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Schildow – Ferne Berge, stumpfe Spiegel und die sanften, schwarzen Riesen

Der Winter feiert sich selbst, schon seit ewig, hat der Sonne mit ernstem Strichmund Hausverbot erteilt. Immerhin sieht er über gelegentliche Verstöße gnädig hinweg, solange es nicht aus dem Ruder läuft. Meist passiert das an Arbeitstagen, sodass an freien Tagen wieder das kriechkalte Klammgrau verlässlich auf der Matte steht.

Aussichtsturm mit Löwenzahn vor den Arkenbergen

Selbst wer zu den Leuten zählt, die bevorzugt zu jeder Jahreszeit rausgehen, muss nun in dieser Hinsicht hartgesotten sein. Dazu gesellten sich jüngst noch spitzfindige Spielarten wie zu Blitzeis gefrierender Sprühnebel, der sich dem Radar und somit der Wetterwarnbarkeit vollständig entzog. So mancher dürfte sich an diesem Tag auf allen Vieren wiedergefunden haben, im besten Fall auf Augenhöhe mit einem der allerersten Schneeglöckchen.

Ganzjährige Wasserbüffel bei der Arbeit

Tristes Wetter und glatter Boden sind nichts, was die winterfeste Vogelwelt groß interessieren dürfte, und so sind wie gewohnt all die bekannten Kehlen in der Höhe zu vernehmen. Sowohl Gänsen als auch Kranichen ist es dabei halbwegs schnuppe, ob sie über der großen Stadt von da nach dort fliegen oder überm farbfahlen Land, denn Schlaf- und Futtergründe finden sich da wie dort. Via Hörkanal ermutigend für die krisenwunde und unwirsche menschliche Seele sind im kleineren Register die selbstbewussten Wintermeisen und die truppweise auftretenden Finken, fast schon knallig bunt wirken in diesem Januar die Rotkehlchen mit ihrer klaren Farbcodierung.

Schönerlinder Teich No. 1

Hier auf der Seite war ja in den letzten Monaten nicht eben viel Betrieb, zuletzt die Bergtour im September, wo die Natur noch saftig bunt und voller Volumen war. Ab Oktober begann dann die endlose Zeit mit wenig Licht und viel Wasser von oben, die manches Gemüt stark herausforderte, im Gegenzug jedoch immerhin einen Boden hinterließ, der auch jenseits der oberen Schicht ganz passabel gesättigt ist. Das war lange nicht der Fall.

Unterwegs auf dem Löwenzahnpfad bei Mühlenbeck-Mönchmühle

Neben dem Umstand, dass all diese Wochen wenig fotogen waren, gab es während des reichlichen Vierteljahres unter anderem eine zeitfordernde Nebenaufgabe mit Bezug zum Berliner Stadtgürtel, welche im Frühjahr konkrete Formen annehmen soll. Erzeugter Text floss vor allem dorthin und ließ sich deswegen hier vermissen.

Schildow

Nennenswert farbkräftig hinsichtlich blauem Himmel oder gelber Sonne ging es auch im neuen Jahr noch nicht zu, nur in einzelnen Stunden an einzelnen Tagen. Die Lust auf draußen ist trotzdem da, wenn auch etwas schwächer auf der Brust oder behutsam hinterfragt, und bewegt sich in mehreren Hinsichten in Graustufen. Doch sollte man sich von miserablem Wetter nicht ins Bockshorn jagen bzw. ans Haus fesseln lassen und als Ausgleichsmaßnahme die Touren etwas kürzer bzw. optionsreicher halten und mit gemütlichen Pausenorten anreichern, sofern das möglich ist.

Strandbad am Kiesesee, Schildow

Aktuell sind bezüglich Anreise neben einem abschwellenden Bahnstreik noch Blockaden von Autobahnauffahrten durch schweres Landgerät zu beachten. Also besser kurz halten und am besten innerhalb von Bahn- und Autobahnring bleiben. Schon lange auf dem Zettel stehen die Teiche bei Mönchmühle und der dortige Abschnitt des Tegeler Fließes kurz vor dem Eintritt ins Berliner Stadtgebiet.

Tegeler Fließ am Musikerviertel, Schildow

Die erwähnte Glätte ist gerade so vergangen, der Boden noch gefroren, was sich in dieser Kombination als gut für die heutigen Wege erweisen soll. Die erste Portion Behaglichkeit gibt es beim Handwerksbäcker in Schildow, wo neben köstlichem Backwerk und heißem Kaffee gerade eine schöne Portion echten Lebens serviert wird. Ein älterer Herr kommt rein, nicht gänzlich symmetrisch in allem, und startet wortreich und immer wieder abschweifend seinen Bestellvorgang, war wohl länger nicht mehr hier. Er kommt gerade aus der Reha, ist geflohen bzw. hat sich nach drei Tagen selbst entlassen vom Knüpfen, Fädeln und Körbeflechten mit irgendwelchen Leuten, mit denen er gefühlt nichts gemeinsam hatte außer der Diagnose.

Das Schlimmste an dem ganzen Mist, sagt er, ist im Nachhinein, dass er beim Autofahren nicht mehr rauchen kann. Weil er die Zigarette nicht mehr sicher im Griff hat. Naja, und wenn die beim Fahn irgendwo hin flutscht und ihr Ding macht, könnsesjavorstelln, dittis keen Spaß. Na und denn wolltense mia sohn Nikotinflasta fapassn. Nüscht! Aus der kurzen Warteschlange kommen sofort die heiteren Hinweise, dass man die Dinger so schlecht angezündet bekommt oder dass die keine zwei Minuten halten, wenn man sie sich auf den Mund klebt. Er dreht sich halb, schaut erstaunt, Sie ham wohl jelauscht? Der Laden ist etwa so groß wie ein großer Teppich und sein Organ recht präsent. So isset, gelauscht, allemiteinander.

Am Schönerlinder Teich No. 1

Am nördlichen Bahnübergang in Schildow sind die Straßen nach Musikern benannt. Darunter haben sich irgendwie Schiller, Lessing und Fritz-Reuter gemengt, die aus dem benachbarten Schreiberlingsviertel mehr oder weniger hinüberragen. Auch einige der Musiker haben es im Gegenzug bis ins genannte Viertel geschafft und stehen also für eine offengeistige Verzahnung der beiden Künste an diesem Ort.

Blasser Spiegel am Teich

Ein kleiner Wiesenschleich führt von Reuter zu Lessing und bald zum Tor des schönen Strandbades am Kiessee, das im heutigen Fahlgrau auch nur trist daliegen kann. Selbst die Farbkleckse von Leuchtturm und Rettungsschwimmergerüst knallen farblich nicht so richtig rein. Anders in kommenden Jahreszeiten, wo dieser Ort mit dem umrundbaren See und den Stränden idyllisch und überaus einladend ist.

Rechts am Zaun verläuft ein Pfad, der sogleich an einem hüfthohen Gletscher vorbeiführt. Ein aufgestockter Gulli gibt tröpfchenweise Wasser ab, das zu einem kieshaufengroßen Eisding gewachsen ist – wie Tropfstein von unten. Er kalbt bis über den Pfad und lässt nur einen winzigen Streifen zwischen Zaun und Gletscherrand, auf dem sich auch ohne Spikes an den Sohlen die Bodenhaftung behalten lässt.

Sog. Blankenfelder Straße mit Arkenbergen voraus

Gleich darauf folgt eine leicht verwunschene und sogar beim heutigen Licht romantische Passage entlang des Tegeler Fließes, hinter dem am anderen Ufer privilegierte Gärten liegen. Die flachen Uferzonen sind von Halbgefrorenem bedeckt, in der fließenden Mitte spielt sich einiger Ententumult ab, inklusive der typisch winterlichen Geräuschkulisse solcher Zusammenkünfte. Die Ufer borden über und wirken wild, das Fließ naturbelassen. Möglichweise steht das Wasser ein paar Zentimeter höher als gewöhnlich, den regenreichen Zeiten geschuldet. Das reichliche Laub am Boden verheißt schattigen Uferwald in anderen Jahreszeiten.

Landschaft der Schönerlinder Teiche

Löwenzahnpfad

Nach der Bahnbrücke am S-Bahnhof Mühlenbeck-Mönchmühle, dessen Name für mich als Jugendlicher ein moderater Zungenbrecher war, ist neben dem Mühlenwanderweg schon der Löwenzahnpfad ausgewiesen. Klingt beides schön und verheißungsvoll, doch heute wird es der letztere. Noch wissen wir nicht, dass die kleine Tour für eine gute Stunde bester Unterhaltung steht, denn diese überschaubare Runde ist vollkommen ausreichend als Tagesziel, eignet sich zudem bestens zum Anfüttern von kleinen oder größeren Kindern und lässt sich überhaupt nicht davon beeindrucken, dass der namensgebende Pfad zwischen zwei stark befahrenen Außenringen und unweit des höchsten Deponieberges weit und breit liegt. Je nach Windrichtung dürfte entweder die Bahn oder die Autobahn akustisch gegenwärtiger sein. Der Berg hingegen liegt gänzlich still.

Obst und Birken entlang des Dammweges

Den Genuss stört das nur in Maßen, da die Landschaft besonders ist und der Weg so zauberhaft schön, es zudem so viel zu gucken und entdecken gibt. Kurz gefasst erinnert es ein bisschen an eine Mischung aus der nahen Hobrechtsfelder Waldweide und den weiter entfernten Teichen an der Blumberger Mühle bei Angermünde – auch beides besondere Ausflugsziele, zu denen man immer gerne wiederkommt. Das dürfte auch für die Löwenzahn-Runde um die Schönerlinde Teiche gelten, denn hier wird wohl eine jede Jahreszeit Markantes hinzufügen und charakterprägend sein. Gleich hinterm Rand der Millionenstadt.

Wasserbüffel auf dem Weg zur Pause

Zunächst geht es zwischen einem Baumstreifen und Feldern auf die Kammlinie der Arkenberge zu, eine durchaus eindrucksvolle Bildmischung, insbesondere mit dem Gedanken, dass man grad noch in der S-Bahn saß. Im kahlen Geäst huscht es überall, ist grad noch flattrig und dann still. Bei den ersten Weidezäunen beginnt das Feuchtland, sogleich gefolgt vom ersten der zahllosen Teiche. Dass es sich einmal um Rieselfelder handelte, später dann um Karpfenteiche, bezeugen noch zahlreiche gut erkennbare Dämme, insbesondere später, wenn der Weg etwas erhöht verläuft und Draufsicht gestattet.

Pfad zum Brücklein No. 1 (nahe des Aussichtsturms)

Schönerlinder Teiche

Hier steht auch die ersten von zahlreichen Tafeln, die farbkräftig und ansprechend gestaltet sind. Viel Information in möglichst wenig Text und jeweils etwas schöne Spielerei, die ohne Strom auskommt. Rechts oben sausen in kurzen Abständen S-Bahnen und Regionalzüge vorbei. Die Böschung zum Bahndamm ist recht steil und gibt unter anderem einer sagenhaften Weide Halt, die einen nach klassischen Senkrechtstamm hat, darüber hinaus über Ausleger verfügt, die über Dutzende Meter in die Breite gehen. Auch nach tieferem Blick scheint all das auf denselben Ursprung in der Mitte zurückzugehen.

Steg übers fließende Wasser

Der Weg drängelt sich vorbei am großen Teich, dessen wässriger Eisspiegel das Erlenwäldchen am Gegenufer verwaschen spiegelt. Danach folgt eine Szene ohne Spuren von Infrastruktur, die entlegen und fast ein bisschen skandinavisch wirkt, vielleicht auch dank der lose verteilten Schneeflecken. Ein kurviger Weg mit Gebäum in Tundrahöhe strebt zu einer flachen Berglinie von klarer Form. Der Blick nach links fällt, hier nun mit allerhand Leitungen und Masten ganz im Hintergrund, auf vereinzelte Wasserflächen. Umgeben sind sie von buschigem Krautland, das hier und dort mit Schilfgürteln verschmilzt.

Nordnordische Szenerie

Mittelgroße, dennoch alte Birken säumen den Weg zur Rechten, am linken Rand zeigen ältere Obstbäume blattlos ihre Posen. Große Pfützen fordern winzige Umweg ein. Und erstmals kommen jetzt auch die sanften Riesen ins Spiel, mit denen man in solchen Landschaften rund um Berlin fast schon fest rechnen kann. Tiefschwarz erscheinen die Leiber der mächtigen, ganzjahrestauglichen Wasserbüffel, die so herrlich neugierig irgendwo herausschauen können.

Löwenzahnpfad Nord

Bald beginnt der eigentliche Löwenzahnpfad, nun wirklich in Gesässbreite, und verläuft weithin sichtbar im ausladenden Bogen, äußerst reizvoll zwischen dem knorrigen Weidezaun und einer schutzgebenden Reihe jungen Gebäums. Es ist kalt, es ist klamm, das graue Wetter wirklich ungemütlich und der Wind fast etwas garstig. Und trotzdem begegnen wir vier Familien mit ihrem Nachwuchs. Keiner davon schaut angeödet oder ähnlich, vielmehr wird vereinzelt gelacht und gekichert – und dieser gemeinsame Tag in der Gewalt der Elemente vermutlich niemals vergessen.

Großer Teich mit noch größerer Ansammlung

Die Ruhe ausstrahlenden Hornviecher sind nun nähergerückt, haben auch die bunten Zweibeiner entdeckt und zeigen mäßige Neugier. Einem ist der viele Trubel wohl zu blöde und er tritt mit getragenen Schritten den Rückzug ins hufnasse Schilfland an, welches sich den Blicken der Zaungäste nahezu entzieht. Vom Aussichtsturm, der zugleich eine Brücke ist und von einem hölzernen Löwenzahn gekrönt wird, wird nun sichtbar, wie groß die Zahl der Teiche wirklich ist. Der Blick fällt zudem auf die weiß überpuderten Flanken der Arkenberge, und mit den schwarzen Büffeln im Vordergrund sieht es jetzt wirklich etwas nordschwedisch oder isländisch aus.

Senke mit Brücklein No. 2

Der Pfad geht in einen kleinen, gewundenen Abstieg durch eine Buchenhecke, an der sich das goldbraune Laub noch gehalten hat und somit Schutz gegen den bissigen Wind bietet, der gerade aufkommt. Gleich danach folgt ein Wegstück, das ohne gefrorenen Boden so eine Sache wäre bzw. ein klarer Fall für Gummistiefel. Doch so kann man einfach über den zähen Matsch spazieren und steht bald vor einem Brücklein mit schlichter Schranke. Das überbrückte, gut vernehmbare Wasser schafft eine Verbindung zur Bogenseekette am Rand der Hobrechtsfelder Waldweide, vielleicht sogar die einzige direkte.

Rastplatz am Rande

Sieben Stufen führen aus der Bodenmatschzone, danach setzt sich der Pfad genauso anmutig fort, wie er bisher verlief, kommt sogar etwas ins Schwingen. Trotz der höheren Lage ist auch hier manche Pfütze zu umschiffen, bevor sogar etwas Wiesengrün ins Bild tritt. Eine Rastbank ist in den Buschstreifen eingerückt und steht ein wenig windgeschützt – gemütlicher werden wir es hier und jetzt wohl nicht bekommen mit unserem heißen Tee. Noch dazu haben sich unten auf einer der größeren Teichflächen unzählige Enten versammelt, die eine mittige Eisscholle nutzen und sich dort angeregt, doch leise austauschen.

Ein Silberreiher fliegt im typischen Stil, vergleichbar dem Gang eines Elches, von links nach rechts, bald dann wieder nach links zurück. Hoch oben im Himmel sind zwei Kraniche, drüben in einem anderen Teich unzählige Gänse zu hören. Für gewöhnlich ist hier auch die Ecke, wo sich gern die Wildpferde sehen lassen, doch die sind entweder nicht ganz so kälterobust wie die Schwarzen oder haben sich gut versteckt. Ihr Farbton jedenfalls würde es hergeben.

Dorfstraße Woltersdorf

Ein weiteres Mal ist ein Brücklein und mit ihm das Weidegebiet zu überqueren. Danach geht es kurz steil hinauf zum nächsten Buschstreifen, der schön dicht ist und den selbstbewussten Wind kurz auf Abstand hält. Erneut fällt ins Auge, wie schön und groß diese kleine Landschaft ist, und das trotz der heutigen Bedingungen von Licht und Witterung.

In der Mitte von Mühlenbeck

Auf einem breiteren Weg kommt man bald zum Rastplatz an einem kleinen Teich, dessen Bankrund von losen, noch berindeten Stammpalisaden umspielt wird. Bald darauf schließt sich die Runde und legt den Rückweg zum schnell erreichten S-Bahnhof nahe. Wer noch Lust auf etwas Dorfbild und einen Nachschlag in Sachen Tegeler Fließ hat, kann vorbei am leicht spröden Campus des Berufsförderungswerkes einen Bogen über Woltersdorf und Mühlenbeck schlagen, der sich gut mit einer Einkehr oder einem schnellen Imbiss verbinden lässt.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
ab Ostkreuz mit der S-Bahn bis Mühlenbeck-Mönchmühle (ca. 35 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: 10,5 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Schönerlinder Teiche zur grünen Jahreszeit

Löwenzahnpfad

Einkehr: Kastanienhof, Schildow
Altes Forsthaus, Woltersdorf
Zum Goldenen Hahn sowie Imbiss-Angebote, Mühlenbeck

Althüttendorf: Blattgold, zwei Portale und die Berge im Tal

Das bisherige Jahr war lang, mit all seinen Eigenartigkeiten – und ist gleichzeitig einfach so vorbeigerannt. Dabei waren alle Jahreszeiten mit einem guten Maß an Normalität ausgestattet. Davon abgesehen blieb es erstaunlich lange kalt, manche Mütze hatte bis in den späten Mai noch ihren Dienst zu verrichten. Zwischendurch gab es immer mal wieder brauchbare Mengen von Regen, sodass die Bäume in Stadt und Land ein wenig durchatmen konnten.

Kurz hinter Althüttendorf

So wie der Winter schneereich, der Lenz frühlingshaft und der Sommer badefreundlich waren, gibt sich nun auch der Herbst. Die schönen Seiten mit den Düften und Farben, blühenden Heiden und üppig behängten Obstbäumen standen schon Ende August in den Startblöcken und gehen derzeit dem großen bunten Finale entgegen. Danach beginnt für viele Gemüter der große Katzenjammer des grauen, klammen und dunklen Novembers. Für andere hingegen setzt sich die schönste Zeit des Jahres fort, mit weniger gesättigten Farben, dafür mit Mehraufwand an der Garderobe, denn mit rein in die Schuhe und Jacke an ist es nun nicht mehr getan.

Südliches Portal zu den Ihlowbergen

Wem es an gut beworbenen oder allseits bekannten Touristenzielen während der hellen Monate zu voll ist, dem öffnen sich jetzt all diese Türen für fast privaten Genuss. Freilich mit dem Preis, dass vieles nicht mehr offen hat, es also rundum etwas stiller ist. Doch dafür hat man speziell in den letzten anderthalb Jahren griffige Strategien entwickelt, um den Tag am Ende nicht hungrig zu verlassen. Durch Nutzung mitgebrachter Teller und Besteckteile lässt sich auch ein riesiger Spreewald-Döner stilvoll und ohne größere Fallverluste in der romantischen Atmosphäre eines Kahnhafens verschmausen, dem die schwindende Sonne die Lichter anknipst. Das laute und teils polternde Geschnatter der Tagestouristen wird durch das zurückgenommene der vorwinterlichen Enten ersetzt, die wie all Vogeltiere etwas leiser gestellt sind.

Am Rand der Kiesgrube

Wer die oppulente Farbsause der Laubwälder genießen will, ohne dafür gleich ein Ticket zur Ostsee zu lösen, erhält eine außerordentliche Darbietung schon im Grumsiner Forst, der seit einiger Zeit als ausgedehnter Buchenwald bekannt ist. Der große und recht ursprüngliche Wald, der gerade auf dem Weg zurück zum Urwald ist, liegt zwischen Joachimsthal und Angermünde und ist per Bahn gut über letzteres zu erreichen. Will man übrigens unterwegs gern Wissenswertes zum Welterbe-Wald und seinen Besonderheiten erfahren, gibt es von Zeit zu Zeit geführte Touren beim dafür zertifizierten Wanderjenossen, einem thematisch benachbarten Blog.

Blick in den Tagebau

Althüttendorf

Wer schon einmal den großen Grimnitzsee umrundet hat, ist dabei durch Althüttendorf gekommen, das je nach Windrichtung im akustischen Schatten der nahen Autobahn liegt und dessen Dorfbild unabhängig davon eine beständige Verträumtheit zeigt. Dabei blieben vielleicht die Wanderkirche und der hoch überm See gelegene Friedhof mit der mächtigen alten Eiche im Gedächtnis hängen, bei jüngeren Besuchen vielleicht auch die drei ehrfurchtgebietenden Damen am kirchnahen Dorfplatz. Die werden dort als Nornen bezeichnet und heißen damit ähnlich sonderbar wie sie aussehen.

Am Ufer des Großen Schwarzen Sees

Von Althüttendorf lässt sich eine facettenreiche Runde zum Grumsin schlagen, die eine Reihe besonderer Orte berührt. Der Name der Straße, auf der das Dorf durch ein steinernes Portal verlassen wird, übernimmt eine Vorschaufunktion, denn ihr Verlauf führt ohne weiteres Abbiegen Zu den Ihlowbergen. Der Weg dorthin überquert zunächst die Autobahn, wobei man gleich noch einmal tiefer durchatmen und sich freuen kann, dass für die nächsten Stunden keine Eile und kein Blick auf die Uhr den Tag bestimmt.

Tummelplatz bei Sperlingsherberge

Bei entsprechender Windrichtung dauert es zwar eine ganze Weile, bis man von den hochdrehenden Motoren im Viersekundentakt nichts mehr hört, doch im Blick kehrt schon vorher ausreichend Ruhe ein, denn die leicht hügelige Landschaft strahlt tiefen Frieden aus. Ohnehin bleibt über die gesamte Zeit der Eindruck, sich durch eine mit ungeheurem Budget gestaltete Parklandschaft zu bewegen, wird ein Titelbild natursinniger Lifestyle-Zeitschriften nach dem anderen durchgewinkt. Für gewisse Euphorie in der Wahrnehmung sorgen zahllose Formationen von Gänsen, die gerade hoch am Himmel ihre Entscheidung für die nächsten Monate treffen.

Grimnitzsee in der frühen Abenddämmerung

Die mehr und mehr überwachsene Pflasterstraße schwingt sich, vorbei am Langen Berg mit seinem schlichten Funkturm, durch Alleeränder mit Buschwerk und verschieden alten Bäumen, umrundet dabei eine große Weide mit wohlplatzierten Hute- und Einzelbäumen und gewinnt in einer sanften Hohlgasse an Höhe. Der Abzweig zu den Ihlowbergen verwundert insofern, als dass es nach unten geht und auch dort bleibt. Dass dennoch alles seine Richtigkeit hat, wird bald auf Tafeln klargestellt.

Aaltütendorf

Ihlowberge

Ob nun plausibel, logisch oder nicht, diese von Menschenhand geschaffene Geländefurche ist der erste der besonderen Orte am Weg und entführt in eine kleine eigene Welt. Durch ein Tor aus mammutschweren Monolithen tritt man ein in den kleinen Canon mit seinen lichten Birkengehölzen, sandigen Schwalbenhängen und dem steinernen Rund im Zentrum. Schon von Weitem zu sehen ist die Reihe markanter Drei-Mast-Gebilde, welche zunächst eindrucksvoll und schön sind, dann aus der Entfernung den Sinn ergeben, von dem vorher zu lesen war.

Hinter Althüttendorf

Kurz danach folgt das nördliche Steintor aus siamesischen Felszwillingen, dessen strahlenförmige Sprengkanäle fast schon künstlerisch beabsichtigt wirken. Ein Schafstall und Weidezäune verweisen auf wollige Landschaftspfleger, die hier manchmal an den Halmen rupfen und damit den Ort noch mehr zu einem Verweilort machen. Ein Apfelbaum mit reichlich Früchten über und unterm Stamm entlässt uns schnurpsend aus dem Tal der Berge.

Am Grund der Ihlowberge

Vom nächsten Feldweg fällt der Blick auf den Ausleger eines Tagebaus, den man nicht erwartet hätte inmitten dieser urigen und zugleich lieblichen Landschaft. Die Entlegenheit nutzen auch der Schützenverein und die Motocross-Piloten, die hier kaum jemanden stören dürften mit ihren jeweiligen Zündungslauten.

Die Wegentscheidung an der folgenden Gabelung ist weder einfach noch von Bedeutung, da sich beide Äste bald wiedertreffen. Der rechte ist absteigend, sieht bunter aus und versammelt dramatisch geborstene Weidenopas am Wegesrand, die scheinbar aus jedem Bersten neue Kraft schöpfen und skulptural weiterleben.

Steinplatz in den Ihlowbergen

Bald darauf beginnt ein sagenhaft schöner Feldweg in Richtung Groß Ziethenw, wo mit dem Besucher- und Informationszentrum zum Geopark die touristische Mitte der südlichen Grumsinregion liegt. Auch dieser gemütliche Alleeweg, der wie aus dem Leitfaden für die schönsten Wege gebaut scheint, wird von Wuchswerk verschiedener Höhe gesäumt und zieht die sanften Landschaftswellen nach, ohne gleich in den Waden zu zwicken. Über längere Zeit begleiten ihn junge Nussbäume, die im sanften Wind gerade die letzten fußsohlengroßen Blätter abwerfen.

Nördliches Portal

Während im Süden die tiefe Grube des Tagebaus konkret wird, überragt im Norden das Wipfelwerk des Gruminser Forstes die Landschaft und gibt eine ungefähre Vorschau auf den Fortschritt der Laubfärbung. Von fern sind Stimmen zu hören und in mehreren Richtungen lassen sich bunte Jacken ausmachen, getragen von Leuten verschiedener Generationen. Silber ist hier durchaus nicht die dominierende Note.

Weg nach Groß Ziethen

Kiesgrube Althüttendorf

Obwohl alle die Aussichtsplattform anpeilen, den zweiten besonderen Ort, wird sie gestaffelt erreicht und kann nacheinander genossen werden. Das Geländer ist kräftig, die Böschung mit grobem Gestein von hier befestigt. Von oben sieht es richtig nach großem Tagebau aus – weit hinten zeigen sich offene Flächen und schwere Technik für die Kiesernte, im Vordergrund zumeist brach liegende Gebiete, die schon von erster Vegetation bedeckt werden. Auch die flachen und tieferen Riesenpfützen gibt es, die großen Vögeln gute Nachtlager abgeben. Die Kanzel mit ihrem speziellen Blick ist ein kurioses und zugleich passendes Kontraststück hier im Geopark.

Blick zum Buchendach des Grumsin

Grumsiner Forst

Doch jetzt zieht der große Wald mit aller Macht und wir wählen den direkten Weg, der im sanften Anstieg und niemals ganz gerade zwischen Pfühlen hindurch zum Waldrand strebt. Beim Eintritt in den Buchenwald geht es sofort zur Sache, das Fest der Farben beginnt. Die Sonne sorgt mit Schattenspiel, durchleuchteten Blättern und großem Lichtpinsel für Üppigkeit in allem, was mit dem Laub der Bäume zu tun hat.

Unterwegs zur Aussichtskanzel

Im Randbereich geben sich die Wipfel noch zwischen grün und gelb über fahlbraunem Laubteppich, doch je tiefer es in den Wald hinein geht, desto mehr übernehmen die goldenen und goldbraunen Töne. Schon bald ist außer den glatten Stämmen der Buchen alles leuchtend golden, ganz gleich ob man den Blick hebt oder senkt. Der blaue Himmel tut das Übrige.

Aussichtskanzel über dem Tagebau

Das Ostufer des Großen Schwarzen Sees begleitet ein Weg, der unterhalb eines laubbedeckten Hanges verläuft. Hier zeigt sich eindrucksvoll das volle Spektrum – unten der dunkle Laubteppich, aus dem in dichten Abständen Steinbrocken in den Größen aller gängigen Kürbisarten ragen. Dazwischen liegt kreuz und quer großes Bruchholz und Geäst, leitet den Blick zu den Wurzelfüßen der Buchen und von dort an den grauen Stämmen direkt nach oben in die leuchtenden Kronen. Noch sind sie so dicht, dass kaum etwas vom Himmel durchscheint.

Blick in die Kiesgrube

Wer einen stillen Flecken gefunden hat, für einen langen Moment stehenbleibt und die Augen schließt, kann eines der anmutigsten Geräusche hier hören – fallende Buchenblätter. Aus der großen Höhe der Wipfel beschleunigen sie vom Gondeln übers Segeln zum Fallen und treffen schließlich am Boden auf den dichten Teppich derer, die früher dran waren. Da alles lose aufeinander liegt, bleibt es nicht beim Geräusch des auftreffenden Blattes, sondern wird zum feinsten Dialog, wenn alle Beteiligten aufeinander zu oder in sich zusammenrutschen. Klingt so beschrieben etwas spinnert, doch vor Ort ganz herrlich und macht direkt Lust auf ein paar Minuten Verlängerung der kleinen Darbietung.

Weg hinauf zum Grumsin

Bevor die Dämmerung einsetzt, sollte man jedoch den Kopf wieder geraderücken und die Augen öffnen, sich losreißen und zusehen, dass man aus dem Wald kommt, denn wenn es hier dunkel wird, dann wird es richtig dunkel. Und wer sagt, dass der Grumsin nicht auch ein Wesen sei? Zu beachten ist, dass im gesamten Wald nur eindeutige Wege benutzt werden sollten, damit die Werdung des Waldes zum Urwald durch nichts verzögert wird.

Im südlichen Grumsiner Forst

Sperlingsherberge

Eine schöne Art, den Grumsin zu verlassen, gibt es bei Sperlingsherberge, wo sich eine regelrechte Wegstufe durch eine markige Geländekante furcht und von draußen kommend an ein Portal erinnert. Gleich daneben befindet sich nun der dritte besondere Ort am Weg, der vor gar nicht all zu langer Zeit liebevoll gestaltet wurde.

Nebental im Grumsiner Forst

Verbunden durch freigemähte Wiesenwege gibt es hier eine riesige Sonnenuhr, einen freiliegenden Steilhang mit unmittelbarem Blick in die Erdgeschichte und regionale Besonderheiten, ferner ein Modell des hiesigen Geländeschnitts und schöne Rastbänke. Dazwischen wogen hochstehende Gräser, da und dort stehen Wacholderbäume wie Figuren im Park und weiter hinten lockt ein Bogen großer Stufen in die Wiesenhöhen. Wer noch nie Lust hatte herumzutollen, könnte erstmals in Versuchung geraten.

Am Großen Schwarzen See

Den schönen Weg von der Aussichtsplattform zäumen wir jetzt von der anderen Seite auf, haben die Nussbäume nun rechts und können nochmal einen Blick auf die Wipfelkappe des Waldes werfen, nun mit taufrischem Wissen um alles Schöne darunter. Aus dem Reich der Pilze hat sich übrigens nicht ein einziger sehen lassen, dafür fand sich eine letzte Mücke bereit für etwas Quengelei während der Rast.

Auch der Weg nach Neugrimnitz sieht nach Parklandschaft aus, was der Blick auf die Karte bestätigt. Eine Gruppe Radfahrer lauscht gerade dem wohlmodulierten Vortrag des Ältesten, der nach vielen Worten aussieht und sein Wissen verschmitzt weitergibt. Die Jüngsten dürfen Kraft ihrer Jugend sanft mit den Augen rollen, die zugehörigen Elternteile haben den Kopf ein wenig in den Nacken gelegt und stieren in den Himmel oder zählen ihre Fingernägel durch. Das Senken der Stimme zu einem abschließenden Satz kommt dann scheinbar schneller als erwartet, und Sekunden später fahren alle fröhlich weiter.

Uferweg am Großen Schwarzen See

Neugrimnitz

Am Ententeich biegen wir ab in die Straße Kellerberg. Vorbei am Dorfplatz, bei dem die meisten Eventualitäten im Jahreskreis bedacht wurden, senkt sich diese nun eine Etage tiefer und vollzieht dabei einen Wandel von nüchtern nach festlich, denn die begleitenden Ahornbäume geben der geschickt gepflasterten Straße das Antlitz einer Kurpromenade und tauchen alles in kräftiges Gelb. Allmählich rückt sich die Autobahn wieder in die Wahrnehmung, doch der Wind hat abgeflaut und etwas gedreht, sodass der Lärm bis zuletzt gedämpft bleibt.

Bei Sperlingsherberge

Gleich hinter der Unterführung lockt ein oft gegangener Weg zum Rand des westlichen Grumsiner Forstes, der von Wanderwegen weitgehend unberücksichtigt blieb und beim Durchstreifen etwas Pioniergeist einfordert. Doch die Beine sind heute schon so müde, dass nicht mal die Radfahrer und Fußgänger jenseits der Kuhweide ausreichend Neugier darauf machen, diesen ufernahen Weg noch heute zu erkunden. Wir bleiben also auf dem lauten Weg entlang der Autobahn, der trotz allen Lärms immer schon schön war und jetzt noch etwas aufgemoppelt wurde.

Althüttendorf

Bei den ersten Häusern von Althüttendorf lässt der Pegel nach, sodass wir abendliche Gänsescharen hören, ganz weit oben. Auf Höhe der flügellosen Bockwindmühle fällt der Blick durch die Apfelbäume unweigerlich zum Grimnitzsee, der heute vormittag blauer noch als blau war, jetzt unter den aufgezogenen Wolken silbrig schimmert und die Dämmerung herbeiwinkt. Weiter hinten rasten große Gänsescharen in der schilfigen Bucht, und je länger man hinschaut, desto mehr Schwäne lassen sich dazwischen entdecken.

Bei Neugrimnitz

Besser geht das gleich noch vom Eulenturm, vor dem in patinierten Lederpellen eine Horde nicht zu alter Biker steht, ausschließlich mit Gespannen. Vermutlich fünfzig oder sechzig Jahre alt sind die gewienerten Maschinen und lassen kernige Stimmlagen ohne Spielarten von Autotune erwarten. Die meisten der Jungs und Mädels lassen die obligatorischen Wannen vermissen, plaudern miteinander und kommen dabei ohne viel Text aus, der zudem vorrangig in Hauptsätzen angeordnet ist. Vermutlich Leute aus dem Norden.

Hinter Neugrimnitz

Nachdem wir wieder vom Ausguck abgestiegen sind, nickt eine dem anderen und der allen Übrigen zu, woraufhin die Maschinen eine nach der anderen angeschmissen werden. Nichts wirkt künstlich, nichts gewollt infernalisch. Es klingt einfach so, wie es klingen soll und summiert sich selbst im Chor der Aggregate nur wenig. Und dann sind sie auch schon weg und nicht noch eine Ewigkeit zu hören.

Abendlicher Grumsinsee bei Althüttendorf

Kurz vorm Dorf werden gerade ausgewählte Pferde kontrastierender Designs von der Weide geholt, andere bleiben über Nacht, wie es aussieht. Am kleinen Strand haben sich ein paar Pärchen auf den besten Plätzen verteilt und warten in der heranschleichenden Abendkühle ab, ob sich die Sonne wohl zu etwas Spektakel hinreißen lässt. Doch sie steht noch ziemlich hoch, der Himmel ist zudem verhangen und letztlich werden wohl nur die Geduldigsten belohnt – oder jene, die an eine kuschlige Decke gedacht haben.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz über Eberswalde (ca. 1,25-1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 18,5 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte (–> Wegpunkte und Track folgen in Kürze)
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Weltnaturerbe Grumsin

Geopark am Eiszeitrand

Eulenturm (Vogelbeobachtung) Althüttendorf

Kiesgrube Althüttendorf

Einkehr:

Waldschänke, Althüttendorf (etwas außerhalb beim Ferienpark)
Imbiss Ortlieb, Althüttendorf

Grobskizziert – Menz: Holzlaufbahnen, ein Fjord in Weiß und die beweglichen Antworten

Seit Ende Januar schon laufen Erlebniswochen, wie es im Marketing heißen würde – ein richtiger Winter liegt über dem Land, mit viel weißem Schnee und ohne böse Extreme, mal abgesehen von den üblichen Gewöhnungsproblemen für alle Verkehrsteilnehmer und moderne Fahrzeuge mit viel sensibler Elektronik.

Talgrund östlich von Menz

Pünktlich zum Vorabend der Winterferien begann mit bedächtig herabsinkenden Flocken dieses prächtige Schauspiel und verteilte behutsam Balsam auf den wunden Seelen der meisten Leute. Wieder sah man Familien bei gemeinsamen, fast komplett analogen Aktivitäten wie Schneemannbau, Schlittenfahren oder schlichtweg gemeinsamer Winterspazier. Die unschuldige Schönheit und auch die Seltenheit lang währenden, reinweißen Schnees ist Anreiz genug für solche stille Übereinkunft der Altersgruppen, gemeinsame Freude unter freiem Himmel eine Zeitlang aller Peinlichkeit beraubt.

Friedensplatz in Menz

Endlich können auch die richtig dicken Wintersachen aus selten besuchten Schranktiefen geborgen werden, und so sehen viele Leute aus wie Schlafsäcke mit Beinen oder Inuit auf dem Weg zum Walfang und geben dieser ganz eigenen Art des Laufstegs einen letzten Schliff, bei dem ein schlankes Erscheinungsbild keinerlei Rolle spielt. Selbst der kindlich-liebenswerte Fäustling, sonst in den Innenstadtlagen eher belächelt, wird selbstbewusst an alle Größen von Händen gesteckt und darf gern auch besonders bunt sein.

Brücklein über den Wentowkanal

Noch immer sollen die eigenen vier Wände nur aus gutem Grund und mit Gesichtsmaske im Gepäck verlassen werden, in der Entfernung zum Wohnort gibt es hingegen keine Einschränkung mehr. Wer also die Menschenleere beim Bewegen unter freiem Himmel sucht, tut das in besonders einsamer Gegend und kann gut damit leben, dass es nicht ganz so spektakulär zugeht.

Roofenhütte

Wer hingegen endlich wieder ein klassisches Touristenziel vom Kaliber Spreewald, Rheinsberg oder Stechlinsee besuchen möchte, sollte etwas Entlegenes mit eher verschachtelter Anreise wählen bzw. etwas, das in der Peripherie eines der großen Klassiker liegt und ähnlich viel zu bieten hat.

Badestelle am Roofensee

Im Spreewald könnte das der weitläufige Unterspreewald sein oder die Region zwischen Burg und Vetschau, bei Rheinsberg das zauberhafte Lindow oder vielleicht die seenreiche Gegend um Zechliner Hütte. Beim Stechlin ist es eigentlich recht einfach, denn auf dem Weg dorthin kommt man in den meisten Fällen durch das Dörfchen Menz, dessen Ortsbild ähnlich reizvoll ist wie das von Neuglobsow. Auch hat der fjordartig gewundene Roofensee einige Uferpassagen zu bieten, von denen der Stechlin nur träumen kann, und wenn er noch so schön und einzigartig und besungen ist.

Plankenweg Grubitzwisch

Menz

Das Dorf liegt auf einem flachen Buckel zwischen dem Ostende des Roofensees und einem hinreißend schönen Talgrund, den ein Bachlauf prägte. In der Mitte plätschert dessen Wasser in Richtung Havel, die unweit des Ziegeleiparks Mildenberg erreicht wird. Vom anderen Dorfrand schon zu sehen und in wenigen Minuten erreicht ist die großzügig angelegte Badestelle am See. Das glasklare Wasser kann mit dem des Stechlin gut mithalten, auch wenn der Roofensee lange nicht so tief ist wie sein berühmter Nachbar.

Zugefrorener Roofensee

Wenn man jedoch seine schmale Linie bedenkt und sich die Fortsetzung der steilen Uferhänge unter Wasser vorstellt, ergibt sich eine beachtliche Tiefe, welche wohl die allerwenigsten Wald- und Wiesentaucher entspannt erreichen dürften. Rechts des Strandes erhebt sich durchaus wahrnehmbar der bewaldete Hausberg mit einem überwachsenen Ringwall und bietet unterhalb seiner Flanke die Option, zum und vom Strand nicht denselben Weg nehmen zu müssen.

An der Schleusenwiese

Um den offenen Dorfplatz, von dem man bereits die Kirche sehen kann, reihen sich allerhand schöne Häuser, oft mit Fachwerk. Darunter ist auch das Naturparkhaus Stechlin. Hier wird allerlei Zeitvertreib angeboten, sei es zum Aufwärmen, nach der Tour oder als Schlechtwetteroption. In normalen Zeiten gibt es auch Gastronomie im Menz, und so ist die weite Anreise an und für sich schon lohnend, selbst wenn man das Ortsgebiet nicht nennenswert verlassen möchte.

Am Nordufer des Roofensees

Themenrundweg „Von Moor zu Moor“

Ein sehr einnehmender Teil des Naturparkhauses, der nicht im staketumzäunten Areal liegt, ist der bezaubernde Rundweg „Von Moor zu Moor“, der im Prinzip den klassischen Rundweg um den Roofensee kunstvoll und mit gutem Gespür für das rechte Maß aufbohrt. Zwar ist absolut nichts einzuwenden gegen den beliebten ufernahen Zweistünder um den See, er zählt mit seinen steilen Waldflanken und dem verspielten und teils sehr schmalen Pfad am südlichen Ufer ganz klar zu den besonderen Seerunden in Brandenburg.

Stiege hinab zum Kesselmoor

Doch wenn ein Thema – in diesem Fall das Moor – so liebevoll umgesetzt wird und sich tatsächlich an mehr als zwei Ecken der Tour wiederfindet, dann macht das wirklich Spaß und belohnt für manches Geschnaufe beim häufigen Rauf und Runter zwischen den Stationen. Charmant ist neben dem gelungenen Logo übrigens auch die Wegweisung mit dem roten Dreieck, das in immer wieder neuen Varianten erscheint.

Am Großen Barschsee

Manchmal führt es auch in eine kleine Sackgasse, wo eine weitere Station oder ein schöner Rastplatz warten. Doch aus kleinen Verlaufereien erwachsen ja oft die schönsten Entdeckungen, und der Weg zurück ist niemals länger als zwei Minuten. Am Ende der Tour weiß man dann, wie die Wegweisung zu handhaben ist – um es bis zum nächsten Mal wieder zu vergessen.

Der überfrorene Wentowkanal

Bei dieser Tour gibt es also zwischen den Wegen und Pfaden aller Größenordnungen, die teils von skandinavischem Gepräge sind, gut verteilt immer wieder Bruchwälder oder –wiesen und natürlich eine ganze Reihe kleiner bis kleinster Moore, die jeweils mit einem Stück Plankensteg und robuster interaktiver Informationsmechanik bedacht wurden. Und so ein Stückchen Bretterweg zwischendurch ist immer ansprechend. Keines der Moore gleicht dem anderen, sei es nun von der Erscheinungsform oder der umgebenden Topographie.

Plattform an der Schleusenwiese

Bei der Umsetzung der einzelnen Stationen hatten Zimmerleute und Metallbauer, Naturkenner und Touristiker Spaß und in diesem Zusammenhang wohl auch ein angemessenes Budget zur Verfügung, so dass alles Verbaute nicht nur visuell und haptisch ansprechend, sondern auch von großer Haltbarkeit ist. Erfolgreich wird neugierig gemacht, und wer was wissen will, muss zumindest die Hände aus den Taschen nehmen und etwas in Bewegung setzen, um eine Antwort zu erhalten.

Brücklein über den Wentowkanal

Wer Lust auf ein Stündchen mehr hat und der Besuchermenge an Wochenendtagen etwas ausweichen möchte, kann vorher noch einen Bogen nach Westen schlagen, sich durch den Wald zum erwähnten Talgrund treiben lassen und dann an dessen südlichem Rand zurück nach Menz spazieren. Beim Erreichen des ersten Hauses fällt dann die leicht erhöhte Lage des Dorfes auf. Ganz im Osten des Bogens ist übrigens etwas Interpretationsbereitschaft gefragt, denn einige der Wege sind ein wenig zugefallen.

Am Südufer des Roofensees

Zur Wahl stünde für Familien übrigens auch ein knapp einstündiges Minimalprogramm mit Bergumrundung, -besteigung und –überquerung sowie anschließendem Strandbesuch, das auch für kurze Beine gut passen sollte. Auf dem Gipfel des Wallberges gibt es eine Rasthütte, an der Badestelle flaches Einstiegswasser und unterwegs viel zu entdecken.

Wallberg bei Menz

Wem auch das noch zu aufreibend klingt, der geht vom Friedensplatz in Richtung Wallberg, überquert die Seestraße und setzt sich achtzig Meter später links auf die Bank, von der sich all das schön aus naher Ferne betrachten lässt. Und lauscht dort ganz in Ruhe dem, was die Jahreszeit gerade so zu bieten hat.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
von Berlin-Gesundbrunnen über Gransee nach Menz (ca. 1,5-1,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (verschiedene Varianten)(ca. 1,5-1,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 18 km (blau, Abkürzungen vielfach möglich; zur Vermeidung verwachsener Wege von Wegpunkt 7 direkt zu 12);
Berg-Strand-Tour für kurze Beine (grün, ca. 2 km)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Naturparkhaus Stechlin in Menz

Faltblatt „Von Moor zu Moor“ (PDF)

Rundweg Wallberg

Einkehr:

Künstlerhof Roofensee (Berliner Str., schräg ggbr. der Kirche)

Deetz: Teichmosaiken, der Uhund und die verbindende Beinbaumelbank

Der September ist da in allen Dingen und hat den kleinen Herbst schon an der Hand. In wolkengedämpften Landschaften ohne viel Kontrast und Schärfe leuchten jetzt vor allem wogende Felder von Goldrute, doch auch knallig glänzende Vogelbeeren oder Hagebutten, letztere wie gewachst und aufpoliert. Wer nah genug rangeht, kann sich wahrhaftig darin spiegeln.

Blick auf Deetz

Dazwischen huschen wie nach einem Klingelstreich kleine Vögel von einem Busch zum nächsten, Finken sicherlich, und tragen davon abgesehen zum großen Schnabelschweigen bei, was die höheren Frequenzen betrifft. Die großen Schwarzen mit den wuchtigen Meißeln im Gesicht holen sich die Klangbühne zurück, ein wenig mehr von Tag zu Tag. Spaziergänger ziehen jetzt gern schon mal den Reißverschluss bis hoch ans Kinn, und auch manche Haarpracht verschwindet zeitweise unter dünnem Stoff oder Gestrick.

Zwischen den Erdelöchern

Ganz hinten oder einiges weiter oben ziehen die Größten hin und her, noch nicht auf dem Interkontinentalflug, doch schon in Orientierung darauf. Drei Gänse über der Havel machen Lärm für eine ganze Schar, und auch die Kraniche vom überübernächsten Feld sind locker bis hierher zu hören. Die meisten Storchennester hingegen liegen bereits verlassen auf ihren Schornsteinen, Masten oder sonstigen Stallagen.

Einer der Stichteiche

Ebenfalls für Farbakzente sorgen im fahlbunten Kronenlaub knackige Äpfel und saftige Pflaumen sowie würzige Holunderdolden in tiefschwarzem Blau. Zu klein und hart zum sofortigen Vernaschen hingegen sind die Birnen, doch wer sie zu Hause etwas liegen lässt, wird mit geschmacklicher Ausdruckskraft belohnt. Die Walnussbäume hängen voll von extragroßen Früchten, dick und grün verpackt. Dasselbe gilt für die Kastanien, auf deren edlen Mahagoni-Glanz am Boden noch zu warten ist. Alles zusammen ergibt mit regelmäßigen Himmelstropfen und zeitig gefallenem Laub eine Würze in der leicht bewegten Luft, die für gewöhnlich erst Ende des Monats erreicht wird.

Aufsteigende Dorfstraße in Deetz

Nach scheinbar langer Brandenburg-Abstinenz soll heute am besten alles dabei sein, was eine Tagesrunde rund macht. Rückenwind bei der Suche kommt per Zufall – quasi über Bande wird mir eine der allerneuesten Broschüren vom Havelland vor die Nase geworfen, die unter der Feder des dicht benachbarten Blogs Wanderjenosse entstand, einem seit Februar bekannten Gesicht. Alles passt – wir waren lange nicht in der Gegend, dort gibt es Brandenburg satt, und ein paar Pfadverbindungen mit Fragezeichen haben diese dank der Broschüre verloren. Allzu lang ist die Anfahrt auch nicht, und eine Fährfahrt ließe sich vielleicht auch noch einflechten. Die wandelhafte Havel setzt sich jedenfalls auf dem Weg nach Deetz mehrfach in Szene und perfektioniert das schließlich etwa auf der Mitte der Tour. Und übrigens: auch fern ihrer Uferlinie spaziert man unterwegs am Havelwasser.

Weiter Ausblick über die Havellandschaft, Eichelberg Deetz

Deetz

Deetz ist ein hübsches, beschauliches Dorf zu Füßen des Eichelberges, das von zwei grundverschiedenen Landschaften eingerahmt wird. Der Aufstieg und die Pfade auf dem Haupt- und Nebengipfel erinnern bei etwas Wohlwollen an sächsisches Elbland, während die flachen Wiesen am Havelbogen ganz klar nordisches Flair verströmen, mit Deichen und Schafen, Pumphäuschen, Entwässerungsgräben – und manch kleinem Strand. Auch der Stufengiebel der Kirche schlägt in diese Kerbe, insbesondere wenn man vom Fluss her kommt.

Nach dem Aufstieg durch eine gemütliche Dorfstraße hat man vom westlichen Nebengipfel schon nach einer Viertelstunde die erste große Aussicht über den geschwungenen Lauf des Havelstroms, davor das Dächermeer des Dorfes. Kurz vorher beginnen die ersten Wiesenpfade, die über eine kleine Bergheide zum kurzen, steilen Schleich hinauf zum Plateau führen. Der ist mit seinem Mühlstein-Feuerplatz wie geschaffen zum Feiern schöner Feste oder für erhebende Sylvester-Blicke übers Land, genau so auch für eine simple Pause. Der trübe Tag setzt dem Blick zwar Grenzen, doch liegen diese so weit entfernt, dass Details dort ohnehin nur mittels Linsenoptik zu erkennen wären.

Hinter Deetz

Der gemäßigte Abstieg nimmt in einer Wendel eine lange Fliedergasse, die im Mai eine kleine Sensation bieten sollte. Die letzten Meter vor der Straße begleitet eine gestandene Mauer, die wieder kurz an Weinbaugegend denken lässt. Gleich gegenüber steht eins der elegantesten Häuser des Ortes, ein bisschen wie die eingedampfte Sommer-Residenz eines Blaublüters von untergeordnetem Rang.

Kurz darauf an der Gabelung werden Hockstrecksprünge unterm Apfelbaum direkt belohnt. Handlich sind die Äpfel, dabei saftig süß mit etwas Würze. Voraus ist überm bewaldeten Berg schon der hoch empor ragende Aussichtsturm zu sehen, der gekonnt eine geodätische Messmarke zitiert, einen trigonometrischen Punkt des hiesigen Netzes. Ein kräftiger Schauer zieht für eine Apfellänge seinen grauen Vorhang auf, ein moderater zweiter tut das wenig später.

Ein weiteres der Erdelöcher

Erdelöcher

Nach wohlgefällig zwischen Waldhang und Wiesenland gelegenen Grundstücken folgt ein ruhiger Weg, der ein paar gut gefüllte Gräben quert und schließlich zu einem herrlichen Geknäuel von Pfaden führt, wie man es so schön nur selten trifft. Zwischen Dutzenden kleiner und größerer Teiche quetschen sie sich lang, mal auf schmalem Damm, dann mal etwas breiter. Nicht nur von Mildenberg, von Norden her, hat die Havel mit Ziegelei und Brennofen zu tun. Auch im Südosten gab es diesen Industriezweig, dessen Spuren zwischen Deetz und Götzer Berge mittlerweile zum Großteil mit der Natur verschmolzen sind. Was in Mildenberg Tonstich heißt und in Klausdorf Tongruben, ist hier als „Erdelöcher“ ausgeschildert. Und von gänzlich anderer Gestalt als da und dort.

Pfad zwischen den Stichteichen

Viele Angler haben schon die begehrtesten Stellen belegt. Einige schauen argwöhnisch, wer da sinnlos Schritte in den Boden drückt, doch wir sind leise wie die Katzenpfoten und unterbrechen auch die Plauderei, wenn sie grad läuft. Junge und alte, bunte und tarnfarbene, verbissene, miesgelaunte und entspannte Rutenträger sind dabei. Einige seit dem Morgengrauen, andere per Zelt schon über Nacht. Andere haben wohl erst dick gefrühstückt, dann etwas getrödelt und versuchen nun kurz vor der frühesten Mittagsstunde, noch ein passables Plätzchen fürs Auswerfen zu finden. Wir drücken den Geschuppten die Daumen, ein bisschen auch den Anglern, dass sie Herd und Pfanne nicht umsonst mitgeschleppt haben.

Dammweg zwischen den Teichen

Die erwähnten Stellen mit den Fragezeichen gestatten dank kurzer Stege hilfreiche Verbindungen. Dazwischen schlängelt sich der Weg meist als Pfad über die Dämme zwischen den Teichen, mal so breit wie ein Otto-Normal-Hintern, mal etwas ausgelatschter wie der eines Brauerei-Pferdes. Bänke für ein Päuschen gibt es keine, doch einige der kleinen Stege von Festland zu Festland sind geländerlos und erlauben obendrein noch Beinebaumeln selbst für längste Schenkel.

Schwäne beim Tagewerk

Das schnellste und lauteste in diesem Minuten ist ein aufwändig hechelnder Jogger, der erstaunlicherweise kaum vom Fleck kommt trotz all des Theaters – so ein bisschen wie Meister Jackson beim Moonwalk, nur lang nicht so geschmeidig. Irgendwann ist das Knallrot dann verschwunden und die Ruhe über den leicht dunstigen Teichen wiederhergestellt. Zwei dekorative Schwäne in einem Teich hinterm Teich atmen auf, schütteln langsam die edlen Häupter und schwimmen mit aristokratischem Gebaren weiter ihre Bahnen .

Aufstiegspfad zum Gipfel des Götzer Berges

Götzer Berge

Der Weg wird breiter und mündet bald ins Sträßchen nach Götzer Berge, ebenfalls ein hübsches Dorf am Fuß eines Berges. Der Anstieg durch den Wald, der nach feuchtem Moosboden und Nadeln duftet, folgt zuletzt einem nadelweichen Schlingerpfad mit kleinen Heidekraut-Inseln und knackt an dessen Ende die Hunderter-Marke. Mit dem äußerst stabilen Turm lässt sich noch deutlich einer draufsetzen – wer nach vielen vielen Stufen die Aussichtsplattform erreicht hat, steht nun im schnellsten Wind des Tages hundertfünfundreißig Meter über Normalnull. Extremsportler, welche todesverachtend die wirklich spitze Spitze erklömmen, könnten sogar mit der Zahl hundertzweiundfünfzig prahlen. Doch wäre das Verhältnis von Risiko und Bewundertwerden eher dürftig.

Havelland-Blick vom Aussichtsturm, Götzer Berg

Götzer Berg

Wer ausreichend windfest ist und schließlich stämmig auf der Plattform steht, darf staunen, wieviel seenbreites Havelwasser nun geboten wird und wieviel Weite. Nur die wenigsten werden so beherrscht sein, hier nicht die Panorama-Funktion der Kamera zu bemühen, denn es ist wirklich eindrucksvoll, selbst im permanenten Dämmerlicht dieses Tages. Was uns schließlich das Losreißen erleichtert ist der frische Wind, der weit und breit durch nichts gebremst wird. Den Turm lässt das absolut kalt, nichts schwankt oder schwingt oder vibriert. Doch wir haben schon sämtliche Zwiebelschichten an und treppeln also hinab in den schützenden Wald.

Am Abstieg vom Götzer Berg

Absteigen lässt sich gemütlich und leicht federnd oder sehr direkt mit entsprechender Gangart im weichen Stakkato. Wieder im Dorf lädt die Bibliothek nicht nur wegen ihrer großen Bücherregale ein, sondern auch durch den großen, nach hinten durchschaubaren Raum, der nach ehemaligen Festsaal einer Gaststätte bzw. Dorfbums aussieht, wie es der Volksmund kürzer fassen würde.

Spreewaldblick von der Drehbrücke, Götzer Berge

Gleich folgt ein Nachschlag im Teichgebiet der Erdelöcher, der sich wahlweise auf bekannten Weg erreichen lässt oder über einen per Pinselschrift ausgewiesenen Privatweg, der gleich noch eine kleine Sehenswürdigkeit mitnimmt. Etwas nördlich vom Rosenbergerhof führt er zu einem Seitenhäfchen mit besonders schön gelegenen Wochenendgrundstücken. Uns entgegen kommen zwei Frauen, handtuchgekleidet in dem Stil, wie man eine Sauna verlässt. Beide lächeln, die vordere wie eine zu selten besuchte Tante, die hintere wie eine geballte Faust. Die Luft zwischen beiden scheint aufgeladen.

Die Drehbrücke selbst

Die erwähnte Sehenswürdigkeit ist dann wieder grundfriedlich, so unauffällig und zudem von pittoresker Szenerie umgeben, dass man sie leicht übersehen kann. Eine kleine halbhistorische Drehbrücke führt über einen spreewaldschönen Stichkanal aus der Zeit der Ziegeleien und ermöglicht die kürzeste Verbindung zwischen Götzer Berge und Deetz. Dahinter schlängelt sich der leicht erhabene Pfad durch üppiges Urwald-Dickicht aus hohen Bäumen, Lianentrieben und Hopfengebilden, die stellenweise prächtige Tunnel ausbilden. Ausgeworfen werden wir fast profan auf das stille Asphaltband des Havel-Radweges, der gut genutzt wird.

Grüner Pfad hinter der Drehbrücke

Ein kurzer Abstecher nach rechts führt zu einem kleinen Sandstrand, der nun die Kluft der Mädels erklärt. Ein Kopf schwimmt herum, aus dem noch vor dem Blickkontakt mit sonorer Stadtführer-Stimme Worte an uns gerichtet werden. Diese sollen in Sekundenfrist eine wohlwollende persönliche Verbindung herstellen, damit wir gar nicht erst auf die Idee kommen, seine Sachen ins Wasser zu werfen. Ein bisschen liegen dann auch Laszivität und freundliche Lüsternheit in seinem Timbre – eine geschickte Gesamttaktik, denn so kommen eher wir in die Lage, die Situation besser zu verlassen, bevor sich der tatsächliche Entkleidungsgrad klärt. Er lobt das Wasser und lädt ein, ich kleinplaudere, dass Luft- und Wassertemperatur fast identisch sein dürften, heute bei uns kein Bad auf dem Zettel steht. Dann nehmen wir Abschied und wünschen Gutes für den Rest des Tages.

Noch eins der Erdelöchcer von der anderen Seite

Rechts zum Teich hin stehen dicke Holzgeländer in bester Aufstützhöhe. Jedes der Erdelöcher liegt still, und jedes von ihnen hat einen Namen. Der alte Havelarm links des Weges heißt Ziegeleikanal und ist direkt mit dem Fluss verbunden, was die zahlreichen Bootsstege erklärt. Vor einer Benimmse trainierenden Klasse der örtlichen Hundeschule biegen wir am Parkplatz links ab und bleiben dem Kanal somit treu, der rings herum vom eigenen Wasserreich umgeben ist. Dieses ließe sich per Stichpfad erkunden, doch das fällt heute aus, denn der Magen knurrt schon und Besteckklappern war vorhin auf Schildern angekündigt.

Bootsstege am Ziegeleikanal

Havelstübchen

Direkt am Radweg liegt mit großem Schankgarten die erhoffte Wirtschaft, wo sich jetzt Bedürfnisse stillen lassen. In der knappen Stunde fallen ein paar Tropfen, ähnlich viele Radfahrer kommen und gehen. Wortreiche Platzfindungen in mindestens drei Dialekten und Artikulations-Graden lassen sich beobachten, danach zufriedene Gesichter in der Pedal-Pause. Eine will Kaffe und Kuchen, ein anderer nur sein kühles Bier und seine Ruhe, ganz hinten jemand die leuchtend orangene Kürbissuppe mit einer hausgemachten Limo. Die Bedienung hat zu tun.

Kurz vor dem Havelstrand, Deetz

Alle nächsten Stichwege zur Havel geben sich zugeknöpft, ein anderer haut während der Vegetationsphase nicht hin, also tippeln wir weiter auf dem Sträßchen nach Deetz. Währenddessen legt die Landschaft ihre Verwandlung ins Nordische hin, mehr noch nach dem havelstrebigen Abbiegen entlang einer Häuserreihe. Einige Pferde stehen da wie Models, engagiert erstarrt in ansprechender Pose, und fokussieren regelrecht die Kamera, die wir gar nicht hinhalten. Neben dem elegant-grazilen Kamera-Liebling post lässig ein durchtrainierter Grunge-Typ mit weiten Stiefeln, schaut leicht provokant mit gerecktem Kinn herüber und wartet lange – bis ich tatsächlich die Knipse draußen habe, nur um im selben Augenblick wieder dazustehen wie irgendein grasenden Pferd.

Nordische Szenerie am Havelstrand Deetz

Vorn am Strand wurde ein bisschen auf Küste dekoriert, so mit aufgebockten Bojen, mikadowurffertigen Reusenstangen und einem wettergegerbten Bootsschuppen. Links und rechts des Sandes stehen eine Sonnen- und eine Schattenbank vis-á-vis, dazwischen scheucht der Wind hindurch, so schnell wie vorhin auf dem Turm, doch lange nicht so kalt. Zwei dennoch durchfrostete Radfahrer brechen gerade auf.

Graben und begrünte Deponie im Hintergrund, Deetz

Die Nord-Optik wird weiter verfeinert, jetzt kommen der Deich und das erwähnte Pump-Häuschen ins Spiel, schon bald darauf die Schafe. Die gibt es in weiß, schwarz und grau. Eins von den weißen wird dabei von einem schafsgroßen Hund verkörpert, der verschiedene Unerwünschtheiten abwehren soll. Aus der Ferne grollt er einmal kurz, sobald er uns wahrnimmt – nur um sein Kampfgewicht zu umreißen. Legt sich bald gemütlich hin und lässt uns schwenkenden Kopfes nicht aus den Augen, die Ohren hochgestellt wie ein werbendes Lama. Und zeigt dabei Uhu-Qualitäten, denn der Deich beschreibt einen ordentlichen Bogen. Doch er lagert seinen Körper nicht um.

Die Havel und das jenseitige Ufer

Weitere Schafe an einem späteren Deich sind auf sich allein gestellt und scheinen allerhand Unfug im Schafskopf zu haben, so ohne aufsehendes Organ. Doch liegt gleich eine Siedlung um die Ecke. Voraus ist das sanfte Massiv der übergrünten Deponie zu sehen, formatfüllend. Gleich unterhalb verläuft der Havel-Radweg, wo sich vorgebeugte Regenjacken in zahlreichen Farben knapp über einem Schilfgürtel bewegen. Dahinter hockt dicht am Havelufer der Trebelberg mit teils garstigen Anstiegen, doch das ist eine andere Geschichte.

Weg nach Deetz

Früher als geplant biegen wir ab zur Kirche, da der direkte Weg entlang einer Baumreihe überzeugend lockt. Später übernehmen Kabelmasten die Begleitung, bis schließlich die Giebelzacken des Kirchturms klar erkennbar sind. Kurz vor der Kirche zitiert der Dorfbackofen noch einmal freundlich die Geschichte mit den Ziegeleien – in Form einer Pyramide aus Ziegelsteinen. Als Mittelpunkt von alljährlichen Dorffesten konnte er in diesem Jahr nur selten dienen, doch der Kaffeetreff Ende August konnte schließlich doch stattfinden. Zu den festen Terminen zählt übrigens auch ein Adventsmarkt, gerade mal eine Jahreszeit weiter …











Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn nach Groß Kreutz, dann weiter mit dem Bus (nur Mo-Fr)(ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn und/oder Landstraße (mehrere Mischungen möglich)(ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 13 km (Abkürzungen vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Wanderzeit – Broschüre (PDF)

Ortsseite Deetz

Zeitzeuge der Erdelöcher (Artikel MOZ)

Aussichtsturm Götzer Berg

Havel-Radweg

 

Einkehr: Havelstübchen, Am Havel-Radweg nördlich der Erdelöcher

 

Sperenberg: Märkischer Fels, blaues Rattern und der zugeknöpfte Flugplatz

Still ist es heute durchaus nicht im beschaulichen Sperenberg. Doch das liegt nicht am Flughafen Berlin Brandenburg International SXP (der wartet ja nun doch woanders auf das breite Band und die übergroße Schere), sondern am herumtobenden Wind, der begeistert durchs Laub der hochgeschossenen Pappeln am Ortsrand drängt. Wie befreit von der niederdrückenden Hitze der letzten Wochen scheint die schnelle Luft, die selbst die Altvorderen unter den Baumwipfeln zum Wogen bringt. Das tun sie in einer bedächtigen Art und Weise, wie man es mit dem schönen alten Wort Schwoofen verbinden würde, dazu den Bildern eines Ballhauses mit bester Patina.

Aussichtsplattform über den Gipsteichen

Vor sechsundzwanzig Jahren ging das Raumordnungsverfahren für den geplanten Großflughafen Berlin Brandenburg in die heiße Phase, das Antwort geben sollte auf die Frage nach Schönefeld, Jüterbog oder eben Sperenberg. Für mich persönlich war damals das Einarbeiten der eingehenden Zuschriften ein ordentlich bezahlter Ferienjob in einem richtigen Ministerium mitten im historischen Potsdam, der spannende Einblicke in eine Art von Vorgang gab, die man bis dahin noch nie zur Kenntnis genommen hatte.

Auf dem Weg zum Gipsberg

Das verdiente Geld dieses bewegten Quartals wurde im Herbst umgehend in einem Spreewalddorf verprasst, im Gegenwert gab es einen Lkw-Motor mit sechs Zylindern, verpackt in eine betagte weinrote Schrankwand aus schwedischer Produktion. Jene Dame, Lotte war ihr Name, vollführte nach dem Fahren über Bodenwellen ein hinreißendes Nachgeben mit dem Heck, eine Bewegung, die man bis dahin allenfalls alten Jaguaren zugetraut hatte. Ihre Rückbank war im Übrigen mindestens so bequem und umschmiegend wie Omas altes Sofa und hatte zur Folge, dass die liebsten Menschen beim Mitfahren in den Fond verwiesen wurden. Jede Rückfahrt nach einem Ausflugstag hatte schon ein bisschen Vorgeschmack aufs abendliche Abhängsofa.

Über dem Hochufer der Gipsteiche

Für Sperenberg hingegen ergab sich, dass die im selben Jahr eingeleitete Flugpause von Dauer sein würde. Vorher hoben hier über Jahrzehnte und Tag für Tag große und noch größere Maschinen mit kyrillischen Aufschriften ab, denn bis zum Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen im Herbst war der gar nicht so kleine, gut fünfunddreißig Jahre alte Flughafen für Zehntausende so etwas wie das „Tor in die Heimat“, nach Moskau.

Kurz nach dem verbaselten Eröffnungstermin No. 1 in Schönefeld wurde Sperenberg noch einmal ins Gespräch gebracht – als stille Reserve, wenn Schönefeld gemäß aktueller Zahlen schon bald an seine Grenzen stoßen sollte. Getan hat sich seither kaum etwas – die Natur holt sich das Gelände langsam zurück und ein weitgefasster Ring von Warnschildern rät neben einigen verstreuten Stacheldrahtsträhnen halbwegs überzeugend vom Betreten des Geländes ab, das als Brandenburgs größtes Flächendenkmal gilt.

Felsenstiege von der hohen Kante auf Teichniveau

Sperenberg

Östlich des Flughafens dagegen trifft man in und um Sperenberg auf eine ganze Reihe von Einladungen, und so ist der Ort für verschiedene Interessengruppen unbedingt die Anreise wert. Die Eisenbahn von Berlin über Zossen nach Jüterbog hält hier leider nicht mehr, auch nicht woanders – die Strecke zwischen Zossen und Jüterbog wurde Stück für Stück eingestellt, endgültig dann kurz vor der Jahrtausendwende. Auf der Schiene nach Sperenberg anreisen lässt es sich trotzdem – leuchtend blau lackiert und ganz einfach per Muskelkraft.

Einer von vier Gipsteichen

Von Mellensee, wahlweise auch von Zossen, kann man per Draisine nach Sperenberg rattern, wo es dann vom Eiskiosk nur noch ein paar Schritte zum weitläufigen Strandbad sind. Vor dem breiten Strand ankern drei Inseln zum Darbieten von Sprungkönnen, dahinter gibt es auf der großen Terrasse Abhilfe gegen Hunger und Durst. Wer dann doch eher aß und saß als haaresklamm schwamm, kann auf kurzen oder noch kürzeren Spaziergängen eine besondere kleine Landschaft erkunden – oder einfach nur auf den Aussichtsturm klettern. Natürlich sind auch größere Ausschweifungen möglich, gut beschildert und thematisch verwandt bis hoch nach Klausdorf am Mellensee.

Erika im Walde

Der August jedenfalls hat sich alle Mühe gegeben, auch diesem Jahr noch eine längere Zeit mit schweißtreibenden Temperaturen und tropischen Nächten nachzuliefern. Seit dem Frühling gab es weitgehend moderate Werte und sogar hier und da nennenswerte Mengen von Regen. Die konnten zwar die beiden Sommer davor kaum ausgleichen, doch genehmigten sie der gebeutelten Botanik hier und da eine kleine Trink- und Atempause, in Folge auch der Tierwelt.

Aufstieg von der Sperenberger Kirche

Dennoch liegt schon reichlich Laub am Boden und sorgt dafür, dass sich die verspielte Luft mit frühen Vorahnungen des Herbstes mischt. Das wird für die Stimmungslage von Sonnenanbetern und Feierern des Sommers die drei Blues-Akkorde gedämpft in eine Dauerschleife schicken. Bei Anhängern des würzig-sinnesfreudigen Herbstes könnte es hingegen ein kleines inneres Juchzen der Vorfreude hervorrufen auf die Wochen und Monate mit den Farben, Düften und Lichtspielen der tiefstehenden Sonne, mit den zahllosen Früchten am Wegesrand und der vielfältigen Materialauswahl für Basteleien aller Art, seien sie nun kind- oder erwachsenengerecht. Wo eigentlich lag noch der Kastanienbohrer?

Blick hinab nach Sperenberg

Perfekt zu dieser Atmosphäre passt der Weg, der von der Kirche sanft auf die Höhen steigt. Vorher lohnt noch ein Abstecher zum Friedhof, wo auf den zweiten Blick ein gewaltiger Maulbeerbaum zu finden ist, in dessen hohlen Stamm eine kleine Familie passen würde. Am Ortsrand dagegen stehen hinterm vorletzten Zaun zwei winzige Bäumchen, voll mit Äpfeln, die als perfekt gelten dürfen. Ein Griff über den Zaun wäre kein Problem, doch zum einen wird ein Auge wachen, zum anderen kann kaum schmecken, wer so schön ist und so makellos. Von weiter hinten tönen Kraniche und bewahren vor weiteren Denkschleifen in dieser Sache.

Abzweig zum Aussichtsturm auf dem Gipsberg

Oben liegen die Felder nun teilweise schon in brauner Krume, während rechts des Weges noch alles grüne Kraut an stiernackigen Stängeln steht. Genießerisch reiht der pulssenkende Weg Kurve an Kurve und verleitet immer wieder dazu, sich umzudrehen und auf Sperenberg hinabzuschauen, das immer weiter unten liegt und von immer mehr Seen umgeben scheint. Zuletzt ragt nur noch das Dreieck der Kirchspitze über den Acker, und kurz darauf geht es rechts zum drahtigen Aussichtsturm. Auf dem Weg dorthin riecht es nach Pappellaub und ersten reifen Früchten, die größtenteils noch fest am Baum hängen, teilweise jedoch schon unten liegen und von windfesten Wespen durchgecheckt werden.

Am Faulen Luch

Gipsberg

Schon die wenigen Höhenmeter zum Fuß des Turmes lassen den Wind anschwellen, ihn sich in einer Richtung sammeln. Erstaunlich wenig schwankt dann der kleine Turm auf dem Gipsberg, von dessen gittriger Plattform sich ein ungetrübter Rundumblick öffnet. Die Sicht reicht weit, viel Wald liegt da unten und flache Höhenzüge strecken sich im fernen Süden, vielleicht ja Hoher Fläming. Vom Ort her drängen nun kleine Trupps von Turmwilligen zur Höhe, bunt und plaudrig und ein bisschen wie auf einem Gemälde ohne zuviel Ernst. Damit es im offenen Treppenhaus keine Abstandsprobleme gibt, gewinnen wir den festen Boden zurück und etwas Fassung in der Frise. Unten werden ein paar Grinser ausgetauscht, alle scheinen bester Laune, jeder will und keiner muss.

Wurzelhang zum östlichen Gipsteich

Der schöne Weg läuft etwas ein und geht dann langsam in den Abstieg Richtung Faules Luch – das klingt irgendwie so richtig gut am freien Tag. Vorher will noch ein ausgedehnter Bogen in die Klausdorfer Schweiz zu mehr Aktivität verlocken, doch man muss es ja nicht gleich übertreiben am Tag 1 nach der großen Hitze. Noch vor dem Faulen Luch treffen wir auf ein Geländer mit einer Art Stollenzugang für Wichte, der jedoch keine Öffnung hat. Eine benachbarte Schautafel verrät, worum es sich hier handelt. Ein klangvoller und einprägsamer Begriff mit K und später auch O bezeichnet demnach ein Stück offenes Erdreich, wo verschiedene Gesteins- oder Bodenschichten wie in einem Schaufenster zu betrachten sind. Auch am Turm vorhin gab es schon so eine Öffnung ohne Öffnung. Das wohlklingende Wort wurde natürlich längst wieder vergessen. Doch Cocktail-Parties stehen ohnehin keine an.

Aussichtsplateau über den türkisen Teichen

Faules Luch

Der Luchsee liegt etwas tiefer und ist in einen breiten Schilfgürtel verpackt, sodass zunächst kaum Wasser zu sehen ist. Erfreulicherweise liegt das nicht an der Trockenheit der Jahre, wie der erste richtige Zugang mit Wasserblick verrät. Der Spiegel liegt ruhig, ein paar Enten dümpeln drüben umeinander, mit abweichenden Vorhaben. Das aktivste sind da noch ein paar Angler, die hin und wieder an den ausgestellten Ruten zupfen und Kneifauge etwas regulieren. Viele Stellen bieten sich, wo man die Beine mal ins Wasser stellen und heiße Sohlen etwas runterkühlen kann. Der 66-Seen-Weg und der Sperenberger Geopfad fremdeln ein bisschen, einer hält Kontakt zum Ufer, der andere will mit ansprechend aufgetafeltem Wissen in den Wald locken.

Hochuferweg

Der Boden-Geo-Pfad war einer der ersten Wege in Brandenburg, die mit eigener Beschilderung als fertige Tages- oder Halbtagestour aufbereitet und den Besuchern angeboten wurden, um diese nach Sperenberg zu locken. Zu bieten hat er neben seinem Variantenreichtum und der guten Infrastruktur nicht nur schöne und spezielle Wege und Pfade, sondern eine ganze Reihe von Besonderheiten, die man im Detail und so geballt nur selten trifft. Dazu zählen ein paar steile Anstiege und ein Hochuferweg, eine ganze Handvoll Aussichtskanzeln und spektakuläre Stiegen durch markanten Fels, schließlich noch ein türkisfarbener Felsensee mit Steilwand und gewissem Tauchappeal sowie eine superlative Bohrung, die noch vor Gründung des Deutschen Kaiserreiches gesetzt wurde. Mehr als einen Kilometer tief, dementsprechend mit den Mitteln von damals und aufschlussreich für die Wissenschaft.

Größter der vier Gipsteiche

Sperenberger Gipsbrüche

Kurz hinterm Faulen Luch also beginnt der kurze, steile Aufstieg, der uns durchaus ins Schnaufen bringt. Unterwegs gibt es bereits den ersten tiefen Wasserblick über einen wurzeldurchflochtenen Dünenhang. Das satte Türkis wird heute auf keinem der vier Teiche geboten, dem zugezogenen Himmel geschuldet, doch das geht in Ordnung. Türkiser als Grau sieht es allemal aus, und in der Phantasie geht alles, wie schon Helge Schneider wusste.

Abwärts auf der Felsenstiege

Oben verlässt der Pfad den Wald und windet sich nun auf das Schönste über den steilen Hängen entlang, deren Umrisse er dabei zitiert. Macht mit seinem ersten Blätterbunt Vorfreude auf herbstliche Hochuferwege an der sächsischen Elbe und lässt staunen über dicke alte Kirschbäume, die in erstaunliche Höhen gewachsen sind. Das muss am Boden liegen. Rechts über die stoppeligen Felder ist ganz winzig der Aussichtsturm auf dem Gipsberg zu sehen, links blitzt durch das dichte Buschwerk hin und wieder großes Wasser durch – oder sind es doch die großen Werkhallendächer?

Von einem Teich zum nächsten

Dem lässt sich an jeder der Aussichtskanzeln auf den Grund gehen, die nach und nach Blicke auf jeden der vier Bruchteiche gestatten, teils mit Bänken zu genießerischen Pausen einladen. Wir lassen keine davon aus und können in durchbrochenen Kapiteln verfolgen, wie sich ein per Motorroller angereister nach dem Bade im tiefen Felsensee wieder anpellt. Scheinbar tut er das in loser Verbindung mit Übungseinheiten aus Bewegungsformen, die ein Chi im Namen tragen. Die Angelegenheit braucht alle Zeit und ist mit tiefen Blicken in Richtung der zehn Zehen verbunden. Oder aber er hat sich in einem spannenden Kapitel eines auf Bauchhöhe gehaltenen Buches festgelesen.

Steilwand und Felsstrand

Kurz wird der Pfad zur dichten Gasse im Sinne eines jungen Weidendoms, dann führt links unvermittelt ein kleiner Weg hinab. Geht über in eine Reihe langer Stufen und schaltet nach ein paar Schritten spektakulär um in eine steile Stiege direkt am Fels. Die könnte so auch in der Sächsischen Schweiz stattfinden, selbst die scharfkantige Felsformation auf Augenhöhe fasst sich an wie Sandstein.

Draisinensackbahnhof am Krummen See

Unten geht es von Teich zu Teich weiter auf wiesigen Pfaden, deren hochgeschossenes Randkraut zum Teil auf Tuchfühlung geht. Unweit einer steilen Felsflanke liegt am Ufer die erwähnte Bohrung, knapp kommentiert von einer Metalltafel. Am größten der vier Wasserlöcher treffen wir nun auf den sich Ankleidenden, der jetzt im Wesentlichen fertig ist und sich daran macht, den Roller abzubocken. Ein paar Meter weiter ist eindrucksvoll die Uferkante zu sehen – purer, gratiger Fels, der direkt und tief ins türkise Dunkel abfällt und Kennern gewagte Kopfsprünge erlaubt. Auf das erwartete Anlassen des Rollermotors mit zugehörigem Zweitaktnebel warten wir vergeblich, doch auch das geht absolut in Ordnung.

Mit dem Füßen im Strandsand

Krummer See

Das Verlassen des Naturschutzgebietes mit seinen vielen Besonderheiten wird hinterm gelben Kauzschild spröde abgelöst von einem Betriebsgelände, das allein seinem Zwecke dient. Jemand Letztes macht noch nötige Handgriffe vor dem Feierabend, schließt dann das stachelbewehrte Haupttor ab und fährt von dannen. Von der Wespentaille des Krummen Sees bietet sich ein friedlicher Blick auf die Ortsmitte.

Schienen eines Nebengleises zeugen noch von der Zeit des Gipsabbaus. Der wurde vor knapp hundert Jahren erstmals eingestellt, weil die Grund- und Trinkwassersituation für Sperenberg bedrohlich geworden war. Das Gleis stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als noch einmal für gut zehn Jahre Gips abgebaut wurde, schlichtweg weil er für den Wiederaufbau allerorten dringend gebraucht wurde. Nach der endgültigen Stillegung füllten sich die Gipslöcher von allein mit Wasser. Die besonderen Böden bedeckten sich im Alleingang mit seltenen Pflanzen, welche Botaniker hier ganze Tage verbringen lassen.

Schleichgang im Ortszentrum

Strandbad Sperenberg

Ebendieses Gleis aus den späten Vierzigern ist es, auf dem die blauen Draisinen von Norden her den Sperenberger Strand erreichen und dabei doch von Süden die Blauen ausrollen lassen. Das Ende der Fahrt markiert ein massiger Findling, direkt gegenüber des Seeufers. Keine fünf Minuten sind es zum Strandbad, wo jetzt Mineralien in hohen Gläsern nachgelegt werden können. Oder gleich richtig eingekehrt, bevor der westliche Kringel der heutigen Acht ansteht.

Wiesengrund beim Heegesee

Während wir auf gefüllte Teller warten, streben zielbewusst drei gemütliche ältere Damen mit Handtaschen zu einer ganz bestimmten Uferstelle. Und hängen nicht etwa ihre Beine ins Wasser beim Plausch, sondern lassen die äußeren Hüllen über die bereits angelegten Badeanzüge rutschen, gehen schnurstracks ins Wasser und beginnen nach kurzer Akklimatisierung ein Herumgeschwimme, das so bald nicht endet. Knapp einen Kilometer ist er lang, der hiesige Krummensee, in der Tat so krumm, wie er heißt und damit ein Badeparadies für schwimmfreudige Damen mit Kondition. Luft- und Wassertemperatur liegen dicht beeinander, und somit gibt es keinen rechten Grund, bald wieder aus dem See zu steigen. Die Küche hat noch lange offen.

Kuhherde auf der Waldweide

Sperenberg

Nach kurzem Berühren des Ortskernes, wo es ein paar Geschäfte und ein paar noble Häuser gibt, nehmen wir den kleinen Mauerschleich zwischen der vorderen und hinteren Straße, wo gerade jemand verstohlen Mirabellen hinterm Zaun hervornascht. Nach der halbwilden Querung des Draisinengleises und einem Wäldchen geht nun beim Sportplatz die saftige Botanik los, die gestärkt vom jüngsten Regen in kräftigem Grün daliegt und die nächste Stunde begleiten soll. Der Waldboden ist durchgetränkt und schmatzt bei jedem Schritt leise nach, teilweise sorgen große Pfützen für etwas Slalom im Kleinen. Das gab es lange nicht.

Eine Möglichkeit der Abgrenzung zum Flugplatzgelände

Nach kurzem Berühren des unzugänglichen Heegesees fällt auf, dass weder Mücken noch Bremsen quengeln. Vielleicht liegt das an den vergangenen Hitzewochen, vielleicht aber auch an mehreren auf Waldweiden verteilten Kuhherden, die sich jeweils dicht gedrängt in der Pausenecke rumdrücken. Wortwörtlich, es ist fast ein lautloses Geschubse, als wäre Mangel an Platz oder Schatten oder verkappter Bedarf an Hautkontakt.

Waldstücke aller Baumart werden von Dünen durchbrochen oder wechseln ab mit winddurchfegten Weideflächen, Düfte von saftigen Wiesen mit den fruchtigen der Pappeln oder prallreifen Hagebutten, douglasiensüße Nadelluft mit der würzigen von getränkter schwarzer Erde. Mitten im Kiefernwald steht unvermitelt eine bettlakengroße Schilfinsel, ein paar Ecken weiter zeigen sich auf tief eindrückbaren Moospolstern die ersten offenen Erikablüten, wie immer winzig und im Rispenrudel. Alles ein bisschen quer durcheinander. Ein grundlegender Waldduft liegt jedoch überall dahinter, gut gemischt vom allgegenwärtigen Wind.

Windige Weide zwischen Wald und Bruch

Nach der nächsten großen Kuhherde, die offenkundig keinen Besuch erwartet hatte und sich mit leichter Entrüstung zerstreut, beginnt eine Kleinserie von unerwarteten Sackgassen. Mehrfach werden wir ausgebremst beim Versuch, uns dem Gelände des Flughafens zu nähern. Die Schilder werden nach und nach grimmiger, klingen zuletzt nach dem Wort Freundchen und würfelschüttelnd geschwungenen Fäusten bei leicht geneigtem Kopf. Manchmal hilft es ja, ein wenig außen herum zu gehen, doch auch das greift heute nicht und irgendwann sind zwei von drei Richtungen tabu. Ein bisschen war das zu erwarten, doch die Hartnäckigkeit beeindruckt.

Pappelallee nach Sperenberg

Glücklicherweise sind Plan B und C dabei. Doch auch der auf allen verfügbaren Karten breit und durchgehend eingetragene Waldweg wird irgendwann zum Pfad und versiegt kurz hinter dem nächsten Hochstand in borstigem Kraut. Jetzt also ist einzusehen, dass es heute nicht weiter gehen soll, und so wählen wir die beste Mischung aus schönen Wegen und wenig Doppelungen, um auf kürzestem Wege zurück nach Sperenberg zu kommen – auf Nummer Sicher. Das klappt, wird begleitet von pittoresken Weidezäunen, rauschenden Pappelreihen und zwei Schwänen, die in der Luft bereits ihr Reisetempo erreicht haben.

Altes Wirtshaus an der Kirche

Ein schöner Ausgleich für den entgangenen Flughafen und die erhofften Erika-Flächen ist jetzt nochmal der Abstecher zum Eiskiosk am Draisinenfindling, der von herrlichen Eisleckbänken umgeben ist und jetzt auch offen hat. Der Sommer hat den Tag zurückgewonnen, der Himmel ist blauweiß und die Gipsteiche tragen sicherlich ihr schönstes Türkis zur Schau. Doch sind die Beine träge, säuselt der Wind im Uferschilf und legen die Schwäne von vorhin auf dem Krummen See eine filmreife Landung hin. Bei so viel gebotenem Spektakel obsiegt doch die Option auf ein zweites Eis mit ausgestreckten Beinen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn bis Zossen, dann mit dem Bus (1,75-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 96 bis Zossen, dann über Mellensee nach Sperenberg; großer Parkplatz am Strandbad

Länge der Tour: 17 km (Abkürzungen vielfach möglich; selbst kurze Varianten sind abwechslungsreich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Boden-Geo-Pfad

Klausdorfer Rundweg (PDF)

Informationen zu Sperenberg

Allerhand zum Flugplatz Sperenberg

Ein Blickwinkel von benachbarter Seite

Einkehr: Strandbad Sperenberg (mit großer Terrasse)
Phulkari Thai-Imbiss, Sperenberg (Nähe Kirche)
Bäcker Kirchner (Trebbiner Str.)

In eigener Sache/Rehfelde: Fünf Kerzen, ein Steinhaufen und die olle Kamelle

Der Monat mit dem kürzesten Namen läuft auf vollen Touren und vervielfacht das sichtbare Volumen aller grünen Blätter und Blättchen im Dreitagestakt, immer und immer wieder. Das heißt nicht, dass wärmende Kopfbedeckungen oder Übergangsjacken schon im schrankdunklen Sommerlager gelandet sind, denn er zeigt sich kühl, der Mai. Das hält viele Blüten lange frisch, die in anderen Jahren schon längst verblüht waren, verlängert dadurch die Gegenwart zahlreicher Düfte des mittleren Frühlings und sorgt für selten erlebte Duftmischungen, z. B. aus Maiglöckchen, Flieder und Apfelblüten, unterstützt von den ersten Heckenrosen.

Schmettausche Feldsteinpyramide in Garzau

Während die Grillen von dieser frostigen Schulter kaum beeindruckt sind und sommerlaut über die Wiesen tönen, tippen sich die vor Wochen eingetroffenen Mauersegler kopfschüttelnd an die Stirn und halten sich fürs Erste bedeckt. Dementsprechend ist eines der Geräusche des gesamten Sommers fürs Erste wieder verstummt, was schließlich zum Stand des Quecksilbers passt. Außerordentlich in diesem Mai sind die üppigen Wolkenbilder, die speziell an den Wochenendtagen gemeinsam mit dem Schattenspiel der Sonne für barocke, sehr dreidimensionale Himmelsgemälde sorgen. Öfter als gewöhnlich klickt der Auslöser, denn selbst wenn kein rechtes Motiv da ist, sind da die Wolken und rechtfertigen jeden dieser Schnappschüsse.

Ganz nebenbei und fern alles Superlativen erinnerte mich ein Blick in alte Kalender daran, dass vor genau fünf Jahren der Wegesammler seinen ersten Bericht in die Welt warf und schon ein bisschen gespannt war, ob das irgendwen außer der Hauptadressatin interessieren würde. Zunächst einmal war es schön, dass die ganze Geschichte in einer komplett neuen Materie rein technisch überhaupt funktionierte, Text und Bilder angezeigt wurden und die noch in Windeln liegende URL von jeder Stelle aufzurufen war. Die Zugriffszahlen lagen zu dieser Zeit geradeso im einstelligen Bereich, und auch das war an sich schon erfreulich.

Blick auf den Gipfel

Seit 2015 hat sich die Übersichtskarte nun erfreulich gefüllt und die Zahl der Beiträge kratzt an der neunzig. Zu den Zugriffszahlen lässt sich sagen, dass es bereits nach einigen Wochen täglich welche gab, was ein weiterer Grund zur Freude war. Für die Weiterverbreitung kamen neben der Mund-zu-Mund-Variante aus einem kleinen Kreis heraus bald schon kleine orangene Pappkärtchen mit QR-Code ins Spiel, die per Reißzwecke an sinnvollen Orten blieben. Und bald von Aufklebern abgelöst wurden. Etwas später kamen noch Bierdeckel hinzu, die an überdachten Rastbänken abgelegt gleich mehrere Formen von Sinn erfüllen – zum Beispiel die empfindlichen Tischflächen vor Kratzern durch verbeulte Trinkflaschen zu bewahren.

Weg von Zinndorf nach Werder

Zwischendurch gab es erfreuliche Episoden in Print- und Funkmedien, die letztlich mitverursachten, dass ein zentrales Fernziel schneller als gedacht Form annahm: im März letzten Jahres erschien im geschätzten be.bra verlag ein richtiges Buch, ein wunderschönes noch dazu, das gleichermaßen für den gemütlichen Sessel oder den bequemen Schuh taugt. Jedesmal, wenn ich es in die Hand nehme, durchströmt mich eine warme Mischung aus Freude und Ehrfurcht, die an Intensität nicht verliert.

Bahndamm in Rehfelde

Nicht zuletzt im wohlwollenden Rückblick auf diese Zeit der ersten Schritte im neuen Medium passte es gut zur Jahreszeit, eine liebe alte Tour der ersten Stunde aus der Schublade zu kramen, etwas daran rumzufeilen und vor Ort zu schauen, was noch gleich war und was sich verändert hatte – fünf Lenze später. Noch dazu kam die erste Möglichkeit seit Monaten, die Bequemlichkeiten eines Gasthauses zu genießen und in diesem Rahmen sogar frischen Spargel zu verschmausen, der doch auch in diese Zeit gehört. Wer sich noch erinnert: es ging um eine Herzensfreundin und einen faustsprengenden Blumenstrauß, davon abgesehen auch damals schon um Spargel, gesungene Töne und Lilien. Obwohl es nur eine Woche früher spielte, sah die Natur so völlig anders aus, war der Raps noch nicht verblüht, dafür das klassische Kornrandbunt bereits komplett.

Zustieg zum Gipfel des Rock

Rehfelde

Die neu frisierte und etwas nach Norden hin aufgepumpte Runde beginnt diesmal nicht in Werder an der gepflanzten Riesen-Lilie, sondern direkt am frisch renovierten Bahnhof Rehfelde, wo ein schöner Rastplatz direkt zur ersten Pause verleitet. Doch die Berge locken, die geschlossene Schranke lässt noch den Zug nach Berlin durch und schon kurz darauf sind am grünenden Hang eines Walles die ersten Mohnblumen zu entdecken, direkt neben der dunkelsten Variante des violetten Flieders.

Mohn auf den Wiesen

Hinter den letzten Häusern erhebt sich voraus das flächige Plateau des Fuchsberges, der als Erhebung mit bloßem Auge kaum wahrzunehmen ist – anders als weitere Berge dieses Tages. Der Fuchs im Übrigen spielt als Namensgeber in Rehfelde an vielen Stellen eine Rolle – vielleicht fände sich in der Heimatstube eine passende Erklärung dazu. Das Rehfelder Wappen jedenfalls erwähnt ihn nicht, beschränkt sich auf das namensgebende Huftier mit dem guten Sprungvermögen.

Gipfelkreuz

Jenseits der stillen Landstraße zieht ein beruhigender Weg in die Weite, die sich zwischen dem Mühlenfließ und dem Dorf Rehfelde mit dem Klumsberg ausdehnt. Links spielen größere Flächen orangenen Mohns und die allerersten Kornblumen mit den Farbkontrasten und werden vom kühlen Wind in Bewegung gehalten, deren Charakter an Absinthgenuss denken lässt. Auf der anderen Seite des Weges steht die klassische Feldrandmischung aus Rot, Blau, Weiß und Gelb bereit, schützendem Korn sei Dank weniger durchgeschüttelt.

Weg am Mühlenfließgrund und Vergleichsbild zum gelblastigen oberen Bildschirmrand

The Rock

Auch dieses Mal wollen wir uns nicht das Gipfelglück entgehen lassen und erklimmen auf einem der bequemen Aufstiege den höchsten Punkt des namenlosen Berges, der von unten gesehen an den aufsehenerregenden und tief hängenden Wolkenbändern zu kratzen scheint. Das Gipfelkreuz befindet sich in Gesellschaft einer Handvoll grundverschiedener Steinbrocken, auf denen sich gut pausieren lässt. Unten vom dichten Wald reiht eine Nachtigall ihre Strophen so laut, als würde sie gegen das ruppige Dauerrauschen einer Autobahn ansingen. Doch rauschen hier nur die Wipfel der Bäume, so intensiv, wie es sonst eher Küstenwälder tun.

Ginster im Walde

Da heute der erste Tag ist, wo Gaststätten wieder Kundschaft empfangen dürfen, war eine Reservierung angebracht, ist somit ein Termin zu beachten. Die Zeit sitzt recht bequem im Nacken, noch ist ein dickes Polster übrig. Dennoch drängen Vorfreude und Hunger, die Pause hier nur kurz zu halten. Daher belassen wir es beim Vernunftschluck und dem Genießen der Aussicht zur Rüdersdorfer Skyline, die heute also gänzlich ohne Gelb auskommen muss. Das gilt auch für die Stelle, die seit fünf Jahren und auf Wunsch einer einzelnen Dame die Leser am oberen Rand des Bildschirms empfängt – und heute völlig anders aussieht, abgesehen vom Wegweiserschild und den charakteristischen Schlängeln des Weges. Links im Wäldchen blüht ausufernd der Ginster und tröstet mit etwas Ausgleichs-Gelb im kräftigsten Dotterton.

Blick in die Wiesen am Mühlenfließ

Bereits am Bahnhof hatte sich ein Lieder-Stein ins Bild geschoben, der erste in einer langen Reihe, die entlang des Liederweges bis nach Werder reicht. Die unverwüstlichen Granitsäulen mit den Metalltafeln sehen aus, als wären sie erst vorgestern installiert worden, und auch dieses Mal summt es lautlos oder leise in Kehle, Kopf und Brustkorb oder fast nur in Gedanken. Angesichts der vollständig verzeichneten Liedtexte kommt man sogar weit über die titelgebende Zeile hinaus, staunt manchmal, welcher Vers aus jenem Lied stammt oder wie viele Strophen es von diesem gibt. Die polnischen unter ihnen sorgen bei Ungeübten sofort für kleine Auffahrunfälle der Zunge und körperlose Fusseln im Mund, allein beim Versuch, eine Zeile ins gesprochene Wort zu murmeln. Doch auch hier dürfte Übung den Meister machen.

Textblatt am Liederweg

Nach dem Passieren eines Misthaufens, der ebenso hoch ist wie der jüngst bestiegene Berg, dazu noch frisch und äußerst deftig für die maiverwöhnte Nase, gibt es kurz nach einer kapitalen Eiche die erste Berührung mit dem Mühlenfließ, das auch heute in Bewegung ist und hier aufs passende Lied trifft – ich sage nur klipp-klapp. Eine kleine Schnelle, gebaut aus gerade noch wurffähigen Feldsteinen, sorgt für untermalendes Gurgeln.

Kirchhof in Zinndorf

Falls keine Weide abgezäunt ist, kann man gleich links abbiegen und das Bächlein ein Stück begleiten. Hinter einem nicht immer offenen Tor endet der Weg dann zwischen Hintergärten und Viehgattern und kommt gleich darauf an der Straße heraus. Von hier bis zur Tränke sind es jetzt nur noch ein paar Minuten. Trotz Reservierung sind wir hochgespannt, denn die letzte reguläre Einkehr ist drei Beiträge bzw. gut zwei Monate her.

Zinndorf

Doch alles klappt, alle geforderten Bedingungen sind erfüllt und das Essen schmeckt so gut, wie es das jedes Mal tat. Der Chef bedient heute selbst, was den besonderen Bedingungen des Jahres geschuldet ist. Durchaus besonders ist auch das erste von frischem Schaum gekrönte Kaltgetränk seit März.

Unterwegs nach Werder

Am Ortsausgang schickt ein betagter Traktor in dumpfem Prusten die Zündungen seines Einzylinders durch die Röhren, denen sich wie stets bei solchen Motoren gut folgen lässt. Anfangs bleibt unklar, ob es sich tatsächlich um eine Mobilie oder doch nur um das stationäre Triebwerk für einen Transmission-Riemen handelt, doch irgendwann bewegt sich der Ton und der dürre Oldtimer stakst auf hohen Beinen gen Dorfmitte, nunmehr mit erhöhtem Puls.

Weg von Zinndorf nach Werder

Entlang des gediegenen Weges von Zinndorf nach Werder hätte sich diesmal nicht der Ansatz eines Blumenstraußes pflücken lassen, denn Grün in zwei Dutzend Schattierungen ist einfach nicht bunt genug. Doch der Geburtstag der erwähnten Freundin liegt schon eine Woche zurück und wir können entspannt den tänzelnden Weg genießen, an dem inzwischen viele junge Bäume nachgepflanzt wurden, die einmal die Lücken zwischen den großen alten Kronen füllen werden. Voraus rückt bald die stämmige Kirche ins Bild, zu deren Füßen in der Form eines riesigen Wappens eine Lilie wächst – gepflanzt als Rabatte. Nicht ohne Grund, denn neben dem „Weg der Lieder“ läuft über größere Strecken auch der Lilien-Rundwanderweg mit, der unsere heutige Norderweiterung noch ein Stück begleiten wird.

Schattiger Weg nach Garzau

Werder

In der Mitte von Werder zählt ein dunkelrot leuchtender Schilderbaum eine ganze Latte schöner Worte auf, die links und rechts attraktive Ablenkungen versprechen. Doch wir bleiben geradeaus auf der Spur und treffen hinter der Bahn alte Bekannte wieder, darunter einen stämmigen Eichenbaum, seinerzeit ein schattiger Pausenplatz, an einem Tag mit dreißig Grad und umgeben von einem Meer aus gelbem Raps. Zwischen die satten Grüntöne mischt sich heute nur das Weiß der Kastanienkerzen und des Weißdorns, die gemeinsam eine neue Duftmischung beisteuern.

Garzau

Kirchhügel in Garzau

Rund um die Garzauer Kirche liegt die erste Rasenmahd, die ganze Dorfmitte ist erfüllt vom würzigen Duft, die mäherische Tüchtigkeit findet derweil in den Vorgärten ihre Fortsetzung. Schräg gegenüber geht es zum Gutshaus, das in letzter Zeit durch verschiedene private Hände ging und ganz gut in Schuss ist. Der zugehörige Schlosspark ist umzäunt, doch auch außerhalb lässt es sich schön durch den Wald flanieren.

Schmettausche Feldsteinpyramide

Die eigentliche Besonderheit im Orte, die ganz standesgemäß einen Superlativ hält, ist erst seit vergleichsweise kurzer Zeit wieder als solche zu bestaunen und befindet sich ein paar Minuten entfernt. Zu verdanken ist ihr heutiger Zustand einem rührigen Verein, der aus einem scheinbar strukturlosen Steinhaufen ein echtes Schmuckstück mit markanten Farbkonturen zauberte, das als größte Feldsteinpyramide im ganzen Land gilt und über verschiedenartige Innenräume verfügt.

Feldsteinpyramide überm Weinberg

Die Pyramide thront auf einem Hügel, an dessen Südflanke ein kleiner Weinberg angelegt wurde. Den jungen Rebstöcken haben die frostigen Kapriolen der letzten Wochen ziemlich mitgespielt und es bleibt zu hoffen, dass sie halbwegs heil davonkommen. Direkt davor erstreckt sich eine weite Wiese mit schöner Rastbank, auf der gerade eine hinreißende Tafel gedeckt ist, mit allem, was dazugehört.

Die kleine Gesellschaft drumherum ist bunt eingekleidet, die Kinder in ständiger Bewegung, und so erinnert das Bild ein wenig an ein Gemälde. Vom benachbarten Feuchtland kommen einige der gut gebauten Mücken herangeschwirrt, doch der Wind zerstreut sie, noch ehe sie in den heiteren Bildaufbau eingreifen könnten. Bestiegen werden kann die geländerlose Pyramide mit ihrer Aussichtskanzel übrigens nicht, zumindest so lange jemand guckt. Und irgendjemand guckt bestimmt immer. Doch das geht in Ordnung, denn mit Geländern sähe das trotz klarer Symmetrien leicht archaische Bauwerk irgendwie zu brav aus, könnten die Farbkonturen nicht so wirken, wie sie wirken sollen.

Südflanke der Feldsteinpyramide

Nach dem Verlassen des Pyramidenhügels zieht sich der Weg durch schattige Wälder verschiedener Gestalt im weiten Bogen rund um den Weinberg, der hier nur so heißt, wie er heißt, doch durchweg reblos ist. Vielleicht sollte er seinen Namen mit dem des Pyramidenhügels tauschen, ganz gütlich. Fern vom Ortsrand her kommt die ganze Zeit ein nerviges Maschinengenöle, das man gern einem gewissen Zweck zuordnen würde, um es entspannter zu ertragen. Nach zwanzig Minuten scheint die Arbeit getan, die gewonnene Ruhe ist regelrecht wohlig, wie kühle Salbe auf einem hartnäckigen Mückenstich. Am Ende des Waldes zeigt sich hinter weiten Wiesen eine stille Straße, die sofort den Wunsch an Fahrradfahren weckt und zwei Gedanken später Max Raabe ins Landschaftsbild montiert, natürlich passend gekleidet. Jenseits der Straße ist anhand allerlei Buschgewächs eine feuchte Senke zu erahnen, die selbst kaum sichtbar wird, so dicht ist der blühende Botanikgürtel.

Naturschutzgebiet Zimmersee

Ein zu sammelnder Weg lockt uns erfolgreich, wird immer schmaler, doch versiegt nie ganz. Zum verblassenden Försterpfad eingelaufen drückt er sich dicht am nassen Land vorbei und erlaubt ein paar zaghafte Einblicke in den sumpfigen Kern. Rund um die Pfadspur wurden winzige Bäumchen gepflanzt, denen dünne grüne Röhren im ersten Lebensabschnitt Schutz vor hungrigen Mäulern geben und trotzdem Licht durchlassen. Passend dazu steht weiter hinten ein junger Rehbock im klaren Kontrast vor dem Buschwerk, horcht erst, schaut dann und wittert schließlich, bevor er nach einer weiteren Gedenksekunde aus dem Stand einen Sprung hinlegt und in Sekundenfrist verschwunden ist.

Jüngster Nachwuchs am Zimmersee

Rehfelde-Siedlung

Bald sind größere Wege erreicht, kurz darauf der Rand von Rehfelde-Siedlung. Rehfelde, der Ort mit den vielen Abteilungen, der quasi von zwei Stationen der Regionalbahn bedient wird. Einer davon ist der S-Bahnhof Herrensee, der Ausflügler leicht aufs Glatteis führen könnte, denn er bezieht sich auf den Strausberger Ortsteil und weniger auf den ein ganzes Stück entfernten See selbst, der eher am S-Bahnhof Strausberg Hegermühle liegt. Herrensee hingegen ist noch einiges weiter von Strausberg weg und würde glatt als Rehfelder Ortsteil durchgehen. Und der Bahnhof Strausberg wiederum liegt am Rand von Strausberg Vorstadt, zwei S-Bahnhöfe oder siebzehn Straßenbahnminuten entfernt vom eigentlichen Strausberg. Also Obacht Ihr Ausflügler mit den Bahnhöfen rund um Strausberg!

Glasierte Baumscheibe am Lehrpfad, Rehfelde

Naturlehrpfad Rehfelde

Einige kläffende Hunde und laufende Heckenscheren später stoßen wir völlig unerwartet auf einen kleinen und feinen Ort, der allein schon die ausflüglerische Anreise nach Rehfelde rechtfertigen kann, insbesondere mit Kindern. In einem größeren Waldstück inmitten der Siedlung wurde ein zauberhafter kleiner Naturlehrpfad angelegt, der so gar nichts hat von Schlaubergerei und dozierendem Zeigefinger. Zwischen verschiedenen kleinen Plätzen und großen Findlingen, einem Rodelberg und einem Spielplatz ziehen sich nadelweiche Pfade durch den Wald, die Geradlinigkeit vermeiden, sich zwischen Baumstämmen hindurchwinden und von Walderdbeeren und Himbeergestrüpp begleitet werden.

Lehrpfad am Rand von Rehfelde

Zwölf Stationen gibt es entlang des Weges und im Eingangsbereich am Erlebnisplatz ein kleines Kunst- und Meisterwerk, erst seit Kurzem. Sinnenfreudig wurde hier eine mehr als metergroße Baumscheibe der 165 Jahre alten Franzosenfichte mit mehreren Schichten feinsten Bootslacks überzogen, der auch diverse breite Risse ausfüllt, wie fossilienaltes Harz. Zuvor wurden jedoch an den entsprechenden Baumringen beschriftete Pfeile eingearbeitet, die Zeitabstände auf gleichermaßen einfache und eindrucksvolle Weise anschaulich machen. Nicht zuletzt staunt man über den geringen Abstand vom letzten markierten Eintrag 1968 bis zum äußeren Rand, wo einst die Rinde ansetzte. Die zum Streicheln animierende Oberfläche dürfte allen Wettern für lange Zeit trotzen.

Lehrpfadspur zum Spielplatz

Nach dem Verlassen des Waldes läuft uns noch zwei weitere Male der verbale Rehfelder Fuchs über den Weg. Beim großen Kaufmannsladen öffnet sich kurz die willkommene Option auf einen heißen Kakao, doch leider kommen wir ein paar Minuten zu spät, die Maschine für die heißen Sachen ist schon kalt und erwartet blitzeblank den nahen Feierabend. Doch der Tag, er ist auch heute noch jung und ließe sich durch eine Stippvisite in Strausberg passend krönen. Mit der Bahn wären das entlang einiger der erwähnten Bahnhöfe gut eine halbe oder knapp eine ganze Stunde, mit dem Auto geht es etwas schneller. Das ist heute sehr willkommen.

Strausberg

Ein paar Dörfer später sitzen wir in Strausberg an der Stelle, wo sich Straßenbahn, Bus und Fähre am nächsten sind. Die Konditorei an der Ecke mit Fährblick schließt in zehn Minuten, doch erhalten wir auf alle zaghaften Anfragen ein herzhaftes Ja samt aller Zeit, die wir brauchen, begleitet von einem breiten Lächeln. Und sitzen kurz darauf bei Cappuccino, Kuchen und Kakao, während die Fähre ablegt zum stets leicht melancholisch klingenden Ort Jenseits des Sees. Eine Amsel malt die dazu passende Musik.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz (0,5 Std.) nach Rehfelde

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 1 (ca. 0,75-1 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

be.bra verlag

Heimatstube Rehfelde

Deutsch-polnischer Liederweg

Lilien-Rundweg

Pyramide Garzau

Naturlehrpfad Rehfelde (PDF)

Einkehr: Gasthaus Zinndorf, Zinndorf
Zur alten Linde, Rehfelde (am Bahnhof)

Berliner Spaziergang – Spandau: Stille Wasser, Dosenfisch de luxe und die gelochte Riesengurke

Nach einem komplett sonnigen April, der in diesem Jahr ohne hochsommerliche Schmelztemperaturen auskam, brachten die letzten Tage des Monats den erhofften Regen, der viele Gewächse einen ersten Durst stillen ließ, erdigen Duft aus dem Boden lockte und für eine selten gesehene Explosion des Blattgrüns in Stadt und Land sorgte.

Mit einem Mal gibt es unter jedem Baum den dichten Schatten, der vermutlich in Kürze gern in Anspruch genommen wird. Die Blütenpracht der zweiten Aprilhälfte hatten die teils dicken Regentropfen von den Zweigen gespült und am Boden zu lichten Teppichen verströmt, die in Weiß, Rosa oder fast schon Violett ganze Bürgersteigpassagen bekleideten.

In der Spandauer Altstadt

Knapp zwei Meter darüber ist mittlerweile der Anblick halbverdeckter Gesichter zur Normalität geworden, wobei die Vielfalt der Masken so breit gefächert ist, dass sie manch modischer Geist vielleicht aus individualistischen Gründen lieber anlegt, als er eigentlich zugeben möchte. Gleichzeitig dürfen nun auch ohne triftigen Grund Füße vor die Wohnungstür gesetzt werden, wenn sie weiterhin einen Ausfallschritt Abstand zu anderen Füßen halten. Endlich also geht es von triftig nun den ersten kleinen Schritt in Richtung Triff Dich. All das ergänzt sich recht gut und könnte den Weg dafür ebnen, dass Ausflüge ins Umland und auch innerhalb von Städten wieder ohne ausschweifende Logistik möglich sind.

Besonders verlockend sind in diesem Monat des Entstehens, Wachsens und Sprießens die Düfte der erwachten Natur, die täglich breiter werdende Farbpalette und auch die Ablösung und Ergänzung der frühblühenden Vögel durch die beredten Plaudereien der Schwalben oder den meist fernen Ton des Kuckucks, den selbst Leute erkennen, die möglichst nicht mit dem Erkennen von Vogelstimmen in Verbindung gebracht werden wollen. Dank der vielen Sonnenstunden des Aprils liegt über weiten Trockenwiesen auch schon der Klangteppich zahlloser Grillen, und dazwischen lässt sich mit etwas Glück eine genial getarnte Eidechse beim Sonnenbad erwischen.

Schattige Wege im Spekte-Grünzug

Nachdem in den letzten Monaten ein überschaubarer Radius nur selten verlassen werden konnte, steht nun im Monat der vielen gesetzlichen Feiertage der Sinn nach etwas Ausflugs-Erlebnis, nach dem Gefühl besonderer Tage. Oder einem dieser immer wieder überraschenden Stadtspaziergänge innerhalb der Berliner Stadtgrenzen, wo man eigentlich das Meiste schon zu kennen glaubt. Denkste.

Knorriger Steg über die Kuhlake

Allerhand angekündigter Regen und kühle Temperaturen dieser Tage sowie breite Wege helfen an vielen Stellen und Grünanlagen dabei, auch einen ganzen Draußentag lang durch dicht bewohnte Gegenden zu schlurfen und doch kaum dem Gegenverkehr ausweichen zu müssen, um den rechten Abstand zu gewährleisten. Bevorzugt empfehlen sich stadtrandnahe Lagen mit Großsiedlungen, wie sie zum Beispiel in Marzahn, Rudow oder auch Spandau zu finden sind. Da sich in Spandau auch noch ein breites Flussgeschehen und das betuliche Bild einer westdeutschen Kleinstadt hinzugesellen, führt der Weg heute ans jenseitige Ufer der Havel, hin zu alten Gemäuern, einer Wasserstadt und einem imposanten Kletterfelsen. Und natürlich absolut vielfältiger Natur.

Stolzer Herr im Wildgehege

Spandau

Spandau trägt das komfortable Merkmal, sowohl ober- als auch unterirdisch erreichbar zu sein. Der endlose S- und Fernbahnhof ist ohne Zweifel eindrucksvoll, zudem Sekunden vorher die breite Havel überquert wird. Doch es gibt nur einen Ausgang, der mit etwas Pech am anderen Ende des genutzten Zuges liegt, und der Vorplatz ist laut und quirlig. Die nahe Spandauer Altstadt liegt im Kontrast dazu gemütlich auf einer Insel, in deren Norden die große Kirche und der älteste Teil der Stadt mit einem Rest der Mauer stehen. Genau dazwischen liegt der Ausgang des U-Bahnhofs, nach dessen Verlassen man sofort eine Altstadtgasse unter den Sohlen hat und schon bald den Kirchturm sieht, der schon im ausgehenden Mittelalter über dem Markt wachte.

Doch nicht nur diese Lage bietet einen guten Grund, Spandau in gelben Zügen zu erreichen. Allein die Fahrt auf der U-Bahn-Linie 7 ist durch ihre bunten und verspielten, phantasievollen und teils prächtigen Bahnhöfe ein Ausflugsgrund sowie eine gute Option zum Beispiel für einen drückend heißen Sommertag im kühlen Untergrund – Tageskarte kaufen, dann einmal bis Endstation, dann bis zur nächsten Endstation und wieder zurück nach dort, woher man kam. Unterwegs lässt sich beliebig oft aussteigen, einen Bahnhof komplett und im Detail beschauen oder in der Oberwelt kurz was Kaltes zischen und dann wieder abtauchen. Nach dem beliebig verlängerbaren Reise-Erlebnis der Sonderklasse ist es dann auch schön, das Kunstlicht des urbanen Orkus gegen das des heißen, hellen Sommers einzutauschen.

An der Nikolai-Kirche, Spandau

Altstadt Spandau

So gesehen ist also die Anreise eine leichte Entscheidung. Der U-Bahnhof Altstadt Spandau liegt tiefer als andere, da die Bahn kurz zuvor die Havel unterqueren muss. Es sind also ein paar Stufen mehr, die vom schön illuminierten Bahnsteig mit seinen wuchtigen und zugleich fein gezeichneten Säulen nach oben führen. Verlässt man den Bahnhof in Fahrtrichtung, fällt der erste Blick unter freiem Himmel direkt auf den Turm der Nikolaikirche, die mit ihren gut 600 Jahren nur gut 100 Jahre jünger ist als die älteste Kirche Berlins – die übrigens denselben Namen trägt.

Die Spandauer, das wurde an anderer Stelle schon erwähnt, legen einigen Wert darauf, nicht als Stadtteilberliner gesehen zu werden, sondern eben als Spandauer. Und in der Tat gibt es keinen vergleichbaren Kiez in der weitläufigen Stadt, der so am Rand liegt und zugleich so ein eigenständiges Stadtbild zeigt, wie es vergleichbar eher mit schönen Vororten wie Strausberg oder Bernau ist. Auch die Lage jenseits der Havel trägt noch dazu bei, und natürlich auch die ovale Form samt der Insellage zwischen breitem Fluss und dem Stadtgraben, über dem auch die erwähnten Überreste der Stadtmauer stehen.

Stadtgraben um die Spandauer Altstadt

Von der Kirche zum Markt sind es nur ein paar Schritte. Ein Großteil der Geschäfte hat nur halb oder gar nicht geöffnet, alle anderen können unter Einhaltung der Hygiene-Regeln betreten werden. Das ist erst seit wenigen Tagen möglich und wird dementsprechend gern angenommen. Auf dem gemütlichen Marktplatz sind die kleinen Bäume schon dicht belaubt, alle Sitzgelegenheiten werden benutzt und Pappbecher erleben eine Zeit, in der sie nochmal richtig sinnvoll sein dürfen. In der Fußgängerzone reichen Ansteh-Schlangen von vier Leuten bis weit auf die Zonenmitte, sodass auch hier ein wenig Slalom angesagt ist, damit sich niemand zu nahe kommt. Doch es funktioniert gut, viele Lächeln wechseln ihre Besitzer und selbst beim belebten Markttreiben vor dem riesigen Rathaus ordnet es sich ganz passabel.

Von hier führt eine kuriose Unterführung auf die andere Seite des breiten und stark befahrenen Altstadt-Rings, der irgendwie auch gut zum Bild der westdeutschen Kleinstadt passt. Hier gab es wohl einmal Laufbänder hinab zum U-Bahn-Eingang, von denen noch die Gummi-Handläufe zeugen. Der Untergrund ist mittlerweile asphaltiert und man bewegt sich mit eigener Kraft. Auf der anderen Seite, im linken Augenwinkel nimmt man gerade so den langen Fernbahnhof wahr, landet man sofort in einem lichten Park mit alten, großkronigen Bäumen, der den Beginn eines vielfältigen Grüngürtel bildet, direkt hier am lauten Bahnhofseck.

Grünzug mit Aussichtsberg in Spandau

Bis zur Stadtgrenze lässt sich nun weitgehend unberührt vom Verkehr spazieren, vorbei an Wiesen und Senken, Seen und Laken und so manchem herrlichen Spielplatz. Nördlich des länglichen Wegesystems erheben sich Hochhäuser, links halten Einfamilienhäuser und Kleingärten die Giebelhöhe eher flach. Besonders schön für diese Zeit jetzt ist, dass meistenteils Wege für Leute mit Rad oder Fuß parallel laufen, weit seltener ausgewichen werden muss.

Plankenweg vor der Zeppelinstraße

Hinter einem halbrunden Areal mit bunt bepflanzten Nutzgärten öffnet sich ein weiter Wiesenpark, über den ein kleiner Hügel wacht. Der ist immerhin so hoch, dass der Hauptaufstieg über eine Treppe in acht Schwüngen zum Gipfelplateau führt, auf dem sich ein Rund von großzügigen Bänken für Blicke in alle sechs Himmelrichtungen anbietet. Die Sicht ist weit, in Richtung der erwähnten Nikolai-Kirchen bzw. des Funk- oder Fernsehturms jedoch durch dichtes Wipfellaub maskiert. Auch im Norden zwischen den Hochhäusern ist alles grün und zu Füßen des Hügels viel Platz für alle möglichen Freizeitsachen.

Auf einer der Bänke sitzt eine Frau, die sofort aufspringt, als Sie uns sieht, und zu erzählen anfängt. „Ah, dit sehick glei – ihr seid Geokescher, haaick sofort jesehen, ditt kennick schon, haaick erkannt wejen den Jerät da, Ihr macht Geokesching, haaick glei jeseen.“ Sie geht dabei langsam auf uns zu, und obwohl Sie einen Mundschutz trägt, weichen wir zurück, so höflich wie eben möglich, wegen einsfuffzich. „Wusstich sofort!“ Es ist eben schon ins Blut übergegangen, und das ist zwar auf den ersten Blick erschreckend, doch beim zweiten Hindenken eigentlich eine gute Sache, dass es quasi automatisch läuft, zur Gewohnheit gewachsen ist. Da es ja nun noch eine Weile gebraucht werden wird, als eins von drei Basis-Werkzeugen.

Spekte-Grünzug, Spandau

Auch wenn wir längeren Wortwechsel vermeiden wollen, lassen wir die Dame nicht gänzlich im Unklaren und erzählen, dass es so ähnlich ist, doch wir eher allgemein schöne Orte suchen und nicht kleine Schatzdöslein mit Zetteln. Sie ist’s zufrieden und wollte ohnehin gerade gehen – und ist auch schon auf dem Weg nach unten. So allein auf dem Gipfel sehen wir jetzt, dass es neben dem gediegenen Stufenaufstieg auch noch einen buschumsäumten Downhill-Sandweg sowie einen breiten Rodelhang für weiße Tage gibt.

Spekte-Grünzug mit dem Kletterfelsen

Unten ist kurz eine Verneigung vor dem Buschwerk angesagt, dann stehen wir wieder auf den Angeboten des Wegesystems. Ein kleiner Waldstreifen, in dessen Bäumen es nur so summt von Bienen und Vergleichbaren, geht über in einen einstigen Feuchtwald, der jetzt trocken liegt und dessen frisch begrünte junge Weiden eine Optik von Bambuswald erzeugen. Mittenhindurch führt ein breiter Bohlensteg, hinter dem die etwas breitere Zeppelinstraße quert. Die ist jetzt bis Falkensee bzw. für die nächste Stunde der letzte direkte Kontakt mit dem Verkehrsgeschehen.

Der Kletterfelsen über dem Spektesee

Spekte-Grünzug

Dahinter beginnt nun der sogenannte Spekte-Grünzug, der etwas südlicher mit dem Bullengraben noch ein Geschwisterchen in unmittelbarer Nähe hat. Ab hier ist die kleine Senke wahrzunehmen, die zwischen dem asphaltierten Radweg auf der einen und dem gepflasterten Fußweg hier liegt. Hinter einem kleinen Teich und der benachbarten üppigen Wiese mit groß angelegten Biotop-Hecken tritt voraus eine charakteristische Gestalt ins Bild. Deren Proportionen entsprechen nicht unbedingt gängigen Schönheitsmaßen, ziehen einen jedoch sofort in ihren Bann. Erst muss noch die Trasse einer alten Kleinbahnlinie überquert werden, die als Bötzowbahn bekannt war und Spandau mit dem havelländischen Umland verband.

Wer den Wuhletalwächter unweit des Ahrensfelder Berges kennt, hat sicherlich auch schon von diesem sandsteinhaften Gebilde gehört oder sogar obendrauf gestanden. Das westliche Pendant des Kletterfelsens steht zwar nicht ganz so spektakulär in der weiten Landschaft, ist dafür aber noch ein paar Köpfe größe und bietet ebenfalls Routen verschiedener Schwierigkeitsgrade sowie unten einen Boulder-Bereich.

Dunkle Wolken über der Spekte-Lake

Die skulpturhafte Gestalt mit ihrem durchsteigbaren Lichtauge, in die sich bereitwillig verschiedenste Motive interpretieren lassen, bietet soghafte Fotomotive vom Spekte-Grünzug aus, auch vom benachbarten Hügel oder vom Seestrand. Der Auslöser kommt nicht zur Ruhe, Begleiter müssen geduldig sein. Aus direkter Nähe weicht jedoch der Charme, da der Felsen des Deutschen Alpenvereins vorsorglich mit einem sachlichen Zaun umgeben wurde. Einen eigenen kleinen Ausflug wert ist der Anblick dieses Kletterfelsens definitiv, zumal direkte nebenan ein Badesee mit einem Kiosk lockt, der irgendwann wieder öffnen wird.

Der Große Spektesee, in dessen Schilfgürtel sich die Wasservögel wohl fühlen, lässt sich in einer knappen halben Stunde komplett umrunden. Am Westrand des Sees beginnt ein Graben, der aktuell trocken liegt und von einem schönen Brücklein überspannt wird. Dahinter setzt sich das bewährte Zwei-Wege-System fort, teils schnurgerade wie ein münsterländischer Bahntrassen-Radweg, dann wieder kurvig. Ein weiterer Weg  begleitet gegenüber das Ufer. Üppig grün sind all diese Wege, links und rechts die Bäume und unten die Wiese, und das wahrscheinlich erst seit ein paar Tagen.

Gemütliche Brücke über die Spekte-Lake

Als wirksamer Farbkontrast türmt sich voraus ein blauschwarzer Himmel auf und kündigt nun konkret an, was als Prognose verheißen war. Manchmal weiß man, dass nicht bald zu handeln ist, sondern jetzt, also zücken und entsichern wir schon mal die Schirme. Auf der breiten Holzbrücke über die Taille der Spekte-Lake kommt dann die nasse Wand angerauscht und wir spannen auf und sehen zu, dass wir ans andere Ufer kommen. Dabei bietet sich die Brücke so schön als Ort zum Verweilen an, mit kleinen Stränden, schönen Ausblicken und Geländern, breit wie Rastbänke. Heute jedoch nicht.

Staaken

Drüben liegt ein aufgeräumtes Wohngebiet im Norden von Staaken, einem dieser Berliner Ortsteile, die ich irgendwie niemals werde zuordnen können und wahrscheinlich bereits morgen wieder vergessen habe. Auf dem Finkenkruger Weg treffen wir auf erste Erinnerungen an die Mauer, kurz darauf auf den Berliner Mauer-Radweg, dessen Schöpfer Michael Cramer in diesem Jahr erstmals nicht seine beliebten und unterhaltsamen Mauer-Streifzüge anbieten kann – nach zwanzig Jahren Tradition. Am Ende des Weges ist die Grenze zu Brandenburg erreicht, das jetzt für ein knappes Stündchen unter die Sohlen genommen wird. Apropos Mauer-Radweg – auch die Zwanzig Grünen Hauptwege von Berlin spielen heute wieder eine große Rolle, drei von ihnen begleiten mit verspielten Zahlen diesen Tag.

Baracken-Fundamente und Mahnmal des KZ-Außenlagers

Hinter der Landesgrenze geht es am Ende einer Birkenreihe mit Seeblick noch einen Schritt weiter zurück in der Geschichte – hier befand sich in der NS-Zeit ein Außenlager des bei Oranienburg gelegenen KZ Sachsenhausen. Auch wenn die Vorstellungskraft an ihre Grenzen gerät, selbst wenn man die lose verstreuten Tafeln aufmerksam liest – die freigelegten Fundamente, über die ganz langsam das Moos wächst, auch die sichtbaren Baracken jagen eine Reihe von Schauern über den Rücken und durchs Mark, und der stürzende Regen hat das Licht des Tages dazu etwas runtergedreht. Ein schlichtes Mahnmal erinnert an die Opfer.

Falkensee

Mit dem Verlassen des Geländes reißt der Himmel auf, letzte dicke Tropfen fallen noch triumphierend in den freigelegten Nacken, und erleichert findet man sich nach wenigen Schritten in der friedlichen Welt von Fußgängerampeln, Kaufhallenschlangen und Jugendlichen, die den Lenker ihres Fahrrades hochreißen, so wie man das selbst als Bengel getan hat. Was auch immer der Grund oder die Zielstellung war, sicherlich dieselbe damals wie heute.

Weg von Falkensee nach Falkenhöhe

Die Wohnsiedlung um die Berliner Straße ist ganz gelungen. Ein Grünstreifen führt vom großen Rundhaus mitten hindurch, und jeder hat zumindest ein bisschen Gartenfläche. Direkt hinter den letzten Häusern beginnt die Natur mit wilden Wiesen und Wald, durch den man nach Falkenhöh gelangt. Aus dem Wald duftet es sagenhaft und würzig nach dem kräftigen Regen, und jeder Atemzug animiert zum besonderen Genießen.

Waldweg bei Falkenhöh

Falkenhöh

Auch in Falkenhöh wird gediegen gewohnt, jedoch mit großen Gärten und vielen schönen Häusern. Martin Luther drängelt sich per Straßenname kurz ins Bild und wird dabei umgeben von einigen seiner Tisch- und Zeitgenossen. Nach dem Eintauchen in den Wald lädt jenseits des schattigen Mauer-Radweges der Nadelboden eines Waldweges ein, der bald von einem Stacheldrahtzaun begleitet wird und dennoch gemütlich wirkt. Noch schöner wird es natürlich, als er den Zaun verlässt und seine Spur weiter durch den Mischwald zieht.

Versteckte Zärtlichkeiten in der Kantine

Kurz ist rechts das Krankenhausgelände zu sehen. In entgegengesetzter Richtung stehen gegenüber des Waldrandes Pferde und später auch übergroße Rindviecher, die zu später Mittagsstunde gerade in einen großen Haufen Heu vertieft sind und es trotz regen Futterns und Wiederkäuens schaffen, mit dem Nachbarkopf in Hautkontakt zu bleiben, Schnauze an Wange oder Stirn an Ohr. Der Vorgang sieht ungemein weich aus, obwohl vier massive Hörner beteiligt sind.

Lichtung im Wald mit jungen Kastanien

Dahinter winden sich Pfade durch den Forst, in dem unvermittelt der Spiegel eines umzäunter Seerosen-Weihers mit kleinen Inseln und rechteckigem Grundriss aufleuchtet. Falls ein Weiher einen Grundriss haben kann. Hinter dem nächsten großen Weg erstreckt sich eine große Trockenrasen-Lichtung, in der es bereits jetzt tüchtig, schillernd und farbenprächtig summt, obwohl bislang kaum etwas blüht – das ist dann eher Sache des Sommers. Am Nordrand der Lichtung wächst eine blutjunge Kastanienallee heran, die man spätestens in zehn Jahren mal wieder besuchen sollte.

Im Spandauer Forst

Gegen schön gerade Wege mit angenehmer Breite weiß sich aller Planung trotzend ein Waldweg durchzusetzen, der diagonal mitten hindurch läuft, von besonders zartem Grün umhüllt ist und stets aufs Neue von sich überzeugt. An der nächsten größenen Kreuzung bietet sich dann eine Sitzgelegenheit zur Pause an, und während wir hier sitzen, passieren mit Hund, Rad oder nur sich selbst mehr Leute, als wir in den letzten drei Stunden getroffen haben –tief im Wald, hier in der Großstadt. Ist wohl der Direktzubringer vom Spandauer Siedlungsrand zum sagenumwobenen Eiskeller.

Siesta in Wildgehege Zwo, Sektion Muffelwild

Wasserzug Kreuzgraben/Kuhlake

Danach bringt uns der Diagonalweg umgehend wieder in die Einsamkeit, wird bald von einem kleinen Pfad abgelöst, der das noch zu verfeinern weiß. Umso mehr staunen wir, als am nächsten großen Weg auf einmal vergleichsweise viele Menschen unterwegs sind und aufs Neue ein Zaun mitten im Wald steht – hunderte Meter lang. Sieht aus wie ein Wildgehege, und ist in der Tat eins, in dem sich jedoch nicht eine einzige Schnauze oder ein behuftes Bein entdecken lässt, auch kein Geweih oder Gehörne.

Wildgehege No. 1, Abteilung Rehwild

Noch im Suchen führen die Schritte über einen idyllischen Wasserzug, auf dem sich verschiedenste Enten tummeln und der schwer danach aussieht, als müssten sich hier auch Schildkröten wohlfühlen. Der Blick auf die Karte eröffnet, dass sich ausgedehnt ein regelrechtes Wassersystem durch den Wald zieht, das unter anderem mit der Kuhlake und dem Kreuzgraben zu tun hat. Verschiedene Seen haben eigene Namen, andere nicht, und Inselchen gibt es auch so einige, was allen beteiligten Kleintieren und Vögeln bestens gefällt.

Kuhlake zwischen den Wildgehegen

Die folgenden paar Hundert Meter sind so zauberhaft, dass sich die große Zahl der Menschen und Familien klar nachvollziehen lässt. Natürlich belassene, weit ausholende Uferkanten, kleine knorrige Stege übers Wasser, zudem ein mehr als zwei Meter hoher Aussichtsturm, von dem sich nun auch die ersten Tiere entdecken lassen. Insgesamt gibt es drei Wildtiergehege, die jeweils ziemlich sortenrein Rehtieren, Muffeltieren und Schwarzkitteltieren vorbehalten sind.

Wildgehege Spandauer Forst

Kein Nerv für Zaungäste in Wildgehege No. 3, Abteilung Kittelwild

Die Fraktion der Rehe hat am meisten Platz, kann sich daher auch am besten verstecken und war aus diesem Grund beim ersten Versuch nicht zu finden. Die mit den Krummhörnern am Schädel haben sogar alpin anmutende Klettergipfel aus aufgetürmten Findlingen, wo sie überzeugend den Steinbock mimen könnten. Die meisten ziehen es zur Stunde allerdings vor, ein breit ausgelatschtes Buffet von feinstem goldenem Stroh als Ruhelager zum Dösen zu nutzen und nur ab und zu ein halbes Maul voll vom Polstermaterial zu verschmausen. Der einzige aktive Hornbock mimt dafür den Poser und stelzt mit gereckter Brust und hinten vorne als höher durch das lichte Unterholz, um zu zeigen, wie das eigentlich aussehen sollte.

Schöne Anlage des Johannesstifts

Auch bei den Rehen ist eher Mittagsruhe angesagt, man steht so bei den Hütten und plaudert im Stillen. Doch auch hier gibt es den einen, weder jugendlich noch Senior, der aufrecht zwischen diversen Hindernissen hindurchstolziert und dabei den charakteristischen Gang eines Elches zitiert. Allein bei den Wildschweinen schert es keinen der Bewohner, wer da gerade guckt und was er wohl denken könnte, denn hier gibt es wirklich Wichtigeres. Der Blick mit gespitztem Auge lässt gut getarnt im Stroh am Stall drei Frischlinge erkennen, welche die ganze Aufmerksamkeit der Alten fordern und dem Anschein nach pausenlos gestreiften Unfug ersinnen. Die Alten sind enorm gut gebaut und der Zaun kurz vor der Nase sehr beruhigend.

Evangelisches Johannesstift

Südliche Kuhlake im frischen Mai-Schatten

Vorn die Straße nach Schönwalde ist kaum befahren, ein kleiner Weg führt nebenher. Vor dem Bahnübergang ist links ein Gebäude-Ensemble mit breiter Mittelallee zu sehen, das einen näheren Blick wert ist. Die Anlage des Evangelischen Johannesstifts rund um die Stiftskirche erinnert ein bisschen an das ehemalige Wihelm-Griesinger-Krankenhaus in Berlin-Biesdorf, unweit des Bahnhofs Wuhletal, auf dem S- und U-Bahn sich die Bahnsteige teilen. Auch dort gibt es gewisse Symmetrien, eine Kirche sowie reichlich schöne Umgebung. Hier die Kuhlake, dort die Wuhle – und damit schon ein zweiter Bezug zum Wuhletal.

Vom Radweg rechts der Schönwalder Allee locken verschiedene Wege und Pfade wieder in den Wald. Das wird mit der Fortsetzung der Kuhlake belohnt, die hier nicht minder idyllisch im Laubwald ruht.

Die breite Havel an der Havelschanze

Hakenfelde

Nach etwas Straßen-Zick-Zack gibt es dann hinter einer markanten Siedlungs-Anlage mit schnieken Wappen recht unvermittelt großes Verkehrsgeschehen und direkt danach den ersten Kontakt zur Havel. Das Becken des Nordhafens reicht fast einen halben Kilometer hinein bis zur Straße, die Spandau und Hennigsdorf verbindet. Der Straßenname Havelschanze kündigt schon den großen Ausblick an, der ganz an ihrem Ende wartet. Breit ist der Fluss hier, und der Blick fällt hinterm Sportboothafen auf die relativ neue Wasserstadt in Halbinsellage, doch auch auf die echte Insel Eiswerder, die durch drei elegante Bögen in Stahlfachwerk mit dem Spandauer Festland verbunden ist.

Uferweg Richtung Altstadt Spandau

Eine alte Kastanie mit kugelrunder Krone hält ihre Arme bis fast zu den Balkonen der ersten Häuserreihe, dahinter wird der Blick freigegeben auf einen breiten Uferweg. Links liegen urige Hausboote, deren Aufbauten vermutlich nur mit Hammer, Nagel und Zunge im Mundwinkel errichtet wurden, rechts wächst gerade der Gegenentwurf in die Höhe – alte Industriegebäude mit Wasserblick, die aufgehübscht und höchstbietend veräußert werden. Hinten auf dem bewegten Wasser streben zwei Wildgänse gen Flussmitte, zwischen sich vier extrasüße Küken, die kaum über die Wellen des windigen Tages schauen können.

Stahlfachwerkbögen zum Eiswerder

Hinter der Brücke über den Eiswerder lässt sich mit etwas Wohlwollen eine Kopenhagener Impression empfinden, zumal gegenüber die Zitadelle einen ihrer vier Festungszacken weit in die Havel hält. An der nächsten Ecke lockt dann ein Mittagsangebot, dem wir nicht widerstehen können. Obwohl anhand äußerer Faktoren nicht abschätzbar ist, was einen letztlich erwartet. Ein Fisch-Restaurant bietet Fischtüten in drei Ausfertigungen an – die höchste Ausstattung bietet Fisch&Chips und klingt irgendwie verdammt gut. Nehmen wir, bereuen es nicht und bestellen gleich noch eine Portion nach.

Havelschleuse Spandau

Dargereicht wird die spätestens nach acht Hapsen fingerfettige Tüte mit frischem paniertem Fisch und kaum verbesserbaren Pommes frittes in einer ausgedienten Konservendose. Das hält die Tüte in Form, die Finger fettfrei und verleiht obendrein dem Ganzen ein bodenständiges, ansprechendes Design. Passend dazu klagen die Möven über der Uferkante, ergänzend faucht von der Havel ein frischer Seewind hinüber, und so ist die längst fällige Energiezufuhr in Großformat schon wenige Minuten nach dem Weitergehen konkret als willkommene Wärme nutzbar. An einem Tag, der so wechselhaft ist wie eine ganze Aprilwoche.

Uferpark nördlich der Altstadt Spandau

Bad Spandau a. d. Havel

Ein kleiner Weg schwenkt links zurück zum Ufer, dessen Grünstreifen sich hier wie ein Kurpark präsentiert – mit Pergolen, Symmetrien und Wasserbecken, ausgeformten Senken samt wohlplatzierten Findlingen und einladenden Bänken. Bad Spandau an der Havel – klingt gar nicht mal verkehrt. Berühmt für seine Bullenkur, die angewandte Spektegrafie und nicht zuletzt die Eiswerder Massagen.

Verbliebene Stadtmauer von Spandau

Hinter einem passend mondänen Tor auf Höhe der Brauerei bietet sich nun, wieder einmal unerwartet, ein Bildausschnitt dar, der mit den Elementen Historische Stadtmauer, Wassergraben und Kirchturmspitze das Gefühl nahelegt, wirklich ganz woanders zu sein, nicht kurz vor dem nächsten U-Bahnhof mit Direktverbindung nach Berlin-Mitte. Da die Anreise nicht weit war und die Einkehr im kalten Havelwind kurz ausfiel, ist der Tag noch jung – nichts weist darauf hin, dass man jetzt die Beine mal stillhalten sollte, kein tiefer Sonnenstand, keine Abendamsel und keine Leute, die entspannt im Biergarten sitzen.

Schwanennest am Fuß der Stadtmauer

Doch unterhalb der Stadtmauer liegt im Schilfgürtel schwer ein Schwanennest, in dem sich der Brüter vom Dienst in sich selbst zurückgezogen hat, den roten Schnabel im barocken Weiß vergraben. Das schließlich gibt den fehlenden Impuls und umgehend schwere Beine und müde Augen. Die Bahnhöfe der U 7 müssen auf der Rückfahrt wohl ohne unsere Aufmerksamkeit auskommen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Alexanderplatz mit U-, S- oder Regionalbahn (0,5-0,75 Std)

Anfahrt Pkw (von Berlin): div. Möglichkeiten (ca. 0,5-1 Std.)

Länge der Tour: 18,5 km (beliebig abkürzbar, auch per ÖPNV)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zum Spekte-Grünzug

Altstadt Spandau

Kletterturm Spandau

Geschichtspark Falkensee

Wildgehege an der Kuhlake

Evangelisches Johannesstift

Mauerstreifzüge mit Michael Cramer (für 2020 abgesagt)

Einkehr: div. Möglichkeiten am Weg oder unweit davon

Grobskizziert – Birkenwerder: Krumme Wege, zweitausend Planken und die eiskalte Briese

Nach einer längeren Winter-Pause und zwei Berichten mit blasskalten Bildern wollte ich für den nächsten Text eigentlich auf einen Sonnentag warten oder wenigstens einen mit ein paar Farben zwischen all den Schattierungen von Weiß zu Dunkelgrau. Doch nicht ohne Grund gibt es das funktionale Wort eigentlich …

Bei Kolonie Briese

Die zweite Februarhälfte sorgte mit viel Sonne und frühlingsmilden Temperaturen für farbenfrohe Meere früher Blümchen und hat im Gefolge schon erste Heerscharen pelziger Sechsfüßer in schwarz-gelb aus Ihren Plattenbauten oder Erdlöchern gelockt. Somit ist niemand vor Entzücken gefeit, der vor einem aufgerissenen Krokus auf die Knie geht, dann Nase und Augen langsam in Richtung Blüte schiebt und fast schon als Regelfall beobachten darf, wie sich zwei Summende friedlich in einer Blüte drängeln. Ob solches Geschiebe ein Geräusch hervorruft, wird ein menschliches Ohr wohl nicht ergründen können, ob sich hingegen das Summen zweier Bienen summiert, dürfte oberhalb der Wahrnehmungsgrenze liegen und damit schnell herauszufinden sein.

Auch wenn in manchem alten Schlosspark die strahlend gelben Winterlinge ihre Blütenblätter zu edlen Kelchen formen, teils in wohnzimmergroßen Teppichen – am beliebtesten beim Sammelvolk sind aktuell die Krokusse, die sich willig darbieten und dabei fast zum Mercedes-Stern aufreißen. Die stehen etwas vereinzelter und sind daher vielleicht nicht so verwirrend wie die dichtgedrängten Gelben. Das Schöne bei dieser Geschichte mit den Bienen und den Blüten ist ja, dass wirklich alle Beteiligten etwas davon haben, zufällig Vorbeitrottende inklusive.

Die Briese mitten in Birkenwerder

Sobald sich aber eine Wolke vor die Sonne schiebt oder gar der ganze Tag bedeckt ausfällt, kehrt Ruhe ein, was Farben und Gesumm betrifft. So hat der März  begonnen, mit Wolken, etwas Sonne und auch ein paar Tropfen und tritt damit dämpfend auf die Bremse des vorauseilenden Frühjahrs. Gut so. Doch eben wieder kühle, blasse Bilder, keine Sonne, wenig Farbe.

Im Papenluch

Fährt man – mit oder ohne Sonne – von Berlins Mitte nach Norden in Richtung Oranienburg, besteht die Wahl zwischen zwei Optionen, was sowohl für die S-Bahn als auch für die Straße gilt. Entweder über die nördlichen Dörfer im Bezirk Reinickendorf, Stichwort Frohnau, oder eben die des einstigen Ost-Berlins, wo Blankenburg die letzte Station auf dem Stadtgebiet ist. In allen vier Fällen ist die Stadtgrenze nicht klar zu spüren, vollzieht sich der Übergang vom Städtischen ins Dörfliche sehr fließend.

Weg von der Ortsmitte zur Briese

Birkenwerder

Genau auf der Mitte zwischen den äußeren Ringen von Regionalbahn und Autobahn finden alle vier wieder zusammen, und eben hier liegt das großflächig angelegte Birkenwerder. Das Dorf muss ohne klassischen Ortskern auskommen, da alles, was ihn ausmachen würde, etwas verstreut und jeweils für sich liegt. Einzig das riesige Post-Gebäude steht gleich am Bahnhof und spannt mit der Touristen-Information und ein paar Hotels so etwas wie einen Kiez auf, jenseits der Bahnbrücke gibt es auch noch einen richtigen Bäcker und einen hübschen Park mit Spielplatz. Doch vom Bahnhof zum Rathaus und von dort zur Kirche sind es jeweils mehrere Minuten.

Kneipp-Anlage an der eiskalten Briese

Die Briese

Eben dort, zwischen Rathaus und Kirche, trifft man auf einen roten Faden ganz anderer Art, der Birkenwerder auf zauberhafte Weise prägt und von seltener Schönheit ist, gerade wenn man bedenkt, wie dicht besiedelt der Ort und wie nah die große Stadt ist. Die Briese kommt vom Wandlitzsee  daher und verplätschert bis zur ihrer Mündung ins Havelwasser keine 20 Kilometer. Doch in diese Kürze packt sie so unerhört viel Wildheit und Naturromantik, ist ihr Tal so reich an Abwechslung und Pfadigkeit, dass es pure Verschwendung wäre, dieses Bächlein in einem Ritt abzuschreiten. Nach der Hälfte wäre das verarbeitbare Maß an Eindrücken voll, die Wahrnehmung würde auf Durchgang schalten und jede weitere Viertelstunde im Briesetal als Doppelung verbuchen.

Briese auf dem Weg zur Mündung

Die meisten Leute, die gern draußen sind, werden die Briese kennen, nicht zuletzt der guten Erreichbarkeit wegen, und so ist es oft voll auf den Wegen, muss überholt und ausgewichen werden und die Naturromantik ist zu teilen. Wie bei allen Schönheiten und Besucherzielen im Lande relativiert sich das mit zunehmender Entfernung vom nächsten Parkplatz, doch wer dieses verschwiegene und ursprünglich anmutende Bachtal wirklich still erleben möchte und möglichst nur Naturgeräuschen lauschen, ist mit grauen oder kalten Tagen gut beraten, die möglichst nicht mit S beginnen.

Spreewald-Referenz unweit der Havel

Während das mittlere Briesetal in seiner ausgedehnten Waldpassage zwischen Zühlsdorfer Mühle und Borgsdorf fern von Siedlungen in seiner eigenen Romantik schwelgt und die einzigen Anflüge von Infrastruktur zwei Landstraßen und ein Forsthaus mit wochenendlichem Imbissangebot sind, ist es damit im dicht bebauten Ortsgebiet von Birkenwerder keineswegs vorbei. Mitten durch die Siedlungsviertel ziehen sich unzählige Plankenpfade über nassen Grund, die oft nur wenige Minuten kurz sind und dennoch vergessen lassen, dass man sich mitten in einer Ortschaft befindet.

Bruchwald am Mönchsee

In diese Stege und auch all die anderen Uferwege wurde in jüngerer Zeit viel Geld und Mühe gesteckt, und so sind sie sowohl schön als auch dauerhaft und können selbst auf kleinsten Spaziergängen in eine eigene Welt entführen. Dank zahlreicher Brücken steht ein regelrechter Modulbaukasten zur Verfügung, der beliebige Kombinationen der Vielfalt dieses Bachlaufes gestattet. Inklusive des Zuweges vom Bahnhof wird schon ein halbstündiger Spaziergang zum kleinen Erlebnis, inklusive Uferpfad, Kneipp-Tretstelle und Wasserfällchen. Bei jeweils einer Viertelstunde Erweiterung kommen auf kurvigen Wegen spreewaldartige Wasserlabyrinthe, verwunschene Bruchwälder oder kleine Moorseen hinzu.

Uferweg am Boddensee

Die sonst eher dünn gesäten Plankenpfade, über die man sich im Harz oder der Rhön, auf dem Darß oder an der Müritz stets besonders freut, sind hier schon fast die Regel und verleiten dazu, den Weg bereitwillig Stück für Stück zu erweitern. Wer schließlich den Boddensee mit seinen terrassierten Grundstücken in Hanglage umrundet hat, kann direkt hier vornehm einkehren und entlang der Gleise zurück zum Bahnhof schlendern oder noch um eine ganze Stunde verlängern.

Nördlich der Autobahn wird es nach wenigen Minuten wieder still. Schon bald lässt die Briese jeden Besucher tief in die Natur von Mooren und Feuchtwäldern eintauchen, zeigt bald im ausgeprägten Tal ihr Waldgesicht. Ging es in Birkenwerder noch glatt und eben zu, werden jetzt auf wurzligen und windschiefen Uferpfaden die Balance und auch die Griffigkeit der Sohle herausgefordert.

Weg entlang des Papenluches

Briese

Wenn Laub an den Bäumen ist und der Kalender Wochenende zeigt, gibt es als Belohnung eine gemütliche Einkehr im Imbiss Briesekrug, der alles bietet, was ein Mensch im 21. Jahrhundert zum Überleben braucht. Direkt gegenüber besteht im herzallerliebsten kleinen Klettergarten ein attraktives Konkurrenzangebot in Form von Waffeln und Kaffee. Ganz nebenbei lassen sich hinreißende Szenen rein analoger kindlicher Freude beobachten, oben in den Seilen.

Brücke über die Briese, bei Kolonie Briese

Wer auch hier nicht von der Briese lässt und weiter bachaufwärts geht, läuft Gefahr, noch eine halbe oder ganze Stunde dranzuhängen, denn sämtliche Pfade locken überzeugend. Doch alle paar Kilometer gibt es Querungsmöglichkeiten und Uferwege stets auf beiden Seiten, so dass niemand denselben Weg zweimal gehen muss.

Alles, was der Mensch zum Leben braucht

Der Weg von Briese nach Birkenwerder und zum Bahnhof wirkt nach den intensiven Wahrnehmungsreizen vergleichsweise sachlich, auch wenn ein Wiesenpfad die kleine Straße begleitet. Nach der Autobahnbrücke gibt es zur Zerstreuung einige schöne Villen und großzügige Grundstücke zu beschauen, und kurz darauf ist auch schon der Bahnhof zu sehen.

Die Briese im ausgeprägten Tal

Wann auch immer man zum Briesetal reist, lässt sich eigentlich wenig verkehrt machen. Viel geboten wird mit Sicherheit, solange der Fluss am Fließen ist. Die Regler für Lichtstimmungen, Klänge und Düfte, für Fauna und Flora und jene für den Publikumsverkehr muss jeder nach seinem Geschmack bedienen und dementsprechend für Monat oder Tageszeit entscheiden. Und dann bald wiederkommen, in der nächsten Jahreszeit.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn nach Birkenwerder (wahlweise über Frohnau oder Pankow)(ca. 45 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 96a oder die B 96 (ca. 45 Min.)

Länge der Tour: ca. 14 km (Abkürzungen variantenreich möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Der östliche und mittlere Teil des Tales

Birkenwerder

Einkehr: Ratskeller Birkenwerder, im Ort
Briesekrug, Kolonie Briese (nur am Wochenende)

Görlsdorf: Schwanengeplauder, absolute Stille und der Mond am anderen Ufer

Wie es seit einigen Jahren üblich ist, schleicht sich die erste Frühlingsahnung bereits im ausgehenden Januar dezent in die Gehörgänge, ins tägliche Blickfeld und über die Atemwege auch direkt ins Herz und die Seele – wenn man denn einen gewissen Sinn dafür hat und zudem diesem Prozess keinen Riegel vorschiebt. Das mit dem Riegel dürfte gar nicht so einfach sein, denn es würde viel Weghören, Weggucken und einen effizienten Filter in der Nase erfordern.

Fjordbucht am Schlabendorfer See, bei Wanninchen

Neben dem hoffnungsfrohen Gepiepe der Wintermeisen, die schon immer die allerersten waren, sind hier und da bereits abendliche Amselliedchen zu hören, wenn auch nur zaghaft, wie aus weiter Entfernung. So als stünde das genetisch verordnete Handeln der Schnabelmusik in ständiger Hinterfrage kalendarischer Anzeichen wie Tageslicht und Temperatur. Dazwischen krächzen immer noch die schwarzen Räuber mit den wuchtigen Schnäbeln, doch selbst die wirken verunsichert darüber, ob wirklich noch ihre Zeit ist und so viel Selbstbewusstsein angebracht.

Zu weiterem Zweifel beitragen könnten auch die flächigen Heere der ersten Winterlinge, die ihre gelben Satellitenschüsseln dorthin ausrichten, wo sie die Sonne vermuten. Dazwischen stemmen sich mit blütenweißem Geläute buschige Inseln von Schneeglöckchen aus der schneeplatten Wiese. Ob nun Sing- oder auch Krächzvögel irgendwelche Aufmerksamkeit auf zeitige Blümchen verwenden, ist nicht bekannt, doch vielleicht werden sie ja im Gesamteindruck als Kundschafter des Frühlings wahrgenommen.

Neben den erwähnten Vögeln, die ganz bequem auf Balkongeländern oder Fahrradlenkern sitzen können, sind jetzt im Januar noch immer oder schon wieder solche unterwegs, die eher das Volumen eines Fahrradanhängers ausfüllen würden und sich zumeist in flachem Wasser am wohlsten fühlen. Während Kraniche und Gänse in immer größeren Scharen in den Wasserlandschaften Brandenburgs überwintern, halten es die seltener zu sehenden Singschwäne eher noch mit althergebrachten Reisegepflogenheiten. Von Süden kommend, legen Sie auf dem Weg zu ihren Brutquartieren gern längere Pausen ein, und mit etwas Glück kann man sie im Januar und Februar an der Oder oder, was weniger bekannt ist, auch im südlichen Brandenburg finden.

Nördliche Luckauer Stadtmauer

Der Lauf der Oder ist insbesondere im Bereich des Oderbruchs vom Menschen beeinflusst, was bekanntermaßen ein hohenzollerscher Fritz zu verantworten hatte. Der hob damit in der Mitte des 18. Jahrhunderts und mit den damaligen technischen Mitteln einen komplett neuen Landstrich aus der Taufe und lockte mit gutem Marketing und etwas Trickserei zahlreiche Siedler aus ganz Mitteleuropa auf die neu gewonnene und fruchtbare Krume.

Was das südliche Brandenburg betrifft, legt gut zweihundert Jahre später abermals der Mensch Hand und allerschwerstes Gerät an eine vormals unauffällige Landschaft, einen leicht hügeligen Flickenteppich aus Wäldern, Feldern und Dörfern unweit von Luckau. Unter gut zwanzig Metern Erde lagerte hier großflächig ein Braunkohle-Schatz, der nach und nach gehoben wurde. Die freigelegte Kohle wurde ein paar Städte weiter in Energie umgewandelt. Bitter ist dabei, dass für lediglich fünfzehn Jahre Kohleförderung fünf Dörfer weichen mussten – ein Schicksal, das im gesamten Lausitzer Braunkohle-Revier weit über hundert Dörfer und zehntausende Menschen betraf.

Am Markt in Luckau

Eins dieser Dörfer trug den knuffigen Namen Wanninchen. Ein einziges Haus dieses Ortes steht noch, dicht an der Kante, vor der die riesigen Bagger einst stoppten. Rund um das verwinkelte Gebäude entstand ein Ausflugsziel besonderer Art, das den Namen Wanninchen am Leben hält, gemeinsam mit einem Gedenkfindling gleich nebenan. Dieser geschundenen Landschaft angenommen hat sich die Heinz-Sielmann-Stiftung, was auch für andere Landschafen vor den westlichen Toren Berlins, bei Storkow oder unweit von Rheinsberg gilt. Wenn es beim Namen Sielmann nicht gleich klingeln sollte, tut es das vielleicht bei „Expeditionen ins Tierreich“ – die Sendung des Tierfilmers lief mit ihm bis Anfang der Neunziger Jahre – mehr als 25 Jahre lang – und war eine der ersten ihrer Art. Da schließt sich jetzt ein ganz klein wenig der weit geschlagene Bogen von und zu den Singschwänen, auf die man hier hoffen darf zu gewissen Zeiten.

Das überschaubare Gelände des Natur-Erlebniszentrums ist gleichermaßen spannend für Kinder und Erwachsene und darüber hinaus gut geeignet für eine Wander- oder Radelpause. Auch ein Abendhimmel über der gewaltigen Landschaft des fjordartigen Schlabendorfer Sees lässt sich von einem der Aussichtsplätze in Vollendung genießen. Entlang der gemütlichen Wege finden sich weiche und weniger weiche Tiere, Kräuter-, Nasch und Findlingsgärten sowie ein ausgewachsenes Steinlabyrinth, in das sich auch die Ängstlichsten hineinwagen werden.

Blick auf die Dächer der Luckauer Altstadt

Wer diesen Ort mit gewisser Regelmäßigkeit, doch in größeren Abständen besucht, kann eindrucksvoll das Neuerwachen einer kompletten Landschaft beobachten – oder besser: langzeitbeobachten. Die Flutung des riesigen Sees gilt seit Jahren als abgeschlossen, und die bizarren Formationen des Abraums werden langsam, doch stetig von Pflanzen erobert, die knallhart sind und ihre Ansprüche ganz weit unten ansiedeln. Im ausgedehnten Totalreservat südlich des Sees stehen sie noch relativ vereinzelt, so dass zwischen ihnen viel Platz ist für zahllose Fährten verschiedenster Tiere, die schon mal ihre Reviere abstecken.

Luckau

Es hat einen gewissen Charme, wenn man sich so einem eindrucksvollen Gewässer wie dem Schlabendorfer See mit gewisser Ehrfurcht oder auch Vorfreude nähert. Das gilt für die großen Flüsse wie Elbe und Oder ebenso wie für diese unnahbaren Gewässer vergangener Tagebaue, die durchaus Assoziationen an Skandinavien wecken. In geeigneter Entfernung zum See liegt Görlsdorf, eins von dreien in Brandenburg. Der Weg dorthin führt über das Städtchen Luckau, an dem man keinesfalls vorbeifahren sollte. Rund um die Stadt zieht sich ein hübscher Stadtgraben, der von der Gehrener Berste gespeist und von einladenden Spazierwegen begleitet wird, auf voller Länge und teils beidseitig. Spaziert man dort entlang, sieht es zum Teil nach Spreewald aus, zum Teil schon nach Sachsen.

Gut Görlsdorf

Der Stadtgraben folgt der Stadtmauer, die zum größten Teil erhalten ist und gemeinsam mit den wuchtigen Kirchenschiff und den gemauerten Türmen der Stadt pittoreske Sichtfenster ergibt. Innerhalb der Mauern wetteifern in den Straßen und Gassen Dutzende Fassaden und Giebel darum, wer von ihnen am schönsten oder originellsten ist, insbesondere am verwinkelten Marktplatz. Und draußen vor der Stadt liegt im Süden der Stadtpark, dem man noch immer die gestalterischen Feinheiten der Landesgartenschau ansieht, die jetzt bald zwei Jahrzehnte zurückliegt. Nicht wundern also, wenn der Aufenthalt in Luckau länger ausfällt als geplant.

Kirchlein in Görlsdorf

Görlsdorf

Ein paar Dörfer südlich von Luckau liegt dann Görlsdorf, ein schönes und aufgeräumtes Dorf mit großen Backsteingebäuden, das schon ganz klar nach Lausitz aussieht. Zu sehen gibt es hier einen Schlosspark im Schneewittchenschlummer, in seinem Herzen ein verfallendes Backstein-Schloss, das an ein Forsthaus erinnert. Weiterhin einen Gutshof, der sich an einer schönen Sichtachse ausrichtet und mit edlen Pferden zu tun hat. Vorbei an der kleinen Kirche läuft die gediegene Görlsdorfer Dorfstraße, mit schönen Häusern zu beiden Seiten und Vorgärten in früher Blüte.

Glatt gepflasterte Landstraße nach Beesdau

Am Ende des Dorfes quert die Landstraße nach Beesdau, meisterhaft gepflastert aus den klassischen Steinen von der Größe einer Bauarbeiterfaust. Solche Straßen sind in der Regel alle längst dem Asphalt gewichen. Doch dafür fehlen hier die Argumente, so astrein und glatt sind die Steine verlegt. Vor dem nächsten Haus zweigt links ein schattiger Weg in den Görlsdorfer Wald ab. Der zeigt sich vielfältig – neben alten Eichen gibt es hier dunkle Fichtenwälder und nach der ersten Lichtung sogar einen schönen Lärchenforst, der passend zur Jahreszeit gerade abgedeckt ist.

Wanninchen

Hinterm Wald ist rechts kurz eine Wasserfläche zu ahnen, doch bei der Ahnung bleibt es. Hier und da sind aus der Ferne ein paar Kraniche zu hören, ein paarmal auch Gänse, doch auch dabei bleibt es. Voraus liegt nun das erwähnte letzte Haus von Wanninchen und beherbergt heute das Erlebniszentrum der Sielmann-Naturlandschaft Wanninchen. Gegenüber hockt zwischen weiten Streuobstwiesen ein rustikaler Schafstall, der samt Wiese auch in Märchenfilmen mitwirken könnte. Der Himmel ist gerade bedeckt, doch leicht kann man sich sommerlich herumtollende Lämmchen vorstellen, die unter blühenden Obstbäumen an Butterblumen zupfen, erst spielerisch, dann auf den Geschmack gekommen.

Aussichtsbank am Gedenkstein für Wanninchen

Das Sielmann-Gelände ist an Winter-Wochenenden geschlossen – die Öffnungszeiten sind zwischen dem Zurück- und Vorstellen der Uhren eher auf Schulklassen zugeschnitten. Das ist schade, da wir nicht aufs Gelände können und auch nicht zu den Schildkröten oder auf die Aussichtstürme. Es ist aber auch schön, da wir den berauschenden Blick von der Rastbank beim Gedenkstein und diese ganze riesige Landschaft rundherum exklusiv genießen dürfen. Wie exklusiv es in der Tat ist, merken wir erst, als wir eine Weile sitzen, ein Tässchen Tee geschlürft und fürs erste ausgeplappert haben, schließlich still werden angesichts dieser Dimension, die unbewegt zu unseren Füßen liegt.

Mondlandschaft am jenseitigen Ufer, Wanninchen

Hunderte Vögel sind auf dem See, die ihre Töne machen könnten. Der Wind könnte leise säuseln oder brüllend in die Gehörgänge donnern, denn das kann er gut an diesem See. In den Wipfeln rauschen. Doch nichts ist zu hören, keine fernen Kraniche, nicht eins der wenigen Flugzeuge, die den Korridor am Tag überqueren, auch nicht Herr und Frau Krüger aus Beesdau, die ihre nachmittägliche Ausfahrt auf dem Rad machen, wortlos, doch mit Kiesknirschen unterm Reifen. Es ist absolut still. Dicht dran an dieser Stille, wo man das eigene Blut in den Adern rauschen hört – was eigentlich nur in abgelegensten, halbmetertief verschneiten Winterwäldern geht.

In Faszination erstarrt staunen wir auf den See hinaus, suchen mit dem Fernglas die mannigfaltigen Horizonte ab, um vielleicht die Stelle zu erwischen, wo ein paar rastende Singschwäne im flachen Wasser stehen. Das erste Geräusch in der Stille sind scheinbar weit entfernte klassische Enten, die sich über einen derben Witz zerreißen. Kurz darauf irgendwo ein Kranichpaar. Dann wieder die Stille. Unvermindert eindrucksvoll. Das nächste Schnattern kommt erst nach einer Weile, auch dieses von weit her.

Beobachtungsplattform beim Natur-Erlebniszentrum

Erst nach dem zweiten Tee haken wir den Gedanken noch einmal nach und erinnern uns an eine Reportage, schon lange her, über Singschwäne. Dieses andere Schnattern, das müssen sie gewesen sein. Denn die großen Vögel singen ja nicht immerzu, wenn sie den Schnabel öffnen, sondern pflegen wohl tagsüber auch gemäßigte, normale Unterhaltung. Das Fernglas bringt schließlich die Bestätigung, hart am Rand seiner Reichweite. Sie sind es. Wir haben sie gefunden, ganz hinten in der Bucht, zwei Kilometer weg im Westen. Als greifbare Ahnung.

Man könnte hier noch ewig verharren, den Rücken angenehm gekrümmt, doch ist zum einen noch allerhand Rückweg übrig, zum anderen folgt jetzt eine schöne Passage entlang der noch nicht allzu alten Uferlinie. Genau jetzt kommt die erste Sonne des Tages heraus, verhilft dem See zu etwas Blau und schärft der Mondlandschaft gegenüber die Charakterzüge noch etwas nach. Der Blick reicht ewig weit nach Süden, und gemeinsam mit dem Dunst der Ferne erwacht nun wirklich der Eindruck einer Fjordlandschaft, wie man es schon länger vom Senftenberger See kennt. Mit jedem Rückblick von der kurvigen Straße erschaffen sich neue Gemälde der Naturromantik, gewinnt die Landschaft immer noch an Weite.

Blick über den glatten See nach Schlabendorf

Die scharfen Kontraste unterm klaren Sonnenlicht sind fast etwas irritierend nach einer grauen Woche mit irgendwie verschwommenem Wetter, stetem Griesel und Niesel und unentschlossenen Temperaturen. Es knallt regelrecht. Als wäre der Asphalt des Radweges gestern erst erstarrt, die Nadeln an den Bäumen frisch gewachsen und der gesamte See frisch überlackiert. Denn passend zur großen Stille für die Ohren fällt jetzt jene für die Augen in den Blick – diese große Wasserfläche liegt vollkommen glatt, nicht eine Kräuselung, und man hat den Eindruck, kein Vogeltier würde es wagen, im Flug etwas fallen zu lassen oder auf dem Wasser eine Spur zu provozieren.

Uferschilf am Schlabendorfer See

Es ist fast ein wenig unwirklich, so dass man sich jetzt und hier nicht über ein riesiges Seeungeheuer mit üblem Atem wundern würde, das mit einem Schlag des langen Schweifes den ganzen See zum Wogen bringt. Das könnte schon ein Größeres sein, denn der See ist im Schnitt knapp zehn Meter tief, im Maximum wohl über dreißig. Doch das Spektakel bleibt aus. Der See liegt weiterhin so glatt, dass jeder herausragende Zweig versunkener Bäume eins zu eins gespiegelt wird. Dementsprechend deutlich ist hinter einer winzigen Insel von der Größe eines Spreewaldkahns die Schlabendorfer Kirche klar erkennbar, wohlgemerkt mit Hilfe des Fernglases.

Rad- und Fußweg unweit des Ufers

Jetzt kommen die ersten Menschen ins Spiel, die hier Freizeit und Bewegung genießen, sei es mit Rollen unterm Fuß, Fifi an der Leine oder ganz einfach auf dem Rad, ganz ohne Gegenwind. Jetzt endlich kommen auch Frau und Herr Krüger, die demnach eher Schlabendorf zuzuordnen sind als Beesdau. Und nicht mal knirschen unterm Reifen, sondern lautlos über Asphalt rollen entlang einer jungen Allee. Die Ufer sind nicht mehr kahl, an vielen Stellen hat sich buschiges Schilf angesiedelt und befreit die künstliche Uferkante mehr und mehr von ihrer Sprödigkeit. Am Knick mit Blick auf Schlabendorf steht ein dreikantiger Unterstand, der vor allen Windrichtungen Schutz bieten kann. Gen See auch komfortabel mit Bank, gen Wegkurve informativ mit allerlei Tafeln. Hier treffen sich jetzt fast alle, die gerade unterwegs sind. Der See liegt stahlblau und glatt.

Skandinavische Impression im Osten

Schlabendorf am See

Ein Abstecher nach Schlabendorf ist bei ausreichend Zeit eine Option. Das Dorf, das es länger gibt als Berlin, ist im Rahmen der Wende um ein Haar der Abbaggerung entkommen. Ein hübsches Kirchlein steht dort, und seit einiger Zeit gibt es auch einen kleinen Seglerhafen.

Schutzhütte auf halbem Weg nach Schlabendorf

Wir wollen zur Dämmerstunde noch zum Kranichturm im benachbarten Freesdorf und drehen landeinwärts ab. Schon nach wenigen Minuten ist nichts mehr zu sehen vom großen See und seinen Landschaften, dafür kommt auf der schnurgeraden Straße nach Görlsdorf in einer Baumlücke das Görlsdorfer Kirchlein in Sicht. Das hätte man ihm auf die Entfernung gar nicht zugetraut. Ein tiefergelegter altrosa Golf rast in gewisser Inkonsequenz vorbei – weit schneller als notwendig, doch lange nicht schnell genug, um Interessierte zu beeindrucken. Rechts voraus vom nassen Borcheltsbusch sind jetzt schon die Kraniche zu hören, die man zu Hunderten auch am See hätte haben können, an einem anderen Tag.

Genau dort steht auch der Kranichturm, der bereits an der Landstraße ausgeschrieben war. Von hier lassen sich zur Zeit des Sonnenuntergangs ganze Scharen von Kranichen und Gänsen beschauen, die zunächst auf dem benachbarten Acker den Tag auswerten, dann aufwändig die Verteilung der Schlafplätze diskutieren und schließlich mit noch größerm Theater in die sichere Obhut des großen Moores umziehen. Der Turm bietet dafür einen komfortablen Logenplatz. Wer dazu neigt, in schönen Momenten die Zeit zu vergessen, sollte für den Weg hinab eine Taschenlampe dabei haben oder zumindest noch einen Akku-Balken übrig am drahtlosen Draht in die Welt.

Blick über die Felder nach Görlsdorf

Auf dem Rückweg nach Luckau treffen wir am Straßenrand auf eine Schafherde, ebenfalls sehr groß, doch abendlich verschwiegen. Der Schäfer macht gerade Feierabend und überlässt seine Schäfchen der Gesellschaft einer Handvoll kleiner Schwäne, die weiter hinten auf der Wiese stehen und leise schnattern, auf besondere Art. Ab heute mit Wiedererkennungswert.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): am Wochenende nicht praktikabel, auch in der Woche 2-3,5 Std. (über Lübben und Luckau)

Anfahrt Pkw (von Berlin): 1,5-2 Std. (Autobahn Ausfahrt Duben)

Länge der Tour: ca. 13,5 km, Abkürzungen möglich (wahlweise kann man direkt zum Natur-Erlebniszentrum fahren, Parkplatz für Autos und Fahrräder vorhanden); bitte beachten: fast die ganze Tour verläuft auf harten Belägen, dämpfende Sohlen empfehlen sich

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Luckau

Heinz Sielmann Natur-Erlebniszentrum Wanninchen

Hauptseite der Sielmann-Stiftung

Schlabendorfer See

Kranichturm am Borcheltsbusch

Einkehr:

Landgasthof Zum Auerochsen, Freesdorf
zahlreiche Gastronomie in Luckau

Potsdam Südost: Zwei Waldstädte, ein Wolfsrudel und die Herausforderung der Geschicklichkeit

Jeder, der schon einmal dort war, wird es gerne bestätigen: Potsdam ist eine landesweite Spezialität – oder anders gesagt: stellt man sich das Land Brandenburg als gut sortierte Konditorei vor, dann ist Potsdam die Vitrine mit den kunstvoll drapierten und edlen Kleinigkeiten der Confiserie. Hier ist auf überschaubarer Fläche so viel Schönheit, Anmut und Einzigartigkeit versammelt, wie es das so konzentriert nur selten gibt. Das macht die Stadt mit allem, was dazugehört, zu einer Kategorie für sich. Da Potsdam schon immer vor der Haustüre lag, immer schon einfach so da war und noch dazu von überall gut zu erreichen, lässt sich das manchmal leicht vergessen – dieses Besondere.

Entspannter Bär in der Waldstadt

Dabei ist schwer zu sagen, welches das schwerwiegendste Pfund der schönen und sympathischen Stadt ist. Da ist zum einen die Lage zwischen drei einzigartigen Parks, die jeder für sich einen eigenen Charakter tragen und zum Teil über Europa hinaus bekannt sind. Dort stehen über Dutzende Stellen verteilt und gern auch unerwartet Bauwerke in der Landschaft, die so ansehnlich sind und so trefflich arrangiert, dass sie andernorts schon ganz allein ein Ausflugsziel abgeben würden.

Dazu kommt noch die Allgegenwärtigkeit des Wassers der Havel, wie man sie ähnlich gelungen nur in der Stadt Brandenburg findet. Der Fluss umschmiegt Potsdam regelrecht verschwenderisch, und die Uferlinien haben so liebevolle Verläufe, als hätten selbst hier die namhaften Gartenplaner des 18. und 19. Jahrhunderts mit der Natur Hand in Hand gearbeitet und dafür unermessliche, mehr als nur königlich-preußische Budgets gehabt.

Nicht zuletzt und wohl am meisten charakterprägend ist es die einladende Stadt selbst mit ihrer freundlichen Atmosphäre, die auch abseits von pittoresker Innenstadt und Holländischem Viertel stets ein bisschen nach Altstadt aussieht, dabei immer echt und selten nur zugerechtgemacht erscheint. Allein der Eintritt vom Hauptbahnhof über die beiden Havelarme wird auch für regelmäßige Besucher stets besonders bleiben, immer etwas erhebend, wie ein freundlicher Empfang.

Abgesehen davon gibt es auch jenseits der allseits bekannten Areale vieles zu entdecken, was dessen wert und gut zu Fuß erreichbar ist. Sei es nördlich vom Park Sanssouci das Dörfchen Bornstedt mit seinem sehenswerten Gut und bunt-rasselnden Traditionen, oder im Westen des Parks die halbstundenlange, schnurgerade Lindenallee, zugleich die wohl ehrfürchtigste Annäherung an das Neue Palais. Die lässt sich übrigens gut mit dem Erklimmen des Reiherbergs bei Golm verbinden, auf dem es eine schöne Aussichtsplattform gibt nach Westen, auf das Wasserreich der Havel, das dort die Insel Töplitz schafft.

Blick in den herbstlichen Kletterpark auf dem Telegrafenberg, Potsdam

Von den pittoresken holländischen Fassaden im Neuen Garten wiederum ist es nur ein Katzensprung zur russischen Kolonie Alexandrowka, die mit ihren besonderen Häusern und deren bemerkenswerter Anordnung in eine völlig andere, detailfreudige Welt entführt. Und im Osten ist es von der weltbekannten Glienicker Brücke am weiten Havelwasserkreuz nicht weit zum Babelsberger Park. Durch den kann man ins böhmische Dorf Babelsberg spazieren  – wenn man sich nicht zu oft festguckt oder wiederholt im Kreise geht, mit oder ohne Absicht.

Südlich der Stadt gestatten ausgedehnte Wälder stunden- oder tagelanges Genießen von Waldeinsamkeit, von Duft und Stille, und fordern dabei die Beinmuskulatur nennenswert heraus – es geht zur Sache, wenn man es drauf anlegt. Während der westlich gelegene Wildpark noch recht übersichtlich zwischen den Seen der Havel liegt, begleiten die östlichen Wäldereien die Uferlinien bis nach Caputh und Ferch und bleiben auch dann noch lange Zeit geschlossen und dicht. Erst bei Beelitz gibt der Wald wieder Weite frei, was maßgeblich der Nieplitz zu danken ist und ihrem Tal.

Weniger spektakulär und dennoch lohnenswert geht es im Südosten Potsdams zu. Vom Hören bekannte Eckpunkte sind vielleicht der Telegrafenberg, die Waldstadt und der Ortsteil Schlaatz, der sich entlang der Nuthe streckt. Viel Natur ist hier im Spiel, darunter reichlich hügeliger Laubwald auf der Höhe und die flachen Landschaften der Nuthe im Tal, nicht zuletzt auch ein Stück von den erwähnten Parks, die irgendwie dazugehören zu einer Tour bei Potsdam.

Balgende Wölfe, Waldstadt II (zwischen Am Jagenstein und Kiefernring)

Mittlerweile hat der November begonnen und der Herbst ist auf seinem farblichen Höhepunkt angelangt, so dass es bunter nicht mehr werden dürfte und nach und nach die Farben aus dem Landschaftsbild verschwinden. Die Temperaturen, der Regen und der Wind verlangen lückenlos verschließbare Kleidung, und das Tageslicht wird mit jedem Tag sparsamer verteilt. Eine der schönsten und friedlichsten Kampfansagen an die immer kürzeren Tage sind die Laternenumzüge, bunt und vielfältig und überall. Und immer ein Bild des Friedens.

Wer davon abgesehen an klammen Tagen die Kinder vor die Tür locken möchte, findet neben der beliebig variierbaren Tourenlänge noch ein gewichtiges Argument in dieser Gegend: abwechslungsreiche und großzügige Spielplätze, die jeweils die Geschicklichkeit herausfordern und bis ins mittlere Teenageralter noch Interesse wecken dürften.

Potsdam Hauptbahnhof/Templiner Vorstadt

Wer also den Südosten von Potsdam erkunden will, kann damit direkt am Hauptbahnhof beginnen. Die Lage östlich der Havel ist insbesondere bei drohenden Nasswetterlagen von Vorteil, denn die Havel hat ein großes und erwiesenes Talent, dunkle Wolkenwände aufzuhalten. Nicht weit vom Bahnhof beginnt nach dem Queren aller Bussteige und zweier Straßen der Aufstieg auf den Doppelgipfel aus Brauhausberg und Telegrafenberg, letzterer mit seinem halben Dutzend Sternwart-Kuppeln, darunter auch der märchenhafte Einsteinturm. Auf halber Höhe schon löst der Wald die Häuser ab und lockt mit kleinen Pfaden in den herbstlich gelben Abgrund, denn nach links fällt der Hang steil ab und lässt erahnen, wie weit eine Aussicht reichen würde.

Gut gelagerter Findling in der Waldstadt II

Dem auf die Spur gehen lässt sich bodenfern schon drei Minuten später, denn hier wartet mit dem Kletterwald eine schöne Option, den Rest des Tages zu verbringen – selbst wenn die Kinder doch lieber zu Hause geblieben sind. Ansonsten kann sich die ganze Familie in die Seile hängen oder zum Teil auch unten bleiben – wer nicht klettert, vom schwingungsfreien Boden lieber Fotos schießt oder sich derweil im Waldbistro stärken will, muss auch keinen Eintritt zahlen. Alle anderen können in die Wipfel steigen und der Option auf Aussicht auf den Grund gehen, unter anderem.

Potsdam Waldstadt

Ist der November bereits fortgeschritten, fällt der Kletterwald in seinen Winterschlaf. Das ist nicht schlimm, denn nach beliebig langem oder kurzem Streifen durch die tausend Pfade dieses Waldes stößt man an den Rand der Waldstadt, die trotz ihrer Plattenbauten eine erstaunliche Behaglichkeit ausstrahlt, ihren Namen ganz zu Recht trägt. Die Wohnblöcke sind lose angeordnet und durchwebt von kleinen Wegen, und es ist immer Wald im Blick, nie nur eine Betonfassade. Direkt bei den Sportplätzen beginnt ein langgezogener Spielplatz, der es mit dem Kletterwald gut aufnehmen kann, noch dazu kostenlos. Überall hier stehen durchweg gelungene Holzfiguren – zunächst milde Waldgeister mit gewagten Frisuren, am kleinen Platz dann eine respektgebietende und zugleich knuffige Familie von Wölfen, denen ein tiefenenspannter Bär fortlaufend zeigt, wie es zugehen soll im Walde. Allein diese Figuren sind den Weg hierher wert, sei es nun über den Telegrafenwald oder von der nächstgelegenen Straßenbahnstation.

Uferweg an der Nuthe bei Schlaatz

Bald darauf geht es weiter auf einem Weg, der vom Charakter her an einen waldnahen Kurpark denken lässt. Kurz vor der Straße Am Moosfenn liegt klein, doch fein der nächste Spielplatz, auf dem unter anderem ein unegaler Findling von der Größe eines Schafes über einem Qualitätslager befestigt wurde. Das Gewicht des Brockens gestattet keine übermäßig schnelle Rotation, und doch ist es eine Herausforderung an die Balance, sich darauf zu halten – ein Platz, an dem man die Sportart Rodeo-Yoga aus der Taufe heben könnte.

Am Waldstadtcenter kreuzt die Straßenbahn, die hier zu beiden Seiten von schönen Spazierwegen begleitet wird, und auch diese geben dem Namen Waldstadt Recht. Die unaufgeregte Trasse dieser Bahn bildet die Grenze zwischen Waldstadt I und Waldstadt II. Schräg gegenüber stoßen wir auf die Gaststätte Zum Keiler und bemerken unsere knurrenden Mägen. Im Inneren erwartet uns keine Zeitreise und auch keine Ostalgie, vielmehr eine authentische Einrichtung, die etwa so alt sein dürfte, wie die Deutsche Demokratische Republik insgesamt geworden ist. Das Interieur wurde damals mit Bedacht ausgewählt, denn alles befindet sich in bestem Zustand. Wer mit Hammer, Sichel und geflochtenem Getreide aufgewachsen ist, dürfte sich mit dem nötigen Abstand auf angenehme Weise erinnert fühlen, wer ohne, kann sich hier ein gutes Bild machen, wie eine Gaststätte seinerzeit ausgesehen hat. Wir haben Glück, dass noch ein Tischlein frei ist, denn heute sind fast alle Plätze für Martinsgans-Esser vorbestellt. Die gute Küche gibt ihnen Recht, nicht nur, was die Gans betrifft.

An der Nuthe kurz vor dem Potsdamer Hauptbahnhof

Von hier aus ist es eigentlich nicht weit zu den Drewitzer Nuthewiesen, die durch den Kontrast zwischen dem nahen Industriegelände und der wasserdurchzogenen weiten Natur faszinieren. Um von der Waldstadt aus in den Genuss dieser Landschaft zu kommen, müsste man jedoch eine mittelgroße Kröte schlucken und zunächst das graue Industriegelände queren. Eine schöne Alternative dazu sind die verschiedenen Arten von Siedlung, welche die offenere Waldstadt I von der Nr. II unterscheiden und durch die sich ein direkter Weg zum Ufer der Nuthe ergibt.

Schlaatz

Der kleine Fluss strömt nach den Regenfällen der letzten Tage zügig seiner Mündung entgegen, die maushohen Wogen sind klar und alle versammelten Enten sehr beschäftigt. Direkt entlang des Ufers führt ein schöner, teils gediegener Spazierweg vorbei am Neubauviertel Schlaatz. Das sieht nun schon eher nach klassischer Platte aus, weniger nach Waldstadt. Am Zuweg liegt erneut ein kleiner Spielplatz mit Geräten, die das Geschick herausfordern – für große und kleine Füße. Im Herzen des Viertels gibt es unterhalb des Rewe-Marktes einen kleinen Marktplatz. Zwischen diesem, den Sportplätzen und dem Jugendklub Alpha liegt der gestaltete Parkstreifen Schlaatzer Welle, und rund um diesen dürfte wohl der Puls dieser Wohnstadt schlagen.

Schnittstelle zwischen Potsdam, Dorf Babelsberg und dem gleichnamigen Park

An den Wegen von der Nuthe und wieder zurück liegen neben dem erwähnten drei weitere Spielplätze, am Uferweg selbst harren herausfordernd amtliche Sportgeräte wie Reck und Barren. Dort am Ufer setzt sich der grüne Weg fort, oft schattig und bis zum Gleisgewirr, das dem Potsdamer Hauptbahnhof vorgelagert ist. Bis dorthin zeigt die Nuthe dem beständigen Rauschen der nahen Schnellstraße die kalte Schulter und lenkt die Wahrnehmung vom Ohr aufs Auge, das hier abwechselnde über Ufernatur und allerhand undurchdringbare Feuchtgebiete schweifen darf. Ganz zuletzt liegt auf der linken Seite still ein Weiher, beliebt bei Enten, Gänsen und dem hiesigen Graureiher. Angesichts des Wassers zu beiden Seiten kann auf diesem Wegstück durchaus ein kurzer Gedanke an den Spreewald aufflackern.

Portal in den südlichen Babelsberger Park

Der nächste knappe Kilometer geballten Verkehrsraums schleudert einen mit allerhand Asphalt, Schienenstahl und Rohrleitungen hart in die Stadt zurück und gleicht einem Tänzchen mit der Nutheschnellstraße – erst hin und hoch zu ihr, dann Aug in Aug und drunterdurch, zuletzt nochmal auf Tuchfühlung, doch nur fast. Und als wäre es nur ein Traum gewesen, ruht der Blick im nächsten Augenblick auf urigen Babelsberger Straßen, gepflastert, mit gemütlichen Häuslein und wunderschön dörflich.

Park Babelsberg

Gänzlich vergessen ist die kurze Grausequenz, wenn man durch das herrschaftliche Portal den Babelsberger Park betritt und sich in einer Märchenfilmkulisse wiederfindet, die gern ein wenig übertreibt. Der freigelassene Blick trifft auf alte Bäume, die gewaltige Kronen ausbilden konnten und mit kräftigen Ästen nach dem Boden greifen. Auf grüne Wiesenhügel und ein entferntes blaues Meer mit Segeln und Gestaden voller Grazie. Und auf Schlösser mit Türmen und Balkonen, Zierbrücken und goldenen Details und auch einen spätherbstlich leuchtenden Bauerngarten mit selbstgeschnitztem Zaun. Was für ein Wechselbad in dieser letzten Viertelstunde!

Bauerngarten im südlichen Babelsberger Park

Hinterm Strandbad steht dann endlich die erhoffte Bank für eine Pause, mit Blick auf die markante Uferlinie der Berliner Vorstadt und den eigenwilligen Bau des Hans-Otto-Theaters, dessen Architekt vielleicht einmal selbst in Sydney war und von fern die Oper sah, umspielt vom Wasser. Ganz im Nordosten ahnt man leise die Glienicker Brücke. Kaum Leute sind jetzt unterwegs in diesem schönen Park. Ein Grund dafür könnte die gewaltige Wolkenfront in dunkelblau am anderen Havel-Ufer sein.

Nach dem vorläufig letzten Kontakt mit der Nutheschnellstraße beginnt der Nuthepark, rund um die Mündung des kleinen Flusses in die große Havel. Die teilt sich genau an dieser Stelle in zwei Arme und schafft damit die Freundschaftsinsel. Direkt gegenüber der Nuthe-Mündung steht ein hohes Gebäude in Gestalt einer Kirche, das man mit seinem stählern-filigranen Turm für eine Kathedrale des Mobilfunks halten könnte. St. Smafo – in diesen Tagen keineswegs ein absurder Gedanke. Die Messen wären sicher gut besucht, der Blick gemeinschaftlich gesenkt und jedes Antlitz blass und blau erleuchtet.

Heilgeist gegenüber der Nuthemündung

In der Tat stand hier einmal die Heilig-Geist-Kirche, die es in den letzten Kriegstagen so übel erwischte, dass sie schließlich nach und nach abgerissen wurde – bis nichts mehr übrig war. Nachdem die Stelle über zwei Jahrzehnte brachlag, wurde Ende der neunziger Jahre ebendort eine Seniorenresidenz gebaut. Das prägnante Bauwerk zitiert die Umrisse der Kirche recht genau, inklusive der stählernen Turmspitze, die im urbanen Raum eben zunächst an eine Antenne denken lässt.

Nach dem überdachten Steg über das Nuthe-Finale verlaufen die letzten Schritte zurück zum Hauptbahnhof mit direktem Blick auf die Freundschaftsinsel. Das macht neugierig, und so steht jetzt schon fest, womit der nächste Potsdam-Tag eröffnet werden wird. Sicherlich bald schon.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit S-Bahn oder Regionalbahn nach Potsdam Hbf. (ca. 30-45 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise gemütlich über die B 1 oder schneller über Avus und Nuthe-Schnellstraße (45-75 Min.)

Länge der Tour: 14 km, mittels ÖPNV beliebig verkürzbar; Kletterwald bei Wegpünkt 4 (ca. km 1), großer Spielplatz rund um WP 16 (ca. km 4), kleiner Spielplatz mit drehbarem Findling WP 19 (ca. km 4,5), Spielplatz für geschickte Füße (ca. km 8, am Abzweig direkt vor den Sportplätzen Richtung Schlaatz gehen), weitere Spielplätze rund um WP 32

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Kletterwald auf dem Telegrafenberg

Potsdamer Ortsteile im Südosten

Informationen zum Park Babelsberg

 

Einkehr:

Bistro am Kletterpark auf dem Telegrafenberg
Zum Keiler, Friedrich-Wolf-Str. 11, Potsdam Waldstadt I
Restaurant Die Meise, Meisenweg 13, Potsdam Waldstadt I
Gartenlokal Zur Gurke, Zur Nuthe 2, Potsdam Schlaatz