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Neuzelle: Oderbarock, die idyllische Treibjagd und das Ballett der besonderen Füße

Der angenehm durchwachsene Sommer in Berlin zeigt sich luftig – zum einen hinsichtlich allerhand bewegter Luftmassen, zum anderen in Gestalt von Bürgersteigen ohne hohes Verkehrsaufkommen und breiten Hauptverkehrsstraßen, die sich auch abseits von Ampeln gut überqueren lassen. Die Bewohner der Stadt haben das Weite gesucht, das in diesem Jahr nicht ganz so weit ausfallen darf, und die Besucherscharen aus jeder Art von Übersee müssen sich zum großen Teil in Geduld üben und ihre Pläne eher auf das nächste oder übernächste Jahr vertagen.

Blick auf Neuzelle mit der Klosterkirche

Den Hiergebliebenen geht es da ähnlich zwiespältig wie den Syltern, Venezianern oder anderen Stammbewohnern einschlägiger Touristen-Hochburgen – einerseits ist es einmalig und friedenstiftend, den eigenen Heimatort mal halbwegs ohne Gedrängel selbst neu entdecken zu können, andererseits natürlich bedrückend, wenn man an alles denkt, was den Bach runtergegangen ist oder längerfristig die Nachfolgen nicht überdauern wird. Ein menschenleerer Platz zwischen Adlon und Brandenburger Tor oder eine lose gefüllte Straßenbahn M 10 in der Nacht von Freitag zu Sonnabend, ein Berghain ohne Schlange – faszinierend und gleichermaßen unheimlich.

Wiesen über Neumühle

Wer also seine geplante Langreise an Karibikstrände, bunte Kulturschmelztiegel oder Orte mit markigem Abenteuer-Aroma nicht antreten konnte, dem werden in diesem Wochen in den meisten Printmedien inländische Ziele und Aktivitäten schmackhaft gemacht. Für die meisten Leute sind die meisten davon mit einem altbackenen Geschmack im Antwortsatz auf die Urlaubsfrage verbunden, der ja für viele auch einiges Imagegewicht trägt.

Doch nun bietet sich eine seltene Gelegenheit, der Berechtigung dieses Geschmacks auf den Grund zu gehen, ohne ein mitleidiges Nick-Lächeln des auftrumpfenden Gegenübers zu riskieren. So tauschen zwei radelnde Duracell-Häschen die Tour längs über die britische Hauptinsel ein gegen eine mehrwöchige Reise vom allernördlichsten Punkt Deutschlands zum allersüdlichsten – vom Sylter Nordstrand zum Haldenwanger Eck bei Oberstdorf oder von Null auf Tausendneunhundert – und ernten reichlich Soci-Medi-Grinsedaumen. Ein bahnfahrender Eurotrotter schmeißt seine geplanten Schwedenwochen zugunsten des zauberhaften und langen Albsteigs über Bord und eine Liebhaberin von Mittelmeerinseln birgt mal wieder ein paar lange nicht besuchte Kleinode Brandenburgs, schlendert durch fränkisches Fachwerk oder erklimmt die Berliner Hütte im Zillertal.

Wer ohnehin gern innerhalb der Landesgrenzen bleibt und seit jeher Spaß daran hat, die Vielfalt zwischen den kleinsten Gesteinsbrocken des Strandsands und den größten in den Gipfeln der Alpen zu entdecken, wird in diesem Jahr staunen, wenn hier und da etwas mehr Betrieb herrscht oder man im Biergarten fümmunneunzig Sekunden länger auf sein kühles Getränk warten muss.

Neumühle

Untern den erwähnten Kleinodien in Brandenburg gibt es einige mit dem Anspruch auf Einzigartigkeit, im Gegenzug wird manchmal eine weitere Anreise fällig. Die muss im Falle guter Verbindungen zeitlich nicht länger ausfallen als solche zu gängigen Zielen wie Neuruppin oder dem Spreewald. Nach Neuzelle zum Beispiel braucht die Bahn vom Ostkreuz nicht mal anderthalb Stunden, und selbst von Prenzlau oder Wittenberge aus sind es tagesausflugstaugliche vier Stunden – wenn man halbwegs gerne auf der Schiene sitzt.

Neuzelle

Die Einzigartigkeit in Neuzelle liegt vor allem und unbestritten in der bayrisch prächtigen Klosterkirche mit all ihren Anlagen, die am Rand des platten Oderlandes steht, direkt unterhalb der kleinen, doch ausgeprägten Höhenzüge, welche den überschaubaren Ort durchziehen und umgeben. Über die Pracht und Schönheit der barocken Kirche lässt sich an zahlreichen Stellen nachlesen und über Bilder staunen. Auch der Kreuzgang, die in Stufen angelegte Parkanlage und alle sonstigen Gebäude des Klosters stehen dem kaum nach.

Schöner Rücken im hohen Grase

Am erhebendsten ist es, sich der Silhouette des Ortes von der Oder kommend zu nähern, wo die zahlreichen Türme zunächst dunstig in der Ferne liegen, kaum greifbar und eher einer Erscheinung gleichend. Nach und nach schärft sich der Kontrast, treten Details und Konturen hervor und werden mit jedem Steinwurf des Näherkommens konkreter. Das hinzubekommen soll an diesem Tag seinen Preis haben. Doch wird am Ende keine Frage stehen, ob es das wert war.

Wer nicht gleich zur Sache kommen muss und sich den Höhepunkt des Tages fast schon schmerzhaft bis zum Ende aufbewahren möchte, kann der beschriebenen Spur folgen. Vom Bahnhof sind es keine fünf Minuten, bis ein kleiner Bergweg erste Höhenmeter abfordert, die jedoch werden gleich darauf mit einem Blick auf die Klosterkirche und einen begrünten Höhenzug belohnt. Das war‘s dann auch fürs Erste. Durch schattigen Wald ziehen sich Pfade über den Priorsberg, vorbei an einer Sportanlage mit zeitweiligem Ausschank, wenig später am Denkmal für eine Berliner Frauenrechtlerin.

Blick von oben auf Neumühle

Winzige Pfadpassagen wechseln mit braven Wohnstraßen, bevor an einem großen Stall ein schnurgerader Feldweg beginnt, thematisch unterstrichen von würziger Landluft. Hinterm Wäldchen ragen aus dem niedrigen Korn vier aufrechte Ohren, zeigen sich für eine Sekunde zwei jugendliche Rehköpfe mit ihren schwarzen Augen. In der nächsten Sekunde liegen zwei beherzte Sprünge aus dem Stand und in der folgenden dann das urplötzliche Verschwinden, wie das so nur Rehe hinbekommen. Keine Ähre wackelt, nichts raschelt.

Im Wegewirr des Fasanenwaldes

Hinter einer morschen Scheune liegt leicht abfallend eine struppige Wiese, die auf den ersten Blick nichts Besonderes hat. Doch bald stocken die Schritte, ob der Farbenpracht, die es mit der einer Bergwiese gut aufnehmen kann. Zugleich angelegt und wild sieht diese Fläche aus, die nicht viel größer ist als hundert Meter im Quadrat. Auf dem kargen Boden drängelt sich eine Blumenvielfalt, die wiederum eine ebenso große Vielfalt von Insekten anlockt. Hatte man bisher das Gefühl, es gäbe weniger Schmetterlinge als in den letzten Sommern, wird das hier geradegerückt. Zwischen all den Bienen und Hummeln tummeln sich auch winzige und größere Käfer sowie Fliegen der eleganten Sorte, teils in schillernden Metallic-Farben, als kämen sie gerade aus der Lackiererei. Oder hätten sich in altertümliches Bonbon-Papier gekleidet.

Ernteballett bei Neuzelle

Doch für das größte Staunen sorgt zum einen die herrlich große Menge von Schmetterlingen, mehr aber noch die selten gesehene Mannigfaltigkeit der scheinbar planlosen Flügelschläger. Große und kleine, klassisch geformte und eher sportlich schlichte – und dann die Farben, die Muster, die Kontrast-Varianten! Einem Schmetterologen dürfte sich hier das Herz weiten, und auch Fotografen solcher Materie dürften stark ins Schwärmen, vor allem aber ins Knien kommen. Unsere diesbezügliche Ausstattung ist vergleichsweise kindlich, doch wir nehmen mit, was geht.

Auf den Höhen über Neuzelle

Nach diesem genüsslichen Nichtvorankommen folgt ein kurzer Abstieg. Die Blütenvielfalt weicht hier purer Blütenfülle in violett, die Sechsbeinigen werden nicht weniger. Unten an der Kapelle müssen wir erstmal wieder auf den Teppich kommen und nutzen das schattenspendende Vordach für eine erste Rast. Das schützt für die Länge des Verzehrs auch vor weniger niedlichen und nervig sirrenden Sechsbeinern, die uns frisch entdeckt haben, doch scheinbar eine gewisse Ehrfurcht vor dem Gottesdach hegen, zumindest fünf Minuten lang. Dann jedoch fällt jeder Anstand, und wir haben schlichtweg zu wenig Arme, um die Dürstenden auf Abstand zu halten. Also weiter.

Bergwiese vor Kummro

Kummro

Wie so oft an der imposant durchwirkten Geländekante am Rand des platten Oderlandes nehmen jetzt die Vergleiche zu höheren Bergregionen ihren Lauf, Stammleser dürften das aus früheren Beiträgen kennen. So erweist sich auch das schöne Kummro der Gebirgskulisse würdig, mit steilen Hängen, bunten Blumenwiesen und dem kleinen platten Talgrund. Viele Grundstücke unterhalb des Hanges haben mehrere Etagen, die je nach Kontostand mehr oder weniger gestalterisch ausgelebt werden. Wobei sich zeigt, dass kostspielige Details oftmals weniger zur gemütlichen Landlust-Illustration taugen, sondern eher die mit Patinacharakter. Der Kenner weiß, dass diese mitunter noch weit teurer kommen.

Farbknallige Schmetterlinge in der Wiese

Neumühle

Jenseits des Dorfbaches, der schmal und lebhaft gen Neuzelle plätschert, beginnt der schattige Weg zur Neumühle. Die liegt schön eingeschmiegt im Bachtal, direkt dahinter spannt sich zwischen den Waldrändern eine weite Wiese voller Gesumm und Geschwirr auf. Ein ufernaher Pfad ist vor lauter Vegetation nicht zu erkennen. Das Verbleiben auf dem breiten Fahrweg schenkt uns im Ausgleich gleich noch eine hinreißende Reh-Episode. Wieder schauen vier Ohren aus den dichten hohen Halmen der fußklammen Uferwiese, doch nicht gleich hoch. Das untere Paar ist kaum zu sehen.

Intensiver Blicktausch mit Muddern

Die Begegnung verläuft sehr ruhig, so als hätten Kitz und Ricke in verbalfreier Verständigung für die Taktik der Unauffälligkeit entschieden. Ein direkter, tiefer Blick zwischen der Alten und uns hält lange an, so einer, dem dann meistens das vorhin erlebte Aufspringen und Enteilen folgt. Doch die beiden bleiben der gewählten Methode treu und entfernen sich langsam Richtung Ufer, wie auf Zehenspitzen mit dem zugehörigen, leicht waalkes’schen Gang. Die Ohren sind noch lange zu sehen.

Pfad an der Neumühle

Neben der Mühle führt ein reizvoller Pfad entlang des Zauns. Am Ende möchte man gern dem Wegweiser zur Schwerzkoer Mühle in den schattigen Weg folgen, der direkt und gefühlt mit nassen Füßen dem Bachlauf folgt. Der tränkt hier viel Waldboden zu schwarzem Modder. Folgerichtig ist da der unmittelbare Venenzugriff dutzender Winzlinge, die scheinbar schon alles Nutzvieh der Umgebung leergesogen haben und ohne jegliches Sondieren zum Stich schreiten.

Wiesengrund bei Neumühle

Gut also, dass es ohnehin der falsche Weg war, im schnellen Rückzug zurück zur Wiese und noch ein paar Wanderer auf den rechten Weg gebracht, auch wenn der mitten durch die Mückentränke führt. Doch sie wollen es so. Bei jedem Storchenschritt durch die hohe Wiese schnibben friedliche Grashüpfer durch die Luft und werfen die Frage auf, wie man in solch einem hochgewachsenen Halmwald überhaupt abspringen kann.

Bei Neuzelle

Am Ende einer zugeknöpften Waldsiedlung mit halbherzigen Durchgangshindernissen wird der Wald lichter, und bald öffnet sich die Landschaft. Ein Zaun begrenzt eine weitere Wiesenfläche, wo auch junges Gebäum heranwächst. Hier wird nun das nächste Kapitel an Schmetterlingsfreude aufgeführt, sich dabei halbwegs an den Verlauf des grobmaschigen Zaunes gehalten. Den mitlaufenden Knipsversuchen entgehen die edel Gewandeten dadurch nicht.

Da alle Bilder Gurken werden, genießen wir die Pracht vor Ort und versuchen uns ein paar Muster ins Kurzzeitgedächtnis zu legen, später digital oder analog nachzuschlagen. Diese durchflatterten Blumenwiesen erschaffen gemeinsam mit dem ausdrucksstarken Wolkenhimmel einen sagenhaften Sommertag, dessen zeitweilige Hitze ein gelegentlicher Wind angenehm entschärft.

Hinter dem querenden Fahrweg liegt eine große Wiese, hügelig und mit Aussicht auf baldige Ausblicke. Auf ihr gibt es ein paar Wege, die nicht sichtbar sind und dazu einladen, mit der Euphorie eines freigelassenen Kindes freudenquietschend loszurennen und sich durch die weiten Wogen des Reliefs treiben zu lassen. Zwischendurch beim Rennen die Augen zu schließen oder sich einfach ins stoppelige Gras fallen zu lassen. Um dann nach ein paar Augenblicken mit fest zugekniffenen Augen und Sonnenpunkten unter den Lidern den Hang hinabzurollen oder zweidrei Purzelbäume zu schlagen.

Blick hinab zum Stadtrand

Gleich hier spielt am oberen weichen Rand eines üppig grünen Hanges das dritte Kapitel von farbstarken Blüten und buntem Geflatter in immer neuen Gestalten. Unten im Tal ruht wie in einem Ölschinken über Omas Sofa gemalt Kummro, eingekuschelt in dunkle Waldhänge. Das Relief des Weges bringt uns ganz von allein auf Spur, so wie ein Wassertropfen auf einem gewellten Lotosblatt ganz klar seine Bahn finden würde.

Unten ist nicht ganz klar, ob es ein offizieller Weg für jeden ist. Der zuständige Hofhund stellt lautstark dieselbe Frage, sollte jedoch an seinem Timbre arbeiten. Das folgende Wohngebiet bietet für einige Grundstücke den seltenen Luxus eines eigenen Hausberges, der mit Stiegen, Serpentinenwegen und Hochterrassen für die Abendbank hinreichend zelebriert und gewürdigt wird. Eine abzweigende Straße für eine neue Wohnsiedlung trägt verheißungsvoll den Namen Klosterblick. Das erweist sich als Marketing-Gag und erinnert einmal aufs Neue daran, dass man das Kleingedruckt immer mit der richtigen Brille lesen sollte.

Eine schöne Aussicht zum Spinnberg gibt es trotzdem und dazu gleich mehrere schöne Wege über die Wiesen, die nun hier das vierte Kapitel aufklappen. Wir bleiben auf der Höhe, passieren große Ställe und das wohl bestgestützte Storchennest weit und breit, das ohne Überhänge auskommt. Dementsprechend groß fällt die Besatzung aus, die ohne statische Bedenken da oben rumturnt.

Klosterkirche und Hochofen und Bergwiese

Wenn der bisherige Weg der Zustieg war, kommt dieser jetzt in seine finale Phase, bevor es charakterlich in höhere Regionen geht, wenn auch unterhalb der Baumgrenze. Wer keinen Wert auf Vollständigkeit in der langen Reihe der Gipfel legt, kann gleich jenseits der Straße ins Wegesystem einsteigen, das etwas Interpretationsfreude und Wagemut verlangt. Heute auch etwas Leidensfähigkeit, denn aktuell herrscht eine regelrechte Mückenplage, wie die Zeitung des nächsten Tages auf ihren ersten Seiten verrät. Am besten folgt man an den zahlreichen Abzweigungen grob einer Himmelsrichtung.

Miniaturgebirgslandschaft Fasanenwald

Wir bleiben dem breiten Weg treu bis zum südlichsten aller Gipfel, von dem sich nun endlich der ersehnte Blick auf das Kloster mit allen seinen Accessoires ergibt. Faszinierend und vielleicht einzig diesem waldoffenen Punkt vorbehalten ist, dass der Blick zugleich auf die Kirche aus dem 18. Jahrhundert und den gewaltigen Eisenhüttenstädter Hochofen aus dem 20. Jahrhundert fällt, der dort die Hauptachse des Stadtbildes mitbestimmt. Um den Punkt zu erreichen, muss man sich kurz vor einem Hochstand rechts hinüber zu Wald halten, dabei etwa auf selber Höhe bleiben. Der Pfad ist derzeit nicht sichtbar, der stark ausfallenden Vegetationsperiode geschuldet, denn wir staksen hier mitten durch der Flatterwiesen fünftes Kapitel.

Im dichten Fasanenwald (der Weg ist das links da)

Als wir uns kurz verbeugen und in den dichten Laubwald eintreten, staunen wir und stoßen auf eine kuriose Analogie. Unweit der sozialistischen Planstadt Schwedt, damals wie heute einem wichtigen Industriezentrum in dünn besiedelter Landschaft, gibt es auf polnischer Seite das wildromantische und zauberhafte Tal der Liebe, das hier vor einem Jahr ausgiebig besungen wurde. Starkes Relief auf kleinstem Raum, üppige Natur durchschlungen von einem System von Wegen und Pfaden und erkennbare Spuren einer gezielten Anlage. Dazu die Odernähe und direkt benachbart die flachen Flussweiten. Ein hinreißendes Netz von Pfaden, das zum Verfransen herzlich einlädt.

Nun finden wir hier in Nachbarschaft zu Eisenhüttenstadt, der Planstadt der sozialistischen Planstädte, eine ganz ähnliche Landschaft, wenn auch hier die verspielten fürstlichen Zutaten wie Teiche, Statuen und Ruinchen oder die ganz besonderen Aussichtsplätze fehlen, denn die sind zum Großteil zugewachsen. Doch auch das Tal der Liebe hielt lange Jahrzehnte einen Dornröschenschlaf, und wenn irgendwann der Klostergarten fertig ist, fällt auch in Neuzelle vielleicht jemandem ein, dass man ein paar Säckchen öffentliches Geld dafür verwenden könnte, hier dies und das in Angriff zu nehmen. Am besten Anfang der Dreißiger mal wieder hier vorbeischauen!

Höhenpfad im Fasanenwald

Wo nun an und für sich die herrlichen Anstiegspfade und Höhenwege, Rastbänke und betagten Schautafeln zum Genießen und Verweilen einladen, gestaltet sich dieser erste Besuch des Fasanenwaldes zur atemlosen Hatz. Zwischen Mondberg und Kreuzberg, Flaschenberg und Herzberg veranstalten die Mücken mit uns eine milde Form der Treibjagd und holen alles nach, wovon wir im letzten Sommer verschont geblieben waren. An solchen Stellen, wo es ein meterbreiter Sonnenstrahl bis zum Waldboden schafft und eine flirrende Beam-Säule in den Wald stellt, sieht man das ganze Ausmaß, die dichten Wolken lüsterner Rüsselträger in wildem Ritual-Tanz.

Selbst ein Foto zu machen ist schon ein kleines Wagnis, denn das sekundenlange Verharren wird auch hier ohne die Suche nach der besten Einstichstelle genutzt. So bleibt nach hintenraus neben allerhand schlecht verschlossenen Zapfstellen an Beinen und Armen sowie einigen hastig eingefangenen Gedankenbildern die Erkenntnis, hier in besonders feuchten Phasen des Sommers lange Ärmel im Rucksack zu haben – oder mal im Herbst oder Frühling herzukommen, um die Sache in Ruhe zu genießen.

Weite in der Oderaue

Nach einer guten halben Stunde fuchtelnden Geländelaufes gibt uns der Wald frei, nun wieder unten auf dem Niveau der Wiesenaue, die friesisch flach zwischen Bahn und Oder liegt. Auch am Fahrweg direkt unterhalb des Fasanenwaldes lauern sie noch, doch wir wollen ohnehin hinüber ins offene Land. Doch die Querung der Bahn ist problematisch, denn eine einstige Option, von der noch ein rostiges „Durchfahrt verboten“-Schild erzählt, ist komplett verwachsen.

Da heute in Sachen Leidensfähigkeit gut gestählt, versuchen wir uns irgendwie zum Gleisbett durchzuarbeiten. Auch wenn die Strecke gut einsehbar ist, jede Stunde nur ein Zug vorbeisaust, ist von der Querung grundsätzlich abzuraten – nicht zuletzt deswegen, weil man im weglosen Dornenkraut hervorragend umknicken kann. Außerhalb der Vegetationsperiode sollte es besser sein, doch hier und heute lassen wir es sein und bleiben auf dem bequemen Weg, der die nackten Beine weder sticht noch kratzt noch verknickt.

Heuernte vor Neuzelle

Mit der Öffnung zur Bahntrasse hin werden die Mücken weniger. Um unseren eingangs erwähnten Wunsch nicht in den Wind zu schießen, planen wir indessen verwegen, uns selbst recht hübsch was vorzumachen. Gucken betont nicht zu allem, was an Türmen oben rausschaut, wenden uns am Ortsrand nach rechts und schwärmen nach dem Überqueren der Schienen mit großen Schritten aus in Richtung Oder, mitten in die weite Wiesenaue. Um ganz draußen wieder umzudrehen und ehrfurchtsvoll dem Kloster zuzustreben. Wer sich hinsichtlich dessen an die Stirn tippt, hat zunächst recht – doch nach hinten raus so gar nicht.

Erntehelfer in der Oderaue

Denn was wir jetzt erleben, ist nicht nur die schönste Art der Annäherung an die Neuzeller Turmlandschaft. Die laufende Phase des Sommers schenkt uns zusammen mit dem Wettergeschehen und landwirtschaftlichen Notwendigkeiten ein Ballett, das sich direkt vor der Kulisse des diesig entfernten Klosters abspielt und mit gar nichts geizt. Für später ist Gewitter angesagt, mit starkem Regen, und auf den Wiesen liegt in langen Bändern das gemähte Heu bereit. Daraus entsteht ein klares Spannungsfeld, was den Blickwinkel des Landwirts betrifft.

Während auf den Wiesen jeweils ein schwergewichtiges Pärchen aus Mähdrescher und behängertem Traktor in blau ein leichtfüßiges Tänzchen aufs Parkett legt, eilt vom Ort her der nächste Tanzpartner herbei. Dies tut er jeweils im weiten Bogen und mit der gebotenen Eile, die von Partnerwechsel zu Partnerwechsel noch im Tempo anzieht – etwaigen Fußgängern dürften beim Platzmachen am Wegesrand aufwändige Frisuren in Bedrängnis geraten. Der weite Bogen wird von einem kleinen, doch ausreichend breiten Wassergraben diktiert. Der Partnertausch vollzieht sich in respektvoller Entfernung, dabei aber so dicht, dass dem Dreschwerk keine nennenswerte Wartezeit entsteht.

Klostergarten Neuzelle

Ergänzend zu diesem Ballett der Elefanten findet ein weitaus grazileres statt, direkt daneben, mit um die fünfzig paar schwingender Tanzbeine in rot. In absoluter Seelenruhe spazieren Störche neben den röhrenden Maschinen, flattern elegant auf, legen jedoch nur dann ein paar hingeschlurfte Meter in der Luft zurück, wenn der Abstand zu groß geworden ist. Die Tanzenden stehen kaum in künstlerischer Korrespondenz, sondern geben sich ganz dem jeweils eigenen Ausdruck hin, gleichzeitig dem Genuss taufrischer Leckerbissen, die das verwirbelte Heu freigibt. Nur ein besonders hungriger Storch befindet sich als Einziger im regelmäßigen Aufholflug, damit ihm wirklich nichts entgeht. Ein anderer hat wohl genug für heute und gleitet im weiten Bogen und leicht bräsig in Richtung Nachtlager. Das Zwiegespräch zwischen spindeldürren Beinen und extradicken Treckerreifen im meterkurzen Abstand schafft die besondere Note dieser sommerlichen Vorstellung. Was die Anmut der Großen in den Drehbewegungen ist die der Hochbeinigen in jedem einzelnen Schritt.

Schon einmal durften wir ein Spektakel zahlloser großer Vögel vor der Kulisse des Klosters erleben, in einem knackig kalten Winter. Im letzten nachmittäglichen Sonnenlicht zogen Hunderte Gänse von den Futterplätzen ins Nachtlager, mit dem zugehörigen Schnabelspektakel, das über Kilometer zu hören ist. Mitten durch den unten schon beschnittenen, glühenden Feuerball – wie einst E. T. vor dem vollen Mond. Wir derweilen sahen mit großen Schritten zu, dass wir Neuzelle noch vor der Dunkelheit erreichen, denn eine Lampe war nicht in der Tasche und die Oderaue kann sehr dunkel sein. Der hochwertig neonbeleuchtete Kosmetiksalon am anderen Rand des Klosterteiches hieß seinerzeit noch Bier Beauty, doch das hat wohl der Phantasie der potentiellen Kundschaft zu viel abverlangt. Das heutige Hair Beauty klingt zwar vergleichsweise trocken, erlaubt jedoch leichter greifbare Assoziationen zu gängigen Inhalten von Schönheit.

Heckengang im Klostergarten

Auf dem nun endlich erlangten Weg von der Aue auf das Ortsbild zu machen wir alle paar Minuten den eilenden Gummiwalzen Platz, die nun sichtlich gegen die herannahende dunkle Wolkenfront anfahren. Die Umrisse der Klosterbauten gewinnen zunehmend an Schärfe, werfen den Grauschleier der Distanz ab und machen nun neugierig darauf, was das warme Licht der späten Sonne mit den zahlreichen Gelbschattierungen der Klostermauern veranstaltet.

Arkadengang bei der Orangerie

Kloster Neuzelle

Über das Kloster, die Kirche und den Park mit Kräutergarten muss hier nichts geschrieben werden. Es ist schlichtweg zauberhaft, auch wenn der Kräutergarten gerade komplett umgekrempelt wird. Wo einst Kleingärten stündlich vom Wind der vorbeieilenden Züge umweht wurden, wird derzeit die barocke Struktur der Gartenanlage wiederhergestellt. Hart für die Parzellanten, doch angesichts der Einmaligkeit der Klosteranlage eine nachvollziehbare Entscheidung für den kleinen Ort. Nächstes Jahr soll alles fertig sein, dann mit Gärtnerei, dem eigentlichen Kräutergarten und zahlreichen Obstbäumen.

Klosterkirche über den Wiesenstufen

Der Park unterhalb der großen Wiesenstufen scheint soweit komplett und erlaubt verspielte kleine Spazierereien zwischen dem Wasserbassin, hohen Hecken und gelungenen Kantenmodellen einstiger Pavillons, Arkaden oder Aufgänge. Hin zur Orangerie ergeben sich so reizvolle Perspektiven, die ein bisschen an ein Labyrinth denken lassen. Das Café ist mehr als gut geeignet für das Vertrödeln einer ganzen Weile. Beim Eintreten nimmt der Blick automatisch eine etwas feierliche Note an, und eine Bestellung würde man womöglich in lippenaktivem Hochdeutsch tätigen. Es riecht nach wandhohen Gemälden, salbungsvollen Trauungsworten und aufwändigen Kristallüstern – auch wenn es gerade nichts davon gibt. Im Winter übrigens stehen in den beiden hohen Räumen in der Tat die Bäumchen und sonstigen Großtopferten.

Tränke am Klosterteich, Neuzelle

Der feierliche Blick bleibt auch noch beim Erklimmen der Stufen, hinauf zur Ebene des weiten Innenhofes, die wie geschaffen scheint für einen schönen Weihnachtsmarkt. Und weicht beim Betreten der Kirche ganz naturgemäß dem staunenden Blick, der den Mund selten ganz geschlossen lässt. Insbesondere in einer alpenfernen Region, wo nicht in jedem fünften Ort so eine Anballung barocker Elemente wartet. Die Uhr schlägt gerade vier, und so bleiben uns noch ein paar Minuten der Kulanz, bevor sich der riesige Schlüssel für heute zum letzten Mal im Türschloss dreht.

Stiege zur Aussichtsbank

Hinter großen roten Türflügeln fliegt der Blick auf glattes Pflaster entlang einer weißstämmigen Lindenallee und gleich die nächste Anhöhe hinauf, bevor er schnellstens zurücksaust und sich der hübschen Szenerie rund um den Klosterteich widmet. Nicht zuletzt durch den jüngsten Anstieg macht sich spontan der Hunger bemerkbar – der Klosterkrug kommt jetzt mehr als gelegen. Leider sind alle Tische draußen schon besetzt, doch ein Seitenblick entdeckt noch zwei tieferliegende Decks mit einem freien Tisch. Kein Wasserblick, doch dafür der in den Garten und weniger Leute, die dicht am Teller vorbeilaufen könnten.

Klosterblick vom Priorsberg

Auch alles andere passt perfekt, und nach erfolgtem Energieausgleich und einem Zuwachs an momentaner innerer Zufriedenheit ist nun die Runde um den Klosterteich besser als jedes Kompott. Überall fließt es, teils nicht ganz logisch, und der Weg passiert trotz seiner Kürze eine lange Mauer, eine zum Abend ausatmende Wiese und sogar eine Insel, die als Refugium für all die Enten dient, die hier den Teich bevölkern.

Oben am Kirchturm gleißt das blau-goldene Ziffernblatt, als würde es gleich schmelzen und über die Kanten abfließen, wie bei Dalí. Gleich dahinter läuten nun die Glocken aus vollem Hals und geben uns einen stillen Stüber für die letzte Viertelstunde bis zum Bahnhof.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn über Frankfurt/Oder (1,5 Std.) oder Cottbus (2 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn und Landstraße in beliebiger Mischung (1,75-2,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen mehrfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Amt Neuzelle

Zeitungsartikel Fasanenwald Neuzelle

Kloster Neuzelle

Einkehr: Klosterkrug, Neuzelle (am Kloster)
Zum Zickenzeller (Bahnhofstr.)
Sportlerheim (am Priorsberg, Birkenweg)

In eigener Sache/Rehfelde: Fünf Kerzen, ein Steinhaufen und die olle Kamelle

Der Monat mit dem kürzesten Namen läuft auf vollen Touren und vervielfacht das sichtbare Volumen aller grünen Blätter und Blättchen im Dreitagestakt, immer und immer wieder. Das heißt nicht, dass wärmende Kopfbedeckungen oder Übergangsjacken schon im schrankdunklen Sommerlager gelandet sind, denn er zeigt sich kühl, der Mai. Das hält viele Blüten lange frisch, die in anderen Jahren schon längst verblüht waren, verlängert dadurch die Gegenwart zahlreicher Düfte des mittleren Frühlings und sorgt für selten erlebte Duftmischungen, z. B. aus Maiglöckchen, Flieder und Apfelblüten, unterstützt von den ersten Heckenrosen.

Schmettausche Feldsteinpyramide in Garzau

Während die Grillen von dieser frostigen Schulter kaum beeindruckt sind und sommerlaut über die Wiesen tönen, tippen sich die vor Wochen eingetroffenen Mauersegler kopfschüttelnd an die Stirn und halten sich fürs Erste bedeckt. Dementsprechend ist eines der Geräusche des gesamten Sommers fürs Erste wieder verstummt, was schließlich zum Stand des Quecksilbers passt. Außerordentlich in diesem Mai sind die üppigen Wolkenbilder, die speziell an den Wochenendtagen gemeinsam mit dem Schattenspiel der Sonne für barocke, sehr dreidimensionale Himmelsgemälde sorgen. Öfter als gewöhnlich klickt der Auslöser, denn selbst wenn kein rechtes Motiv da ist, sind da die Wolken und rechtfertigen jeden dieser Schnappschüsse.

Ganz nebenbei und fern alles Superlativen erinnerte mich ein Blick in alte Kalender daran, dass vor genau fünf Jahren der Wegesammler seinen ersten Bericht in die Welt warf und schon ein bisschen gespannt war, ob das irgendwen außer der Hauptadressatin interessieren würde. Zunächst einmal war es schön, dass die ganze Geschichte in einer komplett neuen Materie rein technisch überhaupt funktionierte, Text und Bilder angezeigt wurden und die noch in Windeln liegende URL von jeder Stelle aufzurufen war. Die Zugriffszahlen lagen zu dieser Zeit geradeso im einstelligen Bereich, und auch das war an sich schon erfreulich.

Blick auf den Gipfel

Seit 2015 hat sich die Übersichtskarte nun erfreulich gefüllt und die Zahl der Beiträge kratzt an der neunzig. Zu den Zugriffszahlen lässt sich sagen, dass es bereits nach einigen Wochen täglich welche gab, was ein weiterer Grund zur Freude war. Für die Weiterverbreitung kamen neben der Mund-zu-Mund-Variante aus einem kleinen Kreis heraus bald schon kleine orangene Pappkärtchen mit QR-Code ins Spiel, die per Reißzwecke an sinnvollen Orten blieben. Und bald von Aufklebern abgelöst wurden. Etwas später kamen noch Bierdeckel hinzu, die an überdachten Rastbänken abgelegt gleich mehrere Formen von Sinn erfüllen – zum Beispiel die empfindlichen Tischflächen vor Kratzern durch verbeulte Trinkflaschen zu bewahren.

Weg von Zinndorf nach Werder

Zwischendurch gab es erfreuliche Episoden in Print- und Funkmedien, die letztlich mitverursachten, dass ein zentrales Fernziel schneller als gedacht Form annahm: im März letzten Jahres erschien im geschätzten be.bra verlag ein richtiges Buch, ein wunderschönes noch dazu, das gleichermaßen für den gemütlichen Sessel oder den bequemen Schuh taugt. Jedesmal, wenn ich es in die Hand nehme, durchströmt mich eine warme Mischung aus Freude und Ehrfurcht, die an Intensität nicht verliert.

Bahndamm in Rehfelde

Nicht zuletzt im wohlwollenden Rückblick auf diese Zeit der ersten Schritte im neuen Medium passte es gut zur Jahreszeit, eine liebe alte Tour der ersten Stunde aus der Schublade zu kramen, etwas daran rumzufeilen und vor Ort zu schauen, was noch gleich war und was sich verändert hatte – fünf Lenze später. Noch dazu kam die erste Möglichkeit seit Monaten, die Bequemlichkeiten eines Gasthauses zu genießen und in diesem Rahmen sogar frischen Spargel zu verschmausen, der doch auch in diese Zeit gehört. Wer sich noch erinnert: es ging um eine Herzensfreundin und einen faustsprengenden Blumenstrauß, davon abgesehen auch damals schon um Spargel, gesungene Töne und Lilien. Obwohl es nur eine Woche früher spielte, sah die Natur so völlig anders aus, war der Raps noch nicht verblüht, dafür das klassische Kornrandbunt bereits komplett.

Zustieg zum Gipfel des Rock

Rehfelde

Die neu frisierte und etwas nach Norden hin aufgepumpte Runde beginnt diesmal nicht in Werder an der gepflanzten Riesen-Lilie, sondern direkt am frisch renovierten Bahnhof Rehfelde, wo ein schöner Rastplatz direkt zur ersten Pause verleitet. Doch die Berge locken, die geschlossene Schranke lässt noch den Zug nach Berlin durch und schon kurz darauf sind am grünenden Hang eines Walles die ersten Mohnblumen zu entdecken, direkt neben der dunkelsten Variante des violetten Flieders.

Mohn auf den Wiesen

Hinter den letzten Häusern erhebt sich voraus das flächige Plateau des Fuchsberges, der als Erhebung mit bloßem Auge kaum wahrzunehmen ist – anders als weitere Berge dieses Tages. Der Fuchs im Übrigen spielt als Namensgeber in Rehfelde an vielen Stellen eine Rolle – vielleicht fände sich in der Heimatstube eine passende Erklärung dazu. Das Rehfelder Wappen jedenfalls erwähnt ihn nicht, beschränkt sich auf das namensgebende Huftier mit dem guten Sprungvermögen.

Gipfelkreuz

Jenseits der stillen Landstraße zieht ein beruhigender Weg in die Weite, die sich zwischen dem Mühlenfließ und dem Dorf Rehfelde mit dem Klumsberg ausdehnt. Links spielen größere Flächen orangenen Mohns und die allerersten Kornblumen mit den Farbkontrasten und werden vom kühlen Wind in Bewegung gehalten, deren Charakter an Absinthgenuss denken lässt. Auf der anderen Seite des Weges steht die klassische Feldrandmischung aus Rot, Blau, Weiß und Gelb bereit, schützendem Korn sei Dank weniger durchgeschüttelt.

Weg am Mühlenfließgrund und Vergleichsbild zum gelblastigen oberen Bildschirmrand

The Rock

Auch dieses Mal wollen wir uns nicht das Gipfelglück entgehen lassen und erklimmen auf einem der bequemen Aufstiege den höchsten Punkt des namenlosen Berges, der von unten gesehen an den aufsehenerregenden und tief hängenden Wolkenbändern zu kratzen scheint. Das Gipfelkreuz befindet sich in Gesellschaft einer Handvoll grundverschiedener Steinbrocken, auf denen sich gut pausieren lässt. Unten vom dichten Wald reiht eine Nachtigall ihre Strophen so laut, als würde sie gegen das ruppige Dauerrauschen einer Autobahn ansingen. Doch rauschen hier nur die Wipfel der Bäume, so intensiv, wie es sonst eher Küstenwälder tun.

Ginster im Walde

Da heute der erste Tag ist, wo Gaststätten wieder Kundschaft empfangen dürfen, war eine Reservierung angebracht, ist somit ein Termin zu beachten. Die Zeit sitzt recht bequem im Nacken, noch ist ein dickes Polster übrig. Dennoch drängen Vorfreude und Hunger, die Pause hier nur kurz zu halten. Daher belassen wir es beim Vernunftschluck und dem Genießen der Aussicht zur Rüdersdorfer Skyline, die heute also gänzlich ohne Gelb auskommen muss. Das gilt auch für die Stelle, die seit fünf Jahren und auf Wunsch einer einzelnen Dame die Leser am oberen Rand des Bildschirms empfängt – und heute völlig anders aussieht, abgesehen vom Wegweiserschild und den charakteristischen Schlängeln des Weges. Links im Wäldchen blüht ausufernd der Ginster und tröstet mit etwas Ausgleichs-Gelb im kräftigsten Dotterton.

Blick in die Wiesen am Mühlenfließ

Bereits am Bahnhof hatte sich ein Lieder-Stein ins Bild geschoben, der erste in einer langen Reihe, die entlang des Liederweges bis nach Werder reicht. Die unverwüstlichen Granitsäulen mit den Metalltafeln sehen aus, als wären sie erst vorgestern installiert worden, und auch dieses Mal summt es lautlos oder leise in Kehle, Kopf und Brustkorb oder fast nur in Gedanken. Angesichts der vollständig verzeichneten Liedtexte kommt man sogar weit über die titelgebende Zeile hinaus, staunt manchmal, welcher Vers aus jenem Lied stammt oder wie viele Strophen es von diesem gibt. Die polnischen unter ihnen sorgen bei Ungeübten sofort für kleine Auffahrunfälle der Zunge und körperlose Fusseln im Mund, allein beim Versuch, eine Zeile ins gesprochene Wort zu murmeln. Doch auch hier dürfte Übung den Meister machen.

Textblatt am Liederweg

Nach dem Passieren eines Misthaufens, der ebenso hoch ist wie der jüngst bestiegene Berg, dazu noch frisch und äußerst deftig für die maiverwöhnte Nase, gibt es kurz nach einer kapitalen Eiche die erste Berührung mit dem Mühlenfließ, das auch heute in Bewegung ist und hier aufs passende Lied trifft – ich sage nur klipp-klapp. Eine kleine Schnelle, gebaut aus gerade noch wurffähigen Feldsteinen, sorgt für untermalendes Gurgeln.

Kirchhof in Zinndorf

Falls keine Weide abgezäunt ist, kann man gleich links abbiegen und das Bächlein ein Stück begleiten. Hinter einem nicht immer offenen Tor endet der Weg dann zwischen Hintergärten und Viehgattern und kommt gleich darauf an der Straße heraus. Von hier bis zur Tränke sind es jetzt nur noch ein paar Minuten. Trotz Reservierung sind wir hochgespannt, denn die letzte reguläre Einkehr ist drei Beiträge bzw. gut zwei Monate her.

Zinndorf

Doch alles klappt, alle geforderten Bedingungen sind erfüllt und das Essen schmeckt so gut, wie es das jedes Mal tat. Der Chef bedient heute selbst, was den besonderen Bedingungen des Jahres geschuldet ist. Durchaus besonders ist auch das erste von frischem Schaum gekrönte Kaltgetränk seit März.

Unterwegs nach Werder

Am Ortsausgang schickt ein betagter Traktor in dumpfem Prusten die Zündungen seines Einzylinders durch die Röhren, denen sich wie stets bei solchen Motoren gut folgen lässt. Anfangs bleibt unklar, ob es sich tatsächlich um eine Mobilie oder doch nur um das stationäre Triebwerk für einen Transmission-Riemen handelt, doch irgendwann bewegt sich der Ton und der dürre Oldtimer stakst auf hohen Beinen gen Dorfmitte, nunmehr mit erhöhtem Puls.

Weg von Zinndorf nach Werder

Entlang des gediegenen Weges von Zinndorf nach Werder hätte sich diesmal nicht der Ansatz eines Blumenstraußes pflücken lassen, denn Grün in zwei Dutzend Schattierungen ist einfach nicht bunt genug. Doch der Geburtstag der erwähnten Freundin liegt schon eine Woche zurück und wir können entspannt den tänzelnden Weg genießen, an dem inzwischen viele junge Bäume nachgepflanzt wurden, die einmal die Lücken zwischen den großen alten Kronen füllen werden. Voraus rückt bald die stämmige Kirche ins Bild, zu deren Füßen in der Form eines riesigen Wappens eine Lilie wächst – gepflanzt als Rabatte. Nicht ohne Grund, denn neben dem „Weg der Lieder“ läuft über größere Strecken auch der Lilien-Rundwanderweg mit, der unsere heutige Norderweiterung noch ein Stück begleiten wird.

Schattiger Weg nach Garzau

Werder

In der Mitte von Werder zählt ein dunkelrot leuchtender Schilderbaum eine ganze Latte schöner Worte auf, die links und rechts attraktive Ablenkungen versprechen. Doch wir bleiben geradeaus auf der Spur und treffen hinter der Bahn alte Bekannte wieder, darunter einen stämmigen Eichenbaum, seinerzeit ein schattiger Pausenplatz, an einem Tag mit dreißig Grad und umgeben von einem Meer aus gelbem Raps. Zwischen die satten Grüntöne mischt sich heute nur das Weiß der Kastanienkerzen und des Weißdorns, die gemeinsam eine neue Duftmischung beisteuern.

Garzau

Kirchhügel in Garzau

Rund um die Garzauer Kirche liegt die erste Rasenmahd, die ganze Dorfmitte ist erfüllt vom würzigen Duft, die mäherische Tüchtigkeit findet derweil in den Vorgärten ihre Fortsetzung. Schräg gegenüber geht es zum Gutshaus, das in letzter Zeit durch verschiedene private Hände ging und ganz gut in Schuss ist. Der zugehörige Schlosspark ist umzäunt, doch auch außerhalb lässt es sich schön durch den Wald flanieren.

Schmettausche Feldsteinpyramide

Die eigentliche Besonderheit im Orte, die ganz standesgemäß einen Superlativ hält, ist erst seit vergleichsweise kurzer Zeit wieder als solche zu bestaunen und befindet sich ein paar Minuten entfernt. Zu verdanken ist ihr heutiger Zustand einem rührigen Verein, der aus einem scheinbar strukturlosen Steinhaufen ein echtes Schmuckstück mit markanten Farbkonturen zauberte, das als größte Feldsteinpyramide im ganzen Land gilt und über verschiedenartige Innenräume verfügt.

Feldsteinpyramide überm Weinberg

Die Pyramide thront auf einem Hügel, an dessen Südflanke ein kleiner Weinberg angelegt wurde. Den jungen Rebstöcken haben die frostigen Kapriolen der letzten Wochen ziemlich mitgespielt und es bleibt zu hoffen, dass sie halbwegs heil davonkommen. Direkt davor erstreckt sich eine weite Wiese mit schöner Rastbank, auf der gerade eine hinreißende Tafel gedeckt ist, mit allem, was dazugehört.

Die kleine Gesellschaft drumherum ist bunt eingekleidet, die Kinder in ständiger Bewegung, und so erinnert das Bild ein wenig an ein Gemälde. Vom benachbarten Feuchtland kommen einige der gut gebauten Mücken herangeschwirrt, doch der Wind zerstreut sie, noch ehe sie in den heiteren Bildaufbau eingreifen könnten. Bestiegen werden kann die geländerlose Pyramide mit ihrer Aussichtskanzel übrigens nicht, zumindest so lange jemand guckt. Und irgendjemand guckt bestimmt immer. Doch das geht in Ordnung, denn mit Geländern sähe das trotz klarer Symmetrien leicht archaische Bauwerk irgendwie zu brav aus, könnten die Farbkonturen nicht so wirken, wie sie wirken sollen.

Südflanke der Feldsteinpyramide

Nach dem Verlassen des Pyramidenhügels zieht sich der Weg durch schattige Wälder verschiedener Gestalt im weiten Bogen rund um den Weinberg, der hier nur so heißt, wie er heißt, doch durchweg reblos ist. Vielleicht sollte er seinen Namen mit dem des Pyramidenhügels tauschen, ganz gütlich. Fern vom Ortsrand her kommt die ganze Zeit ein nerviges Maschinengenöle, das man gern einem gewissen Zweck zuordnen würde, um es entspannter zu ertragen. Nach zwanzig Minuten scheint die Arbeit getan, die gewonnene Ruhe ist regelrecht wohlig, wie kühle Salbe auf einem hartnäckigen Mückenstich. Am Ende des Waldes zeigt sich hinter weiten Wiesen eine stille Straße, die sofort den Wunsch an Fahrradfahren weckt und zwei Gedanken später Max Raabe ins Landschaftsbild montiert, natürlich passend gekleidet. Jenseits der Straße ist anhand allerlei Buschgewächs eine feuchte Senke zu erahnen, die selbst kaum sichtbar wird, so dicht ist der blühende Botanikgürtel.

Naturschutzgebiet Zimmersee

Ein zu sammelnder Weg lockt uns erfolgreich, wird immer schmaler, doch versiegt nie ganz. Zum verblassenden Försterpfad eingelaufen drückt er sich dicht am nassen Land vorbei und erlaubt ein paar zaghafte Einblicke in den sumpfigen Kern. Rund um die Pfadspur wurden winzige Bäumchen gepflanzt, denen dünne grüne Röhren im ersten Lebensabschnitt Schutz vor hungrigen Mäulern geben und trotzdem Licht durchlassen. Passend dazu steht weiter hinten ein junger Rehbock im klaren Kontrast vor dem Buschwerk, horcht erst, schaut dann und wittert schließlich, bevor er nach einer weiteren Gedenksekunde aus dem Stand einen Sprung hinlegt und in Sekundenfrist verschwunden ist.

Jüngster Nachwuchs am Zimmersee

Rehfelde-Siedlung

Bald sind größere Wege erreicht, kurz darauf der Rand von Rehfelde-Siedlung. Rehfelde, der Ort mit den vielen Abteilungen, der quasi von zwei Stationen der Regionalbahn bedient wird. Einer davon ist der S-Bahnhof Herrensee, der Ausflügler leicht aufs Glatteis führen könnte, denn er bezieht sich auf den Strausberger Ortsteil und weniger auf den ein ganzes Stück entfernten See selbst, der eher am S-Bahnhof Strausberg Hegermühle liegt. Herrensee hingegen ist noch einiges weiter von Strausberg weg und würde glatt als Rehfelder Ortsteil durchgehen. Und der Bahnhof Strausberg wiederum liegt am Rand von Strausberg Vorstadt, zwei S-Bahnhöfe oder siebzehn Straßenbahnminuten entfernt vom eigentlichen Strausberg. Also Obacht Ihr Ausflügler mit den Bahnhöfen rund um Strausberg!

Glasierte Baumscheibe am Lehrpfad, Rehfelde

Naturlehrpfad Rehfelde

Einige kläffende Hunde und laufende Heckenscheren später stoßen wir völlig unerwartet auf einen kleinen und feinen Ort, der allein schon die ausflüglerische Anreise nach Rehfelde rechtfertigen kann, insbesondere mit Kindern. In einem größeren Waldstück inmitten der Siedlung wurde ein zauberhafter kleiner Naturlehrpfad angelegt, der so gar nichts hat von Schlaubergerei und dozierendem Zeigefinger. Zwischen verschiedenen kleinen Plätzen und großen Findlingen, einem Rodelberg und einem Spielplatz ziehen sich nadelweiche Pfade durch den Wald, die Geradlinigkeit vermeiden, sich zwischen Baumstämmen hindurchwinden und von Walderdbeeren und Himbeergestrüpp begleitet werden.

Lehrpfad am Rand von Rehfelde

Zwölf Stationen gibt es entlang des Weges und im Eingangsbereich am Erlebnisplatz ein kleines Kunst- und Meisterwerk, erst seit Kurzem. Sinnenfreudig wurde hier eine mehr als metergroße Baumscheibe der 165 Jahre alten Franzosenfichte mit mehreren Schichten feinsten Bootslacks überzogen, der auch diverse breite Risse ausfüllt, wie fossilienaltes Harz. Zuvor wurden jedoch an den entsprechenden Baumringen beschriftete Pfeile eingearbeitet, die Zeitabstände auf gleichermaßen einfache und eindrucksvolle Weise anschaulich machen. Nicht zuletzt staunt man über den geringen Abstand vom letzten markierten Eintrag 1968 bis zum äußeren Rand, wo einst die Rinde ansetzte. Die zum Streicheln animierende Oberfläche dürfte allen Wettern für lange Zeit trotzen.

Lehrpfadspur zum Spielplatz

Nach dem Verlassen des Waldes läuft uns noch zwei weitere Male der verbale Rehfelder Fuchs über den Weg. Beim großen Kaufmannsladen öffnet sich kurz die willkommene Option auf einen heißen Kakao, doch leider kommen wir ein paar Minuten zu spät, die Maschine für die heißen Sachen ist schon kalt und erwartet blitzeblank den nahen Feierabend. Doch der Tag, er ist auch heute noch jung und ließe sich durch eine Stippvisite in Strausberg passend krönen. Mit der Bahn wären das entlang einiger der erwähnten Bahnhöfe gut eine halbe oder knapp eine ganze Stunde, mit dem Auto geht es etwas schneller. Das ist heute sehr willkommen.

Strausberg

Ein paar Dörfer später sitzen wir in Strausberg an der Stelle, wo sich Straßenbahn, Bus und Fähre am nächsten sind. Die Konditorei an der Ecke mit Fährblick schließt in zehn Minuten, doch erhalten wir auf alle zaghaften Anfragen ein herzhaftes Ja samt aller Zeit, die wir brauchen, begleitet von einem breiten Lächeln. Und sitzen kurz darauf bei Cappuccino, Kuchen und Kakao, während die Fähre ablegt zum stets leicht melancholisch klingenden Ort Jenseits des Sees. Eine Amsel malt die dazu passende Musik.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz (0,5 Std.) nach Rehfelde

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 1 (ca. 0,75-1 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

be.bra verlag

Heimatstube Rehfelde

Deutsch-polnischer Liederweg

Lilien-Rundweg

Pyramide Garzau

Naturlehrpfad Rehfelde (PDF)

Einkehr: Gasthaus Zinndorf, Zinndorf
Zur alten Linde, Rehfelde (am Bahnhof)

Neu Fahrland: Seelenfluchten, das nasse Viereck und der Lauf des Hasen

Klammheimlich hat sich der Frühling herangeschlichen – während die Wettervorhersagen täglich durcheinandergewürfelt wurden von kampfeslustigen Winden und launischen Güssen von oben, die an vielen Tagen sogar Pfützen zurückließen und das mehrtägige Überleben teurer Frisuren quasi ausschlossen. Woche für Woche wurde es voller im Klangregal, das bislang meist zartem Meisengepiepse und wehklagendem Krähengekrächz vorbehalten war. Immer mehr blütenüberpuderte Bäume und Sträucher ploppten auf, und an einem der letzten Morgen hatten sich dann auch schon erste Laubblätter im Strauchwerk zur vollen Größe kleiner Fingernägel aufgefaltet. Auch erste Düfte, die kurz innehalten und durchatmen lassen, gibt es schon.

Blick vom Weinberg zum Kirchberg

Nasen, Augen und Ohren nur dafür hat in diesem Jahr wohl keiner, da sich die ganze Welt, jedes Land und jeder Mensch ganz neu kalibrieren müssen angesichts eines unsichtbaren Herausforderers, der täglich für neue Wendungen sorgt, in immer neuen Größenordnungen. Und dem faktisch schwer zu entgehen ist, medial quasi überhaupt nicht – was absolut berechtigt ist.

Alte Kastanien am Sacrow-Paretzer-Kanal

Zwischen zu viel Gelassenheit oder zu viel Hektik gilt es dann und wann kleine Nischen zum Luftholen zu finden, kleine Zeitfenster und Rückzugsräume – damit sich durch diese Art von Ausgleich und Ablenkung ein gewisses Maß an Gleichgewicht und innerer Stabilität bewahren lässt, die Seele gesund bleibt und die Abwehr arbeitsfähig. Ganz normal aus seinem Gesicht zu gucken ist gerade keine simple Fingerübung.

Blick über den Fahrlander See

So profan wie wirksam kann, so lange es eben noch verantwortbar ist, ein mehrstündiges analoges Ausreißen in die Natur sein, die gerade in den ersten Wochen des Frühlings eine breite Zuversicht ausstrahlt, so wie sie das schon seit Jahrtausenden macht. Gern mit reichlich Wasser, viel Weite und unverstelltem Tageslicht – und nicht zuletzt etwas Naschwerk im Rucksack. Und ruhig etwas Mut zu ungewissen Wegen, schlimmstenfalls muss man eben ein Stück zurückgehen und die sichere Alternative nutzen. Beste Voraussetzungen dafür bieten sich im weit verschlungenen und mit Nebenfächern und Verschachtelungen gut bestückten Wasserreich der Havel westlich von Potsdam, die hier mit fast allem in Verbindung steht, was tief genug für einen dicken Fisch ist.

Kirchberg in Neu Fahrland

Neu Fahrland

Vom Potsdamer Hauptbahnhof kommt man mit dem Bus nach Neu Fahrland, das in mehreren Siedlungfragmenten seine Halbinsel bedeckt. Auf dieser erhebt sich der nicht zu unterschätzende Kirchberg, dessen Nordhang hochgewachsene Buchen bedecken – die jedoch mit diesem Tag hier nichts zu tun haben.

Auf dem Kirchberg, Neu Fahrland

Direkt an der Bushaltestelle nördlich der kantigen Insel zieht einen sofort ein anmutiger Weg in den lichten Wald, und schon ein paar Minuten später beginnt durch Laubwald der Anstieg auf diesen Berg. Kurz vor dem Gipfelplateau wird es nochmals etwas steiler, und wer hier noch seinen Ruhepuls hat und keinen Jackenknopf gelockert, braucht sich konditionell wohl nie mehr Sorgen zu machen.

Zwischen Kirchberg und Fahrlander See

Unbelohnt bleibt niemand, denn der Blick vom kleinen knüppelumrahmten Plateau reicht weit, Kenner können anhand Ihrer Umgebung vielleicht sogar die Glienicker Brücke lokalisieren. Wer hier oben steht und die Aussicht genießt, hat übrigens etwas gemeinsam mit dem bekanntesten Zeilenschmied der märkischen Landschaften, dem in der Vorstellung gern Stock und Hut zugeordnet werden.

Uferwiesen am Fahrlander See

Vorbei am sachlichen Wasserwerk und dem ebenso sachlichen Nebengipfel stürzt sich der Weg dann bald wieder hinab und erreicht durch Hohlgassen und auf kurvigen Pfaden das Niveau der Uferwiesen, die den Fahrlander See Hand in Hand mit einem breiten Schilfgürtel umgeben. Ein Ruhe atmender Weg wird von blassem Gestrüpp, knorrigen Wurzelruinen und erfahrenen Bäumen begleitet, weiter hinten schickt eine Weide all ihren Saft in den grünblonden Haarschopf, den die Brise des Tages in milde Wallung bringt.

Links des Weges lässt eine junge Familie eine leise surrende Drohne aufsteigen, die sicherlich ihren Preis hatte und jetzt eindrucksvolle Bilder dieser besonderen Landschaft zum Bodenpersonal funkt. Der Himmel winkt derweil eine Herde zerfaserter Wolken vorbei. Das Schilf rückt näher an den Weg.

Rindviecher am Rand von Fahrland

Während hinten bei den Häuser von Fahrland Lamas neugierig ihre Hälse recken, stehen ein paar Meter von hier krauszottige Rindviecher und graben ihre Mäuler in duftende Heuballen, ohne sich dafür bücken zu müssen. Werfen sich vielsagende Blicke zu und hoffen wohl darauf, bald wieder ihre Ruhe zu haben vor der Neugier der Passanten. Kurz darauf zweigt links ein durch Baumstämme blockierter Weg ab, der halb zugewachsen aussieht und dennoch einlädt, es zu wagen, zu sehen, wie weit man kommt.

Blick zum Kirchberg über die Uferwiesen

Das wird reich belohnt, denn die folgende Passage zählt zu diesen zauberhaften Überraschungen, die einem das Glück manchmal ganz beiläufig unterjubelt. Sicherlich muss hier etwas gestakst, dort etwas gebuckelt werden, und auch ein nasser Schuh ist manchmal nicht auszuschließen. Doch diese Viertelstunde ist ganz besonders, führt tief in eine verwunschene Landschaft, die abseits der schmalen Spur kaum durchdringlich ist. Teilweise wird der kleine Damm beidseitig vom Wasser begleitet, in dem es ständig raschelt, flattert oder mit schwerem Huf von dannen trottet.

Eine archaische Baumruine stützt sich mehr auf zwei breite Ausleger als auf ihren Stamm und weist auf einen langsam strauchelnden Hochstand, der für den Jäger erst nach drei Kurzen gerade aussehen dürfte. Teichgroße Wiesenpfützen stehen über winzige Gräben mit dem großen, viereckigen See in Verbindung, und alles blassbraune Vorjahresgestrüpp wird diskret von erstem Grün durchzogen. Einzelstehende Schilfhalme halten vor dem spiegelglattem See und blauem Himmel ihre pludrigen Köpfe in den kühlen Lufthauch, gleich stolzen Flaggen.

Ruderboothafen Fahrland

An einem Ruderboothäfchen endet der Pfad und gestattet nun ein erstes Stehen direkt am Seeufer. Ein Fisch trollt sich aus dem flachen Wasser ins tiefere und schlägt zuletzt entrüstet mit der Schwanzflosse. Genau gegenüber ist mit etwas Augenspitzen der schmale Durchlass zum Sacrow-Paretzer-Kanal zu erkennen, der ein direktes See-Umrunden mit trockenem Bein unterbindet.

Weg zum Weinberg, Fahrland

Ab dem Hafen flanieren mit entschlossenem Schritt und etwas vor uns zwei Damen, die sich auf den ersten Blick im Thema verirrt haben – mit hohem Schuh, schwingender Großraum-Handtasche und engem Rock sowie vorauseilendem Smartphone-Arm. Doch sie wollen eher nicht die Landschaft erkunden, sondern ein paar Mußeminuten am schönen Uferplatz verbringen, vielleicht mit Picknick-Decke im Gepäck und erster Teint-Hege unter der bloßen Sonne.

Nach ihrem Abbiegen rückt voraus nun Berg No. 3 ins Bild, der Weinberg, der seine mittelsteile Südflanke gen See hält, mitsamt Robinienwäldchen. Viele Höhenmeter sind nicht zu überwinden, doch der Blick von oben setzt einiges an Reichweite frei. Und fällt unter anderem auf den Geographischen Mittelpunkt des Landes Brandenburg, der sich hier irgendwo im Uferdickicht verborgen hält.

Die Kirche von Fahrland

Fahrland

An einem breiten Wasserarm haben sich all die Enten und Gänse versammelt, denen es auf den klammen Uferwiesen irgendwie zu voll geworden war, oder zu sonnig. Der Weg entlang des Wassers strebt auf einen Kirchturm zu und endet am Rand von Fahrland, wo der erhoffte Abstecher zur Landbäckerei erfolgreich ausgeht. Südlich des Dorfes geht es in die zweite Runde des Wiesen- und Schilflandes, das noch einiges mehr in die Breite gehen darf. Spätestens dort versammeln sich nun alle Vögel und Kleintiere, die man um diese Zeit zum zweiten oder ersten Mal im Jahr sieht. Der Deich zum See hin wurde gerade neu modelliert und verfestigt, und wer möchte, kann ihm bis zum Ufer des Kanales folgen.

Wir lassen uns schon vorher von einem kaum erkennbaren Wiesenpfad ablenken, der wieder mal für Freude über die Gummistiefel sorgt. Beim Brücklein über den schmalen Graben sehen wir in der nahen Ferne einen Feldhasen, der von einem ungeleinten Bello über die Wiese gejagt wird, diesem aber schnell seine Grenzen aufzeigt – zu unserer Erleichterung. Dennoch rattert sein Puls, als er auf unserer Höhe für die Länge eines Wimpernschlages innehält.

Uferweg bei den Fahrländer Wiesen

Vor der nächsten Brücke lagert ein massiver Steinblock, der eine perfekte Rastbank abgibt. Der gerade Blick fällt von hier auf die Höhen von vorhin, die von hier aus kaum nach Höhe aussehen. Während der Tee abkühlt, nähert sich vom Dorfe her im Trott ein massiges Pferd in Schwarz, mit Schlaghosen und einer erfahrenen Zügelhalterin, die bei der Brücke ihren Anschlag hat und den Boliden in zwei Zügen wendet.

Gleich nach der Brücke geben wir uns der nächsten Ablenkung hin, wieder ein Wiesenweg an einem Wasserlauf, doch diesmal ein breiter. Immer mehr Vögel wachsen aus den Wiesen, je länger man den Blick schweifen lässt. Richtung Kanal grasen auch zwei Rehgestaltige, die jedoch eher wie Gämsen wirken. Was bei den Bergeshöhen dieses Tages kaum verwundert.

Unklare und unnahbare Dame am Kanalufer

Entlang des breiten Schiffahrts-Kanales, den ich ob der weiten Landschaft der Fahrländer Wiesen gerade gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, steht eine imposante Reihe alter Kastanien, zu beiden Ufern. Das sieht schon ein wenig nach den dekadenten Allee-Werken rund um Potsdam aus, als wären Preußenkönigshand und auch –budget auch beim Anlegen dieses Kanals im Spiel gewesen. Etwas struppig ist der Pfad am Ufer, voraus im Bild schon die Straßenbrücke mit ihrem Bogen zu sehen.

Kastanienreihe am Sacrow-Paretzer-Kanal

Auf Höhe eines erstaunten Anglers nutzen wir dessen Zugangspfad vor zum Fahrweg, wo man am kleinen Hafen Paddelboote ausleihen kann. Das sieht in Hinblick auf den geradlinigen Kanallauf nicht nach dem idealen Platz aus, doch zoomt man etwas aus der Karte, sind im Nu ein halbes Dutzend Havelseen in greifbarer Nähe. Und dank der Havel selbst ließe sich zwischen Sonnenauf- und -untergang eine schöne große Rundtour über Werder, Caputh und Potsdam paddeln – mit unzähligen Erweiterungsoptionen.

Sacrow-Paretzer-Kanal von der Brücke an der Anglersiedlung

Anglersiedlung Kanalbrücke

Am anderen Kanalufer liegt eine Laubenkolonie, und hier gibt es sogar eine Gaststätte. Das nutzen wir, denn der Hunger ist da und Einkehren am Weg sowieso am schönsten. Nach einem kurzen Stück auf dem Radweg entlang der lauten Straße drehen wir ab in Richtung Bornstedt und streifen die Kleinen Plankwiesen, die nach Norden vom Kanal begrenzt werden. Und widerstehen hier der Einladung zum Uferweg.

Nach einem Wäldchen beginnt dann passend zum geschwungenen Straßenverlauf und den betagten Baumriesen am Wegesrand eine anmutige Wiesenlandschaft, die irgendwie schon nach der Art Park aussieht, wie man es etwas südlicher bei Schloss Lindstedt noch ein wenig ausgeprägter finden kann.

Weg entlang der Kleinen Plankwiesen

Gutshof Bornstedt

Was voraus liegt, sah vor langen Jahren vergleichbar mondän aus, doch das ist einzwei Systemwechsel her. Einzig eine Ahnung davon vermittelt noch der Persiusturm, der von der Zeit mitgenommen und leicht geflickschustert als Antennen-Sockel dient. Der amtierende Gartenmeister hat das Thema Baumschnitt absolut wörtlich genommen und die Kronen einiger kleiner Obstbaumalleen bis fast auf den Stamm zurückgesägt. Das gewonnene Holz liegt in sauberen Haufen zwischen den einstigen Bäumchen. Doch die Natur hat Kraft, manchmal auch langen Atem, und so werden es die nächsten Jahre wieder richten.

Zum Kanal hin übernehmen nun erfahrene Waldbäume das Alleegeschehen. Hinterm Schilfgürtel zieht der breite und jetzt schon schattige Weg entlang, lässt den Kanal nur ahnen und allenfalls hören, wenn ein Schubverband sich schwer stampfend stromaufwärts arbeitet. Der breite Uferstreifen ist von tausenden Wildschweinhufen durchmodelliert, zwischen denen ein gewunderer Weg zu einer hinreißend gelegenen Uferbank führt. Dort soll jetzt der letzte Tee dampfen. Direkt gegenüber erhebt sich der Kirchberg, links sind die spitze Landnase und der schmale Durchschlupf zum Fahrlander See zu sehen und nah am Ufer versuchen über dem tiefblauen Havelspiegel vier Schwäne edler auszusehen als die jeweils anderen. Und trollen sich schon bald, weil keiner richtig guckt, kein Ah und Oh gespendet wird.

Gutshof Bornstedt

Rechts des Weges schießt hinter einem filigranen Zaun schnellwachsendes Baumholz gen Himmel, spindeldürr und in der klaren Ordnung einer Plantage. Gegenüber am linken Wegrand glänzen perlmuttgolden die Blütenblätter des Scharbockskrauts, die jetzt ihre beste Zeit haben und allererste Farbakzente im allgemeinen Braungrau beisteuern. Wüst und durcheinandergestoppelt sieht der breite Uferstreifen aus und dürfte daher bei verschiedensten Tieren sehr beliebt sein, zum Leben, Schlafen und Speisen. Sowie dem mannigfaltigen Zeitvertreib dazwischen.

Blaues Havelwasser im Kanal

Nedlitz

Eine Ausbuchtung des Kanales lenkt den Weg nun vorbei am Landgut Nedlitz, das viel dafür getan hat, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, beim Vorbeigehen also kaum auffällt und sich gut in die umgebenden Gewerbeflächen einpasst. Nach einer Laubenkolonie und einem Wäldchen darf der Blick nach rechts wieder ausschweifen und bleibt in gewisser Entfernung an einer schönen Allee hängen, die wieder ganz klar den exklusiven Schriftzug des Potsdamer Umlandes trägt. In passendem Schlendergang flanieren zwei ferne Personen, sicherlich mit elegantem Hut und beknauftem Spazierstock. Links im Wald spenden die abendlich gestimmten Vögel die Musik dazu, von rechts die tiefe Sonne das warme Gold und diese endlosen Schatten.

Volkspark Potsdam

Nun wäre diesem Tag eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, doch der hat sich für den Ausklang noch eine prächtige Praline aufbewahrt. Die landschaftliche Kalorienbombe ist von länglicher Form und nennt sich ganz schlicht Volkspark Potsdam – keiner von uns hat je davon gehört. Was nichts zu heißen hat, aber doch markant ist.

In ein schönes System von Grünflächen und Wegen sind Obstwiesen und alte Gemäuer eingebunden, Gräben und Teiche, fantasievolle Spielplätze und besondere Gärten. Unzählige Anregungen zum Bewegen gibt es, wobei Spaß und Sport Hand in Hand gehen, der erstgenannte jedoch ganz klar die größere Pranke hat.

Uferbank mit Kirchberg-Blick

Südlich der Taille liegt dann neben größeren Sportplätzen noch die Biosphäre Potsdam, von der ich komischerweise bis heute nicht weiß, was es eigentlich ist. Doch sie muss ohne Zweifel einen Besuch wert sein – so viel zumindest ist klar. Der zerklüftete Grundriss des Volksparks, der auf eine beachtlich lange Außengrenze kommen dürfte und im Süden bis zur Siedlung Alexandrowka reicht, hat ein bisschen was von einer kindgemalten Giraffe mit abgedrehten Proportionen. Ein Besuch sollte problemlos einen ganzen Ausflugstag füllen, denn es gibt wirklich an allen Ecken etwas zu entdecken. Nicht zuletzt auch noch die Biosphäre …

Wir widerstehen beim Nomadenland mit seinen urigen Jurten dem Biergarten, beschränken uns also auf den klobigen Giraffenkopf. Am Ende wissen wir fürs nächste Mal, dass die Automaten fürs Parkticket etwas mäkelig sind, es ausschließlich passend haben wollen und das Zehn-Minuten-Durchgangsticket auch nicht jedem rausrücken, der danach fragt. Beim baldigen Folgebesuch gibt es dann eben ein bisschen mehr in den schlitzengen Schlund.

Nomadendorf im Volkspark Potsdam

Während dieser rastlosen Runde zum Anfüttern begegnen wir mehrfach zwei Fortgeschrittenen in der Disziplin des Discgolf, die dem Anschein nach ein hervorragendes Verhältnis zum Badezimmerspiegel haben und jede ihrer Bewegungen ausführen, als würde hinterm nächsten Busch ein Kamerateam stehen. Dafür sitzt aber auch jeder Wurf, bei dem jeweils eine frühstückstellergroße Scheibe in einer Art Korb mit naseweisem Kettengehänge landet. Auf dem Rückweg zum nördlichen Ausgang sehen wir bei derselben Disziplin noch eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Familie und Freunden, die ihre Scheibe zwar so gut wie nie erfolgreich versenken, doch dafür eine Menge Spaß haben.

Neugierig geworden sind wir wirklich, doch der Kilometerzähler steht auf Feierabend und mit ihm die Kraft der kleinen Wackelbeine. Also vermerken wir eine lose Terminabsprache hinterm Ohr und trollen uns durchs nächste Wäldchen. Eine Singdrossel oben im Baumwipfel zieht mit ihrer kleinen Nachtmusik vom Leder und kann in Sachen Vielfalt der Nachtigall durchaus die Stirne bieten.

Obstwiesen im Volkspark Potsdam

Insel am Großen Horn

Noch einmal übernimmt jetzt die Havel für die letzte Viertelstunde, die weniger romantisch ausfällt als es das Wort Insel vermuten ließ. Zwischen Brachen, Baustellen und teuren Häusern ohne Anspruch lassen sich noch ein paar klassische Bauten á la Potsdam finden, und die Bundesstraße ist eben befahren wie eine Bundesstraße. Doch das letzte Sonnengold bringt alles umgebende Wasser zum Gleißen und betont zumindest eindrucksvoll die Ureigenschaft einer Insel – vom Wasser umgeben zu sein.

Blick von der nördlichen Inselbrücke, Neu Fahrland

Von der zweiten Brücke fällt der Blick auf üppige Wassergrundstücke mit einem angenehmen Maß an Dekadenz – was die Insel nicht hergab, gibt es hier als kleinen Nachschlag. Der letzte Wasserblick fällt von der Brücke direkt nach Westen, wo ein Ruderer sein hüftschmales Boot mit meditativen Schlägen ins Gegenlicht treibt, kurz noch flimmert und bald darin verschwindet.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): ab Ostkreuz S-Bahn oder Regionalbahn bis Potsdam Hbf., dann Bus bzw. Straßenbahn/Bus (ca. 1,25-1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin):

Länge der Tour: B5 bis Spandau-Wilhelmstadt, dann B2 (ca. 1-1,25 Std.)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Neu Fahrland – Fünf-Seen-Ortsteil von Potsdam

Webpräsenz Neu Fahrland

Sacrow-Paretzer-Kanal

Gutshof Bornim

Volkspark Potsdam

Einkehr: Gaststätte An der Kanalbrücke, Anglersiedlung (bei Marquardt)
Die Tenne, Neu Fahrland (nördlich der Insel)
Café Charlotte (am Gartenmarkt östlich des Kirchbergs)
Nomadendorf im Volkspark Potsdam

Niederfinow: Stille Bachtäler, bunte Bergwiesen und der entspannte Takt von Einzylindern

Am nördlichsten Rand des Oderbruches umfließen die wuchtige Neue und die verspielte Alte Oder eine bewaldete Hochfläche und haben damit vor einiger Zeit die Insel von Neuenhagen aus der Taufe gehoben. Gegenüber „auf dem Festland “ beginnt hier bei Oderberg eine markante Landschaftsstufe, die großen Mengen von Eiszeitkehrricht zu verdanken ist und sich südlich bis hinab nach Wriezen zieht.

An der Alten Wassermühle, Hohenfinow
An der Alten Wassermühle, Hohenfinow

Was sich da spontan über das Oderbruch erhebt, ist größtenteils bewaldet und wirkt in seiner rührenden Dramatik tatsächlich etwas mittelgebirgig. Im Süden bei Wriezen gibt es die bezaubernden und zeitlich entrückten Hutelandschaften der Biesdorfer Kehlen oder die zwischen Altranft und Sonnenburg, langgezogene romantische Talgründe mit sanftweich gerundeten Wiesenhügeln. Rund um Bad Freienwalde bis hin nach Falkenberg wird der Wald dichter und überzieht ein regelrechtes kleines Gebirge mit Bachtälern und großen Aussichten, gewundenen Höhenwegen und von Laub bedeckten, teils steil abfallenden Hängen. Dieses Gebiet weckt rechtschaffen Assoziationen zu gewissen Wegen im Elbsandstein der Sächsischen Schweiz und wirkt zugleich wie eine etwas weniger verdichtete Version der Märkischen Schweiz bei Buckow.

Nördlich von Falkenberg dann beginnt das Niederoderbruch, ein breiter, topfebener Streifen zwischen der erwähnten Landschaftskante und der Neuendorfer Insel. Hier liegt in einer Kurve des Finowkanals das hübsche Örtchen Niederfinow, mit dem Bahnhof vor den Toren der Stadt. Nicht weit von Niederfinow gibt es den seltenen Fall, dass gleich zwei Schiffshebewerke in direkter Nachbarschaft liegen. Beide tun das sehr imposant, das eine schon seit achtzig Jahren, das andere erst seit Kurzem.

Niederfinow

Direkt vom Bahnhof bietet sich nicht nur ein erster Blickkontakt zu den einzigartigen Bauwerken, sondern ein guter Einstieg in eine Tour, die auf kleinstem Raum eine enorme Vielfalt aufweist und an vielen Stellen wirklich ans Gebirge erinnert, gerade jetzt zur hochsommerlichen Zeit der blühenden Wiesen und klaren, weiten Blicke. Wie in den Bergen gibt es zahlreiche Wegweiser, so dass man an vielen Stellen nach Lust und Liebe variieren bzw. beherzt vom Plan abweichen kann, wenn es denn einen gibt.

Wiesental im Mühlengrund
Wiesental im Mühlengrund

Vorn an der Straße fällt der Blick nach links zur Zugbrücke über den Finowkanal und auf die Niederfinower Kirche, die etwas erhöht über dem Dorf ihren Fachwerkturm ins Bild hält. Diesseits der Bahngleise lockt schon der erste Hang. Am Ende des Ortsteils Struwenberg beginnt an der alten Wassermühle das stille Tal eines Baches, der sich hier in seinem Unterlauf dermaßen gebärdet, als wolle er die verbleibende Strecke bis zur Mündung so lange wie möglich hinauszögern. Weil es doch so schön ist, im ganz eigenen Tal. Unvergleichlich eben. Die blauen Stellen am Himmel leuchten diffus durchs Wipfellaub, und von den Wegrändern duftet intensiv das, was am Waldmeister so schön duftet. Auch wenn wir bis heute trotz intensiven Herumkriechens nicht herauskriegen konnten, ob es nun die Blüten, das Laub oder vielleicht auch der Stengel ist.

Blick von der Königseiche zu den Schiffshebewerken
Blick von der Kaisereiche zu den Schiffshebewerken

Nach dem Abzweig nach Karlswerk wird der Weg schmaler und führt bald durch einen wiesengrünen Talgrund, für ein paar Minuten. Im Wald hört man das Bächlein wieder gurgeln und durch kleine Canyons rauschen. Vor einer kurzen Allee von Lebensbäumen reicht ein Waldarm weit hinauf ins Feld, darin fast unbemerkt der kleine Pfad zur Kaisereiche. Die Eiche selbst ist wohlplaziert, auch wenn unten im Tal weitaus umfangreichere Verwandte standen, die Wurzeln direkt im Bach und ohne schicken Namen. Doch lohnt der mit etwas Gymnastik verbundene Abstecher schon für den Blick, der übers hohe Getreide die Scheitelpartie des neuen Hebewerkes präsentiert, nach der Ernte dementsprechend mehr.

Waldpfad am Mühlenfließ
Waldpfad am Mühlenfließ

Romantisch ist dieser Pfad am Bachufer, was dem dichten Laub der Bäume zu verdanken ist, dem verspielten Lauf des glitzernden Wassers und nicht zuletzt dem schnabelhaften Stimmengewirr aus den oberen Stockwerken. An den Teichen von Gut Hohenfinow endet das Bachtal an offenen Obstwiesen. Das Tor zum Gut steht einladend offen, doch im hohen Brennesselkraut kauert ein Schild, das auf Privatgelände hinweist. Das macht nichts, denn schön ist auch der ausgewiesene Weg entlang der Teiche.

Weiher am Gut Hohenfinow
Weiher am Gut Hohenfinow

Hohenfinow

Ein Abstecher ins hübsche Dorf ist zu empfehlen, speziell heute, da auf dem parkartigen Wiesenanger mit seinen alten Linden ein Feuerwehrfest im Gange ist. Das hat neben den feuerwehrroten Aktivitäten und glückserfüllten Kindern hoch oben auf dem Führerstand in der Regel auch und vor allem mit Ausschank und Sättigungsbeilagen zu tun. Doch dafür haben wir anderes im Blick und steuern daher direkt den Liebenstein an. Der selbst scheint frei erfunden, doch die „Straße zum Liebenstein“ weckt eine ansprechende Vorstellung, die nicht mit Fakten hinterlegt sein muss und noch viel mehr hält, als sie verspricht. Hinten auf der Straße knattern einige historische Motorräder in Richtung Schiffshebewerk, und ein bejahrter Einzylinder-Traktor biegt gerade ab, mit entspannt zählbaren Zündungen und einem standesgemäßen Herren hinterm spillerigen Lenkrad.

Federstrauß aus Hälsen und Beinen
Federstrauß aus Hälsen und Beinen

Zunächst gilt es auffordernde Blicke auf Augenhöhe und sogar etwas darüber zu erwidern. Ein paar Bewohner einer Straußenfarm drücken sich nahe des Zaunes herum und präsentieren das selten genutzte Tragwerk mit mehr Gepuschel dran, als man erwarten sollte. Schreiten dicht aneinander vorbei, so dass einen Augenblick lang unklar bleibt, welcher Hals zu wem gehört. Wenig später klärt sich das.

Am Ende der Betonplatten öffnet sich ein imposanter Blick, und imposant gilt gleichermaßen für das Panorama und die Weite. Voraus beginnen herrlich bunte Wiesen, rechts unten zieht sich ein sanfter Wiesengrund zu Füßen grasbedeckter Hügel hin und vorn und überall erstreckt sich das Niederoderbruch bis hinüber zu den Inselwäldern. Teils auch bis hin zur Oder und dem jenseitigen Polen.

Blick vom Liebenstein ins Niederoderbruch und zur Neuendorfer Insel
Blick vom Liebenstein ins Niederoderbruch und zur Neuendorfer Insel

Links und rechts des Weges bietet sich eine Blumenvielfalt, die mit der im Hochgebirge locker mithalten kann. Nur dass es eben andere Blumen sind hier unten. Doch ebendiese Wiesen und die weite Aussicht führen das Gefühl der Bergtour fort. Gekrönt wird das von einem Abstiegspfad, wie es ihn selten geben dürfte im Land Brandenburg. Der könnte so auch im Bayerischen Wald verlaufen oder am nördlichen Rand der Alpen.

Sanfte Hügel im Schäfergrund
Sanfte Hügel im Schäfergrund

Dessen unteres Ende liegt in Sichtweite zum Falkenberger Ortsteil Broichsdorf. Um einen waldbedeckten Buckel herum, und schon spazieren wir durch den sanften Wiesengrund mit den grasbedeckten Hügeln, der eben noch sehen war vom Liebenstein. Wohl die Kanonenberge und der Schäfergrund, so meint die Karte. Das ist jetzt wieder eine Landschaft für sich, hier eher wieder Mittelgebirge, ein bißchen Rhön. Dazu passen auch die vielen Streuobstwiesen am Weg und auf den Hängen und die seltsam einzeln verteilten Bäume und Büsche auf den Hügeln, ähnlich den Wacholderheiden.

Weg über die Felder nach Cöthen
Weg über die Felder nach Cöthen

Jenseits der schnell befahrenen Straße beginnt zwischen zwei Gattertoren aus schweren Holzplanken ein Wiesenweg über die Felder, der von einem großen Einzelbaum bestimmt wird, markant und schön am höchsten Punkt, mit Leiter dran und Bank darunter. Eine Eiche vor dem Herrn, die einlädt zu allem Möglichen.

Cöthen mit der Schinkelkirche
Cöthen mit der Schinkelkirche

Cöthen

Die Straße führt nach Cöthen. Ein hübsches Dorf, das nichts mit dem alten Bach zu tun hat, dafür ein wenig mit dem Gamengrund, der vom Berliner Stadtrand kommend hier sein nördliches Ende erreicht. Ein großer Name ist hier dennoch vertreten, denn ein Schinkel-Kirchlein, das noch vor Jahren an Kläglichkeit seinesgleichen suchte, konnte vor einiger Zeit neu eingeweiht werden. Der Vorher-Nachher-Vergleich ist kaum zu fassen, zu verdanken ist er einem Förderverein.

Rastplatz im Tal des Falkenberger Fließes
Rastplatz im Tal des Falkenberger Fließes

Kurz hinter dem Ortsrand beginnt nun das zweite Bachtal dieser Tour, ganz in der Art der Sächsischen Schweiz. Von einem flächigen Rastpavillon im Walde fällt das Falkenberger Fließ glasklar und scheinbar eisig über eine Stufe und begleitet höchst romantisch einen schnuckeligen Uferpfad, anfangs zwischen riesigen Buchenstämmen hindurch. Das Bächlein gurgelt nebenher und sorgt für kühles Klima auch an heißen Tagen.

Zu einer behausten Außenstelle auf der Mitte zwischen Cöthen auf der Höhe und Falkenberg im Tal gehört das gemütliche Waldgasthaus Mon Choix mit seinem einladenden Biergarten, der vom Bach lebhaft durchflossen wird. Zeit für eine Pause, eine ausgedehnte. Das geht hier bestens, unter einem mehr als hundert Jahre alten Gingkobaum.

Waldgasthaus im tiefen Tal
Waldgasthaus im tiefen Tal

Links des Baches verläuft der kaum spürbare Abstieg nach Falkenberg, der plötzlich und spektakellos an einer Straße endet. Im Ort der Blick über die Dächer lässt ein wenig an erwähntes Buckow denken oder an das Kurviertel im nahen Bad Freienwalde – schöne Villen und die Kirche schmiegen sich hier an den jenseitigen Hang, und auch der hiesige steigt ziemlich steil an durch schöne Gärten. Unten im Ort fließt der Dorfbach parallel zur Straße, wie man es oft im Erzgebirge hat oder der Oberlausitz. Von der Kirchenhöhe kann man schön bis Bad Freienwalde schauen.

Über den Dächern von Falkenberg
Über den Dächern von Falkenberg

Ein optionaler Extrabogen führt vielfältig durch üppige und urwüchsige Natur und über eine Höhe. Von dort zieht sich eine noble Pferdeweide schmal entlang der Talflanken und geht fast über in den Bergfriedhof, der diese konsequente Länglichkeit aufgreift, zuletzt dann sogar beiderseits des Weges. Auch das ist wieder eine klare Referenz an Dörfer in den Bergen, wo mit dem Platz für die Gegangenen zu haushalten ist.

Broichsdorf

Völlig steigungsfrei trödelt nun die Straße in aller Gemütlichkeit durch Broichsdorf und läutet damit die große Höhenmeterarmut des übrigen Weges ein. Und einen Landschaftswechsel, denn die Impressionen der Berge rücken an den Rand und machen Platz für die flache Weite des nördlichsten Oderbruchs, das vom Freienwalder Landgraben und der Alten Oder durchzogen wird. Beide suchen sich in ihrem Müßiggang zu überbieten, bis sie sich bei Bralitz zum freundschaftlichen Handschlag treffen und auf den letzten Kilometern das Bettzeug teilen.

Storch beim Abflug
Storch beim Abflug

Ein Abstecher ins flache Bruch muss jetzt noch sein – so schön der Berg bis eben war, so groß ist nun auch diese Sehnsucht nach der Weite ganz im Osten. Vom Ort weg führt eine dieser hochgewachsenen Pappelreihen, die meist vom Wind durchkämmt sind und im Brustkorb ein Gefühl von freiem Atem von der Kette lassen. Hinten saust ein kleiner Zug von rechts nach links, auf schnurgeradem Gleis und unterwegs nach Eberswalde. Eine schöne Strecke ist das, mit viel Schmaus fürs Auge und meistens unverstelltem Blick auf Landschaft, die den Puls beruhigt.

Weg ins Oderbruch
Weg ins Oderbruch

Der Abstecher ins Land der Wasserlinien führt vorbei an dichten Wegebüschen und ins Kraut geschossenen Kopfweiden auf die Neuendorfer Insel zu, zuletzt vorbei an einem Storch im Mauserausch, der sich erst ganz zuletzt erhebt und dann im großen Bogen aus dem Blickfeld schwebt. Voraus erheben sich die beiden Hebewerke, im Blick nach hinten tun das die Höhen der vergangenen Stunden.

Der Weg ist dicht bewachsen von hohen Gräsern aller Art, und bei jedem Schritt im Storchengang fliegt ein Dutzend Grashüpfer von hier nach dort und durcheinander. Das Gras wird immer höher, bis der Weg kaum noch zu sehen und auch kaum noch gangbar ist. Weiter hinten liegen große umgestürzte Bäume quer und kündigen Herausforderungen an. Doch zurückgehen wollen wir nicht, also weiter mit dem Schenkeltraining. Hinter dem nächsten Hochstand wird es wieder besser.

Kühe und Hebewerke
Kühe und Hebewerke

Der Weg entlang der Gleise ist zwar noch da, doch Teil einer großen Weide für schweres Milchvieh, gekleidet in Farbtönen von Milchkaffee bis Zartbitter. Das sollte man besser lassen, wenn man nicht vom Fach ist. Also weiter auf der Straße, und die ist nicht nur ruhig und schön zu laufen, sondern auf großer Länge eine stattliche Nußbaumallee – ein seltener Fall und zur Zeit des Herbstes bestimmt für manchen kleinen Schrecken gut für Leute hinterm Steuer ergo unterm Blechdach. Die Flanke des Schlossberges erhebt sich steil und hat alle Wege zugeknöpft, die hinauf zur Höhenstraße führen. Irgendwo da oben soll noch die Stelle zu erkennen sein, wo einmal eine Burg stand an erhabener Position, mit weiter Sicht auf alle, die sich nähern wollen. Die Motorradler von vorhin, kurz vor den Straußen, die könnten sie gesehen haben.

Bei den ersten Struwenberger Häusern kommt uns noch so ein alter Trekker entgegen, mit großem halsbekraustem Auspuff, eher schon ein Schornstein, und dem samtigen Knattern seiner ruhig zitierbaren Zündungen. Vom Bahnhof kommen ein paar Kinder, in den Gärten flackert schon die Holzkohle unterm Rost und überm flachen Land zieht ein Kranichpaar seine Kreise, im lauten Dialog.

Update: im Schäfergrund sind zeitweise Weideflächen abgesperrt, so dass man dort überhaupt nicht durchkommt. Auf ruhigen und autofreien Wegen nach Cöthen zu kommen, ist dann fast unmöglich. Am besten soweit wie möglich in den Schäfergrund reinspazieren, dann auf dem selben Weg wieder zurück und über Broichsdorf nach Falkenberg und einige Doppelungen in Kauf nehmen.

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Gesundbrunnen über Eberswalde (ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (Ausfahrt Finowfurt/Eberswalde) oder über Land auf der B 158/B 168 (jeweils ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (gut halbierbar, auch sonstige Abkürzungen gut möglich); südliche Hälfte über Bhf. Falkenberg gut zu erreichen

Download der Wegpunkte

Links:

Wassermühle Hohenfinow

Gut Hohenfinow mit Hofladen

Straußenfarm am Liebenstein, Hohenfinow

Schinkelkirche Cöthen

Wasserfall im Cöthener Park

Falkenberg

Schiffshebewerke Niederfinow

Einkehr: Mon Choix, zwischen Cöthen und Falkenberg (gute Küche, freundlich, sehr schön sowohl drinnen als auch draußen)

Panorama-Restaurant Carlsburg, oberhalb von Falkenberg