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Karlshof: Weiße Luft, knirschende Kronen und die verschiedenen Wasserleute

Der erste Sonnabend im neuen Jahr fällt mit zwoeinszoweins auf ein Datum, das klingt wie ein Mikrophon-Check und sich zugleich bestens für Vermählungen empfiehlt. Mit dem Blick nach vorne werden insbesondere Liebespaare solche sommerfernen Termine geblockt haben, die sich vorrangig zueinander bekennen wollen und dabei wenig Wert auf superlative Feste, langwierig ertüftelte Tischordnungen oder monatelange Vorbereitungen mit erheblicher Unruhe für alle Beteiligten wünschen. Ferner sollte eine Hochzeit mit farbenfrohen Kleidern in weißer Landschaftskulisse einzigartige Hochzeitsfotos garantieren.

Oderstrand am Fähranleger

Aus praktisch-diplomatischer Sicht kommt noch hinzu, dass weder die herrische Erbtante noch lose Freunde aus weit zurückliegenden Zeiten ernsthaft verstimmt sein können, wenn sie beim Verschicken der Einladungen nicht bedacht wurden – die Limitierung der Gästeschaft ist ja ganz klar äußerlich bedingt und quasi gesetzlich geregelt. Einem schönen, persönlichen und unvergesslichen Fest steht damit nichts im Wege, und mit etwas Glück in Termin- und Ämterfragen könnte es sogar noch klappen, wenn man sich erst knappe dreizehn Tage vorher zu diesem Schritt entschieden haben sollte.

Neukarlshof an einem klaren Wintertag

Davon abgesehen ist das neue Jahr relativ unauffällig angelaufen, hat wie vorhergesagt den ersten Schnee gebracht in Stadt und Land und in direkter Folge viele herzige Szenen von Kindern und Eltern beim gemeinsamen Schneemannbau. Alle Augen sind in jeder Hinsicht nach vorne gerichtet, Hoffnungen und Ängste kabbeln dabei nach wie vor miteinander, und eine der wenigen verlässlichen Konstanten dieser Welt bildet wie stets der Umfang des Tageslichtes, der nun seit einigen Tagen erkennbar zunimmt.

Neptun in Gesellschaft

Wer sich durch schöne Landschaft bewegen will, sucht also besser nach wie vor die Einsamkeit. Diese gibt es zum Beispiel reichlich und in topfebener Weite im Oderbruch, welches mit seiner östlichen Lage zugleich den Vorteil bietet, dass man dem Winter ein Stück entgegenreisen kann. Vielleicht einen weißgepuderten Acker trifft oder eine unter den Schritten knirschende Deichkrone. Viele vereinzelte Dörfer wurden hier einst verwürfelt, die getrennt oder verbunden werden durch kleine und etwas größere Deiche.

Deichweg entlang der Güstebieser Alten Oder

Karlshof

Eins davon ist Karlshof, das nur zwei Dörfer entfernt liegt von Zollbrücke, dem Ort mit den Ziegen, dem herrlichen Theater und dem Gasthof am Deichsiel, das im Binnenland bestimmt nicht so heißt. Von hier bieten sich mehrere Möglichkeiten zum Oderstrom zu gelangen, und gleich zwei davon finden auf alten Deichen mit stoppligen Kronen statt, die insbesondere nach nassen Tagen eine grundlegende Beweglichkeit in den Fußknöcheln fordern. Die Vielfalt der Wege gestattet Spontaneität und Gelassenheit beim Planen des Wegverlaufes, der endgültig erst im Straßendorf Güstebieser Loose festzulegen ist, bereits auf dem Rückweg.

Deich bei Karlshof

Die Anfahrt, ganz gleich ob mit dem Bus oder auf eigenen Rädern, vermittelt insbesondere bei winterlicher Landschaft den Eindruck, sich durch die südlichsten Gegenden Skandinaviens zu bewegen, sei es nun das schwedische Schonen oder eine der großen Ostinseln des Königreiches Dänemark. Weite Blicke über erdschwarze Äcker, Baumreihen und Kopfweiden, versteckte Naturweiher mit struppigem Schilfgürtel. Und zwischendurch immer mal wieder ein ausladendes Gehöft, eine verfallende Scheune oder ein Dorf. All das im Bereich der Abstufungen zwischen trübem Weiß, fahlem Braun und Scherenschnittschwarz, doch durchs diesige Wetter durch und durch unscharf und damit eine stete Herausforderung für den Autofokus beiderseits der Nase.

Neukarlshof

Kurz vor dem Ort führt eine Brücke über die Güstebieser Alte Oder, einen zaghaften Nebenarm, der trödelig seinem launigen Verlauf frönt und in Wriezen schließlich auf die breitere Alte Oder trifft. Vor der Brücke sitzt in quietschorange ein Angler, was nicht einleuchtet und bald durch das Schild Treibjagd und weitere textile Farbschreie zwischen anderen Büschen erklärt wird.

Einer wie der andere Jäger schaut durchgefroren und ähnlich trüb drein wie der aktuelle Himmel, eine halbe Stunde später sehen wir dann den Grund. Anscheinend ist was durchgesickert vom Termin der Jagd, denn weit hinten auf dem nächsten Acker haben sich erstaunlich viele Rehe versammelt, vermutlich genau außerhalb der Reichweite einer herkömmlichen Flinte und scheinbar kreuzfidel. Mit kitzesfreudigen Bocksprüngen und Fangespielen vertreiben sie sich dort die Zeit, bis schließlich mit staubig-kaltem Messing-Timbre die Tonfolge des Halali ertönt. Nach dem sollte kein Schießeisen mehr entsichert sein, und selbst ein kess grinsender Rehbock im übermütigen Hopserlauf kann dann gefahrlos an jedwedem Jäger vorbeispringen.

Kreuzfidele Rehe auf dem sicheren Acker

Vielleicht war auch alles völlig anders, es ging eigentlich um den Fuchs und der hatte an diesem Tage etwas anderes vor. Uns kommt das Ende der Jagd jedenfalls sehr entgegen, denn so können wir die altgewohnte Richtung einschlagen, die vom Spannungsbogen her deutlich geeigneter ist. Erst verschlungen auf archaischen Deichen zur Oder, dann rückzu wahlweise direkt oder mit Extrabogen. Die leuchtgelbe Hülle ziehen wir dennoch über den Rucksack, damit eine Unterscheidung zum Haarwild jedem Schützen auch nach zwei Jägermeister noch möglich ist.

Zugegebenermaßen ist der Weg von Karlshof zur Oder ein alter Klassiker, woraus sich auch der Erfahrungswert vom Vorschuss auf den Winter erklärt. Wenn es in Brandenburg kalt ist, ist es hier ganz besonders kalt. Wer das nicht weiß und etwas Pech hat, kann durchaus einen unentspannten Tag erleben. Und auch wer gut gerüstet anreist, wird die Pausen nicht allzu sehr ausufern lassen.

Steg über die Güstebieser Alte Oder

Neukarlshof

Gleich am Rand des kleinen Dorfes mit der historischen Glocke in der Mitte lässt sich zusteigen auf den ersten Deich, der zugleich den direkten Weg ins benachbarte Neukarlshof darstellt. Das ist mit Schneeknirschen unter den Sohlen und weiter weißer Sicht nach Norden bald erreicht. Die schnurgerade Reihe von jahrhundertalten Doppelhäusern erscheint wie die Blaupause für eine historische Reportage übers Oderbruch, die von herbeigeholten Siedlern erzählt und von der Trockenlegung und Nutzbarmachung, dem Fritzeswort von der im Frieden gewonnen Provinz und alldem. Oder auch vom Aufbruch und Wiederaufbau nach dem letzten großen Krieg, mit wettergegerbten Landmännern und vorwärtsgewandten Kopftuchfrauen auf knatternden Traktoren.

Güstebieser Alte Oder

Mittlerweile sind die meisten der Häuser und Gärten in liebevollen Händen. Nur ein paar wenige noch bzw. deren Skelette warten auf Leute mit zwei rechten Händen und dem passenden Werkzeug, etwas übrigem Kleingeld und der belastbaren Lust auf solch ein jahrefüllendes Projekt.

Etwas abgeschlagen liegt noch ein einzelner Hof, und hier besteht dank eines kleinen Steges die Möglichkeit, auf den jenseitigen Deich zu wechseln. Auf dem kurzen Weg dorthin liegt ein Nadelwäldchen, das auf einem bemoosten Stumpf zwei bequeme Sitzplätze und dank der Tieferlegung sogar Windschutz bietet. Wir sind zwar keine halbe Stunde unterwegs, doch diesen perfekten Pausenplatz muss man einfach erkennen, auch wenn er etwas zeitig kommt.

Der andere Deich bei Karlsbiese

Der zweite Deich hier scheint nun etwas höher, zeigt links ein Naturprogramm mit Blick auf die Bögen des gemächlich fließenden Trans-Oder-Wassers und die begleitenden Schilffelder, rechts wechselnde Dorfbilder von Kerstenbruch, Neulewin und Karlsbiese mit eingestreuten Bewegt-Motiven in Gestalt von Radfahrern und Spaziergängern. Das Schwarz-Weiß der Großkulisse passt hervorragend zu den dargebotenen stillen Gemälden.

Einzelnes Gehöft im weiten Oderbruch

Ab und an queren Feldwege und auf ihnen vereinzelte Personen mit meist sportlichen Motiven, was wohl auf den festtagsbedingten Block von freien Tagen zurückzuführen ist, ansonsten eher die Ausnahme. In den deichständigen, hochgewachsenen Weiden hängen ausladende Knäuel von Misteln, die ein gewisses Eigenleben vermitteln. Ganz oben am Himmel werden nach und nach die letzten blassblauen Fenster zugezogen.

Deichweg bei Güstebieser Loose

Viele der kleinen Hochstände am Deich sind welk geworden und einfach an Ort und Stelle umgeknickt. An einzelnen windgeschützten Stellen scheint kurz die blassgrüne Wiesennarbe durch, die an diesem Tage regelrecht knallig wirkt. Und schon gleich wieder vergessen ist, angesichts des flächendeckenden Sprenkelweißes allumher. Kurz noch spielt die hochstehende Sonne mit der dichten Wolkendecke und sorgt für grauglitzernde Pastellimpressionen, um schon ein paar Dutzend Schritte später dem Diffusen die Bühne zu überlassen, mehr und mehr.

Wegweiser zur Sehenswürdigkeit

Erst werden die Horizonte unscharf, dann bricht erster Dunst den Rest des Lichtes und nach und nach verdichtet sich das Ganze zu regelrechtem Nebel, dämpft die Landschaft fürs Auge und fürs Ohr. Nur das Allernächste ist noch klar zu sehen, so zum Beispiel ein Wirtschaftshof mit einem großen Stapel alter Fenster, die verschiedenste Formen haben und sicherlich alle ihre Abnehmer finden werden im Verlauf der Jahre. Der Deich quert halbgefrorene Wassergräben und kleine Scharten, bewegt sich auch darüber hinaus nie auf genau derselben Höhe.

Weidenpark im nixenlosen Winterschlaf

Güstebieser Loose

Nur ein paar Minuten später weist ein halbwegs kurioses Schild links zum Weiden- und Nixenpark, der zuallererst natürlich die Frage aufwirft, aus welchem Blickwinkel Weiden und Nixen in eine gemeinsame Kategorie fallen können. Der Gedankenzweig, dass Weiden auch eine Form von Fabelwesen sein könnten, erübrigt sich sogleich, denn die krautige Fläche zwischen Deich und Wasser wird besiedelt von wortwörtlich verwurzelten Weidenzelten, die so groß sind, dass in ihrer Mitte ein Mensch mitsamt Bommel- oder Zipfelmütze aufrecht stehen kann.

Falls in den lebenden Zelten außerhalb der Touristen-Saison die Nixen wohnen, haben diese anmutigen Gestalten sich vor der Kälte ins fließende Wasser verzogen. So wollen wir sie nicht in Verlegenheit bringen, belassen es dabei und erklimmen erneut den Deich. Vielleicht treffen wir sie ja später bei Neptun, auch wenn beide wohl zu ganz unterschiedlichen Welten gehören. Doch mit dem Wasser zumindest haben alle maßgeblich zu tun.

Polnisches Dorf jenseits der Oder

Oderdeich

Kurz vor dem großen Oderdeich endet der Weg an der kleinen Landstraße. Hier befindet sich zwischen allerhand Informationstafeln eine Rastraufe für Durchreisende, dort ein großer Parkplatz, der auf die Nähe der internationalen Fährverbindung hinweist. Gleich hinterm Deich beginnt eine andere Welt, die wieder etwas nordisch wirkt und an küstenvorgelagerte Salzwiesen oder die Überflutungsflächen eines dem Meere zustrebenden Flusses erinnert. Die Sicht reicht so kurz, dass manchmal im Unklaren bleibt, ob gerade wirklich die große Krone eines Baumes zu erahnen ist oder nur das Auge erfolgreich seine Interpretation ans Gehirn verkauft hat. Zumindest die unzähligen Gänse sind klar zu hören, wenn auch nie zu sehen. Passend dazu tränken große und kleine Pfützen sichtbar das ohnehin feuchte Land, das bereits zu den Oderauen zählt.

Klarsicht aufs polnische Fährdorf

Zum Flussufer selbst ist es noch ein knapper Kilometer auf der Straße, deren Nebel alle paar Minuten von ein paar Scheinwerfern durchbrochen wird. Wäre die Sicht klar und der Wind gegenwärtig, würde man hier mit Sicherheit gehörig frösteln. So tappt man durch die eigene Bewegung wohltemperiert gen Polen und steht schon bald vor einer aus daumendicken Eisenplatten geschnitzten Darstellung von Neptun. Der rauschebärtige Scherenschnitt schaut von einer kleinen Anhöhe über den Oderlauf, auch wenn er gerade gar nichts sehen kann. Seine zweidimensionale Darstellung wird erweitert von zwei rumstromernden Bengels, die mit ihren Rädern hier und da hin rollen und schauen, ob irgendwo mehr los ist als wo sie gerade sind.

Neptun am Oderstrand

Gozdowice (Güstebiese)

Noch ein paar Schritte sind es bis zum Fähranleger. Kurz vor dem Ufer wird die Straße zur Schräge, die leicht überfroren und daher mit Vorsicht zu genießen ist. Zwar ist das Oderwasser klar und geruchlos, doch ein ungeplantes Winterbad kann sich schnell zu größeren Unannehmlichkeiten auswachsen. Leute kommen und gehen, manche packen ihre Angeln aus und wollen länger bleiben, andere fahren bis auf den letzten möglichen Meter ans Ufer, schreiten mit verschränkten Händen auf dem Rücken den verbliebenen Schritt und eilen sogleich wieder zurück ins geheizte Blechkleid.

Oderstrand am Fähranleger

Der Blick hinüber zum einstigen Luftkurort Güstebiese erlaubt gerade noch so das Erkennen der ufernahen Häuser und des Fährschiffes, das im vergangenen Jahr wegen ständig wechselnder Bedingungen und Unklarheiten eine Pause einlegen musste. Ein paar Minuten später ist gar nichts mehr zu sehen vom Nachbarland, und selbst am hiesigen Ufer reicht die Sicht nur bis zum nächsten Büschel Schilf. Entgegen allen Erwartungen fährt Neptun zu Füßen ein richtiger Linienbus vor und ist schon bald wieder verschwunden.

Oderfjord der Güstebieser Alten Oder

Nach einer Uferpause neben dem leisen Plätschern einer ufernahen Mini-Schnelle erhält Neptun die ausstehende Aufwartung. Für das Verlassen des Hügels wäre jetzt ein Schlitten oder eine olle Tüte gut. Doch letztlich geht es auch auf den eigenen Sohlen, die auf dem überschneiten Gras ein bisschen die Balance herausfordern und unten bei erreichter Endgeschwindigkeit ein paar Verzögerungstapser einfordern.

Oderfjord unter Klarsicht vom Großen Deich aus

Auf dem Weg zurück zum Oderdeich treffen wir auf den ersten Schneemann dieses Winters, der eine beachtliche Schulterhöhe zeigt, ähnlich der eines Dreikäsehochs. Zwei große und zwei kleine Hände haben das kühle Kerlchen soeben frisch vollendet, und ihnen ist mit geringsten Mitteln ein regelrecht vergnügtes Gesicht gelungen. Die Wiese drumherum ist vollständig freigelegt, was nochmal zeigt, wie perfekt der Schnee für die Erschaffung ist.

Auwiesen zwischen Oder und Deich

Ein kurzer Abstecher zu einem kleinen Oderfjord in den Auwiesen endet an einer amtlich versperrten Brücke, doch der Blick über die schilfumrandete Wasserfläche ist in beide Richtungen möglich. Vorn am Rastplatz ist gerade ein regelrechtes Getümmel, in dessen Konsequenz sich Menschen in vier verschiedene Richtung entfernen. Kurz nach dem Queren der Güstebieser Alten Oder lockt nun schon der nächste kleine Deich, und so entscheiden wir schon vor Erreichen von Güstebieser Loose für die kurze und stille Variante des verbleibenden Weges – die Sicht reicht ohnehin nicht weit, und was heute schon geboten wurde, ist absolut in Ordnung.

Hoch über den Wolken ziehen immer wieder große Formationen von Kranichen zwischen Lager- und Futterplätzen hin und her, in der nebligen Hälfte der Tour auch große Gänsescharen. Hierbei bleibt unklar, ob es sich um eine riesige Eins handelt oder doch nur um eine Kleinfamilie, denn drei Gänse können nahezu genauso vielstimmig und laut krakeelen wie ein ganzer Flugverband.

Wir werden überholt von einem flinken Paar, dem Stöcke zur Vierbeinigkeit verhelfen. Das ist hilfreich, denn auf den Deichwegen liegt unterm Schnee noch feuchtes Laub, das das Prinzip der Gleitfähigkeit jeweils vervielfacht und unsere Schritte aller Eleganz beraubt. Manchmal will der aufrechte Gang eben verdient sein.

Unterwegs nach Neukarlshof

Güstebieser Loose

Auch hier im Dorf gibt es eine Bushaltestelle und selbstverständlich ein Hochhaus, das aus den Zeiten der LPGs stammen dürfte. Auch der bunte Zaun davor ist noch im Originalzustand. Vorm Friedhöfchen biegt links der Weg nach Neukarlshof ab, der nun auf schwarzem Schotterzeug verläuft und eindrücklich mit der verschneiten Landschaft kontrastiert. Aus dem Nebelnichts taucht ein einzelnes Gehöft auf. Noch ein paar weitere folgen, bis schließlich die markante Häuserreihe von Neukarlshof an Farbkraft gewinnt.

Nicht retuschiertes Neukarlshof auf dem Rückweg

Neukarlshof

Wer nicht gerne Wege doppelt läuft und auch nicht über den Steg von vorhin zum anderen Deich wechseln will, kann jetzt einfach auf der Straße unterhalb des Deiches bleiben, die ebenso direkt nach Karlshof führt und dabei festen Tritt und schnellen Schritt ermöglicht. Vom Jägerneon ist nichts mehr zu sehen, die Tiere auf dem Boden können sich also wieder ihrem regulären Tagewerk widmen. Eine Etage höher lässt sich die Wintermeise nicht vom dichten Nebel stören und schickt euphorisch ihr Gepiepse in den Äther.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Strausberg oder Werneuchen, dann per Bus (mehrere Umstiege)(ca. 2,5-3 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (B 158, B 168) über Werneuchen und Wriezen (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 12 km (Varianten und Erweiterungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Fähre Güstebieser Loose (Fährzeiten)

Informationen zu Nixen und Nixern

Weiden- und Nixenpark

Einkehr: keine Einkehrmöglichkeiten

Stadtrandtour Wannsee – Blattgoldrausch, Inselkapellen und ein Raum für Sehnsucht

Wenn dieses verquaste Jahr irgendetwas besonders gut kann, dann ist es Herbst. Für gute Laune reicht das nicht bei jedem, dennoch zieht es viele Menschen ins Freie, mehr als sonst üblich. Und in der Tat geht es besonders golden zu, sei es nun auf dem Lande oder mitten in der Stadt oder auch dazwischen. Novemberwetter gab es diesmal eher im Oktober, und das reichliche Gold im November lässt einen Tauschhandel vermuten, der vielleicht taktisch ausgeklügelter ist als man meinen sollte. Denn es gilt, die allgemeine Trübnesse etwas aufzuhellen.

Goldener Teppich am Griebnitzsee

Trüb ist dieser November also weniger vom Wetter her, vielmehr ist er trüb für alle Häuser, bei denen eine Bühne oder eine Küche im Zentrum steht. Die Türen müssen zu bleiben und Optionen zur Vermeidung des völligen Stillstands verlangen nicht nur Phantasie, sondern auch noch irgendetwas in der Hinterhand. Und am besten etwas Platz unter freiem Himmel. Wer also noch entsprechende Reserven hat, etwas aus dem Ärmel zu zaubern oder aus dem Boden zu stampfen, kann meistenteils auf dankbare Gesichter und etwas weiter geöffnete Portemonnaies hoffen. Passend dazu hat die zentrale Tourismusstelle des Landes Brandenburg eine Webseite auf die Beine gestellt, wo sich herausfinden lässt, wer zum Beispiel Essen zum Mitnehmen anbietet.

Ungewöhnlicher Potsdam-Blick vom Berliner Gipfel

Ganz unabhängig von all dem macht das Tageslicht sein Ding und bietet der Natur damit eine verlässliche Größe. Grün wird zu bunt, herabgefallen dann zu leuchtend. Farbakzente liefert nur der Zufall hier und da. Es duftet nach Eicheln, nach Pappellaub und Pilzen, nach werdender und währender Erde. Pilzsammler kamen überraschend, weil später als gewohnt auf ihre Kosten und konnten schließlich noch gut gefüllte Körbe durchs Unterholz schleppen. Etwas höher im Wald wird es immer stiller, obwohl zwischen dem Gekrächze der schwarzen Einsilbigen nach wie vor dieses niedliche Finkengezwitscher zu vernehmen ist, manchmal auch schon ein paar frühe Wintermeisen.

Versammelte Sehnsuchten

Wannsee

Rund um Potsdam lassen sich, das ist nichts Neues, herrliche und besondere Tage verbringen. Viel Wasser und lebhafte Uferverläufe gibt es hier, Hügelländer voller Wald und dazwischen unzählige Accessoires für Historienfilme, so dicht gesät wie selten irgendwo im Lande. Noch dazu sind diese großen und kleineren Bauwerke meist in herrschaftliche Parkanlagen gefasst, die jeweils für sich schon als Tagesziel taugen.

Abendliche Wannsee-Ausfahrt

Wem nun selbst Potsdam zu weit weg ist, der findet all das bereits auf einer großen Insel, noch auf Berliner Stadtgebiet. Der Inselwerdung wurde einst von Menschenhand etwas nachgeholfen, nichtsdestotrotz gibt es nur eine Handvoll Brücken, auf denen sich die Insel Wannsee trockenen Fußes verlassen lässt.

Pergola-Gang an der Bismarckstraße in Wannsee

Der Uferweg vom Wannseer Hafen vorbei an der Pfaueninsel zur Glienicker Brücke ist quasi ein Klassiker, nicht zuletzt deswegen, weil sich die Tour an mehreren Stellen per Bus verkürzen lässt. Falls der Bus gerade weg ist, geht man einfach ins jeweilige Wirtshaus und lässt dort vielleicht gleich noch den nächsten Bus fahren.

Auch recht bekannt ist das bezaubernde Wege-Pendant am Südufer. Auch wenn hier die Ausflugsziele nicht Schlag auf Schlag folgen, sorgen die verspielte Uferlinie und der Verlauf dicht am Ufer für gutgehend Betrieb, nicht nur an sonnigen Tagen. Neonbunte Laufschuhe wollen amortisiert sein, Hunde ausgeleert oder Gedanken freigelassen. Will man nun die Insel einen ganzen Tag durchstreifen und trotzdem nicht zu viele Menschen treffen, ist auch das möglich – dank einem dichten Wege- und Pfadenetz.

Taille vom Kleinen Wannsee zum Pohlesee

Bhf. Wannsee

Vom Bahnhof ist es nur ein Katzensprung zum Gasthaus und Biergarten Loretta mit einem der schönsten Blicke auf den Wannsee. Auf der anderen Seite der Königsstraße kommt man durch einen kleinen Park zur Bismarckstraße, ein paar Minuten später schon zum ersten Kulturbeitrag am Weg: in einem kleinen Stückchen Grün oberhalb des Kleinen Wannsees steht das Kleistgrab mit seinem korpulenten Stein. Hier liegt der Dramatiker neben seiner Freundin Henriette Vogel, mutmaßlich an der Stelle, wo sich beide gemeinsam und wohlüberlegt von dieser Welt verabschiedeten.

Uferweg am Griebnitz-Kanal

Entlang der kleinen Pflasterstraße gibt es teure Anwesen, auch schöne und geschmackvolle, jeweils entsprechend die Gärten. Manche sind zugeknöpft, andere wirken historisch wertvoll und einige sind regelrecht verspielt. Im Gedächtnis bleibt ein langer Pergola-Gang aus rotem Gebälk, auf dem sich ein dichtes Dach aus Glyzinien räkelt. Hier und da blitzt unten die Wasserfläche durch.

Blick auf die Marina am Pohlesee und Turm auf dem Schäferberg

Unvermittelt endet die Straße am Wald und lässt die Auswahl zwischen zwei Wegen. Wer Muße hat oder ans Wasser will, geht rechts und kommt durch leuchtendgelben Laubwald bald zur Seentaille, wo der Kleine Wannsee zum Pohlesee wird. Neben vielen kleinen Stränden gibt es schöne Blicke hinüber zur Marina, edlen Bootshaus-Ensembles oder den Türmen auf dem Schäferberg. Die Topographie des Uferwaldes erinnert durchaus an namhafte Seekaliber wie den Wutzsee bei Lindow oder das schöne Geschwisterpaar von Liepnitz- und Hellsee.

Am Stölpchensee

Vor der Brücke zum Stölpchensee wird der Weg zum Kanal hin schmaler, dahinter steigt er etwas höher übers Ufer und gibt den Blick frei auf einen markanten Kirchturm. Der sieht irgendwie nach Schinkel oder Schülerschaft aus, der fehlende Turmspitz lässt sich von vier kleinen Eckzacken vertreten. Der Wald wird jünger und dichter, der Laubteppich zunehmend lückenlos. Bald darauf wiederholt sich am Ende des Sees die Geschichte mit dem Kanal und der Brücke, und jetzt endlich wechseln wir hinüber auf die Insel, die den restlichen Tag superb gestalten wird.

Am Ufer des Griebnitzsees

Hubertusbrücke

Drüben liegt unterhalb der Brücke ein herrlicher Biergarten, darin sehr einladend die hölzerne Hubertusbaude. Dass hier keinerlei Bewegung ist, liegt nicht an der Virenproblematik – die Anlage ist seit einigen Jahren geschlossen und sucht einen neuen Besitzer. Der sich hoffentlich finden wird, für diesen schönen Ort direkt am Griebnitzkanal.

Selten gesehenes Panorama über Potsdam

Am Ufer des gleichnamigen Sees kommt die Sonne heraus und adelt das Goldbraun, das Wege und Hänge bedeckt. So lückenlos ist der waldweite Teppich, dass der kleine Pfad kaum zu erkennen ist, der den Aufstieg auf den Moritzberg einläutet. Rutschig ist das Laub, sodass die ersten steilen Meter nicht nur auf den Füßen zurückgelegt werden. Schließlich greifen die Sohlen wieder, der Gang bleibt aufrecht. Das passt gut, denn wir renken uns die Blicke aus nach den fünfzig Kranichen, die direkt über uns sein müssen und doch nicht zu sehen sind.

Rennsteig-Impression auf der Deponie Wannsee

Moritzberg

Nach etwas Wegewirrwarr und einigen querenden Joggern und Mountainbikern geht der Aufstieg erneut zur Sache, nun breit und knirschend. Auf dem Gipfel suchen wir vergebens nach einem Pausenplätzchen oder einer Aussicht irgendwohin, finden jedoch anhängliches Dornengestrüpp und verworrene Wildpfade. Etwas unterhalb dann schließlich ein Holzschild, das einen Moritzberg benennt. Nur ein paar Schritte weiter kann das Auge über die entlaubten Zweige weit in die Landschaft schauen, nach Südwesten hin zu den Hochhäusern der Potsdamer Waldstadt und dem fernen Turm auf dem Ravensberg dahinter. Direkt nach Süden reicht der Blick weit ins Brandenburgische.

An der Waldmüllerstraße, Klein Glienicke

Abseits des Weges hören wir etwas rechts vergnügtes Geschnatter, ein Pfad führt dort hin und beides zusammen macht neugierig. Zwei Damen kommen uns entgegen und geben kichernd einen Aussichtsplatz der Sonderklasse frei, insofern, dass Potsdam von dort betrachtet aussieht, als läge es irgendwo ins Thüringische Bergland einschmiegt. Das Stadtpanorama reicht vom Rand der Waldstadt und dem Telegraphenberg bis zur markanten Kuppel der Nikolai-Kirche, davor St. Smafo resp. Heilig Geist. Und noch weiter bis zur vergleichsweise nahen Sternwarte Babelsberg.

In Klein Glienicke

Der seltene Blickwinkel macht klar, dass die Stadt nicht nur von der Havel durchzogen ist, sondern auch von zahlreichen Höhenzügen umgeben. Die sind zwar insgesamt nicht allzu hoch, doch eben einiges höher als die Wasserflächen und zumeist bewaldet. Alles zusammen ergibt diesen Eindruck, der noch den ganzen Tag nachhallt.

Beim Schloss Klein Glienicke

Der Thüringer Gedanke wird vom bald folgenden Kammweg weitergesponnen, der prompt ein wenig an den Rennsteig denken lässt. Ein steiler Abstieg bringt wieder die Sohlen auf dem glatten Laub ins Rutschen, bis am idyllischen und gut bevölkerten Uferweg am Griebnitzsee die Bergepisode ihr Ende findet. Dennoch ist der letzte Höhenmeter noch lange nicht gesammelt … Unten am Ufer sitzt in sich versunken ein Angler, oben im Hang turnt ein Junge zwischen den liegenden Stämmen herum. Müde sein werden sie am Abend beide.

Oft gesehene Brücke zwischen den Ländern Brandenburg und Berlin

Klein Glienicke

Schon die ersten Häuser von Klein Glienicke strahlen Mondänes aus, prompt fühlt man sich ganz woanders. So ganz falsch ist das nicht, denn der nächste Kilometer wird im Land Brandenburg verbracht. Passend dazu fachsimpeln gerade zwei Herren in aufwändiger Garderobe um ein weißes Mercedes-Cabrio aus den Fünfzigern herum. Der Motor läuft, schnurrt sonor und entlässt hinten nostalgisch aromatische Abgase. Es wird eingestiegen, fünfzig Meter gefahren, wieder ausgestiegen und erneut um das Auto herumgelaufen. Das wiederholt sich noch einmal, bis schließlich die passende Kulisse der geräumigen Waldmüllerstraße erreicht ist, die auch geeignetes Publikum bereithält fürs Verlassen der Szenerie.

Im Volkspark Klein-Glienicke

Neben der Straße liegt still ein kleiner Wasserlauf, begleitet von einem winzigen Graspfad, von dem sich schön die besonderen Holzhäuser am anderen Ufer bestaunen lassen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird eine kleine Hoffnung wahr: das Eiscafé hat eine Luke offen, draußen einen kleinen Grillstand eingerichtet, und wir können uns was Kleines zu naschen rausholen. Außer den Schlangestehenden bleiben alle Gäste auf dem zugehörigen Gelände stets leicht in Bewegung, damit nicht der Verdacht des Aufhaltens entsteht. Drumherum ist ordentlich Betrieb, kein Wunder, denn hier ist die Hauptschnittstelle zum Park Babelsberg, zudem kreuzen sich hier zahlreiche Rad- und Wanderwege.

Vollblütige Live-Musik in Abstandszeiten, Gasthaus Moorlake

Nur ein paar Minuten sind es zum Schlosspark Klein Glienicke, der nun wieder in Berlin liegt oder doch so absolut nach Potsdam aussieht. Auf dem Weg dorthin liegen ein süßes Kirchlein und der Friedhof in einer eigenartigen Nische des Grenzverlaufes, die sicherlich genau damit zu tun hat. Das direkt benachbarte Jagdschloss ist seinerseits von einem Ausleger der Berliner Grenzlinie umschlungen.

Höhenweg unweit der Moorlake

Der weitläufige Park ist zur Straße hin abgesperrt, was sich in der Trockenheit der letzten Sommer begründet und dem Bestreben, dass keinem Parkbesucher etwas zu Großes auf den Kopf fällt. Die Absperrungen setzen sich in Richtung Moorlake noch fort. Stellenweise bleibt Interpretations-Spielraum offen, welcher Weg zu benutzen ist und welcher nicht. Und zuletzt gibt es ja auch noch den gesunden Menschenverstand.

Blick von der Terrasse am Blockhaus Nikolskoe

Das ist insgesamt wenig tragisch, denn reizvoll sind beide Varianten. Der Hochuferweg sammelt dabei unter alten Laubbäumen so einige Höhenmeter und verwöhnt mit überraschenden Aussichtsfenstern auf die Glienicker Brücke, die Heilandskirche am anderen Ufer oder das markante Bauwerk auf der Pfaueninsel, zwischendurch öffnen sich immer wieder die weiten Wasserflächen der Havel. Begleitet wird der Weg von dicken Holzgeländern, die an Hochuferwege auf Rügen oder Usedom denken lassen, welche sich ähnlich auf und ab gebärden. Unten der Uferweg hingegen gibt sich ruhig und gleichmäßig, und der Besucherverkehr hält sich gerade auch in Grenzen, so dass man keinen Ausweich-Slalom laufen muss.

Blockhaus Nikolskoe

Moorlake

Die Bucht der Moorlake wird in einem langen Rechtsbogen erreicht, und so gleicht es zunächst eher einer Erscheinung, wird erst nach Minutenfrist deutlich und schließlich zur Gewissheit, dass vom Herzen der Bucht Musik erklingt, direkt vom Instrument. Das ist in diesem Jahr auf seine Weise besonderes schön und leitet eine ausgedehnte Viertelstunde ein, die so anmutig wird, dass man gern die Zeit anhalten würde. Auch hier wurden ein paar Ladentische rausgestellt und man bekommt Süßes zum Kaffee oder Herzhaftes zum Sattwerden.

Kirche am Blockhaus Nikolskoe

Die zwei virtuosen Musiker spielen sich beiläufig und ohne Theatralik die Seele aus dem Leib und laden die Luft mit Emotionen auf, was die Kombi aus Fidel, Quetschkommode und herzergreifenden Zigeunerweisen ja sehr gut drauf hat. Zwischendurch gibt es ein paar sauber servierte Gassenhauer der ernsten Musik, die jeder wiedererkennt. Alles in allem sorgt dafür, dass jeder gern was von Gewicht in die Mütze fallen lässt und am Abend das verdiente Feierabendbier kein nennenswertes Loch in die Kasse reißen wird. Ein perfekter Platz, gute Wahl der Instrumente und ein Vorgang, von dem alle Beteiligten am Ende viel mit nach Hause nehmen dürfen.

Fähre zur Pfaueninsel

Blockhaus Nikolskoe

Kurz hinter Moorlake darf nun ganz legal der Höhenweg erklommen werden. Lange Stufen führen hinauf in den Küstenwald und spinnen im Reich der Goldnuancen den Ostsee-Faden fort. Nach der nächsten Abbiegung wähnt man sich dann auf einmal einiges südlicher, oberhalb des Elbtals da irgendwo bei Dresden, und am Ende der nächsten Treppe ist man wieder völlig woanders, eher so direkt im Baltikum. Das tiefschwarze Blockhaus Nikolskoe bietet zwar keine russische Küche an, doch die Optik und die benachbarte Kirche mit ihrer kleinen Zwiebel entführen kurz in den fremden Kulturkreis. Den großen Havel-Blick und Gelegenheit zur Rast bieten beide.

Essenausgabe am Gasthaus Pfaueninsel

Fähranleger Pfaueninsel

Ein sanfter Abstieg endet kurz vor dem Fähranleger zur Pfaueninsel. Auch hier stehen zwei kleine Stände vor dem Gasthaus, auf der Karte neben dem Imbissangebot auch Waffeln. Eine frischgebackene Waffel an der Fähre – allein das ist schon ein kleiner Urlaub. Etwas Wartezeit haben wir dabei, denn das grazile Waffeleisen ziert sich ein bisschen. Der Duft von Bratwurst und Kaffee, Glühwein und Waffeln tröstet ein bisschen über die Adventsmärkte hinweg, die es in diesem Jahr vielleicht nicht geben wird.

Spiegelschnitt vor der Pfaueninsel

Zum Kommen und Gehen der Fährpassagiere gesellen sich noch palavernde Enten, ein paar Ruderer und die erste Ankündigung der tiefstehenden Sonne, die bereits jetzt für nordische Lichtstimmungen auf dem Wasser sorgt. Wasserfläche und Insel, Paddler und Bootshäuser – in der Tat landen die Gedanken kurz in Skandinavien und wir müssen uns ein weiteres Mal bewusst machen, dass sich dieser ganze Tag in Berlin abspielt, bis auf den erwähnten Kilometer.

Versammelte Sehnsuchten

Vom Uferweg wirft sich nun die Insel in Positur, im edlen Abendlicht. Eine zügige Dame paddelt ihr pfeilschmales Kajak so ruhig, dass der Wasserspiegel kaum gestört wird. Weit oben am Himmel strebt eine Gänse-Eins gen Süden, vielleicht zum nassen Land bei Blankensee oder auch zu den Nuthe-Wiesen. Kurz darauf wechseln wir wieder auf den hohen Pfad und können zugleich einer stehenden Wolke von schwerem Duftwasser ausweichen, die schon seit Minuten den ganzen Weg ausfüllt, auf voller Breite.

Sehnsuchts-Beratungsstelle zwischen Birkenstämmen

Nur per Zufall nehmen wir rechts im Wald eine Rasthütte wahr, die nicht direkt einladend aussieht. Doch es lohnt sich, befindet sich doch hier die einzige Sehnsuchtsberatungsstelle weit und breit. Wir nehmen einen kurzfristigen Termin wahr, müssen uns dann jedoch beschränken, da das Licht allmählich knapp wird und noch eine halbe Stunde Wald vorausliegt.

Blick auf das glimmende Strandbad Wannsee

Das Licht wird in der Tat schnell knapp, schon sind an den anderen Ufern die Lichter deutlich heller als alles andere. Doch der Spiegel der Havel verdoppelt das vorhandene Dämmerlicht und schenkt uns damit die verlorenen Minuten zurück. An einer breiten Strandstelle sehen wir gegenüber das Strandbad Wannsee mit seinem endlosen Strand rot erglühen und nehmen erst jetzt wahr, dass der Tag mit dem schönsten Abendrot ausklingt, das der November zu bieten hat. Nach der nächsten Kurve dreht der Weg nach Süden, und nun sehen wir über der Böschung den ganzen Wald in fahlem Rot. Viele Leute sind noch mit uns und sehen zu, dass sie die nächste Straßenlaterne erreichen.

Flensburger Löwe über dem Wannsee

Flensburger Löwe

Wer uns dort empfängt, ist der wohl größte Löwe von Berlin. Der steht auf einer Aussichtsterrasse am Ende der Uferpromenade, von der sich die ganze Uferlinie des Wannsees bis hin zum hell erleuchteten Hafen sehen lässt. Um ihn herum herrscht fröhliches Treiben, nicht zuletzt dank der warm erleuchteten Imbiss-Bude mit ihrem breit gefächerten Angebot. Noch einmal kleiner Budenzaubertrost. Es braucht ja gar nicht viel dafür.

Abend am Hafen Wannsee

Auf dem laternenbeleuchteten Weg vorbei am Haus der Wannsee-Konferenz, der Liebermann-Villa und zahlreichen Boots-Clubs werden jetzt mit einem Mal die Beine bleischwer, kurz vor dem Ziel. Es war so viel in diesem Tag, so viel Neues entlang der bekannten Wege, so viel Besonderes und Schönes.

Als wir endlich den Hafen erreichen, entfernt sich gerade ein kleiner Dampfer, hell erleuchtet, wie eine Traumvision in diesen Zeiten. Zu leise denken wir, um echt zu sein und drehen uns nochmal um, nach dem Erklimmen der allerletzten Treppe. Das stille Licht ist fern, doch noch zu sehen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
mit der S-Bahn oder Regionalbahn zum S-Bhf. Wannsee (0,5-0,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht praktikabel (falls doch: B 1 nach Wannsee (0,75-1,25 Std.))

Länge der Tour: ca. 20 km, Abkürzungen vielfach möglich (auch per ÖPNV)


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Links:

Insel Wannsee

Ehemalige Deponie Wannsee 

Einkehr (Auswahl): Hubertusbaude, am Stölpchenweg/Hubertusbrücke
Wartmanns Eiscafé, Klein Glienicke
Forsthaus Moorlake, Moorlakeweg
Blockhaus Nikolskoe, Nikolskoer Weg
Wirtshaus Zur Pfaueninsel, Pfaueninselchausee
Imbiss am Flensburger Löwen, Tiefhornweg
Bolles Bootshaus, Tiefhornweg

Stadtrandtour Erkner – Seewind, Gipfelglück und die erwachte Lagune

An die See oder in die Berge? Diese Frage, die Jahr für Jahr unzählige Familien im Rahmen der Urlaubsplanung beschäftigt, kann auch für einen Tagesurlaub im Berliner S-Bahn-Bereich gestellt werden. Eine der möglichen Antworten darauf ist: warum nicht beides – und dazu noch ein Lagunendorf, eine alte Fischersiedlung sowie ein Fährhafen mit Verkauf von frischem Fisch. Schließlich zum Ausklang eines der schönsten Ausflugsziele im Umland von Berlin und dann noch die Fahrt mit einer mittelhistorischen Bahn. Der Einsatz dafür ist nicht allzu hoch, hoch hingegen ist die Anzahl potentieller Anwärter für eine Pause.

Der Dämeritzsee in Erkner
Der Dämeritzsee in Erkner

Schon die Fahrt gleicht einer Transformation vom bewegten Puls des Stadtalltags mit all seinen stets präsenten Fragen von Unerledigtem im Hinterkopf hin zum ruhigen Atemzug eines morgendlichen Waldmoments. Etwa ab Ostkreuz setzt sich dieser Prozess in Gang und wird erstmals bekräftigt durch die etwas längere Station zwischen Karlshorst und Wuhlheide, einem Bahnhof mitten im gleichnamigen Wald. Auch der Name Hirschgarten spricht für sich. Der kleine Bahnhof wird umkurvt von den mündungsnahen Kapriolen des romantischen Mühlenfließes, das zauberhaft und stark verspielt weit aus dem Märkischen nördlich von Altlandsberg her geflossen kommt.

Nach dem Durchfahren schöner Vororte, eigentlich schon kleine Städte mit eigenem Charakter, folgen zwei lange Stationen durch tiefen Wald, dessen Bäume allesamt noch in die Berliner Statistik einfließen. Wenn sich Fenster öffnen lassen, sollte das getan werden. Danach ist im Idealfall der Ruhepuls erreicht und tiefes Einatmen möglich. Wenn der Zug in Erkner zum Stehen kommt, befindet man sich bereits seit einer Minute auf brandenburgischer Schiene.

Mondäner Kanalblick in Neu-Venedig
Mondäner Kanalblick in Neu-Venedig

Erkner

Der Bahnhof hatte bis vor einiger Zeit noch den rustikalen Charme eines Kleinstadt-Bahnhofs, wovon sein stattliches Portal weiterhin kündet. Vor Kurzem wurde er modernisiert, was besonders auch den Umsteigevorgängen in die Regionalbahn entgegenkommt. Erkner ist eine Stadt inmitten von Wasser und durch dieses – wenigstens theoretisch – verbunden mit Strausberg, Buckow und Wriezen respektive der Oder, darüber hinaus mit allem, was an Spree und Dahme liegt. Schon eine Unterführung und einen Kreisverkehr später beginnt diese Wasserwelt mit dem Dämeritzsee, der mit einem glasklaren Gemisch aus Löcknitz- und Spreewasser gefüllt ist. Der See ist bewegt, die Wellen dazu geeignet, die zahlreichen Paddelboote freundlich umherzuschubsen oder Stehpaddler in Verlegenheit zu bringen. Prompt wird klargestellt, dass es sich hier auch um eine Wasserstraße handelt, als ein langer Frachtkahn von Ost nach West vorbeizieht und die Frage offenlässt, woher er kommen könnte. Etwa von Rüdersdorf, vom Kalk?

Ein stiller Uferweg führt vorbei am Hafen und der Rettungsstation, der mancher sein zweites Leben verdankt – dafür an dieser Stelle großen Respekt und besonderen Dank. Gleich bei den Sportplätzen liegt der Badeplatz mit großer Wiese, und nach ein paar Metern Straße beginnt an einer ehemaligen Industriebrache ein schattiger Weg durch den ufernahen Laubwald. Kleine Pfade führen hinab ans Ufer, wo manchmal eine Bank steht. Am anderen Ufer liegt in aller Breite Erkner mit der markanten Spitze des Hotels, das aus der Ferne aussieht wie eine von Kinderhand ausgedachte und mit Zunge im Mundwinkel konzentriert gemalte Raketenstartbasis.

Gemütlicher Kanal in Neu-Venedig
Gemütlicher Kanal in Neu-Venedig

Hessenwinkel

In Hessenwinkel gibt es nicht nur schöne Villen mit Seeblick, sondern auch einige Uferstellen, deren Rastbänke schon wieder sirenisch singend locken. Die unterhalb eines Waldhügels gelegene Siedlung gibt mit dem Hubertussee und den Spreearmen schon einen Vorgeschmack auf das benachbarte Lagunendorf. Neu-Venedig wird ganz standesgemäß mit dem Rialtoring eröffnet. Wie im Spreewald sind die Kanäle mit Spreewasser gefüllt, wie im italienischen Venedig jedoch von Menschenhand angelegt – im Spreewald soll das ja der Leibhaftige besorgt haben.

Neu-Venedig

Das Wassernetz ist hier so dicht, dass so gut wie jedes Grundstück etwas Wasserkante hat, und da das Wetter sonnig ist und warm die Luft, schippern alle möglichen Sorten von Booten und Bötchen hin und her und kreuz und quer, was sich besonders gut vom nächsten Rastbank-Kandidaten am Ende des Lagunenwegs beobachten ließe. Wenn dort nicht gerade jemand mit dem Trennschleifer Wegplatten halbieren würde. Unter jeden schattigen Uferbaum hat sich ein Paddelboot geklemmt, um für einen Augenblick der kräftigen Mai-Sonne zu entrinnen. Motorbootkapitäne zeigen ihre kugelrunden braungebrannten Bugpartien, Teenies fläzen wie C-Promis auf dem kleinen Vorderdeck und eine ganze Familie hat sich unter dem Schutz eines Sonnenschirmes in ein winziges Schlauchboot gerollt und genießt bei niedriger Drehzahl ihren schönsten Ort auf Erden. Da das neu-venezianische Wassernetz etwa quadratisch ist, sieht man sich wie im Leben auch hier meist zweimal.

Altes Fischerdorf Rahnsdorf
Altes Fischerdorf Rahnsdorf

Rahnsdorf

Am Ende einer Kleingartenanlage liegt an einem kleinen Stichhafen eine schöne Gartenkneipe, und kurz darauf besteht die Option auf einen in vielen Hinsichten lohnenden Abstecher. Das alte Fischerdorf Rahnsdorf verbindet den Charakter eines klassischen Angerdorfs mit der sackgassigen Eigenschaft eines Rundlings, was dem umgebenden Wasser zu verdanken ist. Doch ganz stimmt das nicht mit der Sackgasse, zumindest für Fußgänger und Radfahrer, denn in der warmen Jahreszeit wird Berlins kleinste Fähre über die Müggelspree gerudert, die nach oben offen ist und auch ein paar Fahrräder pro Tour mitnehmen kann.

Am Fährhafen, Rahnsdorf
Am Fährhafen, Dorf Rahnsdorf

Die Fähre zählt zur Flotte der BVG und wird in ihrem Bestand immer wieder bedroht, doch aktuell rudert der freundliche und seebärige Fährmann wieder. Dabei muss er bei jeder Passage auf eine Lücke lauern, denn der Bootsverkehr auf dem Fluss ist dicht und nicht jeder Freizeitkapitän beherrscht sein Gefährt oder das Regelwerk des gesunden Menschenverstandes bis ins Letzte. Ab und zu kreuzt auch würdevoll ein alter Dampfer mit viel Messing und glänzendem Bootslack auf den Planken. Es gibt hier also viel zu gucken, und das lässt sich ganz wunderbar verbinden mit einem Besuch des gemütlichen Biergartens rund um den Fisch-Stand. Manchmal hockt sich auch ein zurückhaltender Herr in den Hintergrund und setzt sein Schifferklavier in Gang. Dann könnte man für einen Augenblick glauben, man wäre wirklich irgendwo an der Küste.

Blick vom Biergarten an der Fähre, Dorf Rahnsdorf
Blick vom Biergarten an der Fähre, Dorf Rahnsdorf

Wilhelmshagen

Wenn es irgendwann gelungen ist sich loszureißen, steht nun ein Landschaftswechsel bevor. Mit der dörflichen und flachen Welt des Spreewassers im Rücken ist bald die einzige verkehrsreiche Straße dieser Tour zu überqueren, die Köpenick mit Erkner verbindet, mit fast demselben Namen auf immerhin elf Kilometern. Hier fährt auch ein Bus, der die S-Bahnhöfe Rahnsdorf, Wilhelmshagen und Erkner auf seiner Strecke hat.

Gleich danach steht der erste Anstieg bevor. Der bald folgende Abstieg auf einem wurzligen Pfad wirft einen direkt in eine kleine Heidelandschaft mit blumenreichen Trockenrasen aus, deren Trampelpfade gern als Abkürzung genutzt werden. An ihrem Rand beginnt der Zustieg zu den Püttbergen, die im Winter ein beliebtes und nicht zu unterschätzendes Rodelrevier sind. Direkt vom Ende der Straße geht es hinauf zum dünensandigen Kammweg, und kurz vor dem höchsten Punkt sieht man doch wahrhaftig die Kirche sehr präsent im Tal stehen, umgeben vom dichten Blätterdach der baumreichen Gärten von Wilhelmshagen.

Kleine Heide am Fuß der Püttberge, Wilhelmshagen
Kleine Heide am Fuß der Püttberge, Wilhelmshagen

Der Abstieg vom wurzligen Dünenkamm kann direkt erfolgen oder auch gemäßigt, und nach dieser Gebirgsüberquerung kommt es gerade recht, dass an der Westflanke des Höhenzuges die Püttbaude liegt, und das schon eine ganze Weile. Neben dem gemütlichen langen Gastraum liegt eine Stufe höher doch tatsächlich ein quadratisches Separee, das so aussieht wie das Innere einer Baude irgendwo im Mittelgebirge. Wenn da nicht alle paar Minuten die S-Bahn zu hören wäre oder einer der Regionalzüge.

Auf dem Kamm kurz vor dem Gipfel, Püttberge
Auf dem Kamm kurz vor dem Gipfel, Püttberge

Schon ein paar Minuten später am grünen Bahnhofsvorplatz von Wilhelmshagen wartet die nächste Pausenverlockung. Wer vielleicht in der Püttbaude eingekehrt ist und noch entsprechend träge jetzt, kann gleich hier am Bahnhofskiosk Café Zweiblum noch den Kaffee nachholen, schöne Plätze gibt es sowohl draußen als auch drinnen. So lässt sich in schöner Trägheit den Bussen beim Kommen und Gehen zuschauen. Gegebenenfalls die Tour schon hier beenden und einfach in die S-Bahn steigen. Nichts spricht dagegen.

Blick von der Gipfelbank auf die Kirche von Wilhelmshagen
Blick von der Gipfelbank auf die Kirche von Wilhelmshagen

Wir haben noch Lust auf mehr und raffen uns dann auf, nach einiger Zeit. Hinter der Bahnhofsunterführung beginnt der weite Wald des Wilhelmshagen-Woltersdorfer Dünenzuges, zu dem auch die Püttberge gehören, und verrät damit die nähere Zukunft und das schöne Ziel des Tages. Durchaus wohltuend ist der Waldschatten, denn der Tag hat sich langsam hochgeheizt. Hinter dem Wald liegt die Bahnhofssiedlung mit ihrem markanten Straßenoval, die von einem schönen Spazierweg gequert wird. Jenseits der Siedlung führt ein kleiner Pfad ein Stück direkt entlang des Ufers, das zum Flakensee gehört. Voraus und gegenüber liegen Sportboothäfen, darüber hoch im Wald der Kranichsberge lugt der Aussichtsturm heraus. Hier und dort ankert ein Boot, das ähnlich träge wirkt wie wir vor einer halben Stunde.

Café Zweiblum am S-Bahnhof Wilhelmshagen
Café Zweiblum am S-Bahnhof Wilhelmshagen

Nach etwas Straße führt ein unscheinbares Trepplein hinab zu einem Weg zwischen den Gärten, voraus blüht in letzter Euphorie ein Apfelbaum. Nach schönen Blicken auf den Bauernsee liegt voraus der Kalksee, der seinen Namen nicht nur so aus Spaß und Zierde trägt, sondern tatsächlich bis zu den fossilienreichen Kalkbrüchen von Rüdersdorf reicht. Was wieder an den Äppelkahn vom Beginn der Tour erinnert und die Frage, wo er herkam.

Spazierweg quer durch die Bahnhofsiedlung Erkner
Spazierweg quer durch die Bahnhofsiedlung Erkner

Woltersdorf

Die letzte Passage entlang des Kanalufers ist ähnlich schön wie das an ihrem Abschluss stehende, wirklich zauberhafte Ensemble rund um die Woltersdorfer Schleuse. Fast wähnt man sich in einem Kurort, und das nicht nur auf den ersten Blick. Die Seebucht vor der Schleuse mit der Uferpromenade und der Servier-Terrasse liegt direkt vor dem steilen Waldhang, und etwas südlich gibt es am Flakensee eine hübsche Strandpromenade. Ein guter Ort hier für Verliebte und welche kurz davor, auch wenn die echte Liebesquelle im Hang vor Jahren schon versiegte. Dank beherzter Woltersdorfer und zahlreicher Spenden kann man sich dort dennoch laben.

Die letzte Pause lockt, und das mit Nachdruck, in Gestalt des Cafés Knappe. Ein herrliches Café der alten Schule, würdig dieses Ortes, gemütlich und an schönsten Tagen rechtschaffen überfüllt. Direkt davor fährt die Straßenbahnlinie 87 ab, die zu den meisten Zeiten alle zwanzig Minuten durch Woltersdorf und dann durch den Wald zum S-Bahnhof Rahnsdorf fährt. Als Besonderheit tut sie dies mit historischen Wagen, den sogenannten Gothawagen, die mittlerweile um die 50 Jahre alt sein dürften und verschiedenste kernige Geräusche erzeugen, die bei vielen Berlinern Kindheit und Jugend oder das ganze Leben mitgeprägt haben.

Historische Straßenbahnwagen vor der Woltersdorfer Schleuse
Historische Straßenbahnwagen vor der Woltersdorfer Schleuse

An besonderen Tagen werden auch ein paar Wagen aus der Halle geholt, die etwa doppelt so alt sind. Zwei von ihnen sind bereits seit 1913 mit der Strecke vertraut, dem Eröffnungsjahr dieser kurzen Straßenbahnlinie, und werden dem Anschein nach sehr liebevoll instandgehalten.

Oft sind sie nicht, diese besonderen Tage, und damit ist es umso erhebender, das heute erleben zu können. Man muss keinerlei Affinität zu Schienenfahrzeugen mitbringen, um so zu empfinden, denn allein das ausgestrahlte Zeitkolorit dieser Wagen und die resultierenden Phantasiebilder im Kopfkino verursachen eine kleine innere Euphorie. Weich glänzenden Bootslack, Messing und kräftige warme Farben gab es ja bereits vorhin, am Fährhafen. Doch jetzt kommt als weitere Dimension noch das von jedwedem Kunststoff freie Rumpeln, Klingen und Rattern hinzu und direkt vom Menschen das Bimmeln der Glocke und das durchdringende Ausrufen der Stationen mit unangestrengtem Bahnerbariton.

Rangieren der ältesten Wagen der Flotte
Rangieren der ältesten Wagen der Flotte

Durch den ganzen Ort schiebt sich die Bahn das teils starke Gefälle hinauf und passiert schließlich das fröhliche Fest, dem die heutigen Sonderfahrten zu verdanken sind. Entlang der Strecke lauern Wissende mit korpulenten Objektiven und lichten das Gespann in der Summe geschätzte 685 Mal ab.

Relativ direkt ist dann der Wechsel auf den Abschnitt, der direkt durch den duftenden Wald verläuft. Die Führerstände sind offen und die Wagen dementsprechend luftdurchströmt. Alles grinst versonnen, und wären noch mechanische Auslöser in Gebrauch, wäre wohl jede zweite Sekunde ein entsprechendes Klicken zu vernehmen, ebenfalls metallisch. So wie dort draußen also auch hier drinnen.

Gemütlicher Innenraum der alten Straßenbahn, Woltersdorf
Gemütlicher Innenraum der alten Straßenbahn, Woltersdorf

Eine ältere Dame sitzt gleich gegenüber, schwärmt mit knappen Worten von diesem Wagen, leicht ergriffen, und gleich erfahren wir warum. Sie kennt diese Bahn noch aus ihrer Kindheit, hat als Mädchen schon in diesem Waggon gesessen. Mitten auf der Waldstrecke erinnert sie sich, an den Schaffner gewandt, dass hier ab den 1950er Jahren ein Kontrollpunkt bestand und die Kontrollen seitens der Kontrollorgane oftmals stark in die Länge gezogen wurden. Berlin stand damals unter dem Viermächtestatus und grenzte an die sowjetische Besatzungszone, die nun seit ein paar Jahren DDR hieß. Vom Kabuff der Grenzkontrolleure ist nichts mehr zu ahnen, und auch abgesehen davon fällt es schwer, sich etwas derartiges aus heutigem Blickwinkel vorzustellen – es wirkt schlichtweg nur absurd.

Umso schöner, als fröhlich plapperndes Volk am S-Bahnhof Rahnsdorf mit einem lachenden und einem weinenden Auge die Bahn verlässt, noch letzte Bilder knipst im warmen Licht der Abendsonne und jeder eine Erinnerung fürs Leben im Langzeitgedächtnis abheften kann. Es bleibt vielleicht nicht die einzige an diesem bunten Tag am Stadtrand.

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Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Anreise mit der S-Bahn oder Regionalbahn bis Erkner; Rückfahrt mit der Woltersdorfer Straßenbahn nach Rahnsdorf, dann weiter mit der S-Bahn

Anfahrt Pkw (von Berlin): durch die Stadt über Köpenick und Rahnsdorf nach Erkner; wahlweise über den Berliner Ring, Abfahrt Erkner

Länge der Tour: ca. 18 km, Abkürzungen und Varianten per ÖPNV sehr gut und an vielen Stellen möglich; Option: wer im Dorf Rahnsdorf mit der Fähre übersetzt, kann am Ufer des Großen Müggelsees in ca. 11 km zum S-Bhf. Friedrichshagen laufen oder schon unterwegs in den Bus steigen

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Verschiedenes über Neu-Venedig (u. a. Geschichte)

Fähre Rahnsdorf-Müggelheim

Informationen über die Püttberge

Artikel zur Püttbaude

Woltersdorfer Straßenbahn

 

Einkehr:
Alt-Rahnsdorf, Fisch-Imbiss mit Biergarten an der Fähre
Püttbaude, Wilhelmshagen
Café Zweiblum, am S-Bhf. Wilhelmshagen (auch breit gefächertes herzhaftes Angebot)(s. u.)
Gasthaus Klabautermann (mit schönem Blick auf den See), Woltersdorf
Café Knappe, an der Woltersdorfer Schleuse

 

AKTUELLE INFORMATION 2017:

Wegen raumgreifender Bahnbauarbeiten ist das gesamte Bahnhofsensemble in Wilhelmshagen eine Baustelle, das Café Zweiblum gibt es leider nicht mehr. Eine vergleichbare Alternative in der Nähe fehlt bislang.