die Tropfen treffen jetzt dichter auf die Wasseroberfläche. Überall hier gibt es noch Altarme oder Reste davon, die auf der Karte sichtbar machen, wie es mal war oder werden könnte. Weite Auwiesen erstrecken sich, oft beiderseits der Spree, die hier Kraft ihrer Breite ein wenig ruhiger strömt. Der Regen wird nun immer stärker, umso schöner, dass eben etwas Zwischentrocknung möglich war.

Trocken und warm im Café, Raßmannsdorf

Dank der historischen Flusskurven fällt der Blick sogar dann auf Wasser, wenn die Spree weit hinten fließt. Die erste Abkürzoption wird verworfen, nicht zuletzt, da ein herrlicher Deichweg lockt, der leicht oberhalb der Spreewiesen seinen Bogen zieht. Mal geht es durch älteren Wald, dann wieder durch Heidelandschaft, die lose von niedrigen Kronenkiefern durchstreut ist, welche mit ihren tiefsten Ästen den sandigen Boden nadelfrei gefegt haben. Überall wächst struppiges Gras, oft auch Heidekraut, und so lässt sich vor der geistigen Nase gerade gut der Duft anderer Jahreszeiten vorstellen. Bald säumen altgewachsene Kiefern den Weg, zum Teil in bizarrer Gestalt.

Waldheide am Rand der Spreeauen

Vor dem Schwarzberg nutzen wir dann die zweite Abkürzoption, denn der Regen wird nicht weniger, außerdem ist der Weg entlang des weitgehend trockenen Bruchwaldes sehr einladend. Hier und da stehen meterdicke Eichen, dann und wann auch mal eine Gruppe wohlgewachsener Fichten.

Weg zum Schwarzberg

An einer Wegekreuzung kommt von links ein Wiesenweg vom Gipfel des Schwarzberges. Wenig später öffnet sich am nächsten Altarm eine wildwüchsige Wasserwelt voller Erlen, in deren dunklem Gewirr von Braun- und Grautönen ein einzelner Schwan den eindrucksvollsten Lichtpunkt des Tages setzt. Von drei verschiedenen Seiten ist kurz nacheinander ein Specht zu hören, diesmal mit diesem verklingenden Einzelton.

Am Fuß des Schwarzberges

Eine altbekannte Alternative zum geraden Hauptweg ist zugewachsen, doch kurz darauf lockt ein neu entstandener Nadelweg mit breiter Wiesennarbe unwiderstehlich in den flussnahen Wald. Ein kurzes, bezauberndes Stück erschaffen hohe Fichten und ein Paar Wegschlenker den schönsten Märchenwald, das Moos am Boden tut das übrige.

Bald beginnt ein kleiner Deich, der den Wald abgrenzt hin zu einer feuchten und undurchdringlichen Halbinsel, welche ein Paradies für eine Menge von Tieren sein dürfte. Der Blick auf die Karte zeigt, dass sich beiderseits der Spree, gemeinsam mit den Auwiesen und Altarmen und ebendieser Halbinsel am Wergensee, eine große, fast unzugängliche Fläche aufspannt. So erklärt sich zum Ende der Tour die große Zahl und Vielfalt von Wasservögeln am Anfang des Tages.

Stiller Altarm der Spree

Dank Regenklamotten und leichtem Schirm, nicht zuletzt auch dank der trockenen Kaffeepause zur Halbzeit hat die Laune den Tag über kaum gelitten. Im Märchenwald vorhin kam in einer Regenpause sogar kurz ein verhaltener Sonnenstrahl durch bis zum Boden und fachte die Vorfreude auf mehr davon an.

Märchenwald vor Neuhaus

Auf den letzten Metern wird das jetzt rabiat korrigiert, als bei der sandigen Badestelle kurz vor Neuhaus der Wind in Rage gerät und so auf den See haut, dass selbst am Ufer noch das Wasser spritzt. Die Idee vom Tässchen Tee auf der Strandbank ist sofort wieder vom Tisch und auch der Blick über den aufgewühlten See fällt kurz aus, denn die Schirme knattern jetzt bedrohlich. Noch lauter als dieses ganze Spektakel sind nur zwei Gänse, die weit oben über den See ziehen und Lärm für zwölf machen.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
über Fürstenwalde, Müllrose, Jacobsdorf oder Grunow, dann weiter mit Bus (ca. 2,5-3 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Fürstenwalde Ost, dann Landstraße (ca. 1,5-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 13 km (Abkürzungen möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zu Neubrück

Einkehr: Eiscafé an der Spreebrücke, Neubrück
Café Pension Alwine, Raßmannsdorf

Ferch: Bunte Buden, die starke Palme und Prozente in den Treppen

Das neue Jahr schien froh darüber, dass das alte mit den vielen Zweien im Namen nun endlich den Ausgang gefunden hatte, vom Hof und wirklich außer Sichtweite war. Vor lauter Erleichterung kam es mit Frühlingsgefühlen daher – verständlich irgendwie, doch ebenso fehlplatziert. Mild ging es zu und die Amsel sang sich schon früh am Morgen die Seele aus dem Leib – doch eigentlich liegt der Großteil des Winters ja noch voraus.

Treppe zum Ufer am Rand von Ferch

Der liebe schwarze Singvogel, den man mit solch rührenden Melodien für gewöhnlich erst im März hört, kennt das nun schon ein zwei Jahrzehnte, verfügt im Genpool zudem über epochenalte Erfahrung. Nicht zuletzt haben Amseln noch die Tageslänge als Zweitkriterium für die Jahreszeit und fügen sich somit nur dem ganz normalen Wahnsinn evolutionären Geschehens.

Beim Strandbad Ferch

Beim weltweiten Krisengeschehen haben sich die Regler der Wahrnehmung und infolge die Gewichtung im Vergleich zum letzten Januar markant verschoben, auch jetzt scheint irgendeine Form von Aufatmen wieder auszufallen. Vieles Gewohnte ist Geschichte, vom Großen bis ins Kleinste, und manch Ritual im Jahreskreis wird in diesem Jahr Veränderung erfahren oder Ersatz oder Verkleinerung.

Blick auf den Schwielowsee vom Aussichtsturm Wietkikenberg

Die Gewöhnung erfolgte auch in der Hinsicht, dass man sich an ein paar Grad weniger in den Aufenthaltsräumen des Tages besser als gedacht gewöhnt hat, der Griff zum zweiten Pulli oder der Daunenweste schnell verinnerlicht war. Als Nebeneffekt lässt sich beobachten, dass bei denselben paar Grad weniger die Winterhaut in dieser unterkühlten Heizperiode weniger cremende Zuwendung fordert.

Alte Eichen am Abstiegsweg

In der Mitte hat der Januar dann zu seinen altbewährten Qualitäten zurückgefunden, wegen denen er für viele Leute gut verzichtbar wäre – grau, klamm, auch krauchkalt und scheinbar endlos. Auf der anderen Seite lässt sich nun von Tag zu Tag zu beobachten, wie es immer länger hell bleibt, ferner gibt es an lichten Tagen dieses besondere Licht, das nur in den ersten Wochen des Jahres zu sehen ist. Gut dran ist, wer an einem solchen Tage frei hat und ausschwärmen kann, ganz gleich ob durch die Stadt oder raus aufs Land.

Fällt der freie Tag auf einen durchschnittlich blassen Januartag, an dem kein vernünftiger Mensch freiwillig das Haus verlassen würde, kann es nicht schaden, etwas Ablenkung und pittoreske Szenerien ins Spiel zu bringen, vielleicht auch ein klassisches Touristenziel.

Aufstiegspfad vom Strandbad Ferch

Schwielowsee

Eine der weithin bekannten Ausbuchtungen der Havel ist der Schwielowsee südlich von Potsdam, an dessen Ufer brandenburgmäßig gesehen nur Orte der Sonderklasse liegen, die allesamt etwas von Urlaubsort verströmen. Petzow mit dem Schloss, dem schönen Lenné-Park und seiner Lage zwischen zwei Seen, den Sanddornbau und den schnurgeraden Weg zum Fähranleger nicht zu vergessen. Oder Baumgartenbrück mit dem rustikalen Gasthaus, gelegen unterm Uferhang.

Treppe hinab zum Strandbad Ferch

Vor allem aber sind es Caputh und Ferch, die reich sind an bildlustigen Szenerien und Orten, gleichermaßen sind hier Natur und Kultur im Spiel. Das Hübsche, Anmutige zieht sich nicht lückenlos durch die Ortschaften, tritt mal vereinzelt, mal gehäuft auf, doch selten durchgängig. Und macht das Gesamtbild gerade sympathisch, eben weil es lebensecht ist. Erstaunlich sind auch so einige Anstiege, teils mitten im Ort und zumeist über lange Treppen mit Blickeslohn am oberen Ende.

Inspirations-Kanzel, Ferch

Ferch

Während im Fährort Caputh mit seiner langen Uferpromenade dank des schön gelegenen Strandbades auch etwas sympathische Club-Kultur mitwirkt, strahlt Ferch mit dem historisch verbürgten Alleinstellungsmerkmal als Havelländische Malerkolonie – was viel Klang hat. Es ist nicht durch und durch Künstlerort wie Worpswede, Ahrenshoop oder Murnau, das ganz normale Leben überwiegt hier klar. Auch kunstschufen die Maler am Südende des Schwielowsees weniger als Interessenverband denn jeder nach seinen Vorlieben. Wer seiner Neugier freien Lauf lässt und einfach durch den Ort streift, kann an vielen Stellen auf die Sprengsel dieser Zeit treffen, deren Bezüge bis ins heute reichen – noch immer wird hier gemalt und ausgestellt.

Schwielowsee im Januarlicht, Ferch

Wie es so ist mit hübschen Künstler- oder Urlaubsorten, steht ihnen der Sommer am besten, wenn die Üppigkeit der Natur ihren Höchststand erreicht hat. Dann ist von allem reichlich da – Farben, Formen, Wahrnehmungen – und luftig flatternde Kleidchen oder leicht schräg sitzende Strohhüte, die exemplarisch für allen Zierrat der Kleidung stehen sollen, machen einen jeden Menschen zum brauchbaren Beiwerk eines Bildes.

Promenade in Ferch

Kommt man im Jahreskreis gesehen diametral entgegengesetzt im Monat Januar, sieht es grundlegend anders aus. Der Ort liegt im Winterschlaf, nicht leblos, doch ruhend, und die augenfälligsten Farbakzente kommen von Straßenabsperrungen oder Flatterbändern. Der weite Schwielow schiebt seine eisigen Wogen auf den Strand, die Stege sind fast leergeräumt und der störrische Wind treibt sein Spiel mit den Abdeckplanen. Der große Dampferanleger wird gerade für die Saison ertüchtigt und ist bis dahin tabu für jegliche Passanten.

Plankenweg durch die Fercher Wiesen

Die paar Leute, die sich rausgetraut haben, eilen nach vorn gebeugt oder geduckt, sind vornehmlich praktisch und meist im Spektrum zwischen Dunkelbeige, blaugrau und schwarz gekleidet. Und sehen zu, dass sie schnellstens die nächste Gemütlichkeit aufspüren und das verhuschte Tageslicht hinter schützendem Panoramaglas betrachten. Keine Kioske und Eisbuden sind offen, keine weißen Segel auf dem See und kein Getümmel an den Stegen und auf den Promenaden. Keine Oberarme, Unterschenkel oder lackierten Fußnägel nirgends.

Uferweg nach Mittelbusch

Mit etwas Jagdeifer und gutem Willen kann man sich jetzt drängelfrei durch Wege und Gassen treiben lassen und mit jeder Minute mehr und mehr Farbkleckse im Ortsbild aufspüren. Der Ort am Hang lebt in mehreren Etagen, und zwischen den untersten Häusern mit ihren kuschlig verwunschenen Gärten und einigen neuzeitlichen Geldwürfeln mit viel Glas und rechten Winkeln hocken hier und da im Hang kleine, hinreißende Bungalows mit entsprechenden Gärtchen voller Seele.

Stege in Mittelbusch

Bleibt man vor so einer Bude stehen und lässt die Phantasie frei, kann man sich bestens die Malerin in ihrem beklecksten Kittel vorstellen, wie sie früh am Morgen auf dem Bänkchen an der Hauswand schnell noch einen heißen Kaffee schlürft, in Gedanken schon den Pinsel in der Hand, und noch vor der Sichtung des Tassenbodens loslegt, nichts vom besonderen Licht dieser Tageszeit umkommen lässt. Wer umherstreift, findet ungewöhnliche Dachformen oder Häuser, die komplett in wonnigen Farbtönen gestrichen wurden, entdeckt sehenswerten Zierrat in den Fensterkästen oder nordisch anmutende Gassenschluchten hinab zum See.

Gruß aus dem Süden 1, Mittelbusch

Caputh

Wer mit der Bahn anreist, ohnehin in Caputh-Schwielowsee in den Bus umsteigen möchte und reichlich Zeit und Tageslicht im Plan hat, könnte zur Einstimmung einen Zwischenhalt in Caputh einlegen. Direkt vom Bahnhof ist man in ein paar Minuten an der Uferpromenade und geht entweder links zur Aussichtsplattform oder rechts etwas weiter bis zum schönen Kiosk. Nochmal fünf Minuten sind es bis zum Fähranleger, wo man herrlich sitzen und gucken kann.

Waldrücken bei der Alten Dorfstelle

Auch am etwas oberhalb der Fähre gelegenen Café gibt es einen Stehtisch, von dem das Fährgeschehen sichtbar bleibt, an allen übrigen Tischen lassen sich aber auch einfach so schöne Augenblicke verbringen. Die Stunde zwischen Zug und übernächstem Bus kann ausreichen, wenn man das will, auch zwei Stunden ließen sich gut mit genießerischem Müßiggang dieser Art vertrödeln.

Zurück nach Ferch: ließe sich also in den grünen Monaten mit den langen Tagen auch locker ein Tag allein im überschaubaren Ortsgebiet verbringen, indem man sich erst hier hinsetzt und auf den See schaut, dann da die Fischerkirche besucht, sich danach dort hinsetzt zum Leute gucken und später dann dem Japanischen Bonsaigarten oder dem Museum einen Besuch abstattet, würde das im Januar keinen allzu runden Tag abgeben. Auch die Option auf einen Sprung ins Wasser wird dieser Tage nur die Wenigsten reizen.

Quellgrund an der Alten Dorfstelle

Doch die Landschaft rund um das Fischerdorf gibt mit dem See und seinen Uferwegen, den umliegenden Wäldern und einigen steilen Höhen auch einigen Unterhaltungswert her, was zugleich dafür sorgt, dass der Körper regelmäßig auf Betriebstemperatur kommt. Eine erste Möglichkeit bietet gleich gegenüber des Strandbades der Terrassenweg. Am Ende der langen Treppe steht man zwanzig Meter über dem See und hat je nach Jahreszeit mehr oder weniger Aussicht auf seine Süd-Nord-Ausdehnung.

Steilpfad durch die Siedlung Alte Dorfstelle

Unten spielt derweil der Fercher Uferweg, der vom Strandbad entlang zahlreicher Bootsstege zum Dampferanleger und weiter bis zum Ortsrand führt, mit verschiedenen Arten von Ortsbild, wozu maßgeblich der steile Hang, der von Lattenzäunen gesäumte Weg sowie der Uferstreifen beitragen, der sich hier fast als Küstenstreifen empfinden lässt.

Finaler Anstieg zum Wietkikenberg

Der Seeweg endet am feuchten Wald der Fercher Wiesen, die ein paar Rinnsale zum Schwielow entsenden, auch ein größerer Bach aus den südlichen Wäldern nutzt die Wiesen als Transitstrecke. Zum trocken bleibenden Fuß verhilft ein ansehnlicher Plankenweg, der seinen Bogen durch den Bruchwald schlägt.

Mittelbusch

Danach setzt sich der Uferweg unterhalb des ausgeprägten Hanges fort, bald mit ersten Rückblicken zum Dorf. Wer die nördliche Siedlung Mittelbusch abkürzen will, kann gleich am Ende der Planken links dem Wegweiser folgen. Wer hingegen noch Lust auf ein paar Stege, etwas Uferpromenade und ein bayrisch geschminktes Haus hat, schlägt den kleinen Extrabogen.

Aussichtsturm auf dem Wietkikenberg

Neue Scheune

Nach einem Haken um die Siedlung Neue Scheune sind die Schritte im Wald nun lautlos und der Charakter des Geländes kündigt sich im sanften Auf und Ab an. Die Wege werden nach und nach schmaler und erklimmen schließlich kleine Höhen, die hoch genug für schöne Blicke hinab zum Talgrund und der nächsten Waldsiedlung sind.

Rundumblick vom Wietkikenberg

Oben im Wald wiegt der Wind die kahlen Wipfel hin und her, lässt die Stämme vereinzelt zusammenschlagen oder gnietschend aneinander reiben. Keine Geräuschkulisse für die späte Dämmerung, doch die Sonne steht noch hoch, auch wenn man das nur weiß. Das Rauschen da oben lässt an Küstenwald denken.

Alte Dorfstelle

Unten breitet sich ein weites Schilf- und Wiesenland aus. Hier liegt mit diffuser Koordinate der Ursprung des Baches, der vorhin am Rand von Ferch den Bruchwald querte. Der kleine Abstieg von eben war nichts im Vergleich zum unvermittelten Anstieg durch die Gärten, der ab der zweiten Hälfte richtig knackig ist. Ganz schön dann, als es vom höchsten Punkt gänzlich eben weitergeht. Zumindest kurz.

Fichtenwald im Abstieg

Denn schon nach der nächsten kleinen Siedlung und dem Queren der Landstraße beginnt sanft, doch beständig der nächste Anstieg, der nun zunächst die 100er-Marke anpeilt. Durch lichten Wald mit grasigem Boden windet sich der Weg und legt schließlich auf der Zielgeraden noch ein paar Steigungsprozente drauf. Zum Lohn sind die letzten Minuten zum Gipfel fast steigungsfrei und stellen das Objekt der touristischen Begierde direkt in den Blick.

Wietkikenberg

Der niederdeutsch benamste Gipfel stützt die nordischen Empfindungen dieses Tages und ist mit seinen fast 125 Metern Höhe für brandenburgische Relationen schon ein ordentliches Kaliber. Ein einstiger Feuerwachturm wurde vor zehn Jahren von einem Antennenmast abgelöst, um dessen untere Hälfte eine metallene Treppe gewickelt ist. Die überdachte Plattform liegt oberhalb der Baumwipfel und zeigt sich nebenher informativ. Erstaunlich wie immer auf solchen Türmen ist die Weite des Waldmeeres, eindrucksvoll auch die Dimension des Schwielowsees und der benachbarten Havelbecken.

Talscharte kurz vorm Schwielowsee

Zum und vom Gipfel führen eine Menge Wege. Jeder von ihnen wirft in den Minuten während unserer Pause einzwei Leute aus, und so ist es für hiesige Verhältnisse und in Mischung mit dem trüben Wetter fast schon trubelig in der Waldeinsamkeit.

Dank der vielen Möglichkeiten kann man die Höhe fast Luftlinie nach Ferch verlassen, wahlweise auch im weiten Bogen oder im noch viel weiteren Bogen, der einige Reize zu bieten hat. Darunter ein kleiner Abschnitt mit mittelgebirgig anmutendem Fichtenwald, ferner ein kleiner Talgrund auf der Höhe und zuletzt der herrliche Pfad durch eine Geländescharte, die ausgeprägt ist wie ein Bachtal und bedeckt wird von einem lückenlosen Laubteppich. Ein paar Bäume liegen quer vom letzten Sturmwind und halten den Muskelapparat bei Laune.

Gruß aus dem Süden 2 am Strandbad Ferch

Der Tag hatte anfangs ein paar helle Momente, hat sich jedoch von Stunde zu Stunde mehr eingeschmollt und hockt jetzt grau überm See. Auch der Wind hat zugelegt, sorgt für einzelne Schaumkronen auf dem See. Beim Anblick des fahlen Strandes hilft jetzt auch starke Phantasie nicht für die Vorstellung heiteren Badegetümmels mit der Mischung von Sonnencreme und Zigaretten in der Luft oder abgestürzten Eiskugeln auf dem Sandalenfuß. Auch die unverzagte Palme am Strandpavillon kann da nichts ausrichten.

Kurze Gasse im Fischerdorf Ferch

Alles zieht uns jetzt in die gemütlichen vier Wände im Ort gleich unterhalb des Dorfbackofens, die auch in der Sauregurkenzeit die Fahne hoch halten und den Herd bei Hitze. Hunger ist längst da, bei der Kälte und dem vielen Rauf und Runter. Durch Glas schauen wir versonnen aufs unwirtliche Geschehen da auf dem See, während oben auf dem Glasdach kleine Äste herumtanzen und wie Regentropfen klopfen, bis schließlich der echte Regen übernimmt.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Potsdam oder Werder, zuletzt Bus (1,25-1,5 Std.), optional über Caputh (Regionalbahn oder Bus ab Potsdam)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über B1 (via Potsdam) oder über Autobahn (ca. 1-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 11 km (Abkürzungen möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zu Ferch

Aussichtsturm auf dem Wietkikenberg

Havelländische Malerkolonie

Strandbad Ferch

Einkehr: Bootsklause (auch im Winter geöffnet) sowie div. weitere Betriebe in Ferch
Haus am See, Mittelbusch
Wildschweinbäckerei (etwas südlich außerhalb, etwas teurer)

Strausberg: Olle Kamellen, verdeckte Esel und die Libelle auf der Stirn

Irgendwem ist beim virtuos dargebotenen Mischen der Monatskarten wohl der ganze Stapel aus der überforderten Hand geflogen und unkontrolliert flatternd in sieben Ecken geschnibbt – nachdem man im September schon mal wochenlang fürs Frösteln üben konnte, hat der Oktober permanente Wonnebäckchen aufgelegt und dafür gesorgt, dass Freibäder länger geöffnet bleiben und wohlschmeckende Eiskugeln weiterhin hoch im Kurs standen.

An der Nordspitze des Stienitzsees

Dicht anliegende Pellen wie Schals, Handschuhe oder Mützen verschwanden wieder in ihrem Fach, die dicke Jacke, nun schon mal draußen, bekommt noch etwas Aufschub. Trotzdem beginnt jetzt die Zeit, in der man thermomäßig selten sinnvoll bekleidet ist, daher öfter mal friert oder vorübergehend in Hitze gerät. Im Wesentlichen begann das am 1. Oktober und endete am letzten des Monats mit einem kleinen, doch zäsurhaften Temperaturrutsch.

Uferweg bei Hennickendorf

Der November ist nun da. Grau, trüb und schmuddlig ist er noch nicht, beginnt eher als freigiebiger Schöngeist im oktoberschen Sinne mit reichlichen Resten leuchtbunten Laubes und den dazugehörigen Düften und Tönen. Auch die fernreisenden Vogelscharen zeigen sich noch unentschlossen zwischen Bleiben, duldsamem Aussitzen oder die Flatter machen. Entschlossen hingegen ist die schnell hereinbrechende Dunkelheit, und zwar schon vollumfänglich zur Zeit des Fünf-Uhr-Tees.

Auch wenn in diesem Winter jeder frostlose Tage gern gesehen ist, sehnt man sich doch nach trüben, einsamen Weiten in still ruhenden Landschaften, die nur in Erdtönen arrangiert wurden. Dass in den Zeiten früher Abenddämmerung, insbesondere nach der Zeitumstellung draußen weniger Leute unterwegs sind, ist hier ein Fakt, der noch mehr Stille beschert – sowohl fürs Auge als auch fürs Ohr. Wer also die Einsamkeit im Sinne von wenigen Begegnungen mit Artgenossen sucht, hat jetzt beste Bedingungen.

Entlang der Langen Dammwieen

Unteres Annatal

So betrachtet darf man so mutig sein, allseits bekannte Ausflugsziele und Spazier-Reviere aufzusuchen, denn viele Menschen geben in diesen Monaten an freien Tagen ihren oder irgendwelchen anderen vier Wänden klar den Vorzug. Ein berlinnaher Klassiker, den wohl jeder kennt, der hin und wieder ins Umland ausschwärmt, ist das Annatal bei Strausberg. Dessen Reiz, Schönheit und Besonderheit werden sich wohl niemals abspielen, einen vielmehr bei jedem Besuch mit derselben Kraft und Wirkung erwischen. Die Anna heißt mit bürgerlichem Namen Rüdersdorfer Mühlenfließ, Anna an sich oder Annafließ ist eher ein Kosename, freilich ein sehr schöner.

Aufstieg zum Wachtelkamm, Hennickendorf Nord

Die meisten Leute, die für einen Ausflug ins Annatal fahren, meinen vermutlich die Langen Dammwiesen, mit denen der Lauf der kleinen Anna südlich der Regionalbahntrasse dicht verknüppert ist. Für eine wohlige und abwechslungsreiche kleine Runde bietet sich die Umrundung dieser wasserreichen Wiesen an, die landschaftlich an sich und auch an jeder neuen Ecke unerhört schön sind.

Waldweg an der östlichen Flanke der Dammwiesen

Strausberg

Unweit vom Bahnhof Strausberg, dem südlichsten der vier Strausberger S-Bahnhöfe, ist es nicht weit zum Bahnübergang, an dem einer der schönsten Einschlüpfe ins Naturschutzgebiet liegt. Vom Gefühl her sind die Schranken an 34 von 60 Minuten unten, was rechnerisch durchaus hinkommt. Die S-Bahn fährt alle zwanzig Minuten, also für beide Richtungen sechs Züge, dazu kommt noch die Regionalbahn in Richtung Küstrin, macht nochmal zwei Züge pro Stunde. Die Schranke ist großzügige vier Minuten unten, mal acht ergibt 32. Also gar nicht so schlecht geschätzt und dabei noch keine Güter- und sonstigen Züge berücksichtigt. Doch man steht hier ganz gut, es gibt bequeme Geländer, an die man sich lässig zurücklehnen kann. Und meistens irgendwas zu kieken oder notfalls auch zu tratschen, wenn’s mal deutlich länger dauern sollte.

Umso schöner ist der Lohn, wenn man direkt hinter der Schranke abbiegt und sofort in schönste Landschaft eintaucht. Links ist die laubbedeckte Böschung mit ihren Bäumen so hoch, dass sie als Bahndamm umgehend vergessen ist, rechts flankiert der rustikale Lattenzaun einer kleinen Waldweide die blätterbedeckte Pfadspur. Man ist sofort drin, Strausberg, so schön es ist, erstmal vergessen.

Einstieg vom Bahnübergang

Bei der Alten Walkmühle setzt sich gleich das Mühlenfließ in Szene, kommt durch eine gemauerte Halbrundröhre aus dem Dustern herbeigetrödelt, leise plätschernd. Direkt dahinter wartet der erste Anstieg der Tour, kurz und knackig und irgendwie typisch für die Gegend. Ein mittiges Geländer leistet willkommene Hilfe, auf der einen Seite lugen Oberkanten von knüppeligen Holzstufen aus dem goldbraunen Laub, auf der anderen Seite auch. Auf die Weise müssen sich Auf- und Absteigende nicht in die Quere kommen.

Geteilte Stiege hinauf in den Wald

Oben erstreckt sich eine kleine Hochebene, dem Laub nach bedeckt von Buchen und Ahornbäumen – ich gebe zu, ich habe eher auf den Weg als in die Wipfel geschaut, um nicht zu straucheln beim lautstarken Schlurfen durchs knöchelhohe Laub. Bereits hier, mit dem dichten Laubteppich durchaus eine Herausforderung und im geschlossenen Wald eher ungewöhnlich, streicht uns eine schmale, geschmeidige Katze um die Beine, ist unbemerkt im Wald verschwunden und dann doch wieder neben uns, ein Stück des Wegs gemeinsam zu verbringen. Mal links, mal rechts, dann wieder springend durch die Wiese oder mit unsteter Pfote in einer Wiesenpfütze nach ihrem schwarz-weiß gescheckten Spiegelbild fischend. Vielleicht duftet ja was aus unserem Rucksack, denn sie scheint noch unbefrühstückt, die Miez.

Wo man ja im Walde mit all seinen unvergleichlichen Qualitäten oftmals die Stille sucht, ist dieses Laubrascheln jetzt ein wirklich schöner Lärm, den es ja auch nur eine begrenzte Zahl von Wochen zu genießen gibt. Also wird es ausgekostet, pflügen die Schuhe tief und bodennah durch all die trockenharten Blätter in ihren zahllosen Schattierungen zwischen gelb, gold und braun.

Austritt zu den Langen Dammwiesen

Lange Dammwiesen

Der Abstieg zur grasigen Weite der Dammwiesen geschieht fast unbemerkt, doch bald wird der Wald verlassen und der Blick galoppiert sofort los durch die grüne Kulisse, die von zahllosen Landschafts-Accessoires raumteilerisch gestaltet wird. Hier eine Baumgruppe und dort eine Schilfinsel, ein bisschen weiter dann kohlpechrabenschwarze Hornochsen oder in der Ferne auf der anderen Talseite birnenblütenweiße und milchkaffeebraune Pferde. Die einen stehen wuchtig rum, die anderen voller Anmut da.

Blick quer über die Dammwiesen

Ackerbraune Wildschweinarenen gibt es auch noch und undurchdringliche Büschungen, dazwischen ganz für sich stehend ausdrucksvolle Solitärbäume, an deren filigranem Geäst kein einziges Blatt mehr sitzt. Viel zu gucken also, besonders bei dem spätherbstlich flachen Licht dieses Tages, das gekonnt mit der Malerpalette herumwerkelt.

Die Försterin schleicht in ihrem Jeep den Weg entlang und schickt ein diagonales Grinsen raus. Kurz danach kommen uns zweimal ein paar Leute entgegen, die man naturgegeben später ein zweites Mal treffen wird. Aus einer Dreiergruppe stehender Wanderer hält eine Teilnehmerin geduldig ihr mobiles Endgerät hin zum Wipfel einer Kiefer, so ausdauernd und unbeweglich, als wolle sie deren Wachstum filmen.

Der Himmel über Torfhaus

Torfhaus

Kurz nach den Rollbergen, die an etwas Hangflanke zu erkennen sind, endet der Weg in Torfhaus, einer winzigen Siedlung in schönster Lage. Über den Häusern ist der Himmel jetzt strahlend blau und mit blassem Gewölk zart wattiert. Gegenüber setzt sich der bunte Wald fort, der jetzt nach und nach feuchter und durchtränkter wird. Die Katze von vorhin, die gerade eine Runde um die Bushaltestelle gedreht hatte, zeigt sich mal wieder und verschwindet dann länger im Wald.

Edle Badestelle bei Hennickendorf

Stienitzsee

Wie zu erwarten wird es jetzt etwas voller, denn zum einen verläuft hier der abwechslungsreiche Rundweg um den Stienitzsee, zum anderen endet ein illustrer kleiner Zuweg vom nächsten Dorf an der schönen Uferstelle, wo auch heute im November kurz der Gedanke an einen Sprung ins Wasser aufblitzt. Erleichtert darf man sich selbst vom kühnen Vorhaben abwinken, denn ständig kommen neue Leute, lassen einem trockenen Hund zu einem nassen Hund werden oder filmen ausdauernd einen Schwan, der im großen Bogen in die Bucht einläuft.

Plankenweg am Stienitzufer

So in der Hocke verliert die betreffende Dame im nassen Ufersand kurz das Gleichgewicht, versucht das per feschem Knickgelenk gehaltene Gerät vorm Wassern zu retten und sieht sich unversehens auf Augenhöhe mit dem fauchenden Schwan, der erstaunlich schnell an Ort und Stelle war. Trollt sich schnellstens und kommt mit einem klammen Hintern sowie einem unerwarteten Twist im Plot des Gefilmten davon. Der sollte sich später am Cafétisch vor den Freundinnen gut ausschmücken lassen. Stößchen!

Blick von der Strangrabenbrücke zum Stienitzsee

Bald waren alle gucken, die gucken wollten, und so kann die Pause nun tumultfrei genossen werden und wird angemessen ausgedehnt. Voraus die Szenerie ist fast unwirklich schön, wie eins der schönsten Bilder aus einem Tourismus-Prospekt mit hohem Budget. Die kleine Sandbucht eingerahmt von leicht säuselndem Schilf, bis zum jenseitigen Ufer ein makelloses Spiegelbild, dazu der Himmel blauweiß gesteppt und dann noch ein paar rustikale Stubben direkt am Ufer, tiefdurchtränkt und rundgewaschen von den Jahren. Als Rastbank dient ein dickes Stück Baumstamm, gerade lang genug für zwei und notfalls noch zwei Hintern, und schon bald dampft der Tee aus den Tassen, der Crémant der kühlen Stunden unter freiem Himmel.

Uferweg vor Hennickendorf

Allein bleiben wir dann doch nicht, denn eine große rote Libelle findet Interesse an Rucksackriemen, Brotdosen und Tüten, auch an Stirnen und Knierundungen. Holt dann, da reichlich von all dem da ist, noch die ganze Verwandtschaft nach, die flügelknisternd ihre engen Kreise um die Pausengesellschaft ziehen und bei allzu direkter Tuchfühlung für einzelne Gänsehaut-Momente sorgen, ich sage nur Nase oder Handrücken. Von links kommen ausrufende Laute von Enten nach und nach näher, gegenüber lässt sich kurz der Graureiher sehen und weit oben am Himmel senden sechs Gänse lieb gewonnene Töne.

Schill-Finsel im See

Die natürliche Promenade zwischen dem Seeufer und den Bruchwäldern, die das Mühlenfließ, der Stranggraben und die Teufelsquelle geschaffen haben, ist eines dieser besonders pittoresken Stücke Weges, die sich in Brandenburg finden lassen. Naturnah gehalten, zu beiden Seiten vom Element Wasser bestimmt und bei jedem Kopfdreh ein neuer Blickfang, begleitet sie niemals gänzlich gerade das Seeufer und wird zwischendurch immer wieder über Plankenwege und kleine Brücklein geführt.

Dichter Bruchwald des Stranggrabens

An mehreren Stellen wird sichtbar, wie das Wasser aus dem Wald dem See zuströmt, mal klar gebündelt, mal diffus und beim Stranggraben auch direkt unter einem Brücklein. Von diesem lässt sich tief in den Bruchwald schauen oder hinaus auf den See, hindurch zwischen einer kleinen Landnase und einem theatralisch gen Wasser gekrümmten Baumgebilde. Wenig später ankert einen Steinwurf vor dem Ufer eine Schilfinsel, etwa so groß wie ein altmodischer Ausflugsdampfer.

Hennickendorf

Mit der zunehmenden Geradlinigkeit des Weges rücken die Häuser von Hennickendorf ins Bild. Kurz vor dem Sportplatz lockt links ein winziger Pfad hinauf zur Ortshöhe, auf der die kleinen Parkeulen nisten, rechts zur kleinen Kurpromenade am Seeufer, die letztlich stärker zieht. Ein paar Stege und in den See hineinragende Baumkruken sorgen für etwas gemütliche Hafenatmosphäre, die später beim Stichkanal mit den schönstgelegenen Kleingärten skandinavös auf die Spitze getrieben wird.

Landnase nahe der Uferpromenade, Hennickendorf

Gleich am Beginn des kleinen Laufsteges steht gerade eine kurzärmelige Dame mit großem Badelaken, rosiger Haut und trockenen Hochsteckhaaren. Ihr Gesicht sieht mehr als ausgeglichen aus, und auf Nachfrage verrät sie, dass sie gerade eine halbe Stunde in der hübschen Bucht umhergeschwommen ist, so wie jeden Tag des Jahres, und das Wasser wohl um die elf Grad hat.

Der Gipfel mit den Parkeulen will jetzt erklommen sein, was im Wesentlichen über Stufen geschieht. Auf halber Höhe sitzen auf der kleinen Mauer des Zwischendecks mit Aussicht auf die Parkbühne zwei Teenager, wischen unter freiem Himmel gelangweilt auf ihren Touchscreens herum und haben nebenher irgendwas auf dem Einmal-Grill, wobei dem Geruch nach nicht vollends klar ist, ob die Einpackfolie wirklich entfernt wurde.

Aufstieg zur Eulenhöhe, Hennickendorf

Bei den Parkeulen übrigens handelt es sich um Kita-Kinder. Vor zwei Jahren, im ersten Jahr der ungewöhnlichen Bedingungen, als vieles Selbstverständliche nicht selbstverständlich war, hatten viele von ihnen rundliche Steine mit Bildern und guten Wünschen bemalt und in einer langen Reihe vor dem Zaun aufgereiht. Viele davon liegen noch immer dort, die Hälfte ist vom großen Laub bedeckt, bei den meisten haben Regen und Wetter der Jahre die Farbe abgespült und den blanken Stein zurückgelassen. Was ja in seiner Symbolik irgendwie angemessen scheint.

Der Abstieg ist vergleichsweise moderat bzw. kaum zu bemerken und endet unten an der Stelle, wo zwei größere Straßen aufeinandertreffen. Der Bäcker hat noch offen, die Eisdiele am Kreisverkehr noch zu. Hinter der Kirche liegt die gassenartige Bahnhofstraße, deren Name aus heutiger Sicht Rätsel aufgibt. Ein Trupp Bauarbeiter macht mit Hilfe eines kleinen Baggers den Gehweg hübsch, weiter hinten schließt gerade der Laden mit dem schönen Wort „Zweiradfahrzeuge“ im Schaufenster, der neuerdings und nebenher auch die Angelegenheiten der Post schmeißt.

Serpentinenabstieg vom Wachtelkamm, Hennickendorf Nord

Wachtelberg

Der nächste Anstieg liegt voraus. Eine urige Stiege führt vom Wanderparkplatz hinauf zum Kamm der länglichen Höhe mit den besseren Wohnlagen – nach Osten Blick auf den Kleinen Stienitzsee, nach Westen über die Langen Dammwiesen. Am Ende der Stufen zieht es den Blick hoch zum Haupt des Aussichtsturmes, der dank des örtlichen Heimatvereins an manchen Tagen bemannt ist und also bestiegen werden kann. In diesem Jahr lief das bis zum kürzlichen Saisonende nur auf Voranfrage, sicherlich den allgemeinen Umständen geschuldet. Heute also kein Rundumblick vom Wachtelturm, doch das nächste Mal wird es klappen.

Esel gegenüber der Mühle, Hennickendorf Nord

Der Kamm lässt sich über eine schöne alte Stiege verlassen, die in Kehren hinab führt. Die Geländer zeugen davon, dass es diesen Abstieg schon lange gibt. Unterhalb des Hanges ist bald eine Weide erreicht, wo man in der Regel Esel antreffen kann. Auch heute sind sie da, erweisen sich jedoch als Meister der Tarnung. Und werden trotzdem entdeckt, ganz weit hinten zwischen eselfarbenem, trockenem Geäst und Gestämm. Weiter vorn finden sich dann noch zwei etwas dunklere, die das Verstecken drum gar nicht erst versucht haben. Die Rückseiten all der langen Eselsohren sehen unendlich weich aus.

Mühle Lemke

Bei der Mühle wir heute erstmals Glück, erwischen noch die Öffnungszeit und können endlich mal einen Blick in den Hofladen werfen. Erwartet hatte ich einen kleinen Raum mit Verkaufstheke, höchstens so groß wie zwei Buswartehäuschen. Doch in der Mühle haben sie viel Platz, und so gehen nicht nur beim Betreten des ersten Raumes die Augen über, sondern es gibt noch einen und dann noch einen Raum, jeder noch ein bisschen größer.

Im Hofladen der Mühle Lemke

Der erste sieht ein bisschen aus wie ein Museum, alte Bilder hängen über den bunt bestückten Regalen, in denen Honig und Dutzende Sorten Senf und allerhand Aufstriche und Marmeladen stehen, auch Tees, Nudeln und natürlich hochwertige Öle. Große Backofenklappen lassen riesige Röhrschlunde dahinter vermuten, betagte Gerätschaften sorgen für kleine Jauchzer bei Älteren und auch Jüngeren. In der Kühltheke lagern dicht an dicht feine Käses und anderes, draußen vor dem Laden ist frisches Obst zu finden, das keine weite Reise hinter sicht hat. Und große Brote mit tiefer Kruste kann man auch bekommen. Hier dürfte wohl bei jedem Besucher irgendetwas in der Tüte landen.

Tagesbegleiterin im Ruhemodus

An der Kasse ist vor uns an der Reihe eine Dame aus der Gegend und hat gerade umfassend eingekauft, noch einen kleinen regionalen Schwatz angehängt. Schon abdrehend im Schlusswort bemerkt sie, dass man hier auch eine Gans fürs Fest vorbestellen kann, in diesem Jahr ja eine durchaus unwägbare Angelegenheit. Die Nachfrage wird zur Anfrage und dann zum Vorgang, der in mehreren Phasen erblüht und in Sorgfalt ausgeführt wird. Zahlen und Daten wechseln über den Kassentisch, Gewichte und Tage werden vermerkt, Telefon-Nummern erhoben und leserliche Quittungen verfasst. All das trägt in sich ein Stück Romantik oder Nostalgie vergangener Zeiten.

Am Kleinen Stienitzsee

Als wir schließlich nach dem Zahlen wieder draußen stehen, streicht da noch einmal die Katze von vorhin herum, begleitet uns erneut ein Stück. Vielleicht ist es auch eine andere aus demselben Wurf, der schlicht pragmatisch über benachbarte Dörfer verteilt wurde – denn wer kann schon die eine Schwarzweißgescheckte von ihren Miezengeschwistern unterscheiden? Und doch scheint’s vom Verhalten her, als wäre es genau dieselbe, als wären wir uns gut bekannt. Und eigentlich gleicht sie ihr doch sehr, wirkt die Zeichnung an der Schulter fast schon unverwechselbar.

Quellpromenade am Kleinen Stienitzsee

Kleiner Stienitzsee

An der Stirnwand der Mühle dreht sich das große Mühlrad und erweckt den Eindruck, dass es das nicht nur für die Ausflügler tut. Ein schöner Fußweg begleitet das Mühlenfließ bis zu seinem Ursprung, der im bzw. am Kleinen Stienitzsee liegt. Der Weg geht direkt in einen hübschen Promenadenpfad über, mit schönen Blicken über den gar nicht so kleinen, sonnenglänzenden See und weiter vorbei an uralten Kastanien zu einem Plätzchen am Ufer, wo zwei Quellen sprudeln.

Alte Kastanie am Uferweg

Bis vor Kurzem ragte hier nur ein gakeliges olles Rohr aus dem Boden, aus welchem Wasser in eine hölzerne Rinne floss oder manchmal auch nur tröpfelte. Mittlerweile sind die wasserspendenden Rohre mit Holzstubben umkleidet, die Rinnen etwas erweitert. Das kleine Plateau dazwischen wurde schnuckelig zurechtgemacht, mit Findlingen und Bank und dicken Balancier-Palisaden, und wird sicherlich gern und oft von Hiesigen und Dasigen besucht. Der Uferpfad erhielt noch den schönen Namen Quellpromenade. Sie haben diesen schönen Platz verdient, die Quellen am Kleinen Stienitzsee.

Quelldoppel in neuer Fassung

Hinterm Ort wird es nun wieder ruhiger, die Schritte finden zurück ins wohltemperierte Gleichmaß. Während die Augen über die anmutige Weite wandern, schwenkt der Blick hinüber zum anderen Talrand, in etwa zu der Stelle, wo vorhin der leuchtende Wald verlassen wurde. Die Wiese ist saftig grün, hier und da liegen abgebrochene Äste größeren Kalibers auf der Weide, vielleicht zum Schubbern für das Vieh. Das hat sich in Gestalt von Pferden weit in Richtung Talmitte zurückgezogen, wo man sich zwischen Büschen und Schilf gut verstecken kann, und lässt nur hin und wieder das Gegenwindfragment eines Wieherns vernehmen.

Blick zu den Dammwiesen, Hennickendorf Nordrand

Umgekehrt zu vorhin wird jetzt die offene Landschaft in den Wald hinein verlassen, der nun ein paar Nadelbäume im Bestand hat. Obwohl auch hier vor allem Laubbäume stehen, liegt so gut wie kein Laub am Boden, schon gar kein leuchtendes. Das sieht hier eher nach Robinien aus, der Weg liegt völlig frei, jede Querwurzel ist zu erkennen.

Waldpfad oberhalb der Ostflanke der Dammwiesen

Auch diese Pfadpassage am Ostrand des Talgrundes ist eine besonders reizvolle. Der Weg verläuft oberhalb eines Hanges und ist grundsätzlich am Schlängeln. Manchmal sind links kleine Quelltöpfe mit anschließendem Rinnsal erkennbar, die sich unten mit anderen zusammentun und zaghaft Wasserflächen ansammeln. Manchmal wird auch eine der ausgeprägten Talscharten gequert, einmal auch formvollendet mit Geländer, Stufen und kleinem Steg für Zeiten mit fließend Wasser.

Alter Bahndamm der Herzfelde-Strausberger Eisenbahn

Nach dem Erreichen des Radweges locken zweimal Abzweige zu Verlängerungen des Tages, doch diesem ist heute nichts mehr hinzuzufügen. Also geben wir uns dem weiten Linksbogen des Weges hin, dessen gleichmäßiger Radius samt anschließendem Damm nahelegt, dass hier mal Bahngleise lagen. Der Damm verläuft weit über dem Tal, unten ist glitzernd der bewegte Lauf eines zufließenden Bächleins zu sehen.

Dünenhang zwischen den Bahntrassen

Dicht am Bahndamm verläuft bald der Weg, der erst zum Pfad wird, dann breiter werdend hinter einer Dünenböschung verschwindet und zuletzt wieder den bunten Wald vom Anfang erreicht. Eine vierköpfige Familie in pastellfarbenen Anoraks pflügt im genießerischen Schlendergang durchs raschelnde Laub und plauscht dabei in einer der slawischen Sprachen. Nachdem wir sie erst überholt haben, nutzen wir dann gemeinsam die Stiege mit dem Mittelgeländer, die im Abstieg völlig anders aussieht als vorhin.

Nach der Verschnaufpause am Bahnübergang gibt es den Anfangsweg nun in umgekehrter Richtung, und so entdecken wir an einem Zaun ein gemaltes Fahrrad. So ein schönes altes mit Stahlfelgen und geschwungenem Lenker, großer Lampe und einem passenden roten Accessoire anbei. So eins, was sich erdverbundene Kunstschaffende aus dem vorangegangenen Jahrhundert gern unter den Hintern klemmen, um im gemächlichen Tritt immer wieder die wohltuende Reduziertheit auf das Wesentliche zu genießen. Ein paar Schritte später überqueren wir das Gleis der Strausberger Straßenbahn.

Annafließ in eigener Röhre

Schön wäre es natürlich zur Abrundung gewesen, wenn noch eine der Überlandstraßenbahnen ihr breites Bett entlanggerumpelt wäre, doch die ist wohl gerade durch und wird sich darum einfach vorgestellt. Nachdem das Rumpeln in der Phantasie verklungen ist, raschelt es im kleinen Wäldchen gegenüber ein paar Mal nacheinander und irgendwas in Schwarz und Weiß huscht weg. Es ist vermutlich höchste Zeit, nun etwas Richtiges zu essen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
S-Bahn oder Regionalbahn von Ostkreuz/Lichtenberg (ca. 30 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B1 nach Osten, dann hinter dem Autobahn-Ring links nach Strausberg (0,75-1 Std.)

Länge der Tour: ca. 12 km (Abkürzungen möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zum Naturschutzgebiet

Hofladen der Mühle in Hennickendorf

Strausberg-Herzfelder Eisenbahn

Einkehr: div. Imbiss-Optionen am S-Bhf. Strausberg
Hennigs Backstube (kleines Imbiss-Angebot), Hennickendorf
Hofladen Mühle Lemke mit kleinem Imbissangebot

Kablow: Herbstsummen, Uferbänke und die korblosen Sucher

Die zweiunddreißig Grad von vor einem Monat sind scheinbar ewig her. Nach einem abrupten Temperatursturz in jenen Tagen hat sich der späte Sommer bei etwas unter zwanzig Grad eingependelt, ganz zuletzt dann allen Leuten regelrecht kühles Herbstwetter um die sonnenverwöhnten Ohren gehauen. Ein milder Altweibersommer blieb aus, wird möglicherweise für den Oktober aufgehoben. Davon abgesehen sind schon große Formationen von Gänsen in den ersten Zügen, wissen mehr als wir und üben mit dem üblichen Krakeel für den Stichtag.

Anger im Dorf, Kablow

Doch das Licht stimmt schon, auch die Düfte und die Farben, und so ist es ausreichend bekleidet ein wahres Vergnügen für die Sinne, draußen herumzustreifen. Den September als solchen gab es dieses Jahr vom ersten Tage an, und so wurde mancher Spätsommertag unter leisem Bibbern verbracht, da man moralisch noch nicht recht bereit ist, die gefütterte Jacke aus dem Schrank zu bergen.

An der Seetaille zwischen Kablow und Zernsdorf

Das sieht hingegen jeder ein bisschen anders, und so laufen Leute im T-Shirt neben solchen in dieser Art von Daunenjacke, die das Volumen des Trägers scheinbar verdoppelt, zumindest oberhalb der Oberschenkel. An den Füßen hört man knirschend warme Stiefel neben luftig flappenden Badelatschen, Köpfe bleiben gänzlich unverpackt oder in ohreneinschließende Mützen gehüllt.

Uferweg am Zernsdorfer Lankensee

Weil es so normal ist, vergisst man als Berliner und auch als Brandenburger immer mal wieder, was für spektakuläre Wasserlandschaften es nicht nur im Stadtgebiet, sondern auch etwas außerhalb gibt. So zum Beispiel das herrliche Seen- und Flussgewirr, das die Dahme hinter Königs Wusterhausen bis hin nach Prieros spektakelt und das gewissermaßen die Seen rund um Storkow und Groß Köris mit einschließt. Viele alte Klassiker für spazierende Ausflügler gibt es hier, doch auch manche Ecke, die beständig übersehen wird.

Rastbank am Seeufer, Zernsdorf Nord

Kablow

Kablow ist ein Dorf, das wie sein Kirchanger etwas abseits der üblichen Routen und Straßenverbindungen liegt und wohin einen eher ein schöner Zufall führt. Wenn man zum Beispiel mit der Bahn nach Storkow fährt, was in den vergangenen Monaten sicherlich mehr Leute als üblich getan haben, bleibt diese eine Stelle hängen, wo das Züglein auf einem schmalen Damm zwischen zwei Seen hindurcheilt und sich kurz ein Gefühl von Skandinavien einstellt – zu beiden Seiten Wasser mit bewaldeten Ufern und ausgeprägten Buchten, kleine Häuschen am Wasser und gemächlicher Freizeit-Bootsverkehr.

An der nördlichen Seespitze in Kablow Ziegelei

Der Abstecher zur Kirche dauert keine fünf Minuten und ist durchaus zu empfehlen, denn er verläuft entlang einer urigen Lindenreihe bis zum Anger mit seinen gemütlichen Häusern und der Kirche mit den gut erhaltenen Stufengiebeln. Weiter braucht man nicht zu gehen, denn einen Wasserzugang wird man hier nicht finden. Das macht jedoch nichts, denn eine der schönsten Uferstellen weit und breit ist nur eine Viertelstunde entfernt.

Auf der Fontanestraße kann man sich ruhig dem Krüpelsee-Rundweg anvertrauen, der hier auch das Wohnviertel mitnimmt. Das ist zum größten Teil altgewachsen, sodass es schöne Häuser zu sehen gibt, deren Grundstücke zudem immer wieder den Blick aufs Wasser gestatten. Schon an der ersten Kreuzung geht es links zum erwähnten Uferplatz, wo es einen kleinen Strand gibt, vor allem aber einen langen Steg mit großzügiger Eckbank am Ende.

Kablower Dorfanger bei der Kirche

Und das ist so ein Ort, wo man bei mildem Wind gut und gern ein paar Stunden rumsitzen könnte, neben sich vielleicht ein schönes Buch, das möglicherweise erst abends im heimischen Sessel aufgeschlagen wird. Ein ziellos gondelnder Schwan sucht den Augenkontakt und sorgt so für etwas beiläufiges Leben, während weiter hinten die frisch ausgeliehenen Hausboote eine Synchronisation mit der virtuellen Linie der Fahrrinne suchen. Da der Posten hinterm Steuer jeglichen Führerschein besetzt werden darf, geschieht dieser Vorgang sehr gemächlich, wirkt beruhigend auf äußere Betrachter.

Im Dorf, Kablow

Dazwischen saust hier und da ein gepflegtes Holzboot alter Schule vorbei und lässt hinter sich kleine Serien unverbundener Auspuff-Wölkchen, wie man sie eher im gezeichneten Cartoon erwarten würde. Trotz eines halben Kilometers Entfernung glänzt der gewienerte Bootslack bis hier und lässt eine salopp übergeworfene Frackweste hinterm messingverzierten Steuerrad vermuten.

Badestelle in Kablow

Der Wind ist gerade woanders, und so dringt mit einem Mal gänzlich ungedämmt die Summe aller Kehlen einer ganzen Gänsereihe an unsere Ohren. Beim Blick nach oben wird klar, dass noch kein Flug in den Süden ansteht, denn es herrscht eher noch Durcheinander a la Krähenschwarm. So ist wohl noch manche Übungseinheit nötig, bis das mit der Formation der Gänse-Eins funktioniert. Denn das muss es, wenn möglichst viele heil ankommen sollen.

Steg in den Krüpelsee, Kablow

Wiegesagt, der ganze Bogen durchs Wohngebiet lohnt. An seinem Ende beginnt dann jener Damm, der Kablow mit Zernsdorf verbindet und der gerade breit genug ist für die Bahntrasse, eine Straße und den Bürgersteig. Erstaunlich, dass das eigentliche Dammstück wirklich nur gut zweihundert Meter lang ist, dem Erinnern nach war das viel länger. Von der Brücke über die Verbindung zwischen Kröpelsee und Zernsdorfer Lankensee lässt sich ein Blick hinab ins klare Wasser werfen, auch hinüber zu den kleinen Bootsstegen in der Bucht. Nach Südenwesten reicht der Blick übers Wasser mehrere Kilometer weit, nach Norden hin lässt sich dieselbe Länge der krummen Uferlinie wegen nur erahnen.

Blick auf den Krüpelsee vom Damm

Zernsdorf

Von der Brücke bis zum Einstieg in den Uferweg bedarf es eines kleinen Hakens über den Bahnübergang und den zuletzt stark eingeschnittenen Einsiedelweg mit seiner markanten Kronenkiefer, doch dann geht es sofort in die Vollen, bis zuletzt unerwartet. Das urige Ufer ist üppig begrünt von der Uferkante bis in die hohen Wipfel. Viele Stämme haben ihren dunklen Rindenteint unter dichtem Efeu verborgen, der speziell in dieser Zeit auch deutlich zu hören ist – unzählige Bienen fliegen zwischen den grüngelben Blüten umher, die im späten September ihre Hochzeit haben und perfekt eine potentielle Versorgungslücke füllen, und summieren ihr Brummen zu einem sanften, hintergründigen Klangteppich.

Pflasterweg hinab zum See, Zernsdorf

Überall gibt es Stege, schöne Uferstellen mit Bänken für Pausenlustige und farbkräftig getünchte Uferlauben, liegen kleine Ruder- und Segelboote. Durch den fjordkrummen Seeverlauf ist voraus immer ein gutes Stück der Uferlinie zu sehen, wo sich auch schon der bunte Fortschritt in den frühherbstlichen Baumwipfeln sehen lässt – das Spektrum geht bereits jetzt erstaunlich in die Breite und zeigt zwischen dem noch vorherrschenden Grün schon viel Gelb, Rot und Orangebraun.

Uferweg am Zernsdorfer Lankensee

Ein Stichkanal führt zu einem verschwiegenen Pfuhl mit Insel, wo jetzt die Mücke erfreulicherweise keine Rolle mehr spielt. Mal verläuft der Weg durch einen dichten Waldstreifen, dann wieder licht zwischen Kiefernstämmen hindurch. Manchmal steigt der Hang steil an und wird von unverschämt schön gelegenen Häusern gekrönt, mal fällt die Böschung eher sanft aus und erinnert lose an ein Stück Kurpark. An jedem zweiten Steg ist jemand bei der Arbeit, Boot leerschöpfen oder für den Winter ausräumen, fegen oder schleifen, eine rauchen, auf der Bank von rechts nach links rücken oder auch eine Flasche öffnen und folgerichtig handeln. Alles schön analog, alles ohne künstliche Eile, alles ohne angestrengtes Stirnrunzeln.

Schöner Pausenplatz

Am Badestrand schwenkt der Weg nun weg vom Seeufer, und bei den folgenden Metern merkt man, wie weit unten doch der See liegt. Passenderweise heißt das Stückchen Ufer hier auch Spitzer Berg. Nach einem Stück Friedrich-Engels-Straße ermöglicht ein wiederum steil abfallender Fußweg die Rückkehr zum unterbrochenen Uferweg, der kurz darauf das Gelände des Campingplatzes durchquert, was für Fußgänger dank einer und noch einer Zaunlücke dauerhaft möglich ist.

Kiefernstelle am Uferweg

Campingplatz am Lankensee

Nach dem Umschiffen einer unverrückbaren Gruppe palavernder Herren um die vierzig samt zweier Damen im besten Alter ist schon der große Strand in Sicht, an dessen großzügig mit Sand bedecktem Hang ein draller Bengel mitten im tiefen Sand den Kopfstand probt, was irgendwie eine eigenartige Idee ist. So gesehen auch wieder nicht, da das zwingend zu erwartende wiederholte Umplumpsen im tiefen Sand kaum schmerzhaft ist. Andererseits wird es wohl noch Tage später in der Scheitellinie und um die Augenbrauen knirschen, das muss man auch wollen. Nach dem aktuellen Umfallen rollt er sich zurecht, rappelt sich auf und blinzelt uns freundlich an, quittiert das respektvolle Mikronicken mit einer Gesichtsmimik, die in etwa „aba janz jenau“ ausdrückt.

Blick über den Zernsdorfer Lankensee

Der Sand ist so tief, dass man mit mehr Aufwand vom Fleck kommt als am Ostseestrand. Weiter hinten gibt es eine ähnliche Gruppe palavernder Herren, nur älter und im Sitzen, dafür weniger näselnd und mit fest sitzender, wenn auch nicht lauterer Stimme. So über die Schulter beobachtet steuern wir souverän die erhoffte zweite Zaunlücke an und sind froh, als sie auch da ist und uns gewähren lässt. Bei all dem Tumult haben wir ganz vergessen, mal danach zu fragen, ob oben vielleicht der Imbiss offen hat.

An der Nordspitze des Sees in Kablow Ziegelei

Nach einem Stück Wald, das besonders tief zu sein scheint, endet die schöne und äußerst vielgestaltige Uferpassage an der nächsten Siedlungsstraße, wo stellenweise sichtbares Wasser zu beiden Seiten liegt. Die äußerste Nordspitze des Sees hat etwas sehr kuschliges und bietet neben der Buswendeschleife noch zwei schöne Rastbänke, die auch gut für Blei im Hintern sorgen können.

Herbstlicher Weg nach Dannenreich

Ein breiterer Bachlauf setzt sich von hier zum Uckleysee fort, der im Grunde eine absolute Sackgasse ist, doch über winzige Wasserläufe mit den Dahmeseen am Schmöckwitzer Werder in nasser Verbindung steht. Die kuschlige Bucht liegt voller Boote, von denen keines auch nur im Ansatz einem anderen gleicht. Im Schilf gegenüber raschelt es in unregelmäßigen Abständen und klingt am ehesten nach einer im Trüben fischenden Katze, die entweder ihr Vorhaben bald abbrechen oder unter kläglichen Lauten ins Wasser fallen wird. Das Geräusch bleibt aus, dafür plappt es oben von der Straße, denn die Wendeschleife ist so eng bemessen, dass der Bus beim Drehen irgendwas mitgenommen hat.

Zarte Farbkontrast im Walde

Kablow-Ziegelei

Jenseits der Brücke erinnert das Dorfbild hier und dort daran, dass es nicht mehr ganz so weit zum Spreewald ist. Der Ortsteil hier heißt Kablow Ziegelei und passend zum Eindruck von eben gibt es dafür auch den sorbischen Namen Kobłow-Cyglownja. Wer auf die Suche geht und nicht gleich aufgibt, wird hier und da noch Spuren der Ziegelei-Wirtschaft finden, die vor knapp dreihundert Jahren ihren Anfang nahm.

Fingerzeig zum späteren Herbst

Am östlichen Rand des Dorfes beginnt nun eine ausgedehnte Passage durch den Wald, der in Ausstattung, Dichte und Höhe immer wieder wechselt und dabei ungeheuer beruhigend wirkt. Auch hier sind die bunten Farben schon präsenter. Am Wegesrand ergeben sich spätsommerliche Bilder wie ein kleines Feld noch unzerzauster Goldrute vor grün belaubtem, jungen Birkenwald oder hochherbstliche wie das fast schon neonrote Laub des wilden Weines, welches sich auf dem liegenden Stamm eines kräftigen Baumes inszeniert und dabei klaffende Rindenschollen und bauchige Baumpilze einbezieht. Der Weg ist nie ganz gerade und überrascht daher immer wieder mit dem nächstfolgenden unspektakulären Bühnenbild.

Kegelbahn auf dem Dorfplatz, Dannenreich

Jenseits der Landstraße wird es kurzzeitig voll, da nach den Regenfällen der letzten Woche die schon lange vertrösteten Pilzsammler ihr Glück versuchen, viele von ihnen ohne Korb und demnach knapp an Zuversicht. Boviste haben wir gesehen, so groß wie im Pilzbuch und auch von Kohlkopfgröße, und außerhalb des Waldes immer wieder Schirmpilze von der Größe einer Bratpfanne. Ansonsten diese rötlichen, die bei Laien eher wenig Vertrauen erwecken.

Dannenreich

Ein Schwenk führt zurück zur Landstraße und hinein nach Dannenreich. An der Hauptkreuzung steht ein großzügiger Pavillon mit verschiedenen Karten und Informationen zur Umgebung, und hier finde ich tatsächlich eine Information, die für eine fragliche Stelle später hilfreich ist. Ein Schild verweist auf den örtlichen Krug mit dem schönen Namen Zur Friedenseiche. Den gibt es und er sieht sehr einladend aus, doch leider hat er regulär nur freitags und sonntags am Nachmittag geöffnet, jetzt also nicht. Schade.

Unweit des Skabyer Torfgrabens

Unabhängig von den Öffnungszeiten lässt sich gleich gegenüber ein seltenes Phänomen bewundern. Auf dem schönen Dorfplatz mit seinen Spielgeräten und Bänken, Tummelwiesen und auch einem Denkmal für die Kriegsgefallenen gibt es eine überdachte Kegelbahn mit allem, was dazugehört. Die Kugel rollt auf einer wetterfesten Gummibahn, was Kegelprofis für Gelegenheitskegler ein wenig mehr zu Gegnern auf Augenhöhe macht, und auch die Rücklaufschiene für die Kugeln ist aus robustem Metall, das allen Wassern trotzen kann. Eskortiert und scheinbar auch stabilisiert wird die Überdachung der Bahn von kräftigen Eichen. Ein abgefahrenes Gebilde!

Direkt am Skabyer Torfgraben

Hinterm Dorf ist die Landschaft nun offen, der Blick kann weit schweifen über saftige Wiesen und Weiden, die von diversen Wasserläufen durchzogen werden. Bevor der Weg zum Hof Dudel schwenkt, geht es rechts in einen krautigen Fahrweg entlang eines feuchten Streifens, für den der Skabyer Torfgraben mitverantwortlich ist. Der kommt vom Rittergut Schloss Skaby her, das mitten im Wald unweit der Swatzke- und Skabyberge gelegen ist. Ist mir noch nie untergekommen, ist aber auch nicht ausgedacht oder von irgendeinem Märchenbuch abgeschrieben. Das Schloss hat von Friedrich dem Großen bis zur NVA eine äußerst wechselvolle Nutzungshistorie hinter sich und steht seit gut dreißig Jahren nur so im Wald herum – bis es kurz vor dem Auseinanderfallen hoffentlich jemand wachküsst.

Gemütlicher Weg in Richtung Friedersdorf

Der breite Wasserlauf ist vollständig von glänzender Entengrütze bedeckt, die trotz bedeckten Himmels fast ein leuchtendes Band zwischen den Ufern erzeugt. Bald beginnt ein wunderschöner Alleeweg, der jetzt eine Stunde so weitergehen könnte. Die Ränder sind lose von Bäumen und Buschwerk verschiedener Höhe bestanden, auch vom blassem Holz abgestürzter Äste. Im Unterholz gedeihen zwischen hohen Gräsern prächtige Exemplare von Schirmpilzen, wie vorhin erwähnt in den Größen üblicher Teller für die gängigen Mahlzeiten des Tages.

Charakterköpfe am Wegesrand

Hauptmahlzeiten und gleichzeitig Vorratshaltung für längere Zeiträume finden auch die Mistkäfer in den großen platten Fladen, die der Regen aus Haufen von Pferdeäpfeln modelliert hat. Die glanzlackierten Krabbler stapfen fein kontrastierend in dem heubraunen Gestrüpp herum, wühlen sich hinein oder ruhen einfach einen Augenblick in diesem weichen, warmen Diwan. Einer fühlt sich beobachtet, spannt zögerfrei das metallicblaue Tragwerk auf und schwirrt ab.

Späte Erika

Etwas später steht endlich auch das erhoffte Heidekraut am Wegesrand, nicht viel, doch in schönster Blüte, denn schließlich ist ja noch September. Danach folgt das Wegestück mit dem großen Fragezeichen, welches sich netterweise in Wohlgefallen auflöst – der ungewisse Weg setzt sich als Pfad entlang der Bahnstrecke fort, der zum Überspringen zu breite Torfgraben kann per Bahnbrücke überquert werden und kurz darauf diese selbst per Bahnübergang. So dürfte es ruhig öfter sein mit kleinen und größeren Problemen!

Mit Kurs auf Kablow

Das folgende Wegstück läuft auf dem asphaltierten Radweg direkt parallel zur Bahnstrecke, dazu noch geradeaus und könnte gut und gern etwas langweilig sein. Doch der Wald ist schön, manche Eichel will unter der Sohle zerknackt werden und dann gibt es da noch Schautafeln zur germanischen Siedlung Kablow, die mit ihrem vielen Text zunächst nicht groß verlocken. Doch wer stehenbleibt, guckt sich sofort fest, denn die Mischung aus gelungenen Zeichnungen, Übersichten und anderem ist gerade richtig, macht neugierig und Vorfreude auf die nächste Tafel.

Ab und an will ein Auto vorbei oder ein Rudel Radfahrer, doch insgesamt geht es recht ruhig zu. Jetzt kommen auch wieder überall Leute aus dem Wald, erst welche ohne Korb und ohne Pilz, dann zwei Burschen mit Pils a la Wegebier im losen Griff der rechten Hand, wenn auch nicht selbstgefunden, doch immerhin.

Gärtchen am Rand von Kablow

Links des Weges erstrecken sich in sattem Grün die Buschwiesen, hinter denen schon die Dächer von Kablow zu sehen sind. Vom Ortsrand führt ein hübscher Weg durch die Kleingärten, in denen es von der klassischen Laube über den Bauwagen bis hin zum umgebauten Uralt-Benz-Truck alle möglichen Entwürfe gibt. Hier wird unterm Vordach mit reichlich Text das Feierabendbier genossen, drüben buddeln junge Stadtflüchter bis in die frühe Dämmerung im Erdreich und ein Beet weiter bergen hüfthohe Kinder Kartoffeln aus der Erde und strahlen mit jedem neuen Fund.

Friedhofskapelle in Kablow

Nach der nächsten Biege steht noch der letzte Kulturbeitrag für diese Runde bereit, in Form einer ungewöhnlichen Friedhofskapelle mit vielen großen Fenstern, einem winzigen Glockentürmchen sowie einem kühlen Untergeschoss. Über dem Feldsteinsockel ist das Mauerwerk vom guten alten Rauputz bedeckt, das Dach mit Dachpappziegeln. Das Schicksal der Kapelle ist ungewiss, da einiges gemacht werden müsste, doch noch steht sie da.

Der Tag ist noch jung, die Sonne noch relativ hoch und man möchte diesen Tag nur ungern loslassen. Eine gute Möglichkeit zur Verlängerung bietet sich eine Bahnstation weiter in Zernsdorf, wo es direkt am Krüpelsee überm Hausboot-Hafen eine schöne Eisdiele mit Seeblick gibt. Vor dem Hafen drehen gerade die kleinen Boote eines Segelkurses ihre Runden, derweil am Steg Urlaubswillige mit Hilfe großer Handwagen ihr gemietetes Hausboot beziehen. Während die Wellen eines längst vorbeigesausten Motorboots den kleinen Strand erreichen, werden sechs Eisschiffchen an drei Tischen serviert.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
S-Bahn oder Regionalbahn bis Königs Wusterhausen, dann Regionalbahn Richtung Frankfurt/Oder (ca. 0,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (Ausfahrt Niederlehme) oder Landstraße (ca. 0,75-1 Std.)

Länge der Tour: ca. 15 km (Abkürzungen mehrfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Webseite zu Kablow

Webseite zu Kablow-Ziegelei

Einkehr: Zur Friedenseiche, Dannenreich (am Weg)

Ristorante Bel Sapore, Zernsdorf (dicht an der Route)

Paulines Hafencafé, Zernsdorf (fern der Route)



In eigener Sache – Noch einmal knappe Worte, grüne Sehnsucht und ein Pfund voll Blätter

Tja, die beste Band der Welt hatte zwar nach zwei Runden Berliner Weiße mit Schuss und etwas Überredung für den Abend des 9. September den Flughafen Tempelhof freigegeben und war freundlicherweise auf Ende August ausgewichen, doch laut Prognosen könnte das Wetter auf dem Feld zu laut sein – denn unser Autor möchte möglichst ohne Mikrophon auskommen.

So ist es jetzt also das hübsch gelegene und vergleichsweise gemütliche Kulturzentrum Alte Schule im schönen und immer besonderen Woltersdorf geworden, ein Ort, der letztlich auch besser zur Thematik passt.

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Konkret wird das im April erschienene Buch Wild Brandenburg vorgestellt, das seither in ausgewählten Buchläden etwas Grün in die Auslagen bringt.

Wer nun vielleicht neugierig wird, aber beim Buchhändler des Vertrauens nicht die Katze im Sack kaufen möchte oder wegen intensiver Frühherbstmüdigkeit schlichtweg zu geschwächt ist zum Selbstlesen, kann sich ein paar der 224 Seiten als analoges Live-Hörbuch darbieten lassen (nähere Informationen hier).

Zwischendurch wird noch erzählt, wie es zum Buch und seinem Inhalt kam, und auch das Nähkästchen sowie ein paar Bilder sind wieder dabei.

Über die Bühne geht das Ganze abends um sieben, am zweiten Freitag im September, nur zwanzig Fußminuten von der weltbekannten Konditorei an der Woltersdorfer Schleuse entfernt. Oder in Zahlen: 9/9/19

Ich bin gespannt auf diesen Abend!

Berliner Spaziergang – Westkreuz: Die Riesenschlange, ein Weinbrunnen und etwas bittersüße Westalgie

Der Sommer lässt Berlin und das Umland in seiner Hitze schmoren, schon über Wochen. Wer die Wärme liebt, genießt die Sommerglut mit breitem Grinsen. Alle anderen helfen sich mit Schattensuche und Ventilator, nassen Handtüchern und anderen Hilfsmitteln durch die Phasen oberhalb der Dreissig. Viele jedoch berührt es nicht groß, denn die Urlaubszeit läuft und anstatt der Stammbevölkerung, welche die Wärme anderer Länder erleben will, sieht man vor allem in den inneren Ortslagen Besucher, die von allen Kontinenten den Weg hierher gesucht haben.

Rennfahrer-Denkmal an der Auffahrt zur AVUS

Bunt geht es zu und fröhlich aufgeregt, vielfältig ist dabei das Gewirr der Sprachen. Vielfältig ist auch die Codierung der Reisegruppenküken, die von der leitenden Glucke anhand quietschgelber Schirmmützen, kleiner Fähnchen oder auch elektronisch über Bande dabei ertappt werden können, wenn sie sich zu weit vom zuständigen Erklärbär entfernen – per Smartphone-Applikation resp. Standortermittlung.

Gleichzeitig ist es leer in großen Teilen der Stadt und doch voll, denn in alter Sommertradition werden alle schon länger anstehenden Baumaßnahmen für Straße und Schiene parallel abgehandelt, in diesen Monaten, wo es weniger die berufstätige Bevölkerung trifft, sondern eher die ungestressten Touristen – für die das ja mittlerweile zum erwarteten Berlin-Feeling gehören dürfte und vielleicht sogar in den Reiseführern gepriesen wird.

Kleine Tanke am Rasthof Avus

Doch das Schöne ist ja beim gut verästelten Berliner Verkehrsnetz, dass es in den allermeisten Fällen eine gangbare Alternative gibt, um von einem schönen Ort zum anderen zu kommen. Die Sache mit dem günstigen Ticket für allen Regionalverkehr im Lande hat sich mittlerweile ganz gut eingepegelt, so dass die medienwirksamen Bilder aus den Anfangswochen fast vergessen sind.

Rasthaus Schmargendorf

Wer gerne zu Fuß durch Stadt und Land streift, nach ausgetüfteltem Plan oder einfach im losen Treibenlassen als Flaneur, tut derzeit gut daran, dies hübsch und sommerlich gekleidet und im Schlurf zu tun, dabei den Schatten zu suchen und längere Anstiege zu meiden. Denn nicht rauszugehen ist keine Option, insbesondere in den schönen freien Tagen, wo der Geist schon mal unbeschwert ins Flattern kommen kann. Weites Grün ist gut und großes Wasser, denn dort ist es tatsächlich und auch vom Gefühl her immer etwas besser auszuhalten. Beides lässt sich bekanntermaßen in jeder dritten Ecke Brandenburgs finden, doch auch die Stadt Berlin ist in dieser Hinsicht gut ausgestattet.

Schmargendorf, Hinter der Breiten Straße

Nicht wundern übrigens: auf dem vergleichsweise kurzen Spaziergang durch die sommerheiße Stadt gab es links und rechts der Schritte, nicht zuletzt auch bei den ausgedehnten Pausen so viel zu sehen und zu hören, zu entdecken und zu beobachten, dass die Details hier und dort die Überhand gewonnen haben.

Westflanke der Schlange

S-Bahnhof Westkreuz

Ein wunderbar absurder Ort, um einen Spaziergang zu beginnen, ist der S-Bhf. Westkreuz, den vermutlich die meisten Leute zum Umsteigen nutzen. Auch wenn der Bahnhof umschmiegt wird von urigen Berliner Kleingärten, gibt es zum Verlassen nur die Option hin zu einem komplexen Knoten aus Autobahnbrücken, ICC-Ausläufern und Straßentunnels. Insofern staunt man kurz über die Zubringer-Radwege, die hier eingeflochten wurden. Ein ähnlich komplexes, auch zu Fuß durchquerbares Stück autogerechte Stadt auf so wenig Fläche dürfte in Berlin nur selten zu finden sein.

Bahnhof Westkreuz, oberer Bahnsteig

Nach viel Beton und ein paar Kurven sieht man an der Ampelkreuzung zum Messedamm neben dem Funkturm und dem Rundbau der Messehallen den Einstieg zur AVUS, erkennbar an der über achtzig Jahre alten Skulptur mit den im Fahrtwind geduckten Motorradfahrern. Bei jedem Auffahren auf die AVUS fragte man sich hier, ob jemals irgendwann ein Fußgänger oder Radfahrer diese Ampel nutzt und wenn ja, warum. In der Tat geht es hier nach einiger Zeit zum Halensee und dann auch bald zum Kudamm, das wären schon zwei gute Gründe.

Stadtautobahnwirren unter dem ICC

Ein drittes, für Fußgänger eher abwegiges Ziel, was sich in zwei Minuten und dank eines Treppchens erreichen lässt, ist die Tankstelle am Rasthof Avus, die aus einer ähnlichen Zeit wie die Motorradfahrer stammen dürfte und irgendwie an Heinz Rühmann denken lässt. So groß der Rasthof mit seinem Platz für unzählige Reisebusse und Laster, so winzig und nahezu rührend ist die kleine Tankstelle ganz am nördlichen Rand mit ihren zwei Zapfsäulen und einem eleganten Tankwart alter Schule mit beiläufigem Berliner Humor. Wundern würde es einen nicht, wenn er beim Vorfahren hinausgeeilt käme, die gewünschte Spritsorte erfragen und den Tankstutzen platzieren würde.

Funkturm und Messegelände und etwas ICC

Auch wenn das hier wirklich kein Ort für Fußgänger ist, gibt es für uns am Außentisch zwei schöne Plätzchen, kühlen Wiesenduft und einen bis zuletzt heißen Kaffee. Ein gerne essender Mann mit einer Schale voller Weintrauben ist plötzlich da, steckt sich eine an und futtert zwischendurch die erste Traube leer. Vom Parkplatz her kommt zwischen den Bussen heraus ein zweiter auf dem Fahrrad, mit einem großen Apfel auf dem Gepäckträger und einem Stoffbeutel am Lenker. Es wirkt wie das Ritual zweier pensionierter Fernbusfahrer, die sich hier stets zum selben Zeitpunkt treffen und ihren Plausch halten. Der Apfel bleibt unberührt. Aus dem Beutel wird eine Flasche Selters gefischt, die Fluppe jedoch nur angedeutet angesteckt, da isser wohl drüber hinweg.

Rennfahrer-Denkmal an der Auffahrt zur AVUS

Es ist vom Straßennetz kommend nicht selbsterklärend, wie man mit dem Auto genau hierher gelangt, und beim ersten Mal durchaus etwas verstörend. Dennoch rollt kurz darauf ein altersgerechter Porsche mit vier Türen und Duisburger Kennzeichen an und kommt zwischen den zwei Säulen sportlich zum Stehen, technische Hilfen verhindern ein untermalendes Quietschen der Reifen. Durchaus lässig und fast filmreif synchron steigen vier elegante junge Araber aus, die aussehen, als kämen sie frisch von einem der unzähligen Barbershops.

Fußgängerrast an der kleinen Tankstelle

Vom Busfahrer mit dem Apfel werden sie mit einem herzlich berlinerten Salemma Leikum begrüßt, dann wird ein bisschen hin- und hergeflachst, dass der Sauna-Club mit dem Damenpersonal aber auf der anderen Seite des Autobahngewirrs liegt. Und dass es zu Fuß nur ein paar Minuten wären, jedoch von hier aus nur mit Auto geht, was wiederum ein komplexer Vorgang wäre. Da ein ausreichender Altersunterschied zwischen den beiden und den vieren besteht, bleibt alles friedlich und die Gesichter freundlich. Und die Jungs reiten in der klimatisierten Fahrgastzelle und ohne Tankvorgang bald wieder vom Hof.

Rasthof Avus mit dem unvollständigen Peace-Zeichen

Eichkamp

Noch stecken wir mitten drin im ewig rauschenden Straßenknäuel. Also kurz vor zum Rasthof Avus, der ganz oben auf seiner Rotunde das unvollständige Peace-Zeichen führt, wie man es auch vom Europa-Center kennt. Dank zweier Durchschlüpfe für Fußgänger lässt sich die alte Nordkurve queren, und nach ein paar geschlagenen Haken und etwas Messegelände ist der S-Bhf. Messe Süd mit seiner verspietten Backstein-Fassade erreicht.

S-Bahnhof Messe-Süd/Eichkamp

Hier erfolgt nun der Wechsel von Asphalt, Lärm und Abgasen ins erste Wohnviertel am Weg, die verschlafene Siedlung Eichkamp, welche dem Bahnhof bis zur Jahrtausendwende ihren Namen gab. Der Zikadenweg ist von schönen Siedlungshäusern gesäumt. In einem der Gärten steht hinten eine riesige Rotbuche, vom zugehörigen Bewohner erfahren wir, dass sie wohl nicht viel älter als hundert Jahre ist.

Kultur- und Nachbarschaftstreff Haus Eichkamp

Grunewald

Vorbei am Haus Eichkamp, einem kulturellen Nachbarschafts-Treffpunkt für alle Altersgruppen, geht es vom Maikäferpfad bald weiter durch einen etwas tieferliegenden Grünstreifen. Obwohl der Wald vor Trockenheit knackt, ist das Klima sofort angenehmer. Rechts erstrecken sich ausgedehnte Sportanlagen, insgesamt fast so groß wie das Messegelände. Der anschließende weite Wald gehört dann schon zum nördlichen Grunewald, der sich zwischen der Havel im Westen und einer Seenkette im Osten bald zehn Kilometer bis nach Nikolassee erstreckt, ohne von irgendetwas unterbrochen zu werden.

Im allernördlichsten Grunewald

Das Netz der Wege hier ist dicht. Auf jedem größeren Weg, der quert, pilgern Leute von links nach rechts. Mal sind es Radfahrer, dann drei Grazien in leicht wehenden Sommerkleidern, die den Boden beim Gehen scheinbar nicht berühren, dann wieder eine Familie mit Bollerwagen, die unter allerhand Gekicher nicht vom Fleck kommen, weil es im Wald so viel zu entdecken gibt. Die ausschließliche Richtung erklärt sich zur gerade noch vormittäglichen Tageszeit mit dem Teufelssee, dessen Areal mehrdimensional Freizeitfreuden für alle Altersgruppen bedient. Vom S-Bahnhof Grunewald sind es gerade mal zwei Kilometer, eine Dimension, die sich mit den meisten Konstellationen von Menschen verträgt.

Schattige Sitze vor der Bezirksgärtnerei

Vor der Bezirksgärtnerei bietet sich eine Pause auf ein paar verstreuten Findlingen an. Wenig später lockt von einem breiten Tor das Waldmuseum zum Abstecher ins organisierte Grüne. Ein versonnenes Mädchen fegt erstes Raschellaub zusammen und weist uns den Weg zum Waldschulgarten hinterm Haus.

Waldschule hinterm Waldmuseum

S-Bahnhof Grunewald

Vom Parkplatz am Pappelplatz quert mit zahllosen Abzweigen ein winziger Pfad hinüber zum breiten Weg, der zum S-Bahnhof führt. Eine Erfrischung wäre durchaus schön, doch die erste und die dritte Wirtschaft haben zu, die dazwischen ruft Preise auf, welche sich eher für andere eignen.

Teufelssee-Zubringer

Am Ende des langen Tunnels, der Autobahn und Bahngleise unterquert, liegt der gemütliche und sehr unterhaltsame Bahnhofsvorplatz mit dem hübschen Bahnhofsportal. Die Plätze beim Bäcker sind alle recht sonnig. Beim Herumsuchen fällt der Blick auf die gegenüberliegende Bahnhofskneipe, wo es schattige Plätze gibt, durch die obendrein der Wind geht. Und natürlich auch kühlere Getränke als beim Bäcker. Vielleicht ja auch gleich ein Mittagessen, was auf den nächsten Kilometern umgehend wieder verheizt werden kann.

S-Bahnhof Grunewald, zwischen Avus und Bahndamm

Von der hohen Warte der Barhocker haben wir beste Sicht auf den Bahnhof samt der regelmäßig einlaufenden Doppeldecker-Busse, denn tatsächlich fühlt es sich ein kleines bisschen an wie am Hafen. Ein Bus läuft ein, Fahrgäste gehen von Bord, ein paar Meter weiter steigen neue ein, und in der Minute des Auslaufens biegt schon der nächste große Gelbe um die Ecke.

Fußgängertunnel S-Bahnhof Grunewald

Als Äquivalent zu den Privatjachten fährt eine bejahrte Dame im teuren Cabrio vor, stilecht mit wehendem Kopftuch, lässt sich unter dem beiläufigen Brabbeln des Sechszylinders im Schritttempo kurz bewundern und springt als kleine Alibihandlung wenigstens zum Bäcker rein. Ein Lieferwagen parkt selten dämlich und verstopft die Hafendurchfahrt, doch bevor noch Ärger unausweichlich wird, kann der Busfahrer die Stirn entrunzeln und die enge Kehre ist wieder frei.

Beim Bäcker haben sich vier ältere Rennrad-Herren in bunten Kunstpellen eingefunden, drei von ihnen käsebleich, einer tiefschwarz, und es ist nicht klar, ob sie gerade erst losgefahren sind oder schon achtzig Kilometer auf der Uhr haben. Ganz egal, beim Bäcker ist erstmal eine Pause fällig, die ausgiebig mit Fachsimpeln und dem Ausformulieren der guten Vorsätze gefüllt wird. Bald sind es schon fünf, kurz darauf sechs. Der Zuwachs geschah unbemerkt, dafür wird nun aufwändig und umständlich ein Nachbartisch herangerückt für bessere Gemeinschaft.

Portal S-Bahnhof Grunewald

Auf der sonnigen Bank vor unserem Lokal, dann bald am schattigen Tisch neben dem zweier gleichaltriger Herren sitzt eine Dame kurz vorm besten Alter, die dem Anschein nach gerade Harald Juhnkes Definition von Glück erfüllt: keine Termine und leicht einen sitzen. Nimmt mit dem Cocktail-Glas in der Hand das Gespräch auf und hält es mit stetem Bröckeln am Laufen, macht auch kaum Hehl daraus, dass einer Anbandelei nichts im Wege stünde. Die Herren füttern den Dialog nur zurückhaltend, scheinen die Situation aber nicht befremdlich zu finden.

Einen begrenzenden Termin hat die Dame dann wohl doch, da sie demnächst ihren Dienst antreten und den Bus nehmen muss, der .53 ausläuft. Auch unsere Kellnerin hat schon schon gut einen sitzen, und als wir es schließlich geschafft haben zu zahlen und einiges nach .um weiterziehen, sitzen sowohl die Dame mit den Herren als auch die schrillbunte Speichenrunde noch fest auf ihren Stühlen.

Hasensprung zwischen den Seen

Königs- und Dianasee

Eine Ecke weiter gibt es hier noch einen hinreißenden Laden für die täglichen Dinge, eine klitzekleine Edeka-Filiale. Der Gedanke erscheint nicht abwegig, dass der Filialbetreiber ein Drittel der Kundschaft mit Namen ansprechen kann. Nun beginnt das Villenviertel rund ums Doppel aus Königs- und Dianasee, wo an manchem dieser riesigen Gebäude tatsächlich nur ein Name auf dem Klingelschild steht. Einige tragen hübsche Namen wie Villa Noelle oder Landhaus Bernhard, ein Chalet Ingo sucht man vergebens. Dazwischen eingestreut finden sich ein paar Botschaften.

Blick auf den Königssee vom Aussichtsplateau

Unerwartet quert der hübsche Spazierweg namens Hasensprung das tiefe Tal am schmalen Seenverbinder, schattig und angemessen mondän. Die Brücke wird von zwei steinerne Hasen bewacht. Im angrenzenden Park gibt es vom kleinen Aussichtsplateau einen schönen Blick ins satte Grün der Gärten. Im gediegenen Tempo zieht der Badekappenkopf einer Dame diagonal über den See.

Hubertussee

Nur ein paar Minuten nach den Hasen wird der nächste See von einer großpfotigen Löwendame mit Menschenhaupt eingeläutet, mit der man besser keinen Ärger hat. Unten am Hubertussee begleitet ein uriger Spazierweg mit knorrigem Geländer die in sich versunkene, idyllische Wasserrinne, auf der es sogar eine kleine Insel gibt. Treppen locken hier und da zurück auf die Höhe. Gar nichts sieht gerade nach mitten in Berlin aus.

Unten am Hubertussee

Roseneck

Doch einen Grünstreifen und ein paar böhmische Straßenecken weiter landen wir auf einmal mitten im städtischen Dorftrubel, der nun nach Westberlin im besten Sinne aussieht und eine kleine Serie von Kiezen eröffnet, an deren kurzem Lauf drei Filialen von Butter-Lindner liegen werden. Mittlerweile gibt es zwar auch einzwei davon in zentral gelegenen Ost-Bezirken oder Potsdam, doch es ist auch heute noch so eine liebenswerte Westberliner Bastion des gehobenen Genusses und der gehobenen Braue – ein bisschen wie KaDeWe in Wohnzimmerformat.

Der Kiez rund ums Roseneck eröffnet den Reigen, und unsere Tortensuchaugen führen uns zielsicher zum hiesigen Wiener Caffeehaus. Bei allen mondänen Grundfesten ist auch hier der Personalmangel spürbar und es braucht jeweils etwas Wartegeduld für Bestellung, Servierung und Rechnungslegung. Wenn man das weiß, ist es so gesehen unproblematisch, als dass man hier herrlich Menschen gucken kann – was natürlich auch für die anderen gilt.

Nicht zuletzt bestätigt das die Wochenendzeitung durch die Information, dass auch das Rolls-Cabrio von Berlins dienstältestem Playboy regelmäßig vor dem Caffeehaus parkte. Der Lebemann mit dem schönen Künstlernamen Eden, der für Westberlin so ein Begriff war wie Pelz-Lösche oder Bolle bzw. Ruhnke und auch Juhnke, hat sich just in diesen Tagen in die nächste Sphäre begeben. Man kann von ihm halten, was man will, doch etwas Vergleichbares hatte die Stadt nicht noch einmal zu bieten – und das von der Nachkriegszeit bis in heutige Tage.

Rathaus Schmargendorf

An den Nebentischen sitzen also allerhand Paradiesvögel der betuchten Sphären, seien es nun bis zum Anschlag aufgebrezelte Barbies jenseits der Siebzig oder in Würde gealterte schwule Pärchen im allumfassenden Sonntagsstaat, was Haarpracht, Brillengestell und Einbalsamierung angeht, funkelndes Geschmeide und getragenen Dialogton nicht zu vergessen. Tätowierung scheint hier hingegen noch verpönt. Die vornehmlich weibliche Kundschaft, die im benachbarten Bioladen ein- und ausgeht, sieht so formvollendet aus, als hätte sie sich extra für den Einkauf in Filz, Naturseide und Linnen geworfen.

An den Nachbartischen gibt es aber auch die lieben alten Mütterchen, bei denen der Besuch wohl schon seit Bestehen der Conditorei zum regelmäßigen Ritual zählt und trotz knapper Rente nicht geopfert wird. Dann sitzen da auch Leute wie du und ich oder die türkische Großfamilie, deren Kinder sich zu Tode langweilen und trotzdem kein digitales Endgerät zu Hilfe holen dürfen, um die stehende Zeit zu überleben. Die Mischung ist herrlich und authentisch. Ein Kolumnist bräuchte sich hier wochenlang nicht vom Fleck zu bewegen für seine Geschichten, und auch ein heutiger Zille hätte reichlich Stoff.

Schmargendorf

Die Torte hat ihren Preis, schmeckt verdammt gut und ist so nicht an jeder Ecke zu bekommen. Wien ist zu Recht namensgebend. Hier am Roseneck beginnt nun ein kleiner Reigen grundverschiedener Kieze, die jeweils nicht mehr als eine Viertelstunde voneinander liegen. Ein paar Ecken weiter zieht ein märchenhaft verspieltes Backsteingebäude den Blick gen Himmel und lässt Kopf und Augen längere Zeit kreisen.

Berkaer Straße in Schmargendorf

Nie habe ich mir merken oder hätte sagen können, wo Schmargendorf liegt, welchem Bezirk oder welcher Himmelsrichtung es zuzuordnen ist, doch jetzt ist es auf ewige Zeit verankert, dank diesem backsteinernen Feuerwerk aus Türmen, Türmchen und Erkern, aus Stufengiebeln, Zacken und Vorsprüngen, Fensterformen, Fialen und Fassadenspielerein. Das stand bei seinem Bau vor hundertzwanzig Jahren noch auf freiem Acker, und wer sich fragt, wie zum Teufel man für ein Kleinstadt-Rathaus so viel Geld ausgeben konnte, findet die Antwort am ehesten in der Immobilienbranche.

Breite Straße

Gleich dahinter beginnt eine bunte Ladenstraße, in der auch Butter-Lindner und Thoben nicht fehlen. Hinter der nächsten Kreuzung liegt dann als Schmargendorfer Kiez Teil 2 die Flachbauzeile entlang der Breiten Straße, die berlinweit eine Rarität darstellt. Etwas Ähnliches gibt es auch noch in der Brunnenstraße im Wedding. Dass hier vormals gemütliche Altbauten standen, lässt sich noch auf der gegenüberliegenden Seite sehen, wo von den Schmargendorfer Höfen, die für ihr Kleingewerbe bekannt waren, noch ein paar in Funktion sind.

Hinter der Breiten Straße in Schmargendorf

Dennoch hat die Fußgängern vorbehaltene Zeile einen besonderen Charme, ist sie doch auch ein offener Hinterhof und gerade in sonnigen Zeiten mit einigem Grün und Schatten ein schöner Zufluchtsort. Mit dem Duft gemahlenen Kaffees in der Nase und einem frisch gekauften Handfeger unterm Arm kann man sich weiter hinten ein schönes Buch kaufen, sich damit ins Café setzen und die ersten Seiten überfliegen. Und dann doch wieder an den Leuten hängen bleiben oder den unterschiedlichsten Satzfetzen von den Nebentischen, welche eine empfängliche Phantasie mit plastischen Bildern versorgen. Ein Dorfkirchlein gibt es hier übrigens auch, ein paar Meter weiter und betont versteckt.

Schmargendorfer Dorfkirche

Schlange

Nach dem Wechsel in den Bezirk Tempelhof-Schöneberg, der nun eher dem Süden als dem Westen zuzuordnen ist, geht es vorbei am einladenden Fritz-Cornelsen-Spazierweg zu einem weiteren Phänomen, einer weiteren Einzigartigkeit in dieser Stadt, die aus heutiger Sicht ebenso aus der Zeit gefallen scheint wie ein bekennender Vollblut-Playboy. Den Gedanken, die innerstädtische Autobahn zu überdachen und damit drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, gab es schon in den Siebzigern, zu den Zeiten, als die autogerechte Stadt als Idealbild galt.

Spielplatz an der Schlange

Zusammen mit der Wohnungsknappheit in der ummauerten Zwei-Millionen-Stadt waren das ausreichende Argumente, das umstrittene Projekt „Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße“ in die Tat umzusetzen, in dessen Rahmen die laute Schnellstraße nicht nur einfach gedeckelt, sondern mit einem gigantischen Wohnhaus abgedeckt wurde. Keine vierzig Jahre nach Bauende übrigens wurde der imposante Komplex vor ein paar Jahren unter Denkmalschutz gestellt.

Fußgängerdurchgang unter der Stadtautobahn

Die sechshundert Meter lange Schlange wird nach Westen hin von Kleingärten und einem schönen Parkstreifen begleitet, der großzügige Spielplätze sowie Raum und Anregung für allerhand Freizeitgestaltung bietet. Ganz am Ende gibt es einen leicht abgefahrenen Durchgang, bei dessen eher eiligem Durchschreiten man von der Autobahn nicht mehr als das dumpfe und scheinbar ferne Abrollgeräusch der Reifen hört und nicht recht weiß, ob es unter oder über einem stattfindet. Etwas davon wird wohl als Rauschen oder als Schwingung in jeder der Wohnungen ankommen, ganz gleich ob sie nahe der Fahrbahn liegen oder ganz oben im Vierzehnten. Nach hundert Metern landet man dank eines blauen Portals mit verglasten Ovalen wieder im Freien, was irgendwie ganz schön ist.

Autobahnüberbauung Schlange

Die betonbetonte Substanz des Ganzen ist über die Zeiten freilich etwas abgerockt, das Monstrum mit seinen linear eingesetzten Farbakzenten strahlt kompromisslos die ausgehenden Siebziger aus, und doch entwickelt dieses mit Abstand größte Reptil der Stadt einen absurden Charme, glaubt man den angestammten Bewohnern gerne, dass es sich dort gut wohnt. Auch östlich liegen grüne Höfe mit Spielplätzen, und so fällt an keiner Stelle, an der man das Haus verlassen kann, der Blick auf ein Auto, tritt man überall dort erst einmal ins Grüne, was ein wenig kurios ist. Einzige Ausnahme auf insgesamt tausend Meter Fassadenlänge ist der Parkplatz am Geschäft für die täglichen Dinge, wo sich auch eine kleine Ladenzeile anschließt.

Rüdesheimer Platz

Der nächste Kiez ist dank der anfangs promenadenhaften Eberbacher Straße keine acht Minuten entfernt und doch so grundlegend anders. Auch wenn im wirklichen Leben der Kurort Schlangenbad im Rheingau liegt, auch hier in Berlin die Schlangenbader Straße dem Namen nach zum Rheingau-Viertel zählt, dürfte sich in dichter Nachbarschaft selten ein so großer Gegensatz finden lassen, wie er zum Rüdesheimer Platz besteht. Die ansehnlichen Fassaden der platzumgebenden Häuser kommen aus einem Guss und tragen einen Hauch von englischem Landhausstil.

Tropfen aus dem Rheingauer Weinbrunnen

Fast kurmondän kommt der Rüdesheimer Platz daher mit den alten Bäumen und seinem tiefergelegten Parkbecken voll gepflegter Rabatten, dem imposanten Brunnen und der großzügigen Empore, die in Nachbarschaft von Mutter Mosel und Vater Rhein über all dem thront. Auf eben diesem Plateau findet sich ein liebenswertes Phänomen, das einmalig ist in Berlin und das es bitte noch lange geben soll.

Rheingauer Weinbrunnen

Seit über fünfzig Jahren plätschert jedes Jahr in den großzügig definierten Sommermonaten den Rheingauer Weinbrunnen, einem kleinen Ausschank, wo Winzer aus dem Rheingauer Weinanbaugebieten ihre Tropfen anbieten. Die Preise am Stand sind moderat, das Personal freundlich und die Stimmung wunderbar entspannt. Obwohl es reichlich Tische gibt, finden sich oft keine freien Plätze. Doch bis man seinen Schoppenstiel zwischen den Fingern hält, ergibt sich meist ganz von selbst ein Plätzchen, sei es stehend am Fass oder etwas später dann sitzend an einem der vielen Tische.

Rüdesheimer Platz

Wer zu den vielfältigen Weinen der verschiedenen Winzer etwas Herzhaftes naschen möchte, erhält am Stand kleine Tüten mit Nüssen, Chips oder ähnlichem. Wer hingegen mehr als Appetit oder sogar Hunger hat und nichts Mitgebrachtes im Beutel, kann sich in den umliegenden Läden, Pizzerien oder beim Bäcker etwas besorgen, von dem sich richtig abbeißen lässt – denn das ist hier ausdrücklich erlaubt und erwünscht. Und wer dann seinen duftenden Wein und einen schönen Platz hat und beides keinesfalls verlassen möchte, wartet einfach ein paar Minuten, denn fahrende Händler mit ausladenden Taschen oder Körben ziehen regelmäßig ihre Kreise zwischen den Gaumenstreichelnden hindurch.

An den Tischen wird palavert, gefeiert und gealbert, sei es weinselig, verliebt oder in großer Familienrunde. Kinder rennen umher, springen Seil oder zeichnen Spielfelder in den flachen Staub, Geschäftsleute in Räuberzivil bringen beschwingte Videotelefonate hinter sich und fühlen sich kurz als digitale Nomaden. Ein hinreißendes Kränzchen alter Damen trifft sich zum regelmäßigen Termin, keine keift, keine fährt der anderen über den Mund und keine ist die, die alles weiß und immer Recht hat.

Jede einzelne Dame führt eine altertümliche Tasche mit krudem Muster und großem Schlund mit sich und fördert Unmengen herzhafter Köstlichkeiten zu Tage, sicherlich jede das, was sie am besten kann, und gewiss das Meiste davon zum Niederknien. Der lange Biergartentisch ist gefordert und wird in den nächsten neunzig Minuten sicherlich mit einer Unmenge fröhlicher Dezibel beschossen.

Im U-Bahnhof Rüdesheimer Platz

Seit einiger Zeit ist dieses Vergnügen vornehmlich bei Tageslicht zu erleben, denn vor ein paar Jahren musste die Schließzeit von halb zwölf auf halb zehn vorverlegt werden. Zum Weingenuss passt natürlich bestens etwas Dämmerung, und wenn die bunten Lampen-Ketten angehen, gewinnt die Atmosphäre noch erheblich. Wer also bis Ende August abwartet und sich vor Ort dann nicht auf einen guten Platz versteift, kann noch ein gutes Stündchen dieses Zaubers abfassen. Und sich ganz einfach in einen langen Moment mittelfernen Urlaubs träumen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
S-Bahn Ringbahnhof Westkreuz

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: ca. 12,5 km (Abkürzungen per ÖPNV vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)