Althüttendorf: Blattgold, zwei Portale und die Berge im Tal

Das bisherige Jahr war lang, mit all seinen Eigenartigkeiten – und ist gleichzeitig einfach so vorbeigerannt. Dabei waren alle Jahreszeiten mit einem guten Maß an Normalität ausgestattet. Davon abgesehen blieb es erstaunlich lange kalt, manche Mütze hatte bis in den späten Mai noch ihren Dienst zu verrichten. Zwischendurch gab es immer mal wieder brauchbare Mengen von Regen, sodass die Bäume in Stadt und Land ein wenig durchatmen konnten.

Kurz hinter Althüttendorf

So wie der Winter schneereich, der Lenz frühlingshaft und der Sommer badefreundlich waren, gibt sich nun auch der Herbst. Die schönen Seiten mit den Düften und Farben, blühenden Heiden und üppig behängten Obstbäumen standen schon Ende August in den Startblöcken und gehen derzeit dem großen bunten Finale entgegen. Danach beginnt für viele Gemüter der große Katzenjammer des grauen, klammen und dunklen Novembers. Für andere hingegen setzt sich die schönste Zeit des Jahres fort, mit weniger gesättigten Farben, dafür mit Mehraufwand an der Garderobe, denn mit rein in die Schuhe und Jacke an ist es nun nicht mehr getan.

Südliches Portal zu den Ihlowbergen

Wem es an gut beworbenen oder allseits bekannten Touristenzielen während der hellen Monate zu voll ist, dem öffnen sich jetzt all diese Türen für fast privaten Genuss. Freilich mit dem Preis, dass vieles nicht mehr offen hat, es also rundum etwas stiller ist. Doch dafür hat man speziell in den letzten anderthalb Jahren griffige Strategien entwickelt, um den Tag am Ende nicht hungrig zu verlassen. Durch Nutzung mitgebrachter Teller und Besteckteile lässt sich auch ein riesiger Spreewald-Döner stilvoll und ohne größere Fallverluste in der romantischen Atmosphäre eines Kahnhafens verschmausen, dem die schwindende Sonne die Lichter anknipst. Das laute und teils polternde Geschnatter der Tagestouristen wird durch das zurückgenommene der vorwinterlichen Enten ersetzt, die wie all Vogeltiere etwas leiser gestellt sind.

Am Rand der Kiesgrube

Wer die oppulente Farbsause der Laubwälder genießen will, ohne dafür gleich ein Ticket zur Ostsee zu lösen, erhält eine außerordentliche Darbietung schon im Grumsiner Forst, der seit einiger Zeit als ausgedehnter Buchenwald bekannt ist. Der große und recht ursprüngliche Wald, der gerade auf dem Weg zurück zum Urwald ist, liegt zwischen Joachimsthal und Angermünde und ist per Bahn gut über letzteres zu erreichen. Will man übrigens unterwegs gern Wissenswertes zum Welterbe-Wald und seinen Besonderheiten erfahren, gibt es von Zeit zu Zeit geführte Touren beim dafür zertifizierten Wanderjenossen, einem thematisch benachbarten Blog.

Blick in den Tagebau

Althüttendorf

Wer schon einmal den großen Grimnitzsee umrundet hat, ist dabei durch Althüttendorf gekommen, das je nach Windrichtung im akustischen Schatten der nahen Autobahn liegt und dessen Dorfbild unabhängig davon eine beständige Verträumtheit zeigt. Dabei blieben vielleicht die Wanderkirche und der hoch überm See gelegene Friedhof mit der mächtigen alten Eiche im Gedächtnis hängen, bei jüngeren Besuchen vielleicht auch die drei ehrfurchtgebietenden Damen am kirchnahen Dorfplatz. Die werden dort als Nornen bezeichnet und heißen damit ähnlich sonderbar wie sie aussehen.

Am Ufer des Großen Schwarzen Sees

Von Althüttendorf lässt sich eine facettenreiche Runde zum Grumsin schlagen, die eine Reihe besonderer Orte berührt. Der Name der Straße, auf der das Dorf durch ein steinernes Portal verlassen wird, übernimmt eine Vorschaufunktion, denn ihr Verlauf führt ohne weiteres Abbiegen Zu den Ihlowbergen. Der Weg dorthin überquert zunächst die Autobahn, wobei man gleich noch einmal tiefer durchatmen und sich freuen kann, dass für die nächsten Stunden keine Eile und kein Blick auf die Uhr den Tag bestimmt.

Tummelplatz bei Sperlingsherberge

Bei entsprechender Windrichtung dauert es zwar eine ganze Weile, bis man von den hochdrehenden Motoren im Viersekundentakt nichts mehr hört, doch im Blick kehrt schon vorher ausreichend Ruhe ein, denn die leicht hügelige Landschaft strahlt tiefen Frieden aus. Ohnehin bleibt über die gesamte Zeit der Eindruck, sich durch eine mit ungeheurem Budget gestaltete Parklandschaft zu bewegen, wird ein Titelbild natursinniger Lifestyle-Zeitschriften nach dem anderen durchgewinkt. Für gewisse Euphorie in der Wahrnehmung sorgen zahllose Formationen von Gänsen, die gerade hoch am Himmel ihre Entscheidung für die nächsten Monate treffen.

Grimnitzsee in der frühen Abenddämmerung

Die mehr und mehr überwachsene Pflasterstraße schwingt sich, vorbei am Langen Berg mit seinem schlichten Funkturm, durch Alleeränder mit Buschwerk und verschieden alten Bäumen, umrundet dabei eine große Weide mit wohlplatzierten Hute- und Einzelbäumen und gewinnt in einer sanften Hohlgasse an Höhe. Der Abzweig zu den Ihlowbergen verwundert insofern, als dass es nach unten geht und auch dort bleibt. Dass dennoch alles seine Richtigkeit hat, wird bald auf Tafeln klargestellt.

Aaltütendorf

Ihlowberge

Ob nun plausibel, logisch oder nicht, diese von Menschenhand geschaffene Geländefurche ist der erste der besonderen Orte am Weg und entführt in eine kleine eigene Welt. Durch ein Tor aus mammutschweren Monolithen tritt man ein in den kleinen Canon mit seinen lichten Birkengehölzen, sandigen Schwalbenhängen und dem steinernen Rund im Zentrum. Schon von Weitem zu sehen ist die Reihe markanter Drei-Mast-Gebilde, welche zunächst eindrucksvoll und schön sind, dann aus der Entfernung den Sinn ergeben, von dem vorher zu lesen war.

Hinter Althüttendorf

Kurz danach folgt das nördliche Steintor aus siamesischen Felszwillingen, dessen strahlenförmige Sprengkanäle fast schon künstlerisch beabsichtigt wirken. Ein Schafstall und Weidezäune verweisen auf wollige Landschaftspfleger, die hier manchmal an den Halmen rupfen und damit den Ort noch mehr zu einem Verweilort machen. Ein Apfelbaum mit reichlich Früchten über und unterm Stamm entlässt uns schnurpsend aus dem Tal der Berge.

Am Grund der Ihlowberge

Vom nächsten Feldweg fällt der Blick auf den Ausleger eines Tagebaus, den man nicht erwartet hätte inmitten dieser urigen und zugleich lieblichen Landschaft. Die Entlegenheit nutzen auch der Schützenverein und die Motocross-Piloten, die hier kaum jemanden stören dürften mit ihren jeweiligen Zündungslauten.

Die Wegentscheidung an der folgenden Gabelung ist weder einfach noch von Bedeutung, da sich beide Äste bald wiedertreffen. Der rechte ist absteigend, sieht bunter aus und versammelt dramatisch geborstene Weidenopas am Wegesrand, die scheinbar aus jedem Bersten neue Kraft schöpfen und skulptural weiterleben.

Steinplatz in den Ihlowbergen

Bald darauf beginnt ein sagenhaft schöner Feldweg in Richtung Groß Ziethenw, wo mit dem Besucher- und Informationszentrum zum Geopark die touristische Mitte der südlichen Grumsinregion liegt. Auch dieser gemütliche Alleeweg, der wie aus dem Leitfaden für die schönsten Wege gebaut scheint, wird von Wuchswerk verschiedener Höhe gesäumt und zieht die sanften Landschaftswellen nach, ohne gleich in den Waden zu zwicken. Über längere Zeit begleiten ihn junge Nussbäume, die im sanften Wind gerade die letzten fußsohlengroßen Blätter abwerfen.

Nördliches Portal

Während im Süden die tiefe Grube des Tagebaus konkret wird, überragt im Norden das Wipfelwerk des Gruminser Forstes die Landschaft und gibt eine ungefähre Vorschau auf den Fortschritt der Laubfärbung. Von fern sind Stimmen zu hören und in mehreren Richtungen lassen sich bunte Jacken ausmachen, getragen von Leuten verschiedener Generationen. Silber ist hier durchaus nicht die dominierende Note.

Weg nach Groß Ziethen

Kiesgrube Althüttendorf

Obwohl alle die Aussichtsplattform anpeilen, den zweiten besonderen Ort, wird sie gestaffelt erreicht und kann nacheinander genossen werden. Das Geländer ist kräftig, die Böschung mit grobem Gestein von hier befestigt. Von oben sieht es richtig nach großem Tagebau aus – weit hinten zeigen sich offene Flächen und schwere Technik für die Kiesernte, im Vordergrund zumeist brach liegende Gebiete, die schon von erster Vegetation bedeckt werden. Auch die flachen und tieferen Riesenpfützen gibt es, die großen Vögeln gute Nachtlager abgeben. Die Kanzel mit ihrem speziellen Blick ist ein kurioses und zugleich passendes Kontraststück hier im Geopark.

Blick zum Buchendach des Grumsin

Grumsiner Forst

Doch jetzt zieht der große Wald mit aller Macht und wir wählen den direkten Weg, der im sanften Anstieg und niemals ganz gerade zwischen Pfühlen hindurch zum Waldrand strebt. Beim Eintritt in den Buchenwald geht es sofort zur Sache, das Fest der Farben beginnt. Die Sonne sorgt mit Schattenspiel, durchleuchteten Blättern und großem Lichtpinsel für Üppigkeit in allem, was mit dem Laub der Bäume zu tun hat.

Unterwegs zur Aussichtskanzel

Im Randbereich geben sich die Wipfel noch zwischen grün und gelb über fahlbraunem Laubteppich, doch je tiefer es in den Wald hinein geht, desto mehr übernehmen die goldenen und goldbraunen Töne. Schon bald ist außer den glatten Stämmen der Buchen alles leuchtend golden, ganz gleich ob man den Blick hebt oder senkt. Der blaue Himmel tut das Übrige.

Aussichtskanzel über dem Tagebau

Das Ostufer des Großen Schwarzen Sees begleitet ein Weg, der unterhalb eines laubbedeckten Hanges verläuft. Hier zeigt sich eindrucksvoll das volle Spektrum – unten der dunkle Laubteppich, aus dem in dichten Abständen Steinbrocken in den Größen aller gängigen Kürbisarten ragen. Dazwischen liegt kreuz und quer großes Bruchholz und Geäst, leitet den Blick zu den Wurzelfüßen der Buchen und von dort an den grauen Stämmen direkt nach oben in die leuchtenden Kronen. Noch sind sie so dicht, dass kaum etwas vom Himmel durchscheint.

Blick in die Kiesgrube

Wer einen stillen Flecken gefunden hat, für einen langen Moment stehenbleibt und die Augen schließt, kann eines der anmutigsten Geräusche hier hören – fallende Buchenblätter. Aus der großen Höhe der Wipfel beschleunigen sie vom Gondeln übers Segeln zum Fallen und treffen schließlich am Boden auf den dichten Teppich derer, die früher dran waren. Da alles lose aufeinander liegt, bleibt es nicht beim Geräusch des auftreffenden Blattes, sondern wird zum feinsten Dialog, wenn alle Beteiligten aufeinander zu oder in sich zusammenrutschen. Klingt so beschrieben etwas spinnert, doch vor Ort ganz herrlich und macht direkt Lust auf ein paar Minuten Verlängerung der kleinen Darbietung.

Weg hinauf zum Grumsin

Bevor die Dämmerung einsetzt, sollte man jedoch den Kopf wieder geraderücken und die Augen öffnen, sich losreißen und zusehen, dass man aus dem Wald kommt, denn wenn es hier dunkel wird, dann wird es richtig dunkel. Und wer sagt, dass der Grumsin nicht auch ein Wesen sei? Zu beachten ist, dass im gesamten Wald nur eindeutige Wege benutzt werden sollten, damit die Werdung des Waldes zum Urwald durch nichts verzögert wird.

Im südlichen Grumsiner Forst

Sperlingsherberge

Eine schöne Art, den Grumsin zu verlassen, gibt es bei Sperlingsherberge, wo sich eine regelrechte Wegstufe durch eine markige Geländekante furcht und von draußen kommend an ein Portal erinnert. Gleich daneben befindet sich nun der dritte besondere Ort am Weg, der vor gar nicht all zu langer Zeit liebevoll gestaltet wurde.

Nebental im Grumsiner Forst

Verbunden durch freigemähte Wiesenwege gibt es hier eine riesige Sonnenuhr, einen freiliegenden Steilhang mit unmittelbarem Blick in die Erdgeschichte und regionale Besonderheiten, ferner ein Modell des hiesigen Geländeschnitts und schöne Rastbänke. Dazwischen wogen hochstehende Gräser, da und dort stehen Wacholderbäume wie Figuren im Park und weiter hinten lockt ein Bogen großer Stufen in die Wiesenhöhen. Wer noch nie Lust hatte herumzutollen, könnte erstmals in Versuchung geraten.

Am Großen Schwarzen See

Den schönen Weg von der Aussichtsplattform zäumen wir jetzt von der anderen Seite auf, haben die Nussbäume nun rechts und können nochmal einen Blick auf die Wipfelkappe des Waldes werfen, nun mit taufrischem Wissen um alles Schöne darunter. Aus dem Reich der Pilze hat sich übrigens nicht ein einziger sehen lassen, dafür fand sich eine letzte Mücke bereit für etwas Quengelei während der Rast.

Auch der Weg nach Neugrimnitz sieht nach Parklandschaft aus, was der Blick auf die Karte bestätigt. Eine Gruppe Radfahrer lauscht gerade dem wohlmodulierten Vortrag des Ältesten, der nach vielen Worten aussieht und sein Wissen verschmitzt weitergibt. Die Jüngsten dürfen Kraft ihrer Jugend sanft mit den Augen rollen, die zugehörigen Elternteile haben den Kopf ein wenig in den Nacken gelegt und stieren in den Himmel oder zählen ihre Fingernägel durch. Das Senken der Stimme zu einem abschließenden Satz kommt dann scheinbar schneller als erwartet, und Sekunden später fahren alle fröhlich weiter.

Uferweg am Großen Schwarzen See

Neugrimnitz

Am Ententeich biegen wir ab in die Straße Kellerberg. Vorbei am Dorfplatz, bei dem die meisten Eventualitäten im Jahreskreis bedacht wurden, senkt sich diese nun eine Etage tiefer und vollzieht dabei einen Wandel von nüchtern nach festlich, denn die begleitenden Ahornbäume geben der geschickt gepflasterten Straße das Antlitz einer Kurpromenade und tauchen alles in kräftiges Gelb. Allmählich rückt sich die Autobahn wieder in die Wahrnehmung, doch der Wind hat abgeflaut und etwas gedreht, sodass der Lärm bis zuletzt gedämpft bleibt.

Bei Sperlingsherberge

Gleich hinter der Unterführung lockt ein oft gegangener Weg zum Rand des westlichen Grumsiner Forstes, der von Wanderwegen weitgehend unberücksichtigt blieb und beim Durchstreifen etwas Pioniergeist einfordert. Doch die Beine sind heute schon so müde, dass nicht mal die Radfahrer und Fußgänger jenseits der Kuhweide ausreichend Neugier darauf machen, diesen ufernahen Weg noch heute zu erkunden. Wir bleiben also auf dem lauten Weg entlang der Autobahn, der trotz allen Lärms immer schon schön war und jetzt noch etwas aufgemoppelt wurde.

Althüttendorf

Bei den ersten Häusern von Althüttendorf lässt der Pegel nach, sodass wir abendliche Gänsescharen hören, ganz weit oben. Auf Höhe der flügellosen Bockwindmühle fällt der Blick durch die Apfelbäume unweigerlich zum Grimnitzsee, der heute vormittag blauer noch als blau war, jetzt unter den aufgezogenen Wolken silbrig schimmert und die Dämmerung herbeiwinkt. Weiter hinten rasten große Gänsescharen in der schilfigen Bucht, und je länger man hinschaut, desto mehr Schwäne lassen sich dazwischen entdecken.

Bei Neugrimnitz

Besser geht das gleich noch vom Eulenturm, vor dem in patinierten Lederpellen eine Horde nicht zu alter Biker steht, ausschließlich mit Gespannen. Vermutlich fünfzig oder sechzig Jahre alt sind die gewienerten Maschinen und lassen kernige Stimmlagen ohne Spielarten von Autotune erwarten. Die meisten der Jungs und Mädels lassen die obligatorischen Wannen vermissen, plaudern miteinander und kommen dabei ohne viel Text aus, der zudem vorrangig in Hauptsätzen angeordnet ist. Vermutlich Leute aus dem Norden.

Hinter Neugrimnitz

Nachdem wir wieder vom Ausguck abgestiegen sind, nickt eine dem anderen und der allen Übrigen zu, woraufhin die Maschinen eine nach der anderen angeschmissen werden. Nichts wirkt künstlich, nichts gewollt infernalisch. Es klingt einfach so, wie es klingen soll und summiert sich selbst im Chor der Aggregate nur wenig. Und dann sind sie auch schon weg und nicht noch eine Ewigkeit zu hören.

Abendlicher Grumsinsee bei Althüttendorf

Kurz vorm Dorf werden gerade ausgewählte Pferde kontrastierender Designs von der Weide geholt, andere bleiben über Nacht, wie es aussieht. Am kleinen Strand haben sich ein paar Pärchen auf den besten Plätzen verteilt und warten in der heranschleichenden Abendkühle ab, ob sich die Sonne wohl zu etwas Spektakel hinreißen lässt. Doch sie steht noch ziemlich hoch, der Himmel ist zudem verhangen und letztlich werden wohl nur die Geduldigsten belohnt – oder jene, die an eine kuschlige Decke gedacht haben.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz über Eberswalde (ca. 1,25-1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 18,5 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte (–> Wegpunkte und Track folgen in Kürze)
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Weltnaturerbe Grumsin

Geopark am Eiszeitrand

Eulenturm (Vogelbeobachtung) Althüttendorf

Kiesgrube Althüttendorf

Einkehr:

Waldschänke, Althüttendorf (etwas außerhalb beim Ferienpark)
Imbiss Ortlieb, Althüttendorf

Grobskizziert – Bestensee: Pralle Trauben, schräge Typen und das geschärfte Profil

Muttern war mit ihren Unentwegten, einer rüstigen Truppe gefestigter Charaktere, in Bestensee unterwegs und erzählte ganz begeistert von einem hervorragenden, unterhaltsamen und besonders landschaftlichen Tag. Als ich daraufhin irgendwas zu Bestensee anmerken wollte, gingen hinter meiner Stirn neben dem großen Café am Bahnhof und dem neuen Weinberg nicht sofort Bilderalben, Landschaften und charmante Details auf. Ich war daraufhin ein wenig verdutzt, wurde in  der Folge sofort neugierig.

Dorfaue in Bestensee

In der Tat hatte ich ein nettes Örtchen mit etwas Stadtcharakter vor dem geistigen Auge, doch nicht viel mehr. Beim Blick auf die Karte kam die Erinnerung etwas in Schwung, wuchs an um den süßen Dorfanger, der die Kirche außen trägt, sowie die Nähe zum schönen Sutschketal, das keine zwanzig Minuten entfernt liegt. Die Karte zeigte darüber hinaus, dass interpretationsoffene Marketingleute ohne rot zu werden von der Sieben-Seen-Stadt Bestensee reden könnten.

Barfußpfad im Lausl-Park

Kulturhistorischer Wanderweg

Im Laufe des Tages zeigte sich, dass auch ganz ohne kesses Marketing gute Ideen von fleißigen Händen umgesetzt wurden, Sehenswertes und Besonderes durch einen kulturhistorischen Wanderweg verbunden wird. Ganz gleich, ob all das einem tüchtigen Bürgermeister zu verdanken ist oder Initiativen von Einzelnen oder Mehreren, es ist an vielen Stellen im Ort zu sehen, hat überall dort Hand und Fuß und macht richtig Spaß.

Kram am Rundpfad im Lausl-Park

Der Weg ist nur drei Kilometer lang, doch er sammelt an seinem Rändern viel Sehenswertes und Phantasievolles, dazu schöne Aussichten und vielfältige Landschaften. Schließlich gibt es sogar drei bis vier Einkehrmöglichkeiten, um den Aktivphasen einen direkten Ausgleich entgegenzuhalten.

Groß Bestener Ureinwohner am Fuß des Mühlenberges

Wald der Generationen

Wer die Wegspur kurz verlässt und sich in den nicht mehr als schulterbreiten Kirchsteig wagt, landet bald am Wald der Generationen. Der liegt unterhalb des Südhanges vom Mühlenberg, den klassisch märkischer Kiefernwald bedeckt. Der Wald der Generationen ist eine charmante Idee, bei der jeder Baum einem Anlass gewidmet ist. Die am Rande stehende Tafel ist schon voll mit um die hundert solcher Anlässe wie der Geburt von klein Ida oder der Goldenen Hochzeit von Herrn und Frau Wunderwelt, dem fünften Todestag vom alten Soundso oder Tims Konfirmation.

Reifende Trauben am Südhang des Mühlenberges

Entsprechend viele Bäume bevölkern die lichte Wiese und lassen von jeder Stelle Durchblick auf drei vierschrötige Typen mit breiten Schultern sowie eine Dame mit Sternenhaupt, vielleicht eine entfernte Verwandte der Frau Libertas, die in Übersee seit vielen Jahrzehnten den Wasserzugang nach New York im Auge behält. Das Trio mit den großen Sohlen kommt vom Stamme der Bestwaner, und wer davon wirklich noch nie etwas gehört hat und gleich richtig in die Materie einsteigen möchte, findet Abhilfe im Buch „Bestenseer Märchen“. Wem etwas Halbwissen reicht, der findet vor Ort eine kompakt getextete Tafel.

Weg durch den Weinberg

Lausl-Park

Zu den Märchen passt auch ganz gut die farbenfrohe und verspielte Welt des Lausl-Parks am alten Anger. Auf kleinstem Raum gibt es hier ein Museum mit Seltenheitswert und einen verspielten Hofgarten, dazu einen liebevoll bestückten Parkrundweg mit graphisch ansprechenden Schautafeln, die man nicht schon an anderen Stellen gesehen hat. Teilweise bekannte Inhalte wurden hier so gelungen aufbereitet, dass man es kaum schafft, an eine links liegenzulassen. Falls doch, geht man sicherlich noch mal zurück und will doch sehen, was da zu sehen ist. Blickfänger deluxe.

Mühle am Bestenseer Weinberg

Inbegriffen ist ein um die Ecke gehender Barfußpfad mit einem üppigen Spektrum an Untergründen. Den Weg begleiten alte Geräte, geordnet nach Themen und rustikal überdacht, umgeben wird das Areal von urwüchsiger Natur mit Feuchtgebietsanteil. Zum Betreten und Besuchen wird ausdrücklich eingeladen, sowohl von der schnuckeligen Dorfaue her als auch von der Hauptstraße.

Wiesen am Klein Bestener See

Für Bestenseer bzw. Leute aus der Umgebung bietet der Verein Lebensart und Sammellust noch ein vielfältiges Spektrum von Veranstaltungen für alle Altersgruppen, von Linedance über Bastel- und Spielenachmittage bis hin zu Grundlagen der Smartphone-Bedienung oder Kursen zur effektiven Kräuternutzung.

Kiessee am Ortsrand

Weinberg

Noch einmal zurück zum Mühlenberg: neben dem Wald der Generationen wird der Hang bedeckt von einem nicht allzu kleinen Weinberg, der über die Jahre zu beachtlicher Form gefunden hat. Große, prall bestückte Trauben zwischen blau und grün hängen in den Stöcken, oben am Waldrand gibt es neben dem Weingott Bacchus noch eine kleine Weinlaube. Der Historische Wanderweg führt mitten hindurch.

Uferpfad am Kiessee

Unterhalb der Rebreihen gibt es neben einem überdachten Portal eine offene Hütte, die sich für Winzerfeste oder andere Veranstaltungen nutzen lässt, direkt daneben steht ein kleines frei gezimmertes Modell der Bockwindmühle, die der Erhebung einst zu ihrem Namen verhalf.

An der Taille der Kiesseen

Wer der Spur des Wanderweges nach Westen folgen würde, könnte noch einen Zipfel des verträumten Sutschketals besuchen und dort sicherlich Lust auf mehr bekommen – das Sutschketal mit dem Krummen See ist dann eigentlich eine eigene Geschichte und somit auch einen eigenen Ausflugstag wert.

Eichenallee zum Strandbad an den Kiesseen

Südwesten

Wer mehr Auslauf wünscht, kann vom Bahnhof ausgehend in alle Richtungen gehen und wird jeweils andere Landschaften entdecken. Nach Südwesten kommt man bald zu weiten Wiesen, die derzeit sommerlich bunt blühen oder frisch abgemäht vom Boden duften. Vom Bauernsee und dem Klein Bestener See bekommt man dabei nicht viel mit – wer sich auskennt, kann sich ihr Vorhandensein anhand der Bruchwälder herbeivermuten.

Sommerwiese bei den Lauben

Hinter einem Waldstück liegen dann die beiden Kiesseen mit ihren schönen Badestellen und dem Strandbad. Entlang der Waldränder und Wiesen oder auch unmittelbar am Ufer winden sich schöne, stille Wege. Das Wasser ist klar, die gut verteilten Sichtfenster wirken allesamt beruhigend. Hier und da ein Ruderboot, hinten am Strand entfernte Strandgeräusche und dazu passend eine kaum wahrnehmbare Prise Sonnencreme gemischt mit Tabakrauch. Vom umzäunten Strandgelände führen gemütliche Eichenwege und nadlige Waldpfade zurück nach Bestensee, unterwegs bieten sich vom Bergfeld weite Blicke über schier endlose Wälder.

Waldpfad nach Klein Besten

Süden

Direkt nach Süden kann man sich stets dicht am Ufer des großen Pätzer Vordersees halten und ist hier meist auf schattigen Pfaden unterwegs, die stellenweise abenteuerlich schmal werden. Weiter südlich wird die sachlich gehaltene Neusiedlung Wustrocken berührt, doch das stört nicht groß, da es zum See hin stets urwüchsig und schön bleibt.

Uferpfad am Pätzer Vordersee

Das Spiel mit den Pfaden lässt sich vorbei am Schweinewinkel bis zur Südbucht des Sees betreiben und auch gern zu einer vollständigen und reizvollen Seeumrundung erweitern, die sich nur rund um Pätz etwas vom Seeufer entfernt. Das darf dann an dieser Stelle gleich die Richtung Osten mit abdecken.

Gartenwiese in Bestensee

Norden

Im Norden schließlich gibt es den Fanggraben, der hier und da schon ein wenig Spreewald-Stimmung öffnet. Direkt am Wasser liegt auch das über zweihundert Jahre alte Königliche Forsthaus, das direkt mit Friedrich dem Großen zu tun hat. Heute gibt es hier ein wunderschön gelegenes Restaurant, von dessen Terrasse man mit etwas Glück einen Eisvogel beobachten kann.

Ehemaliges Königliches Forsthaus am Wehr

Direkt daneben steht noch eine luftige Weinscheune und zwischen beiden liegt ein süßer Ententeich. Vorbei am Rügendamm schlängelt sich in Richtung Todnitzsee ein Waldpfad parallel zur Straße, der an heißen Tagen eindrucksvoll den klimatischen Unterschied zwischen Naturboden und versiegeltem Boden zeigt.

In der Südbucht des Todnitzsees

An der Südbucht des Todnitzsees hilft zwischen wurzeligen Pfaden ein metallenes Brücklein über den Fanggraben, der hier einiges breiter ist als am Forsthaus und allenfalls von Olympioniken überspringbar wäre. Nur ein paar Minuten weiter reicht der dünensandfeine Strand großzügig von der Uferlinie bis hoch zum Sportplatz.

Brücke über den Seenverbinder zum Todnitzsee

Zwischen Strand und Ortszentrum erstreckt sich ein leicht hügeliger Nadelwald, dessen Bäume so licht verteilt sind, dass man locker ein fünfhundert Meter entferntes Reh entdecken könnte. Durchzogen ist der Wald von einem unregelmäßigen Weg- und Pfadenetz, das einfach Spaß macht. Selbst wenn man also gar nicht baden gehen möchte oder die Jahreszeit nicht danach steht, der Weg zum Strand dürfte das ganze Jahr über ein gern benutzter sein.

Stadtwald zwischen Strand und Stadt

Schöne Touren lassen sich als Weg zum nächsten Bahnhof gestalten, im Norden Königs Wusterhausen, im Süden Groß Köris, gleichermaßen gibt es für tagesfüllende Rundtouren eine Hand voll Möglichkeiten. Am Ende des Tages gab es schließlich neben einer stattlichen Sammlung von Mückenstichen auch eine ganze Reihe Eindrücke, Stimmungen und bleibende Bilder fürs Langzeitgedächtnis. Beim nächsten Treffen mit Muttern konnte dann dementsprechend gefachsimpelt werden.

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz (ca. 30 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Abfahrt Mittenwalde/Bestensee, dann Landstraße (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 13 km (Abkürzungen vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Lausl-Park Bestensee

Kulturhistorischer Wanderpfad Bestensee

Weinberg Bestensee

Einkehr: Imbiss im Lausl-Park
Ristorante Bel Lago, Bestensee
La Villa Due, Klein Besten
Steakhaus 1775, Bestensee
Die Weinscheune, Bestensee










Berliner Spaziergang – Kreuz-/Schöneberg: Bienenkraut, stilles Blau und der Knick im Kanal

Der Sommer feiert sich selbst im ganzen Land und hat durch den steten Wechsel von Sonnenkraft und Wolkenbruch eine Farbenfreude und Üppigkeit wie schon lange nicht mehr. Die Vielfalt aller erblühten Pflanzen lässt kaum einen Farbton ungenutzt und der Duft aus reifem Korn und blühenden Linden wird von einer steten Brise durch Gärten und Landschaften getragen, wo er seinen jeweils letzten Schliff erhält. Es ist ein Sommer der Düfte, so viel ist klar.

Engelbecken

Freie Tage, lange Wochenenden oder ganze Urlaubswochen lassen sich in den meisten Gesichtern ablesen, die wunderbare Entspannung in so vielen Dingen ist nahezu greifbar, ein geschmeidiger Seelenbalsam nach dem ganzen Bangen und Zweifeln, was die Ferienzeit betrifft. In den Städten sind die Parks gut gefüllt, die Stimmung friedlich und ohne große Fragezeichen. Die momentanen Möglichkeiten werden ergriffen, umarmt und gewürdigt, zugleich noch besonders und schon wieder normal empfunden.

Streetart an der Bülowstraße

In der größten Stadt an der Spree sind nun wieder Hartplasterollen auf Gehwegpflaster zu hören, dazu ein paar mehr Sprachen von außerhalb und die auch öfter. Touristen von da und dort ertasten zaghaft die besuchte Stadt, die noch nicht ganz auf voller Fahrt läuft. Und scheinen auf eigene Faust ganz eigene Reize zu entdecken, die eher nicht in Damusstehin-Empfehl-Büchern stehen, sondern der ganz eigenen Neugier entspringen, vielleicht befeuert von Freundestipps über drei Ecken.

Im Park am Gleisdreieck

Für Leute von hier ist dieser Sommer eine ganz besondere Möglichkeit, ihr Städtchen selbst unter Lupe und Latsch zu nehmen – nicht so beklemmend stillgelegt wie noch vor wenigen Monaten, doch auch noch nicht so hackentretend überfüllt, wie es beliebten Touristenzielen eben beschieden ist. Alle Botanik ist saftig, grün und voll Volumen, die Tierwelt dem Anschein nach präsenter als gewöhnlich.

Am Urbanhafen

Wer die vielen grünen Korridore nutzt, kann so auch stundenlang flanieren, ohne klimatisch in Bedrängnis zu geraten. Ein kühler Ayran, die beste Wahl für heiße Tage, oder ein zapffrisches Blondes mit oder ohne Geschmack oder Umdrehungen ergibt sich in regelmäßigen Abständen, die Dichte der Gelegenheiten nimmt freilich in Richtung Speckgürtel nach und nach ab, der Literpreis im Gegenzuge eher zu.

Bunter Mittelstreifen auf dem Tauentzien

Ostbahnhof

Der Vorplatz hinter dem Ostbahnhof war zu besten Lebzeiten des Kaufhauses erfüllt von einem beschaulichen Markttreiben mit Klamotten, Kartoffeln und Krimskrams. Das ist über die Jahre eingelaufen zu einer kurzen Zeile von Nahrungshändlern, die ein Quäntchen Vertrauensvorschuss voraussetzen. Eine schöne Zusammenfassung des jetzigen Vorplatzes bietet das Schild des orangenen Containers „Bei Joe/Pizza Picos, Deutsche Küche/Pizza Pasta Cocktails“, das bei voller Außenbestuhlung und offenem Schirm durchaus einladt. Die Quoten-Grünpflanze und der beigestellte Touri-Zocke-Geldautomat machen das Service-Pack komplett – mehr bracht man erstmal nicht, wenn man nach langer Zugfahrt aus dem Bahnhof gefunden hat.

Kirchblick von den Bikini-Terrassen

Das Kaufhaus, das dem Ostbahnhof in der Vergangenheit zu einigem Gewusel verhalf, war während der letzten gut zehn Jahre der DDR das modernste und größte aller Centrum-Warenhäuser, geriet aber zuletzt durch die jüngeren Kaufgewohnheiten ins Hintertreffen, wurde von Jahr zu Jahr stiller und letztlich stillgelegt. Nach dem chassiserhaltenden Umbau trägt der große Quader jetzt neben viel Fassadenglas einen Namen, der dem Zeitgeist genügen soll. Diesem und den genannten Kaufgewohnheiten entspricht auch der aktuelle Hauptmieter, der auf seine Art auch wieder ein Kaufhaus ist.

Neu verputztes Centrum-Warenhaus am Ostbahnhof

Luisenstädtischer Kanal

Von der Schillingbrücke fallen in beide Richtungen spannende Flussblicke, nach Osten zur schönen Oberbaumbrücke und dem Treptower Park, in die andere Richtung hin zum Fernsehturm und der Wiege Berlins. Jenseits der Spree lässt sich schon bald unter die Straßenebene abtauchen, wie das in Berlin nur an wenigen Stellen so reizvoll möglich ist. Vor langer Zeit teilte sich der Luisenstädtische Kanal mit der Spree und dem Landwehrkanal das Wasser und stellte zwischen beiden eine Kanalverbindung von markanter Form dar. Das ist nicht ohne Grund so, denn hier hatte wieder einmal der Landschaftsarchitekt und Stadtplaner Lenné seine fähigen Finger im Spiel. Er wollte nicht nur eine pragmatische Abkürzung, sondern im selben Streich ein Stück städtisches Schmückwerk, das einem neuen Stadtviertel seine eigene Note verleiht. Der Plan ging auf und brachte für längere Transportschiffe die Herausforderung mit, auf dem kleinen Engelbecken im Winkel von neunzig Grad abzubiegen.

Die Spree am Ostbahnhof

Einiges später kamen nach drei entstellenden Jahrzehnten als Schuttdepot und Todesstreifen Arbeiten in Gang, die dem Kanalverlauf bereits sechs Jahre nach dem Mauerfall große Teile seiner einstigen Anmut zurückgaben, wenn auch ohne Wasserweg. Weitere folgten mit den Jahren, und mittlerweile kann man vom Urbanhafen bis kurz vor der Spree spazieren und wird dabei nur von einer größeren Straße unterbrochen.

Der Luisenstädtische Kanal auf dem Trockenen

Nur wenige Stufen sind es jeweils von der Straße hinab zum Grund des Engelbeckens, das gern synonym für den sperrigen, wenn auch schönen Kanalnamen verwendet wird, doch diese Stufen entführen in eine andere Welt. Würde man nicht ab und an den Kopf heben, ließe sich glatt vergessen, dass mitten durchs dicht besiedelte Kreuzberg spaziert wird. Blickfangend ist im ersten Teil die Thomaskirche mit ihrer großen Zylinderkuppel, später dann die Michaelkirche mit ihrer markanten Fassade, in deren Schiff unter freiem Himmel das Pfarrhaus und eine größere Wiese zu finden sind.

Engelbecken mit bewirtschafteter Terrasse

Engelbecken

Am Platz vor der Kirche liegt nahezu quadratisch das eigentliche Engelbecken, die einzige Stelle des Kanals, auf der Schwäne und Enten schwimmen können, ohne Staub aufzuwirbeln. Dafür haben sie reichlich Platz, denn eine Umrundung beansprucht mindestens fünf Minuten, immerhin. Wer die Vogelwelt oder auch die anderen Gäste ausführlich studieren möchte, kann sich auf ein kaltes oder heißes Getränk ins Café setzen.

Falls man nun gar nicht so weit gekommen oder nach dem Umrunden des Engelbeckens wieder auf dem Bethaniendamm gelandet ist, muss der Kurs nicht korrigiert werden, denn schon bald lockt ein kleiner Einschlupf in den Nachbarschaftsgarten Ton-Steine-Gärten. Dieser bietet nicht nur den beteiligten Gründaumen Seelenfrieden und innere Rast, sondern auch durchreisenden Besuchern vielfältige Eindrücke sowie verschiedensten Sechsbeinern Speis und Trank.

Nachbarschaftsgarten hinter dem Haus Bethanien

Der bunte Nutz- und Bauerngarten ist nicht groß, doch eine ganze Reihe krautiger Pfade führt hindurch und erweckt den Wunsch, nicht einen von ihnen zu verpassen. Köstlich duftet es von überall, würzig vermischt sich mit duftig und streng mit aromatisch. In den Blütenständen verschiedenster Gestalt tummeln sich weit mehr als die drei Schmetterlingsbildnisse, die man eben so kennt, oftmals teilen sich Summende, Schwebende und Flatternde oder auch Käfernde dieselbe Stängelei. Bei Leuten, die gern kochen, werden sofort einige Ideen für morgen durch den Kopf geistern.

Großnasige mit Niederdruck am Mariannenplatz

Mariannenplatz

Vor dem Haus Bethanien mit seiner hellen, detailverliebten Fassade erstreckt sich breit der Mariannenplatz, auf dem sich über viele Jahre manch chemisch erzeugte Träne ihren Weg gebahnt hat, bevorzugt um Anfang Mai herum. Heute liegt auch hier der Sommer mit seinem Frieden über dem Tag, wird sich gesonnt oder mit den Kindern Ball gespielt. Von weiter hinten ist ein gedämpftes Problemgespräch zu vernehmen, das trotz seiner Leisheit plakativ wirkt und einer Spontanperformance gleicht. Würde durchaus passen. Immer wieder besuchenswert sind auch die wackeren Feuerwehrleute am Brunnen mit ihren dicken Sattelnasen. Der Wasserdruck reicht heute nur bei einer der beiden Spritzen für einen schönen ballistischen Bogen.

An der Adalbertstraße beginnt nun einer der Teile von Kreuzberg, der Türkei-Liebhaber vielleicht ein bisschen in Urlaubsstimmung versetzen kann. Zwischen unzähligen Kneipen, Bars und Restaurants mit bunten Namen und einfallsreichen Fassaden gibt es immer wieder orientalische Impressionen, die dem laufenden Publikum und den Sprachfetzen, den Düften der Gemüsemärkte und Imbisse sowie der Stimmung insgesamt geschuldet sind. Es ist noch immer so besonders hier, wie es das kurz nach der Wende oder überhaupt schon immer war.

Am Kottbusser Tor

Kottbusser Tor

Gegenüber des Dönerladens mit der schärfsten Soße überhaupt liegt fast übersehbar ein kleiner Hof mit Wasserspielplatz, der gleichberechtigt auch das Friedrichshain-Kreuzberg-Museum beherbergt. Eine winzige Oase im lauten Gewühl des Verkehrs rund ums Kottbusser Tor, dessen Kreisverkehr auf ewig eine gewisse Unsicherheit beim Abbiegen mitbringt, egal ob man nun auf dem Rad oder im Auto unterwegs ist.

Wer direkt zwischen Unterführung und Kreisverkehr Hunger bekommt, muss sich nicht wundern bei all den Düften. Schwierig dürfte jedoch die Entscheidung fallen, denn hier lagern dicht an dicht zahlreiche Imbisse mit unentrinnbaren Argumenten für Nase und Auge, die schon beim bloßen Schauen direkt an die Zunge durchstellen. Der Gemüsestand mit den weitläufigen Auslagen tut sein Übriges.

Wenig Verkehr in der Admiralstraße

Jenseits der Skalitzer mit ihren Verkehrswirbeln gibt es zur Admiralstraße eine weitere Haus-Unterführung, hinter der es nun wieder herkömmlicher aussieht, auch die Welt der Düfte betreffend. Hinter einer hohen Sanduhr mit in Blech geschlagenen Charakteren drumherum und der Architektur jüngerer Jahrzehnte ist schon die Admiralbrücke zu sehen, auf der zu dieser frühen Mittagsstunde noch kein Mensch sitzt. Beim Späti fragen wir nach einem kalten Ayran, bekommen stattdessen einen Döner angeboten und zuletzt den Wunsch mit auf den Weg, die Sonne zu genießen.

Breiter Blick auf das Urban-Hafenbecken

Urbanhafen

Rund um den Urbanhafen wird auf der Hafenmauer sitzend oder auf den Uferwiesen fläzend neben der Sonne gleich der ganze Tag genossen, verquatscht oder einfach nur vertan, und wie immer steht hier am weiten Hafenbecken eine große Schar von Schwänen, die sich teils versammeln, teils unters Volk mischen. Schatten gibt es genau so viel wie Sonnenplätze, Angebot und Nachfrage passen aufeinander. Nur selten quatscht jemand lauter als nötig in sein Endgerät, ebenso selten wird auf seinen Weg bestanden, wenn ein Ausweichen nötig ist. Keine verbiestert rammelnden Stromräder, allenfalls genießerische Zügigkeit aus der eigenen Wade. Die Kreuzberger Entspanntheit fühlt sich echt an im Vergleich zu einzelnen anderen Kiezen, wo die Selbstpräsentation bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist und den eigentlichen Menschen überlagert. Es ist durchweg angenehm.

Hafenkiosk mit Räumlichkeiten

Schwierig wird es nun, am Hafenkiosk des fest vertäuten schwarzen Zweimasters vorbeizukommen. Wir verschwenden keine Kraft mit Gegenwehr und finden einen der vielen schönsten Plätze mit Wasserblick. An den Nebentischen wird auf besonders schattigen oder besonders sonnigen Plätzen gelesen, palavert oder mit loser Hand skizziert. Auch zeigen junge Leute ihren Eltern aus der ferneren Provinz die schönsten Seiten ihrer neuen Heimat, Kreuzberg is gar nicht mehr so, küssen Großmütter feucht die Wangen ihrer zu langsam weggedrehten Enkel und wissen ihren Kindern guten Rat für dies und das. Dennoch finden die niedersächselnden Besucher wortreich, dass es doch nirgends so schön ist wie in Hannover.

Blick von Bord des vertäuten Zweimasters

Mehrfach wird am Ausschank das bestellt, was die Dame da zwei vor mir hatte, das sah so köstlich und erfrischend aus oder auch so frisch und knackig. Gemeint waren unter anderem der Eismilchkaffee oder die herrlich-farbenfreudige Salatschale aus Blättern, Körnern und Bohnen. Unter Deck werkeln elegante Thresenmänner, an der frischen Luft darf jeder Platz gewählt werden. Auch der, wo Kate-Winslet einst auf der Titanic stand. Drum herum und zwischendrin fliegen die stillen Schwalben ihre gewagten Manöver, etwas vor der Uferkante quäkt der Blesshuhn-Nachwuchs seine vorwurfsvolle Laute.

Hinter der Baerwaldbrücke teilt sich die Straße und lässt einem breiten Mittelstreifen Raum. Gleich zu Beginn darf eine kunterbunte Wiesenfläche in die Höhe krauten, nicht viel größer als zwei Klassenzimmer. Vom Pfad zwischen den beiden Pforten können halbwegs Geduldige auch hier eine große Vielfalt an Bienen und dergleichen entdecken und nehmen als Andenken vielleicht einen echten Mückenstich oder einen Brennesselbiss mit. Mehr und mehr gibt es solche Flächen kleiner Wildnis in der Stadt, bei denen es weniger auf Größe als auf gleichmäßige Verteilung ankommt. Angenommen werden sie gut, wie klar zu sehen ist.

Gern besuchter Insekten-Garten

Hinter der Kindervilla Waldemar mit ihren schattigen Spielflächen liegt einer der schönsten Biergärten am Kanal, der leider vor Kurzem abbrannte und erst wieder aufgebaut werden muss. Schräg gegenüber der Heilig-Kreuz-Kirche, die nicht nur als Gotteshaus dient, liegen drei Friedhöfe, die tagsüber einen ruhigen Durchgang zum Mehringdamm gestatten, zu anderen Zeiten ist die südlich verlaufende Baruther Straße eine gute Alternative. Wer die Augen ein bisschen aufsperrt und mit der Berliner Historie grundlegend vertraut ist, kann auf den Grabsteinen einige Namen entdecken, die direkt und nachwirkend mit der Stadt zu tun haben. Anmutige Grazien klappern auf Omas altem Rad über den Friedhof, gerade schnell genug, damit das offene Haar links und rechts des versonnenen Blickes schon etwas weht.

Mehringdamm

Nach dem Verlassen des Friedhofs auf dem lärmigen Mehringdamm ist gegenüber die Kastellburg der Dragoner-Kaserne kaum zu übersehen, die ein wenig nach Lego aussieht und heute das Finanzamt beherbergt. Dahinter liegt das Dragoner-Areal, um das seit längerem hart verhandelt wird – mit Erfolg, zumindest teilweise, denn Sozialwohnungen wurde hier dem Vernehmen nach der Vorzug gegenüber Luxusappartements gegeben, so sagt es ein gewichtiger Vertrag.

Park am Gleisdreieck Nahe Möckernkiez

Am ersten regulären Wohnhaus steht gewunden eine Schlange, so lang, wie sie noch vor zwei Monaten an den Teststellen zu sehen waren, als wieder ging, was lange Zeit nicht ging. Als ein positiver Test mehr Mehrwert brachte als nur im Baumarkt die dringend benötigten Schrauben zu erwerben oder das Teflonband zum Abdichten des lecken Rohrs. Hier geht es konkret um einen Gemüsedöner, der entweder richtig gut ist oder in einem dieser Bücher steht, die jetzt so langsam wieder an Gewicht gewinnen.

Wer das wohl im letzten knappen Jahr im Blick behalten hat, wo man unbedingt gewesen sein muss oder wo unbedingt hineinzubeißen ist? Wer Trends beobachtet hat, wo gar keine Leute waren? Oder einfach erfinderisch genug war und tatsachentolerant? An der gleich benachbarten Currywurst-Legende jedenfalls wartet kein Mensch, ebenso beim gewöhnlich gut besuchten Döner Ecke Yorckstraße.

Historische Ladenstraße des Technik-Museums am Gleisdreieck

Hinterm Rathaus Kreuzberg, das genauso aussieht, wie man es sich vorstellt und so ganz anders als das zinnenbewehrte Finanzamt um die Ecke, geht die Yorckstraße in ihre erste Biege. Zu Fuß kann man problemlos geradeaus auf der Hornstraße weitergehen, deren begrünter Mittelstreifen Schatten, Spielplätze und gelangweilte Bildschirmrumwischer auf Bänken bietet. Deren fließende Sitzhaltungen zeigen an, dass die berockte Großmutter ganz weit weg ist und ihnen daher nichts husten kann.

Wie ein Entree liegen mit einem Mal die extrabreiten Stufen zum Park am Gleisdreieck da. Oben gibt es einen herrlichen Niederflur-Kletterwald voller Stangen, zwischen diesem und dem Imbiss schon wieder eine kleine wilde Insel für Insekten, voll hüfthohen Krautes. Allein im Stangenwald ließe sich mit Kindern gut ein halber Schultag füllen, ein paar Meter weiter liegt dann entlang der Wiesenterrasse noch einen Streifen voller Entdeckungspotential. Anstatt Spielgeräten gibt es hier etwas Relief und liegende Stämme, verschiedene Untergründe und Wasser, Platz für Platsch und Mansch und dazwischen allerlei Pflanzen und Getier.

Im Park am Gleisdreieck

Möckernkiez

Direkt benachbart ist der relativ neue Möckernkiez, der in der Planung sicherlich gut gemeint war, aber so gar nicht nach seinem gemütlichen Namen aussieht. Insgesamt wirkt er blutleer und hat ein paar schöne Chancen verschenkt, was insbesondere in der charaktervollen Nachbarschaft zum Gleisdreieck-Park auffällt. Davon abgesehen dürfte eine Wohnung hier trotzdem ein Treffer sein.

Zum Park am Gleisdreieck muss nichts gesagt werden – in allem Neuentstandenen in Berlin findet sich hier ein einzigartiger Ort, der mitten in der Stadt so weitläufig sein darf, so viele Gesichter trägt und herrliche Blickachsen öffnet. Hier kann man sich herrlich verlieren oder einen schönen Platz finden und diesen für Stunden nicht verlassen.

Umschlossen von seinem Areal ist das Technikmuseum, von dem eigentlich immer irgendetwas heraussschaut. Zwischen Festplatz und Landwehrkanal spannt sich schnurgerade die sogenannte Historische Ladenstraße. In zwei Zeilen von Lagerhäusern mit langen Vordächern parken in dieser nahen Außenstelle des Museums unzählige verschiedene Geräte zum Bewegen von Menschen und Waren.

Im Schankgarten Eule

Die Straße endet vor dem Kanal am emporragenden Rotorblatt eines Windrades, sicherlich nicht dem derzeit größten und dennoch sehr eindrucksvoll. Eine Fahrradbrücke führt über den Landwehrkanal zum Parkteil am Anhalter Bahnhof, das dortige Tempodrom mit seinen Dachzacken war vorhin schon gut zu erkennen. Doch heute bleiben wir südlich des Kanals und spazieren auf der Luckenwalder Straße zum seltsam verloren gelegenen Eingang zum Kreuzungsbahnhof Gleisdreieck, an dem die meisten ja eher umsteigen.

Gleisdreieck

Verloren ist hier heute gar nichts, denn unzählige Rucksackler aus aller Welt bzw. in alle Welt stranden hier für eine knappe Stunde oder mehr. Der Grund ist eine der Teststationen, wo man kurzfristig das große Besteck der Testerei, sprich einen PCR-Test, machen kann, der Verbleib gestattet, verordnet oder eben Weiterreise möglich macht.

Weg zum Bülowbogen

Unter der U-Bahn-Trasse führt ein Durchschlupf zurück ins Parkgelände mit seinen verschiedenen Spielflächen für Kurz und Lang. Zwei Hochbahntrassen in Reihe liegen voraus, so dass fast zu jeder Minute ein schnell kriechender gelber Zug zu sehen ist, der mit dem unteren oder oberen Gleisdreieck-Bahnsteig zu tun hat. Dass die U-Bahn hier so gar nichts mit U zu tun hat, stört da überhaupt nicht. Die nördliche Hochtrasse klemmt eng zwischen neuen Häusern des teuren Segments und lässt damit einige Fragen offen.

Neben den rollenfreundlichen Asphaltbändern gibt es immer wieder offenen Schotter und Sand, aber auch große Holzterrassen und weite Wiesen, so dass hier gut vergnüglicher Sport getrieben werden kann, zugleich aber auch verschiedenste Kleinstbiotope im Spiel sind. Im Kontrast zu den offenen Flächen steht der herrlich schattige Waldspielplatz an der Kleingartenkolonie, die in ihrem Noch-Immer-Bestehen in dieser Lage selbst ein kleines Wunder ist und an ein gallisches Dorf denken lässt. Oder einfach Glück gehabt hat.

Amerikanische Kirche im Bülowbogen

In einem Dschungel aus üppig bewachsenen Pflanzenkübeln und mannigfaltig verbauten Holz-Paletten, vertischten Kabelrollen und aus Holzresten generierter Bestuhlung kann man sich im Café Eule einem wohltemperierten Päuschen hingeben, mit Sicht auf die Parzellen. Ganz am Rand des gepflasterten Areals steht ein Kiosk, wo es eine bunte Mischung aus allem gibt, was Kehle und Gaumen zur Sommerzeit erfreut. Zu empfehlen an heißen Tagen sei besonders die eiskalte, frisch gepresste Zitrone, auch die Optik des Kuchens hält, was sie verspricht.

In der Bülowstraße

Bülowbogen

Den südlichen Rand der Schrebergärten markiert die Hochbahntrasse, unter der man zum Bülowbogen durchkommt. Auch hier gibt es wieder eine großzügige Bienenweide, entlang der Rampe zum kleinen Skaterpark. Der Bülowbogen, den manche noch mit dem Namen Pfitzmann verbinden werden, umschmiegt die Amerikanische Kirche auf dem Dennewitzplatz. Auch hier steht eine Schlange an, ähnlich lang wie die vorhin, doch mit höherem Altersdurchschnitt. Und hat nichts zu tun mit Reiseführern für Berlin, denn hier gibt gerade eine der zahlreichen Tafeln aus, was übrig blieb.

Streetart in der Bülowstraße

In der Alvenslebenstraße stoßen wir überraschend auf die Kirchbachspitze, einen lehmbraunen Kletterfelsen des DAV mit Gipfelstange, derzeit gesperrt. Ihr alpin-reales Gegenstück ist in der Texelgruppe in Südtirol zu finden und liegt gut dreitausend Meter höher. Was ja jetzt auch nicht so viel ist. Gleich gegenüber des Gipfels geht es los mit der großflächigen Straßenkunst, welche die nächste Viertelstunde begleitet. Der Detailreichtum ist groß, die Fassade kommt dem zum Teil sogar dreidimensional entgegen.

Weitere Streetart ein paar Schritte weiter

Galerie Bülowstraße

Die Steinmetzstraße wurde als Promenade gestaltet, ist weitgehend verkehrsfrei. An der Ecke stehen zweimal zwei Brunnen, die allesamt baugleich sind und irgendwie zwischen Siebzigern und Achtzigern aussehen. Der linke Bürgersteig der Bülowstraße duftet dann nach Rasierwasser und Haarpflegeprodukten. Alle Herren auf dem Bürgersteig sehen so aus, gehen so aufrecht und duften, als ob sie frisch vom Coiffeur oder Barbeur kämen. Keinesfalls einfach nur vom Friseur oder Haarschneidermeister. Elegant, glänzend und mit dem letzten Schliff thront jedes Haupt über seinem Brustkorb, Maskulinesse und Revierehre schwingen mit in jedem Schritt und seiner Richtung.

An der Ecke Potsdamer Straße geht es dann in die Vollen mit der Fassadenkunst, die es in Größen von Miniposter bis traufhöhenhoch gibt. In zich Stilen, eins von der größeren Sorte wird gerade frisch hochgezeichnet. Der Ehrenkodex wurde an keiner Stelle verletzt, alles ist intakt. Bildgeschichten werden erzählt von einer ganzen Wand voller Einzelheiten oder nur einem einzigen Gesicht, einem markanten Blick, einer Körperhaltung. Manches kommt ohne Farbe aus, anderes feiert die Buntheit, wieder anderes deren Nuanciertheit.

Begegnungsstraße Maaßenstraße am Nollendorfplatz

Noch vor dem Nollendorfplatz drehen wir ab, um den Schatten der kurzen Nollendorfstraße zu genießen. Ungewöhnlich – hier steht eine kurze Reihe hoher Laubbäume wie nach Konzept in einer ebenfalls verkehrsfreien, gepflasterten Straße zwischen eleganten alten Hausfassaden. Eine besondere Straße, selbst für Berlin mit seiner stadtweiten verspielten Vielfalt in diesen Dingen.

Regenbogenkiez

Rechts fällt der Blick auf den U-Bahnhof Nollendorfplatz, hinter dem die U-Bahn in Richtung Westen wieder die Unterwelt abtaucht. Was nachts die Beleuchtung seiner Kuppel in alle Richtungen mitteilt, lässt sich auch beim taghellen Hindurchflanieren wahrnehmen, in der entspannten Verspieltheit des Straßenlebens, in den Fassaden der Bars und den Themen vieler Geschäfte. Die Gegend zwischen vier schönen Berliner Plätzen gilt als weltweit erster Regenbogenkiez, der schon in den Goldenen Zwanzigern des letzten Jahrhunderts für sein Nachtleben und seine Buntheit bekannt war und das bis heute lebendige Bild dieser lebensdurstigen Zeit mitgeprägt haben dürfte.

Viktoria-Luise-Platz

Nachdem hier mit vielen gelassenen Haaren das Dritte Reich überstanden war, erwachte der Kiez aufs Neue und ließ sich auch von den verstaubten Jahrzehnten der jungen Bundesrepublik nicht unterkriegen, in der Abweichungen vom gewohnten Hetero-Rollenbild strafrechtlich verfolgt wurden. Zuletzt war das in der Ausnahme-Fernsehserie Kudamm 56/59/62 anschaulich zu sehen. Der betreffende Paragraph übrigens verschwand tatsächlich erst Mitte der 1990er Jahre aus den Gesetzbüchern.

Abgesehen vom lebhaften Treiben auf den Trottoirs und den allgegenwärtigen Regenbogenfarben geht es hier wieder besonders friedlich und entspannt zu, wozu auch eine noch junge Idee beiträgt. Die Maaßenstraße wurde zwischen Nollendorf- und Winterfeldtplatz zu einer Begegnungsstraße umgestaltet, und das keinesfalls halbherzig wie an anderen Stellen in der Stadt. Eine Hälfte der Fahrbahn bietet nun reichlich Platz für Bänke, Pflanzkübel und Bistro-Tische, hat stark einladenden Charakter und wird von allen Altersgruppen gern angenommen.

Kurz vor dem Regen am südlichen Wittenbergplatz

Einzelne hochgezüchtete und hingebungsvoll polierte Karossen drehen auch hier ihre Runden wie um den Marktplatz einer Provinzstadt, doch auf Interesse oder gehobene Blicke können die Lenker kaum hoffen, auch wenn der lässig heraushängende Arm noch so ansehnlich ist. Hier ist alles andere interessanter, seien es gewagte Hüte, extrahohe Sohlen oder die Haltungsbestnote auf dem Elektroroller, dessen Trittbrett jedes Paar Sohlen in einen unvorteilhaften Dialog zwingt – eigentlich. Oder einfach nur die Omi, die schon immer hier wohnt und nicht einfach rausgeht, wenn sie rausgeht, sondern sich schon etwas in Schale wirft. Jegliche Spielart von Bohnenkaffee in den Cafés ist besonders wohlgeraten, eventueller Schaum überdauert locker eine Viertelstunde, ohne seine Fassung zu verlieren.

Lebensalterbrunnen auf dem Wittenbergplatz

In der Motzstraße gibt es zwei normale Fahrspuren für Autos, trotzdem wirkt sie fast genauso gemütlich wie die Maaßenstraße und könnte so auch im sympathischen Erlangen, Potsdam oder auch dem herrlichen Viertel südlich des Sendlinger Tors in München liegen. In der Farbenmischzentrale, die thematisch kaum besser platziert sein könnte, kann man internationale Tapeten bekommen. Von all dem abgesehen steuert die Motzstraße auf den ovalen Viktoria-Luise-Platz zu, dessen Fontäne schon zeitig zu sehen ist. Rund um den Brunnen sitzen Leute auf den Bänken, viele mit einem Eis auf der Faust, für das jetzt der richtige Moment ist, endlich.

Viktoria-Luise-Platz

Auf dem steinernen Bankenrund haben sich zwei Damen niedergelassen, die gedämpft über Literatur palavern. Ein junger Vater fängt immer wieder sein wieselflinkes Erstgeborenes ein, während das Zweitgeborene seiner Mutter auf den Leib gebunden schläft und noch nicht älter als zwei Nächte sein kann. Ein Mädchen in kunstvollem Komplettschwarz hat sich gekonnt auf die glatte Steinfläche gegossen, ist verschmolzen mit der Musik aus den Ohrstöpseln und müsste eigentlich hier und jetzt gemalt werden.

Klassischer Blick auf dem aufgemoppelten Tauentzien

Währenddessen wird es langsam ernst mit dem Gewitter, das sich schon länger ankündigt. Eine Zwischendämmerung dimmt das Licht, Staub und Blätter werden auf Augenhöhe gewirbelt und von allen Seiten scheint es still zu raunen. Der Schlenderschritt weicht einem entschlosseneren, der rasch zum Wittenbergplatz führt, welcher ganz im Zeichen der Außengastronomie steht. Das Wetter hält sich noch kurz zurück und lässt einen langen Moment zum ausführlichen Beschauen des Lebensalterbrunnens.

Tauziehnstraße

Den Tauentzien sind wir ewig nicht lang, und das lohnt sich jetzt, denn nach langen stiefmütterlichen Jahren ist der Mittelstreifen mit seinen symbolträchtigen Blickachsen richtig schön geworden, fast ein bisschen prächtig. Die Neugier uns zieht weiter Richtung Kirchdoppel, denn vom Breitscheidplatz mit seinem verspielten Weltkugelbrunnen ist Live-Musik zu hören, als liefe heut die Féte de la Musique.

Breitscheidplatz mit Turmbauten

Was hier zu hören ist, bietet jedoch anstatt räumlicher Verteilung zeitliche Langstrecke. Über volle drei Monate findet nach einer stark eingedampften Straßenmusiksaison der Kultursommer 2021 statt, der eine Handvoll verschiedener Formate unter einem Dach vereint. Musiker, Kulturgruppen und Theater können sich hier einem breiteren und vor allem leibhaftigen Publikum zeigen und prüfen, ob der Funke überspringt. Alle, die hängenbleiben, saugen es sichtlich auf, direkt vor einer Bühne zu stehen, die doch so ganz anders ist und so viel mehr als ein gleichgroßes Projektorbild vom hochauflösenden Livestream. Der Regen stört niemanden, zumal die Bühnen überdacht sind und somit weder Klampfen, Künstler noch Kostüme großartig nass werden können.

Wer übrigens vor dem Gang zum ruppigen Mikrokosmus des Bahnhofs Zoo noch kurz einen Emporenplatz über der Bühnenlandschaft haben möchte, steigt ein paar Stufen aufs Oberdeck des Bikini-Hauses und kann dort entweder Affen mit roten Hintern, Einkäufern unter Glas oder eben der Musik auf dem Platz seine Aufmerksamkeit schenken.

Auf den Bikini-Terrassen

Und wer nach einiger Zeit vielleicht genug gehört hat und neben Ruhe für die Ohren auch gleichzeitig Ruhe für die Augen wahrnehmen möchte, sollte nicht am achteckigen Schiff der Neuen Kirche vorbeigehen, die mittlerweile seit fünfzig Jahren hier steht. Nach dem Platznehmen im Innenraum beginnt der Blick langsam zu schweifen, der Kopf folgt mit kreisenden Bewegungen. Der Puls wird ruhig und betont bald jeden seiner Schläge. Um wieder aufzustehen, bedarf es einiger innerer Überredung. Diese blaue Puderdose, sie ist ein besonderer Ort.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
mit der S-Bahn nach Ostbahnhof

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: ca. 14 km (beliebig erweiterbar, per ÖPNV beliebig abkürzbar)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Einkehr: große Vielfalt von Angeboten direkt am Weg

Wilmersdorf: Tanzende Laken, müde Rüssel und der Duft des jungen Sommers

Nach einem bemerkenswert kühlen Mai mit regelmäßigem Nass von oben hat der Juni direkt auf Sommer umgestellt und spielt sich seitdem in den Zwanzigern der Thermometerskala ab, sogar eine längere Vorschau auf den Hochsommer war schon dabei. Das ist durchaus willkommen, ermutigt zum endgültigen Weghängen der Übergangs- und Winterpellen und passt auch viel besser zum bunten Geschehen, dass sich selbstbewusst zum allgegenwärtigen Grün des Mai gesellt hat.

Sumpfwald am Madlitzer See

Was die Tonkulisse angeht, ist auch im sechsten Monat des Jahres treu dabei die Meise und darf damit als hartgesotten und äußerst universell gelten. Alle schon vom Mai bekannten Kehlen sind nach wie vor zu hören, dazu diverse neue Feinheiten, für die jedoch das landläufige Wald-und-Wiesen-Wissen gewöhnlicher Spaziergänger zu knapp ist.

Mohn am Wegesrand, von sich selbst berauscht

Erfüllend ist er, der Klang dieser großen Vielfalt, die an der Schwelle zwischen Frühling und Sommer ihren Höhepunkt erreicht. Wenn dann alle Partner gefunden, alle Nester gebaut sind, das Brutgeschäft erledigt und alle Eier aus dem Gröbsten raus, schmilzt diese Klangvielfalt irgendwann zur vergleichsweise Stille des hohen Sommers zusammen, wo eher das Grillenzirpen dominiert und das Rauschen des Windes in den hohen Gräsern.

Schlosspark Alt Madlitz

Endlich hört man auch wieder das Klirren von Geschirr und Besteck in den Gaststätten, sieht Kellner wieseln und entspannt zurückgelehnte Leute in den Biergärten sitzen, inklusive froher Gesichter und leisem Kichern. Ein gutes Stück Normalität findet wieder statt und erlaubt unterwegs besondere Vorfreude auf die Einkehr am Wege oder die faule Abrundung des Tages hinterher.

Dorfteich und Kirche in Wilmersdorf

Wilmersdorf

Davon abgesehen verlangt die tief eingekerbte Gewohnheit des eigenartigen Jahres noch immer nach einsamen Wegen, auf denen lediglich in den Weg ragende Blätter, herabhängende Blüten und querkriechende Schnecken zum Ausweichen veranlassen. Dazu kommt noch eine große Sehnsucht nach bunten Kornrändern, die neulich in der Uckermark nicht zu finden waren. Und dann ein paar verlässliche märkische Zutaten wie alter Laubwald, gewundene Seen und vielleicht noch sowas wie eine Mühle oder ein Schlosspark. Notfalls auch beides.

Auf halber Strecke zwischen der Spreestadt Fürstenwalde und Frankfurt an der Oder gibt es in mildhügeliger Landschaft eine ganze Reihe Dörfer, gleichmäßig verstreut und dennoch selten in Sichtweite zueinander. Einige davon haben Schloss und Park, andere wiederum liegen an einer Seenkette, die von Seelow im Norden bis hinab zur Spree reicht. Wilmersdorf ist eins davon und hat neben einem schönen Teich mit großblütigen Seerosen eine anmutige Kirche, zu der man wahlweise über ein kleines Brücklein gelangt.

Apfelallee bei Wilmersdorf

Vom letzten Haus am südlichen Dorfrand führt eine mitteljunge Apfelbaumallee zum dichten Laubwald, der saftig grün sowie mit einigen feuchten Stellen durchsetzt ist und schon bald an einen überwachsenen Schlosspark erinnert. Das liegt zum einen an einer gewissen fahrigen Strukturiertheit mit Hügeln und Pfadgassen, die in softwarefreier Realitätserweiterung Ruinenteile sehen lässt, wo gar keine stehen.

Im Wald zwischen Wilmersdorf und Alt Madlitz

Zum anderen sorgt neben verspielten Wegwindungen ein System von Gräben, Schilf und Weihern für den Eindruck einer weitläufigen Anlage aus Menschenhand, auch wenn vieles davon trocken liegt. Dies bestätigend kommen bald ein paar Brücklein zu Hilfe, die nun konkret sind und vorhanden, teils auch etwas morsch.

Im äußeren Schlosspark Alt Madlitz

Zuletzt ist es der markante Bestand an Bäumen und Büschen, der sich vielfältig zeigt und walduntypisch mit seinen großgewachsenen Büschungen aus Lebensbaum und Buchs und den alten Stämmen verschiedenster Baumarten dazwischen. Später ist zu lesen, dass hier vor zweihundertfünfzig Jahren der erste Landschaftspark im englischen Stil auf Brandenburger Boden gestaltet wurde. Lenné übrigens hatte mit dem noch nichts zu tun, nicht zuletzt da er erst einiges später auf der Bildfläche erschien.

Pavillon namens Monopteros im Schlosspark

Wer mit der charmanten Rumpligkeit der wilden Außenbereiche des Parks nicht viel anfangen kann, dem hilft es vielleicht zu wissen, dass hier seinerzeit kluge Köpfe wie der Bildungsspezi Wilhelm von Humboldt oder die Romantiker Clemens Brentano, Johann Ludwig Tieck und Achim von Arnim lustwandelten – sicherlich mal scharfsinnig aktiv, dann wieder weinselig entspannt und viellelicht sogar herumalbernd.

Schattiger Waldpfad nahe des Schlosses

Hier gibt es nun schon einen leisen Vorgeschmack auf 2021 als ergiebiges Mückenjahr. Tröstlich dabei ist nicht allein die Tatsache, dass die lieben Vögel reichlich Futter finden für all die krakeelenden Nachwuchsschnäbel, sondern zudem die Beobachtung, dass die frische Generation der Plagegeister noch unerfahren oder eben nicht allzu helle ist und daher nicht sofort nach dem Landen zusticht. Diese Unentschlossenheit erlaubt häufig die Vermeidung des Zugriffs, mit oder ohne harte Konsequenzen.

Das Schloss ganz hinten

Landschaftspark Alt Madlitz

Jenseits der Reviere der sirrenden Sauger gewinnt der Schlosspark an Konkretheit, vorher gab es schon einzelne Wegweiser, die einen Rundweg erwähnen. Bald öffnet sich der Wald nach links und stellt am Ende einer langen Wiese einen hübschen Pavillon ins Bild, auf winzigem Hügel. Bald folgt noch mehr Offenheit mit einer kunstvollen Riesenwurzel in Weiß, und tatsächlich zeigt sich kurz darauf eine distanzierte Schlossfassade von schlichter Eleganz.

Wiesenpfad am Ausgang zur Dorfstraße

Die Distanziertheit wird zur Tatsache, als Durchgangsschilder und grollende Hunde im Zwinger folgen, also wenden wir und verschwinden in einer einladenden Pfadgasse, die bei einer anmutigen Bank beginnt. Durch üppige Natur schlängelt sich der Pfad, zu Füßen hoher Stämme und in Tuchfühlung mit ausgeuferten Büschen voller Blüten. Jetzt wird auch die Duftmischung ganz bewusst, die bereits den ganzen Tag begleitet. Robinien und Linden, Jasmin und Holunder und immer wieder die wilden Rosen, dazu die Gräser und das Korn – ganz gleich ob man im Wald ist oder im Park, zwischen Wiesen oder am offenen Feldrand, dieser Juni-Tag ist ein absoluter Tag der Düfte.

Kirche Alt Madlitz, von Blühbüschen gerahmt

Kurz vor den ersten Häusern weist ein hölzernes Schild nach links zum Ausgang des Rundwegs und leitet zauberhafte Minuten der Landlust ein. Ein Wiesenpfad reiht Kurve an Kurve, umrundet dabei ein lose abgegrenztes Gärtchen, das an eine gemütliche Feldsteinfassade grenzt. Kindshohe Wiesen voll wogender Dolden und Rispen werden von einem Weidezaun notdürftig im Zaume gehalten, bis der Weg schließlich in drei nostalgischen Stufen an der stillen Dorfstraße endet.

Rastbank am Weg zur Seenkette

Alt Madlitz

Gleich gegenüber stehen hübsche Fassaden, links zeigt sich das schmiedeeiserne Tor zur Schlossanlage, hoch genug, um Löwen abzuhalten. Gleich daneben schlüpft übrigens der Rundweg durch den Park in einen lauschigen Pfad und liefert das letzte Puzzleteil für den Zusammenhang der angedachten Wegelenkung. Das Schlosscafé liegt noch im Schlaf, nicht ersichtlich ob dauerhaft oder bis hin zur endgültigen Öffnung auch gastronomischer Innenräume. Ein Stück die Straße runter steht auf einer sanft erhöhten Wieseninsel die putzgraue Kirche, oben am Turm leuchten farbkräftig die Ziffernblätter, während die Haupttür von Rosenbüschen eingerahmt wird. Hier finden wir nun die erhoffte freistehende Rastbank im Winde.

Bienenweide mit Elfentanz

Während die Beine ausgestreckt werden und der Rucksack leichter wird, spielt sich ein Großteil des Tagesverkehrs ab. Mit einem Mal strömen von überall kleine Herden von Radfahrern und kurbeln in Hühnermanier kopflos umher, bis die Richtung klar scheint. Ein Bursche mit weit überhängendem Rucksack läuft erst hin, dann her und wieder hin, bevor ihn ein aufgepumpter Pickup mit synthetisch getuntem Motorklang schließlich einsackt. Und nachdem eine klassische Oma in Kittelschürze ihr Rad mit dem typischen Lenkerwackeln gen Norden gelenkt hat, zweitakten wirklich noch zwei Stück Dorfjugend auf der Schwalbe vorbei. Weiter hinten kommt der Handwerkerbulli von der Arbeit und parkt rückwärts in den wohlverdienten Feierabend.

Schankterrasse am Gut Klostermühle

Wir lassen all den Trubel hinter uns und schlurfen in Richtung der erwähnten Seenkette aus dem Dorf. Rechts zwischen den Büschen leuchtet mit einem Mal das ersehnte Mohnrot hindurch, bei einer kleinen Bank gibt es schließlich einen Durchschlupf und die Kameras werden verzückt gezückt. Extra bunt ist diese Wiese, die wohl zu jenen zählt, welche immer öfter den Bienen zu Diensten angelegt werden. Über weißen Margeriten und dem blassvioletten Bienenfreund tanzen die zarten roten Laken der entknüllten Mohnblüten ihren Elfenreigen und trotzen in Anbetracht dieses dünnen langen Stängels jeder Vorstellung von physikalisch Möglichem. Es ist jedes Jahr aufs Neue ein kleines großes Schauspiel.

Klostermühle mit fallfrischem Regenwasser im Mühlbach

Am Friedhöfchen nutzen wir die Wasserhähne, um nach der kleinen Sause die Hände abzuspülen. Das hätten wir uns sparen können, denn unvermittelt bricht der Himmel auf und lässt uns erst die Schirme öffnen, dann umständlich die Regenpelle überziehen. Noch zwei Minuten vorher hatten uns zwei beschwingte Dam- und Herrschaften späteren Alters nach der korrekten Richtung und den verbleibenden Gehminuten bis nach Alt Madlitz befragt, beide sahen eher nach unterhaltsamen Schnurren, geistreichen Bonmots und Sommerspaziergang aus als nach Regenschutzvorsorgemaßnahmen und Praktischem. Gut, dass der Tag kein allzu kalter ist und ein teurer Panama-Hut auch rasch wieder getrocknet ist.

Madlitzer See

Madlitzer Mühle

Auch wenn der Schauer keine zwanzig Minuten dauert, kommt doch einiges runter und sammelt auf der abschüssigen Asphaltspur kleine Bäche, auf denen selbstgeschnitzte Borkenboote gut in Fahrt kommen könnten. Der Wald sorgt für Windschutz von der Seite und verhindert komplett nasse Hosen. Dennoch sehen wir stilistisch eher fragwürdig als nach Vier-Sterne-Gastronomie aus, als wir am tiefsten Punkt die Gebäude der Madlitzer Mühle erreichen. Auf der halbnassen Außenterrasse am See sitzen jedoch schon ein paar andere unserer Kategorie, so dass wir uns für ein Tässchen Heißen dort niederlassen.

Im Park des Gutes Klostermühle

Das stattliche Preisniveau rechtfertigt sich nicht nur durch Art und Qualität der Anlage, den Charme der Baulichkeiten und natürlich die oberschnieke Lage direkt an der Seebucht, sondern auch durch die zauberhafte Umgebung, die vieldimensional an das nördliche Südschweden denken lässt. Zum weitläufigen Gelände der Gastlichkeiten mit seinen kleidsamen Höhenunterschieden gehören zwischen allerlei Liegewiesen auch ein langer Steg in den See sowie eine der schönstgelegenen Tischtennisplatten zwischen dem 14. und 15. Längengrad. Nicht zuletzt schafft auch das lebhaft fließende Wasser am bemoosten Mühlrad einen Platz von Poesie.

Östlicher Uferweg am Madlitzer See

Madlitzer See

So richtig exklusiv für Leute mit Lust am Draußensein ist jedoch der überschaubar lange Rundweg um den fjordisch gewundenen See, der vermutlich vom Hotel initiiert und umgesetzt wurde. Denn dieser oftmals pfadschmale Uferweg ist, selbst für märkische Verhältnisse, wirklich besonders und verschlägt einen etwa auf der Mitte des Madlitzer Sees vom Skandinavischen an die Schwelle zwischen Mittel- und Hochgebirge. Das Gefühl eines Bergsees dürfte maßgeblich durch den steilen, teils gerodeten Hang oberhalb des Weges entstehen, doch auch durch die Ruhe, mit der das Wasser tief in seiner Eiszeitrinne liegt.

Wegspur durch den Bruchwald

Wie zum Unterstreichen kauert über dem jenseitigen Ufer weithin sichtbar ein einsames Holzhäuschen mit Boot und Steg, das gleichermaßen als schwedische Stuga oder gipfelnahes Berghüttlein durchgehen könnte. Das Boot hat auf der Genießer-Rückbank eine Extralehne, die zu romantischen Ruderpartien einfach dazugehört. Vielleicht ist all das gar nicht echt, wurde nur für den Katalog dort hinprojiziert und ist dann einfach geblieben.

Entscheidende Querungsmöglichkeit nördlich des Madlitzer Sees

Am Nordende des Sees übernimmt ein breiter Waldstreifen, der komplett durchfeuchtet ist. Immer schmaler wird die Wegspur durch das dichte Grün der Jahreszeit, immer dichter rückt das spiegelnde Wasser an den Weg und befindet sich schließlich auf Sohlenhöhe. Dennoch geht es noch etwas tiefer, getränkte Holzbohlen halten den schmatzenden Pfad im Zaum und enden an der entscheidenden kleinen Brücke, die zur anderen Seite des sumpfigen Bruchwaldes übersetzen lässt.

Stilles Wasser im Bruchwald

Genau hier ist eine dieser besonderen Wasserwelten, die absolute Ruhe ausstrahlen, tiefste Natur und wenig Eingriff. Die Stämme streben direkt zum Himmel, das Wasser ist weithin bedeckt von matter, leicht fluoreszierender Grütze. Einen Stockwurf entfernt reguliert ein kunstvoll geflochtener Biberdamm den Wasserspiegel.

Westlicher Uferweg am Madlitzer See

Schwelgerisches Verweilen wäre jetzt angemessen, ist jedoch leider keine Option. Die Mücken sind zwar nicht sehr aufgeweckt, doch dafür reichlich und somit statistisch hin und wieder erfolgreich. Das macht unentspannt und fuchtelnd, und letztlich könnte irgendwas oder man selbst im Nassen landen. Also schnell genossen, hastig einige Eindrücke in Nullen und Einsen gegossen und daheim noch mal in Ruhe angeschaut.

Madlitzer See

Ein stiefelbreiter Pfad führt zurück zum Seeufer und wir sehen gegenüber nochmal die steil ansteigende Hangflanke. Der nadelige Weg verläuft kurz über Uferhöhe und dürfte an warmen Tagen zum Baden locken. Einzelne kräftige Baumäste ragen weit in Richtung Seemitte.

Im Wald zwischen See und Schlosspark

Am Katalog-Hüttchen verlassen wir den See und steigen kurz hinauf in den dichten Wald. Viele Wege gibt es, einige sind vom hohen Gras verwachsen. Der mit dem höchsten Gras ist unserer. In jedem Halm hängen Hunderte Tropfen, und so sind die Schuhe bald mit grünen Samenkörnchen übersät und quatschen bei jedem Schritt vor Nässe. Bald besteht die Option für einen Weg am Waldrand, doch der ist mittlerweile übergepflügt. Auch hier gibt es einen Blühstreifen für Insekten, an dessen Rand wir weglos zum nächsten Anschlussweg gelangen. Der ist jetzt gut gangbar.

Blick vom Dorfrand zur Alt Madlitzer Kirchturmspitze

Kurz hinter dem Sträßchen zwischen Alt Madlitz und Vorwerk Madlitz erreichen wir den östlichen Einschlupf ins Wegesystem des Schlossparks, nach links ragt die Kirchturmspitze über die Wiese. Doch der Waldrand rechts ist jetzt willkommen, offen im Wind und mit lockendem Mohnblumenrot. Ein Reh steht im rehhohen Gras, wird durchs Ohrenspitzen sichtbar und ist mit einem Sprung im Erlenwald verschwunden.

Waldrandweg nach Waldhof

Rechts der Wald ist dunkelgrün, links die bunte Wiese eher hell, und darüber türmt sich mehr und mehr ein düsterer Himmel auf, der den nächsten großen Guss in Aussicht stellt. Der Weg knickt in Richtung Westen ab und führt in mehreren Bodenwellen durch eine mittelalte Allee von Apfelbäumen, die so dicht in Reihe stehen, dass sie ineinander verzahnt fast schon eine Hecke ergeben. Gut für uns, denn als der Regen losbricht, haben wir fürs Erste etwas Schutz von der Seite.

Apfelallee vor Waldhof

Und dann saut es richtig los, von oben, von der Seite, mit Verwirbelungen und teils auch von unten. Mit verzahnten Schirmen und schützenden Bäumen sitzen wir in einem Gehölz die zehn Minuten aus, ohne größere Einweichungen. Von dem kleinen Wasserreich eines ringförmigen Weihers bekommen wir aufgrund der verhangenen Sicht nichts mit.

Nasse Trockenwiesen vor Wilmersdorf

Waldhof

Den Weg voller Pfützen sind bald die Häuser von Waldhof erreicht, wo es einen schweigenden schwarzen Hund zum raschen Weitergehen und einen kleinen Skulpturengarten zum kurzen Verweilen gibt. Dahinter öffnet sich die Landschaft und über den von Erdtönen bunten nassen Trockenrasen ist schon die Kirche von Wilmersdorf zu sehen. Die Aussicht auf Stärkung und Behaglichkeit geht absolut in Ordnung. Wir drosseln die Schrittfrequenz, genießen klamm und mückenfrei die letzte Viertelstunde. Mit dabei ist noch immer der sagenhafte Duft des Tages.

Sinistre Gestalt am Wegrand

Zurück in Wilmersdorf sind noch ein paar besondere Häuser zu bestaunen, die ans Baltikum denken lassen, dabei ein äußerst pittoresker Bauerngarten. Am wespentaillierten Dorfteich werfen wir der Kirche einen verdienten Blick zu, überschreiten an der Schmalstelle das blumengeschmückte Brücklein und gönnen den Schuhen in der Uferwiese noch ein wenig Bodennässe, denn wer braucht schon halbe Sachen. Der aktuelle Sommer gilt nun als getauft.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn bis Berkenbrück, dann weiter mit dem Bus (Mo-Fr regelmäßig bis Nachmittag, Sa/So keine Verbindung)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land B1/B5 (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 12,5 km (Abkürzungen gut möglich)(Darstellung ist von Problemwegen bereinigt)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Wilmersdorf

Schlossgut Alt Madlitz (mit Kurzvideos)

Informationen Alt Madlitz

Informationen Gut Klostermühle

Einkehr: Parkcafé im Schlossgut Madlitz
Gut Klostermühle, Madlitzer Mühle (gehobene Gastronomie)

In eigener Sache: Qdrapics oder das parallele Bilderbuch

Ein weiterer Strang zum Neugierigmachen auf nahes Draußen wurde  vor wenigen Wochen freigeschaltet, die Füllrate hat bereits den zweistelligen Bereich erlangt.

Da es im beliebten Portal hinreichend viele Bilder schöner Menschen von vorn mit Endgeräten von hinten gibt, werden hier vor allem Landschaft und Umgebung, aber auch Gegend zu sehen sein. Wolken und Wellen, Wipfel und wogende Halme in typischen Posen spielen zentrale Rollen, zu den meisten Zeiten auch die Farbe grün oder ein Ziegenbart. Und zur Sommerszeit auch mal Ginsterkram.


Mal reinschauen unter:
Wegesammler im Quadrat

Viel Spaß!








Grobskizziert – Fürstlich Drehna: Goldenes Plätschern, grüner Mai und die verschonte Filmkulisse

Viel Regen kam runter in den letzten zwei Wochen. Mittendrin gab es eine Handvoll hoch- bis höchstsommerlicher Tage hart an der Dreißig-Grad-Marke, und im Gefolge sind Knall auf Fall alle Baumkronen so grün geworden, dass kaum noch Astwerk durchschaut. Die Obstblüte reicht in diesem Jahr bis Mitte Mai, auch einige Frühblüher stehen noch gänzlich unwelk in den Wäldern, während ein paar Ecken weiter schon die Blumen des Sommers ihre Startlöcher verlassen haben, die zeitliche Langstrecke im Blick.

Blick auf Fürstlich Drehna

All das Grün, die satten Düfte und der getränkte Boden sorgen für diesen Duft, für den man den Mai so liebt. Dazu kommt noch die Geräuschvielfalt, der bei jedem Ausflug weitere Klänge hinzugefügt werden. Während die Lerchen schon seit Februar ihre Begeisterung ins Land schreien und auch die Nachtigallen seit Wochen gewohnt virtuos trällern, kommen nach und nach weitere Charaktertypen und Spaßvögel wie Kuckuck und Pirol dazu – mit hohem Wiederkennungswert auch für Leute ohne viel Vogelahnung. In Dorfnähe gibt es neben stillen Weihern auch solche mit tausend Froschkehlen, und wer gut hinhört, kann hier und dort aus der Ferne die entrückten Bassflöten der liebestollen Rotbauchunken erahnen.

Schlosspark Fürstlich Drehna mit Pavillon

Zwar treiben Temperaturen und Wetterkarten weiterhin ihr Spiel mit den Menschen, die schon längst Wärme und Sonne und leichte Klamotten herbeisehnen nach dieser ewigen Kälte. Doch immerhin hat sich in Sachen Infektionsgeschehen eine gewisse Zuversicht eingestellt, was kleine Schritte zurück in Richtung Normalität angeht. Beständig verfolgte Zahlen tendieren in erstrebte Richtungen, und so soll es zu Pfingsten mit etwas Glück und Vorbereitung möglich sein, sich ein frisch gezapftes Getränk an den Tisch bringen zu lassen.

Schloss Fürstlich Drehna

Fürstlich Drehna

Zum Himmelfahrtswochenende steht ein Ziel auf dem Plan, das weit entfernt ist, gefühlt kurz vor Sachsen liegt. Der Name Fürstlich Drehna verheißt schon Besonderes, und das findet sich dort in der Tat. Nicht allein dadurch, dass hier ein mittelalterliches Wasserschloss steht, benachbart zu einem Lenné-Park, darin ein gusseiserner Pavillon mit bunten Fenstern. Kurios ist vielmehr die Lage des Dorfes, das die Niederlausitz ganz klar im Gesicht trägt.

In Groß Mehßow

Schaut man von Nahem auf die Karte, sieht man den gemütlichen Dorfplatz, der umgeben ist von allerhand historischen Gebäuden wie der Kirche und den Gasthöfen, weiter hinten dem Brauhof und der Schlossanlage. All das steht so konzentriert beieinander und der Raum dazwischen ist komplett gepflastert, dass man sich in einer Filmkulisse wähnt. Tritt man dann etwas zurück, zeigt die Karte, dass das Dorf von ehemaligen Tagebauen umgeben ist, wie eine Halbinsel hineinragt.

Teichrundweg Nord in Groß Mehßow

Heute ist das in der Landschaft kaum noch zu erkennen, da viele Restlöcher zu großen Seen geworden sind, auf vielen Brachflächen junger Wald herangewachsen ist und die von unten nach oben gekehrte Erdoberfläche langsam von der Natur zurückgenommen wird. Schaut man auf Karten oder Luftbilder, die älter als zwei Jahrzehnte sind, ist die Halbinsellage noch deutlich zu erkennen. Auch die dringlichen Warnschilder im Randbereich der englischen Parkanlage erinnern an einigen Stellen recht konkret daran. Unter diesem Blickwinkel erscheint die Beschaulichkeit der Filmkulisse im Herzen des Dorfes noch kurioser.

Zwischen den Fischteichen bei Groß Mehßow

Am Rand des Dorfes steht auf einer kleinen Erhebung eine originalgetreu nachgebaute Bockwindmühle. Von dort ist es nicht weit bis zum Ufer des Drehnaer Sees, der weit größer aussieht als er eigentlich ist. Unweit seiner Uferlinie findet sich in der Heidelandschaft nordöstlich des Dorfes der umgezogene Grundriss einer alten Kirche, ohne dritte Dimension. Die wurde seinerzeit im Rahmen des Tagebaues gesprengt und hinterließ dabei einige offene Fragen. Insgesamt ist Fürstlich Drehna also ein klassisches Ausflugsziel, das viele Interessen vereint.

Im nassen Wald des Tannenbuschs

Wem dabei die Natur zu kurz kommt, der kann die Wälder rund um das Nachbardorf Groß Mehßow erkunden. Diese bieten eine faszinierende Besonderheit, wie sie im Land Brandenburg nicht noch einmal zu finden sein dürfte. Dabei ist etwas Mut zu nassen Füßen und plötzlich endenden Wegen sowie auch eine Prise Humor gefragt, denn nicht immer ist alles so, wie es die Karten verheißen. Ans Ziel kommt man letztlich immer – manchmal eben mit kleinem Umweg.

Im durchflossenen Wald des Tannenbuschs

Bedingt durch den an Quellen reichen Höhenzug der Babbener Berge und eine ausgedehnte unterirdische Tonplatte findet sich in diesen Wäldern Wasser an der Oberfläche, das sich tiefenentspannt in weit verzweigten Netzen durch den Wald des Tannenbuschs verteilt. So trifft man überall auf kleine Gräben von eher natürlicher Gestalt, in denen goldbraunes Wasser seinen Weg zum nächsten Teich oder ins Tal der Dobra antritt, sehr gemächlich, doch fast immer bewegt.

Vor Groß Mehßow, von Süden kommend

Eben diese geringe Fließgeschwindigkeit ist es, die dafür sorgt, dass der Wald auf großer Fläche durchfeuchtet bleibt. Die Gestalt erinnert ein bisschen an die Grabensysteme im Harz, westlich vom Brocken bei Torfhaus, wo die großen Hochmoore liegen. Die Optik ist für Brandenburg ungewohnt und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Fischteich bei Tugam

Groß Mehßow

Auch die Fischteiche bei Groß Mehßow gehören zu diesem Wassersystem. Der größte von ihnen, der Große Teich, lässt sich umrunden. Im Bereich seines Nordufers ist dabei guter Gleichgewichtssinn und etwas guter Wille erforderlich, denn der eher provisorische Weg liegt an mehreren Stellen unter Wasser. Daher muss über hölzerne Eisenbahnschwellen balanciert werden, die zwar ortsfixiert, doch halbwegs schwebend im Wasser liegen. Zumindest ein nasser Schuh ist dabei wahrscheinlich.

In Tugam

Doch auch ohne Umrundung lässt sich tief in das Teich- und Waldreich des Naturschutzgebietes vordringen, wobei die Wege aus verschiedenen guten Gründen keinesfalls verlassen werden sollten. Zwischen den Babbener Bergen im Westen, dem Schulmeisterberg im Süden und dem Weißenberg im Osten lassen sich jedoch genug Wege finden, die einen weiten Bogen durch dieses besondere Waldgebiet gestatten.

Radweg Drehnaer See

Tugam

Vom Weißen Berg führt ein idyllischer Weg zum Gutshaus Groß Mehßow, und auch der Weg aus dem Dorf hinaus gestaltet sich sehr anmutig – wie fast den ganzen Tag entlang eines Wasserlaufes, später über ein Brücklein. Kurz hinter dem Brasenteich liegt das Dörfchen Tugam mit manch schönem Haus, und ein paar Minuten später ist man schon am steilen Ufer des Drehnaer Sees, der vollständig von einem Radweg umrundet wird, nach der komfortablen Art, wie sie in der transformierenden Tagebau-Lausitz häufig anzutreffen ist. Der Radweg weiß gerade nicht so richtig, wo er eigentlich langführt, und so ist etwas Interpretation gefragt. Wer auf Nummer Sicher gehen will, folgt bei Tugam der Linkskurve der Straße nach Fürstlich Drehna, die jedoch nur punktuell Blicke auf den Drehnaer See gestattet.

Drehnaer See

Wenn der Tag dann langsam zu Ende geht, kann man sich am Drehnaer Dorfplatz einem der Biergärten anvertrauen oder einfach nur eine Bank im Park suchen, versonnen auf den Schlossteich stieren. Und sich dann freuen, dass der Tagebau auf Abstand blieb und diese Filmkulisse aussieht, wie sie schon immer aussah – nicht ganz von dieser Welt.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn bis Finsterwalde, von dort Bus nach Fürstlich Drehna (Bus nur Mo-Fr, nicht gleichmäßig verteilt)(2-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Abf. Calau, dann Landstraße (ca. 1,5-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 19, 5 km (Abkürzungen vielfätlig möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Kulturlandschaft Fürstlich Drehna

Groß Mehßower Teiche

Wüste Kirche Drehna

Einkehr: Gasthof Zum Hirsch, Fürstlich Drehna
Pferdestall, Fürstlich Drehna
Café Alte Schule, Fürstlich Drehna
Schlossrestaurant, Fürstlich Drehna
Gasthof Kasprick, Groß Mehßow

Nur am Rande – Baumblüte bei Werder: Klappstullen, Klappstühle und die beschwingten Farben

Der kälteste April seit ziemlich lange hat sich vom Hof gemacht, und der frisch eingetroffene Mai gibt Anlass zur Hoffnung auf leichtere Oberkleider, denn es gab bisher ausschließlich Tage ohne Schneefall. Die Nachttemperaturen gewinnen nach und nach an Abstand zum Nullpunkt und lassen die Werderaner Obstbauern etwas ruhiger schlafen.

Am Grund des Alpensprengsels bei Glindow

Betrübt sind sie trotzdem, denn die nächste Auflage des tradierten Baumblütenfestes musste erneut aufs kommende Jahr vertagt werden. In Werder soll sie ohnehin auf ein angenehmes Maß eingedampft werden, das keine bleibenden Schäden bei Einwohnern, Bausubstanz und Landschaft hinterlässt und letztlich Namen und Inhalt des Festes wieder näher zusammenbringt. Auch wenn es dann vielleicht nicht mehr das zweitgrößte Volksfest im Lande sein wird.

Blick auf die Kirchen von Glindow und Werder

Obwohl der äußere Rahmen des Festes also komplett wegfällt, haben auf den Hochflächen westlich der Havelseen einige der alten Hasen und Urgesteine unter den Obstbauern einen kleinen bunten Stand aufgestellt. Die gewohnte Sortenvielfalt gibt es diesmal nicht aus bauchigen Ballonen, sondern vorabgefüllt in robuste Literflaschen.

Kirschbäume in Reihe geschaltet

Allerhand Publikum ist trotz des durchwachsenen Wetters unterwegs, meist per Rad, doch auch zu Fuß. Da es letztlich doch gnädiger ist als die Vorhersage, werden es von Stunde zu Stunde mehr. Die Fortbewegung ist meist flüssig, denn die Wegweiser des Panoramawegs Werderobst lassen sich auch nach zwei Glas Obstwein noch gut lesen. Die Buchstaben sind groß, der Kontrast gut gewählt.

Gut lesbare Wegweisung

Für den Genuss der farbintensivenTropfen sind derzeit etwas Phantasie und Vorbereitung gefragt, was ja mittlerweile und vorübergehend zum erweiterten Standard gehört. Konkret sind das stilvolle oder bestenfalls praktische Trinkgefäße, ein Satz minimalistische Sitzkissen sowie eine Gabel, mit der sich außer Suppe fast jegliche Art von Essen handhaben lässt. Dazu vielleicht noch ein schönes Stück Frankfurter Kranz oder Schokoladenkuchen im oberen Packbereich des Rucksacks. Wer richtig gut ist, hat schließlich noch dampfenden Kaffee in der Thermoskanne. Unterwegs treffen wir einige Radlergruppen, Familien und Spaziergänger, die sich gemütlich einrichten, dann tollen, spielen und kichern zwischen blühenden Bäumchen.

Obstplantage mit Löwenzahn

Unser erhofftes Tagesziele ist es, unter einem blühenden Apfelbaum zu sitzen, den charakteristischen Duft solcher Tage in den Plantagen zu genießen und dabei mehrere Sorten frisch gekauften Weines zu verkosten. Die erste Rast mit Erdbeerwein gibt es in einem Sprengsel der Glindower Alpen, tief im Tal und umgeben von steilen Flanken und Seeufern.

In der Apfelplantage

Rast Nummer zwei erfolgt immerhin schon am Rand einer Apfelplantage mit langen Reihen kleiner, doch kronenloser Bäume, die ineinander übergehen. Bei No. 3 findet dann alles Gute zusammen – der Duft nach Erde, Schlauchgummi und Blüten, ein bekrontes Bäumchen von ausreichender Größe und ein taufrisches Fläschchen Holunderwein, das beim Öffnen noch beschlagen ist.

Feiertags-Verkehr auf dem Panorama-Weg

Klemmen wir uns also unter das Krönchen, strecken die Beine in den trockenen Boden und bestücken die Tafel mit allem, was die großen Jackentaschen und der Rucksack hergeben. Einen Steinwurf rechts quert der Weg, dahinter grasen pulssenkend zwei Pferde, das Fell in warmen Farbtönen und leicht aufgezottelt. Gegenüber trällert glasklar eine Nachtigall, während vorn am Weg ein Kerl vorbeischlendert, der ein Bruder von den Puhdys sein könnte. Ergraute Matte schulterlang, knollige Nase, freundliches Gesicht und leicht beschwingt.

Pferde und Bäume

„Ihr machtit richti‘!“ erwidert er unsere gehobene Grußhand der Zufriedenheit. „Wiejick früha imma war und noch keen eijenen Oopsjaatn hatte, da sind’wa ooch los, zwee Klappstühle, meene Frau unn’icke, denn schön unta‘n Baum mitte Decke, zwee Gläschen, een Fläschchen, nonne Schmalzstulle – und denn schön bei die Leute jewinkt. Wat soll’n da no’schöna sein? Richti‘ macht ihr ditt. Na viel Spaß noch denn!“

Apfelblüten

Recht hatter. Natürlich fehlen die brabbelnden Leute rund um einen, die Weinballone und die Biergartenbänke, auch Oma Traudels und Tante Petras Kuchen, die Bratwürste und Schmalzstullen, Honig, Marmeladen und Apfelbeutel. Und der weiße Staub, den die Blütenbusse oder das Cabrio der Blütenkönigin aufwirbeln, so langsam sie auch fahren. Doch mehr als genug für ein paar Schwälle von Glückshormonen ist es, hier vor Ort zu sein, an den Plantagen mit ihren Butterblumenwiesen vorbei zu spazieren, einige Leichtigkeit in den Gesichtern der Leute zu sehen – und vielleicht irgendwo ein Fläschchen zu bekommen und zu verkosten.

Heimatmuseum Glindow

Erstmals und einmalig gibt es am Abend noch eine Fortsetzung des Tages im heimischen Wohnzimmer, denn Herzensfreunde haben zum Geburtstag eine Online-Verkostung von Obstweinen geschenkt. Die Idee ist eigentlich nur die Verlegenheitslösung eines blickigen Obstbauern und Whisky-Brenners, um nicht den Kontakt zur Kundschaft zu verlieren – doch die könnte es durchaus in kommende Jahre schaffen. Per Post kommt ein Päckchen mit sechs Fläschchen, dazu ein Termin mit Link zu einem Live-Stream sowie das Wissen, dass neben dem Micha und dem Opa, die den Abend erzählend, verkostend und Akkordeon spielend gestalten, noch eine ganze Reihe anderer Leute mit dabei sind und regelmäßig kichern und regelmäßig das Glas heben.

Belvedere über den Glindower Alpen

So gesehen gab es auch an diesem improvisierten Obstblüten-Tag eine bunte Vielfalt von Früchten, Farben und Geschmäckern, die allesamt so schmecken, als hätte letztes Jahr die Erde auf den Havelhöhen besonders viel von ihrer Würze ans Obst weitergereicht. Mal sehen, ob im Traum was davon vorkommt.








Alt-Temmen: Holzschindeln, die Frühlingsliste und das nahe ferne Dommeln

Er ist endlich da, nun wirklich, wie es scheint – der Frühling. In einen einzigen Tag kurz nach der Mitte des April steckt so viel von ihm, dass es in der Langzeitempfindung die ganzen zurückliegenden Wochen mit Dauerfrösteln und Novemberszenerien nahezu ausgleicht. Es ist so herrlich, Jackenknöpfe zu öffnen oder die Mütze in die Tasche zu stecken, und je nach Windrichtung kann das schon mal ein genüssliches Stündchen andauern. Der Reißverschluss darf endlich Zähne zeigen.

Bei Temmen

Die freigelegten Ohren werden weit geöffnet, damit der Wind ganz ungehindert durch den Kopf rauschen kann, dabei alle lästigen Gedankendauerschleifen auseinanderbläst. Und den Weg frei macht für alles und nicht mehr als das, was Nase, Ohren, Haut und Augen an die Denkzentrale kabeln. Ganz davon abgesehen sammelt dieser Tag ein selten erlebtes Konzentrat von Frühlingssymbolik – erste Störche und Marienkäfer, klamme Zitronenfalter, flauschige Lämmchen und Saft in den Birken. Zur Abenddämmerung ist wieder so ein Weg geboren, den man alle Jahre einmal brauchen wird.

Hügelweg im Walde

Alt-Temmen

Temmen liegt eingeschmiegt zwischen der Ringenwalder und der Poratzer Moränenlandschaft und macht aus seiner Eiszeit-Vergangenheit kein Geheimnis. Das hügelige Land bedient in seiner Mischung von Seen und weiten Wäldern, gebogenen Talgründen und archaischen Buckelpisten viele Uckermark-Klischees, die nicht nur beruhigend und schön, sondern allesamt richtig und wahr sind. Das Dörfchen mit seinem schönen Gutshof liegt dementsprechend zwischen drei Seen, die zum Teil auch Badestellen anbieten.

Gedenkkreuz am Kloster St. Georg, Göttschendorf

Die kleinen Straßen zu den Nachbardörfern Neu-Temmen oder Hohenwalde gehen von Schönheit, Unterhaltungswert und Verkehrsarmut glatt als Wanderwege durch, so dass sich schon im näheren Umkreis ein schöner Tag verbringen ließe. Doch wir wollen heute viel von all dem. Bekommen werden wir noch weit mehr, inklusive einer Überraschung etwa auf der Mitte.

Klosterkinder ODER Yin und Yang nach Feierabend

Angesagt war ein trüber Tag, doch bereits in Temmen zeigen sich erste blaue Fetzen am Himmel. Der Hofladen der weiten Gutsanlage hat leider schon zu, doch beim Blick fällt dieser auf den ersten selbstgesehenen Storch dieses Jahres, der auf einem meterhohen Horst hockt und seinen Schnabel auf der plustrigen Brust abgelegt hat, wie das am besten Enten können.

Leuchten am Waldboden

Von dort oben dürfte der Ausblick über den Düstersee noch besser sein, der bereits vom Ufer weit bis zu den jenseitigen Waldeshöhen reicht. Das Schilf ist noch fahl, die Wiese noch platt von allen letzten Wettern, und auch alle Baumwipfel stehen so kahl da wie schon seit November. Es ist immer wieder erstaunlich, wie spät es wirklich losgeht mit dem grünen Laub im großen Stil.

Hinter Hohenwalde

Am Dorfausgang steht neben einigen Kühen im gewohnten Format ein enormer Bulle mit Türsteherstatur, von dem man nicht missverstanden sein will. Beim Passieren gibt er über mehrere Sekunden so einen fast elektronisch klingenden Blechdosentiefton aus, den man eher als Welle spürt als dass man ihn hört. Blick und Stirn bleiben dabei unbeweglich und wir stehlen uns mit dem angemessen Respekt vorbei. Denn zwei dünne Drähtchen sind eben nur zwei dünne Drähtchen und Logik auch nur Logik.

Lindenallee nach Hohenwalde

Auf der anderen Seite des Weges steht auf einem Hügel sein Pendant als Baum – ein knorriger Kern mit großen und kleinen Blässuren, umgeben von lebhaftem Nachwuchsgeäst, das jeweils selbst schon als Baum durchgehen würde. Einzwei Blitze könnte er schon überstanden haben, und Standort und Statur sollten Stoff für ein paar schaurige Dorfmären hergeben. In denen sicherlich der Vollmond eine Rolle spielt, vielleicht auch ein unnatürlich großer Rappe mit glänzendem Fell.

Schon an der folgenden Gabelung wird es wieder unbeschwerter im Gemüt. Links unten werden Pferde von geeignetem Personal bewegt, direkt in der Gabel steht ein geräumiger Rastpavillon. Dahinter liegen im Karree unzählige Findlinge in allen Korngrößen zwischen Kinderfaust und Pferdehintern. Etwas weiter nördlich in Skandinavien würde man bei sowas gleich an eine vorgeschichtliche Stätte denken. Ein bisschen tut man das auch hier, denn Form und Ausmaß sind durchaus charakteristisch.

Klarer See, Alt-Temmen

Bevor noch die Gedanken sich dem verspielten Wegeverlauf hingeben und der Kopf auf Durchgang schalten kann, hüpft das Herz vor Freude angesichts der ersten gesichteten weißen Buschwindröschen, durchmischt mit den gelben Glanzsternen des Scharbockskrautes. Eine unschlagbare Mischung am nachwinterfahlen Waldboden. Hier und da kontrastieren dazwischen ein paar sattviolette Veilchen.

Guter Platz überm Gutshof, Alt-Temmen

Gleich danach wird es wieder nichts mit dem sinkenden Puls, denn voraus auf einem spillrigen Strommast sitzt hoch oben ein großes Nest, das durch einen aufsitzenden Vogelumriss bald als Horst erkannt wird. Die spätere Vergrößerung bestätigt wahrhaftig den Weißkopfseeadler, maßgeblich anhand der typischen Statur und des Weißes in Kopf und Heckpartie.

Alter Kämpe am Dorfrand, Alt-Temmen

Im Uferbereich des Klaren Sees entdecken wir am Boden des trockenen Bruchwaldes mehr und mehr Blütensternchen – je länger man den Blick fixiert, desto mehr werden es. Das ist jetzt eine gute Einleitung für den Ruhemodus. Herrliche Kurven schlägt der Weg in der nächsten halben Stunde, umrundet Wäldchen und Hügel, nimmt schilfige Senken, verschwiegene Weiher und weite Wiesengründe mit. Links die Weite, rechts die bewegten Grasmatten mit bereits saftigem Grün. Dazwischen zieht sich der Bild gewordene Autopilot in Form des Weges, dessen Wiesennarbe mal filigran ist, dann wieder dominant. Immer gegenwärtig sind die dicken Steinbrocken, als vom Gletscher rundgeschmirgelte Riesenmurmeln oder als gratkantige Quader, die eher nach Steinbruch aussehen.

Weniger alter Kämpe am Dorfrand, Alt-Temmen

In den Wipfeln einer Birkengruppe hängen gelangweilt dicke Mistelballone und planen vermutlich irgendwelchen Unfug oder Schabernack mit den Passanten. Wir sind durch den Ochsentypen noch sensibilisiert und weichen dem aus, indem wir am Waldrand rechts über die Wiese abkürzen. Am Ende der noch ruhenden Weide beginnt eine längere Partie durch den Wald, der alle paar Minuten sein Gesicht ändert.

Beim Klaren See

So gut wie nie gibt es hier den lichten Brandenburger Kiefernwald, dafür weite Hallen aus hochgewachsenen Buchen, die ein paar Wochen noch nach oben offen sind. Dazwischen immer wieder größere Fichtenwäldchen, teils kontrastierend benachbart zu weißen Birkenstämmen. Die nun prahlen schon mit dem allerersten Laubgrün des Waldes, das eher noch flirrender Eindruck ist als konkrete Farbe. Zu Füßen der Fichten liegen im Dustern dieselben Steinbrocken wie gegenüber bei den Buchen oder Birken, doch sind sie hier von dickem Moos überzogen und lassen zum Teil offen, ob ein Ameisenhügel, ein alter Baumstumpf oder eben einen Stein verhüllt ist. Eine stets angenehme und recht verbindliche Antwort gibt nur der Drucktest mit Hand, Knie oder Nase. Überhaupt scheint hier der gesamte Waldboden von dickem Moos bedeckt zu sein.

Arnimswalder Wald

Ein liegender Stamm bietet einen schönen Pausenplatz, wo nun der hoffentlich letzte Unterwegstee dieses Frühjahrs dampfen wird. Zwischen linkem und rechtem Schuh spielt sich derweil im aufgewühlten Laub eine weitere Frühlingsszene ab. Eine Blattwanze, die weitaus schöner und prächtiger aussieht als ihr Name annehmen lässt, hat sich aus dem kühlen Waldboden gegraben und zwei kruschlige Buchenblätter erklettert, die eine Art Grat als Abflugplatz bilden.

Huflattich an der Ecke

Der Panzer des Käfers hat die feierliche Form eines Wappenschildes und wird später vermutlich ein kunstvolles Muster tragen. Noch ist er komplett grün und vermutlich butterweich. Der Sechsbeiner bewegt sich wie nach einer durchzechten Nacht – vielleicht ein ähnliches Gefühl wie ein im Waldboden verbrachter Winter. Steife Glieder, kraftlos und desorientiert, labbriger Pulli und kein Bock. Dann beschert die Gunst der Stunde ein paar Sonnenminuten, der Pulli gewinnt an Fasson und der Laufstil wird bestimmter. Ehe wir noch groß beobachten und staunen können, macht er den Abflug.

Hügelweg im Walde

Parallel zu diesem Vorgang flattert weiter hinten ein Zitronenfalter vor den dunklen Nadelbäumen entlang, tingelt allmählich in unser offenes Waldstück. Setzt sich einmal kurz auf die Teekanne, fliegt eine Ehrenrunde um unsere Köpfe und ist auf einmal zu zweit. Und wieder weg. Nachdem der Käfer weg ist, sind die drei gelben Flatterer wieder da und kurz darauf zu viert. Nee, zu fünft. Dann wieder weg und wenig später ganz woanders am Tun. Wie schon gesagt, der Frühling inszeniert mit Nachdruck.

Rastplatz am Radweg

Nach dem ersten Abbiegen seit langem sind wir mit einem Mal im Mittelgebirge gelandet. Aus dem Nichts taucht voraus ein VW-Bus mit orangefreiem Hirschlogo auf, der von einer tiefen Wegesenke komplett verschluckt war und auf der Suche ist nach irgendwas. Einige Male in Folge geht es tief hinab und gleich wieder hoch, so dass allein diese Viertelstunde für den Großteil der heutigen Höhenmeter sorgt. Passend zu den überraschenden Kapriolen des Reliefs wird der Weg von dichtem Fichtenwald begleitet, der aussieht wie beschrieben.

Weg nach Göttschendorf

Mit leisem Schnaufen beenden wir den letzten der Aufstiege und erreichen beim einstigen Großen Karutzsee einen ruhigeren Weg mit angenehmem Abwärtstrend. Hier folgt nun das nächste Kapitel der Waldblümchen. Eingeleitet wird es von einer ganzen Herde Huflattichköpfe, die alle in eine andere Richtung schauen, als liefe eine angeregte Diskussion quer übern Marktplatz. Davon unbeeinflusst hat sich ein klammer Zitronenfalter am mittigen Kissen einer Blüte angedockt und wartet dort auf etwas Sonnenwärme. Fällt kraftlos ins Buchenlaub und arbeitet sich wieder genau zur selben Stelle. Die Beharrlichkeit wird belohnt, denn die Sonne schiebt sich kurz zwischen den Wolken hervor und zeigt umgehend ihre Kraft. Keine Minute später sitzt der Schmetterling aufrechter und flattert bald davon.

Station des Mythengartens, Göttschendorf

Die Forststraße wird zu einer dieser rumpligen Pflasterstraßen, die so gut in diese Landschaft passen, und steuert geradewegs auf drei Rastraufen zu, die zu einem großen Pausenareal gehören. Hier sollte sich ganz wunderbar eine kleine Waldweihnacht feiern lassen. Ein paar Minuten später endet das große Waldgebiet, voraus liegt ein leicht gewundener Alleeweg, der sanft nach Götschendorf hin abfällt. Wo ansonsten meist eine Lerche pro Acker zu hören ist, jubelt es hier gleich von drei Richtungen aus der Höhe. Zu sehen ist wie immer keins der Vögelchen.

Klosterkirche, Göttschendorf

Götschendorf

Am Rand von Götschendorf liegt der kleine Friedhof, kurz danach steht am Wegabzweig ein mannshoher Stein des Uckermärkischen Mythengartens, dessen Logo sich auch als Mosaik an den Flanken findet. Die in Edelstahl geprägte Sage handelt vom Hecht mit dem Goldzahn und dem Rucksack, was unbestritten Neugier erzeugt. Weiter unten zeigt eine Karte weitere Standorte solcher Steine.

Klosterküche

Weiter hinten im Dorf gibt es laut Karte eine Kirche, also schieben wir einen kleinen Abstecher ein. Der lohnt sich wirklich, denn aus der Kirch-Signatur auf der Karte wird eine besondere kleine Stunde. Ein Zwiebelturm, gedeckt mit Holzschindeln und gekrönt von einem goldenem Kreuz, bestätigt die teils in russisch gehaltenen Plakate am schwarzen Brett des Dorfes. Zur Turmknolle gehört ein ungewöhnliches Kirchgebäude jüngeren Baujahres, ein baufälliges Schloss sowie ein weitläufiges Gelände, auf dem es viel zu gucken und zu entdecken gibt.

In der Klosterkirche

Russisch-orthodoxes Kloster St. Georg

Kurz vor dem Gotteshaus steht ein Schild an der Straße und kündigt eine geöffnete Küche an. Das würde gut passen, Einkehr am Wege und ausreichend Zeit hinterher, alles ein bisschen zu verteilen. Wärmebedarf spielt bei der Energieaufnahme keine große Rolle mehr, denn mittlerweile sind die Jacken offen, die ersten Arme liegen frei und Mützen wechseln zwischen Kopf und Tasche.

Arnimsches Gutshaus

Noch vor dem Tor zeigt sich das gesamte Ensemble und ergibt insgesamt eine kuriose Zusammenstellung. Zur Straße hin steht eine Gulaschkanone, aus der es dampft und duftet, etwas eingerückt auf dem Grundstück die Fassade des Schlosses. Auf der Wiese davor gibt es zwischen vereinzelten Bäumen ein prächtiges goldenes Kreuz, groß wie ein Denkmal, zur Kirche hin einen ausgelagerten Glockenstuhl mit zwei Handvoll Glocken mit Kalibern von kirchturmtauglich bis Schiffsglocke. Dazwischen verteilt ein paar Pavillons, wo in normalen Zeiten das verschmaust werden kann, was die Küche so bietet.

Hinterm Gutshaus bei den Beeten

Besonders schön und selten erlebt sind die freilaufenden Schafe und Ziegen. Auch hier gibt es verschiedenste Größen, die Schafe haben Schulterhöhen von Dreirad bis Motorroller – so große Schafe hat man wirklich selten gesehen. Die hochbeinigen Ziegen sind eher groß und klettern auf den umgestürzten Bäumen im unteren Uferwald herum.

Klosterschafe in zahlreichen Ausfertigungen

Hintern Schloss kommen zielstrebig zwei größere Schafe angelaufen und prüfen, was es zu holen gibt. Gibt aber nix. Dem Anstand geschuldet warten sie noch ein paar Sekunden in der Nähe und zerstreuen sich dann wieder, soweit das bei zwei Schafen möglich ist. Zu Füßen der Schlossterrassen gibt es ein kleineres Gatter, das komplett mit Stroh ausgelegt ist. Das Tor steht offen in Richtung zweier großer Strohquader, die auf die Größe eines Speisesaals auseinandergelatscht wurden.

Bootshaus am See

In den Flanken der einstigen Quader und dazwischen im bauschigen Stroh oder an Elternteile gekuschelt liegen verschlafen winzige Lämmer, die so frisch sein müssen, dass selbst das Liegen noch zu lernen ist. Schwarze gibt es und weiße, kohlrabenschwarze, graumelierte und auch ein weißes mit schwarzem Kopf. Je tiefer man den Blick ins Strohgeschehen gräbt, desto mehr Lämmer werden es. Die Schafe dazwischen, sämtlich noch im Winterpelz, sind alle verschieden hoch und reichen von braun über grau bis weiß. Schwarze sind keine zu finden.

Vergnügte Klosterziegen

Zwischen den Orten des Geschehens schlendert ein tiefenentspannter Hund und schaut beiläufig nach dem Rechten. Auf der Rückbank eines staubigen Autos sitzt ein noch tiefentspannterer und lässt die träge Schnauze und ein Ohr aus dem offenen Fenster hängen.

Unten am See schließlich gibt es noch ein kleines Bootshaus mit Steg und zwei rustikalen Terrassenöfen Marke Eigenbau. Vom Steg fällt der Blick weit über den langgestreckten Kölpinsee, der bis ins nahe Milmersdorf reicht. Einige Ruderboote sind unterwegs – oben am Eingang waren Bootsverleih und Sauna angeboten, und Bootsverleih ist ja auch derzeit möglich.

Externes Geläut

Die Klosterkirche selbst ist samt aller Rundungen komplett mit Holzschindeln gedeckt, die weißen Wände sind mit Ziegelsteinen verkleidet. Der Innenraum überrascht mit enormer Deckenhöhe und einer prächtig ausgemalten Halbkuppel über dem Altarraum, auf einem Tisch liegen Bücher und Ikonen kleineren Formats zum Kauf. Während die Wände noch das blanke Baumaterial zeigen und dicke Kabel auf ihre Schächte warten, ist der Boden lückenlos mit riesigen schweren Teppichen ausgekleidet, Verstärkung liegt noch zusammengefaltet am Rande. Jeder Schritt wird gedämpft, und ebenso gedämpft ist das Staunen darüber, einer Kirche beim Werden zuschauen zu können. Wie zur Bestätigung spielt der lebhafte Wind gelegentlich mit der provisorischen Pforte und jammert ein wenig in den Ritzen.

Bei Gotts See

So faszinierend kontrastreich und leicht verrätselt wie das Kircheninnere und dazu noch ziemlich abgefahren ist auch die Geschichte, die sich in mehreren Kapiteln an bekannten Namen aus verschiedensten Ecken entlanghangelt. Vor dem Zweiten Weltkrieg diente das einst arnim’sche Gutshaus einem der Allerobersten der Nazizeit als Jagdhaus, einiges danach nutzten es Volksarmee und Staatssicherheit für Urlaubszeiten. Wie viele vergleichbare Objekte stand es nach der Wende leer und begann zu verfallen, ein Prozess, der bis heute andauert.

Waldsauerklee am Ochsenbruch

Wie die flüchtigen Quellen des Netzes berichten, stieß ein Herr Kuchinke, einstiger Spiegel-Journalist und Russland-Experte mit besonderem Interesse für orthodoxe Kirchengesänge, vor fünfzehn Jahren auf die vergehende Anlage und fand, dass hier ein guter Platz für ein Kloster sein könnte, ein russisch-orthodoxes. Ließ die Gedanken fließen und spann die junge Idee noch ein wenig weiter, bis hin zu einem Lebensmittelladen, einer Bibliothek und einer Gastwirtschaft mit russischer Küche. Und sah vor sich einen besonderen Ort für bedeutsame Treffen, gern auch auf höheren Ebenen.

Uckermärkische Basismöblierung in der Ringenwalder Moränenlandschaft

Nun musste zuerst das Wohlwollen der Dorfbewohner her, dann noch ein großer Haufen Geld. Bei ersterem half neben vorgeführten Filmen über diese Religion maßgeblich ein Pfarrer Kasner. Der stand im nahen Templin lange Zeit im Dienst der Kirche und hatte eine heute fast vierundsechzigjährige Tochter, die seit längerem Bundeskanzlerin ist.

Das Wohlwollen wurde erlangt und die ganze Anlage ging für den symbolischen Euro über den Tisch, mit der Bedingung, dass binnen fünfzehn Jahren drei Millionen in den ihren Ausbau zu stecken waren. Am sichtbarsten sind die geflossenen Mittel an der Kirche, die im nordrussischen Stil neu erbaut wurde. 2013 erfolgte die Weihe des kuppelkrönenden Kreuzes durch einen Erzbischof.

April im Buchenwald

Was die Millionen betrifft, war es nützlich, dass Herr Kuchinke in Russland recht bekannt war, ein bisschen wie ein bunter Hund. So ergab sich ein Besuch in der Datscha von Präsident Putin, der wiederum Herrn Kuchinke bereits aus seinem Lieblingsfilm kannte, wo dieser Anfang der Siebziger einen dänischen Professor gespielt hatte. Kuchinke kommentierte die Sache geistreich, der Humor gefiel dem Präsidenten und die Idee des Klosters bei Berlin konnte überzeugen. Telefonate wurden geführt, und bald darauf wies eine russische Bank einen siebenstelligen Betrag an. 2007 wurde das Kloster gegründet, das in seiner Art einzigartig ist in Westeuropa, vier Jahre später bezogen die ersten Mönche ihre Kammern und widmeten sich dem Motto „Bete und arbeite – ora et labora“. Die Arbeit dürfte so schnell nicht ausgehen.

Urige Lindenallee nach Hohenwalde

Was von all dem jetzt Legende ist und was nicht, ist eigentlich egal, denn selbst diese lückenhafte Kurzform zeigt schon die kuriose Abfolge von Ereignissen und ihre unterhaltsamen Kurvenausschläge. Und wer braucht schon zuviel Wahrheit, wenn eine Geschichte gut ausgedacht und schnurrig erzählt ist? Die Vision des Herrn Kuchinke jedenfalls, Vorbehalte abzubauen und verschiedenste Köpfe an gemeinsame Teetafeln zu bringen, ist nicht mehr nur eine Vision. Und neben kulturellen Traditionen und geistlichem Austausch wird es am Tisch wohl auch mal ganz schlicht um Piroggen gehen und um Getränke in kleinen dickwandigen Gläsern.

Hohenwalder Entree

Apropos Gaumenfreuden: aus den Kesseln der Kloster-Feldküche, die noch von den Vornutzern stammen könnte, gibt es gut bestückten Borschtsch, kräftige Soljanka und anderes, dazu passen gut die Piroggen mit drei verschiedenen Füllungen. Einmal über die Straße liegt eine kleine Wiesenböschung, zu der wir das Tablett mitnehmen dürfen, als Tischschmuck gibt es ungepflückte Veilchen. Zu uns gesellen sich einige Ameisen, die zielgerichtet den Piroggen zustreben, insgesamt aber friedlich sind. Mit spannender Vorderpartie verlassen wir diesen besonderen Ort, an dem wir kein einziges Verbotsschild finden konnten.

Kunsthaus Hohenwalde

Am Mythenstein verlassen wir das Dorf, wieder hinein in die Stille des Waldes. Gleich um die Ecke liegt Gotts See, in direkter Nachbarschaft zum Ochsenbruch. Beide ruhen in einer Stimmung, die sich schon ein bisschen nach Abendsonne anfühlt. Doch das ist noch eine Weile hin, gut so, denn der Tag soll nicht so schnell zu Ende gehen.

Wurzel am Dorfrand, Hohenwalde

Nach und nach wird es wieder hügeliger und wir stoßen auf Parallelen einer Tour, die jetzt fünf Jahre zurückliegt und eher in der Zeit der allerersten Frühblüher spielte. Nach und nach übernimmt der Buchenwald, mittlerweile sonnenlichtdurchflutet, und dementsprechend geht es jetzt richtig los mit Buschwindröschen, die so anmutig im leisesten Windhauch wackeln können. Sogar mitten auf dem Weg wachsen sie, durchmischt mit den erwähnten gelben. Auch die extrasmarten zarten Blüten des Waldsauerklees, die stets ganz stark nach Jugendstil aussehen und deren grasgrüne Laubblätter bisweilen eine perfekte Herzform ergeben, finden wir hier. Wenn irgendein Waldblümchen besonders liebenswert ist, dann wohl dieses.

Weg zum Düstersee

Immer mehr wird es und immer dichter mit den Blütenteppichen, die sich nicht davon stören lassen, dass viele der umgebenden Brüche und Sümpfe schon länger trocken liegen. Auch direkt neben der Landstraße breitet sich bei den Bootsschuppen am Proweskesee hin noch so ein herrlicher Blütenmeer aus. Nach dem Queren eines zaghaften Vorkommens frühester Ucker, die hier dem Großen Krinertsee entgegenrinnt, beginnt eine der urigsten Pflasterstraßen der Uckermark, gesäumt von uralten und teils dramatisch geborstenen Lindenbäumen. Da sind sie wieder, die Höhenmeter, wenn auch sensationell verpackt. Die halbe Stunde Pflaster unter der winterfaulen Sohle wird sich am nächsten Tag noch in Erinnerung rufen.

Marie auf Leder

Hohenwalde

Kurz vor der Ortsmitte, die im Wesentlichen ein Buswarte-Kabuff mit dem Feuerlöschteich bildet, senkt sich die Straße etwas ab, vorbei an blühenden Obstbäumen und einer Fachwerkfassade. Irgendwo im Ort soll auch eine Pfarrerstochter ihre Datsche haben. Im Kabuff liegt vergessen eine oft gelesene Kitschschwarte, gegenüber hat man im Künstlerhof Freude an Farbe und Gestaltung. Am Teich steht auf bdeutender Tafel ein Hinweis auf den Fernreit- und Kutschweg Berlin-Usedom, der eher Legende ist als Realität. Nach Süden setzt sich, bereits bekannt, eine weitere der besonderen Lindenalleen in Gang, die das Dorf im leichten Anstieg in Richtung Ringenwalde verlässt. Doch heute kommt noch einmal Neuland – ein oft schon angepeilter Weg, aus dem dann nie etwas wurde.

Herbstgruß gleich daneben

Wie von einem Burghügel senkt sich die staubige Fahrspur hinter den letzten Feldsteinscheunen langsam ab in den grünen Grund, der voraus schon zu sehen ist. Rechts am Rand liegt ein enormer Wurzelstubben. Er ist so groß wie zwei der Bullen von vorhin, die meisten Wurzeläste sind ähnlich dick wie die nicht mehr junge Eiche gleich daneben. Der freiliegende Stumpf wirft einige Fragen auf. Falls er nicht von hier kommt, sondern hergebracht wurde, hätte es dazu mindestens vier solcher Bullen gebraucht, dazu einen sehr stabilen Ochsenkarren. Und irgendeinen guten Grund.

Weg nach Alt-Temmen

Für die letzte Pause, die nicht der Notwendigkeit, sondern einer feinen Leckerei vom Bäcker geschuldet ist, findet sich ein sanfter Wiesenhang unter einer Birke mit kunstvoll gewundenen Ästen, die vom aufkommenden Wind ins Schaukeln gebracht werden. Von hinten wärmt die Sonne den Pelz, nach vorn heraus liegt eine malenswerte Szene, und der erste Marienkäfer legt auf der Schuhspitze eine Pause ein. Unten vom See her ist zweimal laut und deutlich der Basston einer Rohrdommel zu hören, einem Vogeltier von imponierender Größe. Das ist kein alltägliches Erlebnis, doch Zweifel bleibt keiner, denn der Ton ist äußerst charakteristisch.

Uferwiesen am Großen Krinertsee

Mehrmals verschieben wir den Aufbruch, im Wissen, dass es gerade zum Abend hin immer schwerer wird, wieder in Gang zu kommen, wenn man grad so herrlich sitzt. Es ist einfach so schön, so vollkommen. Nichts treibt uns, genügend Licht ist auch noch übrig. Und Geschenke wollen erkannt sein.

Weidenopas am Düstersee

Zeit also fürs Zusammensuchen der ganzen Frühlingssachen der letzten Stunden: Birkensaft und erwachende Käfer, Meere von Frühblühern und hinreißende Lämmchen, der erste Pirol und der werbende Rohrdommler, nicht zu vergessen den dösenden Storch und den torkelnden Marienkäfer. Und dann gab es ja auch noch das Rudel erwachender Zitronenfalter und weit mehr Lerchen als üblich. Dickes Ding.

Blick übern See nach Alt-Temmen

Der vorausliegende Weg ist zauberhaft, also siegt irgendwann die Neugier. Wieder durchzieht er launig die Landschaft, wie zu Beginn der Tour, streift Wäldchen, Hügel und quert Bächlein. Versteckt hinter einer Baumreihe liegt zum See hin ein feuchter Wiesenstreifen, der abermals dicht bedeckt ist mit Blüten, die zum Abend hin verstärkt ihren Duft verströmen. Noch nie probiert, doch jetzt wird sich gebückt trotz müder Beine, und hat sich gelohnt. Sanft und aromatisch, und tausende Blüten vom Wind zusammengefasst sind ein genüssliches Erlebnis.

Auf dem Weizberg Ostgipfel, Alt-Temmen

Kurz ist zu sehen, dass es zwischen dem Großen Krinertsee und dem Düstersee hindurchgeht. Auch am kleinen Badestrand gibt es nochmal Blüten, ebenso am Ufer des Düstersees. Bereits mit Blick auf die Dächer von Temmen wird der krumme Weg von wuchtigen Weiden flankiert, die nahezu in die Waagerechte geborsten sind und schon im vollen Saft stehen.

Direkt vor dem Dorf liegt der Weizberg mit zwei Gipfeln. Die steile Flanek hin zum See erstrahlt im Abendlicht vor unzähligen Blüten – wir müssen einfach noch mal hoch. Es ist kaum zu fassen. Und gut zu wissen für Leute, denen tausend Schritte und fünf Höhenmeter völlig reichen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Angermünde nach Wilmersdorf, dann weiter mit dem Bus; Regionalbahn über Eberswalde nach Milmersdorf, dann weiter mit dem Bus (jeweils ca. 2-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise über Landstraße (über Milmersdorf) oder Autobahn (über Joachimsthal)(ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 18.5 km (Abkürzungen möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Alt-Temmen

Hofladen Gut Temmen

Kloster Göttschendorf

Artikel über Herrn Kuchinke

Kunsthaus Hohenwalde

Kutsch- und Reitweg Berlin-Usedom

Einkehr: (Bauernstübchen, Alt-Temmen)
Klosterküche, Göttschendorf

Grobskizziert – Biesenthal: Kirschalleen, ein Burgruinchen und die Stufen zum Tale

Die Welt vor der Türe gewinnt von Tag zu Tag an Farbenkraft, was man in diesem Jahr so besonders gar nicht erwarten konnte. Nach den spätwinterlichen Farbspielen der Frühblüher am blassen Boden und den jüngst nachgefolgten Blüten der zeitigsten Büsche und Obstbäume etwas höher kommt nun auch das gute alte Laub ins Spiel und füllt zartgrünes Volumen in alles, was so wächst. Die Menge der Blättchen bringt mit sich den mildwürzigen Duft der erwachten Natur, der durch gelegentliche Regengüsse noch an Aroma gewinnt.

Stufenweg vom Friedhof zum Sydower Fließ

Nach einer kurzen Frühlingsvorschau Ende Februar und einem durchwachsenen März hat sich der April nun entschlossen, Kante zu zeigen und jedem Sprichwort gerecht zu werden, das ihn betrifft. Teilweise reicht ein einziger Tag, um dreieinhalb der vier landläufigen Jahreszeiten kurz anzuspielen, sich besonders aber den Zwischentönen hinzugeben.

Sydower Fließ in Biesenthal

So schnell kann man gar nicht die Winter-, Übergangs- und Frühjahrsklamotten hin und her schieben, um letztlich doch meist das falsche Textil zum Ist-Wetter anzuhaben. Normalerweise ist das die Zeit, in der man sich nach infektfrei überstandenem Winter doch noch eine saftige Erkältung einfängt, weil irgendeine Körperpartie nicht ausreichend bedeckt war. Doch das Phänomen dieser Zeit setzt sich fort, und so bleibt es meist bei einem einzigen Tag mit dichter Nase.

Denkmalspark beim Stadtwald

Noch immer befinden sich die lieben Gewohnheiten im Klammergriff der Notwendigkeiten, und so ist Phantasie und etwas mehr Organisation als üblich gefragt, wenn man die Stunden des Tageslichtes auf dem Lande verbringen möchte. Im Hinblick auf den Kaffee davor oder die Essenluke unterwegs gehört dazu auf jeden Fall Besteck im Rucksack, vielleicht auch ein Geschirrhandtuch, das als Tischdecke und Putztuch dienen kann und dann am besten noch so ein Pappteil, das zwei Kaffeebechern Halt gibt. Und lieber eine Flasche Wasser mehr im Rucksack.

Villenreicher Alleeweg von Biesenthal zum Bahnhof

Wer unterwegs nicht nur die gute Luft, die Natur und besondere Landschaftsformen genießen möchte, sondern auch die Abgeschiedenheit sucht, findet in jedem Landkreis entlegene Gegenden. Doch selbst in direkter Nachbarschaft zu gängigen Ausflugszielen gibt es schöne Wege, auf denen man kaum jemanden trifft.

Kirschallee nördlich von Biesenthal

Biesenthal

Nur eine Station hinter dem C-Bereich des Berliner Bahnnetzes liegt Biesenthal, das sich seit vielen Jahren Naturparkstadt nennen darf. Der zugehörige Naturpark heißt Barnim und reicht südlich bis nach Berlin hinein, im Norden bildet der pittoreske Finowkanal die ungefähre Grenze. Der Naturpark ist voller schöner Landschaften, und eine wahre Ballung findet sich rund um Biesenthal, wo durch die Zuarbeit zahlreicher Bachläufe auch das Flüsschen Finow in Schwung kommt.

Junge Allee am Waldrand

Wer an der großen Eiche auf dem Markplatz unweit der Kirche losgeht und einen besonderen Tag in unterhaltsamer Landschaft verbringen will, kann eigentlich nichts falsch machen, ganz gleich, welche Richtung eingeschlagen wird. Das Wegenetz ist dicht. Schon das Stadtgebiet bietet einige Abwechslung, was unter anderem dem markanten Bachtal des Sydowfließes sowie der einzigartigen Villenallee zum Bahnhof zu verdanken ist.

Wiesengrund beim Reiterhof

Als Minimalvariante für bewegte Beine gibt es ein paar Minuten von der Kirche zwei stattliche Burghügel mit verspielten Stiegen und Pfaden und einem herrlichen Spielplatz zu Füßen, der schön zusammenfasst, was die Texttafeln erzählen. Dazu kommen noch eine richtige kleine Burgruine und ein besteigbarer Turm mit weitem Blick, sodass sich allein hier ein gutes Stück guter Zeit mit Groß oder Klein verbringen lässt. Hinterher könnte man nochmal durch den Bruchwald zur Wehrmühle und zurück trödeln oder – um ein paar Minuten aufgebohrt – die ganze feuchte Senke umrunden.

Moos im Walde

In passender Entfernung für eine tagesfüllende Tour liegen Ausflugsziele wie die Siedlung Lobetal mit ihrer Freilichtkirche, der hinreißende Hellsee mit seinem teils wilden Uferwald oder das Backofendorf Danewitz. Auch das breite und verspielte Finowtal oder der Große Wukensee mit dem schönen Strandbad dürften regelmäßigen Ausschwärmern bekannt sein.

Im Finowgrund

Der besondere Schatz sind jedoch jeweils die Wege dorthin, die naturnah durch wasserreiche Landschaft führen und somit oft glasklare Bächlein und ihre Ufer berühren, teils in hochromantischen Talgründen. Mühlen gibt es, verfallen oder wiederhergerichtet, ferner ausgedehnte Bruchwälder und sogar eine Erhebung mit dem schönen Namen Schweinebuchtenberge.

Junge Schwäne auf der Finow

Ein hübsches Ründchen, auf dem man nur wenige Augenpaare treffen wird, verbindet allerlei Sehenswertes im Stadtgebiet mit einer guten Mischung aus Wald, Feld und Wiesengrund. Die landschaftliche und generelle Abwechslung ist trotz der Kürze hoch. Darunter finden sich ein winziges Scheunenviertel am Friedhof mit herrlichen Treppenwegen am Wiesenhang, der grunderneuerte Park am Denkmals-Hügel und ein Stück der schnurgeraden Allee zum Bahnhof.

Fallende Finow an der Wehrmühle

Hinterm Stadtrand führen dann alte Kirsch- und Lindenalleen in den Wald, der sich nach und nach hügeliger zeigt. Idyllisch wird es schließlich im breiten Talgrund der kleinen Finow, die zwischen Waldinseln und Schilfflächen hindurchfließt, später unterhalb dramatischer Steilwände, und sich eher im Hintergrund hält. Vom nach und nach erblühenden Gebäudeensemble der Wehrmühle führt der letzte Kilometer durch eine verträumte Wasserwelt zu den erwähnten Burghügeln, die Kirche ist bereits vorher zu sehen.

Blick auf Biesenthal

Einen verkraftbaren Nachteil hat ein jeder Besuch von Biesenthal: ganz gleich, welchen Weg man gegangen ist, wird es immer einen anderen geben, den man bald wieder gehen will. Und also Sehnsucht hat, bald wiederkommen muss. Ein starker Trost dabei ist, dass man nicht viel falsch machen kann.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
mit Regionalbahn/S-Bahn nach Bernau und weiter mit dem Bus nach Biesenthal Markt (ca. 1-1,25 Std.); mit Regionalbahn nach Biesenthal (0,5 Std.), dann zu Fuß Richtung Ortsmitte

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise Autobahn oder Landstraße (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 11 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus Amt Biesenthal

Naturpark Barnim

Informationen zur Finow

Einkehr: Café zum Schlossberg (unweit der Kirche)
Gasthof Zur alten Eiche (unweit der Kirche)
sowie div. andere Möglichkeiten

Treplin: Der Mühlenpool, die Hundertwundertüte und Tante Magdas Luke

Den schönsten Schneewinter seit langem hat dieser Februar serviert und dann gegen Ende unerwartet eine Konfettibombe dicken Vorfrühlings platzen lassen, die alle Leute auf der Straße für eine knappe Woche hellere Gesichter tragen ließ. Gefühlt waren die fünf Tage zwei Wochen lang und der Frühling also längst schon angekommen.

Im Tal des Mühlenfließes bei Treplin

Alles strömte nach draußen, Leichtigkeit und ein vorübergehendes Vergessen der Situation wurden zelebriert, mit kurzen Hosen, Strohhüten und beschwingtem Schritt. Ein Spaziergang galt nicht mehr als piefig, vielmehr als gelebte Freiheit, und alle Sorten von Menschen begegneten sich außer Haus beim Schritte setzen. Die plötzliche Mützenlosigkeit offenbarte ein regelrechtes Panoptikum notdürftig gezähmter Haarschöpfe nach den langen Zeiten ohne das Friseurhandwerk.

Kastanienallee vor Hohenjesar

In seinen allerletzten Tagen besann sich der Februar, straffte die Gesichtszüge und gab der Realität des Spätwinters die Hauptrolle zurück – auch wenn der März vor der Tür schon leise mit den Füßen trappelte und dies durch tausend Vogelkehlen bekräftigt wurde. Nach unerwartetem Bibbern wurden nochmal dicken Jacken und Handschuhe hervorgeholt, anstelle von Resignation jedoch der Kopf in den Nacken geworfen bei der baldigen Aussicht aufs nächste Kalenderblatt.

Russische Kapelle hinter der Kirche von Hohenjesar

Bei der Planung der passenden Tour für einen Tag zwischen den letzten Frösten und den ersten Bienen rief es auf der Karte von verschiedensten Ecken „Kommt doch zu miiiir!“. Irgendwann hatte sich das Gemüt dann auf die Gegend um Alt Rosenthal und Worin eingependelt. Und rutschte doch immer weiter nach Osten ab, bis schließlich kurz vor der Oder bei Frankfurt alles richtig schien.

Uferpfad am Hohenjesarschen See

Als die Tour schließlich stand und zumindest auf der Karte sehr verheißungsvoll aussah, fiel auf, dass bislang kein Meter davon begangen wurde. Komplettes Neuland ist mit den Jahren selten geworden, so ein reinweißer Fleck durchaus überraschend, und große Neugier war die Folge. Verraten werden darf: es wurde eine exklusive Wundertüte voller schöner Dinge, ganz klar mit dem Zeug zum Klassiker und einem Ruf nach Besuchen zu den anderen Jahreszeiten. Da trifft es sich gut, dass dieser ganz besondere Tag den hundertsten Beitrag hier füllen soll – auf so ein glückliches Zusammentreffen hatte ich leise gehofft, auch wenn die laufende Nummer mit der ersten Doppelnull nur eine Zahl wie alle anderen ist.

Altes Mühlengemäuer unterhalb von Treplin

Treplin

Treplin liegt Luftlinie zehn Kilometer vom Oderstrom entfernt im Lebuser Land, am seitlichen Ausleger eines Seensystems, dass sich zwischen Seelow und der Drahendorfer Spree erstreckt. Diesen Ausleger sieht nur, wer ihn auch sehen will, denn eine nasse Verbindung gibt es in der Tat nicht. Dafür plätschert direkt im Dorf ein richtiger kleiner Dorfbach, wie er häufiger im Sächsischen anzutreffen ist oder dort, wo es eben etwas hügeliger ist. Der hat zwei Ursprünge, schlängelt sich nach dem Zusammentreffen beider Arme nach Herzenslust zwischen den Gärten und Wiesen hindurch und ist mit zunehmendem Gefälle unterwegs ins nächste Tal.

Dorfbach in Treplin

Weiter südlich im Dorf steht die Kirche mit ihrem vergleichsweise neuen Dach auf einer sanften Anhöhe, über ihr lassen große Wolkengebilde nur wenig blau durchscheinen. Auf dem Wirtschaftshof dahinter wartet ein beerenförmiger Erdbeerkiosk mit geschlossenen Augenlidern auf die nahende Saison. Am anderen Ende von Treplin geht es nach dem ersten Bachkontakt und ein paar Minuten Straße bald schon in den Wald, vorbei am Forsthaus sanft hinab ins Tal des Mühlenfließes. Ein paar Forstleute bestücken gut gelaunt die Pritsche ihres kleinen Fahrzeuges. Verwitterte Wegweiser machen neugierig auf Rundwege um den Trepliner See oder zur Mühle.

Kirche von Treplin

Beständig fällt der Weg sanft ab, landet schließlich in einer laubbedeckten Landschaftskerbe. Hier liegt einiges quer, abgestürzte Äste oder ganze dicke Stämme, und ein gewisses Maß Gymnastik ist zu leisten, das gut und gern als Ausdruckstanz durchgehen würde. Unten angekommen liegt in gewisser Breite eine stille Wasserwelt, rechts tönt vom stattlichen Biberdamm ein leises Gurgeln herüber.

Grüner Grund am Dorfrand von Trepllin

Die Grenze zwischen Bruchwald und mäanderndem Bach ist undeutlich, obwohl in dieser Jahreszeit rein gar nichts die Sicht versperrt. Das Wasser liegt mal breit und ruhig, mal kräuselt es in Eile durch eine Enge aus Holz und Steinen, dann wieder gibt es sich verspielt, wählt mehrere Wege zugleich und nutzt die ganze Talsohle aus. Laub und Stämme sind eher noch fahl als klar einer Farbrichtung zuzuordnen. Das unaufgeräumte Waldtal in Verbindung mit den Sonnenstrahlen, die es bis hierher schaffen, lässt an Aufbruch denken, an schöne jahreszeitliche Stimmungen der vorausliegenden Wochen. Bunte Punkte finden sich noch keine am Waldboden, doch das Laub des glänzend lackierten Scharbockskrauts verspricht einen breiten Blütenteppich in absehbarer Zeit. Die letzte Spur der Morgenkälte zwickt ein wenig in den Wangen.

Hohlweg hinab ins Tal des Mühlenfließes

Herrenmühle

Bald erstreckt sich rechts des Weges nasses Grasland, komplett durchtränkt, gleich riesigen Pfützen. Alte Eichen halten in flehender Geste ihre langen Äste darüber, kräftige Stämme liegen weich gebettet und rindenlos und warten auf die nächste Phase ihrer Morschung. Irgendwann reißt der Blickkontakt zum glitzernden Wasser ab, der Bach verkrümelt sich in schilfiges Feuchtland und landet bald schon im Mühlteich der Herrenmühle. Der Weg läuft weiter am Fuße des Hangs entlang, dessen Flanke zum Teil steil aufsteigt, an einer Stelle an einen überwachsenen Burgwall denken lässt.

Mäanderndes Mühlenfließ bei Treplin

Die erste Spur der Nutzung als Mühle ist ein Wehr, das eher zu hören als zu sehen ist. Ein überwachsener Damm lässt einen Pfad durch zu den anderen Teichen, das Wasser fällt vom großen zum kleineren Teich einen knappen halben Meter. Beide liegen noch halb unter Eis. Auch das Hofensemble der Mühle ist zunächst eher zu hören als zu sehen, da ein Hund anschlägt und die nächsten Minuten nicht verstummt. Kein Grund, an den Tafeln des kleinen Lehrpfades vorbeizulaufen, die teils Spannendes über Wasserlauf und Mühle zu berichten haben. Ein genießerischer Blick auf die Hofanlagen ist dann doch nicht drin, da sich die Stimme des Tieres jetzt überschlägt, was man auch von seinem Hin- und Hergerenne sagen könnte. Die Aufgabe wird ganz klar übererfüllt und lässt mit schwerem Schlucken an linderndes Krügerol denken. Schön jedenfalls, als es wieder leise ist im Tal.

Schilder diverse

Ein frischer Wanderwegweiser zeigt nach Lebus, das keine zehn Kilometer entfernt ist. Auch ein Jakobsweg schlägt hier eine Extraschleife, um diese schöne Landschaft mitzunehmen. Kurz darauf kündigt sich voraus ein Landschaftswechsel an, der mit freier Sicht verbunden ist. Erst öffnet sich das Tal nach rechts und geht gehörig in die Breite, großzügig grundiert mit dichtem, winterblondem Schilf. Darüber ist der Himmel nun erheblich blauer, die Sonne trifft öfter die Gesichtshaut und kurbelt damit manches an.

Bruchwald im Talgrund bei der Herrenmühle

Noch bevor auch die Hangflanke zur Linken wiesenoffen wird und sanfter, beginnt eine prachtvolle Allee von Kastanien, die bis ins nächste Dorf reicht, fast einen ganzen Kilometer. Große Bäume und kräftige Stämme mit den typischen Charakterfurchen, und der Weg so ganz leicht mit einem im Tee, nie ganz gerade, einfach zauberhaft. Das muss ein Schauspiel sein im Mai, ein Duft und ein Gesumme.

Mühlteiche der Herrenmühle

Hohenjesar

Der Salomonweg steigt sanft hinauf nach Hohenjesar, das an einigen Stellen nicht ganz klar von Alt Zeschdorf abzugrenzen ist, dem Gegenstück am anderen Ufer dreier Seen. Die Vorgärten liegen so aufgeräumt, wie das für diese Jahreszeit typisch ist, bereit für Rabatten und Blüten und Grünzeug dazwischen. Chrysanthemen und Stiefmütterchen und auch Alium, diesen leicht sphärischen Bommeln am langen Stengel. Auf einer Ecke hält ein betages Häuslein mit letzter Kraft seine Mauern beisammen. Zumindest das Fundament ist für die Ewigkeit gebaut, aus gespaltenen Findlingen und größeren Feldsteinen mit einer lückenlosen Reihe Ziegelsteinen darüber.

Südliches Ende der Kastanienallee

Auf der Wiese direkt davor spielt sich im Stillen ein kleines Spektakel der Sonderklasse ab. Die ganze Wiese ist so voll von Krokussen, dass vom Gras kaum etwas zu sehen ist. Die Krokusse eher so klein wie wilde und trotz Sonne kaum geöffnet, so dass die zeitigen Bienen hier ihre erste Herausforderung finden. So winzig ist die Öffnung ganz an der Spitze, dass es selbst bei den kleinen Wildbienen quietschen dürfte, wenn sie sich da reindrängeln, um beste grüne Energie abzuziehen.

Kastanienallee bei Hohenjesar

Voraus ist die Kirche mit ihren hochliegenden Fenstern zu sehen, eher Lichtscharten. Sie wird sich später als Schlosskirche entpuppen, was auch einige stattliche Pfosten an einer langen Auffahrt erklärt. Auf den ersten Blick scheint das Kirchenschiff nach oben offen, doch in der Tat wurde pragmatisch und wirksam ein pfiffiges Flachdach aus Wellprofilen aufgesetzt, das seine grundlegende Funktion erfüllen sollte. Eine Treppe führt hinauf zum Kirchhof, und die sollte man keinesfalls links liegen lassen.

Krokuswiese vor dem Haus

Wer es bis zum Kirchturm geschafft hat, entdeckt von dort nämlich eine kleine Kapelle, die einem Märchenbuch entsprungen scheint und irgendwie nach Slawen oder Balten aussieht. In der Tat ist ihre Entstehung wenig blumig, doch was sie ein Jahrhundert später ausstrahlt, ist es um so mehr. Hier waren Könner ihres Fachs am Werk. Dem Anschein nach wurden weder ein Nagel noch eine Schraube verwendet, allein Balken und Holzdübel und handwerkliches Können.

Schlosskirche in Hohenjesar

Wer die Umgebindehäuser aus der Oberlausitz und den benachbarten Regionen Tschechiens und Polens kennt, wird sicherlich kurz daran denken. Durch das farbige Fensterglas lässt sich auf Zehenspitzen ein Blick in den Innenraum erhaschen, mit Zitaten an die zurückliegenden Jahreszeiten – Korngarbe und Adventskranz. Draußen beeindruckt das blassgraue Holz, das seit den zurückliegenden Zwanzigern allen Winden und Wettern ausgesetzt war. Wer sich die Zeit nimmt, hat auch am Dach und der Giebelwand so einiges zu kieken.

Russische Kapelle auf dem Kirchhof

Das waren jetzt schon drei große Kaliber – das naturromantische Bachtal mit der Mühle, die herrliche Kastanienallee und die russische Kapelle hinter der Kirche. Für gewöhnlich ist man froh, wenn sich auf einer Tagestour drei solcher sehenswerten Orte aus den Bereichen Natur, Kultur und Wegeschönheit verbinden lassen. Es fällt also beim Verfassen dieses Textes durchaus schwer, den Fuß auf der verbalen Bremse zu lassen.

Bunte Fenster und zurückliegende Jahreszeiten

Von der Kirche führt eine anmutige Straßenkehre hinab auf die Ebene der Seen. Noch ehe die Wasserhöhe erreicht ist, lässt sich über eine urige Stiege direkt zum Ufer abkürzen. Auch diese weite Wasserfläche liegt noch größtenteils unter Eis, das freilich niemanden mehr tragen dürfte, allenfalls besonders zierliche Enten. Zwischen einem breiten Schilfgürtel und dem flachen Wiesenhang beginnt nun ein Uferweg, der nach und nach Fahrt aufnimmt hinsichtlich seiner besonderen Gestalt.

Halbgefrorener Hohenjesarscher See

Zunächst läuft er als leise Trampelspur am Schilf entlang und lässt noch Zweifel offen, ob es überhaupt weitergeht. Eine Weide steht schon unter Saft und konkurriert mit ihrem wogenden Silberschopf gegen das vom Gegenlicht vergoldete Schilf. Nach und nach wird die kleine Flanke steiler und der ufernahe Pfad zu einer Allee, die sich zwischen hochgewachsenen Erlen und auch Pappeln hindurchquetscht. Verengt sich zwischen alten Bäumen zum Slalomkurs und muss Wurzelbuckel übersteigen. Viele der dicken Stämme mit ihrer tief gefurchten Rinde wurden vom Efeu erobert, dessen Stämme teils so dick sind, dass sich darum keine Hand mehr schließen lässt. Trotz Schattenlage fasst sich so ein Stamm warm an, wohl des struppigen Pelzes wegen.

Lichtspiele und Frisuren

Dieser Weg ist kaum länger als eine Drittelstunde, doch allein seinetwegen würde sich die weite Anreise lohnen. Am anderen Ufer ist unter nordischem Wolkenbild Alt Zeschdorf zu sehen, schräg gegenüber die Brücke über den schmalen Damm zwischen den Seeteilen. Im Norden fällt der Blick auf die hanggelegenen Wochenendhäuser und den Zeltplatz. Zwei Enten posieren und poussieren auf dem glitzernden Wasserspiegel – der Frühling ist nah.

Uferpfad bei Hohenjesar

Wer die Abwechslung auch im Kleinen mag, schlägt einen kurzen Bogen durch die Gärten und überwindet dabei ein paar Höhenmeter, der Abstieg kann über eine steile Stiege erfolgen. Zwischen dem Hohenjesarschen See und dem ähnlich großen Aalkasten dürfen Motorlose übers Mühlenfließ, das sich vom Aalkasten bald Richtung Oder wendet und dort auf seinen allerletzten Kilometern noch die Landschaft unterhalb der Lebuser Adonishänge veredelt.

Uferpfad gegenüber von Alt Zeschdorf

An den Wochenendgärten ist noch kaum Betrieb, vielleicht der nachgereichten Kälte wegen. Am Zeltplatz steht beim Seecamp eine Tafel draußen, aufgekreidet stehen Pfannkuchen und Kaffee, doch es sieht nicht aus, als wenn geöffnet wäre. Da die zweite Pause nur ein paar Minuten zurückliegt, gehen wir vernünftig weiter und bereuen es kurz darauf ein bisschen – zum einen wegen des versäumten Genusses, zum anderen wegen der verpassten Chance, etwas Geld hier zu lassen. Beide Probleme haben sich kurz darauf in Luft aufgelöst.

Und nochmal Uferpfad, kurz vor den Hanggärten

Alt Zeschdorf

Im Ort sind nun schon ein paar mehr Bienen unterwegs, vermutlich dank der warmen Hauswände, die auf die Schneeglöckchen und Krokusse in den Vorgärten abstrahlen. Drüben sägt wer was, weiter hinten wird etwas verbrannt. Ein paar Meter voraus sprintet ein Eichhörnchen über die Straße, verschwindet in einem grünen Weg und macht uns neugierig. Leicht abwärts geht es hier zur Badestelle, wo es neben einer großen Wiese auch einen kleinen Strand gibt. Ein breiter Steg ragt in den See hinein und gestattet Blicke übers Wasser und hinüber nach Hohenjesar.

Am Verbinder zum Aalkasten

Auf halber Hanghöhe steht eine Bretterbude, davor plaudern ein paar Leute, wirken eher privat. Doch es gibt ein kleines Kommen und Gehen, und so werden wir wieder neugierig. Beim Näherkommen ist zwischen den Menschen eine Luke zu sehen, drin sitzt eine Frau mit freundlichem Gesicht – und erneut sieht es nach Kinderbuchillustration aus. Wahrhaftig hat hier Tante Magdas Imbiss offen, und das schon den ganzen Winter über, so gut wie jeden Tag. Selbst bei minus sechzehn Grad. Die Kundschaft freut es sehr. Und uns nicht minder, denn eine Einkehr am Weg ist immer am schönsten.

Am Badeplatz in Alt Zeschdorf

Tante Magdas Imbiss

Nach kurzem Plausch mit einem Stammkunden aus dem Dorf wird schnell klar, dass hinter der Scheibe eine gute Seele des Dorfes werkelt. Nach diversen Bestellungen und etwas Geplauder mit der Dame selbst weiß ich, dass sie vom Südrand Polens kommt und hier mit kleiner, feiner Karte eine ansprechende internationale Mischung auf die Teller bringt – polnische Piroggen und Gemüsesuppe, ungarisches Goulasch, dazu Knödelscheiben als Gruß aus Böhmen. Gar nicht zu reden von den süßen Sachen, doch die müssen bis zum nächsten Mal warten. Die Frage, ob wir nach der Suppe wirklich jeder noch eine ganze Portion Goulasch wollen, war nicht unberechtigt. So bleibt für Feines zum Kaffee am Ende wirklich kein Platz mehr.

Frisch geworfenes Lämmchen

Nach mehreren Pendelgängen zwischen Kiosk und Strandbank reißen wir uns los und sind froher also sonst, dass noch ein gutes Stück Weg übrig ist, um schon mal erste Energieeinheiten abzubauen. Von Alt Zeschdorf hinüber nach Hohenjesar führt ebenfalls ein schmaler Damm, der die zwei Teile des Hohenjesarschen Sees ansprechend tailliert. Links am Hang stehen Schafe, dazwischen liegt noch etwas wacklig ein blütenweißes, wolliges Lämmchen, das gerade so alt sein wird, dass die Wolle nicht mehr pappt und die luftgefüllten Locken wärmen können.

Damm zwischen den Seen und den Dörfern

Im kleinen Park werden gerade die Bäume von morschem Geäst befreit, gegenüber sind allerhand Pferde unterwegs. Ein Pfad verlockt in den Rundweg um den Schlosssee, eröffnet wird mit einer enorm dicken Buche. Gleich daneben ist nun endgültig erkennbar, dass der Doppelort ein beliebtes Urlaubsziel sein dürfte, den alle Welt vielleicht längst kennt. Hinter einer Reithalle erstrecken sich elegant in blau gehaltene Stallungen und Arkaden an der Stelle, wo vormals wohl ein Schloss stand. Hier erklärt sich jetzt auch die Auffahrt mit den Pfosten von vorhin, welche das Areal der Hufe direkt mit dem der Kirche verbindet.

Rückblick auf Hohenjesar

Direkt an die Stallungen grenzt ein einladendes Ausflugslokal, gegenüber liegt ein Strändchen. Kurz hinter der Kirche drehen wir ab zum westlichen Dorfrand, von dem sich nochmals ein schönes Dorfbild mit Kirche bietet. Der restliche Weg verlangt nur wenig Konzentration und verläuft anfangs oberhalb der schönen Kastanienallee. Doch erst müssen wir noch einer grölenden Horde Drachen entkommen, die ein weitläufiges Areal von Viehställen bewachen.

Die Wipfel der Kastanienallee vom oberen Weg aus gesehen

Sie kommen in Gestalt dreier muskelbepackter Riesenköter daher, bei denen auf jegliche Art von Fell verzichtet wurde, teils auch auf Farbe, und die äußerlich restlos frei sind von Lieblichkeit. Die einzige Grenze zwischen der Drachenmeute und uns ist ein zweidrahtiger Weidezaun unter Strom, nicht höher als die Stirn des kleinsten der Fabelwesen und nicht dicker als ein Streichholz. Also eher eine sehr theoretische Barriere. Bestärkt von rationalen Argumenten, die wir uns in gedämpftem Tonfall glaubhaft zuraunen, stehlen wir uns im größtmöglichen Abstand an der lärmenden Horde vorbei. Und bleiben ungeschoren. Selten war eingekehrte Ruhe so schön.

Buschiger Weg gen Wald und Mühltal

Um so wohltuender ist nun der meditative Weg zwischen Busch- und Baumwerk, der ganz leicht abwärts führt, die Schritte von selbst geschehen lässt. Kurz nach dem verlockenden Abzweig zur Herrenmühle lässt sich vor dem Waldstück auf die Wiese abzweigen, zuletzt über ein paar bucklige Meter Pfad zum Hohlweg hinab ins Bachtal queren. Gen Norden werden die Reststoppeln der abgemähten Kornfelder von der tiefen Sonne nahezu plüschig beleuchtet.

Kurz vor dem Abstieg in den Wald

Nach etwas Fichtenwald erreichen wir den Talgrund und sehen, wie sich das Wasser im nassen Stoppelland breitmacht. Das späte Licht lässt die prall gefüllten Pollen-Würmchen der Birken erglühen. Kurz vor Schluss wird jetzt noch ein weiterer besonderer Ort hinzugefügt, als wir die zerfallenen Gemäuer der Mühle erreichen, die deren Grundriss anschaulich wiedergeben.

Gekämmte Stoppelfelder

Das Wasser flutet nach einem meterhohen Sturz einen der einstigen Mühlenräume zum steingefassten Schwimmbecken und liegt kurz darauf schon wieder spiegelglatt, als wäre nichts gewesen. Das zottige Gras der Ufer reicht hoch bis zum Rastpavillon und wird gegen Ende der Dämmerung sicherlich ein Eigenleben entwickeln. Hochromantisch ist es hier und etwas mystisch, ein flüchtiger Gedanke an Caspar, David und auch Friedrich flackert auf. Das ist jetzt so eine Situation zum Zeiteinfrieren, zum Festhalten des Moments, damit der Tag nur nicht zu Ende geht.

Am alten Mühlgemäuer bei Treplin

Doch mit einem Mal wird es belebt hier unten. Es ist ja auch eine zauberhafte Zeit, wenn der Tag ausatmet, die Luft im Tal spürbar kühler wird und das letzte Licht in den Baumwipfeln immer höher wandert. Einige Vater-Kind-Gespanne nutzen die Zeit nach dem Abendbrot zum kurzen Ausschwärmen vor der Gutenachtgeschichte, ein Pferd wird nochmal ruhig durchbewegt und zwei verhuschte Radfahrer erreichen ihr Ziel wohl später als gedacht.

Der Trepliner Dorfbach auf dem Weg ins Mühltal

Den Weg hinauf ins Dorf begleiten die verspielten Windungen des Dorfbaches, mal erdig in einer Furche, mal flach in der Wiese oder hübsch steinig inszeniert in einem Garten. Eine eilige Katze sieht zu, dass sie noch einen warmen Ofenplatz abfasst, denn es wird schneller kühl jetzt, auch hier oben. Die Abendamsel empfängt uns mit dem schönsten Lied des Frühlings, die Kirche legt fünf ruhige Schläge dahinter. Auch dieser Tag, er ist schon jetzt Legende.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Frankfurt/Oder, von dort mit dem Bus (ca. 1,25-1,45 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land auf B1/B5 (ca.1,5-1,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzunge vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Treplin

Information Hohenjesar/Alt Zeschdorf

MOZ-Artikel zur Russischen Kapelle

Zeitungsartikel zu Tante Magdas Imbiss

Einkehrmöglichkeiten: Tante Magdas Imbiss, an der Badewiese in Alt Zeschdorf
Seecamp am Oderbruch, am Zeltplatz nördlich von Alt Zeschdorf
Gaststätte Am Seeberg, Hohenjesar
Gaststätte Glück auf, Treplin

Zu Fuß durch die märkischen Landschaften