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Berliner Spaziergang – Spandau: Stille Wasser, Dosenfisch Deluxe und die gelochte Riesengurke

Nach einem komplett sonnigen April, der in diesem Jahr ohne hochsommerliche Schmelztemperaturen auskam, brachten die letzten Tage des Monats den erhofften Regen, der viele Gewächse einen ersten Durst stillen ließ, erdigen Duft aus dem Boden lockte und für eine selten gesehene Explosion des Blattgrüns in Stadt und Land sorgte.

Mit einem Mal gibt es unter jedem Baum den dichten Schatten, der vermutlich in Kürze gern in Anspruch genommen wird. Die Blütenpracht der zweiten Aprilhälfte hatten die teils dicken Regentropfen von den Zweigen gespült und am Boden zu lichten Teppichen verströmt, die in Weiß, Rosa oder fast schon Violett ganze Bürgersteigpassagen bekleideten.

In der Spandauer Altstadt

Knapp zwei Meter darüber ist mittlerweile der Anblick halbverdeckter Gesichter zur Normalität geworden, wobei die Vielfalt der Masken so breit gefächert ist, dass sie manch modischer Geist vielleicht aus individualistischen Gründen lieber anlegt, als er eigentlich zugeben möchte. Gleichzeitig dürfen nun auch ohne triftigen Grund Füße vor die Wohnungstür gesetzt werden, wenn sie weiterhin einen Ausfallschritt Abstand zu anderen Füßen halten. Endlich also geht es von triftig nun den ersten kleinen Schritt in Richtung Triff Dich. All das ergänzt sich recht gut und könnte den Weg dafür ebnen, dass Ausflüge ins Umland und auch innerhalb von Städten wieder ohne ausschweifende Logistik möglich sind.

Besonders verlockend sind in diesem Monat des Entstehens, Wachsens und Sprießens die Düfte der erwachten Natur, die täglich breiter werdende Farbpalette und auch die Ablösung und Ergänzung der frühblühenden Vögel durch die beredten Plaudereien der Schwalben oder den meist fernen Ton des Kuckucks, den selbst Leute erkennen, die möglichst nicht mit dem Erkennen von Vogelstimmen in Verbindung gebracht werden wollen. Dank der vielen Sonnenstunden des Aprils liegt über weiten Trockenwiesen auch schon der Klangteppich zahlloser Grillen, und dazwischen lässt sich mit etwas Glück eine genial getarnte Eidechse beim Sonnenbad erwischen.

Schattige Wege im Spekte-Grünzug

Nachdem in den letzten Monaten ein überschaubarer Radius nur selten verlassen werden konnte, steht nun im Monat der vielen gesetzlichen Feiertage der Sinn nach etwas Ausflugs-Erlebnis, nach dem Gefühl besonderer Tage. Oder einem dieser immer wieder überraschenden Stadtspaziergänge innerhalb der Berliner Stadtgrenzen, wo man eigentlich das Meiste schon zu kennen glaubt. Denkste.

Knorriger Steg über die Kuhlake

Allerhand angekündigter Regen und kühle Temperaturen dieser Tage sowie breite Wege helfen an vielen Stellen und Grünanlagen dabei, auch einen ganzen Draußentag lang durch dicht bewohnte Gegenden zu schlurfen und doch kaum dem Gegenverkehr ausweichen zu müssen, um den rechten Abstand zu gewährleisten. Bevorzugt empfehlen sich stadtrandnahe Lagen mit Großsiedlungen, wie sie zum Beispiel in Marzahn, Rudow oder auch Spandau zu finden sind. Da sich in Spandau auch noch ein breites Flussgeschehen und das betuliche Bild einer westdeutschen Kleinstadt hinzugesellen, führt der Weg heute ans jenseitige Ufer der Havel, hin zu alten Gemäuern, einer Wasserstadt und einem imposanten Kletterfelsen. Und natürlich absolut vielfältiger Natur.

Stolzer Herr im Wildgehege

Spandau

Spandau trägt das komfortable Merkmal, sowohl ober- als auch unterirdisch erreichbar zu sein. Der endlose S- und Fernbahnhof ist ohne Zweifel eindrucksvoll, zudem Sekunden vorher die breite Havel überquert wird. Doch es gibt nur einen Ausgang, der mit etwas Pech am anderen Ende des genutzten Zuges liegt, und der Vorplatz ist laut und quirlig. Die nahe Spandauer Altstadt liegt im Kontrast dazu gemütlich auf einer Insel, in deren Norden die große Kirche und der älteste Teil der Stadt mit einem Rest der Mauer stehen. Genau dazwischen liegt der Ausgang des U-Bahnhofs, nach dessen Verlassen man sofort eine Altstadtgasse unter den Sohlen hat und schon bald den Kirchturm sieht, der schon im ausgehenden Mittelalter über dem Markt wachte.

Doch nicht nur diese Lage bietet einen guten Grund, Spandau in gelben Zügen zu erreichen. Allein die Fahrt auf der U-Bahn-Linie 7 ist durch ihre bunten und verspielten, phantasievollen und teils prächtigen Bahnhöfe ein Ausflugsgrund sowie eine gute Option zum Beispiel für einen drückend heißen Sommertag im kühlen Untergrund – Tageskarte kaufen, dann einmal bis Endstation, dann bis zur nächsten Endstation und wieder zurück nach dort, woher man kam. Unterwegs lässt sich beliebig oft aussteigen, einen Bahnhof komplett und im Detail beschauen oder in der Oberwelt kurz was Kaltes zischen und dann wieder abtauchen. Nach dem beliebig verlängerbaren Reise-Erlebnis der Sonderklasse ist es dann auch schön, das Kunstlicht des urbanen Orkus gegen das des heißen, hellen Sommers einzutauschen.

An der Nikolai-Kirche, Spandau

Altstadt Spandau

So gesehen ist also die Anreise eine leichte Entscheidung. Der U-Bahnhof Altstadt Spandau liegt tiefer als andere, da die Bahn kurz zuvor die Havel unterqueren muss. Es sind also ein paar Stufen mehr, die vom schön illuminierten Bahnsteig mit seinen wuchtigen und zugleich fein gezeichneten Säulen nach oben führen. Verlässt man den Bahnhof in Fahrtrichtung, fällt der erste Blick unter freiem Himmel direkt auf den Turm der Nikolaikirche, die mit ihren gut 600 Jahren nur gut 100 Jahre jünger ist als die älteste Kirche Berlins – die übrigens denselben Namen trägt.

Die Spandauer, das wurde an anderer Stelle schon erwähnt, legen einigen Wert darauf, nicht als Stadtteilberliner gesehen zu werden, sondern eben als Spandauer. Und in der Tat gibt es keinen vergleichbaren Kiez in der weitläufigen Stadt, der so am Rand liegt und zugleich so ein eigenständiges Stadtbild zeigt, wie es vergleichbar eher mit schönen Vororten wie Strausberg oder Bernau ist. Auch die Lage jenseits der Havel trägt noch dazu bei, und natürlich auch die ovale Form samt der Insellage zwischen breitem Fluss und dem Stadtgraben, über dem auch die erwähnten Überreste der Stadtmauer stehen.

Stadtgraben um die Spandauer Altstadt

Von der Kirche zum Markt sind es nur ein paar Schritte. Ein Großteil der Geschäfte hat nur halb oder gar nicht geöffnet, alle anderen können unter Einhaltung der Hygiene-Regeln betreten werden. Das ist erst seit wenigen Tagen möglich und wird dementsprechend gern angenommen. Auf dem gemütlichen Marktplatz sind die kleinen Bäume schon dicht belaubt, alle Sitzgelegenheiten werden benutzt und Pappbecher erleben eine Zeit, in der sie nochmal richtig sinnvoll sein dürfen. In der Fußgängerzone reichen Ansteh-Schlangen von vier Leuten bis weit auf die Zonenmitte, sodass auch hier ein wenig Slalom angesagt ist, damit sich niemand zu nahe kommt. Doch es funktioniert gut, viele Lächeln wechseln ihre Besitzer und selbst beim belebten Markttreiben vor dem riesigen Rathaus ordnet es sich ganz passabel.

Von hier führt eine kuriose Unterführung auf die andere Seite des breiten und stark befahrenen Altstadt-Rings, der irgendwie auch gut zum Bild der westdeutschen Kleinstadt passt. Hier gab es wohl einmal Laufbänder hinab zum U-Bahn-Eingang, von denen noch die Gummi-Handläufe zeugen. Der Untergrund ist mittlerweile asphaltiert und man bewegt sich mit eigener Kraft. Auf der anderen Seite, im linken Augenwinkel nimmt man gerade so den langen Fernbahnhof wahr, landet man sofort in einem lichten Park mit alten, großkronigen Bäumen, der den Beginn eines vielfältigen Grüngürtel bildet, direkt hier am lauten Bahnhofseck.

Grünzug mit Aussichtsberg in Spandau

Bis zur Stadtgrenze lässt sich nun weitgehend unberührt vom Verkehr spazieren, vorbei an Wiesen und Senken, Seen und Laken und so manchem herrlichen Spielplatz. Nördlich des länglichen Wegesystems erheben sich Hochhäuser, links halten Einfamilienhäuser und Kleingärten die Giebelhöhe eher flach. Besonders schön für diese Zeit jetzt ist, dass meistenteils Wege für Leute mit Rad oder Fuß parallel laufen, weit seltener ausgewichen werden muss.

Plankenweg vor der Zeppelinstraße

Hinter einem halbrunden Areal mit bunt bepflanzten Nutzgärten öffnet sich ein weiter Wiesenpark, über den ein kleiner Hügel wacht. Der ist immerhin so hoch, dass der Hauptaufstieg über eine Treppe in acht Schwüngen zum Gipfelplateau führt, auf dem sich ein Rund von großzügigen Bänken für Blicke in alle sechs Himmelrichtungen anbietet. Die Sicht ist weit, in Richtung der erwähnten Nikolai-Kirchen bzw. des Funk- oder Fernsehturms jedoch durch dichtes Wipfellaub maskiert. Auch im Norden zwischen den Hochhäusern ist alles grün und zu Füßen des Hügels viel Platz für alle möglichen Freizeitsachen.

Auf einer der Bänke sitzt eine Frau, die sofort aufspringt, als Sie uns sieht, und zu erzählen anfängt. „Ah, dit sehick glei – ihr seid Geokescher, haaick sofort jesehen, ditt kennick schon, haaick erkannt wejen den Jerät da, Ihr macht Geokesching, haaick glei jeseen.“ Sie geht dabei langsam auf uns zu, und obwohl Sie einen Mundschutz trägt, weichen wir zurück, so höflich wie eben möglich, wegen einsfuffzich. „Wusstich sofort!“ Es ist eben schon ins Blut übergegangen, und das ist zwar auf den ersten Blick erschreckend, doch beim zweiten Hindenken eigentlich eine gute Sache, dass es quasi automatisch läuft, zur Gewohnheit gewachsen ist. Da es ja nun noch eine Weile gebraucht werden wird, als eins von drei Basis-Werkzeugen.

Spekte-Grünzug, Spandau

Auch wenn wir längeren Wortwechsel vermeiden wollen, lassen wir die Dame nicht gänzlich im Unklaren und erzählen, dass es so ähnlich ist, doch wir eher allgemein schöne Orte suchen und nicht kleine Schatzdöslein mit Zetteln. Sie ist’s zufrieden und wollte ohnehin gerade gehen – und ist auch schon auf dem Weg nach unten. So allein auf dem Gipfel sehen wir jetzt, dass es neben dem gediegenen Stufenaufstieg auch noch einen buschumsäumten Downhill-Sandweg sowie einen breiten Rodelhang für weiße Tage gibt.

Spekte-Grünzug mit dem Kletterfelsen

Unten ist kurz eine Verneigung vor dem Buschwerk angesagt, dann stehen wir wieder auf den Angeboten des Wegesystems. Ein kleiner Waldstreifen, in dessen Bäumen es nur so summt von Bienen und Vergleichbaren, geht über in einen einstigen Feuchtwald, der jetzt trocken liegt und dessen frisch begrünte junge Weiden eine Optik von Bambuswald erzeugen. Mittenhindurch führt ein breiter Bohlensteg, hinter dem die etwas breitere Zeppelinstraße quert. Die ist jetzt bis Falkensee bzw. für die nächste Stunde der letzte direkte Kontakt mit dem Verkehrsgeschehen.

Der Kletterfelsen über dem Spektesee

Spekte-Grünzug

Dahinter beginnt nun der sogenannte Spekte-Grünzug, der etwas südlicher mit dem Bullengraben noch ein Geschwisterchen in unmittelbarer Nähe hat. Ab hier ist die kleine Senke wahrzunehmen, die zwischen dem asphaltierten Radweg auf der einen und dem gepflasterten Fußweg hier liegt. Hinter einem kleinen Teich und der benachbarten üppigen Wiese mit groß angelegten Biotop-Hecken tritt voraus eine charakteristische Gestalt ins Bild. Deren Proportionen entsprechen nicht unbedingt gängigen Schönheitsmaßen, ziehen einen jedoch sofort in ihren Bann. Erst muss noch die Trasse einer alten Kleinbahnlinie überquert werden, die als Bötzowbahn bekannt war und Spandau mit dem havelländischen Umland verband.

Wer den Wuhletalwächter unweit des Ahrensfelder Berges kennt, hat sicherlich auch schon von diesem sandsteinhaften Gebilde gehört oder sogar obendrauf gestanden. Das westliche Pendant des Kletterfelsens steht zwar nicht ganz so spektakulär in der weiten Landschaft, ist dafür aber noch ein paar Köpfe größe und bietet ebenfalls Routen verschiedener Schwierigkeitsgrade sowie unten einen Boulder-Bereich.

Dunkle Wolken über der Spekte-Lake

Die skulpturhafte Gestalt mit ihrem durchsteigbaren Lichtauge, in die sich bereitwillig verschiedenste Motive interpretieren lassen, bietet soghafte Fotomotive vom Spekte-Grünzug aus, auch vom benachbarten Hügel oder vom Seestrand. Der Auslöser kommt nicht zur Ruhe, Begleiter müssen geduldig sein. Aus direkter Nähe weicht jedoch der Charme, da der Felsen des Deutschen Alpenvereins vorsorglich mit einem sachlichen Zaun umgeben wurde. Einen eigenen kleinen Ausflug wert ist der Anblick dieses Kletterfelsens definitiv, zumal direkte nebenan ein Badesee mit einem Kiosk lockt, der irgendwann wieder öffnen wird.

Der Große Spektesee, in dessen Schilfgürtel sich die Wasservögel wohl fühlen, lässt sich in einer knappen halben Stunde komplett umrunden. Am Westrand des Sees beginnt ein Graben, der aktuell trocken liegt und von einem schönen Brücklein überspannt wird. Dahinter setzt sich das bewährte Zwei-Wege-System fort, teils schnurgerade wie ein münsterländischer Bahntrassen-Radweg, dann wieder kurvig. Ein weiterer Weg  begleitet gegenüber das Ufer. Üppig grün sind all diese Wege, links und rechts die Bäume und unten die Wiese, und das wahrscheinlich erst seit ein paar Tagen.

Gemütliche Brücke über die Spekte-Lake

Als wirksamer Farbkontrast türmt sich voraus ein blauschwarzer Himmel auf und kündigt nun konkret an, was als Prognose verheißen war. Manchmal weiß man, dass nicht bald zu handeln ist, sondern jetzt, also zücken und entsichern wir schon mal die Schirme. Auf der breiten Holzbrücke über die Taille der Spekte-Lake kommt dann die nasse Wand angerauscht und wir spannen auf und sehen zu, dass wir ans andere Ufer kommen. Dabei bietet sich die Brücke so schön als Ort zum Verweilen an, mit kleinen Stränden, schönen Ausblicken und Geländern, breit wie Rastbänke. Heute jedoch nicht.

Staaken

Drüben liegt ein aufgeräumtes Wohngebiet im Norden von Staaken, einem dieser Berliner Ortsteile, die ich irgendwie niemals werde zuordnen können und wahrscheinlich bereits morgen wieder vergessen habe. Auf dem Finkenkruger Weg treffen wir auf erste Erinnerungen an die Mauer, kurz darauf auf den Berliner Mauer-Radweg, dessen Schöpfer Michael Cramer in diesem Jahr erstmals nicht seine beliebten und unterhaltsamen Mauer-Streifzüge anbieten kann – nach zwanzig Jahren Tradition. Am Ende des Weges ist die Grenze zu Brandenburg erreicht, das jetzt für ein knappes Stündchen unter die Sohlen genommen wird. Apropos Mauer-Radweg – auch die Zwanzig Grünen Hauptwege von Berlin spielen heute wieder eine große Rolle, drei von ihnen begleiten mit verspielten Zahlen diesen Tag.

Baracken-Fundamente und Mahnmal des KZ-Außenlagers

Hinter der Landesgrenze geht es am Ende einer Birkenreihe mit Seeblick noch einen Schritt weiter zurück in der Geschichte – hier befand sich in der NS-Zeit ein Außenlager des bei Oranienburg gelegenen KZ Sachsenhausen. Auch wenn die Vorstellungskraft an ihre Grenzen gerät, selbst wenn man die lose verstreuten Tafeln aufmerksam liest – die freigelegten Fundamente, über die ganz langsam das Moos wächst, auch die sichtbaren Baracken jagen eine Reihe von Schauern über den Rücken und durchs Mark, und der stürzende Regen hat das Licht des Tages dazu etwas runtergedreht. Ein schlichtes Mahnmal erinnert an die Opfer.

Falkensee

Mit dem Verlassen des Geländes reißt der Himmel auf, letzte dicke Tropfen fallen noch triumphierend in den freigelegten Nacken, und erleichert findet man sich nach wenigen Schritten in der friedlichen Welt von Fußgängerampeln, Kaufhallenschlangen und Jugendlichen, die den Lenker ihres Fahrrades hochreißen, so wie man das selbst als Bengel getan hat. Was auch immer der Grund oder die Zielstellung war, sicherlich dieselbe damals wie heute.

Weg von Falkensee nach Falkenhöhe

Die Wohnsiedlung um die Berliner Straße ist ganz gelungen. Ein Grünstreifen führt vom großen Rundhaus mitten hindurch, und jeder hat zumindest ein bisschen Gartenfläche. Direkt hinter den letzten Häusern beginnt die Natur mit wilden Wiesen und Wald, durch den man nach Falkenhöh gelangt. Aus dem Wald duftet es sagenhaft und würzig nach dem kräftigen Regen, und jeder Atemzug animiert zum besonderen Genießen.

Waldweg bei Falkenhöh

Falkenhöh

Auch in Falkenhöh wird gediegen gewohnt, jedoch mit großen Gärten und vielen schönen Häusern. Martin Luther drängelt sich per Straßenname kurz ins Bild und wird dabei umgeben von einigen seiner Tisch- und Zeitgenossen. Nach dem Eintauchen in den Wald lädt jenseits des schattigen Mauer-Radweges der Nadelboden eines Waldweges ein, der bald von einem Stacheldrahtzaun begleitet wird und dennoch gemütlich wirkt. Noch schöner wird es natürlich, als er den Zaun verlässt und seine Spur weiter durch den Mischwald zieht.

Versteckte Zärtlichkeiten in der Kantine

Kurz ist rechts das Krankenhausgelände zu sehen. In entgegengesetzter Richtung stehen gegenüber des Waldrandes Pferde und später auch übergroße Rindviecher, die zu später Mittagsstunde gerade in einen großen Haufen Heu vertieft sind und es trotz regen Futterns und Wiederkäuens schaffen, mit dem Nachbarkopf in Hautkontakt zu bleiben, Schnauze an Wange oder Stirn an Ohr. Der Vorgang sieht ungemein weich aus, obwohl vier massive Hörner beteiligt sind.

Lichtung im Wald mit jungen Kastanien

Dahinter winden sich Pfade durch den Forst, in dem unvermittelt der Spiegel eines umzäunter Seerosen-Weihers mit kleinen Inseln und rechteckigem Grundriss aufleuchtet. Falls ein Weiher einen Grundriss haben kann. Hinter dem nächsten großen Weg erstreckt sich eine große Trockenrasen-Lichtung, in der es bereits jetzt tüchtig, schillernd und farbenprächtig summt, obwohl bislang kaum etwas blüht – das ist dann eher Sache des Sommers. Am Nordrand der Lichtung wächst eine blutjunge Kastanienallee heran, die man spätestens in zehn Jahren mal wieder besuchen sollte.

Im Spandauer Forst

Gegen schön gerade Wege mit angenehmer Breite weiß sich aller Planung trotzend ein Waldweg durchzusetzen, der diagonal mitten hindurch läuft, von besonders zartem Grün umhüllt ist und stets aufs Neue von sich überzeugt. An der nächsten größenen Kreuzung bietet sich dann eine Sitzgelegenheit zur Pause an, und während wir hier sitzen, passieren mit Hund, Rad oder nur sich selbst mehr Leute, als wir in den letzten drei Stunden getroffen haben –tief im Wald, hier in der Großstadt. Ist wohl der Direktzubringer vom Spandauer Siedlungsrand zum sagenumwobenen Eiskeller.

Siesta in Wildgehege Zwo, Sektion Muffelwild

Wasserzug Kreuzgraben/Kuhlake

Danach bringt uns der Diagonalweg umgehend wieder in die Einsamkeit, wird bald von einem kleinen Pfad abgelöst, der das noch zu verfeinern weiß. Umso mehr staunen wir, als am nächsten großen Weg auf einmal vergleichsweise viele Menschen unterwegs sind und aufs Neue ein Zaun mitten im Wald steht – hunderte Meter lang. Sieht aus wie ein Wildgehege, und ist in der Tat eins, in dem sich jedoch nicht eine einzige Schnauze oder ein behuftes Bein entdecken lässt, auch kein Geweih oder Gehörne.

Wildgehege No. 1, Abteilung Rehwild

Noch im Suchen führen die Schritte über einen idyllischen Wasserzug, auf dem sich verschiedenste Enten tummeln und der schwer danach aussieht, als müssten sich hier auch Schildkröten wohlfühlen. Der Blick auf die Karte eröffnet, dass sich ausgedehnt ein regelrechtes Wassersystem durch den Wald zieht, das unter anderem mit der Kuhlake und dem Kreuzgraben zu tun hat. Verschiedene Seen haben eigene Namen, andere nicht, und Inselchen gibt es auch so einige, was allen beteiligten Kleintieren und Vögeln bestens gefällt.

Kuhlake zwischen den Wildgehegen

Die folgenden paar Hundert Meter sind so zauberhaft, dass sich die große Zahl der Menschen und Familien klar nachvollziehen lässt. Natürlich belassene, weit ausholende Uferkanten, kleine knorrige Stege übers Wasser, zudem ein mehr als zwei Meter hoher Aussichtsturm, von dem sich nun auch die ersten Tiere entdecken lassen. Insgesamt gibt es drei Wildtiergehege, die jeweils ziemlich sortenrein Rehtieren, Muffeltieren und Schwarzkitteltieren vorbehalten sind.

Wildgehege Spandauer Forst

Kein Nerv für Zaungäste in Wildgehege No. 3, Abteilung Kittelwild

Die Fraktion der Rehe hat am meisten Platz, kann sich daher auch am besten verstecken und war aus diesem Grund beim ersten Versuch nicht zu finden. Die mit den Krummhörnern am Schädel haben sogar alpin anmutende Klettergipfel aus aufgetürmten Findlingen, wo sie überzeugend den Steinbock mimen könnten. Die meisten ziehen es zur Stunde allerdings vor, ein breit ausgelatschtes Buffet von feinstem goldenem Stroh als Ruhelager zum Dösen zu nutzen und nur ab und zu ein halbes Maul voll vom Polstermaterial zu verschmausen. Der einzige aktive Hornbock mimt dafür den Poser und stelzt mit gereckter Brust und hinten vorne als höher durch das lichte Unterholz, um zu zeigen, wie das eigentlich aussehen sollte.

Schöne Anlage des Johannesstifts

Auch bei den Rehen ist eher Mittagsruhe angesagt, man steht so bei den Hütten und plaudert im Stillen. Doch auch hier gibt es den einen, weder jugendlich noch Senior, der aufrecht zwischen diversen Hindernissen hindurchstolziert und dabei den charakteristischen Gang eines Elches zitiert. Allein bei den Wildschweinen schert es keinen der Bewohner, wer da gerade guckt und was er wohl denken könnte, denn hier gibt es wirklich Wichtigeres. Der Blick mit gespitztem Auge lässt gut getarnt im Stroh am Stall drei Frischlinge erkennen, welche die ganze Aufmerksamkeit der Alten fordern und dem Anschein nach pausenlos gestreiften Unfug ersinnen. Die Alten sind enorm gut gebaut und der Zaun kurz vor der Nase sehr beruhigend.

Evangelisches Johannesstift

Südliche Kuhlake im frischen Mai-Schatten

Vorn die Straße nach Schönwalde ist kaum befahren, ein kleiner Weg führt nebenher. Vor dem Bahnübergang ist links ein Gebäude-Ensemble mit breiter Mittelallee zu sehen, das einen näheren Blick wert ist. Die Anlage des Evangelischen Johannesstifts rund um die Stiftskirche erinnert ein bisschen an das ehemalige Wihelm-Griesinger-Krankenhaus in Berlin-Biesdorf, unweit des Bahnhofs Wuhletal, auf dem S- und U-Bahn sich die Bahnsteige teilen. Auch dort gibt es gewisse Symmetrien, eine Kirche sowie reichlich schöne Umgebung. Hier die Kuhlake, dort die Wuhle – und damit schon ein zweiter Bezug zum Wuhletal.

Vom Radweg rechts der Schönwalder Allee locken verschiedene Wege und Pfade wieder in den Wald. Das wird mit der Fortsetzung der Kuhlake belohnt, die hier nicht minder idyllisch im Laubwald ruht.

Die breite Havel an der Havelschanze

Hakenfelde

Nach etwas Straßen-Zick-Zack gibt es dann hinter einer markanten Siedlungs-Anlage mit schnieken Wappen recht unvermittelt großes Verkehrsgeschehen und direkt danach den ersten Kontakt zur Havel. Das Becken des Nordhafens reicht fast einen halben Kilometer hinein bis zur Straße, die Spandau und Hennigsdorf verbindet. Der Straßenname Havelschanze kündigt schon den großen Ausblick an, der ganz an ihrem Ende wartet. Breit ist der Fluss hier, und der Blick fällt hinterm Sportboothafen auf die relativ neue Wasserstadt in Halbinsellage, doch auch auf die echte Insel Eiswerder, die durch drei elegante Bögen in Stahlfachwerk mit dem Spandauer Festland verbunden ist.

Uferweg Richtung Altstadt Spandau

Eine alte Kastanie mit kugelrunder Krone hält ihre Arme bis fast zu den Balkonen der ersten Häuserreihe, dahinter wird der Blick freigegeben auf einen breiten Uferweg. Links liegen urige Hausboote, deren Aufbauten vermutlich nur mit Hammer, Nagel und Zunge im Mundwinkel errichtet wurden, rechts wächst gerade der Gegenentwurf in die Höhe – alte Industriegebäude mit Wasserblick, die aufgehübscht und höchstbietend veräußert werden. Hinten auf dem bewegten Wasser streben zwei Wildgänse gen Flussmitte, zwischen sich vier extrasüße Küken, die kaum über die Wellen des windigen Tages schauen können.

Stahlfachwerkbögen zum Eiswerder

Hinter der Brücke über den Eiswerder lässt sich mit etwas Wohlwollen eine Kopenhagener Impression empfinden, zumal gegenüber die Zitadelle einen ihrer vier Festungszacken weit in die Havel hält. An der nächsten Ecke lockt dann ein Mittagsangebot, dem wir nicht widerstehen können. Obwohl anhand äußerer Faktoren nicht abschätzbar ist, was einen letztlich erwartet. Ein Fisch-Restaurant bietet Fischtüten in drei Ausfertigungen an – die höchste Ausstattung bietet Fisch&Chips und klingt irgendwie verdammt gut. Nehmen wir, bereuen es nicht und bestellen gleich noch eine Portion nach.

Havelschleuse Spandau

Dargereicht wird die spätestens nach acht Hapsen fingerfettige Tüte mit frischem paniertem Fisch und kaum verbesserbaren Pommes frittes in einer ausgedienten Konservendose. Das hält die Tüte in Form, die Finger fettfrei und verleiht obendrein dem Ganzen ein bodenständiges, ansprechendes Design. Passend dazu klagen die Möven über der Uferkante, ergänzend faucht von der Havel ein frischer Seewind hinüber, und so ist die längst fällige Energiezufuhr in Großformat schon wenige Minuten nach dem Weitergehen konkret als willkommene Wärme nutzbar. An einem Tag, der so wechselhaft ist wie eine ganze Aprilwoche.

Uferpark nördlich der Altstadt Spandau

Bad Spandau a. d. Havel

Ein kleiner Weg schwenkt links zurück zum Ufer, dessen Grünstreifen sich hier wie ein Kurpark präsentiert – mit Pergolen, Symmetrien und Wasserbecken, ausgeformten Senken samt wohlplatzierten Findlingen und einladenden Bänken. Bad Spandau an der Havel – klingt gar nicht mal verkehrt. Berühmt für seine Bullenkur, die angewandte Spektegrafie und nicht zuletzt die Eiswerder Massagen.

Verbliebene Stadtmauer von Spandau

Hinter einem passend mondänen Tor auf Höhe der Brauerei bietet sich nun, wieder einmal unerwartet, ein Bildausschnitt dar, der mit den Elementen Historische Stadtmauer, Wassergraben und Kirchturmspitze das Gefühl nahelegt, wirklich ganz woanders zu sein, nicht kurz vor dem nächsten U-Bahnhof mit Direktverbindung nach Berlin-Mitte. Da die Anreise nicht weit war und die Einkehr im kalten Havelwind kurz ausfiel, ist der Tag noch jung – nichts weist darauf hin, dass man jetzt die Beine mal stillhalten sollte, kein tiefer Sonnenstand, keine Abendamsel und keine Leute, die entspannt im Biergarten sitzen.

Schwanennest am Fuß der Stadtmauer

Doch unterhalb der Stadtmauer liegt im Schilfgürtel schwer ein Schwanennest, in dem sich der Brüter vom Dienst in sich selbst zurückgezogen hat, den roten Schnabel im barocken Weiß vergraben. Das schließlich gibt den fehlenden Impuls und umgehend schwere Beine und müde Augen. Die Bahnhöfe der U 7 müssen auf der Rückfahrt wohl ohne unsere Aufmerksamkeit auskommen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Alexanderplatz mit U-, S- oder Regionalbahn (0,5-0,75 Std)

Anfahrt Pkw (von Berlin): div. Möglichkeiten (ca. 0,5-1 Std.)

Länge der Tour: 18,5 km (beliebig abkürzbar, auch per ÖPNV)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zum Spekte-Grünzug

Altstadt Spandau

Kletterturm Spandau

Geschichtspark Falkensee

Wildgehege an der Kuhlake

Evangelisches Johannesstift

Mauerstreifzüge mit Michael Cramer (für 2020 abgesagt)

Einkehr: div. Möglichkeiten am Weg oder unweit davon

Löwenberg: Obstnachwuchs, die Schienengabel und der Hufe Staub

Der Frühling ist ja jedes Jahr aufs Neue eine ganz besondere Zeit. In diesem Jahr ist er zudem eine ganz spezielle Zeit, in der vieles Selbstverständliche auf unbestimmte Dauer in Frage gestellt wird und das Wort Abstand eine übergeordnete Rolle spielt. Das Handeln aller entscheidet so über die Wiederkehr und den Grad gewohnter Umstände, und gelebte Solidarität kann ganz direkt auch eigenen Interessen dienen.

Uferweg über dem Kleinen Lankesee

Wem im ungeplanten Stillstand irgendwann doch die Decke auf den Kopf fällt, weil der letzte Staub gewischt, jede alte Zeitschrift ausgelesen und alles im Kleiderschrank gebügelt und sinnvoll abgelegt ist, und wenn dazu noch alle Wonnen des Frühlings ins Freie locken, gibt es einen gewissen Spielraum, der sich mit gutem Gewissen nutzen lässt. Mit den derzeit lose belegten Regionalzügen sind in weniger als einer Stunde viele Orte zu erreichen, wo ein Ausschwärmen ohne nennenswerten Kontakt zur eigenen Spezies möglich ist.

Junge Obstallee am Rand von Löwenberg

Wer befürchtet, im berlinnahen Umland und abseits einschlägiger und daher überfüllter touristischer Auslaufgebiete wie dem Briesetal oder rund um Strausberg auf Abwechslung verzichten zu müssen, darf gerne staunen – so zum Beispiel rund um Löwenberg, nur gute fünfzig Bahnminuten vom Berliner Ostkreuz. Gerade jetzt, im späteren April, muss hier weder auf blühende Obstbäume und tiefe Wälder noch auf Talgründe voller Buschwindröschen oder wildnisumrankte Waldseen verzichtet werden.

Obstallee nach Löwenberg

Der Frühling zeigt dieser Tage sein gesamtes Spektrum, präsentiert zwischen kalten Nächten und milden Tagen Eindrücke von Vorfrühling bis Frühsommer und wird dabei von dieser unwiderstehlichen Mischung aus kräftiger Sonne und kühlem Wind unterstützt. Alles, was in den Baumkronen oder darunter am Boden blühen kann, hat seine ganze Kraft in diese vielfältige Pracht gelegt, lockt zum detailbestaunenden Niederknien oder dem Spitzen der Zehen, um mit der Nase wenigstens die untersten Kirschblüten zu erreichen. Zudem scheinen gerade alle Vögel da zu sein, die man so kennt, und etwaige exotische Klänge lassen sich spielerisch mit Hilfe des mobilen Endgeräts ergründen.

In Sachen Gleis betrachtet liegt Löwenberg am dreifachen Scheideweg zwischen verlockenden Namen wie Zehdenick und Templin, Gransee und Fürstenberg oder Lindow, Rheinsberg und Neuruppin. Alles ziemlich große Kaliber, bei denen sich im Kopf sofort die Bilder öffnen und im Nu mögliche Ausflugstage künftiger Monate verplant scheinen. Wenn auch das beschauliche Löwenberg keine vergleichbar plakativen Pfunde vor sich herträgt, braucht es sich mit seiner Umgebung überhaupt nicht zu verstecken – was ich bis dahin selbst nicht wusste.

Breitschultrige Löwenberger Kirche

Neulöwenberg

Der alte Bahnhof nahe des Dorfkerns, wo der Bummelzug zu Zeiten von Tucholskys Clärchen und Wölfchen sicherlich noch hielt, ist seit Längerem stillgelegt. Vom Gabelungs-Bahnhof in Neulöwenberg ist es also ein Stück bis zur stämmigen Kirche mit ihren breiten Schultern. Wer bei blühenden Obstbäumen so gar nicht ins Schwärmen kommt, kann gleich vom Bahnhof den Zacken über Löwenberg gut abkürzen und landet nach einer guten Viertelstunde entlang der Bahn und einem schönen Alleestück direkt im ersten Wäldchen.

Karl-Marx-Platz in Löwenberg

Für alle anderen, nicht zuletzt auch als kleiner Ausgleich zur abgesagten Obstblüte der Kehlenfreuden rund um Werder, lohnt sich der Weg über Löwenberg in dieser Hinsicht ganz besonders. Hinter den letzten Häusern führt ein Feldweg hinüber zum Wald, dessen Rand bereits von großen, teils sehr alten Obstbäumen begleitet wird, darunter ein wirklich bemerkenswerter Wildapfel. Auch der schöne, niemals ganz gerade Alleeweg vom Waldrand nach Löwenberg hält einige alte Kirschbäume bereit, zudem schöne Weitsichten nach Süden.

Blick auf das Schloss der Kinder, Löwenberg

Löwenberg

Vorbei an etwas Gewerbegebiet und dem Bäcker ist es nicht weit bis zur Ortsmitte, wo unumstößlich die breite, doch geduckte Kirche steht, die aus der Ferne daher kaum auszumachen ist. Kurz hinter dem Karl-Marx-Platz beginnt ein hinreißender Schleichpfad, der in Sichtweite am Schloss vorbeiführt. Wo heute tagsüber die Kinder spielen, stand einst eine Wasserburg, deren Fundamente auch das heutige Schloss tragen.

Löwenberger Schleichweg

Nach dem Überqueren der B 96 folgt ein weiterer Verbindungspfad. Mit den ersten rosapludrigen Kirschbäumen im Rücken liegt kurz darauf der Ortsrand voraus. Der kündigt bereits hier die sanft geschwungene Landschaft an, die über den Tag einige reizvolle Höhenmeter ansammeln wird. Mehrfach gabelt sich der breite Weg, und hinter dem tieferliegenden Sportplatz öffnet sich die Weite. Der Weg wird schmaler, zugleich beginnt beidseitig eine Reihe junger Obstbäume, die fast alle ein paar erste Blüten in die Sonne halten.

Links der Wegspur sind die Bäumchen von einem heranwachsenden Heckengürtel umgeben, rechts stehen sie für sich und lassen den Blick frei auf einige Stall-Ruinen, die zwischen Blütenkronen hocken und aus der Ferne fast etwas mediterran wirken. Von Pflaumen über Kirschen bis hin zu Äpfeln und Birnen ist alles dabei, dementsprechend strahlen die Blüten mal grünlich weiß, mal mit einem Rosahauch oder eben Reinweiß. Selbst unter den kleineren Bäumen summiert sich schon ein kleiner, doch vernehmbarer Bienenlärm.

Stallruinen mit Blütenpracht

Am Ende der Baumreihe entsteht links eine größere Fläche mit Obstbäumen, bereit liegen große Haufen von Rindenmulch sowie wuchtige Holzbalken, stark wie Bahnschwellen – das macht neugierig, und der nächste Besuch sollte noch in Jahresfrist erfolgen. Kaum zu merken ist dabei der beständige Aufstieg auf die benachbarte Anhöhe der Wackerberge – vielleicht liegt hier der sagenumwobene Löwenberg. Ganz nebenbei wird der Weg jetzt gemütlich, und auf dem Gipfel warten ganz standesgemäß ein paar der Staanmanndl, wie man sie aus dem Hochgebirge kennt. Wir erhöhen jeweils um einen Kiesel.

Gipfelglück auf dem verkappten Löwenberg

Kurz hinab zum Wald, auch dort blüht es weiß am Eintritt in die gute Mischung aus dunklen Fichten und zartgrünen Wipfeln. Kurz darauf quert am schmollenden Schilderbaum der Wanderweg nach Neulöwenberg, die eingangs erwähnte Abkürzung. Die sonnenwarmen Nadeln durchströmen den Wald mit ihrem würzigen Duft, der Schatten sorgt zugleich für angenehme Kühle. Ein bunter Specht stärkt die klassische Geräuschkulisse und eine laute Hummel fliegt von links nach rechts. Zeit für die erste Pause, wie gehabt auf einem liegenden Baumstamm. Erstmals ohne heißen Tee, den Champagner des Waldes – das geht in Ordnung, im fortgeschrittenen April.

Eintritt in den Wald

Der Wald öffnet sich zu einer länglichen Wiesenlichtung, an deren Ende hin und wieder ein Zug durchs Bild saust – mal ein kleines blaues Heidekraut, mal ein langer roter Regionaler. Wider Erwarten führt der Weg nicht über die Bahn, sondern unter ihr hindurch, während sich links auf der hügeligen Wiese ein kleines Kieferngehölz mit gelbem Blütenteppich schmückt, der nach gelben Kamillenblümchen aussieht. Links hinten ist ein spitzer Turm zu sehen, welcher der Karte nach nicht zu einer Kirche gehört, sondern zur Weißen Villa. Hinter der Unterführung beginnt die nächste Obstallee, ebenso jung wie die von vorhin und ebenso bunt gemischt. Vorn an der Straße stehen dann einige erfahrene Verwandte, die schon richtiggehend Schatten spenden.

Kamillenversammlung am Kiefernfuß

Jenseits der Landstraße lässt sich mit Blick auf ein kleines Bachtal eine Fläche von Trockenrasen queren, der unter den Sohlen knirscht. Viele Stellen sehen aus wie die perfekt getarnten Nester der Feldlerchen, so dass wir extra vorsichtig gen Waldrand staksen. Im Sommer dürfte das hier eine illustre Blumenmischung sein, durchzogen vom Zirpen und Schwirren der verschiedensten Sechsbeinigen.

In einer kleinen Senke treffen wir auf erste Buschwindröschen, dahinter erinnert die Landschaft an einen weitläufigen Park. Mitverantwortlich ist der Grüneberger Graben, ein winziger Bachlauf, der im Oberlauf komplett trocken liegt, in Wiesengrund jedoch ein wenig Wasser führt. Auf platter Wiese folgt der Weg dem duftenden Waldrand und taucht bald ein. Weiter hinten ziehen zwei Kraniche ihre Kreise und haben bald ihren Platz gefunden.

Wiesengrund des Grüneberger Grabens

Da im Wald der Bachlauf trocken liegt, ist auch der begleitende Weg am Verblassen, gerade noch erkennbar. Das Verlassen des sicheren Hauptweges belohnt kurz darauf der Blick ins Detail, das bald größer und größer wird und für Herzensfreude sorgt. Über große Abschnitte ist der Talgrund bedeckt von weißen Anemonen, vereinzelt auch mit Waldsauerklee, dessen zarte Blüten mit ihren hauchdünnen Streifen wirklich hinreißend sind und irgendwie an Jugendstil denken lassen.

Da wir ohnehin am Boden rumkrauchen, finden sich auf Augenhöhe auch noch ein paar der selten anzutreffenden violetten Anemonen, die etwas so aussehen, als wenn Männer das erste Mal eine Waschmaschine mit überwiegend weißer Kleidung befüllt haben. So angefüttert bleiben wir auf dem verwitterten Weg am einstigen Bachgrund und verfolgen unterhalb jungen Buchenwaldes das kleine Spektakel über fast einen Kilometer. Es ist einfach herrlich. Und der ins Wasser gefallene Mittelgebirgsurlaub mit seinen reichen Blütengründen ein bisschen ausgeglichen.

Blütenpracht und Pollenschatten im trockenen Bachbett

Luisenhof

Ganz am Ende des Talgrundes finden zwei Wege zusammen und vergleichsweise normaler Wald übernimmt. Ein paar Minuten später öffnet sich nach links eine Hangweide, die nach Reh aussieht, jedoch für Pferde gedacht ist. Am Spielplatz des Luisenhofes zeigen benachbart zu einer dunklen Fichtenreihe alte Treckerreifen, wie sinnvoll und langlebig sie auch abseits des Ackers sein können.

Auf der Landstraße ist kaum was los. Drüben stehen in einsachtzig Abstand eine Radfahrerin und ein Autofahrer und werfen sich im Plauderton und mit gekniffenen Gegenlichtaugen die thematischen Wortgruppen hin und her, die wohl dieser Wochen zwischen den meisten Menschen ausgetauscht werden, ganz unabhängig von inneren und äußeren Merkmalen. Auch der Abstand dürfte jeweils ähnlich sein.

Der Große Lankesee bei Liebenberg

Weitaus interessanter als der Sichtkontakt zur eigenen Art ist der zum ansehnlich dahinter liegenden Wasser. Einige Meter tiefer schmiegt sich der Große Lankesee in die Landschaft, eine bewaldete Halbinsel ragt weit hinein, bis fast zu seiner Mitte. Von einer der zahlreichen Uferstellen, die sich für eine Pause oder mehr anbieten, fällt jenseits markanter Sandbänke der mondäne Hügel mit dem Seehaus in den Blick, von dem ein hübscher Pfad zum Gut Liebenberg mit seinem Schloss führt und dabei den Weißen See streift. Wem bei Liebenberg nicht als erstes der Weihnachtsmarkt einfällt, kann sich für den Dezember schon mal eine wohlwollende Notiz im Kalender machen – falls dann derlei Veranstaltungen mit gemütlichem Gedrängel wieder statthaft sind.

Uferweg am Großen Lankesee

Ein schöner Uferweg nimmt seinen Lauf, links vom kleinen Hang leuchten ein paar gelbe Anemonen herüber, und mitten auf dem See starten gerade spektakulär zwei Schwäne, mit allem Tumult, der dazu gehört. Die kleinen Wellen erreichen mit zartem Brandungsgeplätscher die Uferkante. Beim Eintritt in den Wald ändert sich der Charakter des Weges, bestimmt von manchem dichten Nadelgehölz. Ein Schilderbaum mitten im ansteigenden Wald verlangt Entscheidungen, die Tageskondition entscheidet für den Mittelweg, der in diesem Fall nach rechts führt, hin zum trockenliegenden Bruchwald des Moddersees. Abseits des Weges sprießt selbstbewusst saftig grünes Gras zwischen den Stämmen, oben in den Wipfeln jagen sich zeternd zwei Eichelhäher und im Schilfgürtel des Moddersees raschelt es.

Trockener Bruchwald am Moddersee

Zwischen breiten Eichen nimmt der Weg eine weite Kehre, die bei einem hüfthohen Gedenkstein endet. Von rechts blinzeln die silbernen Wellen des Papensees durch die Stämme. Der kleine Waldsee liegt unter einem Hang mit Fichtenwald, was insgesamt für eine schöne Stimmung sorgt. Von vorne kommen zwei weit ausschreitende Damen mit einem Hund. Eine der Damen spricht sehr laut über sie selbst Betreffendes, der Hund im Gegenzug verhält sich um so stiller. Doch der Ausgleich gelingt nicht, wir ziehen daher das nächste Abbiegen im Sinne schweigenden Waldes leicht vor und heben das vorausliegende Seeluch für den nächsten Besuch auf.

Gedenkstein nahe des Papensees

Zur Belohnung dürfen wir erleben, wie fünf Dutzend Rehe einen Steinwurf vor uns quer über den Weg jagen und dabei so viel Staub aufwirbeln, dass die Schwaden noch auf Gesichtshöhe verweilen, als wir die Stelle passieren. Es duftet nach aufgewühlter Erde. Noch zweimal sehen wir sie weiter hinten im Wald, und jedes Mal scheinen es ein paar mehr zu sein. Kurz darauf sind alle wie vom Erdboden verschluckt.

Hinter der nächsten Kurve liegt glänzend der Spiegel des Kleinen Lankesees, der im Vergleich zu seinem großen Pendant mitten im Wald liegt und etwas Wildnis ausstrahlt. Zunächst begleitet ein Pfad die Uferlinie, weicht bald als breiterer Weg einem Hügel aus und führt oberhalb einer schilfigen Bucht zu einer Reihe von Birken, die mit ihrem ersten Laub und dem zarten Gras am Boden für luftiges Licht sorgen.

Birkenlicht am Kleinen Lankesee

Bald übernimmt wieder tiefer Fichtenwald, der Weg steigt an und die Flanke zur Linken fällt erstaunlich steil ab. Ein Stück Weges ist samt Schilderbaum umzäunt, doch links kommt man auf einem Tierpfad vorbei. Hier nun beginnt so ein Wald, der perfekt ist fürs Versteckspiel – hohe Kiefernstämme, die auf einem welligen Teppich aus weichem Gras, Moos und Nadelboden stehen. Hier und da liegen Ansammlungen von Kienäppeln, die bei diesem Spiel durchaus verräterisch sein können. Mitten hindurch spurt im leichten Auf und Ab ein Grasweg, der eine sanfte Kurve an die nächste reiht und am liebsten nie aufhören soll. Das Licht ist diffus, der Boden unterm Fuß weich und ein Duft von Gras und Kien zieht mittendurch.

Vom Ende der kurvigen Linie ist es nicht weit zum Waldrand, dem sich mit freiem Blick bis zur kleinen Kapelle am Friedhof folgen lässt. Von hier aus sind vielleicht schon die neugierigen Köpfe von Straußenvögeln zu entdecken, die am Ortsrand ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Mit dem markanten Wasserturm ist das Ziel im Blick. Das ist keinesweges selbstverständlich, denn dass dieses hübsche Relikt aus der Zeit der Dampflokomotiven noch steht, ist nur einem jungen Bahner zu verdanken.

Wiesiger Kiefernwald bei Neulöwenberg

Übrigens: 1912 wurde der Turm fertiggestellt, und im selben Jahr tat Kurt Tucholsky den Schritt vom Journalisten zum Schriftsteller und veröffentlichte sein Büchlein „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“. Das verkaufte er, gemeinsam mit seinem Illustrator Szafranski, selbst in einer „Bücherbar“ auf dem Kurfürstendamm, unter Zuhilfenahme von Spirituosen – allerdings nur als Jux und nur für einige Wochen. Bedenkt man nun den zeitlichen Weg vom ersten Gedanken eines Autors bis zum gedruckten Buch, dürften Clärchen und Wölfchen diesem Turm wohl nicht begegnet sein. Und doch erinnert er irgendwie an sie, bis heute.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn ab Berlin-Ostkreuz (ca. 0,75-1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 96 (ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 19,5 km (ohne Löwenberg 14,5 km)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Ein Mann mit Wasserturm (MOZ-Artikel)

Einkehr: Straußenfarm Neulöwenberg
Zu den drei Linden, Löwenberg
Ralles Brutzelbude (Imbiss), Löwenberg
etwas abseits: Zu den drei Linden, Grüneberg

Neu Fahrland: Seelenfluchten, das nasse Viereck und der Lauf des Hasen

Klammheimlich hat sich der Frühling herangeschlichen – während die Wettervorhersagen täglich durcheinandergewürfelt wurden von kampfeslustigen Winden und launischen Güssen von oben, die an vielen Tagen sogar Pfützen zurückließen und das mehrtägige Überleben teurer Frisuren quasi ausschlossen. Woche für Woche wurde es voller im Klangregal, das bislang meist zartem Meisengepiepse und wehklagendem Krähengekrächz vorbehalten war. Immer mehr blütenüberpuderte Bäume und Sträucher ploppten auf, und an einem der letzten Morgen hatten sich dann auch schon erste Laubblätter im Strauchwerk zur vollen Größe kleiner Fingernägel aufgefaltet. Auch erste Düfte, die kurz innehalten und durchatmen lassen, gibt es schon.

Blick vom Weinberg zum Kirchberg

Nasen, Augen und Ohren nur dafür hat in diesem Jahr wohl keiner, da sich die ganze Welt, jedes Land und jeder Mensch ganz neu kalibrieren müssen angesichts eines unsichtbaren Herausforderers, der täglich für neue Wendungen sorgt, in immer neuen Größenordnungen. Und dem faktisch schwer zu entgehen ist, medial quasi überhaupt nicht – was absolut berechtigt ist.

Alte Kastanien am Sacrow-Paretzer-Kanal

Zwischen zu viel Gelassenheit oder zu viel Hektik gilt es dann und wann kleine Nischen zum Luftholen zu finden, kleine Zeitfenster und Rückzugsräume – damit sich durch diese Art von Ausgleich und Ablenkung ein gewisses Maß an Gleichgewicht und innerer Stabilität bewahren lässt, die Seele gesund bleibt und die Abwehr arbeitsfähig. Ganz normal aus seinem Gesicht zu gucken ist gerade keine simple Fingerübung.

Blick über den Fahrlander See

So profan wie wirksam kann, so lange es eben noch verantwortbar ist, ein mehrstündiges analoges Ausreißen in die Natur sein, die gerade in den ersten Wochen des Frühlings eine breite Zuversicht ausstrahlt, so wie sie das schon seit Jahrtausenden macht. Gern mit reichlich Wasser, viel Weite und unverstelltem Tageslicht – und nicht zuletzt etwas Naschwerk im Rucksack. Und ruhig etwas Mut zu ungewissen Wegen, schlimmstenfalls muss man eben ein Stück zurückgehen und die sichere Alternative nutzen. Beste Voraussetzungen dafür bieten sich im weit verschlungenen und mit Nebenfächern und Verschachtelungen gut bestückten Wasserreich der Havel westlich von Potsdam, die hier mit fast allem in Verbindung steht, was tief genug für einen dicken Fisch ist.

Kirchberg in Neu Fahrland

Neu Fahrland

Vom Potsdamer Hauptbahnhof kommt man mit dem Bus nach Neu Fahrland, das in mehreren Siedlungfragmenten seine Halbinsel bedeckt. Auf dieser erhebt sich der nicht zu unterschätzende Kirchberg, dessen Nordhang hochgewachsene Buchen bedecken – die jedoch mit diesem Tag hier nichts zu tun haben.

Auf dem Kirchberg, Neu Fahrland

Direkt an der Bushaltestelle nördlich der kantigen Insel zieht einen sofort ein anmutiger Weg in den lichten Wald, und schon ein paar Minuten später beginnt durch Laubwald der Anstieg auf diesen Berg. Kurz vor dem Gipfelplateau wird es nochmals etwas steiler, und wer hier noch seinen Ruhepuls hat und keinen Jackenknopf gelockert, braucht sich konditionell wohl nie mehr Sorgen zu machen.

Zwischen Kirchberg und Fahrlander See

Unbelohnt bleibt niemand, denn der Blick vom kleinen knüppelumrahmten Plateau reicht weit, Kenner können anhand Ihrer Umgebung vielleicht sogar die Glienicker Brücke lokalisieren. Wer hier oben steht und die Aussicht genießt, hat übrigens etwas gemeinsam mit dem bekanntesten Zeilenschmied der märkischen Landschaften, dem in der Vorstellung gern Stock und Hut zugeordnet werden.

Uferwiesen am Fahrlander See

Vorbei am sachlichen Wasserwerk und dem ebenso sachlichen Nebengipfel stürzt sich der Weg dann bald wieder hinab und erreicht durch Hohlgassen und auf kurvigen Pfaden das Niveau der Uferwiesen, die den Fahrlander See Hand in Hand mit einem breiten Schilfgürtel umgeben. Ein Ruhe atmender Weg wird von blassem Gestrüpp, knorrigen Wurzelruinen und erfahrenen Bäumen begleitet, weiter hinten schickt eine Weide all ihren Saft in den grünblonden Haarschopf, den die Brise des Tages in milde Wallung bringt.

Links des Weges lässt eine junge Familie eine leise surrende Drohne aufsteigen, die sicherlich ihren Preis hatte und jetzt eindrucksvolle Bilder dieser besonderen Landschaft zum Bodenpersonal funkt. Der Himmel winkt derweil eine Herde zerfaserter Wolken vorbei. Das Schilf rückt näher an den Weg.

Rindviecher am Rand von Fahrland

Während hinten bei den Häuser von Fahrland Lamas neugierig ihre Hälse recken, stehen ein paar Meter von hier krauszottige Rindviecher und graben ihre Mäuler in duftende Heuballen, ohne sich dafür bücken zu müssen. Werfen sich vielsagende Blicke zu und hoffen wohl darauf, bald wieder ihre Ruhe zu haben vor der Neugier der Passanten. Kurz darauf zweigt links ein durch Baumstämme blockierter Weg ab, der halb zugewachsen aussieht und dennoch einlädt, es zu wagen, zu sehen, wie weit man kommt.

Blick zum Kirchberg über die Uferwiesen

Das wird reich belohnt, denn die folgende Passage zählt zu diesen zauberhaften Überraschungen, die einem das Glück manchmal ganz beiläufig unterjubelt. Sicherlich muss hier etwas gestakst, dort etwas gebuckelt werden, und auch ein nasser Schuh ist manchmal nicht auszuschließen. Doch diese Viertelstunde ist ganz besonders, führt tief in eine verwunschene Landschaft, die abseits der schmalen Spur kaum durchdringlich ist. Teilweise wird der kleine Damm beidseitig vom Wasser begleitet, in dem es ständig raschelt, flattert oder mit schwerem Huf von dannen trottet.

Eine archaische Baumruine stützt sich mehr auf zwei breite Ausleger als auf ihren Stamm und weist auf einen langsam strauchelnden Hochstand, der für den Jäger erst nach drei Kurzen gerade aussehen dürfte. Teichgroße Wiesenpfützen stehen über winzige Gräben mit dem großen, viereckigen See in Verbindung, und alles blassbraune Vorjahresgestrüpp wird diskret von erstem Grün durchzogen. Einzelstehende Schilfhalme halten vor dem spiegelglattem See und blauem Himmel ihre pludrigen Köpfe in den kühlen Lufthauch, gleich stolzen Flaggen.

Ruderboothafen Fahrland

An einem Ruderboothäfchen endet der Pfad und gestattet nun ein erstes Stehen direkt am Seeufer. Ein Fisch trollt sich aus dem flachen Wasser ins tiefere und schlägt zuletzt entrüstet mit der Schwanzflosse. Genau gegenüber ist mit etwas Augenspitzen der schmale Durchlass zum Sacrow-Paretzer-Kanal zu erkennen, der ein direktes See-Umrunden mit trockenem Bein unterbindet.

Weg zum Weinberg, Fahrland

Ab dem Hafen flanieren mit entschlossenem Schritt und etwas vor uns zwei Damen, die sich auf den ersten Blick im Thema verirrt haben – mit hohem Schuh, schwingender Großraum-Handtasche und engem Rock sowie vorauseilendem Smartphone-Arm. Doch sie wollen eher nicht die Landschaft erkunden, sondern ein paar Mußeminuten am schönen Uferplatz verbringen, vielleicht mit Picknick-Decke im Gepäck und erster Teint-Hege unter der bloßen Sonne.

Nach ihrem Abbiegen rückt voraus nun Berg No. 3 ins Bild, der Weinberg, der seine mittelsteile Südflanke gen See hält, mitsamt Robinienwäldchen. Viele Höhenmeter sind nicht zu überwinden, doch der Blick von oben setzt einiges an Reichweite frei. Und fällt unter anderem auf den Geographischen Mittelpunkt des Landes Brandenburg, der sich hier irgendwo im Uferdickicht verborgen hält.

Die Kirche von Fahrland

Fahrland

An einem breiten Wasserarm haben sich all die Enten und Gänse versammelt, denen es auf den klammen Uferwiesen irgendwie zu voll geworden war, oder zu sonnig. Der Weg entlang des Wassers strebt auf einen Kirchturm zu und endet am Rand von Fahrland, wo der erhoffte Abstecher zur Landbäckerei erfolgreich ausgeht. Südlich des Dorfes geht es in die zweite Runde des Wiesen- und Schilflandes, das noch einiges mehr in die Breite gehen darf. Spätestens dort versammeln sich nun alle Vögel und Kleintiere, die man um diese Zeit zum zweiten oder ersten Mal im Jahr sieht. Der Deich zum See hin wurde gerade neu modelliert und verfestigt, und wer möchte, kann ihm bis zum Ufer des Kanales folgen.

Wir lassen uns schon vorher von einem kaum erkennbaren Wiesenpfad ablenken, der wieder mal für Freude über die Gummistiefel sorgt. Beim Brücklein über den schmalen Graben sehen wir in der nahen Ferne einen Feldhasen, der von einem ungeleinten Bello über die Wiese gejagt wird, diesem aber schnell seine Grenzen aufzeigt – zu unserer Erleichterung. Dennoch rattert sein Puls, als er auf unserer Höhe für die Länge eines Wimpernschlages innehält.

Uferweg bei den Fahrländer Wiesen

Vor der nächsten Brücke lagert ein massiver Steinblock, der eine perfekte Rastbank abgibt. Der gerade Blick fällt von hier auf die Höhen von vorhin, die von hier aus kaum nach Höhe aussehen. Während der Tee abkühlt, nähert sich vom Dorfe her im Trott ein massiges Pferd in Schwarz, mit Schlaghosen und einer erfahrenen Zügelhalterin, die bei der Brücke ihren Anschlag hat und den Boliden in zwei Zügen wendet.

Gleich nach der Brücke geben wir uns der nächsten Ablenkung hin, wieder ein Wiesenweg an einem Wasserlauf, doch diesmal ein breiter. Immer mehr Vögel wachsen aus den Wiesen, je länger man den Blick schweifen lässt. Richtung Kanal grasen auch zwei Rehgestaltige, die jedoch eher wie Gämsen wirken. Was bei den Bergeshöhen dieses Tages kaum verwundert.

Unklare und unnahbare Dame am Kanalufer

Entlang des breiten Schiffahrts-Kanales, den ich ob der weiten Landschaft der Fahrländer Wiesen gerade gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, steht eine imposante Reihe alter Kastanien, zu beiden Ufern. Das sieht schon ein wenig nach den dekadenten Allee-Werken rund um Potsdam aus, als wären Preußenkönigshand und auch –budget auch beim Anlegen dieses Kanals im Spiel gewesen. Etwas struppig ist der Pfad am Ufer, voraus im Bild schon die Straßenbrücke mit ihrem Bogen zu sehen.

Kastanienreihe am Sacrow-Paretzer-Kanal

Auf Höhe eines erstaunten Anglers nutzen wir dessen Zugangspfad vor zum Fahrweg, wo man am kleinen Hafen Paddelboote ausleihen kann. Das sieht in Hinblick auf den geradlinigen Kanallauf nicht nach dem idealen Platz aus, doch zoomt man etwas aus der Karte, sind im Nu ein halbes Dutzend Havelseen in greifbarer Nähe. Und dank der Havel selbst ließe sich zwischen Sonnenauf- und -untergang eine schöne große Rundtour über Werder, Caputh und Potsdam paddeln – mit unzähligen Erweiterungsoptionen.

Sacrow-Paretzer-Kanal von der Brücke an der Anglersiedlung

Anglersiedlung Kanalbrücke

Am anderen Kanalufer liegt eine Laubenkolonie, und hier gibt es sogar eine Gaststätte. Das nutzen wir, denn der Hunger ist da und Einkehren am Weg sowieso am schönsten. Nach einem kurzen Stück auf dem Radweg entlang der lauten Straße drehen wir ab in Richtung Bornstedt und streifen die Kleinen Plankwiesen, die nach Norden vom Kanal begrenzt werden. Und widerstehen hier der Einladung zum Uferweg.

Nach einem Wäldchen beginnt dann passend zum geschwungenen Straßenverlauf und den betagten Baumriesen am Wegesrand eine anmutige Wiesenlandschaft, die irgendwie schon nach der Art Park aussieht, wie man es etwas südlicher bei Schloss Lindstedt noch ein wenig ausgeprägter finden kann.

Weg entlang der Kleinen Plankwiesen

Gutshof Bornstedt

Was voraus liegt, sah vor langen Jahren vergleichbar mondän aus, doch das ist einzwei Systemwechsel her. Einzig eine Ahnung davon vermittelt noch der Persiusturm, der von der Zeit mitgenommen und leicht geflickschustert als Antennen-Sockel dient. Der amtierende Gartenmeister hat das Thema Baumschnitt absolut wörtlich genommen und die Kronen einiger kleiner Obstbaumalleen bis fast auf den Stamm zurückgesägt. Das gewonnene Holz liegt in sauberen Haufen zwischen den einstigen Bäumchen. Doch die Natur hat Kraft, manchmal auch langen Atem, und so werden es die nächsten Jahre wieder richten.

Zum Kanal hin übernehmen nun erfahrene Waldbäume das Alleegeschehen. Hinterm Schilfgürtel zieht der breite und jetzt schon schattige Weg entlang, lässt den Kanal nur ahnen und allenfalls hören, wenn ein Schubverband sich schwer stampfend stromaufwärts arbeitet. Der breite Uferstreifen ist von tausenden Wildschweinhufen durchmodelliert, zwischen denen ein gewunderer Weg zu einer hinreißend gelegenen Uferbank führt. Dort soll jetzt der letzte Tee dampfen. Direkt gegenüber erhebt sich der Kirchberg, links sind die spitze Landnase und der schmale Durchschlupf zum Fahrlander See zu sehen und nah am Ufer versuchen über dem tiefblauen Havelspiegel vier Schwäne edler auszusehen als die jeweils anderen. Und trollen sich schon bald, weil keiner richtig guckt, kein Ah und Oh gespendet wird.

Gutshof Bornstedt

Rechts des Weges schießt hinter einem filigranen Zaun schnellwachsendes Baumholz gen Himmel, spindeldürr und in der klaren Ordnung einer Plantage. Gegenüber am linken Wegrand glänzen perlmuttgolden die Blütenblätter des Scharbockskrauts, die jetzt ihre beste Zeit haben und allererste Farbakzente im allgemeinen Braungrau beisteuern. Wüst und durcheinandergestoppelt sieht der breite Uferstreifen aus und dürfte daher bei verschiedensten Tieren sehr beliebt sein, zum Leben, Schlafen und Speisen. Sowie dem mannigfaltigen Zeitvertreib dazwischen.

Blaues Havelwasser im Kanal

Nedlitz

Eine Ausbuchtung des Kanales lenkt den Weg nun vorbei am Landgut Nedlitz, das viel dafür getan hat, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, beim Vorbeigehen also kaum auffällt und sich gut in die umgebenden Gewerbeflächen einpasst. Nach einer Laubenkolonie und einem Wäldchen darf der Blick nach rechts wieder ausschweifen und bleibt in gewisser Entfernung an einer schönen Allee hängen, die wieder ganz klar den exklusiven Schriftzug des Potsdamer Umlandes trägt. In passendem Schlendergang flanieren zwei ferne Personen, sicherlich mit elegantem Hut und beknauftem Spazierstock. Links im Wald spenden die abendlich gestimmten Vögel die Musik dazu, von rechts die tiefe Sonne das warme Gold und diese endlosen Schatten.

Volkspark Potsdam

Nun wäre diesem Tag eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, doch der hat sich für den Ausklang noch eine prächtige Praline aufbewahrt. Die landschaftliche Kalorienbombe ist von länglicher Form und nennt sich ganz schlicht Volkspark Potsdam – keiner von uns hat je davon gehört. Was nichts zu heißen hat, aber doch markant ist.

In ein schönes System von Grünflächen und Wegen sind Obstwiesen und alte Gemäuer eingebunden, Gräben und Teiche, fantasievolle Spielplätze und besondere Gärten. Unzählige Anregungen zum Bewegen gibt es, wobei Spaß und Sport Hand in Hand gehen, der erstgenannte jedoch ganz klar die größere Pranke hat.

Uferbank mit Kirchberg-Blick

Südlich der Taille liegt dann neben größeren Sportplätzen noch die Biosphäre Potsdam, von der ich komischerweise bis heute nicht weiß, was es eigentlich ist. Doch sie muss ohne Zweifel einen Besuch wert sein – so viel zumindest ist klar. Der zerklüftete Grundriss des Volksparks, der auf eine beachtlich lange Außengrenze kommen dürfte und im Süden bis zur Siedlung Alexandrowka reicht, hat ein bisschen was von einer kindgemalten Giraffe mit abgedrehten Proportionen. Ein Besuch sollte problemlos einen ganzen Ausflugstag füllen, denn es gibt wirklich an allen Ecken etwas zu entdecken. Nicht zuletzt auch noch die Biosphäre …

Wir widerstehen beim Nomadenland mit seinen urigen Jurten dem Biergarten, beschränken uns also auf den klobigen Giraffenkopf. Am Ende wissen wir fürs nächste Mal, dass die Automaten fürs Parkticket etwas mäkelig sind, es ausschließlich passend haben wollen und das Zehn-Minuten-Durchgangsticket auch nicht jedem rausrücken, der danach fragt. Beim baldigen Folgebesuch gibt es dann eben ein bisschen mehr in den schlitzengen Schlund.

Nomadendorf im Volkspark Potsdam

Während dieser rastlosen Runde zum Anfüttern begegnen wir mehrfach zwei Fortgeschrittenen in der Disziplin des Discgolf, die dem Anschein nach ein hervorragendes Verhältnis zum Badezimmerspiegel haben und jede ihrer Bewegungen ausführen, als würde hinterm nächsten Busch ein Kamerateam stehen. Dafür sitzt aber auch jeder Wurf, bei dem jeweils eine frühstückstellergroße Scheibe in einer Art Korb mit naseweisem Kettengehänge landet. Auf dem Rückweg zum nördlichen Ausgang sehen wir bei derselben Disziplin noch eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Familie und Freunden, die ihre Scheibe zwar so gut wie nie erfolgreich versenken, doch dafür eine Menge Spaß haben.

Neugierig geworden sind wir wirklich, doch der Kilometerzähler steht auf Feierabend und mit ihm die Kraft der kleinen Wackelbeine. Also vermerken wir eine lose Terminabsprache hinterm Ohr und trollen uns durchs nächste Wäldchen. Eine Singdrossel oben im Baumwipfel zieht mit ihrer kleinen Nachtmusik vom Leder und kann in Sachen Vielfalt der Nachtigall durchaus die Stirne bieten.

Obstwiesen im Volkspark Potsdam

Insel am Großen Horn

Noch einmal übernimmt jetzt die Havel für die letzte Viertelstunde, die weniger romantisch ausfällt als es das Wort Insel vermuten ließ. Zwischen Brachen, Baustellen und teuren Häusern ohne Anspruch lassen sich noch ein paar klassische Bauten á la Potsdam finden, und die Bundesstraße ist eben befahren wie eine Bundesstraße. Doch das letzte Sonnengold bringt alles umgebende Wasser zum Gleißen und betont zumindest eindrucksvoll die Ureigenschaft einer Insel – vom Wasser umgeben zu sein.

Blick von der nördlichen Inselbrücke, Neu Fahrland

Von der zweiten Brücke fällt der Blick auf üppige Wassergrundstücke mit einem angenehmen Maß an Dekadenz – was die Insel nicht hergab, gibt es hier als kleinen Nachschlag. Der letzte Wasserblick fällt von der Brücke direkt nach Westen, wo ein Ruderer sein hüftschmales Boot mit meditativen Schlägen ins Gegenlicht treibt, kurz noch flimmert und bald darin verschwindet.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): ab Ostkreuz S-Bahn oder Regionalbahn bis Potsdam Hbf., dann Bus bzw. Straßenbahn/Bus (ca. 1,25-1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin):

Länge der Tour: B5 bis Spandau-Wilhelmstadt, dann B2 (ca. 1-1,25 Std.)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Neu Fahrland – Fünf-Seen-Ortsteil von Potsdam

Webpräsenz Neu Fahrland

Sacrow-Paretzer-Kanal

Gutshof Bornim

Volkspark Potsdam

Einkehr: Gaststätte An der Kanalbrücke, Anglersiedlung (bei Marquardt)
Die Tenne, Neu Fahrland (nördlich der Insel)
Café Charlotte (am Gartenmarkt östlich des Kirchbergs)
Nomadendorf im Volkspark Potsdam

Grobskizziert – Beeskow: Inselgassen, Türme und der Flug des Medizinballs

Zweieinhalb Millionen Menschen leben in Brandenburg – etwa halbsoviele wie in Norwegen oder auch Finnland. Nur ein Drittel davon verteilt sich auf die unzähligen Dörfer, deren Antlitz mal naturromantisch, mal spröde oder einfach ganz lebensnah aussieht. Neben all diesen Dörfern gibt es gut hundertelf Städte und Städtchen in Brandenburg, die den restlichen zwei Dritteln Unterschlupf bieten.

Nördliche Stadtmauer

Ungefähr jede vierte verfügt über einem ganz ordentlich erhaltenen historischen Stadtkern. In einigen dieser gut dreißig Städte steht noch der größte Teil der mittelalterlichen Stadtmauer, die sich meist im Rahmen einer genießerischen Runde erkunden und erleben lässt. Davon abgesehen finden sich auch solche mit intakter Stadtmauer, deren Inneres jedoch vom letzten Weltkrieg stark gebeutelt wurde und nun bauzeitlich gesprenkelt oder mit sprödem Charme erstrahlt. Den schönen Spaziergang gibt es jedoch auch hier, und wer offenen Auges unterwegs ist, kann auch hier noch allerhand Historisches finden. Wenn auch die Vorstellung des bedeutsam ausschreitenden Nachtwächters mit langem Mantel, Hellebarde und Fackel in solchen Fällen ein wenig Anstups benötigt.

Westliche Stadtmauer

Anfang der letzten Neunziger Jahre war an der historischen Bausubstanz überall im Land vieles am Bröckeln, schaute grau aus seinen Fugen oder schien kaum noch zu retten. In drei Jahrzehnten ließen sich einige Wunden heilen, wurde vieles wiederhergestellt und nachgebildet, und heute ist jede dieser Städte umso mehr einen Besuch wert. Vier von ihnen liegen übrigens direkt vor den Toren von Berlin, eine sogar noch im C-Bereich der S-Bahn.

Blick durch das Luckauer Tor auf die Berliner Straße

Beeskow

Etwas weiter ist es in die Spreestadt Beeskow, die sowohl Laien als auch Kenner ihr Leben lang gern mit Beelitz oder auch Belzig durcheinanderhauen. Etwas Linderung verschafft, dass Belzig mittlerweile ein Bad vorangestellt wurde und Beelitz irgendwie ganz klar mit Spargel assoziiert ist. Eine nur mäßig hilfreiche Eselsbrücke zu Beeskow ist das doppelte e, das auch die durchfließende Spree in sich trägt. Wer Eisen auf Eisen dorthin reist, steigt in Königs Wusterhausen um oder wahlweise auch in Frankfurt an der Oder.

Der Stadtkern innerhalb der Mauerlinie misst im Durchmesser gut fünfhundert Meter, das Durchlaufen der äußeren Stadt vom Bahnhof bis zum südlichen Rand füllt gut zwanzig Minuten, und doch kann man hier problemlos und gut unterhalten die Länge eines winterlichen Tageslichts verbringen, wenn das Wegenetz in der Art eines Schneckengehäuses aufgerollt wird.

Kirchgasse hinterm Markt

Spreeinsel und Kietz

Am schönsten einsetzen lässt sich, alternativ zum Bahnhof, am Flößerplatz unterhalb der Burg – falls also vom Bahnhof in Kürze der 400er Bus abfährt, ist man schon nach wenigen Minuten am Ostkreuz, unweit der Spreebrücke, die zur Insel übersetzt. Die Burg erhebt sich eindrücklich auf dieser Flussinsel, die breit zwischen den Wassern der Spree ruht. Diese spannt hier im Osten der Stadt eine weite und schilfreiche Wasserlandschaft auf, die der Insel ausreichend Platz bietet und zugleich der Burg die Schutzfunktion über ihre Stadt erleichterte, ein paar Jahrhunderte zuvor.

Spreepromenade zwischen Festland und Kietz

So klein die Insel ist, so vielseitig und vollgepackt zeigt sich ihr sanft gewölbter Buckel. Die nördliche Hälfte bleibt recht sachlich vor allem dem Hafen und allerlei Zweckbauten vorbehalten. Die von einem Grüngürtel umgebene Burg, teils Ruine und mit ihren Flügeln und dem Burgfried manchen Detail-Blick wert, bestimmt die Mitte der Insel, die zur Stadt hin von einem durchgehenden Spazierweg am Nebenkanal begleitet wird. Innerhalb der alten Mauern gibt es Kultur in vielen Ausprägungen, ferner ein Museum sowie eine Freilichtbühne – und natürlich etwas Gastronomie. Zu Füßen der Burg können Flöße ausgeliehen werden, um die Spreelandschaft mit ihren Seen und Altarmen auf besonders entspannte Art zu erkunden. Zum Freischalten wird bislang kein mobiles Endgerät benötigt.

Blick auf die südliche Stadtmauer

Wahrhaftige Inselatmosphäre verströmt dann der Kietz, der trotz seiner geringen Ausdehnung mit einer ganzen Reihe von Gassen aufwarten kann. Keine einzige von ihnen sollte man sich entgehen lassen – wenn man schon mal hier ist. Selbst im vergleichsweise farbleeren Januar zeigen sie ihren Charme, und ganz im Süden lädt noch eine schöne Liegewiese ein – mit freier Sicht aufs Wasserreich rund um den oder die Bahrensdorfer See.

Rehgehege am Luchgraben

Vom jeweils einen Ende der Querstraße sieht man die Laternenköpfe am anderen Ufer. Auch eine der allerschönsten Stadtansichten findet sich hier – am Ende der Fischerstraße – und an der Brücke über die Spree ein schönes Gasthaus direkt am breiten Wasser. Ein Fußgängersteg verbindet die Inselmitte auf kürzestem Wege mit der Stadtmauer, die noch knapp drei Viertel von Beeskows Innerem umgibt.

Steg über den Luchgraben

Historischer Ortskern

Die Mauer ist zum Teil so niedrig, dass man einen Medizinball hinüberwerfen könnte, an anderen Stellen hingegen so hoch, dass man mit der längsten Leiter kaum hinüberkäme. Ausgebessert wurde sie dem Anschein nach immer bei Bedarf mit dem, was gerade verfügbar war. Mal verläuft der Weg innerhalb, dann wieder außerhalb, stellenweise besteht die Wahl. Die westliche und teils auch südliche Mauer begleitet ein breiter Grünstreifen, der Platz lässt für Spielplätze und Parkwiesen. Wer möchte, kann unterwegs die Türme mit ihren einschlägigen Namen zählen – oder gleich alle turmartigen Bauwerke, die sich längs der gepflasterten Spur finden, seien sie nun achteckig, viereckig oder rund.

Uferweg an der Spree

Von jedem Turm sind es nur ein paar Minuten bis zum Markt, der von der benachbarten Kirche bestimmt wird. Das weite Rechteck präsentiert neben den regelmäßigen Markttagen einen Brunnen mit blaulastigem Humor in Backstein und einer schönen Spree-Madame. Darüber hinaus bekommt man an den vier Seiten des Platzes fast alles, was man so brauchen könnte.

Burg Beeskow auf der Inselmitte

Die wuchtige Marienkirche hat ganz klar den höchsten aller Türme hier. Dessen Spitze zeigt sich jedem schon frühzeitig, der sich von irgendwoher auf Beeskow zu bewegt. Den Kirchvorplatz verbinden allerhand extraschmale Gassen mit dem befahrbaren Wegenetz, und so lässt sich vermuten, dass die Stadt ausgehend von hier in die Breite ging. Besonders pittoresk und ebenso kurz ist die Pfarrgasse, eine der wichtigsten Direktverbindungen von damals und auch heute – von der Kirche zum Markt und umgekehrt. Dass auch Beeskow zu den Städten zählt, die der Krieg gehörig durchgeschüttelt hat, fällt auf den ersten und auch zweiten Blick kaum auf.

Stadtansicht vom Kietz aus

Außerhalb der Stadtmauer

Wer vom Kirchplatz die richtige Gasse trifft, gelangt über eine unauffällige Toreinfahrt zur Spreepromenade, die sich jenseits einer saftigen Uferwiese entlangzieht. Sämtliche Enten der Innenstadt sind hier unweit der Brücke anzutreffen. Vom südlichsten Turm der Stadtmauer, der mit der Herstellung von Bier zu tun hatte, gelangt man über eine hügelige Parkanlage zum südlichen Stadtwald, der im Stadtplan als Irrgarten ausgewiesen ist und in der Tat über ein gewisses Wegenetz verfügt. Parallel verläuft in Richtung Badeanstalt eine unauffällige Straße, die von verschiedensten Straßenlaternen begleitet wird. Überhaupt fällt im gesamten Stadtgebiet eine große Laternen-Vielfalt auf.

Inselgassen auf dem Kietz

Kurz vor der Badeanstalt, die bis heute so heißt, führt ein Durchschlupf für Fußgänger zum Freizeitpark mit dem alten Kulturhaus. Gleich gegenüber des großen Parkplatzes beginnt nun der Einstieg in den äußeren Stadtring für Spaziergänger. Der zeigt sich zunächst recht urwüchsig und überrascht ein paar Schritte später mit einem ausgedehnten Rehgehege. Die zutraulichen Fellträger machen hinreißende kleine Geräusche und lassen sich aus nächster Nähe bestaunen. Ein kleiner Ruderboothafen markiert das Ende eines schmalen Wasserlaufes, der sich als Luchgraben im weiten Bogen um die halbe Stadt zieht, im nördlichen Teil sogar in Begleitung eines Uferweges.

Breite Spreelandschaft in Beeskow

In Hörweite zum Bahnhof weitet sich die Landschaft und spannt unweit der Bahnhofsanlagen eine Wiese auf, die nun erstmals den Blick freilässt. Beim Ende des Luchgrabens beginnt zwischen Kleingärten und Spreeufer ein zauberhafter Pfad, der sich entlang des breiten Flusses als Parkweg in Richtung Inselhafen fortsetzt. Wahlweise bleibt man einfach drauf oder wechselt schon bei der ersten Möglichkeit auf die Insel, von der sich Ausblicke auf den ruhig dahinströmenden Fluss und die jenseitgen Spreewiesen öffnen.

Blick aus der Oegelner Ferne auf die Stadtsilhouette

Ganz gleich, ob nun der Hunger ruft oder der nächstbeste Zug nach Hause – weder zum Markt noch zum Bahnhof ist es weit. Wenn jetzt hingegen nach dem ganzen Schlendern mit ständigem Stehenbleiben, Gucken und Bilder machen noch etwas ungebremster Auslauf gut täte, etwas schnelle Luft um die Nase und in den Lungen, geht das ganz einfach – mit einem Wechsel ans andere Spreeufer.

Abendlicher Marktplatz

Spreewiesen oder mehr

Je nach Lust und Beinkraft kann man hier eine gut halbstündige Runde über die Spreewiesen drehen oder weiter ausschweifend noch ein unregelmäßiges Viereck aus zumeist geraden Wegen anhängen, das die Wahrnehmungskanäle mit Wald, Feld und Dorf sowie einem einzigartigen Konzentrat aus landwirtschaftlichen Geruchssensationen versorgt. Letzteres am südlichen Rand von Oegeln, auf halbem Weg zum Bahnübergang. Sowohl von den Spreewiesen als auch von den geraden Wegen ist die Marienkirche oder die Spitze ihres Turmes zu sehen, und egal von wo, so richtig weit weg scheint sie nie zu sein.














Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Ostkreuz Regionalbahn über Frankfurt/Oder (ca. 1,25-1,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Fürstenwalde Ost, dann über Land; wahlweise auch Autobahn bis Abfahrt Mittenwalde, dann länger über Land (B 246)(ca. 1,25-1,75 Std.)

Länge der Tour: komplett ca. 16,5 km; nur Mauerstadt ca. 3 km; nur westlich der Spree 8 km (Abkürzungen vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Internetauftritt der Stadt Beeskow

Historische Stadtkerne – Beeskow

Einkehr: div. Angebote im Stadtgebiet
Kirchenklause, zwischen Markt und Kirche
Sportlerklause, auf dem Freizeitgelände südlich der Stadt

Kunsterspring: Leuchtende Moose, Hubertus am Grill und das enge Tor ins Erdreich

Zweitausendzwanzig – das hat wahrhaftig Klang, und als 2020 hat es auch noch ein schönes Gesicht von Ebenmaß und Ausgewogenheit, wie es im laufenden Jahrhundert bisher selten war. Ohne großen Paukenschlag hat das Jahr von 2019 den großen Schlüsselbund übernommen und erstmal einfach weitergemacht, ohne sich kapriziös zu inszenieren. Dafür werden mit Sicherheit und auch ausreichend andere Kanäle sorgen.

Die Kunster nahe der Blockhütte

Wer sich nun die Entspanntheit genehmigt, bereits jetzt von den Zwanziger Jahren zu reden, lässt in vielen Köpfen Bilder und Stimmungen aufgehen, die ja jüngst selbst bei Leuten gezündet wurden, die mit dem Thema noch nie in Berührung kamen. Zu verdanken ist das einer aufwändig produzierten Fernsehserie aus der erfahrenen Babelsberger Schmiede, zu deren dritter Staffel im vergangenen Mai die letzte Klappe fiel und die noch in diesem Monat anlaufen wird – zunächst exklusiv im Bezahlfernsehen.

Steg über die junge Kunster

Davon abgesehen sieht das Jahr also erstmal recht unaufgeregt aus, was auch für den Winter gilt, der eher mit nassen Lappen um sich schlägt als mit prall gefüllten Federkissen. Immerhin gab es ein paar Frostnächte, doch ansonsten hat man stellenweise eher das Gefühl von Vorfrühling. Auch die Vögel lassen manchen Meisenknödel kalt lächelnd und unbewegt links hängen, ist doch noch oder schon einiges Gewürme und Gekrabbel unterwegs. Erste Schneeglöckchen bieten zaghaft ihre blassgrünen Laubstängel zur Kenntnisnahme an.

Nach zumeist nassen Januar-Tagen bringt sich nun die Sonne wieder ins Spiel, erstmal hier und da, dann einen halben und bald schon einen ganzen Tag, dabei stets im Spiel mit Wolken von vielerlei Gestalt. Das blasse und zugleich klare Licht des Januars ist stets ein ganz besonderes, da es ohne große Konkurrenz knalliger Farben und Effekte ganz für sich wirken kann und die meisten Menschen direkt ins kälte- und dunkelheitsgeplagte Herz trifft. Gut genießen kann man das in großer, himmeloffener Weite, doch genießerischer noch lässt es sich im Wald auskosten, wo jede Wolke, jeder Stamm und jede Windbewegung für kleine Extra-Vorstellungen sorgen, in kurzer Taktfrequenz.

Moosweg im Walde

Im Januar, wenn vielerorts Saure-Gurken-Zeit ist, die Gasthäuser Urlaub haben und viele Leute lieber lauschig warme Thermen oder andere Wohlfühl-Rahmen aufsuchen, ist die beste Zeit, um publikumsstarke Touristenziele aufzusuchen und sie vielleicht mit nur wenigen teilen zu müssen. Eins davon, eher regional beliebt und sonst nicht allzu sehr bekannt, ist Kunsterspring, wo sich eine elegante Kombination findet.

Möchte man mit den Kindern einen schönen Tag im Freien verbringen, mit Tieren, Wasser und Spielplatz und einem gut aushandelbaren Anteil an Spaziergang, dann lässt sich das in Kunsterspring gut umsetzen. Der genannte Anteil wiederum ist in Verbindung mit der benachbarten Gaststätte Eichkater nahezu perfekt geeignet, wenn man einen geschätzten Menschen mit eher abweichenden Interessen für das Draußensein unterm Brandenburger Himmel begeistern möchte. Vielleicht die Patentocher oder auch die Patentante, vielleicht den sofageübten Lebenspartner oder die jüngste Bekanntschaft, der man zeigen möchte, wo man glücklich ist, wo man sich kennt.

Blick über den Tornowsee

Der kleine Tierpark mitten im Wald hat viel Seele, ist wunderschön gelegen und eigentlich für sich allein schon völlig ausreichend als Ziel für einen Ausflug. Angenehme Ergänzungen sind die erwähnte Gaststätte, doch auch die Fischerei schräg gegenüber. Hier gibt es kostenlos den Duft von Räucherofen, für etwas Geld auch Fisch für später oder Fischbrötchen für gleich. Reinbeißen lässt sich gleich auf der Terrasse mit Blick auf die Kunster, die an dieser Stelle einen länglichen Waldweiher aufspannt. Bis vor gut hundert Jahren stand in Kunsterspring noch eine Mühle, die zuvor hundert Jahre allerlei Dienste verrichtet hatte. Heute gibt es hier eine Waldarbeitsschule mit zahlreichen hübschen Gebäuden. Der zuständige Bus verkehrt leider nur an den Schultagen.

Die kurze Passage entlang des wohlgelaunten kleinen Baches zählt zum schönsten, was sich in dieser Kategorie innerhalb der Grenzen Brandenburgs finden lässt. Nicht weit von hier gibt es nördlich der Boltenmühle noch den Binenbach, wo das Vergnügen vom Relief her noch ausgeprägter, dafür jedoch nur halb so lang ist. Auch die Gegend um Biesenthal spielt in dieser Liga mit, natürlich das unvergleichliche Schlaubetal oder die Märkische Schweiz.

Lebensbäume am Uferweg, Tornowsee

Doch die Kunster hat neben der Verspieltheit ihres Laufes und des umgebenden Reliefs, der Waldvielfalt und dem schilfbreiten Tal im Unterlauf noch eine weitere Besonderheit, die in dieser Ausprägung wirklich selten anzutreffen ist: sie wird begleitet von einer großen Zahl von Quellen. Und diese Quellen sind von Anfang an sehr freigiebig – nicht, dass den ausgedehnten und vermatschten Quelltöpfen hier und da ein Tröpfchen entsickert und sich die Rinnsale dann irgendwann zu etwas erkennbar Fließendem vereinigen, hier legt bereits nach wenigen Fließmetern ein Bächlein los, dessen Vorwärtsdrang zu sehen und zu hören ist und dessen Wasser sich an vielen Stellen gleich eine Stufe tiefer stürzt, bevor es der Kunster zuströmt.

Im unteren Kunstertal

Wer diese Passage nicht zu ersten Mal geht, das schon einmal gesehen und erlebt hat, wird ein paar Jahre später wieder von Neuem ins Staunen geraten, so zauberhaft und mannigfaltig ist dieser Bachlauf. Als besonderen Luxus gibt es schöne Waldwege auf beiden Seiten des Tales, so dass niemand denselben Weg zurückgehen muss. Auf halber Strecke steht eine für die Ewigkeit gebaute offene Blockhütte bereit, die Lee-Seiten zu allen vier Himmelsrichtungen anbietet. Übers Wasser führt an dieser Stelle ein uriger und tiefliegender Steg, dem man es sogar verzeihen würde, wenn er nicht benutzbar wäre. Wenn er alleine als Augenschmaus in der romantischen Kulisse fungieren sollte.

Am Kunsterweiher hinter der Fischerei Kunsterspring

Kunsterspring

Manchmal ist auch im Januar noch Jagdsaison, und so sind im Wald die letzten Kilometer vor dem Tierpark gesäumt von endlosen Wäscheleinen, auf denen alle zwei Meter ein helles Tuch hängt. Schilder und Personal in Neonfarben weisen darauf hin, dass sich die Tour problematisch gestalten könnte, denn die zweite Hälfte der Runde soll mitten hindurch gehen durch das Jagdgebiet. Naja, das sind Probleme von später und dann vor Ort zu lösen.

Klares und Diffuses

Im Tierpark ist schon gut Betrieb, der Parkplatz halb gefüllt und überall sieht man gestiefelte, bunte Kinder tollen. Zwei Esel schicken einen vokalen Gruß an die Sonne, die Wölfe hingegen halten sich bedeckt und die häuslichen Enten auf der Kunster werden langsam wach. Hier im Wald ist es etwas kühler als draußen, die Baumstämme sind dunkel vom jüngst durchgezogenen Regen, der Waldboden gut getränkt und die Moospolster fast schon knallig grün. Die Dame vom Tierpark huscht kurz rüber zur Fischerei und holt sich was für die Pause, und wir hängen uns gleich dran. Mit einem frischen Fischbrötchen am Wickel den ersten Blick über die flach dahinplätschernde Kunster schicken und dabei den Duft des Räucherholzes inhalieren, das ist doch ein passabler Tagesbeginn.

Steg zur Blockhütte

Ein Typ von Holzfällerformat ist grade mit einem halbsohohen Mädchen im rosa Anorak in der kleinen Ofenkammer zugange, die Öfen werden bestückt und im nächsten Schritt demonstriert, wie die großen Hartholz-Kloben für den Nachschub in ofentaugliche Größe gebracht werden, mittels einer blinkenden Axt und hinterm Haus. Dann wieder zurück, fachmännisch nachgelegt und eine wichtige Lektion beendet. Die Lütte fragt viel nach, ist interessiert.

Rasthütte am Bach

Ein kleines hölzernes Portal lädt ein ins Tal der Kunster, das mit seinen herrlichen Waldpfaden sofort in die Vollen geht. Der würzige Duft wird fast den ganzen Tag begleiten, auch wenn die Art des Waldes häufig wechselt. Der Wegverlauf über wurzlige Nadelpfade und breitere Wege spart auch die dritte Dimension nicht aus und sammelt eine Reihe Höhenmeter. Die Entlohnung folgt sofort, denn der Taleinschnitt prägt sich mehr und mehr aus und gestattet immer wieder schöne Einblicke in den gewundenen Miniatur-Canon. Alle paar Minuten wird ein neuer Quelltopf passiert und beantwortet nach und nach die Frage, wie die Kunster nach so wenig Fließlänge schon so breit sein kann.

Lauf der Kunster

Gegen Ende des breiten Wassers zeigt sich schon der Charakter eines Urwaldes, wo alles, was gestürzt oder gestrauchelt ist, eben genau so liegen bleibt. Verschiedenste Stadien von Vermorschung sorgen für gleichermaßen archaische und morbide Gemälde im Großformat, zu groß für jede Wohnzimmerwand. Das Licht wird über den kahlen Wipfeln aufgefächert und streut diffus bis zum Wasserspiegel. Knackscharfe Spiegelbilder gestrauchelter Krummstämme schweben zwischen diffusen Grünstufenübergängen. Bald übernimmt Bruchwald. Auf dem vergehenden Stamm einer gefallenen Erle fußt ein meterhohes Fichtenbäumchen, das schnurgerade gen Himmel wächst. Kurz darauf führt der erwähnte Steg ans andere Ufer und empfiehlt mit Nachdruck eine Rast zwischen den Blockstämmen.

Die große Fichte kurz vor der Orchideenwiese

Im Wald selbst dominieren verschiedenste Erdtöne, zwischen denen das vor Kraft strotzende Moosgrün fast wie eine geisternde Art von Lichtquelle erscheint. An einzelnen Stämmen ist es, Gamaschen gleich, bis auf Meterhöhe hochgestiegen und lässt nun keinen Zweifel mehr daran, dass die Schritte hier durch einen Wald der Märchenwesen gelenkt werden. Dies bestätigt wenig später eine unerwartet auftauchende und weite Lichtung, wo sichwohl zum Abend nicht nur Hase und Fuchs gute Nacht sagen, sondern einen Augenblick später auch die Feen ihre zarten Tänze zeigen. Eine enorme Fichte kurz vor dieser bodenklammen Lichtung muss jede von ihnen kennen. Ganz real wird hier die Zauberwelt in der farbenprächtigsten Jahreszeit und selbst bei Tageslicht, wenn auf diesen Feuchtwiesen neben unzähligen verschiedenen Blüten auch solche von Orchideen zu sehen sind.

Die Kunster im lichten Bruchwald

Schon kurz nach der Lichtung wird die Natur im Tal immer uriger, die laubbedeckten Flanken zeigen sich mutiger und wagen steilere Gefälle. Der Bach versinkt mehr und mehr in seiner Furche, die gewunden ist wie eine spazierende Schlange. Nun steigt die Zahl der Quellen spürbar an, von denen jede zum Stehenbleiben drängt, auch zum Lauschen. Bei der nächsten Brücke ist die bekannteste von ihnen erreicht, die mit einer wahren Besonderheit aufwarten kann.

Der eingeschnittene Bach

Wer das Ufer wechselt und von den Rastbänken ein paar Schritte hinabgeht, findet auf Bodenhöhe eine Art Kochstelle, in der munter ein kaltes Süppchen brodelt und zu der man sich umgehend bücken möchte. Wie auf mittelgroßer Flamme ist hier schon seit Ewigkeiten ein Eintopf in der Zubereitung, dessen Basis feinster Sand darstellt, der in vielfachen Strudeln verwirbelt wird. Mit zum Rezept gehören auch vollgesogene Kiefernzapfen, Stöckchen und Laub aller Blattgrößen sowie faseriges Holzgulasch. Immerwährend strömt quellfrisches Wasser nach.

Nebenquelle am Rande

Wer nun schon in die Hocke oder sogar auf die Knie gegangen ist, könnte neugierig sein, einmal den Zeigefinger in einem der Strudel zu versenken. Doch das sei mit Vorsicht zu genießen, auch wenn keinerlei Verbrühungsgefahr besteht. Wer also seinen Finger hier ehrfürchtig versenkt, wird mit einem kaum spürbaren Pulsieren in einer anderen Welt begrüßt. Wer es hingegen zu weit treibt und mehr als die halbe Hand eintaucht, muss einen kurzen Ruck und infolge einen nassen Arm bis zum Ellenbogen befürchten, wenn die da unten gerade auf Krawall gebürstet sind.

Steg zur bekanntesten Quelle

Ein ebenbürtiges kleines Wunder dieser unauffälligen Stelle zeigt sich dem Geduldigen, der langsam fokussiert, behutsam scharf stellt und sich dann noch etwas tiefer beugt. Zwischen all den kleinen bis kleinsten Waldzutaten huscht es hier und da, auch dort, wo keiner der Strudel hinreicht. Kleine krumme Teilchen, vielleicht Samen oder Nadeln? Je länger man den Blick hält, desto mehr nimmt das Hin und Her zu – vergleichbar mit dem wolkenklaren Sternenhimmel, der immer voller noch von Lichtpunkten wird, je länger man hinaufstiert. Irgendwann sind Beine zu erkennen, eine Zielgerichtetheit und die Struktur der Körper.

Bachflohkrebse sind bekannt dafür, dass man sie selten antrifft und wenn, dann nur an äußerst reinen Quellen. Da es nach weiteren Sekunden des Beobachtens fast schon aussieht wie auf dem Alex um die Mittagszeit, muss das Wasser hier von allerbester Qualität sein. Es fällt schwer, sich von diesem Anblick loszureißen, auch wenn man keine Flöhe mag. Und kann gut sein, dass man auf den Metern hinauf zu den Bänken noch den Rest eines versonnenen Grinsens im Gesicht trägt.

Am brodelnden Sande

Es spricht nichts dagegen, an dieser Stelle umzukehren und am anderen Ufer den Rückweg anzutreten, vielleicht mit einer weiteren Pause dort im Blockhaus. Wen es hingegen nicht stört, dass der Höhepunkt dieser Tour bereits am Anfang verpulvert wurde, und wer noch neugierig geblieben ist auf andere Waldlandschaften, vielleicht auch einen See, kann hier noch beliebig viel Weg anhängen, um eine schöne Stunde oder drei verlängern. Mit der Unklarheit um den Stand des Jagdgeschehens im Nacken ist die Vielfalt der möglichen Varianten recht beruhigend. Dennoch ist zu sagen, dass ein Teil der ab hier begangenen Wege etwas Entdeckergeist und gewisse Grundlagen an Beinmuskulatur verlangt sowie ein winziges Maß an Leidensfähigkeit.

Gerader Weg durch den Wald, gezähmt

Der Ursprung der Kunster scheint in einem grasigen Bruchwald zu liegen, dessen Stämme recht hoch gewachsen sind. Gleich dahinter quert ein breiter Waldweg, und kurioserweise findet im Wiesengrund jenseits dieses Weges ein anderer Bachlauf seinen Ursprung, der die Linie der Straße zur Wasserscheide adelt – wenn auch mit ganz kleiner Hausnummer, denn beide Wässer finden schon im nahen Ruppiner See wieder zueinander. Doch immerhin.

Gerader Weg durch den Wald, von der Kette gelassen

Das folgende Stück Weges sieht auf der Karte aus wie ein langer, schnurgerader Forstweg von gleicher Gestalt, hat in der Tat jedoch weit mehr zu bieten. Nachdem der Forstweg als solcher gemeinsam mit einem Radweg links abbiegt, will die gerade Linie erstmal wiedergefunden werden. Da nach wie vor der gesamte Waldboden von einem bronzefarbenem Laubteppich bedeckt ist, gibt es viel Interpretationsspielraum. Links und rechts der gedachten Linie ruhen auf unterschiedlichen Höhenniveaus große Weiherpfützen, unverbunden miteinander und durchaus eindrücklich.

Bei Fledermaus ums Eck

Der gesamte Waldboden ist leicht bewegt, selten mal eine gerade Stelle. Die Spur des Weges ist bald wieder da, doch schlägt sie tiefe Wellen, die zum Teil mit Wasser gefüllt sind. Dieser in allen Dimensionen ausgefahrene Weg, der im späteren Verlauf an eine Weiherkette denken lässt, würde wohl selbst einen Unimog an seine Grenzen bringen, nicht zuletzt wegen zahlreicher querliegender Bäume. Laufen lässt sich mal direkt in den Mulden, mal am Rand, verbunden mit etwas Steigen und Bücken. Manchmal jedoch kommt man kaum umhin, ein langsames Irgendwohineingleiten in Kauf zu nehmen, falls es schlecht läuft. Heute ohne Gummistiefel so eine Sache. Doch die Optik ist grandios, die Pfützen werden immer ausladender, und wenn man wieder einmal hier lang müsste, würde man dieses Wegestück nicht aussparen.

Kleiner Waldweiher

Als dann die Optionen gänzlich schwinden, entdecken wir einen rechts nebenher laufenden grasigen Försterweg, der gerade recht kommt. Nach diesem rettenden Schlenker erreichen wir das Ende dieses Weges der ganz eigenen Kategorie und haben nun wieder einen völlig normalen und ebenen Waldweg unter den Sohlen. Der Wald ist lichter, der Laubteppich unverändert, und am Ende eines Schutzzaunes steht lötkolbenschwarz auf Holz der Hinweis, dass hier Fledermaus wohnt.

Waldweiher

Unvermittelt, wie vorhin die Lichtung im Tal der Kunster, erscheint voraus ein verschwiegener Waldweiher, auf dem Sonne und Wolken gerade etwas mit dem Licht tuschen. Einige Äste ragen aus dem Wasser und am Gegenufer huscht etwas nicht allzu Kleines. Direkt dahinter steht zwischen einigen Fahrzeugen, nicht minder überraschend, der Bernd am Grill, auf dem sich kerzengerade lange Bratwürste der Parallelschaltung durch den Grillrost ergeben haben.

Waldweg vor zum Ruheforst

In der Hoffnung, vielleicht den aktuellsten Stand des Jagdgeschehens zu erfahren, fragen wir ihn kurz, doch mit dieser Jagd da drüben, jenseits der Landstraße, hat er gar nichts zu tun. Doch vergebens ist der eher bröckelnde Schnack dann doch nicht, denn er rät davon ab, noch weiter nach Süden zu gehen, da dort gerade eine andere Jagd läuft. Die wird wohl auch bald vorbei sein, wenn ich mir so den Garzustand des Grillguts betrachte, und alle werden sich wohl sehr auf diesen Tagesordnungspunkt freuen, wahrscheinlich schon seit dem fahlen Morgengrauen.

Sohlenschmeichelnder Moosweg auf dem Weg nach Stendenitz

Das heißt für uns, dass der Extrabogen um den nächsten Waldweiher heute besser ausfällt, denn wir sind zwar durch die neongelbe Rucksackhülle gut vom fliehenden Wild zu unterscheiden, doch dieses Risiko ist zu hoch – irgendwie blöde laufen kann es immer. Zudem führt ein bequemer und schöner Waldweg per Luftlinie vor zur Straße, wo nun der schönste Ausgleich kommt – gerade eben werden die letzten Warnschilder abgebaut, die lange Wäscheleine im Wald liegt schon am Boden. Die Jagd ist hier vorbei und der Weg kann fast wie gedacht fortgesetzt werden.

Pflasterstraße entlang des Rottstielfließes

Kurz zuvor kommt zaghaft ein schneeweißes Hochbeinauto abgebogen und hält am Parkplatz. Ehrfürchtig und ebenso zaghaft findet ein edler und vielleicht maßgefertigter Schuh mit zahlreichen Stanzlöchern den Waldboden, ihm folgt ein schlanker Mann im eleganten Mantel. Mit einer orangenen Rose in der Hand und Stille im Blick. Noch ehe wir uns fragen können, warum man so zur Jagd geht, erkennen wir rechts im Wald ein eigenartiges System von Wegen und verschiedenfarbige Plaketten an den Bäumen – es ist ein Ruheforst. Womit alles erklärt ist.

Ruheforst

Jenseits der Straße weisen Schilder nach Stendenitz und zum Zeltplatz. Ein paar Autos kommen von dort, zum Teil vielleicht Jäger im Feierabend, zum Teil Zeltplatz-Urlauber auf dem Weg nach Neuruppin. Bei der dritten Möglichkeit biegen wir ab und lassen den Verkehr hinter uns. Der war zwar kaum der Rede wert, doch waren wir zuvor so tief im Wald, dass es jetzt auch wieder schön ist. Ein bisschen rumpelig zeigt sich der Wald auch hier wieder, einiges Zweigholz liegt quer und später haben riesige Reifen den Weg gemustert, mit Profilrillen, in deren Gegenabdruck der ganze Schuh verschwinden kann. Zwischendurch liegt am Eck ein Fichtenwäldchen, in das wir kurz reinkrauchen und das gedämpfte Licht genießen, wie es so nur Fichtenwald kann.

Sumpfzypressen am Ufer des Tornowseees

Nach dem Kampf mit dem Profil und dem Queren eines breiten Weges aus knöcheltiefem Schlamm – Winterzeit ist Waldaufräumzeit – folgt bald ein anmutiger Weg, breit gepflastert mit saftig grünem und hochflorigem Moos. Das schmeichelt den Sinnen und verhilft zugleich den verschlammten Schuhen zu einer Vorwäsche, solange die graue Substanz noch nicht ausgehärtet ist.

Campingplatz Stendenitz

An den Ausläufern eines Lehrpfades, der hier gerade in eine Betonpfütze gebannte Tierspuren präsentiert, kommen wir zum Rand des Zeltplatzes und damit zur Straße, die auf gutem altem Pflaster den Weg nach Rottstiel antritt. Während links der bronzene Hang sanft ansteigt, ist auf der anderen Seite weiter unten das Rottstielfließ zu entdecken, das von dampfertauglicher Breite ist. Das erklärt sich, denn so passen hier auch kleinere Dampfer durch, mit denen man von Neuruppin bis zum nördlichsten schiffbaren Punkt dieses Seensystems an der schöne Boltenmühle schippern kann.

Blick über den Tornowsee

Der verbliebene Tee möchte getrunken sein, die zweite Pause ist ohnehin schon lange fällig, und so finden wir in einem Baumstamm am Wegesrand ein schönes Sitzmöbel, sogar mit ausgewachsenem Spechtloch als Tassenhalter. Währenddessen rammeln ein paar Jungs mit ihren knatteroptimierten Enduros vorbei, die bei Mutti in der Küche vermutlich gerade im Weg standen und zum Spielen geschickt wurden. Da Mutti vermutlich sehr deutlich geworden war, treffen wir sie und sie uns noch öfter.

Weg zwischen Tornowsee und Bachtal

Försterei Rottstiel

Mit kurzem Blick auf die Häuser von Rottstiel schwenken wir links auf den Uferweg ein, der nach und nach einen schönen Blick auf den Tornowsee freigibt. Dabei steigt der Weg leicht an, so dass von einer natürlichen Aussichtsplattform ein offener Blick über den See inklusive Halbinsel und Taille möglich ist. Am Rand wachsen verschiedenste Bäume, darunter auch eine stattliche Anzahl von Sumpfzypressen. Eine überdachte Rastbank dient einer fröhlichen Schar von Kindern und Erwachsenen als Ort für eine ausgedehnte Pause – was gibt es Schöneres, als bis dicht in die Dämmerung draußen zu spielen und trotzdem nach ein paar Minuten wieder in den behaglichen vier Wänden zu sein. An der nächsten kleinen Aussichtsstelle kommen uns zwei ältere Damen entgegen, zwischen denen in beide Richtungen ein reger Strom von Worten fließt.

An der Brücke über die Kunster

Jeder See hat seinen Haubentaucher, egal zu welcher Jahreszeit, doch der vom Tornowsee muss wohl gerade in der anderen Hälfte sein, nördlich der Taille. Nach einem flachen Quelltopf entfernt sich der Weg vom See, die Moppet-Jungs semmeln noch einmal vorbei und drehen hoch, und als die Stille dieses Tages wieder da ist, haben wir den abschließenden Part der Rahmenhandlung erreicht. Der Unterlauf der Kunster fließt durch ein breites, eher offenes Tal mit reichlich Schilf, doch die Zahl der Quellen ist hier nicht minder groß als vorhin im Wald. Von der Brücke über den Bach kann der Blick wieder ausschwärmen, diesmal über ein breites Nassland voller Schilf und abgestorbener Stämme. Der Biber ist förmlich zu spüren, hier und dort auch Bauwerke zu finden.

Randpfad am Unteren Kunstertal

Nach einem Stück Straße zweigt nach links ein breiter Weg ab, der bald auf Pfadbreite einläuft und dicht entlang des Schilfgürtels verläuft. Eine Handvoll morscher Brücklein helfen über quellfrische Zuflüsse, die direkt der Kunster zustreben. Hinten über dem offenen Tal wirft sich schon langsam der Himmel in Schale, mit blassrosa Wangen und gewisser kühler Distanziertheit. Ein breites Halbrund aus Bänken verweist auf den Wanderweg, der hier einmal offiziell war. Ein paar Schritte später öffnet sich die einzige Wiese, die das Schilfland unterbricht.

Kurz vor Kunsterspring

Voraus ist schon das erste Licht von den Tierpark-Häusern zu erkennen und gaukelt einem vor, gleich dazusein. Das war auch einmal so, doch mittlerweile ist das Gelände der Waldarbeitsschule komplett umzäunt, nicht mehr durchgehbar, und so ist zuletzt ein weiter Haken durch den Wald erforderlich, der auf den finalen Metern dann noch richtig schnuckelig wird. Vorher jedoch liegt noch eine Art Waldpark, mit Lehrpfad-Tafeln, schöne Wegen und einem anständigen Biberdamm.

Als wir nach einigem Gestrüppkontakt die Straße erreichen, setzt die Dämmerung ein. Der Tierpark hat gerade noch offen, ein paar späte Kinder dürfen auch hier noch spielen und die Enten sind mittlerweile rege am Schnattern, in bester Wochenendlaune. Am Eingang zum Eichkater locken schöne Schilder mit Kapitänstellern und anderen schönen Wörtern, doch leider ist hier Januarpause.

Neuruppin

Einkehr Hinter der Siechenhauskapelle, Neuruppin

In Neuruppin haben wir Glück. Zwischen Neuem Markt und der eindrucksvollen Klosterkirche liegt die Siechengasse, frei von Verkehr, und hinter der Siechenhauskapelle wartet nun Heilung für den rechtschaffend knurrenden Magen. Zwischen ganz alten Neuruppiner Balken warten Gemütlichkeit und wirklich gutes Essen, und beim winzigen Verdauungsründchen vor zur Uferpromenade schaffen klirrende Hafen-Maste und anschlagende Wellen ganz zuletzt noch einen kleinen Hauch von Winter.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Gesundbrunnen per Regionalbahn nach Neuruppin, dort weiter mit dem Bus (nur Mo-Fr)(ca. 1,75-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn nach Neuruppin, dann weiter über Land ODER B96 bis Löwenberg, dort auf die B167 nach Neuruppin und weiter über Land (ca. 1,5 Std.)

Länge der Tour: 17,5 km (Abkürzungen gut möglich: nur Oberes Kunstertal: bis Forststraße/WP5 und am anderen Ufer zurück insg. ca. 4 km; ca. 6-7 km der großen Runde abkürzen: von WP6 nach WP17 (exkl. ausgefahrene Passage) bzw. zwischen WP7 und WP17 (inkl. ausgefahrene Passage))


Download der Wegpunkte (WP)
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Links:

Forellenzucht und Laden Kunsterspring

Tierpark Kunsterspring

Wanderung entlang der Kunster

Touristische Karte des Kunstertals

Tornowsee bei Rottstiel

Einkehr: Eichkater, am Tierpark Kunsterspring
Waldschenke Stendenitz, am Campingplatz Stendenitz
Kiosk am Campingplatz bei der Försterei Rottstiel

Grobskizziert – Reitwein: Auenrupfer, Odersporn und die erlaufene Seelenruhe

Der September ist gut in Schwung gekommen, bringt an den meisten Tagen bereits diese anregende Mischung aus frischem Wind und kräftiger Sonne mit und hat schon viele der würzigen Düfte bereitgestellt, die sinnesfreudig den Herbst ankündigen. Unter den Bäumen raschelt erstes Laub, während im Buschwerk entlang der Wege verschiedenste Beeren eine Farbpalette öffnen, die auch dann noch leuchten wird, wenn einmal alle Blätter gefallen sind. Am beständigsten unter ihnen sind dabei die Hagebutten, die selbst noch unter Raureif und zartem Schnee mit aller Kraft und lackglänzender Haut hervorleuchten.

Grenzfluss Oder

Neben der Nase werden auch die Ohren auf die erdbunte Jahreszeit vorbereitet, wenn sich zwischen das klickende Geplauder der allerletzten Schwalben im ferneren Surround-Bereich schon das monotone Getöne von Krähen und Raben mischt, die bislang nur vereinzelte Silben aus ihren respektablen Schnäbeln pressen. Oder weiter im Hintergrund die Scharen von Kranichen fast nur zu erahnen sind, die später am Tag kurz vor dem schwindenden Licht von der Kost zur Logie umziehen werden. Hier und dort schon kilometerlange Gänse-Einsen für den anstehenden Langstreckenflug üben.

Uferstreifen der Oder gen Lebus

Wer hier nicht seinen ersten Text liest, weiß vielleicht bereits von der besonderen Zuneigung des Autors zur Oder, die Euphorie und Ehrfurcht zu gleichen Teilen verschmilzt und für eine genießerische Niedrigdosierung der odernahen Ausflüge sorgt. Bevorzugt sind es die kalten bis bitterkalten Tage, die besonders gut zu den Landschaften dieses Grenzflusses passen, zum Wilden und scheinbar Unbekannten, was sich dahinter bis hin zum Ural aufspannt.

Schöne Aussicht bei Reitwein

Ganz unabhängig von den Jahreszeiten passieren manchmal im Leben kleine oder auch große Wunder. Wenn dann die nächste Möglichkeit für einen Tag unter freiem Himmel kommt, empfiehlt sich eine Landschaft, die vertraut ist, einen wohlig umfängt und etwas Archaisches in sich trägt. Auch lange Wege bietet und Weite in fast alle Richtungen, so dass ausgiebig erzählt und auch geschwiegen werden kann. Ein breiter und ruhiger Fluss ist dabei nicht von Schaden oder auch ein ferner Blickfang, der sich leicht rätselhaft gibt.

Doch auch der sommerspäte Frühherbst ist eine gute Oderzeit, wenn alles oben Erwähnte am selben Ort zu beobachten ist und dazwischen die schokoladenschwarzen Ackerschollen liegen, von großer Pflugschar aufgebrochen und dabei sauber eingerahmt durch schnurgerade Wege.

Im offenen Schiff der Reitweiner Kirche

Reitwein

Das Oderbruch ist bekannt dafür, ganz außerordentlich flach zu sein, wird dem Begriff topfeben wirklich gerecht. An vielen Stellen erhebt sich jedoch sehr direkt und nicht zu übersehen eine ausdrucksvolle Geländekante, die für teils unwiderstehliche Kontraste sorgt und unruhige Zeigefinger am Auslöser. Ein besonderer Dank hierfür geht an die letzte Eiszeit, wieder einmal.

Kirchturm in Reitwein

Bereits im Stadtgebiet von Frankfurt an der Oder beginnt einer dieser Höhenzüge, der über knappe zwanzig Kilometer vorbei am schönen Lebus bis hin zum Dorf Reitwein reicht. Schon vorher transformiert er sich von der Hochebene zum Sporn und läuft dann unvermittelt und direkt aus, was dafür sorgt, dass die Annäherung an ihn ein wenig wie die an eine hügelige Insel oder eine Voralpenlandschaft ist. Drumherum die absolute Flachheit. Es ist wirklich faszinierend.

Der Bullengraben bei Reitwein

Was der ganzen Szenerie zudem den Anstrich eines hochromantischen Gemäldes verleiht, ist die Reitweiner Kirche. Die steht eigentlich versteckt im unteren Hang, doch ihr spitzer Turm ist aus großer Ferne schon zu sehen und gibt einem das Gefühl, sich geradewegs in dieses Gemälde hineinzubegeben. Wer bei Regen nicht nass werden möchte, wird dort keinen Schutz finden. Wer jedoch Freude an naturgegebenen Lichtspielen auf schöner Architektur hat, sollte den kleinen Abstecher nicht versäumen. Den Entwurf für die Kirche lieferte übrigens ein Herr Stüler, der zur Architekten-Prominenz seiner Zeit zählte – auch das Neue Museum in Berlin geht auf seine Kappe. Der Baumeister Stüler war übrigens ein Schüler Schinkels, der hier schon viel zu lang nicht mehr Erwähnung fand.

Einladender Weg durch die Oderauen

Reitwein selbst ist ein hübsches Dorf von angenehmer Unregelmäßigkeit, zudem gibt es noch einige von diesen schönen Schleichwegen, die auf Wiesenteppich oder als getrampelter Pfad die stillen Straßen verbinden und im Langzeitgedächtnis eines jeden Reitweiner Kindes verankert sein dürften.

In den Oderauen

Gegenüber der Kirche liegt eine eindrucksvolle Sowjetische Kriegsgräberstätte, die Gedanken an die erbitterten Kämpfe in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wachhält, als nichts in dieser Landschaft friedlich war und ihr Gesicht zerschnitten. Als grundfriedliches Gegenstück dazu liegt gleich links benachbart ein kleiner Sommer- und Kräutergarten mit winziger Teichpfütze, der betreten werden darf und gleichermaßen Insekten oder Erholungssuchende bedient.

Die breite Oder

Die ausgedehnte Tour mit ihren vielen langen und landschaftsschwelgerischen Passagen findet sich genau so auch in einem blauen Brandenburg-Wanderführer. Sie vereint in sich eine ganze Handvoll Kapitel, deren jedes für sich seinen Charakter trägt und die man alle paar Jahre aufs Neue lesen möchte. Den Auftakt macht der umgehend pulssenkende Weg durch die inneren Oderauen, der vorbei an einer hinreißenden Rastbank mit Dorfblick und durch einen bruchklammen Grünzug zum großen Oderdeich führt. In Vertretung der Alten Oder, die einst weiter östlich ihre Bögen schlug, sorgt hier der Bullengraben für etwas fließendes Wasser, das von mehreren Stellen rund um Lebus daherkommt.

Was so wächst in den Auen

Hinter dem Deich öffnen sich die äußeren Oderauen mit ihrem urwüchsigen Erscheinungsbild. Die Oder ist von hier aus noch nicht zu sehen, doch hinter ihrem gedachten Verlauf geht bereits ein polnisches Panorama der Extraklasse in die Breite, das den Deich gewissermaßen zu einem endlosen Aussichtspunkt macht und irgendwo in der nahen Ferne als rätselhaften Blickfang eine glänzende Turmhaube durchscheinen lässt.

Auf Knöchelhöhe am Oderstrand

An diesem Streifen zwischen Deich und Oderufer wird man sich wohl niemals sattsehen können. In verspielter und natürlicher Unregelmäßigkeit ziehen sich einladende Wegespuren hindurch zwischen gekappten Altarmen und feuchten Wiesen, gestürzten und zugleich quicklebendigen Weiden oder kleinen Wäldchen, die sich von keiner der vergangenen Fluten haben unterkriegen lassen. Blasshäutige Baumruinen steuern eindrückliche Skulpturen zu diesem Ensemble bei. Dazwischen lassen die jagenden Wolken jede sichtbare Wasserfläche in Sekundenschnelle zwischen bleigrau, edelsilber und tiefblau wechseln, so dass die Auslöseverzögerung der Kamera für Grimm sorgen könnte – wenn man nicht so versunken wäre in dieses Landschaftsbild, zu dem man hier gerade selbst gehört.

Genügsame Pflänzchen

Weitere Accessoires, die das Unsteigerbare dennoch steigern, sind vereinzelte Strohrollen ohne Ablagesystem, in denen man ruhig einmal seine Nase vergraben sollte und tief einatmen, auch Weidezäune alter Schule oder die mit lustigen Ziegen durchmischten Schafherden, welche in diesen Wochen vielfach zu entdecken sind. Auch die Wolken tragen ihren Teil dazu bei, mal als brave Schafe, mal wild zerzupft oder gewagt ineinandergeschachtelt. Die Chancen für solche Himmelsbilder stehen an der Oder gut, wie die Erfahrung langer Jahre zeigt. Nicht zuletzt steuern die farbstarken Grenzpfeiler in regelmäßigen Abständen kleidsame Ergänzungen bei.

Uferstreifen der Oder

Neben den feuchten Stellen, Senken und Weihern gibt es auch einige streusandtrockene Stücke am Weg, die mittels wettergegerbter Holzplanken, vielleicht alte Eisenbahnschwellen, das Vorwärtskommen für Sohle und Reifen gewährleisten. Aus ihren Ritzen sprießen stillvernügt genügsame Blümchen.

Oderdeich mit Himmelsspiel

Wenn schließlich das Ufer der ruhig fließenden Oder erreicht ist, sollte man sich eine Rast auf einem dieser Zacken nicht entgehen lassen, die weit in den Fluss ragen. Es ist ein besonderes Gefühl, so ein bisschen mitten im breiten Fluss zu sitzen, bequeme Stellen gibt es fast immer. Nicht zuletzt kann es auch im späten Sommer angenehm sein, an einem dieser tausend Odersträndchen vollständig unterzutauchen, nur für ein paar Züge. Oder sich am gewählten Sitzplatz einfach nach hinten umfallen zulassen, mit geschlossenen Augen in den Himmel zu stieren und das leise Plätschern zu erlauschen, mit dem die klaren Flusswellen die äußersten Schotterbrocken umspülen. Man sollte es wirklich tun.

Schafherde nahe des Flusses

Aus dieser flachen Perspektive wirkt der Oderstrom zudem besonders breit und auch besonders blau. Schwierig ist es daher nur, sich wieder loszureißen, denn die Tour hat ja an dieser Stelle erst begonnen.

Schokoladenacker im Zustieg

Oderdeich

Auf Höhe des alten Fähranlegers beginnt das nächste Kapitel, das nun eine reichliche Stunde Autopilot gestattet, wenn gewünscht. Einfach die Füße machen lassen, die Gedanken fließen oder fliegen, und die Blicke schweifen. Der Oderdeich verläuft hier niemals schnurgerade, und hinter jedem Bogen gibt es neue Bilder, die sich nur selten ähneln. Mal kommt das lange Band der Oder in den Blick, mal eine der vielen kleinen Wasserflächen, die dem Deich zu Füßen liegen. Hier ist die Wiese struppig kurz, dort dann alles lückenlos bewachsen von hohen Gräsern oder auch Schilfteppichen. Und als kleine Kuriosität stehen immer wieder diese Durchfahrt-verboten-Schilder an Stellen, wo ohnehin niemals ein handelsübliches Kraftfahrzeug hinkommen oder weiterfahren könnte.

Aufstieg nach Wuhden

Rechtzeitig vor Lebus muss man sich losreißen und mal wieder auf das Display oder die Karte schauen, sonst würde man unversehens in Lebus landen – zwar auch sehr schön, doch fernab der restlichen Kapitel, dazu noch ein ganz eigenes. Ein paar rechtwinklige Abbiegungen begleiten den Weg durch die Felder hinüber zum unteren Rand der bewaldeten Höhenkante, die womöglich ein paar Mittelgebirgsassoziationen im Hinterkopf aufruft. Vereinzelte Gehöfte wurden liebevoll gestaltet, und am Abzweig, wo die Abkürzung hinzustößt, hockt ein versteinerter Troll, den wohl die Eiszeit von Skandinavien hierher verschlagen hat.

Ausblick von Wuhden

Wuhden

Nur wenig später geht es nun kurz und herzlich zur Sache, doch der Aufstieg an den Rand von Wuhden darf gut und gern ein eigenes kleines Kapitel für sich beanspruchen. Wer auf der Straße bleibt, kann oben im Dorf ein paar der hübschen Häuser sehen, doch zweigt man unten ab in den Weg mit schwarzem Kauz auf gelben Grund, darf die Höhe entlang eines idyllischen Grundes erklommen werden.

Weg auf dem Reitweiner Sporn

Oben beginnt dann, fast wie auf einem Kammweg, der nächste, äußerst aussichtsreiche Abschnitt entlang einer jungen Allee, die später in einer deutlich älteren aufgeht. Die beruhigende Spur ist immer leicht am Schlingern und taucht nach längerem in den Wald ab, wo der verdiente Abstieg nun genüsslich zelebriert wird.

Schöne Aussicht bei Reitwein

Noch in diesem abschließenden Kapitel sollte man sich trotz müder Beine und hängenden Magens nicht eine der schönsten Aussichten weit und breit entgehen lassen – der Abstecher ist nur kurz und endet an drei Bänken. Ähnlich frei und hochgelegen wie von der Schönen Aussicht kann man den Blick wohl nur von der Carlsburg bei Falkenhagen schweifen lassen – und ist dabei mit Sicherheit niemals ungestört.

Hohlweg hinab nach Reitwein

Wenn es wirklich Herbst ist und der Tag schon eine Weile läuft, wirft der Sporn seinen Schatten weit ins flache Land, wie ein altgedienter Fischer seine Netze, die in voller Breite auf die Wasserfläche klatschen. Die Bäume entlang der schnurgeraden Alleen tun das ihre, und der tiefe Sonnenstand steuert Goldlack und Weichzeichner bei. Auch der frische Wind hat sich woanders hin verzogen und überlässt die Landschaft gänzlich ihrer Stille, die Oder ihrem glatten blauen Spiegel und die tagaktiven Menschlein einer abendlichen Seelenruhe.











Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der Regionalbahn nach Seelow, von dort mit Bus bzw. Bussen (1,75-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 1 bis Manschnow, dann B 112 Richtung Lebus (ca. 1,75-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 21 km, Abkürzungen möglich (Empfehlung: wenn abkürzen, dann zwischen Wegpunkt 10 und 15)


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Links:

Internetpräsenz von Reitwein

MOZ-Artikel Spaziergang Reitweiner Sporn

Einkehr: Gaststätte Am Reitweiner Sporn, Reitwein (vorher unbedingt anrufen, hat manchmal unerwartet geschlossen)

Philadelphia: Treidelpfade, Strohpolis und das fehlende Satzzeichen

Der Sommer ist schließlich auf seinem goldenen Hochpunkt angekommen, und so hat sich das Korn auf den Feldern von hüfthohen Halmen in haushohe Klotzbauten gewandelt, die zum Teil in abenteuerlicher Tetris-Technik hochgestapelt wurden. Wer dort bequem stehend und behutsam seine Nase hineinbohrt, wird mit würzig-warmem Duft belohnt, der gut sein muss für die Seele und auch die Atemwege. An den randständigen Obstbäumen prahlen die Früchte in knackiger Attraktivität und verführen Passanten zu saisontypischen Sprung- und Streckübungen oder verschämten Griffen übern Gartenzaun. Dabei gilt oft, dass allzu viel Schönheit eher mit wenig geschmacklichem Charakter einhergeht – und umgekehrt. Was ja nicht ausschließlich für Obst gilt.

Treidelweg am Storkower Kanal

Die Sonne trägt nun wieder eine Woche des Triumphierens vor sich her, lässt schon probeweise Findlingshaut erglühen, bodennahe Luft flimmern und Asphaltfugen erweichen. Im Kontrast dazu wird die sommerliche Vogelstille nach und nach abgelöst von den krächzenden Großschnäbeln in Schwarz und Grau, die spüren, dass ihre Zeit jetzt näher rückt. Das zeigt sich auch in ersten vorherbstlichen Düften, für die neben Laub und Obst am Boden auch die die strauchigen Wiesen sorgen und die offene Erde stoppeliger Äcker. Alles wartet wieder auf den Regen, doch zumindest die Weinbauern können frohlocken.

Schleuse Kummersdorf

In solchen Zeiten kann man Spaziergänge und Ausflüge kurz halten oder ganz auf diese verzichten und sich am kühlsten Ort der Wohnung neben eine Tüte Eiswürfel setzen. Wer weder dies noch jenes möchte, sollte auf Schatten achten und die Nähe von Wasser suchen, denn dort ist es fast immer etwas kühler, weht häufig auch ein Brislein. Gut geht das im Dahmeland, für das auch der schöne Name Dahme-Heideseen Verwendung findet. Neben den eigentlichen Seen gibt es reizvolle Verbinder, die als Bächlein daherkommen oder als Kanal – oder eben als die Dahme selbst.

Kornfeldreste in konfuser Kompression

Einer davon ist der Storkower Kanal, der es Freizeitschiffern ermöglicht, von Berlin aus über die Dahme und ein paar Seen bis zum Großen Storkower See und von dort sogar bis zum Märkischen Meer zu gelangen, dem zauberhaften Scharmützelsee. Da ist dann wirklich Schluss, im ganz besonderen Kurort Bad Saarow, der sich bestens eignet für ein Finale. Wer die Tour vorausschauend im Schlauchboot angetreten hat, kann hier die Luft ablassen und von einem der schönsten märkischen Bahnhöfe aus die Heimreise antreten. Wer hingegen mit der Motoryacht unterwegs war, wird bald viele bekannte Orte aus neuer Perspektive sehen.

Der Storkower Kanal ist kein Jungspund – die Mitte des Fahrwassers nutzte schon vor knapp dreihundert Jahren ein zarter Flößerkanal. Etwas später ging er unter Friedrich II. in die Breite und ermöglichte damit, dass Holz und Ziegel den Weg in die große Stadt an der Spree fanden und deren Wachstum unterstützten. Storkow selbst liegt an keinem eigenen Fluss, dafür zwischen mehreren Seen und auch zwischen zwei Referenzen an die Neue Welt. Zwar liegen hier zwischen (Neu) Boston und Philadelphia keine gut 300 Meilen, sondern eher gut 3 Kilometer Luftlinie, doch die Namen haben im urmärkischen Storkower Land eine gewisse Präsenz. Und nur hier ist es wohl möglich, dem Schild „Kartoffeln“ folgend auf kürzestem Wege nach Philadelphia zu gelangen.

Fischerei Köllnitz

Philadelphia

Die hiesige Skyline kann nicht ganz mit der nordamerikanischen am kilometerbreiten Fluss mithalten, doch markant sind die sachlich-verspielten Anlagen der heutigen Floß-Werft schon. Zudem gibt es mehrere Teiche im Ort, von denen der am Spielplatz über einen schönen Strand und ein hervorragendes Schwingseil verfügt, mit dessen Hilfe man freudenvoll und kamerawirksam vom Land ins Wasser wechseln kann.

Man kann sich nun am Rastplatz neben Bootsleibern auf die Schattenbank setzen und den ganzen Tag den passierenden Wassergefährten gönnerisch zuwinken. Auch hier gilt ein Kontrastprinzip: die kleinsten Schüsseln machen die größten Wellen, währenddessen große, gut geschnittene Rümpfe fast lautlos vorbeigleiten und kaum Aufregung an der Uferkante verursachen.

In Philadelphia am Kanal

Am Kanal beginnt hinter den letzten Häusern ein Treidelweg, der dementsprechend das Ufer treu begleitet und von Minute zu Minute schöner wird. Zunächst noch offen und breit zwischen einem knorrigen Weidezaun und dem buschigen Kanalufer, wächst ebendort eine schattenspendende Allee in die Höhe, bevor der Weg zum Pfad einläuft und im lichten Eichenwald verschwindet. Je schmaler die Spur wird, desto breiter erscheint der Kanal selbst.

Uferwiesen in Philadelphia

Im extragroben Uferschotter sitzen zunächst unsichtbar zahllose Enten, die sich beim Näherkommen lautlos lösen und wie eintrainiert am anderen Ufer synchronisieren. Jetzt im August tragen auch die sonst so bunten Kerle ihr tarnendes braunes Schlichtkleid, das der alljährlichen Mauser geschuldet ist. Auf Höhe eines zufließenden Kanals mit unbewegter Wasserfläche zuckt kurze Vorfreude auf den Spreewald auf, der für den Herbst schon vorgemerkt ist. Kurz darauf sorgen zwei uferständige Birken für ein perfektes Spiegelbild.

Schattiger Treidelweg am Storkower Kanal

Neben großen und kleinen Booten schippern hier auch allerhand Hausboote vorbei, auf denen die Gesichtsausdrücke von gähnender Langeweile bis hin zu freudiger Begeisterung reichen. Heranwachsende und auch Herangewachsene fügen sich mehr oder weniger tapfer in die Stunden mit mageren Empfangsbalken. Hier und dort wird reichlich Speck präsentiert, und mancher hat ganz ernsthaft die Kapitänsmütze auf, den Blick nach vorne eingerastet und keinerlei Interesse für Jegliches, das sich abseits der Uferlinie ereignet. Hier ist das Boot zumeist besonders klein.

Kummersdorf

Anderer Kanal von Norden

Kurz darauf kommt die Schleusenanlage in Sicht, die mit ihrem extrasüßen Schleusenwärterhäuschen an Skandinavien denken lässt. Nach der stillverwunschenen Alten Mühle folgt eine sonnige Ortsdurchquerung, bevor es jenseits der Kanalbrücke in den Wald geht. Der Kanal folgt jetzt bestens gelaunt dem ursprünglich gewundenen Bett des Stahnsdorfer Fließes durch einen breiten Feuchtgürtel, sodass dort alle Steuerleute kurz ihren meditativen Halbschlaf verlassen müssen, der auf langen Kanalpassagen irgendwann zuschlägt.

Spiegelbirken am Gegenufer

Nicht jeder Rastbank lässt sich widerstehen, und so braucht es seine Zeit, bis Kummersdorf erreicht wird. Der Uferweg setzt sich auf weichem Rasen fort und öffnet nach wenigen Schritten eine weitere skandinavische Kulisse, für die maßgeblich ein faluroter Giebel in einer Kanalkurve sorgt. Allerhand teure Anwesen und Villen haben sich das Ufer reserviert, darunter auch einige wirklich schöne. Gleich gegenüber sitzen im Uferschatten zwei Mädels mit farblich zum Rasengrün passenden Kopftüchern, die sich eine mittägliche Wasserpfeife teilen und versonnen lächeln. Der verdampfte Tabak mischt sich in seiner fruchtigen Note mit anderen süßlichen Gerüchen aus den Sommergärten.

Kolonie Ost

Uferpfad am Storkower Kanal vor Kummersdorf

Nach einem kurzen Stück auf der Straße verschwindet ein Weg im Wald, von dem es bald durch die lineare Wolziger Waldsiedlung geht. Vorfreudig waren wir heute auf etwas Heidekraut in Blüte, und hier treffen wir es, wenn auch nur an einem kleinen Fleck und nicht mehr, als eine Kinderhand verdecken könnte. Jenseits der Straße geht es weiter in der Kolonie Ost, die über einen eigenen Charakter verfügt. Einige besondere Häuser und Grundstücke gibt es hier zu beschauen, und somit lohnt der Extrabogen, der kurz per Nase den Kanal erspüren lässt und seinen Erlenwald.

Wolzig

Skandinavische Impression am Rand von Kummersdorf

Im Dorf selbst führt an einem großzügigen Wasserwander-Rastplatz eine Brücke über den Kanal, und am anderen Ufer gibt es nun Nachschub an Energie und Mineralien. Der verspielte Sommergarten von Monies Café bietet die dritte Schweden-Referenz, auch wenn er nicht direkt am Wasser liegt. Doch hört man die Boote vorbeituckern, wenn nicht gerade ein Schwarm Biker über die Brücke donnert. Große Karte gibt es keine mehr, doch das Imbiss-Angebot lässt niemanden hungrig vom Hofe ziehen, nicht zuletzt auch dank des frischgebackenen Kuchens.

Bootsanleger am Kanal, Kummersdorf

Rund um das brückennahe Anwesen, das gern ein Schlösschen wäre und manch imposanten Löwen verbaut hat, ist über die Jahre ein wirklich großer Baumschul-Einkauf in die Höhe gewachsen und sorgt für Parkflair und Diskretion, sodass der einstmals dominante Zaun kaum noch ins Bild fällt. Gleich darauf am Dorfplatz wird es gemütlicher, neben dem Fachwerk-Bushäuschen laden Bänke zum Päuschen. Doch wir sind ja frisch gestärkt.

Schleuse Kummersdorf

Hinterm letzten Haus beginnt duftender Wald, durch dessen Stämme der angenehme Wind streicht, der schon den ganzen Tag begleitet. Hinter dem Zaun des Hafengeländes lässt sich zu kleineren Wegen abzweigen, doch einen Blick auf den Hafen gibt es dort auch nicht, also ist es kein Verlust, einfach geradeaus zu gehen und dann an der nächsten Kreuzung abzubiegen. Zwischen kleinen Waldstücken, abgeernteten Feldern und stoppeligen Wiesen kann der Blick nun erstmals weiter schweifen, wenn nicht gerade einer von diesen Strohtürmen im Blickfeld steht. Schmale Lücken im Stroh sorgen für hübsche Durchblicke. Im Wald wird schließlich Görsdorf erreicht, eins von mehreren im Land Brandenburg.

Görsdorf

In der Kolonie Ost, Wolzig

Noch vor der Brücke übers Mühlenfließ, hinter dem das eigentliche Dorf beginnt, führt nach links ein Sträßchen durch ein Wohngebiet, das noch nach Bauphase aussieht, obwohl es schon länger existiert. An dessen Ende wird die Straße abgelöst von einer gediegenen Allee, die abgesehen von Traktoren keine Motoren duldet. Die ausgesperrten Fahrzeuge nutzen die parallel verlaufende Straße, und der eine Traktor biegt schon bald auf die Weide ab und tut den Kühen Gutes, die ihn scheinbar längst erwartet hatten. Der Leitbulle strebt voran, als hätte er gerade ungehalten mit dem langen Arm gewinkt, alle anderen hinterher. Eine Denkpause lässt ihn, dann alle anderen stocken, bevor er wenig später weitergeht. Alle anderen folgen. Viele tönen, so zwischen Godzilla und T-Rex, wie man sie aus Filmen tönen kennt. Denkt man an den Kranichruf und stellt ein bisschen an den Reglern, wirkt das in der Tat nicht abwegig.

Klein Schauen

Strohquader am Wegesrand, Wolzig

Der entspannte Weg führt direkt auf die Dächer von Klein Schauen zu, wo es zwischen drei verschieden langen Varianten für den Restweg zu entscheiden gilt. Es wird die mittlere. Vom schmalen Grünzug des Köllnitzer Fließes weht es kühl und erfrischend herüber. Dahinter beginnt eine kleine Fahrradstraße, die derzeit ziemlich stark befahren ist vom Kraftverkehr. Vermutlich wegen des ziemlich guten Kuchens von Tante Hilde, denn es ist beste Kaffezeit und Hildes Garten groß und schattig.

Busch

Durchblick zur Pappel

Im Weiler Busch stehlen sich zwei Katzen über die Straße, in diesem tiefergelegtem Schleichgang, als hätten sie was ausgefressen oder gemeinsam einen teuren Koi vom wohlhabenden Nachbarn aus dem Teich gemopst, nur so aus Jux und ohne Hungersnot. Dahinter ist wieder Ruhe mit Autos, und ein stiller Alleeweg bringt uns schnurstracks zum Fischerhaus Köllnitz, das direkt am Groß Schauener See liegt. Im kleinen Verkaufskiosk gibt es ein ansehnliches Sortiment von Räucherfisch, Fischspieße und natürlich frische Fischbrötchen in mehr als fünf Sorten.

Fischerhaus Köllnitz

Ruhiger Weg von Görsdorf nach Klein Schauen

Die Anlage rund um die Fischteiche, den Kiosk und die Uferlinie ist schon ein Ausflugsziel für sich, wovon zu Recht der große Parkplatz zeugt. Zwischen Gasthaus und Kiosk verlässt das Köllnitzer Fließ den großen See und tritt trödelnd seinen Weg zum nächsten an. Im glasklaren Wasser tummeln sich einige Fische, klein genug, damit ihnen im flachen Wasser der Bauch nicht abgeschubbert wird. Zwei Meter weiter ziehen im Fischteich wuchtige Karpen ihre Schleifen.

Am Ortsausgang von Klein Schauen

Vorn am Wasser gibt es einen kleinen Hafen und hinter der großen Wiese auch einen Strand, und überall auf dem weitläufigen Gelände scheinen sich die Enten besonders wohl zu fühlen. Flach und nahezu genießerisch haben sie sich auf dem Hochflor des gepflegten Rasens abgelegt und scheinen Müßiggang zu üben.

Fischerei Köllnitz

Gleich gegenüber vom Gasthaus liegt noch ein weiteres, und dort beginnt neben der Straße ein Radweg, der die Partie an der Straße angenehm gestaltet. Noch vor Groß Schauen biegt ein Alleeweg ab, der zwischen den Feldern schattig nach Philadelphia führt. Das erste Haus nach der Landstraße hat Zaun und Garten mit verschiedensten Materialien gestaltet und wird in manchem Kopf sicherlich irgendeine Idee für irgendwas auslösen.

Das Köllnitzer Fließ

Am Badeteich, dem mit dem Seil, tauchen wir am kleinen Strand Hände und Füße ein und genießen diesen einfachen und verlässlichen Effekt. Weiter hinten im Dorf wird ein rollerndes Mädchen zum Abendbrot gerufen. Ein Eis wäre jetzt noch schön. Zum Beispiel im nahen Storkow, schräg gegenüber von der Kirche.

Kleiner Bootshafen am Groß Schauener See

Storkow

Die ganze Stadt ist angenehm durchströmt von einem bunten Treiben, mit Marktbuden und offenen Höfen, Kino und einer Bühne auf dem Marktplatz, wo live und direkt gespielt wird – von Indie über Rock und Pop bis Electronic. Das ganze Wochenende läuft unterm Schirm von Radio Eins ein Festival mit dem sperrigen Namen Alinae Lumr, und das bereits zum fünften Mal. Entsprechend lang ist die Schlange an der Eisdiele, die zwischen Markt und Kirche liegt.

Seil für Mittelmutige am Dorfteich, Philadelphia

Vor mir an der Schlange stehen zwei erwachsene Jungs, der eine muskelbepackt, in sich ruhend und gutgehend tätowiert, der andere eher etwas spack und beide scheinbar Schulkameraden, die sich seit langem mal wieder sehen. Der eine eher jemand, dem man zuhört, der andere passenderweise der ehrfürchtige Gegenpart. Das Standard-Geplänkel schwenkt über die Themen Wohnen und Arbeit beiläufig auf die Harte-Jungs-Schiene und einen lukrativen Nebenverdienst, für den man aber Fertigkeiten als Masafagger mitbringen sollte. Geht dann eine Weile so hin und her mit Interessebekundung und derlei, bis die Jungs irgendwann dran sind. Und mit der Stimme eines Mannes und dem Tonfall eines Schuljungen ihre Bestellung sagen: Kirsche, Mango und Banane. Genau so rührend das klingt, genau so brachial wird das Satzzeichen hinter dem Wort Banane durch einen markerschütternden Schrei aus den Boxentürmen der nahen Bühne ersetzt, gefolgt von einem zielgenauen Schlag auf die sechs Seiten der leitenden Gitarre. Die nächste Band legt los und stürzt unter der einsetzenden Dämmerung die kleine Stadt in ihre Nacht der Nächte.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz mit Umsteigen in Königs Wusterhausen nach Kummersdorf, von dort 10 Min. Zuweg (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Autobahn, dann Storkow abfahren und hinter Rieplos rechts abbiegen (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km, Abkürzungen mehrfach möglich


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Seefeld: Kamillenseife, Maschinenlärm und der Weg nach Berlin

Dieser Sommer gibt sich symphonisch in vielen Dingen und bietet eine beherzte Mischung von Düften dar, die vor allem würzig sind und intensiv, daneben viel bewegt und daher ständig neu gemischt. Zugleich ist er außerordentlich launisch und jagt die Thermometerskala rauf und runter, bietet Kostproben der Höllenglut auf und kurz darauf dramatische Wolken, präsentiert wüstenheiße Tage mit stehender Luft oder kühle Sommerwinde, die temporeich um jede Ecke gescheucht werden.

Rundweg am Haussee, Löhme

Viel ist noch übrig vom Frühling, was Vogelkehlen und Wiesenblumen betrifft. Selbst der Holunder, der mancherorts schon längst Früchte bildet, präsentiert seine weißen Blütenteller, die ihren strengen, eigenen Duft verströmen. Ihre Dolden sind zum Teil groß wie eine Handwerkerpranke, die weit geöffnet zum nächsten Werkzeug greift.

Regen gab es immer mal wieder, hier und da auch stürmische Winde und sogar ein paar Unwetter. Zugleich hielt manch brennende Heide mit potentieller Munition im Boden Tausende Helfer und Bewohner in Aufregung, die auf rettenden Regen und abflauende Winde hofften.

Wanderweg von Blumberg nach Ahrensfelde

Der Juli ging schließlich nach einem Temperatursturz von 38 auf 18 Grad an den Start und schustert nun so ein bisschen rum mit frischem Wind und grobmaschig gestrickten Teppichen aus dichten grauen Wolken, die jede Stunde ein per Quote bestimmtes Fensterchen für blauen Himmel lupfen, manchmal sogar ein paar Minuten Sonnenschein durchwinken. Die allgemeine Verwirrung im Hin und Her des Wetters lässt sich am besten an der Bekleidung der Leute auf der Straße ablesen – neben hastig tippelnden dicken Anoraks mit Pelzkragen über hochgezogenen Schultern schlendern entspannt kurzbehoste Schulterfreie in flappenden Badelatschen. Und alle Touristen machen das Beste aus dem, was sie jeweils mehr oder weniger maßlos in ihre Rollkoffer gestopft hatten.

Nach verschiedenen Erlebnissen in der näheren Ferne oder auch etwas dahinter heißt es nun wieder, sich in Berlin und Brandenburg einzuleben, und dazu ist es am schönsten und effizientesten, von der Stadtgrenze her ins Brandenburgische auszuschwärmen oder eben von einem benachbarten Dorf auf die Stadt zuzulaufen, bis irgendwann der Fernsehturm ins Bild rückt.

Aufwändig eingerahmtes Landschaftsbild, Ahrensfelde

Berlins Umsteigebahnhof Nr. 1 ist nun schon über ein halbes Jahr fertig, und nach vielen Jahrzehnten mit ausschließlich S-Bahnen fahren wieder Regionalzüge von hier ab. Wie jedes Kind der Stadt habe ich gemischte Gefühle zu diesem bewegten Bahnhof – wie possierlich scheint doch das Westkreuz dagegen – , den ich zeitweise gefürchtet, lange gern vermieden und über die Jahre doch schätzen gelernt habe. Dass er eines Tages tatsächlich mal fertig wird, schien unwahrscheinlich, doch nun ist es so. Das erste Mal von dort nach außerhalb abzufahren, ist dann tatsächlich ein besonderes Gefühl.

Haussee bei Seefeld

Seefeld

Züge fahren von hier nach Magdeburg an der Elbe, Cottbus an der Spree oder Küstrin an der Oder, auch nach Wismar an der Ostsee und sogar nach Norddeich, puffergenau an den Gezeitenstrand der Nordsee. Derzeit ist sogar das schwäbische Hauptgebiet per Fernzug erreichbar, von wo sich über den Neckar namhafte Weinlagen erreichen lassen.

Etwas weniger spektakulär und ohne Reben oder großes Wasser kommt die Linie nach Werneuchen aus, deren vorletzter Halt in Seefeld liegt. Während der kleine Zug im Stadtgebiet noch gemächlich dahintuckelt, wird hinter dem letzten Bahnhof von Ahrensfelde freudig beschleunigt, so dass die wolkenschattigen Feldlandschaften regelrecht vorbeisausen. An Bahnübergängen locken bereits die ersten Wege und lassen die Sprunggelenke leicht wackeln, und schon bald hält der Zug in Seefeld, das sich mit dem benachbarten Löhme einen Haussee teilt. Der Bahnhof liegt am Rand des Ortes.

Rundweg um den Haussee, Seefeld

Es ist Sonntag, gerade noch vor zwölf, und so können wir uns im gemütlichen Gasthaus am Anger ohne lange Wartezeit stärken, währenddessen die Gäste strömen und Tisch um Tisch besetzt wird. Bei der Wahl des besten Tisches gibt es unterhaltsames Gebrabbel und viel Hin und Her, bis schließlich jeder einverstanden ist. Die Kellnerin moderiert freundlich und bestimmt an den reservierten Tischen vorbei oder von diesen weg. Die wuchtige Feldsteinkirche steht still daneben, schon immer, und auf dem Anger wurde ein winziger „Stadtpark“ eingerichtet, mit allem, was dazugehört.

Blick auf die verschilfte Westbucht des Haussees

Vorbei am Biergarten der fast benachbarten Seeterrasse kommt man nach wenigen Schritten zum Rundweg um den Haussee, der vor ein paar Jahren eingerichtet wurde, liebevoll und fachkundig, und mit gut einem Stündchen Länge von verschiedensten Leuten gern zum Spazieren genutzt wird, insbesondere sonntags um die Mittagszeit. Der See selbst hält sich visuell meist im Hintergrund, ist jedoch zugleich präsent durch Schilfrascheln, Wasserduft und das Klicken der Blesshühner.

Wanderweg nach Löhme

Der Verlauf des meterbreiten Pfades ist verspielt, in dichten Abständen gibt es schöne Rastplätze und bunte Informationstafeln. Aktuell sind die Wegränder bunt gesäumt von allem, was so blüht zwischen spätem Frühling und hohem Sommer – blau, weiß, rot und gelb und noch manche Zwischentöne. Dazwischen die hohen Gräser und kurzen Ähren, denen der Wind durch die Grannen geht, und all das in kräftigen Farbtönen, die nach Sepia-Filter aussehen.

Großdimensionierte Hochspannungsleitungen erinnern zwischendurch daran, dass man sich im unmittelbaren Umkreis einer großen Stadt befindet, doch die Sinne werden schnell wieder nach unten gelenkt vom Rauschen in den Bäumen, dem Huschen im Gebüsch oder dem Summen und Flattern in den Blüten, die jeden Schritt begleiten. Nach einem schönen Pfadgeschlängel setzt sich die Löhmer Kirche in den Blick, deren Helmfirst von einem weithin erkennbaren Hahn gekrönt wird.

Langer Alleeweg nach Westen

Wenn die vielfältige Runde um den Haussee nicht ausreicht, schwenkt man am besten auf Höhe der Kirche ins Dorf und wendet sich dort nach links. Spätestens hier wird es nun einsam. Am Ortsende versiegt der Asphalt und es beginnt auf knirschendem Untergrund einer dieser schönen Alleewege, die zwischen Buschwerk und alten Baumstämmen von einem Dorf zum nächsten führen, niemals schnurgerade sind und dabei halbschattig und etwas windgeschützt.

Letzteres kommt heute weniger zum Tragen, denn unter der dichten, fast etwas barocken Wolkendecke scheint der Wind nach einem Ausgang zu suchen und ist dabei unwirsch und ohne Richtungstreue. Eine Mütze wäre durchaus sinnvoll, doch widerstrebt einem das in dieser Jahreszeit mit Namen Sommer. Somit wird alles, was an Bord ist und sich formen lässt, am Kopf befestigt – Kapuzen, Tücher, Hüte, manches auch zusammen. Würde man das in Berlin ganz selbstverständlich so tragen, wäre wohl ein neuer Trend gepflanzt, am nächsten Tag das Resultat zu sehen. Und sicherlich wären umgehend auch erste Tutorials in den SoMed verfügbar, selbstverständlich mit Shop-Verlinkung. Doch wir belassen es exklusiv und gänzlich unveröffentlicht.

Weg an den Teichen bei Birkholzaue

Robinien, Eichen und Holunder sorgen für einen Wechsel von Licht und Duft, in größeren Lücken dampft es warm vom abgemähten Acker herüber, und voraus ist ganz weit hinten nun zum ersten Mal der Fernsehturm zu sehen, so etwa streichholzgroß. Auf Höhe des Waldes fällt der Weg ein paar Dezimeter ab, und wer hier nach so viel Geradeaus mit dem Abbiegen nicht bis zur nächsten Kreuzung warten möchte, kann bei abgemähtem Feld weglos in Richtung Schilfgürtel schwenken, der einen Teich zwischen den Feldern umgibt. Ist dieser erreicht, beginnt auch wieder ein grasiger Weg, der in schönen Kurven der Uferlinie folgt. An seinem Ende biegt rechts ein Weg durch üppiges Grün ab, der Kletten an der Hose ermöglicht und bald auf einen breiten Fahrweg stößt. Voraus sind bereits die ersten Häuser von Blumberg zu sehen, und alle halbe Stunde saust mit zaghaftem Getute ein Zug durchs ferne Korn.

Blumberg

Im Blumberger Lenné-Park

Die Kornfelder beiderseits des Weges sind zum Teil abgeerntet und stoppelkurz, teils stehen die Ähren fast kindeshoch. Beide Seiten verströmen den sommerlichen Kornfeldduft, der noch immer gut und gründlich verteilt wird. Hinterm Bahnübergang und der Beerenselbstpflücke quert die Landstraße, traditionell mit leichtem Verkehrsgestocke vor der Autobahnauffahrt. Schräg gegenüber lässt sich dann gleich abtauchen in die gediegene Atmosphäre des lennéschen Schlossparks.

Dem geht es ein bisschen wie den Grünanlagen in der benachbarten Spree-Metropole, die scheinbar unabhängig von plausiblen Einstufungen oder Prioritäten mal bestens gepflegt sind, mal auf Erhaltungsmodus oder auch völlig sich selbst überlassen. Der zu jeder Jahreszeit schöne und weitläufige Park mit seinen alten Bäumen und zaghaften Blickachsen kommt etwas wild frisiert daher, was brütenden Vögeln und tüchtigen Insekten sehr entgegen kommt. Hier und da werden neue Wege angelegt, auch ein Brücklein wird erneuert.

Drum herum stehen in Gruppen oder betont als Solitär erhabene Baumriesen, die noch aus der Zeit stammen, wo Lenné hier seine Arbeit tat. Dazwischen weite Wiesen, durch die zurückhaltend kleine Wasserläufe führen. Infolge des letzten Sommers liegen einige davon noch immer trocken, doch der große Teich ist voll klaren Wassers, bedeckt von den Blätterflokatis des Teichrosenlaubes und gesäumt von Schilfgürteln mit hunderten prallsamtiger Rohrkolben. Durch den Park schlendern Hunde mit ihren Leinenhaltern, auch stakst jemand mit einem Metalldetektor durchs hohe Gras, und ein paar Damen scheinen auf der Suche nach gewissen Kräutlein und haben dabei den botanischen Blick aufgesetzt.

Zuweg zur Autobahnbrücke, Blumberg

Über ein Brücklein aus massiven Feldsteinen kommen wir von der Gärtnerei ins Dorf, vorbei an bunten Bauerngärten und den großzügigen Auslaufflächen der Schule, die etwas oberhalb des Parkes liegt. Weiter hinten spielen Kinder etwas ohne Akkubalken und lassen versonnen an einschlägige impressionistische Gemälde denken. Den lohnenden Kringel um den Dorfteich und zum verwunschenen Kirchhof sparen wir heute aus, da wir vor kurzem erst dort waren und noch einiges an Weg übrig ist, ebender hauptausschlaggebend für die heutige Tour war.

Wanderweg zum Ahrensfelder Stadtrand

Hinter Blumberg vollzieht sich ein besonderes Kontrastprogramm aus dem notwendigen Gebrüll lebenspraktischer Verkehrswege, einem wonnigem Weg über die Felder und dem erhebenden Erblicken der noch fernen Stadt. Eine der schönsten Möglichkeiten, auf den Stadtrand zuzugehen. Bei den letzten Häusern von Blumberg machen die Gärten Platz für eine üppig grüne Feuchtlandschaft, zugleich steigt mit jeder Minute der Schallpegel des Autobahnringes an, da helfen bei entsprechender Windrichtung auch die Schallschutzwände wenig. Oben drüber nimmt an manchen Tagen alle paar Minuten ein Langstreckenflieger die große weite Kurve aus Berlin und brüllt allen im weiteren Umkreis ungefragt die Ohren voll. Doch das gehört zur Stadt und auch zu jeder Tour am Stadtrand.

Weg durch die Kornfelder

Wären die Ohren stummgeschaltet, würde der Anstieg hinauf zur Autobahnbrücke fast bis zuletzt so scheinen, als ginge es irgendwo tief in der Provinz über ein größeres Gewässer oder einfach zwischen den Feldern auf eine Anhöhe. Zwei rote Geländer sichern das Überbrücken der schnellen Straße, die bald aus dem Blick ist, doch länger noch im Ohr. Zugleich wächst auf Höhe des Geländers die Silhouette der Hochhäuser empor, gleich neben dem grünen Ahrensfelder Berg und nur für einen Augenblick. Erstaunlich weit rechts steht ein bisschen verloren der Fernsehturm, noch immer ziemlich klein.

Nach dieser Vorschau auf den Stadtrand fängt ein herrlicher Feldweg den Blick ein, während in den Ohren nach und nach der Pistenlärm verklingt. Links und rechts wachsen Rosen- und Holunderbüsche, saftige Gräser und üppiges Gestrüpp. Auch der bucklige Feldweg nach Ahrensfelde hält es charmant mit seiner eigentlichen Geradlinigkeit, die stets abgelenkt wird von leichten Hakenschlägen, bunten Feldrändern oder gut angewachsenen kleinen Alleebäumen. Links des Weges steht bestens gediehen und goldblond der Weizen, und bis zum allerletzten Ende des Weges ließen sich vier verschiedene Fruchtstände von Getreiden sammeln.

Radfahrerpärchen im märkischen Sand

Von vorn kommt ein älteres Paar ohne Gewichtsprobleme, beide sind attraktiv ergraut und sehen tendenziell nach Schreibmaschine, Töpferstube und Kräuterseifensiederei aus und saßen wohl länger nicht auf einem Fahrrad. Sie hätten besser den etwas längeren, wenn auch profaneren Radweg genommen, denn der märkische Zuckersand lässt die nostalgischen Räder hier ordentlich am Lenker ziehen. So wird mehr gehalten als gefahren, doch das naheliegende Schieben scheint nicht in Frage zu kommen. Mit einem leichten Anstieg naht ein weiteres Problem, dessen Lösung wir nicht mehr verfolgen.

Eine der Besonderheiten dieses Weges ist die zauberhafte Art, wie man denkbar unromantisch am äußersten Rand von Ahrensfelde das Dorf verlässt – zwischen einem Handel für hochmotorisierte Ami-Schladen mit Police-Beschriftung sowie Untertitel „to protect and to serve“ und einer in die Jahre gekommenen Tankstelle, zu deren Luftpumpsäulen immerhin drei urige Holzstiegen hinaufführen. Und dann eintaucht, bevorzugt im Monat Mai oder Juni, in hochstehendes Korn, das wie kaum woanders gesäumt ist von Mohn- und Kornblumen sowie Margeriten, zu deren Füßen wiederum weite Teppiche duftender echter Kamille heranwachsen. Die man natürlich hervorragend in selbst gesiedeter Seife verarbeiten und mit einem liebenswerten Logo mit großmütterlicher Handschrift versehen kann. Diese Richtung ist dann schlüssigerweise eine der schönsten Möglichkeiten, sich vom Rand der Stadt zu entfernen, hin zum Blumberger Park.

Weiher inmitten der Felder

Etwa auf der Hälfte des Weges liegt etwas tiefer und von Schilf umgeben ein Weiher, dessen Fläche oft tiefdunkel ist in ihrem Blau und vor Unwettern eine eindrucksvolle Dramatik entwickeln kann. Heute liegt der Spiegel silbergrau und leicht gekräuselt, und einem parkenden Auto nach muss irgendwo im Schilfgürtel ein Angler nisten. Kurz nach dem See kommt wieder Berlin in Sicht, und dabei bleibt es nun.

Ein Kaffee wäre dringend nötig jetzt, das zeigt auch der Kilometerstand, ferner fordern Kälte und Wind ihren Tribut. Der italienische Mineralölausschank mit dem feuerspeienden Hund im gelben Logo serviert zwar exzellenten starken Kaffee aus dickem Porzellan, doch wäre das ein Umweg übers holprige Feld, bei dem wir zudem noch zwei Störche stören würden, die Nachlese betreiben auf dem abgeernteten Stoppelacker. Also kehren wir beim Franzosen ein, der direkt am Weg liegt, der mit den drei Holzstiegen. Der Blick durch die knappe Autowaschstraße zeigt unerwartet ein Landschaftsgemälde, das von den technischen Wässerungsanlagen eingerahmt wird. Das ist exklusiv, der Kaffee drinnen dann heiß wenn auch in Pappe, und obendrein retten wir zum halben Preis noch ein aufgewärmtes Mehretagen-Brötchen, bei dessen Kauf sich eine andere Kundin verkalkuliert hatte, als es schon im Ofen lag. Und das jetzt erstaunlich gut passt und ein drohendes Energieloch verhindert.

Romantische Holzstufen zur Kaffeetränke

In den Beinen ist noch Kraft für Schritte übrig, Lust aufs Weitergehen ohnehin, und so setzen wir den Weg fort und überholen im Spazierschritt die aufgestauten Autos, die nach Berlin reinwollen. An der winzigen Wuhle, die in abgezählten Tropfen durch ihr Bettchen sickert, biegen wir ein in den Wuhletal-Wanderweg, ein gut ausgeschildertes Weglein, das die S-Bahnhöfe Ahrensfelde und Köpenick verbindet. Damit erweist sich eine Legende aus meiner Kinderzeit nun endgültig als falsch, nach der die Wuhle im Bahnhofsklo von Strausberg entspringt. Eine hübsche Parkanlage mit Spielplätzen, Brücklein und Weihern begleitet das klamme Bett der Wuhle in Richtung Bahnhof Ahrensfelde Friedhof.

Direkt hinter dem Bahnhof, am Zugang zum großen Ostkirchhof mit seinen parkartigen Anlagen, gab es ein schönes Gasthaus mit grünem Biergarten, doch leider ist dieser Ort Geschichte, wie wir mit dürstender Kehle feststellen. Nächste Möglichkeit für Durst-Abhilfe wäre eine Tankstelle, das wäre zwar irgendwie konsequent, aber das Wahre eben nicht, auch wenn es zum Stadtrand passt.

Wanderweg an der blutjungen Wuhle, Ahrensfelde

Lust zum Weitergehen ist auch am S-Bahnhof Ahrensfelde vorhanden, so dass wir noch ein Stück verlängern – nun schon auf Berliner Stadtgebiet. Parallel zur Bahntrasse und ohne Wahrnehmung dieser wurde hier vor dem Wohngebiet ein Parkstreifen angelegt, der mit etwas gutem Willen an ein Kurörtchen denken lässt, vielleicht Bad Ahrensen. Mit geschwungenen Wegen, verschieden gestalteten Nischen zum Sitzen und Treffen, Rodel- und Tobehügeln und allerlei schönen Rabatten. Alles in geliebtem Zustand und locker durchstreut mit Menschen allen Alters. Gegenüber auf dem Sportplatz spielen Ferienkinder und haben sich einen brauchbaren Lautsprecher mitgebracht, der fluffige Beats freigibt. Die ganze Szenerie strahlt einen angenehmen Frieden aus.

Kurpromenade von Bad Ahrensen

Nach einem Schwenk beginnt vor einer oberirdischen dicken Rohrleitung, einem mittlerweile eingängigen Charakterzug für diesen Bezirk, ein wirklich besonderer Parkstreifen. Im Kern eine mitteljunge Allee, vermutlich Ahornbäume, und drumherum naturbelassene Wiesen für die Sumsen, später weite Wiesenflächen, begleitet vom eingesenkten Lauf der einstmals breiten Neuen Wuhle.

Ebenfalls wird die Allee begleitet von verschiedensten Spiel- und Trimmgeräten, die verschiedenste Menschen in skurril anmutende Bewegungsmuster bringen. Die Bewegung trimmt dich sicherlich sehr gut, doch würde man sicherlich ungern von Bekannten oder Kollegen dabei beobachtet werden. Es ist wohl in etwa so, dass man aus sich selbst herausschlüpft, wie es auch Leute tun, die im Auto im Stau minutenlang an ihrer Nase herumkneten oder mimische Gymnastik extremer Natur treiben, weil sie ja dort keiner sehen kann – obwohl in Meterentfernung zwei Glasscheiben weiter schon der nächste Nachbar sitzt. Es ist drollig und dabei das Normalste überhaupt, eben menschlich.

Trimm-Dich-Allee im Tal der Neuen Wuhle, Ahrensfelde

Einige auf den Gymnastikgeräten vollziehen dieselbe Bewegung schon mehrere Minuten, rufen dabei das gute alte Duracell-Häschen ins Gedächtnis und werden sicherlich nach dem Verlassen der robusten Metallstallagen zirkelnd in die nächstbeste Richtung umtorkeln. Als hätten sie als gestandene Landratte gerade einen handfesten Sturm durchsegelt und würden nun den ersten festen Fuß an Land setzen. Ganz egal, sie werden weich fallen, denn alles rundum ist entweder Wiese, Sand oder Mulch. Und rücklings umgeplumpst auf der Wiese liegen und glücklich in die Wolken stieren ist ja auch was Schönes, bis sie dann irgendwann wieder mit dem Strudeln aufhören, die Wolken.

Hornochsen zum Abend, Falkenberg

Falkenberg

Vom aufgeblühten Riesen-Sonnenhut in schönstem Mosaik bis zum abendlich geschlossenen Blütenkopf reicht dieser Teil der Allee, und mit kleinem Schwenk setzt sie sich in einer Pflasterstraße fort, hinter den Gärten des Dorfes Falkenberg, wo umgehend die einstigen Rieselfelder losgehen, durchzogen von schönen Wegen, bunter Flora und jungen Obstbaumalleen. Nun endlich soll es gut sein mit den Schritten, und wir überlassen den letzten Kilometer bis zum Anschluss ans Straßenbahnnetz der BVG, die aktuell wieder schöne Anzeigen auszuhängen hat.

Unter dem westlichen Sonnenhut, Falkenberg

Der Bus ist gut gebucht, die Straßenbahn dann auch. Hier wird getwittert, da geschnattert und dort mit ausladenden Gesten lautlos gebärdet – vielleicht, damit es beim Gewackel der eiligen Bahn auch gut verständlich ist. Auf dem Platz schräg gegenüber sitzt ein Mädchen, sommerlich gekleidet, mit einem versonnen-sanften Lächeln im Gesicht und zwei bunten Torten-Vierteln in der Schatulle, die sie jetzt ins Herz der Stadt ausliefert. Der Sonntag ist noch lange nicht zu Ende.











Anfahrt ÖPNV (von Berlin): per Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz (ca. 0,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der Landstraße über Ahrensfelde (ca. 0,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 20 Kilometer (Abkürzungen möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Rundweg Löhmer Haussee

Lenné-Park Blumberg

Wuhletalweg

Einkehr: Fischerhütte, Seefeld
Hotel Aragon, Blumberg
Ahrensfelde Dorf div. Möglichkeiten

Liepe: Stille Wasser, sieben Seen und die Waldmeisterschaft

In den vergangenen Wochen hat der Mai eine kühle Schulter gezeigt, welche die Natur zu üppigem Grün in allen Wuchsbelangen geführt hat, zugleich jedoch die Menschen auch an Ihre Kleiderschränke, um turnusmäßig weggehangene Winter- oder Übergangsklamotten doch noch einmal zu rauszukramen. Etwas Regen gab es immer mal wieder, so dass Waldbrand aktuell kein Thema ist und der Boden nur an wenigen Stellen aufgewirbelten Staub freigibt, wenn der Wind hineinfährt. Im Wald ist das Blätterdach nun dicht, die Zeit der frühen Blümchen drum vorbei, während auf den Wiesen die bunte Blüten-Pracht in die erste Runde geht.

Wasserspiegel im südlichen Plagefenn

Die Mauersegler hatten nach kurzem Intermezzo noch einmal die Segel gestrichen und wagen sich nach einigen wärmeren Tagen nun endgültig in ihre Reviere, die meist mit Häuserschluchten oder steilen Wänden zu tun haben. Den Grillen ging es da ähnlich, nur dass deren Reviere gänzlich anders aussehen. Für eine innere Verfassung, die Vorfreude auf freie Tage im Sommer verheißt, sorgen die Töne sowohl der einen als auch der anderen. Vorsorglich abgewartet hatte hingegen alles, was Froschaugen unterm Scheitel trägt, und so ist es nun in feuchten Senken und entlegenen Weihern vorbei mit der Stille. Jegliche Fliegen leben von nun an gefährlicher, und aus dem entgegengesetzten Blickwinkel oder zwei Nahrungskettenglieder höher können auch die Störche und die Kraniche aufatmen.

 

Blick durch die Brodowiner Fenster

Bevor nun auch die Mücken ihre geduldig im Wasser treibenden Kompressionssäcke verlassen und für ein paar Sekunden die absolute Anmut verkörpern, wenn sie vom Reich des Wassers zu dem der Luft wechseln, ist jetzt die letzte Chance, weitgehend ungepiesackt durch entlegene Bruchwälder ohne viel Wind zu streifen. Blicke auf andere Bundesländer und ein Besuch der Müritz im letzten Jahr hatten länger schon Lust auf Moor gemacht, und eine thematisch benachbarte Seite, der Berliner Wanderschuh, im Winter den passenden Gedanken ans Plagefenn hinterm Ohr platziert. So viele halbwegs zugängliche Moore gibt es nicht im Land Brandenburg, und das Plagefenn zeigt zudem eine stattliche Ausdehnung, in der sich allerlei Wildnis finden lässt. An deren Rand liegen obendrein zwei besonders schöne Dörfer, die jeweils eingebettet sind in charakterstarke Landschaften.

 

Ausgeuferte Kopfweiden zwischen Brodowinsee und Wesensee

Liepe

Liepe ist eins von diesen Dörfern zwischen Eberswalde und der großen Oder, welche die Anmutung eines Bergdorfes haben, wie auch Falkenhagen oder eben die benachbarten Orte Niederfinow und Oderberg. Alle liegen Sie am weiten Bogen des alten Oderverlaufes, der die große Oder-Insel von Neuenhagen westlich umrundet und ein weites, topfebenes Tal aufspannt. Von diesem steigt die Landschaft in einer steilen Stufe an, wobei zwar nicht viele Höhenmeter gesammelt werden, doch dafür oftmals sehr direkt. Die Dörfer liegen jeweils unterhalb dieser Flanke, entsprechend viele Terrassengärten gibt es und schöne Aussichten von den höheren Lagen, die bewaldet sein können oder offen. Liepe ist das einzige der Dörfer ohne Kirche, dafür gibt es einen schicken Gutshof, wo man in edlem Rahmen heiraten kann oder einfach nur ein Bierchen zischen. Wenn auch man sich in Knöchelschuh und Waldzivil vielleicht fehlplatziert fühlen könnte, doch das kann auch ganz anders sein.

 

Am Gutshof Liepe

Vom schönen Areal mit seiner prächtigen Außenmauer steigt eine direkte Treppe ab, die das mit dem Bergdorf nochmals unterstreicht. Unten strömt sofort der Duft der weiten Oderbruchwiesen durch die Nase und weiter in die Lungen, und einige Schritte darauf spannt sich im Breitformat der Blick über ebendiese auf, bis hin zu den Schulter an Schulter stehenden Schiffshebewerken bei Niederfinow. Die erste Wiesenmahd wurde bereits begonnen, in der Folge ist zum einen der Wiesenduft noch aromatischer, zum anderen schweben in edel performten und weitgefassten Bögen die hiesigen Störche ein, um mal was in den Schnabel zu bekommen, was nicht nass und glitschig ist.

Im Übergang zwischen den äußeren Grundstücken und der weiten Landschaft liegen einige Gärten, deren Erde tiefdunkel und fruchtbar sein sollte. Versonnen und leicht betulich wird hier und da mit Rechen oder Spaten gearbeitet, mit grünem oder auch schmutzigem Daumen. Riesige Scheunentore gibt es zu sehen und wettergegerbtes Holz, schöne Gärten und verpeilte Hofhunde. Alle sichtbaren Fahrzeuge sind eher nützlich als repräsentativ, abgesehen von einem tiefergelegten Opel, dessen Unterboden scheinbar auf der hohen Wiese aufliegt. Gibt es also auch noch.

 

Blick von Liepe auf die Schiffshebewerke

Kurz hinter zwei Buswartehäuschen aus zwei Epochen deutscher Geschichte zweigt die Choriner Straße ab, die ihren Namen zu Recht trägt – zu Fuß würde man nach zwei Stunden genau am eindrucksvollen Kloster herauskommen. Doch das ist eine andere Geschichte, auch wenn sie auf dem Zettel dieses Jahres steht. Wir folgen der ersten Gabelung, die rechts in einen schattigen Weg mit Wiesennarbe lockt. Nach den letzten Gärten und Schollen beginnt ein saftiger Wiesengrund mit wuchtigen braunen Kühen, die im Vor- und Rückblick zu einer weiteren Gebirgsimpression beitragen. Mitverantwortlich sind auch die Thiedsschen Berge.

 

Scheunentor in Liepe

Hinter den Wochenendgärten beginnt ein Pfad, der ohne viel Gewese in die entrückte Welt des Plagefenns führt. Die Bäume sind hoch, das Blätterdach schon dunkler als noch vor zwei Wochen, und darunter haben sich unzählige Singvögel sehr viel mitzuteilen. Schon bald liegt rechts die erste Wasserfläche, fast lückenlos bedeckt von Entengrütze, die jegliche Bewegung in prächtigem, matten Grün stillgelegt hat. Kein Tier ist zu sehen, das es wagen würde, die verschwiegene Ruhe dieser Fläche zu stören, eine wasserschwarze Lücke zu reißen. Nur altgediente Bäume ragen heraus, die sich als Erlen kaum beeindrucken lassen von nassen Füßen. Gefallene Stämme liegen im Wasser, schauen noch ein Stück heraus und lassen erahnen, wie flach und morastig es hier ist, wie unwiederbringlich verloren etwas wäre, was man hier hineinwirft. Einige der bemoosten Stämme dienen selbst schon als Nährboden für neue Stämmchen oder Grasbüschel. Versunkene Baumstümpfe sind lebhaft ausgetrieben, andere von buschigem Gras umgeben, wie kleine Inseln.

 

Stilles Moor bei Liepe

Plagefenn

Kurz nach dem Queren eines im Sickertempo fließenden Verbindungsgrabens beginnt dann die Welt der riesigen und verzweigten Wasserfläche am Düsteren Possenberg, die einen regelrecht umhaut und wieder einmal darüber staunen lässt, was es in Brandenburg alles für Landschaften gibt. Wie völlig woanders sieht das aus und weit weg, wie irgendein Hochmoor in ferner rumänischer Wildnis oder den entlegenen Grenzwäldern zwischen Bayerischem Wald und Böhmerwald.

Irgendwo beim Berliner Wanderschuh stand geschrieben, dass man vor lauter Staunen den Abzweig verpasst hätte und dann etwas durch Kraut und Unterholz staksen musste, bis wieder ein richtiger Weg erreicht war. Das ist absolut nachvollziehbar, denn alle paar Meter muss man stehenbleiben und die Augen oder die Ohren aufreißen, lauschen oder linsen, sich auf die Zehenspitzen stellen oder an den Rand zwischen nass und trocken vorwagen, um ein Bild zu knipsen, frei von Uferästen. Hier gibt es grobmaschige Gespensterwälder aus stummen, astlosen Stämmen, undurchdringbare Schilflabyrinthe für Orientierungsmeister, ferner kleine Erlenwälder, die im Wasser stehen und einfach so gedeihen sowie dazwischen immer wieder üppige Buketts hochgewachsener Wasserlilien.

 

Hölzerner Elefantenfriedhof

Ganz hinten, hin zum erwähnten Berg mit dem leicht schaurigen Namen, ruht wie ein nach abgebrochenem Spiel vergessenes Goliaths-Mikado ein Elefantenfriedhof aus unendlich langsam zueinander getriebenen, glatten Stämmen, teils übereinander geschoben. Gegenüber, am Verbinder zum Nebenmoor, halten Dämme in mehreren Stufen das absteigende Wasser in Schach. Die Stufen sehen nicht nach Biber aus, zu brav, zu gleichmäßig, zu vernünftig. Oder der Biber ist diplomiert und von den Forsten angestellt, so allenfalls könnte es sein.

Währenddessen trägt die Windrichtung mit jedem weiteren Schritt eine weitgehend monotone Chormusik übers Wasser, die aus zehntausenden Kehlen kommt und mutmaßlich ohne Dirigenten, Strophen oder derlei Regelwerk funktioniert. Eher wie ein Klangteppich ist, doch mehr stoppelig als weich. Und in den Bann zieht. Immer lauter schwillt es an. Was wir bisher im Jahr an Fröschen nicht vernahmen, gibt es jetzt in einem Rutsch. Es müssen so unerhört viele sein, vielleicht alle.

 

Uferweg im südlichen Plagefenn

Am Düsteren Possenberg selbst wird es wieder leiser, der Wind schweift ab und die Waldvögelein übernehmen aufs Neue die Beschallung, die jetzt dezent wirkt. Kurz nach dem Verlassen der leicht unwirklichen Welt quert im Wald ein wogenreicher Pflasterdamm, dessen Spuren gegenüber der Narbe über die Zeiten stark abgesackt sind – definitiv kein Verkehrsweg für den Opel von vorhin, denn lautes Fluchen und austretendes Öl wären vorprogrammiert, letzteres gerade hier besonders übel.

 

Wiesengrund im Walde

Der Gedanke wird kurz darauf entfernt aufgegriffen, als wir an einem idyllischen Wiesengrund endlich die erste Rast machen können, denn für längeres Verweilen wäre es da unten mit den Mücken doch so eine Sache gewesen, ein Schmaus auf beiden Seiten. Hier geht etwas Wind hindurch, zumal ist das nächste Wasser ein paar mehr Steinwürfe entfernt. Zu verdanken ist das bezaubernde Stück Grün gänzlich unromantisch der Trassenführung einer Erdgasleitung, die einmal von Nord nach Süd führt, von der Ostsee bis nach Tschechien. Absurder als dieser sachliche Umstand ist die spätere Information vom Wegesrand, dass es zu DDR-Zeiten genau hier Rallyes gab, wo hochgezüchtete Rennsemmeln mit Vollgas über diese Waldstraßen jagten. Zurück zur blumigeren Wahrnehmung dieses schönen Fleckchens Erde führen uns zwei Kraniche, die in Sichtweite grasen.

 

Im Wald des Plagefenn

Ein leicht krautiger Weg verlässt die kleine Straße in den Laubwald und führt an den Rand des eigentlichen Plagefenns rund um den Großen Plagesee, einem seit mehreren Jahrzehnten unberührten Totalreservat. Dementsprechend wird darum gebeten, die breiten Wege nicht zu verlassen, damit sich alles schön weiterentwickeln kann und niemand mit Hufen, Pfoten oder Flügeln gestört wird, auch niemand mit Wurzeln, Mycel oder Rhizoiden. Es ist hier im hohen Wald ähnlich unbewegt wie an den grützbedeckten Moorsenken oder dem ruhenden Totholz von vorhin. Ein mit Kleidung bedeckter Passant im Zweifüßergang scheint gerade unvorstellbar. Einige Enten verlassen die Szene und schnattern sich im Abflug Entrüstung zu. Irgendwo steuert ein kaum wahrzunehmender Schwan in kleiner Fahrt zwischen den Grasinseln hindurch.

 

Waldstraße nach Brodowin

Zurück in die Welt bringt uns die Pflasterstraße durch den Wald, neben der auf Waldboden ein kleiner Fußweg läuft, längs geparkte Eichenstämme laden zum Balancieren ein. Ein wohliger Duft erfüllt den Wald, der zum größten Teil dem Waldmeister zu verdanken ist, der hier ungewohnt großflächig den Waldboden bedeckt und gerade in Blüte steht. Griffig widerlegt er die Legende, dass Waldmeister erst nach dem Trocken zu duften beginnt. Ob nun die Blüte oder das Laub duftet, hat sich bislang trotz zahlreichen Niederkniens nicht klären lassen, doch ist es eigentlich auch egal. Es duftet köstlich.

Dass Waldmeister, im Kindermund ein optionaler Begriff für den Förster, laut einer anderen Legende auch leicht berauschend wirken kann, legen uns winzige Fröschlein nahe, die zwischen den Pflanzen eine eigenartige Art von Hochsprung vollführen, die einem das Wort Absinth in die Gedanken ruft. Er wirkt zweckfrei und umgehbar, irgendwie gedopt und nicht ganz bei sich. Viele sind es, und doch wird nicht klar, ob es sich um dieselbe Party handelt. Vielleicht sind auch die Pilze im Spiel, die ein paar Meter weiter ganz unmaihaft am Wege standen. Unwissend und unabhängig davon fahren zwei Radfahrer vorbei, die ihrem Gepäck nach in Brodowin ein Urlauberquartier bewohnen.

 

Waldmeister auf Augenhöhe

Durchaus willkommen nach so viel Entrücktheit ist nun der Landschaftswechsel auf Höhe des Kleinen Plagesees, der schon zu den sieben Seen zählt, die Brodowin umgeben. Hinter dem Wald beginnen große Landschaftswellen voller Kornfelder, denen der Wind liebevoll durch die Grannen fährt, darüber treibt derselbe Wind herrlich nordische Wolkenbilder über den Himmel und trägt dort auch zwei Dutzend Kraniche, ganz weit oben. Der blumig-fruchtige Duft des Waldmeisters wird fast nahtlos abgelöst von dem der Robinien, die hier die aufsteigende Straße begleiten.

 

Feldweg bei Brodowin

Brodowin

Thematisch nahe übernimmt am Dorfeingang der letzte Flieder, wenn auch aromatisch kräftiger in seinem Vergehen. In die Wendeschleife wurde liebevoll eine Rastbank platziert, umgeben von Findlingen, auf denen kreisrunde Platten installiert wurden. Auf diesen findet sich Lesenswertes in angenehmer Kürze, neben Praktischem auch Schönes, darunter Zeilen von Eva Strittmatter oder Christian Morgenstern, der eine hier, die andere dort.

 

Schamhaftes Mohnblümchen

Der Gang durch das langgestreckte Dorf dürfte für Maler oder Fotografen eine zähe Angelegenheit sein, denn überall locken motivträchtige Bilder und Arrangements, liebevoll geschaffene Gärten und schöne Häuser, ab und an zeigt sich auch der Brodowiner See, der innerorts eher wenig Aufhebens von sich macht. Dazu kommt das stille Geplauder der Schwalben, hier und da blökt auch wer von weiter hinten.

Mehr Menschen sind jetzt zu sehen. Bewohner, die von der Arbeit kommen und nach der langen Woche keinen Blick übrig haben für Wochenend-Großstädter, die beseelte Blicke versenden. Filz– und jutebedeckte Gruppen von Seminar-Teilnehmern, die kontrovers und zusammenfassend plaudern oder gerade vor den Toren der Siedlung unterwegs waren, um sich zu spüren, vielleicht auch waldzubaden. Vor allem aber glückliche Familien und erweiterte Verwandtschaftsverbünde, die scheinbar einem gemeinsamen Ziel entgegenstreben. Das Gruppentempo bestimmen der gebeugte Opa am Gehstock und der ähnlich schnelle jüngste Nachwuchs, der kurz zuvor den Sprung von der Krabbelgruppe zur Brabbelgruppe und zum aufrechten Gang geschafft hat und schon mehrere Schritte im Stück gehen kann. Die Cousins im reiferen Teenageralter passen sich in Gang und Lautierung an, von Angesicht zu Angesicht, und schöne Szenen der Heiterkeit entspringen daraus.

 

Runde Tafeln in Brodowin

Der Dorfanger bietet die Gediegenheit und den Schatten eines gepflegten Stadtparks, die umliegenden Häuser und ein niedlicher Trecker runden das Bild ab. Schöne Bänke locken, eine davon geht rund um einen Stamm, der sie demnächst sprengen dürfte. Vorn das Gasthaus lädt ein zu regionalem Spargel und verpacktem Eis, und gegenüber hört man die Zicken auf der Weide, die hier in Brodowin immer besonders friedlich wirken. Das Dorf hat eine gute und aufrechte Idee umgesetzt und sich selbst als Ökodorf erfunden, kurz nach der Wende. Da waren Bioläden eher noch ein Klischee, etwas für Kenner und Idealisten und weit entfernt von großer Wirtschafts-Maschinerie. Der Zustand des Dorfes, der umgebenden Landschaft und nicht zuletzt die Wasserqualität der Seen zeugen von der Kraft der guten Idee, die bis heute im allerbesten Sinne gepflegt wird und besteht.

 

Dorfanger in Brodowin

Von der Kirche aus bieten sich allerlei reizvolle Rundtouren an, so dass ein mehrtägiger Urlaub im Dorf keineswegs abwegig ist. Wir gehen am Zickenstall vorbei und folgen dem gemütlichen Feldweg aus dem Dorf, vorbei an einer gewaltigen Kopfweide und begleitet vom flächigen Zirpen der Grillen. Zwischen den Seen quetscht sich der Weg hindurch und quert dabei ein Stückchen feuchten Wald, im Rückblick ist noch lange die Kirchturmspitze zu sehen. Der Wesensee entzieht sich weitgehend dem Blick, damit auch der jenseits gelegene Kleine Rummelsberg mit seinem Nachbarhügel. Umso mehr setzt sich der Brodowinsee nun in Szene, mit seinem Schilfgürtel und den Waldeshöhen gegenüber, den Landschaftswellen rundherum und manchem toten Baum, der jetzt verschiedensten Tieren ein Zuhause bietet. In einem unbelegten Astloch zieht sich ein kamerascheuer Maikäfer im mattgoldenen Mantel zurück, mit leichtem Vorwurf im schleppenden Gang. Seine letzten Tage sind wohl angebrochen, hier sein Platz dafür gefunden.

 

Am Brodowinsee

An der Kreuzung beim letzten Stein mit runder Texttafel beginnt ein einladender Plattenweg, der am rechten Rand von kleinen Rapsbuketts begleitet wird. Links stehen Büsche wie Weißdorn und wilde Rose, zumeist in Blüte. Zwischen Passanten werden geräuschlos einvernehmliche Blicke ausgetauscht, da offensichtlich derselben Freude gefrönt wird. Durch die Kornhalme leuchtet hier und da in unfassbarem Blau eine Kornblume hindurch, und vorhin schon gab es die ersten zarten Mohnblumen, die ihre knittrigen Laken etwas verschämt im Unterholz entfalteten.

 

Uferbank am Rosinsee

In einer klammen Wegkurve mit Wäldchen zweigt links ein halbwilder Weg in die Wiesen ab, der die schilfige Bucht nördlich des Rosinsees streift. Von vorn kommen zwei Herren mit akademischer Anmutung durch die struppigen Halme gestakst, eher auf Erkenntnisgewinn als auf Wanderlust, die uns gestochen artikuliert und wie genötigt den Gruß entgegenmurmeln, dabei etwas staubig gucken. Wenig später lagern steinpilzbraune Weinbergschnecken sowie ein blasser Pilz an der Spur des winzigen Pfades, die den beiden Herren betreffend Temperament in nichts nachstehen. Von hier lässt sich schon die große Wasserfläche des Sees erahnen, der nach dem Eintritt in den alten Wald groß und glatt vor uns liegt, sogar mit einem hölzernen Schaufenster. Links steigt der Hang steil an, und wäre der Mai nicht wie dieser Mai, wären wir spätestens an der dritten Badestelle schwach geworden.

 

Bruchwald am Rosinsee

Auch am anderen Ufer steht der Wald auf steilem Hang. Am Ende des Sees setzt sich das Wasser in einem breiten Bruchstreifen fort, der besonders dicht und verwunschen ist. Selbst erfahrene Enten beim Versteckspiel dürften hier auf Herausforderungen stoßen. Links des Weges beginnt ein längeres Stück mit alten Lebensbäumen – oder doch eher Sumpfzypressen, wenn man die feuchte Nachbarschaft bedenkt.

Wieder quert eine alte Pflasterstraße, lässt den Bruchwald hinter sich und steigt ein wenig an. Auf Höhe des Krugsees biegt ein Weg ab und folgt im Bogen einem Wiesengrund, der uns ein zweites Mal die Erdgasleitung queren lässt. Ein Maikäfer liegt mitten auf dem Weg, ist auf dem Rücken gelandet und kommt nicht wieder auf seine sechs Beine. Selbst mit Hilfe dauert es fast eine Minute, bis wir ihn wieder halbwegs standsicher in der Wiesennarbe platziert haben. Doch auch er wirkt kraftlos, am Ende des Monats Mai, und sucht vielleicht nur seinen Platz für den finalen Rückzug. Nicht oft sieht man solche Käfer, und jedesmal ist es erstaunlich, wie groß sie sind, wie viel größer als die Kollegen vom Juni.

 

Hohlweg am Rand von Liepe

Am ersten Haus seit langem lockt nach links ein Wegweiser zum Krugsee. Wir bleiben auf dem Weg, überqueren ein winziges Rinnsal und nehmen eine Nasvoll von den frisch erblühten wilden Rosen am Wegesrand. Am Rand von Liepe empfängt ein einladender Rastplatz, doch auch dem widerstehen wir, denn Beine und Arme sind lahm, der Kopf gedankenleer. Am lockenden Hohlweg hingegen, der etwas links auf saftiger Wiese hinabsteigt, siegt die Neugier, zumal er Richtung und Gefälle der Straße folgt. Hoch oben auf der Alm steht viereckig eine Kuh, als wäre sie ein wohlplatziertes Kunstobjekt, das den Betrachter necken soll.

 

Weiter Blick vom Lieper Rang

Am kleinen Dorfplatz öffnet sich nun hinter einer Fachwerkfassade der weite Blick ins Oderbruch und auf die Höhen dahinter, die Mittelgebirgs-Optik bieten und doch nur knapp die 100-Meter-Marke knacken. Entlang eines langen Mauerbogens nehmen wir noch einen letzten Umweg, während im Hintergrund eine Frau ihren Struppi ruft, mehrfach und zunehmend moduliert. Doch der hat wohl woanders Besseres zu tun. Links auf der Mauer hebt dazu eine Katze ihre Stirn, während der Storch von vorhin zum Abend von den Wiesen kommt und nach kurzem Stehen verdient in seinem Nest versinkt.

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Gesundbrunnen bzw. Hauptbahnhof mit Regionalexpress nach Eberswalde, dann weiter mit dem Bus (ca. 1,5-2 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn und Eberswalde, optional über B 158 und Werneuchen/Tiefensee (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 19 Kilometer (Abkürzungen bzw. Teilung gut möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Berliner Wanderschuh (Wanderblog)

Informationen zu Liepe

Eindrücke vom Plagefenn

Internetpräsenz vom Ökodorf Brodowin

Maikäfer

 

Einkehr: Zum schwarzen Adler, Brodowin (gemütlich, gute Küche)
Landhof Liepe, Liepe (gehobene Preisklasse)

 

Marxdorf: Tempelritter, verschwundene Kastanien und die Allee im Walde

In diesem Jahr hatte bereits der März sämtliches Pulver verschossen, welches der April sorgfältig angesammelt und bereitgelegt hatte, um wochenlang alle Lebewesen gehörig durch die verwinkelten Gassen der Wetterphänomene zu scheuchen. Wie er da rangekommen war, weiß keiner. Aller Launischkeit im Vorhinein beraubt, schaltete der April daher auf bockig, wilderte wie schon letztes Jahr übermütig im Werkzeugkasten des Sommers und legte eine gnadenlose Serie heißer Tage hin, an denen die Sonne mit voller Glut vom blauen Himmel bretterte, quasi von Null auf Hundert.

Komturei Lietzen hinter der Mauer

Auf den Bürgersteigen wurde umgehend bauch- und schulterfrei geboten und am Eis geleckt, während alle Cabrios auf den Straßen ihr Dach wegsteckten und jeder Lenker darin forsche Blicke warf. Auch andere Schönwetterautos und geliebte Oldtimer wurden ausgemottet, sodann versonnen und in altersgerechtem Fahrtempo über die Landstraßen bewegt. Waren nun all die Sonnenanbeter entzückt von diesem frühen Geschenk, bimmelten bei vielen schon wieder die Alarmglocken angesichts ausschließlich gelbfarbiger Wettervorschauleisten. Schnell folgten die ersten Waldbrände, und für alle amtlichen und ehrenamtlichen Feuerwehrleute im Lande brach eine unruhige Zeit an.

Fast vier Wochen lang gab es so gut wie keine Wolken und manches zu suchende Osterei schmolz dahin, bis in den letzten Apriltagen endlich der erste wirkliche Regen fiel und bei den tüchtigen Feuerwehren etwas Entspannung und eine Atempause einkehrte – innerhalb von zwölf Stunden sank die Waldbrandgefahr von der höchsten auf die niedrigste Stufe, von fünf auf eins. Auch die Natur schien darauf nur gewartet zu haben, denn in diesen zwölf Nachtstunden explodierte es an Halmen und Zweigen, vervielfachten Baumkronen und Wiesenflächen ihr sichtbares Volumen. Die Vögel tönten laut und zuversichtlich, die Mischung aller Frühlingdüfte geriet sagenhaft und verführte zu tiefem Einatmen. Es war eine wahre Befreiung für alles, was neben Licht auch Wasser braucht. Dass in der folgenden Woche dann gleich wieder die Handschuhe herauszuholen waren, ist eine andere Geschichte, vielleicht ja noch die späte Rache des Aprils. Der Tanz in den Mai jedenfalls war nicht schulterfrei.

Kastanienallee im Walde

Um nun diese lang erwartete Mischung aus nassem Waldboden, frischen Blüten und saftigem Grün beim Ausflug gründlich auszukosten, sollte verschiedenartiger Wald und allerhand von diesen schönen buschigen Wegen dabeisein, die oft von Dorf zu Dorf führen und unattraktiv für Fahrzeuge sind. Dazu vielleicht noch ein paar Seen, welche die Kühle des Morgens gespeichert halten. Zwischen Müncheberg und Seelow ist von all dem einiges zu finden, und aus einer alten Tour wurde durch bloßes Umkehren fast schon eine neue, die hier und da sogar noch überraschen kann.

Kirchweiher in Marxdorf

Marxdorf

Marxdorf ist ein gemütliches Dorf, das auf hübsche Weise abseits liegt – viele Wege führen dort hin, doch bis auf die Hauptzufahrt verleiten sie alle zur Langsamkeit und zum Genuss, egal ob nun im Latsch, im Sattel oder hinterm Lenkrad. Der Anger, nicht klar zu erkennen und variantenreich maskiert, verfügt über zwei Teiche. Am kleineren steht in attraktiver Nachbarschaft die Kirche, während der größere eher entspannten Freizeitstunden dient. Im Norden gibt es ein kleines Parkdreieck mit Denkmal, in der Mitte einige ergiebige Äcker und hier und da verschiedene Weiden für Fell- und Federvieh. Am großen Teich liegt über einer Wiese voller Schlüsselblumen der hübsche Spielplatz, und überall im Dorf trifft man statt Zäunen auf stattliche Feldsteinmauern als Grundstücksbegrenzung.

Am kleineren Kirchweiher, der unterhalb der Mauer des Kirchhofes liegt, hat sich eine Gänsefamilie eingerichtet, die mit lautem Geschnatter auf ihre Fünflinge hinweist und zugleich im Unterton einen ausreichenden Abstand nahelegt. Das gilt selbst für die entfernte Verwandtschaft eines Entenpärchens, das extra vom anderen Teich angereist ist, um seine Aufwartung zu machen.

Gänsefamilie auf dem Kirchweiher

Der hiesige Gasthof der mittleren Preisklasse wurde einst von einem bärtigen Herren geführt, dessen zelebriertes Erkennungszeichen neben frischen Fischen in der Pfanne ein lustig aufgesetzter lustiger Hut war. Markanter noch für den Durchreisenden war der herrliche Bullerjahn-Ofen im Schankraum, speziell natürlich an kalten Tagen. Mittlerweile sind neue Betreiber am Werk, und in greifbarer Zukunft soll hier der Erlebnis-Gasthof Loosgut öffnen, der dann neben Fisch auch Rindfleisch von der Weide nebenan auf die Karte bringt. Nicht minder markant für so ein leicht abgelegenes Dorf und fast ein bisschen kurios war die Likörfabrik, die sich jedoch mittlerweile nach Neustrelitz verlagert hat – das Marxdorf in Namen hat sie mitgenommen, was für ein gewisses Renommee der süßen Spezialitäten spricht.

Doch die Wahrnehmungsorgane und auch der Bewegungsapparat drängen jetzt zum Dorfende, wo einige bekannte Elemente freudig erwartet werden. Neben einem zutiefst beruhigenden Weg in Richtung Wald und dem weiten Blick übers saftige Grün zählen dazu einige alte Kopfweiden, die mehrfach auseinandergebrochen und doch noch zusammenhängend sind. Der jahrzehntealte Kompost der eigenen Krone sorgt im Innern des Stammes für einen weichen Mutterboden, auf dem allerhand wächst und gedeiht. Eine Kleinfamilie hätte dort ausreichend Platz für ein bedrängtes, doch einzigartiges Picknick.

Schlüsselblumenwiesenhang unterm Spielplatz

Am ersten Ausläufer des Waldes steht die erste Nachtigall des Tages in Sangespose, die schon ungeduldig darauf gewartet hat, dass endlich irgendwelche Zuhörer vorbeikommen und beeindruckt sind von ihrer Virtuosität. Von hier fällt der Weg als grüne Hohlgasse ab zum Wald, so eingesenkt, dass man fast den Krummen See übersieht, den ersten der sechs Seen am Weg. Ein Abstecher zum Marxdorfer Moor lohnt sich, verlangt jedoch eine gute Orientierung oder Satellitenunterstützung, denn von einstigen Wegen ist kaum mehr etwas zu sehen. Das Moor liegt noch trocken vom letzten Sommer und keine Froschkehle ertönt, doch in nässeren Zeiten lassen sich hier ganze Teppiche von Wollgras bestaunen. Der Abstecher lohnt auch wegen des besonderen Lichtes im fast reinen Buchenwald, dessen grüner Dom sich hoch über dem laubbraunen Waldboden wölbt.

Trockenes Marxdorfer Moor

Wer das Moor auslässt und sich lieber an vorhandene Wege hält, darf am Waldrand entlang einer stattlichen Reihe alter Eichen spazieren, mit den gewellten Feldern im Blick. Die buckligen Wurzelausläufer an ihren Füßen sind von Moos bedeckt und erinnern an mit Herzblut gebastelte Modelle von Mittelgebirgen. Ein besonderer Weg, der etwas Archaisches hat und auch ein paar Blicke in den Buchenwald spendiert. Am Waldeck biegt, alternativ zur geradeaus führenden Forststraße, ein leicht verwachsener Weg ab, der etwas Staksen und Beineheben verlangt, doch das lohnt sich. Jede Landschaftswelle nimmt er mit und sammelt damit einige Höhenmeter, führt zudem vorbei an Fichten- und Robinienwald, jeweils mit dem besonderen Licht. Begleitet wird der Waldrand auch hier von alten Bäumen mit gewaltigem Umfang. Auffallend sind zudem die Lesesteinhaufen, teils fast schon im Ausmaß vorgeschichtlicher Grabhügel. Direkt am Waldrand stehen sogar kleinere Hinkelsteine benachbart zu kürbisgroßen Brocken. Über wieviele Jahrzehnte wohl so ein Haufen gewachsen ist, wieviele Generationen von Ackerbauern ihn immer wieder nährten?

Buchenwaldhalle beim Marxdorfer Moor

Nach dem Abdrehen in den Wald zeigt sich dieser erneut besonders, denn der Weg führt vorbei an Douglasienbeständen. Wer gern eine besondere und natürliche Erfrischung hätte, zerreibt ein paar Nadeln zwischen seinen Fingern und wird die nächsten Minuten nicht damit aufhören können, immer wieder die Hand an die Nase zu führen und den anregenden Duft einzuatmen, bevor er irgendwann verfliegt.

Im Wald liegt noch einiges quer von vergangenen Stürmen, sodass das Verlassen der großen Wege etwas Kletterei erfordern kann. So krauchen wir über und unter umgelegten Stämmen und Kronen hindurch, bücken, strecken und verbiegen uns. Das Ziel ist ein Hügel mit Robinienwald, der auf einem steilen Weg verlassen wird. Überall lagern meisterlich angelegte Stapel riesiger Holzscheite im Wald, die zeigen, wieviel schon aufgeräumt wurde. Auch die Spuren grobstolliger Reifen zeugen davon. Umso erstaunlicher ist es, was alles noch zu tun bleibt.

Eichenreihe am Waldrand

Nach einem kleinen Gespensterwald voll knolliger Robinienstämme, den man besser nicht zur Dämmerung durchquert, übernehmen wieder breite, freie Wege. Hinter einer Waldstraße steht ein kleiner Lebensbaumwald, und wenig später beginnt eine wahre Rarität: mitten im Wald zieht sich eine betagte Kastanienallee entlang des Weges, deren hochgewachsene Bäume schon vollständig belaubt sind. An einem Querausläufer der Allee ruht eine urige und vielfältig bewachsene Riesenwurzel, groß und schnittig wie ein Delphin, die voll unerzählter Geschichten steckt. Oben in den grünen Wipfeln mit den weißen Kerzen jagen Finken und andere schnelle Vögel hin und her, dem Anschein nach eher verspielt als funktional. Genau hier fällt der erste Sonnenstrahl des Tages in den Wald und veredelt die besondere Szenerie.

Lesesteinhaufen mittlerer Größe, Draufsicht

Vorn auf der Schotterstraße zwischen Marxdorf und Lietzen Nord fetzt ein Transporter vorbei, den wohlverdienten Feierabend im Blick. Dass selbst jetzt kein Staub aufgewirbelt wird, ist wohl der nachdrücklichste Beweis für das Ausmaß des nächtlichen Regens. Die Straße verläuft durch einen grünen Tunnel, dessen Dach zu großen Teilen von Ahornblättern gebildet wird. Rechts im Hintergrund wachsen blutjunge Buchen heran, dicht an dicht mit ihren glatten Stämmen und in Wurfweite zu einigen versteckten Waldweihern.

Blick durch die Buchenstämme nach Marxdorf

Bald darauf verlässt der Weg den Wald und bringt nun großflächig eine neue Farbe ins Spiel. Der grüne Tunnel setzt sich fort, doch er zieht sich durch ein Meer von Gelb, das bis zum Horizont reicht und scheinbar auch die nächsten Waldstücke umspült. Das kaum farbecht zu fotografierende Gelb des Rapses treibt seinen Jux mit dem Kamerasensor, wenn es sich mit jedem Wolkenzug in neue Nuancen wandelt, mit jedem Wogen leicht changiert in seiner Antwort auf das Licht der Sonne. Noch stehen keine mohnroten oder kornblumenblauen Gegenpole am Wegesrand, die den Raps hervorragend ergänzen und ihm zugleich die Schau stehlen, zumindest punktuell und für das Tempo des Fußgängers. Das wird eine Woche später schon anders aussehen.

Gutwillige Robiniengeister

Lietzen Nord/Komturei Lietzen

Für den Windschutz von Feld zu Feld sorgen auch hier altgewachsene Bergahorne, die schnurgerade auf einen besonderen Ort zu führen. Am Ortsrand von Lietzen Nord möchte ein einladender Radweg-Einschlupf zum Überspringen des Dorfes verführen, doch dem sollte man auf keinen Fall nachgeben. Das Dorf Lietzen Nord besteht zur Hälfte aus der Komturei Lietzen, einem aus heutiger Sicht pittoresken Gebäude-Ensemble, wie es in Brandenburg kein zweites Mal zu finden ist. Komtureien sind Niederlassungen des Ordnens der Tempelritter, auf deren Spuren man hier im Umkreis in vielen Dörfern trifft. Die Templer gab es etwa zwei Jahrhunderte lang. Während der Kreuzzüge bildeten sie eine Art Elite-Einheit, die direkt dem Papst unterstand. Zahlreiche Filme bedienen sich bei ihrer Geschichte, Nachfolgeorganisationen sind bis heute aktiv. Das benachbarte Dorf Neuentempel trägt die Templer schon im Namen, und auch Marxdorf beruht auf dem Orden, der dort auch die Kirche baute.

Alte Kastanienreihe im Wald bei Lietzen Nord

Durch die zahlreichen Film-Adaptionen wurde die spannende und kontroverse Historie eher zur blumig-abenteuerlichen Fantasy-Mär abgeschliffen, und so passt es durchaus in den Blickwinkel, wenn man das zauberhafte Gelände der Komturei durch das große Portal betritt und an Drehorte und Kulissen der jüngsten Märchenverfilmungen denken muss. Insbesondere, wenn die Wiesen bunt und die Obstbäume voller Blüten oder Laub sind, ist es wirklich ein märchenhafter Ort, dessen Gelände zum größten Teil betreten werden darf – wo nicht, weisen Schilder freundlich darauf hin. Ein paar Blicke wert ist zuvor die Außenseite der Umgrenzungsmauer, deren pragmatisches Flickwerk von verschiedensten Epochen erzählt. Ihre Krone ist nachgerade exotisch bewachsen, im gekonnten Stil eines Steingartens.

Allee in den Raps um Lietzen Nord

Am ältesten sind wohl die Kirche und das benachbarte Herrenhaus, die zu Lebzeiten Walthers von der Vogelweide errichtet wurden, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. In der einige Jahrzehnte zuvor gegründeten Mark Brandenburg war da gerade die Zeit der Askanier angelaufen. Der noch älter erscheinende Speicher hingegen kam erst etwas später dazu. Die Kirche ist meist geöffnet, die Tür einladend angelehnt, und diese Einladung anzunehmen lohnt sich. Neben der Stille und dem herrlichen blauweißen Himmelsgewölbe strahlt das kleine Schiff eine tiefe Ruhe aus, wozu auch die grobe Pflasterungen mit großen Ziegelsteinen beiträgt – im Altarraum übrigens in Bienenwabenform, die man auch im benachbarten Diedersdorf wiederfindet.

Komturei Lietzen mit Speicher, Kirche und Obstwiese

Zu all der Schönheit kommt noch die Lage über den Uferwiesen des Küchensees hinzu. Nördlich des neu gebauten Saal-Gebäudes gab es noch vor einigen Jahren eine sagenhafte Reihe freistehender alter Kastanien, die entlang eines grobknüppligen Geländers am Hang standen und dem Spaziergänger ihre waagerechten Äste fast ins Gesicht hielten. Dieses urige Bild im Kopf war fast so etwas wie das Tagesziel heute, und es ist wirklich schade, dass es diesen einzigartigen Ort nicht mehr gibt. Vermutlich wurde auch er ein Opfer der Wetterkapriolen. Zu hoffen bleibt der naheliegende Gedanke, dass nach Fertigstellung des neuen Gebäudes kleine Kastanienbäume nachgepflanzt werden. Das wäre wirklich schön.

In der Kirche, Komturei Lietzen

Vom Rand des Anwesens öffnet sich der Blick über eine idyllische Landschaft in grün, gelb und Himmelsschattierungen von grau bis blau, durch die sich unegal ein Wasserlauf zieht. Büsche und Bäume stehen vereinzelt darin, hinten verdichtet sich der Wald. Nachdem der Weg im Wald verschwunden ist, schwingt er sich in Kurven über eine kleine Anhöhe. Auch hier fallen wieder die vielen alten Bäume auf. Mehrere souverän-freundliche Spaziergänger begegnen uns. Sie wirken, als wenn sie den Jaguar im Zündschlüssel und den Weimaraner an der Leine hätten, darüber hinaus viele gute Ideen im Kopf und ansonsten gern ihre Ruhe beim Umsetzen dieser Ideen.

Steg zwischen den Seen, Lietzen Nord

Ein kleiner Fußgängersteg führt über den Durchlass zwischen Küchensee und Großem See, dahinter folgt ein üppiges Stück dichter Botanik – unten auf dem Weg die gelb leuchtenden Butterblumen, links und rechts die weiß blühenden Büsche und efeuberankten Baumstämme und darüber die frisch gedeckten Dächer der Baumwipfel. Sehr alte Buchen begleiten auch den Uferweg am Großen See, der manches Mal zu einer Rast am Wasser einlädt.

Rechts des Weges erhebt sich wie ein kleines Massiv ein fester, von Bäumen bestandener Sandhügel, der über steile Wände und Höhlen verfügt und rege von Schwalben und unterschiedlichsten Insekten als Unterkunft genutzt wird – demnach in halbwegs friedlicher Koexistenz. Es herrscht ein lebhaftes Kommen und Gehen, Flattern und Schwätzeln, begleitet von Gesumm. Bald öffnet sich der Wald und präsentiert ein Haus, das so wohlgefällig in blühende Fliederbüsche eingebettet liegt, dass es selbst kaum zu sehen ist. Rundherum gewinnt das Korn an Höhe und bildet schon winzige Ähren aus.

Großer See

Neuentempel

Auf den Wiesen zwischen Großem See und Halbesee rastet eine größere Schar Gänse, keineswegs lautlos, dazwischen mischt sich von weiter hinten das norddeutsch langgezogene Quaken der allerersten Frösche, und noch weiter hinten liegt eines der schönsten Dorfbilder Brandenburgs, das vom erwähnten Neuentempel mit seiner wuchtigen Kirche. War der Kirchturm vor ein paar Jahren fast noch vollständig zu sehen, sind die Bäume auf halbem Blick mittlerweile so hoch, dass nur noch die kantige Haube herausragt.

Kurz vor Neuentempel

Der geschwungene Verlauf des Weges zieht etwas höher die Uferlinie des Halbesees nach, auf dem zum ersten Mal in diesem Jahr das humorvolle und mitteilsame Geschnarre des Drosselrohrsängers zu hören ist, der im noch bleichen Uferschilf den Monat Mai bestätigt. Vom Ende des Sees brückt sich ein Weg durchs nasse Land, begleitet vom Verbindungsgraben zwischen Halbe- und Weinbergssee. Die Badestelle am Rand von Diedersdorf wurde in den letzten Jahren von Grund auf neu gestaltet, draußen auf dem See treibt sogar eine verankerte Badeinsel.

Dammweg zum Weinbergssee, Diedersdorf

Diedersdorf

In Diedersdorf, das wie das bekanntere Dorf gleichen Namens bei Großbeeren ebenfalls über ein Schloss verfügt, queren wir den kleinen Kirchhof und treffen vor der Kirchtür erneut auf die sechseckigen Pflastersteine. Schräg gegenüber bietet sich im Gasthaus nun unbedingt eine ausgedehnte Pause an. Erstmals in diesem Jahr können wir dabei im Freien sitzen, direkt neben der außerordentlichen Ulme, in der die Vögel aus den Furchen der Rinde kleinste Insekten ernten, teils kopfüber hängend. Als Hintergrundmusik zum Essen spielt im Gebüsch am Zaun eine trainierte Nachtigall ihr Repertoire für die anstehende Saison durch.

Alte Sensenschmiede am Rand von Neuentempel

Bald hinter dem Schloss biegt die stille Straße nach Neuentempel ab, die einem saftig grünen Talgrund folgt. Fast keine Autos fahren hier, und auf halber Strecke zwischen den Dörfern macht eine leicht erhöhte Rastbank ein faires Angebot. Als erstes Haus von Neuentempel empfängt die Alte Sensenschmiede, die noch immer komplett ausgestattet ist und deren Mauerwerk ähnlich pragmatisch gepatchworkt wurde wie die Lietzener Außenmauer von vorhin. Komplett wird das hübsche Bild durch ein schönes schmiedeeisernes Zunftzeichen, das somit doppelt passend ist.

Neuentempel

Im Dorf kommt von vorn der Oderbruchbahn-Radweg daher, der vorhin am Rand von Lietzen verführen wollte und einmal komplett durch Neuentempel fährt. Noch vorher zweigt nach rechts das Sträßchen Richtung Hedwigshof ab, dessen Asphaltband bald zwei wasserdurchlässigen Fahrspuren weicht. Vorher gilt es noch den lockenden Wegen hinab zum Großen Raaksee und dem Abzweig nach Hedwigshof zu widerstehen, beide durchaus schöne Optionen, den verbleibenden Weg noch etwas auszudehnen.

Wogende Rapsfelder bei Hedwigshof

Tief in den blühenden Rapsfeldern, welche die sanften Wellen der Landschaft abbilden, bereiten sich einige Bienenvölker auf ein gutes Stück Arbeit vor, und dann und wann rauscht ein Auto vorbei, meist mit Kennzeichen von ganz woanders. Die dichte Allee strebt direkt auf den Wald zu, der als schmaler Streifen die Felder vom zweiten Marxdorfer Haus trennt.

Wenn es am Vormittag schon ruhig war im Dorfe, so ist es jetzt noch ruhiger. Selbst die frischen Gänslein scheinen schon ins Nest gebracht zu sein, der Kirchenteich ruht spiegelglatt, frei von Lament. Gleichermaßen zurückhaltend und vordergründig liegt in der Luft das Sausen der eleganten Schwalben. Ihre Spiele verweisen auf eine Zeit, die bald schon kommen wird.














Anfahrt ÖPNV (von Berlin): wochentags über Seelow (1,25-1,75 Std.), am Wochenende ungünstiger

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße B 1 (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: knapp 19 Kilometer (vielfältige Abkürzungen gut möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zu Marxdorf (Amt Seelow)

Informationen zu Lietzen (Amt Seelow)

Seite der Komturei Lietzen

Einkehr: Ulmenhof, Diedersdorf