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Eberswalde: Mauerfährten, Treppenhöhen und das Holz im Sinne

Der Winter hat so vor sich hingedümpelt, als wüsste er nicht recht wohin mit sich. Hier mal so was wie Kälte ausprobiert, da etwas schnellen und launischen Wind, doch alles wenig motiviert. Bei so viel Unentschlossenheit hat die Natur dann eine Entscheidung getroffen und auf Vorfrühlingsmodus umgeschaltet – im Wissen, dass es sicherlich nochmal kurz kalt wird. In den Vorgärten und auch mitten im Wald tummeln sich bunt, doch bienenlos all die üblichen Verdächtigen wie Schneeglöckchen, Krokusse und sogar vereinzelte Märzenbecher. Die gelb leuchtenden Winterlinge hingegen sind schon wieder Schnee von gestern und haben sich nur zu einer knappen Saison um den Wechsel vom Januar zum Februar bitten lassen.

Schillertreppe über Eberswalde

Während nur Kenner wissen werden, ob da noch die Wintermeise oder schon die des Frühlings zu hören ist, setzt die allererste Lerche hoch überm Feld einen mehr als eindeutigen Akzent. Muss alles nichts heißen, doch selbst wenn der Winter sich endlich zu einer kurzen oder längeren Vorstellung entschließen will, sollte er nunmehr auf keine Art von rotem Teppich hoffen. Das goldene Abendlicht über schneelosen Landschaften jedenfalls weckt an den schönsten der Tage den innigen Wunsch, die Zeit für eine Weile anzuhalten.

Der Großteil dieses Februars jedoch gibt sich durchwachsen, graubetont und luftbewegt. Wer also nicht zu sehr von den Elementen herumgescheucht werden möchte, sucht sich für längere Aufenthalte im Freien am besten hochgewachsenen Wald oder ein eingeschnittenes Tal und packt dazu noch ein Stück sehenswerter Siedlung.

Kurz vor dem Schwärzetal

Eberswalde

Eberswalde wird bei gaumenfreudigen Leuten mit gewissen regionalen Kenntnissen die geschmacklich kontrastierenden Bilder von Würstchen und Spritzkuchen aufploppen lassen. Ob dieser nun tatsächlich in Eberswalde das Licht der Konditorenwelt erblickte, sei dahingestellt. Sicher ist jedoch, dass man hier im Ort fast schon zwei Jahrhunderte Erfahrung mit diesem speziellen Fall der kleinen Sünde hat.

Hinterlässt so ein aufgekreppter Rundling in den meisten Fällen fettige Finger sowie ein schweres Gefühl im Magen, gelingt es den hiesigen Ölgebadeten, äußerlich staubtrocken und dennoch saftig, formschön und geschmacklich charaktervoll zu sein. Zudem stellt der durchschnittliche Magen nach dem Genuss auch keine schwerwiegenden Quittungen aus. Hinterher spricht also nichts gegen ein oder zwei Eberswalder Würstchen – zum Neutralisieren.

Zahme Wildnis im Schwärzetal

Wer die Stadt nur von einer Stippvisite, vom Besuch des Zoos oder Forstbotanischen Gartens oder einfach vom langgezogenen Durchfahren kennt, dem werden dennoch die markanten Oberleitungen im Gedächtnis geblieben sein, in denen aus heutiger Sichtweise jüngere Vergangenheit und nahe Zukunft zum herzlichen Handschlag ausholen. Die beiden O-Bus-Linien ziehen sich durch den größten Teil des weitläufigen Stadtgebiets. Das schlichte und geniale Prinzip ist bis heute faszinierend.

Tor zum Forstbotanischen Garten

Wer hingegen schon öfter hier war und meint, Eberswalde halbwegs zu kennen, für den ist meist dennoch einiges übrig, das sich entdecken lässt. Denn die kleine Stadt am Finowkanal ist, abgesehen von ihrer einladenden Umgebung, vielseitig und dabei naturräumlich noch schöner gelegen, als man auf den ersten Blick schon zu erkennen glaubte. Um das zu überprüfen, stehen neben dem knapp einstündigen Stadtrundgang zwei Stadtrundwege bereit, die bestens ausgeschildert sind und wahlweise zwei bis drei Stunden oder das Doppelte davon füllen.

Alpenexkurs im Forstbotanischen Garten

Während die Langversion beherzt ins Umland ausschwärmt, beschränkt sich die kurze auf das Gebiet zwischen Marktplatz und Zoo. Und lässt dabei keine Wünsche offen – die Route wurde mit Ortskenntnis und wegebauerischem Geschick konzipiert und trägt ihr Herz am rechten Fleck. Trotz der überschaubaren Länge liegen viel Natur, verschiedenste Landschaften sowie viel Sehenswertes am Weg. Die Tour hier zeigt nur geringfügige Abweichungen vom Kleinen Stadtrundweg, welche der Neugier auf möglichst viele Gesichtszüge der Stadt geschuldet sind.

Am schönsten beginnen lässt es sich am Markt oder der benachbarten Stadtschleuse, sodass sich vom Bahnhof eine Fahrt mit dem Oberleitungs-Bus geradezu anbietet. An anderer Stelle wurde schon ausgiebig vom Zauber des beschaulichen Finow-Kanals berichtet, der sich direkt an der Schleuse überqueren lässt – wenn man zu Fuß unterwegs ist. Wer von dort nicht auf dem kürzesten Weg zum Marktplatz streben möchte, kann optional der Mauerstraße folgen und sich ein wenig durch die Gassen treiben lassen, die es hier in schöner Ausprägung gibt.

Winterabends am Finowkanal

Passend diesen gab es einmal eine Stadtmauer, die jedoch vor fast genau zweihundert Jahren abgetragen wurde – auf Anweisung der Stadtverwaltung. Ob es einen Zusammenhang mit dem Beginn der Spritzkuchen-Epoche gibt, wäre noch herauszufinden. Hier und dort meint man das alte Gemäuer wahrhaftig zu spüren, von dem sich mit etwas Instinkt und gutem Willen ein paar übersehene Meter finden lassen. Um deren Wohlbefinden kümmert sich derzeit vor allem ein immergrünes Beeren-Gebüsch, das auch und gerade in der kalten Jahreszeit vor den Launen des Wetters schützt und zudem den winterharten Vögeln eine Notnahrung bereithält.

Gassen in der Innenstadt, Eberswalde

Die leicht gekrümmten Gassen sind ansehnlich und leicht verspielt gepflastert. Begleitet werden Sie von klassisch geformten Laternen und verschiedenartigen Häusern und geben damit dem Stadtspazeur ein schönes Bild ab. Das gilt auch für den Marktplatz, der von einigen altehrwürdigen Fassaden ebenso eingerahmt wird wie von dem modernen Ensemble des Paul-Wunderlich-Hauses, das mit seinem Hof fast ein kleines eigenes Viertel aufspannt. Auf dem großen Marktplatz lassen sich bestens Märkte aller Art und Färbung abhalten, was besonders auch für die jüngst vergangene Weihnachtszeit gilt. Auf der Ecke zur Kirche hin bietet sich eine der besten Gelegenheiten für eine zünftige Spritzkuchen-Verkostung.

Kirchvorplatz in Eberswalde

Mit behütendem Auge über den Markt liegt hinter einem verspielten Wiesenhang die Kirche, umgeben von historischen Fassaden, und am Ende der Kirchstraße lässt sich das erwähnte Stückchen Mauer aufspüren. Gleich daneben steht an einem kleinen Platz einer von diesen gelungenen Wegweisern, der nun mit dem Begriff Drachenkopf die Neugier weckt – und Assoziationen zu ähnlich klingenden Namen in verschiedenen Mittelgebirgsregionen.

Stadtmauer Eberswalde

Diese werden noch verstärkt durch die weit hinten erahnbare Goethetreppe, die in imposanten Abteilungen eine ganze Reihe märkischer Höhenmeter überwindet und mit ihren breiten Aussichtsbänken auf halber Höhe an ein zurückhaltendes Kurviertel denken lässt, wie man es vielleicht von Bad Freienwalde kennt. Prägend für diesen Eindruck ist ganz oben auch die eindrucksvolle Villa mit ihren Spitztürmen und Terrassengängen, die Kraft ihrer Patina auch irgendwo im Böhmischen oder als Dracula-Schloss in den Karpaten stehen könnte.

Goethetreppe Eberswalde

Drachenkopf

Ist ihre Höhe erklommen, lohnen die paar Schritte links hinauf zur Aussichtsplattform. Alles zusammen lässt durchaus einen Gedanken an den nördlichen Harzrand aufblitzen, vor dem sich weit das Vorland ausstreckt. Gleich zu Füßen liegen die Goethestraße und die Innenstadt mit dem markanten Kirchturm, weiter hinten lassen sich jenseits der Kanäle die Wälder rund um Chorin erahnen, welche die diesige Sicht des heutigen Tages im Ungewissen lässt. Unbeeindruckt davon wirft auf dem großzügigen Rondell oberhalb der Treppe ein schwer berechenbarer Drache seinen Kopf in den Nacken und stößt mit halb geschlossenen Augen einen lautlosen, urtümlichen Schrei aus.

Drachenkopf Eberswalde

Angesichts der Anhöhe, der voller Geschichten steckenden Villa und des bis zum Hals versunkenen Ungetüms ist zu vermuten, dass sich um den Namen Drachenkopf manche erzählenswerte Schnurre rankt. Gewiss hingegen ist, dass sich in den zahlreichen Gebäuden hier oben alles um Menschen im letzten oder allerletzten Lebensabschnitt dreht. Dementsprechend hoffnungsfroh liegt gleich gegenüber die Kita mit dem schönen altmodischen Namen Sputnik – sicherlich gibt es zwischen beiden regen Austausch, fußend auf bewährten Erfahrungen.

Im Stadtwald

Ein Schleichweg lässt hindurch zur Hardenbergstraße, die so kurz ausfällt, dass der Namenspate sicherlich eine ausgeprägte aristokratische Schippe ziehen würde, wenn er noch am Leben wäre. Gleich an ihrem Ende steigt ein kleiner steiler Pfad noch etwas höher und leitet nun den waldreichen Abschnitt entlang Eberswaldes hoher Kante ein, umspielt von krummen Pfaden und ein paar abgelatschten Stufen.

Ein paar Schritte später lässt sich vom oberen Rand der Schillertreppe noch ein zweiter Blick auf die Stadt werfen. Fast am selben Ort hat sich zwischen die ganzen Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts ein Herr Luther verirrt, der einer alten Eiche seinen Namen leiht. Gemeinsam mit der mondänen Schillertreppe und dem noch recht jungen Wunderkreis, einem gepflasterten Labyrinth nach alten Vorlagen, gestaltet diese eine schöne und besondere Parkanlage.

Am Waldcampus, Eberswalde

Gleich gegenüber taucht der Stadtrundweg nun in lichten Laubwald ein, dessen Boden sich in sanften Wellen gebärdet. Vom hiesigen Schulwald fällt vor allem ein Barfuß- und Geschicklichkeitspfad ins Auge, jetzt in der Jahreszeit, wo fast alles hier nur ein bis zwei Farbtönen entstammt. Angenehm ergänzend begleitet ein goldbrauner Laubteppich die Schritte bis zum dritten Aussichtspunkt, der einen eigenen Bergnamen bekommen hat. Dutzende Pfade durchziehen den offenen Wald und versuchen vom Wege abzulenken, doch die Markierung ist verlässlich.

Auf dem Stadtrundweg

Waldcampus

Ein kurzes Verlassen führt uns zur Ministadt rund um den gemütlichen Campus des Instituts für Waldökosysteme, und auch hier treffen sich Altes und Modernes in gelungener Weise, selbstredend stark holzbetont. Dass Eberswalde nicht nur durch seinen Forstbotanischen Garten mit dem Thema Wald zu verknüpfen ist, wird spätestens an diesem Ort klar. In der campuseigenen Kita wird gerade fleißig gebastelt, aus der Mensaküche tönt das Klirren von Geschirr und erweckt den Magen zu einem leichten Knurren. Da kommt die wohnliche Bushaltestelle gerade recht für eine Pause.

Waldweg am Versuchsgarten

Die Gebäude rund um die Haltestelle lassen an die geniale Sendereihe Geheimnisvolle Orte denken. Davor stehen einige sehr spezielle Nadelbäume, an deren Ästen winzige Zapfen hängen. Auf der Ecke steht als wuchtige Skulptur und von armesdicken Edelstahlrohren gestützt der aufgestellte Fuß eines Baumes, der zu olle Hardenbergs Zeiten schon zwei Personen zum Umfassen des Stammes gebraucht hätte.

Wie als Kommentierung des Themas führt der nächste Wegabschnitt nun durch verschiedenste Arten von Forst, zunächst vorbei an betagten Douglasien, dann an kleinen Fichtenwäldchen, jenseits der Landstraße auch an einem Versuchsgarten mit verschiedenen Beeten. Der Waldboden ist gut getränkt von den letzten Tagen.

Im Schwärzetal

Schwärzetal

Noch einmal recken sich einige alte Douglasien, bevor der Weg nun unvermittelt hinabsteigt ins idyllische Tal der Schwärze. Die hat keine zwei Kilometer flussaufwärts das Nonnenfließ unter den Arm genommen und bahnt sich nun bogenreich ihren Lauf durch den breiten, morastigen Talgrund. Die breiten Uferflächen sind vom Wild zerlatscht wie ein mittelalterlicher Marktplatz oder die Wiesen von Wacken nach verregneten Festivaltagen.

Lehmhütte im Schwärzetal

Pittoresk-rumplige Stege locken über das glasklare Wasser ans andere Ufer, und auch der Kleine Stadtrundweg hat dort die Herthaquelle ins Visier genommen und umrundet nachfolgend das Gelände des beliebten Zoos. Doch wir sind angefüttert durch das naturnahe Antlitz des Schwärzetals und bleiben dem Bach treu. Vieles liegt quer und zeugt von windigen Tagen sowie dem Prinzip des Liegenlassens. Aus querliegendem Waldkram scheint auch die kleine Informationshütte gebaut. Die besteht zum Großteil aus Lehm, und es ist gut zu erkennen, wie er verbaut wurde.

Zainhammer Mühle

Zainhammer Mühle

Immer uriger wird es, zugleich geht der Bach in die Breite, nimmt sich seinen Platz. Voraus gibt sich ein Buchfink erfolgreich als Laubblatt am Zweig aus, stellt die mitgeführten Brillen infrage und macht also seinem Namen alle Ehre. Währenddessen kommt der Bach nun ins Mäandern, bevor er sich im Zainhammer See so richtig breit machen darf und dort zur besten Ententreffe avanciert. Der kurze Abstecher zur Zainhammer Mühle lohnt nicht nur wegen des Seeblickes und des kleinen Wassersturzes, sondern auch der schönen Rastbank wegen, die es sich zwischen den leuchtend blauen Türen bequem gemacht hat und das gerne weitergibt.

Spazierweg am Forstbotanischen Garten

Noch immer begleitet der Weg im Groben den Bachlauf, obwohl das Wasser die meiste Zeit nicht zu sehen ist. Nach einem kurzen Stück ruhiger Straße beginnt links ein großzügiger Fuß- und Radweg, der rege benutzt wird. Das geht auch nachts, denn Laternen begleiten seine gerade Linie. Bald leuchtet links als knallig roter Farbakzent das Tor zum Forstbotanischen Garten. Dessen Gelände ist leicht hügelig und eigentlich einen eigenen Tagesausflug wert, und so drehen wir nur einen kurzen Schlenker, finden uns kurz in den Alpen wieder und gewinnen einen ersten Eindruck, der selbst im diesigen Grau eine Verlockung hinterlässt. Weiter unten bahnt sich die Schwärze ruhig ihren Weg.

Im Forstbotanischen Garten

Wieder versuchen einige Pfade, vom rechten Wege abzulenken, doch wir folgen dem breiten Knirschweg, bis bei der Oberförsterei und dem Waldsolarheim ein letztes Mal die Waldthematik aufgerufen wird. Hier übernimmt nun die Brunnenstraße, die mit edlen Villen und riesigen Gärten wiederum an die Kurthematik anknüpft. Beides vereinend und noch das Thema Stadtgrün hinzufügend taucht die gerade Linie des Weges in den zauberhaften Park am Weidendamm ein, der länglich den Wassern der Schwärze folgt und diese in spielerischer Weise aufgreift.

Park am Weidendamm

Der Park ist gut genutzt von alten Altersklassen und wirkt doch an keiner Stelle überfüllt. Es kann gespielt, gekneippt oder geklettert werden, wahlweise auch ganz klassisch spaziert oder nur so auf der Bank gesessen. Und natürlich – auch hier gibt es respektable alte Bäume, die am Ufer des Teiches sogar so eine Art stehende Tanzperformance für die Ewigkeit aufführen.

Schnelle am Weidendamm, Eberswalde

Die zentraler gelegene Ententreffe liegt direkt vor den Schnellen an der Brücke beim Weidendamm, und damit das Tagesthema nicht vergessen liegt, liegen am anderen Ufer die Alte und Neue Forstakademie. Wer die urbanen Enten gründlich studieren möchte, kann das übrigens gut vom kleinen Bistro aus tun.

Stadtpromenade am Finowkanal

Ein paar Schlenker schaffen die erste, kurze Berührung mit nennenswertem Verkehr, bevor die letzten Schritte nun dem schönen Finow-Kanal gewidmet sind. Zu beiden Seiten laden Treidelwege zum genießerischen Schlurfen ein, am Ufer gibt es Bänke und breite Stegterrassen, um sich vom Schlurfen zu erholen. Bevor man schließlich wieder richtig in der bewegten Welt mit ihren hastigen Leuten, Ampeln und Fahrzeugen auftaucht, weckt die breite Strandpromenade am anderen Ufer nun erstmals Vorfreude auf ganz andere Jahreszeiten – solche mit kurzen Ärmeln, kurzen Schatten und eisgefüllten Waffeln.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): ab Berlin-Ostkreuz Regionalbahn nach Eberswalde, dann Bus ins Zentrum (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Bernau und Biesenthal; Landstraße über Ahrensfelde und Tiefensee; Autobahn (jeweils ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: 11 km (Abkürzungen sehr gut möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus Eberswalde

Artikel über Eberswalde

Broschüre mit Stadtrundwegen (S. 28)

Paul-Wunderlich-Haus am Markt

Wunderkreis an der Schillertreppe

Waldcampus Eberswalde

Zainhammer Mühle

Forstbotanischer Garten Eberswalde

Einkehr: Café Gustav am Markt
Zum Weidendamm, Eberswalde
zahlreiche gastronomische Angebote im Ortsgebiet

Grobskizziert – Reitwein: Auenrupfer, Odersporn und die erlaufene Seelenruhe

Der September ist gut in Schwung gekommen, bringt an den meisten Tagen bereits diese anregende Mischung aus frischem Wind und kräftiger Sonne mit und hat schon viele der würzigen Düfte bereitgestellt, die sinnesfreudig den Herbst ankündigen. Unter den Bäumen raschelt erstes Laub, während im Buschwerk entlang der Wege verschiedenste Beeren eine Farbpalette öffnen, die auch dann noch leuchten wird, wenn einmal alle Blätter gefallen sind. Am beständigsten unter ihnen sind dabei die Hagebutten, die selbst noch unter Raureif und zartem Schnee mit aller Kraft und lackglänzender Haut hervorleuchten.

Grenzfluss Oder

Neben der Nase werden auch die Ohren auf die erdbunte Jahreszeit vorbereitet, wenn sich zwischen das klickende Geplauder der allerletzten Schwalben im ferneren Surround-Bereich schon das monotone Getöne von Krähen und Raben mischt, die bislang nur vereinzelte Silben aus ihren respektablen Schnäbeln pressen. Oder weiter im Hintergrund die Scharen von Kranichen fast nur zu erahnen sind, die später am Tag kurz vor dem schwindenden Licht von der Kost zur Logie umziehen werden. Hier und dort schon kilometerlange Gänse-Einsen für den anstehenden Langstreckenflug üben.

Uferstreifen der Oder gen Lebus

Wer hier nicht seinen ersten Text liest, weiß vielleicht bereits von der besonderen Zuneigung des Autors zur Oder, die Euphorie und Ehrfurcht zu gleichen Teilen verschmilzt und für eine genießerische Niedrigdosierung der odernahen Ausflüge sorgt. Bevorzugt sind es die kalten bis bitterkalten Tage, die besonders gut zu den Landschaften dieses Grenzflusses passen, zum Wilden und scheinbar Unbekannten, was sich dahinter bis hin zum Ural aufspannt.

Schöne Aussicht bei Reitwein

Ganz unabhängig von den Jahreszeiten passieren manchmal im Leben kleine oder auch große Wunder. Wenn dann die nächste Möglichkeit für einen Tag unter freiem Himmel kommt, empfiehlt sich eine Landschaft, die vertraut ist, einen wohlig umfängt und etwas Archaisches in sich trägt. Auch lange Wege bietet und Weite in fast alle Richtungen, so dass ausgiebig erzählt und auch geschwiegen werden kann. Ein breiter und ruhiger Fluss ist dabei nicht von Schaden oder auch ein ferner Blickfang, der sich leicht rätselhaft gibt.

Doch auch der sommerspäte Frühherbst ist eine gute Oderzeit, wenn alles oben Erwähnte am selben Ort zu beobachten ist und dazwischen die schokoladenschwarzen Ackerschollen liegen, von großer Pflugschar aufgebrochen und dabei sauber eingerahmt durch schnurgerade Wege.

Im offenen Schiff der Reitweiner Kirche

Reitwein

Das Oderbruch ist bekannt dafür, ganz außerordentlich flach zu sein, wird dem Begriff topfeben wirklich gerecht. An vielen Stellen erhebt sich jedoch sehr direkt und nicht zu übersehen eine ausdrucksvolle Geländekante, die für teils unwiderstehliche Kontraste sorgt und unruhige Zeigefinger am Auslöser. Ein besonderer Dank hierfür geht an die letzte Eiszeit, wieder einmal.

Kirchturm in Reitwein

Bereits im Stadtgebiet von Frankfurt an der Oder beginnt einer dieser Höhenzüge, der über knappe zwanzig Kilometer vorbei am schönen Lebus bis hin zum Dorf Reitwein reicht. Schon vorher transformiert er sich von der Hochebene zum Sporn und läuft dann unvermittelt und direkt aus, was dafür sorgt, dass die Annäherung an ihn ein wenig wie die an eine hügelige Insel oder eine Voralpenlandschaft ist. Drumherum die absolute Flachheit. Es ist wirklich faszinierend.

Der Bullengraben bei Reitwein

Was der ganzen Szenerie zudem den Anstrich eines hochromantischen Gemäldes verleiht, ist die Reitweiner Kirche. Die steht eigentlich versteckt im unteren Hang, doch ihr spitzer Turm ist aus großer Ferne schon zu sehen und gibt einem das Gefühl, sich geradewegs in dieses Gemälde hineinzubegeben. Wer bei Regen nicht nass werden möchte, wird dort keinen Schutz finden. Wer jedoch Freude an naturgegebenen Lichtspielen auf schöner Architektur hat, sollte den kleinen Abstecher nicht versäumen. Den Entwurf für die Kirche lieferte übrigens ein Herr Stüler, der zur Architekten-Prominenz seiner Zeit zählte – auch das Neue Museum in Berlin geht auf seine Kappe. Der Baumeister Stüler war übrigens ein Schüler Schinkels, der hier schon viel zu lang nicht mehr Erwähnung fand.

Einladender Weg durch die Oderauen

Reitwein selbst ist ein hübsches Dorf von angenehmer Unregelmäßigkeit, zudem gibt es noch einige von diesen schönen Schleichwegen, die auf Wiesenteppich oder als getrampelter Pfad die stillen Straßen verbinden und im Langzeitgedächtnis eines jeden Reitweiner Kindes verankert sein dürften.

In den Oderauen

Gegenüber der Kirche liegt eine eindrucksvolle Sowjetische Kriegsgräberstätte, die Gedanken an die erbitterten Kämpfe in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wachhält, als nichts in dieser Landschaft friedlich war und ihr Gesicht zerschnitten. Als grundfriedliches Gegenstück dazu liegt gleich links benachbart ein kleiner Sommer- und Kräutergarten mit winziger Teichpfütze, der betreten werden darf und gleichermaßen Insekten oder Erholungssuchende bedient.

Die breite Oder

Die ausgedehnte Tour mit ihren vielen langen und landschaftsschwelgerischen Passagen findet sich genau so auch in einem blauen Brandenburg-Wanderführer. Sie vereint in sich eine ganze Handvoll Kapitel, deren jedes für sich seinen Charakter trägt und die man alle paar Jahre aufs Neue lesen möchte. Den Auftakt macht der umgehend pulssenkende Weg durch die inneren Oderauen, der vorbei an einer hinreißenden Rastbank mit Dorfblick und durch einen bruchklammen Grünzug zum großen Oderdeich führt. In Vertretung der Alten Oder, die einst weiter östlich ihre Bögen schlug, sorgt hier der Bullengraben für etwas fließendes Wasser, das von mehreren Stellen rund um Lebus daherkommt.

Was so wächst in den Auen

Hinter dem Deich öffnen sich die äußeren Oderauen mit ihrem urwüchsigen Erscheinungsbild. Die Oder ist von hier aus noch nicht zu sehen, doch hinter ihrem gedachten Verlauf geht bereits ein polnisches Panorama der Extraklasse in die Breite, das den Deich gewissermaßen zu einem endlosen Aussichtspunkt macht und irgendwo in der nahen Ferne als rätselhaften Blickfang eine glänzende Turmhaube durchscheinen lässt.

Auf Knöchelhöhe am Oderstrand

An diesem Streifen zwischen Deich und Oderufer wird man sich wohl niemals sattsehen können. In verspielter und natürlicher Unregelmäßigkeit ziehen sich einladende Wegespuren hindurch zwischen gekappten Altarmen und feuchten Wiesen, gestürzten und zugleich quicklebendigen Weiden oder kleinen Wäldchen, die sich von keiner der vergangenen Fluten haben unterkriegen lassen. Blasshäutige Baumruinen steuern eindrückliche Skulpturen zu diesem Ensemble bei. Dazwischen lassen die jagenden Wolken jede sichtbare Wasserfläche in Sekundenschnelle zwischen bleigrau, edelsilber und tiefblau wechseln, so dass die Auslöseverzögerung der Kamera für Grimm sorgen könnte – wenn man nicht so versunken wäre in dieses Landschaftsbild, zu dem man hier gerade selbst gehört.

Genügsame Pflänzchen

Weitere Accessoires, die das Unsteigerbare dennoch steigern, sind vereinzelte Strohrollen ohne Ablagesystem, in denen man ruhig einmal seine Nase vergraben sollte und tief einatmen, auch Weidezäune alter Schule oder die mit lustigen Ziegen durchmischten Schafherden, welche in diesen Wochen vielfach zu entdecken sind. Auch die Wolken tragen ihren Teil dazu bei, mal als brave Schafe, mal wild zerzupft oder gewagt ineinandergeschachtelt. Die Chancen für solche Himmelsbilder stehen an der Oder gut, wie die Erfahrung langer Jahre zeigt. Nicht zuletzt steuern die farbstarken Grenzpfeiler in regelmäßigen Abständen kleidsame Ergänzungen bei.

Uferstreifen der Oder

Neben den feuchten Stellen, Senken und Weihern gibt es auch einige streusandtrockene Stücke am Weg, die mittels wettergegerbter Holzplanken, vielleicht alte Eisenbahnschwellen, das Vorwärtskommen für Sohle und Reifen gewährleisten. Aus ihren Ritzen sprießen stillvernügt genügsame Blümchen.

Oderdeich mit Himmelsspiel

Wenn schließlich das Ufer der ruhig fließenden Oder erreicht ist, sollte man sich eine Rast auf einem dieser Zacken nicht entgehen lassen, die weit in den Fluss ragen. Es ist ein besonderes Gefühl, so ein bisschen mitten im breiten Fluss zu sitzen, bequeme Stellen gibt es fast immer. Nicht zuletzt kann es auch im späten Sommer angenehm sein, an einem dieser tausend Odersträndchen vollständig unterzutauchen, nur für ein paar Züge. Oder sich am gewählten Sitzplatz einfach nach hinten umfallen zulassen, mit geschlossenen Augen in den Himmel zu stieren und das leise Plätschern zu erlauschen, mit dem die klaren Flusswellen die äußersten Schotterbrocken umspülen. Man sollte es wirklich tun.

Schafherde nahe des Flusses

Aus dieser flachen Perspektive wirkt der Oderstrom zudem besonders breit und auch besonders blau. Schwierig ist es daher nur, sich wieder loszureißen, denn die Tour hat ja an dieser Stelle erst begonnen.

Schokoladenacker im Zustieg

Oderdeich

Auf Höhe des alten Fähranlegers beginnt das nächste Kapitel, das nun eine reichliche Stunde Autopilot gestattet, wenn gewünscht. Einfach die Füße machen lassen, die Gedanken fließen oder fliegen, und die Blicke schweifen. Der Oderdeich verläuft hier niemals schnurgerade, und hinter jedem Bogen gibt es neue Bilder, die sich nur selten ähneln. Mal kommt das lange Band der Oder in den Blick, mal eine der vielen kleinen Wasserflächen, die dem Deich zu Füßen liegen. Hier ist die Wiese struppig kurz, dort dann alles lückenlos bewachsen von hohen Gräsern oder auch Schilfteppichen. Und als kleine Kuriosität stehen immer wieder diese Durchfahrt-verboten-Schilder an Stellen, wo ohnehin niemals ein handelsübliches Kraftfahrzeug hinkommen oder weiterfahren könnte.

Aufstieg nach Wuhden

Rechtzeitig vor Lebus muss man sich losreißen und mal wieder auf das Display oder die Karte schauen, sonst würde man unversehens in Lebus landen – zwar auch sehr schön, doch fernab der restlichen Kapitel, dazu noch ein ganz eigenes. Ein paar rechtwinklige Abbiegungen begleiten den Weg durch die Felder hinüber zum unteren Rand der bewaldeten Höhenkante, die womöglich ein paar Mittelgebirgsassoziationen im Hinterkopf aufruft. Vereinzelte Gehöfte wurden liebevoll gestaltet, und am Abzweig, wo die Abkürzung hinzustößt, hockt ein versteinerter Troll, den wohl die Eiszeit von Skandinavien hierher verschlagen hat.

Ausblick von Wuhden

Wuhden

Nur wenig später geht es nun kurz und herzlich zur Sache, doch der Aufstieg an den Rand von Wuhden darf gut und gern ein eigenes kleines Kapitel für sich beanspruchen. Wer auf der Straße bleibt, kann oben im Dorf ein paar der hübschen Häuser sehen, doch zweigt man unten ab in den Weg mit schwarzem Kauz auf gelben Grund, darf die Höhe entlang eines idyllischen Grundes erklommen werden.

Weg auf dem Reitweiner Sporn

Oben beginnt dann, fast wie auf einem Kammweg, der nächste, äußerst aussichtsreiche Abschnitt entlang einer jungen Allee, die später in einer deutlich älteren aufgeht. Die beruhigende Spur ist immer leicht am Schlingern und taucht nach längerem in den Wald ab, wo der verdiente Abstieg nun genüsslich zelebriert wird.

Schöne Aussicht bei Reitwein

Noch in diesem abschließenden Kapitel sollte man sich trotz müder Beine und hängenden Magens nicht eine der schönsten Aussichten weit und breit entgehen lassen – der Abstecher ist nur kurz und endet an drei Bänken. Ähnlich frei und hochgelegen wie von der Schönen Aussicht kann man den Blick wohl nur von der Carlsburg bei Falkenhagen schweifen lassen – und ist dabei mit Sicherheit niemals ungestört.

Hohlweg hinab nach Reitwein

Wenn es wirklich Herbst ist und der Tag schon eine Weile läuft, wirft der Sporn seinen Schatten weit ins flache Land, wie ein altgedienter Fischer seine Netze, die in voller Breite auf die Wasserfläche klatschen. Die Bäume entlang der schnurgeraden Alleen tun das ihre, und der tiefe Sonnenstand steuert Goldlack und Weichzeichner bei. Auch der frische Wind hat sich woanders hin verzogen und überlässt die Landschaft gänzlich ihrer Stille, die Oder ihrem glatten blauen Spiegel und die tagaktiven Menschlein einer abendlichen Seelenruhe.











Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der Regionalbahn nach Seelow, von dort mit Bus bzw. Bussen (1,75-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 1 bis Manschnow, dann B 112 Richtung Lebus (ca. 1,75-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 21 km, Abkürzungen möglich (Empfehlung: wenn abkürzen, dann zwischen Wegpunkt 10 und 15)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Internetpräsenz von Reitwein

MOZ-Artikel Spaziergang Reitweiner Sporn

Einkehr: Gaststätte Am Reitweiner Sporn, Reitwein (vorher unbedingt anrufen, hat manchmal unerwartet geschlossen)