Kablow: Herbstsummen, Uferbänke und die korblosen Sucher

Die zweiunddreißig Grad von vor einem Monat sind scheinbar ewig her. Nach einem abrupten Temperatursturz in jenen Tagen hat sich der späte Sommer bei etwas unter zwanzig Grad eingependelt, ganz zuletzt dann allen Leuten regelrecht kühles Herbstwetter um die sonnenverwöhnten Ohren gehauen. Ein milder Altweibersommer blieb aus, wird möglicherweise für den Oktober aufgehoben. Davon abgesehen sind schon große Formationen von Gänsen in den ersten Zügen, wissen mehr als wir und üben mit dem üblichen Krakeel für den Stichtag.

Anger im Dorf, Kablow

Doch das Licht stimmt schon, auch die Düfte und die Farben, und so ist es ausreichend bekleidet ein wahres Vergnügen für die Sinne, draußen herumzustreifen. Den September als solchen gab es dieses Jahr vom ersten Tage an, und so wurde mancher Spätsommertag unter leisem Bibbern verbracht, da man moralisch noch nicht recht bereit ist, die gefütterte Jacke aus dem Schrank zu bergen.

An der Seetaille zwischen Kablow und Zernsdorf

Das sieht hingegen jeder ein bisschen anders, und so laufen Leute im T-Shirt neben solchen in dieser Art von Daunenjacke, die das Volumen des Trägers scheinbar verdoppelt, zumindest oberhalb der Oberschenkel. An den Füßen hört man knirschend warme Stiefel neben luftig flappenden Badelatschen, Köpfe bleiben gänzlich unverpackt oder in ohreneinschließende Mützen gehüllt.

Uferweg am Zernsdorfer Lankensee

Weil es so normal ist, vergisst man als Berliner und auch als Brandenburger immer mal wieder, was für spektakuläre Wasserlandschaften es nicht nur im Stadtgebiet, sondern auch etwas außerhalb gibt. So zum Beispiel das herrliche Seen- und Flussgewirr, das die Dahme hinter Königs Wusterhausen bis hin nach Prieros spektakelt und das gewissermaßen die Seen rund um Storkow und Groß Köris mit einschließt. Viele alte Klassiker für spazierende Ausflügler gibt es hier, doch auch manche Ecke, die beständig übersehen wird.

Rastbank am Seeufer, Zernsdorf Nord

Kablow

Kablow ist ein Dorf, das wie sein Kirchanger etwas abseits der üblichen Routen und Straßenverbindungen liegt und wohin einen eher ein schöner Zufall führt. Wenn man zum Beispiel mit der Bahn nach Storkow fährt, was in den vergangenen Monaten sicherlich mehr Leute als üblich getan haben, bleibt diese eine Stelle hängen, wo das Züglein auf einem schmalen Damm zwischen zwei Seen hindurcheilt und sich kurz ein Gefühl von Skandinavien einstellt – zu beiden Seiten Wasser mit bewaldeten Ufern und ausgeprägten Buchten, kleine Häuschen am Wasser und gemächlicher Freizeit-Bootsverkehr.

An der nördlichen Seespitze in Kablow Ziegelei

Der Abstecher zur Kirche dauert keine fünf Minuten und ist durchaus zu empfehlen, denn er verläuft entlang einer urigen Lindenreihe bis zum Anger mit seinen gemütlichen Häusern und der Kirche mit den gut erhaltenen Stufengiebeln. Weiter braucht man nicht zu gehen, denn einen Wasserzugang wird man hier nicht finden. Das macht jedoch nichts, denn eine der schönsten Uferstellen weit und breit ist nur eine Viertelstunde entfernt.

Auf der Fontanestraße kann man sich ruhig dem Krüpelsee-Rundweg anvertrauen, der hier auch das Wohnviertel mitnimmt. Das ist zum größten Teil altgewachsen, sodass es schöne Häuser zu sehen gibt, deren Grundstücke zudem immer wieder den Blick aufs Wasser gestatten. Schon an der ersten Kreuzung geht es links zum erwähnten Uferplatz, wo es einen kleinen Strand gibt, vor allem aber einen langen Steg mit großzügiger Eckbank am Ende.

Kablower Dorfanger bei der Kirche

Und das ist so ein Ort, wo man bei mildem Wind gut und gern ein paar Stunden rumsitzen könnte, neben sich vielleicht ein schönes Buch, das möglicherweise erst abends im heimischen Sessel aufgeschlagen wird. Ein ziellos gondelnder Schwan sucht den Augenkontakt und sorgt so für etwas beiläufiges Leben, während weiter hinten die frisch ausgeliehenen Hausboote eine Synchronisation mit der virtuellen Linie der Fahrrinne suchen. Da der Posten hinterm Steuer jeglichen Führerschein besetzt werden darf, geschieht dieser Vorgang sehr gemächlich, wirkt beruhigend auf äußere Betrachter.

Im Dorf, Kablow

Dazwischen saust hier und da ein gepflegtes Holzboot alter Schule vorbei und lässt hinter sich kleine Serien unverbundener Auspuff-Wölkchen, wie man sie eher im gezeichneten Cartoon erwarten würde. Trotz eines halben Kilometers Entfernung glänzt der gewienerte Bootslack bis hier und lässt eine salopp übergeworfene Frackweste hinterm messingverzierten Steuerrad vermuten.

Badestelle in Kablow

Der Wind ist gerade woanders, und so dringt mit einem Mal gänzlich ungedämmt die Summe aller Kehlen einer ganzen Gänsereihe an unsere Ohren. Beim Blick nach oben wird klar, dass noch kein Flug in den Süden ansteht, denn es herrscht eher noch Durcheinander a la Krähenschwarm. So ist wohl noch manche Übungseinheit nötig, bis das mit der Formation der Gänse-Eins funktioniert. Denn das muss es, wenn möglichst viele heil ankommen sollen.

Steg in den Krüpelsee, Kablow

Wiegesagt, der ganze Bogen durchs Wohngebiet lohnt. An seinem Ende beginnt dann jener Damm, der Kablow mit Zernsdorf verbindet und der gerade breit genug ist für die Bahntrasse, eine Straße und den Bürgersteig. Erstaunlich, dass das eigentliche Dammstück wirklich nur gut zweihundert Meter lang ist, dem Erinnern nach war das viel länger. Von der Brücke über die Verbindung zwischen Kröpelsee und Zernsdorfer Lankensee lässt sich ein Blick hinab ins klare Wasser werfen, auch hinüber zu den kleinen Bootsstegen in der Bucht. Nach Südenwesten reicht der Blick übers Wasser mehrere Kilometer weit, nach Norden hin lässt sich dieselbe Länge der krummen Uferlinie wegen nur erahnen.

Blick auf den Krüpelsee vom Damm

Zernsdorf

Von der Brücke bis zum Einstieg in den Uferweg bedarf es eines kleinen Hakens über den Bahnübergang und den zuletzt stark eingeschnittenen Einsiedelweg mit seiner markanten Kronenkiefer, doch dann geht es sofort in die Vollen, bis zuletzt unerwartet. Das urige Ufer ist üppig begrünt von der Uferkante bis in die hohen Wipfel. Viele Stämme haben ihren dunklen Rindenteint unter dichtem Efeu verborgen, der speziell in dieser Zeit auch deutlich zu hören ist – unzählige Bienen fliegen zwischen den grüngelben Blüten umher, die im späten September ihre Hochzeit haben und perfekt eine potentielle Versorgungslücke füllen, und summieren ihr Brummen zu einem sanften, hintergründigen Klangteppich.

Pflasterweg hinab zum See, Zernsdorf

Überall gibt es Stege, schöne Uferstellen mit Bänken für Pausenlustige und farbkräftig getünchte Uferlauben, liegen kleine Ruder- und Segelboote. Durch den fjordkrummen Seeverlauf ist voraus immer ein gutes Stück der Uferlinie zu sehen, wo sich auch schon der bunte Fortschritt in den frühherbstlichen Baumwipfeln sehen lässt – das Spektrum geht bereits jetzt erstaunlich in die Breite und zeigt zwischen dem noch vorherrschenden Grün schon viel Gelb, Rot und Orangebraun.

Uferweg am Zernsdorfer Lankensee

Ein Stichkanal führt zu einem verschwiegenen Pfuhl mit Insel, wo jetzt die Mücke erfreulicherweise keine Rolle mehr spielt. Mal verläuft der Weg durch einen dichten Waldstreifen, dann wieder licht zwischen Kiefernstämmen hindurch. Manchmal steigt der Hang steil an und wird von unverschämt schön gelegenen Häusern gekrönt, mal fällt die Böschung eher sanft aus und erinnert lose an ein Stück Kurpark. An jedem zweiten Steg ist jemand bei der Arbeit, Boot leerschöpfen oder für den Winter ausräumen, fegen oder schleifen, eine rauchen, auf der Bank von rechts nach links rücken oder auch eine Flasche öffnen und folgerichtig handeln. Alles schön analog, alles ohne künstliche Eile, alles ohne angestrengtes Stirnrunzeln.

Schöner Pausenplatz

Am Badestrand schwenkt der Weg nun weg vom Seeufer, und bei den folgenden Metern merkt man, wie weit unten doch der See liegt. Passenderweise heißt das Stückchen Ufer hier auch Spitzer Berg. Nach einem Stück Friedrich-Engels-Straße ermöglicht ein wiederum steil abfallender Fußweg die Rückkehr zum unterbrochenen Uferweg, der kurz darauf das Gelände des Campingplatzes durchquert, was für Fußgänger dank einer und noch einer Zaunlücke dauerhaft möglich ist.

Kiefernstelle am Uferweg

Campingplatz am Lankensee

Nach dem Umschiffen einer unverrückbaren Gruppe palavernder Herren um die vierzig samt zweier Damen im besten Alter ist schon der große Strand in Sicht, an dessen großzügig mit Sand bedecktem Hang ein draller Bengel mitten im tiefen Sand den Kopfstand probt, was irgendwie eine eigenartige Idee ist. So gesehen auch wieder nicht, da das zwingend zu erwartende wiederholte Umplumpsen im tiefen Sand kaum schmerzhaft ist. Andererseits wird es wohl noch Tage später in der Scheitellinie und um die Augenbrauen knirschen, das muss man auch wollen. Nach dem aktuellen Umfallen rollt er sich zurecht, rappelt sich auf und blinzelt uns freundlich an, quittiert das respektvolle Mikronicken mit einer Gesichtsmimik, die in etwa „aba janz jenau“ ausdrückt.

Blick über den Zernsdorfer Lankensee

Der Sand ist so tief, dass man mit mehr Aufwand vom Fleck kommt als am Ostseestrand. Weiter hinten gibt es eine ähnliche Gruppe palavernder Herren, nur älter und im Sitzen, dafür weniger näselnd und mit fest sitzender, wenn auch nicht lauterer Stimme. So über die Schulter beobachtet steuern wir souverän die erhoffte zweite Zaunlücke an und sind froh, als sie auch da ist und uns gewähren lässt. Bei all dem Tumult haben wir ganz vergessen, mal danach zu fragen, ob oben vielleicht der Imbiss offen hat.

An der Nordspitze des Sees in Kablow Ziegelei

Nach einem Stück Wald, das besonders tief zu sein scheint, endet die schöne und äußerst vielgestaltige Uferpassage an der nächsten Siedlungsstraße, wo stellenweise sichtbares Wasser zu beiden Seiten liegt. Die äußerste Nordspitze des Sees hat etwas sehr kuschliges und bietet neben der Buswendeschleife noch zwei schöne Rastbänke, die auch gut für Blei im Hintern sorgen können.

Herbstlicher Weg nach Dannenreich

Ein breiterer Bachlauf setzt sich von hier zum Uckleysee fort, der im Grunde eine absolute Sackgasse ist, doch über winzige Wasserläufe mit den Dahmeseen am Schmöckwitzer Werder in nasser Verbindung steht. Die kuschlige Bucht liegt voller Boote, von denen keines auch nur im Ansatz einem anderen gleicht. Im Schilf gegenüber raschelt es in unregelmäßigen Abständen und klingt am ehesten nach einer im Trüben fischenden Katze, die entweder ihr Vorhaben bald abbrechen oder unter kläglichen Lauten ins Wasser fallen wird. Das Geräusch bleibt aus, dafür plappt es oben von der Straße, denn die Wendeschleife ist so eng bemessen, dass der Bus beim Drehen irgendwas mitgenommen hat.

Zarte Farbkontrast im Walde

Kablow-Ziegelei

Jenseits der Brücke erinnert das Dorfbild hier und dort daran, dass es nicht mehr ganz so weit zum Spreewald ist. Der Ortsteil hier heißt Kablow Ziegelei und passend zum Eindruck von eben gibt es dafür auch den sorbischen Namen Kobłow-Cyglownja. Wer auf die Suche geht und nicht gleich aufgibt, wird hier und da noch Spuren der Ziegelei-Wirtschaft finden, die vor knapp dreihundert Jahren ihren Anfang nahm.

Fingerzeig zum späteren Herbst

Am östlichen Rand des Dorfes beginnt nun eine ausgedehnte Passage durch den Wald, der in Ausstattung, Dichte und Höhe immer wieder wechselt und dabei ungeheuer beruhigend wirkt. Auch hier sind die bunten Farben schon präsenter. Am Wegesrand ergeben sich spätsommerliche Bilder wie ein kleines Feld noch unzerzauster Goldrute vor grün belaubtem, jungen Birkenwald oder hochherbstliche wie das fast schon neonrote Laub des wilden Weines, welches sich auf dem liegenden Stamm eines kräftigen Baumes inszeniert und dabei klaffende Rindenschollen und bauchige Baumpilze einbezieht. Der Weg ist nie ganz gerade und überrascht daher immer wieder mit dem nächstfolgenden unspektakulären Bühnenbild.

Kegelbahn auf dem Dorfplatz, Dannenreich

Jenseits der Landstraße wird es kurzzeitig voll, da nach den Regenfällen der letzten Woche die schon lange vertrösteten Pilzsammler ihr Glück versuchen, viele von ihnen ohne Korb und demnach knapp an Zuversicht. Boviste haben wir gesehen, so groß wie im Pilzbuch und auch von Kohlkopfgröße, und außerhalb des Waldes immer wieder Schirmpilze von der Größe einer Bratpfanne. Ansonsten diese rötlichen, die bei Laien eher wenig Vertrauen erwecken.

Dannenreich

Ein Schwenk führt zurück zur Landstraße und hinein nach Dannenreich. An der Hauptkreuzung steht ein großzügiger Pavillon mit verschiedenen Karten und Informationen zur Umgebung, und hier finde ich tatsächlich eine Information, die für eine fragliche Stelle später hilfreich ist. Ein Schild verweist auf den örtlichen Krug mit dem schönen Namen Zur Friedenseiche. Den gibt es und er sieht sehr einladend aus, doch leider hat er regulär nur freitags und sonntags am Nachmittag geöffnet, jetzt also nicht. Schade.

Unweit des Skabyer Torfgrabens

Unabhängig von den Öffnungszeiten lässt sich gleich gegenüber ein seltenes Phänomen bewundern. Auf dem schönen Dorfplatz mit seinen Spielgeräten und Bänken, Tummelwiesen und auch einem Denkmal für die Kriegsgefallenen gibt es eine überdachte Kegelbahn mit allem, was dazugehört. Die Kugel rollt auf einer wetterfesten Gummibahn, was Kegelprofis für Gelegenheitskegler ein wenig mehr zu Gegnern auf Augenhöhe macht, und auch die Rücklaufschiene für die Kugeln ist aus robustem Metall, das allen Wassern trotzen kann. Eskortiert und scheinbar auch stabilisiert wird die Überdachung der Bahn von kräftigen Eichen. Ein abgefahrenes Gebilde!

Direkt am Skabyer Torfgraben

Hinterm Dorf ist die Landschaft nun offen, der Blick kann weit schweifen über saftige Wiesen und Weiden, die von diversen Wasserläufen durchzogen werden. Bevor der Weg zum Hof Dudel schwenkt, geht es rechts in einen krautigen Fahrweg entlang eines feuchten Streifens, für den der Skabyer Torfgraben mitverantwortlich ist. Der kommt vom Rittergut Schloss Skaby her, das mitten im Wald unweit der Swatzke- und Skabyberge gelegen ist. Ist mir noch nie untergekommen, ist aber auch nicht ausgedacht oder von irgendeinem Märchenbuch abgeschrieben. Das Schloss hat von Friedrich dem Großen bis zur NVA eine äußerst wechselvolle Nutzungshistorie hinter sich und steht seit gut dreißig Jahren nur so im Wald herum – bis es kurz vor dem Auseinanderfallen hoffentlich jemand wachküsst.

Gemütlicher Weg in Richtung Friedersdorf

Der breite Wasserlauf ist vollständig von glänzender Entengrütze bedeckt, die trotz bedeckten Himmels fast ein leuchtendes Band zwischen den Ufern erzeugt. Bald beginnt ein wunderschöner Alleeweg, der jetzt eine Stunde so weitergehen könnte. Die Ränder sind lose von Bäumen und Buschwerk verschiedener Höhe bestanden, auch vom blassem Holz abgestürzter Äste. Im Unterholz gedeihen zwischen hohen Gräsern prächtige Exemplare von Schirmpilzen, wie vorhin erwähnt in den Größen üblicher Teller für die gängigen Mahlzeiten des Tages.

Charakterköpfe am Wegesrand

Hauptmahlzeiten und gleichzeitig Vorratshaltung für längere Zeiträume finden auch die Mistkäfer in den großen platten Fladen, die der Regen aus Haufen von Pferdeäpfeln modelliert hat. Die glanzlackierten Krabbler stapfen fein kontrastierend in dem heubraunen Gestrüpp herum, wühlen sich hinein oder ruhen einfach einen Augenblick in diesem weichen, warmen Diwan. Einer fühlt sich beobachtet, spannt zögerfrei das metallicblaue Tragwerk auf und schwirrt ab.

Späte Erika

Etwas später steht endlich auch das erhoffte Heidekraut am Wegesrand, nicht viel, doch in schönster Blüte, denn schließlich ist ja noch September. Danach folgt das Wegestück mit dem großen Fragezeichen, welches sich netterweise in Wohlgefallen auflöst – der ungewisse Weg setzt sich als Pfad entlang der Bahnstrecke fort, der zum Überspringen zu breite Torfgraben kann per Bahnbrücke überquert werden und kurz darauf diese selbst per Bahnübergang. So dürfte es ruhig öfter sein mit kleinen und größeren Problemen!

Mit Kurs auf Kablow

Das folgende Wegstück läuft auf dem asphaltierten Radweg direkt parallel zur Bahnstrecke, dazu noch geradeaus und könnte gut und gern etwas langweilig sein. Doch der Wald ist schön, manche Eichel will unter der Sohle zerknackt werden und dann gibt es da noch Schautafeln zur germanischen Siedlung Kablow, die mit ihrem vielen Text zunächst nicht groß verlocken. Doch wer stehenbleibt, guckt sich sofort fest, denn die Mischung aus gelungenen Zeichnungen, Übersichten und anderem ist gerade richtig, macht neugierig und Vorfreude auf die nächste Tafel.

Ab und an will ein Auto vorbei oder ein Rudel Radfahrer, doch insgesamt geht es recht ruhig zu. Jetzt kommen auch wieder überall Leute aus dem Wald, erst welche ohne Korb und ohne Pilz, dann zwei Burschen mit Pils a la Wegebier im losen Griff der rechten Hand, wenn auch nicht selbstgefunden, doch immerhin.

Gärtchen am Rand von Kablow

Links des Weges erstrecken sich in sattem Grün die Buschwiesen, hinter denen schon die Dächer von Kablow zu sehen sind. Vom Ortsrand führt ein hübscher Weg durch die Kleingärten, in denen es von der klassischen Laube über den Bauwagen bis hin zum umgebauten Uralt-Benz-Truck alle möglichen Entwürfe gibt. Hier wird unterm Vordach mit reichlich Text das Feierabendbier genossen, drüben buddeln junge Stadtflüchter bis in die frühe Dämmerung im Erdreich und ein Beet weiter bergen hüfthohe Kinder Kartoffeln aus der Erde und strahlen mit jedem neuen Fund.

Friedhofskapelle in Kablow

Nach der nächsten Biege steht noch der letzte Kulturbeitrag für diese Runde bereit, in Form einer ungewöhnlichen Friedhofskapelle mit vielen großen Fenstern, einem winzigen Glockentürmchen sowie einem kühlen Untergeschoss. Über dem Feldsteinsockel ist das Mauerwerk vom guten alten Rauputz bedeckt, das Dach mit Dachpappziegeln. Das Schicksal der Kapelle ist ungewiss, da einiges gemacht werden müsste, doch noch steht sie da.

Der Tag ist noch jung, die Sonne noch relativ hoch und man möchte diesen Tag nur ungern loslassen. Eine gute Möglichkeit zur Verlängerung bietet sich eine Bahnstation weiter in Zernsdorf, wo es direkt am Krüpelsee überm Hausboot-Hafen eine schöne Eisdiele mit Seeblick gibt. Vor dem Hafen drehen gerade die kleinen Boote eines Segelkurses ihre Runden, derweil am Steg Urlaubswillige mit Hilfe großer Handwagen ihr gemietetes Hausboot beziehen. Während die Wellen eines längst vorbeigesausten Motorboots den kleinen Strand erreichen, werden sechs Eisschiffchen an drei Tischen serviert.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
S-Bahn oder Regionalbahn bis Königs Wusterhausen, dann Regionalbahn Richtung Frankfurt/Oder (ca. 0,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (Ausfahrt Niederlehme) oder Landstraße (ca. 0,75-1 Std.)

Länge der Tour: ca. 15 km (Abkürzungen mehrfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Webseite zu Kablow

Webseite zu Kablow-Ziegelei

Einkehr: Zur Friedenseiche, Dannenreich (am Weg)

Ristorante Bel Sapore, Zernsdorf (dicht an der Route)

Paulines Hafencafé, Zernsdorf (fern der Route)



In eigener Sache – Noch einmal knappe Worte, grüne Sehnsucht und ein Pfund voll Blätter

Tja, die beste Band der Welt hatte zwar nach zwei Runden Berliner Weiße mit Schuss und etwas Überredung für den Abend des 9. September den Flughafen Tempelhof freigegeben und war freundlicherweise auf Ende August ausgewichen, doch laut Prognosen könnte das Wetter auf dem Feld zu laut sein – denn unser Autor möchte möglichst ohne Mikrophon auskommen.

So ist es jetzt also das hübsch gelegene und vergleichsweise gemütliche Kulturzentrum Alte Schule im schönen und immer besonderen Woltersdorf geworden, ein Ort, der letztlich auch besser zur Thematik passt.

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Konkret wird das im April erschienene Buch Wild Brandenburg vorgestellt, das seither in ausgewählten Buchläden etwas Grün in die Auslagen bringt.

Wer nun vielleicht neugierig wird, aber beim Buchhändler des Vertrauens nicht die Katze im Sack kaufen möchte oder wegen intensiver Frühherbstmüdigkeit schlichtweg zu geschwächt ist zum Selbstlesen, kann sich ein paar der 224 Seiten als analoges Live-Hörbuch darbieten lassen (nähere Informationen hier).

Zwischendurch wird noch erzählt, wie es zum Buch und seinem Inhalt kam, und auch das Nähkästchen sowie ein paar Bilder sind wieder dabei.

Über die Bühne geht das Ganze abends um sieben, am zweiten Freitag im September, nur zwanzig Fußminuten von der weltbekannten Konditorei an der Woltersdorfer Schleuse entfernt. Oder in Zahlen: 9/9/19

Ich bin gespannt auf diesen Abend!

Berliner Spaziergang – Westkreuz: Die Riesenschlange, ein Weinbrunnen und etwas bittersüße Westalgie

Der Sommer lässt Berlin und das Umland in seiner Hitze schmoren, schon über Wochen. Wer die Wärme liebt, genießt die Sommerglut mit breitem Grinsen. Alle anderen helfen sich mit Schattensuche und Ventilator, nassen Handtüchern und anderen Hilfsmitteln durch die Phasen oberhalb der Dreissig. Viele jedoch berührt es nicht groß, denn die Urlaubszeit läuft und anstatt der Stammbevölkerung, welche die Wärme anderer Länder erleben will, sieht man vor allem in den inneren Ortslagen Besucher, die von allen Kontinenten den Weg hierher gesucht haben.

Rennfahrer-Denkmal an der Auffahrt zur AVUS

Bunt geht es zu und fröhlich aufgeregt, vielfältig ist dabei das Gewirr der Sprachen. Vielfältig ist auch die Codierung der Reisegruppenküken, die von der leitenden Glucke anhand quietschgelber Schirmmützen, kleiner Fähnchen oder auch elektronisch über Bande dabei ertappt werden können, wenn sie sich zu weit vom zuständigen Erklärbär entfernen – per Smartphone-Applikation resp. Standortermittlung.

Gleichzeitig ist es leer in großen Teilen der Stadt und doch voll, denn in alter Sommertradition werden alle schon länger anstehenden Baumaßnahmen für Straße und Schiene parallel abgehandelt, in diesen Monaten, wo es weniger die berufstätige Bevölkerung trifft, sondern eher die ungestressten Touristen – für die das ja mittlerweile zum erwarteten Berlin-Feeling gehören dürfte und vielleicht sogar in den Reiseführern gepriesen wird.

Kleine Tanke am Rasthof Avus

Doch das Schöne ist ja beim gut verästelten Berliner Verkehrsnetz, dass es in den allermeisten Fällen eine gangbare Alternative gibt, um von einem schönen Ort zum anderen zu kommen. Die Sache mit dem günstigen Ticket für allen Regionalverkehr im Lande hat sich mittlerweile ganz gut eingepegelt, so dass die medienwirksamen Bilder aus den Anfangswochen fast vergessen sind.

Rasthaus Schmargendorf

Wer gerne zu Fuß durch Stadt und Land streift, nach ausgetüfteltem Plan oder einfach im losen Treibenlassen als Flaneur, tut derzeit gut daran, dies hübsch und sommerlich gekleidet und im Schlurf zu tun, dabei den Schatten zu suchen und längere Anstiege zu meiden. Denn nicht rauszugehen ist keine Option, insbesondere in den schönen freien Tagen, wo der Geist schon mal unbeschwert ins Flattern kommen kann. Weites Grün ist gut und großes Wasser, denn dort ist es tatsächlich und auch vom Gefühl her immer etwas besser auszuhalten. Beides lässt sich bekanntermaßen in jeder dritten Ecke Brandenburgs finden, doch auch die Stadt Berlin ist in dieser Hinsicht gut ausgestattet.

Schmargendorf, Hinter der Breiten Straße

Nicht wundern übrigens: auf dem vergleichsweise kurzen Spaziergang durch die sommerheiße Stadt gab es links und rechts der Schritte, nicht zuletzt auch bei den ausgedehnten Pausen so viel zu sehen und zu hören, zu entdecken und zu beobachten, dass die Details hier und dort die Überhand gewonnen haben.

Westflanke der Schlange

S-Bahnhof Westkreuz

Ein wunderbar absurder Ort, um einen Spaziergang zu beginnen, ist der S-Bhf. Westkreuz, den vermutlich die meisten Leute zum Umsteigen nutzen. Auch wenn der Bahnhof umschmiegt wird von urigen Berliner Kleingärten, gibt es zum Verlassen nur die Option hin zu einem komplexen Knoten aus Autobahnbrücken, ICC-Ausläufern und Straßentunnels. Insofern staunt man kurz über die Zubringer-Radwege, die hier eingeflochten wurden. Ein ähnlich komplexes, auch zu Fuß durchquerbares Stück autogerechte Stadt auf so wenig Fläche dürfte in Berlin nur selten zu finden sein.

Bahnhof Westkreuz, oberer Bahnsteig

Nach viel Beton und ein paar Kurven sieht man an der Ampelkreuzung zum Messedamm neben dem Funkturm und dem Rundbau der Messehallen den Einstieg zur AVUS, erkennbar an der über achtzig Jahre alten Skulptur mit den im Fahrtwind geduckten Motorradfahrern. Bei jedem Auffahren auf die AVUS fragte man sich hier, ob jemals irgendwann ein Fußgänger oder Radfahrer diese Ampel nutzt und wenn ja, warum. In der Tat geht es hier nach einiger Zeit zum Halensee und dann auch bald zum Kudamm, das wären schon zwei gute Gründe.

Stadtautobahnwirren unter dem ICC

Ein drittes, für Fußgänger eher abwegiges Ziel, was sich in zwei Minuten und dank eines Treppchens erreichen lässt, ist die Tankstelle am Rasthof Avus, die aus einer ähnlichen Zeit wie die Motorradfahrer stammen dürfte und irgendwie an Heinz Rühmann denken lässt. So groß der Rasthof mit seinem Platz für unzählige Reisebusse und Laster, so winzig und nahezu rührend ist die kleine Tankstelle ganz am nördlichen Rand mit ihren zwei Zapfsäulen und einem eleganten Tankwart alter Schule mit beiläufigem Berliner Humor. Wundern würde es einen nicht, wenn er beim Vorfahren hinausgeeilt käme, die gewünschte Spritsorte erfragen und den Tankstutzen platzieren würde.

Funkturm und Messegelände und etwas ICC

Auch wenn das hier wirklich kein Ort für Fußgänger ist, gibt es für uns am Außentisch zwei schöne Plätzchen, kühlen Wiesenduft und einen bis zuletzt heißen Kaffee. Ein gerne essender Mann mit einer Schale voller Weintrauben ist plötzlich da, steckt sich eine an und futtert zwischendurch die erste Traube leer. Vom Parkplatz her kommt zwischen den Bussen heraus ein zweiter auf dem Fahrrad, mit einem großen Apfel auf dem Gepäckträger und einem Stoffbeutel am Lenker. Es wirkt wie das Ritual zweier pensionierter Fernbusfahrer, die sich hier stets zum selben Zeitpunkt treffen und ihren Plausch halten. Der Apfel bleibt unberührt. Aus dem Beutel wird eine Flasche Selters gefischt, die Fluppe jedoch nur angedeutet angesteckt, da isser wohl drüber hinweg.

Rennfahrer-Denkmal an der Auffahrt zur AVUS

Es ist vom Straßennetz kommend nicht selbsterklärend, wie man mit dem Auto genau hierher gelangt, und beim ersten Mal durchaus etwas verstörend. Dennoch rollt kurz darauf ein altersgerechter Porsche mit vier Türen und Duisburger Kennzeichen an und kommt zwischen den zwei Säulen sportlich zum Stehen, technische Hilfen verhindern ein untermalendes Quietschen der Reifen. Durchaus lässig und fast filmreif synchron steigen vier elegante junge Araber aus, die aussehen, als kämen sie frisch von einem der unzähligen Barbershops.

Fußgängerrast an der kleinen Tankstelle

Vom Busfahrer mit dem Apfel werden sie mit einem herzlich berlinerten Salemma Leikum begrüßt, dann wird ein bisschen hin- und hergeflachst, dass der Sauna-Club mit dem Damenpersonal aber auf der anderen Seite des Autobahngewirrs liegt. Und dass es zu Fuß nur ein paar Minuten wären, jedoch von hier aus nur mit Auto geht, was wiederum ein komplexer Vorgang wäre. Da ein ausreichender Altersunterschied zwischen den beiden und den vieren besteht, bleibt alles friedlich und die Gesichter freundlich. Und die Jungs reiten in der klimatisierten Fahrgastzelle und ohne Tankvorgang bald wieder vom Hof.

Rasthof Avus mit dem unvollständigen Peace-Zeichen

Eichkamp

Noch stecken wir mitten drin im ewig rauschenden Straßenknäuel. Also kurz vor zum Rasthof Avus, der ganz oben auf seiner Rotunde das unvollständige Peace-Zeichen führt, wie man es auch vom Europa-Center kennt. Dank zweier Durchschlüpfe für Fußgänger lässt sich die alte Nordkurve queren, und nach ein paar geschlagenen Haken und etwas Messegelände ist der S-Bhf. Messe Süd mit seiner verspietten Backstein-Fassade erreicht.

S-Bahnhof Messe-Süd/Eichkamp

Hier erfolgt nun der Wechsel von Asphalt, Lärm und Abgasen ins erste Wohnviertel am Weg, die verschlafene Siedlung Eichkamp, welche dem Bahnhof bis zur Jahrtausendwende ihren Namen gab. Der Zikadenweg ist von schönen Siedlungshäusern gesäumt. In einem der Gärten steht hinten eine riesige Rotbuche, vom zugehörigen Bewohner erfahren wir, dass sie wohl nicht viel älter als hundert Jahre ist.

Kultur- und Nachbarschaftstreff Haus Eichkamp

Grunewald

Vorbei am Haus Eichkamp, einem kulturellen Nachbarschafts-Treffpunkt für alle Altersgruppen, geht es vom Maikäferpfad bald weiter durch einen etwas tieferliegenden Grünstreifen. Obwohl der Wald vor Trockenheit knackt, ist das Klima sofort angenehmer. Rechts erstrecken sich ausgedehnte Sportanlagen, insgesamt fast so groß wie das Messegelände. Der anschließende weite Wald gehört dann schon zum nördlichen Grunewald, der sich zwischen der Havel im Westen und einer Seenkette im Osten bald zehn Kilometer bis nach Nikolassee erstreckt, ohne von irgendetwas unterbrochen zu werden.

Im allernördlichsten Grunewald

Das Netz der Wege hier ist dicht. Auf jedem größeren Weg, der quert, pilgern Leute von links nach rechts. Mal sind es Radfahrer, dann drei Grazien in leicht wehenden Sommerkleidern, die den Boden beim Gehen scheinbar nicht berühren, dann wieder eine Familie mit Bollerwagen, die unter allerhand Gekicher nicht vom Fleck kommen, weil es im Wald so viel zu entdecken gibt. Die ausschließliche Richtung erklärt sich zur gerade noch vormittäglichen Tageszeit mit dem Teufelssee, dessen Areal mehrdimensional Freizeitfreuden für alle Altersgruppen bedient. Vom S-Bahnhof Grunewald sind es gerade mal zwei Kilometer, eine Dimension, die sich mit den meisten Konstellationen von Menschen verträgt.

Schattige Sitze vor der Bezirksgärtnerei

Vor der Bezirksgärtnerei bietet sich eine Pause auf ein paar verstreuten Findlingen an. Wenig später lockt von einem breiten Tor das Waldmuseum zum Abstecher ins organisierte Grüne. Ein versonnenes Mädchen fegt erstes Raschellaub zusammen und weist uns den Weg zum Waldschulgarten hinterm Haus.

Waldschule hinterm Waldmuseum

S-Bahnhof Grunewald

Vom Parkplatz am Pappelplatz quert mit zahllosen Abzweigen ein winziger Pfad hinüber zum breiten Weg, der zum S-Bahnhof führt. Eine Erfrischung wäre durchaus schön, doch die erste und die dritte Wirtschaft haben zu, die dazwischen ruft Preise auf, welche sich eher für andere eignen.

Teufelssee-Zubringer

Am Ende des langen Tunnels, der Autobahn und Bahngleise unterquert, liegt der gemütliche und sehr unterhaltsame Bahnhofsvorplatz mit dem hübschen Bahnhofsportal. Die Plätze beim Bäcker sind alle recht sonnig. Beim Herumsuchen fällt der Blick auf die gegenüberliegende Bahnhofskneipe, wo es schattige Plätze gibt, durch die obendrein der Wind geht. Und natürlich auch kühlere Getränke als beim Bäcker. Vielleicht ja auch gleich ein Mittagessen, was auf den nächsten Kilometern umgehend wieder verheizt werden kann.

S-Bahnhof Grunewald, zwischen Avus und Bahndamm

Von der hohen Warte der Barhocker haben wir beste Sicht auf den Bahnhof samt der regelmäßig einlaufenden Doppeldecker-Busse, denn tatsächlich fühlt es sich ein kleines bisschen an wie am Hafen. Ein Bus läuft ein, Fahrgäste gehen von Bord, ein paar Meter weiter steigen neue ein, und in der Minute des Auslaufens biegt schon der nächste große Gelbe um die Ecke.

Fußgängertunnel S-Bahnhof Grunewald

Als Äquivalent zu den Privatjachten fährt eine bejahrte Dame im teuren Cabrio vor, stilecht mit wehendem Kopftuch, lässt sich unter dem beiläufigen Brabbeln des Sechszylinders im Schritttempo kurz bewundern und springt als kleine Alibihandlung wenigstens zum Bäcker rein. Ein Lieferwagen parkt selten dämlich und verstopft die Hafendurchfahrt, doch bevor noch Ärger unausweichlich wird, kann der Busfahrer die Stirn entrunzeln und die enge Kehre ist wieder frei.

Beim Bäcker haben sich vier ältere Rennrad-Herren in bunten Kunstpellen eingefunden, drei von ihnen käsebleich, einer tiefschwarz, und es ist nicht klar, ob sie gerade erst losgefahren sind oder schon achtzig Kilometer auf der Uhr haben. Ganz egal, beim Bäcker ist erstmal eine Pause fällig, die ausgiebig mit Fachsimpeln und dem Ausformulieren der guten Vorsätze gefüllt wird. Bald sind es schon fünf, kurz darauf sechs. Der Zuwachs geschah unbemerkt, dafür wird nun aufwändig und umständlich ein Nachbartisch herangerückt für bessere Gemeinschaft.

Portal S-Bahnhof Grunewald

Auf der sonnigen Bank vor unserem Lokal, dann bald am schattigen Tisch neben dem zweier gleichaltriger Herren sitzt eine Dame kurz vorm besten Alter, die dem Anschein nach gerade Harald Juhnkes Definition von Glück erfüllt: keine Termine und leicht einen sitzen. Nimmt mit dem Cocktail-Glas in der Hand das Gespräch auf und hält es mit stetem Bröckeln am Laufen, macht auch kaum Hehl daraus, dass einer Anbandelei nichts im Wege stünde. Die Herren füttern den Dialog nur zurückhaltend, scheinen die Situation aber nicht befremdlich zu finden.

Einen begrenzenden Termin hat die Dame dann wohl doch, da sie demnächst ihren Dienst antreten und den Bus nehmen muss, der .53 ausläuft. Auch unsere Kellnerin hat schon schon gut einen sitzen, und als wir es schließlich geschafft haben zu zahlen und einiges nach .um weiterziehen, sitzen sowohl die Dame mit den Herren als auch die schrillbunte Speichenrunde noch fest auf ihren Stühlen.

Hasensprung zwischen den Seen

Königs- und Dianasee

Eine Ecke weiter gibt es hier noch einen hinreißenden Laden für die täglichen Dinge, eine klitzekleine Edeka-Filiale. Der Gedanke erscheint nicht abwegig, dass der Filialbetreiber ein Drittel der Kundschaft mit Namen ansprechen kann. Nun beginnt das Villenviertel rund ums Doppel aus Königs- und Dianasee, wo an manchem dieser riesigen Gebäude tatsächlich nur ein Name auf dem Klingelschild steht. Einige tragen hübsche Namen wie Villa Noelle oder Landhaus Bernhard, ein Chalet Ingo sucht man vergebens. Dazwischen eingestreut finden sich ein paar Botschaften.

Blick auf den Königssee vom Aussichtsplateau

Unerwartet quert der hübsche Spazierweg namens Hasensprung das tiefe Tal am schmalen Seenverbinder, schattig und angemessen mondän. Die Brücke wird von zwei steinerne Hasen bewacht. Im angrenzenden Park gibt es vom kleinen Aussichtsplateau einen schönen Blick ins satte Grün der Gärten. Im gediegenen Tempo zieht der Badekappenkopf einer Dame diagonal über den See.

Hubertussee

Nur ein paar Minuten nach den Hasen wird der nächste See von einer großpfotigen Löwendame mit Menschenhaupt eingeläutet, mit der man besser keinen Ärger hat. Unten am Hubertussee begleitet ein uriger Spazierweg mit knorrigem Geländer die in sich versunkene, idyllische Wasserrinne, auf der es sogar eine kleine Insel gibt. Treppen locken hier und da zurück auf die Höhe. Gar nichts sieht gerade nach mitten in Berlin aus.

Unten am Hubertussee

Roseneck

Doch einen Grünstreifen und ein paar böhmische Straßenecken weiter landen wir auf einmal mitten im städtischen Dorftrubel, der nun nach Westberlin im besten Sinne aussieht und eine kleine Serie von Kiezen eröffnet, an deren kurzem Lauf drei Filialen von Butter-Lindner liegen werden. Mittlerweile gibt es zwar auch einzwei davon in zentral gelegenen Ost-Bezirken oder Potsdam, doch es ist auch heute noch so eine liebenswerte Westberliner Bastion des gehobenen Genusses und der gehobenen Braue – ein bisschen wie KaDeWe in Wohnzimmerformat.

Der Kiez rund ums Roseneck eröffnet den Reigen, und unsere Tortensuchaugen führen uns zielsicher zum hiesigen Wiener Caffeehaus. Bei allen mondänen Grundfesten ist auch hier der Personalmangel spürbar und es braucht jeweils etwas Wartegeduld für Bestellung, Servierung und Rechnungslegung. Wenn man das weiß, ist es so gesehen unproblematisch, als dass man hier herrlich Menschen gucken kann – was natürlich auch für die anderen gilt.

Nicht zuletzt bestätigt das die Wochenendzeitung durch die Information, dass auch das Rolls-Cabrio von Berlins dienstältestem Playboy regelmäßig vor dem Caffeehaus parkte. Der Lebemann mit dem schönen Künstlernamen Eden, der für Westberlin so ein Begriff war wie Pelz-Lösche oder Bolle bzw. Ruhnke und auch Juhnke, hat sich just in diesen Tagen in die nächste Sphäre begeben. Man kann von ihm halten, was man will, doch etwas Vergleichbares hatte die Stadt nicht noch einmal zu bieten – und das von der Nachkriegszeit bis in heutige Tage.

Rathaus Schmargendorf

An den Nebentischen sitzen also allerhand Paradiesvögel der betuchten Sphären, seien es nun bis zum Anschlag aufgebrezelte Barbies jenseits der Siebzig oder in Würde gealterte schwule Pärchen im allumfassenden Sonntagsstaat, was Haarpracht, Brillengestell und Einbalsamierung angeht, funkelndes Geschmeide und getragenen Dialogton nicht zu vergessen. Tätowierung scheint hier hingegen noch verpönt. Die vornehmlich weibliche Kundschaft, die im benachbarten Bioladen ein- und ausgeht, sieht so formvollendet aus, als hätte sie sich extra für den Einkauf in Filz, Naturseide und Linnen geworfen.

An den Nachbartischen gibt es aber auch die lieben alten Mütterchen, bei denen der Besuch wohl schon seit Bestehen der Conditorei zum regelmäßigen Ritual zählt und trotz knapper Rente nicht geopfert wird. Dann sitzen da auch Leute wie du und ich oder die türkische Großfamilie, deren Kinder sich zu Tode langweilen und trotzdem kein digitales Endgerät zu Hilfe holen dürfen, um die stehende Zeit zu überleben. Die Mischung ist herrlich und authentisch. Ein Kolumnist bräuchte sich hier wochenlang nicht vom Fleck zu bewegen für seine Geschichten, und auch ein heutiger Zille hätte reichlich Stoff.

Schmargendorf

Die Torte hat ihren Preis, schmeckt verdammt gut und ist so nicht an jeder Ecke zu bekommen. Wien ist zu Recht namensgebend. Hier am Roseneck beginnt nun ein kleiner Reigen grundverschiedener Kieze, die jeweils nicht mehr als eine Viertelstunde voneinander liegen. Ein paar Ecken weiter zieht ein märchenhaft verspieltes Backsteingebäude den Blick gen Himmel und lässt Kopf und Augen längere Zeit kreisen.

Berkaer Straße in Schmargendorf

Nie habe ich mir merken oder hätte sagen können, wo Schmargendorf liegt, welchem Bezirk oder welcher Himmelsrichtung es zuzuordnen ist, doch jetzt ist es auf ewige Zeit verankert, dank diesem backsteinernen Feuerwerk aus Türmen, Türmchen und Erkern, aus Stufengiebeln, Zacken und Vorsprüngen, Fensterformen, Fialen und Fassadenspielerein. Das stand bei seinem Bau vor hundertzwanzig Jahren noch auf freiem Acker, und wer sich fragt, wie zum Teufel man für ein Kleinstadt-Rathaus so viel Geld ausgeben konnte, findet die Antwort am ehesten in der Immobilienbranche.

Breite Straße

Gleich dahinter beginnt eine bunte Ladenstraße, in der auch Butter-Lindner und Thoben nicht fehlen. Hinter der nächsten Kreuzung liegt dann als Schmargendorfer Kiez Teil 2 die Flachbauzeile entlang der Breiten Straße, die berlinweit eine Rarität darstellt. Etwas Ähnliches gibt es auch noch in der Brunnenstraße im Wedding. Dass hier vormals gemütliche Altbauten standen, lässt sich noch auf der gegenüberliegenden Seite sehen, wo von den Schmargendorfer Höfen, die für ihr Kleingewerbe bekannt waren, noch ein paar in Funktion sind.

Hinter der Breiten Straße in Schmargendorf

Dennoch hat die Fußgängern vorbehaltene Zeile einen besonderen Charme, ist sie doch auch ein offener Hinterhof und gerade in sonnigen Zeiten mit einigem Grün und Schatten ein schöner Zufluchtsort. Mit dem Duft gemahlenen Kaffees in der Nase und einem frisch gekauften Handfeger unterm Arm kann man sich weiter hinten ein schönes Buch kaufen, sich damit ins Café setzen und die ersten Seiten überfliegen. Und dann doch wieder an den Leuten hängen bleiben oder den unterschiedlichsten Satzfetzen von den Nebentischen, welche eine empfängliche Phantasie mit plastischen Bildern versorgen. Ein Dorfkirchlein gibt es hier übrigens auch, ein paar Meter weiter und betont versteckt.

Schmargendorfer Dorfkirche

Schlange

Nach dem Wechsel in den Bezirk Tempelhof-Schöneberg, der nun eher dem Süden als dem Westen zuzuordnen ist, geht es vorbei am einladenden Fritz-Cornelsen-Spazierweg zu einem weiteren Phänomen, einer weiteren Einzigartigkeit in dieser Stadt, die aus heutiger Sicht ebenso aus der Zeit gefallen scheint wie ein bekennender Vollblut-Playboy. Den Gedanken, die innerstädtische Autobahn zu überdachen und damit drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, gab es schon in den Siebzigern, zu den Zeiten, als die autogerechte Stadt als Idealbild galt.

Spielplatz an der Schlange

Zusammen mit der Wohnungsknappheit in der ummauerten Zwei-Millionen-Stadt waren das ausreichende Argumente, das umstrittene Projekt „Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße“ in die Tat umzusetzen, in dessen Rahmen die laute Schnellstraße nicht nur einfach gedeckelt, sondern mit einem gigantischen Wohnhaus abgedeckt wurde. Keine vierzig Jahre nach Bauende übrigens wurde der imposante Komplex vor ein paar Jahren unter Denkmalschutz gestellt.

Fußgängerdurchgang unter der Stadtautobahn

Die sechshundert Meter lange Schlange wird nach Westen hin von Kleingärten und einem schönen Parkstreifen begleitet, der großzügige Spielplätze sowie Raum und Anregung für allerhand Freizeitgestaltung bietet. Ganz am Ende gibt es einen leicht abgefahrenen Durchgang, bei dessen eher eiligem Durchschreiten man von der Autobahn nicht mehr als das dumpfe und scheinbar ferne Abrollgeräusch der Reifen hört und nicht recht weiß, ob es unter oder über einem stattfindet. Etwas davon wird wohl als Rauschen oder als Schwingung in jeder der Wohnungen ankommen, ganz gleich ob sie nahe der Fahrbahn liegen oder ganz oben im Vierzehnten. Nach hundert Metern landet man dank eines blauen Portals mit verglasten Ovalen wieder im Freien, was irgendwie ganz schön ist.

Autobahnüberbauung Schlange

Die betonbetonte Substanz des Ganzen ist über die Zeiten freilich etwas abgerockt, das Monstrum mit seinen linear eingesetzten Farbakzenten strahlt kompromisslos die ausgehenden Siebziger aus, und doch entwickelt dieses mit Abstand größte Reptil der Stadt einen absurden Charme, glaubt man den angestammten Bewohnern gerne, dass es sich dort gut wohnt. Auch östlich liegen grüne Höfe mit Spielplätzen, und so fällt an keiner Stelle, an der man das Haus verlassen kann, der Blick auf ein Auto, tritt man überall dort erst einmal ins Grüne, was ein wenig kurios ist. Einzige Ausnahme auf insgesamt tausend Meter Fassadenlänge ist der Parkplatz am Geschäft für die täglichen Dinge, wo sich auch eine kleine Ladenzeile anschließt.

Rüdesheimer Platz

Der nächste Kiez ist dank der anfangs promenadenhaften Eberbacher Straße keine acht Minuten entfernt und doch so grundlegend anders. Auch wenn im wirklichen Leben der Kurort Schlangenbad im Rheingau liegt, auch hier in Berlin die Schlangenbader Straße dem Namen nach zum Rheingau-Viertel zählt, dürfte sich in dichter Nachbarschaft selten ein so großer Gegensatz finden lassen, wie er zum Rüdesheimer Platz besteht. Die ansehnlichen Fassaden der platzumgebenden Häuser kommen aus einem Guss und tragen einen Hauch von englischem Landhausstil.

Tropfen aus dem Rheingauer Weinbrunnen

Fast kurmondän kommt der Rüdesheimer Platz daher mit den alten Bäumen und seinem tiefergelegten Parkbecken voll gepflegter Rabatten, dem imposanten Brunnen und der großzügigen Empore, die in Nachbarschaft von Mutter Mosel und Vater Rhein über all dem thront. Auf eben diesem Plateau findet sich ein liebenswertes Phänomen, das einmalig ist in Berlin und das es bitte noch lange geben soll.

Rheingauer Weinbrunnen

Seit über fünfzig Jahren plätschert jedes Jahr in den großzügig definierten Sommermonaten den Rheingauer Weinbrunnen, einem kleinen Ausschank, wo Winzer aus dem Rheingauer Weinanbaugebieten ihre Tropfen anbieten. Die Preise am Stand sind moderat, das Personal freundlich und die Stimmung wunderbar entspannt. Obwohl es reichlich Tische gibt, finden sich oft keine freien Plätze. Doch bis man seinen Schoppenstiel zwischen den Fingern hält, ergibt sich meist ganz von selbst ein Plätzchen, sei es stehend am Fass oder etwas später dann sitzend an einem der vielen Tische.

Rüdesheimer Platz

Wer zu den vielfältigen Weinen der verschiedenen Winzer etwas Herzhaftes naschen möchte, erhält am Stand kleine Tüten mit Nüssen, Chips oder ähnlichem. Wer hingegen mehr als Appetit oder sogar Hunger hat und nichts Mitgebrachtes im Beutel, kann sich in den umliegenden Läden, Pizzerien oder beim Bäcker etwas besorgen, von dem sich richtig abbeißen lässt – denn das ist hier ausdrücklich erlaubt und erwünscht. Und wer dann seinen duftenden Wein und einen schönen Platz hat und beides keinesfalls verlassen möchte, wartet einfach ein paar Minuten, denn fahrende Händler mit ausladenden Taschen oder Körben ziehen regelmäßig ihre Kreise zwischen den Gaumenstreichelnden hindurch.

An den Tischen wird palavert, gefeiert und gealbert, sei es weinselig, verliebt oder in großer Familienrunde. Kinder rennen umher, springen Seil oder zeichnen Spielfelder in den flachen Staub, Geschäftsleute in Räuberzivil bringen beschwingte Videotelefonate hinter sich und fühlen sich kurz als digitale Nomaden. Ein hinreißendes Kränzchen alter Damen trifft sich zum regelmäßigen Termin, keine keift, keine fährt der anderen über den Mund und keine ist die, die alles weiß und immer Recht hat.

Jede einzelne Dame führt eine altertümliche Tasche mit krudem Muster und großem Schlund mit sich und fördert Unmengen herzhafter Köstlichkeiten zu Tage, sicherlich jede das, was sie am besten kann, und gewiss das Meiste davon zum Niederknien. Der lange Biergartentisch ist gefordert und wird in den nächsten neunzig Minuten sicherlich mit einer Unmenge fröhlicher Dezibel beschossen.

Im U-Bahnhof Rüdesheimer Platz

Seit einiger Zeit ist dieses Vergnügen vornehmlich bei Tageslicht zu erleben, denn vor ein paar Jahren musste die Schließzeit von halb zwölf auf halb zehn vorverlegt werden. Zum Weingenuss passt natürlich bestens etwas Dämmerung, und wenn die bunten Lampen-Ketten angehen, gewinnt die Atmosphäre noch erheblich. Wer also bis Ende August abwartet und sich vor Ort dann nicht auf einen guten Platz versteift, kann noch ein gutes Stündchen dieses Zaubers abfassen. Und sich ganz einfach in einen langen Moment mittelfernen Urlaubs träumen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
S-Bahn Ringbahnhof Westkreuz

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: ca. 12,5 km (Abkürzungen per ÖPNV vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Altglietzen: Reifes Korn, ein mehrfaches Dorf und Duette in den Wiesen

Nach einem mild durchwachsenen Mai hat auch in diesem Jahr der Juni schnellstens das Sommerkleidchen übergeworfen und verwöhnt alle Kältegeplagten mit Sommertagen, wie sie im Bilderbuch stehen. Selbst an heißen bis rekordverdächtigen Tagen wird stets ein angenehmer Wind mitgeliefert, sodass es sich mit passender Kleidung draußen gut aushalten lässt. Blonde Mädels in den Achtzigern treten ihren alljährlichen Inselmonat an, andere sitzen vorm weit geöffneten französischen Fenster und zeichnen detailverliebte Spielkarten aufs Papier und wieder andere trinken Tee im Atelier und entdecken per Interview ihren liebsten Menschen aus einem neuartigen Blickwinkel.

Aussichtshöhen zwischen Altglietzen und Gabow

Im Fahrwasser des plötzlichen Urlaubswetters hört man mehr und mehr Badelatschen übers Gehwegpflaster flappen. Quarkblasse Extremitäten ragen aus kurzen Ärmeln oder Hosenbeinen und hoffen auf erste Vorbräune ohne vorherigen Rotbrand. Das tradierte Bauch-frei-Phänomen hat in diesem Jahr die piefigen Kriterien von Geschlecht und Altersklasse über Bord geworfen, so dass dargebotene Nabel-Umländer von konkav über konvex bis komplex zu erleben sind. Von makellosem Pfirsichsamt bis hin zur fussligen Plauze wird alles ausgestellt, was die Palette zu bieten hat.

Schmetterlingspfad auf der Höhe, gen Gabow

Auch auffällig ist in diesem Jahr die Freude an ausgefallenen Brillengestellen in Sachen Sonnenschutz, gern in Verbindung mit stöffernen Anglerhüten. Nicht immer bleibt zweifelsfrei, ob Selbstironie im Spiel ist oder ob eine beinharte Attitüde performt wird.

Davon abgesehen läuft gerade eine dreimonatige Periode, in der es zum Preis einer städtischen Tageskarte ein Monatsticket gibt, mit dem man überall in Deutschland spontan in den nächsten Bus oder die nächsten Straßenbahn steigen kann, auch alle Arten von Regionalbahn sind eingeschlossen. Das ist eine durchaus reizvolle Idee, und ob man nun will oder nicht, werden einige der eigenen Gedankengänge leicht veränderte oder gar neue Wege nehmen.

Innere Oder-Aue bei Gabow

Ob eine ursprüngliche Absicht am Ende erreicht wird, sei dahingestellt, doch nach Ablauf des Zeitraums werden weit mehr Menschen als bisher mit den gängigen Prozessen vertraut sein, die eine Bahnfahrt mit sich bringt, werden dabei sone und solche Erfahrungen verbuchen können. Einiges davon wird bestimmt hängenbleiben und sollte sich längerfristig sinnvoll auswirken.

Stille Oder bei Gabow

Altglietzen (Oderinsel)

Nachdem das Frühjahr beste Reifebedingungen für den Mückennachwuchs bot, ist beim Heraussuchen schöner Wege derzeit Wald zu vermeiden, ganz gleich ob sumpfig, ufernah oder knochentrocken – von verschiedenen Seiten war schon zu hören, wie sich der beschauliche Waldspaziergang zum Fluchtgeschehen wandeln kann, wie wissenswerte Wortbeiträge des Begleiters liebevoll abgewürgt werden, weil mehrere Runstrüssel gleichzeitig ansetzen und einen schnellen Ortswechsel empfehlen.

Blick auf Neutornow vom Uder der Stillen Ofer

Eine gute Mischung aus hinreißend schöner Landschaft, sanft-spektakulärem Relief und wogenden Sommerwiesen lässt sich zwischen altem und neuem Oderwasser finden, wo dieses rund um Neuenhagen eine größere Insel erschafft. Die ist landschaftlich sehr vielfältig und immerhin so groß, dass man für eine Umrundung einen gemütlichen langen Tag bräuchte.

Im stattlichen Hochland findet sich ein verschlungenes Netz von Wegen aller Größenklassen, zur Stillen und Alten Oder hin erhebt sich in wechselnder Gestalt eine fotogene Flanke, die durchaus an die wiesenstruppigen Hügelländer gängiger Ostseeinseln erinnert. Immer wieder gibt es besondere Aussichtspunkte, wo die Landschaft ins volle Panorama geht und wo man gern verweilen möchte. Mal führen winzige Bergpfade dorthin, mal geht es über eine lange Reihe steiler Stufen und mal ganz moderat auf einem sandigen Weg, gerade so breit wie ein Pferdehintern.

Dünenhügel zwischen Gabow und Altglietzen

Bis auf Neuenhagen liegen alle Orte in der Peripherie der Insel, somit nicht auf der Höhe und gern sehr pittoresk am Fuß der Hangflanke. Ein Mittelding dabei ist Altglietzen, denn hier ist das Insel-Relief gen Grenz-Oder schon sanft ausgelaufen. Dennoch sind vom unteren Weg ins Dorf eine Handvoll Höhenmeter zu überwinden, die in Hochwasserzeiten entscheidend sein dürften. Rund um das Wegedreieck nahe der Kirche heißen alle Straßen Altglietzener Dorfstraße, was bei einem Straßenschilderbaum mit drei Ästen amüsant aussieht.

Von hier ist es nicht weit zum westlichen Dorfrand, wo hinter einer kleinen Wendeschleife ein schattiger Waldweg einsetzt, mit ihm ein sommerlicher Duft nach Kiefernkram. Gemächlich gewinnt er an Höhe und gibt bald die Sicht frei auf die erste blonde Gräserfläche, die kontinuierlich vom sanften Wind gezaust wird. Oben überm Horizont sind unentschlossen die Wolkenschleier ineinander verfangen und lassen kaum etwas vom Himmelsblau hindurch. Doch den Regenpropheten wollen sie auch nicht geben, obwohl es hier und da in weiter Ferne grollt.

Rundbank am Dorfplatz, Altglietzen

Die bunten Kornränder, die man ein paar Ecken weiter in der Uckermark in schönster Ausfertigung findet, gibt es hier nicht. Alles spielt sich im grünen Bereich ab, der extrabreit aufgestellt ist und vom schwarzdunklen Grün der Fichten bis hin zum strohgelben, ja fast weißen der rispenden Gräser reicht. Die knapp wegbreite Grasnarbe schluckt hin und wieder eine der beiden Spuren und lenkt den Spaziergänger ganz von selbst auf den verbleibenden, schenkelkitzelnden Pfad. Während links das Feld schon abgeerntet ist, stehen rechts die kräftigen Ähren an kurzen Halmen und dürften auch bald fällig sein. Im schweifenden Fernblick verhelfen sie den Kurven der Landschaft zu noch mehr Weichheit.

Am Rand von Altglietzen

Bald schon kommt einer der markantesten Dünengipfel in Sicht, der etwa auf der Hälfte zwischen dem Dorf und dem bewaldeten Granitberg liegt. Schon die allererste Ansicht wäre ein Gemälde wert. Der Weg zum Gipfel biegt im rechten Winkel ab und peilt geradewegs einen ausdrucksstarken Baum an. Der Aufstieg verläuft sandig entlang raschelnder Trockenrasen, deren knapp ausgestattete und farbkräftige Blüten gut von den Bienen besucht sind.

Im Zustieg bei Altglietzen

Eine windschiefe Bank, die alle Wetter kennt, hält sich schon seit Jahren hier an diesem ausgesetzten Ort und empfiehlt Kraft ihrer Lehne den Blick auf die Hochebene des Inselinneren. Der ist in der Tat schön, doch wer erstmal hier oben steht, wird noch ein paar Meter weiter gezogen, hin zum banklosen Nebengipfel. Der liegt auf selber Höhe und kredenzt die ganze Breite sowie einiges an Länge des platten Oderbruchs. An Tagen mit makellosen Sichtbedingungen dürfte rein mathematisch gesehen und per Fernglas der Reitweiner Sporn erahnbar sein. Die Erdkrümmung mal außer Acht gelassen …

Reife Felder bei Altglietzen

Die einzig lerchenverzierte Stille dieses Ortes wird plötzlich durchbrochen von einem Mopped, das nach versäumtem Schalten versucht, im falschen Gang den sandigen Hang zu bewältigen. Da Publikum da ist, will sich der Pilot keine Blöße geben und versucht es weiter, doch die Simmi bockt verständlicherweise und sorgt bald selbst für Stille. Danach greift der Notfallplan der schlüssigen Handlung, also etwas zurückrollen, starten und im ersten gemäß der verfügbaren Pferdestärken den Hang erklimmen. Und dann nix wie weg. Was bleibt, ist das typische Aroma von zwei Takten in der Luft, das hier zu Hause ist und niemals allzu schnell verweht.

Bildschöne Aussichtshöhe zwischen den Dörfern

Bezaubernde Wege kurven nun durch die Wiesen und machen Lust aufs Barfußgehen. Immer wieder schwenkt der Blick nach links und auch nach rechts, denn die Weite gibt mit jeder neuen Minute bestaunenswerte Bilder her, von mehrdimensionalen Weiten bis hin zu terrassierten Wiesenhängen mit eingestreuten Einzelbäumen. Auch dabei ist eine erste groß angelegte Scharte hinab zum Flussniveau, die man als Riese ständig würde streicheln wollen.

Aufstieg zum Gipfel mit Aussichtsplateau

Im Knick des Fahrweges beginnt nun ein fußbreiter Pfad, doch ehe das nächste Waldstück erreicht ist, gibt es einige Gründe zum Stehenbleiben, Bücken, wieder aufstehen, dann nach vorne beugen, wieder bücken, auf die Knie gehen oder auf den Hosenboden. Auf Kniehöhe werden einzigartige Duette von kleinen, reich bemusterten Schmetterlingen mit den dazugehörigen Blütlein gezeigt. Die Falter sind mal schwarzweiß oder leuchtend neonorange, mal ähneln sie den Klassikern wie Admiral oder Tagpfauenauge, sind es jedoch nicht. Jeweils ist eine Sorte an einer bestimmten Blume zu finden, und einige sind erstaunlich geduldig im Stillhalten oder dem kurzen medienwirksamen Aufklappen á la Snapchat.

Weiter Blick ins Oderbruch

An der nächsten Waldlichtung mit ihrer üppigen Wiese gibt es wieder ganz andere Schmetterlinge und rings umher hochgewachsene Nadelbäume aller Art, in der Summe einen Hauch von Mittelgebirge. Dazu passend setzt sich der Weg nach dem nächsten Abbiegen in einen versteckten Hohlweg fort, dessen Scharte sich immer tiefer einschneidet. Kurz nach einer sandigen Lichtung voller Kienäppel steht das erste Haus von Gabow. Von der anderen Seite kommend würde man hier nicht unbedingt einen gangbaren Weg vermuten.

Hügelflanken vor Gabow

Gabow I

Da nicht allzu viele Dörfer am Weg liegen, Dörfer am Weg jedoch dazugehören und immer eine willkommene Abwechslung sind, werden wir Gabow einfach mehrfach verwenden, jeweils aus einer anderen Richtung kommend. Das sollte hinhauen und jeweils als neues Dorf durchgehen.

Der Abstieg von der Höhe des Granitberges, dessen Gipfelpfad heute der Wärme wegen ausgeklammert wurde, endet an der Dorfstraße, die unweit des Altglietzener Hauptgrabens und der Stillen Oder verläuft. Dementsprechend saftig sehen die Auen aus, die sich am hinteren Rand der Grundstücke entlangziehen.

Tänzchen am Wegesrand

In der Dorfmitte gibt es dieselbe schöne Rundbank um einen kräftigen Stamm wie auch in Neuglietzen, gegenüber ein winziges Backsteingebäude unbekannter Funktion und mit ihm im Ensemble ein ansehnliches Fachwerkhaus, das seine Fassade selbstbewusst ins Bild hält. Nicht weit davon finden sich noch die Karten für Radfahrer und Spaziergänger sowie die Bushaltestelle, wo auch prompt ein Bus hält. Könnte man jetzt einsteigen und sich durch die schöne Landschaft kutschieren lassen, einfach so. Und nach einer Runde dann hier weitergehen. Oder unterwegs am nächsten Biergarten aussteigen und was pietschen, dann erst zurück und danach weitergehen. Oder noch ganz anders.

Waldlichtung bei Gabow

Über unverwitterbare Feldsteinmauern fällt der Blick in die Obstgärten und die dahinter anschließende Landschaft der Flussaue, und schon bald biegt ein Weg genau dorthin ab. Der erhoffte Wind für eine Pause ist dort nicht zu finden, doch ein paar Schritte weiter bietet sich eine schöne Uferstelle an, mit idealer Böschung, die einen nicht ins Wasser rutschen lässt, dennoch bequem Platz für die Beine bietet. Gratis dazu gibt es einen der schönsten Blicke auf das Dorf mit der Kirche im Berg, auch der für ein Gemälde gut.

Hohlpfad hinab nach Gabow

Gegenüber im Ried tönen in bestem Stereoton zwei Teichrohrsänger, die erzählfreudigen Humoristen der schilfigen Uferkanten. Hin und wieder sorgt ein fetter Fisch für Lärm, Blasen und konzentrische Kreise, fast regelmäßig fangen große Libellen mit ihren abrupten Flugmanövern den Blick ein. Wie zu erwarten schaut eine penetrante Bremse vorbei, doch hat die scheinbar von der Demse auch schon eine weiche Birne und lässt sich beim ersten Versuch k.o. schlagen. Eine Vertretung bleibt aus.

Dorfplatz in Gabow

Das folgende Stück Landstraße lässt von der Verkehrsdichte her an Westernszenen denken, die um die Mittagszeit spielen. Nur ein einziges Auto stört die paar Minuten, das vorher von flirrender Hitze verzerrt und scheinbar ewig lange nahte und doch nicht näher kam. Mit Blick nach links ist die Anhöhe von vorhin zu sehen, die mit dem Baum und dem Moppet. Beim Abbiegen auf den nächsten Feldweg erweist sich als gute Entscheidung, am Rand von Altglietzen nicht den Verlockungen der weiten Ebene erlegen zu sein.

Blick übern Zaun in Gabow

Den einzigen Schatten am Weg wirft ein Stapel aus Strohrollen, etwa so groß wie eins der vielen Kolonistenhäuser in Gabow I. Und den dann auch noch in die falsche Richtung. Gut, wenn man den Schatten zum Mitnehmen dabei hat, sei es in Form eines breitkrempigen Hutes oder besser noch eines Schirmes mit weißer oder silbriger Außenhaut, der auch bei größter Knallsonne ein gut erträgliches Mikroklima schafft. So auch jetzt.

Blick über den Altglietzener Hauptgraben nach Neutornow

Die letzte Pause war zwar gerade erst, doch erstens sollte man an allzu warmen Tagen öfter pausen, zum anderen ist der nächste Platz am Oderufer so schön, dass man da einfach nicht vorbeigehen kann. Ein vergangener Steg im glasklaren Wasser sorgt für etwas Archaisches, die dicht bewachsenen Ufer für unmittelbare Naturpracht, und nach links ist über dutzende Seerosenteppiche das Dorf mit der Kirche im Hang zu sehen. Hier hätte man wohl auch Tom Sawyer drehen können.

Gabow II

Unterhalb einer Rastraufe sitzt ein junges Pärchen, er kümmert sich um die Angel, sie hält mit dem Fernglas Ausschau nach Ausschauenswertem, beide scheinen stillvergnügt. Kurz darauf überqueren wir am eindrucksvollen Schöpfwerk Neutornow, seit Kurzem einer der Kulturerbe-Orte des Oderbruchs, die Stille Oder und stellen anhand des Erklär-Schildes fest, dass die Kirche ja gar nicht zu Gabow gehört sondern zu Neutornow. Na umso besser!

Stille Oder bei Neutornow

Neutornow

Die schön gelegene Kirche ist ganz klar blickbestimmend. Schließlich überrascht sie uns noch mit einem der schönsten Stiegenwege weit und breit. Der schattige Friedhof verteilt sich über den sanften Hang. Zwei freundliche Damen frischen gerade im großen Stil die Blumen auf den Gräbern auf, dazu stehen mehrere Eimer prall gefüllt mit knackigen gelben Schnittblumen auf dem Weg.

Stiegen hinauf zur Kirche im Hang, Neutornow

Die flach ansteigenden Stufen sind derart bemessen, dass man nicht zu große Schritte macht, automatisch einen anmutigen Gang erhält und die Kirche keinesfalls außer Puste erreicht. Die dicht stehenden Bäume beiderseits der Stufen sind teils von Efeu umrankt, die ganze Kulisse ist sehr romantisch im Sinne eines Caspar David Friedrich. Der war ja ein Zeitgenosse von Theos Vater Louis Henri Fontane, welcher ein Dorf weiter den letzten Abschnitt seines Lebens verbrachte. Begraben wurde er an hervorgehobener Stelle hinter der Kirche hier.

Ausblick von der Bank hinter der Kirche, Neutornow

Nur ein paar Schritte von der großen Grabplatte steht eine Bank mit schönem Blick auf die weite Ebene, der man sich kaum entziehen kann. Unten aus einer Garage tönt ein leierndes Gebumbel, das sich nach und nach als Michael Jackson Billie Jean entpuppt. Das Leiern war wohl dem launischen Wind geschuldet, und die Nummer hat bis heute nichts, aber auch gar nichts verloren. Gedanken an zwei Klassiker der Weltkultur am selben Ort …

Pfad hinauf zur Bergkolonie

Bergkolonie

Der Friedhof lässt sich durch ein Hintertor gegenüber des Kirchturmes verlassen, wo direkt ein schattiger Weg den Anstieg fortsetzt. Der wird bald zum Pfad und verläuft oberhalb einer tief eingeschnittenen Hangscharte. Wieder im Licht führt ein Sträßchen zwischen grasigen Hängen und Streuobstgärten entlang zur Bergkolonie, in deren Vorgärten eine markante und scheinbar ortstypische Art von Ziehbrunnen zu beobachten ist.

Abgeerntete Felder bei der Bergkolonie

Hinter dem letzten Haus biegt der offizielle Dorfrundweg rechts ab, wir mit ihm, und lenkt die Schritte über einen stoppeligen Wiesenweg, zwischen sanften Höhen entlang. Die Felder sind frisch abgeerntet und die Optik lädt zum Rumkugeln ein, doch das dürfte ganz schön pieksig sein, selbst für Wettergegerbte. Über der Landschaft zeigen sich die Wolken nun bereitwilliger zu etwas Aktion. Von Südosten kommen noch plüschige Haufen in Weiß daher, doch weiter links macht sich eine abgedunkelte Wand zum Aufbau bereit, bestätigt von fernem Grollen.

Am Rand von Gabow

In einer kurzen Hohlgasse geht es schwül dampfend zwischen Rosenbüschen und Holunder hindurch, eine letzte blütenweiße Dolde hält zwischen den ersten hartgrünen Stadien der werdenden Beeren die Stellung. Die Schwirrenden zeigen sich aufsässig in diesen wenigen Metern der Windstille und scheinen auch das Wetter zu erwarten.

Gabow II, die zweite

Nach einem Bogen und einem unerwarteten Weg zwischen zwei Zäunen empfängt uns das erste Haus des nächsten Dorfes. Eins der Nachbarhäuser lässt in Grundgestalt und Neuinterpretation durchaus ans Mediterrane denken, ein kleines gekonntes Kunstwerk in der Disziplin der Landlust. Von hier geht es jetzt nur noch bergab, unten dann vorbei am Dorfplatz von vorhin. Kurz nach Ende der bekannten Passage endet Gabow mit einem Schnitt in Sachen Landschaft, denn umgehend öffnet sich ein rahmenloses Fenster auf die Höhen von vorhin, die von unten nun nicht weniger anziehend sind.

Ausgangsstellung kurz vor dem Performen des Moonwalks, Gabow

Ein Mann hat gerade drei Pferde am Wickel und ruft einer vorbeiradelnden Dame einen knappen Satz mit blassem Fragezeichen zu, der sie zum Anhalten samt obligatorischem Wortwechsel animiert. Hinaus über wie geht’s muss ja folgen noch konkretere Fragen und er erfährt, dass sie ins übernächste Dorf fährt, da ist Dorffest, da will sie Kuchen holen fürs Kaffeetrinken, die Ingrid und die Dörte, die backen doch so legendär. Naja, er muss ja noch die Pferde und wird mal sehen, wie spät dann is.

Unterer Weg nach Altglietzen

Der stille Radweg mit seiner hellen Pflasterung könnte definitiv irgendwo an der See zwei Dörfer verbinden. Die zahllosen Bilder der Sonderklasse sorgen für viel Entzücken und viel zu viele Auslösevorgänge. Links reihen sich Hügel und Hänge mit ihren bewegten Wiesenmatten aneinander, hier und da öffnet sich eine Kehle oder ein Zwischental.

An mehreren Stellen verlocken Pfade von schöner Gestalt zum kurzen Ausflug in die bekannte Höhe, die Wolken tragen das ihre dazu bei. Wieder nehmen wir dieselben Bilder wie beim letzten Besuch hier, und wieder darf keines davon fehlen. Es ist ein so unfassbar schönes Stück Weg, links die Wiesenflanke der Dünenberge, rechts die grüne Weite mit ihren versprengten Dörfern.

Dünenhang mit verdecktem Pfad

Zuletzt geht es angenehm schattig durch eine Gasse aus Büschen und Bäumen, bis ein letzter dicker Poller ohne rechte Funktion Altglietzen ankündigt. Jetzt noch die erwähnten Meter hoch zum Dorfplatz mit der Rundbank und den nahen Bushaltestellen, es drückt nun zum ersten Mal am Tag so richtig. Gut zu wissen, dass die Einkehrmöglichkeit am Rande des Dorfes einen schattigen Biergarten hat!

Doch alle Anzeichen waren wieder nur leere Versprechungen, zumindest für den Augenblick bleiben die Wolken zugeknöpft, und so wäre ein Eis schön, vielleicht im nächsten Städtchen. Ohne Suchen führt uns der Weg zur östlichen Bad Freienwalder Vorstadt, und schon von Weitem verrät eine kleine Schlange den gesuchten Ort.

Pfad hinauf zur Höhe, unweit Altglietzen

Was wir hier finden, ist aber nicht einfach nur eine Eisdiele, sondern gemäß Beschriftung und durchaus überzeugend auch Eis- und Cocktail-Treff mit Pizzeria, wobei die Betonung deutlich auf Treff und dem namentlich unerwähnten Bier liegen sollte. Ein einladender Ort für jung und alt zum Kurzbesuchen oder zum Verweilen, drinnen urig, draußen mit kleinen Sitzterrassen und einer extralangen Eisleckbank. Eine pinke Schar eigenartiger Geister klappert im Zickzack die Straße ab, vor sich einen fahrenden Bauchladen, ist bald verschwunden und doch nie ganz weg.

Als sich die Eis-Schlange zerstreut hat, treffen wir unsere Wahl und werden darin vom zapferfahrenen Mann an der Eiszange bestätigt – die Damen nehmen meistens Waldbeere-Joghurt, die Männers fast immer Zitrone zur Schokokugel. Im Genuss verschmelzen die Kühlung unterm Gaumen und die eigens für uns bestimmte, schöne Wahrheit miteinander. Die mittsommerliche Sonne steht hoch über allem und denkt noch lange nicht ans Sinken.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
S-Bahn oder Regionalbahn bis Strausberg Nord, dann weiter mit Bussen (über Bad Freienwalde) (ca. 2 Std.); wahlweise auch per Regionalbahn nach Eberswalde, dort umsteigen nach Bad Freienwalde, dann weiter mit dem Bus (ca. 2,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Landstraße (B 158) nach Bad Freienwalde (Sommer 2022: derzeit großräumige Umleitung über Prötzel und Wriezen) und weiter nach Altglietzen (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 12 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Altglietzen (knappe Information)

Internet-Auftritt der Oderinsel Neuenhagen

Kulturerbe Oderbruch (mit kurzem Film)

Einkehr: Zur Satteltasche, Altglietzen
Zur Oderbrücke, Altglietzen
(mit 1 km Abstecher nach Schiffmühle: Fontanehaus mit Café)

Blankensee: Sand im Kamm, der Bunte Markt und die Doppel-Bärchen

Mit einem Mal ist es so, als wär’s nie anders gewesen – am Boden, im Buschwerk und in den Baumkronen ist es füllig grün, Gräser wogen im Wind und überall wo Platz ist zirpen die Grillen. Das Grün ist dieses ganz frisch gewachsene, welches in seiner Anfangsphase das Licht im Wald ein wenig flirren lässt, die Gräser waren vor ein paar Tagen noch nicht mal zu erahnen und die Grillen agieren schon derart souverän, als ginge nächsten Montag der Sommer in die Spur.

Ausdruckstanz auf dem Kamm der Glauer Berge

Eine Farbe der Maientage ist ganz klar das Gelb, das sich mit den großzügig verstreuten Butterblumen dotterkräftig ins saftige Gras mischt oder licht und flächig mit den Rapsflächen das Blickfeld ausfüllt und dabei nahezu unfotografierbar ist. Der etwas neonspröde und zugleich tiefgesättigte Gelbton scheint auch fortgeschrittene Sensoren auszutricksen und möchte am liebsten im Original und also unter freiem Himmel bestaunt werden.

Rastplatz auf dem Fuchsberg

Während Nase und Auge mit dem Wahrnehmen kaum hinterherkommen, gibt es auch für die Ohren schon erhoffte Neuzugänge, die alle klingen, als wären sie gesegnet mit Humor. Der Kuckuck, wohl der Vogel mit dem unverhandelbarsten Wiedererkennungswert, bringt allein durch seine beharrliche Variantenfreiheit die Mundwinkel etwas nach oben oder lässt für einen Augenblick an unbeschwerte Kindertage denken. Ist eben noch hier, gleich darauf dort und tönt einem fünf Sekunden später direkt vom nächsten Baum ins Ohr.

Lindenhof in der Friedensstadt Weißenberg

Zu den regelrechten Spaßvögeln und Plaudertaschen gehört hoch im Wipfelwald der gelbe Pirol mit seinem Gedudel aus schnell gespielten Versatzstücken des Freejazz. Drunten im Schilfgürtel märkischer Seen findet er einen Partner auf narrativer Augenhöhe mit dem Drosselrohrsänger, der auf verschmitzte Weise plaudert, schimpft und berichtet und für den Zuhörer meist mit dem Duft von offenem Wasser und Schilfgeraschel verbunden sein wird. Die Schwalben sind zwar schon eine Weile da, verhalten sich fürs Erste aber noch still. Und die Mauersegler lassen auf sich warten.

Pfad am Wildgehege Glauer Tal

Davon abgesehen ist Anfang Mai für viele Menschen eine Zeit fürs Gedenken, das Gedenken an die Toten, die in einem unfassbaren Krieg umkamen. Ein Krieg, so unvorstellbar, dass er selbst durch die vielen vorhandenen Bild- und Filmdokumente für Nachkriegsgenerationen nicht an Abstraktheit verliert. Hierzulande fand er an einem 8. Mai sein amtliches Ende.

Weitgehend losgelöst von den Nationalitäten der Gefallenen, Ermordeten und Umgekommenen besuchen in diesen Tagen traditionell viele Menschen verschiedenste Orte und Stätten, die an diese Ereignisse erinnern. In diesem Jahr ist das mit Spannungen unberechenbarer Art verbunden, Gedenken und Ruhe werden nur bedingt zusammen gehen.

Achtbeiner am Naturparkzentrum Glauer Tal

Wer sich trotzdem nicht völlig rausnehmen möchte, kann rund um Berlin oder auch in der Stadt selbst verschiedenste Orte finden, die klein und entlegen sind und dieselbe Art von Gedenken ermöglichen. Einer davon ist die Friedensstadt am Fuß der Glauer Berge, die vor gut 100 Jahren gebaut wurde, bereits nach 15 Jahren in missbräuchliche Nutzung geriet und deren Bild dann fast sechzig Jahre von militärischen Uniformen bestimmt wurde. Erst Mitte der Neunziger Jahre ließ sich wieder an die ursprünglichen Ideen des Gründers anknüpfen.

Friedensstadt Weißenberg

Das Ortsbild versteckt keine der Riefen der Geschichte. An den vielen Stellen, wo sicherlich jedem zweiten Besucher eine Frage erwächst, steht meist ein paar Meter weiter eine kleine Schautafel, die informativ, anschaulich und ohne schlauen Zeigefinder die geraffte Antwort liefert. Auf den ersten Blick oder bei bloßer Durchfahrt wirkt die Siedlung spröde und abweisend, doch ein Rundgang ist lohnend. An fast jeder nächsten Ecke ergibt sich ein neuer Kontrast, viele Orte strahlen Friedlichkeit aus. Werdendes steht neben Vergehendem, staubige Brachen grenzen an hübsch gestaltete Parkstreifen oder fantasievoll bunte, zaunlose Hintergärten.

Dorfmitte von Blankensee

Davon losgelöst kann man auch den Mai als Monat feiern, insbesondere nach den sechs Monaten mehr oder weniger Kälte und Frieren, und so lässt sich der Besuch der besonderen Siedlung in eine besondere Runde einbinden. Vier Orte liegen auf dieser Tour, die jeder einzeln schon als Ausflugsziel taugen würden und allesamt grundverschieden sind. Mit dabei sind einige Höhenmeter samt Bergkamm und Gipfelkreuz sowie eine ganze Reihe zauberhafter Pfade, die uns zum Teil der Zufall in die Karten spielte.

Nieplitz im Schlosspark Blankensee

Blankensee

Der sagenhafte Dorfladen wurde schon in einem früheren Dezember besungen, und er hätte es auch heute wieder verdient. Wer hier sitzt, fühlt sich wie im Urlaub. Kreuzung, Häuser und Geschehen wirken ein wenig wie in einem Dorf im Hinterland der Ostseeküste. Blankensee als Dorf scheint zusammengebaut aus einem gut bestückten Premium-Dörfer-Baukasten, der Grundriss ist unregelmäßig und keine Ecke gleicht einer anderen. Es gibt verschiedene Gastronomie, einen Feuerwehrturm mit Besuchertoilette und einen Imkerladen mit schickem Automaten. Hier kann man sich auch nach Ladenschluss verschiedenste Sorten Honig oder auch eine Tüte Honig-Doppelbärchen ziehen, die in ausgewogener Mischung fruchtig und nach Honig duften.

Aufstieg zum Kamm der Glauer Berge

Der Dorfladen ist legendär, das Café Fritz gehört dazu. Vorn an der Ladentür geht es zwischen spontanen Ruhephasen hoch her, Einheimische wechseln mit trödeligen Spaziergängern oder Radlern verschiedener Tempo-Klassen. Während auf den umgebenden Straßen die maierwachten Biker ihre Ringmuskulatur auf dem Tank ablegen und ihren urigen Gasthof im Walde ansteuern, haben hier weitaus ältere Radsport-Herren ihre drahtigen Gliedmaßen in synthetische Pellen verpackt, deren Farbkombinationen teils sehr laut fürs Auge sind. Unklar bleibt oftmals auch, was jetzt eingesetztes Polster ist und was nicht.

Kammpfad mit Flieder

Auf jeden Fall haben sich alle einen guten Appetit angeradelt und lassen den Füllstand der Theke rasch sinken – belegte Brötchen, Kuchenstücke und Schmalzstullen gehen gut weg. Manche Frohnatur spickt den Prozess mit einem originellen Spruch, den wohl jeder im Raum schon öfters gehört hat. Wem all das alles doch zu trubelig ist, der kann sich hinten in den Hof verkrümeln oder noch eine Pforte weiter in den idyllischen Wiesengarten, der saftig grün ist vom jüngsten Schauer.

Dünenrücken der Glauer Berge

Wir wollen nichts verpassen von dieser herrlichen Atmosphäre vor dem Laden und finden einen freien Tisch. Sitzen gut und plaudern, die Unterhaltung stimmt, und so verlängern wir um eine zweite Tasse. Vielleicht auch, weil der Aufstieg zum Bergkamm gleich bevorsteht. Holen noch ein Kuchenstück für die verdiente Rast am Gipfelkreuz, bevor endlich die Loslösung erfolgt, schweren Herzens. Und voller Neugier auf die ganzen kaum bekannten Stationen dieser Runde.

Am Anfang steht die Nieplitz, von deren Brücke sich eine pittoreske Vorschau auf den hochherrschaftlichen Abschluss der Runde ergibt – ein ansehnlicher weißer Parksteg, der sich mit noblem Spiegelbild über den Fluss krümmt. Im benachbarten Park steht ein Bauwerk von angenehmer Dekadenz, wohl nur dafür geschaffen, nach dem Erklimmen einer Stiege recht herrschaftlich von oben in den Park hinabschauen zu können.

Wiese auf den Glauer Bergen

Glauer Berge

Nach kurzem Verfransen in den bunten Nieplitzwiesen beginnt direkt an der Landstraße der Aufstieg, der nicht lange fackelt. Der Höhenrücken verleugnet nicht seine Dünenständigkeit, je weiter man an Höhe gewinnt, desto flächiger zeigt sich der Sandrücken. Immer schmaler wird der Weg, bis schließlich auf dem Kamm nur noch ein hinreißender Pfad übrig ist, der hakenschlagend und teils gitterhaft ausfransend seinen Weg nach Osten geht. Untypisch, erstaunlich und sehr passend für diese Woche im Jahr ist das reiche Vorkommen von Fliederbüschen hier auf der sandigen Höhe. Kleine gelbe Blütensterne kontrastieren schön dazu, dazwischen liegt der Weg.

Aussicht zum Blankensee

Der geht dann wieder in die Breite, in voller Sandigkeit und durchzogen von knorrigen Wurzelarmen, und streift eine größere Fläche offener Düne. Dahinter schwindet kurz die Klarheit, wo der Fontane-Weg nun geblieben ist, ungewollter bzw. verfrühter Höhenverlust droht. Doch bald ist die Markierung wieder da und ein späterer Zufallspfad erlaubt sogar eine sinnvolle Abkürzung, die einen in Kauf genommenen Höhenverlust vermeidet.

Aussichtsbank am Fuchsberg

Fuchsberg

So gelangen wir vorbei an markanten Geländescharten, die ähnlich prägnant ausfallen wie bachgeschaffene Nebentäler, fast direkt zum großen Wegweiser auf einer Trockenwiese, über der die Wolken mittlerweile sehr plastisch den blauen Himmel bevölkern. Gleich um die Ecke liegt nun ein herrlicher Aussichtspunkt, mit Rastraufe und Gipfelkreuz. Der Panoramablick reicht über den benachbarten Löwenberg, gut erkennbar am Aussichtsturm, über den glitzernden Blankensee bis weit ins Land und über die offenen und bewaldeten Weiten der Nuthe-Nieplitz-Niederung. Ganz im Westen ist bei guter Sicht eine ferne Höhe auszumachen.

Stüfchen unweit des großen Wegweiser, Glauer Berge

Friedensstadt Weißenberg

Der sanfte Abstieg verläuft über einen Wiesenweg, umrundet dann die Tier- und Pflanzenwarte und erreicht die Friedensstadt über eine abenteuerliche Treppe, die einst zum riesigen Terrassen-Café gehörte. Unten bei den Häusern herrscht buntes Treiben, aus einem Findlingsblock sprudelt Wasser, dicht drum herum hocken kommunikative Bänke. Über all dem steht am Giebel ein ausführliches Zitat von Herrn Weißenberg, dem visionären Initiator der Friedensstadt und Gründer der Johannischen Kirche, die sowohl hier als auch bei Blankensee eine Rolle spielt.

Tiergehege am Abstieg

Die Siedlung ist wie beschrieben eindrucksvoll uneinheitlich, hier und da sind noch gut die Grundstrukturen zu erkennen, insbesondere am angerähnlichen Lindenhof, der hier mit seinen Siedlungshäusern wie ein eigenes kleines Dorf wirkt. Viele bunt gemischte Kinder sind zu zweit oder in Trupps unterwegs beim Spielen und schlitternden Staubaufwirbeln, Wettrennen und Fangen oder beim gemeinsamen Bestimmen, wer das nächste Spiel bestimmt. Begegnen uns immer wieder, an den allen möglichen Ecken der vielfach verschränkten Siedlung, Wald, Wiese, Kieshaufen. Es ist hinreißend und echt, fast wie ein Bild aus der eigenen Kindheit, wo Strom keinerlei Rolle spielte oder man ihn allenfalls für die kleine Taschenlampe in der Hosentasche brauchte. Wo die Eltern derweil sind, klärt sich schon bald.

Vergehendes Terrassenlokal über der Friedensstadt Weißenberg

Der Staub wurde eben erwähnt, da ist es nicht weit zum Durst. Vorhin sahen wir einen schönen Pavillon mit Biergarten, die Läden hochgeklappt. Doch obwohl die Spülbecken gefüllt sind und die Gläser frisch tropfen, gibt es hier nichts für die Kehle, erst nächste Woche beginnt die Saison, für die gerade alles klargemacht wird. Doch wenigstens einen Hinweis, da lang, noch vorbei an der Ladenzeile, da is schon zu, und noch hinterm Café Tassé in der Markthalle, die is bis dreie offen, da könnse sich was rausholen. Markthalle, echt?

Giebelschrift am Frieda-Müller-Haus

Bunter Markt

Unterwegs treffen wir noch auf einen weiteren Trupp Kinder, die sich allesamt im ausladenden Unterrock einer riesigen Konifere ihre Höhle erfunden haben und einander Geflüstertes zuraunen. Hinter der nächsten Wiese steht schon die Markthalle, die wahrhaftig so heißt und noch weit mehr so ist, als wir uns hätten vorstellen können. Gut, dass der Kiosk noch nicht offen war, sonst wären wir hier womöglich vorbeigelaufen.

Siedlungshäuser am Lindenhof, Friedensstadt Weißenberg

Drinnen sind zich Stände aufgebaut, von Handwerk, Kunst und Handarbeit über Kitsch und Antikes bis zu schönstem Trödel, natürlich auch Verschiedenes zum Sattwerden und Durstlöschen. Die Atmosphäre ist herrlich, es ist gut gefüllt und Bunter Markt ist tatsächlich der passende Begriff. Beim Hinterausgang gibt es auch noch einen Grillstand und sogar kleine Livemusik. Einmal im Monat findet das hier statt, und wenn uns heute auch die Muße fehlt, ist einer der nächsten Termine gesetzt für den ausführlichen Besuch, der sicherlich mit zwei vollen Beuteln enden wird und die Sorge um herzige Weihnachtsgeschenke in Luft auflöst. Wer schon einmal den Weihnachtsmarkt der Johannischen Kirche in Blankensee besucht hat – so ähnlich kann man sich das vorstellen, nur eben ohne Schal und Handschuh.

Ladenzeile am Festplatz, Friedensstadt Weißenberg

Eine staubige Brache später folgt das nächste faszinierende Gebäude, weder Ruine noch verfallend, irgendwie zwischen allem. Vom etwas erhöhten Weg fällt der Blick hinab in die Niederung, wo eine kleine Tribüne über einen großen Sportplatz wacht. Es dürfte spannend sein, dieses Ort hin und wieder aufzusuchen und jeweils auf die Pirsch zu gehen nach Stellen, wo sich was verändert hat.

Parkweg zur Markthalle

Unterhalb des Hanges der Glauer Berge ist es vielleicht eine Viertelstunde bis zum Friedhof, der nicht nur seiner Fachwerk-Kapelle wegen eine besondere Wirkung ausstrahlt. Den Lehren der Johannischen Kirche folgend sieht hier jeder Grabstein aus wie der daneben, wie ein Ruhekissen in aufgeklopfter Echtgröße. Weiter hinten gibt es noch eine Wiese mit Holzkreuzen, unter denen vielleicht auch die polnischen Zwangsarbeiter ruhen, die hier in der NS-Zeit ihren Tod fanden. Auf dem Friedhof ist richtig Betrieb, überall wird gehackt und gefegt und gejätet, viele sitzen auch einfach gemeinsam auf dem Boden und erzählen miteinander.

Friedhof der Johanneschen Kirche bei Glau

Glau

Auf dem Weg nach Glau fallen die ersten Tropfen, das ist jetzt wohltuend und nimmt den Staub etwas aus der Luft. Rechts des Weges steht ein kleines Dreigestüf, um ohne Peinlichkeiten auf einen Pferderücken zu gelangen, links dahinter folgt ein winziger Friedhof mit ehrwürdigen Familiengräbern an der rechten Seite. Kurz darauf stehen wir vor der Dorfaue, die mit ihrem halben Rundling und den großen abgerundeten Toren daran erinnert, dass man im Fläming ist.

Dorfaue im Dorf Glau

Das Dorf liegt im Glauer Tal, aus dem es jetzt wieder einige Höhenmeter hinauf geht. Der Wald ist übervoll von Maigrün mit kleinen gelben Punkten links und rechts des Weges. Es duftet süß und aromatisch, auch wenn nirgendwo Waldmeister zu entdecken ist, dann noch lieblich, und bald zeigen sich kleine Felder blühender Maiglöckchen als Erklärung. Waldstücken wechseln mit Feldern und Wiesen, hier und dort liegen frischgefallene Pferdeäpfel, die hier unbedingt hingehören. Bald ist weiter vorn auch der passende Hintern zu sehen, bevor er im nächsten Wald verschwindet.

Glauer Tal am Ravensberg

Am Fuß des Ravensberges, dessen Gipfel wir umgangen haben, beginnt nun die flache Niederung des Glauer Tals, die sich entlang des Faulen Grabens bis nach Glau zieht. Eine andere Welt, mit weitem Blick zum betürmten Löwenberg und das Tal hinab in Richtung Blankensee. Entlang des Plattenweges gibt es einen Wassergraben, dahinter dichtes struppiges Buschgebäum, dessen Stämmchen dem Anschein nach alle im Wasser stehen.

Bald nach dem Einsetzen des nächsten Niesels verdichtet sich dieser zu einem richtigen Regen. Kiefern halten einiges ab, und so stellen wir uns ein Weilchen unter und holen die abhanden gekommene zweite Rast notdürftig im Stehen nach, während es draußen kühler wird und würzig duftet von überall her. Zwei Autos passieren derweil, ohne Staub aufzuwirbeln.

Birkenwald im Wildgehege

Wildgehege Glauer Tal

Hinter dem nächsten Wäldchen sind Kinderstimmen und zugehörige Familiengeräusche zu hören, kurz darauf sehen wir auch schon eine Rastraufe und den filigranen Zaun, der das große Wildgehege umgibt. Stattliche Hirsche in Rot und Dam soll es hier geben, auch Muffelwild, das ja durch die Schönower Heide als Großmeister im Verstecken bekannt ist. Damwild können wir später kurz sichten, darunter zwischen den Birkenstämmen auch eins in weiß, sodass bis zuletzt ein kleines Fragezeichen bleibt.

Nach dem ersten Zaunkontakt verfransen wir uns kurz, den alten Weg gibt es nicht mehr, doch wenn man vom Raufeblick einfach dem Zaun folgt, kommt man ohne ziepende Ästchen und eingezogenen Kopf auf einen der schönsten Pfade weit und breit. Die liegengebliebene Klappbrücke irgendeiner Armee reicht hier noch über ein austrocknendes Fließ, bevor dieses zauberhafte Stück Weges beginnt. Erst öffnet sich der Blick über eine saftige Wiese, die voll ist von pludrigen Butterblumen, dann geht es als Gasse durchs Buschwerk. Links begleitet den Weg eine lange Reihe von Bäumen.

Pfad zum Naturparkzentrum

Hinter dem feuchten Teil  der Wiese grasen Kühe auf viel Platz, weiter hinten stehen andere knöcheltief im Stroh oder haben ihren Kopf schon in eine Strohrolle hineingefuttert. Zwischen beiden Lagern rennt und karjohlt mit der Energie eines kleinen Kindes ein Kälbchen, im unregelmäßigen Hopserlauf und hochvergnügt. Ein Gleichaltriges versucht mitzuhalten und schafft es eine Weile, doch dreht irgendwann ab und holt sich etwas Kuhwärme von der Mutter.

Abendbrot unweit von Glau

Naturparkzentrum am Wildgehege Glauer Tal

Nach etwas Straße geht es am Parkplatz auf schönen Pfaden mit allerlei Stationen und Tafeln in ein verspieltes Gelände mit großen Wiesen, einem weiten Schafgatter sowie der schönsten Riesenspinne, die man je gesehen hat. Sie hockt über einem Netz zwischen den Hügeln der Spielplätze und sieht zwar eindrucksvoll, doch gar nicht angsteinflößend aus, sodass man ihr auch als Spinnenvermeider gern näherkommt.

Hinterm Schafgehege ist eine kleine Arena aus Strohrollen aufgebaut, in der man herrlich herumklettern, toben und springen kann, ohne dass sich irgendwer um irgendwas Sorgen machen muss. Das Stroh am Boden ist so dick, dass man weich einsinkt, doch nicht bis zum Boden kommt, ein herrliches Gefühl. Und damit verbunden die seltene Option, sich einfach mal an Ort und Stelle umplumpsen zu lassen.

Spielpark beim Naturparkzentrum Glauer Tal

Gerade noch freut sich ein Bengel über die Effekte selbst gepumpten Wassers in den Rinnen des Wasserspielplatzes und ruft seinen Kumpel zum Mitstaunen und schaumalwasichhierundso, da fängt es richtig an zu pladdern. Wir werfen noch einen kurzen Blick ins verglaste Naturparkzentrum, wo sich die Wärme des Tages gesammelt hat. Für den Nachmittagskaffee ist es leider zu spät. Auf frischem, hellen Holzmulch verlassen wir das Gelände durch wasserreichen, üppig grünen Wald.

Auf dem Weg zum Wildgehege haben sich Pfützen gebildet. Ein drittes Mal geht es über den Faulen Graben, bevor dann ein gemütlicher Alleeweg unterhalb des kaum wahrnehmbaren Mühlenberges auf Blankensee zuführt. Trotz des anhaltenden Regens ist dieser von der sinkenden Sonne warm durchleuchtet. Zu beiden Seiten steht das Korn schon fast kniehoch, das ging jetzt schnell. Vorhin gab es sogar schon den würzigen-kräuterigen Duft einer ersten Wiesenmahd.

Weg nach Blankensee

Blankensee

Einmal schräg über die Straße bietet sich überraschend ein kleiner Schleichweg an, der nun über Wiesen- und Waldpfade direkt zur Seepromenade verbindet. Rechts liegen unter schweren Wolken weite Wiesen, bis hin zum nächsten Schilfgürtel. Erwartungsgemäß wird es jetzt hier recht voll, denn selbst lauffaule Besucher von Blankensee werden den bekannten Holzsteg überm See aufsuchen, auch wenn der bald mal etwas Zuwendung bräuchte.

Blankensee mit Wetterwolken

Vorn auf der einzelstehenden Aussichtsbank am See haben sich zwei Mädels eingerichtet, genießen lose plaudernd das Schauspiel von ölig glitzerndem See unter dramatisch aufgebautem Wolkenhimmel, während unten Schwäne ihre aufwändigen Starts hinlegen, ganz oben die Kraniche mit der Thermik spielen und eine Ecke weiter scharenweise Gänse und Enten versuchen, die Sprachbarriere zu überwinden.

Auf dem Steg haben sich Vogelkieker versammelt, mit kleiner und größerer Optik. Die mit den ganz großen Rohren saßen heute zu Beginn des Tages beim Dorfladen am Nebentisch und plansimpelten über den Verlauf des Tages und die erhoffte Ausbeute, die sind hier schon längst durch und jetzt an irgendeinem wenig bekannten Platz mit vielen Vögeln und noch mehr Abendstimmung.

Uferweg an der Nieplitz zum Schlosspark

Dann gibt es noch die akademischen Betrachter mit hohen Brauen über beflissenen Augen, dabei den Kopf im selbstbestätigenden, weichen Nicken, natürlich auch die Heranwachsenden im schwierigen Alter, die mitmussten, auch wenn der Steg kein Welahn hat, und schließlich die geduldigen Genießer, die ein paar Minuten oder eine Viertelstunde auf ihre Bank gelauert haben und jetzt ihren verdienten Platz genießen. Die Stimmung ist friedlich, die Menschen nicht lauter als die Vögel auf dem See oder das Rauschen des Windes im griffnahen Schilf.

Brücklein im Schlosspark Blankensee

Noch vor der Brücke über die Nieplitz beginnt ein Uferpfad, der perfekt zur letzten Viertelstunde passt. Links eilt das gerade ein wenig hinabgestürzte Flüsschen vorbei, rechts liegen Teiche mit breiten Schilfgürteln, und über den Weg hängen wie gewachsene Vorhänge die Äste von Weiden. Wäre die Tageskraft nicht schon am Ende, würde man diesen Weg vermutlich noch ewig in die Länge ziehen. Links in den Wiesen sind große Teppiche schlohweißer Blümchen zu sehen.

Hinterm Bruch geht es nun links durch den Schlosspark, der klein, fein und verspielt ist. Auch wenn es vielleicht nur fünf Brücklein sind, scheinen bei jedem Blickschwenk immer neue hinzuzukommen. Ein herrschaftliches Portal entlässt aus dem Park. Direkt dahinter sollte man unbedingt ein paar Schritte nach links gehen, denn hier ist der erwähnte Bienenladen. Selbst wenn geschlossen ist – der Honig-Automat hat rund um die Uhr geöffnet, vermutlich sogar an jedem Tag des Dezembers.

Imkerladen mit Allzeit-Automat

Sollte man also wirklich einmal in eine Honig-Not geraten, ganz gleich ob un- oder verschuldet, und keinerlei Aufwand scheuen wollen, finden sich hier zu jeder Zeit Lösungen. Die Doppel-Bärchen übrigens, die man hier auch bekommt, sind immer Hand in Hand bzw. Tatz in Tatz und taugen damit gut als Botschafter des Friedens. Vielleicht sollte man sie einmal pauschal in alle Hauptstädte der Erde verschicken.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn von Berlin-Hbf. oder -Südkreuz nach Trebbin, dann Rufbus Kranich Express (ca. 0,75-1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 101 über Berlin-Marienfelde und Trebbin (ca. 1-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 17,5 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zu Blankensee

Faltblatt Glauer Berge (PDF)

Friedensstadt Weißenberg

Glauer Tal – Wildgehege

Naturparkzentrum Glauer Tal

Einkehr: div. Möglichkeiten in Blankensee
div. (Imbiss-)Möglichkeiten in der Friedensstadt
Kleines Café im Naturparkzentrum

Lichtenow: Brunnenstaub, die schöne Dammscharte und das Meer in Blau

Der Winter hat sich längst vom Hof gemacht, doch die Kälte ist geblieben und macht fast ein halbes Jahr ohne nennenswerte Unterbrechungen voll. Wegsortierte dicke Jacken, Mützen und sogar Handschuhe wurden wieder hervorgeholt, die Heizsaison notgedrungen fortgesetzt. Die Infektionsthematik ist unterdessen zur lebensbegleitenden Gewohnheit eingelaufen und wurde in ihrer medialen Relevanz nochmals eingedampft durch ein Individuum, das mit seinen Handlungen die halbe Welt aus den Angeln gehoben hat.

Alter Bahndamm in Lichtenow

Dagegen scheint kein Trost- oder gar Gegenkraut gewachsen. Allenfalls Solidarität hilft ein wenig und jeder tut in diesem Rahmen, was er so tun kann. Dass nun endlich der Frühling sichtbar wird, ist keine direkte Hilfe, doch mehr Tageslicht, weniger Kälte und die erwachende Natur sind rein praktisch und auch für das allgemeine Seelenleben sehr willkommen.

Kagel im Rückblick

Während die letzten Frostnächte es bis in die Mitte des Aprils geschafft haben, kommt jetzt dieser Zeitpunkt, wo von einem Tag auf den übernächsten jeder Park von punktuellem Grün auf flächigeres überblendet, das Laubvolumen täglich wächst und der Duft der Natur auch ohne nächtlichen Regen präsent ist. Alles wird durchwirkt von Düften, Würze und Licht, Sonne und Wind, von Farbkraft und Vielfalt in allen Dingen. Der Frühling ist da und verstreicht einigen Balsam auf allem, was es so gibt.

Stiege im Alten Bahndamm, Lichtenow

Was die knappe Wegesammelei in den Monaten seit Spätsommer betrifft, sammelten sich in einer verwandten Dimension die Worte über Sinne durch die Luft in den Kopf durch die Finger auf das Blatt und dann raus in den Druck – und liegen jetzt als griffiger Schinken in den Theken. Zu Recherchezwecken ging es in diesem Rahmen wochenlang recht wild zu, im Sinne von hohem Gras, naturnaher Abgeschiedenheit und intensivem Erleben von Tier- und Pflanzenwelt. Mittlerweile hat sich die Lage normalisiert und in den Berichten wieder die Mischung eingestellt, wie man sie von dieser Seite kennt – hier ein Dörfchen, da ein Städtchen und dazwischen viel Natur.

Improvisierter Steg über den Stöbberbach

Lichtenow

Von Fangschleuse bei Erkner bis zum hübschen Dörfchen Hoppegarten erstreckt sich eine längere Kette aus Seen, von deren Mitte es nicht weit ist nach Lichtenow. Das ursprüngliche Dorf liegt etwas abseits, verfügt über einen festerprobten Anger sowie über den Zickenberg, auf dem schon manch illustres Mannschaftsspiel ausgetragen wurde, gern auch ausgestattet mit Schank und Grillständen. Manche Bestellung gegen Ende des Spielgeschehens wurde mit weichgezeichneten Konsonanten und reich an gedehnten Vokalen zur gelallten Formulierung gebracht, dann nach einer gedämmerten Kunstpause noch leise und eher an sich selbst gerichtet um ssweykümmalinge erweitert.

Verkappte Anemone in blau oder Leberblümchen

Was die meisten Leute von Lichtenow sehen, sicherlich meist aus dem Auto, ist die Ortslage entlang der Schnellstraße – Tanke, Ampel, Blitzer. Doch aussteigen lohnt sich, denn neben dem weithin sichtbaren und leicht zu entdeckenden Ringofen mit seinem gut gepflegten musealen Mobiliar gibt es noch einen schönen Dorfrundgang sowie ein paar Badeweiher mit Rundpfaden zu entdecken, auch der Fließweg über die Wiesen ins alte Dorf und die schöne Lindenallee auf dem Rückweg bieten dem Auge einiges Schöne.

Rund um die Kreuzung, die ihren bestimmten Artikel ganz zu Recht trägt, gibt es in Lichtenow eine Art Kiez, der die meiste Zeit über von einem gewissen Leben erfüllt wird. Direkt an die Tanke grenzen eine im Rahmen der Virusjahre stilvoll aufgedonnerte Dönerbude, die jetzt auch Döner-Tempel oder Dön Royál oder Dö|N|A heißen könnte, sowie ein Blumenladen, dessen Name hohe Erwartungen weckt und auch erfüllt.

Mühlenfließ nördlich von Lichtenow

Direkt auf der Ecke gibt es noch das indische Mehrzweck-Lokal, dessen Namen beim schnellen Lesen ohne Brille kurz das Bild umgehängter Blumenketten aufblitzen lässt. Direkt gegenüber liegt ein leicht zu übersehender Park mit schöner Eisleckbank, diagonal gegenüber die große Wiese mit dem Ringofen, bei deren ampelgebremsten Erreichen das Eis jedoch schon tropfen könnte.

Alte Schule bei Lichtenow

Unweit der Kreuzung beginnt der Fließweg und bietet einen Extrabogen für all jene an, die das Lichtenower Mühlenfließ binnen einer guten Stunde so oft wie möglich queren wollen. Beim ersten Mal öffnet sich nach Norden ein weiter Blick, oft mit fernen Kühen und immer mit vereinzelten Kronenbäumen, die dem Kirchblick zum Dorf gut stehen.

Wiesen gen Lichtenow Dorf

Entlang des Fließes wurzeln hochgewachsene Erlen, im Wasser selbst tummeln sich manchmal die eher hochkanten Laufenten beim Bade und sind dann kaum von Watschelenten zu unterscheiden. Gleich dahinter wurde ein Landlust-Traum verwirklicht. Garten und Haus der Alten Schule, jetzt ein Mehrgenerationenhaus, lassen den schweifenden Blick alle paar Meter irgendwo hängenbleiben und bieten Rustikales und Schönes und Naturromantik in Vollkommenheit.

Alleeweg von Lichtenow zum Dorf

Dahinter beginnt links des Weges ein Heckenstreifen, der noch relativ frisch ist und trotzdem seiner Funktion schon gerecht wird. Ein Abstecher ins Dorf passt heute nicht, und so bleiben wir am flüssigen Thema und schwenken zu einer der schönsten Bürgersteig-Passagen weit und breit. Nicht die Straße ist hier die Allee, vielmehr stehen die alten Linden beiderseits des schmalen Asphaltbandes für die Motorlosen.

Goldenes Lamm

Die Querung der Landstraße braucht ein bisschen Geduld. Auf dem Weg zur nächsten Bachbrücke lockt rechts der Gasthof mit seinen Angeboten in Kreideschrift, und obwohl viele noch beim Frühstück sitzen dürften, gestehen wir uns den Hungerast der Nachosterzeit ein und ziehen die Einkehr deutlich vor. Sind ja auch schon mehr als eine Viertelstunde unterwegs. Ein Tisch ist frei, das Interieur steht klar im Zeichen des Schafes.

Schafe im Wiesengrund des Lichtenower Mühlenfließes, Lichtenow

Nach dem Herumsitzen im Rahmen der Energie- und Mineraliengabe sind wir nun erst richtig träge, doch die ersten Ablenkungen gibt es schon nach wenigen Metern in Form der nächsten Bachquerung und der sehr ansehnlich verteilten Schafe, die an diesem sonnigen Tag wahrhaftig schon auf Schattensuche sind. Verständlich, denn noch sind vollständig eingestrickt und können nicht wie unsereins die Jacke etwas lüpfen oder sanftrebellisch die Mütze vom Kopf ziehen. Der Bachlauf zieht schmal durch eine sanfte Wiesenfurche und lässt nichts davon ahnen, wie es an der nächsten Querung aussieht.

Auf dem Alten Bahndamm in Lichtenow

Alter Bahndamm

Nach dem Verlassen der großen Straße wird es schnell still und Pferde bestimmen die Wahrnehmung. An einer der Tafeln des Dorfrundganges wird eine Gedankennotiz in die Tat umgesetzt, der Weg hatte vor zwei Jahren schon mit aller Kraft gelockt. Auf einem alten Bahndamm führt er oberhalb von Pferdeweiden entlang, voraus erhebt sich die eindrucksvolle Ruine eines Speichers, rechts und links werden Pferde bewegt oder bewegen sich selbst.

Bachscharte im Bahndamm mit Stiegen

Im Fuß des Dammes wurzelt eine lange Reihe stattlicher Eichen, die den Weg mit ihren kräftigen Auslegern teils komplett bedachen. Gleich wird die nächste Gedankennotiz abgelegt, für die Zeit mit vollem Laub am Baum, es muss bezaubernd sein. Wo das Mühlenfließ einst eine Bahnbrücke erforderlich machte, ist jetzt eine Art Taldurchbruch entstanden, der diesem kraftvollen Ort mühelos Ehre macht.

Ein knorriges Geländer begleitet ein paar Stufen, während gegenüber schon das pittoreske Pendant zu sehen ist. Ein überaus fotogenes Plätzchen, wie man es wirklich nicht erwartet hätte im platten Hinterland des guten alten Lichtenow. Der Blick von drüben auf die erste Treppe legt dann noch zwei Schippen drauf, wird die Szenerie doch um eine hangständige Doppeleiche ergänzt, die dem Ganzen wirklich Wucht verleiht.

Dammkiefer in großer Geste, Lichtenow

Auf dem nächsten Abschnitt gibt es nun als Dammausstattung auch Buschwerk und eine theatralische Kiefer, bevor die nächste Tafel des Dorfweges den Verdacht auf Bahndamm bestätigt. Das Gleis verband die Lichtenower Ziegelei mit dem weiterführenden Bahnnetz bei Herzfelde.

Gebirgsstiege zum Alten Bahndamm

Nach dem Abbiegen beginnt als schöner Kontrast eine wohltuende Waldpassage, die nach dem Regen der letzten Tage diese Düfte freisetzt, die mit dem Aufblättern des ersten zarten Laubes einhergeht. Noch sind sie selten, die Bienen und die Hummeln. Doch einige trotzen dem kühlen Windhauch, und so summt manchmal schon ein dicker Brummer dicht am Ohr vorbei und lässt schon ganz kurz an den Sommer denken, wo das so ein typisches Geräusch beim dämmrigen Fläzen in der Wiese ist.

Liegendes Sturmholz im Wald

Viele Holzstapel liegen im Wald, die meisten ziemlich frisch, vom Reinemachen nach dem letzten Sturmgeschehen. Manche Stapel duften ätherisch und sind dabei gern klebrig, die Harthölzer hingegen riechen eher nach neugekauften Vollholzmöbeln oder nach gar nichts, und die Robinienstämme zeigen ihren ganz eigenen Duft, wenn man tief und lange einzieht durch die Nase. Hier und da weht eine Brise Waldmeister durch den Wald, woanders sorgen Balsampappeln für vergleichbare Frische und Aromen.

Wiesengrund am Weg nach Kagel

Wegen querliegender Bäume ist der nächste Weg fürs Erste auf das nahe Stoppelfeld verschoben worden, kurz vor dem Mühlenfließ führt er dann wieder zurück. Das hübsche Steinbogenbrücklein mitten im Walde wird derzeit grundlegend erneuert und dürfte noch in diesem Jahr fertig werden. Wer zu Fuß ist, kommt dank einiger Planken trotzdem mit trockenen Schuhen ans andere Ufer.

Gemischter Wald am Mühlenfließ

Diese letzte Querung des Tages ist zugleich auch die letzte mögliche, denn ein paar Bachwindungen weiter landet das von Ruhlsdorf daherkommende Bächlein im Elsensee. Das Wasser wird ein paar Seen weiter an die Löcknitz weitergereicht und landet schließlich in der schönen Spree.

Lichtenower Mühlenfließ im Walde

Nach dem nächsten Waldstück quert eine breite Schneise, die weitgehend von mannshohen Ginsterbüschen ausgefüllt wird. Das muss prächtig aussehen zur Ginsterblüte, und so wird ein weiteres Lesezeichen hinters Ohr geklemmt.

Brücke übers Mühlenfließ

Kagel

Hinter dem nächsten Waldstück folgt, gekleidet in erwachendes Grün, ein verzweigtes Stück Bruchwald, und kurz darauf rückt in greifbarer Ferne der Kirchturm von Kagel in den Blick. Ein schlingernder Pfad, den keine Karte kennt, lockt auf gut Glück quer über die weiten Wiesen, oben drüber haben sich im Laufe des Tages weiße Wolkenberge am blauen Himmel gesammelt. Beides zusammen sorgt dafür, dass man tief atmet, breit grinst und für diesen Augenblick kurz abkoppelt von allem, was da sonst so läuft.

Schneise mit hohem Ginster

Der Pfad funktioniert bis zu den letzten entscheidenden Metern, auf denen im breiten Schilfgürtel ein Wasserlauf gequert wird. Hinter einigen Gärten sind ein Ziegenbock und Schafe über ein verspieltes Gelände voller Holz verteilt, und je länger man dem Blick Zeit lässt, desto mehr Schafe werden es.

Eins von ihnen scheint den Presserummel zu kennen und stellt sich beim Erkennen der Kameralinse umgehend in die entsprechende Pose, wie man es gut von Z-Promis, medialen Selbstvermarktern und kleinen Kindern kennt. Die frontale Halbgrimasse wird über eine halbe Minute stabil gehalten. Ob es auch sein Maul spitzt, ist dem schwarzen Kopf geschuldet nicht zu erkennen. Die weiße Ziege im Hintergrund schüttelt nur augenrollend den Kopf und gibt sich dann weiter dem Schattenbade hin.

Am Bruch vor Kagel

Auf dem Dorfplatz in Kagel gibt es eine Art Dorfgemeinschaftshaus mit schönen Außenanlagen, davor einen großzügigen Dorfplatz mit unzähligen schönen Sitzmöglichkeiten und einem Brunnen, der zur Zeit noch staubt. Das Café, was es hier einmal gab, fehlt ungemein, und so setzen nahezu alle Passanten ihren Weg fort – die ersten cruisenden Biker mit dem breiten Tank als Bauch- und Bartablage, das rege Rudel Radler mit dem nächsten Ziel im Blick, ebenso die ersten offenen Cabrioten mit Fahrtwind-Kaltwelle am Scheitel.

Wiesen vor Kagel mit Querpfad

Auch ein einzelner Vertreter der Dorfjugend fährt vor, lässt die blank gewienerte Simmi mit dem obligatorischen Aufheuler verstummen und wartet, ob aus eins gleich zwei wird oder drei – so wie der Bus manchmal an nie benutzten Endhaltestellen wartet, ob ausgerechnet heute doch ein Fahrgast kommt.

Eine kleine Familie auf der Durchreise hat den netten Spielplatz für sich entdeckt, der Papa fragt uns, ob es hier irgendwo eine Toilette gibt. Kirche, Gemeinschaftshaus – sicherlich, wenn eins davon offen ist. Naja, die Saison beginnt ja bald, doch für heute muss es noch der nächste Busch am Dorfrand tun. Die Simmi springt beim ersten Tritt an, sucht das Weite und hängt noch kurz als Zweitaktduft überm Platz. Obendrüber stellen die ersten Schwalben dieses Jahres nun endgültig sicher, wie es um den Frühling steht.

Holz und Wolle und allerleih rau

Der Weg aus dem Dorf führt über die Straße Am Winkel, die bald schon Am Dudel heißt. Rechts zeigt kurz der Spiegel des Bauernsees sein intensives Blau. Der Fahrweg wechselt von Kopfsteinpflaster auf märkischen Sand, wird begleitet von anspruchslosen gelben Blümchen und rundkronigen Bäumen in allen möglichen Stadien von Blüte und Laub. Das standardmäßig passierende Auto tut seinen Job und staubt in die richtige Richtung.

Weg oberhalb des Bauernsees, Kagel

Entlang eines länglichen Areals rätselhafter Kies- und Sandhaufen zieht sich ein kleiner Waldstreifen, begleitet von einem wonnigen Wiesenweg, der jetzt endlich zum Seeufer führt. Kurz davor macht ein kleiner Pfad neugierig, der vorbei an einem eigenartigen Bungalow hinab zum Seeufer führt.

Der verfallende Bau hat nach vorn eine große Fensteröffnung, darunter zwei ungewöhnliche Rundlöcher, durch die ein Medizinball passen dürfte. Da direkt gegenüber das weiträumige Ensemble der bis heute bedeutenden Sportstätte Kienbaum liegt, hatte es sicherlich damit zu tun. Vielleicht wurde zwischen hier und dort etwas quer über den See gespannt, was für den Bootssport nutzbar war.

Am Liebenberger See gegenüber Kienbaum

Zwischen einem umzäunten Heckenstreifen und der kleinen Steilküste schlängelt sich ein Pfad, der hier und da ein Winden des Oberkörpers oder Einziehen des Kopfes einfordert. Hin und wieder gibt es Stellen unten am Ufer, die im Sommer zum Einstieg taugen sollten. Eine in jeglicher Hinsicht bunt gemischte Traube Leute kommt uns entgegen mit schicken und normalen Angeln sowie klappernden Plastekoffern voller Zubehör. Ausgewichen wird wie auf Bergpfaden üblich, sodass der Absteigende den Vortritt lässt. Derweilen kräuselt der auffrischende Wind die Wasseroberfläche und lässt den Liebenberger See flächig funkeln.

Blick zur Sportstätte in Kienbaum

Jenseits der Landstraße wird es jetzt ein bisschen experimentell, denn es ist nicht gewiss, ob da ein Weg ist und falls ja, ob er gangbar ist. Doch es könnte sich lohnen. An der Schneise noch ist alles trocken, dann wird es schmaler, urwüchsiger und mehr und mehr morastig. Der zerlatschte Boden ist ein gutes Zeichen, die schwarz stehenden Pfützen hingegen verlangen nun kurze, spitze Schritte und etwas Toleranz beim Hinnehmen nasse Füße.

Notdürftiger Steg über den Stöbberbach

Stöbberbach

Ein erstes Rinnsal lässt sich dank ausgelegter Dickäste passabel queren. Kurz dahinter fließt der Stöbberbach auf dem letzten Kilometer seines südgewandten Laufes, kurz bevor er in die Löcknitz mündet. Von einem früheren Besuch ist bekannt, dass eine Querung per beherztem Sprung oder mit Hilfe eines kleinen Steges möglich sein sollte. Der Steg ist weg, sein Geländer jedoch noch da und eine Handvoll vertrauenswürdiger, armdicker Äste wurde quergelegt, so dass wir gut hinüber kommen. Drüben steht eine winzige Blechhütte, eher ein türloser Geräteschuppen, für den man bei starkem Regen sicherlich dankbar ist.

Zartes Blümlein blau

Drüben stoßen wir dann auf ein spätes Leberblümchen, wobei aus meiner Sicht der Name diesem süßen Blümlein nicht gerecht wird. Blaues Buschwindröschen passt da schon eher, auch wenn sich die Experten uneins sind, ob das in Ordnung geht. Na wie auch immer: während sich bevorzugt in Buchenwäldern weiße und seltener auch gelbe Buschwindröschen finden lassen, sind diese blauen Blüten weitaus seltener anzutreffen. Allen dreien gemein ist, dass sie hinreißend im Wind wackeln können und dass sie die Zeit zur Blüte nutzen, bevor sich das Laub die Baumkronen dichtmacht.

Im Wald östlich des Stöbberbaches

Manchmal trifft man auf ein paar mehr dieser zartblauen Sterne, doch was jetzt beginnt, hatten wir so noch nicht. Je länger man schaut, desto mehr werden es und desto dichter stehen sie. Es bleibt auch nicht bei dieser einen Stelle, sondern geht mehr als eine Viertelstunde so weiter, auch abseits vom Bachtal und in wechselnden Waldarten. Es ist wirklich bezaubernd, nicht zuletzt wegen des Kontrastes zwischen dem zarten Farbton und dem allgemeinen Erdton des vorjährigen Laubes.

Zuletzt stellt uns der Stöbberbach auf eine weitere Probe. In der offenen Internet-Karte war ein Querungssteg verzeichnet, doch nachdem der Weg jenseits der Schneise bis zur Unsichtbarkeit ausfranst, stehen wir vor dem munter fließenden Bach, dessen weiche Ufer ein Überspringen ausschließen. Zu unserem Glück hat der Sturm einen dicken Baumstamm so gelegt, dass man mit etwas Geschick ans andere Ufer kommt. Da das mit dem Geschick so eine Sache ist, dient ein kräftiger Ast als Stelze und Stütze, lässt ein trockenes Ende zu. Glück gehabt!

Wiesengrund gen Kagel

Nach ein paar Minuten an der Straße beginnt links eine Wiese, auf der sich gut gehen lässt. Links reicht der Blick weit, noch einmal zur Kirche von Kagel. Nach dem geduldigen Queren der stoßweise verkehrsreichen Bundesstraße beginnt nun ein breiter Alleeweg zwischen hohen Bäumen, der schnurgerade nach Zinndorf führt. Mit Laub in den Kronen ist er erheblich schöner, heute wirkt er noch etwas spröde.

Am Pferdehof bei Lichtenow

Vorbei an einigen Windrädern und mit dem Schlot des Ringofens im Blick ist bald der nächste Wald erreicht, an den sich ein gemütlicher Hof mit vielen verschiedenen Tieren schmiegt. Ein Pfad zweigt einladend in den Wald ab, doch ein Mädchen vom Hof ruft uns zu, dass der dort wieder rauskommt, wo wir herkommen. Ein später Osterhase stellt die Ohren auf, zögert kurz und haut dann in hohen Sätzen ab durch den verkramten Wald – eher wie ein Reh, das sich durchs hohe Korn gemächlich aus dem Staube macht.

Ringofen und Fledermaushotel in Lichtenow

Lichtenow

Etwas Aufmunterung wäre jetzt gut zu gebrauchen, am besten in Form von was Aufgebrühtem. Wir richten uns ein auf einem der Pritschenwagen der ausgestellten Lorenbahn, dessen schwarze Ladefläche die Sonne auf Wohlfühltemperatur gebracht hat. Nach dem Ausschwärmen zur Tanke gibt es nun einen kräftigen Schwarzen, dazu das erste Eis des Jahres unter freiem Himmel. Schräg gegenüber kommt vorabendliches Leben in den bunten Lichtenower Kiez. All das begleitet die Nachtigall vom Buscheck gegenüber, die manchen auf Krawall gekämmten Biketopf ohne Mühe übertönt.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn oder S-Bahn bis Erkner, dann weiter mit dem Bus (nur Mo-Fr)(ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 1 (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: 15 km (Abkürzungen möglich)(die Tour in der Karte und die Wegpunkte wurden angepasst, so dass Problemstellen vermieden werden und der Spannungsbogen stimmiger ist)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Lichtenow

Historischer Ringofen

Kleinbahn nach Lichtenow

Historischer Rundgang in Lichtenow

Information zu Kagel

Sportzentrum Kienbaum

Einkehr: Zum goldenen Lamm, Lichtenow
Indisches Restaurant Haweli, Lichtenow
weitere gastronomische Angebote an der Tankstelle
Imbiss im Straußenhof, etwas nördlich von Kagel

In eigener Sache – Knappe Worte, grüne Sehnsucht und das Pfund voll Blätter

Da hat doch tatsächlich jemand unter meinem Namen ein Buch veröffentlicht, und das bei meinem Stammverlag. Um weitere Folgen in gute Bahnen zu lenken, habe ich sofort einen Teil der Auflage von Wild Brandenburg aufgekauft und werde demnächst im öffentlichen Rahmen einer Bibliothek ein paar Seiten aus dem Buch zum Besten geben.

Im Ernst: jetzt erklärt sich endlich, warum es das letzte halbe Jahr so knapp zuging mit neuen Beiträgen.

Wer nun vielleicht neugierig wird, aber beim Buchhändler des Vertrauens nicht die Katze im Sack kaufen möchte oder wegen intensiver Frühjahrsmüdigkeit schlichtweg zu geschwächt ist zum Selbstlesen, kann sich ein paar der 224 Seiten als analoges Live-Hörbuch darbieten lassen (nähere Informationen hier).

Zwischendurch wird noch erzählt, wie es zum Buch und seinem Inhalt kam, und auch das Nähkästchen sowie ein paar Bilder sind dabei.

Über die Bühne geht das Ganze abends um sieben, am letzten Donnerstag im April, nur einen Steinwurf vom U-/S-Bhf. Frankfurter Allee entfernt. Oder in Zahlen: 28/4/19

Ich bin sehr gespannt auf diesen Abend!

Grobskizziert – Schwedt: Versunkene Spuren, lohnendes Warten und das Blau in den Auen

Da ist er endlich – dieser Zeitpunkt im Jahr, wo gleichermaßen scheinbar und tatsächlich ein Schalter umgelegt wird, der Tagesrhythmus und Licht verändert, mehr und mehr die Gesichter aller Passanten öffnet und Aufbruch in verschiedensten Dingen mit sich bringt. Ein schöner Moment, der meist dicht nach den Winterferien kommt und ab dem man nun wirklich keine Weihnachtsbeleuchtung mehr sehen möchte.

Am Rand von Schwedt

Da sämtliche Wochen des laufenden Jahres sich eher ausgewählten Schattierungen von Grau hingaben, anscheinend ohne Widerstand und stark durchfeuchtet, war er dann besonders schön – der erste sonnig-blaue Tag mit kalter Luft und warmer Sonne. Auch die Vögel haben sofort den Schalldruck erhöht, sodass selbst Frischluftvermeider mitbekommen müssen, dass sich etwas tut da draußen.

Oderdeich zwischen Fluss und Aue

Auf einen freien Tag mit solchem Wetter hatten wir lange gewartet, denn ein voradventlicher Besuch in Schwedt hatte eine Erkenntnis beschert, daraufhin große Neugier geweckt und baldiges Wiederkehren ganz oben auf den Zettel gesetzt – zwingend im positiven Sinne. Der Wetterprophet behielt Recht, und so ließ sich vor Ort das Spektakel stundenlang genießen.

Südlicher Polder bei Schwedt

Schwedter Oderpolder

Entlang der Oder gibt es, nach niederländischem Vorbild, ausgedehnte Flächen, die vollständig von Deichen umgeben sind. Die sogenannten Polder dienen vorrangig dem Hochwasserschutz der flussnahen Ortschaften, da sie sich bei Hochwasser über Öffnungen in den Deichen vollständig fluten lassen und somit eine Menge Wasser auffangen können. Nebenher sorgt das Umleiten der Oderfluten für die Düngung der weiten Flächen, reinigt das Flusswasser und schafft Lebensräume für verschiedenste Pflanzen und Tiere, vor allem natürlich für solche mit Flügeln. Die sind zwar temporär, doch die Tiere kennen das Spiel schon lange und wissen es sehr gut zu nutzen, wie die Erfahrung zeigt.

Blick übers flache Wasser nach Schwedt

Wer sich die Poldergebiete auf der Karte anschaut, sieht bereits auf den ersten Blick, dass Wasser schon von Hause aus eine flächige Rolle spielt, die endlosen Wiesen und Weiden westlich der Oder von Wasserzügen und Feuchtland durchzogen sind. Im Sommer kann man sich direkt durch dieses faszinierende Landschaftsbild hindurchbewegen und trifft trockenen Fußes auf spiegelglatt liegende Weiher, vom Wind gekräuselte Altarme oder krukelig-krumme Wassergebilde, welche durchaus die Phantasie anregen.

Blick in die südliche Oderaue

Dazwischen schaut hier und dort ein prächtiger Baum heraus, meist in der Hochzeit seiner Jahre, manchmal auch als rindenlose Baumruine, gebleicht und streichelglatt von Sonne und Wetter. An vielen Stellen gibt es weite Schilffelder, bei denen nicht klar ist, bis wohin sie reichen, ebenso wenig, ob da Wasser ist und wo. Hinreißende Wege führen mittenhindurch, die dringend einladen und häufig belohnen. Manchmal jedoch enden sie im Nichts oder an einem kleinen Oderstrand, vereinzelt auch am Weidezaun vor einer kaum bewegten Viehherde, die man besser in diesem Zustand belässt.

Versinkender Weg im verleiteten Oderwasser

Insbesondere nach Hochwasserzeiten kann auch stehendes Wasser das Ende der Schritte bedeuten, sei es nun konkret sichtbar mit Spiegel oder erst ein paar Meter später anhand Geräusch und nasser Schuhe zu bemerken, wenn der Untergrund noch stark durchtränkt ist. Doch der Versuch ist eigentlich immer lohnend, ganz gleich wie weit man kommt – schlimmstenfalls geht man auf demselben Weg zurück und entdeckt mit neuem Blickwinkel wieder andere Details.

Schwedter Oderpolder im Winter und Frühjahr

Im Winter sieht die Lage ganz anders aus und jeder, der hier Ausflüge plant, sollte sich an Wege halten, die etwas erhöht auf Deichen oder Dämmen verlaufen. Das schränkt die Auswahl an gangbaren Tagestouren gehörig ein, doch dafür sieht es hier noch dreimal mehr nach dem vollmundigen Wort Nationalpark aus wie ansonsten schon. Und klingt auch so, denn jeder Augenblick wird von verschiedensten Vogelrufen begleitet.

Farbfrohe Grenzbrücke zwischen Zoll und Schaschlik

Jeweils an einem Stichtag im November werden die Lücken im Oderdeich geöffnet. Das Wasser des ruhig dahinfließenden Stromes drückt sich mit Kraft durch die sogenannten Auslassbauwerke und lässt Seitentriebe ins weite Auenland austreiben, die beständig wachsen. Das Wasser sucht sich im Krabbeltempo seinen Weg durchs flache Gelände, welches nach Westen hin über ein hauchzartes Gefälle verfügt.

Oderdeich mit beidseitigem Wasser

Nach einer Woche ist davon fast nichts zu sehen und die meisten Wege liegen noch trocken. Wer sich jedoch um die Weihnachtszeit herum auf den Weg nach Schwedt macht, dürfte schon ins Staunen kommen angesichts der Wasserflächen, die sich teilweise kilometerweit aufspannen. Erfahrungsgemäß gibt es jedoch in diesen Wochen selten klares Wetter und das Licht ist ohnehin so knapp wie es nur sein kann. Wer also noch etwas Geduld aufbringt oder sich durch den mehrtägigen Festschmaus eher noch als Kriechtier empfindet, kann im Januar oder Februar bei zurückgekehrter Grundkondition das Ganze unter vollem Licht oder sogar mit Eisgang erleben.

Gefüllte Oderauen

Oben drüber ist immer etwas los am Himmel, erst für die Ohren, dann nach dem Kopfheben auch für die Augen. Dementsprechend sieht man häufig Leute mit gewaltigen Objektiven oder Spektiven samt Stativen herumpilgern. Die ganze Welt der großen Zug- und Wasservögel zeigt sich hier mit einigem Schaueffekt, schlägt Lärm, schimpft oder bezirzt, wirft sich in Schale oder macht sich im Balzritual zum Affen.

Trubel auf dem Oderdeich

Zwischen all den Großkalibern gibt es auch so manche Kleinere, die zwar für Laien nicht zuordenbar, doch nichtsdestotrotz sehr schön sind. Die Vielfalt der Geräusche ist so breit, dass man im sanften Freudentaumel selbst mit dem Grundbesteck durcheinanderkommen kann und das charakteristische Fluggeräusch der Schwäne schon mal anderweitig einordnet.

Blick übers Wasser nach Schwedt

Es lohnt sich, auf solche Tage mit guten Kontrasten zu warten, denn erst an diesen lassen sich sämtliche Feinheiten wahrnehmen, welche die Landschaft im Allgemeinen und die Wassersituation im Speziellen auffahren. Da stehen ausgewachsene Alleen mitten im Wasser, ein paar Minuten weiter verlieren altgediente Plattenwege ein paar Zentimeter an Höhe und versinken im Wasser, während die Grasnarbe noch zwei Steinwürfe länger den Wegverlauf anzeigt.

Landspitze zwischen Fluss und Kanal

Endlose Schilfflächen lassen im Unklaren, aus welcher Kategorie von Entfernung das ausgelassene Geschnatter der Enten herkommt. Gebogene Schilfgürtel mit begleitenden Bäumen lassen vermuten, dass links davon das Wasser bis zum Knie und rechts wohl eher bis zum Scheitel reichen dürfte. Während die markantesten Gebäude von Schwedt sich ansonsten hinter weitem Grün erheben, tun sie dies nun jenseits weiten Blaus oder über einem silbrig durchbrochenen Spiegel, für den der wasserkräuselnde Wind sorgt.

Eins der Auslasstore im Deich

Die Durchlaufzeit der Polder währt bis Mitte April. Dann werden die Tore entlang der fließenden Oder geschlossen und das Wasser kann in den folgenden Wochen über jene am Kanal ablaufen, hier und dort helfen noch einige potente Pumpanlagen mit. Irgendwann ist alles fließende Wasser draußen und das Verbliebene entspricht wieder weitgehend dem, was die topographische Karte zeigt. Danach beginnt die landwirtschaftliche Nutzung, die später im Jahr so manchem Storch ein gutes Auskommen sichert.

Kanalufer nördlich der Innenstadt

Wem nun vor lauter Landschaftseindrücken der Kopf überläuft, der kann sich jeweils an den Rändern kleine Pausen gönnen. Im ersten polnischen Dorf gleich an der Oderbrücke gibt es zum Beispiel Deftiges vom Grill, das manchmal etwas Wartezeit verlangt, weil nicht auf Vorrat vorgegrillt wird sondern frisch und solches eben seine Zeit braucht. Die Warteminuten lassen sich gut bei einem Rundgang durch die Welt der Zigaretten und Vogelhäuschen oder bei einem vorbereitenden Uferpäuschen auf der bequemen Mauer unterhalb der Brücke vertreiben.

In der Schwedter Innenstadt

Drüben in Schwedt kann man den Rückweg zur Stadt auf der Festlandseite entlang der Schlosswiesen nehmen, wo von der Schleuse an der Schwedter Querfahrt ein Pfad auf der Deichkrone verläuft, der die Stadt voraus sehr schön in Szene setzt. Später schließt die Uferpromenade an, die mit kleiner Unterbrechung bis zur Freilichtbühne des Theaters bei den herrlichen Freitreppen führt. Über die besuchenswerte Innenstadt mit ihrer gut verteilten Kunst im Stadtbild und den zeichnerischen Überraschungsmomenten an verschiedenen Fassaden muss ja hier nichts mehr geschrieben werden!

















Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Schwedt (1,5-1,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Ausfahrt Angermünde, dann Landstraße (ca. 1,5-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 15,5 km (Abkürzungen zwischen Mitte November und Frühsommer nicht möglich)

Hinweis: Manchmal kündigen Schilder eine Sackgasse oder einen nicht möglichen Durchgang an – nicht immer eindeutig, was Motorlose betrifft. Ursache sind meist Instandhaltungsarbeiten an den Deichwehren. Am besten erkundigen Sie sich im Vorfeld bei der Tourist-Information. Empfehlenswerter, weil tagesaktuell ist es, vor Ort nach entgegenkommenden Fußgängern oder Radfahrern zu schauen und direkt diese zu befragen. Im schlimmsten Falle ist auf dem Weg zurückzugehen, auf dem man kam.

Links:

Die Polder im Unteren Odertal

Schwedt-Tourismus

Faltblatt zum Poldersystem (PDF)

Einkehr: div. Möglichkeiten in Schwedt, Imbiss in Polen an der Grenzbrücke (z. B. Schaschlik)

Ketzin: Fahrende Berge, platte Reliefs und die Spitze für Später

Das neue Jahr läuft nach den ersten Wochen schon erstaunlich rund, etwas Winter gab es schon und auch ein paar milde Tage. Nur die Sonne zeigt noch immer Berührungsängste, obwohl sie nach vielen grauen Wochen sicherlich überall mit applaudierenden Blicken und aufgehellten Gesichtern begrüßt würde.

Dampferanleger an der Havelpromenade in Ketzin

Die Wahl der Kleider beim Verlassen der Wohnung ist noch immer Glückssache, meist ist man deutlich zu warm eingepackt, manchmal aber doch zu dünn und dann droht schnell irgendein Infektgeschehen, dessen Geräusche in dieser Zeit ja umgehend den stillen Argwohn der verunsicherten Umwelt hervorrufen.

Altstadtgasse in Ketzin

Ohne Irritationen hingegen ist die Natur in Sachen Kraut, Huf und Schnabel. Wer es darauf anlegt und entsprechende Landschaften ansteuert, wird mit großen Mengen von voluminösen Zugvögeln belohnt, die dem Tag eine nie ganz abreißende Klangkulisse hinterlegen. Manchmal darf sich diese fortwährende Tonspur im Traum sogar noch fortsetzen. Auch die ganz zeitigen Blüten des Januars strecken ihr Gelb schon ins Licht, wenn es dann mal kurz da ist. Am Boden sind das die allerersten Winterlinge, die mit gewisser Vorsicht auch beim höchsten Sonnenstand noch ihre Blüten kugelig lassen, in Buschhöhe dann die diffus verteilten Sternchen des Winterjasmins, die der Farbe teils schon Fläche geben.

In der Paretzer Dorfkirche

Hoch über all dem wölbt sich ein Himmel, der mehr oder weniger farblos daherkommt, auch formlos. Undurchbrochene Schleier ohne Struktur, die den Tag darunter vor allem grau und das Wohnzimmer besonders einladend wirken lassen. In dieser Grundstimmung ist es dann ein regelrechtes Fest, und sei es nur für Minuten, wenn der Wind den faden Teig da oben auseinandertreibt und den Blick auf die Sonne und den klaren Himmel freigibt. Was diese sogleich mit der Erdoberfläche anstellt, ist weit mehr als hohe Kunst und berührt umgehend alle Sinne, das Herz und auch die Seele. Aus landschaftlichem Einheitsbrei wird sinnenfreudiger Bildzauber, und kaum jemand wird die Finger vom Auslöser lassen können, und sei es nur des klaren Lichtes wegen.

In der Grotte im Schlosspark Paretz

Im Aufbruchsmonat Januar ist die Weite schön, die keinen Fitzel möglichen Lichtes verschenkt. Darüber hinaus haben sich mannigfaltige Uferkanten als passend erwiesen, um die naturellen Bedürfnisse zu stillen und den erholsamen Ausgleich zur Arbeitswoche zu schaffen, allumfassend abzuschalten und vielleicht ein paar mehr Glückshormone zu verschütten. Zwischen Potsdam und Brandenburg gibt es reichlich davon, meist gut gemischt mit besonderer Architektur und wildromantischen Uferlinien, die stets ein wenig undurchschaubar bleiben.

In den Paretzer Erdelöchern

Ketzin

Zwischen Potsdam und Brandenburg fließt die Havel am beschaulichen Städtchen Ketzin vorbei, das mehr Dimensionen aufweist, als man beim Durchfahren oder einem Kurzbesuch denken sollte. Sind die Wasserlandschaften hier von Hause aus schon ohnegleichen, wird das bei Ketzin noch auf die Spitze getrieben. Neben der weit verzweigten und oft seenweiten Havel selbst gibt es mitten in dieser eine Reihe großer Inseln und nördlich davon ein verwirrendes und scheinbar endloses System von Stichteichen, die als Erdelöcher Ketzin in einen Begriff gefasst werden. Ähnliches gibt es in kleinerer Ausprägung auch südlich der Havel bei Deetz oder unweit von Paretz.

Bei so viel umgebendem Wasser kann an der Uferpromenade der Stadt durchaus der Eindruck aufkommen, sich auf einer Insel zu befinden. In den blattlosen Zweigen von Büschen und Gebäum hat der Morgennebel viel Wasser zurückgelassen, das jetzt in Form halbgefrorener Tropfen auf den ersten Windstoß wartet und im Gegenlicht für zahllose Glanzpunkte sorgt. Gepflasterte Altstadtgassen verlieren von der Kirchhöhe ein paar Meter, bis sie schließlich am oder im Wasser enden. An der mittleren Promenade ist der Steg des Dampferanlegers pavillonartig überdacht, und diese Stelle samt ihrem versunkenen Ausblick erinnert an eine kleinere Ausgabe des Steges, der sich am Ostrand der Stadt Brandenburg befindet.

Am Stadtufer in Ketzin

Bereits hier auf der Promenade mischt sich der Rundweg Ketzin-Paretz unter die eigenen Schritte, sucht sich mit sicherem Gespür die allerschönsten Wege, Pfade und Schleichwege und verliert dabei selten das Wasser aus dem Blick. An der Fischerei südlich der Altstadt verbreitet ein kleiner Sticharm kurzzeitig Spreewald-Stimmung, bevor der Weg entlang einer Reihe jüngerer Kopfweiden in Richtung Strandbad abdreht.

Havelpromenade in Ketzin

Neben den Tönen weit entfernter Kraniche und Gänse oder vereinzelter Reiher gehört auch nahes Möwengeschrei zur Klangkulisse und schafft unbedingt Urlaubsgefühle. Ohnehin fühlt sich dieser lichte Tag am offenen Wasser nach einer langen Periode in grau nach Urlaub an, wozu natürlich auch die Altstadtgassen mit ihren Sichtlinien und nicht zuletzt die Fähre beitragen, deren niedertouriges Bullern bald schon zu erahnen ist. Vorher liegen noch breite Schilfgürtel und kleine Bruchwälder am Weg.

Fischergasse in der Altstadt, Ketzin

Fähranleger Ketzin

Noch vor dem Fähranleger lockt neben einem Strändchen eine Rastbank mit Blick aufs kielbasierte Verkehrsgeschehen. Die Bank steht leicht erhöht, zu ihren Füßen schlagen kleine Wellen ans teilgefasste Ufer und trüben trotz der Wasserbewegung nicht den glasklaren Blick zum sandigen Grund. Muschelsplitter reflektieren teils irisierend die Sonnenstrahlen, die jetzt ungehindert vom Himmel fluten und der Flusslandschaft etwas verleihen, das einen tief und zufrieden durchatmen lässt. Das Wasser ist unfassbar kalt.

An der Fischerei, Ketzin

Kaum dass die Fähre angelegt hat, ist sie auch schon wieder auf dem Weg ans andere Ufer. Das geschieht vermutlich hastiger als in der Regel, denn von rechts stampft gegen den Strom ein Schubboot heran, im Laderaum eine Bergkette aus Splitt. Unerwartet lässt das Horn einen markdurchdringenden Ton los, der das Zwerchfell nicht unberührt lässt und eines Hochseedampfer würdig ist.

Weidenweg zum Strandbad

Am anderen Ufer rollen sofort die nächsten Passagiere auf das Deck und dürfen sich noch in Geduld üben, denn kaum dass der Splitt hinter der nächsten Kurve verschwindet, kommt ein anderer Schuber aus der anderen Richtung – flussabwärts und übervoll mit feinstem Schrott. Der lange Kahn bewegt sich vergleichsweise gelöst, da die Strömung mit ihm ist. Keine wulstige Bugwelle also, da das tonnenschwere Aggregat unter Deck eher plaudert als wettert.

Havelufer kurz vor der Fähre

Bald darauf fällt der Blick landeinwärts über Schaf- und Pferdeweiden sowie sozialen Wohnungsbau für Schwalben, weiter hinten ist als östlicher Außenposten von Ketzin der markante Turm einer Villa zu sehen, die auch gut ins Potsdamer Umland passen würde und irgendwie nach Schinkelschüler aussieht. Ein Gegenstück dazu bildet als Vorbote von Paretz die Windmühle, deren Flügel sich wintermüde in den Himmel recken.

Havelfähre mit kleiner Notfähre daneben

In einem Wegknick werden wir augenzwinkernd-derb in die aktuelle Zeit zurückgerufen, deren Sinn für den Genuss und das Schöne manchmal seltsame Früchte trägt. Auf einem Trafohäuschen steht eine schwere und bunte Getränkedose, darin versammeln sich ein Patent, auf das die Welt wohl lange schon gewartet hatte, und ein Gemisch aus Zucker, Gewürzen, Wasser und Zucker. „Selbsterhitzender Glühwein to go“ verspricht nach einem speziellen Knick-Knack im Dosenboden binnen drei Minuten dampfenden Glühwein in angemessener Temperatur und erforderlichenfalls auch fern aller Zivilisation. Glaubt man den Erfahrungen verschiedener Nutzer, liegt die Erfolgsquote immerhin bei sechzig Prozent. Bei den anderen gibt es dann zwar allenfalls lauwarme Würzplempe, doch für den Lacher zwischendurch dürfte es allemal reichen. Als klimatischer Ausgleich für die Juxsekunden sollte man jedoch einmal weniger in die Karibik fliegen.

Villa am Ketziner Stadtrand

Paretz

Schnell landet also unsere Aufmerksamkeit wieder bei der Havel, die sich zwar hinter einem breiten Schilfgürtel versteckt, jedoch trotzdem zu sehen ist, da die Schritte nun auf der Krone eines kleinen Deiches verlaufen. Weiter vorn sind schon die Häuser von Paretz zu sehen, einem Dorf der Sonderklasse. Mit dem Schloss und allem was dazu gehört diente es vor gut zweihundert Jahren dem Preußenkönig und seiner weithin geschätzten und bezaubernden Luise als Sommerfrische, fein und vergleichsweise klein. Hier genossen sie eine Normalität fern von allem Höfischen und legten damit wegweisende Schritte vor.

Die Havel unter aufziehenden Wolken

Schöne und geliebte Häuser reihen sich entlang der gepflasterten Weidendammstraße, die sich im sanften Bogen zum Schlosspark hin zieht. Vor einer der Mauern, die von der Sonnenstunde verwöhnt werden, haben sich wahrhaftig die allerersten Winterlinge breit gemacht. Ganz dicht an der Mauer sind mit der Lupe auch schon zarteste Schneeglöckchen auszumachen, deren Stengel noch so dünn sind, dass sie keinem groben Windstoß standhalten dürften.

Allererste Frühblüher vor der warmen Mauer

Hinter den ersten Nebengebäuden des Schlosses fällt der Blick im kleinen Hügelpark auf die süße Dorfkirche, eine offene Kirche. Drinnen gibt es viele Reliefgestaltungen, doch ein Großteil davon erweist sich als gekonnte Handhabung des Pinsels und raffiniertes Gedankenspiel von Licht und Schatten, nicht zuletzt am hohen Tonnengewölbe der Decke. Freundlicherweise ist die Sonne gerade noch draußen, so dass auch die bunten Fenster ihre Wirkung zeigen können.

Paretzer Dorfstraße

So klein der Dorfpark auch ist, in seinem leichten Hügelland ergeben sich mehrfach reizvolle Sichtachsen und Blickarrangements. Die locken wie beabsichtigt hin zum Schloss, wo es in der Remise und im Schloss selbst sehenswerte Ausstellungen gibt. Das Schloss selbst wurde nach dem Auszug der letzten hohenzollerschen Bewohner nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen verschiedenster pragmatischer Nutzungen mehr und mehr entstellt und erinnert zum Teil eher an ein Kreiskrankenhaus oder preiswert gebautes Kulturhaus. Ein Flügel des Schlosses sieht bis heute geschunden aus, und der Park lässt nur erahnen, dass er einmal gestaltet war.

Neue Grotte im Schlosspark Paretz

Hoffnung macht weiter hinten im Park die wieder errichtete und schön bepflanzte Grotte mit ihren Aussichtsplattformen, von denen der Blick weiter über nassen Wiesen mit Havelahnung reicht. Das einst übergebügelte Park-Accessoire wurde weitgehend neu errichtet, dank Ausgrabungsfunden konnte hier manches Originalteil verbaut werden. Die Höhe lässt sich durch eine enge Treppe aus grobem Gestein verlassen und sorgt bestimmt für manches Grinsen bei jenen, die unten mit eingezogenem Hals aus dem Portal treten.

Dorfkirche Paretz im kleinen Park

Beim Gasthaus Gotisches Haus, das auch zum Gesamtensemble gehört, kommt man zum Parkring, auf dem sich das Dorf gut verlassen lässt. Hinter dem letzten Haus wird es dann mehr und mehr wildromantisch, mit einem guten Grad an Rumpligkeit insbesondere in der laublosen Jahreszeit, wo alles blasse Gehälm noch so zerzaust liegt und ragt, wie es die Wetter hinterlassen haben.

Pfad zwischen den Erdelöchern

Kleine Brücken und Dämme ermöglichen den Weg mitten durch ein Wasserlabyrinth, das im Süden verwunschen, im Norden weit ist und mehr oder weniger zum Paretzer Polder gehört. Überall ruht das Wasser unberührt, darin koboldige Grasinseln und moosbedeckte Baumruinen, die dem endgültigen Versinken entgegenmodern. Ein entscheidendes Pfadstück schafft die Verbindung zum Ufer des geradlinigen Nauen-Paretzer Kanals, und auch er liegt spiegelglatt.

Uferweg am Nauener Kanal

Rechts in den nassen Wiesen tragen ein paar exotische Gänse lautstark einen Revierkampf aus. Der ansässige Graureiher trollt sich bei dem Lärm und weiter hinten sprinten am Himmel vier Schwäne gen Nauen, mit diesem eindringlichen und rätselhaften Geräusch, das es nur beim Flug der Schwäne gibt. Schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass so ein Vogel weit mehr als zehn Kilo in die Luft bringt, etwa doppelt so viel wie ein ausgewachsener Kranich.

Nordische Impression kurz vor der Schleuse

Schleuse Paretz

Kurz vor der blauen Bogenbrücke schwenkt der Weg vom Kanalufer in die Wiese, die von großen Pfützen durchzogen ist und quasi schon ein bisschen herumpoldert. Voraus sind die Gebäude der Schleuse zu sehen, die von nahem eher an ein Wehr denken lässt. Alles zusammen erinnert ein bisschen an friesische Szenen, was den Urlaubsgedanken gerade noch etwas verfeinert.

Paretzer Schleuse

Ein Treppchen führt hinunter zum Schleusenbecken, wo sich unsere Wege nun mit denen zweier Familien und eines gassigehenden Paares kreuzen. Ein Zaunpfad schafft vorbei am kleinen Bootshafen die direkte Verbindung zu jener Stelle, wo der eine Kanal auf den anderen trifft, kurz bevor jener wiederum sein Havelwasser mit dem eigentlichen Lauf der Havel vermischt.

Sacrow-Paretzer Kanal vor dem größten See der Insel Töplitz

Göttinsee am anderen Ufer

Gleich hinter dem jenseitigen Ufer liegt wie eine weitere Laune des verspielten Flusses der weite Göttinsee, ein See von besonderer Art. Besonders deshalb, weil er zum einen mit Havelwasser gefüllt ist und dennoch von der dammschmalen Uferlinie der Insel Töplitz umgeben wird – abgesehen von einer winzigen Lücke. Wer im Norden der Insel dem Dammpfad bis ganz nach Westen folgt und sich nicht scheut, auf demselben Weg zurückzugehen, steht schließlich auf einer schmalen Spitze inmitten der Havel, wie das nirgends woanders möglich ist.

Uferweg gegenüber der Töplitzer Havelspitze

In Sichtweite zu dieser Stelle wird der breite Weg am Paretzer Ufer zum urigen Pfad, der sich eine Weile am hohen Schilf entlangschlägt. Kurz hinter einem Strändchen mit Rastplatz beginnt die Biege nach Paretz, wo jetzt geprüft werden kann, ob die Blümchen bei verhangenem Himmel noch immer geöffnet haben. Kurz hinter der Kirche beginnt ein einladender Fußweg, der vorbei am Eiskeller des Dorfes zur Landstraße führt. Dank der Bockwindmühle, der Pferdewiesen und der Villa von vorhin ist deren gerade Linie kein Problem.

Schläfrige Windmühle am Rand von Paretz

Die Ketziner Bergstraße bereitet nun auf die finalen Höhenmeter der Runde vor. Hinter den letzten Häusern kommt dann auch der ziegelsteinerne Wasserturm in den Blick, der am Rand eines wiesenbedeckten Hügels steht. Hier kann man herrlich Kinder freilassen – rennend und hopsend, blumenpflückend oder auch purzelnd und rollend. Bei letzterem beiden ist nur vereinzelt Vorsicht geboten, weil an manchen Stellen prächtige Disteln wurzeln.

Ketziner Wasserturm mit Wiesenhügel

Der Turm ist von schlichter Eleganz und wirkt am besten aus naher Ferne, aus der Nähe ist er eher zweckdienlich und eingezäunt. Gleich danach löst sich dann das Rätsel des letzten Turmes, der früher am Tag schon aus verschiedenen Richtungen gesichtet wurde und sich der Zuordnung entzog. Keine Kirche, kein Rathaus und keine Villa, sondern pragmatisch und trotzdem wunderschön der Turm, in dem die Feuerwehr ihre Schläuche zum Trocken aufhing oder heute noch aufhängt. Weit oben am Himmel zieht eine lange Gänse-Eins entlang und sieht nach großer Reise aus, trotz fortgeschrittenen Winters.

Zum schönen Tagesabschluss schlendern wir noch eine der Altstadtgassen hinab zum Wasser und schauen von der Havelpromenade ins schwindende Licht des Tages, das den ersten Staßenlaternen schon den Impuls gegeben hat. Drüben im Schilf huscht es da und dort. Das zarte Schlagen der Kirchturmuhr geht über in die patschenden Flossentritte zweier startender Schwäne, die schon bald nicht mehr zu hören sind.











Anfahrt ÖPNV (von Berlin): S-Bahn bzw. Regionalbahn nach Potsdam, dann weiter mit dem Bus (1,5-2 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße (ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 14 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus-Seite Ketzin

Touristische Information zu Ketzin

Information zu Paretz

Schloss und Park Paretz

Fähre Paretz

Einkehr: div. Gastronomie in Ketzin
An der Fähre, am Fähranleger
Gotisches Haus, Paretz

Limsdorf: Weiche Flanken, Schwedenpfade und die gelben Spätlinge

Zwischen dem ersten und dem vierten Advent war die Sonne nur an zwei Tagen zu sehen. In diesen Momenten erinnerte man sich lose und wohlwollend, dass es die ja auch noch gibt und dass es visuell eine vollkommen andere Kragenweite ist, wenn diese Lampe aller Lampen ihre Strahlen frei von Knauserei über Land- und Ortschaften wirft.

Badestelle mit Inselblick am Grubensee

Durchaus also eine gewisse Vorfreude auf knackig kalte Wintertage mit blauem Himmel, ein bisschen auch auf den fernen Vorfrühling – doch erstmal steht der Wunsch nach weißer Pracht. Ganz in der Tradition der Jahreszeiten dieses Jahres erfolgte deren Auslieferung pünktlich zum ersten Dezember-Wochenende, sodass in den Landschaften, Dörfern und Städten jegliche Kontur mit frostig-weichem Schwung nachempfunden wurde.

Uferpfad am südlichen Grubensee

Mit dem haftbaren Weiß des Backschnees geht neben der guten Verarbeitbarkeit durch zielstrebige Kinderhände auch eine Beständigkeit einher. So dürfen mehrere Tage vergehen, ehe weiß und plastisch zu grau und matschig wird. Dementsprechend viele und zudem meist hochgewachsene Schneemänner entdecken mit Holz-, Stein- oder Zapfenaugen das trübe Licht der ersten Dezembertage.

Am Springsee

Alles, was die Vorweihnachtszeit ausmacht, findet auch in diesem Jahr mehr oder weniger ausgebremst statt. So sind einmal aufs Neue Phantasie, Einfallsreichtum und das Erkennen der momentanen Möglichkeiten gefragt, damit Glühwein in harmonisch-romantischer Atmosphäre verschlürft werden kann und liebenswerte kleine Gaben über Ladentische wechseln. Wo mit Licht gezaubert wurde, hat man nicht gespart und erfolgreich aufhellendes Ausgleichsvolumen für die Herzerwärmung geschaffen.

Waldgrund nach Möllendorf

Nachdem Gedanken und Finger über längere Zeit durchs wilde Brandenburg und tief gewucherte Dateiordner gewandert sind, ist es jetzt an der Zeit, wieder ganz real die Sohle auf weichen märkischen Boden zu bekommen, die reine Luft durchzuziehen und sich der rauschenden Stille hinzugeben. Das Glück des Zufalls beschert beim Wiedereintritt gleich einen Volltreffer, mit einem ganzen Tag voll verspielter Waldpfade, schilfiger Seeufer und moosiger Hangflanken, die auch absolute Tollmuffel zum Herumtollen bewegen sollten.

Limsdorf

Limsdorf liegt auf der Höhe der Beeskower Platte oberhalb einer kleinen Kette von Seen, die gewissermaßen den großkalibrigen Scharmützelsee nach Süden fortsetzen, und das bis fast zur Spree. Eine Schiffbarkeit für selbstgeschnitzte Boote aus Baumrinde ist dabei fast durchgängig gegeben, auch für Enten und vergleichbare Kielgrößen sollte das Wasser unterm Kiel in der Regel ausreichen.

Badestelle mit Kiosk am Grubensee

Auf dem kleinen Parkplatz in Limsdorf steht ein stattlicher Weihnachtsbaum, sicherlich so hoch wie zwei Esel lang sind, dazu schön geschmückt und üppig mit Lichtern bestückt. Die passenden Esel warten beim Hof gegenüber schon mit aufgestellten Ohren und nutzen gern ihren breiten Laufsteg vor dem Zaun. Weiter hinten stellen sich neugierig ein paar Ziegenböcke auf die Hinterbeine und lassen trotz des trüben Wetters die Hörner nicht hängen. Dazwischen wechseln schweigsam und ohne Eile plustrige Hühner von da nach dort.

Einstiegsstelle am Grubensee

Parallel zur Straße verbindet im Walde ein weicher Weg das Dorf mit dem Grubensee, dem ersten See am Weg. Die Straße schlängelt sich in Kurven zwischen ihm und seinem kleinen Nachbarn hindurch, wie man das oft im nördlichen Südschweden sieht. Am Wanderparkplatz macht sich gerade eine Handvoll Taucher bereit. In bereits aufgepellter Montur versuchen sie, die Flaschen mit der Pressluft anzulegen. Wie es aussieht, sind diese weitaus schwerer als man so denkt. Auch denkt man, so als Außenstehender, bei dem Wetter muss man dieses Hobby wirklich sehr lieben oder es sehr nötig haben, doch zum einen sollten wir selbst nicht so laut reden, zum anderen ist es unter Wasser ja mehr als egal, was das Wetter draußen anstellt. Eigentlich.

Waldhang des Schwenower Forstes zum Grubensee

Gleich hinter der Straße beginnt eine wunderbare und duftende Uferlandschaft, die den Blick immer wieder von den wogenden und steil ansteigenden Kiefernhängen voll Moos und Gras zur Uferlinie mit ihren Schilfgürteln und Strandstellen schweifen lässt, von dort auch weiter zu den Inseln und dem Ufer gegenüber. Dann gleich wieder zurück, denn schon gibt es im Waldhang die nächste ausgeprägte Scharte zu entdecken, weiter oben die stets geschwungene Kante hin zum freien Feld. Gleichzeitig lenkt der leise Ton der Wellen an der leicht hochgekreppten Uferkante den Blick zurück ins glasklare Wasser, das über dem sandigen Grund sanft wellt.

Vertrauen wagen

Hier und da gibt es morsche Stege, auf die man besser keinen Fuß mehr setzt, doch der Atmosphäre sind sie sehr zuträglich. Nach und nach wird der Pfad schmaler und verspielter, geht mal etwas in die Höhe oder umkurvt im kleinräumigen Slalom die regendunklen Stämme. Die gibt es hier an vielen Stellen in besonderen und virtuos zu nennenden Ausprägungen, welche an Waldgeister oder Stammesfürsten denken lassen und jede Märchenszenerie bereichern sollten.

Mal wächst ein Stamm im wohlgeformten Bogen und lädt zum Lümmeln ein, mal macht sich weit über Kopfhöhe ein Nebenast selbstständig und wächst schließlich dicker weiter als der Hauptstamm selbst, woanders finden sich ganze Sträuße aus Stämmen, zu deren Umfassen man die Armlängen einer Familie bräuchte.

Uferpfad mit Blaubeerkraut

Nach einem Birkenwäldchen buckelt der Weg kurz. Danach setzen sich die Kiefernstämme fort, über deren Wurzelwerk jetzt das Blaubeerkraut dichter und dichter wird. Ganz an der Südspitze des Sees kommt der Pfad noch einmal richtig ins Schlängeln und bahnt sich seinen Weg durch eine Herde winterblasser Farnstauden.

Birkenwäldchen an der Südbucht des Grubensees

Der liebenswert schöne Pfad setzt sich auch am Westufer fort, schwingt sich schließlich über eine kleine Anhöhe und verlässt das Ufer erst kurz vor den Campingplätzen, die es wirklich gut abgefasst haben. Jenseits der Straße gedeihen ganze Teppiche saftigen Weißmooses. Nach wenigen Metern auf einem kleinen Damm liegt schon der nächste kleine See voraus. Gerade erhalten zwei heranwachsende Schwäne ihre ersten Lektionen in Sachen Anmut und Hochherrschaftlichkeit. Die beiden Alten haben ihre liebe Müh, doch die Richtung stimmt.

Uferpfad am Westufer

Beim Umrunden des Sees steht sogleich die Wahl zwischen dem flachen Weg auf Uferhöhe und einem gewundenen Höhenweg, der den Fuß schon etwas in den Schuhen herumrutschen lässt, kam man doch nicht als Hanghuhn auf die Welt. Das zeigt sich zuletzt auf den drei Dutzend Abstiegsschritten. Der nächste breite Weg läuft dann unterhalb eines sanften Hanges, der ein wenig nach Düne aussieht. Voraus stehen wohlplatziert und recht gerade ein paar kleine Kiefern mit obstbaumrunden Kronen, entlang des Ufers dann heranwachsende Kopfweiden, noch ohne jede Spur von Frühlingssaft.

Kalkmoor um die Ecke vom Melangsee

Links fällt leise gurgelnd das Wasser, hin zum Melangsee, dem nächsten in der Reihe. Die Landschaft verändert sich nun, das bald erreichte Ufer wird von einem breiten Streifen Bruchwald erweitert und sieht stark nach Quellland aus. Nach kurzem Aufstieg aufs Hochufer bestätigt sich das, denn unten ist breitflächig entspringendes Wasser zu erkennen.

Mühlenfließ nahe der Försterei Grubenmühle

Eine weitere Bekräftigung liefert die weite Wiesenbucht eines Kalkmoores, zu dem es eigens eine Informationstafel gibt. Wer hier als Kuh zu grasen hat, sollte es gut abgefasst haben – saftiges Gras, schattige Rückzugswäldchen und ein überschaubares Einsatzgebiet. Von hier noch nicht zu sehen ist als weiteres Plus die stetige Zufuhr von Frischwasser in der anmutigen Gestalt des Mühlenfließes.

Obstwiese im Talgrund des Mühlenfließes

Bald ist der Bach erreicht, der gerade etwas zu breit ist, um ihn folgenlos überspringen zu können. Durch Erlenbruchwald kommt er zunächst recht brav daher, um auf dem Weg zum nächsten See übermütig ins Mäandern zu geraten.

Försterei Grubenmühle

Kurz hinter der Brücke übers Bächlein erstreckt sich eine sanfte Wiese voller Obstbäume, die man auch mal im mittleren Frühjahr besuchen sollte. Hinten wird sie begrenzt durch hochgewachsene Erlen, die den Lauf des Baches nachvollziehen lassen. Kurz dahinter liegt schon das Forsthaus Grubenmühle, nach allen Regeln der Landlust ausgestattet und im besten Maß mit Weihnachtslicht veredelt. Gemütlich sieht es aus, obwohl nicht mal die Esse raucht.

Das bunteste Bild im Beitrag

Links des Wiesengrundes erhebt sich ein bewaldeter Buckel, auf dem in losen Abständen solche Behausungen stehen, deren Ursprung mal ein Wohnwagen war. Keins sieht aus wie das andere und bei einigen ist es kaum noch möglich, das Schneckenhaus auf Rädern klar zu lokalisieren. Vorzelte, Anbauten und Überdachungen sowie Terrassen und Veranden zeigen Erfindergeist und Handgeschick, keine der Kreationen sieht so richtig daneben aus. Nicht zuletzt gibt es in Gipfelnähe noch eine Gastwirtschaft, die derzeit Winterpause hält, leider. Denn jetzt ist er da, der verheißene Nieselregen, der den Tauchern von vorhin so gänzlich schnuppe sein kann.

Bächlein auf dem Weg zum Springsee

Doch auch wir haben Glück, denn an der Stelle, wo der Mühlenbach das Kinn hebt, sich den Schlipsknoten zurechtrückt und nach dem wilden Ritt besonders geordnet dreinschaut, erwartet uns ein farbenfroh renovierter, sehr solider Unterstand. Der erwachte Seewind bläst zwar mitten hindurch, doch der staubfeine Regen kann uns für die Zeit der Teepause egal sein. Die seeseitige Aussicht fällt auf einen Steg mit pittoresk vertäuten Booten, deren matter Lack vergangener Tage im fahlen Grau des Tages regelrecht quietscht. Der See liegt still und der Himmel darüber versichert, dass die Bewässerung so bald nicht enden wird.

Zeltplatz am Springsee

Der nächste Campingplatz schließt gleich an, und ich möchte behaupten, wer hier einen Platz erwischt hat, hat in Sachen Camping einen Sechser im Lotto erwischt. Das Gelände nutzt den steilen Uferhang, der neben dem Geschenk des direkten Seeblicks so herzhaft durchfurcht und terrassiert ist, dass es eigentlich keinen Platz geben kann, der nicht ein besonderer wäre. Abenteuerliche Stiegen und winklige Steilpfade führen über Buckel und durch Furchen, zum Teil unterstützt durch Stufen aller Art. Als i-Tupf bahnt sich mittenhindurch ein richtiger Bach seinen Weg hinab zum See und inszeniert sich auf den letzten zwanzig Metern noch mit einigem Chichi.

Waldweg hinauf nach Möllendorf

Am Springsee beginnt ein breiter Weg, der durch ein bachloses Tal sanft in den Wald hinaufsteigt und auch hier von lebhaftem Reliefspiel begleitet wird. Zwischen den unzähligen sanften Rundungen haben sich ein paar kleine gelbe Pilze noch in den fortgeschrittenen Dezember verirrt und stehen im hohen Moos ihren Mann.

Später Hutträger beim Krafttraining

Nach dem höchsten Punkt wird nun erstmals der Wald richtig verlassen. Die Weite tut jetzt durchaus wohl, auch wenn sie mit einem kalten, ungebremsten Wind quittiert wird. Voraus liegt Möllendorf, das sich in Form gemurmelter Tierlaute schon ankündigt hatte.

Möllendorf

Das abgeschiedene Dorf hat viel Schönes zu bieten, sowohl in der Anlage als auch in den einzelnen Bestandteilen. Die Mitte bildet, begleitet von einem optionalen Wasserlauf, ein kleiner Anger, auf dem außer zwei ansehnlichen Feldsteingebäuden mit Funktionscharakter keine Häuser stehen. Dafür gibt es viel Platz zum Spielen oder zum Feiern von Festen. Gleich hinterm Ortsrand kauert noch ein kleiner Friedhof, der irgendwie an Westernfilme denken lässt.

Dorfanger von Möllendorf

Das einzige längere Stück Asphalt dieses Tages verbindet auf direktem Wege Möllendorf mit Limsdorf und nimmt dabei eine kleine Anhöhe und ein Wäldchen mit. Verkehr gibt es kaum, und da der Regen nun langsam zu mehr Kraft findet, ist es angenehm, jetzt Strecke machen zu können auf dem griffigen Untergrund. Obwohl in vielen Häusern gerademal der Drei-Uhr-Kaffee aus dem Filter tröpfelt, ist es so dunkel wie den ganzen Tag schon und noch ein bisschen mehr.

Kein Dorfköter treibt sich draußen herum und erst recht keine Miez, sogar die wetterfesten Esel haben sich in ihre Kammern zurückgezogen. Dafür hat jetzt der Baum am Parkplatz seinen Auftritt und läutet in der zeitigen Dämmerung das kleine Fest der Lichter ein, das sich auf der Fahrt ins zunehmende Dunkel von Dorf zu Dorf noch fortsetzt.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
von Bhf. Ostkreuz über Königs Wusterhausen nach Beeskow, dann weiter mit dem Bus (nur Mo-Fr, ca. 1,75-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Storkow, dann über Storkow und Kehrigk nach Limsdorf (ca. 1,5-1,75 Std.)

Länge der Tour: 13 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Kurzinformation zu Limsdorf

Badestelle Springsee

Einkehr: Eiscafé Schmidt, Limsdorf
Kiosk an der Badestelle am Grubensee, nahe der Landstraße
Zur Quelle (auf dem Campingplatz südlich des Springsees)

Zu Fuß durch die märkischen Landschaften