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Grobskizziert – Fürstlich Drehna: Goldenes Plätschern, grüner Mai und die verschonte Filmkulisse

Viel Regen kam runter in den letzten zwei Wochen. Mittendrin gab es eine Handvoll hoch- bis höchstsommerlicher Tage hart an der Dreißig-Grad-Marke, und im Gefolge sind Knall auf Fall alle Baumkronen so grün geworden, dass kaum noch Astwerk durchschaut. Die Obstblüte reicht in diesem Jahr bis Mitte Mai, auch einige Frühblüher stehen noch gänzlich unwelk in den Wäldern, während ein paar Ecken weiter schon die Blumen des Sommers ihre Startlöcher verlassen haben, die zeitliche Langstrecke im Blick.

Blick auf Fürstlich Drehna

All das Grün, die satten Düfte und der getränkte Boden sorgen für diesen Duft, für den man den Mai so liebt. Dazu kommt noch die Geräuschvielfalt, der bei jedem Ausflug weitere Klänge hinzugefügt werden. Während die Lerchen schon seit Februar ihre Begeisterung ins Land schreien und auch die Nachtigallen seit Wochen gewohnt virtuos trällern, kommen nach und nach weitere Charaktertypen und Spaßvögel wie Kuckuck und Pirol dazu – mit hohem Wiederkennungswert auch für Leute ohne viel Vogelahnung. In Dorfnähe gibt es neben stillen Weihern auch solche mit tausend Froschkehlen, und wer gut hinhört, kann hier und dort aus der Ferne die entrückten Bassflöten der liebestollen Rotbauchunken erahnen.

Schlosspark Fürstlich Drehna mit Pavillon

Zwar treiben Temperaturen und Wetterkarten weiterhin ihr Spiel mit den Menschen, die schon längst Wärme und Sonne und leichte Klamotten herbeisehnen nach dieser ewigen Kälte. Doch immerhin hat sich in Sachen Infektionsgeschehen eine gewisse Zuversicht eingestellt, was kleine Schritte zurück in Richtung Normalität angeht. Beständig verfolgte Zahlen tendieren in erstrebte Richtungen, und so soll es zu Pfingsten mit etwas Glück und Vorbereitung möglich sein, sich ein frisch gezapftes Getränk an den Tisch bringen zu lassen.

Schloss Fürstlich Drehna

Fürstlich Drehna

Zum Himmelfahrtswochenende steht ein Ziel auf dem Plan, das weit entfernt ist, gefühlt kurz vor Sachsen liegt. Der Name Fürstlich Drehna verheißt schon Besonderes, und das findet sich dort in der Tat. Nicht allein dadurch, dass hier ein mittelalterliches Wasserschloss steht, benachbart zu einem Lenné-Park, darin ein gusseiserner Pavillon mit bunten Fenstern. Kurios ist vielmehr die Lage des Dorfes, das die Niederlausitz ganz klar im Gesicht trägt.

In Groß Mehßow

Schaut man von Nahem auf die Karte, sieht man den gemütlichen Dorfplatz, der umgeben ist von allerhand historischen Gebäuden wie der Kirche und den Gasthöfen, weiter hinten dem Brauhof und der Schlossanlage. All das steht so konzentriert beieinander und der Raum dazwischen ist komplett gepflastert, dass man sich in einer Filmkulisse wähnt. Tritt man dann etwas zurück, zeigt die Karte, dass das Dorf von ehemaligen Tagebauen umgeben ist, wie eine Halbinsel hineinragt.

Teichrundweg Nord in Groß Mehßow

Heute ist das in der Landschaft kaum noch zu erkennen, da viele Restlöcher zu großen Seen geworden sind, auf vielen Brachflächen junger Wald herangewachsen ist und die von unten nach oben gekehrte Erdoberfläche langsam von der Natur zurückgenommen wird. Schaut man auf Karten oder Luftbilder, die älter als zwei Jahrzehnte sind, ist die Halbinsellage noch deutlich zu erkennen. Auch die dringlichen Warnschilder im Randbereich der englischen Parkanlage erinnern an einigen Stellen recht konkret daran. Unter diesem Blickwinkel erscheint die Beschaulichkeit der Filmkulisse im Herzen des Dorfes noch kurioser.

Zwischen den Fischteichen bei Groß Mehßow

Am Rand des Dorfes steht auf einer kleinen Erhebung eine originalgetreu nachgebaute Bockwindmühle. Von dort ist es nicht weit bis zum Ufer des Drehnaer Sees, der weit größer aussieht als er eigentlich ist. Unweit seiner Uferlinie findet sich in der Heidelandschaft nordöstlich des Dorfes der umgezogene Grundriss einer alten Kirche, ohne dritte Dimension. Die wurde seinerzeit im Rahmen des Tagebaues gesprengt und hinterließ dabei einige offene Fragen. Insgesamt ist Fürstlich Drehna also ein klassisches Ausflugsziel, das viele Interessen vereint.

Im nassen Wald des Tannenbuschs

Wem dabei die Natur zu kurz kommt, der kann die Wälder rund um das Nachbardorf Groß Mehßow erkunden. Diese bieten eine faszinierende Besonderheit, wie sie im Land Brandenburg nicht noch einmal zu finden sein dürfte. Dabei ist etwas Mut zu nassen Füßen und plötzlich endenden Wegen sowie auch eine Prise Humor gefragt, denn nicht immer ist alles so, wie es die Karten verheißen. Ans Ziel kommt man letztlich immer – manchmal eben mit kleinem Umweg.

Im durchflossenen Wald des Tannenbuschs

Bedingt durch den an Quellen reichen Höhenzug der Babbener Berge und eine ausgedehnte unterirdische Tonplatte findet sich in diesen Wäldern Wasser an der Oberfläche, das sich tiefenentspannt in weit verzweigten Netzen durch den Wald des Tannenbuschs verteilt. So trifft man überall auf kleine Gräben von eher natürlicher Gestalt, in denen goldbraunes Wasser seinen Weg zum nächsten Teich oder ins Tal der Dobra antritt, sehr gemächlich, doch fast immer bewegt.

Vor Groß Mehßow, von Süden kommend

Eben diese geringe Fließgeschwindigkeit ist es, die dafür sorgt, dass der Wald auf großer Fläche durchfeuchtet bleibt. Die Gestalt erinnert ein bisschen an die Grabensysteme im Harz, westlich vom Brocken bei Torfhaus, wo die großen Hochmoore liegen. Die Optik ist für Brandenburg ungewohnt und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Fischteich bei Tugam

Groß Mehßow

Auch die Fischteiche bei Groß Mehßow gehören zu diesem Wassersystem. Der größte von ihnen, der Große Teich, lässt sich umrunden. Im Bereich seines Nordufers ist dabei guter Gleichgewichtssinn und etwas guter Wille erforderlich, denn der eher provisorische Weg liegt an mehreren Stellen unter Wasser. Daher muss über hölzerne Eisenbahnschwellen balanciert werden, die zwar ortsfixiert, doch halbwegs schwebend im Wasser liegen. Zumindest ein nasser Schuh ist dabei wahrscheinlich.

In Tugam

Doch auch ohne Umrundung lässt sich tief in das Teich- und Waldreich des Naturschutzgebietes vordringen, wobei die Wege aus verschiedenen guten Gründen keinesfalls verlassen werden sollten. Zwischen den Babbener Bergen im Westen, dem Schulmeisterberg im Süden und dem Weißenberg im Osten lassen sich jedoch genug Wege finden, die einen weiten Bogen durch dieses besondere Waldgebiet gestatten.

Radweg Drehnaer See

Tugam

Vom Weißen Berg führt ein idyllischer Weg zum Gutshaus Groß Mehßow, und auch der Weg aus dem Dorf hinaus gestaltet sich sehr anmutig – wie fast den ganzen Tag entlang eines Wasserlaufes, später über ein Brücklein. Kurz hinter dem Brasenteich liegt das Dörfchen Tugam mit manch schönem Haus, und ein paar Minuten später ist man schon am steilen Ufer des Drehnaer Sees, der vollständig von einem Radweg umrundet wird, nach der komfortablen Art, wie sie in der transformierenden Tagebau-Lausitz häufig anzutreffen ist. Der Radweg weiß gerade nicht so richtig, wo er eigentlich langführt, und so ist etwas Interpretation gefragt. Wer auf Nummer Sicher gehen will, folgt bei Tugam der Linkskurve der Straße nach Fürstlich Drehna, die jedoch nur punktuell Blicke auf den Drehnaer See gestattet.

Drehnaer See

Wenn der Tag dann langsam zu Ende geht, kann man sich am Drehnaer Dorfplatz einem der Biergärten anvertrauen oder einfach nur eine Bank im Park suchen, versonnen auf den Schlossteich stieren. Und sich dann freuen, dass der Tagebau auf Abstand blieb und diese Filmkulisse aussieht, wie sie schon immer aussah – nicht ganz von dieser Welt.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn bis Finsterwalde, von dort Bus nach Fürstlich Drehna (Bus nur Mo-Fr, nicht gleichmäßig verteilt)(2-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Abf. Calau, dann Landstraße (ca. 1,5-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 19, 5 km (Abkürzungen vielfätlig möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Kulturlandschaft Fürstlich Drehna

Groß Mehßower Teiche

Wüste Kirche Drehna

Einkehr: Gasthof Zum Hirsch, Fürstlich Drehna
Pferdestall, Fürstlich Drehna
Café Alte Schule, Fürstlich Drehna
Schlossrestaurant, Fürstlich Drehna
Gasthof Kasprick, Groß Mehßow

Grobskizziert – Biesenthal: Kirschalleen, ein Burgruinchen und die Stufen zum Tale

Die Welt vor der Türe gewinnt von Tag zu Tag an Farbenkraft, was man in diesem Jahr so besonders gar nicht erwarten konnte. Nach den spätwinterlichen Farbspielen der Frühblüher am blassen Boden und den jüngst nachgefolgten Blüten der zeitigsten Büsche und Obstbäume etwas höher kommt nun auch das gute alte Laub ins Spiel und füllt zartgrünes Volumen in alles, was so wächst. Die Menge der Blättchen bringt mit sich den mildwürzigen Duft der erwachten Natur, der durch gelegentliche Regengüsse noch an Aroma gewinnt.

Stufenweg vom Friedhof zum Sydower Fließ

Nach einer kurzen Frühlingsvorschau Ende Februar und einem durchwachsenen März hat sich der April nun entschlossen, Kante zu zeigen und jedem Sprichwort gerecht zu werden, das ihn betrifft. Teilweise reicht ein einziger Tag, um dreieinhalb der vier landläufigen Jahreszeiten kurz anzuspielen, sich besonders aber den Zwischentönen hinzugeben.

Sydower Fließ in Biesenthal

So schnell kann man gar nicht die Winter-, Übergangs- und Frühjahrsklamotten hin und her schieben, um letztlich doch meist das falsche Textil zum Ist-Wetter anzuhaben. Normalerweise ist das die Zeit, in der man sich nach infektfrei überstandenem Winter doch noch eine saftige Erkältung einfängt, weil irgendeine Körperpartie nicht ausreichend bedeckt war. Doch das Phänomen dieser Zeit setzt sich fort, und so bleibt es meist bei einem einzigen Tag mit dichter Nase.

Denkmalspark beim Stadtwald

Noch immer befinden sich die lieben Gewohnheiten im Klammergriff der Notwendigkeiten, und so ist Phantasie und etwas mehr Organisation als üblich gefragt, wenn man die Stunden des Tageslichtes auf dem Lande verbringen möchte. Im Hinblick auf den Kaffee davor oder die Essenluke unterwegs gehört dazu auf jeden Fall Besteck im Rucksack, vielleicht auch ein Geschirrhandtuch, das als Tischdecke und Putztuch dienen kann und dann am besten noch so ein Pappteil, das zwei Kaffeebechern Halt gibt. Und lieber eine Flasche Wasser mehr im Rucksack.

Villenreicher Alleeweg von Biesenthal zum Bahnhof

Wer unterwegs nicht nur die gute Luft, die Natur und besondere Landschaftsformen genießen möchte, sondern auch die Abgeschiedenheit sucht, findet in jedem Landkreis entlegene Gegenden. Doch selbst in direkter Nachbarschaft zu gängigen Ausflugszielen gibt es schöne Wege, auf denen man kaum jemanden trifft.

Kirschallee nördlich von Biesenthal

Biesenthal

Nur eine Station hinter dem C-Bereich des Berliner Bahnnetzes liegt Biesenthal, das sich seit vielen Jahren Naturparkstadt nennen darf. Der zugehörige Naturpark heißt Barnim und reicht südlich bis nach Berlin hinein, im Norden bildet der pittoreske Finowkanal die ungefähre Grenze. Der Naturpark ist voller schöner Landschaften, und eine wahre Ballung findet sich rund um Biesenthal, wo durch die Zuarbeit zahlreicher Bachläufe auch das Flüsschen Finow in Schwung kommt.

Junge Allee am Waldrand

Wer an der großen Eiche auf dem Markplatz unweit der Kirche losgeht und einen besonderen Tag in unterhaltsamer Landschaft verbringen will, kann eigentlich nichts falsch machen, ganz gleich, welche Richtung eingeschlagen wird. Das Wegenetz ist dicht. Schon das Stadtgebiet bietet einige Abwechslung, was unter anderem dem markanten Bachtal des Sydowfließes sowie der einzigartigen Villenallee zum Bahnhof zu verdanken ist.

Wiesengrund beim Reiterhof

Als Minimalvariante für bewegte Beine gibt es ein paar Minuten von der Kirche zwei stattliche Burghügel mit verspielten Stiegen und Pfaden und einem herrlichen Spielplatz zu Füßen, der schön zusammenfasst, was die Texttafeln erzählen. Dazu kommen noch eine richtige kleine Burgruine und ein besteigbarer Turm mit weitem Blick, sodass sich allein hier ein gutes Stück guter Zeit mit Groß oder Klein verbringen lässt. Hinterher könnte man nochmal durch den Bruchwald zur Wehrmühle und zurück trödeln oder – um ein paar Minuten aufgebohrt – die ganze feuchte Senke umrunden.

Moos im Walde

In passender Entfernung für eine tagesfüllende Tour liegen Ausflugsziele wie die Siedlung Lobetal mit ihrer Freilichtkirche, der hinreißende Hellsee mit seinem teils wilden Uferwald oder das Backofendorf Danewitz. Auch das breite und verspielte Finowtal oder der Große Wukensee mit dem schönen Strandbad dürften regelmäßigen Ausschwärmern bekannt sein.

Im Finowgrund

Der besondere Schatz sind jedoch jeweils die Wege dorthin, die naturnah durch wasserreiche Landschaft führen und somit oft glasklare Bächlein und ihre Ufer berühren, teils in hochromantischen Talgründen. Mühlen gibt es, verfallen oder wiederhergerichtet, ferner ausgedehnte Bruchwälder und sogar eine Erhebung mit dem schönen Namen Schweinebuchtenberge.

Junge Schwäne auf der Finow

Ein hübsches Ründchen, auf dem man nur wenige Augenpaare treffen wird, verbindet allerlei Sehenswertes im Stadtgebiet mit einer guten Mischung aus Wald, Feld und Wiesengrund. Die landschaftliche und generelle Abwechslung ist trotz der Kürze hoch. Darunter finden sich ein winziges Scheunenviertel am Friedhof mit herrlichen Treppenwegen am Wiesenhang, der grunderneuerte Park am Denkmals-Hügel und ein Stück der schnurgeraden Allee zum Bahnhof.

Fallende Finow an der Wehrmühle

Hinterm Stadtrand führen dann alte Kirsch- und Lindenalleen in den Wald, der sich nach und nach hügeliger zeigt. Idyllisch wird es schließlich im breiten Talgrund der kleinen Finow, die zwischen Waldinseln und Schilfflächen hindurchfließt, später unterhalb dramatischer Steilwände, und sich eher im Hintergrund hält. Vom nach und nach erblühenden Gebäudeensemble der Wehrmühle führt der letzte Kilometer durch eine verträumte Wasserwelt zu den erwähnten Burghügeln, die Kirche ist bereits vorher zu sehen.

Blick auf Biesenthal

Einen verkraftbaren Nachteil hat ein jeder Besuch von Biesenthal: ganz gleich, welchen Weg man gegangen ist, wird es immer einen anderen geben, den man bald wieder gehen will. Und also Sehnsucht hat, bald wiederkommen muss. Ein starker Trost dabei ist, dass man nicht viel falsch machen kann.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
mit Regionalbahn/S-Bahn nach Bernau und weiter mit dem Bus nach Biesenthal Markt (ca. 1-1,25 Std.); mit Regionalbahn nach Biesenthal (0,5 Std.), dann zu Fuß Richtung Ortsmitte

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise Autobahn oder Landstraße (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 11 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus Amt Biesenthal

Naturpark Barnim

Informationen zur Finow

Einkehr: Café zum Schlossberg (unweit der Kirche)
Gasthof Zur alten Eiche (unweit der Kirche)
sowie div. andere Möglichkeiten

Treplin: Der Mühlenpool, die Hundertwundertüte und Tante Magdas Luke

Den schönsten Schneewinter seit langem hat dieser Februar serviert und dann gegen Ende unerwartet eine Konfettibombe dicken Vorfrühlings platzen lassen, die alle Leute auf der Straße für eine knappe Woche hellere Gesichter tragen ließ. Gefühlt waren die fünf Tage zwei Wochen lang und der Frühling also längst schon angekommen.

Im Tal des Mühlenfließes bei Treplin

Alles strömte nach draußen, Leichtigkeit und ein vorübergehendes Vergessen der Situation wurden zelebriert, mit kurzen Hosen, Strohhüten und beschwingtem Schritt. Ein Spaziergang galt nicht mehr als piefig, vielmehr als gelebte Freiheit, und alle Sorten von Menschen begegneten sich außer Haus beim Schritte setzen. Die plötzliche Mützenlosigkeit offenbarte ein regelrechtes Panoptikum notdürftig gezähmter Haarschöpfe nach den langen Zeiten ohne das Friseurhandwerk.

Kastanienallee vor Hohenjesar

In seinen allerletzten Tagen besann sich der Februar, straffte die Gesichtszüge und gab der Realität des Spätwinters die Hauptrolle zurück – auch wenn der März vor der Tür schon leise mit den Füßen trappelte und dies durch tausend Vogelkehlen bekräftigt wurde. Nach unerwartetem Bibbern wurden nochmal dicken Jacken und Handschuhe hervorgeholt, anstelle von Resignation jedoch der Kopf in den Nacken geworfen bei der baldigen Aussicht aufs nächste Kalenderblatt.

Russische Kapelle hinter der Kirche von Hohenjesar

Bei der Planung der passenden Tour für einen Tag zwischen den letzten Frösten und den ersten Bienen rief es auf der Karte von verschiedensten Ecken „Kommt doch zu miiiir!“. Irgendwann hatte sich das Gemüt dann auf die Gegend um Alt Rosenthal und Worin eingependelt. Und rutschte doch immer weiter nach Osten ab, bis schließlich kurz vor der Oder bei Frankfurt alles richtig schien.

Uferpfad am Hohenjesarschen See

Als die Tour schließlich stand und zumindest auf der Karte sehr verheißungsvoll aussah, fiel auf, dass bislang kein Meter davon begangen wurde. Komplettes Neuland ist mit den Jahren selten geworden, so ein reinweißer Fleck durchaus überraschend, und große Neugier war die Folge. Verraten werden darf: es wurde eine exklusive Wundertüte voller schöner Dinge, ganz klar mit dem Zeug zum Klassiker und einem Ruf nach Besuchen zu den anderen Jahreszeiten. Da trifft es sich gut, dass dieser ganz besondere Tag den hundertsten Beitrag hier füllen soll – auf so ein glückliches Zusammentreffen hatte ich leise gehofft, auch wenn die laufende Nummer mit der ersten Doppelnull nur eine Zahl wie alle anderen ist.

Altes Mühlengemäuer unterhalb von Treplin

Treplin

Treplin liegt Luftlinie zehn Kilometer vom Oderstrom entfernt im Lebuser Land, am seitlichen Ausleger eines Seensystems, dass sich zwischen Seelow und der Drahendorfer Spree erstreckt. Diesen Ausleger sieht nur, wer ihn auch sehen will, denn eine nasse Verbindung gibt es in der Tat nicht. Dafür plätschert direkt im Dorf ein richtiger kleiner Dorfbach, wie er häufiger im Sächsischen anzutreffen ist oder dort, wo es eben etwas hügeliger ist. Der hat zwei Ursprünge, schlängelt sich nach dem Zusammentreffen beider Arme nach Herzenslust zwischen den Gärten und Wiesen hindurch und ist mit zunehmendem Gefälle unterwegs ins nächste Tal.

Dorfbach in Treplin

Weiter südlich im Dorf steht die Kirche mit ihrem vergleichsweise neuen Dach auf einer sanften Anhöhe, über ihr lassen große Wolkengebilde nur wenig blau durchscheinen. Auf dem Wirtschaftshof dahinter wartet ein beerenförmiger Erdbeerkiosk mit geschlossenen Augenlidern auf die nahende Saison. Am anderen Ende von Treplin geht es nach dem ersten Bachkontakt und ein paar Minuten Straße bald schon in den Wald, vorbei am Forsthaus sanft hinab ins Tal des Mühlenfließes. Ein paar Forstleute bestücken gut gelaunt die Pritsche ihres kleinen Fahrzeuges. Verwitterte Wegweiser machen neugierig auf Rundwege um den Trepliner See oder zur Mühle.

Kirche von Treplin

Beständig fällt der Weg sanft ab, landet schließlich in einer laubbedeckten Landschaftskerbe. Hier liegt einiges quer, abgestürzte Äste oder ganze dicke Stämme, und ein gewisses Maß Gymnastik ist zu leisten, das gut und gern als Ausdruckstanz durchgehen würde. Unten angekommen liegt in gewisser Breite eine stille Wasserwelt, rechts tönt vom stattlichen Biberdamm ein leises Gurgeln herüber.

Grüner Grund am Dorfrand von Trepllin

Die Grenze zwischen Bruchwald und mäanderndem Bach ist undeutlich, obwohl in dieser Jahreszeit rein gar nichts die Sicht versperrt. Das Wasser liegt mal breit und ruhig, mal kräuselt es in Eile durch eine Enge aus Holz und Steinen, dann wieder gibt es sich verspielt, wählt mehrere Wege zugleich und nutzt die ganze Talsohle aus. Laub und Stämme sind eher noch fahl als klar einer Farbrichtung zuzuordnen. Das unaufgeräumte Waldtal in Verbindung mit den Sonnenstrahlen, die es bis hierher schaffen, lässt an Aufbruch denken, an schöne jahreszeitliche Stimmungen der vorausliegenden Wochen. Bunte Punkte finden sich noch keine am Waldboden, doch das Laub des glänzend lackierten Scharbockskrauts verspricht einen breiten Blütenteppich in absehbarer Zeit. Die letzte Spur der Morgenkälte zwickt ein wenig in den Wangen.

Hohlweg hinab ins Tal des Mühlenfließes

Herrenmühle

Bald erstreckt sich rechts des Weges nasses Grasland, komplett durchtränkt, gleich riesigen Pfützen. Alte Eichen halten in flehender Geste ihre langen Äste darüber, kräftige Stämme liegen weich gebettet und rindenlos und warten auf die nächste Phase ihrer Morschung. Irgendwann reißt der Blickkontakt zum glitzernden Wasser ab, der Bach verkrümelt sich in schilfiges Feuchtland und landet bald schon im Mühlteich der Herrenmühle. Der Weg läuft weiter am Fuße des Hangs entlang, dessen Flanke zum Teil steil aufsteigt, an einer Stelle an einen überwachsenen Burgwall denken lässt.

Mäanderndes Mühlenfließ bei Treplin

Die erste Spur der Nutzung als Mühle ist ein Wehr, das eher zu hören als zu sehen ist. Ein überwachsener Damm lässt einen Pfad durch zu den anderen Teichen, das Wasser fällt vom großen zum kleineren Teich einen knappen halben Meter. Beide liegen noch halb unter Eis. Auch das Hofensemble der Mühle ist zunächst eher zu hören als zu sehen, da ein Hund anschlägt und die nächsten Minuten nicht verstummt. Kein Grund, an den Tafeln des kleinen Lehrpfades vorbeizulaufen, die teils Spannendes über Wasserlauf und Mühle zu berichten haben. Ein genießerischer Blick auf die Hofanlagen ist dann doch nicht drin, da sich die Stimme des Tieres jetzt überschlägt, was man auch von seinem Hin- und Hergerenne sagen könnte. Die Aufgabe wird ganz klar übererfüllt und lässt mit schwerem Schlucken an linderndes Krügerol denken. Schön jedenfalls, als es wieder leise ist im Tal.

Schilder diverse

Ein frischer Wanderwegweiser zeigt nach Lebus, das keine zehn Kilometer entfernt ist. Auch ein Jakobsweg schlägt hier eine Extraschleife, um diese schöne Landschaft mitzunehmen. Kurz darauf kündigt sich voraus ein Landschaftswechsel an, der mit freier Sicht verbunden ist. Erst öffnet sich das Tal nach rechts und geht gehörig in die Breite, großzügig grundiert mit dichtem, winterblondem Schilf. Darüber ist der Himmel nun erheblich blauer, die Sonne trifft öfter die Gesichtshaut und kurbelt damit manches an.

Bruchwald im Talgrund bei der Herrenmühle

Noch bevor auch die Hangflanke zur Linken wiesenoffen wird und sanfter, beginnt eine prachtvolle Allee von Kastanien, die bis ins nächste Dorf reicht, fast einen ganzen Kilometer. Große Bäume und kräftige Stämme mit den typischen Charakterfurchen, und der Weg so ganz leicht mit einem im Tee, nie ganz gerade, einfach zauberhaft. Das muss ein Schauspiel sein im Mai, ein Duft und ein Gesumme.

Mühlteiche der Herrenmühle

Hohenjesar

Der Salomonweg steigt sanft hinauf nach Hohenjesar, das an einigen Stellen nicht ganz klar von Alt Zeschdorf abzugrenzen ist, dem Gegenstück am anderen Ufer dreier Seen. Die Vorgärten liegen so aufgeräumt, wie das für diese Jahreszeit typisch ist, bereit für Rabatten und Blüten und Grünzeug dazwischen. Chrysanthemen und Stiefmütterchen und auch Alium, diesen leicht sphärischen Bommeln am langen Stengel. Auf einer Ecke hält ein betages Häuslein mit letzter Kraft seine Mauern beisammen. Zumindest das Fundament ist für die Ewigkeit gebaut, aus gespaltenen Findlingen und größeren Feldsteinen mit einer lückenlosen Reihe Ziegelsteinen darüber.

Südliches Ende der Kastanienallee

Auf der Wiese direkt davor spielt sich im Stillen ein kleines Spektakel der Sonderklasse ab. Die ganze Wiese ist so voll von Krokussen, dass vom Gras kaum etwas zu sehen ist. Die Krokusse eher so klein wie wilde und trotz Sonne kaum geöffnet, so dass die zeitigen Bienen hier ihre erste Herausforderung finden. So winzig ist die Öffnung ganz an der Spitze, dass es selbst bei den kleinen Wildbienen quietschen dürfte, wenn sie sich da reindrängeln, um beste grüne Energie abzuziehen.

Kastanienallee bei Hohenjesar

Voraus ist die Kirche mit ihren hochliegenden Fenstern zu sehen, eher Lichtscharten. Sie wird sich später als Schlosskirche entpuppen, was auch einige stattliche Pfosten an einer langen Auffahrt erklärt. Auf den ersten Blick scheint das Kirchenschiff nach oben offen, doch in der Tat wurde pragmatisch und wirksam ein pfiffiges Flachdach aus Wellprofilen aufgesetzt, das seine grundlegende Funktion erfüllen sollte. Eine Treppe führt hinauf zum Kirchhof, und die sollte man keinesfalls links liegen lassen.

Krokuswiese vor dem Haus

Wer es bis zum Kirchturm geschafft hat, entdeckt von dort nämlich eine kleine Kapelle, die einem Märchenbuch entsprungen scheint und irgendwie nach Slawen oder Balten aussieht. In der Tat ist ihre Entstehung wenig blumig, doch was sie ein Jahrhundert später ausstrahlt, ist es um so mehr. Hier waren Könner ihres Fachs am Werk. Dem Anschein nach wurden weder ein Nagel noch eine Schraube verwendet, allein Balken und Holzdübel und handwerkliches Können.

Schlosskirche in Hohenjesar

Wer die Umgebindehäuser aus der Oberlausitz und den benachbarten Regionen Tschechiens und Polens kennt, wird sicherlich kurz daran denken. Durch das farbige Fensterglas lässt sich auf Zehenspitzen ein Blick in den Innenraum erhaschen, mit Zitaten an die zurückliegenden Jahreszeiten – Korngarbe und Adventskranz. Draußen beeindruckt das blassgraue Holz, das seit den zurückliegenden Zwanzigern allen Winden und Wettern ausgesetzt war. Wer sich die Zeit nimmt, hat auch am Dach und der Giebelwand so einiges zu kieken.

Russische Kapelle auf dem Kirchhof

Das waren jetzt schon drei große Kaliber – das naturromantische Bachtal mit der Mühle, die herrliche Kastanienallee und die russische Kapelle hinter der Kirche. Für gewöhnlich ist man froh, wenn sich auf einer Tagestour drei solcher sehenswerten Orte aus den Bereichen Natur, Kultur und Wegeschönheit verbinden lassen. Es fällt also beim Verfassen dieses Textes durchaus schwer, den Fuß auf der verbalen Bremse zu lassen.

Bunte Fenster und zurückliegende Jahreszeiten

Von der Kirche führt eine anmutige Straßenkehre hinab auf die Ebene der Seen. Noch ehe die Wasserhöhe erreicht ist, lässt sich über eine urige Stiege direkt zum Ufer abkürzen. Auch diese weite Wasserfläche liegt noch größtenteils unter Eis, das freilich niemanden mehr tragen dürfte, allenfalls besonders zierliche Enten. Zwischen einem breiten Schilfgürtel und dem flachen Wiesenhang beginnt nun ein Uferweg, der nach und nach Fahrt aufnimmt hinsichtlich seiner besonderen Gestalt.

Halbgefrorener Hohenjesarscher See

Zunächst läuft er als leise Trampelspur am Schilf entlang und lässt noch Zweifel offen, ob es überhaupt weitergeht. Eine Weide steht schon unter Saft und konkurriert mit ihrem wogenden Silberschopf gegen das vom Gegenlicht vergoldete Schilf. Nach und nach wird die kleine Flanke steiler und der ufernahe Pfad zu einer Allee, die sich zwischen hochgewachsenen Erlen und auch Pappeln hindurchquetscht. Verengt sich zwischen alten Bäumen zum Slalomkurs und muss Wurzelbuckel übersteigen. Viele der dicken Stämme mit ihrer tief gefurchten Rinde wurden vom Efeu erobert, dessen Stämme teils so dick sind, dass sich darum keine Hand mehr schließen lässt. Trotz Schattenlage fasst sich so ein Stamm warm an, wohl des struppigen Pelzes wegen.

Lichtspiele und Frisuren

Dieser Weg ist kaum länger als eine Drittelstunde, doch allein seinetwegen würde sich die weite Anreise lohnen. Am anderen Ufer ist unter nordischem Wolkenbild Alt Zeschdorf zu sehen, schräg gegenüber die Brücke über den schmalen Damm zwischen den Seeteilen. Im Norden fällt der Blick auf die hanggelegenen Wochenendhäuser und den Zeltplatz. Zwei Enten posieren und poussieren auf dem glitzernden Wasserspiegel – der Frühling ist nah.

Uferpfad bei Hohenjesar

Wer die Abwechslung auch im Kleinen mag, schlägt einen kurzen Bogen durch die Gärten und überwindet dabei ein paar Höhenmeter, der Abstieg kann über eine steile Stiege erfolgen. Zwischen dem Hohenjesarschen See und dem ähnlich großen Aalkasten dürfen Motorlose übers Mühlenfließ, das sich vom Aalkasten bald Richtung Oder wendet und dort auf seinen allerletzten Kilometern noch die Landschaft unterhalb der Lebuser Adonishänge veredelt.

Uferpfad gegenüber von Alt Zeschdorf

An den Wochenendgärten ist noch kaum Betrieb, vielleicht der nachgereichten Kälte wegen. Am Zeltplatz steht beim Seecamp eine Tafel draußen, aufgekreidet stehen Pfannkuchen und Kaffee, doch es sieht nicht aus, als wenn geöffnet wäre. Da die zweite Pause nur ein paar Minuten zurückliegt, gehen wir vernünftig weiter und bereuen es kurz darauf ein bisschen – zum einen wegen des versäumten Genusses, zum anderen wegen der verpassten Chance, etwas Geld hier zu lassen. Beide Probleme haben sich kurz darauf in Luft aufgelöst.

Und nochmal Uferpfad, kurz vor den Hanggärten

Alt Zeschdorf

Im Ort sind nun schon ein paar mehr Bienen unterwegs, vermutlich dank der warmen Hauswände, die auf die Schneeglöckchen und Krokusse in den Vorgärten abstrahlen. Drüben sägt wer was, weiter hinten wird etwas verbrannt. Ein paar Meter voraus sprintet ein Eichhörnchen über die Straße, verschwindet in einem grünen Weg und macht uns neugierig. Leicht abwärts geht es hier zur Badestelle, wo es neben einer großen Wiese auch einen kleinen Strand gibt. Ein breiter Steg ragt in den See hinein und gestattet Blicke übers Wasser und hinüber nach Hohenjesar.

Am Verbinder zum Aalkasten

Auf halber Hanghöhe steht eine Bretterbude, davor plaudern ein paar Leute, wirken eher privat. Doch es gibt ein kleines Kommen und Gehen, und so werden wir wieder neugierig. Beim Näherkommen ist zwischen den Menschen eine Luke zu sehen, drin sitzt eine Frau mit freundlichem Gesicht – und erneut sieht es nach Kinderbuchillustration aus. Wahrhaftig hat hier Tante Magdas Imbiss offen, und das schon den ganzen Winter über, so gut wie jeden Tag. Selbst bei minus sechzehn Grad. Die Kundschaft freut es sehr. Und uns nicht minder, denn eine Einkehr am Weg ist immer am schönsten.

Am Badeplatz in Alt Zeschdorf

Tante Magdas Imbiss

Nach kurzem Plausch mit einem Stammkunden aus dem Dorf wird schnell klar, dass hinter der Scheibe eine gute Seele des Dorfes werkelt. Nach diversen Bestellungen und etwas Geplauder mit der Dame selbst weiß ich, dass sie vom Südrand Polens kommt und hier mit kleiner, feiner Karte eine ansprechende internationale Mischung auf die Teller bringt – polnische Piroggen und Gemüsesuppe, ungarisches Goulasch, dazu Knödelscheiben als Gruß aus Böhmen. Gar nicht zu reden von den süßen Sachen, doch die müssen bis zum nächsten Mal warten. Die Frage, ob wir nach der Suppe wirklich jeder noch eine ganze Portion Goulasch wollen, war nicht unberechtigt. So bleibt für Feines zum Kaffee am Ende wirklich kein Platz mehr.

Frisch geworfenes Lämmchen

Nach mehreren Pendelgängen zwischen Kiosk und Strandbank reißen wir uns los und sind froher also sonst, dass noch ein gutes Stück Weg übrig ist, um schon mal erste Energieeinheiten abzubauen. Von Alt Zeschdorf hinüber nach Hohenjesar führt ebenfalls ein schmaler Damm, der die zwei Teile des Hohenjesarschen Sees ansprechend tailliert. Links am Hang stehen Schafe, dazwischen liegt noch etwas wacklig ein blütenweißes, wolliges Lämmchen, das gerade so alt sein wird, dass die Wolle nicht mehr pappt und die luftgefüllten Locken wärmen können.

Damm zwischen den Seen und den Dörfern

Im kleinen Park werden gerade die Bäume von morschem Geäst befreit, gegenüber sind allerhand Pferde unterwegs. Ein Pfad verlockt in den Rundweg um den Schlosssee, eröffnet wird mit einer enorm dicken Buche. Gleich daneben ist nun endgültig erkennbar, dass der Doppelort ein beliebtes Urlaubsziel sein dürfte, den alle Welt vielleicht längst kennt. Hinter einer Reithalle erstrecken sich elegant in blau gehaltene Stallungen und Arkaden an der Stelle, wo vormals wohl ein Schloss stand. Hier erklärt sich jetzt auch die Auffahrt mit den Pfosten von vorhin, welche das Areal der Hufe direkt mit dem der Kirche verbindet.

Rückblick auf Hohenjesar

Direkt an die Stallungen grenzt ein einladendes Ausflugslokal, gegenüber liegt ein Strändchen. Kurz hinter der Kirche drehen wir ab zum westlichen Dorfrand, von dem sich nochmals ein schönes Dorfbild mit Kirche bietet. Der restliche Weg verlangt nur wenig Konzentration und verläuft anfangs oberhalb der schönen Kastanienallee. Doch erst müssen wir noch einer grölenden Horde Drachen entkommen, die ein weitläufiges Areal von Viehställen bewachen.

Die Wipfel der Kastanienallee vom oberen Weg aus gesehen

Sie kommen in Gestalt dreier muskelbepackter Riesenköter daher, bei denen auf jegliche Art von Fell verzichtet wurde, teils auch auf Farbe, und die äußerlich restlos frei sind von Lieblichkeit. Die einzige Grenze zwischen der Drachenmeute und uns ist ein zweidrahtiger Weidezaun unter Strom, nicht höher als die Stirn des kleinsten der Fabelwesen und nicht dicker als ein Streichholz. Also eher eine sehr theoretische Barriere. Bestärkt von rationalen Argumenten, die wir uns in gedämpftem Tonfall glaubhaft zuraunen, stehlen wir uns im größtmöglichen Abstand an der lärmenden Horde vorbei. Und bleiben ungeschoren. Selten war eingekehrte Ruhe so schön.

Buschiger Weg gen Wald und Mühltal

Um so wohltuender ist nun der meditative Weg zwischen Busch- und Baumwerk, der ganz leicht abwärts führt, die Schritte von selbst geschehen lässt. Kurz nach dem verlockenden Abzweig zur Herrenmühle lässt sich vor dem Waldstück auf die Wiese abzweigen, zuletzt über ein paar bucklige Meter Pfad zum Hohlweg hinab ins Bachtal queren. Gen Norden werden die Reststoppeln der abgemähten Kornfelder von der tiefen Sonne nahezu plüschig beleuchtet.

Kurz vor dem Abstieg in den Wald

Nach etwas Fichtenwald erreichen wir den Talgrund und sehen, wie sich das Wasser im nassen Stoppelland breitmacht. Das späte Licht lässt die prall gefüllten Pollen-Würmchen der Birken erglühen. Kurz vor Schluss wird jetzt noch ein weiterer besonderer Ort hinzugefügt, als wir die zerfallenen Gemäuer der Mühle erreichen, die deren Grundriss anschaulich wiedergeben.

Gekämmte Stoppelfelder

Das Wasser flutet nach einem meterhohen Sturz einen der einstigen Mühlenräume zum steingefassten Schwimmbecken und liegt kurz darauf schon wieder spiegelglatt, als wäre nichts gewesen. Das zottige Gras der Ufer reicht hoch bis zum Rastpavillon und wird gegen Ende der Dämmerung sicherlich ein Eigenleben entwickeln. Hochromantisch ist es hier und etwas mystisch, ein flüchtiger Gedanke an Caspar, David und auch Friedrich flackert auf. Das ist jetzt so eine Situation zum Zeiteinfrieren, zum Festhalten des Moments, damit der Tag nur nicht zu Ende geht.

Am alten Mühlgemäuer bei Treplin

Doch mit einem Mal wird es belebt hier unten. Es ist ja auch eine zauberhafte Zeit, wenn der Tag ausatmet, die Luft im Tal spürbar kühler wird und das letzte Licht in den Baumwipfeln immer höher wandert. Einige Vater-Kind-Gespanne nutzen die Zeit nach dem Abendbrot zum kurzen Ausschwärmen vor der Gutenachtgeschichte, ein Pferd wird nochmal ruhig durchbewegt und zwei verhuschte Radfahrer erreichen ihr Ziel wohl später als gedacht.

Der Trepliner Dorfbach auf dem Weg ins Mühltal

Den Weg hinauf ins Dorf begleiten die verspielten Windungen des Dorfbaches, mal erdig in einer Furche, mal flach in der Wiese oder hübsch steinig inszeniert in einem Garten. Eine eilige Katze sieht zu, dass sie noch einen warmen Ofenplatz abfasst, denn es wird schneller kühl jetzt, auch hier oben. Die Abendamsel empfängt uns mit dem schönsten Lied des Frühlings, die Kirche legt fünf ruhige Schläge dahinter. Auch dieser Tag, er ist schon jetzt Legende.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Frankfurt/Oder, von dort mit dem Bus (ca. 1,25-1,45 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land auf B1/B5 (ca.1,5-1,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzunge vielfach möglich)


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(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Treplin

Information Hohenjesar/Alt Zeschdorf

MOZ-Artikel zur Russischen Kapelle

Zeitungsartikel zu Tante Magdas Imbiss

Einkehrmöglichkeiten: Tante Magdas Imbiss, an der Badewiese in Alt Zeschdorf
Seecamp am Oderbruch, am Zeltplatz nördlich von Alt Zeschdorf
Gaststätte Am Seeberg, Hohenjesar
Gaststätte Glück auf, Treplin

Schönfliess: Kunst im Walde, das Kurviertel und die schmalste aller Prachtalleen

Der Tanz mit der Stadtgrenze macht immer wieder einen Heidenspaß. Insbesondere dann, wenn die Natur im fortgeschrittenen Frühling mehr und mehr in die Vollen geht und der Kontrast aus städtischem Staub- und Lärmgeschehen und ländlich-idyllischer Landschaftsruhe in Augen, Ohren und Nase intensiver wahrzunehmen ist. Davon abgesehen lauern in solchen Touren meistens Überraschungen am Wege, denn was dort an Sehenswürdigkeiten versteckt liegt, ist entweder so bekannt, dass man es ohnehin längst kennt, oder eben so versteckt und auf den Erstblick klanglos, dass es nur jemand findet, den der Zufall mit offenen Augen dort vorbei schickt.

Tieferliegender Wald der Bieselheide

Im Idealfall sind solche Touren mit einem Karten-Doppel aus ABC- und AB-Fahrschein machbar. Ersterer hat diesmal in Schönfließ seinen Zweck erfüllt, dessen Bahnhof auf dem Weg nach Oranienburg mitten in den Feldern liegt. Mitten übers Feld geht darum auch der schnurdirekte Trampelpfad ins Dorf, der wohl einer stillen Abmachung mit dem zuständigen Landwirt zu verdanken ist. Das nette Arrangement erspart einen lästigen Umweg und setzt die Kirche fest in den Blick des Ausgestiegenen.

Vorgarten im Künstlerhof Frohnau

Schönfließ

Hinter der Kirche liegt die große Kreuzung, und gleich westlich des Dorfes beginnen weite Felder, an deren Ende der leicht versunkene Wald der Bieselheide liegt. Auf dem Weg dorthin werden die Nüstern vom ersten vollmundigen Kornduft dieses Jahres verwöhnt, der durch den nächtlichen Regen besonders würzig ausfällt. Für die Augen wurden filigrane Akzente aus Mohn, Kornblume und Margariten verstreut, während der Waldrand fast magisch anzieht. Ein Blick nach links lässt diesig verschwommen die fernen Kanten des Märkischen Viertels aus dem Grün wachsen, leicht unwirklich.

Zauberhafter Weg am Beegraben, Schönfließ

Vor dem Wald biegt der Weg ab, wahlweise nach links oder rechts. Wer jedoch eine Verbeugung nicht scheut, schlüpft geradezu ein in ein überschaubares Pfad-Geflecht, dessen Schattendunkel heute nur selten ein paar Punkte der seltenen Sonne bis zum Boden durchlässt. Fließendes oder sickerndes Wasser ist zu erahnen, der kühlen Luft und dem satten Grün geschuldet. Die schmale Spur windet sich im leichten Auf und Ab, berührt einzelne Baumriesen und auch drei Quellsale, deren Wasser sich zaghaft zum feuchten Grund durchschlägt. Der öffnet sich bald darauf und gibt ein liebliches Landschaftsbild frei, wie man es hier nicht erwartet hatte – saftiges Wiesengrün und vereinzelte Kronenbäume, fast wie in einem Landschaftspark. Dazu der grasige Weg und tropfenweise der Niederschlag am Schuh, der von der Nacht noch in den Halmen hängt. Es ist so dermaßen idyllisch.

Das Märkische Viertel von Schönfließ aus

Die Karte verrät, dass in der Mitte des Talgrundes das Kindelfließ schlummert. Ruhig tut es das, doch keineswegs unbewegt, wie wir am knorrigen Holzbrücklein feststellen dürfen, das den Doppelschritt von Oberhavel nach Berlin ermöglicht. Drüben steht eines der überhohen Schilder des Berliner Mauer-Radwegs, und als wäre die Grenze tatsächlich sichtbar und im Menschen verankert, wird es auf einmal voll hier, wechseln Jogger, Leute an Hundeleinen und akademisch zurechtgemachte Herrschaften im bedeutsamen Dialog, dem man erst nach gut hundert Metern vollständig entkommt. Neben der an und für sich abstrakten Grenzlinie erklärt sich das hohe Aufkommen auch durch einen nahen Parkplatz mit einer zugehörigen Streckenlänge, die sich ideal mit dem Ausleeren eines Hundes synchronisieren lässt, nebenher etwas Sinneneindruck und Bewegung ermöglicht.

Blick über die ersten Kornfelder nach Schönfließ

Für dieses rechte Maß sorgt der leicht mitgenommene Hubertussee, dessen verwinkelte Uferlinie ein schöner Pfad nachzieht. Ein Dreikäsehoch bringt seinem Vater mit großen Augen einen gefundenen Kiefernzapfen und nutzt dazu seinen vokallastigen Sprachumfang, eine Ecke weiter staksen Damen durch den hohen Salat und bestimmen mit technischen Mitteln, was da wächst am Wegesrand. Und da wächst allerhand, darunter knapp noch blühende Maiglöckchen, längst verblühte Anemonen sowie grüner Klee mit Riesenblättern, auf denen Käferlein herumspazieren.

Einer der Quellbäche in der Bieselheide

Der grundsätzlich geradlinige Weg weg vom See ist zur anmutigen Kurvenlinie gediehen, dank gefallener Bäume oder anderer Hindernisse. Nach einem Schlenker übernimmt eine wirklich gerade kleine Waldstraße und wartet mit der ersten Überraschung des Tages auf. Eine Toreinfahrt mit zwei Dutzend bunt verbastelten Briefkästen macht neugierig, der Kopfsteinpflasterspur zu folgen, ein Verbotsschild lässt sich nicht entdecken. Hinter dem weit offen stehenden Tor beginnt eine unregelmäßige Reihe verträumter Häuschen und Ziegelbaracken. Schilder bestätigen den bereits verspürten Hauch von Kunst und Kunsthandwerk.

Stadtgrenze zwischen Berlin und Brandenburg

Künstlerhof Frohnau

Am markantesten ist das erste Haus rechts, das ein ganz klein bisschen nach Asien aussieht. Neben der weit geöffneten Haustür hängen zahlreiche Informationen. Direkt daneben hockt über struppigem Grase eine Handvoll Leute zusammen, rund um ein kleines Lagerfeuer, das es nicht gibt, und führt in gedämpftem Ton eine angeregte und zugleich ruhige Unterhaltung. Sie gucken nicht auffordernd, doch auch nicht abweisend, also gehen wir erstmal weiter und schauen uns die Häuser und Vorgärten an, bei denen es Dutzende charmante Details zu entdecken gibt. Im mittleren Gebäude ist eine Art kleiner Konzertraum, wo zum Duft von Ferienlager-Flur ein betagter Flügel im staubigen Lichte steht, umgeben von großformatigen Bildern. In der Phantasie läuft eine gelockte Katze virtuos über die Tasten und überspielt souverän eine kurze Pfotendissonanz.

Hubertussee nördlich von Frohnau

Ganz hinten kauert unterhalb eines riesigen Funkturms ein modernerer Kastenbau, der wahrscheinlich Dutzende eher funktionaler Ateliers beherbergt, denn das Ganze hier ist der Künstlerhof Frohnau, wie uns ein Zettel in A4 verrät. Die umzäunte Kolonie ist klein und äußerst lauschig, das Gelände teils wild und ein Blick in die Hintergärten verheißt, dass sich hier gut kreativ sein lässt. Nichts wirkt aufgesetzt, nichts bemüht.

Posteingang am Künstlerhof Frohnau

Im Mittelgebäude mit dem Flügel gibt es manchmal einen Café-Betrieb, doch das dürfte jetzt noch nicht lohnen, so kurz nach den ersten lockenden, doch zaghaften Lockerungen in Sachen Gastronomie. Vorn im Haus ist eine kleine Ausstellung zur Mauerlinie und dem Drumherum untergebracht, und wie wir auf Anfrage erfahren, hatte auch dort noch niemand mit Besuch gerechnet. Ein durchreisender Kreativer oder so hatte in der vergangenen Nacht einen Unterschlupf vor dem Gewitter gefunden und seinen Schlafsack einfach unterhalb der Exponate ausgerollt, ganz Bohemien. Ein freundlicher Herr mit Hintergrund eilt uns kurz zur Seite und erzählt ein paar Worte zu dem, was hier zusammengetragen wurde. Der kleine Raum ist hinreißend und der Platz für die Ausstellung pfiffig genutzt.

Das markanteste Haus, Künstlerhof Frohnau

Invalidensiedlung

Dreimal gibt es auf dieser Tour den steten Lärmpegel einer rauschenden Landstraße. Die erste ist jetzt die B 96, im Anflug auf Hohen Neuendorf, das schon wieder im Landkreis Oberhavel liegt. Hinter der S-Bahn-Unterführung werden wir aufs Neue überrascht. In länglicher Anordnung stehen dort klar geformte Backstein-Häuser, die ein wenig an die beschaulichen Wasserschlösser des Münsterlandes erinnern, die Haus Bever heißen oder Haus Seppensen, zumindest so in dieser Art. Auch hier trägt jedes einen eigenen Namen, meist sind es Ortsnamen. Zwischen all diesen Namen lässt sich so gut wie kein Zusammenhang herstellen, zumindest auf den ersten Blick. Sandsteinportale gibt es und kleine Auffahrten, geräumige Balkone und herrliche Dachfenster, zum Bahndamm hin auch kleine Gärten.

Vorgarten, Künstlerhof Frohnau

Formal ist die per Bus angebundene Siedlung eingeschlossen vom hohen Damm der S-Bahn und der theoretischen Grenzlinie zwischen Berlin und dem Umland. Im Inneren der Anlage erstreckt sich eine grüne Senke, an deren südlichem Ende ein Gasthaus liegt. Gegenüber lassen sich an einer Schautafel möglicherweise entstandene Fragen beantworten.

In der Invalidensiedlung, kurz vor Glienicke

Schon nach wenigen Schritten treffen wir erneut auf den Mauer-Radweg, lassen ein paar Räder durch und setzen den Fuß nun wieder auf märkischen Boden. Das ist vielleicht geohistorisch nicht ganz korrekt – doch es klingt so schön. Voraus liegen weite Kornfelder, durchzogen von langen Buschbaumstreifen. Unser Weg ist vom hüfthohen Korn zunächst verschluckt, doch dann bald gefunden, als deutliche Treckerspur. Die Ähren, die zugleich weich und fest sind, schummeln sich immer wieder in den Handteller und erzeugen auf der Haut ein Gefühl zwischen Hummelpelz und Hummelbeinen– ein bisschen unheimlich, doch einziehen will man die Arme auch nicht.

Ein Wechsel auf den bezaubernden Pfad hinter der Baumreihe ist bald oder etwas später möglich, als eine andere Trampelspur von Hohen Neuendorf durchs Feld quert. Bald führt die sohlenbreite Linie mit etwas Hinternwackeln und Verneigen zwischen jungen Obstbäumen und alten Rosenbüschen hindurch, erlaubt Durchblicke zum Kirchturm des nächsten Dorfes oder dem gut besuchten Spargelstand an der hastigen Landstraße.

Wegspur im Feld

Stolpe

Waren wir vor ein paar Wochen zum allerersten Mal in Stolpe, dem an der Oder mit dem dicken Burgturm, kommen wir jetzt erneut zum ersten Mal durch Stolpe, diesmal das havelnahe. Hinter der lauten Straße Nr. 2 läuft ein clever gepflastertes Sträßlein entlang alter Gartenmauern direkt vor zur Kirche. Die ist sogar offen und hat im Inneren diese einmalige Stille, verbunden mit dem Duft von altem Holz und noch viel älteren Ziegelsteinen.

Dorfstraße zur Kirche, Stolpe

Ein paar Schritte sind es bis zur Krummen Linde, einem Landgasthaus, übrigens nicht dem einzigen im Ort. Warum das so ist, bleibt unklar und dürfte vielleicht ganz schlicht mit dem hübschen Dorf, der Stadtrandlage und der Nähe zur Autobahn zu tun haben. Wer auf langen, wiederkehrenden Fahrten gern eine wohltuende Pause von der Piste hat und sich ein bisschen auskennt, wird sich diesen Ort wohl schnell merken. Die namensgebende Linde steht direkt im Biergarten, ihr Stamm hat in der Tat die Form einer riesigen Morchel.

In der Kirche von Stolpe

Nur ein paar Häuser weiter ist auch im Dorfkrug der Schankbetrieb wieder angelaufen. Alle Gäste lehnen sich genüsslich zurück ins zurückgewonnene Stück Normalität, das Personal trägt sein Lächeln hinter Stoff. Südlich der Landstraße endet dann das gemütliche Dorf. Eine sachliche Wohnsiedlung leitet über zur eigenen Welt des Golfplatzes mit ihren zugehörigen Kopfbedeckungen, Obertrikotagen und Gefährten. Mitten hindurch führt schnurgerade ein schöner Feldweg, der meist so dicht von Buschwerk umgeben ist, dass die feingetunte Teletubbie-Landschaft drumherum kaum ins Auge fällt. Aus den Teichen, an deren Grund wohl etliche Golfbälle auf Muschelbewuchs warten, knarzen großvolumige Frösche herüber.

Weg zwischen den Rasenflächen und Leuten mit selbstgewähltem Handicap

Kurz vor der Stadtgrenze biegen wir nun selbst auf den Mauer-Radweg ab und bewegen uns durchs einstige Niemandsland, dessen Natur heute nur noch ungläubig zu lächeln scheint angesichts der absurden Nutzung damals. Es wird wieder etwas voller und das Abstandhalten zum Teil etwas slalomartig.

Beim Einmünden eines großen Weges steht der nächste Grenzübertritt an, der direkt in die weit verzweigten Wohnlagen des oftmals noblen Frohnau bringt. Mit schönem System wurde hier scheinbar darauf geachtet, dass so gut wie keine Straße länger als nötig gerade verläuft – vor über hundert Jahren ging dieser Teil von Berlin aus einer Gartenstadt hervor, was eine griffige Erklärung liefert. Die Karte zeigt ein herrliches Gewirr aus Bögen und Schlangenlinien, was sich auch östlich der S-Bahn fortsetzt. Dazu ist die Landschaft leicht bewegt und manches Haus wurde erhaben oder in scheinbarer Hanglage erbaut. Gemeinsam mit den großen Gärten und ihrem teils alten Botanik-Bestand ergibt sich ein gediegenes und gemütliches Flanieren, bei dem hier und da ein Weiher für Abwechslung sorgt.

Frohnau

Wenige Ortsteile von Berlin haben so klar ein Zentrum, das den Namen im vollen Sinne des Wortes verdient. Und das trotz seiner Zweiteiligkeit eine Einheit bildet. Wer hier nicht schnurstracks durchmarschiert, sondern sich auf irgendwas für Gaumen oder Kehle einlässt, läuft Gefahr, in einer ausufernden Pause zu versacken. Andererseits hätte man sich derb in der Thematik verirrt, würde man schnellen Schrittes vorbeilaufen, denn der halbrunde Zeltinger Platz und sein rundes Pendant sind schon etwas sehr Besonderes, nicht einfach nur eine S-Bahn-Endstation, taugen nahezu als eigenes Ziel für einen Ausflug.

Am Bahnhof Frohnau

Fast wie ein Kurviertel umgeben die beiden Ensembles den Bahnhof, auch die Brücke als Bindeglied trägt ihr eigenes Gesicht, mit zwei gegenüberliegenden Cafés. Wasserspiele und Pergolen, Ladenzeilen und ein Casino im Burgturm – das Ganze atmet eine schöne Stimmung vom alten West-Berlin und etwas Kurortcharme. Keineswegs wohnen hier nur die Betuchten – die Frohnauer Mischung wirkt echt und durchaus würzig. Versacken ist übrigens überhaupt kein Problem, denn das Budget-Taxi wartet ja quasi im Keller – die S-Bahn fährt alle zehn Minuten in die Stadt. Oder alle zwanzig nach Oranienburg, wohin ja auch die Sehnsucht manchmal lockt …

Wer noch Lust auf mehr hat und sich nicht vom Wegweiser zum Buddhistischen Haus ablenken lässt – durchaus eine lohnende Option – kommt auf der promenadenbreiten Wiltinger Straße zum Ludwig-Lesser-Park mit seinen alten Bäumen. Der Spielplatz wurde jüngst mit edlem Gerät neu gestaltet und ist mit Kindern durchaus die Anreise wert. Nördlich des Parks bedient ein Sportgelände mit Reithalle, Poloplatz und Schießstand Stadtrand-Klischees, die wiegesagt nur bedingt passen. Bald schon gibt es wieder Kontakt zum Wald, und nach der dritten Lärmstraße und einem vergehenden Weiher wird hinter den letzten Häusern zum zweiten Mal Berlin verlassen.

Vor den Loreleibergen

Loreleiberge

Entlang der Grenzlinie liegt ein breiter Dünenstreifen, wie ein riesiger Buddelkasten, mit vereinzelten Laub- und Nadelbäumen. Dahinter wird das wellige Relief von hochgewachsenem Buchenwald bedeckt, der im späten Mai nur noch wenig Licht zum Boden durchlässt. Nur wenige Schritte später beginnt der Anstieg auf die Loreleiberge, der durchaus seine steilen Passagen hat. Die beiden Gipfel werden von einem undurchschaubaren Geflecht von Pfaden überzogen, die selbst mit Satellitenempfänger die Orientierung herausfordern. Am besten lässt man sich treiben und folgt grob einer Grundrichtung. Bald fällt der Weg ab und verlässt am Wohngebiet Bieselheide den Wald.

Grüner Talgrund der Bieselheide

Bieselheide

Am Rand der Siedlung liegt das Kindelfließ in seinem tiefen Bett, begleitet von einem waldigen Uferweg. Der wechselt bald in einen grünen Wiesengrund, in dem sich doch tatsächlich noch immer das Wasser in den Halmen gehalten hat, so wie früher am Tag, gar nicht weit von hier. Ein kaum zu erahnender Pfad umrundet das kleine Waldstück anders als gedacht, erreicht aber bald wieder die geplante Spur. Die Wiesengräser sind vielfältig, rechts voraus stehen imposante Bäume mitten in der Landschaft, und hier und da ruht Wasser in seinem Graben.

Kurz vor dem Reiterhof bei Schönfließ

Koppelschänke

Über eine charmante Anhöhe kommen wir zum Reiterhof am Kindelwald, der mit dem Kindelfließ und dem Kindelsee in guter Gesellschaft ist. Die an Hufen reiche Außenstelle von Schönfließ liegt idyllisch über einer Senke am Waldrand und ist umgeben von viel Feuchtland. Eine besonders schöne Überraschung, quasi kurz vor Schluss, kündigt sich mit ein paar Schildern an und sorgt zwei Minuten später für etwas Berghütten-Atmosphäre. Hinter einer klapprigen Pforte führt ein schmaler Zugang hinauf zur Koppelschänke, die mit ihrer Aussichtsterrasse von Pferdekoppeln umgeben ist und damit verschiedenste Gästewünsche zugleich bedient. Der freundliche Wirt ist sofort am bootslackierten Tisch und wir leisten uns noch einen kleinen Absacker an diesem zauberhaften Ort – nichts ahnend davon, dass gleich eines der allerschönsten Wegestücke folgt, die man im unmittelbaren Umland finden kann.

Aufgang zur Koppelschänke

Vergleichbare Passagen gibt es manchmal hier und da auf ein paar Minuten Länge, eine vergleichbar lange im schmalen Bachgrund zwischen Nieder- und Hohenfinow. Doch dieser Weg reicht bis hinein nach Schönfließ mit seinem herrlich patinierten Schlosspark, also gut die nächste halbe Stunde – bliebe man nicht ständig staunend stehen. Direkt gegenüber der Pforte zur Schänke biegt im spitzen Winkel dieser Pfad ab, der zunächst den Rand eines feuchten Talgrundes begleitet. Das an sich wäre schon herrlich zum Abend und dem kühlen Ausatmen des Tages. Doch der schmale Weg wird begleitet von uralten Bäumen, die seine Linie ondulieren. Linden sind das und Eichen, später auch Bergahorne und Kastanien, vereinzelt auch Ulmen oder Eschen, von denen einzelne der Wind gelegt hat. Zwischen den kräftigen Stämmen kann der Blick weit schweifen, hinüber zum anderen Rand des feuchten Landes.

Am Naturschutzgebiet Kindelsee

Und auf einmal fließt es nebenher, kommt ein kleines kaum gezähmtes Bachsal und gestaltet sein Bett mal glatt und brav, dann wieder schnellengekräuselt – wenn auch im ganz kleinen Maßstab. Zunehmend tiefer gelegt ist jetzt der Weg, links und rechts wogen die Kornfelder oberhalb der Hänge, und der Wind rauscht in allem, was sich wiegen lässt. Wenn jetzt ein Poet hier so vor sich hin ginge, müsste ihm wohl der Kopf platzen vor Vers- und Motivansätzen.

Im verwunschenen Schlosspark, Schönfließ

Schönfließ

Nach ein paar Gärtchen findet der Weg wieder zurück zum Beegraben, dessen sonderbarer Name so gar nichts verrät von seiner Gestalt und seiner Landschaft und polyglott gedacht allenfalls an die tüchtigen Bienenvölker denken lässt, deren Plattenbauten vorhin am Weg standen. Vielleicht ist das ganz gut so, denn wer weiß, wie voll es auf den Wegen wäre, wenn der Wasserlauf Prinzessinenfließ hieße oder Kükenbach.

Die schüchterne Schönfließer Kirche

Der Schlosspark pflegt den Dornröschen-Schlummer, nicht jeder Pfad findet dabei ein eindeutiges Ende. Dennoch sollte man sich das urige Stück Natur nicht entgehen lassen – schlimmstenfalls geht man eben den Weg wieder zurück, den man gekommen ist – es kann sich jeweils nur um ein paar Minuten handeln.

Brücklein gibt es hier und Pfade, eine Gipfelbank und einen kleinen Stauweiher mit betagter Wehrmauer. Mittenhindurch plätschert das Wasser, das die letzte halbe Stunde nebenher floss, und insgeheim wissen wir nun, dass es einzig und allein das Schönfließ sein kann.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
von Berlin-Ostkreuz per S-Bahn nach Schönfließ (ca. 0,75-1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 96a (ca. 0,5-0,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 22 km (Abkürzungen gut möglich, vielfach per ÖPNV)


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Links:

Bieselheide

Künstlerhof Frohnau

Invalidensiedlung

Dorfkirche Stolpe – Abendmusiken

Berliner Mauer-Radweg

Rund um den Bahnhof Frohnau

Schlosspark Schönfließ

Einkehr: Landcafé, Schönfließ
Kleiner Cafébetrieb, Künstlerhof Frohnau (manchmal)
Landhaus Hubertus, Invalidensiedlung
Zur krummen Linde, Stolpe
Dorfkrug, Stolpe
div. Gastronomie rund um den S-Bhf. Frohnau
Koppelschänke, beim Reiterhof südlich von Schönfließ

In eigener Sache/Rehfelde: Fünf Kerzen, ein Steinhaufen und die olle Kamelle

Der Monat mit dem kürzesten Namen läuft auf vollen Touren und vervielfacht das sichtbare Volumen aller grünen Blätter und Blättchen im Dreitagestakt, immer und immer wieder. Das heißt nicht, dass wärmende Kopfbedeckungen oder Übergangsjacken schon im schrankdunklen Sommerlager gelandet sind, denn er zeigt sich kühl, der Mai. Das hält viele Blüten lange frisch, die in anderen Jahren schon längst verblüht waren, verlängert dadurch die Gegenwart zahlreicher Düfte des mittleren Frühlings und sorgt für selten erlebte Duftmischungen, z. B. aus Maiglöckchen, Flieder und Apfelblüten, unterstützt von den ersten Heckenrosen.

Schmettausche Feldsteinpyramide in Garzau

Während die Grillen von dieser frostigen Schulter kaum beeindruckt sind und sommerlaut über die Wiesen tönen, tippen sich die vor Wochen eingetroffenen Mauersegler kopfschüttelnd an die Stirn und halten sich fürs Erste bedeckt. Dementsprechend ist eines der Geräusche des gesamten Sommers fürs Erste wieder verstummt, was schließlich zum Stand des Quecksilbers passt. Außerordentlich in diesem Mai sind die üppigen Wolkenbilder, die speziell an den Wochenendtagen gemeinsam mit dem Schattenspiel der Sonne für barocke, sehr dreidimensionale Himmelsgemälde sorgen. Öfter als gewöhnlich klickt der Auslöser, denn selbst wenn kein rechtes Motiv da ist, sind da die Wolken und rechtfertigen jeden dieser Schnappschüsse.

Ganz nebenbei und fern alles Superlativen erinnerte mich ein Blick in alte Kalender daran, dass vor genau fünf Jahren der Wegesammler seinen ersten Bericht in die Welt warf und schon ein bisschen gespannt war, ob das irgendwen außer der Hauptadressatin interessieren würde. Zunächst einmal war es schön, dass die ganze Geschichte in einer komplett neuen Materie rein technisch überhaupt funktionierte, Text und Bilder angezeigt wurden und die noch in Windeln liegende URL von jeder Stelle aufzurufen war. Die Zugriffszahlen lagen zu dieser Zeit geradeso im einstelligen Bereich, und auch das war an sich schon erfreulich.

Blick auf den Gipfel

Seit 2015 hat sich die Übersichtskarte nun erfreulich gefüllt und die Zahl der Beiträge kratzt an der neunzig. Zu den Zugriffszahlen lässt sich sagen, dass es bereits nach einigen Wochen täglich welche gab, was ein weiterer Grund zur Freude war. Für die Weiterverbreitung kamen neben der Mund-zu-Mund-Variante aus einem kleinen Kreis heraus bald schon kleine orangene Pappkärtchen mit QR-Code ins Spiel, die per Reißzwecke an sinnvollen Orten blieben. Und bald von Aufklebern abgelöst wurden. Etwas später kamen noch Bierdeckel hinzu, die an überdachten Rastbänken abgelegt gleich mehrere Formen von Sinn erfüllen – zum Beispiel die empfindlichen Tischflächen vor Kratzern durch verbeulte Trinkflaschen zu bewahren.

Weg von Zinndorf nach Werder

Zwischendurch gab es erfreuliche Episoden in Print- und Funkmedien, die letztlich mitverursachten, dass ein zentrales Fernziel schneller als gedacht Form annahm: im März letzten Jahres erschien im geschätzten be.bra verlag ein richtiges Buch, ein wunderschönes noch dazu, das gleichermaßen für den gemütlichen Sessel oder den bequemen Schuh taugt. Jedesmal, wenn ich es in die Hand nehme, durchströmt mich eine warme Mischung aus Freude und Ehrfurcht, die an Intensität nicht verliert.

Bahndamm in Rehfelde

Nicht zuletzt im wohlwollenden Rückblick auf diese Zeit der ersten Schritte im neuen Medium passte es gut zur Jahreszeit, eine liebe alte Tour der ersten Stunde aus der Schublade zu kramen, etwas daran rumzufeilen und vor Ort zu schauen, was noch gleich war und was sich verändert hatte – fünf Lenze später. Noch dazu kam die erste Möglichkeit seit Monaten, die Bequemlichkeiten eines Gasthauses zu genießen und in diesem Rahmen sogar frischen Spargel zu verschmausen, der doch auch in diese Zeit gehört. Wer sich noch erinnert: es ging um eine Herzensfreundin und einen faustsprengenden Blumenstrauß, davon abgesehen auch damals schon um Spargel, gesungene Töne und Lilien. Obwohl es nur eine Woche früher spielte, sah die Natur so völlig anders aus, war der Raps noch nicht verblüht, dafür das klassische Kornrandbunt bereits komplett.

Zustieg zum Gipfel des Rock

Rehfelde

Die neu frisierte und etwas nach Norden hin aufgepumpte Runde beginnt diesmal nicht in Werder an der gepflanzten Riesen-Lilie, sondern direkt am frisch renovierten Bahnhof Rehfelde, wo ein schöner Rastplatz direkt zur ersten Pause verleitet. Doch die Berge locken, die geschlossene Schranke lässt noch den Zug nach Berlin durch und schon kurz darauf sind am grünenden Hang eines Walles die ersten Mohnblumen zu entdecken, direkt neben der dunkelsten Variante des violetten Flieders.

Mohn auf den Wiesen

Hinter den letzten Häusern erhebt sich voraus das flächige Plateau des Fuchsberges, der als Erhebung mit bloßem Auge kaum wahrzunehmen ist – anders als weitere Berge dieses Tages. Der Fuchs im Übrigen spielt als Namensgeber in Rehfelde an vielen Stellen eine Rolle – vielleicht fände sich in der Heimatstube eine passende Erklärung dazu. Das Rehfelder Wappen jedenfalls erwähnt ihn nicht, beschränkt sich auf das namensgebende Huftier mit dem guten Sprungvermögen.

Gipfelkreuz

Jenseits der stillen Landstraße zieht ein beruhigender Weg in die Weite, die sich zwischen dem Mühlenfließ und dem Dorf Rehfelde mit dem Klumsberg ausdehnt. Links spielen größere Flächen orangenen Mohns und die allerersten Kornblumen mit den Farbkontrasten und werden vom kühlen Wind in Bewegung gehalten, deren Charakter an Absinthgenuss denken lässt. Auf der anderen Seite des Weges steht die klassische Feldrandmischung aus Rot, Blau, Weiß und Gelb bereit, schützendem Korn sei Dank weniger durchgeschüttelt.

Weg am Mühlenfließgrund und Vergleichsbild zum gelblastigen oberen Bildschirmrand

The Rock

Auch dieses Mal wollen wir uns nicht das Gipfelglück entgehen lassen und erklimmen auf einem der bequemen Aufstiege den höchsten Punkt des namenlosen Berges, der von unten gesehen an den aufsehenerregenden und tief hängenden Wolkenbändern zu kratzen scheint. Das Gipfelkreuz befindet sich in Gesellschaft einer Handvoll grundverschiedener Steinbrocken, auf denen sich gut pausieren lässt. Unten vom dichten Wald reiht eine Nachtigall ihre Strophen so laut, als würde sie gegen das ruppige Dauerrauschen einer Autobahn ansingen. Doch rauschen hier nur die Wipfel der Bäume, so intensiv, wie es sonst eher Küstenwälder tun.

Ginster im Walde

Da heute der erste Tag ist, wo Gaststätten wieder Kundschaft empfangen dürfen, war eine Reservierung angebracht, ist somit ein Termin zu beachten. Die Zeit sitzt recht bequem im Nacken, noch ist ein dickes Polster übrig. Dennoch drängen Vorfreude und Hunger, die Pause hier nur kurz zu halten. Daher belassen wir es beim Vernunftschluck und dem Genießen der Aussicht zur Rüdersdorfer Skyline, die heute also gänzlich ohne Gelb auskommen muss. Das gilt auch für die Stelle, die seit fünf Jahren und auf Wunsch einer einzelnen Dame die Leser am oberen Rand des Bildschirms empfängt – und heute völlig anders aussieht, abgesehen vom Wegweiserschild und den charakteristischen Schlängeln des Weges. Links im Wäldchen blüht ausufernd der Ginster und tröstet mit etwas Ausgleichs-Gelb im kräftigsten Dotterton.

Blick in die Wiesen am Mühlenfließ

Bereits am Bahnhof hatte sich ein Lieder-Stein ins Bild geschoben, der erste in einer langen Reihe, die entlang des Liederweges bis nach Werder reicht. Die unverwüstlichen Granitsäulen mit den Metalltafeln sehen aus, als wären sie erst vorgestern installiert worden, und auch dieses Mal summt es lautlos oder leise in Kehle, Kopf und Brustkorb oder fast nur in Gedanken. Angesichts der vollständig verzeichneten Liedtexte kommt man sogar weit über die titelgebende Zeile hinaus, staunt manchmal, welcher Vers aus jenem Lied stammt oder wie viele Strophen es von diesem gibt. Die polnischen unter ihnen sorgen bei Ungeübten sofort für kleine Auffahrunfälle der Zunge und körperlose Fusseln im Mund, allein beim Versuch, eine Zeile ins gesprochene Wort zu murmeln. Doch auch hier dürfte Übung den Meister machen.

Textblatt am Liederweg

Nach dem Passieren eines Misthaufens, der ebenso hoch ist wie der jüngst bestiegene Berg, dazu noch frisch und äußerst deftig für die maiverwöhnte Nase, gibt es kurz nach einer kapitalen Eiche die erste Berührung mit dem Mühlenfließ, das auch heute in Bewegung ist und hier aufs passende Lied trifft – ich sage nur klipp-klapp. Eine kleine Schnelle, gebaut aus gerade noch wurffähigen Feldsteinen, sorgt für untermalendes Gurgeln.

Kirchhof in Zinndorf

Falls keine Weide abgezäunt ist, kann man gleich links abbiegen und das Bächlein ein Stück begleiten. Hinter einem nicht immer offenen Tor endet der Weg dann zwischen Hintergärten und Viehgattern und kommt gleich darauf an der Straße heraus. Von hier bis zur Tränke sind es jetzt nur noch ein paar Minuten. Trotz Reservierung sind wir hochgespannt, denn die letzte reguläre Einkehr ist drei Beiträge bzw. gut zwei Monate her.

Zinndorf

Doch alles klappt, alle geforderten Bedingungen sind erfüllt und das Essen schmeckt so gut, wie es das jedes Mal tat. Der Chef bedient heute selbst, was den besonderen Bedingungen des Jahres geschuldet ist. Durchaus besonders ist auch das erste von frischem Schaum gekrönte Kaltgetränk seit März.

Unterwegs nach Werder

Am Ortsausgang schickt ein betagter Traktor in dumpfem Prusten die Zündungen seines Einzylinders durch die Röhren, denen sich wie stets bei solchen Motoren gut folgen lässt. Anfangs bleibt unklar, ob es sich tatsächlich um eine Mobilie oder doch nur um das stationäre Triebwerk für einen Transmission-Riemen handelt, doch irgendwann bewegt sich der Ton und der dürre Oldtimer stakst auf hohen Beinen gen Dorfmitte, nunmehr mit erhöhtem Puls.

Weg von Zinndorf nach Werder

Entlang des gediegenen Weges von Zinndorf nach Werder hätte sich diesmal nicht der Ansatz eines Blumenstraußes pflücken lassen, denn Grün in zwei Dutzend Schattierungen ist einfach nicht bunt genug. Doch der Geburtstag der erwähnten Freundin liegt schon eine Woche zurück und wir können entspannt den tänzelnden Weg genießen, an dem inzwischen viele junge Bäume nachgepflanzt wurden, die einmal die Lücken zwischen den großen alten Kronen füllen werden. Voraus rückt bald die stämmige Kirche ins Bild, zu deren Füßen in der Form eines riesigen Wappens eine Lilie wächst – gepflanzt als Rabatte. Nicht ohne Grund, denn neben dem „Weg der Lieder“ läuft über größere Strecken auch der Lilien-Rundwanderweg mit, der unsere heutige Norderweiterung noch ein Stück begleiten wird.

Schattiger Weg nach Garzau

Werder

In der Mitte von Werder zählt ein dunkelrot leuchtender Schilderbaum eine ganze Latte schöner Worte auf, die links und rechts attraktive Ablenkungen versprechen. Doch wir bleiben geradeaus auf der Spur und treffen hinter der Bahn alte Bekannte wieder, darunter einen stämmigen Eichenbaum, seinerzeit ein schattiger Pausenplatz, an einem Tag mit dreißig Grad und umgeben von einem Meer aus gelbem Raps. Zwischen die satten Grüntöne mischt sich heute nur das Weiß der Kastanienkerzen und des Weißdorns, die gemeinsam eine neue Duftmischung beisteuern.

Garzau

Kirchhügel in Garzau

Rund um die Garzauer Kirche liegt die erste Rasenmahd, die ganze Dorfmitte ist erfüllt vom würzigen Duft, die mäherische Tüchtigkeit findet derweil in den Vorgärten ihre Fortsetzung. Schräg gegenüber geht es zum Gutshaus, das in letzter Zeit durch verschiedene private Hände ging und ganz gut in Schuss ist. Der zugehörige Schlosspark ist umzäunt, doch auch außerhalb lässt es sich schön durch den Wald flanieren.

Schmettausche Feldsteinpyramide

Die eigentliche Besonderheit im Orte, die ganz standesgemäß einen Superlativ hält, ist erst seit vergleichsweise kurzer Zeit wieder als solche zu bestaunen und befindet sich ein paar Minuten entfernt. Zu verdanken ist ihr heutiger Zustand einem rührigen Verein, der aus einem scheinbar strukturlosen Steinhaufen ein echtes Schmuckstück mit markanten Farbkonturen zauberte, das als größte Feldsteinpyramide im ganzen Land gilt und über verschiedenartige Innenräume verfügt.

Feldsteinpyramide überm Weinberg

Die Pyramide thront auf einem Hügel, an dessen Südflanke ein kleiner Weinberg angelegt wurde. Den jungen Rebstöcken haben die frostigen Kapriolen der letzten Wochen ziemlich mitgespielt und es bleibt zu hoffen, dass sie halbwegs heil davonkommen. Direkt davor erstreckt sich eine weite Wiese mit schöner Rastbank, auf der gerade eine hinreißende Tafel gedeckt ist, mit allem, was dazugehört.

Die kleine Gesellschaft drumherum ist bunt eingekleidet, die Kinder in ständiger Bewegung, und so erinnert das Bild ein wenig an ein Gemälde. Vom benachbarten Feuchtland kommen einige der gut gebauten Mücken herangeschwirrt, doch der Wind zerstreut sie, noch ehe sie in den heiteren Bildaufbau eingreifen könnten. Bestiegen werden kann die geländerlose Pyramide mit ihrer Aussichtskanzel übrigens nicht, zumindest so lange jemand guckt. Und irgendjemand guckt bestimmt immer. Doch das geht in Ordnung, denn mit Geländern sähe das trotz klarer Symmetrien leicht archaische Bauwerk irgendwie zu brav aus, könnten die Farbkonturen nicht so wirken, wie sie wirken sollen.

Südflanke der Feldsteinpyramide

Nach dem Verlassen des Pyramidenhügels zieht sich der Weg durch schattige Wälder verschiedener Gestalt im weiten Bogen rund um den Weinberg, der hier nur so heißt, wie er heißt, doch durchweg reblos ist. Vielleicht sollte er seinen Namen mit dem des Pyramidenhügels tauschen, ganz gütlich. Fern vom Ortsrand her kommt die ganze Zeit ein nerviges Maschinengenöle, das man gern einem gewissen Zweck zuordnen würde, um es entspannter zu ertragen. Nach zwanzig Minuten scheint die Arbeit getan, die gewonnene Ruhe ist regelrecht wohlig, wie kühle Salbe auf einem hartnäckigen Mückenstich. Am Ende des Waldes zeigt sich hinter weiten Wiesen eine stille Straße, die sofort den Wunsch an Fahrradfahren weckt und zwei Gedanken später Max Raabe ins Landschaftsbild montiert, natürlich passend gekleidet. Jenseits der Straße ist anhand allerlei Buschgewächs eine feuchte Senke zu erahnen, die selbst kaum sichtbar wird, so dicht ist der blühende Botanikgürtel.

Naturschutzgebiet Zimmersee

Ein zu sammelnder Weg lockt uns erfolgreich, wird immer schmaler, doch versiegt nie ganz. Zum verblassenden Försterpfad eingelaufen drückt er sich dicht am nassen Land vorbei und erlaubt ein paar zaghafte Einblicke in den sumpfigen Kern. Rund um die Pfadspur wurden winzige Bäumchen gepflanzt, denen dünne grüne Röhren im ersten Lebensabschnitt Schutz vor hungrigen Mäulern geben und trotzdem Licht durchlassen. Passend dazu steht weiter hinten ein junger Rehbock im klaren Kontrast vor dem Buschwerk, horcht erst, schaut dann und wittert schließlich, bevor er nach einer weiteren Gedenksekunde aus dem Stand einen Sprung hinlegt und in Sekundenfrist verschwunden ist.

Jüngster Nachwuchs am Zimmersee

Rehfelde-Siedlung

Bald sind größere Wege erreicht, kurz darauf der Rand von Rehfelde-Siedlung. Rehfelde, der Ort mit den vielen Abteilungen, der quasi von zwei Stationen der Regionalbahn bedient wird. Einer davon ist der S-Bahnhof Herrensee, der Ausflügler leicht aufs Glatteis führen könnte, denn er bezieht sich auf den Strausberger Ortsteil und weniger auf den ein ganzes Stück entfernten See selbst, der eher am S-Bahnhof Strausberg Hegermühle liegt. Herrensee hingegen ist noch einiges weiter von Strausberg weg und würde glatt als Rehfelder Ortsteil durchgehen. Und der Bahnhof Strausberg wiederum liegt am Rand von Strausberg Vorstadt, zwei S-Bahnhöfe oder siebzehn Straßenbahnminuten entfernt vom eigentlichen Strausberg. Also Obacht Ihr Ausflügler mit den Bahnhöfen rund um Strausberg!

Glasierte Baumscheibe am Lehrpfad, Rehfelde

Naturlehrpfad Rehfelde

Einige kläffende Hunde und laufende Heckenscheren später stoßen wir völlig unerwartet auf einen kleinen und feinen Ort, der allein schon die ausflüglerische Anreise nach Rehfelde rechtfertigen kann, insbesondere mit Kindern. In einem größeren Waldstück inmitten der Siedlung wurde ein zauberhafter kleiner Naturlehrpfad angelegt, der so gar nichts hat von Schlaubergerei und dozierendem Zeigefinger. Zwischen verschiedenen kleinen Plätzen und großen Findlingen, einem Rodelberg und einem Spielplatz ziehen sich nadelweiche Pfade durch den Wald, die Geradlinigkeit vermeiden, sich zwischen Baumstämmen hindurchwinden und von Walderdbeeren und Himbeergestrüpp begleitet werden.

Lehrpfad am Rand von Rehfelde

Zwölf Stationen gibt es entlang des Weges und im Eingangsbereich am Erlebnisplatz ein kleines Kunst- und Meisterwerk, erst seit Kurzem. Sinnenfreudig wurde hier eine mehr als metergroße Baumscheibe der 165 Jahre alten Franzosenfichte mit mehreren Schichten feinsten Bootslacks überzogen, der auch diverse breite Risse ausfüllt, wie fossilienaltes Harz. Zuvor wurden jedoch an den entsprechenden Baumringen beschriftete Pfeile eingearbeitet, die Zeitabstände auf gleichermaßen einfache und eindrucksvolle Weise anschaulich machen. Nicht zuletzt staunt man über den geringen Abstand vom letzten markierten Eintrag 1968 bis zum äußeren Rand, wo einst die Rinde ansetzte. Die zum Streicheln animierende Oberfläche dürfte allen Wettern für lange Zeit trotzen.

Lehrpfadspur zum Spielplatz

Nach dem Verlassen des Waldes läuft uns noch zwei weitere Male der verbale Rehfelder Fuchs über den Weg. Beim großen Kaufmannsladen öffnet sich kurz die willkommene Option auf einen heißen Kakao, doch leider kommen wir ein paar Minuten zu spät, die Maschine für die heißen Sachen ist schon kalt und erwartet blitzeblank den nahen Feierabend. Doch der Tag, er ist auch heute noch jung und ließe sich durch eine Stippvisite in Strausberg passend krönen. Mit der Bahn wären das entlang einiger der erwähnten Bahnhöfe gut eine halbe oder knapp eine ganze Stunde, mit dem Auto geht es etwas schneller. Das ist heute sehr willkommen.

Strausberg

Ein paar Dörfer später sitzen wir in Strausberg an der Stelle, wo sich Straßenbahn, Bus und Fähre am nächsten sind. Die Konditorei an der Ecke mit Fährblick schließt in zehn Minuten, doch erhalten wir auf alle zaghaften Anfragen ein herzhaftes Ja samt aller Zeit, die wir brauchen, begleitet von einem breiten Lächeln. Und sitzen kurz darauf bei Cappuccino, Kuchen und Kakao, während die Fähre ablegt zum stets leicht melancholisch klingenden Ort Jenseits des Sees. Eine Amsel malt die dazu passende Musik.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz (0,5 Std.) nach Rehfelde

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 1 (ca. 0,75-1 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen gut möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

be.bra verlag

Heimatstube Rehfelde

Deutsch-polnischer Liederweg

Lilien-Rundweg

Pyramide Garzau

Naturlehrpfad Rehfelde (PDF)

Einkehr: Gasthaus Zinndorf, Zinndorf
Zur alten Linde, Rehfelde (am Bahnhof)

Löwenberg: Obstnachwuchs, die Schienengabel und der Hufe Staub

Der Frühling ist ja jedes Jahr aufs Neue eine ganz besondere Zeit. In diesem Jahr ist er zudem eine ganz spezielle Zeit, in der vieles Selbstverständliche auf unbestimmte Dauer in Frage gestellt wird und das Wort Abstand eine übergeordnete Rolle spielt. Das Handeln aller entscheidet so über die Wiederkehr und den Grad gewohnter Umstände, und gelebte Solidarität kann ganz direkt auch eigenen Interessen dienen.

Uferweg über dem Kleinen Lankesee

Wem im ungeplanten Stillstand irgendwann doch die Decke auf den Kopf fällt, weil der letzte Staub gewischt, jede alte Zeitschrift ausgelesen und alles im Kleiderschrank gebügelt und sinnvoll abgelegt ist, und wenn dazu noch alle Wonnen des Frühlings ins Freie locken, gibt es einen gewissen Spielraum, der sich mit gutem Gewissen nutzen lässt. Mit den derzeit lose belegten Regionalzügen sind in weniger als einer Stunde viele Orte zu erreichen, wo ein Ausschwärmen ohne nennenswerten Kontakt zur eigenen Spezies möglich ist.

Junge Obstallee am Rand von Löwenberg

Wer befürchtet, im berlinnahen Umland und abseits einschlägiger und daher überfüllter touristischer Auslaufgebiete wie dem Briesetal oder rund um Strausberg auf Abwechslung verzichten zu müssen, darf gerne staunen – so zum Beispiel rund um Löwenberg, nur gute fünfzig Bahnminuten vom Berliner Ostkreuz. Gerade jetzt, im späteren April, muss hier weder auf blühende Obstbäume und tiefe Wälder noch auf Talgründe voller Buschwindröschen oder wildnisumrankte Waldseen verzichtet werden.

Obstallee nach Löwenberg

Der Frühling zeigt dieser Tage sein gesamtes Spektrum, präsentiert zwischen kalten Nächten und milden Tagen Eindrücke von Vorfrühling bis Frühsommer und wird dabei von dieser unwiderstehlichen Mischung aus kräftiger Sonne und kühlem Wind unterstützt. Alles, was in den Baumkronen oder darunter am Boden blühen kann, hat seine ganze Kraft in diese vielfältige Pracht gelegt, lockt zum detailbestaunenden Niederknien oder dem Spitzen der Zehen, um mit der Nase wenigstens die untersten Kirschblüten zu erreichen. Zudem scheinen gerade alle Vögel da zu sein, die man so kennt, und etwaige exotische Klänge lassen sich spielerisch mit Hilfe des mobilen Endgeräts ergründen.

In Sachen Gleis betrachtet liegt Löwenberg am dreifachen Scheideweg zwischen verlockenden Namen wie Zehdenick und Templin, Gransee und Fürstenberg oder Lindow, Rheinsberg und Neuruppin. Alles ziemlich große Kaliber, bei denen sich im Kopf sofort die Bilder öffnen und im Nu mögliche Ausflugstage künftiger Monate verplant scheinen. Wenn auch das beschauliche Löwenberg keine vergleichbar plakativen Pfunde vor sich herträgt, braucht es sich mit seiner Umgebung überhaupt nicht zu verstecken – was ich bis dahin selbst nicht wusste.

Breitschultrige Löwenberger Kirche

Neulöwenberg

Der alte Bahnhof nahe des Dorfkerns, wo der Bummelzug zu Zeiten von Tucholskys Clärchen und Wölfchen sicherlich noch hielt, ist seit Längerem stillgelegt. Vom Gabelungs-Bahnhof in Neulöwenberg ist es also ein Stück bis zur stämmigen Kirche mit ihren breiten Schultern. Wer bei blühenden Obstbäumen so gar nicht ins Schwärmen kommt, kann gleich vom Bahnhof den Zacken über Löwenberg gut abkürzen und landet nach einer guten Viertelstunde entlang der Bahn und einem schönen Alleestück direkt im ersten Wäldchen.

Karl-Marx-Platz in Löwenberg

Für alle anderen, nicht zuletzt auch als kleiner Ausgleich zur abgesagten Obstblüte der Kehlenfreuden rund um Werder, lohnt sich der Weg über Löwenberg in dieser Hinsicht ganz besonders. Hinter den letzten Häusern führt ein Feldweg hinüber zum Wald, dessen Rand bereits von großen, teils sehr alten Obstbäumen begleitet wird, darunter ein wirklich bemerkenswerter Wildapfel. Auch der schöne, niemals ganz gerade Alleeweg vom Waldrand nach Löwenberg hält einige alte Kirschbäume bereit, zudem schöne Weitsichten nach Süden.

Blick auf das Schloss der Kinder, Löwenberg

Löwenberg

Vorbei an etwas Gewerbegebiet und dem Bäcker ist es nicht weit bis zur Ortsmitte, wo unumstößlich die breite, doch geduckte Kirche steht, die aus der Ferne daher kaum auszumachen ist. Kurz hinter dem Karl-Marx-Platz beginnt ein hinreißender Schleichpfad, der in Sichtweite am Schloss vorbeiführt. Wo heute tagsüber die Kinder spielen, stand einst eine Wasserburg, deren Fundamente auch das heutige Schloss tragen.

Löwenberger Schleichweg

Nach dem Überqueren der B 96 folgt ein weiterer Verbindungspfad. Mit den ersten rosapludrigen Kirschbäumen im Rücken liegt kurz darauf der Ortsrand voraus. Der kündigt bereits hier die sanft geschwungene Landschaft an, die über den Tag einige reizvolle Höhenmeter ansammeln wird. Mehrfach gabelt sich der breite Weg, und hinter dem tieferliegenden Sportplatz öffnet sich die Weite. Der Weg wird schmaler, zugleich beginnt beidseitig eine Reihe junger Obstbäume, die fast alle ein paar erste Blüten in die Sonne halten.

Links der Wegspur sind die Bäumchen von einem heranwachsenden Heckengürtel umgeben, rechts stehen sie für sich und lassen den Blick frei auf einige Stall-Ruinen, die zwischen Blütenkronen hocken und aus der Ferne fast etwas mediterran wirken. Von Pflaumen über Kirschen bis hin zu Äpfeln und Birnen ist alles dabei, dementsprechend strahlen die Blüten mal grünlich weiß, mal mit einem Rosahauch oder eben Reinweiß. Selbst unter den kleineren Bäumen summiert sich schon ein kleiner, doch vernehmbarer Bienenlärm.

Stallruinen mit Blütenpracht

Am Ende der Baumreihe entsteht links eine größere Fläche mit Obstbäumen, bereit liegen große Haufen von Rindenmulch sowie wuchtige Holzbalken, stark wie Bahnschwellen – das macht neugierig, und der nächste Besuch sollte noch in Jahresfrist erfolgen. Kaum zu merken ist dabei der beständige Aufstieg auf die benachbarte Anhöhe der Wackerberge – vielleicht liegt hier der sagenumwobene Löwenberg. Ganz nebenbei wird der Weg jetzt gemütlich, und auf dem Gipfel warten ganz standesgemäß ein paar der Staanmanndl, wie man sie aus dem Hochgebirge kennt. Wir erhöhen jeweils um einen Kiesel.

Gipfelglück auf dem verkappten Löwenberg

Kurz hinab zum Wald, auch dort blüht es weiß am Eintritt in die gute Mischung aus dunklen Fichten und zartgrünen Wipfeln. Kurz darauf quert am schmollenden Schilderbaum der Wanderweg nach Neulöwenberg, die eingangs erwähnte Abkürzung. Die sonnenwarmen Nadeln durchströmen den Wald mit ihrem würzigen Duft, der Schatten sorgt zugleich für angenehme Kühle. Ein bunter Specht stärkt die klassische Geräuschkulisse und eine laute Hummel fliegt von links nach rechts. Zeit für die erste Pause, wie gehabt auf einem liegenden Baumstamm. Erstmals ohne heißen Tee, den Champagner des Waldes – das geht in Ordnung, im fortgeschrittenen April.

Eintritt in den Wald

Der Wald öffnet sich zu einer länglichen Wiesenlichtung, an deren Ende hin und wieder ein Zug durchs Bild saust – mal ein kleines blaues Heidekraut, mal ein langer roter Regionaler. Wider Erwarten führt der Weg nicht über die Bahn, sondern unter ihr hindurch, während sich links auf der hügeligen Wiese ein kleines Kieferngehölz mit gelbem Blütenteppich schmückt, der nach gelben Kamillenblümchen aussieht. Links hinten ist ein spitzer Turm zu sehen, welcher der Karte nach nicht zu einer Kirche gehört, sondern zur Weißen Villa. Hinter der Unterführung beginnt die nächste Obstallee, ebenso jung wie die von vorhin und ebenso bunt gemischt. Vorn an der Straße stehen dann einige erfahrene Verwandte, die schon richtiggehend Schatten spenden.

Kamillenversammlung am Kiefernfuß

Jenseits der Landstraße lässt sich mit Blick auf ein kleines Bachtal eine Fläche von Trockenrasen queren, der unter den Sohlen knirscht. Viele Stellen sehen aus wie die perfekt getarnten Nester der Feldlerchen, so dass wir extra vorsichtig gen Waldrand staksen. Im Sommer dürfte das hier eine illustre Blumenmischung sein, durchzogen vom Zirpen und Schwirren der verschiedensten Sechsbeinigen.

In einer kleinen Senke treffen wir auf erste Buschwindröschen, dahinter erinnert die Landschaft an einen weitläufigen Park. Mitverantwortlich ist der Grüneberger Graben, ein winziger Bachlauf, der im Oberlauf komplett trocken liegt, in Wiesengrund jedoch ein wenig Wasser führt. Auf platter Wiese folgt der Weg dem duftenden Waldrand und taucht bald ein. Weiter hinten ziehen zwei Kraniche ihre Kreise und haben bald ihren Platz gefunden.

Wiesengrund des Grüneberger Grabens

Da im Wald der Bachlauf trocken liegt, ist auch der begleitende Weg am Verblassen, gerade noch erkennbar. Das Verlassen des sicheren Hauptweges belohnt kurz darauf der Blick ins Detail, das bald größer und größer wird und für Herzensfreude sorgt. Über große Abschnitte ist der Talgrund bedeckt von weißen Anemonen, vereinzelt auch mit Waldsauerklee, dessen zarte Blüten mit ihren hauchdünnen Streifen wirklich hinreißend sind und irgendwie an Jugendstil denken lassen.

Da wir ohnehin am Boden rumkrauchen, finden sich auf Augenhöhe auch noch ein paar der selten anzutreffenden violetten Anemonen, die etwas so aussehen, als wenn Männer das erste Mal eine Waschmaschine mit überwiegend weißer Kleidung befüllt haben. So angefüttert bleiben wir auf dem verwitterten Weg am einstigen Bachgrund und verfolgen unterhalb jungen Buchenwaldes das kleine Spektakel über fast einen Kilometer. Es ist einfach herrlich. Und der ins Wasser gefallene Mittelgebirgsurlaub mit seinen reichen Blütengründen ein bisschen ausgeglichen.

Blütenpracht und Pollenschatten im trockenen Bachbett

Luisenhof

Ganz am Ende des Talgrundes finden zwei Wege zusammen und vergleichsweise normaler Wald übernimmt. Ein paar Minuten später öffnet sich nach links eine Hangweide, die nach Reh aussieht, jedoch für Pferde gedacht ist. Am Spielplatz des Luisenhofes zeigen benachbart zu einer dunklen Fichtenreihe alte Treckerreifen, wie sinnvoll und langlebig sie auch abseits des Ackers sein können.

Auf der Landstraße ist kaum was los. Drüben stehen in einsachtzig Abstand eine Radfahrerin und ein Autofahrer und werfen sich im Plauderton und mit gekniffenen Gegenlichtaugen die thematischen Wortgruppen hin und her, die wohl dieser Wochen zwischen den meisten Menschen ausgetauscht werden, ganz unabhängig von inneren und äußeren Merkmalen. Auch der Abstand dürfte jeweils ähnlich sein.

Der Große Lankesee bei Liebenberg

Weitaus interessanter als der Sichtkontakt zur eigenen Art ist der zum ansehnlich dahinter liegenden Wasser. Einige Meter tiefer schmiegt sich der Große Lankesee in die Landschaft, eine bewaldete Halbinsel ragt weit hinein, bis fast zu seiner Mitte. Von einer der zahlreichen Uferstellen, die sich für eine Pause oder mehr anbieten, fällt jenseits markanter Sandbänke der mondäne Hügel mit dem Seehaus in den Blick, von dem ein hübscher Pfad zum Gut Liebenberg mit seinem Schloss führt und dabei den Weißen See streift. Wem bei Liebenberg nicht als erstes der Weihnachtsmarkt einfällt, kann sich für den Dezember schon mal eine wohlwollende Notiz im Kalender machen – falls dann derlei Veranstaltungen mit gemütlichem Gedrängel wieder statthaft sind.

Uferweg am Großen Lankesee

Ein schöner Uferweg nimmt seinen Lauf, links vom kleinen Hang leuchten ein paar gelbe Anemonen herüber, und mitten auf dem See starten gerade spektakulär zwei Schwäne, mit allem Tumult, der dazu gehört. Die kleinen Wellen erreichen mit zartem Brandungsgeplätscher die Uferkante. Beim Eintritt in den Wald ändert sich der Charakter des Weges, bestimmt von manchem dichten Nadelgehölz. Ein Schilderbaum mitten im ansteigenden Wald verlangt Entscheidungen, die Tageskondition entscheidet für den Mittelweg, der in diesem Fall nach rechts führt, hin zum trockenliegenden Bruchwald des Moddersees. Abseits des Weges sprießt selbstbewusst saftig grünes Gras zwischen den Stämmen, oben in den Wipfeln jagen sich zeternd zwei Eichelhäher und im Schilfgürtel des Moddersees raschelt es.

Trockener Bruchwald am Moddersee

Zwischen breiten Eichen nimmt der Weg eine weite Kehre, die bei einem hüfthohen Gedenkstein endet. Von rechts blinzeln die silbernen Wellen des Papensees durch die Stämme. Der kleine Waldsee liegt unter einem Hang mit Fichtenwald, was insgesamt für eine schöne Stimmung sorgt. Von vorne kommen zwei weit ausschreitende Damen mit einem Hund. Eine der Damen spricht sehr laut über sie selbst Betreffendes, der Hund im Gegenzug verhält sich um so stiller. Doch der Ausgleich gelingt nicht, wir ziehen daher das nächste Abbiegen im Sinne schweigenden Waldes leicht vor und heben das vorausliegende Seeluch für den nächsten Besuch auf.

Gedenkstein nahe des Papensees

Zur Belohnung dürfen wir erleben, wie fünf Dutzend Rehe einen Steinwurf vor uns quer über den Weg jagen und dabei so viel Staub aufwirbeln, dass die Schwaden noch auf Gesichtshöhe verweilen, als wir die Stelle passieren. Es duftet nach aufgewühlter Erde. Noch zweimal sehen wir sie weiter hinten im Wald, und jedes Mal scheinen es ein paar mehr zu sein. Kurz darauf sind alle wie vom Erdboden verschluckt.

Hinter der nächsten Kurve liegt glänzend der Spiegel des Kleinen Lankesees, der im Vergleich zu seinem großen Pendant mitten im Wald liegt und etwas Wildnis ausstrahlt. Zunächst begleitet ein Pfad die Uferlinie, weicht bald als breiterer Weg einem Hügel aus und führt oberhalb einer schilfigen Bucht zu einer Reihe von Birken, die mit ihrem ersten Laub und dem zarten Gras am Boden für luftiges Licht sorgen.

Birkenlicht am Kleinen Lankesee

Bald übernimmt wieder tiefer Fichtenwald, der Weg steigt an und die Flanke zur Linken fällt erstaunlich steil ab. Ein Stück Weges ist samt Schilderbaum umzäunt, doch links kommt man auf einem Tierpfad vorbei. Hier nun beginnt so ein Wald, der perfekt ist fürs Versteckspiel – hohe Kiefernstämme, die auf einem welligen Teppich aus weichem Gras, Moos und Nadelboden stehen. Hier und da liegen Ansammlungen von Kienäppeln, die bei diesem Spiel durchaus verräterisch sein können. Mitten hindurch spurt im leichten Auf und Ab ein Grasweg, der eine sanfte Kurve an die nächste reiht und am liebsten nie aufhören soll. Das Licht ist diffus, der Boden unterm Fuß weich und ein Duft von Gras und Kien zieht mittendurch.

Vom Ende der kurvigen Linie ist es nicht weit zum Waldrand, dem sich mit freiem Blick bis zur kleinen Kapelle am Friedhof folgen lässt. Von hier aus sind vielleicht schon die neugierigen Köpfe von Straußenvögeln zu entdecken, die am Ortsrand ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Mit dem markanten Wasserturm ist das Ziel im Blick. Das ist keinesweges selbstverständlich, denn dass dieses hübsche Relikt aus der Zeit der Dampflokomotiven noch steht, ist nur einem jungen Bahner zu verdanken.

Wiesiger Kiefernwald bei Neulöwenberg

Übrigens: 1912 wurde der Turm fertiggestellt, und im selben Jahr tat Kurt Tucholsky den Schritt vom Journalisten zum Schriftsteller und veröffentlichte sein Büchlein „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“. Das verkaufte er, gemeinsam mit seinem Illustrator Szafranski, selbst in einer „Bücherbar“ auf dem Kurfürstendamm, unter Zuhilfenahme von Spirituosen – allerdings nur als Jux und nur für einige Wochen. Bedenkt man nun den zeitlichen Weg vom ersten Gedanken eines Autors bis zum gedruckten Buch, dürften Clärchen und Wölfchen diesem Turm wohl nicht begegnet sein. Und doch erinnert er irgendwie an sie, bis heute.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn ab Berlin-Ostkreuz (ca. 0,75-1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 96 (ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 19,5 km (ohne Löwenberg 14,5 km)


Download der Wegpunkte
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Links:

Ein Mann mit Wasserturm (MOZ-Artikel)

Einkehr: Straußenfarm Neulöwenberg
Zu den drei Linden, Löwenberg
Ralles Brutzelbude (Imbiss), Löwenberg
etwas abseits: Zu den drei Linden, Grüneberg

Eberswalde: Mauerfährten, Treppenhöhen und das Holz im Sinne

Der Winter hat so vor sich hingedümpelt, als wüsste er nicht recht wohin mit sich. Hier mal so was wie Kälte ausprobiert, da etwas schnellen und launischen Wind, doch alles wenig motiviert. Bei so viel Unentschlossenheit hat die Natur dann eine Entscheidung getroffen und auf Vorfrühlingsmodus umgeschaltet – im Wissen, dass es sicherlich nochmal kurz kalt wird. In den Vorgärten und auch mitten im Wald tummeln sich bunt, doch bienenlos all die üblichen Verdächtigen wie Schneeglöckchen, Krokusse und sogar vereinzelte Märzenbecher. Die gelb leuchtenden Winterlinge hingegen sind schon wieder Schnee von gestern und haben sich nur zu einer knappen Saison um den Wechsel vom Januar zum Februar bitten lassen.

Schillertreppe über Eberswalde

Während nur Kenner wissen werden, ob da noch die Wintermeise oder schon die des Frühlings zu hören ist, setzt die allererste Lerche hoch überm Feld einen mehr als eindeutigen Akzent. Muss alles nichts heißen, doch selbst wenn der Winter sich endlich zu einer kurzen oder längeren Vorstellung entschließen will, sollte er nunmehr auf keine Art von rotem Teppich hoffen. Das goldene Abendlicht über schneelosen Landschaften jedenfalls weckt an den schönsten der Tage den innigen Wunsch, die Zeit für eine Weile anzuhalten.

Der Großteil dieses Februars jedoch gibt sich durchwachsen, graubetont und luftbewegt. Wer also nicht zu sehr von den Elementen herumgescheucht werden möchte, sucht sich für längere Aufenthalte im Freien am besten hochgewachsenen Wald oder ein eingeschnittenes Tal und packt dazu noch ein Stück sehenswerter Siedlung.

Kurz vor dem Schwärzetal

Eberswalde

Eberswalde wird bei gaumenfreudigen Leuten mit gewissen regionalen Kenntnissen die geschmacklich kontrastierenden Bilder von Würstchen und Spritzkuchen aufploppen lassen. Ob dieser nun tatsächlich in Eberswalde das Licht der Konditorenwelt erblickte, sei dahingestellt. Sicher ist jedoch, dass man hier im Ort fast schon zwei Jahrhunderte Erfahrung mit diesem speziellen Fall der kleinen Sünde hat.

Hinterlässt so ein aufgekreppter Rundling in den meisten Fällen fettige Finger sowie ein schweres Gefühl im Magen, gelingt es den hiesigen Ölgebadeten, äußerlich staubtrocken und dennoch saftig, formschön und geschmacklich charaktervoll zu sein. Zudem stellt der durchschnittliche Magen nach dem Genuss auch keine schwerwiegenden Quittungen aus. Hinterher spricht also nichts gegen ein oder zwei Eberswalder Würstchen – zum Neutralisieren.

Zahme Wildnis im Schwärzetal

Wer die Stadt nur von einer Stippvisite, vom Besuch des Zoos oder Forstbotanischen Gartens oder einfach vom langgezogenen Durchfahren kennt, dem werden dennoch die markanten Oberleitungen im Gedächtnis geblieben sein, in denen aus heutiger Sichtweise jüngere Vergangenheit und nahe Zukunft zum herzlichen Handschlag ausholen. Die beiden O-Bus-Linien ziehen sich durch den größten Teil des weitläufigen Stadtgebiets. Das schlichte und geniale Prinzip ist bis heute faszinierend.

Tor zum Forstbotanischen Garten

Wer hingegen schon öfter hier war und meint, Eberswalde halbwegs zu kennen, für den ist meist dennoch einiges übrig, das sich entdecken lässt. Denn die kleine Stadt am Finowkanal ist, abgesehen von ihrer einladenden Umgebung, vielseitig und dabei naturräumlich noch schöner gelegen, als man auf den ersten Blick schon zu erkennen glaubte. Um das zu überprüfen, stehen neben dem knapp einstündigen Stadtrundgang zwei Stadtrundwege bereit, die bestens ausgeschildert sind und wahlweise zwei bis drei Stunden oder das Doppelte davon füllen.

Alpenexkurs im Forstbotanischen Garten

Während die Langversion beherzt ins Umland ausschwärmt, beschränkt sich die kurze auf das Gebiet zwischen Marktplatz und Zoo. Und lässt dabei keine Wünsche offen – die Route wurde mit Ortskenntnis und wegebauerischem Geschick konzipiert und trägt ihr Herz am rechten Fleck. Trotz der überschaubaren Länge liegen viel Natur, verschiedenste Landschaften sowie viel Sehenswertes am Weg. Die Tour hier zeigt nur geringfügige Abweichungen vom Kleinen Stadtrundweg, welche der Neugier auf möglichst viele Gesichtszüge der Stadt geschuldet sind.

Am schönsten beginnen lässt es sich am Markt oder der benachbarten Stadtschleuse, sodass sich vom Bahnhof eine Fahrt mit dem Oberleitungs-Bus geradezu anbietet. An anderer Stelle wurde schon ausgiebig vom Zauber des beschaulichen Finow-Kanals berichtet, der sich direkt an der Schleuse überqueren lässt – wenn man zu Fuß unterwegs ist. Wer von dort nicht auf dem kürzesten Weg zum Marktplatz streben möchte, kann optional der Mauerstraße folgen und sich ein wenig durch die Gassen treiben lassen, die es hier in schöner Ausprägung gibt.

Winterabends am Finowkanal

Passend diesen gab es einmal eine Stadtmauer, die jedoch vor fast genau zweihundert Jahren abgetragen wurde – auf Anweisung der Stadtverwaltung. Ob es einen Zusammenhang mit dem Beginn der Spritzkuchen-Epoche gibt, wäre noch herauszufinden. Hier und dort meint man das alte Gemäuer wahrhaftig zu spüren, von dem sich mit etwas Instinkt und gutem Willen ein paar übersehene Meter finden lassen. Um deren Wohlbefinden kümmert sich derzeit vor allem ein immergrünes Beeren-Gebüsch, das auch und gerade in der kalten Jahreszeit vor den Launen des Wetters schützt und zudem den winterharten Vögeln eine Notnahrung bereithält.

Gassen in der Innenstadt, Eberswalde

Die leicht gekrümmten Gassen sind ansehnlich und leicht verspielt gepflastert. Begleitet werden Sie von klassisch geformten Laternen und verschiedenartigen Häusern und geben damit dem Stadtspazeur ein schönes Bild ab. Das gilt auch für den Marktplatz, der von einigen altehrwürdigen Fassaden ebenso eingerahmt wird wie von dem modernen Ensemble des Paul-Wunderlich-Hauses, das mit seinem Hof fast ein kleines eigenes Viertel aufspannt. Auf dem großen Marktplatz lassen sich bestens Märkte aller Art und Färbung abhalten, was besonders auch für die jüngst vergangene Weihnachtszeit gilt. Auf der Ecke zur Kirche hin bietet sich eine der besten Gelegenheiten für eine zünftige Spritzkuchen-Verkostung.

Kirchvorplatz in Eberswalde

Mit behütendem Auge über den Markt liegt hinter einem verspielten Wiesenhang die Kirche, umgeben von historischen Fassaden, und am Ende der Kirchstraße lässt sich das erwähnte Stückchen Mauer aufspüren. Gleich daneben steht an einem kleinen Platz einer von diesen gelungenen Wegweisern, der nun mit dem Begriff Drachenkopf die Neugier weckt – und Assoziationen zu ähnlich klingenden Namen in verschiedenen Mittelgebirgsregionen.

Stadtmauer Eberswalde

Diese werden noch verstärkt durch die weit hinten erahnbare Goethetreppe, die in imposanten Abteilungen eine ganze Reihe märkischer Höhenmeter überwindet und mit ihren breiten Aussichtsbänken auf halber Höhe an ein zurückhaltendes Kurviertel denken lässt, wie man es vielleicht von Bad Freienwalde kennt. Prägend für diesen Eindruck ist ganz oben auch die eindrucksvolle Villa mit ihren Spitztürmen und Terrassengängen, die Kraft ihrer Patina auch irgendwo im Böhmischen oder als Dracula-Schloss in den Karpaten stehen könnte.

Goethetreppe Eberswalde

Drachenkopf

Ist ihre Höhe erklommen, lohnen die paar Schritte links hinauf zur Aussichtsplattform. Alles zusammen lässt durchaus einen Gedanken an den nördlichen Harzrand aufblitzen, vor dem sich weit das Vorland ausstreckt. Gleich zu Füßen liegen die Goethestraße und die Innenstadt mit dem markanten Kirchturm, weiter hinten lassen sich jenseits der Kanäle die Wälder rund um Chorin erahnen, welche die diesige Sicht des heutigen Tages im Ungewissen lässt. Unbeeindruckt davon wirft auf dem großzügigen Rondell oberhalb der Treppe ein schwer berechenbarer Drache seinen Kopf in den Nacken und stößt mit halb geschlossenen Augen einen lautlosen, urtümlichen Schrei aus.

Drachenkopf Eberswalde

Angesichts der Anhöhe, der voller Geschichten steckenden Villa und des bis zum Hals versunkenen Ungetüms ist zu vermuten, dass sich um den Namen Drachenkopf manche erzählenswerte Schnurre rankt. Gewiss hingegen ist, dass sich in den zahlreichen Gebäuden hier oben alles um Menschen im letzten oder allerletzten Lebensabschnitt dreht. Dementsprechend hoffnungsfroh liegt gleich gegenüber die Kita mit dem schönen altmodischen Namen Sputnik – sicherlich gibt es zwischen beiden regen Austausch, fußend auf bewährten Erfahrungen.

Im Stadtwald

Ein Schleichweg lässt hindurch zur Hardenbergstraße, die so kurz ausfällt, dass der Namenspate sicherlich eine ausgeprägte aristokratische Schippe ziehen würde, wenn er noch am Leben wäre. Gleich an ihrem Ende steigt ein kleiner steiler Pfad noch etwas höher und leitet nun den waldreichen Abschnitt entlang Eberswaldes hoher Kante ein, umspielt von krummen Pfaden und ein paar abgelatschten Stufen.

Ein paar Schritte später lässt sich vom oberen Rand der Schillertreppe noch ein zweiter Blick auf die Stadt werfen. Fast am selben Ort hat sich zwischen die ganzen Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts ein Herr Luther verirrt, der einer alten Eiche seinen Namen leiht. Gemeinsam mit der mondänen Schillertreppe und dem noch recht jungen Wunderkreis, einem gepflasterten Labyrinth nach alten Vorlagen, gestaltet diese eine schöne und besondere Parkanlage.

Am Waldcampus, Eberswalde

Gleich gegenüber taucht der Stadtrundweg nun in lichten Laubwald ein, dessen Boden sich in sanften Wellen gebärdet. Vom hiesigen Schulwald fällt vor allem ein Barfuß- und Geschicklichkeitspfad ins Auge, jetzt in der Jahreszeit, wo fast alles hier nur ein bis zwei Farbtönen entstammt. Angenehm ergänzend begleitet ein goldbrauner Laubteppich die Schritte bis zum dritten Aussichtspunkt, der einen eigenen Bergnamen bekommen hat. Dutzende Pfade durchziehen den offenen Wald und versuchen vom Wege abzulenken, doch die Markierung ist verlässlich.

Auf dem Stadtrundweg

Waldcampus

Ein kurzes Verlassen führt uns zur Ministadt rund um den gemütlichen Campus des Instituts für Waldökosysteme, und auch hier treffen sich Altes und Modernes in gelungener Weise, selbstredend stark holzbetont. Dass Eberswalde nicht nur durch seinen Forstbotanischen Garten mit dem Thema Wald zu verknüpfen ist, wird spätestens an diesem Ort klar. In der campuseigenen Kita wird gerade fleißig gebastelt, aus der Mensaküche tönt das Klirren von Geschirr und erweckt den Magen zu einem leichten Knurren. Da kommt die wohnliche Bushaltestelle gerade recht für eine Pause.

Waldweg am Versuchsgarten

Die Gebäude rund um die Haltestelle lassen an die geniale Sendereihe Geheimnisvolle Orte denken. Davor stehen einige sehr spezielle Nadelbäume, an deren Ästen winzige Zapfen hängen. Auf der Ecke steht als wuchtige Skulptur und von armesdicken Edelstahlrohren gestützt der aufgestellte Fuß eines Baumes, der zu olle Hardenbergs Zeiten schon zwei Personen zum Umfassen des Stammes gebraucht hätte.

Wie als Kommentierung des Themas führt der nächste Wegabschnitt nun durch verschiedenste Arten von Forst, zunächst vorbei an betagten Douglasien, dann an kleinen Fichtenwäldchen, jenseits der Landstraße auch an einem Versuchsgarten mit verschiedenen Beeten. Der Waldboden ist gut getränkt von den letzten Tagen.

Im Schwärzetal

Schwärzetal

Noch einmal recken sich einige alte Douglasien, bevor der Weg nun unvermittelt hinabsteigt ins idyllische Tal der Schwärze. Die hat keine zwei Kilometer flussaufwärts das Nonnenfließ unter den Arm genommen und bahnt sich nun bogenreich ihren Lauf durch den breiten, morastigen Talgrund. Die breiten Uferflächen sind vom Wild zerlatscht wie ein mittelalterlicher Marktplatz oder die Wiesen von Wacken nach verregneten Festivaltagen.

Lehmhütte im Schwärzetal

Pittoresk-rumplige Stege locken über das glasklare Wasser ans andere Ufer, und auch der Kleine Stadtrundweg hat dort die Herthaquelle ins Visier genommen und umrundet nachfolgend das Gelände des beliebten Zoos. Doch wir sind angefüttert durch das naturnahe Antlitz des Schwärzetals und bleiben dem Bach treu. Vieles liegt quer und zeugt von windigen Tagen sowie dem Prinzip des Liegenlassens. Aus querliegendem Waldkram scheint auch die kleine Informationshütte gebaut. Die besteht zum Großteil aus Lehm, und es ist gut zu erkennen, wie er verbaut wurde.

Zainhammer Mühle

Zainhammer Mühle

Immer uriger wird es, zugleich geht der Bach in die Breite, nimmt sich seinen Platz. Voraus gibt sich ein Buchfink erfolgreich als Laubblatt am Zweig aus, stellt die mitgeführten Brillen infrage und macht also seinem Namen alle Ehre. Währenddessen kommt der Bach nun ins Mäandern, bevor er sich im Zainhammer See so richtig breit machen darf und dort zur besten Ententreffe avanciert. Der kurze Abstecher zur Zainhammer Mühle lohnt nicht nur wegen des Seeblickes und des kleinen Wassersturzes, sondern auch der schönen Rastbank wegen, die es sich zwischen den leuchtend blauen Türen bequem gemacht hat und das gerne weitergibt.

Spazierweg am Forstbotanischen Garten

Noch immer begleitet der Weg im Groben den Bachlauf, obwohl das Wasser die meiste Zeit nicht zu sehen ist. Nach einem kurzen Stück ruhiger Straße beginnt links ein großzügiger Fuß- und Radweg, der rege benutzt wird. Das geht auch nachts, denn Laternen begleiten seine gerade Linie. Bald leuchtet links als knallig roter Farbakzent das Tor zum Forstbotanischen Garten. Dessen Gelände ist leicht hügelig und eigentlich einen eigenen Tagesausflug wert, und so drehen wir nur einen kurzen Schlenker, finden uns kurz in den Alpen wieder und gewinnen einen ersten Eindruck, der selbst im diesigen Grau eine Verlockung hinterlässt. Weiter unten bahnt sich die Schwärze ruhig ihren Weg.

Im Forstbotanischen Garten

Wieder versuchen einige Pfade, vom rechten Wege abzulenken, doch wir folgen dem breiten Knirschweg, bis bei der Oberförsterei und dem Waldsolarheim ein letztes Mal die Waldthematik aufgerufen wird. Hier übernimmt nun die Brunnenstraße, die mit edlen Villen und riesigen Gärten wiederum an die Kurthematik anknüpft. Beides vereinend und noch das Thema Stadtgrün hinzufügend taucht die gerade Linie des Weges in den zauberhaften Park am Weidendamm ein, der länglich den Wassern der Schwärze folgt und diese in spielerischer Weise aufgreift.

Park am Weidendamm

Der Park ist gut genutzt von alten Altersklassen und wirkt doch an keiner Stelle überfüllt. Es kann gespielt, gekneippt oder geklettert werden, wahlweise auch ganz klassisch spaziert oder nur so auf der Bank gesessen. Und natürlich – auch hier gibt es respektable alte Bäume, die am Ufer des Teiches sogar so eine Art stehende Tanzperformance für die Ewigkeit aufführen.

Schnelle am Weidendamm, Eberswalde

Die zentraler gelegene Ententreffe liegt direkt vor den Schnellen an der Brücke beim Weidendamm, und damit das Tagesthema nicht vergessen liegt, liegen am anderen Ufer die Alte und Neue Forstakademie. Wer die urbanen Enten gründlich studieren möchte, kann das übrigens gut vom kleinen Bistro aus tun.

Stadtpromenade am Finowkanal

Ein paar Schlenker schaffen die erste, kurze Berührung mit nennenswertem Verkehr, bevor die letzten Schritte nun dem schönen Finow-Kanal gewidmet sind. Zu beiden Seiten laden Treidelwege zum genießerischen Schlurfen ein, am Ufer gibt es Bänke und breite Stegterrassen, um sich vom Schlurfen zu erholen. Bevor man schließlich wieder richtig in der bewegten Welt mit ihren hastigen Leuten, Ampeln und Fahrzeugen auftaucht, weckt die breite Strandpromenade am anderen Ufer nun erstmals Vorfreude auf ganz andere Jahreszeiten – solche mit kurzen Ärmeln, kurzen Schatten und eisgefüllten Waffeln.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): ab Berlin-Ostkreuz Regionalbahn nach Eberswalde, dann Bus ins Zentrum (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Bernau und Biesenthal; Landstraße über Ahrensfelde und Tiefensee; Autobahn (jeweils ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: 11 km (Abkürzungen sehr gut möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus Eberswalde

Artikel über Eberswalde

Broschüre mit Stadtrundwegen (S. 28)

Paul-Wunderlich-Haus am Markt

Wunderkreis an der Schillertreppe

Waldcampus Eberswalde

Zainhammer Mühle

Forstbotanischer Garten Eberswalde

Einkehr: Café Gustav am Markt
Zum Weidendamm, Eberswalde
zahlreiche gastronomische Angebote im Ortsgebiet

Kunsterspring: Leuchtende Moose, Hubertus am Grill und das enge Tor ins Erdreich

Zweitausendzwanzig – das hat wahrhaftig Klang, und als 2020 hat es auch noch ein schönes Gesicht von Ebenmaß und Ausgewogenheit, wie es im laufenden Jahrhundert bisher selten war. Ohne großen Paukenschlag hat das Jahr von 2019 den großen Schlüsselbund übernommen und erstmal einfach weitergemacht, ohne sich kapriziös zu inszenieren. Dafür werden mit Sicherheit und auch ausreichend andere Kanäle sorgen.

Die Kunster nahe der Blockhütte

Wer sich nun die Entspanntheit genehmigt, bereits jetzt von den Zwanziger Jahren zu reden, lässt in vielen Köpfen Bilder und Stimmungen aufgehen, die ja jüngst selbst bei Leuten gezündet wurden, die mit dem Thema noch nie in Berührung kamen. Zu verdanken ist das einer aufwändig produzierten Fernsehserie aus der erfahrenen Babelsberger Schmiede, zu deren dritter Staffel im vergangenen Mai die letzte Klappe fiel und die noch in diesem Monat anlaufen wird – zunächst exklusiv im Bezahlfernsehen.

Steg über die junge Kunster

Davon abgesehen sieht das Jahr also erstmal recht unaufgeregt aus, was auch für den Winter gilt, der eher mit nassen Lappen um sich schlägt als mit prall gefüllten Federkissen. Immerhin gab es ein paar Frostnächte, doch ansonsten hat man stellenweise eher das Gefühl von Vorfrühling. Auch die Vögel lassen manchen Meisenknödel kalt lächelnd und unbewegt links hängen, ist doch noch oder schon einiges Gewürme und Gekrabbel unterwegs. Erste Schneeglöckchen bieten zaghaft ihre blassgrünen Laubstängel zur Kenntnisnahme an.

Nach zumeist nassen Januar-Tagen bringt sich nun die Sonne wieder ins Spiel, erstmal hier und da, dann einen halben und bald schon einen ganzen Tag, dabei stets im Spiel mit Wolken von vielerlei Gestalt. Das blasse und zugleich klare Licht des Januars ist stets ein ganz besonderes, da es ohne große Konkurrenz knalliger Farben und Effekte ganz für sich wirken kann und die meisten Menschen direkt ins kälte- und dunkelheitsgeplagte Herz trifft. Gut genießen kann man das in großer, himmeloffener Weite, doch genießerischer noch lässt es sich im Wald auskosten, wo jede Wolke, jeder Stamm und jede Windbewegung für kleine Extra-Vorstellungen sorgen, in kurzer Taktfrequenz.

Moosweg im Walde

Im Januar, wenn vielerorts Saure-Gurken-Zeit ist, die Gasthäuser Urlaub haben und viele Leute lieber lauschig warme Thermen oder andere Wohlfühl-Rahmen aufsuchen, ist die beste Zeit, um publikumsstarke Touristenziele aufzusuchen und sie vielleicht mit nur wenigen teilen zu müssen. Eins davon, eher regional beliebt und sonst nicht allzu sehr bekannt, ist Kunsterspring, wo sich eine elegante Kombination findet.

Möchte man mit den Kindern einen schönen Tag im Freien verbringen, mit Tieren, Wasser und Spielplatz und einem gut aushandelbaren Anteil an Spaziergang, dann lässt sich das in Kunsterspring gut umsetzen. Der genannte Anteil wiederum ist in Verbindung mit der benachbarten Gaststätte Eichkater nahezu perfekt geeignet, wenn man einen geschätzten Menschen mit eher abweichenden Interessen für das Draußensein unterm Brandenburger Himmel begeistern möchte. Vielleicht die Patentocher oder auch die Patentante, vielleicht den sofageübten Lebenspartner oder die jüngste Bekanntschaft, der man zeigen möchte, wo man glücklich ist, wo man sich kennt.

Blick über den Tornowsee

Der kleine Tierpark mitten im Wald hat viel Seele, ist wunderschön gelegen und eigentlich für sich allein schon völlig ausreichend als Ziel für einen Ausflug. Angenehme Ergänzungen sind die erwähnte Gaststätte, doch auch die Fischerei schräg gegenüber. Hier gibt es kostenlos den Duft von Räucherofen, für etwas Geld auch Fisch für später oder Fischbrötchen für gleich. Reinbeißen lässt sich gleich auf der Terrasse mit Blick auf die Kunster, die an dieser Stelle einen länglichen Waldweiher aufspannt. Bis vor gut hundert Jahren stand in Kunsterspring noch eine Mühle, die zuvor hundert Jahre allerlei Dienste verrichtet hatte. Heute gibt es hier eine Waldarbeitsschule mit zahlreichen hübschen Gebäuden. Der zuständige Bus verkehrt leider nur an den Schultagen.

Die kurze Passage entlang des wohlgelaunten kleinen Baches zählt zum schönsten, was sich in dieser Kategorie innerhalb der Grenzen Brandenburgs finden lässt. Nicht weit von hier gibt es nördlich der Boltenmühle noch den Binenbach, wo das Vergnügen vom Relief her noch ausgeprägter, dafür jedoch nur halb so lang ist. Auch die Gegend um Biesenthal spielt in dieser Liga mit, natürlich das unvergleichliche Schlaubetal oder die Märkische Schweiz.

Lebensbäume am Uferweg, Tornowsee

Doch die Kunster hat neben der Verspieltheit ihres Laufes und des umgebenden Reliefs, der Waldvielfalt und dem schilfbreiten Tal im Unterlauf noch eine weitere Besonderheit, die in dieser Ausprägung wirklich selten anzutreffen ist: sie wird begleitet von einer großen Zahl von Quellen. Und diese Quellen sind von Anfang an sehr freigiebig – nicht, dass den ausgedehnten und vermatschten Quelltöpfen hier und da ein Tröpfchen entsickert und sich die Rinnsale dann irgendwann zu etwas erkennbar Fließendem vereinigen, hier legt bereits nach wenigen Fließmetern ein Bächlein los, dessen Vorwärtsdrang zu sehen und zu hören ist und dessen Wasser sich an vielen Stellen gleich eine Stufe tiefer stürzt, bevor es der Kunster zuströmt.

Im unteren Kunstertal

Wer diese Passage nicht zu ersten Mal geht, das schon einmal gesehen und erlebt hat, wird ein paar Jahre später wieder von Neuem ins Staunen geraten, so zauberhaft und mannigfaltig ist dieser Bachlauf. Als besonderen Luxus gibt es schöne Waldwege auf beiden Seiten des Tales, so dass niemand denselben Weg zurückgehen muss. Auf halber Strecke steht eine für die Ewigkeit gebaute offene Blockhütte bereit, die Lee-Seiten zu allen vier Himmelsrichtungen anbietet. Übers Wasser führt an dieser Stelle ein uriger und tiefliegender Steg, dem man es sogar verzeihen würde, wenn er nicht benutzbar wäre. Wenn er alleine als Augenschmaus in der romantischen Kulisse fungieren sollte.

Am Kunsterweiher hinter der Fischerei Kunsterspring

Kunsterspring

Manchmal ist auch im Januar noch Jagdsaison, und so sind im Wald die letzten Kilometer vor dem Tierpark gesäumt von endlosen Wäscheleinen, auf denen alle zwei Meter ein helles Tuch hängt. Schilder und Personal in Neonfarben weisen darauf hin, dass sich die Tour problematisch gestalten könnte, denn die zweite Hälfte der Runde soll mitten hindurch gehen durch das Jagdgebiet. Naja, das sind Probleme von später und dann vor Ort zu lösen.

Klares und Diffuses

Im Tierpark ist schon gut Betrieb, der Parkplatz halb gefüllt und überall sieht man gestiefelte, bunte Kinder tollen. Zwei Esel schicken einen vokalen Gruß an die Sonne, die Wölfe hingegen halten sich bedeckt und die häuslichen Enten auf der Kunster werden langsam wach. Hier im Wald ist es etwas kühler als draußen, die Baumstämme sind dunkel vom jüngst durchgezogenen Regen, der Waldboden gut getränkt und die Moospolster fast schon knallig grün. Die Dame vom Tierpark huscht kurz rüber zur Fischerei und holt sich was für die Pause, und wir hängen uns gleich dran. Mit einem frischen Fischbrötchen am Wickel den ersten Blick über die flach dahinplätschernde Kunster schicken und dabei den Duft des Räucherholzes inhalieren, das ist doch ein passabler Tagesbeginn.

Steg zur Blockhütte

Ein Typ von Holzfällerformat ist grade mit einem halbsohohen Mädchen im rosa Anorak in der kleinen Ofenkammer zugange, die Öfen werden bestückt und im nächsten Schritt demonstriert, wie die großen Hartholz-Kloben für den Nachschub in ofentaugliche Größe gebracht werden, mittels einer blinkenden Axt und hinterm Haus. Dann wieder zurück, fachmännisch nachgelegt und eine wichtige Lektion beendet. Die Lütte fragt viel nach, ist interessiert.

Rasthütte am Bach

Ein kleines hölzernes Portal lädt ein ins Tal der Kunster, das mit seinen herrlichen Waldpfaden sofort in die Vollen geht. Der würzige Duft wird fast den ganzen Tag begleiten, auch wenn die Art des Waldes häufig wechselt. Der Wegverlauf über wurzlige Nadelpfade und breitere Wege spart auch die dritte Dimension nicht aus und sammelt eine Reihe Höhenmeter. Die Entlohnung folgt sofort, denn der Taleinschnitt prägt sich mehr und mehr aus und gestattet immer wieder schöne Einblicke in den gewundenen Miniatur-Canon. Alle paar Minuten wird ein neuer Quelltopf passiert und beantwortet nach und nach die Frage, wie die Kunster nach so wenig Fließlänge schon so breit sein kann.

Lauf der Kunster

Gegen Ende des breiten Wassers zeigt sich schon der Charakter eines Urwaldes, wo alles, was gestürzt oder gestrauchelt ist, eben genau so liegen bleibt. Verschiedenste Stadien von Vermorschung sorgen für gleichermaßen archaische und morbide Gemälde im Großformat, zu groß für jede Wohnzimmerwand. Das Licht wird über den kahlen Wipfeln aufgefächert und streut diffus bis zum Wasserspiegel. Knackscharfe Spiegelbilder gestrauchelter Krummstämme schweben zwischen diffusen Grünstufenübergängen. Bald übernimmt Bruchwald. Auf dem vergehenden Stamm einer gefallenen Erle fußt ein meterhohes Fichtenbäumchen, das schnurgerade gen Himmel wächst. Kurz darauf führt der erwähnte Steg ans andere Ufer und empfiehlt mit Nachdruck eine Rast zwischen den Blockstämmen.

Die große Fichte kurz vor der Orchideenwiese

Im Wald selbst dominieren verschiedenste Erdtöne, zwischen denen das vor Kraft strotzende Moosgrün fast wie eine geisternde Art von Lichtquelle erscheint. An einzelnen Stämmen ist es, Gamaschen gleich, bis auf Meterhöhe hochgestiegen und lässt nun keinen Zweifel mehr daran, dass die Schritte hier durch einen Wald der Märchenwesen gelenkt werden. Dies bestätigt wenig später eine unerwartet auftauchende und weite Lichtung, wo sichwohl zum Abend nicht nur Hase und Fuchs gute Nacht sagen, sondern einen Augenblick später auch die Feen ihre zarten Tänze zeigen. Eine enorme Fichte kurz vor dieser bodenklammen Lichtung muss jede von ihnen kennen. Ganz real wird hier die Zauberwelt in der farbenprächtigsten Jahreszeit und selbst bei Tageslicht, wenn auf diesen Feuchtwiesen neben unzähligen verschiedenen Blüten auch solche von Orchideen zu sehen sind.

Die Kunster im lichten Bruchwald

Schon kurz nach der Lichtung wird die Natur im Tal immer uriger, die laubbedeckten Flanken zeigen sich mutiger und wagen steilere Gefälle. Der Bach versinkt mehr und mehr in seiner Furche, die gewunden ist wie eine spazierende Schlange. Nun steigt die Zahl der Quellen spürbar an, von denen jede zum Stehenbleiben drängt, auch zum Lauschen. Bei der nächsten Brücke ist die bekannteste von ihnen erreicht, die mit einer wahren Besonderheit aufwarten kann.

Der eingeschnittene Bach

Wer das Ufer wechselt und von den Rastbänken ein paar Schritte hinabgeht, findet auf Bodenhöhe eine Art Kochstelle, in der munter ein kaltes Süppchen brodelt und zu der man sich umgehend bücken möchte. Wie auf mittelgroßer Flamme ist hier schon seit Ewigkeiten ein Eintopf in der Zubereitung, dessen Basis feinster Sand darstellt, der in vielfachen Strudeln verwirbelt wird. Mit zum Rezept gehören auch vollgesogene Kiefernzapfen, Stöckchen und Laub aller Blattgrößen sowie faseriges Holzgulasch. Immerwährend strömt quellfrisches Wasser nach.

Nebenquelle am Rande

Wer nun schon in die Hocke oder sogar auf die Knie gegangen ist, könnte neugierig sein, einmal den Zeigefinger in einem der Strudel zu versenken. Doch das sei mit Vorsicht zu genießen, auch wenn keinerlei Verbrühungsgefahr besteht. Wer also seinen Finger hier ehrfürchtig versenkt, wird mit einem kaum spürbaren Pulsieren in einer anderen Welt begrüßt. Wer es hingegen zu weit treibt und mehr als die halbe Hand eintaucht, muss einen kurzen Ruck und infolge einen nassen Arm bis zum Ellenbogen befürchten, wenn die da unten gerade auf Krawall gebürstet sind.

Steg zur bekanntesten Quelle

Ein ebenbürtiges kleines Wunder dieser unauffälligen Stelle zeigt sich dem Geduldigen, der langsam fokussiert, behutsam scharf stellt und sich dann noch etwas tiefer beugt. Zwischen all den kleinen bis kleinsten Waldzutaten huscht es hier und da, auch dort, wo keiner der Strudel hinreicht. Kleine krumme Teilchen, vielleicht Samen oder Nadeln? Je länger man den Blick hält, desto mehr nimmt das Hin und Her zu – vergleichbar mit dem wolkenklaren Sternenhimmel, der immer voller noch von Lichtpunkten wird, je länger man hinaufstiert. Irgendwann sind Beine zu erkennen, eine Zielgerichtetheit und die Struktur der Körper.

Bachflohkrebse sind bekannt dafür, dass man sie selten antrifft und wenn, dann nur an äußerst reinen Quellen. Da es nach weiteren Sekunden des Beobachtens fast schon aussieht wie auf dem Alex um die Mittagszeit, muss das Wasser hier von allerbester Qualität sein. Es fällt schwer, sich von diesem Anblick loszureißen, auch wenn man keine Flöhe mag. Und kann gut sein, dass man auf den Metern hinauf zu den Bänken noch den Rest eines versonnenen Grinsens im Gesicht trägt.

Am brodelnden Sande

Es spricht nichts dagegen, an dieser Stelle umzukehren und am anderen Ufer den Rückweg anzutreten, vielleicht mit einer weiteren Pause dort im Blockhaus. Wen es hingegen nicht stört, dass der Höhepunkt dieser Tour bereits am Anfang verpulvert wurde, und wer noch neugierig geblieben ist auf andere Waldlandschaften, vielleicht auch einen See, kann hier noch beliebig viel Weg anhängen, um eine schöne Stunde oder drei verlängern. Mit der Unklarheit um den Stand des Jagdgeschehens im Nacken ist die Vielfalt der möglichen Varianten recht beruhigend. Dennoch ist zu sagen, dass ein Teil der ab hier begangenen Wege etwas Entdeckergeist und gewisse Grundlagen an Beinmuskulatur verlangt sowie ein winziges Maß an Leidensfähigkeit.

Gerader Weg durch den Wald, gezähmt

Der Ursprung der Kunster scheint in einem grasigen Bruchwald zu liegen, dessen Stämme recht hoch gewachsen sind. Gleich dahinter quert ein breiter Waldweg, und kurioserweise findet im Wiesengrund jenseits dieses Weges ein anderer Bachlauf seinen Ursprung, der die Linie der Straße zur Wasserscheide adelt – wenn auch mit ganz kleiner Hausnummer, denn beide Wässer finden schon im nahen Ruppiner See wieder zueinander. Doch immerhin.

Gerader Weg durch den Wald, von der Kette gelassen

Das folgende Stück Weges sieht auf der Karte aus wie ein langer, schnurgerader Forstweg von gleicher Gestalt, hat in der Tat jedoch weit mehr zu bieten. Nachdem der Forstweg als solcher gemeinsam mit einem Radweg links abbiegt, will die gerade Linie erstmal wiedergefunden werden. Da nach wie vor der gesamte Waldboden von einem bronzefarbenem Laubteppich bedeckt ist, gibt es viel Interpretationsspielraum. Links und rechts der gedachten Linie ruhen auf unterschiedlichen Höhenniveaus große Weiherpfützen, unverbunden miteinander und durchaus eindrücklich.

Bei Fledermaus ums Eck

Der gesamte Waldboden ist leicht bewegt, selten mal eine gerade Stelle. Die Spur des Weges ist bald wieder da, doch schlägt sie tiefe Wellen, die zum Teil mit Wasser gefüllt sind. Dieser in allen Dimensionen ausgefahrene Weg, der im späteren Verlauf an eine Weiherkette denken lässt, würde wohl selbst einen Unimog an seine Grenzen bringen, nicht zuletzt wegen zahlreicher querliegender Bäume. Laufen lässt sich mal direkt in den Mulden, mal am Rand, verbunden mit etwas Steigen und Bücken. Manchmal jedoch kommt man kaum umhin, ein langsames Irgendwohineingleiten in Kauf zu nehmen, falls es schlecht läuft. Heute ohne Gummistiefel so eine Sache. Doch die Optik ist grandios, die Pfützen werden immer ausladender, und wenn man wieder einmal hier lang müsste, würde man dieses Wegestück nicht aussparen.

Kleiner Waldweiher

Als dann die Optionen gänzlich schwinden, entdecken wir einen rechts nebenher laufenden grasigen Försterweg, der gerade recht kommt. Nach diesem rettenden Schlenker erreichen wir das Ende dieses Weges der ganz eigenen Kategorie und haben nun wieder einen völlig normalen und ebenen Waldweg unter den Sohlen. Der Wald ist lichter, der Laubteppich unverändert, und am Ende eines Schutzzaunes steht lötkolbenschwarz auf Holz der Hinweis, dass hier Fledermaus wohnt.

Waldweiher

Unvermittelt, wie vorhin die Lichtung im Tal der Kunster, erscheint voraus ein verschwiegener Waldweiher, auf dem Sonne und Wolken gerade etwas mit dem Licht tuschen. Einige Äste ragen aus dem Wasser und am Gegenufer huscht etwas nicht allzu Kleines. Direkt dahinter steht zwischen einigen Fahrzeugen, nicht minder überraschend, der Bernd am Grill, auf dem sich kerzengerade lange Bratwürste der Parallelschaltung durch den Grillrost ergeben haben.

Waldweg vor zum Ruheforst

In der Hoffnung, vielleicht den aktuellsten Stand des Jagdgeschehens zu erfahren, fragen wir ihn kurz, doch mit dieser Jagd da drüben, jenseits der Landstraße, hat er gar nichts zu tun. Doch vergebens ist der eher bröckelnde Schnack dann doch nicht, denn er rät davon ab, noch weiter nach Süden zu gehen, da dort gerade eine andere Jagd läuft. Die wird wohl auch bald vorbei sein, wenn ich mir so den Garzustand des Grillguts betrachte, und alle werden sich wohl sehr auf diesen Tagesordnungspunkt freuen, wahrscheinlich schon seit dem fahlen Morgengrauen.

Sohlenschmeichelnder Moosweg auf dem Weg nach Stendenitz

Das heißt für uns, dass der Extrabogen um den nächsten Waldweiher heute besser ausfällt, denn wir sind zwar durch die neongelbe Rucksackhülle gut vom fliehenden Wild zu unterscheiden, doch dieses Risiko ist zu hoch – irgendwie blöde laufen kann es immer. Zudem führt ein bequemer und schöner Waldweg per Luftlinie vor zur Straße, wo nun der schönste Ausgleich kommt – gerade eben werden die letzten Warnschilder abgebaut, die lange Wäscheleine im Wald liegt schon am Boden. Die Jagd ist hier vorbei und der Weg kann fast wie gedacht fortgesetzt werden.

Pflasterstraße entlang des Rottstielfließes

Kurz zuvor kommt zaghaft ein schneeweißes Hochbeinauto abgebogen und hält am Parkplatz. Ehrfürchtig und ebenso zaghaft findet ein edler und vielleicht maßgefertigter Schuh mit zahlreichen Stanzlöchern den Waldboden, ihm folgt ein schlanker Mann im eleganten Mantel. Mit einer orangenen Rose in der Hand und Stille im Blick. Noch ehe wir uns fragen können, warum man so zur Jagd geht, erkennen wir rechts im Wald ein eigenartiges System von Wegen und verschiedenfarbige Plaketten an den Bäumen – es ist ein Ruheforst. Womit alles erklärt ist.

Ruheforst

Jenseits der Straße weisen Schilder nach Stendenitz und zum Zeltplatz. Ein paar Autos kommen von dort, zum Teil vielleicht Jäger im Feierabend, zum Teil Zeltplatz-Urlauber auf dem Weg nach Neuruppin. Bei der dritten Möglichkeit biegen wir ab und lassen den Verkehr hinter uns. Der war zwar kaum der Rede wert, doch waren wir zuvor so tief im Wald, dass es jetzt auch wieder schön ist. Ein bisschen rumpelig zeigt sich der Wald auch hier wieder, einiges Zweigholz liegt quer und später haben riesige Reifen den Weg gemustert, mit Profilrillen, in deren Gegenabdruck der ganze Schuh verschwinden kann. Zwischendurch liegt am Eck ein Fichtenwäldchen, in das wir kurz reinkrauchen und das gedämpfte Licht genießen, wie es so nur Fichtenwald kann.

Sumpfzypressen am Ufer des Tornowseees

Nach dem Kampf mit dem Profil und dem Queren eines breiten Weges aus knöcheltiefem Schlamm – Winterzeit ist Waldaufräumzeit – folgt bald ein anmutiger Weg, breit gepflastert mit saftig grünem und hochflorigem Moos. Das schmeichelt den Sinnen und verhilft zugleich den verschlammten Schuhen zu einer Vorwäsche, solange die graue Substanz noch nicht ausgehärtet ist.

Campingplatz Stendenitz

An den Ausläufern eines Lehrpfades, der hier gerade in eine Betonpfütze gebannte Tierspuren präsentiert, kommen wir zum Rand des Zeltplatzes und damit zur Straße, die auf gutem altem Pflaster den Weg nach Rottstiel antritt. Während links der bronzene Hang sanft ansteigt, ist auf der anderen Seite weiter unten das Rottstielfließ zu entdecken, das von dampfertauglicher Breite ist. Das erklärt sich, denn so passen hier auch kleinere Dampfer durch, mit denen man von Neuruppin bis zum nördlichsten schiffbaren Punkt dieses Seensystems an der schöne Boltenmühle schippern kann.

Blick über den Tornowsee

Der verbliebene Tee möchte getrunken sein, die zweite Pause ist ohnehin schon lange fällig, und so finden wir in einem Baumstamm am Wegesrand ein schönes Sitzmöbel, sogar mit ausgewachsenem Spechtloch als Tassenhalter. Währenddessen rammeln ein paar Jungs mit ihren knatteroptimierten Enduros vorbei, die bei Mutti in der Küche vermutlich gerade im Weg standen und zum Spielen geschickt wurden. Da Mutti vermutlich sehr deutlich geworden war, treffen wir sie und sie uns noch öfter.

Weg zwischen Tornowsee und Bachtal

Försterei Rottstiel

Mit kurzem Blick auf die Häuser von Rottstiel schwenken wir links auf den Uferweg ein, der nach und nach einen schönen Blick auf den Tornowsee freigibt. Dabei steigt der Weg leicht an, so dass von einer natürlichen Aussichtsplattform ein offener Blick über den See inklusive Halbinsel und Taille möglich ist. Am Rand wachsen verschiedenste Bäume, darunter auch eine stattliche Anzahl von Sumpfzypressen. Eine überdachte Rastbank dient einer fröhlichen Schar von Kindern und Erwachsenen als Ort für eine ausgedehnte Pause – was gibt es Schöneres, als bis dicht in die Dämmerung draußen zu spielen und trotzdem nach ein paar Minuten wieder in den behaglichen vier Wänden zu sein. An der nächsten kleinen Aussichtsstelle kommen uns zwei ältere Damen entgegen, zwischen denen in beide Richtungen ein reger Strom von Worten fließt.

An der Brücke über die Kunster

Jeder See hat seinen Haubentaucher, egal zu welcher Jahreszeit, doch der vom Tornowsee muss wohl gerade in der anderen Hälfte sein, nördlich der Taille. Nach einem flachen Quelltopf entfernt sich der Weg vom See, die Moppet-Jungs semmeln noch einmal vorbei und drehen hoch, und als die Stille dieses Tages wieder da ist, haben wir den abschließenden Part der Rahmenhandlung erreicht. Der Unterlauf der Kunster fließt durch ein breites, eher offenes Tal mit reichlich Schilf, doch die Zahl der Quellen ist hier nicht minder groß als vorhin im Wald. Von der Brücke über den Bach kann der Blick wieder ausschwärmen, diesmal über ein breites Nassland voller Schilf und abgestorbener Stämme. Der Biber ist förmlich zu spüren, hier und dort auch Bauwerke zu finden.

Randpfad am Unteren Kunstertal

Nach einem Stück Straße zweigt nach links ein breiter Weg ab, der bald auf Pfadbreite einläuft und dicht entlang des Schilfgürtels verläuft. Eine Handvoll morscher Brücklein helfen über quellfrische Zuflüsse, die direkt der Kunster zustreben. Hinten über dem offenen Tal wirft sich schon langsam der Himmel in Schale, mit blassrosa Wangen und gewisser kühler Distanziertheit. Ein breites Halbrund aus Bänken verweist auf den Wanderweg, der hier einmal offiziell war. Ein paar Schritte später öffnet sich die einzige Wiese, die das Schilfland unterbricht.

Kurz vor Kunsterspring

Voraus ist schon das erste Licht von den Tierpark-Häusern zu erkennen und gaukelt einem vor, gleich dazusein. Das war auch einmal so, doch mittlerweile ist das Gelände der Waldarbeitsschule komplett umzäunt, nicht mehr durchgehbar, und so ist zuletzt ein weiter Haken durch den Wald erforderlich, der auf den finalen Metern dann noch richtig schnuckelig wird. Vorher jedoch liegt noch eine Art Waldpark, mit Lehrpfad-Tafeln, schöne Wegen und einem anständigen Biberdamm.

Als wir nach einigem Gestrüppkontakt die Straße erreichen, setzt die Dämmerung ein. Der Tierpark hat gerade noch offen, ein paar späte Kinder dürfen auch hier noch spielen und die Enten sind mittlerweile rege am Schnattern, in bester Wochenendlaune. Am Eingang zum Eichkater locken schöne Schilder mit Kapitänstellern und anderen schönen Wörtern, doch leider ist hier Januarpause.

Neuruppin

Einkehr Hinter der Siechenhauskapelle, Neuruppin

In Neuruppin haben wir Glück. Zwischen Neuem Markt und der eindrucksvollen Klosterkirche liegt die Siechengasse, frei von Verkehr, und hinter der Siechenhauskapelle wartet nun Heilung für den rechtschaffend knurrenden Magen. Zwischen ganz alten Neuruppiner Balken warten Gemütlichkeit und wirklich gutes Essen, und beim winzigen Verdauungsründchen vor zur Uferpromenade schaffen klirrende Hafen-Maste und anschlagende Wellen ganz zuletzt noch einen kleinen Hauch von Winter.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Gesundbrunnen per Regionalbahn nach Neuruppin, dort weiter mit dem Bus (nur Mo-Fr)(ca. 1,75-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn nach Neuruppin, dann weiter über Land ODER B96 bis Löwenberg, dort auf die B167 nach Neuruppin und weiter über Land (ca. 1,5 Std.)

Länge der Tour: 17,5 km (Abkürzungen gut möglich: nur Oberes Kunstertal: bis Forststraße/WP5 und am anderen Ufer zurück insg. ca. 4 km; ca. 6-7 km der großen Runde abkürzen: von WP6 nach WP17 (exkl. ausgefahrene Passage) bzw. zwischen WP7 und WP17 (inkl. ausgefahrene Passage))


Download der Wegpunkte (WP)
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Forellenzucht und Laden Kunsterspring

Tierpark Kunsterspring

Wanderung entlang der Kunster

Touristische Karte des Kunstertals

Tornowsee bei Rottstiel

Einkehr: Eichkater, am Tierpark Kunsterspring
Waldschenke Stendenitz, am Campingplatz Stendenitz
Kiosk am Campingplatz bei der Försterei Rottstiel

Grobskizziert – Birkenwerder: Krumme Wege, zweitausend Planken und die eiskalte Briese

Nach einer längeren Winter-Pause und zwei Berichten mit blasskalten Bildern wollte ich für den nächsten Text eigentlich auf einen Sonnentag warten oder wenigstens einen mit ein paar Farben zwischen all den Schattierungen von Weiß zu Dunkelgrau. Doch nicht ohne Grund gibt es das funktionale Wort eigentlich …

Bei Kolonie Briese

Die zweite Februarhälfte sorgte mit viel Sonne und frühlingsmilden Temperaturen für farbenfrohe Meere früher Blümchen und hat im Gefolge schon erste Heerscharen pelziger Sechsfüßer in schwarz-gelb aus Ihren Plattenbauten oder Erdlöchern gelockt. Somit ist niemand vor Entzücken gefeit, der vor einem aufgerissenen Krokus auf die Knie geht, dann Nase und Augen langsam in Richtung Blüte schiebt und fast schon als Regelfall beobachten darf, wie sich zwei Summende friedlich in einer Blüte drängeln. Ob solches Geschiebe ein Geräusch hervorruft, wird ein menschliches Ohr wohl nicht ergründen können, ob sich hingegen das Summen zweier Bienen summiert, dürfte oberhalb der Wahrnehmungsgrenze liegen und damit schnell herauszufinden sein.

Auch wenn in manchem alten Schlosspark die strahlend gelben Winterlinge ihre Blütenblätter zu edlen Kelchen formen, teils in wohnzimmergroßen Teppichen – am beliebtesten beim Sammelvolk sind aktuell die Krokusse, die sich willig darbieten und dabei fast zum Mercedes-Stern aufreißen. Die stehen etwas vereinzelter und sind daher vielleicht nicht so verwirrend wie die dichtgedrängten Gelben. Das Schöne bei dieser Geschichte mit den Bienen und den Blüten ist ja, dass wirklich alle Beteiligten etwas davon haben, zufällig Vorbeitrottende inklusive.

Die Briese mitten in Birkenwerder

Sobald sich aber eine Wolke vor die Sonne schiebt oder gar der ganze Tag bedeckt ausfällt, kehrt Ruhe ein, was Farben und Gesumm betrifft. So hat der März  begonnen, mit Wolken, etwas Sonne und auch ein paar Tropfen und tritt damit dämpfend auf die Bremse des vorauseilenden Frühjahrs. Gut so. Doch eben wieder kühle, blasse Bilder, keine Sonne, wenig Farbe.

Im Papenluch

Fährt man – mit oder ohne Sonne – von Berlins Mitte nach Norden in Richtung Oranienburg, besteht die Wahl zwischen zwei Optionen, was sowohl für die S-Bahn als auch für die Straße gilt. Entweder über die nördlichen Dörfer im Bezirk Reinickendorf, Stichwort Frohnau, oder eben die des einstigen Ost-Berlins, wo Blankenburg die letzte Station auf dem Stadtgebiet ist. In allen vier Fällen ist die Stadtgrenze nicht klar zu spüren, vollzieht sich der Übergang vom Städtischen ins Dörfliche sehr fließend.

Weg von der Ortsmitte zur Briese

Birkenwerder

Genau auf der Mitte zwischen den äußeren Ringen von Regionalbahn und Autobahn finden alle vier wieder zusammen, und eben hier liegt das großflächig angelegte Birkenwerder. Das Dorf muss ohne klassischen Ortskern auskommen, da alles, was ihn ausmachen würde, etwas verstreut und jeweils für sich liegt. Einzig das riesige Post-Gebäude steht gleich am Bahnhof und spannt mit der Touristen-Information und ein paar Hotels so etwas wie einen Kiez auf, jenseits der Bahnbrücke gibt es auch noch einen richtigen Bäcker und einen hübschen Park mit Spielplatz. Doch vom Bahnhof zum Rathaus und von dort zur Kirche sind es jeweils mehrere Minuten.

Kneipp-Anlage an der eiskalten Briese

Die Briese

Eben dort, zwischen Rathaus und Kirche, trifft man auf einen roten Faden ganz anderer Art, der Birkenwerder auf zauberhafte Weise prägt und von seltener Schönheit ist, gerade wenn man bedenkt, wie dicht besiedelt der Ort und wie nah die große Stadt ist. Die Briese kommt vom Wandlitzsee  daher und verplätschert bis zur ihrer Mündung ins Havelwasser keine 20 Kilometer. Doch in diese Kürze packt sie so unerhört viel Wildheit und Naturromantik, ist ihr Tal so reich an Abwechslung und Pfadigkeit, dass es pure Verschwendung wäre, dieses Bächlein in einem Ritt abzuschreiten. Nach der Hälfte wäre das verarbeitbare Maß an Eindrücken voll, die Wahrnehmung würde auf Durchgang schalten und jede weitere Viertelstunde im Briesetal als Doppelung verbuchen.

Briese auf dem Weg zur Mündung

Die meisten Leute, die gern draußen sind, werden die Briese kennen, nicht zuletzt der guten Erreichbarkeit wegen, und so ist es oft voll auf den Wegen, muss überholt und ausgewichen werden und die Naturromantik ist zu teilen. Wie bei allen Schönheiten und Besucherzielen im Lande relativiert sich das mit zunehmender Entfernung vom nächsten Parkplatz, doch wer dieses verschwiegene und ursprünglich anmutende Bachtal wirklich still erleben möchte und möglichst nur Naturgeräuschen lauschen, ist mit grauen oder kalten Tagen gut beraten, die möglichst nicht mit S beginnen.

Spreewald-Referenz unweit der Havel

Während das mittlere Briesetal in seiner ausgedehnten Waldpassage zwischen Zühlsdorfer Mühle und Borgsdorf fern von Siedlungen in seiner eigenen Romantik schwelgt und die einzigen Anflüge von Infrastruktur zwei Landstraßen und ein Forsthaus mit wochenendlichem Imbissangebot sind, ist es damit im dicht bebauten Ortsgebiet von Birkenwerder keineswegs vorbei. Mitten durch die Siedlungsviertel ziehen sich unzählige Plankenpfade über nassen Grund, die oft nur wenige Minuten kurz sind und dennoch vergessen lassen, dass man sich mitten in einer Ortschaft befindet.

Bruchwald am Mönchsee

In diese Stege und auch all die anderen Uferwege wurde in jüngerer Zeit viel Geld und Mühe gesteckt, und so sind sie sowohl schön als auch dauerhaft und können selbst auf kleinsten Spaziergängen in eine eigene Welt entführen. Dank zahlreicher Brücken steht ein regelrechter Modulbaukasten zur Verfügung, der beliebige Kombinationen der Vielfalt dieses Bachlaufes gestattet. Inklusive des Zuweges vom Bahnhof wird schon ein halbstündiger Spaziergang zum kleinen Erlebnis, inklusive Uferpfad, Kneipp-Tretstelle und Wasserfällchen. Bei jeweils einer Viertelstunde Erweiterung kommen auf kurvigen Wegen spreewaldartige Wasserlabyrinthe, verwunschene Bruchwälder oder kleine Moorseen hinzu.

Uferweg am Boddensee

Die sonst eher dünn gesäten Plankenpfade, über die man sich im Harz oder der Rhön, auf dem Darß oder an der Müritz stets besonders freut, sind hier schon fast die Regel und verleiten dazu, den Weg bereitwillig Stück für Stück zu erweitern. Wer schließlich den Boddensee mit seinen terrassierten Grundstücken in Hanglage umrundet hat, kann direkt hier vornehm einkehren und entlang der Gleise zurück zum Bahnhof schlendern oder noch um eine ganze Stunde verlängern.

Nördlich der Autobahn wird es nach wenigen Minuten wieder still. Schon bald lässt die Briese jeden Besucher tief in die Natur von Mooren und Feuchtwäldern eintauchen, zeigt bald im ausgeprägten Tal ihr Waldgesicht. Ging es in Birkenwerder noch glatt und eben zu, werden jetzt auf wurzligen und windschiefen Uferpfaden die Balance und auch die Griffigkeit der Sohle herausgefordert.

Weg entlang des Papenluches

Briese

Wenn Laub an den Bäumen ist und der Kalender Wochenende zeigt, gibt es als Belohnung eine gemütliche Einkehr im Imbiss Briesekrug, der alles bietet, was ein Mensch im 21. Jahrhundert zum Überleben braucht. Direkt gegenüber besteht im herzallerliebsten kleinen Klettergarten ein attraktives Konkurrenzangebot in Form von Waffeln und Kaffee. Ganz nebenbei lassen sich hinreißende Szenen rein analoger kindlicher Freude beobachten, oben in den Seilen.

Brücke über die Briese, bei Kolonie Briese

Wer auch hier nicht von der Briese lässt und weiter bachaufwärts geht, läuft Gefahr, noch eine halbe oder ganze Stunde dranzuhängen, denn sämtliche Pfade locken überzeugend. Doch alle paar Kilometer gibt es Querungsmöglichkeiten und Uferwege stets auf beiden Seiten, so dass niemand denselben Weg zweimal gehen muss.

Alles, was der Mensch zum Leben braucht

Der Weg von Briese nach Birkenwerder und zum Bahnhof wirkt nach den intensiven Wahrnehmungsreizen vergleichsweise sachlich, auch wenn ein Wiesenpfad die kleine Straße begleitet. Nach der Autobahnbrücke gibt es zur Zerstreuung einige schöne Villen und großzügige Grundstücke zu beschauen, und kurz darauf ist auch schon der Bahnhof zu sehen.

Die Briese im ausgeprägten Tal

Wann auch immer man zum Briesetal reist, lässt sich eigentlich wenig verkehrt machen. Viel geboten wird mit Sicherheit, solange der Fluss am Fließen ist. Die Regler für Lichtstimmungen, Klänge und Düfte, für Fauna und Flora und jene für den Publikumsverkehr muss jeder nach seinem Geschmack bedienen und dementsprechend für Monat oder Tageszeit entscheiden. Und dann bald wiederkommen, in der nächsten Jahreszeit.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn nach Birkenwerder (wahlweise über Frohnau oder Pankow)(ca. 45 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 96a oder die B 96 (ca. 45 Min.)

Länge der Tour: ca. 14 km (Abkürzungen variantenreich möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Der östliche und mittlere Teil des Tales

Birkenwerder

Einkehr: Ratskeller Birkenwerder, im Ort
Briesekrug, Kolonie Briese (nur am Wochenende)

Trampe: Frisierte Kiefern, der Nebeltreck und das gezackelte Nonnenfließ

Der Januar hat sich nach klammen drei Wochen ein paar sonnige Tage mit knackig-blauem Himmel gegönnt und zugleich die Temperaturen ein wenig in den Keller geschickt. Erst danach gab es den ersten Schnee dieses Jahres, der eine ganze Nacht überstand und am nächsten Morgen den erwachenden Berufsverkehr auf ein bloßes Gemurmel dämpfte. Nur von hier und da tönten die scharf artikulierten Geräusche von Eiskratzern und das aufwändige Schnaufen potentieller Wagenlenker, die zum Freilegen benötigter Autos tüchtig den Schneebesen schwangen. Von weiter oben hört man hier und dort bereits die freudige Einsilbigkeit der Wintermeisen, die allem sonstigen Gekrächze schon selbstbewusst Paroli bieten. Wer es bis tief in den Wald geschafft hat, erhält sogar schon mehr als eine Ahnung von der zwitschernden Vielfalt, die in greifbarer Zeit zu erwarten ist.

Kurviger Lauf des Nonnenfließes

Ein weitgehend monochromer Wintertag mit flächiger Schneedecke kann eine Landschaft unkenntlich machen. Ähnlich hoch ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass er eben durch die Farbarmut und die allgemeine Glättung des Landschaftsbildes ihre Konturen nachzieht, bestehende Kontraste erhöht und jeden noch so kleinen Farbpunkt fast symphonisch wirken lässt. So wie auch alte Schwarz-Weiß-Photographien immer wie gestochen erscheinen, stets noch etwas reicher an Details, und dazu anregen, sich in dieses eine Bild nur gründlich zu vertiefen.

Trampe

Bei welcher Landschaft sich der Schnee eher verallgemeinernd auswirkt und welche er detailversessen porträtiert, lässt sich im Vorhinein schwer einschätzen. In der Tat hatten wir jedoch mit der bei Trampe ziemliches Glück, entgegen der Befürchtung. Das Straßendorf mit dem Bäcker am einen und dem Fleischer am anderen Ende liegt auf der Mitte zwischen den beiden brandenburgischen Landschaftsjuwelen von Gamengrund und Nonnenfließ und hält in seinem direkten Hinterland einige Überraschungen bereit. Der Zutritt dazu erfolgt direkt hinter dem Schloss, das als solches kaum zu erkennen ist. Schlicht, funktional und schon länger frei von Zierrat steht es vor seinem kleinen Park-Zugang, drei Blumenkübel in Form riesiger Schraubenmuttern stützen diesen Eindruck. Das ist durchaus passend, denn ohne Überschwang übernimmt das Gebäude eine der wichtigsten Funktionen im ländlichen Raum. Die Kita Schlossgeister hat hier seit langem ihre Räume, und gemäß frisch aufgewärmten Plänen soll in absehbarer Zeit ein Mehrgenerationenhaus umgesetzt werden. Diese Kombination von Menschen grundverschiedenen Alters gibt es mittlerweile an vielen Orten, und der in viele Richtungen gegenseitige Nutzen liegt auf der Hand, so einfach wie genial.

Schlosspark Trampe

Gleich hinter dem großen Gebäude beginnt mit dem kleinen, doch liebenswerten Schlosspark eine der exklusivsten Auslaufflächen für Kinder, deren Ausdehnungen einen gekonnten Steinwurf kaum überragen, doch darin eine große landschaftliche Vielfalt sowie reiche Spiel- und Erlebnismöglichkeiten beherbergen. Eine junge Allee gleich vorne gibt es und eine eindrucksvolle alte hinten raus zum Wald, dann noch verschiedene Teiche und ein lebendiges Bächlein mittendurch. Dazu noch Wege breit und schmal und nicht zuletzt sogar eine waschechte Burgruine im Hosentaschenformat mit kleinem Rodelhang, beredtem Gemäuer und schilfgeschütztem Burggraben.

Burgruine Breydin im Schlosspark Trampe

Die Burg Breydin auf ihrem kleinen Wall ist von der Größe her also eher als Drei Zimmer/Küche/Bad einzustufen, wenn man noch ein wenig Platz für den Burghof annimmt. Neben einem steinernen Gipfelkreuz mit einem kurzen, guten Spruch auf dem Sockel stehen hier uralte Bäume, die kraftvoll vermitteln, wie lange das Mittelalter doch schon her sein muss. Eine lebendige Lindenruine gleicht einer riesigen Hand, die einen von oben hineingelegten Apfel erwartet oder aber beim erzählenden Gestikulieren betonen möchte, wie enorm und wirklich vorhanden etwas war. Ihr Stamm ist aufgesprengt, scheinbar von der eigenen Expansion mit all den baumesdicken Nebenästen, und sie einmal zu umfassen bedürfte es wohl neben allen Kindern auch noch der Erzieherarme.

Bunte Tupfer im schwarzweißen Schlosspark

Der zugefrorene Schlossteich ist bedeckt von kaum berührtem Schnee, vielleicht ein Daumenbreit. Unterm kleinen Uferhang steht ein Papa, zu seinen Füßen grätscht sein gut verpacktes Kind auf dem Eis und sammelt mit Handschuhen und Unterarmen zusammen, was der Schnee so hergibt. Der Papa grinst dazu und übermittelt Zuversicht. Langsam wächst ein winziges Schneemännlein in die Höhe, und als der Junge uns sieht, trompetet er uns begeistert entgegen, dass wir mal gucken sollen und dass er einen Schneemann baut. Dann sammelt er weiter Hand für Hand, lässt sie geduldig wachsen, die Figur. Wir werden das am Tagesende noch mal würdigen. Oben in den Bäumen sind überall Vogelhäuschen angebracht, die jeweils farbenfroh mit einem Bild des Mieters beschriftet sind. An diesem Tag besonders farbenfroh.

In der Tramper Heide

Um den Schlosspark zu verlassen, muss man noch der einladenden älteren Allee widerstehen und durch etwas Wald vorbei an zwei gehügelten Vorposten gehen, auf denen vielleicht noch eine Burg für den Hausmeister und eine für den Pförtner standen. Hinter dem Rand des Waldes öffnet sich dann eine ganz neue Landschaft, weit und sanft gewellt, mit dem Bewuchs, wie man ihn vielleicht von Weideflächen in sanften Bergregionen kennt. Hier und da mal ein einzelner Baum, dort etwas Heidestrupp oder ein Strauch, vereinzelt auch mal ein gewaltiger Hutebaum, der Vieh oder Hirten Schatten spenden soll.

Zugegebenermaßen ist von all dem fast nichts zu sehen, denn die Sicht mit interpretationsfreien Kanten reicht nur ca. 11 Meter weit. Alles dahinter ist Spekulation. Da meint man Bäumchen zu sehen mit filigranen Ästen, unten dann irgendwelche Optikfehler, die aber auch blattlos stehende Wiesenhalme sein könnten. Ganz hinten irgendwo das schemenhaft Dunkle ist vielleicht ein Wäldchen. Der Blick schweift durch die graue Suppe, der Hals schiebt den Kopf dabei etwas nach vorn in der Meinung, das Bild könnte dadurch an Schärfe und Detail gewinnen. Tut es nicht.

Sagenhafter Treck

In all dem geisterhaft Gestaltlosen bewegt sich noch weiter hinten eine ferne Karawane, die langsam näher kommt und an Kontur gewinnt. Alles passiert ein wenig langsamer als in der Wirklichkeit, trägt den Charakter einer Traumsequenz. Lange Beine und runde Hintern werden zu fünf Pferden, fast alle von unterschiedlicher Schulterhöhe und Färbung und jedes mit einer Reiterin auf dem Rücken. Das Kinn einer jeden von ihnen befindet sich in etwa auf selber Höhe, da auf dem größten Pferd mutig und hoch oben das kleinste Mädchen sitzt, entsprechend umgekehrt bildet ein Pony mit größerer Reiterin das Ende des einzigartigen Trecks. Keine von ihnen ist älter als vierzehn, dementsprechend mit Argusaugen fixiert uns die ausgewachsene Dame am Kopf des Zuges, bis sie uns schließlich scharf fokussieren und als harmlos einstufen kann. Um daraufhin erleichtert zu sein, ist sie viel zu souverän. So nimmt sie es lediglich mit Wohlwollen zur Kenntnis und schenkt uns stattdessen einen charmanten und geistreichen Satz im Vorbeigehen.

Dramatik des Liegens

So wie das kleine Ereignis Gestalt annahm, verschwindet es auch wieder im weißen Dunst. Wir schütteln kurz die Köpfe, fokussieren erneut in die weiße Landschaft und sehen vor uns eine Kreuzung aus fünf bis sechs Wegen, wo die Karte nur von dreien wusste. Und nehmen jetzt die volle Vielfalt dieser Landschaft wahr, die kleine Wälder hat und feuchte Schilfflächen, Bruchwaldstreifen und weite Heide, leicht bucklig wiegesagt. Einige Bäume wurden umgeweht und sind in theatralischer Geste zum Liegen gekommen, andere stehen in kleinen Gruppen beieinander, etwas geduckt und etwas heimlich, wie in der Raucherecke auf dem Schulhof.

Zusammenhanglos wachsen Ginsterbüsche weit entfernt voneinander, und besonders markant sind stets für sich stehende Kiefernbäume, die nichts gemein haben mit den klassischen hohen Stämmen im märkischen Wald. Ihre Kronen gleichen denen von gut gewachsenen Obstbäumen, und nach unten hin tragen sie alle einen Pony, der etwa zwei Meter Platz zum Boden lässt und sehr gleichmäßig gewachsen ist. Als würden gerne Bullis darunter parken oder besonders aufrecht stehende Kühe den lückenlosen Schattenwurf des dichten Nadelkleides genießen. Das Geheimnis bleibt bestehen, auch wenn der wissende Specht da im Wald vielleicht gerade die Antwort morst.

Frisierte Kiefern

Hinter einer wohlgewachsenen Eiche schlummert ein verfallendes Gebäude und bestätigt nun den Verdacht, dass diese Landschaft hier und ihr Charakter das Resultat einer langen militärischen Nutzung sein könnten. Das erklärt auch die kleinen Podeste mit Stufen und die tiefen, mittlerweile dicht begrünten Furchen im Wald, in denen sich gut etwas Größeres verbergen ließe. Alles Sicht- und Greifbare, das der Manöverbetrieb in fünf Jahrzehnten formte, sorgt nun für die besonderen Eigenschaften und Schönheiten dieser Landschaft, die nicht aussieht wie Dutzende andere, nicht wie die weiten und sandigen Erika-Heiden bei Templin zum Beispiel, Reicherskreuz oder Jüterbog. Einen entscheidenden Anteil daran hat der NABU, wie sich später ermitteln lässt.

Teich bei der Mühle, Tuchen

Tuchen-Klobbicke

Nach viel Staunen und Begeisterung, und das trotz der beschränkten Sicht, wendet sich der Weg schließlich nach Tuchen und lässt auch schon die ersten Häuser sehen. Eine Allee aus betagten Robinien mit tiefschartiger Rinde begleitet uns vorbei am Abzweig zur Froschmühle bis hinein ins Dorf. Tuchen-Klobbicke hat seine Ortsteile im Dreieck angeordnet, rund um einen kleinen Hausberg und den feuchten Grund des blutjungen Nonnenfließes. Die bewaldete Anhöhe ist von Pfaden durchzogen. Ein beruhigender Weg führt um sie herum, mit schönen Blicken auf das Dorf.

Am Tuchener Hausberg

In Tuchen selbst treffen wir an der Kirche auf den wohl großflächigsten Farbpunkt des Tages. Das Fachwerkkirchlein, das wirklich einmal abgerissen werden sollte, hat überlebt und wurde sorgfältig erneuert, strahlt jetzt in einem freundlichen Gelb. Überall im Dorf kommen Hunde an den Zaun gerannt, mit denen lange niemand mehr gesprochen hat. Erst am leicht entlegenen Dorfweiher kehrt wieder Ruhe ein. Hier gibt es nur ein Grundstück, und der am Gartenzaun versprochene Hund hat heute frei. Es sei ihm gegönnt. Noch vor dem Teich sind eindrucksvolle Reste der alten Mittelmühle zu sehen, bei denen das Nonnenfließ zum ersten Mal den Sprung nach unten probt, auch heute noch. Damit nach gut einem Kilometer Fließlänge dafür ausreichend Wasser bereitsteht, eilt ihm kurz vorher ein Rinnsal zu Hilfe, das noch kürzer ist, doch bereits beim Austritt aus dem Weiher ansehnliche kleine Schnellen zustandebringt.

Kirche in Tuchen

Rund um den Weiher stehen Bänke, so dass die Entscheidung schwer fällt. Die erste an der Straße hat einen Extra-Balken zum Abstellen der Füße, als ob von dort öfter winzige Drachenbootrennen angefeuert würden und man sich in der Euphorie des Anfeuerns gern nach vorn gewichtet. Die nächste ist stark zum See hin geneigt, so dass nach dem Hinsetzen ein sofortiges, auch unbeabsichtigtes Gleiten in den See wahrscheinlich ist. Ganz hinten gibt es einen Rastplatz mit Tisch, komfortabel und ohne Eigenheiten, und schließlich am anderen Ufer dann zwei sehr bequeme Bänke, von denen sich alle Vorgänge auf den ersten beiden gut beschauen lassen. Zwei Jungs, die das Vertrauen ihrer Eltern genießen, tasten sich mit ihrem Plasteschlitten Schritt für Schritt aufs Eis vor und kommentieren eifrig, was sie tun, auch was sie lassen sollten.

Gemäuer der einstigen Mühle, Tuchen

Nonnenfließ

Hinterm Friedhof erfolgt nun der Einstieg in die Landschaft des Nonnenfließes, die eine der ganz Besonderen ist im Land Brandenburg. Rechts und links des breiten Waldweges beginnt sie schon langsam sich aufzuschaukeln, um bald darauf ein vollwertiges Tal auszuformen. Zwischen den braunen Kiefernstämmen und dem weißen Waldboden stehen leuchtend kleine Buchen, die das Laub in ihrem ersten Winter sicherheitshalber noch dranbehalten haben.

Auch im Wald ein paar Farben

Neue Mühle

Bereits bei den Gebäuden der Neuen Mühle erheben sich zu beiden Seiten kleine Talflanken, die gut sind für Mountain-Biker und tollende Kinder, später auch für recht anständige Rodelbahnen mit Zwischenschwung. Das Nonnenfließ hat nach nur zwei Kilometern Länge das Laufen gelernt, holt noch mal Luft in der Ruhe eines Weihers und stürzt sich dann ins ausgelassene Spiel der Kurven.

Dammweg am Nonnenfließ

Ein kleiner Dammweg leitet trockenen Fußes durch eine Schilf- und Bruchlandschaft, die sich an dieser Stelle das Bachtal etwas breiter drückt. Die Bögen sind noch brav und der Bachgrund ist bedeckt von diesem kühlen, weichen Sand mit feinstem Kies dazwischen, in dem man fast schon Gold vermuten möchte. Noch einmal übernimmt ein breiter Weg, bevor schließlich die Pfade beginnen, die dem Ufer kaum noch von der Seite weichen wollen. Sie tun es nur, wenn es gar nicht anders geht oder die Mäanderschlingen so überschwänglich ausfallen, dass das glasklare Bächlein fast wieder Richtung Quelle fließt. Teils gibt es Pfade auf beiden Seiten, die Querungsmöglichkeiten von einem Ufer ans andere bleiben dabei zählbar.

Bruchsenke des Nonnenfließes

Am Übergang von der feuchten Talbreite zum verspielten Bachlauf sind die Zeichen der Biber nun deutlicher, zugleich wird der Wald immer mehr zum Urwald, wo alles liegenbleibt, was einmal stand und nicht mehr steht. Mal parallel und äußerst günstig für das Weiterkommen, mal kreuz und quer und folglich mit etwas Kletterei oder Anlass für den Forstwirt, auch die Säge kurz mal anzuschmeißen. Sehr gleichmäßig angelegte Hügel aus Zweigen und Ästen ließen bisher eher an Attrappen zum Verjuxen ansiedlungswilliger Biber denken, nach dem Motto: ist schon besetzt, such Dir selber dein Revier. Doch hier sieht es nun schon sehr nach echten Burgen aus, und mag man zu dem Biber stehen, wie man will, die Voraussetzungen dieses Tales schreien nach ihm.

Gedenkstein auf der Höhe mit wetterfester Bank

Oberhalb des Tales steht ein wuchtiger Gedenkstein mit einer Bank für die Ewigkeit und der seltsamen Aufschrift „Tschermak v. Kap-herr“, die trotzdem nicht neugierig macht. Wenig später besteht die Möglichkeit, ans rechte Ufer zu wechseln, wo nun dieser Pfad am Fließ beginnt, der oben schon Erwähnung fand, der ufertreue. Der weitere Weg in Richtung Norden verläuft auf solchen Pfaden, und er findet sein Ende erst am gern besuchten Zoo von Eberswalde.

Auf halbem Weg dorthin liegt noch der faszinierende Ort Spechthausen, der Industrieromantik ausstrahlt und eine ganz besondere Stimmung trägt. Noch vor einer greifbaren Zahl von Jahren wurde hier im tiefen Tal Papier geschöpft, was eher untypisch wirkt in dieser Gegend. Ebenso untypisch ist überhaupt der Name des Weilers, erinnert er doch eher an ferne, tiefe Wälder im Sachsenland. Damit steht er nicht allein, denn auch Begriffe wie Geschirr und Liesenkreuz, Zainhammer Mühle oder Schwärze würde man guten Gewissens dort in den Süden packen. Jene Schwärze übrigens ist ein Bach und holt das kleine Nonnenfließ eben in Spechthausen ab, begleitet es von da unter ihrem Mantel bis zum Wasser der Finow. Die wiederum reist im bequemen Bett ihres Kanals an, der dort nur wenig nach Kanal aussieht. Vielleicht hat er sich von der Kurvenfreudigkeit der kurzgereisten Bächlein etwas abgeguckt.

An der Steinernen Brücke

Wir werden nicht einmal bis dorthin kommen, doch selbst die jetzt folgenden paar Kilometer entlang des Nonnenfließes würden unmäßig viel Text und Schwärmerei erzeugen, wollte man dabei ins Detail gehen. Beides haben wir bereits vor Ort erzeugt und darum auch gleich dort gelassen, doch ein paar Stichpunkte seien gestattet. Der Bach gewinnt unterwegs an Breite und verliert sie wieder zwischendurch, er gönnt sich Pausen in Becken von der Größe eine Badewanne oder eines Swimming-Pools. Das Nonnenfließ räkelt sich so wohlig, dass es wohl auf die doppelte bis dreifache Länge kommt wie der Pfad nebenher, der vergleichsweise geradlinig der grundlegenden Fließrichtung folgt – Nord. Mal fließt es flach und kaum versenkt, dann wieder entlang dramatischer kleiner Steilhänge.

Mäander des Baches

Wer das Nonnenfließ und sein Tal aus grünen Jahreszeiten kennt, wird es so weiß und nackt und transparent kaum wiedererkennen. Zum großen Teil sind die lebhaften Wasser beruhigend vom Eis bedeckt, unter dem es leise gurgelt, bis die Wellen ein paar Windungen später wieder ans Licht drängen. Auch an den fließoffenen Stellen ist der Rand vom Eis gezackt und sorgt für eine lückenlose Schmuckborte, die man so noch nicht gesehen hat. Während oben in der Heide alles Weiß vom aufgewachten Wind schon wieder weggeblasen wurde, dürfte sich der Zauber hier unten noch ein paar Tage halten. Der Weg durch dieses hochromantische Tal mit seinem vielfältigen Baumbestand sollte im Schlenderschritt genossen werden, so die dringende Empfehlung.

Weg über dem Fließ

In einer Bachschlinge steht wie auf einer Halbinsel eine willkommene Rastbank, um den letzten heißen Tee zu trinken, den Schlender kurz zu unterbrechen, bevor es an den Aufstieg geht. Als einziger Farbpunkt im ganzen Tal fliegt ein Rotkehlchen dicht an uns heran, setzt sich jeweils kurz, gerade lang genug, um die leuchtend rote Brust noch wahrzunehmen. Bald kriecht die Kälte in die Jacke, wird es Zeit zum Weitergehen.

Ein dramatisches Nebental kurz vor einem Stein-Brücklein geht den Aufstieg sehr direkt an. Die Wasser, die hier einmal flossen, haben sich tief in den Boden eingegraben und eine eindrucksvolle Furche hinterlassen. Der Weg liegt voll Laub, und auch oben ist nicht klar zu erkennen, wo der Anschluss ist. Eine hochgewachsene Eiche voraus gibt etwas Hilfestellung, kurz dahinter ist der nächste klare Weg erreicht. Kreuz und quer folgen wir jetzt verschiedensten Kalibern von Wegen durch den Wald, kommen vorbei an einem weiteren Biberrevier und dem derzeit trockenen Brennengraben, der unsere Schritte zuletzt begleitet.

Im Walde

Hinter ein paar übrig gebliebenen Armee-Baracken endet abrupt der Wald, und vor uns liegt wieder die Landschaft vom Anfang des Tages, mit den weiten Wiesen, den Birkengruppen und den frisierten Kiefern. Das ist durchaus willkommen jetzt, denn die lange Passage im Winterwald war schön, doch die Dämmerung ist schon fortgeschritten und ein freier Blick im schwindenden Licht jetzt angenehm.

In der unverschneiten Tramper Heide

War diese Landschaft am Vormittage durch und durch noch weiß, ist jetzt rein gar nichts mehr davon übrig. Die stoppeligen Wiesen erstrecken sich in ihrem fahlen Wintergrün bis an den fernen Waldrand, nur in einigen Mulden der Maulwurfshügel hat etwas Schnee überdauert. Ein schütteres Asphaltband zieht sich mitten hindurch, wie eine verirrte und die Jahre gekommene Landebahn im Grünen. Hinter einem Bruchwaldstreifen lockt ein Wiesenweg, der im Sommer sicherlich von großer Blumenvielfalt umgeben ist. Jetzt mischt sich hier nur grün mit braun, doch ein Duft wie von aufgetauter Kräuterwiese liegt vor dem Wald und erinnert daran, dass andere Jahreszeiten auch ihre Reize haben. Am Waldrand weisen neben einem winzigen Robinienhain mit seinem typischen dunkelgrünen Teppich einige ausgeprägte Kopfweiden den Weg ins Dorf, zwischen ihren haushoch toupierten Köpfen ist der Tramper Kirchturm endlich zu erkennen.

In der unverschneiten Tramper Heide

Einmal schreiten wir die ganze Dorfeslänge ab, von Nord nach Süd. Trotz müder Beine und hängender Mägen schlagen wir noch den kurzen Bogen in den Schlosspark, um im letzten Licht zu sehen, wie der Schneemann nun geraten ist. Selbst wenn er kindeshoch geworden war, hat die Kälte des Eises nicht ausgereicht, das zu bewahren. Das Häuflein Schnee ist ungefähr genau so groß wie der Entwurf vom Anfang, den wir sahen. Doch wenn sein Schneemann-Leben auch nur kurz war, so war es doch von vorn bis hinten voll mit echter Kindesliebe.













Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Ostkreuz Regionalbahn nach Werneuchen, dann weiter mit dem Bus (ca. 1,25 Std.)(nur Mo-Fr)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 158 bis Tiefensee, dann B 168 bis Trampe, einige Parkplätze am Bäcker

Länge der Tour: ca. 18 km (Abkürzungen möglich)(schwer erkennbaren Weg aus dem Fließtal bei Wegpunkt 25 vermeiden: noch 10 Min. weiter am Nonnenfließ, dann rechts auf den großen Weg abbiegen und nach 700 m an der Wegekreuzung rechts bis Wegpunkt 27)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

NABU: Ehemaliger Truppenübungsplatz Trampe

Burg Breydin und Schlosspark Trampe

Aktuelles zum Schloss Trampe

Rundweg Nonnenfließ

Einkehr: keine Möglichkeit direkt am Weg

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