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Treplin: Der Mühlenpool, die Hundertwundertüte und Tante Magdas Luke

Den schönsten Schneewinter seit langem hat dieser Februar serviert und dann gegen Ende unerwartet eine Konfettibombe dicken Vorfrühlings platzen lassen, die alle Leute auf der Straße für eine knappe Woche hellere Gesichter tragen ließ. Gefühlt waren die fünf Tage zwei Wochen lang und der Frühling also längst schon angekommen.

Im Tal des Mühlenfließes bei Treplin

Alles strömte nach draußen, Leichtigkeit und ein vorübergehendes Vergessen der Situation wurden zelebriert, mit kurzen Hosen, Strohhüten und beschwingtem Schritt. Ein Spaziergang galt nicht mehr als piefig, vielmehr als gelebte Freiheit, und alle Sorten von Menschen begegneten sich außer Haus beim Schritte setzen. Die plötzliche Mützenlosigkeit offenbarte ein regelrechtes Panoptikum notdürftig gezähmter Haarschöpfe nach den langen Zeiten ohne das Friseurhandwerk.

Kastanienallee vor Hohenjesar

In seinen allerletzten Tagen besann sich der Februar, straffte die Gesichtszüge und gab der Realität des Spätwinters die Hauptrolle zurück – auch wenn der März vor der Tür schon leise mit den Füßen trappelte und dies durch tausend Vogelkehlen bekräftigt wurde. Nach unerwartetem Bibbern wurden nochmal dicken Jacken und Handschuhe hervorgeholt, anstelle von Resignation jedoch der Kopf in den Nacken geworfen bei der baldigen Aussicht aufs nächste Kalenderblatt.

Russische Kapelle hinter der Kirche von Hohenjesar

Bei der Planung der passenden Tour für einen Tag zwischen den letzten Frösten und den ersten Bienen rief es auf der Karte von verschiedensten Ecken „Kommt doch zu miiiir!“. Irgendwann hatte sich das Gemüt dann auf die Gegend um Alt Rosenthal und Worin eingependelt. Und rutschte doch immer weiter nach Osten ab, bis schließlich kurz vor der Oder bei Frankfurt alles richtig schien.

Uferpfad am Hohenjesarschen See

Als die Tour schließlich stand und zumindest auf der Karte sehr verheißungsvoll aussah, fiel auf, dass bislang kein Meter davon begangen wurde. Komplettes Neuland ist mit den Jahren selten geworden, so ein reinweißer Fleck durchaus überraschend, und große Neugier war die Folge. Verraten werden darf: es wurde eine exklusive Wundertüte voller schöner Dinge, ganz klar mit dem Zeug zum Klassiker und einem Ruf nach Besuchen zu den anderen Jahreszeiten. Da trifft es sich gut, dass dieser ganz besondere Tag den hundertsten Beitrag hier füllen soll – auf so ein glückliches Zusammentreffen hatte ich leise gehofft, auch wenn die laufende Nummer mit der ersten Doppelnull nur eine Zahl wie alle anderen ist.

Altes Mühlengemäuer unterhalb von Treplin

Treplin

Treplin liegt Luftlinie zehn Kilometer vom Oderstrom entfernt im Lebuser Land, am seitlichen Ausleger eines Seensystems, dass sich zwischen Seelow und der Drahendorfer Spree erstreckt. Diesen Ausleger sieht nur, wer ihn auch sehen will, denn eine nasse Verbindung gibt es in der Tat nicht. Dafür plätschert direkt im Dorf ein richtiger kleiner Dorfbach, wie er häufiger im Sächsischen anzutreffen ist oder dort, wo es eben etwas hügeliger ist. Der hat zwei Ursprünge, schlängelt sich nach dem Zusammentreffen beider Arme nach Herzenslust zwischen den Gärten und Wiesen hindurch und ist mit zunehmendem Gefälle unterwegs ins nächste Tal.

Dorfbach in Treplin

Weiter südlich im Dorf steht die Kirche mit ihrem vergleichsweise neuen Dach auf einer sanften Anhöhe, über ihr lassen große Wolkengebilde nur wenig blau durchscheinen. Auf dem Wirtschaftshof dahinter wartet ein beerenförmiger Erdbeerkiosk mit geschlossenen Augenlidern auf die nahende Saison. Am anderen Ende von Treplin geht es nach dem ersten Bachkontakt und ein paar Minuten Straße bald schon in den Wald, vorbei am Forsthaus sanft hinab ins Tal des Mühlenfließes. Ein paar Forstleute bestücken gut gelaunt die Pritsche ihres kleinen Fahrzeuges. Verwitterte Wegweiser machen neugierig auf Rundwege um den Trepliner See oder zur Mühle.

Kirche von Treplin

Beständig fällt der Weg sanft ab, landet schließlich in einer laubbedeckten Landschaftskerbe. Hier liegt einiges quer, abgestürzte Äste oder ganze dicke Stämme, und ein gewisses Maß Gymnastik ist zu leisten, das gut und gern als Ausdruckstanz durchgehen würde. Unten angekommen liegt in gewisser Breite eine stille Wasserwelt, rechts tönt vom stattlichen Biberdamm ein leises Gurgeln herüber.

Grüner Grund am Dorfrand von Trepllin

Die Grenze zwischen Bruchwald und mäanderndem Bach ist undeutlich, obwohl in dieser Jahreszeit rein gar nichts die Sicht versperrt. Das Wasser liegt mal breit und ruhig, mal kräuselt es in Eile durch eine Enge aus Holz und Steinen, dann wieder gibt es sich verspielt, wählt mehrere Wege zugleich und nutzt die ganze Talsohle aus. Laub und Stämme sind eher noch fahl als klar einer Farbrichtung zuzuordnen. Das unaufgeräumte Waldtal in Verbindung mit den Sonnenstrahlen, die es bis hierher schaffen, lässt an Aufbruch denken, an schöne jahreszeitliche Stimmungen der vorausliegenden Wochen. Bunte Punkte finden sich noch keine am Waldboden, doch das Laub des glänzend lackierten Scharbockskrauts verspricht einen breiten Blütenteppich in absehbarer Zeit. Die letzte Spur der Morgenkälte zwickt ein wenig in den Wangen.

Hohlweg hinab ins Tal des Mühlenfließes

Herrenmühle

Bald erstreckt sich rechts des Weges nasses Grasland, komplett durchtränkt, gleich riesigen Pfützen. Alte Eichen halten in flehender Geste ihre langen Äste darüber, kräftige Stämme liegen weich gebettet und rindenlos und warten auf die nächste Phase ihrer Morschung. Irgendwann reißt der Blickkontakt zum glitzernden Wasser ab, der Bach verkrümelt sich in schilfiges Feuchtland und landet bald schon im Mühlteich der Herrenmühle. Der Weg läuft weiter am Fuße des Hangs entlang, dessen Flanke zum Teil steil aufsteigt, an einer Stelle an einen überwachsenen Burgwall denken lässt.

Mäanderndes Mühlenfließ bei Treplin

Die erste Spur der Nutzung als Mühle ist ein Wehr, das eher zu hören als zu sehen ist. Ein überwachsener Damm lässt einen Pfad durch zu den anderen Teichen, das Wasser fällt vom großen zum kleineren Teich einen knappen halben Meter. Beide liegen noch halb unter Eis. Auch das Hofensemble der Mühle ist zunächst eher zu hören als zu sehen, da ein Hund anschlägt und die nächsten Minuten nicht verstummt. Kein Grund, an den Tafeln des kleinen Lehrpfades vorbeizulaufen, die teils Spannendes über Wasserlauf und Mühle zu berichten haben. Ein genießerischer Blick auf die Hofanlagen ist dann doch nicht drin, da sich die Stimme des Tieres jetzt überschlägt, was man auch von seinem Hin- und Hergerenne sagen könnte. Die Aufgabe wird ganz klar übererfüllt und lässt mit schwerem Schlucken an linderndes Krügerol denken. Schön jedenfalls, als es wieder leise ist im Tal.

Schilder diverse

Ein frischer Wanderwegweiser zeigt nach Lebus, das keine zehn Kilometer entfernt ist. Auch ein Jakobsweg schlägt hier eine Extraschleife, um diese schöne Landschaft mitzunehmen. Kurz darauf kündigt sich voraus ein Landschaftswechsel an, der mit freier Sicht verbunden ist. Erst öffnet sich das Tal nach rechts und geht gehörig in die Breite, großzügig grundiert mit dichtem, winterblondem Schilf. Darüber ist der Himmel nun erheblich blauer, die Sonne trifft öfter die Gesichtshaut und kurbelt damit manches an.

Bruchwald im Talgrund bei der Herrenmühle

Noch bevor auch die Hangflanke zur Linken wiesenoffen wird und sanfter, beginnt eine prachtvolle Allee von Kastanien, die bis ins nächste Dorf reicht, fast einen ganzen Kilometer. Große Bäume und kräftige Stämme mit den typischen Charakterfurchen, und der Weg so ganz leicht mit einem im Tee, nie ganz gerade, einfach zauberhaft. Das muss ein Schauspiel sein im Mai, ein Duft und ein Gesumme.

Mühlteiche der Herrenmühle

Hohenjesar

Der Salomonweg steigt sanft hinauf nach Hohenjesar, das an einigen Stellen nicht ganz klar von Alt Zeschdorf abzugrenzen ist, dem Gegenstück am anderen Ufer dreier Seen. Die Vorgärten liegen so aufgeräumt, wie das für diese Jahreszeit typisch ist, bereit für Rabatten und Blüten und Grünzeug dazwischen. Chrysanthemen und Stiefmütterchen und auch Alium, diesen leicht sphärischen Bommeln am langen Stengel. Auf einer Ecke hält ein betages Häuslein mit letzter Kraft seine Mauern beisammen. Zumindest das Fundament ist für die Ewigkeit gebaut, aus gespaltenen Findlingen und größeren Feldsteinen mit einer lückenlosen Reihe Ziegelsteinen darüber.

Südliches Ende der Kastanienallee

Auf der Wiese direkt davor spielt sich im Stillen ein kleines Spektakel der Sonderklasse ab. Die ganze Wiese ist so voll von Krokussen, dass vom Gras kaum etwas zu sehen ist. Die Krokusse eher so klein wie wilde und trotz Sonne kaum geöffnet, so dass die zeitigen Bienen hier ihre erste Herausforderung finden. So winzig ist die Öffnung ganz an der Spitze, dass es selbst bei den kleinen Wildbienen quietschen dürfte, wenn sie sich da reindrängeln, um beste grüne Energie abzuziehen.

Kastanienallee bei Hohenjesar

Voraus ist die Kirche mit ihren hochliegenden Fenstern zu sehen, eher Lichtscharten. Sie wird sich später als Schlosskirche entpuppen, was auch einige stattliche Pfosten an einer langen Auffahrt erklärt. Auf den ersten Blick scheint das Kirchenschiff nach oben offen, doch in der Tat wurde pragmatisch und wirksam ein pfiffiges Flachdach aus Wellprofilen aufgesetzt, das seine grundlegende Funktion erfüllen sollte. Eine Treppe führt hinauf zum Kirchhof, und die sollte man keinesfalls links liegen lassen.

Krokuswiese vor dem Haus

Wer es bis zum Kirchturm geschafft hat, entdeckt von dort nämlich eine kleine Kapelle, die einem Märchenbuch entsprungen scheint und irgendwie nach Slawen oder Balten aussieht. In der Tat ist ihre Entstehung wenig blumig, doch was sie ein Jahrhundert später ausstrahlt, ist es um so mehr. Hier waren Könner ihres Fachs am Werk. Dem Anschein nach wurden weder ein Nagel noch eine Schraube verwendet, allein Balken und Holzdübel und handwerkliches Können.

Schlosskirche in Hohenjesar

Wer die Umgebindehäuser aus der Oberlausitz und den benachbarten Regionen Tschechiens und Polens kennt, wird sicherlich kurz daran denken. Durch das farbige Fensterglas lässt sich auf Zehenspitzen ein Blick in den Innenraum erhaschen, mit Zitaten an die zurückliegenden Jahreszeiten – Korngarbe und Adventskranz. Draußen beeindruckt das blassgraue Holz, das seit den zurückliegenden Zwanzigern allen Winden und Wettern ausgesetzt war. Wer sich die Zeit nimmt, hat auch am Dach und der Giebelwand so einiges zu kieken.

Russische Kapelle auf dem Kirchhof

Das waren jetzt schon drei große Kaliber – das naturromantische Bachtal mit der Mühle, die herrliche Kastanienallee und die russische Kapelle hinter der Kirche. Für gewöhnlich ist man froh, wenn sich auf einer Tagestour drei solcher sehenswerten Orte aus den Bereichen Natur, Kultur und Wegeschönheit verbinden lassen. Es fällt also beim Verfassen dieses Textes durchaus schwer, den Fuß auf der verbalen Bremse zu lassen.

Bunte Fenster und zurückliegende Jahreszeiten

Von der Kirche führt eine anmutige Straßenkehre hinab auf die Ebene der Seen. Noch ehe die Wasserhöhe erreicht ist, lässt sich über eine urige Stiege direkt zum Ufer abkürzen. Auch diese weite Wasserfläche liegt noch größtenteils unter Eis, das freilich niemanden mehr tragen dürfte, allenfalls besonders zierliche Enten. Zwischen einem breiten Schilfgürtel und dem flachen Wiesenhang beginnt nun ein Uferweg, der nach und nach Fahrt aufnimmt hinsichtlich seiner besonderen Gestalt.

Halbgefrorener Hohenjesarscher See

Zunächst läuft er als leise Trampelspur am Schilf entlang und lässt noch Zweifel offen, ob es überhaupt weitergeht. Eine Weide steht schon unter Saft und konkurriert mit ihrem wogenden Silberschopf gegen das vom Gegenlicht vergoldete Schilf. Nach und nach wird die kleine Flanke steiler und der ufernahe Pfad zu einer Allee, die sich zwischen hochgewachsenen Erlen und auch Pappeln hindurchquetscht. Verengt sich zwischen alten Bäumen zum Slalomkurs und muss Wurzelbuckel übersteigen. Viele der dicken Stämme mit ihrer tief gefurchten Rinde wurden vom Efeu erobert, dessen Stämme teils so dick sind, dass sich darum keine Hand mehr schließen lässt. Trotz Schattenlage fasst sich so ein Stamm warm an, wohl des struppigen Pelzes wegen.

Lichtspiele und Frisuren

Dieser Weg ist kaum länger als eine Drittelstunde, doch allein seinetwegen würde sich die weite Anreise lohnen. Am anderen Ufer ist unter nordischem Wolkenbild Alt Zeschdorf zu sehen, schräg gegenüber die Brücke über den schmalen Damm zwischen den Seeteilen. Im Norden fällt der Blick auf die hanggelegenen Wochenendhäuser und den Zeltplatz. Zwei Enten posieren und poussieren auf dem glitzernden Wasserspiegel – der Frühling ist nah.

Uferpfad bei Hohenjesar

Wer die Abwechslung auch im Kleinen mag, schlägt einen kurzen Bogen durch die Gärten und überwindet dabei ein paar Höhenmeter, der Abstieg kann über eine steile Stiege erfolgen. Zwischen dem Hohenjesarschen See und dem ähnlich großen Aalkasten dürfen Motorlose übers Mühlenfließ, das sich vom Aalkasten bald Richtung Oder wendet und dort auf seinen allerletzten Kilometern noch die Landschaft unterhalb der Lebuser Adonishänge veredelt.

Uferpfad gegenüber von Alt Zeschdorf

An den Wochenendgärten ist noch kaum Betrieb, vielleicht der nachgereichten Kälte wegen. Am Zeltplatz steht beim Seecamp eine Tafel draußen, aufgekreidet stehen Pfannkuchen und Kaffee, doch es sieht nicht aus, als wenn geöffnet wäre. Da die zweite Pause nur ein paar Minuten zurückliegt, gehen wir vernünftig weiter und bereuen es kurz darauf ein bisschen – zum einen wegen des versäumten Genusses, zum anderen wegen der verpassten Chance, etwas Geld hier zu lassen. Beide Probleme haben sich kurz darauf in Luft aufgelöst.

Und nochmal Uferpfad, kurz vor den Hanggärten

Alt Zeschdorf

Im Ort sind nun schon ein paar mehr Bienen unterwegs, vermutlich dank der warmen Hauswände, die auf die Schneeglöckchen und Krokusse in den Vorgärten abstrahlen. Drüben sägt wer was, weiter hinten wird etwas verbrannt. Ein paar Meter voraus sprintet ein Eichhörnchen über die Straße, verschwindet in einem grünen Weg und macht uns neugierig. Leicht abwärts geht es hier zur Badestelle, wo es neben einer großen Wiese auch einen kleinen Strand gibt. Ein breiter Steg ragt in den See hinein und gestattet Blicke übers Wasser und hinüber nach Hohenjesar.

Am Verbinder zum Aalkasten

Auf halber Hanghöhe steht eine Bretterbude, davor plaudern ein paar Leute, wirken eher privat. Doch es gibt ein kleines Kommen und Gehen, und so werden wir wieder neugierig. Beim Näherkommen ist zwischen den Menschen eine Luke zu sehen, drin sitzt eine Frau mit freundlichem Gesicht – und erneut sieht es nach Kinderbuchillustration aus. Wahrhaftig hat hier Tante Magdas Imbiss offen, und das schon den ganzen Winter über, so gut wie jeden Tag. Selbst bei minus sechzehn Grad. Die Kundschaft freut es sehr. Und uns nicht minder, denn eine Einkehr am Weg ist immer am schönsten.

Am Badeplatz in Alt Zeschdorf

Tante Magdas Imbiss

Nach kurzem Plausch mit einem Stammkunden aus dem Dorf wird schnell klar, dass hinter der Scheibe eine gute Seele des Dorfes werkelt. Nach diversen Bestellungen und etwas Geplauder mit der Dame selbst weiß ich, dass sie vom Südrand Polens kommt und hier mit kleiner, feiner Karte eine ansprechende internationale Mischung auf die Teller bringt – polnische Piroggen und Gemüsesuppe, ungarisches Goulasch, dazu Knödelscheiben als Gruß aus Böhmen. Gar nicht zu reden von den süßen Sachen, doch die müssen bis zum nächsten Mal warten. Die Frage, ob wir nach der Suppe wirklich jeder noch eine ganze Portion Goulasch wollen, war nicht unberechtigt. So bleibt für Feines zum Kaffee am Ende wirklich kein Platz mehr.

Frisch geworfenes Lämmchen

Nach mehreren Pendelgängen zwischen Kiosk und Strandbank reißen wir uns los und sind froher also sonst, dass noch ein gutes Stück Weg übrig ist, um schon mal erste Energieeinheiten abzubauen. Von Alt Zeschdorf hinüber nach Hohenjesar führt ebenfalls ein schmaler Damm, der die zwei Teile des Hohenjesarschen Sees ansprechend tailliert. Links am Hang stehen Schafe, dazwischen liegt noch etwas wacklig ein blütenweißes, wolliges Lämmchen, das gerade so alt sein wird, dass die Wolle nicht mehr pappt und die luftgefüllten Locken wärmen können.

Damm zwischen den Seen und den Dörfern

Im kleinen Park werden gerade die Bäume von morschem Geäst befreit, gegenüber sind allerhand Pferde unterwegs. Ein Pfad verlockt in den Rundweg um den Schlosssee, eröffnet wird mit einer enorm dicken Buche. Gleich daneben ist nun endgültig erkennbar, dass der Doppelort ein beliebtes Urlaubsziel sein dürfte, den alle Welt vielleicht längst kennt. Hinter einer Reithalle erstrecken sich elegant in blau gehaltene Stallungen und Arkaden an der Stelle, wo vormals wohl ein Schloss stand. Hier erklärt sich jetzt auch die Auffahrt mit den Pfosten von vorhin, welche das Areal der Hufe direkt mit dem der Kirche verbindet.

Rückblick auf Hohenjesar

Direkt an die Stallungen grenzt ein einladendes Ausflugslokal, gegenüber liegt ein Strändchen. Kurz hinter der Kirche drehen wir ab zum westlichen Dorfrand, von dem sich nochmals ein schönes Dorfbild mit Kirche bietet. Der restliche Weg verlangt nur wenig Konzentration und verläuft anfangs oberhalb der schönen Kastanienallee. Doch erst müssen wir noch einer grölenden Horde Drachen entkommen, die ein weitläufiges Areal von Viehställen bewachen.

Die Wipfel der Kastanienallee vom oberen Weg aus gesehen

Sie kommen in Gestalt dreier muskelbepackter Riesenköter daher, bei denen auf jegliche Art von Fell verzichtet wurde, teils auch auf Farbe, und die äußerlich restlos frei sind von Lieblichkeit. Die einzige Grenze zwischen der Drachenmeute und uns ist ein zweidrahtiger Weidezaun unter Strom, nicht höher als die Stirn des kleinsten der Fabelwesen und nicht dicker als ein Streichholz. Also eher eine sehr theoretische Barriere. Bestärkt von rationalen Argumenten, die wir uns in gedämpftem Tonfall glaubhaft zuraunen, stehlen wir uns im größtmöglichen Abstand an der lärmenden Horde vorbei. Und bleiben ungeschoren. Selten war eingekehrte Ruhe so schön.

Buschiger Weg gen Wald und Mühltal

Um so wohltuender ist nun der meditative Weg zwischen Busch- und Baumwerk, der ganz leicht abwärts führt, die Schritte von selbst geschehen lässt. Kurz nach dem verlockenden Abzweig zur Herrenmühle lässt sich vor dem Waldstück auf die Wiese abzweigen, zuletzt über ein paar bucklige Meter Pfad zum Hohlweg hinab ins Bachtal queren. Gen Norden werden die Reststoppeln der abgemähten Kornfelder von der tiefen Sonne nahezu plüschig beleuchtet.

Kurz vor dem Abstieg in den Wald

Nach etwas Fichtenwald erreichen wir den Talgrund und sehen, wie sich das Wasser im nassen Stoppelland breitmacht. Das späte Licht lässt die prall gefüllten Pollen-Würmchen der Birken erglühen. Kurz vor Schluss wird jetzt noch ein weiterer besonderer Ort hinzugefügt, als wir die zerfallenen Gemäuer der Mühle erreichen, die deren Grundriss anschaulich wiedergeben.

Gekämmte Stoppelfelder

Das Wasser flutet nach einem meterhohen Sturz einen der einstigen Mühlenräume zum steingefassten Schwimmbecken und liegt kurz darauf schon wieder spiegelglatt, als wäre nichts gewesen. Das zottige Gras der Ufer reicht hoch bis zum Rastpavillon und wird gegen Ende der Dämmerung sicherlich ein Eigenleben entwickeln. Hochromantisch ist es hier und etwas mystisch, ein flüchtiger Gedanke an Caspar, David und auch Friedrich flackert auf. Das ist jetzt so eine Situation zum Zeiteinfrieren, zum Festhalten des Moments, damit der Tag nur nicht zu Ende geht.

Am alten Mühlgemäuer bei Treplin

Doch mit einem Mal wird es belebt hier unten. Es ist ja auch eine zauberhafte Zeit, wenn der Tag ausatmet, die Luft im Tal spürbar kühler wird und das letzte Licht in den Baumwipfeln immer höher wandert. Einige Vater-Kind-Gespanne nutzen die Zeit nach dem Abendbrot zum kurzen Ausschwärmen vor der Gutenachtgeschichte, ein Pferd wird nochmal ruhig durchbewegt und zwei verhuschte Radfahrer erreichen ihr Ziel wohl später als gedacht.

Der Trepliner Dorfbach auf dem Weg ins Mühltal

Den Weg hinauf ins Dorf begleiten die verspielten Windungen des Dorfbaches, mal erdig in einer Furche, mal flach in der Wiese oder hübsch steinig inszeniert in einem Garten. Eine eilige Katze sieht zu, dass sie noch einen warmen Ofenplatz abfasst, denn es wird schneller kühl jetzt, auch hier oben. Die Abendamsel empfängt uns mit dem schönsten Lied des Frühlings, die Kirche legt fünf ruhige Schläge dahinter. Auch dieser Tag, er ist schon jetzt Legende.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Frankfurt/Oder, von dort mit dem Bus (ca. 1,25-1,45 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land auf B1/B5 (ca.1,5-1,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzunge vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Treplin

Information Hohenjesar/Alt Zeschdorf

MOZ-Artikel zur Russischen Kapelle

Zeitungsartikel zu Tante Magdas Imbiss

Einkehrmöglichkeiten: Tante Magdas Imbiss, an der Badewiese in Alt Zeschdorf
Seecamp am Oderbruch, am Zeltplatz nördlich von Alt Zeschdorf
Gaststätte Am Seeberg, Hohenjesar
Gaststätte Glück auf, Treplin

Bad Freienwalde: Tiefe Furchen, das Quartett der Schanzen und die Meisenahnung

Die Winterferien sind ganz frisch angebrochen, und wenn auch viele Leute nicht das machen können, was sie eigentlich vorhatten, gibt es als großes und linderndes Trostpflaster den ersten dicken Schnee seit langem, fast punktgenau. Am späteren Freitag kamen schwerbeladene Wolken in der Region an und ließen Stadt und Land unter einer der schönsten Spielarten der großflächigen Geräuschdämmung versinken.

Stiege von der Königshöhe hinab ins Kurviertel

Wenn Herz oder Seele aus solchen oder sonen Gründen ihre Leichtigkeit eingebüßt haben, sorgt das nun dafür, dass man die Augen gar nicht von diesem friedlichen und beschwichtigenden Bild lassen möchte, auch wenn schon die Nase am Fensterglas plattgedrückt oder am offenen Fenster kalt wird. Das stille Spektakel mit dem dichten Flockentreiben ist so wunderschön, dass mancher vielleicht vor Rührung glasige Augen bekommt und sich kurz darauf verwundert an die eigene Stirn tippt. Andere nehmen sich bei der Hand, springen die Treppe hinunter und schaffen es, als allererste ihre verschieden großen Sohlenmuster ins unberührte Weiß zu stempeln, selbst mitten in der Innenstadt.

Verschneite Ski-Sprungschanzen in Bad Freienwalde

Auch in diesem recht neuen Jahr gelten die alten Regeln, die teils noch etwas nachgeschärft wurden. In diesem Rahmen spielten die Zahlen 15 und 200 eine Rolle*, wobei die eine aus der anderen resultieren konnte, in der Folge ein weiteres Entfernen vom eigenen Wohnort nicht erwünscht war. Berlin schaffte es gerade so, davon nicht betroffen zu sein, für einige Landkreise in Brandenburg wurde es hingegen kurzzeitig real.

Im Kurviertel

Mal abgesehen vom jüngsten Schnee hielt der Januar schon so einige weiße Tage bereit, die oftmals auf die Wochenenden fielen. So wie der vorangegangene Herbst seinen Namen redlich verdiente, gilt das bisher auch für den Winter. In den letzten Tagen gab es dann zum allerersten Mal diese kräftige und euphorisch stimmende Wintersonne, die sich schon klar nach Februar anfühlt, oft mit Meisensound einhergeht und meist mit dem Entdecken allererster Frühblüher synchron läuft. Gelbe Punkte im weißen Schnee unter blauem Himmel – das lässt so manche und manchen schon anders aus der dicken Kapuze schauen, und das war lange nicht so wichtig wie in diesem Jahr. Denn der Mensch lebt nicht alleine von Tee und Bier und Vitaminobst.

Gestriegelter Blick zurück nach Dannenberg

Da jegliche Verreise-Ferien also ins Wasser gefallen sind, gilt es das Beste aus dem zu machen, was genehm und in der Nähe ist. Das fällt bei aller Wehmut nicht allzu schwer angesichts all der Brandenburger Landschafts-Vielfalt. Die Kunst dabei ist allein, die Kontakte mit der eigenen Spezies ähnlich gering zu halten wie in den ausgesucht einsamen Gegenden zurückliegender Freiluftstage.

Höhenweg im Gebirge, bei Bad Freienwalde

Bad Freienwalde

Dass die Landschaft rund um Bad Freienwalde eine besondere unter den hiesigen ist, wissen wohl die meisten, die öfter mal ausschwärmen – in diesem Sinne aufs Neue ein herzlicher Dank an die jüngste Eiszeit. An Gebirgigkeit braucht sich das durchfurchte Moränenland mit seinen unzähligen Wegen hinter der Märkischen Schweiz in keiner Weise zu verstecken. Hier und da dreht sie in Sachen Relief sogar noch etwas mehr am Zeiger und eröffnet nicht selten Referenzen an die Sächsische Schweiz, den Harz oder den Thüringer Wald, vereinzelt sogar namentlich. Dazu tragen nicht zuletzt die grundverschiedenen und riesigen Villen rund ums Kurviertel bei und auch die steilen und oft überraschenden Stiegen, auf die man überall im Stadtbild trifft.

Am Teufelssee

Mit dem selten gewordenen Schnee im Spiel und den weiten weißen Aussichten kann man sich dort noch viel besser vorgaukeln, ganz woanders zu sein – tief im Winterurlaub, hoch in irgendwelchen Mittelgebirgshöhen mit ihren versunkenen Tälern. Und nicht ein gutes Bahn- oder Autostündchen von Berlin entfernt. Doppelt passend zur weißen Landschaft ist die einzige richtig große Sprungschanze im Land Brandenburg, die noch im Stadtgebiet stehend zum nördlichsten Skisprungzentrum Deutschlands gehört. Und heute einfach umwerfend aussieht, so rechtplatziert wie selten.

Vom Wasser der Alten Oder gespeist wird der Freienwalder Landgraben, der vom Kaliber her selbst als Alte Oder durchgehen würde. Vom Bahnhof kommend überquert man das Wasser und hat vor sich den Marktplatz des Bergstädtchens liegen, ganz oben die Kirche und gleich darüber den Schlossberg mit einem romantischen Ruinlein, dass zu der Handvoll schönster Ausblicke ins Oderbruch gehört. Ein Bengel prügelt sein Mopped am beschaulichen Markt vorbei, damit bei Omi der Milchreis nicht kalt wird. Die Drehzahlen des gequälten Bockes lassen sofort an Zahnarzt und trockene Zahnräder denken.

Am Markt

Beim Bäcker in der Königstraße gibt es die besseren medizinischen Masken im Fünferpack zu einem echt fairen Preis – in manchen Apotheken der Hauptstadt würde man dafür gerade mal zwei Stück bekommen. Damit hat hier niemand eine Ausrede, der mit Stoffhäubchen oder nacktnasig seine Semmeln holen möchte. Ansonsten ist es eben so still hinter den Schaufenstern wie es das gerade überall ist.

Blick zum Aussichtsturm auf dem Galgenberg

Mit Bad Freienwalde ist es wie mit Eberswalde – man meint immer, den Ort ganz gut zu kennen und wird jedes Mal wieder herrlich überrascht. In der Hoffnung auf minimale Kontakte mit aufrecht Gehenden meiden wir die allseits bekannten und immer wieder bezaubernden Spuren, denen man insbesondere nach reichlich Schneefall ansehen kann, wie beliebt sie sind. Heute also nicht das Kurviertel, die Aussichtstürme und das romantische Brunnental oder der Schlosspark und der herrliche Höhenweg nach Falkenberg, zumindest jetzt noch nicht. Das Umkrempeln soll sich lohnen, denn der Tag wird reich sein an besonderen Neuentdeckungen.

Stiegen und Turmspitze am Ziegenberg

Noch gibt es zwischen klassischer Altstadt und Kurviertel diese seltsame, praktische und streitbare Hochbahntrasse, die es in all diesen Eigenschaften und ein paar Nummern größer auch in Halle an der Saale gibt. Nur besteht dort nicht unmittelbar die Gefahr, sich den Kopf zu stoßen, wenn man sie im fröhlichen Hopserlauf unterquert. Dahinter lassen wir die Massen ins pittoreske Kurviertel am Papengrund ziehen und stehen kurz darauf vor der ersten steilen Stiege, zugleich dem ersten von fünf nennenswerten Anstiegen dieses Tages, der es am Ende auf stattliche dreihundert Höhenmeter bringen soll. Direkt neben dem topfebenen Oderbruch.

Höhenweg am Ziegenberg

Ziegenberg

Es ist wahrhaft frostig heute, doch oben sind die Hände warm und der erste Reißverschluss geöffnet. Den Gipfel des Ziegenberges verfehlen wir, weil ein verschneiter Höhenweg lockt und zusätzlich ein ins Bild rückender Villenspitzturm ablenkt. Gegenüber ist auf Augenhöhe der wohlgeformte Aussichtsturm auf dem Galgenberg zu sehen.

Auf unserem verpassten Gipfel steht ein Mahnmal von winkelförmigem Grundriss, das wir uns fürs nächsten Mal aufheben. Beim Abzweig dorthin stürzt sich mit gewisser Dramatik ein Pfad hinab ins nächste Tal, der Traktion und Gleichgewicht herausfordert und manche ungesehene Grimasse hervorbringt. Je kleiner die Wege sind, desto leichter sind sie auch zu übersehen, und da es hier in den Höhen überall immer viele davon gibt, ist es heute besonders hilfreich, den Satellitenempfänger dabei zu haben.

Gemütliche Villa auf der Königshöhe

Königshöhe

Auf der Königshöhe liegen quasi die wirklich exklusiven Wohnlagen, die nicht von den Spaziergängern und Kurenden überlaufen werden und obendrein noch edle Aussicht genießen. Schöne Villen gibt es hier zu sehen, bei vielen gehen Geld, Geschmack und Lebensfreude Hand in Hand. Hinter dem Waldhaus endet die Straße und lässt Spaziergänger auf einer urigen Stiege mit betagtem Metallgeländer ins Kurviertel absteigen. Die Stufen und ihre Abstände sind abseits jeder Euro-Norm, bringen damit Spaß und fordern zugleich etwas Umsicht. Viele Impressionen rufen vor dem geistigen Auge Vergleiche zu anderen schönen Gebirgsregionen auf.

Auf der Königshöhe

Währenddessen hat der dicht bewölkte Himmel aufgeklart, lässt erstes Blau blicken und den Tag etwas heller werden. Der Mühlweiher vor dem blassgelb leuchtenden Haus Papenmühle ist zugefroren, und wie erwartet wird es jetzt kurz ein bisschen voller. Doch schon beim Kurmittelhaus drehen wir wieder ab, schicken kurz einen Handgruß ins Brunnental und überlassen es den anderen. Zwischen mürb-romantischen Villen mit mediterraner Anmutung tauchen wir in den nächsten Talgrund ein, der an einem großen Parkplatz und weitläufigen Sportanlagen endet.

Stiege von der Königshöhe hinab zum Kurviertel

Helmut-Recknagel-Sprungschanze

Und da steht sie dann, noch klein und ganz weit hinten mit ihrem eleganten Schwung – die große, über alles herausragende Sprungschanze mit den drei Geschwisterchen. Vier Kategorien von Wagemut, dem sich hier nach etwas Vorbildung auf den Grund gehen lässt. Ein großer Bogen führt ums Stadion und das leicht ansteigende Ausrollfeld für gleitend Gelandete. Von hier unten lässt sich der Anlage direkt ins Gesicht schauen, die so in Schnee gekleidet doppelt eindrücklich wirken kann, über ihr der zunehmend blaue Himmel. Links kontrastiert als gewundene Spur in Schwarz bereits die lange Treppe aus dem Weiß und verheißt den zweiten steilen Anstieg des Tages.

Kurmittelhaus im Kurviertel, Bad Freienwalde

Die sanfte Ausrollböschung wird von ein paar Handvoll bunter Kinder als extrabreiter Rodelberg benutzt, die quietschvergnügt zur Sache gehen und von ihren Eltern kaum zur Vorsicht gemahnt werden müssen – hier kann wirklich nichts passieren, und sei das Temperament auch noch so ungestüm.

Villa Papenmühle im Papengrund

Am oberen Ende der mehrteiligen Treppe ist das Bild noch einmal ganz anders. Mit Details der Konstruktion im Vordergrund reicht der Blick über die nahen Höhenzüge und darüber hinaus bis weit ins Odervorland und sogar nach Polen.

Mediterran-morbide Akzente am Rand des Kurviertels

Entlang der B 158 und der Siedlung Waldstadt erreichen wir das Ortsausgangsschild, und nach einzwei Minuten ohne Bürgersteig schlüpft gegenüber ein winziger Pfad in den Wald und schafft sogleich Abstand zur schnell befahrenen Straße. Komplett verschneit ist der Wald, der Pfad zeigt auch hier noch eine Menge Spuren und prompt kommen uns zweimal Leute entgegen. Doch das war’s dann für die nächsten knapp drei Stunden.

Ski-Sprungschanzen von unten

Der Weg wird zum breiteren Waldweg. Das ist jetzt direkt wohltuend, denn die schmalen Pfade und das Auf und Ab zeigten schon im Ansatz, dass es spätestens am Folgetag an vielen Stellen miezen wird. Nicht zuletzt werden das neben den erwartbaren Waden und dem Sitzteil die Fußsohlen sein, denn den ganzen Tag auf Schnee unterwegs zu sein ist durch die letzten Jahre ungewohnt, braucht etwas Einwöhnung. Wir kommen durch gipfelkahlen Laubwald, wohnlich dämmrige Fichtenwäldchen und vorbei am klassischen märkischen Kiefernwald, bis sich die Landschaft schließlich öffnet und voraus die ersten Häuser von Dannenberg liegen.

Ski-Sprungschanze von oben

Dannenberg/Mark

Dannenberg gibt zunächst vor, ein pures Straßendorf zu sein. Es riecht nach Kohlen –und Holzheizung, hinten sägt jemand, weiter vorn gönnt jemand dem Elektrohobel keine Atempause. Hinter einer Kurve löst es sich dann zum Angerdorf auf. Unter silbergrauen Wolken hockt die stilgemischte Kirche auf ihrem Hügel, darunter liegt der halbgefrorene Dorfteich mit unzähligen warmweichen Rohrkolben und schönem Angeboten für die längst fällige Pause.

Weg nach Dannenberg

Links von einem der Häuser kommt ein Pärchen mit einem fetten Köter, so einen stämmigen mit nach innen gestellten Pfoten und wenig straffer Haut im Gesicht, auch bekannt als Feindbild von Tom und Jerry. Hat denkbar üble Laune, ist vielleicht kein Freund von Kälte oder Schnee zwischen den Zehen und strafft die Leine kraft seiner guten Traktion, der Vorgang dauert Minuten. Vorn an der Straße geben die beiden auf und sehen den Rückweg zur Haustür behende und in Sekunden erledigt.

Am Dorfteich in Dannenberg

Während der Tee dampft und die Tüte raschelt, reißt der Himmel auf und betont nun jedes kleine Detail der Kirche im schönsten klaren Winterlicht. Eine Meise landet auf einem der Rohrkolben und zupft umgehend nachquellendes Polstermaterial heraus. Über den Häusern ziehen weiße Wolken auf, auch riesig große. Die Kulisse ist zum Seufzen.

Blick von Dannenberg zum nahen Gebirgsland

Am Dorfausgang steht mit filigranem Stützkorsett eine in Weidenmanier geborstene alte Linde, durch die man eine Viertklässler reichen könnte. Noch vor den letzten Häusern beginnt einer von diesen schönen Feldwegen, die von Büschen, kleinen Bäumen und Steinwällen begleitet werden. Hier beginnt nun der langwährende Lohn für die Aufstiege. Fast ohne Gefälle, doch angenehm spürbar senkt sich der Weg ab, es läuft sich gewissermaßen von selbst. Überall im knorrigen Buschwerk huscht es, Spatzenfrüchte sind flink unterwegs und solistische Meisen lassen wissen, dass bald auf März geht.

Klassischer Feldweg bei Dannenberg

Voraus ergeben sich panoramabreite Blicke auf den bewegten Höhenzug zwischen Bad Freienwalde und Falkenberg, davor läuft eine Allee mit jungen Bäumen von Dannenberg nach Cöthen. Zwischendurch schaut diffus die Wintersaat durch die lose Schneedecke, zum nächsten Wäldchen hin sorgt Rapssalat für deutlicheres Grün. Der Rückblick nach Dannenberg stellt die Kirche hinter den weißen Cord der Ackerflächen. Jenseits der Allee ist bald der Wald erreicht, am Weg knallt das Rot polierter Hagebutten ins Auge, und ein kleiner Sattel sieht im Rückblick aus wie ein Strandzugang über ausgewachsene Dünen.

Am Waldrand

Direkt hinter dem Waldeingang stürzt sich abenteuerlich ein winziger Pfad hinab in eine Landschaftsfurche, der sich nur dank zahlreicher Fußspuren als Wegelinie wahrnehmen lässt. Auf der Karte lassen die dichten und wirren Höhenlinien an einen durchgeschüttelten Teller ungarnierter Spaghetti denken. Eine besonders hochkante Fichte steht mitten auf dem Pfad, als hinge sie als buschiger Ast herab. Der Abstieg führt durch Fichtenwald, beruhigt sich erst nach und nach. Unten im Wald ist einiges umgefallen, sodass ein wenig Kletterei von Nöten ist.

Allee nach Dannenberg

Gerade als Zweifel aufkeimt, ob hier irgendwo Anschluss an das offizielle Wegenetz besteht, wird rechts eine Versammlung von Rastgelegenheiten sichtbar. Ein sechskantiger Pavillon mit holzgetäfeltem Fußboden, ein paar Raufen und auch offene Bänke lassen vermuten, dass hier im Walde manchmal kleine Marktereignisse stattfinden.

Vermeintlicher Strandzugang

Kurz wird das trockene Bett des Falkenberggrabens berührt, dann beginnt ein kleines Zickzack bis zum Anschluss an den nächsten großen Weg. Der ist nach beiden Seiten einladend, doch wir müssen das schwindende Tageslicht im Blick behalten. Bis hierhin hielt der Abwärtstrend, jetzt kommt der Ausgleich. Moderat, doch beständig steigen wir hinauf bis zum nächsten gemütlichen Rastpavillon und kommen nun in die Region, wo mit mehr Publikum zu rechnen ist. Der Specht lässt seine drei klassischen Geräusche hören, die nie aus derselben Richtung kommen.

Steiler Pfad hinab in die Täler

Hier treffen sich mehrere Wege, doch nur einer von ihnen verschwindet steil und gewagt in einer tief eingeschnittenen Furche, die mit all dem Schnee überhaupt nicht nach einem Weg aussieht. Doch neben dem GPS-Track überzeugt auch die eindeutige Wandermarkierung, wobei letzte Zweifel bleiben. Auch hier liegt einiges quer und ist der Struktur der Furche gemäß nun schwerer zu umgehen, da man stets wieder in die spitzwinklige Mitte rutscht. Doch auch das gelingt ohne Hosenbodenlandung.

Rastplatz im Walde

Unten stößt der Weg auf eine von unzähligen Sohlen zerwühlte Wegkehre und führt gleich wieder etwas hinauf. Die Sonne steht schon tief und beleuchtet warm die höchsten Wipfel der Kiefern am jenseitigen Hang. Manchmal öffnen sich astige Sichtfenster in die Weite des Oderbruchs. Der sagenhaft schöne Weg ist ganz zu Recht so abgelatscht, denn er ist ein wahrer Klassiker. In weiten Bögen und engen Kehren verläuft er auf etwa selber Höhe und quert dabei zahlreiche Nebentäler, wie man das sehr schön auch vom mittleren Polenztal in der Sächsischen Schweiz kennt. Oder zahlreichen anderen Mittelgebirgen und Schweizen im Land. Hier aber gibt es das Ganze mit nur zweistelligen Höhenwerten, doch kein bisschen schwächer in der Perfomance. Mittlerweile wurde der Weg als „Märkischer Bergwanderpark“ in gutes Marketing gekleidet, was er absolut verdient.

Fußweg durch die schmale Scharte

Ein paar Kehren später folgt die nächste Hütte, diesmal im kleinen Format, doch nicht weniger gemütlich und natürlich ebenfalls holzgefliest. Kurz darauf folgt der Abzweig, der den Abstieg zum Teufelssee einleitet. Der ist schön, allseits bekannt und daher gut besucht, doch hier kommen uns die späte Stunde und das knappe Licht zu Gute. Gegenüber wird gerodelt, rechts ein Hund ausgeführt, und das passierende Wandertrio hinter uns diskutiert gerade, wer heut Abend kocht und was und ob ohne oder mit.

Wegkehre mit hohem Bekanntheitsgrad

Teufelssee

Der kleine See in seinem Kessel gibt nun die Bühne frei für verschiedene Entenepisoden. Das angematschte Eis erschwert auch den erfahrensten Schnabelleuten die Einschätzung, wo Watscheln endet und Schwimmen anfängt, der Übergang wird oft vom Durchsacken der Beine bestimmt, was keine der Enten richtig witzig findet. Eine resolute Dame jagt stets laut zeternd von der einen offenen Stelle zu der anderen, ein stilles Pärchen schwimmt hintereinander durch eine freigeschwommene, bürzelbreite Spur. Eine Entendame schaut kurz, ob wir ihr was mitgebracht haben, doch leider sind wir gänzlich unvorbereitet und sie wackelt wieder ab. Die kleine Insel mit ihren zwei Bäumen interessiert gerade gar niemanden.

Letztes Licht in den Wipfeln überm Teufelssee

Fast schon duster liegt der See hier unten, doch ganz hinten schafft es noch die späte Sonne über den Berg und taucht die Wipfel in ihr Gold. Der Bach fließt munter Richtung Mühle, hinter der rund um die Lindenquelle großflächig Wasser aus dem Boden tritt. Ein letzter Blick fällt noch ins weite Oderbruch, bevor es Zeit wird, das Essen zu bestellen – in einer guten halben Stunde wollen wir vor Ort sein, dann schon im Laternenlicht.

Blick auf die Stadt von der Aussichtsplattform überm Schloss

Vorher steht noch ein letzter Aufstieg an, das passt schlecht zu den verbliebenen Kraftreserven, doch insofern gut, dass es jetzt spürbar kälter ist. Ein direkter Aufstieg führt durch den Saugrund. Die dicke Schneedecke ist völlig unversehrt, was ein bisschen verunsichert und den Weg zunächst übersehen ließ. Oben sind die Hände wieder warm, die Landschaft öffnet sich nach links. Ein schöner Aussichtspunkt will locken, doch heute geht nix mehr. Außerdem zieht die Vorfreude auf warmes Essen intensiv Richtung Stadtmitte.

Schloss im Licht der blauen Stunde

Der Dr.-Max-Kienitz-Lehrpfad wird zunehmend zur Furche und endet an einem Wohnviertel in der höheren Lage eines Nebentals. Von hier führen Wege direkt in den Schlosspark, die derzeit leider gesperrt sind. Ansonsten kann man sich in dem wilden und bewegten Park noch diversen kleinen Auf- und Abstiegen hingeben, vor allem aber die Aussichtsplattform mit ihrer dramatisch posierenden Eiche erklimmen. Von dort liegt einem die Stadt und alles drumherum zu Füßen.

Bad Freienwalde am Abend

Die ist jetzt schon von den Lichtpunkten der Fenster und Straßenlaternen durchzogen. Am Schloss zeichnet eine Lichterkette das Balkonrund nach. Der modelhübsche Turm auf dem Ziegenberg ist dezent beleuchtet, was entgegen gewisser Logik die allerletzte Sonne sein könnte oder eben ein figurbetonender Scheinwerfer, dessen Unterhaltung die Stadt spendiert. Vom Land zwischen Oder und Oder tönen ferne Kranichhorden. Über dem warmen Licht der Altstadt-Laternen wölbt sich blass das Himmelszelt der blauen Stunde und verleiht der filigranen Kirchturmspitze absolute Schärfe.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
von Berlin-Gesundbrunnen mit Regionalbahn, umsteigen in Eberswalde (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 158 nach Bad Freienwalde (ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: 19 km (Abkürzungen vielfältig möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Bad Freienwalde

Märkischer Bergwanderpark

Papengrundschanzen

Turm-Diplom Bad Freienwalde

Einkehr: div. Möglichkeiten im Stadtgebiet

*) Ab einem Inzidenzwert von 200 darf sich derzeit in Brandenburg und Berlin nicht mehr als 15 Kilometer von der Stadt- bzw. Ortsgrenze entfernt werden – ausdrücklich auch nicht für Bewegung an der frischen Luft.

Karlshof: Weiße Luft, knirschende Kronen und die verschiedenen Wasserleute

Der erste Sonnabend im neuen Jahr fällt mit zwoeinszoweins auf ein Datum, das klingt wie ein Mikrophon-Check und sich zugleich bestens für Vermählungen empfiehlt. Mit dem Blick nach vorne werden insbesondere Liebespaare solche sommerfernen Termine geblockt haben, die sich vorrangig zueinander bekennen wollen und dabei wenig Wert auf superlative Feste, langwierig ertüftelte Tischordnungen oder monatelange Vorbereitungen mit erheblicher Unruhe für alle Beteiligten wünschen. Ferner sollte eine Hochzeit mit farbenfrohen Kleidern in weißer Landschaftskulisse einzigartige Hochzeitsfotos garantieren.

Oderstrand am Fähranleger

Aus praktisch-diplomatischer Sicht kommt noch hinzu, dass weder die herrische Erbtante noch lose Freunde aus weit zurückliegenden Zeiten ernsthaft verstimmt sein können, wenn sie beim Verschicken der Einladungen nicht bedacht wurden – die Limitierung der Gästeschaft ist ja ganz klar äußerlich bedingt und quasi gesetzlich geregelt. Einem schönen, persönlichen und unvergesslichen Fest steht damit nichts im Wege, und mit etwas Glück in Termin- und Ämterfragen könnte es sogar noch klappen, wenn man sich erst knappe dreizehn Tage vorher zu diesem Schritt entschieden haben sollte.

Neukarlshof an einem klaren Wintertag

Davon abgesehen ist das neue Jahr relativ unauffällig angelaufen, hat wie vorhergesagt den ersten Schnee gebracht in Stadt und Land und in direkter Folge viele herzige Szenen von Kindern und Eltern beim gemeinsamen Schneemannbau. Alle Augen sind in jeder Hinsicht nach vorne gerichtet, Hoffnungen und Ängste kabbeln dabei nach wie vor miteinander, und eine der wenigen verlässlichen Konstanten dieser Welt bildet wie stets der Umfang des Tageslichtes, der nun seit einigen Tagen erkennbar zunimmt.

Neptun in Gesellschaft

Wer sich durch schöne Landschaft bewegen will, sucht also besser nach wie vor die Einsamkeit. Diese gibt es zum Beispiel reichlich und in topfebener Weite im Oderbruch, welches mit seiner östlichen Lage zugleich den Vorteil bietet, dass man dem Winter ein Stück entgegenreisen kann. Vielleicht einen weißgepuderten Acker trifft oder eine unter den Schritten knirschende Deichkrone. Viele vereinzelte Dörfer wurden hier einst verwürfelt, die getrennt oder verbunden werden durch kleine und etwas größere Deiche.

Deichweg entlang der Güstebieser Alten Oder

Karlshof

Eins davon ist Karlshof, das nur zwei Dörfer entfernt liegt von Zollbrücke, dem Ort mit den Ziegen, dem herrlichen Theater und dem Gasthof am Deichsiel, das im Binnenland bestimmt nicht so heißt. Von hier bieten sich mehrere Möglichkeiten zum Oderstrom zu gelangen, und gleich zwei davon finden auf alten Deichen mit stoppligen Kronen statt, die insbesondere nach nassen Tagen eine grundlegende Beweglichkeit in den Fußknöcheln fordern. Die Vielfalt der Wege gestattet Spontaneität und Gelassenheit beim Planen des Wegverlaufes, der endgültig erst im Straßendorf Güstebieser Loose festzulegen ist, bereits auf dem Rückweg.

Deich bei Karlshof

Die Anfahrt, ganz gleich ob mit dem Bus oder auf eigenen Rädern, vermittelt insbesondere bei winterlicher Landschaft den Eindruck, sich durch die südlichsten Gegenden Skandinaviens zu bewegen, sei es nun das schwedische Schonen oder eine der großen Ostinseln des Königreiches Dänemark. Weite Blicke über erdschwarze Äcker, Baumreihen und Kopfweiden, versteckte Naturweiher mit struppigem Schilfgürtel. Und zwischendurch immer mal wieder ein ausladendes Gehöft, eine verfallende Scheune oder ein Dorf. All das im Bereich der Abstufungen zwischen trübem Weiß, fahlem Braun und Scherenschnittschwarz, doch durchs diesige Wetter durch und durch unscharf und damit eine stete Herausforderung für den Autofokus beiderseits der Nase.

Neukarlshof

Kurz vor dem Ort führt eine Brücke über die Güstebieser Alte Oder, einen zaghaften Nebenarm, der trödelig seinem launigen Verlauf frönt und in Wriezen schließlich auf die breitere Alte Oder trifft. Vor der Brücke sitzt in quietschorange ein Angler, was nicht einleuchtet und bald durch das Schild Treibjagd und weitere textile Farbschreie zwischen anderen Büschen erklärt wird.

Einer wie der andere Jäger schaut durchgefroren und ähnlich trüb drein wie der aktuelle Himmel, eine halbe Stunde später sehen wir dann den Grund. Anscheinend ist was durchgesickert vom Termin der Jagd, denn weit hinten auf dem nächsten Acker haben sich erstaunlich viele Rehe versammelt, vermutlich genau außerhalb der Reichweite einer herkömmlichen Flinte und scheinbar kreuzfidel. Mit kitzesfreudigen Bocksprüngen und Fangespielen vertreiben sie sich dort die Zeit, bis schließlich mit staubig-kaltem Messing-Timbre die Tonfolge des Halali ertönt. Nach dem sollte kein Schießeisen mehr entsichert sein, und selbst ein kess grinsender Rehbock im übermütigen Hopserlauf kann dann gefahrlos an jedwedem Jäger vorbeispringen.

Kreuzfidele Rehe auf dem sicheren Acker

Vielleicht war auch alles völlig anders, es ging eigentlich um den Fuchs und der hatte an diesem Tage etwas anderes vor. Uns kommt das Ende der Jagd jedenfalls sehr entgegen, denn so können wir die altgewohnte Richtung einschlagen, die vom Spannungsbogen her deutlich geeigneter ist. Erst verschlungen auf archaischen Deichen zur Oder, dann rückzu wahlweise direkt oder mit Extrabogen. Die leuchtgelbe Hülle ziehen wir dennoch über den Rucksack, damit eine Unterscheidung zum Haarwild jedem Schützen auch nach zwei Jägermeister noch möglich ist.

Zugegebenermaßen ist der Weg von Karlshof zur Oder ein alter Klassiker, woraus sich auch der Erfahrungswert vom Vorschuss auf den Winter erklärt. Wenn es in Brandenburg kalt ist, ist es hier ganz besonders kalt. Wer das nicht weiß und etwas Pech hat, kann durchaus einen unentspannten Tag erleben. Und auch wer gut gerüstet anreist, wird die Pausen nicht allzu sehr ausufern lassen.

Steg über die Güstebieser Alte Oder

Neukarlshof

Gleich am Rand des kleinen Dorfes mit der historischen Glocke in der Mitte lässt sich zusteigen auf den ersten Deich, der zugleich den direkten Weg ins benachbarte Neukarlshof darstellt. Das ist mit Schneeknirschen unter den Sohlen und weiter weißer Sicht nach Norden bald erreicht. Die schnurgerade Reihe von jahrhundertalten Doppelhäusern erscheint wie die Blaupause für eine historische Reportage übers Oderbruch, die von herbeigeholten Siedlern erzählt und von der Trockenlegung und Nutzbarmachung, dem Fritzeswort von der im Frieden gewonnen Provinz und alldem. Oder auch vom Aufbruch und Wiederaufbau nach dem letzten großen Krieg, mit wettergegerbten Landmännern und vorwärtsgewandten Kopftuchfrauen auf knatternden Traktoren.

Güstebieser Alte Oder

Mittlerweile sind die meisten der Häuser und Gärten in liebevollen Händen. Nur ein paar wenige noch bzw. deren Skelette warten auf Leute mit zwei rechten Händen und dem passenden Werkzeug, etwas übrigem Kleingeld und der belastbaren Lust auf solch ein jahrefüllendes Projekt.

Etwas abgeschlagen liegt noch ein einzelner Hof, und hier besteht dank eines kleinen Steges die Möglichkeit, auf den jenseitigen Deich zu wechseln. Auf dem kurzen Weg dorthin liegt ein Nadelwäldchen, das auf einem bemoosten Stumpf zwei bequeme Sitzplätze und dank der Tieferlegung sogar Windschutz bietet. Wir sind zwar keine halbe Stunde unterwegs, doch diesen perfekten Pausenplatz muss man einfach erkennen, auch wenn er etwas zeitig kommt.

Der andere Deich bei Karlsbiese

Der zweite Deich hier scheint nun etwas höher, zeigt links ein Naturprogramm mit Blick auf die Bögen des gemächlich fließenden Trans-Oder-Wassers und die begleitenden Schilffelder, rechts wechselnde Dorfbilder von Kerstenbruch, Neulewin und Karlsbiese mit eingestreuten Bewegt-Motiven in Gestalt von Radfahrern und Spaziergängern. Das Schwarz-Weiß der Großkulisse passt hervorragend zu den dargebotenen stillen Gemälden.

Einzelnes Gehöft im weiten Oderbruch

Ab und an queren Feldwege und auf ihnen vereinzelte Personen mit meist sportlichen Motiven, was wohl auf den festtagsbedingten Block von freien Tagen zurückzuführen ist, ansonsten eher die Ausnahme. In den deichständigen, hochgewachsenen Weiden hängen ausladende Knäuel von Misteln, die ein gewisses Eigenleben vermitteln. Ganz oben am Himmel werden nach und nach die letzten blassblauen Fenster zugezogen.

Deichweg bei Güstebieser Loose

Viele der kleinen Hochstände am Deich sind welk geworden und einfach an Ort und Stelle umgeknickt. An einzelnen windgeschützten Stellen scheint kurz die blassgrüne Wiesennarbe durch, die an diesem Tage regelrecht knallig wirkt. Und schon gleich wieder vergessen ist, angesichts des flächendeckenden Sprenkelweißes allumher. Kurz noch spielt die hochstehende Sonne mit der dichten Wolkendecke und sorgt für grauglitzernde Pastellimpressionen, um schon ein paar Dutzend Schritte später dem Diffusen die Bühne zu überlassen, mehr und mehr.

Wegweiser zur Sehenswürdigkeit

Erst werden die Horizonte unscharf, dann bricht erster Dunst den Rest des Lichtes und nach und nach verdichtet sich das Ganze zu regelrechtem Nebel, dämpft die Landschaft fürs Auge und fürs Ohr. Nur das Allernächste ist noch klar zu sehen, so zum Beispiel ein Wirtschaftshof mit einem großen Stapel alter Fenster, die verschiedenste Formen haben und sicherlich alle ihre Abnehmer finden werden im Verlauf der Jahre. Der Deich quert halbgefrorene Wassergräben und kleine Scharten, bewegt sich auch darüber hinaus nie auf genau derselben Höhe.

Weidenpark im nixenlosen Winterschlaf

Güstebieser Loose

Nur ein paar Minuten später weist ein halbwegs kurioses Schild links zum Weiden- und Nixenpark, der zuallererst natürlich die Frage aufwirft, aus welchem Blickwinkel Weiden und Nixen in eine gemeinsame Kategorie fallen können. Der Gedankenzweig, dass Weiden auch eine Form von Fabelwesen sein könnten, erübrigt sich sogleich, denn die krautige Fläche zwischen Deich und Wasser wird besiedelt von wortwörtlich verwurzelten Weidenzelten, die so groß sind, dass in ihrer Mitte ein Mensch mitsamt Bommel- oder Zipfelmütze aufrecht stehen kann.

Falls in den lebenden Zelten außerhalb der Touristen-Saison die Nixen wohnen, haben diese anmutigen Gestalten sich vor der Kälte ins fließende Wasser verzogen. So wollen wir sie nicht in Verlegenheit bringen, belassen es dabei und erklimmen erneut den Deich. Vielleicht treffen wir sie ja später bei Neptun, auch wenn beide wohl zu ganz unterschiedlichen Welten gehören. Doch mit dem Wasser zumindest haben alle maßgeblich zu tun.

Polnisches Dorf jenseits der Oder

Oderdeich

Kurz vor dem großen Oderdeich endet der Weg an der kleinen Landstraße. Hier befindet sich zwischen allerhand Informationstafeln eine Rastraufe für Durchreisende, dort ein großer Parkplatz, der auf die Nähe der internationalen Fährverbindung hinweist. Gleich hinterm Deich beginnt eine andere Welt, die wieder etwas nordisch wirkt und an küstenvorgelagerte Salzwiesen oder die Überflutungsflächen eines dem Meere zustrebenden Flusses erinnert. Die Sicht reicht so kurz, dass manchmal im Unklaren bleibt, ob gerade wirklich die große Krone eines Baumes zu erahnen ist oder nur das Auge erfolgreich seine Interpretation ans Gehirn verkauft hat. Zumindest die unzähligen Gänse sind klar zu hören, wenn auch nie zu sehen. Passend dazu tränken große und kleine Pfützen sichtbar das ohnehin feuchte Land, das bereits zu den Oderauen zählt.

Klarsicht aufs polnische Fährdorf

Zum Flussufer selbst ist es noch ein knapper Kilometer auf der Straße, deren Nebel alle paar Minuten von ein paar Scheinwerfern durchbrochen wird. Wäre die Sicht klar und der Wind gegenwärtig, würde man hier mit Sicherheit gehörig frösteln. So tappt man durch die eigene Bewegung wohltemperiert gen Polen und steht schon bald vor einer aus daumendicken Eisenplatten geschnitzten Darstellung von Neptun. Der rauschebärtige Scherenschnitt schaut von einer kleinen Anhöhe über den Oderlauf, auch wenn er gerade gar nichts sehen kann. Seine zweidimensionale Darstellung wird erweitert von zwei rumstromernden Bengels, die mit ihren Rädern hier und da hin rollen und schauen, ob irgendwo mehr los ist als wo sie gerade sind.

Neptun am Oderstrand

Gozdowice (Güstebiese)

Noch ein paar Schritte sind es bis zum Fähranleger. Kurz vor dem Ufer wird die Straße zur Schräge, die leicht überfroren und daher mit Vorsicht zu genießen ist. Zwar ist das Oderwasser klar und geruchlos, doch ein ungeplantes Winterbad kann sich schnell zu größeren Unannehmlichkeiten auswachsen. Leute kommen und gehen, manche packen ihre Angeln aus und wollen länger bleiben, andere fahren bis auf den letzten möglichen Meter ans Ufer, schreiten mit verschränkten Händen auf dem Rücken den verbliebenen Schritt und eilen sogleich wieder zurück ins geheizte Blechkleid.

Oderstrand am Fähranleger

Der Blick hinüber zum einstigen Luftkurort Güstebiese erlaubt gerade noch so das Erkennen der ufernahen Häuser und des Fährschiffes, das im vergangenen Jahr wegen ständig wechselnder Bedingungen und Unklarheiten eine Pause einlegen musste. Ein paar Minuten später ist gar nichts mehr zu sehen vom Nachbarland, und selbst am hiesigen Ufer reicht die Sicht nur bis zum nächsten Büschel Schilf. Entgegen allen Erwartungen fährt Neptun zu Füßen ein richtiger Linienbus vor und ist schon bald wieder verschwunden.

Oderfjord der Güstebieser Alten Oder

Nach einer Uferpause neben dem leisen Plätschern einer ufernahen Mini-Schnelle erhält Neptun die ausstehende Aufwartung. Für das Verlassen des Hügels wäre jetzt ein Schlitten oder eine olle Tüte gut. Doch letztlich geht es auch auf den eigenen Sohlen, die auf dem überschneiten Gras ein bisschen die Balance herausfordern und unten bei erreichter Endgeschwindigkeit ein paar Verzögerungstapser einfordern.

Oderfjord unter Klarsicht vom Großen Deich aus

Auf dem Weg zurück zum Oderdeich treffen wir auf den ersten Schneemann dieses Winters, der eine beachtliche Schulterhöhe zeigt, ähnlich der eines Dreikäsehochs. Zwei große und zwei kleine Hände haben das kühle Kerlchen soeben frisch vollendet, und ihnen ist mit geringsten Mitteln ein regelrecht vergnügtes Gesicht gelungen. Die Wiese drumherum ist vollständig freigelegt, was nochmal zeigt, wie perfekt der Schnee für die Erschaffung ist.

Auwiesen zwischen Oder und Deich

Ein kurzer Abstecher zu einem kleinen Oderfjord in den Auwiesen endet an einer amtlich versperrten Brücke, doch der Blick über die schilfumrandete Wasserfläche ist in beide Richtungen möglich. Vorn am Rastplatz ist gerade ein regelrechtes Getümmel, in dessen Konsequenz sich Menschen in vier verschiedene Richtung entfernen. Kurz nach dem Queren der Güstebieser Alten Oder lockt nun schon der nächste kleine Deich, und so entscheiden wir schon vor Erreichen von Güstebieser Loose für die kurze und stille Variante des verbleibenden Weges – die Sicht reicht ohnehin nicht weit, und was heute schon geboten wurde, ist absolut in Ordnung.

Hoch über den Wolken ziehen immer wieder große Formationen von Kranichen zwischen Lager- und Futterplätzen hin und her, in der nebligen Hälfte der Tour auch große Gänsescharen. Hierbei bleibt unklar, ob es sich um eine riesige Eins handelt oder doch nur um eine Kleinfamilie, denn drei Gänse können nahezu genauso vielstimmig und laut krakeelen wie ein ganzer Flugverband.

Wir werden überholt von einem flinken Paar, dem Stöcke zur Vierbeinigkeit verhelfen. Das ist hilfreich, denn auf den Deichwegen liegt unterm Schnee noch feuchtes Laub, das das Prinzip der Gleitfähigkeit jeweils vervielfacht und unsere Schritte aller Eleganz beraubt. Manchmal will der aufrechte Gang eben verdient sein.

Unterwegs nach Neukarlshof

Güstebieser Loose

Auch hier im Dorf gibt es eine Bushaltestelle und selbstverständlich ein Hochhaus, das aus den Zeiten der LPGs stammen dürfte. Auch der bunte Zaun davor ist noch im Originalzustand. Vorm Friedhöfchen biegt links der Weg nach Neukarlshof ab, der nun auf schwarzem Schotterzeug verläuft und eindrücklich mit der verschneiten Landschaft kontrastiert. Aus dem Nebelnichts taucht ein einzelnes Gehöft auf. Noch ein paar weitere folgen, bis schließlich die markante Häuserreihe von Neukarlshof an Farbkraft gewinnt.

Nicht retuschiertes Neukarlshof auf dem Rückweg

Neukarlshof

Wer nicht gerne Wege doppelt läuft und auch nicht über den Steg von vorhin zum anderen Deich wechseln will, kann jetzt einfach auf der Straße unterhalb des Deiches bleiben, die ebenso direkt nach Karlshof führt und dabei festen Tritt und schnellen Schritt ermöglicht. Vom Jägerneon ist nichts mehr zu sehen, die Tiere auf dem Boden können sich also wieder ihrem regulären Tagewerk widmen. Eine Etage höher lässt sich die Wintermeise nicht vom dichten Nebel stören und schickt euphorisch ihr Gepiepse in den Äther.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Strausberg oder Werneuchen, dann per Bus (mehrere Umstiege)(ca. 2,5-3 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (B 158, B 168) über Werneuchen und Wriezen (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 12 km (Varianten und Erweiterungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
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Links:

Fähre Güstebieser Loose (Fährzeiten)

Informationen zu Nixen und Nixern

Weiden- und Nixenpark

Einkehr: keine Einkehrmöglichkeiten

Altlandsberg: Goldene Zacken, spätes Tassenglück und das erkannte Blümchen

Dieser Herbst spielt auf der ganz großen Orgel, mit vollem Registerwerk. Nicht laut, aber vollmundig, nicht plakativ, doch aus vollem Herzen. Es ist ein Fest für die meisten der Sinne, die dem Menschen gegeben wurden, und man kommt mit dem Genießen dieser wochenlangen Darbietung kaum hinterher. Wer hier schon öfter las wird wissen, dass der Herbst ein hohes Ansehen genießt und womöglich auf bereits bekannte Strophen eines Hoheliedes treffen. Gegebenenfalls sind also nur ein paar Absätze zu überspringen – genauso gut kann jedoch lauthals eingestimmt werden.

Kurz vor dem Erpewald

Erstaunlich ist in diesem Jahr, wie allgegenwärtig noch die Farbe Grün ist. Im Unterschied zu den vorangegangenen Herbsten waren zudem nur wenige Zugformationen am Himmel zu beobachten – entweder die großen Flügelschwinger haben sich schon vorher im Stillen auf die Reise begeben oder sie wissen, dass noch ausreichend Zeit bleibt vor dem Wechsel in die wärmeren Gefilde.

An der Kirche

Überall auf dem Boden finden sich nun reichlich Materialien für farbenfrohe Basteleien, lassen sich auf einem kurzen Spaziergang ganze Händevoll gefallener Blätter sammeln, deren nicht ein einziges die Farbe eines anderen haben muss. Dazu eher Dreidimensionales, das nach dem Holzbohrer verlangt, dem denkbar unschuldigsten und allerersten aller Werkzeuge, das sogar den Weg in kleinste Kinderhände findet. Eicheln lassen sich hervorragend mit Bucheckerhüllen in Schale schmeißen, Kastanien verleihen ausgedienten Streichhölzern einen längerfristigen Sinn und die Bucheckern selbst ergeben in der leergewohnten Streichholzschachtel ein schönes Zeug zum Rasseln. Als letzter Schliff lässt sich die Schachtel selbst mit ledrigem Laub tapezieren und an die nächstliegende Oma verschenken, die dann versonnen rasseln kann, wenn wieder Stille herrscht im Hause.

Allee zum Reiterhof

Auf den Feldern und im Wald huschen neben ein paar bummelletzten Lerchen noch hier und da die Finken herum und steuern die verbliebenen niedlichen Geräusche aus der Vogelecke bei. Was sonst aus Schnäbeln tönt, ist eher holzig, klagend oder leicht rabiat und übernimmt von Woche zu Woche mehr die Geräuschkulisse unter freiem Himmel. In bestimmten Gegenden dominieren natürlich die Gänse- und Kranichscharen, die dem Fernreisen abgeschworen haben und so die winterliche Stille untergraben.

Marktplatz Altlandsberg

Die gerne indianisch benannte Mischung aus Altweibersommer und Goldenem Herbst findet also in diesem Jahre sehr genüsslich statt, und so läuft dauerstaunend durch die Gegend, wer einen Sinn dafür hat und in die richtige Landschaft gereist ist. Die größten Spektakel zwischen kupferbraun und golden, leuchtendgelb und dem Rot von Blutorangen finden entgegen mancher Erwartung nicht im Walde statt, sowohl im Mittelgebirge als auch hier im flachen Land. Linden, Ahorne und Eichen lassen sich ebenso gut in offenen Landschaften mit langen Alleen bewundern, die zum Teil kilometerweit zu sehen sind und unter den wandernden Lichtflecken der perforierten Wolkendecke regelrecht zum Leben erwachen. Was eben noch nach nichts aussah, kann im nächsten Augenblick zur Göttlichkeit erstrahlen und bis zum Zücken der Linse längst wieder im grauen Jäckchen überm Boden hocken. Es heißt also wortwörtlich, den Augenblick zu genießen.

Schlossgut Altlandsberg mit Schlosskirche

Alleen haben häufig mit Ortschaften und offenem Land zu tun, und solches findet sich oft schon in geringer Entfernung von der nächsten Stadt, sogar wenn diese ziemlich groß ist. Solche Stadtrandtouren tragen meist einen besonderen Charme, weil die Natur mit spröden Elementen und eher pragmatischen Bauwerken der Infrastruktur durchmischt ist, häufig auch mit punktuellem Lärm oder Gestank. Umso erstaunlicher war es am beschriebenen Tag, dass laute Schnellstraßen und große Gewerbehallen, rauchende Schlote und riesige Strommasten kaum im Gedächtnis blieben, da es so viel im Kleinen zu entdecken gab. Überraschend waren auch die Menge an schönen Pfaden und der geringe Anteil an hartem Belag unter der Sohle.

An der östlichen Stadtmauer

Altlandsberg

Das schöne Ackerbürgerstädtchen wurde schon vor einigen Jahren besungen, fast zur selben Zeit im Jahr, doch eher allgemein. Das regelmäßige Wiederkehren ist in diesen Jahren auch deswegen spannend, weil das Schlossgut rund um die Kirche nicht in einer Hauruck-Aktion saniert wird, sondern behutsam Schritt für Schritt. Die Veränderungen und Fortschritte lassen sich daher bestens verfolgen, und dank guter Planung und Geschmack wird das Ensemble mit jedem vorbeigewehten Jahr etwas schöner, findet nach und nach zur Vollständigkeit zurück. Vom Markt ausgehend ist das verschiedenartig gepflasterte Gelände in ein paar Minuten erreicht, und es sollte stets ein Extra-Viertelstündchen eingeplant werden, um die Veränderungen zu beschauen oder Bekanntes neu zu entdecken.

In diesem Jahr ist es die Parkanlage westlich von Schlosskirche und Brennerei, vor Kurzem noch eine wilde und krautige Fläche ohne erkennbare Struktur. Jetzt sorgen zwei Alleechen und die erkennbare Form des Bassins für erste Gestaltbildung, die Phantasie kann in dichterischer Freiheit ergänzen, wie es am Ende einmal aussehen könnte. Vielleicht ja schon im nächsten Jahr?

Am Obstgarten

Für eine Umrundung der Altstadt entlang der Stadtmauer sollte eigentlich bei jedem Besuch des Städtchens Zeit bleiben, zumal hier jede Jahreszeit ihren Reiz hat und die halbe Stunde schon aufgrund ihrer Kürze kaum langweilig werden kann, von der Schönheit des stillen Weges gar nicht zu reden. Goldene Teppiche von kollektiv abgestürztem Laub wechseln ab mit spiegelglatten Pfützen, die den durchwachsenen Himmel zerrfrei auf den Boden holen.

Weg am Erpebruch

Bei jeder Umrundung lockte unweit des Berliner Torturmes ein Weg, der nun endlich entdeckt werden darf. Die urige Erweiterung entlang der wilden Erpe bietet wonnige Pfade, eine begehbare Streuobstwiese und den durchfeuchteten Bruchwald des Baches, der nach dem wiederholten Regen der letzten Wochen recht lebendig fließt. Ein rührendes Rastbänkchen wird von rotem Weinlaub eingerahmt, ein anderes setzt sich im warmen Licht einer Wegkurve in Szene und ein bunter Schilderbaum bietet Bausteine für den Tag an. Im dichten nassen Wald flattert es stimmlos hin und her. Quer über die Wiese oder wenige Meter hoch zu den Garagen verbinden Schleichwege die Naturkulisse mit jener der Stadt.

Fahrradhof

Die Erpe sorgt für einen kleinen wilden Streifen entlang ihrer Uferlinie, den auch die Landstraße nicht unterbrechen kann. Nach dem Warten auf eine Verkehrslücke und ein paar Straßenschildern ist man gleich wieder in der satten Natur und trotzdem meternah am Rande der Bebauung, das schließt sich hier nicht aus. Der Blick wird frei für eine der dramatischsten Fallstufen der Erpe, die hier über mehrere Meter regelrecht ins Strudeln kommt, dahinter dann in einem Teich mit Insel kurz verschnaufen kann von so viel Aufregung.

Pfad hinter der Kaufhalle

Hier quert ein Weg, der einmal Bahndamm war, ganz unverkennbar. Läuft bald zum Pfad ein und schleicht direkt hinter den Zäunen lang. Selbst Durchfahrenden dürfte in Altlandsberg die hohe Brandmauer voller Fahrräder aufgefallen sein, die zu einem Fahrradladen gehört, der auch aus der Vogelperspektive bestens zu erkennen ist. Unten wird gerade gefachsimpelt, Räder werden hin- und hergeschoben, Termine und Optionen verhandelt, mit einem Ton von leiser Wichtigkeit im hinteren Teil des Satzes. Mädels und Jungs in Blaumännern oder freizeitlicher Wochenendgarderobe tummeln sich zwischen stinknormalen, hochtechnischen und saucoolen Zweirädern, mit dem Merkmal erforderlicher Pedalkraft als kleinstem gemeinsamen Nenner.

Entlang der Erpewiesen nach Süden

Wer nicht nach links schaut und damit vorbei an Baubrachen und Gewerbe-Parkplätzen, kann sich tief in der Botanik wähnen, die sich gen Süden hin erstreckt. Dafür sorgt maßgeblich der Wiesengrund, eine fein umgesetzte Mischung aus Bruchwald, Wiesengrund und Erpewasser. Eine Handvoll Schritte erlauben den Wechsel vom Weg direkt zur Wiese, auf der noch manches Blümchen seine knickrige Blüte in den Himmel reckt und damit manche Biene aus der späten Reserve lockt. Vorn bei den Häusern ist jemand tüchtig mit einem nölenden Gartengerät beschäftigt.

Ziegen am anderen Ufer

Hinter den letzten Gärten beginnt dann ein stets leicht geschwungener Weg, der den Bachgrund der Erpe im Blick behält. Die schon bekannten Ziegen am jenseitigen Ufer ragen auch heute wieder mit der oberen Hälfte aus dem Grase, blicken eine Zeitlang fast synchron in unsere Richtung, beenden das ebenso synchron und rupfen weiter an den struppigen Grasbüscheln zu ihren Hufen.

Bank auf dem Kamm

Etwa auf dieser Höhe steht rechts des Weges ein Bäumchen, das eigentlich ein aus dem Ruder gelaufener Busch ist. Das Pfaffenhütchen hat nicht nur lustig umhüllte Früchte von markanter Form, sondern fährt im Herbst mit seiner Laubfärbung ein kleines Spektakel auf, das erst nach kurzem Augenausschütteln klar zwischen Laub, Früchten und deren Hüllen unterscheiden lässt. Orange, karminrosa, ein Spektrum an Rottönen – alles dabei. Verbunden durch ein besonders zähes Holz, das ein wenig den fast vergessenen Namen Spindelstrauch erklärt. Auch hochwertige Holzkohle lässt sich daraus herstellen. Und der ganze Stolz des männlichen Teilnehmers der Tour war es natürlich, diese hochgewachsene Blume wiedererkannt zu haben.

Reiterinnen und Farbtöne

Kurz vor dem Unterqueren der schnellen Landstraße sorgt erneut das Schild des Fernwanderweges E 11 für Erstaunen, denn die Vorstellung, gerade ein Stück des Weges vom südholländischen Nordseestrand zu den polnischen Masuren zurückzulegen, lässt einen für ein kurzes Stück eher schreiten als schlurfen. Gleich dahinter sorgt eine Rastbank für eine ganz andere Körperhaltung, liegt sie doch auf einer steil zu erklimmenden Anhöhe am Rand eines weiten Ackers. Umtost vom Lärm der Straße und frei von jeglichem Windschutz ist sie zwar nur bedingt gemütlich, dennoch verlockt schlicht die kühne Lage zu einer Pause. Noch weniger lässig gerät die Körperhaltung dann beim Abstieg, denn das kurze Gefälle ist steil und die offene Erde noch leicht klamm vom letzten Regen. Diese Pause wird im Gedächtnis bleiben.

Licht durch Laub

Auf dem abgeschiedenen Feldweg mit seinen Schlaglöchern und Pfützen passieren in kurzem Abstand zwei muskelbepackte Fahrzeuge mit Fokus auf dem Timbre hinterm Endschalldämpfer, was an dieser Stelle leicht surreal wirkt. Erst ein breitschultriger Pickup mit grollendem Vielzylinder, dann ein im selben Mattschwarz gehaltener Chopper mit sonorem Klang, obenauf ein einschlägig in Leder eingeschlagener Bauchpfleger mit Stahlhelm, die schweren Arme an den Lenkerenden festgehakt. Vielleicht zahlen ja beide Beiträge beim selben Verein, der mit der Ladefläche holt gerade neues Bier und der mit dem Sozius freut sich schon bald drüber.

Pfad nach Fredersdorf

Wiesengrund

Bei den Häusern von Wiesengrund strömt Duft aus einem kleinen Bruch, das wiederum von der Erpe gespeist wird. Die schlägt hier einen hübschen Bogen durch die Wiese, an dessen Ende fast schon Elisenhof erreicht ist.

Grünstreifen in Fredersdorf Nord

Elisenhof

Jetzt nimmt der Verkehr mit einem Male zu, fast alle zwei Minuten kommt ein Auto von vorn oder von hinten, und jedes davon ist eindeutig rot. Vielleicht ja ein anderer Verein, vielleicht das, was von den traditionsreichen Elisenhofer Rotkutschern übrig geblieben ist. Weitere Gedanken in dieser Richtung werden von extrawürziger Stallluft verweht, die dem Rückenwind geschuldet auch nach Verlassen des Weilers noch erhalten bleibt. Die Enten waren gerade die Kühe besuchen, dem Anschein nach ausgedehnter, während die Schweine sich visuell im Hintergrund halten, duftlich hingegen die Wahrnehmung bestimmen.

Grünstreifen in Fredersdorf Nord

Das folgende Wäldchen zeigt sich talentiert im Darstellen großen und vielfältigen Waldes – gemischter Bestand, verschiedene Landschaftsformen und sogar randständiger Ginster sind nur einige der dargebotenen Disziplinen. Den nächsten breiten Weg teilen wir uns kurz mit zwei Mädels zu Pferde, die Mädels in mehreren Grau-Schattierungen, die Pferde in braun-weiß und beide Paare jeweils verschieden hoch. Es passt in diesen farbenfrohen Tag. In der anderen Blickrichtung hat sich ein Sonnenstrahl bis zum Waldboden durchgearbeitet und bringt kurz vor dem Ziel gerade einen Zweig gezackten Eichenlaubs zum Leuchten.

Kleiner Stadtpark

Entlang eines winzigen Erpezuflusses zieht sich ein Pfad am Rand der weiten Wiese entlang, setzt sich bald fort im efeudurchrankten Wald, der ein wenig an einen vergessenen Schlosspark erinnert. Ein paar umgemorschte Bäume sind zu übersteigen, auch zeugt eine gut ausgebaute, hüfthohe Asthütte von den zurückliegenden Ferienwochen und kleinen Abenteuern auch ohne lange Reise.

Zwischen den Wohnvierteln wurde ein breiter Wiesenstreifen gelassen, der vor ein paar Wochen sicherlich noch vom Gezirpe später Grillen beschallt wurde. Jetzt liegt er warm im tiefen Licht der Sonne, wenn die Wolken sich kurz öffnen, und hier und da ziehen auf den entstandenen Trampelpfaden Spaziergänger von da nach dort oder der Länge nach hindurch. Vom benachbarten Schilfteich hört man bestens unterhaltene Enten, oben am Himmel kreisen ein paar gelangweilte Raben.

Feldweg nach Wolfshagen

Fredersdorf-Nord

Der schnurgerade Weg entlang der Hauptstraße hält eine goldene Brezel fest im Blick, weiter hinten den Preisaushang einer erleuchteten Tankstelle. Ein Käffchen wäre schön, doch der Bäcker hat schon zu, die Tanke ist zu weit weg, also wird das auf später vertagt. Das war gut entschieden, denn bald schon queren wir einen kleinen Platz, der lose mit Bäumen bestanden ist und viel luftige Fläche für schöne Freizeitsachen anbietet. Darunter auch eine Menge Rastbänke, auf denen wir jetzt den Rucksack leerfuttern und den letzten Tee vor dem Erkalten bewahren.

Grün und Braun

Hinter dem letzten Haus beginnen unmittelbar die fein gekämmten Felder, getrennt nur durch einen tänzelnden Pfad. Voraus hängen schwer Hochspannungsleitungen zwischen ihren Masten und ganz hinten werden die aufgebauschten Kronen einer Allee in regelmäßigen Abständen an- und ausgeknipst, in der vorhin beschriebenen Art. Zwei Piepmätze stieben vom Wegesrand auf, jagen kurz umeinander und wittern Gefahr durch die zwei aufrecht gehenden Gestalten. Lassen sich fallen in die braune Ackerkrume und verschmelzen umgehend mit den ersten zarten Halmen der Wintersaat. Grünfinkentarnung vom Feinsten – erdbrauner Rücken, grüne Vorderseite.

Rübenhaupt

Hinter dem nächsten Querweg wächst anderes im Boden. Beim letzten Besuch vor ein paar Jahren lag frisch geerntet ein kleines Gebirgsmassiv aus steinharten und bleischweren Zuckerrüben am Wegesrand, hoch wie ein Haus und vermutlich ebenso schwer. Heute stecken die massigen Früchte noch im Boden, mit reichlich Blattwerk obendran, und jeder, der Geschichten mag, wird wissen, wie schwer es ist, solch Rübchen zu entwurzeln. Also versuchen wir es gar nicht erst und staunen nur darüber, was im Erdreich so wachsen und gedeihen kann.

Altlandsberg in naher Ferne

Beim Blick nach Westen setzt sich alles von Altlandsberg in Szene, was oben rausguckt, davor tun dies auf Augenhöhe die bunten Wipfel einer dieser oktoberbunten Alleen, die der Stadt zustreben. Diese hier hat sogar einen Radweg nebenbei, auf dem uns in den nächsten Minuten ausschließlich griesgrämige Gesichter entgegenkommen, vielleicht dem mittelforschen Gegenwind geschuldet. Nach dem Abbiegen in Wolfshagen findet das Leid ein Ende. Der Weg führt nach Waldkante, so zumindest meint ein Schild.

Altbekannte alte Weiden bei Waldkante

Wolfshagen

Bei den sagenhaften Kopfweiden, die dreistellige Jahreszahlen auf dem Buckel haben müssen und zum Teil schon mehrfach auseinandergerissen sind, laufen vor uns zwei Leute mit einem Hund, der ähnlich alt sein muss. Mit zusammengebissenen Kiefern läuft er immer einen Rübenwurf weit, lässt dann schwer den Hintern auf den Boden sacken, leicht verschränkt, da nicht ein Hinterbein wie’s andere läuft. Macht kurz Pause, bevor er das massige Hinterteil ebenso verschränkt wieder auf Reisehöhe hievt. Das geht nur noch mit Hilfe des Schwanzes, der mittlerweile ähnlich kräftig wie ein vollwertiges Drittbein ist. Wehzutun scheint ihm nichts, nur anstrengend ist es eben, und er kennt die Runde und ihre unabänderliche Länge. Der kleine Treck aus Frau- und Herrchen und noch einem zweiten Hund schlurft wohl genau im richtigen Tempo. Und wie auch immer: man möchte den Hut ziehen vor dem tapferen Kerl.

Allee zum Reiterhof

Vor einem länglichen Geteich, dessen Durchfluss die Landschaft hier geprägt hat, lässt sich mit einem Doppelschwenk die Einsamkeit wiedererlangen. Von der urigen Allee mit ganz großen und ganz kleinen Bäumen und allerhand Strauchwerk als Füllwerk wird im Norden wieder wechselndes Allee-Licht geboten, im Süden eine dunkle Wolkenfront, die einiges später noch etwas Regen bringen soll. Und jetzt einen herrlich pastellblauen Kontrast zur sonnenwarmen Landschaft abgibt. Fast ein halbes Stündchen lässt sich dieser Weg genießen, mit viel Laub am Baum und auch schon raschelfreudig auf dem Boden.

Schönes Fahrzeug im Vordergrund

Beim Reiterhof ist grad nix los. Die paar Pferde, die draußen stehen, stehen einfach nur draußen, alle parallel ausgerichtet und etwas abwesend, wie Bluesfans bei einem übergeholfenen Kurs für Formationstanz. Warten vermutlich auf rosa Pferdemädchen, toughe Stadtfrauen in eleganten Reiterstiefeln oder sonstige Klischees, vielleicht aber einfach nur auf etwas Zuwendung vom hiesigen Hegepersonal.

Auch uns ist nach etwas Zuwendung, und so streben wir mit leicht erhöhter Schrittzahl in Richtung Einkehr an der Stadtmauer, zu Füßen des Strausberger Torturms. Unterwegs bringt ein kleiner Kutschwagen mit stämmigem Zugpferd davor den übersichtlichen Verkehr der Kaffeestunde in halbminutenlangen Verzug. Doch alle lächeln, keiner ist genervt, zuallerletzt das Pferd mit seinen extracoolen Schlaghosen.

Stadtmauer Ost im schönsten Licht

Bald folgt der Abzweig zu diesem Weg entlang der Stadtmauer, einem der schönsten aller Wege, den man sich gern mal ins Gedächtnis ruft, wenn gerade irgendein Ärger stattgefunden hat. Der kann hervorragend mit dem Sonnenstand spielen, mit den Farben und den Schatten. Und dann gibt es Kürbissuppe mit Kürbiskernen und auch anderes, was nicht partout zum Thema Herbst passen muss. Den Kaffee lassen wir auch hier aus – der soll uns auf dem Heimweg finden oder eben nicht.

Stadtmauerweg am Bächlein

Ein bisschen Mauerrunde ist noch übrig, perfekt als Verdauungströdelei. Alte Bäume stehen am Dammweg zwischen Mauerbächlein und den klammen Wiesen, jeweils flüchtend vom Weg in den kleinen Böschungen des Dammes. Weiter hinten mussten viele davon weichen, zum Teil ist der Grund ersichtlich im verbliebenen Stumpf, zum Teil nicht, zumindest nicht für Laien. Bis zuletzt setzt sich das Licht im Blätterwerk in Szene.

Am Torturm riskieren wir einen raschen Blick nach links und sehen wahrhaftig, dass die Eisdiele noch offen hat, noch kein Saisonschluss war. Hier nun findet uns der Kaffee, ergänzt um eine Kugel Eis. Die Schlange ist rasch abgearbeitet, jegliches Trinkgeld wird wie immer mit einem trötenden Quietscheschwein quittiert, was eine geniale Idee ist.

Die legendäre Vorstadteisdiele ein paar Tage vor Saisonschluss

In den Gassen der Altstadt strahlt noch manches Rot aus den Gärten. Wieder fallen die schlau ins Pflaster verbauten Abflussrinnen aus glasierter Keramik auf, die typisch sind für dieses Städtchen. Von der Kirche übern Marktplatz zieht eine Handvoll Leute zum Italiener, dem mit dem Gewölbe, hinter ihnen lange Schatten.

Auf dem hübschen Platz mit Plätscher-Brunnen und Laternen und kleiner Stadtinformation im Telefonzellen-Format werden altbekannte Lebensweisheiten und neueste Neuigkeiten ausgetauscht, nicht hinter vorgehaltener Hand und auch nicht eben leise. Der Wind hält sanft dagegen, fegt lakenbreites loses Laub zusammen und jagt es raschelnd übers sonnengoldne Pflaster.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn bis Hoppegarten, dann weiter mit dem Bus (ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der Landsberger Allee stadtauswärts über Hönow (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 16,5 km (Abkürzungen sehr gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus Altlandsberg

Seite des Heimatvereins mit vielfältigen Informationen zur Stadt

Schlossgut und Tourist-Information (auch Brauerei/Brennerei)

Traditionsreiche Eisdiele Altlandsberg (geöffnet Mitte März-Mitte Okt.)

Einkehr:
Armenhaus Altlandsberg (am Storchenturm; gute Küche, gemütliches Gewölbe)
Mühle Altlandsberg (an der Umfahrungsstraße; gute Küche, gemütlich)
La Dolce Vita (italienische Küche im Kellergewölbe; bisher nicht besucht)

In eigener Sache/Rehfelde: Fünf Kerzen, ein Steinhaufen und die olle Kamelle

Der Monat mit dem kürzesten Namen läuft auf vollen Touren und vervielfacht das sichtbare Volumen aller grünen Blätter und Blättchen im Dreitagestakt, immer und immer wieder. Das heißt nicht, dass wärmende Kopfbedeckungen oder Übergangsjacken schon im schrankdunklen Sommerlager gelandet sind, denn er zeigt sich kühl, der Mai. Das hält viele Blüten lange frisch, die in anderen Jahren schon längst verblüht waren, verlängert dadurch die Gegenwart zahlreicher Düfte des mittleren Frühlings und sorgt für selten erlebte Duftmischungen, z. B. aus Maiglöckchen, Flieder und Apfelblüten, unterstützt von den ersten Heckenrosen.

Schmettausche Feldsteinpyramide in Garzau

Während die Grillen von dieser frostigen Schulter kaum beeindruckt sind und sommerlaut über die Wiesen tönen, tippen sich die vor Wochen eingetroffenen Mauersegler kopfschüttelnd an die Stirn und halten sich fürs Erste bedeckt. Dementsprechend ist eines der Geräusche des gesamten Sommers fürs Erste wieder verstummt, was schließlich zum Stand des Quecksilbers passt. Außerordentlich in diesem Mai sind die üppigen Wolkenbilder, die speziell an den Wochenendtagen gemeinsam mit dem Schattenspiel der Sonne für barocke, sehr dreidimensionale Himmelsgemälde sorgen. Öfter als gewöhnlich klickt der Auslöser, denn selbst wenn kein rechtes Motiv da ist, sind da die Wolken und rechtfertigen jeden dieser Schnappschüsse.

Ganz nebenbei und fern alles Superlativen erinnerte mich ein Blick in alte Kalender daran, dass vor genau fünf Jahren der Wegesammler seinen ersten Bericht in die Welt warf und schon ein bisschen gespannt war, ob das irgendwen außer der Hauptadressatin interessieren würde. Zunächst einmal war es schön, dass die ganze Geschichte in einer komplett neuen Materie rein technisch überhaupt funktionierte, Text und Bilder angezeigt wurden und die noch in Windeln liegende URL von jeder Stelle aufzurufen war. Die Zugriffszahlen lagen zu dieser Zeit geradeso im einstelligen Bereich, und auch das war an sich schon erfreulich.

Blick auf den Gipfel

Seit 2015 hat sich die Übersichtskarte nun erfreulich gefüllt und die Zahl der Beiträge kratzt an der neunzig. Zu den Zugriffszahlen lässt sich sagen, dass es bereits nach einigen Wochen täglich welche gab, was ein weiterer Grund zur Freude war. Für die Weiterverbreitung kamen neben der Mund-zu-Mund-Variante aus einem kleinen Kreis heraus bald schon kleine orangene Pappkärtchen mit QR-Code ins Spiel, die per Reißzwecke an sinnvollen Orten blieben. Und bald von Aufklebern abgelöst wurden. Etwas später kamen noch Bierdeckel hinzu, die an überdachten Rastbänken abgelegt gleich mehrere Formen von Sinn erfüllen – zum Beispiel die empfindlichen Tischflächen vor Kratzern durch verbeulte Trinkflaschen zu bewahren.

Weg von Zinndorf nach Werder

Zwischendurch gab es erfreuliche Episoden in Print- und Funkmedien, die letztlich mitverursachten, dass ein zentrales Fernziel schneller als gedacht Form annahm: im März letzten Jahres erschien im geschätzten be.bra verlag ein richtiges Buch, ein wunderschönes noch dazu, das gleichermaßen für den gemütlichen Sessel oder den bequemen Schuh taugt. Jedesmal, wenn ich es in die Hand nehme, durchströmt mich eine warme Mischung aus Freude und Ehrfurcht, die an Intensität nicht verliert.

Bahndamm in Rehfelde

Nicht zuletzt im wohlwollenden Rückblick auf diese Zeit der ersten Schritte im neuen Medium passte es gut zur Jahreszeit, eine liebe alte Tour der ersten Stunde aus der Schublade zu kramen, etwas daran rumzufeilen und vor Ort zu schauen, was noch gleich war und was sich verändert hatte – fünf Lenze später. Noch dazu kam die erste Möglichkeit seit Monaten, die Bequemlichkeiten eines Gasthauses zu genießen und in diesem Rahmen sogar frischen Spargel zu verschmausen, der doch auch in diese Zeit gehört. Wer sich noch erinnert: es ging um eine Herzensfreundin und einen faustsprengenden Blumenstrauß, davon abgesehen auch damals schon um Spargel, gesungene Töne und Lilien. Obwohl es nur eine Woche früher spielte, sah die Natur so völlig anders aus, war der Raps noch nicht verblüht, dafür das klassische Kornrandbunt bereits komplett.

Zustieg zum Gipfel des Rock

Rehfelde

Die neu frisierte und etwas nach Norden hin aufgepumpte Runde beginnt diesmal nicht in Werder an der gepflanzten Riesen-Lilie, sondern direkt am frisch renovierten Bahnhof Rehfelde, wo ein schöner Rastplatz direkt zur ersten Pause verleitet. Doch die Berge locken, die geschlossene Schranke lässt noch den Zug nach Berlin durch und schon kurz darauf sind am grünenden Hang eines Walles die ersten Mohnblumen zu entdecken, direkt neben der dunkelsten Variante des violetten Flieders.

Mohn auf den Wiesen

Hinter den letzten Häusern erhebt sich voraus das flächige Plateau des Fuchsberges, der als Erhebung mit bloßem Auge kaum wahrzunehmen ist – anders als weitere Berge dieses Tages. Der Fuchs im Übrigen spielt als Namensgeber in Rehfelde an vielen Stellen eine Rolle – vielleicht fände sich in der Heimatstube eine passende Erklärung dazu. Das Rehfelder Wappen jedenfalls erwähnt ihn nicht, beschränkt sich auf das namensgebende Huftier mit dem guten Sprungvermögen.

Gipfelkreuz

Jenseits der stillen Landstraße zieht ein beruhigender Weg in die Weite, die sich zwischen dem Mühlenfließ und dem Dorf Rehfelde mit dem Klumsberg ausdehnt. Links spielen größere Flächen orangenen Mohns und die allerersten Kornblumen mit den Farbkontrasten und werden vom kühlen Wind in Bewegung gehalten, deren Charakter an Absinthgenuss denken lässt. Auf der anderen Seite des Weges steht die klassische Feldrandmischung aus Rot, Blau, Weiß und Gelb bereit, schützendem Korn sei Dank weniger durchgeschüttelt.

Weg am Mühlenfließgrund und Vergleichsbild zum gelblastigen oberen Bildschirmrand

The Rock

Auch dieses Mal wollen wir uns nicht das Gipfelglück entgehen lassen und erklimmen auf einem der bequemen Aufstiege den höchsten Punkt des namenlosen Berges, der von unten gesehen an den aufsehenerregenden und tief hängenden Wolkenbändern zu kratzen scheint. Das Gipfelkreuz befindet sich in Gesellschaft einer Handvoll grundverschiedener Steinbrocken, auf denen sich gut pausieren lässt. Unten vom dichten Wald reiht eine Nachtigall ihre Strophen so laut, als würde sie gegen das ruppige Dauerrauschen einer Autobahn ansingen. Doch rauschen hier nur die Wipfel der Bäume, so intensiv, wie es sonst eher Küstenwälder tun.

Ginster im Walde

Da heute der erste Tag ist, wo Gaststätten wieder Kundschaft empfangen dürfen, war eine Reservierung angebracht, ist somit ein Termin zu beachten. Die Zeit sitzt recht bequem im Nacken, noch ist ein dickes Polster übrig. Dennoch drängen Vorfreude und Hunger, die Pause hier nur kurz zu halten. Daher belassen wir es beim Vernunftschluck und dem Genießen der Aussicht zur Rüdersdorfer Skyline, die heute also gänzlich ohne Gelb auskommen muss. Das gilt auch für die Stelle, die seit fünf Jahren und auf Wunsch einer einzelnen Dame die Leser am oberen Rand des Bildschirms empfängt – und heute völlig anders aussieht, abgesehen vom Wegweiserschild und den charakteristischen Schlängeln des Weges. Links im Wäldchen blüht ausufernd der Ginster und tröstet mit etwas Ausgleichs-Gelb im kräftigsten Dotterton.

Blick in die Wiesen am Mühlenfließ

Bereits am Bahnhof hatte sich ein Lieder-Stein ins Bild geschoben, der erste in einer langen Reihe, die entlang des Liederweges bis nach Werder reicht. Die unverwüstlichen Granitsäulen mit den Metalltafeln sehen aus, als wären sie erst vorgestern installiert worden, und auch dieses Mal summt es lautlos oder leise in Kehle, Kopf und Brustkorb oder fast nur in Gedanken. Angesichts der vollständig verzeichneten Liedtexte kommt man sogar weit über die titelgebende Zeile hinaus, staunt manchmal, welcher Vers aus jenem Lied stammt oder wie viele Strophen es von diesem gibt. Die polnischen unter ihnen sorgen bei Ungeübten sofort für kleine Auffahrunfälle der Zunge und körperlose Fusseln im Mund, allein beim Versuch, eine Zeile ins gesprochene Wort zu murmeln. Doch auch hier dürfte Übung den Meister machen.

Textblatt am Liederweg

Nach dem Passieren eines Misthaufens, der ebenso hoch ist wie der jüngst bestiegene Berg, dazu noch frisch und äußerst deftig für die maiverwöhnte Nase, gibt es kurz nach einer kapitalen Eiche die erste Berührung mit dem Mühlenfließ, das auch heute in Bewegung ist und hier aufs passende Lied trifft – ich sage nur klipp-klapp. Eine kleine Schnelle, gebaut aus gerade noch wurffähigen Feldsteinen, sorgt für untermalendes Gurgeln.

Kirchhof in Zinndorf

Falls keine Weide abgezäunt ist, kann man gleich links abbiegen und das Bächlein ein Stück begleiten. Hinter einem nicht immer offenen Tor endet der Weg dann zwischen Hintergärten und Viehgattern und kommt gleich darauf an der Straße heraus. Von hier bis zur Tränke sind es jetzt nur noch ein paar Minuten. Trotz Reservierung sind wir hochgespannt, denn die letzte reguläre Einkehr ist drei Beiträge bzw. gut zwei Monate her.

Zinndorf

Doch alles klappt, alle geforderten Bedingungen sind erfüllt und das Essen schmeckt so gut, wie es das jedes Mal tat. Der Chef bedient heute selbst, was den besonderen Bedingungen des Jahres geschuldet ist. Durchaus besonders ist auch das erste von frischem Schaum gekrönte Kaltgetränk seit März.

Unterwegs nach Werder

Am Ortsausgang schickt ein betagter Traktor in dumpfem Prusten die Zündungen seines Einzylinders durch die Röhren, denen sich wie stets bei solchen Motoren gut folgen lässt. Anfangs bleibt unklar, ob es sich tatsächlich um eine Mobilie oder doch nur um das stationäre Triebwerk für einen Transmission-Riemen handelt, doch irgendwann bewegt sich der Ton und der dürre Oldtimer stakst auf hohen Beinen gen Dorfmitte, nunmehr mit erhöhtem Puls.

Weg von Zinndorf nach Werder

Entlang des gediegenen Weges von Zinndorf nach Werder hätte sich diesmal nicht der Ansatz eines Blumenstraußes pflücken lassen, denn Grün in zwei Dutzend Schattierungen ist einfach nicht bunt genug. Doch der Geburtstag der erwähnten Freundin liegt schon eine Woche zurück und wir können entspannt den tänzelnden Weg genießen, an dem inzwischen viele junge Bäume nachgepflanzt wurden, die einmal die Lücken zwischen den großen alten Kronen füllen werden. Voraus rückt bald die stämmige Kirche ins Bild, zu deren Füßen in der Form eines riesigen Wappens eine Lilie wächst – gepflanzt als Rabatte. Nicht ohne Grund, denn neben dem „Weg der Lieder“ läuft über größere Strecken auch der Lilien-Rundwanderweg mit, der unsere heutige Norderweiterung noch ein Stück begleiten wird.

Schattiger Weg nach Garzau

Werder

In der Mitte von Werder zählt ein dunkelrot leuchtender Schilderbaum eine ganze Latte schöner Worte auf, die links und rechts attraktive Ablenkungen versprechen. Doch wir bleiben geradeaus auf der Spur und treffen hinter der Bahn alte Bekannte wieder, darunter einen stämmigen Eichenbaum, seinerzeit ein schattiger Pausenplatz, an einem Tag mit dreißig Grad und umgeben von einem Meer aus gelbem Raps. Zwischen die satten Grüntöne mischt sich heute nur das Weiß der Kastanienkerzen und des Weißdorns, die gemeinsam eine neue Duftmischung beisteuern.

Garzau

Kirchhügel in Garzau

Rund um die Garzauer Kirche liegt die erste Rasenmahd, die ganze Dorfmitte ist erfüllt vom würzigen Duft, die mäherische Tüchtigkeit findet derweil in den Vorgärten ihre Fortsetzung. Schräg gegenüber geht es zum Gutshaus, das in letzter Zeit durch verschiedene private Hände ging und ganz gut in Schuss ist. Der zugehörige Schlosspark ist umzäunt, doch auch außerhalb lässt es sich schön durch den Wald flanieren.

Schmettausche Feldsteinpyramide

Die eigentliche Besonderheit im Orte, die ganz standesgemäß einen Superlativ hält, ist erst seit vergleichsweise kurzer Zeit wieder als solche zu bestaunen und befindet sich ein paar Minuten entfernt. Zu verdanken ist ihr heutiger Zustand einem rührigen Verein, der aus einem scheinbar strukturlosen Steinhaufen ein echtes Schmuckstück mit markanten Farbkonturen zauberte, das als größte Feldsteinpyramide im ganzen Land gilt und über verschiedenartige Innenräume verfügt.

Feldsteinpyramide überm Weinberg

Die Pyramide thront auf einem Hügel, an dessen Südflanke ein kleiner Weinberg angelegt wurde. Den jungen Rebstöcken haben die frostigen Kapriolen der letzten Wochen ziemlich mitgespielt und es bleibt zu hoffen, dass sie halbwegs heil davonkommen. Direkt davor erstreckt sich eine weite Wiese mit schöner Rastbank, auf der gerade eine hinreißende Tafel gedeckt ist, mit allem, was dazugehört.

Die kleine Gesellschaft drumherum ist bunt eingekleidet, die Kinder in ständiger Bewegung, und so erinnert das Bild ein wenig an ein Gemälde. Vom benachbarten Feuchtland kommen einige der gut gebauten Mücken herangeschwirrt, doch der Wind zerstreut sie, noch ehe sie in den heiteren Bildaufbau eingreifen könnten. Bestiegen werden kann die geländerlose Pyramide mit ihrer Aussichtskanzel übrigens nicht, zumindest so lange jemand guckt. Und irgendjemand guckt bestimmt immer. Doch das geht in Ordnung, denn mit Geländern sähe das trotz klarer Symmetrien leicht archaische Bauwerk irgendwie zu brav aus, könnten die Farbkonturen nicht so wirken, wie sie wirken sollen.

Südflanke der Feldsteinpyramide

Nach dem Verlassen des Pyramidenhügels zieht sich der Weg durch schattige Wälder verschiedener Gestalt im weiten Bogen rund um den Weinberg, der hier nur so heißt, wie er heißt, doch durchweg reblos ist. Vielleicht sollte er seinen Namen mit dem des Pyramidenhügels tauschen, ganz gütlich. Fern vom Ortsrand her kommt die ganze Zeit ein nerviges Maschinengenöle, das man gern einem gewissen Zweck zuordnen würde, um es entspannter zu ertragen. Nach zwanzig Minuten scheint die Arbeit getan, die gewonnene Ruhe ist regelrecht wohlig, wie kühle Salbe auf einem hartnäckigen Mückenstich. Am Ende des Waldes zeigt sich hinter weiten Wiesen eine stille Straße, die sofort den Wunsch an Fahrradfahren weckt und zwei Gedanken später Max Raabe ins Landschaftsbild montiert, natürlich passend gekleidet. Jenseits der Straße ist anhand allerlei Buschgewächs eine feuchte Senke zu erahnen, die selbst kaum sichtbar wird, so dicht ist der blühende Botanikgürtel.

Naturschutzgebiet Zimmersee

Ein zu sammelnder Weg lockt uns erfolgreich, wird immer schmaler, doch versiegt nie ganz. Zum verblassenden Försterpfad eingelaufen drückt er sich dicht am nassen Land vorbei und erlaubt ein paar zaghafte Einblicke in den sumpfigen Kern. Rund um die Pfadspur wurden winzige Bäumchen gepflanzt, denen dünne grüne Röhren im ersten Lebensabschnitt Schutz vor hungrigen Mäulern geben und trotzdem Licht durchlassen. Passend dazu steht weiter hinten ein junger Rehbock im klaren Kontrast vor dem Buschwerk, horcht erst, schaut dann und wittert schließlich, bevor er nach einer weiteren Gedenksekunde aus dem Stand einen Sprung hinlegt und in Sekundenfrist verschwunden ist.

Jüngster Nachwuchs am Zimmersee

Rehfelde-Siedlung

Bald sind größere Wege erreicht, kurz darauf der Rand von Rehfelde-Siedlung. Rehfelde, der Ort mit den vielen Abteilungen, der quasi von zwei Stationen der Regionalbahn bedient wird. Einer davon ist der S-Bahnhof Herrensee, der Ausflügler leicht aufs Glatteis führen könnte, denn er bezieht sich auf den Strausberger Ortsteil und weniger auf den ein ganzes Stück entfernten See selbst, der eher am S-Bahnhof Strausberg Hegermühle liegt. Herrensee hingegen ist noch einiges weiter von Strausberg weg und würde glatt als Rehfelder Ortsteil durchgehen. Und der Bahnhof Strausberg wiederum liegt am Rand von Strausberg Vorstadt, zwei S-Bahnhöfe oder siebzehn Straßenbahnminuten entfernt vom eigentlichen Strausberg. Also Obacht Ihr Ausflügler mit den Bahnhöfen rund um Strausberg!

Glasierte Baumscheibe am Lehrpfad, Rehfelde

Naturlehrpfad Rehfelde

Einige kläffende Hunde und laufende Heckenscheren später stoßen wir völlig unerwartet auf einen kleinen und feinen Ort, der allein schon die ausflüglerische Anreise nach Rehfelde rechtfertigen kann, insbesondere mit Kindern. In einem größeren Waldstück inmitten der Siedlung wurde ein zauberhafter kleiner Naturlehrpfad angelegt, der so gar nichts hat von Schlaubergerei und dozierendem Zeigefinger. Zwischen verschiedenen kleinen Plätzen und großen Findlingen, einem Rodelberg und einem Spielplatz ziehen sich nadelweiche Pfade durch den Wald, die Geradlinigkeit vermeiden, sich zwischen Baumstämmen hindurchwinden und von Walderdbeeren und Himbeergestrüpp begleitet werden.

Lehrpfad am Rand von Rehfelde

Zwölf Stationen gibt es entlang des Weges und im Eingangsbereich am Erlebnisplatz ein kleines Kunst- und Meisterwerk, erst seit Kurzem. Sinnenfreudig wurde hier eine mehr als metergroße Baumscheibe der 165 Jahre alten Franzosenfichte mit mehreren Schichten feinsten Bootslacks überzogen, der auch diverse breite Risse ausfüllt, wie fossilienaltes Harz. Zuvor wurden jedoch an den entsprechenden Baumringen beschriftete Pfeile eingearbeitet, die Zeitabstände auf gleichermaßen einfache und eindrucksvolle Weise anschaulich machen. Nicht zuletzt staunt man über den geringen Abstand vom letzten markierten Eintrag 1968 bis zum äußeren Rand, wo einst die Rinde ansetzte. Die zum Streicheln animierende Oberfläche dürfte allen Wettern für lange Zeit trotzen.

Lehrpfadspur zum Spielplatz

Nach dem Verlassen des Waldes läuft uns noch zwei weitere Male der verbale Rehfelder Fuchs über den Weg. Beim großen Kaufmannsladen öffnet sich kurz die willkommene Option auf einen heißen Kakao, doch leider kommen wir ein paar Minuten zu spät, die Maschine für die heißen Sachen ist schon kalt und erwartet blitzeblank den nahen Feierabend. Doch der Tag, er ist auch heute noch jung und ließe sich durch eine Stippvisite in Strausberg passend krönen. Mit der Bahn wären das entlang einiger der erwähnten Bahnhöfe gut eine halbe oder knapp eine ganze Stunde, mit dem Auto geht es etwas schneller. Das ist heute sehr willkommen.

Strausberg

Ein paar Dörfer später sitzen wir in Strausberg an der Stelle, wo sich Straßenbahn, Bus und Fähre am nächsten sind. Die Konditorei an der Ecke mit Fährblick schließt in zehn Minuten, doch erhalten wir auf alle zaghaften Anfragen ein herzhaftes Ja samt aller Zeit, die wir brauchen, begleitet von einem breiten Lächeln. Und sitzen kurz darauf bei Cappuccino, Kuchen und Kakao, während die Fähre ablegt zum stets leicht melancholisch klingenden Ort Jenseits des Sees. Eine Amsel malt die dazu passende Musik.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz (0,5 Std.) nach Rehfelde

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 1 (ca. 0,75-1 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

be.bra verlag

Heimatstube Rehfelde

Deutsch-polnischer Liederweg

Lilien-Rundweg

Pyramide Garzau

Naturlehrpfad Rehfelde (PDF)

Einkehr: Gasthaus Zinndorf, Zinndorf
Zur alten Linde, Rehfelde (am Bahnhof)

Grobskizziert – Reitwein: Auenrupfer, Odersporn und die erlaufene Seelenruhe

Der September ist gut in Schwung gekommen, bringt an den meisten Tagen bereits diese anregende Mischung aus frischem Wind und kräftiger Sonne mit und hat schon viele der würzigen Düfte bereitgestellt, die sinnesfreudig den Herbst ankündigen. Unter den Bäumen raschelt erstes Laub, während im Buschwerk entlang der Wege verschiedenste Beeren eine Farbpalette öffnen, die auch dann noch leuchten wird, wenn einmal alle Blätter gefallen sind. Am beständigsten unter ihnen sind dabei die Hagebutten, die selbst noch unter Raureif und zartem Schnee mit aller Kraft und lackglänzender Haut hervorleuchten.

Grenzfluss Oder

Neben der Nase werden auch die Ohren auf die erdbunte Jahreszeit vorbereitet, wenn sich zwischen das klickende Geplauder der allerletzten Schwalben im ferneren Surround-Bereich schon das monotone Getöne von Krähen und Raben mischt, die bislang nur vereinzelte Silben aus ihren respektablen Schnäbeln pressen. Oder weiter im Hintergrund die Scharen von Kranichen fast nur zu erahnen sind, die später am Tag kurz vor dem schwindenden Licht von der Kost zur Logie umziehen werden. Hier und dort schon kilometerlange Gänse-Einsen für den anstehenden Langstreckenflug üben.

Uferstreifen der Oder gen Lebus

Wer hier nicht seinen ersten Text liest, weiß vielleicht bereits von der besonderen Zuneigung des Autors zur Oder, die Euphorie und Ehrfurcht zu gleichen Teilen verschmilzt und für eine genießerische Niedrigdosierung der odernahen Ausflüge sorgt. Bevorzugt sind es die kalten bis bitterkalten Tage, die besonders gut zu den Landschaften dieses Grenzflusses passen, zum Wilden und scheinbar Unbekannten, was sich dahinter bis hin zum Ural aufspannt.

Schöne Aussicht bei Reitwein

Ganz unabhängig von den Jahreszeiten passieren manchmal im Leben kleine oder auch große Wunder. Wenn dann die nächste Möglichkeit für einen Tag unter freiem Himmel kommt, empfiehlt sich eine Landschaft, die vertraut ist, einen wohlig umfängt und etwas Archaisches in sich trägt. Auch lange Wege bietet und Weite in fast alle Richtungen, so dass ausgiebig erzählt und auch geschwiegen werden kann. Ein breiter und ruhiger Fluss ist dabei nicht von Schaden oder auch ein ferner Blickfang, der sich leicht rätselhaft gibt.

Doch auch der sommerspäte Frühherbst ist eine gute Oderzeit, wenn alles oben Erwähnte am selben Ort zu beobachten ist und dazwischen die schokoladenschwarzen Ackerschollen liegen, von großer Pflugschar aufgebrochen und dabei sauber eingerahmt durch schnurgerade Wege.

Im offenen Schiff der Reitweiner Kirche

Reitwein

Das Oderbruch ist bekannt dafür, ganz außerordentlich flach zu sein, wird dem Begriff topfeben wirklich gerecht. An vielen Stellen erhebt sich jedoch sehr direkt und nicht zu übersehen eine ausdrucksvolle Geländekante, die für teils unwiderstehliche Kontraste sorgt und unruhige Zeigefinger am Auslöser. Ein besonderer Dank hierfür geht an die letzte Eiszeit, wieder einmal.

Kirchturm in Reitwein

Bereits im Stadtgebiet von Frankfurt an der Oder beginnt einer dieser Höhenzüge, der über knappe zwanzig Kilometer vorbei am schönen Lebus bis hin zum Dorf Reitwein reicht. Schon vorher transformiert er sich von der Hochebene zum Sporn und läuft dann unvermittelt und direkt aus, was dafür sorgt, dass die Annäherung an ihn ein wenig wie die an eine hügelige Insel oder eine Voralpenlandschaft ist. Drumherum die absolute Flachheit. Es ist wirklich faszinierend.

Der Bullengraben bei Reitwein

Was der ganzen Szenerie zudem den Anstrich eines hochromantischen Gemäldes verleiht, ist die Reitweiner Kirche. Die steht eigentlich versteckt im unteren Hang, doch ihr spitzer Turm ist aus großer Ferne schon zu sehen und gibt einem das Gefühl, sich geradewegs in dieses Gemälde hineinzubegeben. Wer bei Regen nicht nass werden möchte, wird dort keinen Schutz finden. Wer jedoch Freude an naturgegebenen Lichtspielen auf schöner Architektur hat, sollte den kleinen Abstecher nicht versäumen. Den Entwurf für die Kirche lieferte übrigens ein Herr Stüler, der zur Architekten-Prominenz seiner Zeit zählte – auch das Neue Museum in Berlin geht auf seine Kappe. Der Baumeister Stüler war übrigens ein Schüler Schinkels, der hier schon viel zu lang nicht mehr Erwähnung fand.

Einladender Weg durch die Oderauen

Reitwein selbst ist ein hübsches Dorf von angenehmer Unregelmäßigkeit, zudem gibt es noch einige von diesen schönen Schleichwegen, die auf Wiesenteppich oder als getrampelter Pfad die stillen Straßen verbinden und im Langzeitgedächtnis eines jeden Reitweiner Kindes verankert sein dürften.

In den Oderauen

Gegenüber der Kirche liegt eine eindrucksvolle Sowjetische Kriegsgräberstätte, die Gedanken an die erbitterten Kämpfe in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wachhält, als nichts in dieser Landschaft friedlich war und ihr Gesicht zerschnitten. Als grundfriedliches Gegenstück dazu liegt gleich links benachbart ein kleiner Sommer- und Kräutergarten mit winziger Teichpfütze, der betreten werden darf und gleichermaßen Insekten oder Erholungssuchende bedient.

Die breite Oder

Die ausgedehnte Tour mit ihren vielen langen und landschaftsschwelgerischen Passagen findet sich genau so auch in einem blauen Brandenburg-Wanderführer. Sie vereint in sich eine ganze Handvoll Kapitel, deren jedes für sich seinen Charakter trägt und die man alle paar Jahre aufs Neue lesen möchte. Den Auftakt macht der umgehend pulssenkende Weg durch die inneren Oderauen, der vorbei an einer hinreißenden Rastbank mit Dorfblick und durch einen bruchklammen Grünzug zum großen Oderdeich führt. In Vertretung der Alten Oder, die einst weiter östlich ihre Bögen schlug, sorgt hier der Bullengraben für etwas fließendes Wasser, das von mehreren Stellen rund um Lebus daherkommt.

Was so wächst in den Auen

Hinter dem Deich öffnen sich die äußeren Oderauen mit ihrem urwüchsigen Erscheinungsbild. Die Oder ist von hier aus noch nicht zu sehen, doch hinter ihrem gedachten Verlauf geht bereits ein polnisches Panorama der Extraklasse in die Breite, das den Deich gewissermaßen zu einem endlosen Aussichtspunkt macht und irgendwo in der nahen Ferne als rätselhaften Blickfang eine glänzende Turmhaube durchscheinen lässt.

Auf Knöchelhöhe am Oderstrand

An diesem Streifen zwischen Deich und Oderufer wird man sich wohl niemals sattsehen können. In verspielter und natürlicher Unregelmäßigkeit ziehen sich einladende Wegespuren hindurch zwischen gekappten Altarmen und feuchten Wiesen, gestürzten und zugleich quicklebendigen Weiden oder kleinen Wäldchen, die sich von keiner der vergangenen Fluten haben unterkriegen lassen. Blasshäutige Baumruinen steuern eindrückliche Skulpturen zu diesem Ensemble bei. Dazwischen lassen die jagenden Wolken jede sichtbare Wasserfläche in Sekundenschnelle zwischen bleigrau, edelsilber und tiefblau wechseln, so dass die Auslöseverzögerung der Kamera für Grimm sorgen könnte – wenn man nicht so versunken wäre in dieses Landschaftsbild, zu dem man hier gerade selbst gehört.

Genügsame Pflänzchen

Weitere Accessoires, die das Unsteigerbare dennoch steigern, sind vereinzelte Strohrollen ohne Ablagesystem, in denen man ruhig einmal seine Nase vergraben sollte und tief einatmen, auch Weidezäune alter Schule oder die mit lustigen Ziegen durchmischten Schafherden, welche in diesen Wochen vielfach zu entdecken sind. Auch die Wolken tragen ihren Teil dazu bei, mal als brave Schafe, mal wild zerzupft oder gewagt ineinandergeschachtelt. Die Chancen für solche Himmelsbilder stehen an der Oder gut, wie die Erfahrung langer Jahre zeigt. Nicht zuletzt steuern die farbstarken Grenzpfeiler in regelmäßigen Abständen kleidsame Ergänzungen bei.

Uferstreifen der Oder

Neben den feuchten Stellen, Senken und Weihern gibt es auch einige streusandtrockene Stücke am Weg, die mittels wettergegerbter Holzplanken, vielleicht alte Eisenbahnschwellen, das Vorwärtskommen für Sohle und Reifen gewährleisten. Aus ihren Ritzen sprießen stillvernügt genügsame Blümchen.

Oderdeich mit Himmelsspiel

Wenn schließlich das Ufer der ruhig fließenden Oder erreicht ist, sollte man sich eine Rast auf einem dieser Zacken nicht entgehen lassen, die weit in den Fluss ragen. Es ist ein besonderes Gefühl, so ein bisschen mitten im breiten Fluss zu sitzen, bequeme Stellen gibt es fast immer. Nicht zuletzt kann es auch im späten Sommer angenehm sein, an einem dieser tausend Odersträndchen vollständig unterzutauchen, nur für ein paar Züge. Oder sich am gewählten Sitzplatz einfach nach hinten umfallen zulassen, mit geschlossenen Augen in den Himmel zu stieren und das leise Plätschern zu erlauschen, mit dem die klaren Flusswellen die äußersten Schotterbrocken umspülen. Man sollte es wirklich tun.

Schafherde nahe des Flusses

Aus dieser flachen Perspektive wirkt der Oderstrom zudem besonders breit und auch besonders blau. Schwierig ist es daher nur, sich wieder loszureißen, denn die Tour hat ja an dieser Stelle erst begonnen.

Schokoladenacker im Zustieg

Oderdeich

Auf Höhe des alten Fähranlegers beginnt das nächste Kapitel, das nun eine reichliche Stunde Autopilot gestattet, wenn gewünscht. Einfach die Füße machen lassen, die Gedanken fließen oder fliegen, und die Blicke schweifen. Der Oderdeich verläuft hier niemals schnurgerade, und hinter jedem Bogen gibt es neue Bilder, die sich nur selten ähneln. Mal kommt das lange Band der Oder in den Blick, mal eine der vielen kleinen Wasserflächen, die dem Deich zu Füßen liegen. Hier ist die Wiese struppig kurz, dort dann alles lückenlos bewachsen von hohen Gräsern oder auch Schilfteppichen. Und als kleine Kuriosität stehen immer wieder diese Durchfahrt-verboten-Schilder an Stellen, wo ohnehin niemals ein handelsübliches Kraftfahrzeug hinkommen oder weiterfahren könnte.

Aufstieg nach Wuhden

Rechtzeitig vor Lebus muss man sich losreißen und mal wieder auf das Display oder die Karte schauen, sonst würde man unversehens in Lebus landen – zwar auch sehr schön, doch fernab der restlichen Kapitel, dazu noch ein ganz eigenes. Ein paar rechtwinklige Abbiegungen begleiten den Weg durch die Felder hinüber zum unteren Rand der bewaldeten Höhenkante, die womöglich ein paar Mittelgebirgsassoziationen im Hinterkopf aufruft. Vereinzelte Gehöfte wurden liebevoll gestaltet, und am Abzweig, wo die Abkürzung hinzustößt, hockt ein versteinerter Troll, den wohl die Eiszeit von Skandinavien hierher verschlagen hat.

Ausblick von Wuhden

Wuhden

Nur wenig später geht es nun kurz und herzlich zur Sache, doch der Aufstieg an den Rand von Wuhden darf gut und gern ein eigenes kleines Kapitel für sich beanspruchen. Wer auf der Straße bleibt, kann oben im Dorf ein paar der hübschen Häuser sehen, doch zweigt man unten ab in den Weg mit schwarzem Kauz auf gelben Grund, darf die Höhe entlang eines idyllischen Grundes erklommen werden.

Weg auf dem Reitweiner Sporn

Oben beginnt dann, fast wie auf einem Kammweg, der nächste, äußerst aussichtsreiche Abschnitt entlang einer jungen Allee, die später in einer deutlich älteren aufgeht. Die beruhigende Spur ist immer leicht am Schlingern und taucht nach längerem in den Wald ab, wo der verdiente Abstieg nun genüsslich zelebriert wird.

Schöne Aussicht bei Reitwein

Noch in diesem abschließenden Kapitel sollte man sich trotz müder Beine und hängenden Magens nicht eine der schönsten Aussichten weit und breit entgehen lassen – der Abstecher ist nur kurz und endet an drei Bänken. Ähnlich frei und hochgelegen wie von der Schönen Aussicht kann man den Blick wohl nur von der Carlsburg bei Falkenhagen schweifen lassen – und ist dabei mit Sicherheit niemals ungestört.

Hohlweg hinab nach Reitwein

Wenn es wirklich Herbst ist und der Tag schon eine Weile läuft, wirft der Sporn seinen Schatten weit ins flache Land, wie ein altgedienter Fischer seine Netze, die in voller Breite auf die Wasserfläche klatschen. Die Bäume entlang der schnurgeraden Alleen tun das ihre, und der tiefe Sonnenstand steuert Goldlack und Weichzeichner bei. Auch der frische Wind hat sich woanders hin verzogen und überlässt die Landschaft gänzlich ihrer Stille, die Oder ihrem glatten blauen Spiegel und die tagaktiven Menschlein einer abendlichen Seelenruhe.











Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der Regionalbahn nach Seelow, von dort mit Bus bzw. Bussen (1,75-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 1 bis Manschnow, dann B 112 Richtung Lebus (ca. 1,75-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 21 km, Abkürzungen möglich (Empfehlung: wenn abkürzen, dann zwischen Wegpunkt 10 und 15)


Download der Wegpunkte
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Links:

Internetpräsenz von Reitwein

MOZ-Artikel Spaziergang Reitweiner Sporn

Einkehr: Gaststätte Am Reitweiner Sporn, Reitwein (vorher unbedingt anrufen, hat manchmal unerwartet geschlossen)

Marxdorf: Tempelritter, verschwundene Kastanien und die Allee im Walde

In diesem Jahr hatte bereits der März sämtliches Pulver verschossen, welches der April sorgfältig angesammelt und bereitgelegt hatte, um wochenlang alle Lebewesen gehörig durch die verwinkelten Gassen der Wetterphänomene zu scheuchen. Wie er da rangekommen war, weiß keiner. Aller Launischkeit im Vorhinein beraubt, schaltete der April daher auf bockig, wilderte wie schon letztes Jahr übermütig im Werkzeugkasten des Sommers und legte eine gnadenlose Serie heißer Tage hin, an denen die Sonne mit voller Glut vom blauen Himmel bretterte, quasi von Null auf Hundert.

Komturei Lietzen hinter der Mauer

Auf den Bürgersteigen wurde umgehend bauch- und schulterfrei geboten und am Eis geleckt, während alle Cabrios auf den Straßen ihr Dach wegsteckten und jeder Lenker darin forsche Blicke warf. Auch andere Schönwetterautos und geliebte Oldtimer wurden ausgemottet, sodann versonnen und in altersgerechtem Fahrtempo über die Landstraßen bewegt. Waren nun all die Sonnenanbeter entzückt von diesem frühen Geschenk, bimmelten bei vielen schon wieder die Alarmglocken angesichts ausschließlich gelbfarbiger Wettervorschauleisten. Schnell folgten die ersten Waldbrände, und für alle amtlichen und ehrenamtlichen Feuerwehrleute im Lande brach eine unruhige Zeit an.

Fast vier Wochen lang gab es so gut wie keine Wolken und manches zu suchende Osterei schmolz dahin, bis in den letzten Apriltagen endlich der erste wirkliche Regen fiel und bei den tüchtigen Feuerwehren etwas Entspannung und eine Atempause einkehrte – innerhalb von zwölf Stunden sank die Waldbrandgefahr von der höchsten auf die niedrigste Stufe, von fünf auf eins. Auch die Natur schien darauf nur gewartet zu haben, denn in diesen zwölf Nachtstunden explodierte es an Halmen und Zweigen, vervielfachten Baumkronen und Wiesenflächen ihr sichtbares Volumen. Die Vögel tönten laut und zuversichtlich, die Mischung aller Frühlingdüfte geriet sagenhaft und verführte zu tiefem Einatmen. Es war eine wahre Befreiung für alles, was neben Licht auch Wasser braucht. Dass in der folgenden Woche dann gleich wieder die Handschuhe herauszuholen waren, ist eine andere Geschichte, vielleicht ja noch die späte Rache des Aprils. Der Tanz in den Mai jedenfalls war nicht schulterfrei.

Kastanienallee im Walde

Um nun diese lang erwartete Mischung aus nassem Waldboden, frischen Blüten und saftigem Grün beim Ausflug gründlich auszukosten, sollte verschiedenartiger Wald und allerhand von diesen schönen buschigen Wegen dabeisein, die oft von Dorf zu Dorf führen und unattraktiv für Fahrzeuge sind. Dazu vielleicht noch ein paar Seen, welche die Kühle des Morgens gespeichert halten. Zwischen Müncheberg und Seelow ist von all dem einiges zu finden, und aus einer alten Tour wurde durch bloßes Umkehren fast schon eine neue, die hier und da sogar noch überraschen kann.

Kirchweiher in Marxdorf

Marxdorf

Marxdorf ist ein gemütliches Dorf, das auf hübsche Weise abseits liegt – viele Wege führen dort hin, doch bis auf die Hauptzufahrt verleiten sie alle zur Langsamkeit und zum Genuss, egal ob nun im Latsch, im Sattel oder hinterm Lenkrad. Der Anger, nicht klar zu erkennen und variantenreich maskiert, verfügt über zwei Teiche. Am kleineren steht in attraktiver Nachbarschaft die Kirche, während der größere eher entspannten Freizeitstunden dient. Im Norden gibt es ein kleines Parkdreieck mit Denkmal, in der Mitte einige ergiebige Äcker und hier und da verschiedene Weiden für Fell- und Federvieh. Am großen Teich liegt über einer Wiese voller Schlüsselblumen der hübsche Spielplatz, und überall im Dorf trifft man statt Zäunen auf stattliche Feldsteinmauern als Grundstücksbegrenzung.

Am kleineren Kirchweiher, der unterhalb der Mauer des Kirchhofes liegt, hat sich eine Gänsefamilie eingerichtet, die mit lautem Geschnatter auf ihre Fünflinge hinweist und zugleich im Unterton einen ausreichenden Abstand nahelegt. Das gilt selbst für die entfernte Verwandtschaft eines Entenpärchens, das extra vom anderen Teich angereist ist, um seine Aufwartung zu machen.

Gänsefamilie auf dem Kirchweiher

Der hiesige Gasthof der mittleren Preisklasse wurde einst von einem bärtigen Herren geführt, dessen zelebriertes Erkennungszeichen neben frischen Fischen in der Pfanne ein lustig aufgesetzter lustiger Hut war. Markanter noch für den Durchreisenden war der herrliche Bullerjahn-Ofen im Schankraum, speziell natürlich an kalten Tagen. Mittlerweile sind neue Betreiber am Werk, und in greifbarer Zukunft soll hier der Erlebnis-Gasthof Loosgut öffnen, der dann neben Fisch auch Rindfleisch von der Weide nebenan auf die Karte bringt. Nicht minder markant für so ein leicht abgelegenes Dorf und fast ein bisschen kurios war die Likörfabrik, die sich jedoch mittlerweile nach Neustrelitz verlagert hat – das Marxdorf in Namen hat sie mitgenommen, was für ein gewisses Renommee der süßen Spezialitäten spricht.

Doch die Wahrnehmungsorgane und auch der Bewegungsapparat drängen jetzt zum Dorfende, wo einige bekannte Elemente freudig erwartet werden. Neben einem zutiefst beruhigenden Weg in Richtung Wald und dem weiten Blick übers saftige Grün zählen dazu einige alte Kopfweiden, die mehrfach auseinandergebrochen und doch noch zusammenhängend sind. Der jahrzehntealte Kompost der eigenen Krone sorgt im Innern des Stammes für einen weichen Mutterboden, auf dem allerhand wächst und gedeiht. Eine Kleinfamilie hätte dort ausreichend Platz für ein bedrängtes, doch einzigartiges Picknick.

Schlüsselblumenwiesenhang unterm Spielplatz

Am ersten Ausläufer des Waldes steht die erste Nachtigall des Tages in Sangespose, die schon ungeduldig darauf gewartet hat, dass endlich irgendwelche Zuhörer vorbeikommen und beeindruckt sind von ihrer Virtuosität. Von hier fällt der Weg als grüne Hohlgasse ab zum Wald, so eingesenkt, dass man fast den Krummen See übersieht, den ersten der sechs Seen am Weg. Ein Abstecher zum Marxdorfer Moor lohnt sich, verlangt jedoch eine gute Orientierung oder Satellitenunterstützung, denn von einstigen Wegen ist kaum mehr etwas zu sehen. Das Moor liegt noch trocken vom letzten Sommer und keine Froschkehle ertönt, doch in nässeren Zeiten lassen sich hier ganze Teppiche von Wollgras bestaunen. Der Abstecher lohnt auch wegen des besonderen Lichtes im fast reinen Buchenwald, dessen grüner Dom sich hoch über dem laubbraunen Waldboden wölbt.

Trockenes Marxdorfer Moor

Wer das Moor auslässt und sich lieber an vorhandene Wege hält, darf am Waldrand entlang einer stattlichen Reihe alter Eichen spazieren, mit den gewellten Feldern im Blick. Die buckligen Wurzelausläufer an ihren Füßen sind von Moos bedeckt und erinnern an mit Herzblut gebastelte Modelle von Mittelgebirgen. Ein besonderer Weg, der etwas Archaisches hat und auch ein paar Blicke in den Buchenwald spendiert. Am Waldeck biegt, alternativ zur geradeaus führenden Forststraße, ein leicht verwachsener Weg ab, der etwas Staksen und Beineheben verlangt, doch das lohnt sich. Jede Landschaftswelle nimmt er mit und sammelt damit einige Höhenmeter, führt zudem vorbei an Fichten- und Robinienwald, jeweils mit dem besonderen Licht. Begleitet wird der Waldrand auch hier von alten Bäumen mit gewaltigem Umfang. Auffallend sind zudem die Lesesteinhaufen, teils fast schon im Ausmaß vorgeschichtlicher Grabhügel. Direkt am Waldrand stehen sogar kleinere Hinkelsteine benachbart zu kürbisgroßen Brocken. Über wieviele Jahrzehnte wohl so ein Haufen gewachsen ist, wieviele Generationen von Ackerbauern ihn immer wieder nährten?

Buchenwaldhalle beim Marxdorfer Moor

Nach dem Abdrehen in den Wald zeigt sich dieser erneut besonders, denn der Weg führt vorbei an Douglasienbeständen. Wer gern eine besondere und natürliche Erfrischung hätte, zerreibt ein paar Nadeln zwischen seinen Fingern und wird die nächsten Minuten nicht damit aufhören können, immer wieder die Hand an die Nase zu führen und den anregenden Duft einzuatmen, bevor er irgendwann verfliegt.

Im Wald liegt noch einiges quer von vergangenen Stürmen, sodass das Verlassen der großen Wege etwas Kletterei erfordern kann. So krauchen wir über und unter umgelegten Stämmen und Kronen hindurch, bücken, strecken und verbiegen uns. Das Ziel ist ein Hügel mit Robinienwald, der auf einem steilen Weg verlassen wird. Überall lagern meisterlich angelegte Stapel riesiger Holzscheite im Wald, die zeigen, wieviel schon aufgeräumt wurde. Auch die Spuren grobstolliger Reifen zeugen davon. Umso erstaunlicher ist es, was alles noch zu tun bleibt.

Eichenreihe am Waldrand

Nach einem kleinen Gespensterwald voll knolliger Robinienstämme, den man besser nicht zur Dämmerung durchquert, übernehmen wieder breite, freie Wege. Hinter einer Waldstraße steht ein kleiner Lebensbaumwald, und wenig später beginnt eine wahre Rarität: mitten im Wald zieht sich eine betagte Kastanienallee entlang des Weges, deren hochgewachsene Bäume schon vollständig belaubt sind. An einem Querausläufer der Allee ruht eine urige und vielfältig bewachsene Riesenwurzel, groß und schnittig wie ein Delphin, die voll unerzählter Geschichten steckt. Oben in den grünen Wipfeln mit den weißen Kerzen jagen Finken und andere schnelle Vögel hin und her, dem Anschein nach eher verspielt als funktional. Genau hier fällt der erste Sonnenstrahl des Tages in den Wald und veredelt die besondere Szenerie.

Lesesteinhaufen mittlerer Größe, Draufsicht

Vorn auf der Schotterstraße zwischen Marxdorf und Lietzen Nord fetzt ein Transporter vorbei, den wohlverdienten Feierabend im Blick. Dass selbst jetzt kein Staub aufgewirbelt wird, ist wohl der nachdrücklichste Beweis für das Ausmaß des nächtlichen Regens. Die Straße verläuft durch einen grünen Tunnel, dessen Dach zu großen Teilen von Ahornblättern gebildet wird. Rechts im Hintergrund wachsen blutjunge Buchen heran, dicht an dicht mit ihren glatten Stämmen und in Wurfweite zu einigen versteckten Waldweihern.

Blick durch die Buchenstämme nach Marxdorf

Bald darauf verlässt der Weg den Wald und bringt nun großflächig eine neue Farbe ins Spiel. Der grüne Tunnel setzt sich fort, doch er zieht sich durch ein Meer von Gelb, das bis zum Horizont reicht und scheinbar auch die nächsten Waldstücke umspült. Das kaum farbecht zu fotografierende Gelb des Rapses treibt seinen Jux mit dem Kamerasensor, wenn es sich mit jedem Wolkenzug in neue Nuancen wandelt, mit jedem Wogen leicht changiert in seiner Antwort auf das Licht der Sonne. Noch stehen keine mohnroten oder kornblumenblauen Gegenpole am Wegesrand, die den Raps hervorragend ergänzen und ihm zugleich die Schau stehlen, zumindest punktuell und für das Tempo des Fußgängers. Das wird eine Woche später schon anders aussehen.

Gutwillige Robiniengeister

Lietzen Nord/Komturei Lietzen

Für den Windschutz von Feld zu Feld sorgen auch hier altgewachsene Bergahorne, die schnurgerade auf einen besonderen Ort zu führen. Am Ortsrand von Lietzen Nord möchte ein einladender Radweg-Einschlupf zum Überspringen des Dorfes verführen, doch dem sollte man auf keinen Fall nachgeben. Das Dorf Lietzen Nord besteht zur Hälfte aus der Komturei Lietzen, einem aus heutiger Sicht pittoresken Gebäude-Ensemble, wie es in Brandenburg kein zweites Mal zu finden ist. Komtureien sind Niederlassungen des Ordnens der Tempelritter, auf deren Spuren man hier im Umkreis in vielen Dörfern trifft. Die Templer gab es etwa zwei Jahrhunderte lang. Während der Kreuzzüge bildeten sie eine Art Elite-Einheit, die direkt dem Papst unterstand. Zahlreiche Filme bedienen sich bei ihrer Geschichte, Nachfolgeorganisationen sind bis heute aktiv. Das benachbarte Dorf Neuentempel trägt die Templer schon im Namen, und auch Marxdorf beruht auf dem Orden, der dort auch die Kirche baute.

Alte Kastanienreihe im Wald bei Lietzen Nord

Durch die zahlreichen Film-Adaptionen wurde die spannende und kontroverse Historie eher zur blumig-abenteuerlichen Fantasy-Mär abgeschliffen, und so passt es durchaus in den Blickwinkel, wenn man das zauberhafte Gelände der Komturei durch das große Portal betritt und an Drehorte und Kulissen der jüngsten Märchenverfilmungen denken muss. Insbesondere, wenn die Wiesen bunt und die Obstbäume voller Blüten oder Laub sind, ist es wirklich ein märchenhafter Ort, dessen Gelände zum größten Teil betreten werden darf – wo nicht, weisen Schilder freundlich darauf hin. Ein paar Blicke wert ist zuvor die Außenseite der Umgrenzungsmauer, deren pragmatisches Flickwerk von verschiedensten Epochen erzählt. Ihre Krone ist nachgerade exotisch bewachsen, im gekonnten Stil eines Steingartens.

Allee in den Raps um Lietzen Nord

Am ältesten sind wohl die Kirche und das benachbarte Herrenhaus, die zu Lebzeiten Walthers von der Vogelweide errichtet wurden, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. In der einige Jahrzehnte zuvor gegründeten Mark Brandenburg war da gerade die Zeit der Askanier angelaufen. Der noch älter erscheinende Speicher hingegen kam erst etwas später dazu. Die Kirche ist meist geöffnet, die Tür einladend angelehnt, und diese Einladung anzunehmen lohnt sich. Neben der Stille und dem herrlichen blauweißen Himmelsgewölbe strahlt das kleine Schiff eine tiefe Ruhe aus, wozu auch die grobe Pflasterungen mit großen Ziegelsteinen beiträgt – im Altarraum übrigens in Bienenwabenform, die man auch im benachbarten Diedersdorf wiederfindet.

Komturei Lietzen mit Speicher, Kirche und Obstwiese

Zu all der Schönheit kommt noch die Lage über den Uferwiesen des Küchensees hinzu. Nördlich des neu gebauten Saal-Gebäudes gab es noch vor einigen Jahren eine sagenhafte Reihe freistehender alter Kastanien, die entlang eines grobknüppligen Geländers am Hang standen und dem Spaziergänger ihre waagerechten Äste fast ins Gesicht hielten. Dieses urige Bild im Kopf war fast so etwas wie das Tagesziel heute, und es ist wirklich schade, dass es diesen einzigartigen Ort nicht mehr gibt. Vermutlich wurde auch er ein Opfer der Wetterkapriolen. Zu hoffen bleibt der naheliegende Gedanke, dass nach Fertigstellung des neuen Gebäudes kleine Kastanienbäume nachgepflanzt werden. Das wäre wirklich schön.

In der Kirche, Komturei Lietzen

Vom Rand des Anwesens öffnet sich der Blick über eine idyllische Landschaft in grün, gelb und Himmelsschattierungen von grau bis blau, durch die sich unegal ein Wasserlauf zieht. Büsche und Bäume stehen vereinzelt darin, hinten verdichtet sich der Wald. Nachdem der Weg im Wald verschwunden ist, schwingt er sich in Kurven über eine kleine Anhöhe. Auch hier fallen wieder die vielen alten Bäume auf. Mehrere souverän-freundliche Spaziergänger begegnen uns. Sie wirken, als wenn sie den Jaguar im Zündschlüssel und den Weimaraner an der Leine hätten, darüber hinaus viele gute Ideen im Kopf und ansonsten gern ihre Ruhe beim Umsetzen dieser Ideen.

Steg zwischen den Seen, Lietzen Nord

Ein kleiner Fußgängersteg führt über den Durchlass zwischen Küchensee und Großem See, dahinter folgt ein üppiges Stück dichter Botanik – unten auf dem Weg die gelb leuchtenden Butterblumen, links und rechts die weiß blühenden Büsche und efeuberankten Baumstämme und darüber die frisch gedeckten Dächer der Baumwipfel. Sehr alte Buchen begleiten auch den Uferweg am Großen See, der manches Mal zu einer Rast am Wasser einlädt.

Rechts des Weges erhebt sich wie ein kleines Massiv ein fester, von Bäumen bestandener Sandhügel, der über steile Wände und Höhlen verfügt und rege von Schwalben und unterschiedlichsten Insekten als Unterkunft genutzt wird – demnach in halbwegs friedlicher Koexistenz. Es herrscht ein lebhaftes Kommen und Gehen, Flattern und Schwätzeln, begleitet von Gesumm. Bald öffnet sich der Wald und präsentiert ein Haus, das so wohlgefällig in blühende Fliederbüsche eingebettet liegt, dass es selbst kaum zu sehen ist. Rundherum gewinnt das Korn an Höhe und bildet schon winzige Ähren aus.

Großer See

Neuentempel

Auf den Wiesen zwischen Großem See und Halbesee rastet eine größere Schar Gänse, keineswegs lautlos, dazwischen mischt sich von weiter hinten das norddeutsch langgezogene Quaken der allerersten Frösche, und noch weiter hinten liegt eines der schönsten Dorfbilder Brandenburgs, das vom erwähnten Neuentempel mit seiner wuchtigen Kirche. War der Kirchturm vor ein paar Jahren fast noch vollständig zu sehen, sind die Bäume auf halbem Blick mittlerweile so hoch, dass nur noch die kantige Haube herausragt.

Kurz vor Neuentempel

Der geschwungene Verlauf des Weges zieht etwas höher die Uferlinie des Halbesees nach, auf dem zum ersten Mal in diesem Jahr das humorvolle und mitteilsame Geschnarre des Drosselrohrsängers zu hören ist, der im noch bleichen Uferschilf den Monat Mai bestätigt. Vom Ende des Sees brückt sich ein Weg durchs nasse Land, begleitet vom Verbindungsgraben zwischen Halbe- und Weinbergssee. Die Badestelle am Rand von Diedersdorf wurde in den letzten Jahren von Grund auf neu gestaltet, draußen auf dem See treibt sogar eine verankerte Badeinsel.

Dammweg zum Weinbergssee, Diedersdorf

Diedersdorf

In Diedersdorf, das wie das bekanntere Dorf gleichen Namens bei Großbeeren ebenfalls über ein Schloss verfügt, queren wir den kleinen Kirchhof und treffen vor der Kirchtür erneut auf die sechseckigen Pflastersteine. Schräg gegenüber bietet sich im Gasthaus nun unbedingt eine ausgedehnte Pause an. Erstmals in diesem Jahr können wir dabei im Freien sitzen, direkt neben der außerordentlichen Ulme, in der die Vögel aus den Furchen der Rinde kleinste Insekten ernten, teils kopfüber hängend. Als Hintergrundmusik zum Essen spielt im Gebüsch am Zaun eine trainierte Nachtigall ihr Repertoire für die anstehende Saison durch.

Alte Sensenschmiede am Rand von Neuentempel

Bald hinter dem Schloss biegt die stille Straße nach Neuentempel ab, die einem saftig grünen Talgrund folgt. Fast keine Autos fahren hier, und auf halber Strecke zwischen den Dörfern macht eine leicht erhöhte Rastbank ein faires Angebot. Als erstes Haus von Neuentempel empfängt die Alte Sensenschmiede, die noch immer komplett ausgestattet ist und deren Mauerwerk ähnlich pragmatisch gepatchworkt wurde wie die Lietzener Außenmauer von vorhin. Komplett wird das hübsche Bild durch ein schönes schmiedeeisernes Zunftzeichen, das somit doppelt passend ist.

Neuentempel

Im Dorf kommt von vorn der Oderbruchbahn-Radweg daher, der vorhin am Rand von Lietzen verführen wollte und einmal komplett durch Neuentempel fährt. Noch vorher zweigt nach rechts das Sträßchen Richtung Hedwigshof ab, dessen Asphaltband bald zwei wasserdurchlässigen Fahrspuren weicht. Vorher gilt es noch den lockenden Wegen hinab zum Großen Raaksee und dem Abzweig nach Hedwigshof zu widerstehen, beide durchaus schöne Optionen, den verbleibenden Weg noch etwas auszudehnen.

Wogende Rapsfelder bei Hedwigshof

Tief in den blühenden Rapsfeldern, welche die sanften Wellen der Landschaft abbilden, bereiten sich einige Bienenvölker auf ein gutes Stück Arbeit vor, und dann und wann rauscht ein Auto vorbei, meist mit Kennzeichen von ganz woanders. Die dichte Allee strebt direkt auf den Wald zu, der als schmaler Streifen die Felder vom zweiten Marxdorfer Haus trennt.

Wenn es am Vormittag schon ruhig war im Dorfe, so ist es jetzt noch ruhiger. Selbst die frischen Gänslein scheinen schon ins Nest gebracht zu sein, der Kirchenteich ruht spiegelglatt, frei von Lament. Gleichermaßen zurückhaltend und vordergründig liegt in der Luft das Sausen der eleganten Schwalben. Ihre Spiele verweisen auf eine Zeit, die bald schon kommen wird.














Anfahrt ÖPNV (von Berlin): wochentags über Seelow (1,25-1,75 Std.), am Wochenende ungünstiger

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße B 1 (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: knapp 19 Kilometer (vielfältige Abkürzungen gut möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zu Marxdorf (Amt Seelow)

Informationen zu Lietzen (Amt Seelow)

Seite der Komturei Lietzen

Einkehr: Ulmenhof, Diedersdorf

Grunow: Das Sophienfließ, der See in türkis und die senkrechten Schachbretter

Endlich kam der Regen. Nach endlosen Wochen von Trockenheit und extremer Hitze gab es nun wirklich ein erlösendes Gewitter, das sich von Frankreich aus auf den Weg machte und als langgezogener Süd-Nord-Riegel einmal übers ganze Land zog. Während es im Südwesten marodierte und einigen Schaden anrichtete, erreichte es den Nordosten bereits ermattet und zeigte sich hier unentschlossen und effektheischend. Stand irgendwann wieder auf festen Beinen und gab dann endlich dem staubigen, teils knochentrockenen Land einige kurze, doch hilfreiche Güsse. Alles mit Wurzeln im Boden erhielt eine umfassende Erfrischung und die Hoffnung auf etwas mehr in der folgenden Woche. Auch alle wurzellosen Lebewesen konnten nun aufatmen und ein paar kreislaufschonenden Tagen entgegensehen mit Temperaturen in den Zwanzigern, nachts schon fast darunter.

Im Tal des Sophienfließes

Abgesehen von der normalisierten Temperatur ist auch sonst zu spüren, dass die Jahreszeit mit den längsten Tagen ihren Zenit überschritten hat. Jedes Jahr aufs Neue gibt es dann wieder dieses besondere Licht, das geschaffen wird von schnellziehenden Wolkenbergen vor kräftiger Sonne und den ersten Lücken im Laub der hohen Bäume. Schon am Nachmittag sorgt der deutlich tiefere Sonnenstand für dieses warme Gold, die langen Schatten für mehr Lebendigkeit in allen Gestalten der Landschaft.

Während die bunten Blumen und Gewächse des späten Sommers sich stille Gefechte liefern um schönste Farbenpracht und maximale Sättigung, mischen sich zwischen die würzigen Düfte des ersten gefallenen Pappellaubs schon die fruchtigen, leicht beschwipsten aller Früchte, die vom Wind oder von den Bäumen selbst abgeworfen wurden. Kleines wildes Murkelobst mit pflaumengroßen Birnen und kirschengroßen Pfläumlein, doch das Aroma dieser Früchtchen strahlt aus mit der Kraft eines Konzentrats. Als drittes im Bunde mischen sich noch die knallblonden Strohrollen dazu, die gut verteilt auf den stoppeligen Feldern parken. Die Duftmischung im Ganzen vermag es, bei manchen sehnliche Vorfreude auf den nähergerückten Herbst zu wecken.

Im Schlosspark Buckow

Gut geeignet für diese Zeit um Spätsommer und Frühherbst ist die bezaubernde Gebirgslandschaft der Märkischen Schweiz mitsamt den Dörfern drumherum – so zumindest zeigt es die Erfahrung. Argumente und Begründung bleibe ich schuldig, dem Textvolumen zuliebe. So gesehen trifft es sich gut, dass Buckow mindestens einmal im Jahr lautstark im Gedächtnis anklopft und sich bemerkbar macht, bestimmt und kaum verhandelbar. Dieses scheinbar gemalte Städtchen zwischen dem türkisesten aller märkischen Bergseen und einer der gelungensten Reliefeuphorien im Land Brandenburg. Beim Spaziergang durch die Stadt trifft man auf viele Bilder und Stimmungen, die eigentlich nur von romantisch übertriebenen Gemälden unglücklich verliebter oder naturversessener Pinselkünstler stammen können. Doch alles ist echt, und man darf es sich anschauen zu jeder Zeit und so oft man kann und möchte. Wenn es Text wäre und nicht Bild, wäre es an einem Tag wie heute wohl komplett fettgedruckt.

Grunow

Grunow ist eines der genannten Dörfer und liegt fünfzig Meter über dem Schermützelsee. Es wird umwogt von langfrequenten Landschaftswellen, die für ein regelmäßiges Auf- und Ab sorgen und mit sanftem Fingerzeig betonen, dass es ins Gebirge geht. Das Dorf liegt mittagsstill und scheint den ersten hitzefreien Tag dankbar aufzusaugen. Eine Katze muss nun keinen kühlen Stein mehr suchen, heut tut es auch ein simpler Schattenplatz am Fuß des Apfelbaums. Weiter hinten bewegen sich drei Ferienmädchen Richtung Dorfrand, wahrscheinlich zu den Pferden hin. Offen bleibt, ob sie rosa Schleifen im Gepäck führen oder Zuckerwürfel, doch sie bewegen sich bogenreich und etwas ruckhaft, da ein drittes Fahrrad fehlt. In irgendeinem Garten kommt viel zu spät ein klobiger Köter ans Gittertor gerannt, scheinbar noch mit der Hitze der letzten Tage im Gehirn. Am Dorfausgang ist dann alles still, und so hört man von Ferne das Schnauben der Pferde. Etwa genauso laut sind die nahen Hummeln auf der bunten Wiese hinterm letzten Haus.

Dorfstraße in Grunow

Dann öffnet sich die große Weite mit ihren sanften Hängen, angenehm durchbrochen von kleinen Waldstücken, hochgewachsenen Pappelreihen und feuchten Senken, in denen alles grün oder noch etwas grüner ist. Von links nähert sich ein kleiner Wasserlauf, der trotz der zähen Dürre etwas Wasser führt. Das Fließvolumen reicht von daumendick bis beinlängenbreit, doch niemals steht es still, das Sophienfließ. Dass es etwas versteht von Naturromantik, beweist das Bächlein bereits ein Dorf stromaufwärts in Prädikow. Wie sich auf dem Rückweg zeigen wird, baut es dieses Talent bis zu seiner Mündung in den Schermützelsee eindrucksvoll aus.

Hügelwiesen am Sophienfließ bei Grunow

Ein gutes Viertelstündchen hält uns das Fließ die Treue, doch im ersten längeren Anstieg plätschert es weiter seiner Wege Richtung Osten, bleibt lieber unten. Eine gute Entscheidung, insbesondere wenn so wenig Wasser zur Verfügung steht wie in diesem Sommer. Oben quert ein verträumter, breiter Weg. Links in den Büschen ist ein stattlicher Haufen Feldsteine mit Größen von Apfel bis Kürbis am Zuwachsen. Den sollte man sich merken, falls Muttern mal wieder ihre Beete umgestalten will.

Am Wiesenpfad vor Bollersdorf

Beide Richtungen des Weges locken, doch geradeaus der Weg nach Bollersdorf ist frisch gemäht und heute gut zu gehen, daher mehr als einladend. Der Weg läuft bald zu einem Pfad ein und kann zeitweise ziemlich krautig sein, notfalls lässt sich die Passage einfach westlich umgehen. Doch dieser knappe Kilometer ist lohnend. Zum Dorf hin und zum alten Wirtschaftshof gibt ein verlandeter Weiher mit Feuchtgebiet allen in der Nachbarschaft von seinem Safte ab und sorgt damit für einen breiten Schilfgürtel mit lautstarkem Leben. Bis zum Pfad hin reicht sein Einfluss, und so hat sich hier im Sommer ein farbenfroher und stengeldicker Blührand entwickelt, in dem es goldgelb strahlt von den hochgewachsenen Goldruten, hell- und dunkelviolett von Kletten und Disteln und in seven shades of white von allem möglichen Gewächs.

Dorfteich in Bollersdorf

Ob all jene, die summen, brummen und flattern, nicht mehr so wählerisch sein können wie im späten Frühling oder es sich wirklich um Blüten handelt, die wohlgelitten sind unter Insekten, oder ob diese Nektarspender einfach das Obst der Saison sind für Leute, die es regional bevorzugen – hier ist richtig Betrieb. Nicht nur die Zahl der Schmetterlinge ist groß, sondern auch ihre Vielfalt, und dazwischen tummeln sich die Hummeln, auch noch Bienen und basslastige Hornissen sowie allerhand kleinere Teilnehmer wie Käfer und Fliegchen. Angesichts des verstörenden Problems der schwindenden Insekten lässt sich nicht aufatmen, auch wenn man gerne würde. Doch es stimmt zuversichtlich, wenn man direkt sieht, was so ein stehengelassener Meter Feldrand bewirken kann. Insbesondere in diesem insektenarmen Sommer, wo man die Wespen eher am Wasserhahn antrifft als auf der Himbeertorte.

Hinter Bollersdorf

Bollersdorf

Allein dieser Kilometer wäre die Anreise wert gewesen, und so ist es schade, dass er trotz allen Herauszögerns irgendwann endet. Doch auch Bollersdorf hat dem Auge viel zu bieten, zumal man mitten durch den großen Dreieinhalbseit-Hof gehen darf und mitverfolgen, wie aus verfallenden Scheunenhäusern wieder Prachtstücke werden oder stattliche Sonnenblumen aus betagten Backsteinfugen wachsen, im schönsten Kontrast. Vorn an der Kirche machen gerade zwei Jungs mit Rädern eine Tourbesprechung, kurz darauf bei der Pause am Dorfteich fragt uns von hinten jemand aus seinem Pickup heraus, ob er hier zur Pritzhagener Mühle kommt. Auf dem Teich wechseln die Enten besonnen von hier nach da, ein dicker Fisch prahlt mit seiner Rückenflosse, bis wir endlich hinschauen, und sogar eine ganze Reihe Schwalben sausen noch dicht überm Wasser herum, ohne Laut und voller Anmut.

Obstallee hinter Bollersdorf

Ein paar Meter weiter schmeißt eine grantige Hexe jeden aus dem Dorf, der zu lange auf ihr Häuschen stiert, und so finden wir uns gleich darauf vor der absteigenden Straße, die hinab zum größten Bergsee der Märkischen Schweiz führt. Doch rechts steht eine sehr anziehende Reihe von Apfelbäumen auf der Höhe und ist stärker. Mit herrlichem Blick auf die bewegten Wälder der Höhen und Täler gegenüber lassen sich hier verschiedene Apfelsorten verkosten, die teils schon rotbackig sind. Nach dem Abbeißen bleibt eher eher ein schiefes Grinsen als ein genießerisches Ah – einzwei Wochen sollten sie noch reifen. Zwischen den Bäumen ragen unverwüstlich die wuchtigen Ventilstutzen der alten Bewässerung aus dem hohen Gras. Auf der zweiten Hälfte der Obstallee geht es weiter mit Pflaumen, die fast schon blauschwarz sind, groß und durchaus aromatisch, doch etwas Reife und Saft fehlen auch hier noch. Für die tägliche Dosis Vitamin C und ein paar andere empfohlene Tagesrationen sollte es jedenfalls gereicht haben. Untermalt wird die Sause von einem hintergründigen Chor zirpender Grillen.

Uferweg am Schermützelsee

Nach der Weite und dem freien Blick verschwindet der Weg abrupt im dunklen Wald, gut gemischt aus Laub und Nadel, damit würzig duftend und von diffusem Schatten. Das Gefühl von offenen Augen ohne Dunkelbrille ist nach der wochenlangen Dauersonne ähnlich weit weg wie das eines festen Schuhes am Fuß – und beides wohltuend. Schnell verliert der Weg an Höhe und lässt dabei auf ein paar Metern eine historische Pflasterstraße aus enormen Steinen sehen, wie man sie auch von der Sächsischen Schweiz kennt. Überhaupt läuft uns heute ständig die Oberbarnimer Feldsteinroute über den Weg, und bis zum Ende werden die Feldsteine häufiger als üblich Präsenz zeigen. Als Lesesteinhaufen am Feldrand oder im Gebüsch, als Straßenbelag oder als Bauklötzer für Häuser und Kirchen. Und natürlich ganz klassisch als imposanter Findling am Wegesrand.

Die Scherri vor Anker, am Badestrand von Buckow

Immer steiler wird nun das Gefälle, immer direkter der Abstieg, bis irgendwann die Wasserfläche durch die Stämme glitzert. Dieser schöne, ganz besondere See, der nur zwei Kilometer lang ist und dennoch zwei schöne weiße Dampfer beschäftigt, einen klassisch zu nennenden Badestrand anbietet und ein ganz passables Segelrevier. Unten beginnt der Uferpfad, der sich auf ganzer Linie so wild gebärdet, als wollte er einen abwerfen. Schön und wild ist er, reich an Treppen und steilem Auf und Ab. Zwischendurch lässt er den Spaziergänger spontan durch ein Bollersdorfer Bergdörfchen spazieren, das mit seinen steilen Stiegen, Streuobsthängen und Terrassengärten an die sächsische Elbe denken lässt.

Keramikscheune mit Biergarten, Buckow

Der Rundweg um den Schermützelsee darf als Legende und Klassiker im besten Sinne gelten, was pittoreske Bilder, umfassende Vielfalt und Naturromantik betrifft. Bei aller Kürze spendiert er eine der abwechslungsreichsten Seeumrundungen in ganz Brandenburg und konzentriert mit allen möglichen Variationen das Erlebnis- und Erholungspotential einer ganzen Urlaubswoche in sich. Am Gasthaus wird es wieder schattig, und wie auch am Stienitzsee zwei Täler weiter trifft man alle paar Minuten auf Quellwasser, das unterhalb des Hanges aus dem Boden sickert. Dieses frische Wasser landet neben dem des Sophienfließes im See und ist vielleicht ein Teil des Geheimnisses um sein kräftiges Türkis.

Wochenend-Idyll in Buckow

Buckow

Hinter einer Reihe geradezu hinreißender Ufergrundstücke oder solcher mit Seeblick steht als letztes das zuwachsende Haus Tirol und ruft Bilder auf, wie es hier im schönen Kurort mit eigener Bahnanbindung einmal zugegangen sein könnte. Worte wie Sommerfrische kommen in den Sinn, ferner Tanztee und Gymnastik sowie Badekleidung, deren Anlegen längere Zeit beansprucht. Gut zu diesen Bildern passt das Strandbad, in dem der Betrieb heute eher verhalten ist. Von Südwesten drückt ein wirklich strammer Seewind in die Bucht, der schaumgekrönte Inlandswellen aufhäuft und im Biergarten sogar die halbvollen Gläser in Schwingung versetzt. Die Mädels, die davon unbeeindruckt vorn auf dem Steg stehen und beim ausgiebigen Schwatzen leise schlottern im badenassen Textil, dürften wohl eher von hier sein und jeden Tag der Ferien am Wasser verbringen. Alle Kundschaft aus der nahen Großstadt hingegen hebt die Zähne beim Zehentest, reibt sich leicht gekrümmt die nackten Oberarme und zieht ein leidendes Gesicht am ersten Tag ohne brüllende Hitze. Beschwichtigende Worte folgen, begleitet von schiefgelegten Köpfen.

Kneipptretstelle am Schlosspark Buckow

Gegenüber des Strandes am Dampferanleger lockt eine steile Stiege hinauf zum Schlossberg, doch wir wollen unbedingt in den Ort, nach dem Rechten schauen und Energie nachlegen. Im alten Strandkiosk ist ein Trödel eingezogen mit buntem Sortiment, so dass ab hier ein großer blauer Krug dabei ist. In einem zillewürdigen Wochenendgarten wird ein Fest begangen. Alle, die uns entgegenkommen, strömen eben dorthin, in schönen Sommergewändern und entweder mit einem Blumenstrauß, einer Sektflasche in der Hand oder einer Kuchendose im Beutel. Manche tragen noch dazu ihr schönstes Lächeln im Gesicht, so eines ganz von innen, grundecht und entwaffnend.

Wir statten der Keramikscheune einen kurzen Besuch ab, die im letzten Jahr eröffnet hat. Vorn gibt es einen schönen Vorhof mit Platz für Feste, drinnen viel Platz und eine großzügige Bühne. Hinterm Haus legt ein schattiger Biergarten eine Pause nahe. Der zugehörige Eiskeller am Hang ist selbst mit Platzangst begehbar, denn der Deckel wurde entfernt.

Streuobsthänge hinterm Schlossberg, Buckow

Zwischen Mühle und Kirche tummeln sich bunt die Leute, und rund um die Brücke über den Stöbberbach gibt es drei Optionen zum Sattwerden für kleine und große Geldbeutel. Die schönsten Plätze direkt am Bach hat der Imbiss, wo eine erfahrene Dame seit langer Zeit den Kochlöffel und anderes Werkzeug schwingt. Ganz egal, wann man hier sitzt, fast immer wird gegenüber in der Stobbermühle geheiratet. Heute nicht, wahrscheinlich ist das Datum nicht ausreichend eingängig. Vorn am Marktplatz in der Eisdiele ist kein Stuhl mehr frei, doch etwas die Straße hinauf in Richtung Bahnhof gibt es ja das Eiskörbchen. Auch hier steht eine Schlange, die schnell und freundlich abgearbeitet ist. Die Eisleckbänke gegenüber sind voll, doch die Fluktuation ist groß und nach etwas Schmökern in der hiesigen Bücherkiste werden Plätze frei.

Bucklige Brücke übers Sophienfließ

Am Eingang zum Schlosspark liegt ein schöner Kräutergarten, in dem es neben der Wassertretstelle im Bach sogar ein Kneipp-Becken für die Arme gibt. Das mit dem Kältekribbeln nach dreißig Sekunden wird dieser Tage nichts, denn das frische strömende Wasser aus dem breiten Hahn ist allenfalls laukalt. Besser macht es eine Horde Kinder, die mit nackten Beinen durch den Bach stiefeln, sich unter der Brücke kaum bücken müssen und dahinter von den Beerenbüschen naschen. Das klingt nach einem schönen Ferientag, selbst wenn es für ein Bad zu frisch war.

Im gediegenen Schlosspark besteht reiche Auswahl an sonnigen oder schattigen Wegen, denn beides ist heute durchaus willkommen. Kurz vor dem Aufstieg entdecken wir links einen Pfad, der im humorvollen Slalom zwischen dickbauchigen Koniferen scharwenzelt. Der Aufstieg auf den Schlossberg ist dann weit moderater, als es die steile Treppe vorhin am Strand befürchten ließ, und oben gibt es einen der schönsten Blicke auf die kleine Gebirgswelt, mit Streuobstwiesen, Waldrandpfaden und Aussichtsbänken. Nach einem Stück Straße unterhalb sanfter Obsthänge und etwas Zickzack sind wir wieder am Sophienfließ, das uns komplett aus der Bilderwelt des bisherigen Tages reißt.

Pfad am Stauteich des Sophienfliesses

Sophienfließ

Der Kilometer bis zur Landstraße zählt wohl zum urigsten und am meisten pittoresken, was sich weit und breit finden lässt. Es ließen sich Vergleiche anstrengen zu Schluchten- und Bachtälern in echten Mittelgebirgen, zu Urwäldern, die im Großen und Ganzen sich selbst überlassen wurden. Etwas wie die Wurzelfichte musste einfach in diesem kleinen Tal stehen, schon die Worte scheinen einander zu bedingen. Die Wurzelfichte am Sophienfließ. Auch wenn von der Fichte nur noch das bizarre Wurzelwerk die Blicke auf sich zieht, seit ein namhafter Sturm den hochgewachsenen Baum umknickte, ist der Weg dorthin so verträumt, fast etwas abenteuerlich, dass man ihn in kleinsten Schritten gehen sollte. Damit er nicht so schnell vorbeigeht.

Auf und ab gebärdet er sich an den Talflanken, schickt seine Besucher mehrfach über betagte Knüppeldämme, die im aktuellen Zustand etwas mehr Trittsicherheit und gesunden Menschenverstand erfordern als sonst. Auch sie scheint man – wie den Urwald – in Ruhe zu lassen. Hier und da sorgen Dämme aus Kleinholz für Stauteiche, deren besonnter Grützteppich goldgrün schimmert, wie manche Eidechse im besten Licht. Andernorts treten eisenhaltige Quellen aus und sorgen für den goldbraunen Ton des fließenden Wassers.

Aufsteigender Weg von der Waldsiedlung

Kurz vor der Wurzelfichte ist das Bett des Fließes derzeit komplett trocken. Da es vor ein paar Minuten noch munter strömte und früher am Tag weiter nördlich etwas Wasser führte, geht das Wasser womöglich eine Zeitlang in den Untergrund. Dem Annafließ bei Strausberg geht es ähnlich. Doch auch ohne fließendes Sophienwasser ist sie ein ehrfurchtgebietender und anrührender Anblick, die riesige hohle Wurzelhand, die sich mit theatralischer Geste in den märkischen Sand krallt. Eher noch als das Glitzern der Wellchen fehlt das Plätschern. Ein gereimter Vers auf dunklem Holz umreißt kurz, was dem berühmten Baume widerfuhr.

Alleeweg nach Grunow

Grund zwischen den Weesenbergen

Nach dem Queren der talversunkenen Landstraße und ein paar Kurven steht wieder etwas stilles Wasser im Bachbett. Die Staudämmchen lassen nicht erkennen, ob sie jemand mit oder ohne Pelz erbaut hat, zumal vor einigen Jahren eine Renaturierung in Angriff genommen wurde. Ein paar Schritte später beginnt eine Pflasterstraße und ruft lose die Feldsteinthematik ins Gedächtnis zurück. Die Wochenendgärtchen in der bewaldeten Landschaftsfurche zwischen Kleinem und Großem Weesenberg sind wunderschön gelegen. Doch der Schlummer in Waldesruh dürfte für die nächsten Wochen passé sein, da in diesem Jahr nicht nur die Obstbäume übervoll mit Früchten hängen, sondern auch die Eichen. Bei einer Fallhöhe von acht Metern und zahlreichen Blechdächern vergeht keine halbe Minute ohne lautes Knallen. Nur ein Haus, zumal das malerischste hier, steht so mittig und ausreichend entfernt von den anderen, dass Schlafen bei offenem Fenster als Option bleibt.

Schafe bei Grunow

Der Schatten bleibt auch nach dem Ende des Waldes erhalten, denn die Bäume beiderseits der sanft geschwungenen Pflasterstraße stehen hoch und dicht. Am nächsten Abzweig ist der höchste Punkt erreicht und damit das Ende des Aufstiegs vom türkisen See. Zur Wahl stehen nun der direkte Weg nach Grunow oder ein weiter Bogen durch die sanft gewellte Landschaft. Der ist auf der Hochzeit der Vegetationsperiode so eine Sache, teilweise von hohen Gräsern bewachsen und auch ausdruckskräftigen Brennesseln, die selbst durch die Hose wirken. Ferner liegen noch ein zwei vom Sturm gefällte Bäume quer, die zu umgehen sind. Doch lohnend ist es schon, den Bogen mitzunehmen, insbesondere an so einem Tag, der nicht zu Ende gehen soll. Der Weg ist pulssenkend und die flächendeckend am Boden liegenden Eicheln knurpsen so schön unter den Sohlen, gar nicht zu reden von den vielen Feldsteinhaufen – was ist da schon ein wenig Nesselbrand über den Fesseln oder ein Ästchen, das im Unterholz die Haare zaust.

Wo die begleitenden Bäume enden, ist jetzt die offene Landschaft wohltuend für Augen, Füße und Unterschenkel und irgendwie auch verdient. Rechts baut der Schäfer gerade den Zaun für eine große Weide auf, weiter links liegt eine noch viel größere, die sich gerade in der Bearbeitung befindet. Endlos viele Schafe müssen es sein, und je länger man die Landschaft absucht, desto mehr werden es – wie beim Blick zum sternenklaren Himmelszelt.

Kirche außerhalb, Grunow

Beim Abbiegen auf die Straße wartet eine Überraschung hinter den Bäumen. Verborgen und von hohem Holz umringt sowie bereits vermisst steht auf einer kleinen Wiese die alte Dorfkirche, die mitsamt dem Friedhof vis à vis einmal das Zentrum von Grunow war. Das Dorf ist vergangen und ein paar Meter weiter neu entstanden, doch die Kirche ist geblieben, wo sie war und bietet damit etwas Einzigartigkeit. Das Lesen der Tafeln lohnt durchaus, denn es gibt einen Reim auf einige sonderartige Feldsteine in der extradicken Kirchenmauer. Ungewöhnlich ist auch, dass für den Bau keine kugeligen Feldsteine verwendet wurden, sondern in Form gehauene mit dem Streben nach rechten Winkeln.

Außergewöhnliche Steine in der Kirchmauer, Grunow

Zum letzten Mal überqueren wir das Sophienfließ, das an dieser Stelle etwa die Hälfte hinter sich hat, und über dem schmalen Wasser tanzen wahrhaftig ein paar Mücken. Die Kinder dürften beim Abendbrot sitzen und ordentlich zugreifen, eine andere Katze als vorhin wechselt die Straße und die meisten Schwalben haben Feierabend gemacht. Die wenigen, die noch unterwegs sind, fliegen jetzt hoch und schauen scheinbar intensiv in Richtung Süden. Nicht uns allein war dieser Tag ein Zeichen und ein Vorgeschmack auf die allumfassend würzigen Monate in Gold.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): über S-Bhf. Lichtenberg und Müncheberg, von dort Bus oder Buckower Kleinbahn (nur Saison am Wochenende)(ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Hönow und Strausberg (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen mehrfach möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Buckower Kleinbahn

Arbeitseinsatz am Sophienfließ

Informationen zum Schermützelsee

 

Einkehr: Johst am See, Bollersdorf (Siedlung am See)
zahlreiche Optionen in Buckow rund um den Markt (Imbiss bis gehoben)

Eggersdorf: Weiße Trauben, ferne Berge und das Schweigen der Frösche

Die lückenlose Baumblütenpracht des Aprils hat den Mai in diesem Jahr herausgefordert, und so gibt er alles, um Saft und Kraft und Üppigkeit zu zeigen. Schwingt sich dabei von Feiertag zu Feiertag und erschafft in Düften, Bildern und Stimmungen eine Mischung, die zuletzt schon an Sommerferien denken lässt. Ihren Beitrag dazu leisten die ersten Grillen des Jahres und das bereits hüfthohe Korn, das sich wiegend den launigen Winden hingibt.

Ackerrandweg mit hohem Korn

Beide Frühlingsmonate scheinen bestrebt, das frostige und somit fruchtlose Hin und Her des letzten Frühlings quantitativ auszugleichen und erhalten dabei Rückenstärkung von Sonne, Wind und Regen. Das Ergebnis dieser Bemühungen stimmt hoffnungsfroh, denn die Blüten waren reichlich, die jüngsten Bienen fleißig, und drum sind alle Bäume voll von Früchtchen in der allerersten Phase.

Am Kirchweiher in Eggersdorf

Auch die Klangkulisse in den Lüften ist in die Breite gegangen. Zu den euphorischen Feldlerchen, den virtuosen Nachtigallen und den leise plaudernden Schwalben kamen im Wochenabstand Töne hinzu wie das immer irgendwie entfernt wirkende Intervall des Kuckucks, das ja von der Berliner S-Bahn bei jedem Türschließen gespiegelt wird. Oder die sommerbegleitenden Pfeiftöne der Mauersegler, die wie von Ungestüm und Rausch getrieben durch die Straßenschluchten jagen. Auch die nach großer Unterhaltung klingenden Monologe der kleinen braunen Rohrsänger, die im Schilf hocken und scheinbar niemals Langeweile oder Pause haben und dazu Lungen ohne Grenzen. Vorerst vereinzelt ist mit dem Pirol ein anderer Spaßvogel zu hören, der in größeren Abständen hintersinnige und knackig kurze Kalauer zum Besten gibt, kurz sacken lässt und bei Gefallen gleich noch einmal wiederholt. Meist im Wald und gern ganz oben in den Wipfeln.

Obstweg hinter Eggersdorf

Nebenher ist alles Braun dem Grün gewichen, das effizient auf Wiesen, Äckern und aus Bäumen sprießt und jegliche Blümchen an den Wegrändern noch bunter leuchten lässt. Während der Blick vor die eigenen Füße die schöne Feldrandmischung rotblauweißgelb in immer neuen Konstellationen abscannt und dabei den Kopf von links nach rechts oder nach unten dreht, manchmal auch rückwärts über die Schulter, wird weiter oben ein ganz anderes Schauspiel dargeboten, eines ganz in weiß. Es ist die Hochzeit der Robinien, deren buschig weiße Blütentrauben die Kronen eher weiß als grün erscheinen lassen.

Blick zurück nach Eggersdorf

Vor allem wegen der Lust auf bunte Feldränder landen wir heute in der offenen Landschaft südlich von Müncheberg. Eher pragmatisch wurden reizvoll anmutende Feldwege zu einer menschenleeren Tour verbandelt. Mittendrin liegen drei Passagen, wo ein Durchkommen fraglich ist, denn sowohl Karten als auch Satellitenbilder widersprechen sich. Etwas gewagt in der höchsten Vegetationsphase, doch wir werden sehen und notfalls staksen.

Die Märkische Schweiz in der Ferne

Eggersdorf

In Eggersdorf gab es vor einiger Zeit das Gasthaus Prasser, eine gemütliche Gaststätte mit einem urigen Bullerjan-Ofen, wo der Wirt beim Eintreten unaufdringlich den Nachnamen erfragte und einen dann bis zum Abschied persönlich ansprach. Das war seltsam, doch keineswegs befremdlich, es hatte was und ist auf ewig verknüpft mit diesem Dorf. Noch beim Aussteigen bemerke ich das vergessene GPS-Gerät und spüre ein kurzes Zucken digitalen Entzuges. Doch der Weg heute sollte auch ohne gehen, zumal es eine markante Landmarke und meistenteils klare Abzweigungen gibt. Bei den Problempassagen hilft die Sonne aus an diesem wolkenlosen Tag. Der Rest braucht etwas Glück.

Schwungweiser Aufstieg zu den Weihern

In der Mitte des Dorfes liegt hinter einer gemütlich verwinkelten Bushaltestelle, einem pflanzenreichen Tümpel und einem Backsteintor die Kirche und schafft gemeinsam mit dem Schatten hoher Bäume einen schönen Rahmen für lange Feste. Obwohl die große Pfütze wie geschaffen ist für viele Frösche, ist nichts zu hören. Dafür laufen die Motoren großer und kleiner Maschinen, die fast alle dem Rückschnitt von Halmen dienen.

Wiesenweg bei den Weihern

Hinterm Dorf geht dann nicht nur die erhoffte Stille in die Vollen, auch der Blick trifft auf beruhigende Bilder. Ein gediegener Feldweg, der nie ganz gerade und nie ganz eben ist, führt hindurch zwischen alten und neu gepflanzten Obstbäumen sowie blühenden Rosen- und Holunderbüschen. Schmale Gehölze sorgen für Minuten großer Waldstimmung mit den zugehörigen Düften, und stets ist etwas Halbschatten da.

Vor einem Kiefernwäldchen steht eine Rastbank mit weitem Blick nach Westen, danach übernehmen wieder die Büsche. An der großen Kreuzung lockt der mitlaufende Pilgerweg in einen grünen Tunnel, doch wir biegen ab und ziehen durch die welligen Äcker. Vorn quert ein Radfahrer und macht Hoffnung darauf, dass der entscheidende der unklaren Wege passierbar ist. Biegt leider vorher ab, so dass die Frage bleibt. Im Süden zieht sich panoramabreit und dicht über dem Horizont ein diffus zerklüftetes Wolkenmassiv, das geschickt mit Licht und Schatten spielt und die Alpen imitiert, wie sie langsam zur Greifbarkeit anwachsen, wenn man München mit der Bahn verlässt. Keineswegs ein hinkender Vergleich.

Weiher im Schilf

Links eröffnet sich mit den vier Türmen der Stadt Müncheberg nun eine Art charmanter Begleitung. Die Stadt liegt in einer Senke, doch der markante Kirchturm steht auf einer eigenen Anhöhe und ist weithin zu sehen. Das mit der Anhöhe trifft nicht für die wuchtigen Türme der Stadtbefestigung zu, ein bisschen jedoch für den Wasserturm, dessen Kopf daher ähnlich oft zu sehen ist. Der Blick von hier auf die Stadt beantwortet einen Zusammenhang, der bislang nicht als Frage stand: direkt hinter dem Kirchturm ist eindrucksvoll die Hochfläche der Märkischen Schweiz zu sehen. Ein bisschen so, wie man bei bester Sicht die Alpen von einem Münchner Stadtberg sehen kann …

Hohes Korn mit Feldrandweg

Vom nächsten Wäldchen nahe einem Schafstall schwingt der herrliche Weg sich langsam ein paar Meter höher und streift dabei einige feuchte Augen dieser leicht bewegten Landschaft, die weit ist und tiefes Atmen erlaubt. Die meisten dieser schilfigen Weiher sind kaum mehr als knietief, andere liegen blau und halmlos und lassen kleine Abgründe vermuten. Auch hier von Fröschen nichts zu hören.

Jetzt wird es bunter an den Wegerändern, zunächst noch ohne rot. Oben dann beginnt der fraglichste Weg und ist vorhanden, dank der zahlreichen Hochstände hier. Wirklich zauberhaft ist er und liegt eingebettet zwischen kniehohen Gräserteppichen, die der Wind in Bewegung hält. Als kurvige Wiesenspur umrundet er verspielt eine Reihe von Tümpeln und Weihern, in deren Umfeld sich vom mannshohen Kranich bis zum frischgeschlüpften Entlein verschiedenste Tiere wohlfühlen, wohl auch verschwiegene Breitmäuler.

Robinienweg nach Müncheberger Loose

Jenseits der kleinen Lindenallee, die südlich nach Tempelberg führt, folgt der zweite fragliche Weg nun der Kreisgrenze, die zugleich den Rand eines saftig grünen Roggenfeldes nachzeichnet. Die langen Grannen fordern zum Darüberstreichen auf. Sie sind weicher als angenommen. Im Norden zieht ein karminrotes Dach die Blicke immer wieder auf sich, davor steht edel kontrastierend ein Stück dieses weißen Robinienwaldes und bereitet auf Kommendes vor.

Die nächsten Weiher wären ohne den regen Vogelverkehr kaum zu erkennen, so grün umwachsen sind sie. Am vorerst letzten von ihnen schwenkt der Weg nach Norden und trifft an einer Wendeschleife wieder auf offizielle Linien, von denen jede der befragten Karten weiß. Direkt danach beginnt zwischen den Robinien eine lose Folge von uralten und noch älteren Kirsch- und Apfelbäumen, die gemeinsam mit dem Weg vom Anfang eine innere Notiz für den Herbst auslösen.

Die Türme von Müncheberg mit der Märkischen Schweiz im Hintergrund

Hinterm Abzweig nach Friedrichshof verschwindet die Doppelspur in einem grünen Tunnel aus hochgewachsenen Robinien, über deren teils meterdicken Stämmen ein Klangteppich aus tausend Bienenflügeln tönt. Was muss das für ein Rausch sein für die Gelbgestreiften, wie geht man vor bei einem solchen Überangebot? Das Blätterkleid geht stellenweise auf Tuchfühlung und ist bis zum Boden so dicht, dass nur selten ein Blick aufs Feld drin ist.

Philippinenhof

Müncheberger Loose

Als schon die Frage aufkommt, ob es hier wohl einen Ausgang gibt, steht links ganz unerwartet das erste Haus von Müncheberger Loose. Spielende Kinder und gackernde Hühner verstärken noch das umgebende Gartenidyll, vor dem sicherlich ein Auto aus der Großstadt steht. Vom Schönen Berg gibt es nun einen der schönsten Blicke auf den Müncheberger Kirchturm, das Gebirglein dahinter sitzt noch besser in Szene als vorhin. Jetzt endlich kommen die Mohnblumen ins Spiel und machen die Farbmischung am Wegesrand komplett. Linsen werden gezückt, vor Blumen niedergekniet und die Makro-Funktion an ihre Grenze geführt.

Blick von der Fußgängerbrücke

Philippinenhof

Die unbefestigte Straße durch den Weiler Philippinenhof sieht gemütlich aus mit ihren hölzernen Gartenzäunen, die auf Normen wenig geben. Zwischen den Häusern liegt ein gartengroßes Kornfeld, gesprenkelt von frisch entknitterten Mohnblüten. Die Dorfstraße führt um den Hof herum in schattigen, bodenklammen Wald, trifft hinterm letzten Haus wieder auf den Pilgerweg und lässt Fußgänger problemfrei die schnelle Umfahrungsstraße queren, flankiert von Sanddornbüschen. Wenn bis hierher nicht gänzlich klar war, wer in der Müncheberger Skyline wirklich ein Turm ist und welcher – jetzt lässt es sich lückenlos aufklären.

Am Stadtrand von Müncheberg

Müncheberg

Nach etwas Zickzack und schönen Blicken auf die Kirche führt ein in die Wiese gemähter Weg zu einem kleinen Laubengang, der wieder einmal überrascht und damit bestens zu Müncheberg passt. Ein kleiner Abstecher ins Innerste belohnt mit einem Eis, dass sich schattig auf der Kirchenhöhe vernaschen lässt. Im dichten Efeu an der Kirchenmauer läuft ein ständiges Kommen und wieder Abflattern von Vögeln verschiedenster Größe, die teils selbe, teils gegenläufige Absichten haben. Ein milder Wind schleicht durch den markanten Bogen zwischen Kirchturm und Schiff. Die handschmeichelnde Klinke zum Kirchenraum muss einfach gedrückt werden, wenn auch ergebnislos.

Pfad hinter den Lauben

Der Weg um den Waschbanksee hat nicht an Schönheit verloren, und unter Apfelbäumen blühen auch heute große Margeriten. Oben an der Pflasterstraße weist ein Schild nach Landhof, wo es wieder Teiche gibt. Die sind hier schattig, sumpfig und unbedingt froschgeeignet – doch scheint das heute am Tag zu liegen. Nicht ein Quaken hören wir. Hinter einem Gehöft mit etwas verpeilten Hunden öffnet sich wieder die Weite. Die letzten Teiche des Tages sind etwas größer. Vom rechten starten zwei Gänse mit einigem Zirkus, um auf dem linken regelrecht unauffällig zu landen. Dieser ist eher eine große Pfütze und die Show sollte vielleicht augenzwinkernd den Wechsel von den Futter- zu den Schlafplätzen imitieren, wie er im selben Moment, jedoch in tausendfacher Verstärkung im nahen Oderbruch stattfinden dürfte.

Oben an der Kirche, Müncheberg

Auch an der stillen Landstraße wurden neue Alleebäumchen gepflanzt, bis hinauf zur Brücke. Nach fünfzehn Minuten Asphalt und drei Autos schwenken wir ab zu einem letzten Wäldchen, das schon duftende Abendkühle bietet. Am Friedhof halten wir Arme und Hände unter den Wasserhahn, das erste Mal in diesem Jahr, an diesem Tag, der viel vom Sommer hat.

Eggersdorf ist im Wochenende angekommen. Hier glüht die Holzkohle unterm Würstchen, dort wird ein Fest für morgen vorbereitet und vis à vis vom zweiten Dorfteich steht zeitige Achtziger-Elektronik-Mucke auf der Playlist, solche, die man schon fast vergessen hatte und die wegbereitend war fürs Plattenkratzen.

Flacher Schlafteich für die Gänse

Das mit den Fröschen haben wir abgehakt und schlurfen drum vorbei am schilfigen Gewässer, beinlahm, hungrig und zielgerichtet auf die letzten Meter. Eine eilige Stockente fliegt von Süden kommend Richtung Stadt, sieht uns da unten in der Not und lässt ein leises Quak vom Himmel fallen. Dem ist dann nichts hinzuzufügen.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Eggersdorf nicht praktikabel; Regionalbahn von Berlin-Lichtenberg nach Müncheberg (Mo-Fr stdl., ca. 0,75 Std.) bzw. von Strausberg nach Müncheberg (Sa, So, ca. 1 Std.), vom Bhf. in die Stadt 3 km zu Fuß oder mit dem Bus (10 Min., doch teils seltsame Anschlüsse)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über B 1 (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 18,5 km, Abkürzungen gut möglich (Vermeidung der langen Landstraßenpassage über Wegpunkte 24-23-5-39)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Ortsinformationen Eggersdorf

Stadt Müncheberg

 

Einkehr: Il Siciliano (am Kreisverkehr beim nördlichen Stadtturm), Müncheberg

Eiscafé unterhalb der Kirche, Müncheberg

 

Hennickendorf: Der Stienitzsee, das Schaf der Schafe und der gefundene Frühling

Von Zeit zu Zeit gibt es Ereignisse, die in ihrem Dunstkreis mehrere Wochen beanspruchen, hintergründig, jedoch präsent. Solche Kaliber wie Hochzeiten, runde Geburtstage jenseits eines dritten Lebensquartals oder die Konfirmation der Patentochter. Ist dann der Tag herangerückt, um den es geht, wird alles andere auf kleine Flamme gedreht und darf ein wenig knapper ausfallen – sei es nun der liebe Alltag oder auch der Ausflug ins Grüne. Dann wird pragmatisch und mit knappem Kriterienfächer entschieden: einmal rund um einen mittelgroßen See, zu dem man ohne lange Anreise hinkommt. Am besten einen, den man schon ein wenig kennt.

Am weiten Wiesengrund bei Tasdorf

Die Erwartung ist dementsprechend eher medium, was keine Einschränkung darstellt, denn das Spazieren durch den Wald und ein Dorf sowie der Blick über eine große Wasserfläche stellen auf jeden Fall ein vergleichbares Maß an Erholung sicher, das auch eine mit planerischer Feinmotorik gestrickte Tour bieten würde. Nur die Erlebniskurve fällt ein wenig flacher und ruhiger aus.

Dennoch kann es passieren, dass man von der gewählten Landschaft und ihrer Abwechslung dermaßen überrascht wird, dass aus der hingehauchten Skizze unverhofft eine Tour mit dem Zeug zum Klassiker geboren wird, ein Weg also, den man in gewissen Abständen immer wieder unter die Sohlen nehmen möchte, und zwar haargenau so, wie er beim ersten Mal war. Touren wie diese heften sich gern an bestimmte Zeitpunkte, die durch Natur oder Kalender bestimmt werden. Doch es gibt auch solche, die man gerne zu ganz verschiedenen Jahreszeiten sehen würde.

Aktuell ist es der Frühling, der in diesem Jahr durch beharrliches Warten erkämpft werden musste. Viele Geduldsfäden waren bereits gerissen, als es endlich soweit war und die Tage nicht mehr nur vereinzelt erschienen, an denen unbedeckte Köpfe und freie Unterarme gesundheitlich unbedenklich waren. Nach dem österlichen Schnee war der Winterspuk vorbei, und in Wochenfrist wurde die Zwanzig-Grad-Marke geknackt und wochenlang gehalten.

Stichkanal in Hennickendorf

Beim Blick auf die Straßen, die Gehwege und alle Parkflächen musste man denken, dass alle, wirklich alle draußen waren, keiner zu Hause. Mit einem Mal ging alles in die Spur, was Chlorophyll in sich trägt, und fand im schnellen Vorlauf zu dieser allgegenwärtigen Farbsättigung zurück, von der man schnell meint, dass sie nie weg gewesen war. Erst kamen die Blüten, eine halbe Woche später die Blätter an Bäumen und Büschen, und mit einem Mal war alles grün und saftig und erfüllte die Umgebung mit dem Duft der erwachten Vegetation.

Mittelgroße Seen mit schönem Wald drumherum gibt es viele im Land Brandenburg, auch das Berliner Umland ist gut bestückt. Die meisten von ihnen haben adrette Rundwege, die gut markiert einmal drum herum führen. So ein Weg ist sehr entspannend, da man kaum aufpassen muss und eigentlich nicht von ihm abkommen kann.

Wem das zu meditativ ist, zu einförmig oder zu knapp an Abwechslung, der kann hier und da noch einen Ausreißer einbauen, der für einen Landschaftswechsel sorgt. Gut lässt sich das beim Stienitzsee machen, der vom S-Bahnhof Strausberg in einer guten halben Stunde zu erreichen ist – mit dem Bus ist man übrigens nicht viel schneller. Der See ist das letzte Glied einer schiffbaren Kette wunderschöner Seen, die mit der Müggelspree das Wasser teilt und am Dämeritzsee bei Erkner beginnt. Einen ausgewiesenen Rundweg gibt es nicht am Stienitzsee, doch zumindest die westliche Hälfte ist als Teil des 66-Seen-Wegs gut markiert. Umrunden lässt er sich dennoch, und zwar regelrecht spektakulär. Wir haben das im knackfrischen Frühling getan, scheinbar die schönste Jahreszeit dafür, doch werden gerne wiederkommen in Monaten wie Januar, August oder Oktober.

Uferpromenade in Hennickendorf

Hennickendorf

Schon in Hennickendorf beginnt die große Vielfalt. Wer das Dorf durchfährt, sieht eins wie viele andere, doch kriecht man ein wenig in die Winkel und Ecken, zeigen sich mehr als eine Handvoll Gesichter. Am Kreisverkehr mit der Kirche ist die Eisdiele erwacht, in Sichtweite zum örtlichen Bäcker. Beide zusammen stellen am Wochenende den lückenlosen Eisverkauf von früh bis spät sicher.

Ein paar Meter weiter führt ein aufsteigender Weg auf einen von zwei Hügeln. Im Abstieg gibt es auf halber Höhe eine großzügige Aussichtsplattform, unten liegt ein Sportplatz in einzigartiger Lage direkt am blauen Wasser des Sees. Das ist in dieser Konsequenz eine seltene Konstellation. Bevor die Frage nach dem erst verschossenen und dann nassen Ball auftaucht, wird sie schon beantwortet – mit dem Blick auf das hohe Zaunnetz zum Ufer hin. Wer da noch drüberschießt, hat sich die Abkühlung und etwas Wasser in den Ohren wirklich verdient.

Nach einem urigen Stück Wald folgt eine eigene kleine Welt und lässt ans schnuckelige Neu Venedig denken, das vom Berliner Müggelsee kommend zur betreffenden Seenkette überleitet. Ein kleiner Stichkanal mit morsch-pittoresken Bootshäusern und vertäuten Booten greift der Lagune vorweg, die es etwas weiter südlich tatsächlich gibt. Ein zweiter, etwas breiterer Arm lässt fast an Skandinavien denken. Etwas Frischwasser erhält er von einem wenige hundert Meter jungen Rinnsal, das durch Ufer voller gelber Blüten aufwändig ins breite Wasser mäaandert. Als würde es sich immer wieder nach seinem Ursprung umschauen, der lang schon außer Sicht ist.

Verfallendes im Wald unterhalb des Betonwerkes, Hennickendorf

Dahinter liegt der zweite Hügel, auf den trotz oder wegen seiner steilen Flanke kleine Gärten mit Lauben gebaut wurden. Abenteuerliche und selbst verfasste Stiegen aus Holz, Metall oder Beton klettern hinauf zu den großen und kleineren Buden, bei denen das Hauptgewicht ganz klar auf der Aussichtsterrasse liegt. Zu Füßen der Erhebung liegen die Gärten, die statt der Aussicht das eigene Stück Ufer haben. Beides ist gleichermaßen exklusiv.

Strandbad Stienitzsee

Entlang eines Viertels praktisch gebauter Häuser wurde ein breiter Grünstreifen am Ufer freigelassen, davor sogar noch ein Promenierweg, auf dem man zum Wiesenstrand des Dorfes kommt und dran vorbei. Wer einen gediegenen Sandstrand dem Vorzug gibt, standesgemäß gelegen unter etwas Steilküste samt ausdrucksstarker Kiefer, der ist nur noch ein paar Minuten entfernt von seinem Glück. So wie diese Kiefer steht, muss ihr Sämling einst vom Darß hierher geweht worden sein. Im Strandbad Stienitzsee gibt es neben dem Strand die obligate Versorgung mit Getränken und Kuchen, Würstchen und Eis, darüber hinaus kann man verschiedenste Wasserfahrzeuge ausleihen oder den urigen Pfad im Berg erkunden. Wer es gerade passiv liebt, setzt sich einfach nur auf die schöne Terrasse mit den vom Bootslack glänzenden Tischen und lässt den Blick oder das Gehör über die Stille oder das Treiben schweifen – je nach Tageszeit. Nicht wundern, wenn ein Pfau vorüberschreitet.

Kleiner Lagunenhafen

Das folgende Stück entlang der Straße bietet Abwechslung fürs Auge in Form einer jungen Kirschallee, des eigentümlichen alten Wasserwerks mit Grasrondell und Yacht vor Anker sowie einer seltsamen Stallage aus Betonpfeilern. Auf Höhe der alten Werkssiedlung führt ein kleiner Schleichweg hinab in den Wald. Auch dort stehen seltsame Säulen aus Beton und Stahl, mittlerweile Aug in Aug mit nachgewachsenem Wald, und sehen für den Laienblick nach Umspannwerk aus, ein bisschen auch nach Hopfenplantage. Dazwischen rotten Ruinen vor sich hin, werfen Fragen auf und verleihen der kurzen Passage einen morbiden Anstrich.

Regelrecht putzig erscheint in diesem Kontrast die kleine Lagune, deren einer Nehrungsarm von winzigen Segelbooten belagert wird. Ab hier reicht der hochgewachsene Laubwald bis ans Ufer, wirft frischen Schatten über kleine Badebuchten und wird von Minute zu Minute feuchter. Hier und da sickert aus einem Quelltopf Wasser und landet gleich wieder im See. Ein paar Wochen später dürfte hier kein Mangel an Mücken herrschen. Im Wasser sind die Pfosten eines lang vergangenen Steges zu einer überfluteten Reihe von Weiden ausgetrieben, links steigt eine knorrige Allee hinauf zur Straße. Doch hier unten ist es schöner.

Pfad am Ostufer

Der Wald wird niedriger und wandelt sich zu leicht geheimnisvollem Bruchwald, an dessen Rand schlanke Eichen von armesdicken Efeu-Fesseln umschlungen werden. Nach starken Regentagen sollte man hier nicht mit weißen Stoffschuhen durchspazieren, denn der Weg verliert bald die entscheidenden Höhenzentimeter und geht auf Du und Du mit dem Niveau des Sumpfwaldes, der aktuell noch ohne Froschgequak ist. Der Pfad schlägt seine Haken und erfordert hier und dort etwas Balance.

Ein Drittel-Höhenmeter nach oben sorgt bald für trockenen Boden, und zwölf Schritte später findet man sich übergangslos in einer völlig anderen Landschaft wieder, die schon an werdernahe Obstwiesen denken lässt –scheinbar ferne Zukunftsmusik, doch schon in Kürze Wirklichkeit. Links dichtes Buschwerk, rechts eine zart blühende Reihe von Obstbäumen und davor weit gestreckt eine wonnige, saftig grüne Wiese, die schon bald mit der Farbvielfalt in in die Vollen gehen wird. Immer mehr Obstbäume werden es, darunter sone und solche.

Im Süden des Sees

Ein Tälchen weiter landet man ebenso unerwartet in einer Landschaft, die ein wenig an Vegetation auf Mittelmeerinseln erinnert – niedrig trockenes Knorrgebäum, dessen Arme kreuz und quer und waagerecht stehen, als wären sie beim insektenvertreibenden Fuchteln in ihrer Position fixiert worden. Manche davon sind bleich und nackt, in anderen steckt noch Leben, und auch die Mischform existiert. Weiter hinten wird die Wiese von der Uferlinie begrenzt. Dann und wann, so verrät eine Tafel, halten sich hier Heckrinder auf, die rückgezüchteten Erben des legendären Auerochsen, im Kreuzworträtsel gern als „Ur“ gesucht.

Das Schaf der Schafe

Mindestens genauso spektakulär, vor allem aber anwesend ist das absolute Ur-Schaf, das nach Längerem nun doch neugierig auf uns geworden ist, wohlüberlegt seinen Liegeplatz im Halbschatten verlässt und zielstrebig auf uns zuschlendert. Stark quaderförmig sieht es aus, das Schaf, und muss definitiv die Stammesfürstin einer größeren Sippe sein. Sie schleppt noch die Wolle des ganzen langen Winters herum, ein glücklicher Umstand, wie sich in den nächsten Tagen zeigen wird. Vielleicht ist es auch der Stammesfürst, doch diese Frage bleibt offen, da wir es nur von vorne sehen und die Wolle wirklich sehr üppig steht. Auf jeden Fall gibt es denkwürdige Augenblicke der Tuchfühlung und langen, tiefen Augenkontakt, was den Abschied nicht eben leichter macht.

Blick von der Bundesstraße auf das Mühlenfließ

Seltsam sachlich erscheint jetzt im Kontrast zu eben der unwirsche und lärmige Verkehr auf der Bundesstraße Nr. 1, die sich erst nach längerem Verharren überqueren lässt. Ein Blick zurück zeigt noch einmal den schattigen Schafshang und weitere Mitglieder der wolligen Sippe im Unterholz. Gegenüber stehen zwei quatschende Mädels am Zaun des einzigen Grundstücks hier und sehen aus, als wenn gerade Ferien wären. Vorbeifahrende schauen vielleicht mitleidig auf diesen Garten direkt an der lauten Straße, denn die wenigsten werden wissen, wie schön es hinterm Haus aussieht.

Werksbahnbrücke über dem Froschsumpf, Tasdorf

Die Straße spannt sich hoch über einem Kanal, der hier den schönen Namen Mühlenfließ trägt und so gar nicht danach aussieht. Zugleich nüchtern und romantisch lockt er hinab, und nach einem kurzen Abstieg locken Wegweiser in eine scheinbare Sackgasse, aus der wahrhaftig ein kleiner Pfad entspringt. Leicht bockig stapft er unter der Flanke entlang, gesäumt von großkronigen Obstbäumen, die gerade gestern voll erblüht sind und erfüllt von flächigem Summen. Immer schmaler wird die Spur und immer üppiger alles Grün, was schon gewachsen ist in zweiundsiebzig Stunden. Es ist eine völlig andere Welt hier, nur ein paar Steinwürfe von der lauten B 1. Eine markante Eisenbahnbrücke spannt sich breit über Ufersumpf und Kanal, den man gerade kurz vergessen hatte.

Präsent ist der Sumpf auch durch die Klangkulisse, die mit jedem Schritt lauter wird. Da ist er, der neue Jahrgang von Fröschen, und einer zeigt dem anderen, wo der Dezibel-Hammer hängt. Ein schwer rumpelnder Güterzug auf der Brücke sorgt da für keinerlei Irritation, anders hingegen der leise brummende Diesel einer verschnarchten Motorjacht auf dem Verbindungskanal zwischen Rüdersdorfer Kalksee und Stienitzsee. Ein weiterer Arm nimmt noch den schmalen Kriensee mit ins Boot, und dort vom Hafen kommen vor einer Industriekultur-Kulisse frisch geliehene Kajaks gepaddelt.

Höhenweg über dem Kanal

Nach der Brücke steigt der Pfad höher in die Flanke und bietet vor ein paar versandeten Stufen mit alternativer Mountainbike-Rutsche eine Rastbank, an der man einfach nicht vorbeikommt. Rastbänke übrigens gibt es mehr als reichlich auf dieser Seeumrundung, fast immer schön gelegen. Wer keine von ihnen auslassen wollte, hätte am Abend Kniebeugen im dreistelligen Bereich in den Beinen.

Die Hangflanke profitiert bereits vom ersten jungen Laub und verwöhnt mit dem lichten Halbschatten des Frühlings, der diesen und jenen Blümchen noch die Chance lässt, breite Teppiche zu bilden und sich leuchtend darzubieten. So führt ein schicker Höhenweg durch die grüne Kulisse, die jetzt noch ohne Mücken ist. Ein Blick zum feuchten Land da unten hebt diesen Umstand noch hervor.

Nördlich von Tasdorf

Beim nächsten Rastplatz mit knorrigem Geländer und angeschlossenen Stufen geht es hinab zum Blick auf die Kanalgabelung im Norden und eine weitere Eisenbahnbrücke im Süden, die nebenher auch den 66-Seen-Weg ans andere Ufer lässt. Der Blick fällt zudem auf stille Werksanlagen und einen filigranen Förderturm, der schon zum Rüdersdorfer Museumspark gehören könnte. Hier wendet der südliche Abstecher, bevor der Draht zum Stienitzsee verloren geht. Oben an der Straße, immerhin zwanzig Meter über dem Kanal, kann man sich wochentags am Imbiss stärken, vorn an der Kreuzung beim Bäcker ein Kaffeepäuschen einlegen.

Tasdorf

Nach einer kunstvollen Graffiti-Wand von 120 Metern Länge, die mit Tierschutz und Papageien zu tun hat, geht es nach einer Esel- und einer Pferdeweide hinab in den Wald, durch dessen Stämme schon bald der blinkende Spiegel des Stienitzsees erkennbar wird. Unten im Wald sieht es aus, als ob namhafte Gartenplaner vergangener Zeiten ihre Hände im Spiel hatten. Darüber hinaus verneigen sich viele der alten Bäume hin zum wunderschönen Weg, ganz jenseits aller Planbarkeit. Der Weg wird immer noch gediegener, stets etwas breiter und darin noch unterstützt vom Schattenspiel des sonnigen Tages.

Wiesengrund am Westufer

Vor einem weiten, teils schilfigen Wiesengrund schwenkt er nach links und zeichnet dessen Rand nach, wiederum mit schönen Bänken, einer Rasthütte im Stil eines Schafstalls und Sichtfenstern auf diese offene Insel zwischen Hang- und Uferwald, die Entzücken hervorrufen und zugleich den Puls senken. Beim Wiedereintauchen in den Wald, der jetzt bis Torfhaus geschlossen bleibt, gibt es keine Pause vom Erstaunen. Leicht geschwungen ist der Waldboden, kurvig der Weg, und alles links und rechts davon ist lückenlos bedeckt mit dem leuchtend grünen Laub des Scharbockskrauts, dazwischen dessen goldlackierte Blüten. Alles Laub, das selten Schatten hat, ist überzogen mit einer mattglänzenden Schutzschicht und sorgt für Extra-Reflexionen in diesem grünen Teppich, aus dem nur hier und da archaisch ein vor Jahren gefallener Stamm herausragt. Es ist berauschend, mitten hindurch zu gehen, ein wenig wie das Reiten auf der Welle.

Waldweg durch einen Teppich von Scharbockskraut

Der grüne Hang zur Linken wird nun steiler, der Wegelauf noch verspielter und der Boden rechts des Weges immer feuchter. Das geht soweit, dass es in einem regelrechten Kessel das Wasser aus jeder Pore drückt. Aus Dutzenden Rinnsalen entsteht auf nur dreißig Metern Länge ein Bach, der an seiner Mündung breiter als ein großer Schritt ist und dort der Waldesstille ein achtbares Rauschen entgegensetzt. Neben dem Annafließ und den sonstigen Wassern aus dem gleichnamigen Wiesental ist er eine von vielen Quellen, die dicht am Ufer entspringen und dem See zu der Wasserqualität verhelfen, die wir hier und dort sahen. Wer seinen Kindern oder Eltern immer schon ganz lebensecht und ohne viel Aufwand eine Quelle und gleich noch eine Mündung zeigen wollte, kann das hier sehr eindrücklich tun und dabei auf staunende Augen hoffen. Vorn am Ufer bietet der Blick über den blauen See eine Skyline an, die nicht mit Türmen geizt. Hauptdarsteller ist das Kalkwerk Rüdersdorf, im Vordergrund am Ufer noch das Wasserwerk mit seiner Motorjacht.

Skyline gegenüber

Eine Bank am steilen Hang hat sichtlich Mühe, sich geradezuhalten. Wer es dennoch schafft, Sie zu erklimmen und sich dort festzuklammern, wird mit direkter Sicht auf ein hölzernes Sichtfenster belohnt, das den finalen Bachmäander ansprechend in Szene setzt. Eine Schautafel ist dabei nicht nur informativ, sondern hilft maßgeblich beim Festhalten. Erst beim rückwärtsgewandten Abstieg sehen wir etwas Zauberhaftes. Alle Flanken des Kessels sind lose bedeckt von diesen herrlichen blauen Blümchen, denen Carl von Linné einst den Namen Anemone hepatica verpasste. Ihr landläufiger Name klingt mir irgendwie zu sehr nach Leberwurst, und daher betrachte ich diese kleinen Schönheiten intern als blaue Anemonen.

66-Seen-Weg am Westufer

Es gibt nicht allzu viele Stellen im Land Brandenburg, wo man auf dieses zartblaue Leuchten treffen kann, das nach dem Winter oft die allererste kräftige Farbe im graubraunen Laubteppich am Waldboden durchboxt. Gleich um die Ecke im Annatal stehen die Chancen sehr gut, ebenso bei Trebus oder in den Weiten des buchenreichen Grumsiner Forstes. Hier jedoch stehen fast gar keine Buchen, und doch geht es noch hunderte Meter weiter mit diesem Blütenzauber jenseits von gelb, grün und weiß.

Ein paar Wegekurven später drückt sich schlicht inszeniert die nächste Quelle ans Tageslicht, und nach einer Treppe hinab und einer hinauf kann man bei einigen Gärtchen erneut über den See blicken. Vor dem gegenüberliegenden Sandstrand unterhalb der Kiefer zieht ein Segelboot vorbei und fügt dem Tag etwas hinzu, was irgendwie noch fehlte. Bald lockt nach rechts eine hochgewachsene Fichtenreihe hinab zur Wiesen-Badestelle, wo sich schon erste Badegäste eingefunden haben und die Exklusivität des abgeschiedenen Plätzchens genießen. Da wollen wir gar nicht stören und biegen links ein in den Uferpfad.

Sichtfenster auf den Quellbach, Westufer

Der beginnt hoffnungsvoll, bremst uns jedoch nach zweihundert Metern unverhandelbar aus. Überall am Ufer scheinen unterirdische Quellen auszutreten, und entsprechend nass ist auch der Uferbruchwald. Es gab ihn einmal, diesen Uferpfad, doch dass der 66-Seen-Weg jetzt oben auswiesen ist, hat einen guten Grund. Der zeigt sich bislang relativ harmlos mit nassen Schuhen, und so sind wir einsichtig, passieren die Badestelle erneut und stören ein weiteres Mal gar nicht. Zumindest hatten wir von der Wendestelle einen besonders schönen Blick auf die Höhen und Türme von Hennickendorf in der Ferne.

Der breite Weg zieht jetzt gediegen durch den Wald und spendiert noch ein paar blumige Schönheiten. Als er dann zum Pfad wird, kommen uns zwei Leute entgegen mit einem Hund, der groß ist wie ein Kalb, weich wie ein Alpaka und sanft wie ein Lamm. Obwohl kaum Platz ist, passieren sich alle kontaktlos, ohne das leiseste Streifen, und mit einem angedeuteten Lächeln. So ganz anders als auf den rammligen Gehwegen der Berliner Innenstadt, wo viele der Passanten in die Inszenierung der eigenen Person versunken sind oder in ein auf Achselhöhe gehaltenes Display, das scheinbar noch immer genau so magisch ist wie vor zehn Jahren, als es mal brandneu war.

Weite Wiesen im Annatal

Nach einer weiten Kurve führt ein Brücklein über das lebendige Annafließ, das weiter nördlich bei Strausberg zeitweise komplett trockenfällt. Gleich dahinter beginnt von hohen Bäumen gesäumt ein Dammweg, der nac Süden zum Uferpfad nach Hennickendorf führt. Doch etwas Annatal muss schon noch sein, gerade jetzt zum Abend, wenn die Wiesen kühl und duftend ausatmen. Die umgestürmten Bäume vom Oktober liegen hier noch quer, und es hat sich bereits ein neuer Weg gebildet, der sich an den aufgeworfenen Wurzelballen vorbeidrückt. Von vorn kommt ein Vater mit seinem schulterhohen Sohn, und beide nehmen mit dem fokussierten Blick des Pfadfindenden und ohne ein unnützes Wort oder einen Anflug von Zögern den ursprünglichen Wegverlauf durch die liegenden Stämme und Kronen.

Torfhaus

In Torfhaus ist noch immer die Baustelle, die im Satellitenbild zu sehen war. Die Straßendecke ist komplett abgetragen, doch die Brücke über den Stranggraben ist da, zumindest für Fußgänger und Radfahrer. Nur gut. Schräg gegenüber lockt Empfängliche ein unscheinbarer Wiesenpfad in die Langen Dammwiesen, die ja eigentlich Sache des Stranggrabens sind und mit dem Annafließ gar nichts zu schaffen haben. Doch egal, denn so schön und sehnsuchtsvoll klingt Unteres Annatal.

Spazierweg am Mühlenfließ, Hennickendorf

Eine Frau vom Dorf schwärmt mit ihrem Hund aus in einen Weg, der irgendwo an einem Wasserlauf im hohen Gras versinken muss. Rechts liegt der kleine Sporn, der den Namen Wachtelberg trägt und von dessen Kamm man weit in zwei Richtungen blicken kann. Wir bleiben zunächst unten und biegen an der alten Mühle ein in den Uferpfad. Das kleine Mühlenfließ daneben strömt ausreichend rege, um das Mühlrad anzutreiben. Sein klares Wasser kommt vom Kleinen Stienitzsee, der ohne Zufluss ist und demnach auch durch unterirdische Quellen gespeist wird.

Vor dem See läuft ein Sträßchen unterhalb einer Hangwiese entlang, bevor ein steiler, grasiger Pfad den Kammzugang ermöglicht. Zehn Meter höher fällt der Blick ohne Umschweife auf den Fuß des Wachtelbergturms, doch die knapp 100 Stufen und den Lohn der absoluten Rundumsicht heben wir fürs nächste Mal auf. Die letzte gediegene Stufenfolge des ausgehenden Tages steigen wir mit federnden Knien hinab und nehmen zuletzt noch die Bahnhofsstraße und eine Hinterkirchgasse zum Kreisverkehr mit. Das Treiben an der Eisdiele läuft jetzt endgültig auf Hochtouren und sorgt für kurzfristige analoge Verabredungen und verfärbte Zungen mit Gänsehaut.

Abstieg vom Wachtelturm, Hennickendorf

Der Tag ist noch jung, die Sonne steht noch hoch und alle, die hier ein Eis in der Hand halten, denken noch lange nicht an Details der Abendgestaltung. Langes Licht und kurze Ärmel streifen einem ja stets ein Gefühl gewonnener Freiheit über, wenn sie dann verlässlich verfügbar sind. Auch die kühle Luft der mittleren Frühlingsabende lässt noch auf sich warten. Einzig der See hat sich bereits beruhigt, hält seinen stillen Spiegel dem Blau des Himmels entgegen und räumt dem Ruhepuls des Tages vieles aus dem Weg. Die großen Feste können kommen.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): über S-Bhf. Erkner oder S-Bhf. Strausberg, dann jeweils noch mit dem Bus (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 1 (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: 15 km (Problempassage bereinigt)(Abkürzungen im Norden und Süden gut möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Hennickendorf Ortsseite

Fischerei am Stienitzsee

NSG Lange Dammwiesen und Unteres Annatal

Museumspark Rüdersdorf

66-Seen-Weg

Hofladen Mühle Lemcke Hennickendorf

Wachtelturm Hennickendorf

 

Einkehr: am Weg keine Einkehrmöglichkeit
Verschiedenes in Rüdersdorf, Strausberg und Herzfelde