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Schönfliess: Kunst im Walde, das Kurviertel und die schmalste aller Prachtalleen

Der Tanz mit der Stadtgrenze macht immer wieder einen Heidenspaß. Insbesondere dann, wenn die Natur im fortgeschrittenen Frühling mehr und mehr in die Vollen geht und der Kontrast aus städtischem Staub- und Lärmgeschehen und ländlich-idyllischer Landschaftsruhe in Augen, Ohren und Nase intensiver wahrzunehmen ist. Davon abgesehen lauern in solchen Touren meistens Überraschungen am Wege, denn was dort an Sehenswürdigkeiten versteckt liegt, ist entweder so bekannt, dass man es ohnehin längst kennt, oder eben so versteckt und auf den Erstblick klanglos, dass es nur jemand findet, den der Zufall mit offenen Augen dort vorbei schickt.

Tieferliegender Wald der Bieselheide

Im Idealfall sind solche Touren mit einem Karten-Doppel aus ABC- und AB-Fahrschein machbar. Ersterer hat diesmal in Schönfließ seinen Zweck erfüllt, dessen Bahnhof auf dem Weg nach Oranienburg mitten in den Feldern liegt. Mitten übers Feld geht darum auch der schnurdirekte Trampelpfad ins Dorf, der wohl einer stillen Abmachung mit dem zuständigen Landwirt zu verdanken ist. Das nette Arrangement erspart einen lästigen Umweg und setzt die Kirche fest in den Blick des Ausgestiegenen.

Vorgarten im Künstlerhof Frohnau

Schönfließ

Hinter der Kirche liegt die große Kreuzung, und gleich westlich des Dorfes beginnen weite Felder, an deren Ende der leicht versunkene Wald der Bieselheide liegt. Auf dem Weg dorthin werden die Nüstern vom ersten vollmundigen Kornduft dieses Jahres verwöhnt, der durch den nächtlichen Regen besonders würzig ausfällt. Für die Augen wurden filigrane Akzente aus Mohn, Kornblume und Margariten verstreut, während der Waldrand fast magisch anzieht. Ein Blick nach links lässt diesig verschwommen die fernen Kanten des Märkischen Viertels aus dem Grün wachsen, leicht unwirklich.

Zauberhafter Weg am Beegraben, Schönfließ

Vor dem Wald biegt der Weg ab, wahlweise nach links oder rechts. Wer jedoch eine Verbeugung nicht scheut, schlüpft geradezu ein in ein überschaubares Pfad-Geflecht, dessen Schattendunkel heute nur selten ein paar Punkte der seltenen Sonne bis zum Boden durchlässt. Fließendes oder sickerndes Wasser ist zu erahnen, der kühlen Luft und dem satten Grün geschuldet. Die schmale Spur windet sich im leichten Auf und Ab, berührt einzelne Baumriesen und auch drei Quellsale, deren Wasser sich zaghaft zum feuchten Grund durchschlägt. Der öffnet sich bald darauf und gibt ein liebliches Landschaftsbild frei, wie man es hier nicht erwartet hatte – saftiges Wiesengrün und vereinzelte Kronenbäume, fast wie in einem Landschaftspark. Dazu der grasige Weg und tropfenweise der Niederschlag am Schuh, der von der Nacht noch in den Halmen hängt. Es ist so dermaßen idyllisch.

Das Märkische Viertel von Schönfließ aus

Die Karte verrät, dass in der Mitte des Talgrundes das Kindelfließ schlummert. Ruhig tut es das, doch keineswegs unbewegt, wie wir am knorrigen Holzbrücklein feststellen dürfen, das den Doppelschritt von Oberhavel nach Berlin ermöglicht. Drüben steht eines der überhohen Schilder des Berliner Mauer-Radwegs, und als wäre die Grenze tatsächlich sichtbar und im Menschen verankert, wird es auf einmal voll hier, wechseln Jogger, Leute an Hundeleinen und akademisch zurechtgemachte Herrschaften im bedeutsamen Dialog, dem man erst nach gut hundert Metern vollständig entkommt. Neben der an und für sich abstrakten Grenzlinie erklärt sich das hohe Aufkommen auch durch einen nahen Parkplatz mit einer zugehörigen Streckenlänge, die sich ideal mit dem Ausleeren eines Hundes synchronisieren lässt, nebenher etwas Sinneneindruck und Bewegung ermöglicht.

Blick über die ersten Kornfelder nach Schönfließ

Für dieses rechte Maß sorgt der leicht mitgenommene Hubertussee, dessen verwinkelte Uferlinie ein schöner Pfad nachzieht. Ein Dreikäsehoch bringt seinem Vater mit großen Augen einen gefundenen Kiefernzapfen und nutzt dazu seinen vokallastigen Sprachumfang, eine Ecke weiter staksen Damen durch den hohen Salat und bestimmen mit technischen Mitteln, was da wächst am Wegesrand. Und da wächst allerhand, darunter knapp noch blühende Maiglöckchen, längst verblühte Anemonen sowie grüner Klee mit Riesenblättern, auf denen Käferlein herumspazieren.

Einer der Quellbäche in der Bieselheide

Der grundsätzlich geradlinige Weg weg vom See ist zur anmutigen Kurvenlinie gediehen, dank gefallener Bäume oder anderer Hindernisse. Nach einem Schlenker übernimmt eine wirklich gerade kleine Waldstraße und wartet mit der ersten Überraschung des Tages auf. Eine Toreinfahrt mit zwei Dutzend bunt verbastelten Briefkästen macht neugierig, der Kopfsteinpflasterspur zu folgen, ein Verbotsschild lässt sich nicht entdecken. Hinter dem weit offen stehenden Tor beginnt eine unregelmäßige Reihe verträumter Häuschen und Ziegelbaracken. Schilder bestätigen den bereits verspürten Hauch von Kunst und Kunsthandwerk.

Stadtgrenze zwischen Berlin und Brandenburg

Künstlerhof Frohnau

Am markantesten ist das erste Haus rechts, das ein ganz klein bisschen nach Asien aussieht. Neben der weit geöffneten Haustür hängen zahlreiche Informationen. Direkt daneben hockt über struppigem Grase eine Handvoll Leute zusammen, rund um ein kleines Lagerfeuer, das es nicht gibt, und führt in gedämpftem Ton eine angeregte und zugleich ruhige Unterhaltung. Sie gucken nicht auffordernd, doch auch nicht abweisend, also gehen wir erstmal weiter und schauen uns die Häuser und Vorgärten an, bei denen es Dutzende charmante Details zu entdecken gibt. Im mittleren Gebäude ist eine Art kleiner Konzertraum, wo zum Duft von Ferienlager-Flur ein betagter Flügel im staubigen Lichte steht, umgeben von großformatigen Bildern. In der Phantasie läuft eine gelockte Katze virtuos über die Tasten und überspielt souverän eine kurze Pfotendissonanz.

Hubertussee nördlich von Frohnau

Ganz hinten kauert unterhalb eines riesigen Funkturms ein modernerer Kastenbau, der wahrscheinlich Dutzende eher funktionaler Ateliers beherbergt, denn das Ganze hier ist der Künstlerhof Frohnau, wie uns ein Zettel in A4 verrät. Die umzäunte Kolonie ist klein und äußerst lauschig, das Gelände teils wild und ein Blick in die Hintergärten verheißt, dass sich hier gut kreativ sein lässt. Nichts wirkt aufgesetzt, nichts bemüht.

Posteingang am Künstlerhof Frohnau

Im Mittelgebäude mit dem Flügel gibt es manchmal einen Café-Betrieb, doch das dürfte jetzt noch nicht lohnen, so kurz nach den ersten lockenden, doch zaghaften Lockerungen in Sachen Gastronomie. Vorn im Haus ist eine kleine Ausstellung zur Mauerlinie und dem Drumherum untergebracht, und wie wir auf Anfrage erfahren, hatte auch dort noch niemand mit Besuch gerechnet. Ein durchreisender Kreativer oder so hatte in der vergangenen Nacht einen Unterschlupf vor dem Gewitter gefunden und seinen Schlafsack einfach unterhalb der Exponate ausgerollt, ganz Bohemien. Ein freundlicher Herr mit Hintergrund eilt uns kurz zur Seite und erzählt ein paar Worte zu dem, was hier zusammengetragen wurde. Der kleine Raum ist hinreißend und der Platz für die Ausstellung pfiffig genutzt.

Das markanteste Haus, Künstlerhof Frohnau

Invalidensiedlung

Dreimal gibt es auf dieser Tour den steten Lärmpegel einer rauschenden Landstraße. Die erste ist jetzt die B 96, im Anflug auf Hohen Neuendorf, das schon wieder im Landkreis Oberhavel liegt. Hinter der S-Bahn-Unterführung werden wir aufs Neue überrascht. In länglicher Anordnung stehen dort klar geformte Backstein-Häuser, die ein wenig an die beschaulichen Wasserschlösser des Münsterlandes erinnern, die Haus Bever heißen oder Haus Seppensen, zumindest so in dieser Art. Auch hier trägt jedes einen eigenen Namen, meist sind es Ortsnamen. Zwischen all diesen Namen lässt sich so gut wie kein Zusammenhang herstellen, zumindest auf den ersten Blick. Sandsteinportale gibt es und kleine Auffahrten, geräumige Balkone und herrliche Dachfenster, zum Bahndamm hin auch kleine Gärten.

Vorgarten, Künstlerhof Frohnau

Formal ist die per Bus angebundene Siedlung eingeschlossen vom hohen Damm der S-Bahn und der theoretischen Grenzlinie zwischen Berlin und dem Umland. Im Inneren der Anlage erstreckt sich eine grüne Senke, an deren südlichem Ende ein Gasthaus liegt. Gegenüber lassen sich an einer Schautafel möglicherweise entstandene Fragen beantworten.

In der Invalidensiedlung, kurz vor Glienicke

Schon nach wenigen Schritten treffen wir erneut auf den Mauer-Radweg, lassen ein paar Räder durch und setzen den Fuß nun wieder auf märkischen Boden. Das ist vielleicht geohistorisch nicht ganz korrekt – doch es klingt so schön. Voraus liegen weite Kornfelder, durchzogen von langen Buschbaumstreifen. Unser Weg ist vom hüfthohen Korn zunächst verschluckt, doch dann bald gefunden, als deutliche Treckerspur. Die Ähren, die zugleich weich und fest sind, schummeln sich immer wieder in den Handteller und erzeugen auf der Haut ein Gefühl zwischen Hummelpelz und Hummelbeinen– ein bisschen unheimlich, doch einziehen will man die Arme auch nicht.

Ein Wechsel auf den bezaubernden Pfad hinter der Baumreihe ist bald oder etwas später möglich, als eine andere Trampelspur von Hohen Neuendorf durchs Feld quert. Bald führt die sohlenbreite Linie mit etwas Hinternwackeln und Verneigen zwischen jungen Obstbäumen und alten Rosenbüschen hindurch, erlaubt Durchblicke zum Kirchturm des nächsten Dorfes oder dem gut besuchten Spargelstand an der hastigen Landstraße.

Wegspur im Feld

Stolpe

Waren wir vor ein paar Wochen zum allerersten Mal in Stolpe, dem an der Oder mit dem dicken Burgturm, kommen wir jetzt erneut zum ersten Mal durch Stolpe, diesmal das havelnahe. Hinter der lauten Straße Nr. 2 läuft ein clever gepflastertes Sträßlein entlang alter Gartenmauern direkt vor zur Kirche. Die ist sogar offen und hat im Inneren diese einmalige Stille, verbunden mit dem Duft von altem Holz und noch viel älteren Ziegelsteinen.

Dorfstraße zur Kirche, Stolpe

Ein paar Schritte sind es bis zur Krummen Linde, einem Landgasthaus, übrigens nicht dem einzigen im Ort. Warum das so ist, bleibt unklar und dürfte vielleicht ganz schlicht mit dem hübschen Dorf, der Stadtrandlage und der Nähe zur Autobahn zu tun haben. Wer auf langen, wiederkehrenden Fahrten gern eine wohltuende Pause von der Piste hat und sich ein bisschen auskennt, wird sich diesen Ort wohl schnell merken. Die namensgebende Linde steht direkt im Biergarten, ihr Stamm hat in der Tat die Form einer riesigen Morchel.

In der Kirche von Stolpe

Nur ein paar Häuser weiter ist auch im Dorfkrug der Schankbetrieb wieder angelaufen. Alle Gäste lehnen sich genüsslich zurück ins zurückgewonnene Stück Normalität, das Personal trägt sein Lächeln hinter Stoff. Südlich der Landstraße endet dann das gemütliche Dorf. Eine sachliche Wohnsiedlung leitet über zur eigenen Welt des Golfplatzes mit ihren zugehörigen Kopfbedeckungen, Obertrikotagen und Gefährten. Mitten hindurch führt schnurgerade ein schöner Feldweg, der meist so dicht von Buschwerk umgeben ist, dass die feingetunte Teletubbie-Landschaft drumherum kaum ins Auge fällt. Aus den Teichen, an deren Grund wohl etliche Golfbälle auf Muschelbewuchs warten, knarzen großvolumige Frösche herüber.

Weg zwischen den Rasenflächen und Leuten mit selbstgewähltem Handicap

Kurz vor der Stadtgrenze biegen wir nun selbst auf den Mauer-Radweg ab und bewegen uns durchs einstige Niemandsland, dessen Natur heute nur noch ungläubig zu lächeln scheint angesichts der absurden Nutzung damals. Es wird wieder etwas voller und das Abstandhalten zum Teil etwas slalomartig.

Beim Einmünden eines großen Weges steht der nächste Grenzübertritt an, der direkt in die weit verzweigten Wohnlagen des oftmals noblen Frohnau bringt. Mit schönem System wurde hier scheinbar darauf geachtet, dass so gut wie keine Straße länger als nötig gerade verläuft – vor über hundert Jahren ging dieser Teil von Berlin aus einer Gartenstadt hervor, was eine griffige Erklärung liefert. Die Karte zeigt ein herrliches Gewirr aus Bögen und Schlangenlinien, was sich auch östlich der S-Bahn fortsetzt. Dazu ist die Landschaft leicht bewegt und manches Haus wurde erhaben oder in scheinbarer Hanglage erbaut. Gemeinsam mit den großen Gärten und ihrem teils alten Botanik-Bestand ergibt sich ein gediegenes und gemütliches Flanieren, bei dem hier und da ein Weiher für Abwechslung sorgt.

Frohnau

Wenige Ortsteile von Berlin haben so klar ein Zentrum, das den Namen im vollen Sinne des Wortes verdient. Und das trotz seiner Zweiteiligkeit eine Einheit bildet. Wer hier nicht schnurstracks durchmarschiert, sondern sich auf irgendwas für Gaumen oder Kehle einlässt, läuft Gefahr, in einer ausufernden Pause zu versacken. Andererseits hätte man sich derb in der Thematik verirrt, würde man schnellen Schrittes vorbeilaufen, denn der halbrunde Zeltinger Platz und sein rundes Pendant sind schon etwas sehr Besonderes, nicht einfach nur eine S-Bahn-Endstation, taugen nahezu als eigenes Ziel für einen Ausflug.

Am Bahnhof Frohnau

Fast wie ein Kurviertel umgeben die beiden Ensembles den Bahnhof, auch die Brücke als Bindeglied trägt ihr eigenes Gesicht, mit zwei gegenüberliegenden Cafés. Wasserspiele und Pergolen, Ladenzeilen und ein Casino im Burgturm – das Ganze atmet eine schöne Stimmung vom alten West-Berlin und etwas Kurortcharme. Keineswegs wohnen hier nur die Betuchten – die Frohnauer Mischung wirkt echt und durchaus würzig. Versacken ist übrigens überhaupt kein Problem, denn das Budget-Taxi wartet ja quasi im Keller – die S-Bahn fährt alle zehn Minuten in die Stadt. Oder alle zwanzig nach Oranienburg, wohin ja auch die Sehnsucht manchmal lockt …

Wer noch Lust auf mehr hat und sich nicht vom Wegweiser zum Buddhistischen Haus ablenken lässt – durchaus eine lohnende Option – kommt auf der promenadenbreiten Wiltinger Straße zum Ludwig-Lesser-Park mit seinen alten Bäumen. Der Spielplatz wurde jüngst mit edlem Gerät neu gestaltet und ist mit Kindern durchaus die Anreise wert. Nördlich des Parks bedient ein Sportgelände mit Reithalle, Poloplatz und Schießstand Stadtrand-Klischees, die wiegesagt nur bedingt passen. Bald schon gibt es wieder Kontakt zum Wald, und nach der dritten Lärmstraße und einem vergehenden Weiher wird hinter den letzten Häusern zum zweiten Mal Berlin verlassen.

Vor den Loreleibergen

Loreleiberge

Entlang der Grenzlinie liegt ein breiter Dünenstreifen, wie ein riesiger Buddelkasten, mit vereinzelten Laub- und Nadelbäumen. Dahinter wird das wellige Relief von hochgewachsenem Buchenwald bedeckt, der im späten Mai nur noch wenig Licht zum Boden durchlässt. Nur wenige Schritte später beginnt der Anstieg auf die Loreleiberge, der durchaus seine steilen Passagen hat. Die beiden Gipfel werden von einem undurchschaubaren Geflecht von Pfaden überzogen, die selbst mit Satellitenempfänger die Orientierung herausfordern. Am besten lässt man sich treiben und folgt grob einer Grundrichtung. Bald fällt der Weg ab und verlässt am Wohngebiet Bieselheide den Wald.

Grüner Talgrund der Bieselheide

Bieselheide

Am Rand der Siedlung liegt das Kindelfließ in seinem tiefen Bett, begleitet von einem waldigen Uferweg. Der wechselt bald in einen grünen Wiesengrund, in dem sich doch tatsächlich noch immer das Wasser in den Halmen gehalten hat, so wie früher am Tag, gar nicht weit von hier. Ein kaum zu erahnender Pfad umrundet das kleine Waldstück anders als gedacht, erreicht aber bald wieder die geplante Spur. Die Wiesengräser sind vielfältig, rechts voraus stehen imposante Bäume mitten in der Landschaft, und hier und da ruht Wasser in seinem Graben.

Kurz vor dem Reiterhof bei Schönfließ

Koppelschänke

Über eine charmante Anhöhe kommen wir zum Reiterhof am Kindelwald, der mit dem Kindelfließ und dem Kindelsee in guter Gesellschaft ist. Die an Hufen reiche Außenstelle von Schönfließ liegt idyllisch über einer Senke am Waldrand und ist umgeben von viel Feuchtland. Eine besonders schöne Überraschung, quasi kurz vor Schluss, kündigt sich mit ein paar Schildern an und sorgt zwei Minuten später für etwas Berghütten-Atmosphäre. Hinter einer klapprigen Pforte führt ein schmaler Zugang hinauf zur Koppelschänke, die mit ihrer Aussichtsterrasse von Pferdekoppeln umgeben ist und damit verschiedenste Gästewünsche zugleich bedient. Der freundliche Wirt ist sofort am bootslackierten Tisch und wir leisten uns noch einen kleinen Absacker an diesem zauberhaften Ort – nichts ahnend davon, dass gleich eines der allerschönsten Wegestücke folgt, die man im unmittelbaren Umland finden kann.

Aufgang zur Koppelschänke

Vergleichbare Passagen gibt es manchmal hier und da auf ein paar Minuten Länge, eine vergleichbar lange im schmalen Bachgrund zwischen Nieder- und Hohenfinow. Doch dieser Weg reicht bis hinein nach Schönfließ mit seinem herrlich patinierten Schlosspark, also gut die nächste halbe Stunde – bliebe man nicht ständig staunend stehen. Direkt gegenüber der Pforte zur Schänke biegt im spitzen Winkel dieser Pfad ab, der zunächst den Rand eines feuchten Talgrundes begleitet. Das an sich wäre schon herrlich zum Abend und dem kühlen Ausatmen des Tages. Doch der schmale Weg wird begleitet von uralten Bäumen, die seine Linie ondulieren. Linden sind das und Eichen, später auch Bergahorne und Kastanien, vereinzelt auch Ulmen oder Eschen, von denen einzelne der Wind gelegt hat. Zwischen den kräftigen Stämmen kann der Blick weit schweifen, hinüber zum anderen Rand des feuchten Landes.

Am Naturschutzgebiet Kindelsee

Und auf einmal fließt es nebenher, kommt ein kleines kaum gezähmtes Bachsal und gestaltet sein Bett mal glatt und brav, dann wieder schnellengekräuselt – wenn auch im ganz kleinen Maßstab. Zunehmend tiefer gelegt ist jetzt der Weg, links und rechts wogen die Kornfelder oberhalb der Hänge, und der Wind rauscht in allem, was sich wiegen lässt. Wenn jetzt ein Poet hier so vor sich hin ginge, müsste ihm wohl der Kopf platzen vor Vers- und Motivansätzen.

Im verwunschenen Schlosspark, Schönfließ

Schönfließ

Nach ein paar Gärtchen findet der Weg wieder zurück zum Beegraben, dessen sonderbarer Name so gar nichts verrät von seiner Gestalt und seiner Landschaft und polyglott gedacht allenfalls an die tüchtigen Bienenvölker denken lässt, deren Plattenbauten vorhin am Weg standen. Vielleicht ist das ganz gut so, denn wer weiß, wie voll es auf den Wegen wäre, wenn der Wasserlauf Prinzessinenfließ hieße oder Kükenbach.

Die schüchterne Schönfließer Kirche

Der Schlosspark pflegt den Dornröschen-Schlummer, nicht jeder Pfad findet dabei ein eindeutiges Ende. Dennoch sollte man sich das urige Stück Natur nicht entgehen lassen – schlimmstenfalls geht man eben den Weg wieder zurück, den man gekommen ist – es kann sich jeweils nur um ein paar Minuten handeln.

Brücklein gibt es hier und Pfade, eine Gipfelbank und einen kleinen Stauweiher mit betagter Wehrmauer. Mittenhindurch plätschert das Wasser, das die letzte halbe Stunde nebenher floss, und insgeheim wissen wir nun, dass es einzig und allein das Schönfließ sein kann.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
von Berlin-Ostkreuz per S-Bahn nach Schönfließ (ca. 0,75-1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 96a (ca. 0,5-0,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 22 km (Abkürzungen gut möglich, vielfach per ÖPNV)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Bieselheide

Künstlerhof Frohnau

Invalidensiedlung

Dorfkirche Stolpe – Abendmusiken

Berliner Mauer-Radweg

Rund um den Bahnhof Frohnau

Schlosspark Schönfließ

Einkehr: Landcafé, Schönfließ
Kleiner Cafébetrieb, Künstlerhof Frohnau (manchmal)
Landhaus Hubertus, Invalidensiedlung
Zur krummen Linde, Stolpe
Dorfkrug, Stolpe
div. Gastronomie rund um den S-Bhf. Frohnau
Koppelschänke, beim Reiterhof südlich von Schönfließ

In eigener Sache/Rehfelde: Fünf Kerzen, ein Steinhaufen und die olle Kamelle

Der Monat mit dem kürzesten Namen läuft auf vollen Touren und vervielfacht das sichtbare Volumen aller grünen Blätter und Blättchen im Dreitagestakt, immer und immer wieder. Das heißt nicht, dass wärmende Kopfbedeckungen oder Übergangsjacken schon im schrankdunklen Sommerlager gelandet sind, denn er zeigt sich kühl, der Mai. Das hält viele Blüten lange frisch, die in anderen Jahren schon längst verblüht waren, verlängert dadurch die Gegenwart zahlreicher Düfte des mittleren Frühlings und sorgt für selten erlebte Duftmischungen, z. B. aus Maiglöckchen, Flieder und Apfelblüten, unterstützt von den ersten Heckenrosen.

Schmettausche Feldsteinpyramide in Garzau

Während die Grillen von dieser frostigen Schulter kaum beeindruckt sind und sommerlaut über die Wiesen tönen, tippen sich die vor Wochen eingetroffenen Mauersegler kopfschüttelnd an die Stirn und halten sich fürs Erste bedeckt. Dementsprechend ist eines der Geräusche des gesamten Sommers fürs Erste wieder verstummt, was schließlich zum Stand des Quecksilbers passt. Außerordentlich in diesem Mai sind die üppigen Wolkenbilder, die speziell an den Wochenendtagen gemeinsam mit dem Schattenspiel der Sonne für barocke, sehr dreidimensionale Himmelsgemälde sorgen. Öfter als gewöhnlich klickt der Auslöser, denn selbst wenn kein rechtes Motiv da ist, sind da die Wolken und rechtfertigen jeden dieser Schnappschüsse.

Ganz nebenbei und fern alles Superlativen erinnerte mich ein Blick in alte Kalender daran, dass vor genau fünf Jahren der Wegesammler seinen ersten Bericht in die Welt warf und schon ein bisschen gespannt war, ob das irgendwen außer der Hauptadressatin interessieren würde. Zunächst einmal war es schön, dass die ganze Geschichte in einer komplett neuen Materie rein technisch überhaupt funktionierte, Text und Bilder angezeigt wurden und die noch in Windeln liegende URL von jeder Stelle aufzurufen war. Die Zugriffszahlen lagen zu dieser Zeit geradeso im einstelligen Bereich, und auch das war an sich schon erfreulich.

Blick auf den Gipfel

Seit 2015 hat sich die Übersichtskarte nun erfreulich gefüllt und die Zahl der Beiträge kratzt an der neunzig. Zu den Zugriffszahlen lässt sich sagen, dass es bereits nach einigen Wochen täglich welche gab, was ein weiterer Grund zur Freude war. Für die Weiterverbreitung kamen neben der Mund-zu-Mund-Variante aus einem kleinen Kreis heraus bald schon kleine orangene Pappkärtchen mit QR-Code ins Spiel, die per Reißzwecke an sinnvollen Orten blieben. Und bald von Aufklebern abgelöst wurden. Etwas später kamen noch Bierdeckel hinzu, die an überdachten Rastbänken abgelegt gleich mehrere Formen von Sinn erfüllen – zum Beispiel die empfindlichen Tischflächen vor Kratzern durch verbeulte Trinkflaschen zu bewahren.

Weg von Zinndorf nach Werder

Zwischendurch gab es erfreuliche Episoden in Print- und Funkmedien, die letztlich mitverursachten, dass ein zentrales Fernziel schneller als gedacht Form annahm: im März letzten Jahres erschien im geschätzten be.bra verlag ein richtiges Buch, ein wunderschönes noch dazu, das gleichermaßen für den gemütlichen Sessel oder den bequemen Schuh taugt. Jedesmal, wenn ich es in die Hand nehme, durchströmt mich eine warme Mischung aus Freude und Ehrfurcht, die an Intensität nicht verliert.

Bahndamm in Rehfelde

Nicht zuletzt im wohlwollenden Rückblick auf diese Zeit der ersten Schritte im neuen Medium passte es gut zur Jahreszeit, eine liebe alte Tour der ersten Stunde aus der Schublade zu kramen, etwas daran rumzufeilen und vor Ort zu schauen, was noch gleich war und was sich verändert hatte – fünf Lenze später. Noch dazu kam die erste Möglichkeit seit Monaten, die Bequemlichkeiten eines Gasthauses zu genießen und in diesem Rahmen sogar frischen Spargel zu verschmausen, der doch auch in diese Zeit gehört. Wer sich noch erinnert: es ging um eine Herzensfreundin und einen faustsprengenden Blumenstrauß, davon abgesehen auch damals schon um Spargel, gesungene Töne und Lilien. Obwohl es nur eine Woche früher spielte, sah die Natur so völlig anders aus, war der Raps noch nicht verblüht, dafür das klassische Kornrandbunt bereits komplett.

Zustieg zum Gipfel des Rock

Rehfelde

Die neu frisierte und etwas nach Norden hin aufgepumpte Runde beginnt diesmal nicht in Werder an der gepflanzten Riesen-Lilie, sondern direkt am frisch renovierten Bahnhof Rehfelde, wo ein schöner Rastplatz direkt zur ersten Pause verleitet. Doch die Berge locken, die geschlossene Schranke lässt noch den Zug nach Berlin durch und schon kurz darauf sind am grünenden Hang eines Walles die ersten Mohnblumen zu entdecken, direkt neben der dunkelsten Variante des violetten Flieders.

Mohn auf den Wiesen

Hinter den letzten Häusern erhebt sich voraus das flächige Plateau des Fuchsberges, der als Erhebung mit bloßem Auge kaum wahrzunehmen ist – anders als weitere Berge dieses Tages. Der Fuchs im Übrigen spielt als Namensgeber in Rehfelde an vielen Stellen eine Rolle – vielleicht fände sich in der Heimatstube eine passende Erklärung dazu. Das Rehfelder Wappen jedenfalls erwähnt ihn nicht, beschränkt sich auf das namensgebende Huftier mit dem guten Sprungvermögen.

Gipfelkreuz

Jenseits der stillen Landstraße zieht ein beruhigender Weg in die Weite, die sich zwischen dem Mühlenfließ und dem Dorf Rehfelde mit dem Klumsberg ausdehnt. Links spielen größere Flächen orangenen Mohns und die allerersten Kornblumen mit den Farbkontrasten und werden vom kühlen Wind in Bewegung gehalten, deren Charakter an Absinthgenuss denken lässt. Auf der anderen Seite des Weges steht die klassische Feldrandmischung aus Rot, Blau, Weiß und Gelb bereit, schützendem Korn sei Dank weniger durchgeschüttelt.

Weg am Mühlenfließgrund und Vergleichsbild zum gelblastigen oberen Bildschirmrand

The Rock

Auch dieses Mal wollen wir uns nicht das Gipfelglück entgehen lassen und erklimmen auf einem der bequemen Aufstiege den höchsten Punkt des namenlosen Berges, der von unten gesehen an den aufsehenerregenden und tief hängenden Wolkenbändern zu kratzen scheint. Das Gipfelkreuz befindet sich in Gesellschaft einer Handvoll grundverschiedener Steinbrocken, auf denen sich gut pausieren lässt. Unten vom dichten Wald reiht eine Nachtigall ihre Strophen so laut, als würde sie gegen das ruppige Dauerrauschen einer Autobahn ansingen. Doch rauschen hier nur die Wipfel der Bäume, so intensiv, wie es sonst eher Küstenwälder tun.

Ginster im Walde

Da heute der erste Tag ist, wo Gaststätten wieder Kundschaft empfangen dürfen, war eine Reservierung angebracht, ist somit ein Termin zu beachten. Die Zeit sitzt recht bequem im Nacken, noch ist ein dickes Polster übrig. Dennoch drängen Vorfreude und Hunger, die Pause hier nur kurz zu halten. Daher belassen wir es beim Vernunftschluck und dem Genießen der Aussicht zur Rüdersdorfer Skyline, die heute also gänzlich ohne Gelb auskommen muss. Das gilt auch für die Stelle, die seit fünf Jahren und auf Wunsch einer einzelnen Dame die Leser am oberen Rand des Bildschirms empfängt – und heute völlig anders aussieht, abgesehen vom Wegweiserschild und den charakteristischen Schlängeln des Weges. Links im Wäldchen blüht ausufernd der Ginster und tröstet mit etwas Ausgleichs-Gelb im kräftigsten Dotterton.

Blick in die Wiesen am Mühlenfließ

Bereits am Bahnhof hatte sich ein Lieder-Stein ins Bild geschoben, der erste in einer langen Reihe, die entlang des Liederweges bis nach Werder reicht. Die unverwüstlichen Granitsäulen mit den Metalltafeln sehen aus, als wären sie erst vorgestern installiert worden, und auch dieses Mal summt es lautlos oder leise in Kehle, Kopf und Brustkorb oder fast nur in Gedanken. Angesichts der vollständig verzeichneten Liedtexte kommt man sogar weit über die titelgebende Zeile hinaus, staunt manchmal, welcher Vers aus jenem Lied stammt oder wie viele Strophen es von diesem gibt. Die polnischen unter ihnen sorgen bei Ungeübten sofort für kleine Auffahrunfälle der Zunge und körperlose Fusseln im Mund, allein beim Versuch, eine Zeile ins gesprochene Wort zu murmeln. Doch auch hier dürfte Übung den Meister machen.

Textblatt am Liederweg

Nach dem Passieren eines Misthaufens, der ebenso hoch ist wie der jüngst bestiegene Berg, dazu noch frisch und äußerst deftig für die maiverwöhnte Nase, gibt es kurz nach einer kapitalen Eiche die erste Berührung mit dem Mühlenfließ, das auch heute in Bewegung ist und hier aufs passende Lied trifft – ich sage nur klipp-klapp. Eine kleine Schnelle, gebaut aus gerade noch wurffähigen Feldsteinen, sorgt für untermalendes Gurgeln.

Kirchhof in Zinndorf

Falls keine Weide abgezäunt ist, kann man gleich links abbiegen und das Bächlein ein Stück begleiten. Hinter einem nicht immer offenen Tor endet der Weg dann zwischen Hintergärten und Viehgattern und kommt gleich darauf an der Straße heraus. Von hier bis zur Tränke sind es jetzt nur noch ein paar Minuten. Trotz Reservierung sind wir hochgespannt, denn die letzte reguläre Einkehr ist drei Beiträge bzw. gut zwei Monate her.

Zinndorf

Doch alles klappt, alle geforderten Bedingungen sind erfüllt und das Essen schmeckt so gut, wie es das jedes Mal tat. Der Chef bedient heute selbst, was den besonderen Bedingungen des Jahres geschuldet ist. Durchaus besonders ist auch das erste von frischem Schaum gekrönte Kaltgetränk seit März.

Unterwegs nach Werder

Am Ortsausgang schickt ein betagter Traktor in dumpfem Prusten die Zündungen seines Einzylinders durch die Röhren, denen sich wie stets bei solchen Motoren gut folgen lässt. Anfangs bleibt unklar, ob es sich tatsächlich um eine Mobilie oder doch nur um das stationäre Triebwerk für einen Transmission-Riemen handelt, doch irgendwann bewegt sich der Ton und der dürre Oldtimer stakst auf hohen Beinen gen Dorfmitte, nunmehr mit erhöhtem Puls.

Weg von Zinndorf nach Werder

Entlang des gediegenen Weges von Zinndorf nach Werder hätte sich diesmal nicht der Ansatz eines Blumenstraußes pflücken lassen, denn Grün in zwei Dutzend Schattierungen ist einfach nicht bunt genug. Doch der Geburtstag der erwähnten Freundin liegt schon eine Woche zurück und wir können entspannt den tänzelnden Weg genießen, an dem inzwischen viele junge Bäume nachgepflanzt wurden, die einmal die Lücken zwischen den großen alten Kronen füllen werden. Voraus rückt bald die stämmige Kirche ins Bild, zu deren Füßen in der Form eines riesigen Wappens eine Lilie wächst – gepflanzt als Rabatte. Nicht ohne Grund, denn neben dem „Weg der Lieder“ läuft über größere Strecken auch der Lilien-Rundwanderweg mit, der unsere heutige Norderweiterung noch ein Stück begleiten wird.

Schattiger Weg nach Garzau

Werder

In der Mitte von Werder zählt ein dunkelrot leuchtender Schilderbaum eine ganze Latte schöner Worte auf, die links und rechts attraktive Ablenkungen versprechen. Doch wir bleiben geradeaus auf der Spur und treffen hinter der Bahn alte Bekannte wieder, darunter einen stämmigen Eichenbaum, seinerzeit ein schattiger Pausenplatz, an einem Tag mit dreißig Grad und umgeben von einem Meer aus gelbem Raps. Zwischen die satten Grüntöne mischt sich heute nur das Weiß der Kastanienkerzen und des Weißdorns, die gemeinsam eine neue Duftmischung beisteuern.

Garzau

Kirchhügel in Garzau

Rund um die Garzauer Kirche liegt die erste Rasenmahd, die ganze Dorfmitte ist erfüllt vom würzigen Duft, die mäherische Tüchtigkeit findet derweil in den Vorgärten ihre Fortsetzung. Schräg gegenüber geht es zum Gutshaus, das in letzter Zeit durch verschiedene private Hände ging und ganz gut in Schuss ist. Der zugehörige Schlosspark ist umzäunt, doch auch außerhalb lässt es sich schön durch den Wald flanieren.

Schmettausche Feldsteinpyramide

Die eigentliche Besonderheit im Orte, die ganz standesgemäß einen Superlativ hält, ist erst seit vergleichsweise kurzer Zeit wieder als solche zu bestaunen und befindet sich ein paar Minuten entfernt. Zu verdanken ist ihr heutiger Zustand einem rührigen Verein, der aus einem scheinbar strukturlosen Steinhaufen ein echtes Schmuckstück mit markanten Farbkonturen zauberte, das als größte Feldsteinpyramide im ganzen Land gilt und über verschiedenartige Innenräume verfügt.

Feldsteinpyramide überm Weinberg

Die Pyramide thront auf einem Hügel, an dessen Südflanke ein kleiner Weinberg angelegt wurde. Den jungen Rebstöcken haben die frostigen Kapriolen der letzten Wochen ziemlich mitgespielt und es bleibt zu hoffen, dass sie halbwegs heil davonkommen. Direkt davor erstreckt sich eine weite Wiese mit schöner Rastbank, auf der gerade eine hinreißende Tafel gedeckt ist, mit allem, was dazugehört.

Die kleine Gesellschaft drumherum ist bunt eingekleidet, die Kinder in ständiger Bewegung, und so erinnert das Bild ein wenig an ein Gemälde. Vom benachbarten Feuchtland kommen einige der gut gebauten Mücken herangeschwirrt, doch der Wind zerstreut sie, noch ehe sie in den heiteren Bildaufbau eingreifen könnten. Bestiegen werden kann die geländerlose Pyramide mit ihrer Aussichtskanzel übrigens nicht, zumindest so lange jemand guckt. Und irgendjemand guckt bestimmt immer. Doch das geht in Ordnung, denn mit Geländern sähe das trotz klarer Symmetrien leicht archaische Bauwerk irgendwie zu brav aus, könnten die Farbkonturen nicht so wirken, wie sie wirken sollen.

Südflanke der Feldsteinpyramide

Nach dem Verlassen des Pyramidenhügels zieht sich der Weg durch schattige Wälder verschiedener Gestalt im weiten Bogen rund um den Weinberg, der hier nur so heißt, wie er heißt, doch durchweg reblos ist. Vielleicht sollte er seinen Namen mit dem des Pyramidenhügels tauschen, ganz gütlich. Fern vom Ortsrand her kommt die ganze Zeit ein nerviges Maschinengenöle, das man gern einem gewissen Zweck zuordnen würde, um es entspannter zu ertragen. Nach zwanzig Minuten scheint die Arbeit getan, die gewonnene Ruhe ist regelrecht wohlig, wie kühle Salbe auf einem hartnäckigen Mückenstich. Am Ende des Waldes zeigt sich hinter weiten Wiesen eine stille Straße, die sofort den Wunsch an Fahrradfahren weckt und zwei Gedanken später Max Raabe ins Landschaftsbild montiert, natürlich passend gekleidet. Jenseits der Straße ist anhand allerlei Buschgewächs eine feuchte Senke zu erahnen, die selbst kaum sichtbar wird, so dicht ist der blühende Botanikgürtel.

Naturschutzgebiet Zimmersee

Ein zu sammelnder Weg lockt uns erfolgreich, wird immer schmaler, doch versiegt nie ganz. Zum verblassenden Försterpfad eingelaufen drückt er sich dicht am nassen Land vorbei und erlaubt ein paar zaghafte Einblicke in den sumpfigen Kern. Rund um die Pfadspur wurden winzige Bäumchen gepflanzt, denen dünne grüne Röhren im ersten Lebensabschnitt Schutz vor hungrigen Mäulern geben und trotzdem Licht durchlassen. Passend dazu steht weiter hinten ein junger Rehbock im klaren Kontrast vor dem Buschwerk, horcht erst, schaut dann und wittert schließlich, bevor er nach einer weiteren Gedenksekunde aus dem Stand einen Sprung hinlegt und in Sekundenfrist verschwunden ist.

Jüngster Nachwuchs am Zimmersee

Rehfelde-Siedlung

Bald sind größere Wege erreicht, kurz darauf der Rand von Rehfelde-Siedlung. Rehfelde, der Ort mit den vielen Abteilungen, der quasi von zwei Stationen der Regionalbahn bedient wird. Einer davon ist der S-Bahnhof Herrensee, der Ausflügler leicht aufs Glatteis führen könnte, denn er bezieht sich auf den Strausberger Ortsteil und weniger auf den ein ganzes Stück entfernten See selbst, der eher am S-Bahnhof Strausberg Hegermühle liegt. Herrensee hingegen ist noch einiges weiter von Strausberg weg und würde glatt als Rehfelder Ortsteil durchgehen. Und der Bahnhof Strausberg wiederum liegt am Rand von Strausberg Vorstadt, zwei S-Bahnhöfe oder siebzehn Straßenbahnminuten entfernt vom eigentlichen Strausberg. Also Obacht Ihr Ausflügler mit den Bahnhöfen rund um Strausberg!

Glasierte Baumscheibe am Lehrpfad, Rehfelde

Naturlehrpfad Rehfelde

Einige kläffende Hunde und laufende Heckenscheren später stoßen wir völlig unerwartet auf einen kleinen und feinen Ort, der allein schon die ausflüglerische Anreise nach Rehfelde rechtfertigen kann, insbesondere mit Kindern. In einem größeren Waldstück inmitten der Siedlung wurde ein zauberhafter kleiner Naturlehrpfad angelegt, der so gar nichts hat von Schlaubergerei und dozierendem Zeigefinger. Zwischen verschiedenen kleinen Plätzen und großen Findlingen, einem Rodelberg und einem Spielplatz ziehen sich nadelweiche Pfade durch den Wald, die Geradlinigkeit vermeiden, sich zwischen Baumstämmen hindurchwinden und von Walderdbeeren und Himbeergestrüpp begleitet werden.

Lehrpfad am Rand von Rehfelde

Zwölf Stationen gibt es entlang des Weges und im Eingangsbereich am Erlebnisplatz ein kleines Kunst- und Meisterwerk, erst seit Kurzem. Sinnenfreudig wurde hier eine mehr als metergroße Baumscheibe der 165 Jahre alten Franzosenfichte mit mehreren Schichten feinsten Bootslacks überzogen, der auch diverse breite Risse ausfüllt, wie fossilienaltes Harz. Zuvor wurden jedoch an den entsprechenden Baumringen beschriftete Pfeile eingearbeitet, die Zeitabstände auf gleichermaßen einfache und eindrucksvolle Weise anschaulich machen. Nicht zuletzt staunt man über den geringen Abstand vom letzten markierten Eintrag 1968 bis zum äußeren Rand, wo einst die Rinde ansetzte. Die zum Streicheln animierende Oberfläche dürfte allen Wettern für lange Zeit trotzen.

Lehrpfadspur zum Spielplatz

Nach dem Verlassen des Waldes läuft uns noch zwei weitere Male der verbale Rehfelder Fuchs über den Weg. Beim großen Kaufmannsladen öffnet sich kurz die willkommene Option auf einen heißen Kakao, doch leider kommen wir ein paar Minuten zu spät, die Maschine für die heißen Sachen ist schon kalt und erwartet blitzeblank den nahen Feierabend. Doch der Tag, er ist auch heute noch jung und ließe sich durch eine Stippvisite in Strausberg passend krönen. Mit der Bahn wären das entlang einiger der erwähnten Bahnhöfe gut eine halbe oder knapp eine ganze Stunde, mit dem Auto geht es etwas schneller. Das ist heute sehr willkommen.

Strausberg

Ein paar Dörfer später sitzen wir in Strausberg an der Stelle, wo sich Straßenbahn, Bus und Fähre am nächsten sind. Die Konditorei an der Ecke mit Fährblick schließt in zehn Minuten, doch erhalten wir auf alle zaghaften Anfragen ein herzhaftes Ja samt aller Zeit, die wir brauchen, begleitet von einem breiten Lächeln. Und sitzen kurz darauf bei Cappuccino, Kuchen und Kakao, während die Fähre ablegt zum stets leicht melancholisch klingenden Ort Jenseits des Sees. Eine Amsel malt die dazu passende Musik.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz (0,5 Std.) nach Rehfelde

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 1 (ca. 0,75-1 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen gut möglich)


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Links:

be.bra verlag

Heimatstube Rehfelde

Deutsch-polnischer Liederweg

Lilien-Rundweg

Pyramide Garzau

Naturlehrpfad Rehfelde (PDF)

Einkehr: Gasthaus Zinndorf, Zinndorf
Zur alten Linde, Rehfelde (am Bahnhof)

Löwenberg: Obstnachwuchs, die Schienengabel und der Hufe Staub

Der Frühling ist ja jedes Jahr aufs Neue eine ganz besondere Zeit. In diesem Jahr ist er zudem eine ganz spezielle Zeit, in der vieles Selbstverständliche auf unbestimmte Dauer in Frage gestellt wird und das Wort Abstand eine übergeordnete Rolle spielt. Das Handeln aller entscheidet so über die Wiederkehr und den Grad gewohnter Umstände, und gelebte Solidarität kann ganz direkt auch eigenen Interessen dienen.

Uferweg über dem Kleinen Lankesee

Wem im ungeplanten Stillstand irgendwann doch die Decke auf den Kopf fällt, weil der letzte Staub gewischt, jede alte Zeitschrift ausgelesen und alles im Kleiderschrank gebügelt und sinnvoll abgelegt ist, und wenn dazu noch alle Wonnen des Frühlings ins Freie locken, gibt es einen gewissen Spielraum, der sich mit gutem Gewissen nutzen lässt. Mit den derzeit lose belegten Regionalzügen sind in weniger als einer Stunde viele Orte zu erreichen, wo ein Ausschwärmen ohne nennenswerten Kontakt zur eigenen Spezies möglich ist.

Junge Obstallee am Rand von Löwenberg

Wer befürchtet, im berlinnahen Umland und abseits einschlägiger und daher überfüllter touristischer Auslaufgebiete wie dem Briesetal oder rund um Strausberg auf Abwechslung verzichten zu müssen, darf gerne staunen – so zum Beispiel rund um Löwenberg, nur gute fünfzig Bahnminuten vom Berliner Ostkreuz. Gerade jetzt, im späteren April, muss hier weder auf blühende Obstbäume und tiefe Wälder noch auf Talgründe voller Buschwindröschen oder wildnisumrankte Waldseen verzichtet werden.

Obstallee nach Löwenberg

Der Frühling zeigt dieser Tage sein gesamtes Spektrum, präsentiert zwischen kalten Nächten und milden Tagen Eindrücke von Vorfrühling bis Frühsommer und wird dabei von dieser unwiderstehlichen Mischung aus kräftiger Sonne und kühlem Wind unterstützt. Alles, was in den Baumkronen oder darunter am Boden blühen kann, hat seine ganze Kraft in diese vielfältige Pracht gelegt, lockt zum detailbestaunenden Niederknien oder dem Spitzen der Zehen, um mit der Nase wenigstens die untersten Kirschblüten zu erreichen. Zudem scheinen gerade alle Vögel da zu sein, die man so kennt, und etwaige exotische Klänge lassen sich spielerisch mit Hilfe des mobilen Endgeräts ergründen.

In Sachen Gleis betrachtet liegt Löwenberg am dreifachen Scheideweg zwischen verlockenden Namen wie Zehdenick und Templin, Gransee und Fürstenberg oder Lindow, Rheinsberg und Neuruppin. Alles ziemlich große Kaliber, bei denen sich im Kopf sofort die Bilder öffnen und im Nu mögliche Ausflugstage künftiger Monate verplant scheinen. Wenn auch das beschauliche Löwenberg keine vergleichbar plakativen Pfunde vor sich herträgt, braucht es sich mit seiner Umgebung überhaupt nicht zu verstecken – was ich bis dahin selbst nicht wusste.

Breitschultrige Löwenberger Kirche

Neulöwenberg

Der alte Bahnhof nahe des Dorfkerns, wo der Bummelzug zu Zeiten von Tucholskys Clärchen und Wölfchen sicherlich noch hielt, ist seit Längerem stillgelegt. Vom Gabelungs-Bahnhof in Neulöwenberg ist es also ein Stück bis zur stämmigen Kirche mit ihren breiten Schultern. Wer bei blühenden Obstbäumen so gar nicht ins Schwärmen kommt, kann gleich vom Bahnhof den Zacken über Löwenberg gut abkürzen und landet nach einer guten Viertelstunde entlang der Bahn und einem schönen Alleestück direkt im ersten Wäldchen.

Karl-Marx-Platz in Löwenberg

Für alle anderen, nicht zuletzt auch als kleiner Ausgleich zur abgesagten Obstblüte der Kehlenfreuden rund um Werder, lohnt sich der Weg über Löwenberg in dieser Hinsicht ganz besonders. Hinter den letzten Häusern führt ein Feldweg hinüber zum Wald, dessen Rand bereits von großen, teils sehr alten Obstbäumen begleitet wird, darunter ein wirklich bemerkenswerter Wildapfel. Auch der schöne, niemals ganz gerade Alleeweg vom Waldrand nach Löwenberg hält einige alte Kirschbäume bereit, zudem schöne Weitsichten nach Süden.

Blick auf das Schloss der Kinder, Löwenberg

Löwenberg

Vorbei an etwas Gewerbegebiet und dem Bäcker ist es nicht weit bis zur Ortsmitte, wo unumstößlich die breite, doch geduckte Kirche steht, die aus der Ferne daher kaum auszumachen ist. Kurz hinter dem Karl-Marx-Platz beginnt ein hinreißender Schleichpfad, der in Sichtweite am Schloss vorbeiführt. Wo heute tagsüber die Kinder spielen, stand einst eine Wasserburg, deren Fundamente auch das heutige Schloss tragen.

Löwenberger Schleichweg

Nach dem Überqueren der B 96 folgt ein weiterer Verbindungspfad. Mit den ersten rosapludrigen Kirschbäumen im Rücken liegt kurz darauf der Ortsrand voraus. Der kündigt bereits hier die sanft geschwungene Landschaft an, die über den Tag einige reizvolle Höhenmeter ansammeln wird. Mehrfach gabelt sich der breite Weg, und hinter dem tieferliegenden Sportplatz öffnet sich die Weite. Der Weg wird schmaler, zugleich beginnt beidseitig eine Reihe junger Obstbäume, die fast alle ein paar erste Blüten in die Sonne halten.

Links der Wegspur sind die Bäumchen von einem heranwachsenden Heckengürtel umgeben, rechts stehen sie für sich und lassen den Blick frei auf einige Stall-Ruinen, die zwischen Blütenkronen hocken und aus der Ferne fast etwas mediterran wirken. Von Pflaumen über Kirschen bis hin zu Äpfeln und Birnen ist alles dabei, dementsprechend strahlen die Blüten mal grünlich weiß, mal mit einem Rosahauch oder eben Reinweiß. Selbst unter den kleineren Bäumen summiert sich schon ein kleiner, doch vernehmbarer Bienenlärm.

Stallruinen mit Blütenpracht

Am Ende der Baumreihe entsteht links eine größere Fläche mit Obstbäumen, bereit liegen große Haufen von Rindenmulch sowie wuchtige Holzbalken, stark wie Bahnschwellen – das macht neugierig, und der nächste Besuch sollte noch in Jahresfrist erfolgen. Kaum zu merken ist dabei der beständige Aufstieg auf die benachbarte Anhöhe der Wackerberge – vielleicht liegt hier der sagenumwobene Löwenberg. Ganz nebenbei wird der Weg jetzt gemütlich, und auf dem Gipfel warten ganz standesgemäß ein paar der Staanmanndl, wie man sie aus dem Hochgebirge kennt. Wir erhöhen jeweils um einen Kiesel.

Gipfelglück auf dem verkappten Löwenberg

Kurz hinab zum Wald, auch dort blüht es weiß am Eintritt in die gute Mischung aus dunklen Fichten und zartgrünen Wipfeln. Kurz darauf quert am schmollenden Schilderbaum der Wanderweg nach Neulöwenberg, die eingangs erwähnte Abkürzung. Die sonnenwarmen Nadeln durchströmen den Wald mit ihrem würzigen Duft, der Schatten sorgt zugleich für angenehme Kühle. Ein bunter Specht stärkt die klassische Geräuschkulisse und eine laute Hummel fliegt von links nach rechts. Zeit für die erste Pause, wie gehabt auf einem liegenden Baumstamm. Erstmals ohne heißen Tee, den Champagner des Waldes – das geht in Ordnung, im fortgeschrittenen April.

Eintritt in den Wald

Der Wald öffnet sich zu einer länglichen Wiesenlichtung, an deren Ende hin und wieder ein Zug durchs Bild saust – mal ein kleines blaues Heidekraut, mal ein langer roter Regionaler. Wider Erwarten führt der Weg nicht über die Bahn, sondern unter ihr hindurch, während sich links auf der hügeligen Wiese ein kleines Kieferngehölz mit gelbem Blütenteppich schmückt, der nach gelben Kamillenblümchen aussieht. Links hinten ist ein spitzer Turm zu sehen, welcher der Karte nach nicht zu einer Kirche gehört, sondern zur Weißen Villa. Hinter der Unterführung beginnt die nächste Obstallee, ebenso jung wie die von vorhin und ebenso bunt gemischt. Vorn an der Straße stehen dann einige erfahrene Verwandte, die schon richtiggehend Schatten spenden.

Kamillenversammlung am Kiefernfuß

Jenseits der Landstraße lässt sich mit Blick auf ein kleines Bachtal eine Fläche von Trockenrasen queren, der unter den Sohlen knirscht. Viele Stellen sehen aus wie die perfekt getarnten Nester der Feldlerchen, so dass wir extra vorsichtig gen Waldrand staksen. Im Sommer dürfte das hier eine illustre Blumenmischung sein, durchzogen vom Zirpen und Schwirren der verschiedensten Sechsbeinigen.

In einer kleinen Senke treffen wir auf erste Buschwindröschen, dahinter erinnert die Landschaft an einen weitläufigen Park. Mitverantwortlich ist der Grüneberger Graben, ein winziger Bachlauf, der im Oberlauf komplett trocken liegt, in Wiesengrund jedoch ein wenig Wasser führt. Auf platter Wiese folgt der Weg dem duftenden Waldrand und taucht bald ein. Weiter hinten ziehen zwei Kraniche ihre Kreise und haben bald ihren Platz gefunden.

Wiesengrund des Grüneberger Grabens

Da im Wald der Bachlauf trocken liegt, ist auch der begleitende Weg am Verblassen, gerade noch erkennbar. Das Verlassen des sicheren Hauptweges belohnt kurz darauf der Blick ins Detail, das bald größer und größer wird und für Herzensfreude sorgt. Über große Abschnitte ist der Talgrund bedeckt von weißen Anemonen, vereinzelt auch mit Waldsauerklee, dessen zarte Blüten mit ihren hauchdünnen Streifen wirklich hinreißend sind und irgendwie an Jugendstil denken lassen.

Da wir ohnehin am Boden rumkrauchen, finden sich auf Augenhöhe auch noch ein paar der selten anzutreffenden violetten Anemonen, die etwas so aussehen, als wenn Männer das erste Mal eine Waschmaschine mit überwiegend weißer Kleidung befüllt haben. So angefüttert bleiben wir auf dem verwitterten Weg am einstigen Bachgrund und verfolgen unterhalb jungen Buchenwaldes das kleine Spektakel über fast einen Kilometer. Es ist einfach herrlich. Und der ins Wasser gefallene Mittelgebirgsurlaub mit seinen reichen Blütengründen ein bisschen ausgeglichen.

Blütenpracht und Pollenschatten im trockenen Bachbett

Luisenhof

Ganz am Ende des Talgrundes finden zwei Wege zusammen und vergleichsweise normaler Wald übernimmt. Ein paar Minuten später öffnet sich nach links eine Hangweide, die nach Reh aussieht, jedoch für Pferde gedacht ist. Am Spielplatz des Luisenhofes zeigen benachbart zu einer dunklen Fichtenreihe alte Treckerreifen, wie sinnvoll und langlebig sie auch abseits des Ackers sein können.

Auf der Landstraße ist kaum was los. Drüben stehen in einsachtzig Abstand eine Radfahrerin und ein Autofahrer und werfen sich im Plauderton und mit gekniffenen Gegenlichtaugen die thematischen Wortgruppen hin und her, die wohl dieser Wochen zwischen den meisten Menschen ausgetauscht werden, ganz unabhängig von inneren und äußeren Merkmalen. Auch der Abstand dürfte jeweils ähnlich sein.

Der Große Lankesee bei Liebenberg

Weitaus interessanter als der Sichtkontakt zur eigenen Art ist der zum ansehnlich dahinter liegenden Wasser. Einige Meter tiefer schmiegt sich der Große Lankesee in die Landschaft, eine bewaldete Halbinsel ragt weit hinein, bis fast zu seiner Mitte. Von einer der zahlreichen Uferstellen, die sich für eine Pause oder mehr anbieten, fällt jenseits markanter Sandbänke der mondäne Hügel mit dem Seehaus in den Blick, von dem ein hübscher Pfad zum Gut Liebenberg mit seinem Schloss führt und dabei den Weißen See streift. Wem bei Liebenberg nicht als erstes der Weihnachtsmarkt einfällt, kann sich für den Dezember schon mal eine wohlwollende Notiz im Kalender machen – falls dann derlei Veranstaltungen mit gemütlichem Gedrängel wieder statthaft sind.

Uferweg am Großen Lankesee

Ein schöner Uferweg nimmt seinen Lauf, links vom kleinen Hang leuchten ein paar gelbe Anemonen herüber, und mitten auf dem See starten gerade spektakulär zwei Schwäne, mit allem Tumult, der dazu gehört. Die kleinen Wellen erreichen mit zartem Brandungsgeplätscher die Uferkante. Beim Eintritt in den Wald ändert sich der Charakter des Weges, bestimmt von manchem dichten Nadelgehölz. Ein Schilderbaum mitten im ansteigenden Wald verlangt Entscheidungen, die Tageskondition entscheidet für den Mittelweg, der in diesem Fall nach rechts führt, hin zum trockenliegenden Bruchwald des Moddersees. Abseits des Weges sprießt selbstbewusst saftig grünes Gras zwischen den Stämmen, oben in den Wipfeln jagen sich zeternd zwei Eichelhäher und im Schilfgürtel des Moddersees raschelt es.

Trockener Bruchwald am Moddersee

Zwischen breiten Eichen nimmt der Weg eine weite Kehre, die bei einem hüfthohen Gedenkstein endet. Von rechts blinzeln die silbernen Wellen des Papensees durch die Stämme. Der kleine Waldsee liegt unter einem Hang mit Fichtenwald, was insgesamt für eine schöne Stimmung sorgt. Von vorne kommen zwei weit ausschreitende Damen mit einem Hund. Eine der Damen spricht sehr laut über sie selbst Betreffendes, der Hund im Gegenzug verhält sich um so stiller. Doch der Ausgleich gelingt nicht, wir ziehen daher das nächste Abbiegen im Sinne schweigenden Waldes leicht vor und heben das vorausliegende Seeluch für den nächsten Besuch auf.

Gedenkstein nahe des Papensees

Zur Belohnung dürfen wir erleben, wie fünf Dutzend Rehe einen Steinwurf vor uns quer über den Weg jagen und dabei so viel Staub aufwirbeln, dass die Schwaden noch auf Gesichtshöhe verweilen, als wir die Stelle passieren. Es duftet nach aufgewühlter Erde. Noch zweimal sehen wir sie weiter hinten im Wald, und jedes Mal scheinen es ein paar mehr zu sein. Kurz darauf sind alle wie vom Erdboden verschluckt.

Hinter der nächsten Kurve liegt glänzend der Spiegel des Kleinen Lankesees, der im Vergleich zu seinem großen Pendant mitten im Wald liegt und etwas Wildnis ausstrahlt. Zunächst begleitet ein Pfad die Uferlinie, weicht bald als breiterer Weg einem Hügel aus und führt oberhalb einer schilfigen Bucht zu einer Reihe von Birken, die mit ihrem ersten Laub und dem zarten Gras am Boden für luftiges Licht sorgen.

Birkenlicht am Kleinen Lankesee

Bald übernimmt wieder tiefer Fichtenwald, der Weg steigt an und die Flanke zur Linken fällt erstaunlich steil ab. Ein Stück Weges ist samt Schilderbaum umzäunt, doch links kommt man auf einem Tierpfad vorbei. Hier nun beginnt so ein Wald, der perfekt ist fürs Versteckspiel – hohe Kiefernstämme, die auf einem welligen Teppich aus weichem Gras, Moos und Nadelboden stehen. Hier und da liegen Ansammlungen von Kienäppeln, die bei diesem Spiel durchaus verräterisch sein können. Mitten hindurch spurt im leichten Auf und Ab ein Grasweg, der eine sanfte Kurve an die nächste reiht und am liebsten nie aufhören soll. Das Licht ist diffus, der Boden unterm Fuß weich und ein Duft von Gras und Kien zieht mittendurch.

Vom Ende der kurvigen Linie ist es nicht weit zum Waldrand, dem sich mit freiem Blick bis zur kleinen Kapelle am Friedhof folgen lässt. Von hier aus sind vielleicht schon die neugierigen Köpfe von Straußenvögeln zu entdecken, die am Ortsrand ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Mit dem markanten Wasserturm ist das Ziel im Blick. Das ist keinesweges selbstverständlich, denn dass dieses hübsche Relikt aus der Zeit der Dampflokomotiven noch steht, ist nur einem jungen Bahner zu verdanken.

Wiesiger Kiefernwald bei Neulöwenberg

Übrigens: 1912 wurde der Turm fertiggestellt, und im selben Jahr tat Kurt Tucholsky den Schritt vom Journalisten zum Schriftsteller und veröffentlichte sein Büchlein „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“. Das verkaufte er, gemeinsam mit seinem Illustrator Szafranski, selbst in einer „Bücherbar“ auf dem Kurfürstendamm, unter Zuhilfenahme von Spirituosen – allerdings nur als Jux und nur für einige Wochen. Bedenkt man nun den zeitlichen Weg vom ersten Gedanken eines Autors bis zum gedruckten Buch, dürften Clärchen und Wölfchen diesem Turm wohl nicht begegnet sein. Und doch erinnert er irgendwie an sie, bis heute.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn ab Berlin-Ostkreuz (ca. 0,75-1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 96 (ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 19,5 km (ohne Löwenberg 14,5 km)


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Links:

Ein Mann mit Wasserturm (MOZ-Artikel)

Einkehr: Straußenfarm Neulöwenberg
Zu den drei Linden, Löwenberg
Ralles Brutzelbude (Imbiss), Löwenberg
etwas abseits: Zu den drei Linden, Grüneberg

Eberswalde: Mauerfährten, Treppenhöhen und das Holz im Sinne

Der Winter hat so vor sich hingedümpelt, als wüsste er nicht recht wohin mit sich. Hier mal so was wie Kälte ausprobiert, da etwas schnellen und launischen Wind, doch alles wenig motiviert. Bei so viel Unentschlossenheit hat die Natur dann eine Entscheidung getroffen und auf Vorfrühlingsmodus umgeschaltet – im Wissen, dass es sicherlich nochmal kurz kalt wird. In den Vorgärten und auch mitten im Wald tummeln sich bunt, doch bienenlos all die üblichen Verdächtigen wie Schneeglöckchen, Krokusse und sogar vereinzelte Märzenbecher. Die gelb leuchtenden Winterlinge hingegen sind schon wieder Schnee von gestern und haben sich nur zu einer knappen Saison um den Wechsel vom Januar zum Februar bitten lassen.

Schillertreppe über Eberswalde

Während nur Kenner wissen werden, ob da noch die Wintermeise oder schon die des Frühlings zu hören ist, setzt die allererste Lerche hoch überm Feld einen mehr als eindeutigen Akzent. Muss alles nichts heißen, doch selbst wenn der Winter sich endlich zu einer kurzen oder längeren Vorstellung entschließen will, sollte er nunmehr auf keine Art von rotem Teppich hoffen. Das goldene Abendlicht über schneelosen Landschaften jedenfalls weckt an den schönsten der Tage den innigen Wunsch, die Zeit für eine Weile anzuhalten.

Der Großteil dieses Februars jedoch gibt sich durchwachsen, graubetont und luftbewegt. Wer also nicht zu sehr von den Elementen herumgescheucht werden möchte, sucht sich für längere Aufenthalte im Freien am besten hochgewachsenen Wald oder ein eingeschnittenes Tal und packt dazu noch ein Stück sehenswerter Siedlung.

Kurz vor dem Schwärzetal

Eberswalde

Eberswalde wird bei gaumenfreudigen Leuten mit gewissen regionalen Kenntnissen die geschmacklich kontrastierenden Bilder von Würstchen und Spritzkuchen aufploppen lassen. Ob dieser nun tatsächlich in Eberswalde das Licht der Konditorenwelt erblickte, sei dahingestellt. Sicher ist jedoch, dass man hier im Ort fast schon zwei Jahrhunderte Erfahrung mit diesem speziellen Fall der kleinen Sünde hat.

Hinterlässt so ein aufgekreppter Rundling in den meisten Fällen fettige Finger sowie ein schweres Gefühl im Magen, gelingt es den hiesigen Ölgebadeten, äußerlich staubtrocken und dennoch saftig, formschön und geschmacklich charaktervoll zu sein. Zudem stellt der durchschnittliche Magen nach dem Genuss auch keine schwerwiegenden Quittungen aus. Hinterher spricht also nichts gegen ein oder zwei Eberswalder Würstchen – zum Neutralisieren.

Zahme Wildnis im Schwärzetal

Wer die Stadt nur von einer Stippvisite, vom Besuch des Zoos oder Forstbotanischen Gartens oder einfach vom langgezogenen Durchfahren kennt, dem werden dennoch die markanten Oberleitungen im Gedächtnis geblieben sein, in denen aus heutiger Sichtweise jüngere Vergangenheit und nahe Zukunft zum herzlichen Handschlag ausholen. Die beiden O-Bus-Linien ziehen sich durch den größten Teil des weitläufigen Stadtgebiets. Das schlichte und geniale Prinzip ist bis heute faszinierend.

Tor zum Forstbotanischen Garten

Wer hingegen schon öfter hier war und meint, Eberswalde halbwegs zu kennen, für den ist meist dennoch einiges übrig, das sich entdecken lässt. Denn die kleine Stadt am Finowkanal ist, abgesehen von ihrer einladenden Umgebung, vielseitig und dabei naturräumlich noch schöner gelegen, als man auf den ersten Blick schon zu erkennen glaubte. Um das zu überprüfen, stehen neben dem knapp einstündigen Stadtrundgang zwei Stadtrundwege bereit, die bestens ausgeschildert sind und wahlweise zwei bis drei Stunden oder das Doppelte davon füllen.

Alpenexkurs im Forstbotanischen Garten

Während die Langversion beherzt ins Umland ausschwärmt, beschränkt sich die kurze auf das Gebiet zwischen Marktplatz und Zoo. Und lässt dabei keine Wünsche offen – die Route wurde mit Ortskenntnis und wegebauerischem Geschick konzipiert und trägt ihr Herz am rechten Fleck. Trotz der überschaubaren Länge liegen viel Natur, verschiedenste Landschaften sowie viel Sehenswertes am Weg. Die Tour hier zeigt nur geringfügige Abweichungen vom Kleinen Stadtrundweg, welche der Neugier auf möglichst viele Gesichtszüge der Stadt geschuldet sind.

Am schönsten beginnen lässt es sich am Markt oder der benachbarten Stadtschleuse, sodass sich vom Bahnhof eine Fahrt mit dem Oberleitungs-Bus geradezu anbietet. An anderer Stelle wurde schon ausgiebig vom Zauber des beschaulichen Finow-Kanals berichtet, der sich direkt an der Schleuse überqueren lässt – wenn man zu Fuß unterwegs ist. Wer von dort nicht auf dem kürzesten Weg zum Marktplatz streben möchte, kann optional der Mauerstraße folgen und sich ein wenig durch die Gassen treiben lassen, die es hier in schöner Ausprägung gibt.

Winterabends am Finowkanal

Passend diesen gab es einmal eine Stadtmauer, die jedoch vor fast genau zweihundert Jahren abgetragen wurde – auf Anweisung der Stadtverwaltung. Ob es einen Zusammenhang mit dem Beginn der Spritzkuchen-Epoche gibt, wäre noch herauszufinden. Hier und dort meint man das alte Gemäuer wahrhaftig zu spüren, von dem sich mit etwas Instinkt und gutem Willen ein paar übersehene Meter finden lassen. Um deren Wohlbefinden kümmert sich derzeit vor allem ein immergrünes Beeren-Gebüsch, das auch und gerade in der kalten Jahreszeit vor den Launen des Wetters schützt und zudem den winterharten Vögeln eine Notnahrung bereithält.

Gassen in der Innenstadt, Eberswalde

Die leicht gekrümmten Gassen sind ansehnlich und leicht verspielt gepflastert. Begleitet werden Sie von klassisch geformten Laternen und verschiedenartigen Häusern und geben damit dem Stadtspazeur ein schönes Bild ab. Das gilt auch für den Marktplatz, der von einigen altehrwürdigen Fassaden ebenso eingerahmt wird wie von dem modernen Ensemble des Paul-Wunderlich-Hauses, das mit seinem Hof fast ein kleines eigenes Viertel aufspannt. Auf dem großen Marktplatz lassen sich bestens Märkte aller Art und Färbung abhalten, was besonders auch für die jüngst vergangene Weihnachtszeit gilt. Auf der Ecke zur Kirche hin bietet sich eine der besten Gelegenheiten für eine zünftige Spritzkuchen-Verkostung.

Kirchvorplatz in Eberswalde

Mit behütendem Auge über den Markt liegt hinter einem verspielten Wiesenhang die Kirche, umgeben von historischen Fassaden, und am Ende der Kirchstraße lässt sich das erwähnte Stückchen Mauer aufspüren. Gleich daneben steht an einem kleinen Platz einer von diesen gelungenen Wegweisern, der nun mit dem Begriff Drachenkopf die Neugier weckt – und Assoziationen zu ähnlich klingenden Namen in verschiedenen Mittelgebirgsregionen.

Stadtmauer Eberswalde

Diese werden noch verstärkt durch die weit hinten erahnbare Goethetreppe, die in imposanten Abteilungen eine ganze Reihe märkischer Höhenmeter überwindet und mit ihren breiten Aussichtsbänken auf halber Höhe an ein zurückhaltendes Kurviertel denken lässt, wie man es vielleicht von Bad Freienwalde kennt. Prägend für diesen Eindruck ist ganz oben auch die eindrucksvolle Villa mit ihren Spitztürmen und Terrassengängen, die Kraft ihrer Patina auch irgendwo im Böhmischen oder als Dracula-Schloss in den Karpaten stehen könnte.

Goethetreppe Eberswalde

Drachenkopf

Ist ihre Höhe erklommen, lohnen die paar Schritte links hinauf zur Aussichtsplattform. Alles zusammen lässt durchaus einen Gedanken an den nördlichen Harzrand aufblitzen, vor dem sich weit das Vorland ausstreckt. Gleich zu Füßen liegen die Goethestraße und die Innenstadt mit dem markanten Kirchturm, weiter hinten lassen sich jenseits der Kanäle die Wälder rund um Chorin erahnen, welche die diesige Sicht des heutigen Tages im Ungewissen lässt. Unbeeindruckt davon wirft auf dem großzügigen Rondell oberhalb der Treppe ein schwer berechenbarer Drache seinen Kopf in den Nacken und stößt mit halb geschlossenen Augen einen lautlosen, urtümlichen Schrei aus.

Drachenkopf Eberswalde

Angesichts der Anhöhe, der voller Geschichten steckenden Villa und des bis zum Hals versunkenen Ungetüms ist zu vermuten, dass sich um den Namen Drachenkopf manche erzählenswerte Schnurre rankt. Gewiss hingegen ist, dass sich in den zahlreichen Gebäuden hier oben alles um Menschen im letzten oder allerletzten Lebensabschnitt dreht. Dementsprechend hoffnungsfroh liegt gleich gegenüber die Kita mit dem schönen altmodischen Namen Sputnik – sicherlich gibt es zwischen beiden regen Austausch, fußend auf bewährten Erfahrungen.

Im Stadtwald

Ein Schleichweg lässt hindurch zur Hardenbergstraße, die so kurz ausfällt, dass der Namenspate sicherlich eine ausgeprägte aristokratische Schippe ziehen würde, wenn er noch am Leben wäre. Gleich an ihrem Ende steigt ein kleiner steiler Pfad noch etwas höher und leitet nun den waldreichen Abschnitt entlang Eberswaldes hoher Kante ein, umspielt von krummen Pfaden und ein paar abgelatschten Stufen.

Ein paar Schritte später lässt sich vom oberen Rand der Schillertreppe noch ein zweiter Blick auf die Stadt werfen. Fast am selben Ort hat sich zwischen die ganzen Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts ein Herr Luther verirrt, der einer alten Eiche seinen Namen leiht. Gemeinsam mit der mondänen Schillertreppe und dem noch recht jungen Wunderkreis, einem gepflasterten Labyrinth nach alten Vorlagen, gestaltet diese eine schöne und besondere Parkanlage.

Am Waldcampus, Eberswalde

Gleich gegenüber taucht der Stadtrundweg nun in lichten Laubwald ein, dessen Boden sich in sanften Wellen gebärdet. Vom hiesigen Schulwald fällt vor allem ein Barfuß- und Geschicklichkeitspfad ins Auge, jetzt in der Jahreszeit, wo fast alles hier nur ein bis zwei Farbtönen entstammt. Angenehm ergänzend begleitet ein goldbrauner Laubteppich die Schritte bis zum dritten Aussichtspunkt, der einen eigenen Bergnamen bekommen hat. Dutzende Pfade durchziehen den offenen Wald und versuchen vom Wege abzulenken, doch die Markierung ist verlässlich.

Auf dem Stadtrundweg

Waldcampus

Ein kurzes Verlassen führt uns zur Ministadt rund um den gemütlichen Campus des Instituts für Waldökosysteme, und auch hier treffen sich Altes und Modernes in gelungener Weise, selbstredend stark holzbetont. Dass Eberswalde nicht nur durch seinen Forstbotanischen Garten mit dem Thema Wald zu verknüpfen ist, wird spätestens an diesem Ort klar. In der campuseigenen Kita wird gerade fleißig gebastelt, aus der Mensaküche tönt das Klirren von Geschirr und erweckt den Magen zu einem leichten Knurren. Da kommt die wohnliche Bushaltestelle gerade recht für eine Pause.

Waldweg am Versuchsgarten

Die Gebäude rund um die Haltestelle lassen an die geniale Sendereihe Geheimnisvolle Orte denken. Davor stehen einige sehr spezielle Nadelbäume, an deren Ästen winzige Zapfen hängen. Auf der Ecke steht als wuchtige Skulptur und von armesdicken Edelstahlrohren gestützt der aufgestellte Fuß eines Baumes, der zu olle Hardenbergs Zeiten schon zwei Personen zum Umfassen des Stammes gebraucht hätte.

Wie als Kommentierung des Themas führt der nächste Wegabschnitt nun durch verschiedenste Arten von Forst, zunächst vorbei an betagten Douglasien, dann an kleinen Fichtenwäldchen, jenseits der Landstraße auch an einem Versuchsgarten mit verschiedenen Beeten. Der Waldboden ist gut getränkt von den letzten Tagen.

Im Schwärzetal

Schwärzetal

Noch einmal recken sich einige alte Douglasien, bevor der Weg nun unvermittelt hinabsteigt ins idyllische Tal der Schwärze. Die hat keine zwei Kilometer flussaufwärts das Nonnenfließ unter den Arm genommen und bahnt sich nun bogenreich ihren Lauf durch den breiten, morastigen Talgrund. Die breiten Uferflächen sind vom Wild zerlatscht wie ein mittelalterlicher Marktplatz oder die Wiesen von Wacken nach verregneten Festivaltagen.

Lehmhütte im Schwärzetal

Pittoresk-rumplige Stege locken über das glasklare Wasser ans andere Ufer, und auch der Kleine Stadtrundweg hat dort die Herthaquelle ins Visier genommen und umrundet nachfolgend das Gelände des beliebten Zoos. Doch wir sind angefüttert durch das naturnahe Antlitz des Schwärzetals und bleiben dem Bach treu. Vieles liegt quer und zeugt von windigen Tagen sowie dem Prinzip des Liegenlassens. Aus querliegendem Waldkram scheint auch die kleine Informationshütte gebaut. Die besteht zum Großteil aus Lehm, und es ist gut zu erkennen, wie er verbaut wurde.

Zainhammer Mühle

Zainhammer Mühle

Immer uriger wird es, zugleich geht der Bach in die Breite, nimmt sich seinen Platz. Voraus gibt sich ein Buchfink erfolgreich als Laubblatt am Zweig aus, stellt die mitgeführten Brillen infrage und macht also seinem Namen alle Ehre. Währenddessen kommt der Bach nun ins Mäandern, bevor er sich im Zainhammer See so richtig breit machen darf und dort zur besten Ententreffe avanciert. Der kurze Abstecher zur Zainhammer Mühle lohnt nicht nur wegen des Seeblickes und des kleinen Wassersturzes, sondern auch der schönen Rastbank wegen, die es sich zwischen den leuchtend blauen Türen bequem gemacht hat und das gerne weitergibt.

Spazierweg am Forstbotanischen Garten

Noch immer begleitet der Weg im Groben den Bachlauf, obwohl das Wasser die meiste Zeit nicht zu sehen ist. Nach einem kurzen Stück ruhiger Straße beginnt links ein großzügiger Fuß- und Radweg, der rege benutzt wird. Das geht auch nachts, denn Laternen begleiten seine gerade Linie. Bald leuchtet links als knallig roter Farbakzent das Tor zum Forstbotanischen Garten. Dessen Gelände ist leicht hügelig und eigentlich einen eigenen Tagesausflug wert, und so drehen wir nur einen kurzen Schlenker, finden uns kurz in den Alpen wieder und gewinnen einen ersten Eindruck, der selbst im diesigen Grau eine Verlockung hinterlässt. Weiter unten bahnt sich die Schwärze ruhig ihren Weg.

Im Forstbotanischen Garten

Wieder versuchen einige Pfade, vom rechten Wege abzulenken, doch wir folgen dem breiten Knirschweg, bis bei der Oberförsterei und dem Waldsolarheim ein letztes Mal die Waldthematik aufgerufen wird. Hier übernimmt nun die Brunnenstraße, die mit edlen Villen und riesigen Gärten wiederum an die Kurthematik anknüpft. Beides vereinend und noch das Thema Stadtgrün hinzufügend taucht die gerade Linie des Weges in den zauberhaften Park am Weidendamm ein, der länglich den Wassern der Schwärze folgt und diese in spielerischer Weise aufgreift.

Park am Weidendamm

Der Park ist gut genutzt von alten Altersklassen und wirkt doch an keiner Stelle überfüllt. Es kann gespielt, gekneippt oder geklettert werden, wahlweise auch ganz klassisch spaziert oder nur so auf der Bank gesessen. Und natürlich – auch hier gibt es respektable alte Bäume, die am Ufer des Teiches sogar so eine Art stehende Tanzperformance für die Ewigkeit aufführen.

Schnelle am Weidendamm, Eberswalde

Die zentraler gelegene Ententreffe liegt direkt vor den Schnellen an der Brücke beim Weidendamm, und damit das Tagesthema nicht vergessen liegt, liegen am anderen Ufer die Alte und Neue Forstakademie. Wer die urbanen Enten gründlich studieren möchte, kann das übrigens gut vom kleinen Bistro aus tun.

Stadtpromenade am Finowkanal

Ein paar Schlenker schaffen die erste, kurze Berührung mit nennenswertem Verkehr, bevor die letzten Schritte nun dem schönen Finow-Kanal gewidmet sind. Zu beiden Seiten laden Treidelwege zum genießerischen Schlurfen ein, am Ufer gibt es Bänke und breite Stegterrassen, um sich vom Schlurfen zu erholen. Bevor man schließlich wieder richtig in der bewegten Welt mit ihren hastigen Leuten, Ampeln und Fahrzeugen auftaucht, weckt die breite Strandpromenade am anderen Ufer nun erstmals Vorfreude auf ganz andere Jahreszeiten – solche mit kurzen Ärmeln, kurzen Schatten und eisgefüllten Waffeln.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): ab Berlin-Ostkreuz Regionalbahn nach Eberswalde, dann Bus ins Zentrum (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Bernau und Biesenthal; Landstraße über Ahrensfelde und Tiefensee; Autobahn (jeweils ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: 11 km (Abkürzungen sehr gut möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus Eberswalde

Artikel über Eberswalde

Broschüre mit Stadtrundwegen (S. 28)

Paul-Wunderlich-Haus am Markt

Wunderkreis an der Schillertreppe

Waldcampus Eberswalde

Zainhammer Mühle

Forstbotanischer Garten Eberswalde

Einkehr: Café Gustav am Markt
Zum Weidendamm, Eberswalde
zahlreiche gastronomische Angebote im Ortsgebiet

Kunsterspring: Leuchtende Moose, Hubertus am Grill und das enge Tor ins Erdreich

Zweitausendzwanzig – das hat wahrhaftig Klang, und als 2020 hat es auch noch ein schönes Gesicht von Ebenmaß und Ausgewogenheit, wie es im laufenden Jahrhundert bisher selten war. Ohne großen Paukenschlag hat das Jahr von 2019 den großen Schlüsselbund übernommen und erstmal einfach weitergemacht, ohne sich kapriziös zu inszenieren. Dafür werden mit Sicherheit und auch ausreichend andere Kanäle sorgen.

Die Kunster nahe der Blockhütte

Wer sich nun die Entspanntheit genehmigt, bereits jetzt von den Zwanziger Jahren zu reden, lässt in vielen Köpfen Bilder und Stimmungen aufgehen, die ja jüngst selbst bei Leuten gezündet wurden, die mit dem Thema noch nie in Berührung kamen. Zu verdanken ist das einer aufwändig produzierten Fernsehserie aus der erfahrenen Babelsberger Schmiede, zu deren dritter Staffel im vergangenen Mai die letzte Klappe fiel und die noch in diesem Monat anlaufen wird – zunächst exklusiv im Bezahlfernsehen.

Steg über die junge Kunster

Davon abgesehen sieht das Jahr also erstmal recht unaufgeregt aus, was auch für den Winter gilt, der eher mit nassen Lappen um sich schlägt als mit prall gefüllten Federkissen. Immerhin gab es ein paar Frostnächte, doch ansonsten hat man stellenweise eher das Gefühl von Vorfrühling. Auch die Vögel lassen manchen Meisenknödel kalt lächelnd und unbewegt links hängen, ist doch noch oder schon einiges Gewürme und Gekrabbel unterwegs. Erste Schneeglöckchen bieten zaghaft ihre blassgrünen Laubstängel zur Kenntnisnahme an.

Nach zumeist nassen Januar-Tagen bringt sich nun die Sonne wieder ins Spiel, erstmal hier und da, dann einen halben und bald schon einen ganzen Tag, dabei stets im Spiel mit Wolken von vielerlei Gestalt. Das blasse und zugleich klare Licht des Januars ist stets ein ganz besonderes, da es ohne große Konkurrenz knalliger Farben und Effekte ganz für sich wirken kann und die meisten Menschen direkt ins kälte- und dunkelheitsgeplagte Herz trifft. Gut genießen kann man das in großer, himmeloffener Weite, doch genießerischer noch lässt es sich im Wald auskosten, wo jede Wolke, jeder Stamm und jede Windbewegung für kleine Extra-Vorstellungen sorgen, in kurzer Taktfrequenz.

Moosweg im Walde

Im Januar, wenn vielerorts Saure-Gurken-Zeit ist, die Gasthäuser Urlaub haben und viele Leute lieber lauschig warme Thermen oder andere Wohlfühl-Rahmen aufsuchen, ist die beste Zeit, um publikumsstarke Touristenziele aufzusuchen und sie vielleicht mit nur wenigen teilen zu müssen. Eins davon, eher regional beliebt und sonst nicht allzu sehr bekannt, ist Kunsterspring, wo sich eine elegante Kombination findet.

Möchte man mit den Kindern einen schönen Tag im Freien verbringen, mit Tieren, Wasser und Spielplatz und einem gut aushandelbaren Anteil an Spaziergang, dann lässt sich das in Kunsterspring gut umsetzen. Der genannte Anteil wiederum ist in Verbindung mit der benachbarten Gaststätte Eichkater nahezu perfekt geeignet, wenn man einen geschätzten Menschen mit eher abweichenden Interessen für das Draußensein unterm Brandenburger Himmel begeistern möchte. Vielleicht die Patentocher oder auch die Patentante, vielleicht den sofageübten Lebenspartner oder die jüngste Bekanntschaft, der man zeigen möchte, wo man glücklich ist, wo man sich kennt.

Blick über den Tornowsee

Der kleine Tierpark mitten im Wald hat viel Seele, ist wunderschön gelegen und eigentlich für sich allein schon völlig ausreichend als Ziel für einen Ausflug. Angenehme Ergänzungen sind die erwähnte Gaststätte, doch auch die Fischerei schräg gegenüber. Hier gibt es kostenlos den Duft von Räucherofen, für etwas Geld auch Fisch für später oder Fischbrötchen für gleich. Reinbeißen lässt sich gleich auf der Terrasse mit Blick auf die Kunster, die an dieser Stelle einen länglichen Waldweiher aufspannt. Bis vor gut hundert Jahren stand in Kunsterspring noch eine Mühle, die zuvor hundert Jahre allerlei Dienste verrichtet hatte. Heute gibt es hier eine Waldarbeitsschule mit zahlreichen hübschen Gebäuden. Der zuständige Bus verkehrt leider nur an den Schultagen.

Die kurze Passage entlang des wohlgelaunten kleinen Baches zählt zum schönsten, was sich in dieser Kategorie innerhalb der Grenzen Brandenburgs finden lässt. Nicht weit von hier gibt es nördlich der Boltenmühle noch den Binenbach, wo das Vergnügen vom Relief her noch ausgeprägter, dafür jedoch nur halb so lang ist. Auch die Gegend um Biesenthal spielt in dieser Liga mit, natürlich das unvergleichliche Schlaubetal oder die Märkische Schweiz.

Lebensbäume am Uferweg, Tornowsee

Doch die Kunster hat neben der Verspieltheit ihres Laufes und des umgebenden Reliefs, der Waldvielfalt und dem schilfbreiten Tal im Unterlauf noch eine weitere Besonderheit, die in dieser Ausprägung wirklich selten anzutreffen ist: sie wird begleitet von einer großen Zahl von Quellen. Und diese Quellen sind von Anfang an sehr freigiebig – nicht, dass den ausgedehnten und vermatschten Quelltöpfen hier und da ein Tröpfchen entsickert und sich die Rinnsale dann irgendwann zu etwas erkennbar Fließendem vereinigen, hier legt bereits nach wenigen Fließmetern ein Bächlein los, dessen Vorwärtsdrang zu sehen und zu hören ist und dessen Wasser sich an vielen Stellen gleich eine Stufe tiefer stürzt, bevor es der Kunster zuströmt.

Im unteren Kunstertal

Wer diese Passage nicht zu ersten Mal geht, das schon einmal gesehen und erlebt hat, wird ein paar Jahre später wieder von Neuem ins Staunen geraten, so zauberhaft und mannigfaltig ist dieser Bachlauf. Als besonderen Luxus gibt es schöne Waldwege auf beiden Seiten des Tales, so dass niemand denselben Weg zurückgehen muss. Auf halber Strecke steht eine für die Ewigkeit gebaute offene Blockhütte bereit, die Lee-Seiten zu allen vier Himmelsrichtungen anbietet. Übers Wasser führt an dieser Stelle ein uriger und tiefliegender Steg, dem man es sogar verzeihen würde, wenn er nicht benutzbar wäre. Wenn er alleine als Augenschmaus in der romantischen Kulisse fungieren sollte.

Am Kunsterweiher hinter der Fischerei Kunsterspring

Kunsterspring

Manchmal ist auch im Januar noch Jagdsaison, und so sind im Wald die letzten Kilometer vor dem Tierpark gesäumt von endlosen Wäscheleinen, auf denen alle zwei Meter ein helles Tuch hängt. Schilder und Personal in Neonfarben weisen darauf hin, dass sich die Tour problematisch gestalten könnte, denn die zweite Hälfte der Runde soll mitten hindurch gehen durch das Jagdgebiet. Naja, das sind Probleme von später und dann vor Ort zu lösen.

Klares und Diffuses

Im Tierpark ist schon gut Betrieb, der Parkplatz halb gefüllt und überall sieht man gestiefelte, bunte Kinder tollen. Zwei Esel schicken einen vokalen Gruß an die Sonne, die Wölfe hingegen halten sich bedeckt und die häuslichen Enten auf der Kunster werden langsam wach. Hier im Wald ist es etwas kühler als draußen, die Baumstämme sind dunkel vom jüngst durchgezogenen Regen, der Waldboden gut getränkt und die Moospolster fast schon knallig grün. Die Dame vom Tierpark huscht kurz rüber zur Fischerei und holt sich was für die Pause, und wir hängen uns gleich dran. Mit einem frischen Fischbrötchen am Wickel den ersten Blick über die flach dahinplätschernde Kunster schicken und dabei den Duft des Räucherholzes inhalieren, das ist doch ein passabler Tagesbeginn.

Steg zur Blockhütte

Ein Typ von Holzfällerformat ist grade mit einem halbsohohen Mädchen im rosa Anorak in der kleinen Ofenkammer zugange, die Öfen werden bestückt und im nächsten Schritt demonstriert, wie die großen Hartholz-Kloben für den Nachschub in ofentaugliche Größe gebracht werden, mittels einer blinkenden Axt und hinterm Haus. Dann wieder zurück, fachmännisch nachgelegt und eine wichtige Lektion beendet. Die Lütte fragt viel nach, ist interessiert.

Rasthütte am Bach

Ein kleines hölzernes Portal lädt ein ins Tal der Kunster, das mit seinen herrlichen Waldpfaden sofort in die Vollen geht. Der würzige Duft wird fast den ganzen Tag begleiten, auch wenn die Art des Waldes häufig wechselt. Der Wegverlauf über wurzlige Nadelpfade und breitere Wege spart auch die dritte Dimension nicht aus und sammelt eine Reihe Höhenmeter. Die Entlohnung folgt sofort, denn der Taleinschnitt prägt sich mehr und mehr aus und gestattet immer wieder schöne Einblicke in den gewundenen Miniatur-Canon. Alle paar Minuten wird ein neuer Quelltopf passiert und beantwortet nach und nach die Frage, wie die Kunster nach so wenig Fließlänge schon so breit sein kann.

Lauf der Kunster

Gegen Ende des breiten Wassers zeigt sich schon der Charakter eines Urwaldes, wo alles, was gestürzt oder gestrauchelt ist, eben genau so liegen bleibt. Verschiedenste Stadien von Vermorschung sorgen für gleichermaßen archaische und morbide Gemälde im Großformat, zu groß für jede Wohnzimmerwand. Das Licht wird über den kahlen Wipfeln aufgefächert und streut diffus bis zum Wasserspiegel. Knackscharfe Spiegelbilder gestrauchelter Krummstämme schweben zwischen diffusen Grünstufenübergängen. Bald übernimmt Bruchwald. Auf dem vergehenden Stamm einer gefallenen Erle fußt ein meterhohes Fichtenbäumchen, das schnurgerade gen Himmel wächst. Kurz darauf führt der erwähnte Steg ans andere Ufer und empfiehlt mit Nachdruck eine Rast zwischen den Blockstämmen.

Die große Fichte kurz vor der Orchideenwiese

Im Wald selbst dominieren verschiedenste Erdtöne, zwischen denen das vor Kraft strotzende Moosgrün fast wie eine geisternde Art von Lichtquelle erscheint. An einzelnen Stämmen ist es, Gamaschen gleich, bis auf Meterhöhe hochgestiegen und lässt nun keinen Zweifel mehr daran, dass die Schritte hier durch einen Wald der Märchenwesen gelenkt werden. Dies bestätigt wenig später eine unerwartet auftauchende und weite Lichtung, wo sichwohl zum Abend nicht nur Hase und Fuchs gute Nacht sagen, sondern einen Augenblick später auch die Feen ihre zarten Tänze zeigen. Eine enorme Fichte kurz vor dieser bodenklammen Lichtung muss jede von ihnen kennen. Ganz real wird hier die Zauberwelt in der farbenprächtigsten Jahreszeit und selbst bei Tageslicht, wenn auf diesen Feuchtwiesen neben unzähligen verschiedenen Blüten auch solche von Orchideen zu sehen sind.

Die Kunster im lichten Bruchwald

Schon kurz nach der Lichtung wird die Natur im Tal immer uriger, die laubbedeckten Flanken zeigen sich mutiger und wagen steilere Gefälle. Der Bach versinkt mehr und mehr in seiner Furche, die gewunden ist wie eine spazierende Schlange. Nun steigt die Zahl der Quellen spürbar an, von denen jede zum Stehenbleiben drängt, auch zum Lauschen. Bei der nächsten Brücke ist die bekannteste von ihnen erreicht, die mit einer wahren Besonderheit aufwarten kann.

Der eingeschnittene Bach

Wer das Ufer wechselt und von den Rastbänken ein paar Schritte hinabgeht, findet auf Bodenhöhe eine Art Kochstelle, in der munter ein kaltes Süppchen brodelt und zu der man sich umgehend bücken möchte. Wie auf mittelgroßer Flamme ist hier schon seit Ewigkeiten ein Eintopf in der Zubereitung, dessen Basis feinster Sand darstellt, der in vielfachen Strudeln verwirbelt wird. Mit zum Rezept gehören auch vollgesogene Kiefernzapfen, Stöckchen und Laub aller Blattgrößen sowie faseriges Holzgulasch. Immerwährend strömt quellfrisches Wasser nach.

Nebenquelle am Rande

Wer nun schon in die Hocke oder sogar auf die Knie gegangen ist, könnte neugierig sein, einmal den Zeigefinger in einem der Strudel zu versenken. Doch das sei mit Vorsicht zu genießen, auch wenn keinerlei Verbrühungsgefahr besteht. Wer also seinen Finger hier ehrfürchtig versenkt, wird mit einem kaum spürbaren Pulsieren in einer anderen Welt begrüßt. Wer es hingegen zu weit treibt und mehr als die halbe Hand eintaucht, muss einen kurzen Ruck und infolge einen nassen Arm bis zum Ellenbogen befürchten, wenn die da unten gerade auf Krawall gebürstet sind.

Steg zur bekanntesten Quelle

Ein ebenbürtiges kleines Wunder dieser unauffälligen Stelle zeigt sich dem Geduldigen, der langsam fokussiert, behutsam scharf stellt und sich dann noch etwas tiefer beugt. Zwischen all den kleinen bis kleinsten Waldzutaten huscht es hier und da, auch dort, wo keiner der Strudel hinreicht. Kleine krumme Teilchen, vielleicht Samen oder Nadeln? Je länger man den Blick hält, desto mehr nimmt das Hin und Her zu – vergleichbar mit dem wolkenklaren Sternenhimmel, der immer voller noch von Lichtpunkten wird, je länger man hinaufstiert. Irgendwann sind Beine zu erkennen, eine Zielgerichtetheit und die Struktur der Körper.

Bachflohkrebse sind bekannt dafür, dass man sie selten antrifft und wenn, dann nur an äußerst reinen Quellen. Da es nach weiteren Sekunden des Beobachtens fast schon aussieht wie auf dem Alex um die Mittagszeit, muss das Wasser hier von allerbester Qualität sein. Es fällt schwer, sich von diesem Anblick loszureißen, auch wenn man keine Flöhe mag. Und kann gut sein, dass man auf den Metern hinauf zu den Bänken noch den Rest eines versonnenen Grinsens im Gesicht trägt.

Am brodelnden Sande

Es spricht nichts dagegen, an dieser Stelle umzukehren und am anderen Ufer den Rückweg anzutreten, vielleicht mit einer weiteren Pause dort im Blockhaus. Wen es hingegen nicht stört, dass der Höhepunkt dieser Tour bereits am Anfang verpulvert wurde, und wer noch neugierig geblieben ist auf andere Waldlandschaften, vielleicht auch einen See, kann hier noch beliebig viel Weg anhängen, um eine schöne Stunde oder drei verlängern. Mit der Unklarheit um den Stand des Jagdgeschehens im Nacken ist die Vielfalt der möglichen Varianten recht beruhigend. Dennoch ist zu sagen, dass ein Teil der ab hier begangenen Wege etwas Entdeckergeist und gewisse Grundlagen an Beinmuskulatur verlangt sowie ein winziges Maß an Leidensfähigkeit.

Gerader Weg durch den Wald, gezähmt

Der Ursprung der Kunster scheint in einem grasigen Bruchwald zu liegen, dessen Stämme recht hoch gewachsen sind. Gleich dahinter quert ein breiter Waldweg, und kurioserweise findet im Wiesengrund jenseits dieses Weges ein anderer Bachlauf seinen Ursprung, der die Linie der Straße zur Wasserscheide adelt – wenn auch mit ganz kleiner Hausnummer, denn beide Wässer finden schon im nahen Ruppiner See wieder zueinander. Doch immerhin.

Gerader Weg durch den Wald, von der Kette gelassen

Das folgende Stück Weges sieht auf der Karte aus wie ein langer, schnurgerader Forstweg von gleicher Gestalt, hat in der Tat jedoch weit mehr zu bieten. Nachdem der Forstweg als solcher gemeinsam mit einem Radweg links abbiegt, will die gerade Linie erstmal wiedergefunden werden. Da nach wie vor der gesamte Waldboden von einem bronzefarbenem Laubteppich bedeckt ist, gibt es viel Interpretationsspielraum. Links und rechts der gedachten Linie ruhen auf unterschiedlichen Höhenniveaus große Weiherpfützen, unverbunden miteinander und durchaus eindrücklich.

Bei Fledermaus ums Eck

Der gesamte Waldboden ist leicht bewegt, selten mal eine gerade Stelle. Die Spur des Weges ist bald wieder da, doch schlägt sie tiefe Wellen, die zum Teil mit Wasser gefüllt sind. Dieser in allen Dimensionen ausgefahrene Weg, der im späteren Verlauf an eine Weiherkette denken lässt, würde wohl selbst einen Unimog an seine Grenzen bringen, nicht zuletzt wegen zahlreicher querliegender Bäume. Laufen lässt sich mal direkt in den Mulden, mal am Rand, verbunden mit etwas Steigen und Bücken. Manchmal jedoch kommt man kaum umhin, ein langsames Irgendwohineingleiten in Kauf zu nehmen, falls es schlecht läuft. Heute ohne Gummistiefel so eine Sache. Doch die Optik ist grandios, die Pfützen werden immer ausladender, und wenn man wieder einmal hier lang müsste, würde man dieses Wegestück nicht aussparen.

Kleiner Waldweiher

Als dann die Optionen gänzlich schwinden, entdecken wir einen rechts nebenher laufenden grasigen Försterweg, der gerade recht kommt. Nach diesem rettenden Schlenker erreichen wir das Ende dieses Weges der ganz eigenen Kategorie und haben nun wieder einen völlig normalen und ebenen Waldweg unter den Sohlen. Der Wald ist lichter, der Laubteppich unverändert, und am Ende eines Schutzzaunes steht lötkolbenschwarz auf Holz der Hinweis, dass hier Fledermaus wohnt.

Waldweiher

Unvermittelt, wie vorhin die Lichtung im Tal der Kunster, erscheint voraus ein verschwiegener Waldweiher, auf dem Sonne und Wolken gerade etwas mit dem Licht tuschen. Einige Äste ragen aus dem Wasser und am Gegenufer huscht etwas nicht allzu Kleines. Direkt dahinter steht zwischen einigen Fahrzeugen, nicht minder überraschend, der Bernd am Grill, auf dem sich kerzengerade lange Bratwürste der Parallelschaltung durch den Grillrost ergeben haben.

Waldweg vor zum Ruheforst

In der Hoffnung, vielleicht den aktuellsten Stand des Jagdgeschehens zu erfahren, fragen wir ihn kurz, doch mit dieser Jagd da drüben, jenseits der Landstraße, hat er gar nichts zu tun. Doch vergebens ist der eher bröckelnde Schnack dann doch nicht, denn er rät davon ab, noch weiter nach Süden zu gehen, da dort gerade eine andere Jagd läuft. Die wird wohl auch bald vorbei sein, wenn ich mir so den Garzustand des Grillguts betrachte, und alle werden sich wohl sehr auf diesen Tagesordnungspunkt freuen, wahrscheinlich schon seit dem fahlen Morgengrauen.

Sohlenschmeichelnder Moosweg auf dem Weg nach Stendenitz

Das heißt für uns, dass der Extrabogen um den nächsten Waldweiher heute besser ausfällt, denn wir sind zwar durch die neongelbe Rucksackhülle gut vom fliehenden Wild zu unterscheiden, doch dieses Risiko ist zu hoch – irgendwie blöde laufen kann es immer. Zudem führt ein bequemer und schöner Waldweg per Luftlinie vor zur Straße, wo nun der schönste Ausgleich kommt – gerade eben werden die letzten Warnschilder abgebaut, die lange Wäscheleine im Wald liegt schon am Boden. Die Jagd ist hier vorbei und der Weg kann fast wie gedacht fortgesetzt werden.

Pflasterstraße entlang des Rottstielfließes

Kurz zuvor kommt zaghaft ein schneeweißes Hochbeinauto abgebogen und hält am Parkplatz. Ehrfürchtig und ebenso zaghaft findet ein edler und vielleicht maßgefertigter Schuh mit zahlreichen Stanzlöchern den Waldboden, ihm folgt ein schlanker Mann im eleganten Mantel. Mit einer orangenen Rose in der Hand und Stille im Blick. Noch ehe wir uns fragen können, warum man so zur Jagd geht, erkennen wir rechts im Wald ein eigenartiges System von Wegen und verschiedenfarbige Plaketten an den Bäumen – es ist ein Ruheforst. Womit alles erklärt ist.

Ruheforst

Jenseits der Straße weisen Schilder nach Stendenitz und zum Zeltplatz. Ein paar Autos kommen von dort, zum Teil vielleicht Jäger im Feierabend, zum Teil Zeltplatz-Urlauber auf dem Weg nach Neuruppin. Bei der dritten Möglichkeit biegen wir ab und lassen den Verkehr hinter uns. Der war zwar kaum der Rede wert, doch waren wir zuvor so tief im Wald, dass es jetzt auch wieder schön ist. Ein bisschen rumpelig zeigt sich der Wald auch hier wieder, einiges Zweigholz liegt quer und später haben riesige Reifen den Weg gemustert, mit Profilrillen, in deren Gegenabdruck der ganze Schuh verschwinden kann. Zwischendurch liegt am Eck ein Fichtenwäldchen, in das wir kurz reinkrauchen und das gedämpfte Licht genießen, wie es so nur Fichtenwald kann.

Sumpfzypressen am Ufer des Tornowseees

Nach dem Kampf mit dem Profil und dem Queren eines breiten Weges aus knöcheltiefem Schlamm – Winterzeit ist Waldaufräumzeit – folgt bald ein anmutiger Weg, breit gepflastert mit saftig grünem und hochflorigem Moos. Das schmeichelt den Sinnen und verhilft zugleich den verschlammten Schuhen zu einer Vorwäsche, solange die graue Substanz noch nicht ausgehärtet ist.

Campingplatz Stendenitz

An den Ausläufern eines Lehrpfades, der hier gerade in eine Betonpfütze gebannte Tierspuren präsentiert, kommen wir zum Rand des Zeltplatzes und damit zur Straße, die auf gutem altem Pflaster den Weg nach Rottstiel antritt. Während links der bronzene Hang sanft ansteigt, ist auf der anderen Seite weiter unten das Rottstielfließ zu entdecken, das von dampfertauglicher Breite ist. Das erklärt sich, denn so passen hier auch kleinere Dampfer durch, mit denen man von Neuruppin bis zum nördlichsten schiffbaren Punkt dieses Seensystems an der schöne Boltenmühle schippern kann.

Blick über den Tornowsee

Der verbliebene Tee möchte getrunken sein, die zweite Pause ist ohnehin schon lange fällig, und so finden wir in einem Baumstamm am Wegesrand ein schönes Sitzmöbel, sogar mit ausgewachsenem Spechtloch als Tassenhalter. Währenddessen rammeln ein paar Jungs mit ihren knatteroptimierten Enduros vorbei, die bei Mutti in der Küche vermutlich gerade im Weg standen und zum Spielen geschickt wurden. Da Mutti vermutlich sehr deutlich geworden war, treffen wir sie und sie uns noch öfter.

Weg zwischen Tornowsee und Bachtal

Försterei Rottstiel

Mit kurzem Blick auf die Häuser von Rottstiel schwenken wir links auf den Uferweg ein, der nach und nach einen schönen Blick auf den Tornowsee freigibt. Dabei steigt der Weg leicht an, so dass von einer natürlichen Aussichtsplattform ein offener Blick über den See inklusive Halbinsel und Taille möglich ist. Am Rand wachsen verschiedenste Bäume, darunter auch eine stattliche Anzahl von Sumpfzypressen. Eine überdachte Rastbank dient einer fröhlichen Schar von Kindern und Erwachsenen als Ort für eine ausgedehnte Pause – was gibt es Schöneres, als bis dicht in die Dämmerung draußen zu spielen und trotzdem nach ein paar Minuten wieder in den behaglichen vier Wänden zu sein. An der nächsten kleinen Aussichtsstelle kommen uns zwei ältere Damen entgegen, zwischen denen in beide Richtungen ein reger Strom von Worten fließt.

An der Brücke über die Kunster

Jeder See hat seinen Haubentaucher, egal zu welcher Jahreszeit, doch der vom Tornowsee muss wohl gerade in der anderen Hälfte sein, nördlich der Taille. Nach einem flachen Quelltopf entfernt sich der Weg vom See, die Moppet-Jungs semmeln noch einmal vorbei und drehen hoch, und als die Stille dieses Tages wieder da ist, haben wir den abschließenden Part der Rahmenhandlung erreicht. Der Unterlauf der Kunster fließt durch ein breites, eher offenes Tal mit reichlich Schilf, doch die Zahl der Quellen ist hier nicht minder groß als vorhin im Wald. Von der Brücke über den Bach kann der Blick wieder ausschwärmen, diesmal über ein breites Nassland voller Schilf und abgestorbener Stämme. Der Biber ist förmlich zu spüren, hier und dort auch Bauwerke zu finden.

Randpfad am Unteren Kunstertal

Nach einem Stück Straße zweigt nach links ein breiter Weg ab, der bald auf Pfadbreite einläuft und dicht entlang des Schilfgürtels verläuft. Eine Handvoll morscher Brücklein helfen über quellfrische Zuflüsse, die direkt der Kunster zustreben. Hinten über dem offenen Tal wirft sich schon langsam der Himmel in Schale, mit blassrosa Wangen und gewisser kühler Distanziertheit. Ein breites Halbrund aus Bänken verweist auf den Wanderweg, der hier einmal offiziell war. Ein paar Schritte später öffnet sich die einzige Wiese, die das Schilfland unterbricht.

Kurz vor Kunsterspring

Voraus ist schon das erste Licht von den Tierpark-Häusern zu erkennen und gaukelt einem vor, gleich dazusein. Das war auch einmal so, doch mittlerweile ist das Gelände der Waldarbeitsschule komplett umzäunt, nicht mehr durchgehbar, und so ist zuletzt ein weiter Haken durch den Wald erforderlich, der auf den finalen Metern dann noch richtig schnuckelig wird. Vorher jedoch liegt noch eine Art Waldpark, mit Lehrpfad-Tafeln, schöne Wegen und einem anständigen Biberdamm.

Als wir nach einigem Gestrüppkontakt die Straße erreichen, setzt die Dämmerung ein. Der Tierpark hat gerade noch offen, ein paar späte Kinder dürfen auch hier noch spielen und die Enten sind mittlerweile rege am Schnattern, in bester Wochenendlaune. Am Eingang zum Eichkater locken schöne Schilder mit Kapitänstellern und anderen schönen Wörtern, doch leider ist hier Januarpause.

Neuruppin

Einkehr Hinter der Siechenhauskapelle, Neuruppin

In Neuruppin haben wir Glück. Zwischen Neuem Markt und der eindrucksvollen Klosterkirche liegt die Siechengasse, frei von Verkehr, und hinter der Siechenhauskapelle wartet nun Heilung für den rechtschaffend knurrenden Magen. Zwischen ganz alten Neuruppiner Balken warten Gemütlichkeit und wirklich gutes Essen, und beim winzigen Verdauungsründchen vor zur Uferpromenade schaffen klirrende Hafen-Maste und anschlagende Wellen ganz zuletzt noch einen kleinen Hauch von Winter.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Gesundbrunnen per Regionalbahn nach Neuruppin, dort weiter mit dem Bus (nur Mo-Fr)(ca. 1,75-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn nach Neuruppin, dann weiter über Land ODER B96 bis Löwenberg, dort auf die B167 nach Neuruppin und weiter über Land (ca. 1,5 Std.)

Länge der Tour: 17,5 km (Abkürzungen gut möglich: nur Oberes Kunstertal: bis Forststraße/WP5 und am anderen Ufer zurück insg. ca. 4 km; ca. 6-7 km der großen Runde abkürzen: von WP6 nach WP17 (exkl. ausgefahrene Passage) bzw. zwischen WP7 und WP17 (inkl. ausgefahrene Passage))


Download der Wegpunkte (WP)
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Forellenzucht und Laden Kunsterspring

Tierpark Kunsterspring

Wanderung entlang der Kunster

Touristische Karte des Kunstertals

Tornowsee bei Rottstiel

Einkehr: Eichkater, am Tierpark Kunsterspring
Waldschenke Stendenitz, am Campingplatz Stendenitz
Kiosk am Campingplatz bei der Försterei Rottstiel

Grobskizziert – Birkenwerder: Krumme Wege, zweitausend Planken und die eiskalte Briese

Nach einer längeren Winter-Pause und zwei Berichten mit blasskalten Bildern wollte ich für den nächsten Text eigentlich auf einen Sonnentag warten oder wenigstens einen mit ein paar Farben zwischen all den Schattierungen von Weiß zu Dunkelgrau. Doch nicht ohne Grund gibt es das funktionale Wort eigentlich …

Bei Kolonie Briese

Die zweite Februarhälfte sorgte mit viel Sonne und frühlingsmilden Temperaturen für farbenfrohe Meere früher Blümchen und hat im Gefolge schon erste Heerscharen pelziger Sechsfüßer in schwarz-gelb aus Ihren Plattenbauten oder Erdlöchern gelockt. Somit ist niemand vor Entzücken gefeit, der vor einem aufgerissenen Krokus auf die Knie geht, dann Nase und Augen langsam in Richtung Blüte schiebt und fast schon als Regelfall beobachten darf, wie sich zwei Summende friedlich in einer Blüte drängeln. Ob solches Geschiebe ein Geräusch hervorruft, wird ein menschliches Ohr wohl nicht ergründen können, ob sich hingegen das Summen zweier Bienen summiert, dürfte oberhalb der Wahrnehmungsgrenze liegen und damit schnell herauszufinden sein.

Auch wenn in manchem alten Schlosspark die strahlend gelben Winterlinge ihre Blütenblätter zu edlen Kelchen formen, teils in wohnzimmergroßen Teppichen – am beliebtesten beim Sammelvolk sind aktuell die Krokusse, die sich willig darbieten und dabei fast zum Mercedes-Stern aufreißen. Die stehen etwas vereinzelter und sind daher vielleicht nicht so verwirrend wie die dichtgedrängten Gelben. Das Schöne bei dieser Geschichte mit den Bienen und den Blüten ist ja, dass wirklich alle Beteiligten etwas davon haben, zufällig Vorbeitrottende inklusive.

Die Briese mitten in Birkenwerder

Sobald sich aber eine Wolke vor die Sonne schiebt oder gar der ganze Tag bedeckt ausfällt, kehrt Ruhe ein, was Farben und Gesumm betrifft. So hat der März  begonnen, mit Wolken, etwas Sonne und auch ein paar Tropfen und tritt damit dämpfend auf die Bremse des vorauseilenden Frühjahrs. Gut so. Doch eben wieder kühle, blasse Bilder, keine Sonne, wenig Farbe.

Im Papenluch

Fährt man – mit oder ohne Sonne – von Berlins Mitte nach Norden in Richtung Oranienburg, besteht die Wahl zwischen zwei Optionen, was sowohl für die S-Bahn als auch für die Straße gilt. Entweder über die nördlichen Dörfer im Bezirk Reinickendorf, Stichwort Frohnau, oder eben die des einstigen Ost-Berlins, wo Blankenburg die letzte Station auf dem Stadtgebiet ist. In allen vier Fällen ist die Stadtgrenze nicht klar zu spüren, vollzieht sich der Übergang vom Städtischen ins Dörfliche sehr fließend.

Weg von der Ortsmitte zur Briese

Birkenwerder

Genau auf der Mitte zwischen den äußeren Ringen von Regionalbahn und Autobahn finden alle vier wieder zusammen, und eben hier liegt das großflächig angelegte Birkenwerder. Das Dorf muss ohne klassischen Ortskern auskommen, da alles, was ihn ausmachen würde, etwas verstreut und jeweils für sich liegt. Einzig das riesige Post-Gebäude steht gleich am Bahnhof und spannt mit der Touristen-Information und ein paar Hotels so etwas wie einen Kiez auf, jenseits der Bahnbrücke gibt es auch noch einen richtigen Bäcker und einen hübschen Park mit Spielplatz. Doch vom Bahnhof zum Rathaus und von dort zur Kirche sind es jeweils mehrere Minuten.

Kneipp-Anlage an der eiskalten Briese

Die Briese

Eben dort, zwischen Rathaus und Kirche, trifft man auf einen roten Faden ganz anderer Art, der Birkenwerder auf zauberhafte Weise prägt und von seltener Schönheit ist, gerade wenn man bedenkt, wie dicht besiedelt der Ort und wie nah die große Stadt ist. Die Briese kommt vom Wandlitzsee  daher und verplätschert bis zur ihrer Mündung ins Havelwasser keine 20 Kilometer. Doch in diese Kürze packt sie so unerhört viel Wildheit und Naturromantik, ist ihr Tal so reich an Abwechslung und Pfadigkeit, dass es pure Verschwendung wäre, dieses Bächlein in einem Ritt abzuschreiten. Nach der Hälfte wäre das verarbeitbare Maß an Eindrücken voll, die Wahrnehmung würde auf Durchgang schalten und jede weitere Viertelstunde im Briesetal als Doppelung verbuchen.

Briese auf dem Weg zur Mündung

Die meisten Leute, die gern draußen sind, werden die Briese kennen, nicht zuletzt der guten Erreichbarkeit wegen, und so ist es oft voll auf den Wegen, muss überholt und ausgewichen werden und die Naturromantik ist zu teilen. Wie bei allen Schönheiten und Besucherzielen im Lande relativiert sich das mit zunehmender Entfernung vom nächsten Parkplatz, doch wer dieses verschwiegene und ursprünglich anmutende Bachtal wirklich still erleben möchte und möglichst nur Naturgeräuschen lauschen, ist mit grauen oder kalten Tagen gut beraten, die möglichst nicht mit S beginnen.

Spreewald-Referenz unweit der Havel

Während das mittlere Briesetal in seiner ausgedehnten Waldpassage zwischen Zühlsdorfer Mühle und Borgsdorf fern von Siedlungen in seiner eigenen Romantik schwelgt und die einzigen Anflüge von Infrastruktur zwei Landstraßen und ein Forsthaus mit wochenendlichem Imbissangebot sind, ist es damit im dicht bebauten Ortsgebiet von Birkenwerder keineswegs vorbei. Mitten durch die Siedlungsviertel ziehen sich unzählige Plankenpfade über nassen Grund, die oft nur wenige Minuten kurz sind und dennoch vergessen lassen, dass man sich mitten in einer Ortschaft befindet.

Bruchwald am Mönchsee

In diese Stege und auch all die anderen Uferwege wurde in jüngerer Zeit viel Geld und Mühe gesteckt, und so sind sie sowohl schön als auch dauerhaft und können selbst auf kleinsten Spaziergängen in eine eigene Welt entführen. Dank zahlreicher Brücken steht ein regelrechter Modulbaukasten zur Verfügung, der beliebige Kombinationen der Vielfalt dieses Bachlaufes gestattet. Inklusive des Zuweges vom Bahnhof wird schon ein halbstündiger Spaziergang zum kleinen Erlebnis, inklusive Uferpfad, Kneipp-Tretstelle und Wasserfällchen. Bei jeweils einer Viertelstunde Erweiterung kommen auf kurvigen Wegen spreewaldartige Wasserlabyrinthe, verwunschene Bruchwälder oder kleine Moorseen hinzu.

Uferweg am Boddensee

Die sonst eher dünn gesäten Plankenpfade, über die man sich im Harz oder der Rhön, auf dem Darß oder an der Müritz stets besonders freut, sind hier schon fast die Regel und verleiten dazu, den Weg bereitwillig Stück für Stück zu erweitern. Wer schließlich den Boddensee mit seinen terrassierten Grundstücken in Hanglage umrundet hat, kann direkt hier vornehm einkehren und entlang der Gleise zurück zum Bahnhof schlendern oder noch um eine ganze Stunde verlängern.

Nördlich der Autobahn wird es nach wenigen Minuten wieder still. Schon bald lässt die Briese jeden Besucher tief in die Natur von Mooren und Feuchtwäldern eintauchen, zeigt bald im ausgeprägten Tal ihr Waldgesicht. Ging es in Birkenwerder noch glatt und eben zu, werden jetzt auf wurzligen und windschiefen Uferpfaden die Balance und auch die Griffigkeit der Sohle herausgefordert.

Weg entlang des Papenluches

Briese

Wenn Laub an den Bäumen ist und der Kalender Wochenende zeigt, gibt es als Belohnung eine gemütliche Einkehr im Imbiss Briesekrug, der alles bietet, was ein Mensch im 21. Jahrhundert zum Überleben braucht. Direkt gegenüber besteht im herzallerliebsten kleinen Klettergarten ein attraktives Konkurrenzangebot in Form von Waffeln und Kaffee. Ganz nebenbei lassen sich hinreißende Szenen rein analoger kindlicher Freude beobachten, oben in den Seilen.

Brücke über die Briese, bei Kolonie Briese

Wer auch hier nicht von der Briese lässt und weiter bachaufwärts geht, läuft Gefahr, noch eine halbe oder ganze Stunde dranzuhängen, denn sämtliche Pfade locken überzeugend. Doch alle paar Kilometer gibt es Querungsmöglichkeiten und Uferwege stets auf beiden Seiten, so dass niemand denselben Weg zweimal gehen muss.

Alles, was der Mensch zum Leben braucht

Der Weg von Briese nach Birkenwerder und zum Bahnhof wirkt nach den intensiven Wahrnehmungsreizen vergleichsweise sachlich, auch wenn ein Wiesenpfad die kleine Straße begleitet. Nach der Autobahnbrücke gibt es zur Zerstreuung einige schöne Villen und großzügige Grundstücke zu beschauen, und kurz darauf ist auch schon der Bahnhof zu sehen.

Die Briese im ausgeprägten Tal

Wann auch immer man zum Briesetal reist, lässt sich eigentlich wenig verkehrt machen. Viel geboten wird mit Sicherheit, solange der Fluss am Fließen ist. Die Regler für Lichtstimmungen, Klänge und Düfte, für Fauna und Flora und jene für den Publikumsverkehr muss jeder nach seinem Geschmack bedienen und dementsprechend für Monat oder Tageszeit entscheiden. Und dann bald wiederkommen, in der nächsten Jahreszeit.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn nach Birkenwerder (wahlweise über Frohnau oder Pankow)(ca. 45 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 96a oder die B 96 (ca. 45 Min.)

Länge der Tour: ca. 14 km (Abkürzungen variantenreich möglich)


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(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Der östliche und mittlere Teil des Tales

Birkenwerder

Einkehr: Ratskeller Birkenwerder, im Ort
Briesekrug, Kolonie Briese (nur am Wochenende)

Trampe: Frisierte Kiefern, der Nebeltreck und das gezackelte Nonnenfließ

Der Januar hat sich nach klammen drei Wochen ein paar sonnige Tage mit knackig-blauem Himmel gegönnt und zugleich die Temperaturen ein wenig in den Keller geschickt. Erst danach gab es den ersten Schnee dieses Jahres, der eine ganze Nacht überstand und am nächsten Morgen den erwachenden Berufsverkehr auf ein bloßes Gemurmel dämpfte. Nur von hier und da tönten die scharf artikulierten Geräusche von Eiskratzern und das aufwändige Schnaufen potentieller Wagenlenker, die zum Freilegen benötigter Autos tüchtig den Schneebesen schwangen. Von weiter oben hört man hier und dort bereits die freudige Einsilbigkeit der Wintermeisen, die allem sonstigen Gekrächze schon selbstbewusst Paroli bieten. Wer es bis tief in den Wald geschafft hat, erhält sogar schon mehr als eine Ahnung von der zwitschernden Vielfalt, die in greifbarer Zeit zu erwarten ist.

Kurviger Lauf des Nonnenfließes

Ein weitgehend monochromer Wintertag mit flächiger Schneedecke kann eine Landschaft unkenntlich machen. Ähnlich hoch ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass er eben durch die Farbarmut und die allgemeine Glättung des Landschaftsbildes ihre Konturen nachzieht, bestehende Kontraste erhöht und jeden noch so kleinen Farbpunkt fast symphonisch wirken lässt. So wie auch alte Schwarz-Weiß-Photographien immer wie gestochen erscheinen, stets noch etwas reicher an Details, und dazu anregen, sich in dieses eine Bild nur gründlich zu vertiefen.

Trampe

Bei welcher Landschaft sich der Schnee eher verallgemeinernd auswirkt und welche er detailversessen porträtiert, lässt sich im Vorhinein schwer einschätzen. In der Tat hatten wir jedoch mit der bei Trampe ziemliches Glück, entgegen der Befürchtung. Das Straßendorf mit dem Bäcker am einen und dem Fleischer am anderen Ende liegt auf der Mitte zwischen den beiden brandenburgischen Landschaftsjuwelen von Gamengrund und Nonnenfließ und hält in seinem direkten Hinterland einige Überraschungen bereit. Der Zutritt dazu erfolgt direkt hinter dem Schloss, das als solches kaum zu erkennen ist. Schlicht, funktional und schon länger frei von Zierrat steht es vor seinem kleinen Park-Zugang, drei Blumenkübel in Form riesiger Schraubenmuttern stützen diesen Eindruck. Das ist durchaus passend, denn ohne Überschwang übernimmt das Gebäude eine der wichtigsten Funktionen im ländlichen Raum. Die Kita Schlossgeister hat hier seit langem ihre Räume, und gemäß frisch aufgewärmten Plänen soll in absehbarer Zeit ein Mehrgenerationenhaus umgesetzt werden. Diese Kombination von Menschen grundverschiedenen Alters gibt es mittlerweile an vielen Orten, und der in viele Richtungen gegenseitige Nutzen liegt auf der Hand, so einfach wie genial.

Schlosspark Trampe

Gleich hinter dem großen Gebäude beginnt mit dem kleinen, doch liebenswerten Schlosspark eine der exklusivsten Auslaufflächen für Kinder, deren Ausdehnungen einen gekonnten Steinwurf kaum überragen, doch darin eine große landschaftliche Vielfalt sowie reiche Spiel- und Erlebnismöglichkeiten beherbergen. Eine junge Allee gleich vorne gibt es und eine eindrucksvolle alte hinten raus zum Wald, dann noch verschiedene Teiche und ein lebendiges Bächlein mittendurch. Dazu noch Wege breit und schmal und nicht zuletzt sogar eine waschechte Burgruine im Hosentaschenformat mit kleinem Rodelhang, beredtem Gemäuer und schilfgeschütztem Burggraben.

Burgruine Breydin im Schlosspark Trampe

Die Burg Breydin auf ihrem kleinen Wall ist von der Größe her also eher als Drei Zimmer/Küche/Bad einzustufen, wenn man noch ein wenig Platz für den Burghof annimmt. Neben einem steinernen Gipfelkreuz mit einem kurzen, guten Spruch auf dem Sockel stehen hier uralte Bäume, die kraftvoll vermitteln, wie lange das Mittelalter doch schon her sein muss. Eine lebendige Lindenruine gleicht einer riesigen Hand, die einen von oben hineingelegten Apfel erwartet oder aber beim erzählenden Gestikulieren betonen möchte, wie enorm und wirklich vorhanden etwas war. Ihr Stamm ist aufgesprengt, scheinbar von der eigenen Expansion mit all den baumesdicken Nebenästen, und sie einmal zu umfassen bedürfte es wohl neben allen Kindern auch noch der Erzieherarme.

Bunte Tupfer im schwarzweißen Schlosspark

Der zugefrorene Schlossteich ist bedeckt von kaum berührtem Schnee, vielleicht ein Daumenbreit. Unterm kleinen Uferhang steht ein Papa, zu seinen Füßen grätscht sein gut verpacktes Kind auf dem Eis und sammelt mit Handschuhen und Unterarmen zusammen, was der Schnee so hergibt. Der Papa grinst dazu und übermittelt Zuversicht. Langsam wächst ein winziges Schneemännlein in die Höhe, und als der Junge uns sieht, trompetet er uns begeistert entgegen, dass wir mal gucken sollen und dass er einen Schneemann baut. Dann sammelt er weiter Hand für Hand, lässt sie geduldig wachsen, die Figur. Wir werden das am Tagesende noch mal würdigen. Oben in den Bäumen sind überall Vogelhäuschen angebracht, die jeweils farbenfroh mit einem Bild des Mieters beschriftet sind. An diesem Tag besonders farbenfroh.

In der Tramper Heide

Um den Schlosspark zu verlassen, muss man noch der einladenden älteren Allee widerstehen und durch etwas Wald vorbei an zwei gehügelten Vorposten gehen, auf denen vielleicht noch eine Burg für den Hausmeister und eine für den Pförtner standen. Hinter dem Rand des Waldes öffnet sich dann eine ganz neue Landschaft, weit und sanft gewellt, mit dem Bewuchs, wie man ihn vielleicht von Weideflächen in sanften Bergregionen kennt. Hier und da mal ein einzelner Baum, dort etwas Heidestrupp oder ein Strauch, vereinzelt auch mal ein gewaltiger Hutebaum, der Vieh oder Hirten Schatten spenden soll.

Zugegebenermaßen ist von all dem fast nichts zu sehen, denn die Sicht mit interpretationsfreien Kanten reicht nur ca. 11 Meter weit. Alles dahinter ist Spekulation. Da meint man Bäumchen zu sehen mit filigranen Ästen, unten dann irgendwelche Optikfehler, die aber auch blattlos stehende Wiesenhalme sein könnten. Ganz hinten irgendwo das schemenhaft Dunkle ist vielleicht ein Wäldchen. Der Blick schweift durch die graue Suppe, der Hals schiebt den Kopf dabei etwas nach vorn in der Meinung, das Bild könnte dadurch an Schärfe und Detail gewinnen. Tut es nicht.

Sagenhafter Treck

In all dem geisterhaft Gestaltlosen bewegt sich noch weiter hinten eine ferne Karawane, die langsam näher kommt und an Kontur gewinnt. Alles passiert ein wenig langsamer als in der Wirklichkeit, trägt den Charakter einer Traumsequenz. Lange Beine und runde Hintern werden zu fünf Pferden, fast alle von unterschiedlicher Schulterhöhe und Färbung und jedes mit einer Reiterin auf dem Rücken. Das Kinn einer jeden von ihnen befindet sich in etwa auf selber Höhe, da auf dem größten Pferd mutig und hoch oben das kleinste Mädchen sitzt, entsprechend umgekehrt bildet ein Pony mit größerer Reiterin das Ende des einzigartigen Trecks. Keine von ihnen ist älter als vierzehn, dementsprechend mit Argusaugen fixiert uns die ausgewachsene Dame am Kopf des Zuges, bis sie uns schließlich scharf fokussieren und als harmlos einstufen kann. Um daraufhin erleichtert zu sein, ist sie viel zu souverän. So nimmt sie es lediglich mit Wohlwollen zur Kenntnis und schenkt uns stattdessen einen charmanten und geistreichen Satz im Vorbeigehen.

Dramatik des Liegens

So wie das kleine Ereignis Gestalt annahm, verschwindet es auch wieder im weißen Dunst. Wir schütteln kurz die Köpfe, fokussieren erneut in die weiße Landschaft und sehen vor uns eine Kreuzung aus fünf bis sechs Wegen, wo die Karte nur von dreien wusste. Und nehmen jetzt die volle Vielfalt dieser Landschaft wahr, die kleine Wälder hat und feuchte Schilfflächen, Bruchwaldstreifen und weite Heide, leicht bucklig wiegesagt. Einige Bäume wurden umgeweht und sind in theatralischer Geste zum Liegen gekommen, andere stehen in kleinen Gruppen beieinander, etwas geduckt und etwas heimlich, wie in der Raucherecke auf dem Schulhof.

Zusammenhanglos wachsen Ginsterbüsche weit entfernt voneinander, und besonders markant sind stets für sich stehende Kiefernbäume, die nichts gemein haben mit den klassischen hohen Stämmen im märkischen Wald. Ihre Kronen gleichen denen von gut gewachsenen Obstbäumen, und nach unten hin tragen sie alle einen Pony, der etwa zwei Meter Platz zum Boden lässt und sehr gleichmäßig gewachsen ist. Als würden gerne Bullis darunter parken oder besonders aufrecht stehende Kühe den lückenlosen Schattenwurf des dichten Nadelkleides genießen. Das Geheimnis bleibt bestehen, auch wenn der wissende Specht da im Wald vielleicht gerade die Antwort morst.

Frisierte Kiefern

Hinter einer wohlgewachsenen Eiche schlummert ein verfallendes Gebäude und bestätigt nun den Verdacht, dass diese Landschaft hier und ihr Charakter das Resultat einer langen militärischen Nutzung sein könnten. Das erklärt auch die kleinen Podeste mit Stufen und die tiefen, mittlerweile dicht begrünten Furchen im Wald, in denen sich gut etwas Größeres verbergen ließe. Alles Sicht- und Greifbare, das der Manöverbetrieb in fünf Jahrzehnten formte, sorgt nun für die besonderen Eigenschaften und Schönheiten dieser Landschaft, die nicht aussieht wie Dutzende andere, nicht wie die weiten und sandigen Erika-Heiden bei Templin zum Beispiel, Reicherskreuz oder Jüterbog. Einen entscheidenden Anteil daran hat der NABU, wie sich später ermitteln lässt.

Teich bei der Mühle, Tuchen

Tuchen-Klobbicke

Nach viel Staunen und Begeisterung, und das trotz der beschränkten Sicht, wendet sich der Weg schließlich nach Tuchen und lässt auch schon die ersten Häuser sehen. Eine Allee aus betagten Robinien mit tiefschartiger Rinde begleitet uns vorbei am Abzweig zur Froschmühle bis hinein ins Dorf. Tuchen-Klobbicke hat seine Ortsteile im Dreieck angeordnet, rund um einen kleinen Hausberg und den feuchten Grund des blutjungen Nonnenfließes. Die bewaldete Anhöhe ist von Pfaden durchzogen. Ein beruhigender Weg führt um sie herum, mit schönen Blicken auf das Dorf.

Am Tuchener Hausberg

In Tuchen selbst treffen wir an der Kirche auf den wohl großflächigsten Farbpunkt des Tages. Das Fachwerkkirchlein, das wirklich einmal abgerissen werden sollte, hat überlebt und wurde sorgfältig erneuert, strahlt jetzt in einem freundlichen Gelb. Überall im Dorf kommen Hunde an den Zaun gerannt, mit denen lange niemand mehr gesprochen hat. Erst am leicht entlegenen Dorfweiher kehrt wieder Ruhe ein. Hier gibt es nur ein Grundstück, und der am Gartenzaun versprochene Hund hat heute frei. Es sei ihm gegönnt. Noch vor dem Teich sind eindrucksvolle Reste der alten Mittelmühle zu sehen, bei denen das Nonnenfließ zum ersten Mal den Sprung nach unten probt, auch heute noch. Damit nach gut einem Kilometer Fließlänge dafür ausreichend Wasser bereitsteht, eilt ihm kurz vorher ein Rinnsal zu Hilfe, das noch kürzer ist, doch bereits beim Austritt aus dem Weiher ansehnliche kleine Schnellen zustandebringt.

Kirche in Tuchen

Rund um den Weiher stehen Bänke, so dass die Entscheidung schwer fällt. Die erste an der Straße hat einen Extra-Balken zum Abstellen der Füße, als ob von dort öfter winzige Drachenbootrennen angefeuert würden und man sich in der Euphorie des Anfeuerns gern nach vorn gewichtet. Die nächste ist stark zum See hin geneigt, so dass nach dem Hinsetzen ein sofortiges, auch unbeabsichtigtes Gleiten in den See wahrscheinlich ist. Ganz hinten gibt es einen Rastplatz mit Tisch, komfortabel und ohne Eigenheiten, und schließlich am anderen Ufer dann zwei sehr bequeme Bänke, von denen sich alle Vorgänge auf den ersten beiden gut beschauen lassen. Zwei Jungs, die das Vertrauen ihrer Eltern genießen, tasten sich mit ihrem Plasteschlitten Schritt für Schritt aufs Eis vor und kommentieren eifrig, was sie tun, auch was sie lassen sollten.

Gemäuer der einstigen Mühle, Tuchen

Nonnenfließ

Hinterm Friedhof erfolgt nun der Einstieg in die Landschaft des Nonnenfließes, die eine der ganz Besonderen ist im Land Brandenburg. Rechts und links des breiten Waldweges beginnt sie schon langsam sich aufzuschaukeln, um bald darauf ein vollwertiges Tal auszuformen. Zwischen den braunen Kiefernstämmen und dem weißen Waldboden stehen leuchtend kleine Buchen, die das Laub in ihrem ersten Winter sicherheitshalber noch dranbehalten haben.

Auch im Wald ein paar Farben

Neue Mühle

Bereits bei den Gebäuden der Neuen Mühle erheben sich zu beiden Seiten kleine Talflanken, die gut sind für Mountain-Biker und tollende Kinder, später auch für recht anständige Rodelbahnen mit Zwischenschwung. Das Nonnenfließ hat nach nur zwei Kilometern Länge das Laufen gelernt, holt noch mal Luft in der Ruhe eines Weihers und stürzt sich dann ins ausgelassene Spiel der Kurven.

Dammweg am Nonnenfließ

Ein kleiner Dammweg leitet trockenen Fußes durch eine Schilf- und Bruchlandschaft, die sich an dieser Stelle das Bachtal etwas breiter drückt. Die Bögen sind noch brav und der Bachgrund ist bedeckt von diesem kühlen, weichen Sand mit feinstem Kies dazwischen, in dem man fast schon Gold vermuten möchte. Noch einmal übernimmt ein breiter Weg, bevor schließlich die Pfade beginnen, die dem Ufer kaum noch von der Seite weichen wollen. Sie tun es nur, wenn es gar nicht anders geht oder die Mäanderschlingen so überschwänglich ausfallen, dass das glasklare Bächlein fast wieder Richtung Quelle fließt. Teils gibt es Pfade auf beiden Seiten, die Querungsmöglichkeiten von einem Ufer ans andere bleiben dabei zählbar.

Bruchsenke des Nonnenfließes

Am Übergang von der feuchten Talbreite zum verspielten Bachlauf sind die Zeichen der Biber nun deutlicher, zugleich wird der Wald immer mehr zum Urwald, wo alles liegenbleibt, was einmal stand und nicht mehr steht. Mal parallel und äußerst günstig für das Weiterkommen, mal kreuz und quer und folglich mit etwas Kletterei oder Anlass für den Forstwirt, auch die Säge kurz mal anzuschmeißen. Sehr gleichmäßig angelegte Hügel aus Zweigen und Ästen ließen bisher eher an Attrappen zum Verjuxen ansiedlungswilliger Biber denken, nach dem Motto: ist schon besetzt, such Dir selber dein Revier. Doch hier sieht es nun schon sehr nach echten Burgen aus, und mag man zu dem Biber stehen, wie man will, die Voraussetzungen dieses Tales schreien nach ihm.

Gedenkstein auf der Höhe mit wetterfester Bank

Oberhalb des Tales steht ein wuchtiger Gedenkstein mit einer Bank für die Ewigkeit und der seltsamen Aufschrift „Tschermak v. Kap-herr“, die trotzdem nicht neugierig macht. Wenig später besteht die Möglichkeit, ans rechte Ufer zu wechseln, wo nun dieser Pfad am Fließ beginnt, der oben schon Erwähnung fand, der ufertreue. Der weitere Weg in Richtung Norden verläuft auf solchen Pfaden, und er findet sein Ende erst am gern besuchten Zoo von Eberswalde.

Auf halbem Weg dorthin liegt noch der faszinierende Ort Spechthausen, der Industrieromantik ausstrahlt und eine ganz besondere Stimmung trägt. Noch vor einer greifbaren Zahl von Jahren wurde hier im tiefen Tal Papier geschöpft, was eher untypisch wirkt in dieser Gegend. Ebenso untypisch ist überhaupt der Name des Weilers, erinnert er doch eher an ferne, tiefe Wälder im Sachsenland. Damit steht er nicht allein, denn auch Begriffe wie Geschirr und Liesenkreuz, Zainhammer Mühle oder Schwärze würde man guten Gewissens dort in den Süden packen. Jene Schwärze übrigens ist ein Bach und holt das kleine Nonnenfließ eben in Spechthausen ab, begleitet es von da unter ihrem Mantel bis zum Wasser der Finow. Die wiederum reist im bequemen Bett ihres Kanals an, der dort nur wenig nach Kanal aussieht. Vielleicht hat er sich von der Kurvenfreudigkeit der kurzgereisten Bächlein etwas abgeguckt.

An der Steinernen Brücke

Wir werden nicht einmal bis dorthin kommen, doch selbst die jetzt folgenden paar Kilometer entlang des Nonnenfließes würden unmäßig viel Text und Schwärmerei erzeugen, wollte man dabei ins Detail gehen. Beides haben wir bereits vor Ort erzeugt und darum auch gleich dort gelassen, doch ein paar Stichpunkte seien gestattet. Der Bach gewinnt unterwegs an Breite und verliert sie wieder zwischendurch, er gönnt sich Pausen in Becken von der Größe eine Badewanne oder eines Swimming-Pools. Das Nonnenfließ räkelt sich so wohlig, dass es wohl auf die doppelte bis dreifache Länge kommt wie der Pfad nebenher, der vergleichsweise geradlinig der grundlegenden Fließrichtung folgt – Nord. Mal fließt es flach und kaum versenkt, dann wieder entlang dramatischer kleiner Steilhänge.

Mäander des Baches

Wer das Nonnenfließ und sein Tal aus grünen Jahreszeiten kennt, wird es so weiß und nackt und transparent kaum wiedererkennen. Zum großen Teil sind die lebhaften Wasser beruhigend vom Eis bedeckt, unter dem es leise gurgelt, bis die Wellen ein paar Windungen später wieder ans Licht drängen. Auch an den fließoffenen Stellen ist der Rand vom Eis gezackt und sorgt für eine lückenlose Schmuckborte, die man so noch nicht gesehen hat. Während oben in der Heide alles Weiß vom aufgewachten Wind schon wieder weggeblasen wurde, dürfte sich der Zauber hier unten noch ein paar Tage halten. Der Weg durch dieses hochromantische Tal mit seinem vielfältigen Baumbestand sollte im Schlenderschritt genossen werden, so die dringende Empfehlung.

Weg über dem Fließ

In einer Bachschlinge steht wie auf einer Halbinsel eine willkommene Rastbank, um den letzten heißen Tee zu trinken, den Schlender kurz zu unterbrechen, bevor es an den Aufstieg geht. Als einziger Farbpunkt im ganzen Tal fliegt ein Rotkehlchen dicht an uns heran, setzt sich jeweils kurz, gerade lang genug, um die leuchtend rote Brust noch wahrzunehmen. Bald kriecht die Kälte in die Jacke, wird es Zeit zum Weitergehen.

Ein dramatisches Nebental kurz vor einem Stein-Brücklein geht den Aufstieg sehr direkt an. Die Wasser, die hier einmal flossen, haben sich tief in den Boden eingegraben und eine eindrucksvolle Furche hinterlassen. Der Weg liegt voll Laub, und auch oben ist nicht klar zu erkennen, wo der Anschluss ist. Eine hochgewachsene Eiche voraus gibt etwas Hilfestellung, kurz dahinter ist der nächste klare Weg erreicht. Kreuz und quer folgen wir jetzt verschiedensten Kalibern von Wegen durch den Wald, kommen vorbei an einem weiteren Biberrevier und dem derzeit trockenen Brennengraben, der unsere Schritte zuletzt begleitet.

Im Walde

Hinter ein paar übrig gebliebenen Armee-Baracken endet abrupt der Wald, und vor uns liegt wieder die Landschaft vom Anfang des Tages, mit den weiten Wiesen, den Birkengruppen und den frisierten Kiefern. Das ist durchaus willkommen jetzt, denn die lange Passage im Winterwald war schön, doch die Dämmerung ist schon fortgeschritten und ein freier Blick im schwindenden Licht jetzt angenehm.

In der unverschneiten Tramper Heide

War diese Landschaft am Vormittage durch und durch noch weiß, ist jetzt rein gar nichts mehr davon übrig. Die stoppeligen Wiesen erstrecken sich in ihrem fahlen Wintergrün bis an den fernen Waldrand, nur in einigen Mulden der Maulwurfshügel hat etwas Schnee überdauert. Ein schütteres Asphaltband zieht sich mitten hindurch, wie eine verirrte und die Jahre gekommene Landebahn im Grünen. Hinter einem Bruchwaldstreifen lockt ein Wiesenweg, der im Sommer sicherlich von großer Blumenvielfalt umgeben ist. Jetzt mischt sich hier nur grün mit braun, doch ein Duft wie von aufgetauter Kräuterwiese liegt vor dem Wald und erinnert daran, dass andere Jahreszeiten auch ihre Reize haben. Am Waldrand weisen neben einem winzigen Robinienhain mit seinem typischen dunkelgrünen Teppich einige ausgeprägte Kopfweiden den Weg ins Dorf, zwischen ihren haushoch toupierten Köpfen ist der Tramper Kirchturm endlich zu erkennen.

In der unverschneiten Tramper Heide

Einmal schreiten wir die ganze Dorfeslänge ab, von Nord nach Süd. Trotz müder Beine und hängender Mägen schlagen wir noch den kurzen Bogen in den Schlosspark, um im letzten Licht zu sehen, wie der Schneemann nun geraten ist. Selbst wenn er kindeshoch geworden war, hat die Kälte des Eises nicht ausgereicht, das zu bewahren. Das Häuflein Schnee ist ungefähr genau so groß wie der Entwurf vom Anfang, den wir sahen. Doch wenn sein Schneemann-Leben auch nur kurz war, so war es doch von vorn bis hinten voll mit echter Kindesliebe.













Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Ostkreuz Regionalbahn nach Werneuchen, dann weiter mit dem Bus (ca. 1,25 Std.)(nur Mo-Fr)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 158 bis Tiefensee, dann B 168 bis Trampe, einige Parkplätze am Bäcker

Länge der Tour: ca. 18 km (Abkürzungen möglich)(schwer erkennbaren Weg aus dem Fließtal bei Wegpunkt 25 vermeiden: noch 10 Min. weiter am Nonnenfließ, dann rechts auf den großen Weg abbiegen und nach 700 m an der Wegekreuzung rechts bis Wegpunkt 27)

Download der Wegpunkte
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Links:

NABU: Ehemaliger Truppenübungsplatz Trampe

Burg Breydin und Schlosspark Trampe

Aktuelles zum Schloss Trampe

Rundweg Nonnenfließ

Einkehr: keine Möglichkeit direkt am Weg

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Baumgarten: Fünf Seen, der beredte Hungerturm und ein Schloss hinter Gittern

Der Monat, der seine alljährlichen Tage wie kein anderer mit Gelb- und Goldtönen zelebriert, ist so gut wie da. Der September hat ihm den Weg geebnet, auch wenn alles ein wenig mit heißer Nadel gestrickt war – nur wenige Augenblicke vor dem kalendarischen Herbstanfang fand die monatelange Sonnenglut mit kurzem, doch effektreichem Krawall ihr Ende und bewirkte einen Temperaturrutsch von 30 auf 14 Grad binnen einer Spielfilmlänge.

Am Südufer des Huwenowssees

Aus tropischen Nächten wurden frostige, während luftige Strohhütchen dünnen Kopfstrümpfen wichen, die jede Unebenheit des Schädels ehrlich abbilden oder jeglichen  Spiegelaufwand des zeitigen Tages zunichte machen. Die Bekleidungsszenarien von frühem Morgen und spätem Nachmittag bieten massive Kontraste, lassen die eine morgens frieren und den anderen nach der Arbeit schwitzen und liefern aufmerksamen Beobachtern manchen Anlass zum Grinsen. Erkältungen und volle Wartezimmer sind vorprogrammiert, so dass die tägliche Dosis Tee aus guten Kräutern oder scharfen Knollen ab jetzt eine Überlegung wert ist.

Auch tagsüber ist die Luft stellenweise schon so frisch, dass sogar die Sonnenmüden bereits wieder den Schatten meiden und den Simultankontrast aus kalter Luft und warmen Strahlen aufrichtig genießen. Hinzu kommen die Farben und Düfte von Laub und erdigen Äckern sowie den reichlich gefallenen Früchten von Obst- und Waldbäumen. Damit nichts vom Beschriebenen zu kurz kommt, empfiehlt sich für diese Tage eine runde Mischung aus sanfthügeligen Feldern, laublastigem Wald und klassischen Brandenburger Seen.

In Meseberg zwischen Schlossparkmauer und Obstwiesenzaun

Eine besonders reiche Auswahl findet sich im Ruppiner Land oder grob gesagt zwischen Neuruppin, Rheinsberg und dem immer wieder besonders schönen Städtchen Lindow, das von zwei edlen Seen kontaktfreudig umworben wird. Von dort ragt über den Wutzsee hinaus noch ein inoffizieller und vollwertiger Ausleger dieser Landschaft bis hinüber nach Gransee, das landschaftlich schon eher havellastig ist.

Waldrandweg östlich von Meseberg

Wer in Lindow eine Pause einlegt, läuft Gefahr in dem pittoresken Erholungsort hängenzubleiben. Gut verteilt gibt es hier viel zu Entdecken, dazwischen finden sich zur Genüge gastronomische Angebote an schönen Orten, und der etwa zweistündige, in keiner Weise eintönige Weg um den Wutzsee ist ein Klassiker im besten Sinne. Zudem bedarf er keinerlei Vorbereitung und verspricht gemeinsam mit dem Besuch des Städtchens fast garantiert einen schönen Tag.

Kirche in Baumgarten

Baumgarten

Wer es geschafft hat, Lindow mit seiner gütig-schelmischen Nonne im See zu verlassen, kommt durch Keller nach Baumgarten. Zwischen fünf Seen liegt das Dörfchen und bietet mehr als eine Handvoll Varianten, die gewünschten Sinneseindrücke in einem Zeitraum zwischen dreißig Minuten oder mehreren Stunden zu genießen. Die Minimalvariante wäre es, dem urigen Waldweg entlang eines Bächleins hinab zur Badewiese zu folgen und dort beliebig lange von einer der Bänke oder einer Picknickdecke aufs Wasser zu schauen. Vielleicht mit frischem Brot, Käse und Heißem oder Kaltem in der Flasche. Am anderen Ende der Messlatte lockt der Gedanke, keinen der fünf Seen unberührt zu lassen und dafür am Abend entsprechend breiter gefächerte Impressionen mit nach Hause zu nehmen. Sollten unterwegs doch Bedenken erwachen, gibt es ausreichend Möglichkeiten zum Abkürzen, und jedes Segment für sich hat ausreichend Schönes zu bieten.

Zwischen den Seen bei Baumgarten

Die Gaststätte in Baumgarten gibt es schon seit ein paar Jahren nicht mehr, dafür schräg gegenüber den Hungerturm. Durch die Essenluke werden Kaffee und Kuchen gereicht oder wahlweise auch ein kleiner Mittagstisch, dazu bei Wunsch etwas Schnack mit den Wirtsleuten. Offen ist, wenn offen ist, und am Wochenende stehen die Chancen meist gut. Zum Kaffee gibt es noch ein paar Empfehlungen für Ganztagesfußgänger, und gleich nach dem Queren des genannten Bächleins geht der Weg schon in die Vollen. Begleitet wird er von schwarzlastigem Bruchwald, der trotz der endlosen Dürre noch etwas Matsch und Wasser hat und also etwas Morgenkühle übrig. Das begleitende Dölschfließ findet im nahen Seenpaar seinen Anfang und steht nach Information von Einheimischen über den Rhin in direkter Verbindung mit der Hansestadt Hamburg, von wo es ja auch nicht mehr weit ist zu den Weltmeeren.

Am Talgrund des Lindower Rhins

Zwischen den Seen sitzt also ausreichend Wasser im Boden und lässt alles, was hier wächst, besonderes saftig aussehen und entsprechend duften. Nach rechts glitzert zwischen den Stämmen der Kirchsee hindurch, der als Baumgartener Haussee gelten kann und in der Tat direkt unterhalb der Kirche liegt. Von Norden kommend sollte sich so ein besonders gefälliges Dorfbild ergeben. Der Salchowsee ist mit seinem breiten Ufergürtel nur zu erahnen, doch dafür hat er eine kleine Insel, die der erforderlichen Phantasie etwas Spielraum gibt. Die Erlen übergeben an Robinien und diese bald darauf ans offene Feld, das am alleedurchbrochenen Horizont so einige Kirchtürme erahnen lässt.

Wiesiger Talgrund des Lindower Rhins

Nach etwas stiller Landstraße beginnt eine urige Allee, die gesäumt ist von windschützendem Buschwerk und teils uralten Robinien mit einer Rinde, in deren tiefen Furchen man Schokoladentafeln verstecken könnte. Hinter der Landstraße übernimmt dann flächiger Wald, mal mit Fichten, dann wieder mit Robinien und zuletzt mit Eichendominanz. Überhaupt ist an Waldesstille noch immer nicht zu denken, denn alle paar Sekunden knallt oder huscht es im Unterholz. Eine Weile dauert es, bis große oder kleine Tiere sowie Vögel aus dem Verdacht geraten und man darauf kommt, dass es die Eicheln sind, die nach mehreren Sekunden freien Falls auf grüne glatte Blätter am Ast oder braune kruschlige am Boden knallen, teils über Bande.

Bruchwald kurz vor dem Huwenowsee

Entlang des Lindower Rhins hat sich hier im dichten Wald der Baumgartener Heide ein saftiger Wiesengrund geöffnet, der ein wenig an den des Stobberbaches in der Märkischen Schweiz erinnert, östlich der Pritzhagener Mühle. Mal ist er breiter, dann wieder tailliert, und fast immer ragen vom Waldrand her ausladende Eichenarme hinein soweit es geht und fischen dort nach Licht, so scheint es.

Buchenreicher Uferweg am Huwenowsee

An einer besonders offenen Stelle steht am sanften Hang ein großkroniger Apfelbaum und hat scheinbar im Affekt all seine Früchte abgeworfen. Groß und rund und gelb liegen sie dicht an dicht in der Wiese und sind kaum angebissen oder faulig. In der Tat schmeckt dieser Apfel extrem sauer und zugleich bitter, wie man es selten unterm Gaumen hatte. Nix zum Runterschlucken, doch gut geeignet für Grimassen, und so sehen es wohl auch die Tiere auf ein bis zwei Beinpaaren und selbst die Würmchen.

Blick auf den Huwenowsee

Die Waldstraße von Baumgarten quert den langsam fließenden und glasklaren Lindower Rhin, gegenüber führt ein schmaler Pfad durch dichtes Kraut und hohe Hopfenskulpturen. Am Hang des feuchten Grundes deutet sich schon der Buchenwald an, der die nächste Stunde Weges spektakulär begleiten soll. Nach dem Abzweig zur Baumgartener Badewiese gewinnt er an Deutlichkeit und lässt oben ein helles, weites Land erahnen, direkt hinterm oberen Rand. Gleich darauf beginnt der im Wald eingesenkte Huwenowsee, der offenbar Freude an gekrümmten Uferlinien hat und fast rundum von steilen Waldhängen umgeben ist. Ausnahmen bilden hier nur der Austritt des Lindower Rhins und nach Süden hin ein flacher Wiesengrund, der ebenso saftig grün ist wie der vorhin und weit ins angrenzende Land vernetzt.

In Meseberg am Schloss

Der gediegene und großzügige Uferweg umschifft im Spielraum seiner Breite so manchen dicken Buchenstamm oder aufgeworfenes Wurzelwerk vom letzten Sturm und hat alle paar Minuten eine gute Stelle für einen Wassergang zu bieten. Fast schilffrei ist das Ufer, das Wasser klar und der Boden unter Wasser meist von diesem weichen, kühlen Sand, wie er für die Gegend charakteristisch ist. Das Gegenufer ist nur zweihundert Meter entfernt, und so wird es in warmen Zeiten manchen locken, ohne viel Aufwand und Heldenmut einen See zu durchschwimmen.

Für die zwei Kilometer sollte man ruhig einen Gang runterschalten und genießen, denn es ist eine von diesen Passagen, wie sie diese Gegend zwar vielerorts zu bieten hat, die jedoch immer ganz besonders bleiben. Niemals gewöhnlich und nie normal, auch wenn es für märkische Verhältnisse Stubekammerküche ist. Touristen aus Übersee könnte man diese Passage sicherlich als den sagenumwobenen Stechlin verkaufen, mit dessen Ufern sie locker mithalten kann.

Zwischen Mauer und Zaun im Meseberg

Die Buchenfüße sind bisweilen so gewaltig und nachgerade modelliert und ausgeformt, dass sich zwischen ihren Zehen kleine Vogeltränken bzw. –badewannen befinden. Zwischen den Stämmen treten hin und wieder Rinnsale aus, teils eisenhaltig, die es zwischen Quelle und Mündung kaum auf 15 Meter bringen. Doch der Bezug zu Hamburg und dem Ozean gilt auch für sie – falls das von Belang ist für so ein kurzes, sorgenfreies Sal, das dem See ja ebenso taufrisches Wasser zuführt wie jedes Bächlein von größerem Format.

Eichenruine am Rand von Meseberg

Hier und da sitzen Angler am Ufer, die dank ihrer Kleidung fast im Ufergrün verschwinden und deren versteinerte Buckel ausdrücklich um Ruhe bitten, wenn Plappervolk mit Rucksack passiert. Kurz vor Meseberg dann zieht am Hang ein groß angelegtes Rondell aus jungen Bäumen den Blick an. Dezentral steht darin kleinlaut und unfertig ein kleiner Tempel, ein Mausoleum für zwei historische Leute mit Bezug zu Meseberg.

Oben dann ist endlich der Blick von der oberen Hangkante möglich, der zum Wasser hin eine ordentlichen Seesicht bietet, ins Land hingegen eine kürzlich angelegte Streuobstwiese. Umgeben ist sie von einem dieser schönen Zäune, die scheinbar aus handgeschnitzten Stecken und Draht zusammengeknibbelt wurden und an denen nichts gerade, einheitlich oder wiederholend ist. Das eben macht sie so charmant, und der Kenner weiß, dass das auch seinen Preis hat. Gut angelegtes Geld, denn bei jedem Anblick wird man sich aufs Neue freuen.

Schloss Meseberg

Meseberg

Ferner sind Augenschmeichler hier besonders willkommen, denn direkt gegenüber die Mauer und der stabile, elegante Eisenzaun hegen das Schloss Meseberg ein. Das exklusiv überm See gelegene Anwesen mit seinen französisch geprägten Parkanlagen ist gewissermaßen eine der guten Stuben der Bundesregierung und die ländliche Alternative zum Schloss Bellevue, das im Herzen Berlins direkt an einem Spreenbogen liegt. Wenn es in Meseberg den größten Teil des Jahres ganz besonders still ist, so gibt es auch Zeiten, wo großer Bahnhof und Hochsicherheit für Unwägbarkeiten und Helikopterlärm sorgen und man das Dorf umgehen sollte, möglichst großräumig. Ein aktueller Blick in die Zeitung kann also nicht schaden, wenn eine Tour in dieser Gegend ansteht.

Heute ist einer von den überwiegenden Tagen, den stillen. Die kräftige Septembersonne wird von eindrucksvollen und ausufernden Wolkengebilden in unregelmäßigen Abständen in die Schranken gewiesen und taucht das Dorf in wechselnde Szenenbilder aus Licht und Schatten. Gegenüber des Friedhofs werden musikalische Vorbereitungen auf die anstehende Jagdsaison getroffen, die mit vielkehligem Gesang und goldglänzendem, wetterfesten Blech zu tun haben. Vorn im Dorf hält jemand Fleißiges mit seiner Kreissäge dagegen, was manchmal zufällig zu Harmonien führt. Ein musikfühliger Hofhund protestiert kurz mit überschlagender Stimme, und kurz darauf kehrt wahrhaftig Ruhe ein von allen Seiten. Ist es vielleicht Punkt eins?

Waldrandweg östlich von Meseberg

Die Flucht der gemütlichen Dorfstraße führt den Blick direkt mittig auf das Schloss, während die Straße selbst sich etwas sträubt und lieber der kleinen Dorfkirche einen sanften Schwenk zubilligt. Hinter der Kirche liegt der Dorfkrug, sehr willkommen jetzt. Die beiden Schirme sind so groß, dass sie vermutlich nur einmal im Jahr aufgespannt und im späten Herbst wieder zugemacht werden, denn dafür muss das rustikale Mobilar komplett weg. Stabil genug für jeden Sturm dazwischen sehen sie aus. Hier ist jetzt ein herrlicher Platz für eine ausgedehnte Pause, mit Blick zu Kirche und Schloss und allem, was so auf der Straße vor sich geht. Die Hälfte aller vorbeitrottenden Autos tragen ferne Kennzeichen, viele von ihnen sind geliebte Oldtimer auf tiefenentspannter Schönwetter-Ausfahrt.

Gegenüber fällt zwischen Dächern und großen Lindenkronen ein intensiver Sonnenfleck auf die Wiese, über dem sich hunderte kleine Flügler tummeln, solange die Wärme da ist. Sorgt eine Wolke für Schattenwurf, ist gar kein Schwirren mehr, um beim nächsten Strahl wieder in Gänze und alter Form da zu sein. Leute kommen und gehen, je nach Altersklasse wählen sie den gut geheizten Innenraum oder die Bänke an der frischen Luft und lassen sich das hervorragende Essen schmecken.

Waldrandweg mit Mittelgebirgsblick

Eine kleine Runde ums Dorf belohnt neben einer mühelosen Handvoll Walnüsse mit einem Wiesenblick auf das Schloss und seine nicht minder schönen Nebengebäude, führt dann vorbei an einer Eichenruine, die sicherlich gut ist für verschiedenste Geschichten. Nach höllisch lautem Gänsegeschnatter verlassen wir das Dorf auf einer ansteigenden Pflasterstraße. Nach dem letzten Haus beginnt rechts ein zauberhafter Weg über die wogenden Felder, der sich in einigen Schwüngen zum Waldrand hinüberhangelt. Von dort schaut man auf Meseberg hinab und hat danach einen der schönsten Waldrand-Kilometer vor sich, die Brandenburg zu bieten hat. Wie über den Wäldern eines Mittelgebirges nimmt der Weg mehrere Wellen mit, und auch hier bilden wieder gewaltige Eichen mit ausladenden Armen die Wächter des Waldes, der im Innern allerlei Kiefern untermischt. Auch hier sollte man langsam gehen und ausgiebig genießen.

Unten quert ein stilles Sträßchen. Zwei Radfahrer mit daumendicker Bereifung biegen auf den Asphalt ab und sind sichtlich froh, wieder unverkniffen fahren zu können. Bis zur Badestelle ist der Weg noch breit und führt dicht am tiefen Bruchwald entlang, der eine Umrundung des Großen Dölschsees etwas größer ausfallen ließe. Ab hier wird der Uferpfad verspielt und vielfältig und erklärt nun die Freude der Radler über glatten Untergrund. Zu Fuß ist es ein Traum, wenn auch sich nur selten ein Blick auf den See öffnet, ebenso rar sind Badestellen. Die Wasserfläche liegt schon abendlich geglättet und jede ziehende Ente hinterlässt eine langwährende, meditative Spur. Aus der Ferne ist ein Kranichpaar zu hören, nicht das erste Mal heute. Ansonsten ist hier absolute Ruhe, keine Eichen hier im Wald.

Am Großen Dölschsee

Ein Brücklein erlaubt den Durchgang zwischen den beiden Dölschseen, und am kleineren von ihnen beginnt nun der abschließende Kilometer des Tages. Durch einen letzten Bruchwald erreichen wir den Rand von Baumgarten, das ganz klassisch über „das Hochhaus am Rande der Stadt“ verfügt, so klein, wie es ist. Gleich dahinter an der Kirche lockt ein kleiner Stichweg zum Ufer des Kirchsees. Doch heute ist den Schönheiten des Tages wirklich nichts mehr hinzuzufügen. Nicht einmal in Lindow.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Gesundbrunnen Regionalbahn nach Gransee, dann mit dem Bus nach Baumgarten oder Meseberg (nur Mo-Fr, ca. stündlich)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Löwenberg (B 96), wahlweise kleinere Straßen über Lindow (Mark)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen vielfach möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Rundwanderweg Huwenowsee

Faltblatt Meseberg-Gransee (PDF)

Geschichte des Schlosses Meseberg

Einkehr: Imbiss am Trafoturm in Baumgarten (schräg ggbr. der alten Waage), keine festgelegten Öffnungszeiten, ggf. an der Glocke läuten

Dorfkrug Meseberg (sehr gute Küche, gemütlich, freundlich)

Schlosswirt, Meseberg (gehobene Gastronomie)

Grunow: Das Sophienfließ, der See in türkis und die senkrechten Schachbretter

Endlich kam der Regen. Nach endlosen Wochen von Trockenheit und extremer Hitze gab es nun wirklich ein erlösendes Gewitter, das sich von Frankreich aus auf den Weg machte und als langgezogener Süd-Nord-Riegel einmal übers ganze Land zog. Während es im Südwesten marodierte und einigen Schaden anrichtete, erreichte es den Nordosten bereits ermattet und zeigte sich hier unentschlossen und effektheischend. Stand irgendwann wieder auf festen Beinen und gab dann endlich dem staubigen, teils knochentrockenen Land einige kurze, doch hilfreiche Güsse. Alles mit Wurzeln im Boden erhielt eine umfassende Erfrischung und die Hoffnung auf etwas mehr in der folgenden Woche. Auch alle wurzellosen Lebewesen konnten nun aufatmen und ein paar kreislaufschonenden Tagen entgegensehen mit Temperaturen in den Zwanzigern, nachts schon fast darunter.

Im Tal des Sophienfließes

Abgesehen von der normalisierten Temperatur ist auch sonst zu spüren, dass die Jahreszeit mit den längsten Tagen ihren Zenit überschritten hat. Jedes Jahr aufs Neue gibt es dann wieder dieses besondere Licht, das geschaffen wird von schnellziehenden Wolkenbergen vor kräftiger Sonne und den ersten Lücken im Laub der hohen Bäume. Schon am Nachmittag sorgt der deutlich tiefere Sonnenstand für dieses warme Gold, die langen Schatten für mehr Lebendigkeit in allen Gestalten der Landschaft.

Während die bunten Blumen und Gewächse des späten Sommers sich stille Gefechte liefern um schönste Farbenpracht und maximale Sättigung, mischen sich zwischen die würzigen Düfte des ersten gefallenen Pappellaubs schon die fruchtigen, leicht beschwipsten aller Früchte, die vom Wind oder von den Bäumen selbst abgeworfen wurden. Kleines wildes Murkelobst mit pflaumengroßen Birnen und kirschengroßen Pfläumlein, doch das Aroma dieser Früchtchen strahlt aus mit der Kraft eines Konzentrats. Als drittes im Bunde mischen sich noch die knallblonden Strohrollen dazu, die gut verteilt auf den stoppeligen Feldern parken. Die Duftmischung im Ganzen vermag es, bei manchen sehnliche Vorfreude auf den nähergerückten Herbst zu wecken.

Im Schlosspark Buckow

Gut geeignet für diese Zeit um Spätsommer und Frühherbst ist die bezaubernde Gebirgslandschaft der Märkischen Schweiz mitsamt den Dörfern drumherum – so zumindest zeigt es die Erfahrung. Argumente und Begründung bleibe ich schuldig, dem Textvolumen zuliebe. So gesehen trifft es sich gut, dass Buckow mindestens einmal im Jahr lautstark im Gedächtnis anklopft und sich bemerkbar macht, bestimmt und kaum verhandelbar. Dieses scheinbar gemalte Städtchen zwischen dem türkisesten aller märkischen Bergseen und einer der gelungensten Reliefeuphorien im Land Brandenburg. Beim Spaziergang durch die Stadt trifft man auf viele Bilder und Stimmungen, die eigentlich nur von romantisch übertriebenen Gemälden unglücklich verliebter oder naturversessener Pinselkünstler stammen können. Doch alles ist echt, und man darf es sich anschauen zu jeder Zeit und so oft man kann und möchte. Wenn es Text wäre und nicht Bild, wäre es an einem Tag wie heute wohl komplett fettgedruckt.

Grunow

Grunow ist eines der genannten Dörfer und liegt fünfzig Meter über dem Schermützelsee. Es wird umwogt von langfrequenten Landschaftswellen, die für ein regelmäßiges Auf- und Ab sorgen und mit sanftem Fingerzeig betonen, dass es ins Gebirge geht. Das Dorf liegt mittagsstill und scheint den ersten hitzefreien Tag dankbar aufzusaugen. Eine Katze muss nun keinen kühlen Stein mehr suchen, heut tut es auch ein simpler Schattenplatz am Fuß des Apfelbaums. Weiter hinten bewegen sich drei Ferienmädchen Richtung Dorfrand, wahrscheinlich zu den Pferden hin. Offen bleibt, ob sie rosa Schleifen im Gepäck führen oder Zuckerwürfel, doch sie bewegen sich bogenreich und etwas ruckhaft, da ein drittes Fahrrad fehlt. In irgendeinem Garten kommt viel zu spät ein klobiger Köter ans Gittertor gerannt, scheinbar noch mit der Hitze der letzten Tage im Gehirn. Am Dorfausgang ist dann alles still, und so hört man von Ferne das Schnauben der Pferde. Etwa genauso laut sind die nahen Hummeln auf der bunten Wiese hinterm letzten Haus.

Dorfstraße in Grunow

Dann öffnet sich die große Weite mit ihren sanften Hängen, angenehm durchbrochen von kleinen Waldstücken, hochgewachsenen Pappelreihen und feuchten Senken, in denen alles grün oder noch etwas grüner ist. Von links nähert sich ein kleiner Wasserlauf, der trotz der zähen Dürre etwas Wasser führt. Das Fließvolumen reicht von daumendick bis beinlängenbreit, doch niemals steht es still, das Sophienfließ. Dass es etwas versteht von Naturromantik, beweist das Bächlein bereits ein Dorf stromaufwärts in Prädikow. Wie sich auf dem Rückweg zeigen wird, baut es dieses Talent bis zu seiner Mündung in den Schermützelsee eindrucksvoll aus.

Hügelwiesen am Sophienfließ bei Grunow

Ein gutes Viertelstündchen hält uns das Fließ die Treue, doch im ersten längeren Anstieg plätschert es weiter seiner Wege Richtung Osten, bleibt lieber unten. Eine gute Entscheidung, insbesondere wenn so wenig Wasser zur Verfügung steht wie in diesem Sommer. Oben quert ein verträumter, breiter Weg. Links in den Büschen ist ein stattlicher Haufen Feldsteine mit Größen von Apfel bis Kürbis am Zuwachsen. Den sollte man sich merken, falls Muttern mal wieder ihre Beete umgestalten will.

Am Wiesenpfad vor Bollersdorf

Beide Richtungen des Weges locken, doch geradeaus der Weg nach Bollersdorf ist frisch gemäht und heute gut zu gehen, daher mehr als einladend. Der Weg läuft bald zu einem Pfad ein und kann zeitweise ziemlich krautig sein, notfalls lässt sich die Passage einfach westlich umgehen. Doch dieser knappe Kilometer ist lohnend. Zum Dorf hin und zum alten Wirtschaftshof gibt ein verlandeter Weiher mit Feuchtgebiet allen in der Nachbarschaft von seinem Safte ab und sorgt damit für einen breiten Schilfgürtel mit lautstarkem Leben. Bis zum Pfad hin reicht sein Einfluss, und so hat sich hier im Sommer ein farbenfroher und stengeldicker Blührand entwickelt, in dem es goldgelb strahlt von den hochgewachsenen Goldruten, hell- und dunkelviolett von Kletten und Disteln und in seven shades of white von allem möglichen Gewächs.

Dorfteich in Bollersdorf

Ob all jene, die summen, brummen und flattern, nicht mehr so wählerisch sein können wie im späten Frühling oder es sich wirklich um Blüten handelt, die wohlgelitten sind unter Insekten, oder ob diese Nektarspender einfach das Obst der Saison sind für Leute, die es regional bevorzugen – hier ist richtig Betrieb. Nicht nur die Zahl der Schmetterlinge ist groß, sondern auch ihre Vielfalt, und dazwischen tummeln sich die Hummeln, auch noch Bienen und basslastige Hornissen sowie allerhand kleinere Teilnehmer wie Käfer und Fliegchen. Angesichts des verstörenden Problems der schwindenden Insekten lässt sich nicht aufatmen, auch wenn man gerne würde. Doch es stimmt zuversichtlich, wenn man direkt sieht, was so ein stehengelassener Meter Feldrand bewirken kann. Insbesondere in diesem insektenarmen Sommer, wo man die Wespen eher am Wasserhahn antrifft als auf der Himbeertorte.

Hinter Bollersdorf

Bollersdorf

Allein dieser Kilometer wäre die Anreise wert gewesen, und so ist es schade, dass er trotz allen Herauszögerns irgendwann endet. Doch auch Bollersdorf hat dem Auge viel zu bieten, zumal man mitten durch den großen Dreieinhalbseit-Hof gehen darf und mitverfolgen, wie aus verfallenden Scheunenhäusern wieder Prachtstücke werden oder stattliche Sonnenblumen aus betagten Backsteinfugen wachsen, im schönsten Kontrast. Vorn an der Kirche machen gerade zwei Jungs mit Rädern eine Tourbesprechung, kurz darauf bei der Pause am Dorfteich fragt uns von hinten jemand aus seinem Pickup heraus, ob er hier zur Pritzhagener Mühle kommt. Auf dem Teich wechseln die Enten besonnen von hier nach da, ein dicker Fisch prahlt mit seiner Rückenflosse, bis wir endlich hinschauen, und sogar eine ganze Reihe Schwalben sausen noch dicht überm Wasser herum, ohne Laut und voller Anmut.

Obstallee hinter Bollersdorf

Ein paar Meter weiter schmeißt eine grantige Hexe jeden aus dem Dorf, der zu lange auf ihr Häuschen stiert, und so finden wir uns gleich darauf vor der absteigenden Straße, die hinab zum größten Bergsee der Märkischen Schweiz führt. Doch rechts steht eine sehr anziehende Reihe von Apfelbäumen auf der Höhe und ist stärker. Mit herrlichem Blick auf die bewegten Wälder der Höhen und Täler gegenüber lassen sich hier verschiedene Apfelsorten verkosten, die teils schon rotbackig sind. Nach dem Abbeißen bleibt eher eher ein schiefes Grinsen als ein genießerisches Ah – einzwei Wochen sollten sie noch reifen. Zwischen den Bäumen ragen unverwüstlich die wuchtigen Ventilstutzen der alten Bewässerung aus dem hohen Gras. Auf der zweiten Hälfte der Obstallee geht es weiter mit Pflaumen, die fast schon blauschwarz sind, groß und durchaus aromatisch, doch etwas Reife und Saft fehlen auch hier noch. Für die tägliche Dosis Vitamin C und ein paar andere empfohlene Tagesrationen sollte es jedenfalls gereicht haben. Untermalt wird die Sause von einem hintergründigen Chor zirpender Grillen.

Uferweg am Schermützelsee

Nach der Weite und dem freien Blick verschwindet der Weg abrupt im dunklen Wald, gut gemischt aus Laub und Nadel, damit würzig duftend und von diffusem Schatten. Das Gefühl von offenen Augen ohne Dunkelbrille ist nach der wochenlangen Dauersonne ähnlich weit weg wie das eines festen Schuhes am Fuß – und beides wohltuend. Schnell verliert der Weg an Höhe und lässt dabei auf ein paar Metern eine historische Pflasterstraße aus enormen Steinen sehen, wie man sie auch von der Sächsischen Schweiz kennt. Überhaupt läuft uns heute ständig die Oberbarnimer Feldsteinroute über den Weg, und bis zum Ende werden die Feldsteine häufiger als üblich Präsenz zeigen. Als Lesesteinhaufen am Feldrand oder im Gebüsch, als Straßenbelag oder als Bauklötzer für Häuser und Kirchen. Und natürlich ganz klassisch als imposanter Findling am Wegesrand.

Die Scherri vor Anker, am Badestrand von Buckow

Immer steiler wird nun das Gefälle, immer direkter der Abstieg, bis irgendwann die Wasserfläche durch die Stämme glitzert. Dieser schöne, ganz besondere See, der nur zwei Kilometer lang ist und dennoch zwei schöne weiße Dampfer beschäftigt, einen klassisch zu nennenden Badestrand anbietet und ein ganz passables Segelrevier. Unten beginnt der Uferpfad, der sich auf ganzer Linie so wild gebärdet, als wollte er einen abwerfen. Schön und wild ist er, reich an Treppen und steilem Auf und Ab. Zwischendurch lässt er den Spaziergänger spontan durch ein Bollersdorfer Bergdörfchen spazieren, das mit seinen steilen Stiegen, Streuobsthängen und Terrassengärten an die sächsische Elbe denken lässt.

Keramikscheune mit Biergarten, Buckow

Der Rundweg um den Schermützelsee darf als Legende und Klassiker im besten Sinne gelten, was pittoreske Bilder, umfassende Vielfalt und Naturromantik betrifft. Bei aller Kürze spendiert er eine der abwechslungsreichsten Seeumrundungen in ganz Brandenburg und konzentriert mit allen möglichen Variationen das Erlebnis- und Erholungspotential einer ganzen Urlaubswoche in sich. Am Gasthaus wird es wieder schattig, und wie auch am Stienitzsee zwei Täler weiter trifft man alle paar Minuten auf Quellwasser, das unterhalb des Hanges aus dem Boden sickert. Dieses frische Wasser landet neben dem des Sophienfließes im See und ist vielleicht ein Teil des Geheimnisses um sein kräftiges Türkis.

Wochenend-Idyll in Buckow

Buckow

Hinter einer Reihe geradezu hinreißender Ufergrundstücke oder solcher mit Seeblick steht als letztes das zuwachsende Haus Tirol und ruft Bilder auf, wie es hier im schönen Kurort mit eigener Bahnanbindung einmal zugegangen sein könnte. Worte wie Sommerfrische kommen in den Sinn, ferner Tanztee und Gymnastik sowie Badekleidung, deren Anlegen längere Zeit beansprucht. Gut zu diesen Bildern passt das Strandbad, in dem der Betrieb heute eher verhalten ist. Von Südwesten drückt ein wirklich strammer Seewind in die Bucht, der schaumgekrönte Inlandswellen aufhäuft und im Biergarten sogar die halbvollen Gläser in Schwingung versetzt. Die Mädels, die davon unbeeindruckt vorn auf dem Steg stehen und beim ausgiebigen Schwatzen leise schlottern im badenassen Textil, dürften wohl eher von hier sein und jeden Tag der Ferien am Wasser verbringen. Alle Kundschaft aus der nahen Großstadt hingegen hebt die Zähne beim Zehentest, reibt sich leicht gekrümmt die nackten Oberarme und zieht ein leidendes Gesicht am ersten Tag ohne brüllende Hitze. Beschwichtigende Worte folgen, begleitet von schiefgelegten Köpfen.

Kneipptretstelle am Schlosspark Buckow

Gegenüber des Strandes am Dampferanleger lockt eine steile Stiege hinauf zum Schlossberg, doch wir wollen unbedingt in den Ort, nach dem Rechten schauen und Energie nachlegen. Im alten Strandkiosk ist ein Trödel eingezogen mit buntem Sortiment, so dass ab hier ein großer blauer Krug dabei ist. In einem zillewürdigen Wochenendgarten wird ein Fest begangen. Alle, die uns entgegenkommen, strömen eben dorthin, in schönen Sommergewändern und entweder mit einem Blumenstrauß, einer Sektflasche in der Hand oder einer Kuchendose im Beutel. Manche tragen noch dazu ihr schönstes Lächeln im Gesicht, so eines ganz von innen, grundecht und entwaffnend.

Wir statten der Keramikscheune einen kurzen Besuch ab, die im letzten Jahr eröffnet hat. Vorn gibt es einen schönen Vorhof mit Platz für Feste, drinnen viel Platz und eine großzügige Bühne. Hinterm Haus legt ein schattiger Biergarten eine Pause nahe. Der zugehörige Eiskeller am Hang ist selbst mit Platzangst begehbar, denn der Deckel wurde entfernt.

Streuobsthänge hinterm Schlossberg, Buckow

Zwischen Mühle und Kirche tummeln sich bunt die Leute, und rund um die Brücke über den Stöbberbach gibt es drei Optionen zum Sattwerden für kleine und große Geldbeutel. Die schönsten Plätze direkt am Bach hat der Imbiss, wo eine erfahrene Dame seit langer Zeit den Kochlöffel und anderes Werkzeug schwingt. Ganz egal, wann man hier sitzt, fast immer wird gegenüber in der Stobbermühle geheiratet. Heute nicht, wahrscheinlich ist das Datum nicht ausreichend eingängig. Vorn am Marktplatz in der Eisdiele ist kein Stuhl mehr frei, doch etwas die Straße hinauf in Richtung Bahnhof gibt es ja das Eiskörbchen. Auch hier steht eine Schlange, die schnell und freundlich abgearbeitet ist. Die Eisleckbänke gegenüber sind voll, doch die Fluktuation ist groß und nach etwas Schmökern in der hiesigen Bücherkiste werden Plätze frei.

Bucklige Brücke übers Sophienfließ

Am Eingang zum Schlosspark liegt ein schöner Kräutergarten, in dem es neben der Wassertretstelle im Bach sogar ein Kneipp-Becken für die Arme gibt. Das mit dem Kältekribbeln nach dreißig Sekunden wird dieser Tage nichts, denn das frische strömende Wasser aus dem breiten Hahn ist allenfalls laukalt. Besser macht es eine Horde Kinder, die mit nackten Beinen durch den Bach stiefeln, sich unter der Brücke kaum bücken müssen und dahinter von den Beerenbüschen naschen. Das klingt nach einem schönen Ferientag, selbst wenn es für ein Bad zu frisch war.

Im gediegenen Schlosspark besteht reiche Auswahl an sonnigen oder schattigen Wegen, denn beides ist heute durchaus willkommen. Kurz vor dem Aufstieg entdecken wir links einen Pfad, der im humorvollen Slalom zwischen dickbauchigen Koniferen scharwenzelt. Der Aufstieg auf den Schlossberg ist dann weit moderater, als es die steile Treppe vorhin am Strand befürchten ließ, und oben gibt es einen der schönsten Blicke auf die kleine Gebirgswelt, mit Streuobstwiesen, Waldrandpfaden und Aussichtsbänken. Nach einem Stück Straße unterhalb sanfter Obsthänge und etwas Zickzack sind wir wieder am Sophienfließ, das uns komplett aus der Bilderwelt des bisherigen Tages reißt.

Pfad am Stauteich des Sophienfliesses

Sophienfließ

Der Kilometer bis zur Landstraße zählt wohl zum urigsten und am meisten pittoresken, was sich weit und breit finden lässt. Es ließen sich Vergleiche anstrengen zu Schluchten- und Bachtälern in echten Mittelgebirgen, zu Urwäldern, die im Großen und Ganzen sich selbst überlassen wurden. Etwas wie die Wurzelfichte musste einfach in diesem kleinen Tal stehen, schon die Worte scheinen einander zu bedingen. Die Wurzelfichte am Sophienfließ. Auch wenn von der Fichte nur noch das bizarre Wurzelwerk die Blicke auf sich zieht, seit ein namhafter Sturm den hochgewachsenen Baum umknickte, ist der Weg dorthin so verträumt, fast etwas abenteuerlich, dass man ihn in kleinsten Schritten gehen sollte. Damit er nicht so schnell vorbeigeht.

Auf und ab gebärdet er sich an den Talflanken, schickt seine Besucher mehrfach über betagte Knüppeldämme, die im aktuellen Zustand etwas mehr Trittsicherheit und gesunden Menschenverstand erfordern als sonst. Auch sie scheint man – wie den Urwald – in Ruhe zu lassen. Hier und da sorgen Dämme aus Kleinholz für Stauteiche, deren besonnter Grützteppich goldgrün schimmert, wie manche Eidechse im besten Licht. Andernorts treten eisenhaltige Quellen aus und sorgen für den goldbraunen Ton des fließenden Wassers.

Aufsteigender Weg von der Waldsiedlung

Kurz vor der Wurzelfichte ist das Bett des Fließes derzeit komplett trocken. Da es vor ein paar Minuten noch munter strömte und früher am Tag weiter nördlich etwas Wasser führte, geht das Wasser womöglich eine Zeitlang in den Untergrund. Dem Annafließ bei Strausberg geht es ähnlich. Doch auch ohne fließendes Sophienwasser ist sie ein ehrfurchtgebietender und anrührender Anblick, die riesige hohle Wurzelhand, die sich mit theatralischer Geste in den märkischen Sand krallt. Eher noch als das Glitzern der Wellchen fehlt das Plätschern. Ein gereimter Vers auf dunklem Holz umreißt kurz, was dem berühmten Baume widerfuhr.

Alleeweg nach Grunow

Grund zwischen den Weesenbergen

Nach dem Queren der talversunkenen Landstraße und ein paar Kurven steht wieder etwas stilles Wasser im Bachbett. Die Staudämmchen lassen nicht erkennen, ob sie jemand mit oder ohne Pelz erbaut hat, zumal vor einigen Jahren eine Renaturierung in Angriff genommen wurde. Ein paar Schritte später beginnt eine Pflasterstraße und ruft lose die Feldsteinthematik ins Gedächtnis zurück. Die Wochenendgärtchen in der bewaldeten Landschaftsfurche zwischen Kleinem und Großem Weesenberg sind wunderschön gelegen. Doch der Schlummer in Waldesruh dürfte für die nächsten Wochen passé sein, da in diesem Jahr nicht nur die Obstbäume übervoll mit Früchten hängen, sondern auch die Eichen. Bei einer Fallhöhe von acht Metern und zahlreichen Blechdächern vergeht keine halbe Minute ohne lautes Knallen. Nur ein Haus, zumal das malerischste hier, steht so mittig und ausreichend entfernt von den anderen, dass Schlafen bei offenem Fenster als Option bleibt.

Schafe bei Grunow

Der Schatten bleibt auch nach dem Ende des Waldes erhalten, denn die Bäume beiderseits der sanft geschwungenen Pflasterstraße stehen hoch und dicht. Am nächsten Abzweig ist der höchste Punkt erreicht und damit das Ende des Aufstiegs vom türkisen See. Zur Wahl stehen nun der direkte Weg nach Grunow oder ein weiter Bogen durch die sanft gewellte Landschaft. Der ist auf der Hochzeit der Vegetationsperiode so eine Sache, teilweise von hohen Gräsern bewachsen und auch ausdruckskräftigen Brennesseln, die selbst durch die Hose wirken. Ferner liegen noch ein zwei vom Sturm gefällte Bäume quer, die zu umgehen sind. Doch lohnend ist es schon, den Bogen mitzunehmen, insbesondere an so einem Tag, der nicht zu Ende gehen soll. Der Weg ist pulssenkend und die flächendeckend am Boden liegenden Eicheln knurpsen so schön unter den Sohlen, gar nicht zu reden von den vielen Feldsteinhaufen – was ist da schon ein wenig Nesselbrand über den Fesseln oder ein Ästchen, das im Unterholz die Haare zaust.

Wo die begleitenden Bäume enden, ist jetzt die offene Landschaft wohltuend für Augen, Füße und Unterschenkel und irgendwie auch verdient. Rechts baut der Schäfer gerade den Zaun für eine große Weide auf, weiter links liegt eine noch viel größere, die sich gerade in der Bearbeitung befindet. Endlos viele Schafe müssen es sein, und je länger man die Landschaft absucht, desto mehr werden es – wie beim Blick zum sternenklaren Himmelszelt.

Kirche außerhalb, Grunow

Beim Abbiegen auf die Straße wartet eine Überraschung hinter den Bäumen. Verborgen und von hohem Holz umringt sowie bereits vermisst steht auf einer kleinen Wiese die alte Dorfkirche, die mitsamt dem Friedhof vis à vis einmal das Zentrum von Grunow war. Das Dorf ist vergangen und ein paar Meter weiter neu entstanden, doch die Kirche ist geblieben, wo sie war und bietet damit etwas Einzigartigkeit. Das Lesen der Tafeln lohnt durchaus, denn es gibt einen Reim auf einige sonderartige Feldsteine in der extradicken Kirchenmauer. Ungewöhnlich ist auch, dass für den Bau keine kugeligen Feldsteine verwendet wurden, sondern in Form gehauene mit dem Streben nach rechten Winkeln.

Außergewöhnliche Steine in der Kirchmauer, Grunow

Zum letzten Mal überqueren wir das Sophienfließ, das an dieser Stelle etwa die Hälfte hinter sich hat, und über dem schmalen Wasser tanzen wahrhaftig ein paar Mücken. Die Kinder dürften beim Abendbrot sitzen und ordentlich zugreifen, eine andere Katze als vorhin wechselt die Straße und die meisten Schwalben haben Feierabend gemacht. Die wenigen, die noch unterwegs sind, fliegen jetzt hoch und schauen scheinbar intensiv in Richtung Süden. Nicht uns allein war dieser Tag ein Zeichen und ein Vorgeschmack auf die allumfassend würzigen Monate in Gold.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): über S-Bhf. Lichtenberg und Müncheberg, von dort Bus oder Buckower Kleinbahn (nur Saison am Wochenende)(ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Hönow und Strausberg (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen mehrfach möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Buckower Kleinbahn

Arbeitseinsatz am Sophienfließ

Informationen zum Schermützelsee

 

Einkehr: Johst am See, Bollersdorf (Siedlung am See)
zahlreiche Optionen in Buckow rund um den Markt (Imbiss bis gehoben)

Hennickendorf: Der Stienitzsee, das Schaf der Schafe und der gefundene Frühling

Von Zeit zu Zeit gibt es Ereignisse, die in ihrem Dunstkreis mehrere Wochen beanspruchen, hintergründig, jedoch präsent. Solche Kaliber wie Hochzeiten, runde Geburtstage jenseits eines dritten Lebensquartals oder die Konfirmation der Patentochter. Ist dann der Tag herangerückt, um den es geht, wird alles andere auf kleine Flamme gedreht und darf ein wenig knapper ausfallen – sei es nun der liebe Alltag oder auch der Ausflug ins Grüne. Dann wird pragmatisch und mit knappem Kriterienfächer entschieden: einmal rund um einen mittelgroßen See, zu dem man ohne lange Anreise hinkommt. Am besten einen, den man schon ein wenig kennt.

Am weiten Wiesengrund bei Tasdorf

Die Erwartung ist dementsprechend eher medium, was keine Einschränkung darstellt, denn das Spazieren durch den Wald und ein Dorf sowie der Blick über eine große Wasserfläche stellen auf jeden Fall ein vergleichbares Maß an Erholung sicher, das auch eine mit planerischer Feinmotorik gestrickte Tour bieten würde. Nur die Erlebniskurve fällt ein wenig flacher und ruhiger aus.

Dennoch kann es passieren, dass man von der gewählten Landschaft und ihrer Abwechslung dermaßen überrascht wird, dass aus der hingehauchten Skizze unverhofft eine Tour mit dem Zeug zum Klassiker geboren wird, ein Weg also, den man in gewissen Abständen immer wieder unter die Sohlen nehmen möchte, und zwar haargenau so, wie er beim ersten Mal war. Touren wie diese heften sich gern an bestimmte Zeitpunkte, die durch Natur oder Kalender bestimmt werden. Doch es gibt auch solche, die man gerne zu ganz verschiedenen Jahreszeiten sehen würde.

Aktuell ist es der Frühling, der in diesem Jahr durch beharrliches Warten erkämpft werden musste. Viele Geduldsfäden waren bereits gerissen, als es endlich soweit war und die Tage nicht mehr nur vereinzelt erschienen, an denen unbedeckte Köpfe und freie Unterarme gesundheitlich unbedenklich waren. Nach dem österlichen Schnee war der Winterspuk vorbei, und in Wochenfrist wurde die Zwanzig-Grad-Marke geknackt und wochenlang gehalten.

Stichkanal in Hennickendorf

Beim Blick auf die Straßen, die Gehwege und alle Parkflächen musste man denken, dass alle, wirklich alle draußen waren, keiner zu Hause. Mit einem Mal ging alles in die Spur, was Chlorophyll in sich trägt, und fand im schnellen Vorlauf zu dieser allgegenwärtigen Farbsättigung zurück, von der man schnell meint, dass sie nie weg gewesen war. Erst kamen die Blüten, eine halbe Woche später die Blätter an Bäumen und Büschen, und mit einem Mal war alles grün und saftig und erfüllte die Umgebung mit dem Duft der erwachten Vegetation.

Mittelgroße Seen mit schönem Wald drumherum gibt es viele im Land Brandenburg, auch das Berliner Umland ist gut bestückt. Die meisten von ihnen haben adrette Rundwege, die gut markiert einmal drum herum führen. So ein Weg ist sehr entspannend, da man kaum aufpassen muss und eigentlich nicht von ihm abkommen kann.

Wem das zu meditativ ist, zu einförmig oder zu knapp an Abwechslung, der kann hier und da noch einen Ausreißer einbauen, der für einen Landschaftswechsel sorgt. Gut lässt sich das beim Stienitzsee machen, der vom S-Bahnhof Strausberg in einer guten halben Stunde zu erreichen ist – mit dem Bus ist man übrigens nicht viel schneller. Der See ist das letzte Glied einer schiffbaren Kette wunderschöner Seen, die mit der Müggelspree das Wasser teilt und am Dämeritzsee bei Erkner beginnt. Einen ausgewiesenen Rundweg gibt es nicht am Stienitzsee, doch zumindest die westliche Hälfte ist als Teil des 66-Seen-Wegs gut markiert. Umrunden lässt er sich dennoch, und zwar regelrecht spektakulär. Wir haben das im knackfrischen Frühling getan, scheinbar die schönste Jahreszeit dafür, doch werden gerne wiederkommen in Monaten wie Januar, August oder Oktober.

Uferpromenade in Hennickendorf

Hennickendorf

Schon in Hennickendorf beginnt die große Vielfalt. Wer das Dorf durchfährt, sieht eins wie viele andere, doch kriecht man ein wenig in die Winkel und Ecken, zeigen sich mehr als eine Handvoll Gesichter. Am Kreisverkehr mit der Kirche ist die Eisdiele erwacht, in Sichtweite zum örtlichen Bäcker. Beide zusammen stellen am Wochenende den lückenlosen Eisverkauf von früh bis spät sicher.

Ein paar Meter weiter führt ein aufsteigender Weg auf einen von zwei Hügeln. Im Abstieg gibt es auf halber Höhe eine großzügige Aussichtsplattform, unten liegt ein Sportplatz in einzigartiger Lage direkt am blauen Wasser des Sees. Das ist in dieser Konsequenz eine seltene Konstellation. Bevor die Frage nach dem erst verschossenen und dann nassen Ball auftaucht, wird sie schon beantwortet – mit dem Blick auf das hohe Zaunnetz zum Ufer hin. Wer da noch drüberschießt, hat sich die Abkühlung und etwas Wasser in den Ohren wirklich verdient.

Nach einem urigen Stück Wald folgt eine eigene kleine Welt und lässt ans schnuckelige Neu Venedig denken, das vom Berliner Müggelsee kommend zur betreffenden Seenkette überleitet. Ein kleiner Stichkanal mit morsch-pittoresken Bootshäusern und vertäuten Booten greift der Lagune vorweg, die es etwas weiter südlich tatsächlich gibt. Ein zweiter, etwas breiterer Arm lässt fast an Skandinavien denken. Etwas Frischwasser erhält er von einem wenige hundert Meter jungen Rinnsal, das durch Ufer voller gelber Blüten aufwändig ins breite Wasser mäaandert. Als würde es sich immer wieder nach seinem Ursprung umschauen, der lang schon außer Sicht ist.

Verfallendes im Wald unterhalb des Betonwerkes, Hennickendorf

Dahinter liegt der zweite Hügel, auf den trotz oder wegen seiner steilen Flanke kleine Gärten mit Lauben gebaut wurden. Abenteuerliche und selbst verfasste Stiegen aus Holz, Metall oder Beton klettern hinauf zu den großen und kleineren Buden, bei denen das Hauptgewicht ganz klar auf der Aussichtsterrasse liegt. Zu Füßen der Erhebung liegen die Gärten, die statt der Aussicht das eigene Stück Ufer haben. Beides ist gleichermaßen exklusiv.

Strandbad Stienitzsee

Entlang eines Viertels praktisch gebauter Häuser wurde ein breiter Grünstreifen am Ufer freigelassen, davor sogar noch ein Promenierweg, auf dem man zum Wiesenstrand des Dorfes kommt und dran vorbei. Wer einen gediegenen Sandstrand dem Vorzug gibt, standesgemäß gelegen unter etwas Steilküste samt ausdrucksstarker Kiefer, der ist nur noch ein paar Minuten entfernt von seinem Glück. So wie diese Kiefer steht, muss ihr Sämling einst vom Darß hierher geweht worden sein. Im Strandbad Stienitzsee gibt es neben dem Strand die obligate Versorgung mit Getränken und Kuchen, Würstchen und Eis, darüber hinaus kann man verschiedenste Wasserfahrzeuge ausleihen oder den urigen Pfad im Berg erkunden. Wer es gerade passiv liebt, setzt sich einfach nur auf die schöne Terrasse mit den vom Bootslack glänzenden Tischen und lässt den Blick oder das Gehör über die Stille oder das Treiben schweifen – je nach Tageszeit. Nicht wundern, wenn ein Pfau vorüberschreitet.

Kleiner Lagunenhafen

Das folgende Stück entlang der Straße bietet Abwechslung fürs Auge in Form einer jungen Kirschallee, des eigentümlichen alten Wasserwerks mit Grasrondell und Yacht vor Anker sowie einer seltsamen Stallage aus Betonpfeilern. Auf Höhe der alten Werkssiedlung führt ein kleiner Schleichweg hinab in den Wald. Auch dort stehen seltsame Säulen aus Beton und Stahl, mittlerweile Aug in Aug mit nachgewachsenem Wald, und sehen für den Laienblick nach Umspannwerk aus, ein bisschen auch nach Hopfenplantage. Dazwischen rotten Ruinen vor sich hin, werfen Fragen auf und verleihen der kurzen Passage einen morbiden Anstrich.

Regelrecht putzig erscheint in diesem Kontrast die kleine Lagune, deren einer Nehrungsarm von winzigen Segelbooten belagert wird. Ab hier reicht der hochgewachsene Laubwald bis ans Ufer, wirft frischen Schatten über kleine Badebuchten und wird von Minute zu Minute feuchter. Hier und da sickert aus einem Quelltopf Wasser und landet gleich wieder im See. Ein paar Wochen später dürfte hier kein Mangel an Mücken herrschen. Im Wasser sind die Pfosten eines lang vergangenen Steges zu einer überfluteten Reihe von Weiden ausgetrieben, links steigt eine knorrige Allee hinauf zur Straße. Doch hier unten ist es schöner.

Pfad am Ostufer

Der Wald wird niedriger und wandelt sich zu leicht geheimnisvollem Bruchwald, an dessen Rand schlanke Eichen von armesdicken Efeu-Fesseln umschlungen werden. Nach starken Regentagen sollte man hier nicht mit weißen Stoffschuhen durchspazieren, denn der Weg verliert bald die entscheidenden Höhenzentimeter und geht auf Du und Du mit dem Niveau des Sumpfwaldes, der aktuell noch ohne Froschgequak ist. Der Pfad schlägt seine Haken und erfordert hier und dort etwas Balance.

Ein Drittel-Höhenmeter nach oben sorgt bald für trockenen Boden, und zwölf Schritte später findet man sich übergangslos in einer völlig anderen Landschaft wieder, die schon an werdernahe Obstwiesen denken lässt –scheinbar ferne Zukunftsmusik, doch schon in Kürze Wirklichkeit. Links dichtes Buschwerk, rechts eine zart blühende Reihe von Obstbäumen und davor weit gestreckt eine wonnige, saftig grüne Wiese, die schon bald mit der Farbvielfalt in in die Vollen gehen wird. Immer mehr Obstbäume werden es, darunter sone und solche.

Im Süden des Sees

Ein Tälchen weiter landet man ebenso unerwartet in einer Landschaft, die ein wenig an Vegetation auf Mittelmeerinseln erinnert – niedrig trockenes Knorrgebäum, dessen Arme kreuz und quer und waagerecht stehen, als wären sie beim insektenvertreibenden Fuchteln in ihrer Position fixiert worden. Manche davon sind bleich und nackt, in anderen steckt noch Leben, und auch die Mischform existiert. Weiter hinten wird die Wiese von der Uferlinie begrenzt. Dann und wann, so verrät eine Tafel, halten sich hier Heckrinder auf, die rückgezüchteten Erben des legendären Auerochsen, im Kreuzworträtsel gern als „Ur“ gesucht.

Das Schaf der Schafe

Mindestens genauso spektakulär, vor allem aber anwesend ist das absolute Ur-Schaf, das nach Längerem nun doch neugierig auf uns geworden ist, wohlüberlegt seinen Liegeplatz im Halbschatten verlässt und zielstrebig auf uns zuschlendert. Stark quaderförmig sieht es aus, das Schaf, und muss definitiv die Stammesfürstin einer größeren Sippe sein. Sie schleppt noch die Wolle des ganzen langen Winters herum, ein glücklicher Umstand, wie sich in den nächsten Tagen zeigen wird. Vielleicht ist es auch der Stammesfürst, doch diese Frage bleibt offen, da wir es nur von vorne sehen und die Wolle wirklich sehr üppig steht. Auf jeden Fall gibt es denkwürdige Augenblicke der Tuchfühlung und langen, tiefen Augenkontakt, was den Abschied nicht eben leichter macht.

Blick von der Bundesstraße auf das Mühlenfließ

Seltsam sachlich erscheint jetzt im Kontrast zu eben der unwirsche und lärmige Verkehr auf der Bundesstraße Nr. 1, die sich erst nach längerem Verharren überqueren lässt. Ein Blick zurück zeigt noch einmal den schattigen Schafshang und weitere Mitglieder der wolligen Sippe im Unterholz. Gegenüber stehen zwei quatschende Mädels am Zaun des einzigen Grundstücks hier und sehen aus, als wenn gerade Ferien wären. Vorbeifahrende schauen vielleicht mitleidig auf diesen Garten direkt an der lauten Straße, denn die wenigsten werden wissen, wie schön es hinterm Haus aussieht.

Werksbahnbrücke über dem Froschsumpf, Tasdorf

Die Straße spannt sich hoch über einem Kanal, der hier den schönen Namen Mühlenfließ trägt und so gar nicht danach aussieht. Zugleich nüchtern und romantisch lockt er hinab, und nach einem kurzen Abstieg locken Wegweiser in eine scheinbare Sackgasse, aus der wahrhaftig ein kleiner Pfad entspringt. Leicht bockig stapft er unter der Flanke entlang, gesäumt von großkronigen Obstbäumen, die gerade gestern voll erblüht sind und erfüllt von flächigem Summen. Immer schmaler wird die Spur und immer üppiger alles Grün, was schon gewachsen ist in zweiundsiebzig Stunden. Es ist eine völlig andere Welt hier, nur ein paar Steinwürfe von der lauten B 1. Eine markante Eisenbahnbrücke spannt sich breit über Ufersumpf und Kanal, den man gerade kurz vergessen hatte.

Präsent ist der Sumpf auch durch die Klangkulisse, die mit jedem Schritt lauter wird. Da ist er, der neue Jahrgang von Fröschen, und einer zeigt dem anderen, wo der Dezibel-Hammer hängt. Ein schwer rumpelnder Güterzug auf der Brücke sorgt da für keinerlei Irritation, anders hingegen der leise brummende Diesel einer verschnarchten Motorjacht auf dem Verbindungskanal zwischen Rüdersdorfer Kalksee und Stienitzsee. Ein weiterer Arm nimmt noch den schmalen Kriensee mit ins Boot, und dort vom Hafen kommen vor einer Industriekultur-Kulisse frisch geliehene Kajaks gepaddelt.

Höhenweg über dem Kanal

Nach der Brücke steigt der Pfad höher in die Flanke und bietet vor ein paar versandeten Stufen mit alternativer Mountainbike-Rutsche eine Rastbank, an der man einfach nicht vorbeikommt. Rastbänke übrigens gibt es mehr als reichlich auf dieser Seeumrundung, fast immer schön gelegen. Wer keine von ihnen auslassen wollte, hätte am Abend Kniebeugen im dreistelligen Bereich in den Beinen.

Die Hangflanke profitiert bereits vom ersten jungen Laub und verwöhnt mit dem lichten Halbschatten des Frühlings, der diesen und jenen Blümchen noch die Chance lässt, breite Teppiche zu bilden und sich leuchtend darzubieten. So führt ein schicker Höhenweg durch die grüne Kulisse, die jetzt noch ohne Mücken ist. Ein Blick zum feuchten Land da unten hebt diesen Umstand noch hervor.

Nördlich von Tasdorf

Beim nächsten Rastplatz mit knorrigem Geländer und angeschlossenen Stufen geht es hinab zum Blick auf die Kanalgabelung im Norden und eine weitere Eisenbahnbrücke im Süden, die nebenher auch den 66-Seen-Weg ans andere Ufer lässt. Der Blick fällt zudem auf stille Werksanlagen und einen filigranen Förderturm, der schon zum Rüdersdorfer Museumspark gehören könnte. Hier wendet der südliche Abstecher, bevor der Draht zum Stienitzsee verloren geht. Oben an der Straße, immerhin zwanzig Meter über dem Kanal, kann man sich wochentags am Imbiss stärken, vorn an der Kreuzung beim Bäcker ein Kaffeepäuschen einlegen.

Tasdorf

Nach einer kunstvollen Graffiti-Wand von 120 Metern Länge, die mit Tierschutz und Papageien zu tun hat, geht es nach einer Esel- und einer Pferdeweide hinab in den Wald, durch dessen Stämme schon bald der blinkende Spiegel des Stienitzsees erkennbar wird. Unten im Wald sieht es aus, als ob namhafte Gartenplaner vergangener Zeiten ihre Hände im Spiel hatten. Darüber hinaus verneigen sich viele der alten Bäume hin zum wunderschönen Weg, ganz jenseits aller Planbarkeit. Der Weg wird immer noch gediegener, stets etwas breiter und darin noch unterstützt vom Schattenspiel des sonnigen Tages.

Wiesengrund am Westufer

Vor einem weiten, teils schilfigen Wiesengrund schwenkt er nach links und zeichnet dessen Rand nach, wiederum mit schönen Bänken, einer Rasthütte im Stil eines Schafstalls und Sichtfenstern auf diese offene Insel zwischen Hang- und Uferwald, die Entzücken hervorrufen und zugleich den Puls senken. Beim Wiedereintauchen in den Wald, der jetzt bis Torfhaus geschlossen bleibt, gibt es keine Pause vom Erstaunen. Leicht geschwungen ist der Waldboden, kurvig der Weg, und alles links und rechts davon ist lückenlos bedeckt mit dem leuchtend grünen Laub des Scharbockskrauts, dazwischen dessen goldlackierte Blüten. Alles Laub, das selten Schatten hat, ist überzogen mit einer mattglänzenden Schutzschicht und sorgt für Extra-Reflexionen in diesem grünen Teppich, aus dem nur hier und da archaisch ein vor Jahren gefallener Stamm herausragt. Es ist berauschend, mitten hindurch zu gehen, ein wenig wie das Reiten auf der Welle.

Waldweg durch einen Teppich von Scharbockskraut

Der grüne Hang zur Linken wird nun steiler, der Wegelauf noch verspielter und der Boden rechts des Weges immer feuchter. Das geht soweit, dass es in einem regelrechten Kessel das Wasser aus jeder Pore drückt. Aus Dutzenden Rinnsalen entsteht auf nur dreißig Metern Länge ein Bach, der an seiner Mündung breiter als ein großer Schritt ist und dort der Waldesstille ein achtbares Rauschen entgegensetzt. Neben dem Annafließ und den sonstigen Wassern aus dem gleichnamigen Wiesental ist er eine von vielen Quellen, die dicht am Ufer entspringen und dem See zu der Wasserqualität verhelfen, die wir hier und dort sahen. Wer seinen Kindern oder Eltern immer schon ganz lebensecht und ohne viel Aufwand eine Quelle und gleich noch eine Mündung zeigen wollte, kann das hier sehr eindrücklich tun und dabei auf staunende Augen hoffen. Vorn am Ufer bietet der Blick über den blauen See eine Skyline an, die nicht mit Türmen geizt. Hauptdarsteller ist das Kalkwerk Rüdersdorf, im Vordergrund am Ufer noch das Wasserwerk mit seiner Motorjacht.

Skyline gegenüber

Eine Bank am steilen Hang hat sichtlich Mühe, sich geradezuhalten. Wer es dennoch schafft, Sie zu erklimmen und sich dort festzuklammern, wird mit direkter Sicht auf ein hölzernes Sichtfenster belohnt, das den finalen Bachmäander ansprechend in Szene setzt. Eine Schautafel ist dabei nicht nur informativ, sondern hilft maßgeblich beim Festhalten. Erst beim rückwärtsgewandten Abstieg sehen wir etwas Zauberhaftes. Alle Flanken des Kessels sind lose bedeckt von diesen herrlichen blauen Blümchen, denen Carl von Linné einst den Namen Anemone hepatica verpasste. Ihr landläufiger Name klingt mir irgendwie zu sehr nach Leberwurst, und daher betrachte ich diese kleinen Schönheiten intern als blaue Anemonen.

66-Seen-Weg am Westufer

Es gibt nicht allzu viele Stellen im Land Brandenburg, wo man auf dieses zartblaue Leuchten treffen kann, das nach dem Winter oft die allererste kräftige Farbe im graubraunen Laubteppich am Waldboden durchboxt. Gleich um die Ecke im Annatal stehen die Chancen sehr gut, ebenso bei Trebus oder in den Weiten des buchenreichen Grumsiner Forstes. Hier jedoch stehen fast gar keine Buchen, und doch geht es noch hunderte Meter weiter mit diesem Blütenzauber jenseits von gelb, grün und weiß.

Ein paar Wegekurven später drückt sich schlicht inszeniert die nächste Quelle ans Tageslicht, und nach einer Treppe hinab und einer hinauf kann man bei einigen Gärtchen erneut über den See blicken. Vor dem gegenüberliegenden Sandstrand unterhalb der Kiefer zieht ein Segelboot vorbei und fügt dem Tag etwas hinzu, was irgendwie noch fehlte. Bald lockt nach rechts eine hochgewachsene Fichtenreihe hinab zur Wiesen-Badestelle, wo sich schon erste Badegäste eingefunden haben und die Exklusivität des abgeschiedenen Plätzchens genießen. Da wollen wir gar nicht stören und biegen links ein in den Uferpfad.

Sichtfenster auf den Quellbach, Westufer

Der beginnt hoffnungsvoll, bremst uns jedoch nach zweihundert Metern unverhandelbar aus. Überall am Ufer scheinen unterirdische Quellen auszutreten, und entsprechend nass ist auch der Uferbruchwald. Es gab ihn einmal, diesen Uferpfad, doch dass der 66-Seen-Weg jetzt oben auswiesen ist, hat einen guten Grund. Der zeigt sich bislang relativ harmlos mit nassen Schuhen, und so sind wir einsichtig, passieren die Badestelle erneut und stören ein weiteres Mal gar nicht. Zumindest hatten wir von der Wendestelle einen besonders schönen Blick auf die Höhen und Türme von Hennickendorf in der Ferne.

Der breite Weg zieht jetzt gediegen durch den Wald und spendiert noch ein paar blumige Schönheiten. Als er dann zum Pfad wird, kommen uns zwei Leute entgegen mit einem Hund, der groß ist wie ein Kalb, weich wie ein Alpaka und sanft wie ein Lamm. Obwohl kaum Platz ist, passieren sich alle kontaktlos, ohne das leiseste Streifen, und mit einem angedeuteten Lächeln. So ganz anders als auf den rammligen Gehwegen der Berliner Innenstadt, wo viele der Passanten in die Inszenierung der eigenen Person versunken sind oder in ein auf Achselhöhe gehaltenes Display, das scheinbar noch immer genau so magisch ist wie vor zehn Jahren, als es mal brandneu war.

Weite Wiesen im Annatal

Nach einer weiten Kurve führt ein Brücklein über das lebendige Annafließ, das weiter nördlich bei Strausberg zeitweise komplett trockenfällt. Gleich dahinter beginnt von hohen Bäumen gesäumt ein Dammweg, der nac Süden zum Uferpfad nach Hennickendorf führt. Doch etwas Annatal muss schon noch sein, gerade jetzt zum Abend, wenn die Wiesen kühl und duftend ausatmen. Die umgestürmten Bäume vom Oktober liegen hier noch quer, und es hat sich bereits ein neuer Weg gebildet, der sich an den aufgeworfenen Wurzelballen vorbeidrückt. Von vorn kommt ein Vater mit seinem schulterhohen Sohn, und beide nehmen mit dem fokussierten Blick des Pfadfindenden und ohne ein unnützes Wort oder einen Anflug von Zögern den ursprünglichen Wegverlauf durch die liegenden Stämme und Kronen.

Torfhaus

In Torfhaus ist noch immer die Baustelle, die im Satellitenbild zu sehen war. Die Straßendecke ist komplett abgetragen, doch die Brücke über den Stranggraben ist da, zumindest für Fußgänger und Radfahrer. Nur gut. Schräg gegenüber lockt Empfängliche ein unscheinbarer Wiesenpfad in die Langen Dammwiesen, die ja eigentlich Sache des Stranggrabens sind und mit dem Annafließ gar nichts zu schaffen haben. Doch egal, denn so schön und sehnsuchtsvoll klingt Unteres Annatal.

Spazierweg am Mühlenfließ, Hennickendorf

Eine Frau vom Dorf schwärmt mit ihrem Hund aus in einen Weg, der irgendwo an einem Wasserlauf im hohen Gras versinken muss. Rechts liegt der kleine Sporn, der den Namen Wachtelberg trägt und von dessen Kamm man weit in zwei Richtungen blicken kann. Wir bleiben zunächst unten und biegen an der alten Mühle ein in den Uferpfad. Das kleine Mühlenfließ daneben strömt ausreichend rege, um das Mühlrad anzutreiben. Sein klares Wasser kommt vom Kleinen Stienitzsee, der ohne Zufluss ist und demnach auch durch unterirdische Quellen gespeist wird.

Vor dem See läuft ein Sträßchen unterhalb einer Hangwiese entlang, bevor ein steiler, grasiger Pfad den Kammzugang ermöglicht. Zehn Meter höher fällt der Blick ohne Umschweife auf den Fuß des Wachtelbergturms, doch die knapp 100 Stufen und den Lohn der absoluten Rundumsicht heben wir fürs nächste Mal auf. Die letzte gediegene Stufenfolge des ausgehenden Tages steigen wir mit federnden Knien hinab und nehmen zuletzt noch die Bahnhofsstraße und eine Hinterkirchgasse zum Kreisverkehr mit. Das Treiben an der Eisdiele läuft jetzt endgültig auf Hochtouren und sorgt für kurzfristige analoge Verabredungen und verfärbte Zungen mit Gänsehaut.

Abstieg vom Wachtelturm, Hennickendorf

Der Tag ist noch jung, die Sonne steht noch hoch und alle, die hier ein Eis in der Hand halten, denken noch lange nicht an Details der Abendgestaltung. Langes Licht und kurze Ärmel streifen einem ja stets ein Gefühl gewonnener Freiheit über, wenn sie dann verlässlich verfügbar sind. Auch die kühle Luft der mittleren Frühlingsabende lässt noch auf sich warten. Einzig der See hat sich bereits beruhigt, hält seinen stillen Spiegel dem Blau des Himmels entgegen und räumt dem Ruhepuls des Tages vieles aus dem Weg. Die großen Feste können kommen.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): über S-Bhf. Erkner oder S-Bhf. Strausberg, dann jeweils noch mit dem Bus (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 1 (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: 15 km (Problempassage bereinigt)(Abkürzungen im Norden und Süden gut möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Hennickendorf Ortsseite

Fischerei am Stienitzsee

NSG Lange Dammwiesen und Unteres Annatal

Museumspark Rüdersdorf

66-Seen-Weg

Hofladen Mühle Lemcke Hennickendorf

Wachtelturm Hennickendorf

 

Einkehr: am Weg keine Einkehrmöglichkeit
Verschiedenes in Rüdersdorf, Strausberg und Herzfelde