Nur am Rande – Baumblüte bei Werder: Klappstullen, Klappstühle und die beschwingten Farben

Der kälteste April seit ziemlich lange hat sich vom Hof gemacht, und der frisch eingetroffene Mai gibt Anlass zur Hoffnung auf leichtere Oberkleider, denn es gab bisher ausschließlich Tage ohne Schneefall. Die Nachttemperaturen gewinnen nach und nach an Abstand zum Nullpunkt und lassen die Werderaner Obstbauern etwas ruhiger schlafen.

Am Grund des Alpensprengsels bei Glindow

Betrübt sind sie trotzdem, denn die nächste Auflage des tradierten Baumblütenfestes musste erneut aufs kommende Jahr vertagt werden. In Werder soll sie ohnehin auf ein angenehmes Maß eingedampft werden, das keine bleibenden Schäden bei Einwohnern, Bausubstanz und Landschaft hinterlässt und letztlich Namen und Inhalt des Festes wieder näher zusammenbringt. Auch wenn es dann vielleicht nicht mehr das zweitgrößte Volksfest im Lande sein wird.

Blick auf die Kirchen von Glindow und Werder

Obwohl der äußere Rahmen des Festes also komplett wegfällt, haben auf den Hochflächen westlich der Havelseen einige der alten Hasen und Urgesteine unter den Obstbauern einen kleinen bunten Stand aufgestellt. Die gewohnte Sortenvielfalt gibt es diesmal nicht aus bauchigen Ballonen, sondern vorabgefüllt in robuste Literflaschen.

Kirschbäume in Reihe geschaltet

Allerhand Publikum ist trotz des durchwachsenen Wetters unterwegs, meist per Rad, doch auch zu Fuß. Da es letztlich doch gnädiger ist als die Vorhersage, werden es von Stunde zu Stunde mehr. Die Fortbewegung ist meist flüssig, denn die Wegweiser des Panoramawegs Werderobst lassen sich auch nach zwei Glas Obstwein noch gut lesen. Die Buchstaben sind groß, der Kontrast gut gewählt.

Gut lesbare Wegweisung

Für den Genuss der farbintensivenTropfen sind derzeit etwas Phantasie und Vorbereitung gefragt, was ja mittlerweile und vorübergehend zum erweiterten Standard gehört. Konkret sind das stilvolle oder bestenfalls praktische Trinkgefäße, ein Satz minimalistische Sitzkissen sowie eine Gabel, mit der sich außer Suppe fast jegliche Art von Essen handhaben lässt. Dazu vielleicht noch ein schönes Stück Frankfurter Kranz oder Schokoladenkuchen im oberen Packbereich des Rucksacks. Wer richtig gut ist, hat schließlich noch dampfenden Kaffee in der Thermoskanne. Unterwegs treffen wir einige Radlergruppen, Familien und Spaziergänger, die sich gemütlich einrichten, dann tollen, spielen und kichern zwischen blühenden Bäumchen.

Obstplantage mit Löwenzahn

Unser erhofftes Tagesziele ist es, unter einem blühenden Apfelbaum zu sitzen, den charakteristischen Duft solcher Tage in den Plantagen zu genießen und dabei mehrere Sorten frisch gekauften Weines zu verkosten. Die erste Rast mit Erdbeerwein gibt es in einem Sprengsel der Glindower Alpen, tief im Tal und umgeben von steilen Flanken und Seeufern.

In der Apfelplantage

Rast Nummer zwei erfolgt immerhin schon am Rand einer Apfelplantage mit langen Reihen kleiner, doch kronenloser Bäume, die ineinander übergehen. Bei No. 3 findet dann alles Gute zusammen – der Duft nach Erde, Schlauchgummi und Blüten, ein bekrontes Bäumchen von ausreichender Größe und ein taufrisches Fläschchen Holunderwein, das beim Öffnen noch beschlagen ist.

Feiertags-Verkehr auf dem Panorama-Weg

Klemmen wir uns also unter das Krönchen, strecken die Beine in den trockenen Boden und bestücken die Tafel mit allem, was die großen Jackentaschen und der Rucksack hergeben. Einen Steinwurf rechts quert der Weg, dahinter grasen pulssenkend zwei Pferde, das Fell in warmen Farbtönen und leicht aufgezottelt. Gegenüber trällert glasklar eine Nachtigall, während vorn am Weg ein Kerl vorbeischlendert, der ein Bruder von den Puhdys sein könnte. Ergraute Matte schulterlang, knollige Nase, freundliches Gesicht und leicht beschwingt.

Pferde und Bäume

„Ihr machtit richti‘!“ erwidert er unsere gehobene Grußhand der Zufriedenheit. „Wiejick früha imma war und noch keen eijenen Oopsjaatn hatte, da sind’wa ooch los, zwee Klappstühle, meene Frau unn’icke, denn schön unta‘n Baum mitte Decke, zwee Gläschen, een Fläschchen, nonne Schmalzstulle – und denn schön bei die Leute jewinkt. Wat soll’n da no’schöna sein? Richti‘ macht ihr ditt. Na viel Spaß noch denn!“

Apfelblüten

Recht hatter. Natürlich fehlen die brabbelnden Leute rund um einen, die Weinballone und die Biergartenbänke, auch Oma Traudels und Tante Petras Kuchen, die Bratwürste und Schmalzstullen, Honig, Marmeladen und Apfelbeutel. Und der weiße Staub, den die Blütenbusse oder das Cabrio der Blütenkönigin aufwirbeln, so langsam sie auch fahren. Doch mehr als genug für ein paar Schwälle von Glückshormonen ist es, hier vor Ort zu sein, an den Plantagen mit ihren Butterblumenwiesen vorbei zu spazieren, einige Leichtigkeit in den Gesichtern der Leute zu sehen – und vielleicht irgendwo ein Fläschchen zu bekommen und zu verkosten.

Heimatmuseum Glindow

Erstmals und einmalig gibt es am Abend noch eine Fortsetzung des Tages im heimischen Wohnzimmer, denn Herzensfreunde haben zum Geburtstag eine Online-Verkostung von Obstweinen geschenkt. Die Idee ist eigentlich nur die Verlegenheitslösung eines blickigen Obstbauern und Whisky-Brenners, um nicht den Kontakt zur Kundschaft zu verlieren – doch die könnte es durchaus in kommende Jahre schaffen. Per Post kommt ein Päckchen mit sechs Fläschchen, dazu ein Termin mit Link zu einem Live-Stream sowie das Wissen, dass neben dem Micha und dem Opa, die den Abend erzählend, verkostend und Akkordeon spielend gestalten, noch eine ganze Reihe anderer Leute mit dabei sind und regelmäßig kichern und regelmäßig das Glas heben.

Belvedere über den Glindower Alpen

So gesehen gab es auch an diesem improvisierten Obstblüten-Tag eine bunte Vielfalt von Früchten, Farben und Geschmäckern, die allesamt so schmecken, als hätte letztes Jahr die Erde auf den Havelhöhen besonders viel von ihrer Würze ans Obst weitergereicht. Mal sehen, ob im Traum was davon vorkommt.








Alt-Temmen: Holzschindeln, die Frühlingsliste und das nahe ferne Dommeln

Er ist endlich da, nun wirklich, wie es scheint – der Frühling. In einen einzigen Tag kurz nach der Mitte des April steckt so viel von ihm, dass es in der Langzeitempfindung die ganzen zurückliegenden Wochen mit Dauerfrösteln und Novemberszenerien nahezu ausgleicht. Es ist so herrlich, Jackenknöpfe zu öffnen oder die Mütze in die Tasche zu stecken, und je nach Windrichtung kann das schon mal ein genüssliches Stündchen andauern. Der Reißverschluss darf endlich Zähne zeigen.

Bei Temmen

Die freigelegten Ohren werden weit geöffnet, damit der Wind ganz ungehindert durch den Kopf rauschen kann, dabei alle lästigen Gedankendauerschleifen auseinanderbläst. Und den Weg frei macht für alles und nicht mehr als das, was Nase, Ohren, Haut und Augen an die Denkzentrale kabeln. Ganz davon abgesehen sammelt dieser Tag ein selten erlebtes Konzentrat von Frühlingssymbolik – erste Störche und Marienkäfer, klamme Zitronenfalter, flauschige Lämmchen und Saft in den Birken. Zur Abenddämmerung ist wieder so ein Weg geboren, den man alle Jahre einmal brauchen wird.

Hügelweg im Walde

Alt-Temmen

Temmen liegt eingeschmiegt zwischen der Ringenwalder und der Poratzer Moränenlandschaft und macht aus seiner Eiszeit-Vergangenheit kein Geheimnis. Das hügelige Land bedient in seiner Mischung von Seen und weiten Wäldern, gebogenen Talgründen und archaischen Buckelpisten viele Uckermark-Klischees, die nicht nur beruhigend und schön, sondern allesamt richtig und wahr sind. Das Dörfchen mit seinem schönen Gutshof liegt dementsprechend zwischen drei Seen, die zum Teil auch Badestellen anbieten.

Gedenkkreuz am Kloster St. Georg, Göttschendorf

Die kleinen Straßen zu den Nachbardörfern Neu-Temmen oder Hohenwalde gehen von Schönheit, Unterhaltungswert und Verkehrsarmut glatt als Wanderwege durch, so dass sich schon im näheren Umkreis ein schöner Tag verbringen ließe. Doch wir wollen heute viel von all dem. Bekommen werden wir noch weit mehr, inklusive einer Überraschung etwa auf der Mitte.

Klosterkinder ODER Yin und Yang nach Feierabend

Angesagt war ein trüber Tag, doch bereits in Temmen zeigen sich erste blaue Fetzen am Himmel. Der Hofladen der weiten Gutsanlage hat leider schon zu, doch beim Blick fällt dieser auf den ersten selbstgesehenen Storch dieses Jahres, der auf einem meterhohen Horst hockt und seinen Schnabel auf der plustrigen Brust abgelegt hat, wie das am besten Enten können.

Leuchten am Waldboden

Von dort oben dürfte der Ausblick über den Düstersee noch besser sein, der bereits vom Ufer weit bis zu den jenseitigen Waldeshöhen reicht. Das Schilf ist noch fahl, die Wiese noch platt von allen letzten Wettern, und auch alle Baumwipfel stehen so kahl da wie schon seit November. Es ist immer wieder erstaunlich, wie spät es wirklich losgeht mit dem grünen Laub im großen Stil.

Hinter Hohenwalde

Am Dorfausgang steht neben einigen Kühen im gewohnten Format ein enormer Bulle mit Türsteherstatur, von dem man nicht missverstanden sein will. Beim Passieren gibt er über mehrere Sekunden so einen fast elektronisch klingenden Blechdosentiefton aus, den man eher als Welle spürt als dass man ihn hört. Blick und Stirn bleiben dabei unbeweglich und wir stehlen uns mit dem angemessen Respekt vorbei. Denn zwei dünne Drähtchen sind eben nur zwei dünne Drähtchen und Logik auch nur Logik.

Lindenallee nach Hohenwalde

Auf der anderen Seite des Weges steht auf einem Hügel sein Pendant als Baum – ein knorriger Kern mit großen und kleinen Blässuren, umgeben von lebhaftem Nachwuchsgeäst, das jeweils selbst schon als Baum durchgehen würde. Einzwei Blitze könnte er schon überstanden haben, und Standort und Statur sollten Stoff für ein paar schaurige Dorfmären hergeben. In denen sicherlich der Vollmond eine Rolle spielt, vielleicht auch ein unnatürlich großer Rappe mit glänzendem Fell.

Schon an der folgenden Gabelung wird es wieder unbeschwerter im Gemüt. Links unten werden Pferde von geeignetem Personal bewegt, direkt in der Gabel steht ein geräumiger Rastpavillon. Dahinter liegen im Karree unzählige Findlinge in allen Korngrößen zwischen Kinderfaust und Pferdehintern. Etwas weiter nördlich in Skandinavien würde man bei sowas gleich an eine vorgeschichtliche Stätte denken. Ein bisschen tut man das auch hier, denn Form und Ausmaß sind durchaus charakteristisch.

Klarer See, Alt-Temmen

Bevor noch die Gedanken sich dem verspielten Wegeverlauf hingeben und der Kopf auf Durchgang schalten kann, hüpft das Herz vor Freude angesichts der ersten gesichteten weißen Buschwindröschen, durchmischt mit den gelben Glanzsternen des Scharbockskrautes. Eine unschlagbare Mischung am nachwinterfahlen Waldboden. Hier und da kontrastieren dazwischen ein paar sattviolette Veilchen.

Guter Platz überm Gutshof, Alt-Temmen

Gleich danach wird es wieder nichts mit dem sinkenden Puls, denn voraus auf einem spillrigen Strommast sitzt hoch oben ein großes Nest, das durch einen aufsitzenden Vogelumriss bald als Horst erkannt wird. Die spätere Vergrößerung bestätigt wahrhaftig den Weißkopfseeadler, maßgeblich anhand der typischen Statur und des Weißes in Kopf und Heckpartie.

Alter Kämpe am Dorfrand, Alt-Temmen

Im Uferbereich des Klaren Sees entdecken wir am Boden des trockenen Bruchwaldes mehr und mehr Blütensternchen – je länger man den Blick fixiert, desto mehr werden es. Das ist jetzt eine gute Einleitung für den Ruhemodus. Herrliche Kurven schlägt der Weg in der nächsten halben Stunde, umrundet Wäldchen und Hügel, nimmt schilfige Senken, verschwiegene Weiher und weite Wiesengründe mit. Links die Weite, rechts die bewegten Grasmatten mit bereits saftigem Grün. Dazwischen zieht sich der Bild gewordene Autopilot in Form des Weges, dessen Wiesennarbe mal filigran ist, dann wieder dominant. Immer gegenwärtig sind die dicken Steinbrocken, als vom Gletscher rundgeschmirgelte Riesenmurmeln oder als gratkantige Quader, die eher nach Steinbruch aussehen.

Weniger alter Kämpe am Dorfrand, Alt-Temmen

In den Wipfeln einer Birkengruppe hängen gelangweilt dicke Mistelballone und planen vermutlich irgendwelchen Unfug oder Schabernack mit den Passanten. Wir sind durch den Ochsentypen noch sensibilisiert und weichen dem aus, indem wir am Waldrand rechts über die Wiese abkürzen. Am Ende der noch ruhenden Weide beginnt eine längere Partie durch den Wald, der alle paar Minuten sein Gesicht ändert.

Beim Klaren See

So gut wie nie gibt es hier den lichten Brandenburger Kiefernwald, dafür weite Hallen aus hochgewachsenen Buchen, die ein paar Wochen noch nach oben offen sind. Dazwischen immer wieder größere Fichtenwäldchen, teils kontrastierend benachbart zu weißen Birkenstämmen. Die nun prahlen schon mit dem allerersten Laubgrün des Waldes, das eher noch flirrender Eindruck ist als konkrete Farbe. Zu Füßen der Fichten liegen im Dustern dieselben Steinbrocken wie gegenüber bei den Buchen oder Birken, doch sind sie hier von dickem Moos überzogen und lassen zum Teil offen, ob ein Ameisenhügel, ein alter Baumstumpf oder eben einen Stein verhüllt ist. Eine stets angenehme und recht verbindliche Antwort gibt nur der Drucktest mit Hand, Knie oder Nase. Überhaupt scheint hier der gesamte Waldboden von dickem Moos bedeckt zu sein.

Arnimswalder Wald

Ein liegender Stamm bietet einen schönen Pausenplatz, wo nun der hoffentlich letzte Unterwegstee dieses Frühjahrs dampfen wird. Zwischen linkem und rechtem Schuh spielt sich derweil im aufgewühlten Laub eine weitere Frühlingsszene ab. Eine Blattwanze, die weitaus schöner und prächtiger aussieht als ihr Name annehmen lässt, hat sich aus dem kühlen Waldboden gegraben und zwei kruschlige Buchenblätter erklettert, die eine Art Grat als Abflugplatz bilden.

Huflattich an der Ecke

Der Panzer des Käfers hat die feierliche Form eines Wappenschildes und wird später vermutlich ein kunstvolles Muster tragen. Noch ist er komplett grün und vermutlich butterweich. Der Sechsbeiner bewegt sich wie nach einer durchzechten Nacht – vielleicht ein ähnliches Gefühl wie ein im Waldboden verbrachter Winter. Steife Glieder, kraftlos und desorientiert, labbriger Pulli und kein Bock. Dann beschert die Gunst der Stunde ein paar Sonnenminuten, der Pulli gewinnt an Fasson und der Laufstil wird bestimmter. Ehe wir noch groß beobachten und staunen können, macht er den Abflug.

Hügelweg im Walde

Parallel zu diesem Vorgang flattert weiter hinten ein Zitronenfalter vor den dunklen Nadelbäumen entlang, tingelt allmählich in unser offenes Waldstück. Setzt sich einmal kurz auf die Teekanne, fliegt eine Ehrenrunde um unsere Köpfe und ist auf einmal zu zweit. Und wieder weg. Nachdem der Käfer weg ist, sind die drei gelben Flatterer wieder da und kurz darauf zu viert. Nee, zu fünft. Dann wieder weg und wenig später ganz woanders am Tun. Wie schon gesagt, der Frühling inszeniert mit Nachdruck.

Rastplatz am Radweg

Nach dem ersten Abbiegen seit langem sind wir mit einem Mal im Mittelgebirge gelandet. Aus dem Nichts taucht voraus ein VW-Bus mit orangefreiem Hirschlogo auf, der von einer tiefen Wegesenke komplett verschluckt war und auf der Suche ist nach irgendwas. Einige Male in Folge geht es tief hinab und gleich wieder hoch, so dass allein diese Viertelstunde für den Großteil der heutigen Höhenmeter sorgt. Passend zu den überraschenden Kapriolen des Reliefs wird der Weg von dichtem Fichtenwald begleitet, der aussieht wie beschrieben.

Weg nach Göttschendorf

Mit leisem Schnaufen beenden wir den letzten der Aufstiege und erreichen beim einstigen Großen Karutzsee einen ruhigeren Weg mit angenehmem Abwärtstrend. Hier folgt nun das nächste Kapitel der Waldblümchen. Eingeleitet wird es von einer ganzen Herde Huflattichköpfe, die alle in eine andere Richtung schauen, als liefe eine angeregte Diskussion quer übern Marktplatz. Davon unbeeinflusst hat sich ein klammer Zitronenfalter am mittigen Kissen einer Blüte angedockt und wartet dort auf etwas Sonnenwärme. Fällt kraftlos ins Buchenlaub und arbeitet sich wieder genau zur selben Stelle. Die Beharrlichkeit wird belohnt, denn die Sonne schiebt sich kurz zwischen den Wolken hervor und zeigt umgehend ihre Kraft. Keine Minute später sitzt der Schmetterling aufrechter und flattert bald davon.

Station des Mythengartens, Göttschendorf

Die Forststraße wird zu einer dieser rumpligen Pflasterstraßen, die so gut in diese Landschaft passen, und steuert geradewegs auf drei Rastraufen zu, die zu einem großen Pausenareal gehören. Hier sollte sich ganz wunderbar eine kleine Waldweihnacht feiern lassen. Ein paar Minuten später endet das große Waldgebiet, voraus liegt ein leicht gewundener Alleeweg, der sanft nach Götschendorf hin abfällt. Wo ansonsten meist eine Lerche pro Acker zu hören ist, jubelt es hier gleich von drei Richtungen aus der Höhe. Zu sehen ist wie immer keins der Vögelchen.

Klosterkirche, Göttschendorf

Götschendorf

Am Rand von Götschendorf liegt der kleine Friedhof, kurz danach steht am Wegabzweig ein mannshoher Stein des Uckermärkischen Mythengartens, dessen Logo sich auch als Mosaik an den Flanken findet. Die in Edelstahl geprägte Sage handelt vom Hecht mit dem Goldzahn und dem Rucksack, was unbestritten Neugier erzeugt. Weiter unten zeigt eine Karte weitere Standorte solcher Steine.

Klosterküche

Weiter hinten im Dorf gibt es laut Karte eine Kirche, also schieben wir einen kleinen Abstecher ein. Der lohnt sich wirklich, denn aus der Kirch-Signatur auf der Karte wird eine besondere kleine Stunde. Ein Zwiebelturm, gedeckt mit Holzschindeln und gekrönt von einem goldenem Kreuz, bestätigt die teils in russisch gehaltenen Plakate am schwarzen Brett des Dorfes. Zur Turmknolle gehört ein ungewöhnliches Kirchgebäude jüngeren Baujahres, ein baufälliges Schloss sowie ein weitläufiges Gelände, auf dem es viel zu gucken und zu entdecken gibt.

In der Klosterkirche

Russisch-orthodoxes Kloster St. Georg

Kurz vor dem Gotteshaus steht ein Schild an der Straße und kündigt eine geöffnete Küche an. Das würde gut passen, Einkehr am Wege und ausreichend Zeit hinterher, alles ein bisschen zu verteilen. Wärmebedarf spielt bei der Energieaufnahme keine große Rolle mehr, denn mittlerweile sind die Jacken offen, die ersten Arme liegen frei und Mützen wechseln zwischen Kopf und Tasche.

Arnimsches Gutshaus

Noch vor dem Tor zeigt sich das gesamte Ensemble und ergibt insgesamt eine kuriose Zusammenstellung. Zur Straße hin steht eine Gulaschkanone, aus der es dampft und duftet, etwas eingerückt auf dem Grundstück die Fassade des Schlosses. Auf der Wiese davor gibt es zwischen vereinzelten Bäumen ein prächtiges goldenes Kreuz, groß wie ein Denkmal, zur Kirche hin einen ausgelagerten Glockenstuhl mit zwei Handvoll Glocken mit Kalibern von kirchturmtauglich bis Schiffsglocke. Dazwischen verteilt ein paar Pavillons, wo in normalen Zeiten das verschmaust werden kann, was die Küche so bietet.

Hinterm Gutshaus bei den Beeten

Besonders schön und selten erlebt sind die freilaufenden Schafe und Ziegen. Auch hier gibt es verschiedenste Größen, die Schafe haben Schulterhöhen von Dreirad bis Motorroller – so große Schafe hat man wirklich selten gesehen. Die hochbeinigen Ziegen sind eher groß und klettern auf den umgestürzten Bäumen im unteren Uferwald herum.

Klosterschafe in zahlreichen Ausfertigungen

Hintern Schloss kommen zielstrebig zwei größere Schafe angelaufen und prüfen, was es zu holen gibt. Gibt aber nix. Dem Anstand geschuldet warten sie noch ein paar Sekunden in der Nähe und zerstreuen sich dann wieder, soweit das bei zwei Schafen möglich ist. Zu Füßen der Schlossterrassen gibt es ein kleineres Gatter, das komplett mit Stroh ausgelegt ist. Das Tor steht offen in Richtung zweier großer Strohquader, die auf die Größe eines Speisesaals auseinandergelatscht wurden.

Bootshaus am See

In den Flanken der einstigen Quader und dazwischen im bauschigen Stroh oder an Elternteile gekuschelt liegen verschlafen winzige Lämmer, die so frisch sein müssen, dass selbst das Liegen noch zu lernen ist. Schwarze gibt es und weiße, kohlrabenschwarze, graumelierte und auch ein weißes mit schwarzem Kopf. Je tiefer man den Blick ins Strohgeschehen gräbt, desto mehr Lämmer werden es. Die Schafe dazwischen, sämtlich noch im Winterpelz, sind alle verschieden hoch und reichen von braun über grau bis weiß. Schwarze sind keine zu finden.

Vergnügte Klosterziegen

Zwischen den Orten des Geschehens schlendert ein tiefenentspannter Hund und schaut beiläufig nach dem Rechten. Auf der Rückbank eines staubigen Autos sitzt ein noch tiefentspannterer und lässt die träge Schnauze und ein Ohr aus dem offenen Fenster hängen.

Unten am See schließlich gibt es noch ein kleines Bootshaus mit Steg und zwei rustikalen Terrassenöfen Marke Eigenbau. Vom Steg fällt der Blick weit über den langgestreckten Kölpinsee, der bis ins nahe Milmersdorf reicht. Einige Ruderboote sind unterwegs – oben am Eingang waren Bootsverleih und Sauna angeboten, und Bootsverleih ist ja auch derzeit möglich.

Externes Geläut

Die Klosterkirche selbst ist samt aller Rundungen komplett mit Holzschindeln gedeckt, die weißen Wände sind mit Ziegelsteinen verkleidet. Der Innenraum überrascht mit enormer Deckenhöhe und einer prächtig ausgemalten Halbkuppel über dem Altarraum, auf einem Tisch liegen Bücher und Ikonen kleineren Formats zum Kauf. Während die Wände noch das blanke Baumaterial zeigen und dicke Kabel auf ihre Schächte warten, ist der Boden lückenlos mit riesigen schweren Teppichen ausgekleidet, Verstärkung liegt noch zusammengefaltet am Rande. Jeder Schritt wird gedämpft, und ebenso gedämpft ist das Staunen darüber, einer Kirche beim Werden zuschauen zu können. Wie zur Bestätigung spielt der lebhafte Wind gelegentlich mit der provisorischen Pforte und jammert ein wenig in den Ritzen.

Bei Gotts See

So faszinierend kontrastreich und leicht verrätselt wie das Kircheninnere und dazu noch ziemlich abgefahren ist auch die Geschichte, die sich in mehreren Kapiteln an bekannten Namen aus verschiedensten Ecken entlanghangelt. Vor dem Zweiten Weltkrieg diente das einst arnim’sche Gutshaus einem der Allerobersten der Nazizeit als Jagdhaus, einiges danach nutzten es Volksarmee und Staatssicherheit für Urlaubszeiten. Wie viele vergleichbare Objekte stand es nach der Wende leer und begann zu verfallen, ein Prozess, der bis heute andauert.

Waldsauerklee am Ochsenbruch

Wie die flüchtigen Quellen des Netzes berichten, stieß ein Herr Kuchinke, einstiger Spiegel-Journalist und Russland-Experte mit besonderem Interesse für orthodoxe Kirchengesänge, vor fünfzehn Jahren auf die vergehende Anlage und fand, dass hier ein guter Platz für ein Kloster sein könnte, ein russisch-orthodoxes. Ließ die Gedanken fließen und spann die junge Idee noch ein wenig weiter, bis hin zu einem Lebensmittelladen, einer Bibliothek und einer Gastwirtschaft mit russischer Küche. Und sah vor sich einen besonderen Ort für bedeutsame Treffen, gern auch auf höheren Ebenen.

Uckermärkische Basismöblierung in der Ringenwalder Moränenlandschaft

Nun musste zuerst das Wohlwollen der Dorfbewohner her, dann noch ein großer Haufen Geld. Bei ersterem half neben vorgeführten Filmen über diese Religion maßgeblich ein Pfarrer Kasner. Der stand im nahen Templin lange Zeit im Dienst der Kirche und hatte eine heute fast vierundsechzigjährige Tochter, die seit längerem Bundeskanzlerin ist.

Das Wohlwollen wurde erlangt und die ganze Anlage ging für den symbolischen Euro über den Tisch, mit der Bedingung, dass binnen fünfzehn Jahren drei Millionen in den ihren Ausbau zu stecken waren. Am sichtbarsten sind die geflossenen Mittel an der Kirche, die im nordrussischen Stil neu erbaut wurde. 2013 erfolgte die Weihe des kuppelkrönenden Kreuzes durch einen Erzbischof.

April im Buchenwald

Was die Millionen betrifft, war es nützlich, dass Herr Kuchinke in Russland recht bekannt war, ein bisschen wie ein bunter Hund. So ergab sich ein Besuch in der Datscha von Präsident Putin, der wiederum Herrn Kuchinke bereits aus seinem Lieblingsfilm kannte, wo dieser Anfang der Siebziger einen dänischen Professor gespielt hatte. Kuchinke kommentierte die Sache geistreich, der Humor gefiel dem Präsidenten und die Idee des Klosters bei Berlin konnte überzeugen. Telefonate wurden geführt, und bald darauf wies eine russische Bank einen siebenstelligen Betrag an. 2007 wurde das Kloster gegründet, das in seiner Art einzigartig ist in Westeuropa, vier Jahre später bezogen die ersten Mönche ihre Kammern und widmeten sich dem Motto „Bete und arbeite – ora et labora“. Die Arbeit dürfte so schnell nicht ausgehen.

Urige Lindenallee nach Hohenwalde

Was von all dem jetzt Legende ist und was nicht, ist eigentlich egal, denn selbst diese lückenhafte Kurzform zeigt schon die kuriose Abfolge von Ereignissen und ihre unterhaltsamen Kurvenausschläge. Und wer braucht schon zuviel Wahrheit, wenn eine Geschichte gut ausgedacht und schnurrig erzählt ist? Die Vision des Herrn Kuchinke jedenfalls, Vorbehalte abzubauen und verschiedenste Köpfe an gemeinsame Teetafeln zu bringen, ist nicht mehr nur eine Vision. Und neben kulturellen Traditionen und geistlichem Austausch wird es am Tisch wohl auch mal ganz schlicht um Piroggen gehen und um Getränke in kleinen dickwandigen Gläsern.

Hohenwalder Entree

Apropos Gaumenfreuden: aus den Kesseln der Kloster-Feldküche, die noch von den Vornutzern stammen könnte, gibt es gut bestückten Borschtsch, kräftige Soljanka und anderes, dazu passen gut die Piroggen mit drei verschiedenen Füllungen. Einmal über die Straße liegt eine kleine Wiesenböschung, zu der wir das Tablett mitnehmen dürfen, als Tischschmuck gibt es ungepflückte Veilchen. Zu uns gesellen sich einige Ameisen, die zielgerichtet den Piroggen zustreben, insgesamt aber friedlich sind. Mit spannender Vorderpartie verlassen wir diesen besonderen Ort, an dem wir kein einziges Verbotsschild finden konnten.

Kunsthaus Hohenwalde

Am Mythenstein verlassen wir das Dorf, wieder hinein in die Stille des Waldes. Gleich um die Ecke liegt Gotts See, in direkter Nachbarschaft zum Ochsenbruch. Beide ruhen in einer Stimmung, die sich schon ein bisschen nach Abendsonne anfühlt. Doch das ist noch eine Weile hin, gut so, denn der Tag soll nicht so schnell zu Ende gehen.

Wurzel am Dorfrand, Hohenwalde

Nach und nach wird es wieder hügeliger und wir stoßen auf Parallelen einer Tour, die jetzt fünf Jahre zurückliegt und eher in der Zeit der allerersten Frühblüher spielte. Nach und nach übernimmt der Buchenwald, mittlerweile sonnenlichtdurchflutet, und dementsprechend geht es jetzt richtig los mit Buschwindröschen, die so anmutig im leisesten Windhauch wackeln können. Sogar mitten auf dem Weg wachsen sie, durchmischt mit den erwähnten gelben. Auch die extrasmarten zarten Blüten des Waldsauerklees, die stets ganz stark nach Jugendstil aussehen und deren grasgrüne Laubblätter bisweilen eine perfekte Herzform ergeben, finden wir hier. Wenn irgendein Waldblümchen besonders liebenswert ist, dann wohl dieses.

Weg zum Düstersee

Immer mehr wird es und immer dichter mit den Blütenteppichen, die sich nicht davon stören lassen, dass viele der umgebenden Brüche und Sümpfe schon länger trocken liegen. Auch direkt neben der Landstraße breitet sich bei den Bootsschuppen am Proweskesee hin noch so ein herrlicher Blütenmeer aus. Nach dem Queren eines zaghaften Vorkommens frühester Ucker, die hier dem Großen Krinertsee entgegenrinnt, beginnt eine der urigsten Pflasterstraßen der Uckermark, gesäumt von uralten und teils dramatisch geborstenen Lindenbäumen. Da sind sie wieder, die Höhenmeter, wenn auch sensationell verpackt. Die halbe Stunde Pflaster unter der winterfaulen Sohle wird sich am nächsten Tag noch in Erinnerung rufen.

Marie auf Leder

Hohenwalde

Kurz vor der Ortsmitte, die im Wesentlichen ein Buswarte-Kabuff mit dem Feuerlöschteich bildet, senkt sich die Straße etwas ab, vorbei an blühenden Obstbäumen und einer Fachwerkfassade. Irgendwo im Ort soll auch eine Pfarrerstochter ihre Datsche haben. Im Kabuff liegt vergessen eine oft gelesene Kitschschwarte, gegenüber hat man im Künstlerhof Freude an Farbe und Gestaltung. Am Teich steht auf bdeutender Tafel ein Hinweis auf den Fernreit- und Kutschweg Berlin-Usedom, der eher Legende ist als Realität. Nach Süden setzt sich, bereits bekannt, eine weitere der besonderen Lindenalleen in Gang, die das Dorf im leichten Anstieg in Richtung Ringenwalde verlässt. Doch heute kommt noch einmal Neuland – ein oft schon angepeilter Weg, aus dem dann nie etwas wurde.

Herbstgruß gleich daneben

Wie von einem Burghügel senkt sich die staubige Fahrspur hinter den letzten Feldsteinscheunen langsam ab in den grünen Grund, der voraus schon zu sehen ist. Rechts am Rand liegt ein enormer Wurzelstubben. Er ist so groß wie zwei der Bullen von vorhin, die meisten Wurzeläste sind ähnlich dick wie die nicht mehr junge Eiche gleich daneben. Der freiliegende Stumpf wirft einige Fragen auf. Falls er nicht von hier kommt, sondern hergebracht wurde, hätte es dazu mindestens vier solcher Bullen gebraucht, dazu einen sehr stabilen Ochsenkarren. Und irgendeinen guten Grund.

Weg nach Alt-Temmen

Für die letzte Pause, die nicht der Notwendigkeit, sondern einer feinen Leckerei vom Bäcker geschuldet ist, findet sich ein sanfter Wiesenhang unter einer Birke mit kunstvoll gewundenen Ästen, die vom aufkommenden Wind ins Schaukeln gebracht werden. Von hinten wärmt die Sonne den Pelz, nach vorn heraus liegt eine malenswerte Szene, und der erste Marienkäfer legt auf der Schuhspitze eine Pause ein. Unten vom See her ist zweimal laut und deutlich der Basston einer Rohrdommel zu hören, einem Vogeltier von imponierender Größe. Das ist kein alltägliches Erlebnis, doch Zweifel bleibt keiner, denn der Ton ist äußerst charakteristisch.

Uferwiesen am Großen Krinertsee

Mehrmals verschieben wir den Aufbruch, im Wissen, dass es gerade zum Abend hin immer schwerer wird, wieder in Gang zu kommen, wenn man grad so herrlich sitzt. Es ist einfach so schön, so vollkommen. Nichts treibt uns, genügend Licht ist auch noch übrig. Und Geschenke wollen erkannt sein.

Weidenopas am Düstersee

Zeit also fürs Zusammensuchen der ganzen Frühlingssachen der letzten Stunden: Birkensaft und erwachende Käfer, Meere von Frühblühern und hinreißende Lämmchen, der erste Pirol und der werbende Rohrdommler, nicht zu vergessen den dösenden Storch und den torkelnden Marienkäfer. Und dann gab es ja auch noch das Rudel erwachender Zitronenfalter und weit mehr Lerchen als üblich. Dickes Ding.

Blick übern See nach Alt-Temmen

Der vorausliegende Weg ist zauberhaft, also siegt irgendwann die Neugier. Wieder durchzieht er launig die Landschaft, wie zu Beginn der Tour, streift Wäldchen, Hügel und quert Bächlein. Versteckt hinter einer Baumreihe liegt zum See hin ein feuchter Wiesenstreifen, der abermals dicht bedeckt ist mit Blüten, die zum Abend hin verstärkt ihren Duft verströmen. Noch nie probiert, doch jetzt wird sich gebückt trotz müder Beine, und hat sich gelohnt. Sanft und aromatisch, und tausende Blüten vom Wind zusammengefasst sind ein genüssliches Erlebnis.

Auf dem Weizberg Ostgipfel, Alt-Temmen

Kurz ist zu sehen, dass es zwischen dem Großen Krinertsee und dem Düstersee hindurchgeht. Auch am kleinen Badestrand gibt es nochmal Blüten, ebenso am Ufer des Düstersees. Bereits mit Blick auf die Dächer von Temmen wird der krumme Weg von wuchtigen Weiden flankiert, die nahezu in die Waagerechte geborsten sind und schon im vollen Saft stehen.

Direkt vor dem Dorf liegt der Weizberg mit zwei Gipfeln. Die steile Flanek hin zum See erstrahlt im Abendlicht vor unzähligen Blüten – wir müssen einfach noch mal hoch. Es ist kaum zu fassen. Und gut zu wissen für Leute, denen tausend Schritte und fünf Höhenmeter völlig reichen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Angermünde nach Wilmersdorf, dann weiter mit dem Bus; Regionalbahn über Eberswalde nach Milmersdorf, dann weiter mit dem Bus (jeweils ca. 2-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise über Landstraße (über Milmersdorf) oder Autobahn (über Joachimsthal)(ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 18.5 km (Abkürzungen möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Alt-Temmen

Hofladen Gut Temmen

Kloster Göttschendorf

Artikel über Herrn Kuchinke

Kunsthaus Hohenwalde

Kutsch- und Reitweg Berlin-Usedom

Einkehr: (Bauernstübchen, Alt-Temmen)
Klosterküche, Göttschendorf

Grobskizziert – Biesenthal: Kirschalleen, ein Burgruinchen und die Stufen zum Tale

Die Welt vor der Türe gewinnt von Tag zu Tag an Farbenkraft, was man in diesem Jahr so besonders gar nicht erwarten konnte. Nach den spätwinterlichen Farbspielen der Frühblüher am blassen Boden und den jüngst nachgefolgten Blüten der zeitigsten Büsche und Obstbäume etwas höher kommt nun auch das gute alte Laub ins Spiel und füllt zartgrünes Volumen in alles, was so wächst. Die Menge der Blättchen bringt mit sich den mildwürzigen Duft der erwachten Natur, der durch gelegentliche Regengüsse noch an Aroma gewinnt.

Stufenweg vom Friedhof zum Sydower Fließ

Nach einer kurzen Frühlingsvorschau Ende Februar und einem durchwachsenen März hat sich der April nun entschlossen, Kante zu zeigen und jedem Sprichwort gerecht zu werden, das ihn betrifft. Teilweise reicht ein einziger Tag, um dreieinhalb der vier landläufigen Jahreszeiten kurz anzuspielen, sich besonders aber den Zwischentönen hinzugeben.

Sydower Fließ in Biesenthal

So schnell kann man gar nicht die Winter-, Übergangs- und Frühjahrsklamotten hin und her schieben, um letztlich doch meist das falsche Textil zum Ist-Wetter anzuhaben. Normalerweise ist das die Zeit, in der man sich nach infektfrei überstandenem Winter doch noch eine saftige Erkältung einfängt, weil irgendeine Körperpartie nicht ausreichend bedeckt war. Doch das Phänomen dieser Zeit setzt sich fort, und so bleibt es meist bei einem einzigen Tag mit dichter Nase.

Denkmalspark beim Stadtwald

Noch immer befinden sich die lieben Gewohnheiten im Klammergriff der Notwendigkeiten, und so ist Phantasie und etwas mehr Organisation als üblich gefragt, wenn man die Stunden des Tageslichtes auf dem Lande verbringen möchte. Im Hinblick auf den Kaffee davor oder die Essenluke unterwegs gehört dazu auf jeden Fall Besteck im Rucksack, vielleicht auch ein Geschirrhandtuch, das als Tischdecke und Putztuch dienen kann und dann am besten noch so ein Pappteil, das zwei Kaffeebechern Halt gibt. Und lieber eine Flasche Wasser mehr im Rucksack.

Villenreicher Alleeweg von Biesenthal zum Bahnhof

Wer unterwegs nicht nur die gute Luft, die Natur und besondere Landschaftsformen genießen möchte, sondern auch die Abgeschiedenheit sucht, findet in jedem Landkreis entlegene Gegenden. Doch selbst in direkter Nachbarschaft zu gängigen Ausflugszielen gibt es schöne Wege, auf denen man kaum jemanden trifft.

Kirschallee nördlich von Biesenthal

Biesenthal

Nur eine Station hinter dem C-Bereich des Berliner Bahnnetzes liegt Biesenthal, das sich seit vielen Jahren Naturparkstadt nennen darf. Der zugehörige Naturpark heißt Barnim und reicht südlich bis nach Berlin hinein, im Norden bildet der pittoreske Finowkanal die ungefähre Grenze. Der Naturpark ist voller schöner Landschaften, und eine wahre Ballung findet sich rund um Biesenthal, wo durch die Zuarbeit zahlreicher Bachläufe auch das Flüsschen Finow in Schwung kommt.

Junge Allee am Waldrand

Wer an der großen Eiche auf dem Markplatz unweit der Kirche losgeht und einen besonderen Tag in unterhaltsamer Landschaft verbringen will, kann eigentlich nichts falsch machen, ganz gleich, welche Richtung eingeschlagen wird. Das Wegenetz ist dicht. Schon das Stadtgebiet bietet einige Abwechslung, was unter anderem dem markanten Bachtal des Sydowfließes sowie der einzigartigen Villenallee zum Bahnhof zu verdanken ist.

Wiesengrund beim Reiterhof

Als Minimalvariante für bewegte Beine gibt es ein paar Minuten von der Kirche zwei stattliche Burghügel mit verspielten Stiegen und Pfaden und einem herrlichen Spielplatz zu Füßen, der schön zusammenfasst, was die Texttafeln erzählen. Dazu kommen noch eine richtige kleine Burgruine und ein besteigbarer Turm mit weitem Blick, sodass sich allein hier ein gutes Stück guter Zeit mit Groß oder Klein verbringen lässt. Hinterher könnte man nochmal durch den Bruchwald zur Wehrmühle und zurück trödeln oder – um ein paar Minuten aufgebohrt – die ganze feuchte Senke umrunden.

Moos im Walde

In passender Entfernung für eine tagesfüllende Tour liegen Ausflugsziele wie die Siedlung Lobetal mit ihrer Freilichtkirche, der hinreißende Hellsee mit seinem teils wilden Uferwald oder das Backofendorf Danewitz. Auch das breite und verspielte Finowtal oder der Große Wukensee mit dem schönen Strandbad dürften regelmäßigen Ausschwärmern bekannt sein.

Im Finowgrund

Der besondere Schatz sind jedoch jeweils die Wege dorthin, die naturnah durch wasserreiche Landschaft führen und somit oft glasklare Bächlein und ihre Ufer berühren, teils in hochromantischen Talgründen. Mühlen gibt es, verfallen oder wiederhergerichtet, ferner ausgedehnte Bruchwälder und sogar eine Erhebung mit dem schönen Namen Schweinebuchtenberge.

Junge Schwäne auf der Finow

Ein hübsches Ründchen, auf dem man nur wenige Augenpaare treffen wird, verbindet allerlei Sehenswertes im Stadtgebiet mit einer guten Mischung aus Wald, Feld und Wiesengrund. Die landschaftliche und generelle Abwechslung ist trotz der Kürze hoch. Darunter finden sich ein winziges Scheunenviertel am Friedhof mit herrlichen Treppenwegen am Wiesenhang, der grunderneuerte Park am Denkmals-Hügel und ein Stück der schnurgeraden Allee zum Bahnhof.

Fallende Finow an der Wehrmühle

Hinterm Stadtrand führen dann alte Kirsch- und Lindenalleen in den Wald, der sich nach und nach hügeliger zeigt. Idyllisch wird es schließlich im breiten Talgrund der kleinen Finow, die zwischen Waldinseln und Schilfflächen hindurchfließt, später unterhalb dramatischer Steilwände, und sich eher im Hintergrund hält. Vom nach und nach erblühenden Gebäudeensemble der Wehrmühle führt der letzte Kilometer durch eine verträumte Wasserwelt zu den erwähnten Burghügeln, die Kirche ist bereits vorher zu sehen.

Blick auf Biesenthal

Einen verkraftbaren Nachteil hat ein jeder Besuch von Biesenthal: ganz gleich, welchen Weg man gegangen ist, wird es immer einen anderen geben, den man bald wieder gehen will. Und also Sehnsucht hat, bald wiederkommen muss. Ein starker Trost dabei ist, dass man nicht viel falsch machen kann.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
mit Regionalbahn/S-Bahn nach Bernau und weiter mit dem Bus nach Biesenthal Markt (ca. 1-1,25 Std.); mit Regionalbahn nach Biesenthal (0,5 Std.), dann zu Fuß Richtung Ortsmitte

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise Autobahn oder Landstraße (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 11 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus Amt Biesenthal

Naturpark Barnim

Informationen zur Finow

Einkehr: Café zum Schlossberg (unweit der Kirche)
Gasthof Zur alten Eiche (unweit der Kirche)
sowie div. andere Möglichkeiten

Treplin: Der Mühlenpool, die Hundertwundertüte und Tante Magdas Luke

Den schönsten Schneewinter seit langem hat dieser Februar serviert und dann gegen Ende unerwartet eine Konfettibombe dicken Vorfrühlings platzen lassen, die alle Leute auf der Straße für eine knappe Woche hellere Gesichter tragen ließ. Gefühlt waren die fünf Tage zwei Wochen lang und der Frühling also längst schon angekommen.

Im Tal des Mühlenfließes bei Treplin

Alles strömte nach draußen, Leichtigkeit und ein vorübergehendes Vergessen der Situation wurden zelebriert, mit kurzen Hosen, Strohhüten und beschwingtem Schritt. Ein Spaziergang galt nicht mehr als piefig, vielmehr als gelebte Freiheit, und alle Sorten von Menschen begegneten sich außer Haus beim Schritte setzen. Die plötzliche Mützenlosigkeit offenbarte ein regelrechtes Panoptikum notdürftig gezähmter Haarschöpfe nach den langen Zeiten ohne das Friseurhandwerk.

Kastanienallee vor Hohenjesar

In seinen allerletzten Tagen besann sich der Februar, straffte die Gesichtszüge und gab der Realität des Spätwinters die Hauptrolle zurück – auch wenn der März vor der Tür schon leise mit den Füßen trappelte und dies durch tausend Vogelkehlen bekräftigt wurde. Nach unerwartetem Bibbern wurden nochmal dicken Jacken und Handschuhe hervorgeholt, anstelle von Resignation jedoch der Kopf in den Nacken geworfen bei der baldigen Aussicht aufs nächste Kalenderblatt.

Russische Kapelle hinter der Kirche von Hohenjesar

Bei der Planung der passenden Tour für einen Tag zwischen den letzten Frösten und den ersten Bienen rief es auf der Karte von verschiedensten Ecken „Kommt doch zu miiiir!“. Irgendwann hatte sich das Gemüt dann auf die Gegend um Alt Rosenthal und Worin eingependelt. Und rutschte doch immer weiter nach Osten ab, bis schließlich kurz vor der Oder bei Frankfurt alles richtig schien.

Uferpfad am Hohenjesarschen See

Als die Tour schließlich stand und zumindest auf der Karte sehr verheißungsvoll aussah, fiel auf, dass bislang kein Meter davon begangen wurde. Komplettes Neuland ist mit den Jahren selten geworden, so ein reinweißer Fleck durchaus überraschend, und große Neugier war die Folge. Verraten werden darf: es wurde eine exklusive Wundertüte voller schöner Dinge, ganz klar mit dem Zeug zum Klassiker und einem Ruf nach Besuchen zu den anderen Jahreszeiten. Da trifft es sich gut, dass dieser ganz besondere Tag den hundertsten Beitrag hier füllen soll – auf so ein glückliches Zusammentreffen hatte ich leise gehofft, auch wenn die laufende Nummer mit der ersten Doppelnull nur eine Zahl wie alle anderen ist.

Altes Mühlengemäuer unterhalb von Treplin

Treplin

Treplin liegt Luftlinie zehn Kilometer vom Oderstrom entfernt im Lebuser Land, am seitlichen Ausleger eines Seensystems, dass sich zwischen Seelow und der Drahendorfer Spree erstreckt. Diesen Ausleger sieht nur, wer ihn auch sehen will, denn eine nasse Verbindung gibt es in der Tat nicht. Dafür plätschert direkt im Dorf ein richtiger kleiner Dorfbach, wie er häufiger im Sächsischen anzutreffen ist oder dort, wo es eben etwas hügeliger ist. Der hat zwei Ursprünge, schlängelt sich nach dem Zusammentreffen beider Arme nach Herzenslust zwischen den Gärten und Wiesen hindurch und ist mit zunehmendem Gefälle unterwegs ins nächste Tal.

Dorfbach in Treplin

Weiter südlich im Dorf steht die Kirche mit ihrem vergleichsweise neuen Dach auf einer sanften Anhöhe, über ihr lassen große Wolkengebilde nur wenig blau durchscheinen. Auf dem Wirtschaftshof dahinter wartet ein beerenförmiger Erdbeerkiosk mit geschlossenen Augenlidern auf die nahende Saison. Am anderen Ende von Treplin geht es nach dem ersten Bachkontakt und ein paar Minuten Straße bald schon in den Wald, vorbei am Forsthaus sanft hinab ins Tal des Mühlenfließes. Ein paar Forstleute bestücken gut gelaunt die Pritsche ihres kleinen Fahrzeuges. Verwitterte Wegweiser machen neugierig auf Rundwege um den Trepliner See oder zur Mühle.

Kirche von Treplin

Beständig fällt der Weg sanft ab, landet schließlich in einer laubbedeckten Landschaftskerbe. Hier liegt einiges quer, abgestürzte Äste oder ganze dicke Stämme, und ein gewisses Maß Gymnastik ist zu leisten, das gut und gern als Ausdruckstanz durchgehen würde. Unten angekommen liegt in gewisser Breite eine stille Wasserwelt, rechts tönt vom stattlichen Biberdamm ein leises Gurgeln herüber.

Grüner Grund am Dorfrand von Trepllin

Die Grenze zwischen Bruchwald und mäanderndem Bach ist undeutlich, obwohl in dieser Jahreszeit rein gar nichts die Sicht versperrt. Das Wasser liegt mal breit und ruhig, mal kräuselt es in Eile durch eine Enge aus Holz und Steinen, dann wieder gibt es sich verspielt, wählt mehrere Wege zugleich und nutzt die ganze Talsohle aus. Laub und Stämme sind eher noch fahl als klar einer Farbrichtung zuzuordnen. Das unaufgeräumte Waldtal in Verbindung mit den Sonnenstrahlen, die es bis hierher schaffen, lässt an Aufbruch denken, an schöne jahreszeitliche Stimmungen der vorausliegenden Wochen. Bunte Punkte finden sich noch keine am Waldboden, doch das Laub des glänzend lackierten Scharbockskrauts verspricht einen breiten Blütenteppich in absehbarer Zeit. Die letzte Spur der Morgenkälte zwickt ein wenig in den Wangen.

Hohlweg hinab ins Tal des Mühlenfließes

Herrenmühle

Bald erstreckt sich rechts des Weges nasses Grasland, komplett durchtränkt, gleich riesigen Pfützen. Alte Eichen halten in flehender Geste ihre langen Äste darüber, kräftige Stämme liegen weich gebettet und rindenlos und warten auf die nächste Phase ihrer Morschung. Irgendwann reißt der Blickkontakt zum glitzernden Wasser ab, der Bach verkrümelt sich in schilfiges Feuchtland und landet bald schon im Mühlteich der Herrenmühle. Der Weg läuft weiter am Fuße des Hangs entlang, dessen Flanke zum Teil steil aufsteigt, an einer Stelle an einen überwachsenen Burgwall denken lässt.

Mäanderndes Mühlenfließ bei Treplin

Die erste Spur der Nutzung als Mühle ist ein Wehr, das eher zu hören als zu sehen ist. Ein überwachsener Damm lässt einen Pfad durch zu den anderen Teichen, das Wasser fällt vom großen zum kleineren Teich einen knappen halben Meter. Beide liegen noch halb unter Eis. Auch das Hofensemble der Mühle ist zunächst eher zu hören als zu sehen, da ein Hund anschlägt und die nächsten Minuten nicht verstummt. Kein Grund, an den Tafeln des kleinen Lehrpfades vorbeizulaufen, die teils Spannendes über Wasserlauf und Mühle zu berichten haben. Ein genießerischer Blick auf die Hofanlagen ist dann doch nicht drin, da sich die Stimme des Tieres jetzt überschlägt, was man auch von seinem Hin- und Hergerenne sagen könnte. Die Aufgabe wird ganz klar übererfüllt und lässt mit schwerem Schlucken an linderndes Krügerol denken. Schön jedenfalls, als es wieder leise ist im Tal.

Schilder diverse

Ein frischer Wanderwegweiser zeigt nach Lebus, das keine zehn Kilometer entfernt ist. Auch ein Jakobsweg schlägt hier eine Extraschleife, um diese schöne Landschaft mitzunehmen. Kurz darauf kündigt sich voraus ein Landschaftswechsel an, der mit freier Sicht verbunden ist. Erst öffnet sich das Tal nach rechts und geht gehörig in die Breite, großzügig grundiert mit dichtem, winterblondem Schilf. Darüber ist der Himmel nun erheblich blauer, die Sonne trifft öfter die Gesichtshaut und kurbelt damit manches an.

Bruchwald im Talgrund bei der Herrenmühle

Noch bevor auch die Hangflanke zur Linken wiesenoffen wird und sanfter, beginnt eine prachtvolle Allee von Kastanien, die bis ins nächste Dorf reicht, fast einen ganzen Kilometer. Große Bäume und kräftige Stämme mit den typischen Charakterfurchen, und der Weg so ganz leicht mit einem im Tee, nie ganz gerade, einfach zauberhaft. Das muss ein Schauspiel sein im Mai, ein Duft und ein Gesumme.

Mühlteiche der Herrenmühle

Hohenjesar

Der Salomonweg steigt sanft hinauf nach Hohenjesar, das an einigen Stellen nicht ganz klar von Alt Zeschdorf abzugrenzen ist, dem Gegenstück am anderen Ufer dreier Seen. Die Vorgärten liegen so aufgeräumt, wie das für diese Jahreszeit typisch ist, bereit für Rabatten und Blüten und Grünzeug dazwischen. Chrysanthemen und Stiefmütterchen und auch Alium, diesen leicht sphärischen Bommeln am langen Stengel. Auf einer Ecke hält ein betages Häuslein mit letzter Kraft seine Mauern beisammen. Zumindest das Fundament ist für die Ewigkeit gebaut, aus gespaltenen Findlingen und größeren Feldsteinen mit einer lückenlosen Reihe Ziegelsteinen darüber.

Südliches Ende der Kastanienallee

Auf der Wiese direkt davor spielt sich im Stillen ein kleines Spektakel der Sonderklasse ab. Die ganze Wiese ist so voll von Krokussen, dass vom Gras kaum etwas zu sehen ist. Die Krokusse eher so klein wie wilde und trotz Sonne kaum geöffnet, so dass die zeitigen Bienen hier ihre erste Herausforderung finden. So winzig ist die Öffnung ganz an der Spitze, dass es selbst bei den kleinen Wildbienen quietschen dürfte, wenn sie sich da reindrängeln, um beste grüne Energie abzuziehen.

Kastanienallee bei Hohenjesar

Voraus ist die Kirche mit ihren hochliegenden Fenstern zu sehen, eher Lichtscharten. Sie wird sich später als Schlosskirche entpuppen, was auch einige stattliche Pfosten an einer langen Auffahrt erklärt. Auf den ersten Blick scheint das Kirchenschiff nach oben offen, doch in der Tat wurde pragmatisch und wirksam ein pfiffiges Flachdach aus Wellprofilen aufgesetzt, das seine grundlegende Funktion erfüllen sollte. Eine Treppe führt hinauf zum Kirchhof, und die sollte man keinesfalls links liegen lassen.

Krokuswiese vor dem Haus

Wer es bis zum Kirchturm geschafft hat, entdeckt von dort nämlich eine kleine Kapelle, die einem Märchenbuch entsprungen scheint und irgendwie nach Slawen oder Balten aussieht. In der Tat ist ihre Entstehung wenig blumig, doch was sie ein Jahrhundert später ausstrahlt, ist es um so mehr. Hier waren Könner ihres Fachs am Werk. Dem Anschein nach wurden weder ein Nagel noch eine Schraube verwendet, allein Balken und Holzdübel und handwerkliches Können.

Schlosskirche in Hohenjesar

Wer die Umgebindehäuser aus der Oberlausitz und den benachbarten Regionen Tschechiens und Polens kennt, wird sicherlich kurz daran denken. Durch das farbige Fensterglas lässt sich auf Zehenspitzen ein Blick in den Innenraum erhaschen, mit Zitaten an die zurückliegenden Jahreszeiten – Korngarbe und Adventskranz. Draußen beeindruckt das blassgraue Holz, das seit den zurückliegenden Zwanzigern allen Winden und Wettern ausgesetzt war. Wer sich die Zeit nimmt, hat auch am Dach und der Giebelwand so einiges zu kieken.

Russische Kapelle auf dem Kirchhof

Das waren jetzt schon drei große Kaliber – das naturromantische Bachtal mit der Mühle, die herrliche Kastanienallee und die russische Kapelle hinter der Kirche. Für gewöhnlich ist man froh, wenn sich auf einer Tagestour drei solcher sehenswerten Orte aus den Bereichen Natur, Kultur und Wegeschönheit verbinden lassen. Es fällt also beim Verfassen dieses Textes durchaus schwer, den Fuß auf der verbalen Bremse zu lassen.

Bunte Fenster und zurückliegende Jahreszeiten

Von der Kirche führt eine anmutige Straßenkehre hinab auf die Ebene der Seen. Noch ehe die Wasserhöhe erreicht ist, lässt sich über eine urige Stiege direkt zum Ufer abkürzen. Auch diese weite Wasserfläche liegt noch größtenteils unter Eis, das freilich niemanden mehr tragen dürfte, allenfalls besonders zierliche Enten. Zwischen einem breiten Schilfgürtel und dem flachen Wiesenhang beginnt nun ein Uferweg, der nach und nach Fahrt aufnimmt hinsichtlich seiner besonderen Gestalt.

Halbgefrorener Hohenjesarscher See

Zunächst läuft er als leise Trampelspur am Schilf entlang und lässt noch Zweifel offen, ob es überhaupt weitergeht. Eine Weide steht schon unter Saft und konkurriert mit ihrem wogenden Silberschopf gegen das vom Gegenlicht vergoldete Schilf. Nach und nach wird die kleine Flanke steiler und der ufernahe Pfad zu einer Allee, die sich zwischen hochgewachsenen Erlen und auch Pappeln hindurchquetscht. Verengt sich zwischen alten Bäumen zum Slalomkurs und muss Wurzelbuckel übersteigen. Viele der dicken Stämme mit ihrer tief gefurchten Rinde wurden vom Efeu erobert, dessen Stämme teils so dick sind, dass sich darum keine Hand mehr schließen lässt. Trotz Schattenlage fasst sich so ein Stamm warm an, wohl des struppigen Pelzes wegen.

Lichtspiele und Frisuren

Dieser Weg ist kaum länger als eine Drittelstunde, doch allein seinetwegen würde sich die weite Anreise lohnen. Am anderen Ufer ist unter nordischem Wolkenbild Alt Zeschdorf zu sehen, schräg gegenüber die Brücke über den schmalen Damm zwischen den Seeteilen. Im Norden fällt der Blick auf die hanggelegenen Wochenendhäuser und den Zeltplatz. Zwei Enten posieren und poussieren auf dem glitzernden Wasserspiegel – der Frühling ist nah.

Uferpfad bei Hohenjesar

Wer die Abwechslung auch im Kleinen mag, schlägt einen kurzen Bogen durch die Gärten und überwindet dabei ein paar Höhenmeter, der Abstieg kann über eine steile Stiege erfolgen. Zwischen dem Hohenjesarschen See und dem ähnlich großen Aalkasten dürfen Motorlose übers Mühlenfließ, das sich vom Aalkasten bald Richtung Oder wendet und dort auf seinen allerletzten Kilometern noch die Landschaft unterhalb der Lebuser Adonishänge veredelt.

Uferpfad gegenüber von Alt Zeschdorf

An den Wochenendgärten ist noch kaum Betrieb, vielleicht der nachgereichten Kälte wegen. Am Zeltplatz steht beim Seecamp eine Tafel draußen, aufgekreidet stehen Pfannkuchen und Kaffee, doch es sieht nicht aus, als wenn geöffnet wäre. Da die zweite Pause nur ein paar Minuten zurückliegt, gehen wir vernünftig weiter und bereuen es kurz darauf ein bisschen – zum einen wegen des versäumten Genusses, zum anderen wegen der verpassten Chance, etwas Geld hier zu lassen. Beide Probleme haben sich kurz darauf in Luft aufgelöst.

Und nochmal Uferpfad, kurz vor den Hanggärten

Alt Zeschdorf

Im Ort sind nun schon ein paar mehr Bienen unterwegs, vermutlich dank der warmen Hauswände, die auf die Schneeglöckchen und Krokusse in den Vorgärten abstrahlen. Drüben sägt wer was, weiter hinten wird etwas verbrannt. Ein paar Meter voraus sprintet ein Eichhörnchen über die Straße, verschwindet in einem grünen Weg und macht uns neugierig. Leicht abwärts geht es hier zur Badestelle, wo es neben einer großen Wiese auch einen kleinen Strand gibt. Ein breiter Steg ragt in den See hinein und gestattet Blicke übers Wasser und hinüber nach Hohenjesar.

Am Verbinder zum Aalkasten

Auf halber Hanghöhe steht eine Bretterbude, davor plaudern ein paar Leute, wirken eher privat. Doch es gibt ein kleines Kommen und Gehen, und so werden wir wieder neugierig. Beim Näherkommen ist zwischen den Menschen eine Luke zu sehen, drin sitzt eine Frau mit freundlichem Gesicht – und erneut sieht es nach Kinderbuchillustration aus. Wahrhaftig hat hier Tante Magdas Imbiss offen, und das schon den ganzen Winter über, so gut wie jeden Tag. Selbst bei minus sechzehn Grad. Die Kundschaft freut es sehr. Und uns nicht minder, denn eine Einkehr am Weg ist immer am schönsten.

Am Badeplatz in Alt Zeschdorf

Tante Magdas Imbiss

Nach kurzem Plausch mit einem Stammkunden aus dem Dorf wird schnell klar, dass hinter der Scheibe eine gute Seele des Dorfes werkelt. Nach diversen Bestellungen und etwas Geplauder mit der Dame selbst weiß ich, dass sie vom Südrand Polens kommt und hier mit kleiner, feiner Karte eine ansprechende internationale Mischung auf die Teller bringt – polnische Piroggen und Gemüsesuppe, ungarisches Goulasch, dazu Knödelscheiben als Gruß aus Böhmen. Gar nicht zu reden von den süßen Sachen, doch die müssen bis zum nächsten Mal warten. Die Frage, ob wir nach der Suppe wirklich jeder noch eine ganze Portion Goulasch wollen, war nicht unberechtigt. So bleibt für Feines zum Kaffee am Ende wirklich kein Platz mehr.

Frisch geworfenes Lämmchen

Nach mehreren Pendelgängen zwischen Kiosk und Strandbank reißen wir uns los und sind froher also sonst, dass noch ein gutes Stück Weg übrig ist, um schon mal erste Energieeinheiten abzubauen. Von Alt Zeschdorf hinüber nach Hohenjesar führt ebenfalls ein schmaler Damm, der die zwei Teile des Hohenjesarschen Sees ansprechend tailliert. Links am Hang stehen Schafe, dazwischen liegt noch etwas wacklig ein blütenweißes, wolliges Lämmchen, das gerade so alt sein wird, dass die Wolle nicht mehr pappt und die luftgefüllten Locken wärmen können.

Damm zwischen den Seen und den Dörfern

Im kleinen Park werden gerade die Bäume von morschem Geäst befreit, gegenüber sind allerhand Pferde unterwegs. Ein Pfad verlockt in den Rundweg um den Schlosssee, eröffnet wird mit einer enorm dicken Buche. Gleich daneben ist nun endgültig erkennbar, dass der Doppelort ein beliebtes Urlaubsziel sein dürfte, den alle Welt vielleicht längst kennt. Hinter einer Reithalle erstrecken sich elegant in blau gehaltene Stallungen und Arkaden an der Stelle, wo vormals wohl ein Schloss stand. Hier erklärt sich jetzt auch die Auffahrt mit den Pfosten von vorhin, welche das Areal der Hufe direkt mit dem der Kirche verbindet.

Rückblick auf Hohenjesar

Direkt an die Stallungen grenzt ein einladendes Ausflugslokal, gegenüber liegt ein Strändchen. Kurz hinter der Kirche drehen wir ab zum westlichen Dorfrand, von dem sich nochmals ein schönes Dorfbild mit Kirche bietet. Der restliche Weg verlangt nur wenig Konzentration und verläuft anfangs oberhalb der schönen Kastanienallee. Doch erst müssen wir noch einer grölenden Horde Drachen entkommen, die ein weitläufiges Areal von Viehställen bewachen.

Die Wipfel der Kastanienallee vom oberen Weg aus gesehen

Sie kommen in Gestalt dreier muskelbepackter Riesenköter daher, bei denen auf jegliche Art von Fell verzichtet wurde, teils auch auf Farbe, und die äußerlich restlos frei sind von Lieblichkeit. Die einzige Grenze zwischen der Drachenmeute und uns ist ein zweidrahtiger Weidezaun unter Strom, nicht höher als die Stirn des kleinsten der Fabelwesen und nicht dicker als ein Streichholz. Also eher eine sehr theoretische Barriere. Bestärkt von rationalen Argumenten, die wir uns in gedämpftem Tonfall glaubhaft zuraunen, stehlen wir uns im größtmöglichen Abstand an der lärmenden Horde vorbei. Und bleiben ungeschoren. Selten war eingekehrte Ruhe so schön.

Buschiger Weg gen Wald und Mühltal

Um so wohltuender ist nun der meditative Weg zwischen Busch- und Baumwerk, der ganz leicht abwärts führt, die Schritte von selbst geschehen lässt. Kurz nach dem verlockenden Abzweig zur Herrenmühle lässt sich vor dem Waldstück auf die Wiese abzweigen, zuletzt über ein paar bucklige Meter Pfad zum Hohlweg hinab ins Bachtal queren. Gen Norden werden die Reststoppeln der abgemähten Kornfelder von der tiefen Sonne nahezu plüschig beleuchtet.

Kurz vor dem Abstieg in den Wald

Nach etwas Fichtenwald erreichen wir den Talgrund und sehen, wie sich das Wasser im nassen Stoppelland breitmacht. Das späte Licht lässt die prall gefüllten Pollen-Würmchen der Birken erglühen. Kurz vor Schluss wird jetzt noch ein weiterer besonderer Ort hinzugefügt, als wir die zerfallenen Gemäuer der Mühle erreichen, die deren Grundriss anschaulich wiedergeben.

Gekämmte Stoppelfelder

Das Wasser flutet nach einem meterhohen Sturz einen der einstigen Mühlenräume zum steingefassten Schwimmbecken und liegt kurz darauf schon wieder spiegelglatt, als wäre nichts gewesen. Das zottige Gras der Ufer reicht hoch bis zum Rastpavillon und wird gegen Ende der Dämmerung sicherlich ein Eigenleben entwickeln. Hochromantisch ist es hier und etwas mystisch, ein flüchtiger Gedanke an Caspar, David und auch Friedrich flackert auf. Das ist jetzt so eine Situation zum Zeiteinfrieren, zum Festhalten des Moments, damit der Tag nur nicht zu Ende geht.

Am alten Mühlgemäuer bei Treplin

Doch mit einem Mal wird es belebt hier unten. Es ist ja auch eine zauberhafte Zeit, wenn der Tag ausatmet, die Luft im Tal spürbar kühler wird und das letzte Licht in den Baumwipfeln immer höher wandert. Einige Vater-Kind-Gespanne nutzen die Zeit nach dem Abendbrot zum kurzen Ausschwärmen vor der Gutenachtgeschichte, ein Pferd wird nochmal ruhig durchbewegt und zwei verhuschte Radfahrer erreichen ihr Ziel wohl später als gedacht.

Der Trepliner Dorfbach auf dem Weg ins Mühltal

Den Weg hinauf ins Dorf begleiten die verspielten Windungen des Dorfbaches, mal erdig in einer Furche, mal flach in der Wiese oder hübsch steinig inszeniert in einem Garten. Eine eilige Katze sieht zu, dass sie noch einen warmen Ofenplatz abfasst, denn es wird schneller kühl jetzt, auch hier oben. Die Abendamsel empfängt uns mit dem schönsten Lied des Frühlings, die Kirche legt fünf ruhige Schläge dahinter. Auch dieser Tag, er ist schon jetzt Legende.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Frankfurt/Oder, von dort mit dem Bus (ca. 1,25-1,45 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land auf B1/B5 (ca.1,5-1,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzunge vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Treplin

Information Hohenjesar/Alt Zeschdorf

MOZ-Artikel zur Russischen Kapelle

Zeitungsartikel zu Tante Magdas Imbiss

Einkehrmöglichkeiten: Tante Magdas Imbiss, an der Badewiese in Alt Zeschdorf
Seecamp am Oderbruch, am Zeltplatz nördlich von Alt Zeschdorf
Gaststätte Am Seeberg, Hohenjesar
Gaststätte Glück auf, Treplin

Grobskizziert – Menz: Holzlaufbahnen, ein Fjord in Weiß und die beweglichen Antworten

Seit Ende Januar schon laufen Erlebniswochen, wie es im Marketing heißen würde – ein richtiger Winter liegt über dem Land, mit viel weißem Schnee und ohne böse Extreme, mal abgesehen von den üblichen Gewöhnungsproblemen für alle Verkehrsteilnehmer und moderne Fahrzeuge mit viel sensibler Elektronik.

Talgrund östlich von Menz

Pünktlich zum Vorabend der Winterferien begann mit bedächtig herabsinkenden Flocken dieses prächtige Schauspiel und verteilte behutsam Balsam auf den wunden Seelen der meisten Leute. Wieder sah man Familien bei gemeinsamen, fast komplett analogen Aktivitäten wie Schneemannbau, Schlittenfahren oder schlichtweg gemeinsamer Winterspazier. Die unschuldige Schönheit und auch die Seltenheit lang währenden, reinweißen Schnees ist Anreiz genug für solche stille Übereinkunft der Altersgruppen, gemeinsame Freude unter freiem Himmel eine Zeitlang aller Peinlichkeit beraubt.

Friedensplatz in Menz

Endlich können auch die richtig dicken Wintersachen aus selten besuchten Schranktiefen geborgen werden, und so sehen viele Leute aus wie Schlafsäcke mit Beinen oder Inuit auf dem Weg zum Walfang und geben dieser ganz eigenen Art des Laufstegs einen letzten Schliff, bei dem ein schlankes Erscheinungsbild keinerlei Rolle spielt. Selbst der kindlich-liebenswerte Fäustling, sonst in den Innenstadtlagen eher belächelt, wird selbstbewusst an alle Größen von Händen gesteckt und darf gern auch besonders bunt sein.

Brücklein über den Wentowkanal

Noch immer sollen die eigenen vier Wände nur aus gutem Grund und mit Gesichtsmaske im Gepäck verlassen werden, in der Entfernung zum Wohnort gibt es hingegen keine Einschränkung mehr. Wer also die Menschenleere beim Bewegen unter freiem Himmel sucht, tut das in besonders einsamer Gegend und kann gut damit leben, dass es nicht ganz so spektakulär zugeht.

Roofenhütte

Wer hingegen endlich wieder ein klassisches Touristenziel vom Kaliber Spreewald, Rheinsberg oder Stechlinsee besuchen möchte, sollte etwas Entlegenes mit eher verschachtelter Anreise wählen bzw. etwas, das in der Peripherie eines der großen Klassiker liegt und ähnlich viel zu bieten hat.

Badestelle am Roofensee

Im Spreewald könnte das der weitläufige Unterspreewald sein oder die Region zwischen Burg und Vetschau, bei Rheinsberg das zauberhafte Lindow oder vielleicht die seenreiche Gegend um Zechliner Hütte. Beim Stechlin ist es eigentlich recht einfach, denn auf dem Weg dorthin kommt man in den meisten Fällen durch das Dörfchen Menz, dessen Ortsbild ähnlich reizvoll ist wie das von Neuglobsow. Auch hat der fjordartig gewundene Roofensee einige Uferpassagen zu bieten, von denen der Stechlin nur träumen kann, und wenn er noch so schön und einzigartig und besungen ist.

Plankenweg Grubitzwisch

Menz

Das Dorf liegt auf einem flachen Buckel zwischen dem Ostende des Roofensees und einem hinreißend schönen Talgrund, den ein Bachlauf prägte. In der Mitte plätschert dessen Wasser in Richtung Havel, die unweit des Ziegeleiparks Mildenberg erreicht wird. Vom anderen Dorfrand schon zu sehen und in wenigen Minuten erreicht ist die großzügig angelegte Badestelle am See. Das glasklare Wasser kann mit dem des Stechlin gut mithalten, auch wenn der Roofensee lange nicht so tief ist wie sein berühmter Nachbar.

Zugefrorener Roofensee

Wenn man jedoch seine schmale Linie bedenkt und sich die Fortsetzung der steilen Uferhänge unter Wasser vorstellt, ergibt sich eine beachtliche Tiefe, welche wohl die allerwenigsten Wald- und Wiesentaucher entspannt erreichen dürften. Rechts des Strandes erhebt sich durchaus wahrnehmbar der bewaldete Hausberg mit einem überwachsenen Ringwall und bietet unterhalb seiner Flanke die Option, zum und vom Strand nicht denselben Weg nehmen zu müssen.

An der Schleusenwiese

Um den offenen Dorfplatz, von dem man bereits die Kirche sehen kann, reihen sich allerhand schöne Häuser, oft mit Fachwerk. Darunter ist auch das Naturparkhaus Stechlin. Hier wird allerlei Zeitvertreib angeboten, sei es zum Aufwärmen, nach der Tour oder als Schlechtwetteroption. In normalen Zeiten gibt es auch Gastronomie im Menz, und so ist die weite Anreise an und für sich schon lohnend, selbst wenn man das Ortsgebiet nicht nennenswert verlassen möchte.

Am Nordufer des Roofensees

Themenrundweg „Von Moor zu Moor“

Ein sehr einnehmender Teil des Naturparkhauses, der nicht im staketumzäunten Areal liegt, ist der bezaubernde Rundweg „Von Moor zu Moor“, der im Prinzip den klassischen Rundweg um den Roofensee kunstvoll und mit gutem Gespür für das rechte Maß aufbohrt. Zwar ist absolut nichts einzuwenden gegen den beliebten ufernahen Zweistünder um den See, er zählt mit seinen steilen Waldflanken und dem verspielten und teils sehr schmalen Pfad am südlichen Ufer ganz klar zu den besonderen Seerunden in Brandenburg.

Stiege hinab zum Kesselmoor

Doch wenn ein Thema – in diesem Fall das Moor – so liebevoll umgesetzt wird und sich tatsächlich an mehr als zwei Ecken der Tour wiederfindet, dann macht das wirklich Spaß und belohnt für manches Geschnaufe beim häufigen Rauf und Runter zwischen den Stationen. Charmant ist neben dem gelungenen Logo übrigens auch die Wegweisung mit dem roten Dreieck, das in immer wieder neuen Varianten erscheint.

Am Großen Barschsee

Manchmal führt es auch in eine kleine Sackgasse, wo eine weitere Station oder ein schöner Rastplatz warten. Doch aus kleinen Verlaufereien erwachsen ja oft die schönsten Entdeckungen, und der Weg zurück ist niemals länger als zwei Minuten. Am Ende der Tour weiß man dann, wie die Wegweisung zu handhaben ist – um es bis zum nächsten Mal wieder zu vergessen.

Der überfrorene Wentowkanal

Bei dieser Tour gibt es also zwischen den Wegen und Pfaden aller Größenordnungen, die teils von skandinavischem Gepräge sind, gut verteilt immer wieder Bruchwälder oder –wiesen und natürlich eine ganze Reihe kleiner bis kleinster Moore, die jeweils mit einem Stück Plankensteg und robuster interaktiver Informationsmechanik bedacht wurden. Und so ein Stückchen Bretterweg zwischendurch ist immer ansprechend. Keines der Moore gleicht dem anderen, sei es nun von der Erscheinungsform oder der umgebenden Topographie.

Plattform an der Schleusenwiese

Bei der Umsetzung der einzelnen Stationen hatten Zimmerleute und Metallbauer, Naturkenner und Touristiker Spaß und in diesem Zusammenhang wohl auch ein angemessenes Budget zur Verfügung, so dass alles Verbaute nicht nur visuell und haptisch ansprechend, sondern auch von großer Haltbarkeit ist. Erfolgreich wird neugierig gemacht, und wer was wissen will, muss zumindest die Hände aus den Taschen nehmen und etwas in Bewegung setzen, um eine Antwort zu erhalten.

Brücklein über den Wentowkanal

Wer Lust auf ein Stündchen mehr hat und der Besuchermenge an Wochenendtagen etwas ausweichen möchte, kann vorher noch einen Bogen nach Westen schlagen, sich durch den Wald zum erwähnten Talgrund treiben lassen und dann an dessen südlichem Rand zurück nach Menz spazieren. Beim Erreichen des ersten Hauses fällt dann die leicht erhöhte Lage des Dorfes auf. Ganz im Osten des Bogens ist übrigens etwas Interpretationsbereitschaft gefragt, denn einige der Wege sind ein wenig zugefallen.

Am Südufer des Roofensees

Zur Wahl stünde für Familien übrigens auch ein knapp einstündiges Minimalprogramm mit Bergumrundung, -besteigung und –überquerung sowie anschließendem Strandbesuch, das auch für kurze Beine gut passen sollte. Auf dem Gipfel des Wallberges gibt es eine Rasthütte, an der Badestelle flaches Einstiegswasser und unterwegs viel zu entdecken.

Wallberg bei Menz

Wem auch das noch zu aufreibend klingt, der geht vom Friedensplatz in Richtung Wallberg, überquert die Seestraße und setzt sich achtzig Meter später links auf die Bank, von der sich all das schön aus naher Ferne betrachten lässt. Und lauscht dort ganz in Ruhe dem, was die Jahreszeit gerade so zu bieten hat.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
von Berlin-Gesundbrunnen über Gransee nach Menz (ca. 1,5-1,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (verschiedene Varianten)(ca. 1,5-1,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 18 km (blau, Abkürzungen vielfach möglich; zur Vermeidung verwachsener Wege von Wegpunkt 7 direkt zu 12);
Berg-Strand-Tour für kurze Beine (grün, ca. 2 km)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Naturparkhaus Stechlin in Menz

Faltblatt „Von Moor zu Moor“ (PDF)

Rundweg Wallberg

Einkehr:

Künstlerhof Roofensee (Berliner Str., schräg ggbr. der Kirche)

Bad Freienwalde: Tiefe Furchen, das Quartett der Schanzen und die Meisenahnung

Die Winterferien sind ganz frisch angebrochen, und wenn auch viele Leute nicht das machen können, was sie eigentlich vorhatten, gibt es als großes und linderndes Trostpflaster den ersten dicken Schnee seit langem, fast punktgenau. Am späteren Freitag kamen schwerbeladene Wolken in der Region an und ließen Stadt und Land unter einer der schönsten Spielarten der großflächigen Geräuschdämmung versinken.

Stiege von der Königshöhe hinab ins Kurviertel

Wenn Herz oder Seele aus solchen oder sonen Gründen ihre Leichtigkeit eingebüßt haben, sorgt das nun dafür, dass man die Augen gar nicht von diesem friedlichen und beschwichtigenden Bild lassen möchte, auch wenn schon die Nase am Fensterglas plattgedrückt oder am offenen Fenster kalt wird. Das stille Spektakel mit dem dichten Flockentreiben ist so wunderschön, dass mancher vielleicht vor Rührung glasige Augen bekommt und sich kurz darauf verwundert an die eigene Stirn tippt. Andere nehmen sich bei der Hand, springen die Treppe hinunter und schaffen es, als allererste ihre verschieden großen Sohlenmuster ins unberührte Weiß zu stempeln, selbst mitten in der Innenstadt.

Verschneite Ski-Sprungschanzen in Bad Freienwalde

Auch in diesem recht neuen Jahr gelten die alten Regeln, die teils noch etwas nachgeschärft wurden. In diesem Rahmen spielten die Zahlen 15 und 200 eine Rolle*, wobei die eine aus der anderen resultieren konnte, in der Folge ein weiteres Entfernen vom eigenen Wohnort nicht erwünscht war. Berlin schaffte es gerade so, davon nicht betroffen zu sein, für einige Landkreise in Brandenburg wurde es hingegen kurzzeitig real.

Im Kurviertel

Mal abgesehen vom jüngsten Schnee hielt der Januar schon so einige weiße Tage bereit, die oftmals auf die Wochenenden fielen. So wie der vorangegangene Herbst seinen Namen redlich verdiente, gilt das bisher auch für den Winter. In den letzten Tagen gab es dann zum allerersten Mal diese kräftige und euphorisch stimmende Wintersonne, die sich schon klar nach Februar anfühlt, oft mit Meisensound einhergeht und meist mit dem Entdecken allererster Frühblüher synchron läuft. Gelbe Punkte im weißen Schnee unter blauem Himmel – das lässt so manche und manchen schon anders aus der dicken Kapuze schauen, und das war lange nicht so wichtig wie in diesem Jahr. Denn der Mensch lebt nicht alleine von Tee und Bier und Vitaminobst.

Gestriegelter Blick zurück nach Dannenberg

Da jegliche Verreise-Ferien also ins Wasser gefallen sind, gilt es das Beste aus dem zu machen, was genehm und in der Nähe ist. Das fällt bei aller Wehmut nicht allzu schwer angesichts all der Brandenburger Landschafts-Vielfalt. Die Kunst dabei ist allein, die Kontakte mit der eigenen Spezies ähnlich gering zu halten wie in den ausgesucht einsamen Gegenden zurückliegender Freiluftstage.

Höhenweg im Gebirge, bei Bad Freienwalde

Bad Freienwalde

Dass die Landschaft rund um Bad Freienwalde eine besondere unter den hiesigen ist, wissen wohl die meisten, die öfter mal ausschwärmen – in diesem Sinne aufs Neue ein herzlicher Dank an die jüngste Eiszeit. An Gebirgigkeit braucht sich das durchfurchte Moränenland mit seinen unzähligen Wegen hinter der Märkischen Schweiz in keiner Weise zu verstecken. Hier und da dreht sie in Sachen Relief sogar noch etwas mehr am Zeiger und eröffnet nicht selten Referenzen an die Sächsische Schweiz, den Harz oder den Thüringer Wald, vereinzelt sogar namentlich. Dazu tragen nicht zuletzt die grundverschiedenen und riesigen Villen rund ums Kurviertel bei und auch die steilen und oft überraschenden Stiegen, auf die man überall im Stadtbild trifft.

Am Teufelssee

Mit dem selten gewordenen Schnee im Spiel und den weiten weißen Aussichten kann man sich dort noch viel besser vorgaukeln, ganz woanders zu sein – tief im Winterurlaub, hoch in irgendwelchen Mittelgebirgshöhen mit ihren versunkenen Tälern. Und nicht ein gutes Bahn- oder Autostündchen von Berlin entfernt. Doppelt passend zur weißen Landschaft ist die einzige richtig große Sprungschanze im Land Brandenburg, die noch im Stadtgebiet stehend zum nördlichsten Skisprungzentrum Deutschlands gehört. Und heute einfach umwerfend aussieht, so rechtplatziert wie selten.

Vom Wasser der Alten Oder gespeist wird der Freienwalder Landgraben, der vom Kaliber her selbst als Alte Oder durchgehen würde. Vom Bahnhof kommend überquert man das Wasser und hat vor sich den Marktplatz des Bergstädtchens liegen, ganz oben die Kirche und gleich darüber den Schlossberg mit einem romantischen Ruinlein, dass zu der Handvoll schönster Ausblicke ins Oderbruch gehört. Ein Bengel prügelt sein Mopped am beschaulichen Markt vorbei, damit bei Omi der Milchreis nicht kalt wird. Die Drehzahlen des gequälten Bockes lassen sofort an Zahnarzt und trockene Zahnräder denken.

Am Markt

Beim Bäcker in der Königstraße gibt es die besseren medizinischen Masken im Fünferpack zu einem echt fairen Preis – in manchen Apotheken der Hauptstadt würde man dafür gerade mal zwei Stück bekommen. Damit hat hier niemand eine Ausrede, der mit Stoffhäubchen oder nacktnasig seine Semmeln holen möchte. Ansonsten ist es eben so still hinter den Schaufenstern wie es das gerade überall ist.

Blick zum Aussichtsturm auf dem Galgenberg

Mit Bad Freienwalde ist es wie mit Eberswalde – man meint immer, den Ort ganz gut zu kennen und wird jedes Mal wieder herrlich überrascht. In der Hoffnung auf minimale Kontakte mit aufrecht Gehenden meiden wir die allseits bekannten und immer wieder bezaubernden Spuren, denen man insbesondere nach reichlich Schneefall ansehen kann, wie beliebt sie sind. Heute also nicht das Kurviertel, die Aussichtstürme und das romantische Brunnental oder der Schlosspark und der herrliche Höhenweg nach Falkenberg, zumindest jetzt noch nicht. Das Umkrempeln soll sich lohnen, denn der Tag wird reich sein an besonderen Neuentdeckungen.

Stiegen und Turmspitze am Ziegenberg

Noch gibt es zwischen klassischer Altstadt und Kurviertel diese seltsame, praktische und streitbare Hochbahntrasse, die es in all diesen Eigenschaften und ein paar Nummern größer auch in Halle an der Saale gibt. Nur besteht dort nicht unmittelbar die Gefahr, sich den Kopf zu stoßen, wenn man sie im fröhlichen Hopserlauf unterquert. Dahinter lassen wir die Massen ins pittoreske Kurviertel am Papengrund ziehen und stehen kurz darauf vor der ersten steilen Stiege, zugleich dem ersten von fünf nennenswerten Anstiegen dieses Tages, der es am Ende auf stattliche dreihundert Höhenmeter bringen soll. Direkt neben dem topfebenen Oderbruch.

Höhenweg am Ziegenberg

Ziegenberg

Es ist wahrhaft frostig heute, doch oben sind die Hände warm und der erste Reißverschluss geöffnet. Den Gipfel des Ziegenberges verfehlen wir, weil ein verschneiter Höhenweg lockt und zusätzlich ein ins Bild rückender Villenspitzturm ablenkt. Gegenüber ist auf Augenhöhe der wohlgeformte Aussichtsturm auf dem Galgenberg zu sehen.

Auf unserem verpassten Gipfel steht ein Mahnmal von winkelförmigem Grundriss, das wir uns fürs nächsten Mal aufheben. Beim Abzweig dorthin stürzt sich mit gewisser Dramatik ein Pfad hinab ins nächste Tal, der Traktion und Gleichgewicht herausfordert und manche ungesehene Grimasse hervorbringt. Je kleiner die Wege sind, desto leichter sind sie auch zu übersehen, und da es hier in den Höhen überall immer viele davon gibt, ist es heute besonders hilfreich, den Satellitenempfänger dabei zu haben.

Gemütliche Villa auf der Königshöhe

Königshöhe

Auf der Königshöhe liegen quasi die wirklich exklusiven Wohnlagen, die nicht von den Spaziergängern und Kurenden überlaufen werden und obendrein noch edle Aussicht genießen. Schöne Villen gibt es hier zu sehen, bei vielen gehen Geld, Geschmack und Lebensfreude Hand in Hand. Hinter dem Waldhaus endet die Straße und lässt Spaziergänger auf einer urigen Stiege mit betagtem Metallgeländer ins Kurviertel absteigen. Die Stufen und ihre Abstände sind abseits jeder Euro-Norm, bringen damit Spaß und fordern zugleich etwas Umsicht. Viele Impressionen rufen vor dem geistigen Auge Vergleiche zu anderen schönen Gebirgsregionen auf.

Auf der Königshöhe

Währenddessen hat der dicht bewölkte Himmel aufgeklart, lässt erstes Blau blicken und den Tag etwas heller werden. Der Mühlweiher vor dem blassgelb leuchtenden Haus Papenmühle ist zugefroren, und wie erwartet wird es jetzt kurz ein bisschen voller. Doch schon beim Kurmittelhaus drehen wir wieder ab, schicken kurz einen Handgruß ins Brunnental und überlassen es den anderen. Zwischen mürb-romantischen Villen mit mediterraner Anmutung tauchen wir in den nächsten Talgrund ein, der an einem großen Parkplatz und weitläufigen Sportanlagen endet.

Stiege von der Königshöhe hinab zum Kurviertel

Helmut-Recknagel-Sprungschanze

Und da steht sie dann, noch klein und ganz weit hinten mit ihrem eleganten Schwung – die große, über alles herausragende Sprungschanze mit den drei Geschwisterchen. Vier Kategorien von Wagemut, dem sich hier nach etwas Vorbildung auf den Grund gehen lässt. Ein großer Bogen führt ums Stadion und das leicht ansteigende Ausrollfeld für gleitend Gelandete. Von hier unten lässt sich der Anlage direkt ins Gesicht schauen, die so in Schnee gekleidet doppelt eindrücklich wirken kann, über ihr der zunehmend blaue Himmel. Links kontrastiert als gewundene Spur in Schwarz bereits die lange Treppe aus dem Weiß und verheißt den zweiten steilen Anstieg des Tages.

Kurmittelhaus im Kurviertel, Bad Freienwalde

Die sanfte Ausrollböschung wird von ein paar Handvoll bunter Kinder als extrabreiter Rodelberg benutzt, die quietschvergnügt zur Sache gehen und von ihren Eltern kaum zur Vorsicht gemahnt werden müssen – hier kann wirklich nichts passieren, und sei das Temperament auch noch so ungestüm.

Villa Papenmühle im Papengrund

Am oberen Ende der mehrteiligen Treppe ist das Bild noch einmal ganz anders. Mit Details der Konstruktion im Vordergrund reicht der Blick über die nahen Höhenzüge und darüber hinaus bis weit ins Odervorland und sogar nach Polen.

Mediterran-morbide Akzente am Rand des Kurviertels

Entlang der B 158 und der Siedlung Waldstadt erreichen wir das Ortsausgangsschild, und nach einzwei Minuten ohne Bürgersteig schlüpft gegenüber ein winziger Pfad in den Wald und schafft sogleich Abstand zur schnell befahrenen Straße. Komplett verschneit ist der Wald, der Pfad zeigt auch hier noch eine Menge Spuren und prompt kommen uns zweimal Leute entgegen. Doch das war’s dann für die nächsten knapp drei Stunden.

Ski-Sprungschanzen von unten

Der Weg wird zum breiteren Waldweg. Das ist jetzt direkt wohltuend, denn die schmalen Pfade und das Auf und Ab zeigten schon im Ansatz, dass es spätestens am Folgetag an vielen Stellen miezen wird. Nicht zuletzt werden das neben den erwartbaren Waden und dem Sitzteil die Fußsohlen sein, denn den ganzen Tag auf Schnee unterwegs zu sein ist durch die letzten Jahre ungewohnt, braucht etwas Einwöhnung. Wir kommen durch gipfelkahlen Laubwald, wohnlich dämmrige Fichtenwäldchen und vorbei am klassischen märkischen Kiefernwald, bis sich die Landschaft schließlich öffnet und voraus die ersten Häuser von Dannenberg liegen.

Ski-Sprungschanze von oben

Dannenberg/Mark

Dannenberg gibt zunächst vor, ein pures Straßendorf zu sein. Es riecht nach Kohlen –und Holzheizung, hinten sägt jemand, weiter vorn gönnt jemand dem Elektrohobel keine Atempause. Hinter einer Kurve löst es sich dann zum Angerdorf auf. Unter silbergrauen Wolken hockt die stilgemischte Kirche auf ihrem Hügel, darunter liegt der halbgefrorene Dorfteich mit unzähligen warmweichen Rohrkolben und schönem Angeboten für die längst fällige Pause.

Weg nach Dannenberg

Links von einem der Häuser kommt ein Pärchen mit einem fetten Köter, so einen stämmigen mit nach innen gestellten Pfoten und wenig straffer Haut im Gesicht, auch bekannt als Feindbild von Tom und Jerry. Hat denkbar üble Laune, ist vielleicht kein Freund von Kälte oder Schnee zwischen den Zehen und strafft die Leine kraft seiner guten Traktion, der Vorgang dauert Minuten. Vorn an der Straße geben die beiden auf und sehen den Rückweg zur Haustür behende und in Sekunden erledigt.

Am Dorfteich in Dannenberg

Während der Tee dampft und die Tüte raschelt, reißt der Himmel auf und betont nun jedes kleine Detail der Kirche im schönsten klaren Winterlicht. Eine Meise landet auf einem der Rohrkolben und zupft umgehend nachquellendes Polstermaterial heraus. Über den Häusern ziehen weiße Wolken auf, auch riesig große. Die Kulisse ist zum Seufzen.

Blick von Dannenberg zum nahen Gebirgsland

Am Dorfausgang steht mit filigranem Stützkorsett eine in Weidenmanier geborstene alte Linde, durch die man eine Viertklässler reichen könnte. Noch vor den letzten Häusern beginnt einer von diesen schönen Feldwegen, die von Büschen, kleinen Bäumen und Steinwällen begleitet werden. Hier beginnt nun der langwährende Lohn für die Aufstiege. Fast ohne Gefälle, doch angenehm spürbar senkt sich der Weg ab, es läuft sich gewissermaßen von selbst. Überall im knorrigen Buschwerk huscht es, Spatzenfrüchte sind flink unterwegs und solistische Meisen lassen wissen, dass bald auf März geht.

Klassischer Feldweg bei Dannenberg

Voraus ergeben sich panoramabreite Blicke auf den bewegten Höhenzug zwischen Bad Freienwalde und Falkenberg, davor läuft eine Allee mit jungen Bäumen von Dannenberg nach Cöthen. Zwischendurch schaut diffus die Wintersaat durch die lose Schneedecke, zum nächsten Wäldchen hin sorgt Rapssalat für deutlicheres Grün. Der Rückblick nach Dannenberg stellt die Kirche hinter den weißen Cord der Ackerflächen. Jenseits der Allee ist bald der Wald erreicht, am Weg knallt das Rot polierter Hagebutten ins Auge, und ein kleiner Sattel sieht im Rückblick aus wie ein Strandzugang über ausgewachsene Dünen.

Am Waldrand

Direkt hinter dem Waldeingang stürzt sich abenteuerlich ein winziger Pfad hinab in eine Landschaftsfurche, der sich nur dank zahlreicher Fußspuren als Wegelinie wahrnehmen lässt. Auf der Karte lassen die dichten und wirren Höhenlinien an einen durchgeschüttelten Teller ungarnierter Spaghetti denken. Eine besonders hochkante Fichte steht mitten auf dem Pfad, als hinge sie als buschiger Ast herab. Der Abstieg führt durch Fichtenwald, beruhigt sich erst nach und nach. Unten im Wald ist einiges umgefallen, sodass ein wenig Kletterei von Nöten ist.

Allee nach Dannenberg

Gerade als Zweifel aufkeimt, ob hier irgendwo Anschluss an das offizielle Wegenetz besteht, wird rechts eine Versammlung von Rastgelegenheiten sichtbar. Ein sechskantiger Pavillon mit holzgetäfeltem Fußboden, ein paar Raufen und auch offene Bänke lassen vermuten, dass hier im Walde manchmal kleine Marktereignisse stattfinden.

Vermeintlicher Strandzugang

Kurz wird das trockene Bett des Falkenberggrabens berührt, dann beginnt ein kleines Zickzack bis zum Anschluss an den nächsten großen Weg. Der ist nach beiden Seiten einladend, doch wir müssen das schwindende Tageslicht im Blick behalten. Bis hierhin hielt der Abwärtstrend, jetzt kommt der Ausgleich. Moderat, doch beständig steigen wir hinauf bis zum nächsten gemütlichen Rastpavillon und kommen nun in die Region, wo mit mehr Publikum zu rechnen ist. Der Specht lässt seine drei klassischen Geräusche hören, die nie aus derselben Richtung kommen.

Steiler Pfad hinab in die Täler

Hier treffen sich mehrere Wege, doch nur einer von ihnen verschwindet steil und gewagt in einer tief eingeschnittenen Furche, die mit all dem Schnee überhaupt nicht nach einem Weg aussieht. Doch neben dem GPS-Track überzeugt auch die eindeutige Wandermarkierung, wobei letzte Zweifel bleiben. Auch hier liegt einiges quer und ist der Struktur der Furche gemäß nun schwerer zu umgehen, da man stets wieder in die spitzwinklige Mitte rutscht. Doch auch das gelingt ohne Hosenbodenlandung.

Rastplatz im Walde

Unten stößt der Weg auf eine von unzähligen Sohlen zerwühlte Wegkehre und führt gleich wieder etwas hinauf. Die Sonne steht schon tief und beleuchtet warm die höchsten Wipfel der Kiefern am jenseitigen Hang. Manchmal öffnen sich astige Sichtfenster in die Weite des Oderbruchs. Der sagenhaft schöne Weg ist ganz zu Recht so abgelatscht, denn er ist ein wahrer Klassiker. In weiten Bögen und engen Kehren verläuft er auf etwa selber Höhe und quert dabei zahlreiche Nebentäler, wie man das sehr schön auch vom mittleren Polenztal in der Sächsischen Schweiz kennt. Oder zahlreichen anderen Mittelgebirgen und Schweizen im Land. Hier aber gibt es das Ganze mit nur zweistelligen Höhenwerten, doch kein bisschen schwächer in der Perfomance. Mittlerweile wurde der Weg als „Märkischer Bergwanderpark“ in gutes Marketing gekleidet, was er absolut verdient.

Fußweg durch die schmale Scharte

Ein paar Kehren später folgt die nächste Hütte, diesmal im kleinen Format, doch nicht weniger gemütlich und natürlich ebenfalls holzgefliest. Kurz darauf folgt der Abzweig, der den Abstieg zum Teufelssee einleitet. Der ist schön, allseits bekannt und daher gut besucht, doch hier kommen uns die späte Stunde und das knappe Licht zu Gute. Gegenüber wird gerodelt, rechts ein Hund ausgeführt, und das passierende Wandertrio hinter uns diskutiert gerade, wer heut Abend kocht und was und ob ohne oder mit.

Wegkehre mit hohem Bekanntheitsgrad

Teufelssee

Der kleine See in seinem Kessel gibt nun die Bühne frei für verschiedene Entenepisoden. Das angematschte Eis erschwert auch den erfahrensten Schnabelleuten die Einschätzung, wo Watscheln endet und Schwimmen anfängt, der Übergang wird oft vom Durchsacken der Beine bestimmt, was keine der Enten richtig witzig findet. Eine resolute Dame jagt stets laut zeternd von der einen offenen Stelle zu der anderen, ein stilles Pärchen schwimmt hintereinander durch eine freigeschwommene, bürzelbreite Spur. Eine Entendame schaut kurz, ob wir ihr was mitgebracht haben, doch leider sind wir gänzlich unvorbereitet und sie wackelt wieder ab. Die kleine Insel mit ihren zwei Bäumen interessiert gerade gar niemanden.

Letztes Licht in den Wipfeln überm Teufelssee

Fast schon duster liegt der See hier unten, doch ganz hinten schafft es noch die späte Sonne über den Berg und taucht die Wipfel in ihr Gold. Der Bach fließt munter Richtung Mühle, hinter der rund um die Lindenquelle großflächig Wasser aus dem Boden tritt. Ein letzter Blick fällt noch ins weite Oderbruch, bevor es Zeit wird, das Essen zu bestellen – in einer guten halben Stunde wollen wir vor Ort sein, dann schon im Laternenlicht.

Blick auf die Stadt von der Aussichtsplattform überm Schloss

Vorher steht noch ein letzter Aufstieg an, das passt schlecht zu den verbliebenen Kraftreserven, doch insofern gut, dass es jetzt spürbar kälter ist. Ein direkter Aufstieg führt durch den Saugrund. Die dicke Schneedecke ist völlig unversehrt, was ein bisschen verunsichert und den Weg zunächst übersehen ließ. Oben sind die Hände wieder warm, die Landschaft öffnet sich nach links. Ein schöner Aussichtspunkt will locken, doch heute geht nix mehr. Außerdem zieht die Vorfreude auf warmes Essen intensiv Richtung Stadtmitte.

Schloss im Licht der blauen Stunde

Der Dr.-Max-Kienitz-Lehrpfad wird zunehmend zur Furche und endet an einem Wohnviertel in der höheren Lage eines Nebentals. Von hier führen Wege direkt in den Schlosspark, die derzeit leider gesperrt sind. Ansonsten kann man sich in dem wilden und bewegten Park noch diversen kleinen Auf- und Abstiegen hingeben, vor allem aber die Aussichtsplattform mit ihrer dramatisch posierenden Eiche erklimmen. Von dort liegt einem die Stadt und alles drumherum zu Füßen.

Bad Freienwalde am Abend

Die ist jetzt schon von den Lichtpunkten der Fenster und Straßenlaternen durchzogen. Am Schloss zeichnet eine Lichterkette das Balkonrund nach. Der modelhübsche Turm auf dem Ziegenberg ist dezent beleuchtet, was entgegen gewisser Logik die allerletzte Sonne sein könnte oder eben ein figurbetonender Scheinwerfer, dessen Unterhaltung die Stadt spendiert. Vom Land zwischen Oder und Oder tönen ferne Kranichhorden. Über dem warmen Licht der Altstadt-Laternen wölbt sich blass das Himmelszelt der blauen Stunde und verleiht der filigranen Kirchturmspitze absolute Schärfe.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
von Berlin-Gesundbrunnen mit Regionalbahn, umsteigen in Eberswalde (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 158 nach Bad Freienwalde (ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: 19 km (Abkürzungen vielfältig möglich)


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(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Bad Freienwalde

Märkischer Bergwanderpark

Papengrundschanzen

Turm-Diplom Bad Freienwalde

Einkehr: div. Möglichkeiten im Stadtgebiet

*) Ab einem Inzidenzwert von 200 darf sich derzeit in Brandenburg und Berlin nicht mehr als 15 Kilometer von der Stadt- bzw. Ortsgrenze entfernt werden – ausdrücklich auch nicht für Bewegung an der frischen Luft.

Karlshof: Weiße Luft, knirschende Kronen und die verschiedenen Wasserleute

Der erste Sonnabend im neuen Jahr fällt mit zwoeinszoweins auf ein Datum, das klingt wie ein Mikrophon-Check und sich zugleich bestens für Vermählungen empfiehlt. Mit dem Blick nach vorne werden insbesondere Liebespaare solche sommerfernen Termine geblockt haben, die sich vorrangig zueinander bekennen wollen und dabei wenig Wert auf superlative Feste, langwierig ertüftelte Tischordnungen oder monatelange Vorbereitungen mit erheblicher Unruhe für alle Beteiligten wünschen. Ferner sollte eine Hochzeit mit farbenfrohen Kleidern in weißer Landschaftskulisse einzigartige Hochzeitsfotos garantieren.

Oderstrand am Fähranleger

Aus praktisch-diplomatischer Sicht kommt noch hinzu, dass weder die herrische Erbtante noch lose Freunde aus weit zurückliegenden Zeiten ernsthaft verstimmt sein können, wenn sie beim Verschicken der Einladungen nicht bedacht wurden – die Limitierung der Gästeschaft ist ja ganz klar äußerlich bedingt und quasi gesetzlich geregelt. Einem schönen, persönlichen und unvergesslichen Fest steht damit nichts im Wege, und mit etwas Glück in Termin- und Ämterfragen könnte es sogar noch klappen, wenn man sich erst knappe dreizehn Tage vorher zu diesem Schritt entschieden haben sollte.

Neukarlshof an einem klaren Wintertag

Davon abgesehen ist das neue Jahr relativ unauffällig angelaufen, hat wie vorhergesagt den ersten Schnee gebracht in Stadt und Land und in direkter Folge viele herzige Szenen von Kindern und Eltern beim gemeinsamen Schneemannbau. Alle Augen sind in jeder Hinsicht nach vorne gerichtet, Hoffnungen und Ängste kabbeln dabei nach wie vor miteinander, und eine der wenigen verlässlichen Konstanten dieser Welt bildet wie stets der Umfang des Tageslichtes, der nun seit einigen Tagen erkennbar zunimmt.

Neptun in Gesellschaft

Wer sich durch schöne Landschaft bewegen will, sucht also besser nach wie vor die Einsamkeit. Diese gibt es zum Beispiel reichlich und in topfebener Weite im Oderbruch, welches mit seiner östlichen Lage zugleich den Vorteil bietet, dass man dem Winter ein Stück entgegenreisen kann. Vielleicht einen weißgepuderten Acker trifft oder eine unter den Schritten knirschende Deichkrone. Viele vereinzelte Dörfer wurden hier einst verwürfelt, die getrennt oder verbunden werden durch kleine und etwas größere Deiche.

Deichweg entlang der Güstebieser Alten Oder

Karlshof

Eins davon ist Karlshof, das nur zwei Dörfer entfernt liegt von Zollbrücke, dem Ort mit den Ziegen, dem herrlichen Theater und dem Gasthof am Deichsiel, das im Binnenland bestimmt nicht so heißt. Von hier bieten sich mehrere Möglichkeiten zum Oderstrom zu gelangen, und gleich zwei davon finden auf alten Deichen mit stoppligen Kronen statt, die insbesondere nach nassen Tagen eine grundlegende Beweglichkeit in den Fußknöcheln fordern. Die Vielfalt der Wege gestattet Spontaneität und Gelassenheit beim Planen des Wegverlaufes, der endgültig erst im Straßendorf Güstebieser Loose festzulegen ist, bereits auf dem Rückweg.

Deich bei Karlshof

Die Anfahrt, ganz gleich ob mit dem Bus oder auf eigenen Rädern, vermittelt insbesondere bei winterlicher Landschaft den Eindruck, sich durch die südlichsten Gegenden Skandinaviens zu bewegen, sei es nun das schwedische Schonen oder eine der großen Ostinseln des Königreiches Dänemark. Weite Blicke über erdschwarze Äcker, Baumreihen und Kopfweiden, versteckte Naturweiher mit struppigem Schilfgürtel. Und zwischendurch immer mal wieder ein ausladendes Gehöft, eine verfallende Scheune oder ein Dorf. All das im Bereich der Abstufungen zwischen trübem Weiß, fahlem Braun und Scherenschnittschwarz, doch durchs diesige Wetter durch und durch unscharf und damit eine stete Herausforderung für den Autofokus beiderseits der Nase.

Neukarlshof

Kurz vor dem Ort führt eine Brücke über die Güstebieser Alte Oder, einen zaghaften Nebenarm, der trödelig seinem launigen Verlauf frönt und in Wriezen schließlich auf die breitere Alte Oder trifft. Vor der Brücke sitzt in quietschorange ein Angler, was nicht einleuchtet und bald durch das Schild Treibjagd und weitere textile Farbschreie zwischen anderen Büschen erklärt wird.

Einer wie der andere Jäger schaut durchgefroren und ähnlich trüb drein wie der aktuelle Himmel, eine halbe Stunde später sehen wir dann den Grund. Anscheinend ist was durchgesickert vom Termin der Jagd, denn weit hinten auf dem nächsten Acker haben sich erstaunlich viele Rehe versammelt, vermutlich genau außerhalb der Reichweite einer herkömmlichen Flinte und scheinbar kreuzfidel. Mit kitzesfreudigen Bocksprüngen und Fangespielen vertreiben sie sich dort die Zeit, bis schließlich mit staubig-kaltem Messing-Timbre die Tonfolge des Halali ertönt. Nach dem sollte kein Schießeisen mehr entsichert sein, und selbst ein kess grinsender Rehbock im übermütigen Hopserlauf kann dann gefahrlos an jedwedem Jäger vorbeispringen.

Kreuzfidele Rehe auf dem sicheren Acker

Vielleicht war auch alles völlig anders, es ging eigentlich um den Fuchs und der hatte an diesem Tage etwas anderes vor. Uns kommt das Ende der Jagd jedenfalls sehr entgegen, denn so können wir die altgewohnte Richtung einschlagen, die vom Spannungsbogen her deutlich geeigneter ist. Erst verschlungen auf archaischen Deichen zur Oder, dann rückzu wahlweise direkt oder mit Extrabogen. Die leuchtgelbe Hülle ziehen wir dennoch über den Rucksack, damit eine Unterscheidung zum Haarwild jedem Schützen auch nach zwei Jägermeister noch möglich ist.

Zugegebenermaßen ist der Weg von Karlshof zur Oder ein alter Klassiker, woraus sich auch der Erfahrungswert vom Vorschuss auf den Winter erklärt. Wenn es in Brandenburg kalt ist, ist es hier ganz besonders kalt. Wer das nicht weiß und etwas Pech hat, kann durchaus einen unentspannten Tag erleben. Und auch wer gut gerüstet anreist, wird die Pausen nicht allzu sehr ausufern lassen.

Steg über die Güstebieser Alte Oder

Neukarlshof

Gleich am Rand des kleinen Dorfes mit der historischen Glocke in der Mitte lässt sich zusteigen auf den ersten Deich, der zugleich den direkten Weg ins benachbarte Neukarlshof darstellt. Das ist mit Schneeknirschen unter den Sohlen und weiter weißer Sicht nach Norden bald erreicht. Die schnurgerade Reihe von jahrhundertalten Doppelhäusern erscheint wie die Blaupause für eine historische Reportage übers Oderbruch, die von herbeigeholten Siedlern erzählt und von der Trockenlegung und Nutzbarmachung, dem Fritzeswort von der im Frieden gewonnen Provinz und alldem. Oder auch vom Aufbruch und Wiederaufbau nach dem letzten großen Krieg, mit wettergegerbten Landmännern und vorwärtsgewandten Kopftuchfrauen auf knatternden Traktoren.

Güstebieser Alte Oder

Mittlerweile sind die meisten der Häuser und Gärten in liebevollen Händen. Nur ein paar wenige noch bzw. deren Skelette warten auf Leute mit zwei rechten Händen und dem passenden Werkzeug, etwas übrigem Kleingeld und der belastbaren Lust auf solch ein jahrefüllendes Projekt.

Etwas abgeschlagen liegt noch ein einzelner Hof, und hier besteht dank eines kleinen Steges die Möglichkeit, auf den jenseitigen Deich zu wechseln. Auf dem kurzen Weg dorthin liegt ein Nadelwäldchen, das auf einem bemoosten Stumpf zwei bequeme Sitzplätze und dank der Tieferlegung sogar Windschutz bietet. Wir sind zwar keine halbe Stunde unterwegs, doch diesen perfekten Pausenplatz muss man einfach erkennen, auch wenn er etwas zeitig kommt.

Der andere Deich bei Karlsbiese

Der zweite Deich hier scheint nun etwas höher, zeigt links ein Naturprogramm mit Blick auf die Bögen des gemächlich fließenden Trans-Oder-Wassers und die begleitenden Schilffelder, rechts wechselnde Dorfbilder von Kerstenbruch, Neulewin und Karlsbiese mit eingestreuten Bewegt-Motiven in Gestalt von Radfahrern und Spaziergängern. Das Schwarz-Weiß der Großkulisse passt hervorragend zu den dargebotenen stillen Gemälden.

Einzelnes Gehöft im weiten Oderbruch

Ab und an queren Feldwege und auf ihnen vereinzelte Personen mit meist sportlichen Motiven, was wohl auf den festtagsbedingten Block von freien Tagen zurückzuführen ist, ansonsten eher die Ausnahme. In den deichständigen, hochgewachsenen Weiden hängen ausladende Knäuel von Misteln, die ein gewisses Eigenleben vermitteln. Ganz oben am Himmel werden nach und nach die letzten blassblauen Fenster zugezogen.

Deichweg bei Güstebieser Loose

Viele der kleinen Hochstände am Deich sind welk geworden und einfach an Ort und Stelle umgeknickt. An einzelnen windgeschützten Stellen scheint kurz die blassgrüne Wiesennarbe durch, die an diesem Tage regelrecht knallig wirkt. Und schon gleich wieder vergessen ist, angesichts des flächendeckenden Sprenkelweißes allumher. Kurz noch spielt die hochstehende Sonne mit der dichten Wolkendecke und sorgt für grauglitzernde Pastellimpressionen, um schon ein paar Dutzend Schritte später dem Diffusen die Bühne zu überlassen, mehr und mehr.

Wegweiser zur Sehenswürdigkeit

Erst werden die Horizonte unscharf, dann bricht erster Dunst den Rest des Lichtes und nach und nach verdichtet sich das Ganze zu regelrechtem Nebel, dämpft die Landschaft fürs Auge und fürs Ohr. Nur das Allernächste ist noch klar zu sehen, so zum Beispiel ein Wirtschaftshof mit einem großen Stapel alter Fenster, die verschiedenste Formen haben und sicherlich alle ihre Abnehmer finden werden im Verlauf der Jahre. Der Deich quert halbgefrorene Wassergräben und kleine Scharten, bewegt sich auch darüber hinaus nie auf genau derselben Höhe.

Weidenpark im nixenlosen Winterschlaf

Güstebieser Loose

Nur ein paar Minuten später weist ein halbwegs kurioses Schild links zum Weiden- und Nixenpark, der zuallererst natürlich die Frage aufwirft, aus welchem Blickwinkel Weiden und Nixen in eine gemeinsame Kategorie fallen können. Der Gedankenzweig, dass Weiden auch eine Form von Fabelwesen sein könnten, erübrigt sich sogleich, denn die krautige Fläche zwischen Deich und Wasser wird besiedelt von wortwörtlich verwurzelten Weidenzelten, die so groß sind, dass in ihrer Mitte ein Mensch mitsamt Bommel- oder Zipfelmütze aufrecht stehen kann.

Falls in den lebenden Zelten außerhalb der Touristen-Saison die Nixen wohnen, haben diese anmutigen Gestalten sich vor der Kälte ins fließende Wasser verzogen. So wollen wir sie nicht in Verlegenheit bringen, belassen es dabei und erklimmen erneut den Deich. Vielleicht treffen wir sie ja später bei Neptun, auch wenn beide wohl zu ganz unterschiedlichen Welten gehören. Doch mit dem Wasser zumindest haben alle maßgeblich zu tun.

Polnisches Dorf jenseits der Oder

Oderdeich

Kurz vor dem großen Oderdeich endet der Weg an der kleinen Landstraße. Hier befindet sich zwischen allerhand Informationstafeln eine Rastraufe für Durchreisende, dort ein großer Parkplatz, der auf die Nähe der internationalen Fährverbindung hinweist. Gleich hinterm Deich beginnt eine andere Welt, die wieder etwas nordisch wirkt und an küstenvorgelagerte Salzwiesen oder die Überflutungsflächen eines dem Meere zustrebenden Flusses erinnert. Die Sicht reicht so kurz, dass manchmal im Unklaren bleibt, ob gerade wirklich die große Krone eines Baumes zu erahnen ist oder nur das Auge erfolgreich seine Interpretation ans Gehirn verkauft hat. Zumindest die unzähligen Gänse sind klar zu hören, wenn auch nie zu sehen. Passend dazu tränken große und kleine Pfützen sichtbar das ohnehin feuchte Land, das bereits zu den Oderauen zählt.

Klarsicht aufs polnische Fährdorf

Zum Flussufer selbst ist es noch ein knapper Kilometer auf der Straße, deren Nebel alle paar Minuten von ein paar Scheinwerfern durchbrochen wird. Wäre die Sicht klar und der Wind gegenwärtig, würde man hier mit Sicherheit gehörig frösteln. So tappt man durch die eigene Bewegung wohltemperiert gen Polen und steht schon bald vor einer aus daumendicken Eisenplatten geschnitzten Darstellung von Neptun. Der rauschebärtige Scherenschnitt schaut von einer kleinen Anhöhe über den Oderlauf, auch wenn er gerade gar nichts sehen kann. Seine zweidimensionale Darstellung wird erweitert von zwei rumstromernden Bengels, die mit ihren Rädern hier und da hin rollen und schauen, ob irgendwo mehr los ist als wo sie gerade sind.

Neptun am Oderstrand

Gozdowice (Güstebiese)

Noch ein paar Schritte sind es bis zum Fähranleger. Kurz vor dem Ufer wird die Straße zur Schräge, die leicht überfroren und daher mit Vorsicht zu genießen ist. Zwar ist das Oderwasser klar und geruchlos, doch ein ungeplantes Winterbad kann sich schnell zu größeren Unannehmlichkeiten auswachsen. Leute kommen und gehen, manche packen ihre Angeln aus und wollen länger bleiben, andere fahren bis auf den letzten möglichen Meter ans Ufer, schreiten mit verschränkten Händen auf dem Rücken den verbliebenen Schritt und eilen sogleich wieder zurück ins geheizte Blechkleid.

Oderstrand am Fähranleger

Der Blick hinüber zum einstigen Luftkurort Güstebiese erlaubt gerade noch so das Erkennen der ufernahen Häuser und des Fährschiffes, das im vergangenen Jahr wegen ständig wechselnder Bedingungen und Unklarheiten eine Pause einlegen musste. Ein paar Minuten später ist gar nichts mehr zu sehen vom Nachbarland, und selbst am hiesigen Ufer reicht die Sicht nur bis zum nächsten Büschel Schilf. Entgegen allen Erwartungen fährt Neptun zu Füßen ein richtiger Linienbus vor und ist schon bald wieder verschwunden.

Oderfjord der Güstebieser Alten Oder

Nach einer Uferpause neben dem leisen Plätschern einer ufernahen Mini-Schnelle erhält Neptun die ausstehende Aufwartung. Für das Verlassen des Hügels wäre jetzt ein Schlitten oder eine olle Tüte gut. Doch letztlich geht es auch auf den eigenen Sohlen, die auf dem überschneiten Gras ein bisschen die Balance herausfordern und unten bei erreichter Endgeschwindigkeit ein paar Verzögerungstapser einfordern.

Oderfjord unter Klarsicht vom Großen Deich aus

Auf dem Weg zurück zum Oderdeich treffen wir auf den ersten Schneemann dieses Winters, der eine beachtliche Schulterhöhe zeigt, ähnlich der eines Dreikäsehochs. Zwei große und zwei kleine Hände haben das kühle Kerlchen soeben frisch vollendet, und ihnen ist mit geringsten Mitteln ein regelrecht vergnügtes Gesicht gelungen. Die Wiese drumherum ist vollständig freigelegt, was nochmal zeigt, wie perfekt der Schnee für die Erschaffung ist.

Auwiesen zwischen Oder und Deich

Ein kurzer Abstecher zu einem kleinen Oderfjord in den Auwiesen endet an einer amtlich versperrten Brücke, doch der Blick über die schilfumrandete Wasserfläche ist in beide Richtungen möglich. Vorn am Rastplatz ist gerade ein regelrechtes Getümmel, in dessen Konsequenz sich Menschen in vier verschiedene Richtung entfernen. Kurz nach dem Queren der Güstebieser Alten Oder lockt nun schon der nächste kleine Deich, und so entscheiden wir schon vor Erreichen von Güstebieser Loose für die kurze und stille Variante des verbleibenden Weges – die Sicht reicht ohnehin nicht weit, und was heute schon geboten wurde, ist absolut in Ordnung.

Hoch über den Wolken ziehen immer wieder große Formationen von Kranichen zwischen Lager- und Futterplätzen hin und her, in der nebligen Hälfte der Tour auch große Gänsescharen. Hierbei bleibt unklar, ob es sich um eine riesige Eins handelt oder doch nur um eine Kleinfamilie, denn drei Gänse können nahezu genauso vielstimmig und laut krakeelen wie ein ganzer Flugverband.

Wir werden überholt von einem flinken Paar, dem Stöcke zur Vierbeinigkeit verhelfen. Das ist hilfreich, denn auf den Deichwegen liegt unterm Schnee noch feuchtes Laub, das das Prinzip der Gleitfähigkeit jeweils vervielfacht und unsere Schritte aller Eleganz beraubt. Manchmal will der aufrechte Gang eben verdient sein.

Unterwegs nach Neukarlshof

Güstebieser Loose

Auch hier im Dorf gibt es eine Bushaltestelle und selbstverständlich ein Hochhaus, das aus den Zeiten der LPGs stammen dürfte. Auch der bunte Zaun davor ist noch im Originalzustand. Vorm Friedhöfchen biegt links der Weg nach Neukarlshof ab, der nun auf schwarzem Schotterzeug verläuft und eindrücklich mit der verschneiten Landschaft kontrastiert. Aus dem Nebelnichts taucht ein einzelnes Gehöft auf. Noch ein paar weitere folgen, bis schließlich die markante Häuserreihe von Neukarlshof an Farbkraft gewinnt.

Nicht retuschiertes Neukarlshof auf dem Rückweg

Neukarlshof

Wer nicht gerne Wege doppelt läuft und auch nicht über den Steg von vorhin zum anderen Deich wechseln will, kann jetzt einfach auf der Straße unterhalb des Deiches bleiben, die ebenso direkt nach Karlshof führt und dabei festen Tritt und schnellen Schritt ermöglicht. Vom Jägerneon ist nichts mehr zu sehen, die Tiere auf dem Boden können sich also wieder ihrem regulären Tagewerk widmen. Eine Etage höher lässt sich die Wintermeise nicht vom dichten Nebel stören und schickt euphorisch ihr Gepiepse in den Äther.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Strausberg oder Werneuchen, dann per Bus (mehrere Umstiege)(ca. 2,5-3 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (B 158, B 168) über Werneuchen und Wriezen (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 12 km (Varianten und Erweiterungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
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Links:

Fähre Güstebieser Loose (Fährzeiten)

Informationen zu Nixen und Nixern

Weiden- und Nixenpark

Einkehr: keine Einkehrmöglichkeiten

Grobskizziert – Werbellin: Stille Burg, Ochsenkarren und die Schöpfung in Schwarzweiß

Der Dezember hat sich wie in jedem Jahr wieder die Adventskleider übergeworfen. Doch in diesem Jahr wollen Sie nicht recht passen, auch wenn alle Beteiligten wirklich ihr Bestes geben und möglich machen, was eben geht. Dazu zählen füchsische Listen, ferner die Spielweiten der Interpretation von Vorgegebenem sowie das maximale Eindampfen von weihnachtlichem Marktgeschehen auf Minibude, Becher und Pappe, was dankbar angenommen wird.

Weg über der Buckowseerinne

In der Großstadt wird solches naturgemäß schnell überreizt und erledigt sich damit selbst, auf dem Lande hingegen macht es winzige Episoden echter Adventsstimmung möglich, die herzwärmend aufzeigen, wie wenig eigentlich nötig ist. Davon abgesehen ergeben sich in vielen Treppenhäusern der Großstadt, wo sonst kaum einer den anderen kennt, kleine Begebenheiten echter Weihnachtlichkeit, die man nur wahrnehmen muss.

Bei Margarethenhof

Ansonsten wissen sich viele Menschen selbst zu helfen und vertagen Glühwein und Heißes vom Grill in den eigenen Garten, sodass das würzige Getränk eine Zeitlang die Begehrenskategorie von Nudeln und Klopapier erlangt und mancher Feuerkorb noch mal aus der Winterruhe gerissen wird. Jeder macht irgendwie das Beste draus, und manche alte Gewohnheit muss in diesem Jahr komplett umgekrempelt werden. Womöglich wird das nachwirken und in einem guten Sinn Auswirkungen auf weihnachtliche Reisegeschehen künftiger Jahre haben.

Hinter Werbellin

Ansonsten gelten ähnliche Regeln wie im Frühling, die jedoch entgegen der Erwartung keinesfalls leichter von der Hand gehen – wo man sie doch schon kennt. Vielleicht hat das in gewissem Maße mit der Jahreszeit zu tun, die ja im Frühling für viele Menschen ein Aufatmen bedeutet, im Winter dagegen eher ein Kopfsenken. Zum Regularium zählt also auch wieder, die eigene Höhle nur mit gutem Grund zu verlassen. Bewegung im Freien zählt dazu, sodass zum Ausschwärmen nach Brandenburg keine spitzfindige Grauzone betreten werden muss, wenn man denn betont einsame Gegenden durchstreift. Und die gibt es in fast allen Winkeln von Brandenburg, was kein Geheimnis ist.

Zwischen Autobahn und Margarethenhof

Werbellin

Zwischen Eberswalde und Joachimsthal fährt ein Bus, der etwa auf der Mitte auch in Werbellin hält, einem hübschen Dörfchen, zu dem das Dauerrauschen der Autobahn gehört. Dieses wird vom Wind mal betont, mal lässt es sich fast vergessen. Entsprechend der naheliegenden Vermutung ist es von hier nicht weit zum allseits bekannten Werbellinsee, dessen Uferlinie in einer guten halben Stunde erreicht ist, der schöne Seeort Altenhof nur wenig später.

Landschaft bei Margarethenhof

Ein wahres Kleinod unter den märkischen Landschaften liegt jenseits der Autobahn und blieb vielleicht eben deswegen weitgehend unbekannt – für viele Ausflügler ist die Nähe der dauerlauten Piste ein Ausschlusskriterium. In der naturgeschützten Buckowseerinne liegen zwei der schönsten Wegekilometer, die das Bundesland zu bieten hat. Große Worte, dessen bin ich mir bewusst. Und würde sie sofort wieder schreiben, ohne den kleinsten Gewissenszwack.

Schaukel-Eiche bei Margarethenhof

NSG Buckowseerinne

Was die Eiszeit hier modelliert hat, ist so anmutig und zugleich leicht archaisch, bezaubernd und von wildem Relief, hat fast etwas Nostalgisches. Wenn die Landschaft auf einmal schwarzweiß oder sepiagetönt wäre und einem behäbige Fuhrwerke mit vorgespannten Ochsen entgegenkämen oder Schnitter mit gewaltigen Garben frischen Strohs auf dem Rücken, so richtig staunen müsste man nicht.

Weg über der Buckowseerinne

Die Landschaft mit ihren vielen Weihern ist blickesweit leicht geschwungen, was man schon zu Beginn in den Waden spürt – es kommen viele kleine Päckchen von Höhenmetern zusammen, ganz egal, ob man nun die dreistündige Rundwanderung nimmt, die unten zu sehende Vollversion oder den zweistündigen Schöpfungspfad, der trotz seiner Kürze keine von den feinsten Pralinen dieser Landschaft weglässt.

Weiher der Buckowseerinne

Darüber hinaus wird der Schöpfungspfad von durchweg lesenswerten Tafeln begleitet, deren Zeilen insbesondere in diesem Jahr trostspendend und aufbauend sein können, ohne dabei spürbar zu frömmeln. Keine großen Textblöcke, sondern eher das gute Maß einer Minute. Und danach jeweils ein schönes Stück Stoff im Gedankenwerk für Plaudern oder Schweigen bis zur nächsten Tafel. Das Ganze ist wirklich sehr gelungen.

Treffen bei Tag und Nebel

Der Rahmen also lässt sich beliebig groß anlegen. Der Schöpfungspfad entfernt sich nicht nennenswert von der Buckowseerinne, der Rundwanderweg nimmt noch die Dörfchen Buckow und Werbellin dazu und auch ein Stück vom Großen Buckowsee. Die große Variante hier schlägt noch den Bogen über Lichterfelde und tingelt hinterm Dorf auf herrlich weiten Wiesenwegen zur nächsten Wohnsiedlung.

Diese nun zählt kurioserweise zur Stadt Eberswalde und wurde nach Clara Zetkin benannt ist, welche viele wohl eher vom vorvorletzten Zehn-Mark-Schein kennen denn als Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin. In Sachen Wasser kommt dort noch der breite Oder-Havel-Kanal ins Spiel, der trotz seiner autobahnähnlichen Eigenschaften durchaus eindrücklich ist, zumal der ganze Tag schon fahl und etwas mystisch unter Frost und Nebel liegt und die lange Weite des Wasserbandes unscharf beschneidet.

Weg an der Buckowseerinne

Hinter den letzten Häusern von Karlshöhe geht es noch ein Stück höher, dann rasch hinab zum Großen Buckowsee, dessen steile Uferhänge von Buchen bestanden sind und damit an märkische Seenklassiker wie Wutzsee, Liepnitzsee oder das benachbarte Großkaliber des Werbellin denken lassen. Wo dieser von Sagen umwoben, ist der Große Buckowsee heute von Winternebel gedämpft und überdeckt, sodass sich der Autobahn-Rastplatz über dem jenseitigen Ufer nicht mal erahnen lässt. Die Enten treiben drüben ihre Schabernacke, ein Graureiher zieht in diesem elchganggleichen Flugstil übers Wasser, die Brust der Stirn stets leicht voraus. Die Krähen, welche klagend die Jahreszeit für sich beanspruchen, sind zu hören nur, doch nicht zu sehen.

Stiller Zaungast in Lichterfelde

An der Ostbucht umrundet ein Pfad historische Gemäuer einer Mühle mit ein paar eingekreisten Bungalows, bevor am Kanzelberg noch einmal die Landschaft von vorhin in die Wiesenhügel locken will. Was uns betrifft ist es dafür zu spät, denn die Sonne hat sich schon verabschiedet und die halbstündige Lichtreserve läuft heute trotz oder wegen des Nebels besonders schnell ab.

Hinterm Dorf, bei Lichterfelde

Nach der Autobahnunterführung liegt rechts das Irrenhaus, was mit lockerem Blickwinkel irgendwie gut zum Schöpfungspfad da drüben passt – gelten doch die sogenannten Irren oft als die einzigen Normalen. Hier jedoch handelt es sich um einen Ort, wo man durch und durch freiwillig einkehren, übernachten oder Feste begehen kann, wobei unter anderem Ritter, Schneiderscheren und Pferde eine Rolle spielen.

Oder-Havel-Kanal

Werbellin

Vorhin war von echten Weihnachtsmomenten im Treppenhaus die Rede. In Werbellin gab es dann auch noch so einen Moment, gänzlich unerwartet, mit voller Wucht und einem Bild fürs Langzeitgedächtnis. In der Mitte des Dorfes steht ein Kirchlein von ungewöhnlicher Form, was schon beim Grundriss anfängt und sich in der burgähnlichen Gestalt des hochkanten Gebäudes fortsetzt. Am kleinen Turm gibt es sogar einen holzverkleideten Rundgang, und in das Kirchenschiffchen geht man um drei Ecken.

Am Großen Buckowsee

Das Innere ist urig und fast wohnlich, mit viel Holz und Malerei, der Altarraum wurde erleuchtet von einem wunderbaren Weihnachtsbaum, der so warm schien, als stünden echte Kerzen drauf. Links war für den Heiligen Abend und die Weihnachtstage die Krippe vorbereitet, Schafe und Strohballen warteten in der Stille dieses Raumes auf den alljährlichen Einsatz vor kleinstem oder keinem Publikum. Ein Echo dieses Bildes gibt übrigens – an jedem Tages des Jahres – das Fenster direkt darüber: es zeigt das brotlaibgroße Jesuskind in seiner Krippe, umgeben von beiden Eltern.

Fingerübung zum Pulssenken, am Großen Buckowsee bei Werbellin

Dorfkirche Werbellin

Die Kirche im sogenannten Landstil ist als sogenannte Autobahnkirche tagsüber offen. Und auch wenn sie neben dieser nüchternen Bezeichnung noch einen richtigen Namen verdient hätte, vielleicht St. Brausius, wird einem dadurch doch die zugleich kuriose und sinnvolle Bedeutung solcher Kirchen gegenwärtig, die ja insbesondere diesem Jahr innewohnt, wenn auch zwangsweise: mal das Tempo rausnehmen, wenigstens kurz. Einen Augenblick analog und nur vor Ort sein, nichts beweisen und darstellen müssen. Einfach in die Bank sinken, die Schultern folgen lassen und in der Stille auf den Puls horchen, bis dessen Frequenz der des Atmens entgegenkommt. Es kann eine kleine Kur sein, ganz gleich ob man sich als religiös oder als strenggläubigen Atheisten sieht.

In der Kirche Werbellin

Wer dann hinaustritt, atmet tiefer durch, sieht vielleicht ein wenig klarer und hört sogar die weit entfernten Scharen der Zugvögel, die noch immer abwägen zwischen Aufbruch oder Bleiben.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Bahn bis Eberswalde, dann Bus in Richtung Joachimsthal (1,75-2 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn oder Landstraße (0,75-1 Std.)

Länge der Tour: 18 km (Abkürzungen mehrfach möglich)


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Links:

Rundwanderung NSG Buckowseerinne

Infomation zum Schöpfungspfad

Autobahnkirche Werbellin

Einkehr: Irrenhaus, Werbellin
Omas Speisekammer, Lichterfeld

Stadtrandtour Wannsee – Blattgoldrausch, Inselkapellen und ein Raum für Sehnsucht

Wenn dieses verquaste Jahr irgendetwas besonders gut kann, dann ist es Herbst. Für gute Laune reicht das nicht bei jedem, dennoch zieht es viele Menschen ins Freie, mehr als sonst üblich. Und in der Tat geht es besonders golden zu, sei es nun auf dem Lande oder mitten in der Stadt oder auch dazwischen. Novemberwetter gab es diesmal eher im Oktober, und das reichliche Gold im November lässt einen Tauschhandel vermuten, der vielleicht taktisch ausgeklügelter ist als man meinen sollte. Denn es gilt, die allgemeine Trübnesse etwas aufzuhellen.

Goldener Teppich am Griebnitzsee

Trüb ist dieser November also weniger vom Wetter her, vielmehr ist er trüb für alle Häuser, bei denen eine Bühne oder eine Küche im Zentrum steht. Die Türen müssen zu bleiben und Optionen zur Vermeidung des völligen Stillstands verlangen nicht nur Phantasie, sondern auch noch irgendetwas in der Hinterhand. Und am besten etwas Platz unter freiem Himmel. Wer also noch entsprechende Reserven hat, etwas aus dem Ärmel zu zaubern oder aus dem Boden zu stampfen, kann meistenteils auf dankbare Gesichter und etwas weiter geöffnete Portemonnaies hoffen. Passend dazu hat die zentrale Tourismusstelle des Landes Brandenburg eine Webseite auf die Beine gestellt, wo sich herausfinden lässt, wer zum Beispiel Essen zum Mitnehmen anbietet.

Ungewöhnlicher Potsdam-Blick vom Berliner Gipfel

Ganz unabhängig von all dem macht das Tageslicht sein Ding und bietet der Natur damit eine verlässliche Größe. Grün wird zu bunt, herabgefallen dann zu leuchtend. Farbakzente liefert nur der Zufall hier und da. Es duftet nach Eicheln, nach Pappellaub und Pilzen, nach werdender und währender Erde. Pilzsammler kamen überraschend, weil später als gewohnt auf ihre Kosten und konnten schließlich noch gut gefüllte Körbe durchs Unterholz schleppen. Etwas höher im Wald wird es immer stiller, obwohl zwischen dem Gekrächze der schwarzen Einsilbigen nach wie vor dieses niedliche Finkengezwitscher zu vernehmen ist, manchmal auch schon ein paar frühe Wintermeisen.

Versammelte Sehnsuchten

Wannsee

Rund um Potsdam lassen sich, das ist nichts Neues, herrliche und besondere Tage verbringen. Viel Wasser und lebhafte Uferverläufe gibt es hier, Hügelländer voller Wald und dazwischen unzählige Accessoires für Historienfilme, so dicht gesät wie selten irgendwo im Lande. Noch dazu sind diese großen und kleineren Bauwerke meist in herrschaftliche Parkanlagen gefasst, die jeweils für sich schon als Tagesziel taugen.

Abendliche Wannsee-Ausfahrt

Wem nun selbst Potsdam zu weit weg ist, der findet all das bereits auf einer großen Insel, noch auf Berliner Stadtgebiet. Der Inselwerdung wurde einst von Menschenhand etwas nachgeholfen, nichtsdestotrotz gibt es nur eine Handvoll Brücken, auf denen sich die Insel Wannsee trockenen Fußes verlassen lässt.

Pergola-Gang an der Bismarckstraße in Wannsee

Der Uferweg vom Wannseer Hafen vorbei an der Pfaueninsel zur Glienicker Brücke ist quasi ein Klassiker, nicht zuletzt deswegen, weil sich die Tour an mehreren Stellen per Bus verkürzen lässt. Falls der Bus gerade weg ist, geht man einfach ins jeweilige Wirtshaus und lässt dort vielleicht gleich noch den nächsten Bus fahren.

Auch recht bekannt ist das bezaubernde Wege-Pendant am Südufer. Auch wenn hier die Ausflugsziele nicht Schlag auf Schlag folgen, sorgen die verspielte Uferlinie und der Verlauf dicht am Ufer für gutgehend Betrieb, nicht nur an sonnigen Tagen. Neonbunte Laufschuhe wollen amortisiert sein, Hunde ausgeleert oder Gedanken freigelassen. Will man nun die Insel einen ganzen Tag durchstreifen und trotzdem nicht zu viele Menschen treffen, ist auch das möglich – dank einem dichten Wege- und Pfadenetz.

Taille vom Kleinen Wannsee zum Pohlesee

Bhf. Wannsee

Vom Bahnhof ist es nur ein Katzensprung zum Gasthaus und Biergarten Loretta mit einem der schönsten Blicke auf den Wannsee. Auf der anderen Seite der Königsstraße kommt man durch einen kleinen Park zur Bismarckstraße, ein paar Minuten später schon zum ersten Kulturbeitrag am Weg: in einem kleinen Stückchen Grün oberhalb des Kleinen Wannsees steht das Kleistgrab mit seinem korpulenten Stein. Hier liegt der Dramatiker neben seiner Freundin Henriette Vogel, mutmaßlich an der Stelle, wo sich beide gemeinsam und wohlüberlegt von dieser Welt verabschiedeten.

Uferweg am Griebnitz-Kanal

Entlang der kleinen Pflasterstraße gibt es teure Anwesen, auch schöne und geschmackvolle, jeweils entsprechend die Gärten. Manche sind zugeknöpft, andere wirken historisch wertvoll und einige sind regelrecht verspielt. Im Gedächtnis bleibt ein langer Pergola-Gang aus rotem Gebälk, auf dem sich ein dichtes Dach aus Glyzinien räkelt. Hier und da blitzt unten die Wasserfläche durch.

Blick auf die Marina am Pohlesee und Turm auf dem Schäferberg

Unvermittelt endet die Straße am Wald und lässt die Auswahl zwischen zwei Wegen. Wer Muße hat oder ans Wasser will, geht rechts und kommt durch leuchtendgelben Laubwald bald zur Seentaille, wo der Kleine Wannsee zum Pohlesee wird. Neben vielen kleinen Stränden gibt es schöne Blicke hinüber zur Marina, edlen Bootshaus-Ensembles oder den Türmen auf dem Schäferberg. Die Topographie des Uferwaldes erinnert durchaus an namhafte Seekaliber wie den Wutzsee bei Lindow oder das schöne Geschwisterpaar von Liepnitz- und Hellsee.

Am Stölpchensee

Vor der Brücke zum Stölpchensee wird der Weg zum Kanal hin schmaler, dahinter steigt er etwas höher übers Ufer und gibt den Blick frei auf einen markanten Kirchturm. Der sieht irgendwie nach Schinkel oder Schülerschaft aus, der fehlende Turmspitz lässt sich von vier kleinen Eckzacken vertreten. Der Wald wird jünger und dichter, der Laubteppich zunehmend lückenlos. Bald darauf wiederholt sich am Ende des Sees die Geschichte mit dem Kanal und der Brücke, und jetzt endlich wechseln wir hinüber auf die Insel, die den restlichen Tag superb gestalten wird.

Am Ufer des Griebnitzsees

Hubertusbrücke

Drüben liegt unterhalb der Brücke ein herrlicher Biergarten, darin sehr einladend die hölzerne Hubertusbaude. Dass hier keinerlei Bewegung ist, liegt nicht an der Virenproblematik – die Anlage ist seit einigen Jahren geschlossen und sucht einen neuen Besitzer. Der sich hoffentlich finden wird, für diesen schönen Ort direkt am Griebnitzkanal.

Selten gesehenes Panorama über Potsdam

Am Ufer des gleichnamigen Sees kommt die Sonne heraus und adelt das Goldbraun, das Wege und Hänge bedeckt. So lückenlos ist der waldweite Teppich, dass der kleine Pfad kaum zu erkennen ist, der den Aufstieg auf den Moritzberg einläutet. Rutschig ist das Laub, sodass die ersten steilen Meter nicht nur auf den Füßen zurückgelegt werden. Schließlich greifen die Sohlen wieder, der Gang bleibt aufrecht. Das passt gut, denn wir renken uns die Blicke aus nach den fünfzig Kranichen, die direkt über uns sein müssen und doch nicht zu sehen sind.

Rennsteig-Impression auf der Deponie Wannsee

Moritzberg

Nach etwas Wegewirrwarr und einigen querenden Joggern und Mountainbikern geht der Aufstieg erneut zur Sache, nun breit und knirschend. Auf dem Gipfel suchen wir vergebens nach einem Pausenplätzchen oder einer Aussicht irgendwohin, finden jedoch anhängliches Dornengestrüpp und verworrene Wildpfade. Etwas unterhalb dann schließlich ein Holzschild, das einen Moritzberg benennt. Nur ein paar Schritte weiter kann das Auge über die entlaubten Zweige weit in die Landschaft schauen, nach Südwesten hin zu den Hochhäusern der Potsdamer Waldstadt und dem fernen Turm auf dem Ravensberg dahinter. Direkt nach Süden reicht der Blick weit ins Brandenburgische.

An der Waldmüllerstraße, Klein Glienicke

Abseits des Weges hören wir etwas rechts vergnügtes Geschnatter, ein Pfad führt dort hin und beides zusammen macht neugierig. Zwei Damen kommen uns entgegen und geben kichernd einen Aussichtsplatz der Sonderklasse frei, insofern, dass Potsdam von dort betrachtet aussieht, als läge es irgendwo ins Thüringische Bergland einschmiegt. Das Stadtpanorama reicht vom Rand der Waldstadt und dem Telegraphenberg bis zur markanten Kuppel der Nikolai-Kirche, davor St. Smafo resp. Heilig Geist. Und noch weiter bis zur vergleichsweise nahen Sternwarte Babelsberg.

In Klein Glienicke

Der seltene Blickwinkel macht klar, dass die Stadt nicht nur von der Havel durchzogen ist, sondern auch von zahlreichen Höhenzügen umgeben. Die sind zwar insgesamt nicht allzu hoch, doch eben einiges höher als die Wasserflächen und zumeist bewaldet. Alles zusammen ergibt diesen Eindruck, der noch den ganzen Tag nachhallt.

Beim Schloss Klein Glienicke

Der Thüringer Gedanke wird vom bald folgenden Kammweg weitergesponnen, der prompt ein wenig an den Rennsteig denken lässt. Ein steiler Abstieg bringt wieder die Sohlen auf dem glatten Laub ins Rutschen, bis am idyllischen und gut bevölkerten Uferweg am Griebnitzsee die Bergepisode ihr Ende findet. Dennoch ist der letzte Höhenmeter noch lange nicht gesammelt … Unten am Ufer sitzt in sich versunken ein Angler, oben im Hang turnt ein Junge zwischen den liegenden Stämmen herum. Müde sein werden sie am Abend beide.

Oft gesehene Brücke zwischen den Ländern Brandenburg und Berlin

Klein Glienicke

Schon die ersten Häuser von Klein Glienicke strahlen Mondänes aus, prompt fühlt man sich ganz woanders. So ganz falsch ist das nicht, denn der nächste Kilometer wird im Land Brandenburg verbracht. Passend dazu fachsimpeln gerade zwei Herren in aufwändiger Garderobe um ein weißes Mercedes-Cabrio aus den Fünfzigern herum. Der Motor läuft, schnurrt sonor und entlässt hinten nostalgisch aromatische Abgase. Es wird eingestiegen, fünfzig Meter gefahren, wieder ausgestiegen und erneut um das Auto herumgelaufen. Das wiederholt sich noch einmal, bis schließlich die passende Kulisse der geräumigen Waldmüllerstraße erreicht ist, die auch geeignetes Publikum bereithält fürs Verlassen der Szenerie.

Im Volkspark Klein-Glienicke

Neben der Straße liegt still ein kleiner Wasserlauf, begleitet von einem winzigen Graspfad, von dem sich schön die besonderen Holzhäuser am anderen Ufer bestaunen lassen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird eine kleine Hoffnung wahr: das Eiscafé hat eine Luke offen, draußen einen kleinen Grillstand eingerichtet, und wir können uns was Kleines zu naschen rausholen. Außer den Schlangestehenden bleiben alle Gäste auf dem zugehörigen Gelände stets leicht in Bewegung, damit nicht der Verdacht des Aufhaltens entsteht. Drumherum ist ordentlich Betrieb, kein Wunder, denn hier ist die Hauptschnittstelle zum Park Babelsberg, zudem kreuzen sich hier zahlreiche Rad- und Wanderwege.

Vollblütige Live-Musik in Abstandszeiten, Gasthaus Moorlake

Nur ein paar Minuten sind es zum Schlosspark Klein Glienicke, der nun wieder in Berlin liegt oder doch so absolut nach Potsdam aussieht. Auf dem Weg dorthin liegen ein süßes Kirchlein und der Friedhof in einer eigenartigen Nische des Grenzverlaufes, die sicherlich genau damit zu tun hat. Das direkt benachbarte Jagdschloss ist seinerseits von einem Ausleger der Berliner Grenzlinie umschlungen.

Höhenweg unweit der Moorlake

Der weitläufige Park ist zur Straße hin abgesperrt, was sich in der Trockenheit der letzten Sommer begründet und dem Bestreben, dass keinem Parkbesucher etwas zu Großes auf den Kopf fällt. Die Absperrungen setzen sich in Richtung Moorlake noch fort. Stellenweise bleibt Interpretations-Spielraum offen, welcher Weg zu benutzen ist und welcher nicht. Und zuletzt gibt es ja auch noch den gesunden Menschenverstand.

Blick von der Terrasse am Blockhaus Nikolskoe

Das ist insgesamt wenig tragisch, denn reizvoll sind beide Varianten. Der Hochuferweg sammelt dabei unter alten Laubbäumen so einige Höhenmeter und verwöhnt mit überraschenden Aussichtsfenstern auf die Glienicker Brücke, die Heilandskirche am anderen Ufer oder das markante Bauwerk auf der Pfaueninsel, zwischendurch öffnen sich immer wieder die weiten Wasserflächen der Havel. Begleitet wird der Weg von dicken Holzgeländern, die an Hochuferwege auf Rügen oder Usedom denken lassen, welche sich ähnlich auf und ab gebärden. Unten der Uferweg hingegen gibt sich ruhig und gleichmäßig, und der Besucherverkehr hält sich gerade auch in Grenzen, so dass man keinen Ausweich-Slalom laufen muss.

Blockhaus Nikolskoe

Moorlake

Die Bucht der Moorlake wird in einem langen Rechtsbogen erreicht, und so gleicht es zunächst eher einer Erscheinung, wird erst nach Minutenfrist deutlich und schließlich zur Gewissheit, dass vom Herzen der Bucht Musik erklingt, direkt vom Instrument. Das ist in diesem Jahr auf seine Weise besonderes schön und leitet eine ausgedehnte Viertelstunde ein, die so anmutig wird, dass man gern die Zeit anhalten würde. Auch hier wurden ein paar Ladentische rausgestellt und man bekommt Süßes zum Kaffee oder Herzhaftes zum Sattwerden.

Kirche am Blockhaus Nikolskoe

Die zwei virtuosen Musiker spielen sich beiläufig und ohne Theatralik die Seele aus dem Leib und laden die Luft mit Emotionen auf, was die Kombi aus Fidel, Quetschkommode und herzergreifenden Zigeunerweisen ja sehr gut drauf hat. Zwischendurch gibt es ein paar sauber servierte Gassenhauer der ernsten Musik, die jeder wiedererkennt. Alles in allem sorgt dafür, dass jeder gern was von Gewicht in die Mütze fallen lässt und am Abend das verdiente Feierabendbier kein nennenswertes Loch in die Kasse reißen wird. Ein perfekter Platz, gute Wahl der Instrumente und ein Vorgang, von dem alle Beteiligten am Ende viel mit nach Hause nehmen dürfen.

Fähre zur Pfaueninsel

Blockhaus Nikolskoe

Kurz hinter Moorlake darf nun ganz legal der Höhenweg erklommen werden. Lange Stufen führen hinauf in den Küstenwald und spinnen im Reich der Goldnuancen den Ostsee-Faden fort. Nach der nächsten Abbiegung wähnt man sich dann auf einmal einiges südlicher, oberhalb des Elbtals da irgendwo bei Dresden, und am Ende der nächsten Treppe ist man wieder völlig woanders, eher so direkt im Baltikum. Das tiefschwarze Blockhaus Nikolskoe bietet zwar keine russische Küche an, doch die Optik und die benachbarte Kirche mit ihrer kleinen Zwiebel entführen kurz in den fremden Kulturkreis. Den großen Havel-Blick und Gelegenheit zur Rast bieten beide.

Essenausgabe am Gasthaus Pfaueninsel

Fähranleger Pfaueninsel

Ein sanfter Abstieg endet kurz vor dem Fähranleger zur Pfaueninsel. Auch hier stehen zwei kleine Stände vor dem Gasthaus, auf der Karte neben dem Imbissangebot auch Waffeln. Eine frischgebackene Waffel an der Fähre – allein das ist schon ein kleiner Urlaub. Etwas Wartezeit haben wir dabei, denn das grazile Waffeleisen ziert sich ein bisschen. Der Duft von Bratwurst und Kaffee, Glühwein und Waffeln tröstet ein bisschen über die Adventsmärkte hinweg, die es in diesem Jahr vielleicht nicht geben wird.

Spiegelschnitt vor der Pfaueninsel

Zum Kommen und Gehen der Fährpassagiere gesellen sich noch palavernde Enten, ein paar Ruderer und die erste Ankündigung der tiefstehenden Sonne, die bereits jetzt für nordische Lichtstimmungen auf dem Wasser sorgt. Wasserfläche und Insel, Paddler und Bootshäuser – in der Tat landen die Gedanken kurz in Skandinavien und wir müssen uns ein weiteres Mal bewusst machen, dass sich dieser ganze Tag in Berlin abspielt, bis auf den erwähnten Kilometer.

Versammelte Sehnsuchten

Vom Uferweg wirft sich nun die Insel in Positur, im edlen Abendlicht. Eine zügige Dame paddelt ihr pfeilschmales Kajak so ruhig, dass der Wasserspiegel kaum gestört wird. Weit oben am Himmel strebt eine Gänse-Eins gen Süden, vielleicht zum nassen Land bei Blankensee oder auch zu den Nuthe-Wiesen. Kurz darauf wechseln wir wieder auf den hohen Pfad und können zugleich einer stehenden Wolke von schwerem Duftwasser ausweichen, die schon seit Minuten den ganzen Weg ausfüllt, auf voller Breite.

Sehnsuchts-Beratungsstelle zwischen Birkenstämmen

Nur per Zufall nehmen wir rechts im Wald eine Rasthütte wahr, die nicht direkt einladend aussieht. Doch es lohnt sich, befindet sich doch hier die einzige Sehnsuchtsberatungsstelle weit und breit. Wir nehmen einen kurzfristigen Termin wahr, müssen uns dann jedoch beschränken, da das Licht allmählich knapp wird und noch eine halbe Stunde Wald vorausliegt.

Blick auf das glimmende Strandbad Wannsee

Das Licht wird in der Tat schnell knapp, schon sind an den anderen Ufern die Lichter deutlich heller als alles andere. Doch der Spiegel der Havel verdoppelt das vorhandene Dämmerlicht und schenkt uns damit die verlorenen Minuten zurück. An einer breiten Strandstelle sehen wir gegenüber das Strandbad Wannsee mit seinem endlosen Strand rot erglühen und nehmen erst jetzt wahr, dass der Tag mit dem schönsten Abendrot ausklingt, das der November zu bieten hat. Nach der nächsten Kurve dreht der Weg nach Süden, und nun sehen wir über der Böschung den ganzen Wald in fahlem Rot. Viele Leute sind noch mit uns und sehen zu, dass sie die nächste Straßenlaterne erreichen.

Flensburger Löwe über dem Wannsee

Flensburger Löwe

Wer uns dort empfängt, ist der wohl größte Löwe von Berlin. Der steht auf einer Aussichtsterrasse am Ende der Uferpromenade, von der sich die ganze Uferlinie des Wannsees bis hin zum hell erleuchteten Hafen sehen lässt. Um ihn herum herrscht fröhliches Treiben, nicht zuletzt dank der warm erleuchteten Imbiss-Bude mit ihrem breit gefächerten Angebot. Noch einmal kleiner Budenzaubertrost. Es braucht ja gar nicht viel dafür.

Abend am Hafen Wannsee

Auf dem laternenbeleuchteten Weg vorbei am Haus der Wannsee-Konferenz, der Liebermann-Villa und zahlreichen Boots-Clubs werden jetzt mit einem Mal die Beine bleischwer, kurz vor dem Ziel. Es war so viel in diesem Tag, so viel Neues entlang der bekannten Wege, so viel Besonderes und Schönes.

Als wir endlich den Hafen erreichen, entfernt sich gerade ein kleiner Dampfer, hell erleuchtet, wie eine Traumvision in diesen Zeiten. Zu leise denken wir, um echt zu sein und drehen uns nochmal um, nach dem Erklimmen der allerletzten Treppe. Das stille Licht ist fern, doch noch zu sehen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
mit der S-Bahn oder Regionalbahn zum S-Bhf. Wannsee (0,5-0,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht praktikabel (falls doch: B 1 nach Wannsee (0,75-1,25 Std.))

Länge der Tour: ca. 20 km, Abkürzungen vielfach möglich (auch per ÖPNV)


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Links:

Insel Wannsee

Ehemalige Deponie Wannsee 

Einkehr (Auswahl): Hubertusbaude, am Stölpchenweg/Hubertusbrücke
Wartmanns Eiscafé, Klein Glienicke
Forsthaus Moorlake, Moorlakeweg
Blockhaus Nikolskoe, Nikolskoer Weg
Wirtshaus Zur Pfaueninsel, Pfaueninselchausee
Imbiss am Flensburger Löwen, Tiefhornweg
Bolles Bootshaus, Tiefhornweg

Altlandsberg: Goldene Zacken, spätes Tassenglück und das erkannte Blümchen

Dieser Herbst spielt auf der ganz großen Orgel, mit vollem Registerwerk. Nicht laut, aber vollmundig, nicht plakativ, doch aus vollem Herzen. Es ist ein Fest für die meisten der Sinne, die dem Menschen gegeben wurden, und man kommt mit dem Genießen dieser wochenlangen Darbietung kaum hinterher. Wer hier schon öfter las wird wissen, dass der Herbst ein hohes Ansehen genießt und womöglich auf bereits bekannte Strophen eines Hoheliedes treffen. Gegebenenfalls sind also nur ein paar Absätze zu überspringen – genauso gut kann jedoch lauthals eingestimmt werden.

Kurz vor dem Erpewald

Erstaunlich ist in diesem Jahr, wie allgegenwärtig noch die Farbe Grün ist. Im Unterschied zu den vorangegangenen Herbsten waren zudem nur wenige Zugformationen am Himmel zu beobachten – entweder die großen Flügelschwinger haben sich schon vorher im Stillen auf die Reise begeben oder sie wissen, dass noch ausreichend Zeit bleibt vor dem Wechsel in die wärmeren Gefilde.

An der Kirche

Überall auf dem Boden finden sich nun reichlich Materialien für farbenfrohe Basteleien, lassen sich auf einem kurzen Spaziergang ganze Händevoll gefallener Blätter sammeln, deren nicht ein einziges die Farbe eines anderen haben muss. Dazu eher Dreidimensionales, das nach dem Holzbohrer verlangt, dem denkbar unschuldigsten und allerersten aller Werkzeuge, das sogar den Weg in kleinste Kinderhände findet. Eicheln lassen sich hervorragend mit Bucheckerhüllen in Schale schmeißen, Kastanien verleihen ausgedienten Streichhölzern einen längerfristigen Sinn und die Bucheckern selbst ergeben in der leergewohnten Streichholzschachtel ein schönes Zeug zum Rasseln. Als letzter Schliff lässt sich die Schachtel selbst mit ledrigem Laub tapezieren und an die nächstliegende Oma verschenken, die dann versonnen rasseln kann, wenn wieder Stille herrscht im Hause.

Allee zum Reiterhof

Auf den Feldern und im Wald huschen neben ein paar bummelletzten Lerchen noch hier und da die Finken herum und steuern die verbliebenen niedlichen Geräusche aus der Vogelecke bei. Was sonst aus Schnäbeln tönt, ist eher holzig, klagend oder leicht rabiat und übernimmt von Woche zu Woche mehr die Geräuschkulisse unter freiem Himmel. In bestimmten Gegenden dominieren natürlich die Gänse- und Kranichscharen, die dem Fernreisen abgeschworen haben und so die winterliche Stille untergraben.

Marktplatz Altlandsberg

Die gerne indianisch benannte Mischung aus Altweibersommer und Goldenem Herbst findet also in diesem Jahre sehr genüsslich statt, und so läuft dauerstaunend durch die Gegend, wer einen Sinn dafür hat und in die richtige Landschaft gereist ist. Die größten Spektakel zwischen kupferbraun und golden, leuchtendgelb und dem Rot von Blutorangen finden entgegen mancher Erwartung nicht im Walde statt, sowohl im Mittelgebirge als auch hier im flachen Land. Linden, Ahorne und Eichen lassen sich ebenso gut in offenen Landschaften mit langen Alleen bewundern, die zum Teil kilometerweit zu sehen sind und unter den wandernden Lichtflecken der perforierten Wolkendecke regelrecht zum Leben erwachen. Was eben noch nach nichts aussah, kann im nächsten Augenblick zur Göttlichkeit erstrahlen und bis zum Zücken der Linse längst wieder im grauen Jäckchen überm Boden hocken. Es heißt also wortwörtlich, den Augenblick zu genießen.

Schlossgut Altlandsberg mit Schlosskirche

Alleen haben häufig mit Ortschaften und offenem Land zu tun, und solches findet sich oft schon in geringer Entfernung von der nächsten Stadt, sogar wenn diese ziemlich groß ist. Solche Stadtrandtouren tragen meist einen besonderen Charme, weil die Natur mit spröden Elementen und eher pragmatischen Bauwerken der Infrastruktur durchmischt ist, häufig auch mit punktuellem Lärm oder Gestank. Umso erstaunlicher war es am beschriebenen Tag, dass laute Schnellstraßen und große Gewerbehallen, rauchende Schlote und riesige Strommasten kaum im Gedächtnis blieben, da es so viel im Kleinen zu entdecken gab. Überraschend waren auch die Menge an schönen Pfaden und der geringe Anteil an hartem Belag unter der Sohle.

An der östlichen Stadtmauer

Altlandsberg

Das schöne Ackerbürgerstädtchen wurde schon vor einigen Jahren besungen, fast zur selben Zeit im Jahr, doch eher allgemein. Das regelmäßige Wiederkehren ist in diesen Jahren auch deswegen spannend, weil das Schlossgut rund um die Kirche nicht in einer Hauruck-Aktion saniert wird, sondern behutsam Schritt für Schritt. Die Veränderungen und Fortschritte lassen sich daher bestens verfolgen, und dank guter Planung und Geschmack wird das Ensemble mit jedem vorbeigewehten Jahr etwas schöner, findet nach und nach zur Vollständigkeit zurück. Vom Markt ausgehend ist das verschiedenartig gepflasterte Gelände in ein paar Minuten erreicht, und es sollte stets ein Extra-Viertelstündchen eingeplant werden, um die Veränderungen zu beschauen oder Bekanntes neu zu entdecken.

In diesem Jahr ist es die Parkanlage westlich von Schlosskirche und Brennerei, vor Kurzem noch eine wilde und krautige Fläche ohne erkennbare Struktur. Jetzt sorgen zwei Alleechen und die erkennbare Form des Bassins für erste Gestaltbildung, die Phantasie kann in dichterischer Freiheit ergänzen, wie es am Ende einmal aussehen könnte. Vielleicht ja schon im nächsten Jahr?

Am Obstgarten

Für eine Umrundung der Altstadt entlang der Stadtmauer sollte eigentlich bei jedem Besuch des Städtchens Zeit bleiben, zumal hier jede Jahreszeit ihren Reiz hat und die halbe Stunde schon aufgrund ihrer Kürze kaum langweilig werden kann, von der Schönheit des stillen Weges gar nicht zu reden. Goldene Teppiche von kollektiv abgestürztem Laub wechseln ab mit spiegelglatten Pfützen, die den durchwachsenen Himmel zerrfrei auf den Boden holen.

Weg am Erpebruch

Bei jeder Umrundung lockte unweit des Berliner Torturmes ein Weg, der nun endlich entdeckt werden darf. Die urige Erweiterung entlang der wilden Erpe bietet wonnige Pfade, eine begehbare Streuobstwiese und den durchfeuchteten Bruchwald des Baches, der nach dem wiederholten Regen der letzten Wochen recht lebendig fließt. Ein rührendes Rastbänkchen wird von rotem Weinlaub eingerahmt, ein anderes setzt sich im warmen Licht einer Wegkurve in Szene und ein bunter Schilderbaum bietet Bausteine für den Tag an. Im dichten nassen Wald flattert es stimmlos hin und her. Quer über die Wiese oder wenige Meter hoch zu den Garagen verbinden Schleichwege die Naturkulisse mit jener der Stadt.

Fahrradhof

Die Erpe sorgt für einen kleinen wilden Streifen entlang ihrer Uferlinie, den auch die Landstraße nicht unterbrechen kann. Nach dem Warten auf eine Verkehrslücke und ein paar Straßenschildern ist man gleich wieder in der satten Natur und trotzdem meternah am Rande der Bebauung, das schließt sich hier nicht aus. Der Blick wird frei für eine der dramatischsten Fallstufen der Erpe, die hier über mehrere Meter regelrecht ins Strudeln kommt, dahinter dann in einem Teich mit Insel kurz verschnaufen kann von so viel Aufregung.

Pfad hinter der Kaufhalle

Hier quert ein Weg, der einmal Bahndamm war, ganz unverkennbar. Läuft bald zum Pfad ein und schleicht direkt hinter den Zäunen lang. Selbst Durchfahrenden dürfte in Altlandsberg die hohe Brandmauer voller Fahrräder aufgefallen sein, die zu einem Fahrradladen gehört, der auch aus der Vogelperspektive bestens zu erkennen ist. Unten wird gerade gefachsimpelt, Räder werden hin- und hergeschoben, Termine und Optionen verhandelt, mit einem Ton von leiser Wichtigkeit im hinteren Teil des Satzes. Mädels und Jungs in Blaumännern oder freizeitlicher Wochenendgarderobe tummeln sich zwischen stinknormalen, hochtechnischen und saucoolen Zweirädern, mit dem Merkmal erforderlicher Pedalkraft als kleinstem gemeinsamen Nenner.

Entlang der Erpewiesen nach Süden

Wer nicht nach links schaut und damit vorbei an Baubrachen und Gewerbe-Parkplätzen, kann sich tief in der Botanik wähnen, die sich gen Süden hin erstreckt. Dafür sorgt maßgeblich der Wiesengrund, eine fein umgesetzte Mischung aus Bruchwald, Wiesengrund und Erpewasser. Eine Handvoll Schritte erlauben den Wechsel vom Weg direkt zur Wiese, auf der noch manches Blümchen seine knickrige Blüte in den Himmel reckt und damit manche Biene aus der späten Reserve lockt. Vorn bei den Häusern ist jemand tüchtig mit einem nölenden Gartengerät beschäftigt.

Ziegen am anderen Ufer

Hinter den letzten Gärten beginnt dann ein stets leicht geschwungener Weg, der den Bachgrund der Erpe im Blick behält. Die schon bekannten Ziegen am jenseitigen Ufer ragen auch heute wieder mit der oberen Hälfte aus dem Grase, blicken eine Zeitlang fast synchron in unsere Richtung, beenden das ebenso synchron und rupfen weiter an den struppigen Grasbüscheln zu ihren Hufen.

Bank auf dem Kamm

Etwa auf dieser Höhe steht rechts des Weges ein Bäumchen, das eigentlich ein aus dem Ruder gelaufener Busch ist. Das Pfaffenhütchen hat nicht nur lustig umhüllte Früchte von markanter Form, sondern fährt im Herbst mit seiner Laubfärbung ein kleines Spektakel auf, das erst nach kurzem Augenausschütteln klar zwischen Laub, Früchten und deren Hüllen unterscheiden lässt. Orange, karminrosa, ein Spektrum an Rottönen – alles dabei. Verbunden durch ein besonders zähes Holz, das ein wenig den fast vergessenen Namen Spindelstrauch erklärt. Auch hochwertige Holzkohle lässt sich daraus herstellen. Und der ganze Stolz des männlichen Teilnehmers der Tour war es natürlich, diese hochgewachsene Blume wiedererkannt zu haben.

Reiterinnen und Farbtöne

Kurz vor dem Unterqueren der schnellen Landstraße sorgt erneut das Schild des Fernwanderweges E 11 für Erstaunen, denn die Vorstellung, gerade ein Stück des Weges vom südholländischen Nordseestrand zu den polnischen Masuren zurückzulegen, lässt einen für ein kurzes Stück eher schreiten als schlurfen. Gleich dahinter sorgt eine Rastbank für eine ganz andere Körperhaltung, liegt sie doch auf einer steil zu erklimmenden Anhöhe am Rand eines weiten Ackers. Umtost vom Lärm der Straße und frei von jeglichem Windschutz ist sie zwar nur bedingt gemütlich, dennoch verlockt schlicht die kühne Lage zu einer Pause. Noch weniger lässig gerät die Körperhaltung dann beim Abstieg, denn das kurze Gefälle ist steil und die offene Erde noch leicht klamm vom letzten Regen. Diese Pause wird im Gedächtnis bleiben.

Licht durch Laub

Auf dem abgeschiedenen Feldweg mit seinen Schlaglöchern und Pfützen passieren in kurzem Abstand zwei muskelbepackte Fahrzeuge mit Fokus auf dem Timbre hinterm Endschalldämpfer, was an dieser Stelle leicht surreal wirkt. Erst ein breitschultriger Pickup mit grollendem Vielzylinder, dann ein im selben Mattschwarz gehaltener Chopper mit sonorem Klang, obenauf ein einschlägig in Leder eingeschlagener Bauchpfleger mit Stahlhelm, die schweren Arme an den Lenkerenden festgehakt. Vielleicht zahlen ja beide Beiträge beim selben Verein, der mit der Ladefläche holt gerade neues Bier und der mit dem Sozius freut sich schon bald drüber.

Pfad nach Fredersdorf

Wiesengrund

Bei den Häusern von Wiesengrund strömt Duft aus einem kleinen Bruch, das wiederum von der Erpe gespeist wird. Die schlägt hier einen hübschen Bogen durch die Wiese, an dessen Ende fast schon Elisenhof erreicht ist.

Grünstreifen in Fredersdorf Nord

Elisenhof

Jetzt nimmt der Verkehr mit einem Male zu, fast alle zwei Minuten kommt ein Auto von vorn oder von hinten, und jedes davon ist eindeutig rot. Vielleicht ja ein anderer Verein, vielleicht das, was von den traditionsreichen Elisenhofer Rotkutschern übrig geblieben ist. Weitere Gedanken in dieser Richtung werden von extrawürziger Stallluft verweht, die dem Rückenwind geschuldet auch nach Verlassen des Weilers noch erhalten bleibt. Die Enten waren gerade die Kühe besuchen, dem Anschein nach ausgedehnter, während die Schweine sich visuell im Hintergrund halten, duftlich hingegen die Wahrnehmung bestimmen.

Grünstreifen in Fredersdorf Nord

Das folgende Wäldchen zeigt sich talentiert im Darstellen großen und vielfältigen Waldes – gemischter Bestand, verschiedene Landschaftsformen und sogar randständiger Ginster sind nur einige der dargebotenen Disziplinen. Den nächsten breiten Weg teilen wir uns kurz mit zwei Mädels zu Pferde, die Mädels in mehreren Grau-Schattierungen, die Pferde in braun-weiß und beide Paare jeweils verschieden hoch. Es passt in diesen farbenfrohen Tag. In der anderen Blickrichtung hat sich ein Sonnenstrahl bis zum Waldboden durchgearbeitet und bringt kurz vor dem Ziel gerade einen Zweig gezackten Eichenlaubs zum Leuchten.

Kleiner Stadtpark

Entlang eines winzigen Erpezuflusses zieht sich ein Pfad am Rand der weiten Wiese entlang, setzt sich bald fort im efeudurchrankten Wald, der ein wenig an einen vergessenen Schlosspark erinnert. Ein paar umgemorschte Bäume sind zu übersteigen, auch zeugt eine gut ausgebaute, hüfthohe Asthütte von den zurückliegenden Ferienwochen und kleinen Abenteuern auch ohne lange Reise.

Zwischen den Wohnvierteln wurde ein breiter Wiesenstreifen gelassen, der vor ein paar Wochen sicherlich noch vom Gezirpe später Grillen beschallt wurde. Jetzt liegt er warm im tiefen Licht der Sonne, wenn die Wolken sich kurz öffnen, und hier und da ziehen auf den entstandenen Trampelpfaden Spaziergänger von da nach dort oder der Länge nach hindurch. Vom benachbarten Schilfteich hört man bestens unterhaltene Enten, oben am Himmel kreisen ein paar gelangweilte Raben.

Feldweg nach Wolfshagen

Fredersdorf-Nord

Der schnurgerade Weg entlang der Hauptstraße hält eine goldene Brezel fest im Blick, weiter hinten den Preisaushang einer erleuchteten Tankstelle. Ein Käffchen wäre schön, doch der Bäcker hat schon zu, die Tanke ist zu weit weg, also wird das auf später vertagt. Das war gut entschieden, denn bald schon queren wir einen kleinen Platz, der lose mit Bäumen bestanden ist und viel luftige Fläche für schöne Freizeitsachen anbietet. Darunter auch eine Menge Rastbänke, auf denen wir jetzt den Rucksack leerfuttern und den letzten Tee vor dem Erkalten bewahren.

Grün und Braun

Hinter dem letzten Haus beginnen unmittelbar die fein gekämmten Felder, getrennt nur durch einen tänzelnden Pfad. Voraus hängen schwer Hochspannungsleitungen zwischen ihren Masten und ganz hinten werden die aufgebauschten Kronen einer Allee in regelmäßigen Abständen an- und ausgeknipst, in der vorhin beschriebenen Art. Zwei Piepmätze stieben vom Wegesrand auf, jagen kurz umeinander und wittern Gefahr durch die zwei aufrecht gehenden Gestalten. Lassen sich fallen in die braune Ackerkrume und verschmelzen umgehend mit den ersten zarten Halmen der Wintersaat. Grünfinkentarnung vom Feinsten – erdbrauner Rücken, grüne Vorderseite.

Rübenhaupt

Hinter dem nächsten Querweg wächst anderes im Boden. Beim letzten Besuch vor ein paar Jahren lag frisch geerntet ein kleines Gebirgsmassiv aus steinharten und bleischweren Zuckerrüben am Wegesrand, hoch wie ein Haus und vermutlich ebenso schwer. Heute stecken die massigen Früchte noch im Boden, mit reichlich Blattwerk obendran, und jeder, der Geschichten mag, wird wissen, wie schwer es ist, solch Rübchen zu entwurzeln. Also versuchen wir es gar nicht erst und staunen nur darüber, was im Erdreich so wachsen und gedeihen kann.

Altlandsberg in naher Ferne

Beim Blick nach Westen setzt sich alles von Altlandsberg in Szene, was oben rausguckt, davor tun dies auf Augenhöhe die bunten Wipfel einer dieser oktoberbunten Alleen, die der Stadt zustreben. Diese hier hat sogar einen Radweg nebenbei, auf dem uns in den nächsten Minuten ausschließlich griesgrämige Gesichter entgegenkommen, vielleicht dem mittelforschen Gegenwind geschuldet. Nach dem Abbiegen in Wolfshagen findet das Leid ein Ende. Der Weg führt nach Waldkante, so zumindest meint ein Schild.

Altbekannte alte Weiden bei Waldkante

Wolfshagen

Bei den sagenhaften Kopfweiden, die dreistellige Jahreszahlen auf dem Buckel haben müssen und zum Teil schon mehrfach auseinandergerissen sind, laufen vor uns zwei Leute mit einem Hund, der ähnlich alt sein muss. Mit zusammengebissenen Kiefern läuft er immer einen Rübenwurf weit, lässt dann schwer den Hintern auf den Boden sacken, leicht verschränkt, da nicht ein Hinterbein wie’s andere läuft. Macht kurz Pause, bevor er das massige Hinterteil ebenso verschränkt wieder auf Reisehöhe hievt. Das geht nur noch mit Hilfe des Schwanzes, der mittlerweile ähnlich kräftig wie ein vollwertiges Drittbein ist. Wehzutun scheint ihm nichts, nur anstrengend ist es eben, und er kennt die Runde und ihre unabänderliche Länge. Der kleine Treck aus Frau- und Herrchen und noch einem zweiten Hund schlurft wohl genau im richtigen Tempo. Und wie auch immer: man möchte den Hut ziehen vor dem tapferen Kerl.

Allee zum Reiterhof

Vor einem länglichen Geteich, dessen Durchfluss die Landschaft hier geprägt hat, lässt sich mit einem Doppelschwenk die Einsamkeit wiedererlangen. Von der urigen Allee mit ganz großen und ganz kleinen Bäumen und allerhand Strauchwerk als Füllwerk wird im Norden wieder wechselndes Allee-Licht geboten, im Süden eine dunkle Wolkenfront, die einiges später noch etwas Regen bringen soll. Und jetzt einen herrlich pastellblauen Kontrast zur sonnenwarmen Landschaft abgibt. Fast ein halbes Stündchen lässt sich dieser Weg genießen, mit viel Laub am Baum und auch schon raschelfreudig auf dem Boden.

Schönes Fahrzeug im Vordergrund

Beim Reiterhof ist grad nix los. Die paar Pferde, die draußen stehen, stehen einfach nur draußen, alle parallel ausgerichtet und etwas abwesend, wie Bluesfans bei einem übergeholfenen Kurs für Formationstanz. Warten vermutlich auf rosa Pferdemädchen, toughe Stadtfrauen in eleganten Reiterstiefeln oder sonstige Klischees, vielleicht aber einfach nur auf etwas Zuwendung vom hiesigen Hegepersonal.

Auch uns ist nach etwas Zuwendung, und so streben wir mit leicht erhöhter Schrittzahl in Richtung Einkehr an der Stadtmauer, zu Füßen des Strausberger Torturms. Unterwegs bringt ein kleiner Kutschwagen mit stämmigem Zugpferd davor den übersichtlichen Verkehr der Kaffeestunde in halbminutenlangen Verzug. Doch alle lächeln, keiner ist genervt, zuallerletzt das Pferd mit seinen extracoolen Schlaghosen.

Stadtmauer Ost im schönsten Licht

Bald folgt der Abzweig zu diesem Weg entlang der Stadtmauer, einem der schönsten aller Wege, den man sich gern mal ins Gedächtnis ruft, wenn gerade irgendein Ärger stattgefunden hat. Der kann hervorragend mit dem Sonnenstand spielen, mit den Farben und den Schatten. Und dann gibt es Kürbissuppe mit Kürbiskernen und auch anderes, was nicht partout zum Thema Herbst passen muss. Den Kaffee lassen wir auch hier aus – der soll uns auf dem Heimweg finden oder eben nicht.

Stadtmauerweg am Bächlein

Ein bisschen Mauerrunde ist noch übrig, perfekt als Verdauungströdelei. Alte Bäume stehen am Dammweg zwischen Mauerbächlein und den klammen Wiesen, jeweils flüchtend vom Weg in den kleinen Böschungen des Dammes. Weiter hinten mussten viele davon weichen, zum Teil ist der Grund ersichtlich im verbliebenen Stumpf, zum Teil nicht, zumindest nicht für Laien. Bis zuletzt setzt sich das Licht im Blätterwerk in Szene.

Am Torturm riskieren wir einen raschen Blick nach links und sehen wahrhaftig, dass die Eisdiele noch offen hat, noch kein Saisonschluss war. Hier nun findet uns der Kaffee, ergänzt um eine Kugel Eis. Die Schlange ist rasch abgearbeitet, jegliches Trinkgeld wird wie immer mit einem trötenden Quietscheschwein quittiert, was eine geniale Idee ist.

Die legendäre Vorstadteisdiele ein paar Tage vor Saisonschluss

In den Gassen der Altstadt strahlt noch manches Rot aus den Gärten. Wieder fallen die schlau ins Pflaster verbauten Abflussrinnen aus glasierter Keramik auf, die typisch sind für dieses Städtchen. Von der Kirche übern Marktplatz zieht eine Handvoll Leute zum Italiener, dem mit dem Gewölbe, hinter ihnen lange Schatten.

Auf dem hübschen Platz mit Plätscher-Brunnen und Laternen und kleiner Stadtinformation im Telefonzellen-Format werden altbekannte Lebensweisheiten und neueste Neuigkeiten ausgetauscht, nicht hinter vorgehaltener Hand und auch nicht eben leise. Der Wind hält sanft dagegen, fegt lakenbreites loses Laub zusammen und jagt es raschelnd übers sonnengoldne Pflaster.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn bis Hoppegarten, dann weiter mit dem Bus (ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der Landsberger Allee stadtauswärts über Hönow (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 16,5 km (Abkürzungen sehr gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus Altlandsberg

Seite des Heimatvereins mit vielfältigen Informationen zur Stadt

Schlossgut und Tourist-Information (auch Brauerei/Brennerei)

Traditionsreiche Eisdiele Altlandsberg (geöffnet Mitte März-Mitte Okt.)

Einkehr:
Armenhaus Altlandsberg (am Storchenturm; gute Küche, gemütliches Gewölbe)
Mühle Altlandsberg (an der Umfahrungsstraße; gute Küche, gemütlich)
La Dolce Vita (italienische Küche im Kellergewölbe; bisher nicht besucht)

Zu Fuß durch die märkischen Landschaften