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Wilmersdorf: Tanzende Laken, müde Rüssel und der Duft des jungen Sommers

Nach einem bemerkenswert kühlen Mai mit regelmäßigem Nass von oben hat der Juni direkt auf Sommer umgestellt und spielt sich seitdem in den Zwanzigern der Thermometerskala ab, sogar eine längere Vorschau auf den Hochsommer war schon dabei. Das ist durchaus willkommen, ermutigt zum endgültigen Weghängen der Übergangs- und Winterpellen und passt auch viel besser zum bunten Geschehen, dass sich selbstbewusst zum allgegenwärtigen Grün des Mai gesellt hat.

Sumpfwald am Madlitzer See

Was die Tonkulisse angeht, ist auch im sechsten Monat des Jahres treu dabei die Meise und darf damit als hartgesotten und äußerst universell gelten. Alle schon vom Mai bekannten Kehlen sind nach wie vor zu hören, dazu diverse neue Feinheiten, für die jedoch das landläufige Wald-und-Wiesen-Wissen gewöhnlicher Spaziergänger zu knapp ist.

Mohn am Wegesrand, von sich selbst berauscht

Erfüllend ist er, der Klang dieser großen Vielfalt, die an der Schwelle zwischen Frühling und Sommer ihren Höhepunkt erreicht. Wenn dann alle Partner gefunden, alle Nester gebaut sind, das Brutgeschäft erledigt und alle Eier aus dem Gröbsten raus, schmilzt diese Klangvielfalt irgendwann zur vergleichsweise Stille des hohen Sommers zusammen, wo eher das Grillenzirpen dominiert und das Rauschen des Windes in den hohen Gräsern.

Schlosspark Alt Madlitz

Endlich hört man auch wieder das Klirren von Geschirr und Besteck in den Gaststätten, sieht Kellner wieseln und entspannt zurückgelehnte Leute in den Biergärten sitzen, inklusive froher Gesichter und leisem Kichern. Ein gutes Stück Normalität findet wieder statt und erlaubt unterwegs besondere Vorfreude auf die Einkehr am Wege oder die faule Abrundung des Tages hinterher.

Dorfteich und Kirche in Wilmersdorf

Wilmersdorf

Davon abgesehen verlangt die tief eingekerbte Gewohnheit des eigenartigen Jahres noch immer nach einsamen Wegen, auf denen lediglich in den Weg ragende Blätter, herabhängende Blüten und querkriechende Schnecken zum Ausweichen veranlassen. Dazu kommt noch eine große Sehnsucht nach bunten Kornrändern, die neulich in der Uckermark nicht zu finden waren. Und dann ein paar verlässliche märkische Zutaten wie alter Laubwald, gewundene Seen und vielleicht noch sowas wie eine Mühle oder ein Schlosspark. Notfalls auch beides.

Auf halber Strecke zwischen der Spreestadt Fürstenwalde und Frankfurt an der Oder gibt es in mildhügeliger Landschaft eine ganze Reihe Dörfer, gleichmäßig verstreut und dennoch selten in Sichtweite zueinander. Einige davon haben Schloss und Park, andere wiederum liegen an einer Seenkette, die von Seelow im Norden bis hinab zur Spree reicht. Wilmersdorf ist eins davon und hat neben einem schönen Teich mit großblütigen Seerosen eine anmutige Kirche, zu der man wahlweise über ein kleines Brücklein gelangt.

Apfelallee bei Wilmersdorf

Vom letzten Haus am südlichen Dorfrand führt eine mitteljunge Apfelbaumallee zum dichten Laubwald, der saftig grün sowie mit einigen feuchten Stellen durchsetzt ist und schon bald an einen überwachsenen Schlosspark erinnert. Das liegt zum einen an einer gewissen fahrigen Strukturiertheit mit Hügeln und Pfadgassen, die in softwarefreier Realitätserweiterung Ruinenteile sehen lässt, wo gar keine stehen.

Im Wald zwischen Wilmersdorf und Alt Madlitz

Zum anderen sorgt neben verspielten Wegwindungen ein System von Gräben, Schilf und Weihern für den Eindruck einer weitläufigen Anlage aus Menschenhand, auch wenn vieles davon trocken liegt. Dies bestätigend kommen bald ein paar Brücklein zu Hilfe, die nun konkret sind und vorhanden, teils auch etwas morsch.

Im äußeren Schlosspark Alt Madlitz

Zuletzt ist es der markante Bestand an Bäumen und Büschen, der sich vielfältig zeigt und walduntypisch mit seinen großgewachsenen Büschungen aus Lebensbaum und Buchs und den alten Stämmen verschiedenster Baumarten dazwischen. Später ist zu lesen, dass hier vor zweihundertfünfzig Jahren der erste Landschaftspark im englischen Stil auf Brandenburger Boden gestaltet wurde. Lenné übrigens hatte mit dem noch nichts zu tun, nicht zuletzt da er erst einiges später auf der Bildfläche erschien.

Pavillon namens Monopteros im Schlosspark

Wer mit der charmanten Rumpligkeit der wilden Außenbereiche des Parks nicht viel anfangen kann, dem hilft es vielleicht zu wissen, dass hier seinerzeit kluge Köpfe wie der Bildungsspezi Wilhelm von Humboldt oder die Romantiker Clemens Brentano, Johann Ludwig Tieck und Achim von Arnim lustwandelten – sicherlich mal scharfsinnig aktiv, dann wieder weinselig entspannt und viellelicht sogar herumalbernd.

Schattiger Waldpfad nahe des Schlosses

Hier gibt es nun schon einen leisen Vorgeschmack auf 2021 als ergiebiges Mückenjahr. Tröstlich dabei ist nicht allein die Tatsache, dass die lieben Vögel reichlich Futter finden für all die krakeelenden Nachwuchsschnäbel, sondern zudem die Beobachtung, dass die frische Generation der Plagegeister noch unerfahren oder eben nicht allzu helle ist und daher nicht sofort nach dem Landen zusticht. Diese Unentschlossenheit erlaubt häufig die Vermeidung des Zugriffs, mit oder ohne harte Konsequenzen.

Das Schloss ganz hinten

Landschaftspark Alt Madlitz

Jenseits der Reviere der sirrenden Sauger gewinnt der Schlosspark an Konkretheit, vorher gab es schon einzelne Wegweiser, die einen Rundweg erwähnen. Bald öffnet sich der Wald nach links und stellt am Ende einer langen Wiese einen hübschen Pavillon ins Bild, auf winzigem Hügel. Bald folgt noch mehr Offenheit mit einer kunstvollen Riesenwurzel in Weiß, und tatsächlich zeigt sich kurz darauf eine distanzierte Schlossfassade von schlichter Eleganz.

Wiesenpfad am Ausgang zur Dorfstraße

Die Distanziertheit wird zur Tatsache, als Durchgangsschilder und grollende Hunde im Zwinger folgen, also wenden wir und verschwinden in einer einladenden Pfadgasse, die bei einer anmutigen Bank beginnt. Durch üppige Natur schlängelt sich der Pfad, zu Füßen hoher Stämme und in Tuchfühlung mit ausgeuferten Büschen voller Blüten. Jetzt wird auch die Duftmischung ganz bewusst, die bereits den ganzen Tag begleitet. Robinien und Linden, Jasmin und Holunder und immer wieder die wilden Rosen, dazu die Gräser und das Korn – ganz gleich ob man im Wald ist oder im Park, zwischen Wiesen oder am offenen Feldrand, dieser Juni-Tag ist ein absoluter Tag der Düfte.

Kirche Alt Madlitz, von Blühbüschen gerahmt

Kurz vor den ersten Häusern weist ein hölzernes Schild nach links zum Ausgang des Rundwegs und leitet zauberhafte Minuten der Landlust ein. Ein Wiesenpfad reiht Kurve an Kurve, umrundet dabei ein lose abgegrenztes Gärtchen, das an eine gemütliche Feldsteinfassade grenzt. Kindshohe Wiesen voll wogender Dolden und Rispen werden von einem Weidezaun notdürftig im Zaume gehalten, bis der Weg schließlich in drei nostalgischen Stufen an der stillen Dorfstraße endet.

Rastbank am Weg zur Seenkette

Alt Madlitz

Gleich gegenüber stehen hübsche Fassaden, links zeigt sich das schmiedeeiserne Tor zur Schlossanlage, hoch genug, um Löwen abzuhalten. Gleich daneben schlüpft übrigens der Rundweg durch den Park in einen lauschigen Pfad und liefert das letzte Puzzleteil für den Zusammenhang der angedachten Wegelenkung. Das Schlosscafé liegt noch im Schlaf, nicht ersichtlich ob dauerhaft oder bis hin zur endgültigen Öffnung auch gastronomischer Innenräume. Ein Stück die Straße runter steht auf einer sanft erhöhten Wieseninsel die putzgraue Kirche, oben am Turm leuchten farbkräftig die Ziffernblätter, während die Haupttür von Rosenbüschen eingerahmt wird. Hier finden wir nun die erhoffte freistehende Rastbank im Winde.

Bienenweide mit Elfentanz

Während die Beine ausgestreckt werden und der Rucksack leichter wird, spielt sich ein Großteil des Tagesverkehrs ab. Mit einem Mal strömen von überall kleine Herden von Radfahrern und kurbeln in Hühnermanier kopflos umher, bis die Richtung klar scheint. Ein Bursche mit weit überhängendem Rucksack läuft erst hin, dann her und wieder hin, bevor ihn ein aufgepumpter Pickup mit synthetisch getuntem Motorklang schließlich einsackt. Und nachdem eine klassische Oma in Kittelschürze ihr Rad mit dem typischen Lenkerwackeln gen Norden gelenkt hat, zweitakten wirklich noch zwei Stück Dorfjugend auf der Schwalbe vorbei. Weiter hinten kommt der Handwerkerbulli von der Arbeit und parkt rückwärts in den wohlverdienten Feierabend.

Schankterrasse am Gut Klostermühle

Wir lassen all den Trubel hinter uns und schlurfen in Richtung der erwähnten Seenkette aus dem Dorf. Rechts zwischen den Büschen leuchtet mit einem Mal das ersehnte Mohnrot hindurch, bei einer kleinen Bank gibt es schließlich einen Durchschlupf und die Kameras werden verzückt gezückt. Extra bunt ist diese Wiese, die wohl zu jenen zählt, welche immer öfter den Bienen zu Diensten angelegt werden. Über weißen Margeriten und dem blassvioletten Bienenfreund tanzen die zarten roten Laken der entknüllten Mohnblüten ihren Elfenreigen und trotzen in Anbetracht dieses dünnen langen Stängels jeder Vorstellung von physikalisch Möglichem. Es ist jedes Jahr aufs Neue ein kleines großes Schauspiel.

Klostermühle mit fallfrischem Regenwasser im Mühlbach

Am Friedhöfchen nutzen wir die Wasserhähne, um nach der kleinen Sause die Hände abzuspülen. Das hätten wir uns sparen können, denn unvermittelt bricht der Himmel auf und lässt uns erst die Schirme öffnen, dann umständlich die Regenpelle überziehen. Noch zwei Minuten vorher hatten uns zwei beschwingte Dam- und Herrschaften späteren Alters nach der korrekten Richtung und den verbleibenden Gehminuten bis nach Alt Madlitz befragt, beide sahen eher nach unterhaltsamen Schnurren, geistreichen Bonmots und Sommerspaziergang aus als nach Regenschutzvorsorgemaßnahmen und Praktischem. Gut, dass der Tag kein allzu kalter ist und ein teurer Panama-Hut auch rasch wieder getrocknet ist.

Madlitzer See

Madlitzer Mühle

Auch wenn der Schauer keine zwanzig Minuten dauert, kommt doch einiges runter und sammelt auf der abschüssigen Asphaltspur kleine Bäche, auf denen selbstgeschnitzte Borkenboote gut in Fahrt kommen könnten. Der Wald sorgt für Windschutz von der Seite und verhindert komplett nasse Hosen. Dennoch sehen wir stilistisch eher fragwürdig als nach Vier-Sterne-Gastronomie aus, als wir am tiefsten Punkt die Gebäude der Madlitzer Mühle erreichen. Auf der halbnassen Außenterrasse am See sitzen jedoch schon ein paar andere unserer Kategorie, so dass wir uns für ein Tässchen Heißen dort niederlassen.

Im Park des Gutes Klostermühle

Das stattliche Preisniveau rechtfertigt sich nicht nur durch Art und Qualität der Anlage, den Charme der Baulichkeiten und natürlich die oberschnieke Lage direkt an der Seebucht, sondern auch durch die zauberhafte Umgebung, die vieldimensional an das nördliche Südschweden denken lässt. Zum weitläufigen Gelände der Gastlichkeiten mit seinen kleidsamen Höhenunterschieden gehören zwischen allerlei Liegewiesen auch ein langer Steg in den See sowie eine der schönstgelegenen Tischtennisplatten zwischen dem 14. und 15. Längengrad. Nicht zuletzt schafft auch das lebhaft fließende Wasser am bemoosten Mühlrad einen Platz von Poesie.

Östlicher Uferweg am Madlitzer See

Madlitzer See

So richtig exklusiv für Leute mit Lust am Draußensein ist jedoch der überschaubar lange Rundweg um den fjordisch gewundenen See, der vermutlich vom Hotel initiiert und umgesetzt wurde. Denn dieser oftmals pfadschmale Uferweg ist, selbst für märkische Verhältnisse, wirklich besonders und verschlägt einen etwa auf der Mitte des Madlitzer Sees vom Skandinavischen an die Schwelle zwischen Mittel- und Hochgebirge. Das Gefühl eines Bergsees dürfte maßgeblich durch den steilen, teils gerodeten Hang oberhalb des Weges entstehen, doch auch durch die Ruhe, mit der das Wasser tief in seiner Eiszeitrinne liegt.

Wegspur durch den Bruchwald

Wie zum Unterstreichen kauert über dem jenseitigen Ufer weithin sichtbar ein einsames Holzhäuschen mit Boot und Steg, das gleichermaßen als schwedische Stuga oder gipfelnahes Berghüttlein durchgehen könnte. Das Boot hat auf der Genießer-Rückbank eine Extralehne, die zu romantischen Ruderpartien einfach dazugehört. Vielleicht ist all das gar nicht echt, wurde nur für den Katalog dort hinprojiziert und ist dann einfach geblieben.

Entscheidende Querungsmöglichkeit nördlich des Madlitzer Sees

Am Nordende des Sees übernimmt ein breiter Waldstreifen, der komplett durchfeuchtet ist. Immer schmaler wird die Wegspur durch das dichte Grün der Jahreszeit, immer dichter rückt das spiegelnde Wasser an den Weg und befindet sich schließlich auf Sohlenhöhe. Dennoch geht es noch etwas tiefer, getränkte Holzbohlen halten den schmatzenden Pfad im Zaum und enden an der entscheidenden kleinen Brücke, die zur anderen Seite des sumpfigen Bruchwaldes übersetzen lässt.

Stilles Wasser im Bruchwald

Genau hier ist eine dieser besonderen Wasserwelten, die absolute Ruhe ausstrahlen, tiefste Natur und wenig Eingriff. Die Stämme streben direkt zum Himmel, das Wasser ist weithin bedeckt von matter, leicht fluoreszierender Grütze. Einen Stockwurf entfernt reguliert ein kunstvoll geflochtener Biberdamm den Wasserspiegel.

Westlicher Uferweg am Madlitzer See

Schwelgerisches Verweilen wäre jetzt angemessen, ist jedoch leider keine Option. Die Mücken sind zwar nicht sehr aufgeweckt, doch dafür reichlich und somit statistisch hin und wieder erfolgreich. Das macht unentspannt und fuchtelnd, und letztlich könnte irgendwas oder man selbst im Nassen landen. Also schnell genossen, hastig einige Eindrücke in Nullen und Einsen gegossen und daheim noch mal in Ruhe angeschaut.

Madlitzer See

Ein stiefelbreiter Pfad führt zurück zum Seeufer und wir sehen gegenüber nochmal die steil ansteigende Hangflanke. Der nadelige Weg verläuft kurz über Uferhöhe und dürfte an warmen Tagen zum Baden locken. Einzelne kräftige Baumäste ragen weit in Richtung Seemitte.

Im Wald zwischen See und Schlosspark

Am Katalog-Hüttchen verlassen wir den See und steigen kurz hinauf in den dichten Wald. Viele Wege gibt es, einige sind vom hohen Gras verwachsen. Der mit dem höchsten Gras ist unserer. In jedem Halm hängen Hunderte Tropfen, und so sind die Schuhe bald mit grünen Samenkörnchen übersät und quatschen bei jedem Schritt vor Nässe. Bald besteht die Option für einen Weg am Waldrand, doch der ist mittlerweile übergepflügt. Auch hier gibt es einen Blühstreifen für Insekten, an dessen Rand wir weglos zum nächsten Anschlussweg gelangen. Der ist jetzt gut gangbar.

Blick vom Dorfrand zur Alt Madlitzer Kirchturmspitze

Kurz hinter dem Sträßchen zwischen Alt Madlitz und Vorwerk Madlitz erreichen wir den östlichen Einschlupf ins Wegesystem des Schlossparks, nach links ragt die Kirchturmspitze über die Wiese. Doch der Waldrand rechts ist jetzt willkommen, offen im Wind und mit lockendem Mohnblumenrot. Ein Reh steht im rehhohen Gras, wird durchs Ohrenspitzen sichtbar und ist mit einem Sprung im Erlenwald verschwunden.

Waldrandweg nach Waldhof

Rechts der Wald ist dunkelgrün, links die bunte Wiese eher hell, und darüber türmt sich mehr und mehr ein düsterer Himmel auf, der den nächsten großen Guss in Aussicht stellt. Der Weg knickt in Richtung Westen ab und führt in mehreren Bodenwellen durch eine mittelalte Allee von Apfelbäumen, die so dicht in Reihe stehen, dass sie ineinander verzahnt fast schon eine Hecke ergeben. Gut für uns, denn als der Regen losbricht, haben wir fürs Erste etwas Schutz von der Seite.

Apfelallee vor Waldhof

Und dann saut es richtig los, von oben, von der Seite, mit Verwirbelungen und teils auch von unten. Mit verzahnten Schirmen und schützenden Bäumen sitzen wir in einem Gehölz die zehn Minuten aus, ohne größere Einweichungen. Von dem kleinen Wasserreich eines ringförmigen Weihers bekommen wir aufgrund der verhangenen Sicht nichts mit.

Nasse Trockenwiesen vor Wilmersdorf

Waldhof

Den Weg voller Pfützen sind bald die Häuser von Waldhof erreicht, wo es einen schweigenden schwarzen Hund zum raschen Weitergehen und einen kleinen Skulpturengarten zum kurzen Verweilen gibt. Dahinter öffnet sich die Landschaft und über den von Erdtönen bunten nassen Trockenrasen ist schon die Kirche von Wilmersdorf zu sehen. Die Aussicht auf Stärkung und Behaglichkeit geht absolut in Ordnung. Wir drosseln die Schrittfrequenz, genießen klamm und mückenfrei die letzte Viertelstunde. Mit dabei ist noch immer der sagenhafte Duft des Tages.

Sinistre Gestalt am Wegrand

Zurück in Wilmersdorf sind noch ein paar besondere Häuser zu bestaunen, die ans Baltikum denken lassen, dabei ein äußerst pittoresker Bauerngarten. Am wespentaillierten Dorfteich werfen wir der Kirche einen verdienten Blick zu, überschreiten an der Schmalstelle das blumengeschmückte Brücklein und gönnen den Schuhen in der Uferwiese noch ein wenig Bodennässe, denn wer braucht schon halbe Sachen. Der aktuelle Sommer gilt nun als getauft.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn bis Berkenbrück, dann weiter mit dem Bus (Mo-Fr regelmäßig bis Nachmittag, Sa/So keine Verbindung)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land B1/B5 (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 12,5 km (Abkürzungen gut möglich)(Darstellung ist von Problemwegen bereinigt)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Wilmersdorf

Schlossgut Alt Madlitz (mit Kurzvideos)

Informationen Alt Madlitz

Informationen Gut Klostermühle

Einkehr: Parkcafé im Schlossgut Madlitz
Gut Klostermühle, Madlitzer Mühle (gehobene Gastronomie)

Alt-Temmen: Holzschindeln, die Frühlingsliste und das nahe ferne Dommeln

Er ist endlich da, nun wirklich, wie es scheint – der Frühling. In einen einzigen Tag kurz nach der Mitte des April steckt so viel von ihm, dass es in der Langzeitempfindung die ganzen zurückliegenden Wochen mit Dauerfrösteln und Novemberszenerien nahezu ausgleicht. Es ist so herrlich, Jackenknöpfe zu öffnen oder die Mütze in die Tasche zu stecken, und je nach Windrichtung kann das schon mal ein genüssliches Stündchen andauern. Der Reißverschluss darf endlich Zähne zeigen.

Bei Temmen

Die freigelegten Ohren werden weit geöffnet, damit der Wind ganz ungehindert durch den Kopf rauschen kann, dabei alle lästigen Gedankendauerschleifen auseinanderbläst. Und den Weg frei macht für alles und nicht mehr als das, was Nase, Ohren, Haut und Augen an die Denkzentrale kabeln. Ganz davon abgesehen sammelt dieser Tag ein selten erlebtes Konzentrat von Frühlingssymbolik – erste Störche und Marienkäfer, klamme Zitronenfalter, flauschige Lämmchen und Saft in den Birken. Zur Abenddämmerung ist wieder so ein Weg geboren, den man alle Jahre einmal brauchen wird.

Hügelweg im Walde

Alt-Temmen

Temmen liegt eingeschmiegt zwischen der Ringenwalder und der Poratzer Moränenlandschaft und macht aus seiner Eiszeit-Vergangenheit kein Geheimnis. Das hügelige Land bedient in seiner Mischung von Seen und weiten Wäldern, gebogenen Talgründen und archaischen Buckelpisten viele Uckermark-Klischees, die nicht nur beruhigend und schön, sondern allesamt richtig und wahr sind. Das Dörfchen mit seinem schönen Gutshof liegt dementsprechend zwischen drei Seen, die zum Teil auch Badestellen anbieten.

Gedenkkreuz am Kloster St. Georg, Göttschendorf

Die kleinen Straßen zu den Nachbardörfern Neu-Temmen oder Hohenwalde gehen von Schönheit, Unterhaltungswert und Verkehrsarmut glatt als Wanderwege durch, so dass sich schon im näheren Umkreis ein schöner Tag verbringen ließe. Doch wir wollen heute viel von all dem. Bekommen werden wir noch weit mehr, inklusive einer Überraschung etwa auf der Mitte.

Klosterkinder ODER Yin und Yang nach Feierabend

Angesagt war ein trüber Tag, doch bereits in Temmen zeigen sich erste blaue Fetzen am Himmel. Der Hofladen der weiten Gutsanlage hat leider schon zu, doch beim Blick fällt dieser auf den ersten selbstgesehenen Storch dieses Jahres, der auf einem meterhohen Horst hockt und seinen Schnabel auf der plustrigen Brust abgelegt hat, wie das am besten Enten können.

Leuchten am Waldboden

Von dort oben dürfte der Ausblick über den Düstersee noch besser sein, der bereits vom Ufer weit bis zu den jenseitigen Waldeshöhen reicht. Das Schilf ist noch fahl, die Wiese noch platt von allen letzten Wettern, und auch alle Baumwipfel stehen so kahl da wie schon seit November. Es ist immer wieder erstaunlich, wie spät es wirklich losgeht mit dem grünen Laub im großen Stil.

Hinter Hohenwalde

Am Dorfausgang steht neben einigen Kühen im gewohnten Format ein enormer Bulle mit Türsteherstatur, von dem man nicht missverstanden sein will. Beim Passieren gibt er über mehrere Sekunden so einen fast elektronisch klingenden Blechdosentiefton aus, den man eher als Welle spürt als dass man ihn hört. Blick und Stirn bleiben dabei unbeweglich und wir stehlen uns mit dem angemessen Respekt vorbei. Denn zwei dünne Drähtchen sind eben nur zwei dünne Drähtchen und Logik auch nur Logik.

Lindenallee nach Hohenwalde

Auf der anderen Seite des Weges steht auf einem Hügel sein Pendant als Baum – ein knorriger Kern mit großen und kleinen Blässuren, umgeben von lebhaftem Nachwuchsgeäst, das jeweils selbst schon als Baum durchgehen würde. Einzwei Blitze könnte er schon überstanden haben, und Standort und Statur sollten Stoff für ein paar schaurige Dorfmären hergeben. In denen sicherlich der Vollmond eine Rolle spielt, vielleicht auch ein unnatürlich großer Rappe mit glänzendem Fell.

Schon an der folgenden Gabelung wird es wieder unbeschwerter im Gemüt. Links unten werden Pferde von geeignetem Personal bewegt, direkt in der Gabel steht ein geräumiger Rastpavillon. Dahinter liegen im Karree unzählige Findlinge in allen Korngrößen zwischen Kinderfaust und Pferdehintern. Etwas weiter nördlich in Skandinavien würde man bei sowas gleich an eine vorgeschichtliche Stätte denken. Ein bisschen tut man das auch hier, denn Form und Ausmaß sind durchaus charakteristisch.

Klarer See, Alt-Temmen

Bevor noch die Gedanken sich dem verspielten Wegeverlauf hingeben und der Kopf auf Durchgang schalten kann, hüpft das Herz vor Freude angesichts der ersten gesichteten weißen Buschwindröschen, durchmischt mit den gelben Glanzsternen des Scharbockskrautes. Eine unschlagbare Mischung am nachwinterfahlen Waldboden. Hier und da kontrastieren dazwischen ein paar sattviolette Veilchen.

Guter Platz überm Gutshof, Alt-Temmen

Gleich danach wird es wieder nichts mit dem sinkenden Puls, denn voraus auf einem spillrigen Strommast sitzt hoch oben ein großes Nest, das durch einen aufsitzenden Vogelumriss bald als Horst erkannt wird. Die spätere Vergrößerung bestätigt wahrhaftig den Weißkopfseeadler, maßgeblich anhand der typischen Statur und des Weißes in Kopf und Heckpartie.

Alter Kämpe am Dorfrand, Alt-Temmen

Im Uferbereich des Klaren Sees entdecken wir am Boden des trockenen Bruchwaldes mehr und mehr Blütensternchen – je länger man den Blick fixiert, desto mehr werden es. Das ist jetzt eine gute Einleitung für den Ruhemodus. Herrliche Kurven schlägt der Weg in der nächsten halben Stunde, umrundet Wäldchen und Hügel, nimmt schilfige Senken, verschwiegene Weiher und weite Wiesengründe mit. Links die Weite, rechts die bewegten Grasmatten mit bereits saftigem Grün. Dazwischen zieht sich der Bild gewordene Autopilot in Form des Weges, dessen Wiesennarbe mal filigran ist, dann wieder dominant. Immer gegenwärtig sind die dicken Steinbrocken, als vom Gletscher rundgeschmirgelte Riesenmurmeln oder als gratkantige Quader, die eher nach Steinbruch aussehen.

Weniger alter Kämpe am Dorfrand, Alt-Temmen

In den Wipfeln einer Birkengruppe hängen gelangweilt dicke Mistelballone und planen vermutlich irgendwelchen Unfug oder Schabernack mit den Passanten. Wir sind durch den Ochsentypen noch sensibilisiert und weichen dem aus, indem wir am Waldrand rechts über die Wiese abkürzen. Am Ende der noch ruhenden Weide beginnt eine längere Partie durch den Wald, der alle paar Minuten sein Gesicht ändert.

Beim Klaren See

So gut wie nie gibt es hier den lichten Brandenburger Kiefernwald, dafür weite Hallen aus hochgewachsenen Buchen, die ein paar Wochen noch nach oben offen sind. Dazwischen immer wieder größere Fichtenwäldchen, teils kontrastierend benachbart zu weißen Birkenstämmen. Die nun prahlen schon mit dem allerersten Laubgrün des Waldes, das eher noch flirrender Eindruck ist als konkrete Farbe. Zu Füßen der Fichten liegen im Dustern dieselben Steinbrocken wie gegenüber bei den Buchen oder Birken, doch sind sie hier von dickem Moos überzogen und lassen zum Teil offen, ob ein Ameisenhügel, ein alter Baumstumpf oder eben einen Stein verhüllt ist. Eine stets angenehme und recht verbindliche Antwort gibt nur der Drucktest mit Hand, Knie oder Nase. Überhaupt scheint hier der gesamte Waldboden von dickem Moos bedeckt zu sein.

Arnimswalder Wald

Ein liegender Stamm bietet einen schönen Pausenplatz, wo nun der hoffentlich letzte Unterwegstee dieses Frühjahrs dampfen wird. Zwischen linkem und rechtem Schuh spielt sich derweil im aufgewühlten Laub eine weitere Frühlingsszene ab. Eine Blattwanze, die weitaus schöner und prächtiger aussieht als ihr Name annehmen lässt, hat sich aus dem kühlen Waldboden gegraben und zwei kruschlige Buchenblätter erklettert, die eine Art Grat als Abflugplatz bilden.

Huflattich an der Ecke

Der Panzer des Käfers hat die feierliche Form eines Wappenschildes und wird später vermutlich ein kunstvolles Muster tragen. Noch ist er komplett grün und vermutlich butterweich. Der Sechsbeiner bewegt sich wie nach einer durchzechten Nacht – vielleicht ein ähnliches Gefühl wie ein im Waldboden verbrachter Winter. Steife Glieder, kraftlos und desorientiert, labbriger Pulli und kein Bock. Dann beschert die Gunst der Stunde ein paar Sonnenminuten, der Pulli gewinnt an Fasson und der Laufstil wird bestimmter. Ehe wir noch groß beobachten und staunen können, macht er den Abflug.

Hügelweg im Walde

Parallel zu diesem Vorgang flattert weiter hinten ein Zitronenfalter vor den dunklen Nadelbäumen entlang, tingelt allmählich in unser offenes Waldstück. Setzt sich einmal kurz auf die Teekanne, fliegt eine Ehrenrunde um unsere Köpfe und ist auf einmal zu zweit. Und wieder weg. Nachdem der Käfer weg ist, sind die drei gelben Flatterer wieder da und kurz darauf zu viert. Nee, zu fünft. Dann wieder weg und wenig später ganz woanders am Tun. Wie schon gesagt, der Frühling inszeniert mit Nachdruck.

Rastplatz am Radweg

Nach dem ersten Abbiegen seit langem sind wir mit einem Mal im Mittelgebirge gelandet. Aus dem Nichts taucht voraus ein VW-Bus mit orangefreiem Hirschlogo auf, der von einer tiefen Wegesenke komplett verschluckt war und auf der Suche ist nach irgendwas. Einige Male in Folge geht es tief hinab und gleich wieder hoch, so dass allein diese Viertelstunde für den Großteil der heutigen Höhenmeter sorgt. Passend zu den überraschenden Kapriolen des Reliefs wird der Weg von dichtem Fichtenwald begleitet, der aussieht wie beschrieben.

Weg nach Göttschendorf

Mit leisem Schnaufen beenden wir den letzten der Aufstiege und erreichen beim einstigen Großen Karutzsee einen ruhigeren Weg mit angenehmem Abwärtstrend. Hier folgt nun das nächste Kapitel der Waldblümchen. Eingeleitet wird es von einer ganzen Herde Huflattichköpfe, die alle in eine andere Richtung schauen, als liefe eine angeregte Diskussion quer übern Marktplatz. Davon unbeeinflusst hat sich ein klammer Zitronenfalter am mittigen Kissen einer Blüte angedockt und wartet dort auf etwas Sonnenwärme. Fällt kraftlos ins Buchenlaub und arbeitet sich wieder genau zur selben Stelle. Die Beharrlichkeit wird belohnt, denn die Sonne schiebt sich kurz zwischen den Wolken hervor und zeigt umgehend ihre Kraft. Keine Minute später sitzt der Schmetterling aufrechter und flattert bald davon.

Station des Mythengartens, Göttschendorf

Die Forststraße wird zu einer dieser rumpligen Pflasterstraßen, die so gut in diese Landschaft passen, und steuert geradewegs auf drei Rastraufen zu, die zu einem großen Pausenareal gehören. Hier sollte sich ganz wunderbar eine kleine Waldweihnacht feiern lassen. Ein paar Minuten später endet das große Waldgebiet, voraus liegt ein leicht gewundener Alleeweg, der sanft nach Götschendorf hin abfällt. Wo ansonsten meist eine Lerche pro Acker zu hören ist, jubelt es hier gleich von drei Richtungen aus der Höhe. Zu sehen ist wie immer keins der Vögelchen.

Klosterkirche, Göttschendorf

Götschendorf

Am Rand von Götschendorf liegt der kleine Friedhof, kurz danach steht am Wegabzweig ein mannshoher Stein des Uckermärkischen Mythengartens, dessen Logo sich auch als Mosaik an den Flanken findet. Die in Edelstahl geprägte Sage handelt vom Hecht mit dem Goldzahn und dem Rucksack, was unbestritten Neugier erzeugt. Weiter unten zeigt eine Karte weitere Standorte solcher Steine.

Klosterküche

Weiter hinten im Dorf gibt es laut Karte eine Kirche, also schieben wir einen kleinen Abstecher ein. Der lohnt sich wirklich, denn aus der Kirch-Signatur auf der Karte wird eine besondere kleine Stunde. Ein Zwiebelturm, gedeckt mit Holzschindeln und gekrönt von einem goldenem Kreuz, bestätigt die teils in russisch gehaltenen Plakate am schwarzen Brett des Dorfes. Zur Turmknolle gehört ein ungewöhnliches Kirchgebäude jüngeren Baujahres, ein baufälliges Schloss sowie ein weitläufiges Gelände, auf dem es viel zu gucken und zu entdecken gibt.

In der Klosterkirche

Russisch-orthodoxes Kloster St. Georg

Kurz vor dem Gotteshaus steht ein Schild an der Straße und kündigt eine geöffnete Küche an. Das würde gut passen, Einkehr am Wege und ausreichend Zeit hinterher, alles ein bisschen zu verteilen. Wärmebedarf spielt bei der Energieaufnahme keine große Rolle mehr, denn mittlerweile sind die Jacken offen, die ersten Arme liegen frei und Mützen wechseln zwischen Kopf und Tasche.

Arnimsches Gutshaus

Noch vor dem Tor zeigt sich das gesamte Ensemble und ergibt insgesamt eine kuriose Zusammenstellung. Zur Straße hin steht eine Gulaschkanone, aus der es dampft und duftet, etwas eingerückt auf dem Grundstück die Fassade des Schlosses. Auf der Wiese davor gibt es zwischen vereinzelten Bäumen ein prächtiges goldenes Kreuz, groß wie ein Denkmal, zur Kirche hin einen ausgelagerten Glockenstuhl mit zwei Handvoll Glocken mit Kalibern von kirchturmtauglich bis Schiffsglocke. Dazwischen verteilt ein paar Pavillons, wo in normalen Zeiten das verschmaust werden kann, was die Küche so bietet.

Hinterm Gutshaus bei den Beeten

Besonders schön und selten erlebt sind die freilaufenden Schafe und Ziegen. Auch hier gibt es verschiedenste Größen, die Schafe haben Schulterhöhen von Dreirad bis Motorroller – so große Schafe hat man wirklich selten gesehen. Die hochbeinigen Ziegen sind eher groß und klettern auf den umgestürzten Bäumen im unteren Uferwald herum.

Klosterschafe in zahlreichen Ausfertigungen

Hintern Schloss kommen zielstrebig zwei größere Schafe angelaufen und prüfen, was es zu holen gibt. Gibt aber nix. Dem Anstand geschuldet warten sie noch ein paar Sekunden in der Nähe und zerstreuen sich dann wieder, soweit das bei zwei Schafen möglich ist. Zu Füßen der Schlossterrassen gibt es ein kleineres Gatter, das komplett mit Stroh ausgelegt ist. Das Tor steht offen in Richtung zweier großer Strohquader, die auf die Größe eines Speisesaals auseinandergelatscht wurden.

Bootshaus am See

In den Flanken der einstigen Quader und dazwischen im bauschigen Stroh oder an Elternteile gekuschelt liegen verschlafen winzige Lämmer, die so frisch sein müssen, dass selbst das Liegen noch zu lernen ist. Schwarze gibt es und weiße, kohlrabenschwarze, graumelierte und auch ein weißes mit schwarzem Kopf. Je tiefer man den Blick ins Strohgeschehen gräbt, desto mehr Lämmer werden es. Die Schafe dazwischen, sämtlich noch im Winterpelz, sind alle verschieden hoch und reichen von braun über grau bis weiß. Schwarze sind keine zu finden.

Vergnügte Klosterziegen

Zwischen den Orten des Geschehens schlendert ein tiefenentspannter Hund und schaut beiläufig nach dem Rechten. Auf der Rückbank eines staubigen Autos sitzt ein noch tiefentspannterer und lässt die träge Schnauze und ein Ohr aus dem offenen Fenster hängen.

Unten am See schließlich gibt es noch ein kleines Bootshaus mit Steg und zwei rustikalen Terrassenöfen Marke Eigenbau. Vom Steg fällt der Blick weit über den langgestreckten Kölpinsee, der bis ins nahe Milmersdorf reicht. Einige Ruderboote sind unterwegs – oben am Eingang waren Bootsverleih und Sauna angeboten, und Bootsverleih ist ja auch derzeit möglich.

Externes Geläut

Die Klosterkirche selbst ist samt aller Rundungen komplett mit Holzschindeln gedeckt, die weißen Wände sind mit Ziegelsteinen verkleidet. Der Innenraum überrascht mit enormer Deckenhöhe und einer prächtig ausgemalten Halbkuppel über dem Altarraum, auf einem Tisch liegen Bücher und Ikonen kleineren Formats zum Kauf. Während die Wände noch das blanke Baumaterial zeigen und dicke Kabel auf ihre Schächte warten, ist der Boden lückenlos mit riesigen schweren Teppichen ausgekleidet, Verstärkung liegt noch zusammengefaltet am Rande. Jeder Schritt wird gedämpft, und ebenso gedämpft ist das Staunen darüber, einer Kirche beim Werden zuschauen zu können. Wie zur Bestätigung spielt der lebhafte Wind gelegentlich mit der provisorischen Pforte und jammert ein wenig in den Ritzen.

Bei Gotts See

So faszinierend kontrastreich und leicht verrätselt wie das Kircheninnere und dazu noch ziemlich abgefahren ist auch die Geschichte, die sich in mehreren Kapiteln an bekannten Namen aus verschiedensten Ecken entlanghangelt. Vor dem Zweiten Weltkrieg diente das einst arnim’sche Gutshaus einem der Allerobersten der Nazizeit als Jagdhaus, einiges danach nutzten es Volksarmee und Staatssicherheit für Urlaubszeiten. Wie viele vergleichbare Objekte stand es nach der Wende leer und begann zu verfallen, ein Prozess, der bis heute andauert.

Waldsauerklee am Ochsenbruch

Wie die flüchtigen Quellen des Netzes berichten, stieß ein Herr Kuchinke, einstiger Spiegel-Journalist und Russland-Experte mit besonderem Interesse für orthodoxe Kirchengesänge, vor fünfzehn Jahren auf die vergehende Anlage und fand, dass hier ein guter Platz für ein Kloster sein könnte, ein russisch-orthodoxes. Ließ die Gedanken fließen und spann die junge Idee noch ein wenig weiter, bis hin zu einem Lebensmittelladen, einer Bibliothek und einer Gastwirtschaft mit russischer Küche. Und sah vor sich einen besonderen Ort für bedeutsame Treffen, gern auch auf höheren Ebenen.

Uckermärkische Basismöblierung in der Ringenwalder Moränenlandschaft

Nun musste zuerst das Wohlwollen der Dorfbewohner her, dann noch ein großer Haufen Geld. Bei ersterem half neben vorgeführten Filmen über diese Religion maßgeblich ein Pfarrer Kasner. Der stand im nahen Templin lange Zeit im Dienst der Kirche und hatte eine heute fast vierundsechzigjährige Tochter, die seit längerem Bundeskanzlerin ist.

Das Wohlwollen wurde erlangt und die ganze Anlage ging für den symbolischen Euro über den Tisch, mit der Bedingung, dass binnen fünfzehn Jahren drei Millionen in den ihren Ausbau zu stecken waren. Am sichtbarsten sind die geflossenen Mittel an der Kirche, die im nordrussischen Stil neu erbaut wurde. 2013 erfolgte die Weihe des kuppelkrönenden Kreuzes durch einen Erzbischof.

April im Buchenwald

Was die Millionen betrifft, war es nützlich, dass Herr Kuchinke in Russland recht bekannt war, ein bisschen wie ein bunter Hund. So ergab sich ein Besuch in der Datscha von Präsident Putin, der wiederum Herrn Kuchinke bereits aus seinem Lieblingsfilm kannte, wo dieser Anfang der Siebziger einen dänischen Professor gespielt hatte. Kuchinke kommentierte die Sache geistreich, der Humor gefiel dem Präsidenten und die Idee des Klosters bei Berlin konnte überzeugen. Telefonate wurden geführt, und bald darauf wies eine russische Bank einen siebenstelligen Betrag an. 2007 wurde das Kloster gegründet, das in seiner Art einzigartig ist in Westeuropa, vier Jahre später bezogen die ersten Mönche ihre Kammern und widmeten sich dem Motto „Bete und arbeite – ora et labora“. Die Arbeit dürfte so schnell nicht ausgehen.

Urige Lindenallee nach Hohenwalde

Was von all dem jetzt Legende ist und was nicht, ist eigentlich egal, denn selbst diese lückenhafte Kurzform zeigt schon die kuriose Abfolge von Ereignissen und ihre unterhaltsamen Kurvenausschläge. Und wer braucht schon zuviel Wahrheit, wenn eine Geschichte gut ausgedacht und schnurrig erzählt ist? Die Vision des Herrn Kuchinke jedenfalls, Vorbehalte abzubauen und verschiedenste Köpfe an gemeinsame Teetafeln zu bringen, ist nicht mehr nur eine Vision. Und neben kulturellen Traditionen und geistlichem Austausch wird es am Tisch wohl auch mal ganz schlicht um Piroggen gehen und um Getränke in kleinen dickwandigen Gläsern.

Hohenwalder Entree

Apropos Gaumenfreuden: aus den Kesseln der Kloster-Feldküche, die noch von den Vornutzern stammen könnte, gibt es gut bestückten Borschtsch, kräftige Soljanka und anderes, dazu passen gut die Piroggen mit drei verschiedenen Füllungen. Einmal über die Straße liegt eine kleine Wiesenböschung, zu der wir das Tablett mitnehmen dürfen, als Tischschmuck gibt es ungepflückte Veilchen. Zu uns gesellen sich einige Ameisen, die zielgerichtet den Piroggen zustreben, insgesamt aber friedlich sind. Mit spannender Vorderpartie verlassen wir diesen besonderen Ort, an dem wir kein einziges Verbotsschild finden konnten.

Kunsthaus Hohenwalde

Am Mythenstein verlassen wir das Dorf, wieder hinein in die Stille des Waldes. Gleich um die Ecke liegt Gotts See, in direkter Nachbarschaft zum Ochsenbruch. Beide ruhen in einer Stimmung, die sich schon ein bisschen nach Abendsonne anfühlt. Doch das ist noch eine Weile hin, gut so, denn der Tag soll nicht so schnell zu Ende gehen.

Wurzel am Dorfrand, Hohenwalde

Nach und nach wird es wieder hügeliger und wir stoßen auf Parallelen einer Tour, die jetzt fünf Jahre zurückliegt und eher in der Zeit der allerersten Frühblüher spielte. Nach und nach übernimmt der Buchenwald, mittlerweile sonnenlichtdurchflutet, und dementsprechend geht es jetzt richtig los mit Buschwindröschen, die so anmutig im leisesten Windhauch wackeln können. Sogar mitten auf dem Weg wachsen sie, durchmischt mit den erwähnten gelben. Auch die extrasmarten zarten Blüten des Waldsauerklees, die stets ganz stark nach Jugendstil aussehen und deren grasgrüne Laubblätter bisweilen eine perfekte Herzform ergeben, finden wir hier. Wenn irgendein Waldblümchen besonders liebenswert ist, dann wohl dieses.

Weg zum Düstersee

Immer mehr wird es und immer dichter mit den Blütenteppichen, die sich nicht davon stören lassen, dass viele der umgebenden Brüche und Sümpfe schon länger trocken liegen. Auch direkt neben der Landstraße breitet sich bei den Bootsschuppen am Proweskesee hin noch so ein herrlicher Blütenmeer aus. Nach dem Queren eines zaghaften Vorkommens frühester Ucker, die hier dem Großen Krinertsee entgegenrinnt, beginnt eine der urigsten Pflasterstraßen der Uckermark, gesäumt von uralten und teils dramatisch geborstenen Lindenbäumen. Da sind sie wieder, die Höhenmeter, wenn auch sensationell verpackt. Die halbe Stunde Pflaster unter der winterfaulen Sohle wird sich am nächsten Tag noch in Erinnerung rufen.

Marie auf Leder

Hohenwalde

Kurz vor der Ortsmitte, die im Wesentlichen ein Buswarte-Kabuff mit dem Feuerlöschteich bildet, senkt sich die Straße etwas ab, vorbei an blühenden Obstbäumen und einer Fachwerkfassade. Irgendwo im Ort soll auch eine Pfarrerstochter ihre Datsche haben. Im Kabuff liegt vergessen eine oft gelesene Kitschschwarte, gegenüber hat man im Künstlerhof Freude an Farbe und Gestaltung. Am Teich steht auf bdeutender Tafel ein Hinweis auf den Fernreit- und Kutschweg Berlin-Usedom, der eher Legende ist als Realität. Nach Süden setzt sich, bereits bekannt, eine weitere der besonderen Lindenalleen in Gang, die das Dorf im leichten Anstieg in Richtung Ringenwalde verlässt. Doch heute kommt noch einmal Neuland – ein oft schon angepeilter Weg, aus dem dann nie etwas wurde.

Herbstgruß gleich daneben

Wie von einem Burghügel senkt sich die staubige Fahrspur hinter den letzten Feldsteinscheunen langsam ab in den grünen Grund, der voraus schon zu sehen ist. Rechts am Rand liegt ein enormer Wurzelstubben. Er ist so groß wie zwei der Bullen von vorhin, die meisten Wurzeläste sind ähnlich dick wie die nicht mehr junge Eiche gleich daneben. Der freiliegende Stumpf wirft einige Fragen auf. Falls er nicht von hier kommt, sondern hergebracht wurde, hätte es dazu mindestens vier solcher Bullen gebraucht, dazu einen sehr stabilen Ochsenkarren. Und irgendeinen guten Grund.

Weg nach Alt-Temmen

Für die letzte Pause, die nicht der Notwendigkeit, sondern einer feinen Leckerei vom Bäcker geschuldet ist, findet sich ein sanfter Wiesenhang unter einer Birke mit kunstvoll gewundenen Ästen, die vom aufkommenden Wind ins Schaukeln gebracht werden. Von hinten wärmt die Sonne den Pelz, nach vorn heraus liegt eine malenswerte Szene, und der erste Marienkäfer legt auf der Schuhspitze eine Pause ein. Unten vom See her ist zweimal laut und deutlich der Basston einer Rohrdommel zu hören, einem Vogeltier von imponierender Größe. Das ist kein alltägliches Erlebnis, doch Zweifel bleibt keiner, denn der Ton ist äußerst charakteristisch.

Uferwiesen am Großen Krinertsee

Mehrmals verschieben wir den Aufbruch, im Wissen, dass es gerade zum Abend hin immer schwerer wird, wieder in Gang zu kommen, wenn man grad so herrlich sitzt. Es ist einfach so schön, so vollkommen. Nichts treibt uns, genügend Licht ist auch noch übrig. Und Geschenke wollen erkannt sein.

Weidenopas am Düstersee

Zeit also fürs Zusammensuchen der ganzen Frühlingssachen der letzten Stunden: Birkensaft und erwachende Käfer, Meere von Frühblühern und hinreißende Lämmchen, der erste Pirol und der werbende Rohrdommler, nicht zu vergessen den dösenden Storch und den torkelnden Marienkäfer. Und dann gab es ja auch noch das Rudel erwachender Zitronenfalter und weit mehr Lerchen als üblich. Dickes Ding.

Blick übern See nach Alt-Temmen

Der vorausliegende Weg ist zauberhaft, also siegt irgendwann die Neugier. Wieder durchzieht er launig die Landschaft, wie zu Beginn der Tour, streift Wäldchen, Hügel und quert Bächlein. Versteckt hinter einer Baumreihe liegt zum See hin ein feuchter Wiesenstreifen, der abermals dicht bedeckt ist mit Blüten, die zum Abend hin verstärkt ihren Duft verströmen. Noch nie probiert, doch jetzt wird sich gebückt trotz müder Beine, und hat sich gelohnt. Sanft und aromatisch, und tausende Blüten vom Wind zusammengefasst sind ein genüssliches Erlebnis.

Auf dem Weizberg Ostgipfel, Alt-Temmen

Kurz ist zu sehen, dass es zwischen dem Großen Krinertsee und dem Düstersee hindurchgeht. Auch am kleinen Badestrand gibt es nochmal Blüten, ebenso am Ufer des Düstersees. Bereits mit Blick auf die Dächer von Temmen wird der krumme Weg von wuchtigen Weiden flankiert, die nahezu in die Waagerechte geborsten sind und schon im vollen Saft stehen.

Direkt vor dem Dorf liegt der Weizberg mit zwei Gipfeln. Die steile Flanek hin zum See erstrahlt im Abendlicht vor unzähligen Blüten – wir müssen einfach noch mal hoch. Es ist kaum zu fassen. Und gut zu wissen für Leute, denen tausend Schritte und fünf Höhenmeter völlig reichen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Angermünde nach Wilmersdorf, dann weiter mit dem Bus; Regionalbahn über Eberswalde nach Milmersdorf, dann weiter mit dem Bus (jeweils ca. 2-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise über Landstraße (über Milmersdorf) oder Autobahn (über Joachimsthal)(ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 18.5 km (Abkürzungen möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Alt-Temmen

Hofladen Gut Temmen

Kloster Göttschendorf

Artikel über Herrn Kuchinke

Kunsthaus Hohenwalde

Kutsch- und Reitweg Berlin-Usedom

Einkehr: (Bauernstübchen, Alt-Temmen)
Klosterküche, Göttschendorf

Treplin: Der Mühlenpool, die Hundertwundertüte und Tante Magdas Luke

Den schönsten Schneewinter seit langem hat dieser Februar serviert und dann gegen Ende unerwartet eine Konfettibombe dicken Vorfrühlings platzen lassen, die alle Leute auf der Straße für eine knappe Woche hellere Gesichter tragen ließ. Gefühlt waren die fünf Tage zwei Wochen lang und der Frühling also längst schon angekommen.

Im Tal des Mühlenfließes bei Treplin

Alles strömte nach draußen, Leichtigkeit und ein vorübergehendes Vergessen der Situation wurden zelebriert, mit kurzen Hosen, Strohhüten und beschwingtem Schritt. Ein Spaziergang galt nicht mehr als piefig, vielmehr als gelebte Freiheit, und alle Sorten von Menschen begegneten sich außer Haus beim Schritte setzen. Die plötzliche Mützenlosigkeit offenbarte ein regelrechtes Panoptikum notdürftig gezähmter Haarschöpfe nach den langen Zeiten ohne das Friseurhandwerk.

Kastanienallee vor Hohenjesar

In seinen allerletzten Tagen besann sich der Februar, straffte die Gesichtszüge und gab der Realität des Spätwinters die Hauptrolle zurück – auch wenn der März vor der Tür schon leise mit den Füßen trappelte und dies durch tausend Vogelkehlen bekräftigt wurde. Nach unerwartetem Bibbern wurden nochmal dicken Jacken und Handschuhe hervorgeholt, anstelle von Resignation jedoch der Kopf in den Nacken geworfen bei der baldigen Aussicht aufs nächste Kalenderblatt.

Russische Kapelle hinter der Kirche von Hohenjesar

Bei der Planung der passenden Tour für einen Tag zwischen den letzten Frösten und den ersten Bienen rief es auf der Karte von verschiedensten Ecken „Kommt doch zu miiiir!“. Irgendwann hatte sich das Gemüt dann auf die Gegend um Alt Rosenthal und Worin eingependelt. Und rutschte doch immer weiter nach Osten ab, bis schließlich kurz vor der Oder bei Frankfurt alles richtig schien.

Uferpfad am Hohenjesarschen See

Als die Tour schließlich stand und zumindest auf der Karte sehr verheißungsvoll aussah, fiel auf, dass bislang kein Meter davon begangen wurde. Komplettes Neuland ist mit den Jahren selten geworden, so ein reinweißer Fleck durchaus überraschend, und große Neugier war die Folge. Verraten werden darf: es wurde eine exklusive Wundertüte voller schöner Dinge, ganz klar mit dem Zeug zum Klassiker und einem Ruf nach Besuchen zu den anderen Jahreszeiten. Da trifft es sich gut, dass dieser ganz besondere Tag den hundertsten Beitrag hier füllen soll – auf so ein glückliches Zusammentreffen hatte ich leise gehofft, auch wenn die laufende Nummer mit der ersten Doppelnull nur eine Zahl wie alle anderen ist.

Altes Mühlengemäuer unterhalb von Treplin

Treplin

Treplin liegt Luftlinie zehn Kilometer vom Oderstrom entfernt im Lebuser Land, am seitlichen Ausleger eines Seensystems, dass sich zwischen Seelow und der Drahendorfer Spree erstreckt. Diesen Ausleger sieht nur, wer ihn auch sehen will, denn eine nasse Verbindung gibt es in der Tat nicht. Dafür plätschert direkt im Dorf ein richtiger kleiner Dorfbach, wie er häufiger im Sächsischen anzutreffen ist oder dort, wo es eben etwas hügeliger ist. Der hat zwei Ursprünge, schlängelt sich nach dem Zusammentreffen beider Arme nach Herzenslust zwischen den Gärten und Wiesen hindurch und ist mit zunehmendem Gefälle unterwegs ins nächste Tal.

Dorfbach in Treplin

Weiter südlich im Dorf steht die Kirche mit ihrem vergleichsweise neuen Dach auf einer sanften Anhöhe, über ihr lassen große Wolkengebilde nur wenig blau durchscheinen. Auf dem Wirtschaftshof dahinter wartet ein beerenförmiger Erdbeerkiosk mit geschlossenen Augenlidern auf die nahende Saison. Am anderen Ende von Treplin geht es nach dem ersten Bachkontakt und ein paar Minuten Straße bald schon in den Wald, vorbei am Forsthaus sanft hinab ins Tal des Mühlenfließes. Ein paar Forstleute bestücken gut gelaunt die Pritsche ihres kleinen Fahrzeuges. Verwitterte Wegweiser machen neugierig auf Rundwege um den Trepliner See oder zur Mühle.

Kirche von Treplin

Beständig fällt der Weg sanft ab, landet schließlich in einer laubbedeckten Landschaftskerbe. Hier liegt einiges quer, abgestürzte Äste oder ganze dicke Stämme, und ein gewisses Maß Gymnastik ist zu leisten, das gut und gern als Ausdruckstanz durchgehen würde. Unten angekommen liegt in gewisser Breite eine stille Wasserwelt, rechts tönt vom stattlichen Biberdamm ein leises Gurgeln herüber.

Grüner Grund am Dorfrand von Trepllin

Die Grenze zwischen Bruchwald und mäanderndem Bach ist undeutlich, obwohl in dieser Jahreszeit rein gar nichts die Sicht versperrt. Das Wasser liegt mal breit und ruhig, mal kräuselt es in Eile durch eine Enge aus Holz und Steinen, dann wieder gibt es sich verspielt, wählt mehrere Wege zugleich und nutzt die ganze Talsohle aus. Laub und Stämme sind eher noch fahl als klar einer Farbrichtung zuzuordnen. Das unaufgeräumte Waldtal in Verbindung mit den Sonnenstrahlen, die es bis hierher schaffen, lässt an Aufbruch denken, an schöne jahreszeitliche Stimmungen der vorausliegenden Wochen. Bunte Punkte finden sich noch keine am Waldboden, doch das Laub des glänzend lackierten Scharbockskrauts verspricht einen breiten Blütenteppich in absehbarer Zeit. Die letzte Spur der Morgenkälte zwickt ein wenig in den Wangen.

Hohlweg hinab ins Tal des Mühlenfließes

Herrenmühle

Bald erstreckt sich rechts des Weges nasses Grasland, komplett durchtränkt, gleich riesigen Pfützen. Alte Eichen halten in flehender Geste ihre langen Äste darüber, kräftige Stämme liegen weich gebettet und rindenlos und warten auf die nächste Phase ihrer Morschung. Irgendwann reißt der Blickkontakt zum glitzernden Wasser ab, der Bach verkrümelt sich in schilfiges Feuchtland und landet bald schon im Mühlteich der Herrenmühle. Der Weg läuft weiter am Fuße des Hangs entlang, dessen Flanke zum Teil steil aufsteigt, an einer Stelle an einen überwachsenen Burgwall denken lässt.

Mäanderndes Mühlenfließ bei Treplin

Die erste Spur der Nutzung als Mühle ist ein Wehr, das eher zu hören als zu sehen ist. Ein überwachsener Damm lässt einen Pfad durch zu den anderen Teichen, das Wasser fällt vom großen zum kleineren Teich einen knappen halben Meter. Beide liegen noch halb unter Eis. Auch das Hofensemble der Mühle ist zunächst eher zu hören als zu sehen, da ein Hund anschlägt und die nächsten Minuten nicht verstummt. Kein Grund, an den Tafeln des kleinen Lehrpfades vorbeizulaufen, die teils Spannendes über Wasserlauf und Mühle zu berichten haben. Ein genießerischer Blick auf die Hofanlagen ist dann doch nicht drin, da sich die Stimme des Tieres jetzt überschlägt, was man auch von seinem Hin- und Hergerenne sagen könnte. Die Aufgabe wird ganz klar übererfüllt und lässt mit schwerem Schlucken an linderndes Krügerol denken. Schön jedenfalls, als es wieder leise ist im Tal.

Schilder diverse

Ein frischer Wanderwegweiser zeigt nach Lebus, das keine zehn Kilometer entfernt ist. Auch ein Jakobsweg schlägt hier eine Extraschleife, um diese schöne Landschaft mitzunehmen. Kurz darauf kündigt sich voraus ein Landschaftswechsel an, der mit freier Sicht verbunden ist. Erst öffnet sich das Tal nach rechts und geht gehörig in die Breite, großzügig grundiert mit dichtem, winterblondem Schilf. Darüber ist der Himmel nun erheblich blauer, die Sonne trifft öfter die Gesichtshaut und kurbelt damit manches an.

Bruchwald im Talgrund bei der Herrenmühle

Noch bevor auch die Hangflanke zur Linken wiesenoffen wird und sanfter, beginnt eine prachtvolle Allee von Kastanien, die bis ins nächste Dorf reicht, fast einen ganzen Kilometer. Große Bäume und kräftige Stämme mit den typischen Charakterfurchen, und der Weg so ganz leicht mit einem im Tee, nie ganz gerade, einfach zauberhaft. Das muss ein Schauspiel sein im Mai, ein Duft und ein Gesumme.

Mühlteiche der Herrenmühle

Hohenjesar

Der Salomonweg steigt sanft hinauf nach Hohenjesar, das an einigen Stellen nicht ganz klar von Alt Zeschdorf abzugrenzen ist, dem Gegenstück am anderen Ufer dreier Seen. Die Vorgärten liegen so aufgeräumt, wie das für diese Jahreszeit typisch ist, bereit für Rabatten und Blüten und Grünzeug dazwischen. Chrysanthemen und Stiefmütterchen und auch Alium, diesen leicht sphärischen Bommeln am langen Stengel. Auf einer Ecke hält ein betages Häuslein mit letzter Kraft seine Mauern beisammen. Zumindest das Fundament ist für die Ewigkeit gebaut, aus gespaltenen Findlingen und größeren Feldsteinen mit einer lückenlosen Reihe Ziegelsteinen darüber.

Südliches Ende der Kastanienallee

Auf der Wiese direkt davor spielt sich im Stillen ein kleines Spektakel der Sonderklasse ab. Die ganze Wiese ist so voll von Krokussen, dass vom Gras kaum etwas zu sehen ist. Die Krokusse eher so klein wie wilde und trotz Sonne kaum geöffnet, so dass die zeitigen Bienen hier ihre erste Herausforderung finden. So winzig ist die Öffnung ganz an der Spitze, dass es selbst bei den kleinen Wildbienen quietschen dürfte, wenn sie sich da reindrängeln, um beste grüne Energie abzuziehen.

Kastanienallee bei Hohenjesar

Voraus ist die Kirche mit ihren hochliegenden Fenstern zu sehen, eher Lichtscharten. Sie wird sich später als Schlosskirche entpuppen, was auch einige stattliche Pfosten an einer langen Auffahrt erklärt. Auf den ersten Blick scheint das Kirchenschiff nach oben offen, doch in der Tat wurde pragmatisch und wirksam ein pfiffiges Flachdach aus Wellprofilen aufgesetzt, das seine grundlegende Funktion erfüllen sollte. Eine Treppe führt hinauf zum Kirchhof, und die sollte man keinesfalls links liegen lassen.

Krokuswiese vor dem Haus

Wer es bis zum Kirchturm geschafft hat, entdeckt von dort nämlich eine kleine Kapelle, die einem Märchenbuch entsprungen scheint und irgendwie nach Slawen oder Balten aussieht. In der Tat ist ihre Entstehung wenig blumig, doch was sie ein Jahrhundert später ausstrahlt, ist es um so mehr. Hier waren Könner ihres Fachs am Werk. Dem Anschein nach wurden weder ein Nagel noch eine Schraube verwendet, allein Balken und Holzdübel und handwerkliches Können.

Schlosskirche in Hohenjesar

Wer die Umgebindehäuser aus der Oberlausitz und den benachbarten Regionen Tschechiens und Polens kennt, wird sicherlich kurz daran denken. Durch das farbige Fensterglas lässt sich auf Zehenspitzen ein Blick in den Innenraum erhaschen, mit Zitaten an die zurückliegenden Jahreszeiten – Korngarbe und Adventskranz. Draußen beeindruckt das blassgraue Holz, das seit den zurückliegenden Zwanzigern allen Winden und Wettern ausgesetzt war. Wer sich die Zeit nimmt, hat auch am Dach und der Giebelwand so einiges zu kieken.

Russische Kapelle auf dem Kirchhof

Das waren jetzt schon drei große Kaliber – das naturromantische Bachtal mit der Mühle, die herrliche Kastanienallee und die russische Kapelle hinter der Kirche. Für gewöhnlich ist man froh, wenn sich auf einer Tagestour drei solcher sehenswerten Orte aus den Bereichen Natur, Kultur und Wegeschönheit verbinden lassen. Es fällt also beim Verfassen dieses Textes durchaus schwer, den Fuß auf der verbalen Bremse zu lassen.

Bunte Fenster und zurückliegende Jahreszeiten

Von der Kirche führt eine anmutige Straßenkehre hinab auf die Ebene der Seen. Noch ehe die Wasserhöhe erreicht ist, lässt sich über eine urige Stiege direkt zum Ufer abkürzen. Auch diese weite Wasserfläche liegt noch größtenteils unter Eis, das freilich niemanden mehr tragen dürfte, allenfalls besonders zierliche Enten. Zwischen einem breiten Schilfgürtel und dem flachen Wiesenhang beginnt nun ein Uferweg, der nach und nach Fahrt aufnimmt hinsichtlich seiner besonderen Gestalt.

Halbgefrorener Hohenjesarscher See

Zunächst läuft er als leise Trampelspur am Schilf entlang und lässt noch Zweifel offen, ob es überhaupt weitergeht. Eine Weide steht schon unter Saft und konkurriert mit ihrem wogenden Silberschopf gegen das vom Gegenlicht vergoldete Schilf. Nach und nach wird die kleine Flanke steiler und der ufernahe Pfad zu einer Allee, die sich zwischen hochgewachsenen Erlen und auch Pappeln hindurchquetscht. Verengt sich zwischen alten Bäumen zum Slalomkurs und muss Wurzelbuckel übersteigen. Viele der dicken Stämme mit ihrer tief gefurchten Rinde wurden vom Efeu erobert, dessen Stämme teils so dick sind, dass sich darum keine Hand mehr schließen lässt. Trotz Schattenlage fasst sich so ein Stamm warm an, wohl des struppigen Pelzes wegen.

Lichtspiele und Frisuren

Dieser Weg ist kaum länger als eine Drittelstunde, doch allein seinetwegen würde sich die weite Anreise lohnen. Am anderen Ufer ist unter nordischem Wolkenbild Alt Zeschdorf zu sehen, schräg gegenüber die Brücke über den schmalen Damm zwischen den Seeteilen. Im Norden fällt der Blick auf die hanggelegenen Wochenendhäuser und den Zeltplatz. Zwei Enten posieren und poussieren auf dem glitzernden Wasserspiegel – der Frühling ist nah.

Uferpfad bei Hohenjesar

Wer die Abwechslung auch im Kleinen mag, schlägt einen kurzen Bogen durch die Gärten und überwindet dabei ein paar Höhenmeter, der Abstieg kann über eine steile Stiege erfolgen. Zwischen dem Hohenjesarschen See und dem ähnlich großen Aalkasten dürfen Motorlose übers Mühlenfließ, das sich vom Aalkasten bald Richtung Oder wendet und dort auf seinen allerletzten Kilometern noch die Landschaft unterhalb der Lebuser Adonishänge veredelt.

Uferpfad gegenüber von Alt Zeschdorf

An den Wochenendgärten ist noch kaum Betrieb, vielleicht der nachgereichten Kälte wegen. Am Zeltplatz steht beim Seecamp eine Tafel draußen, aufgekreidet stehen Pfannkuchen und Kaffee, doch es sieht nicht aus, als wenn geöffnet wäre. Da die zweite Pause nur ein paar Minuten zurückliegt, gehen wir vernünftig weiter und bereuen es kurz darauf ein bisschen – zum einen wegen des versäumten Genusses, zum anderen wegen der verpassten Chance, etwas Geld hier zu lassen. Beide Probleme haben sich kurz darauf in Luft aufgelöst.

Und nochmal Uferpfad, kurz vor den Hanggärten

Alt Zeschdorf

Im Ort sind nun schon ein paar mehr Bienen unterwegs, vermutlich dank der warmen Hauswände, die auf die Schneeglöckchen und Krokusse in den Vorgärten abstrahlen. Drüben sägt wer was, weiter hinten wird etwas verbrannt. Ein paar Meter voraus sprintet ein Eichhörnchen über die Straße, verschwindet in einem grünen Weg und macht uns neugierig. Leicht abwärts geht es hier zur Badestelle, wo es neben einer großen Wiese auch einen kleinen Strand gibt. Ein breiter Steg ragt in den See hinein und gestattet Blicke übers Wasser und hinüber nach Hohenjesar.

Am Verbinder zum Aalkasten

Auf halber Hanghöhe steht eine Bretterbude, davor plaudern ein paar Leute, wirken eher privat. Doch es gibt ein kleines Kommen und Gehen, und so werden wir wieder neugierig. Beim Näherkommen ist zwischen den Menschen eine Luke zu sehen, drin sitzt eine Frau mit freundlichem Gesicht – und erneut sieht es nach Kinderbuchillustration aus. Wahrhaftig hat hier Tante Magdas Imbiss offen, und das schon den ganzen Winter über, so gut wie jeden Tag. Selbst bei minus sechzehn Grad. Die Kundschaft freut es sehr. Und uns nicht minder, denn eine Einkehr am Weg ist immer am schönsten.

Am Badeplatz in Alt Zeschdorf

Tante Magdas Imbiss

Nach kurzem Plausch mit einem Stammkunden aus dem Dorf wird schnell klar, dass hinter der Scheibe eine gute Seele des Dorfes werkelt. Nach diversen Bestellungen und etwas Geplauder mit der Dame selbst weiß ich, dass sie vom Südrand Polens kommt und hier mit kleiner, feiner Karte eine ansprechende internationale Mischung auf die Teller bringt – polnische Piroggen und Gemüsesuppe, ungarisches Goulasch, dazu Knödelscheiben als Gruß aus Böhmen. Gar nicht zu reden von den süßen Sachen, doch die müssen bis zum nächsten Mal warten. Die Frage, ob wir nach der Suppe wirklich jeder noch eine ganze Portion Goulasch wollen, war nicht unberechtigt. So bleibt für Feines zum Kaffee am Ende wirklich kein Platz mehr.

Frisch geworfenes Lämmchen

Nach mehreren Pendelgängen zwischen Kiosk und Strandbank reißen wir uns los und sind froher also sonst, dass noch ein gutes Stück Weg übrig ist, um schon mal erste Energieeinheiten abzubauen. Von Alt Zeschdorf hinüber nach Hohenjesar führt ebenfalls ein schmaler Damm, der die zwei Teile des Hohenjesarschen Sees ansprechend tailliert. Links am Hang stehen Schafe, dazwischen liegt noch etwas wacklig ein blütenweißes, wolliges Lämmchen, das gerade so alt sein wird, dass die Wolle nicht mehr pappt und die luftgefüllten Locken wärmen können.

Damm zwischen den Seen und den Dörfern

Im kleinen Park werden gerade die Bäume von morschem Geäst befreit, gegenüber sind allerhand Pferde unterwegs. Ein Pfad verlockt in den Rundweg um den Schlosssee, eröffnet wird mit einer enorm dicken Buche. Gleich daneben ist nun endgültig erkennbar, dass der Doppelort ein beliebtes Urlaubsziel sein dürfte, den alle Welt vielleicht längst kennt. Hinter einer Reithalle erstrecken sich elegant in blau gehaltene Stallungen und Arkaden an der Stelle, wo vormals wohl ein Schloss stand. Hier erklärt sich jetzt auch die Auffahrt mit den Pfosten von vorhin, welche das Areal der Hufe direkt mit dem der Kirche verbindet.

Rückblick auf Hohenjesar

Direkt an die Stallungen grenzt ein einladendes Ausflugslokal, gegenüber liegt ein Strändchen. Kurz hinter der Kirche drehen wir ab zum westlichen Dorfrand, von dem sich nochmals ein schönes Dorfbild mit Kirche bietet. Der restliche Weg verlangt nur wenig Konzentration und verläuft anfangs oberhalb der schönen Kastanienallee. Doch erst müssen wir noch einer grölenden Horde Drachen entkommen, die ein weitläufiges Areal von Viehställen bewachen.

Die Wipfel der Kastanienallee vom oberen Weg aus gesehen

Sie kommen in Gestalt dreier muskelbepackter Riesenköter daher, bei denen auf jegliche Art von Fell verzichtet wurde, teils auch auf Farbe, und die äußerlich restlos frei sind von Lieblichkeit. Die einzige Grenze zwischen der Drachenmeute und uns ist ein zweidrahtiger Weidezaun unter Strom, nicht höher als die Stirn des kleinsten der Fabelwesen und nicht dicker als ein Streichholz. Also eher eine sehr theoretische Barriere. Bestärkt von rationalen Argumenten, die wir uns in gedämpftem Tonfall glaubhaft zuraunen, stehlen wir uns im größtmöglichen Abstand an der lärmenden Horde vorbei. Und bleiben ungeschoren. Selten war eingekehrte Ruhe so schön.

Buschiger Weg gen Wald und Mühltal

Um so wohltuender ist nun der meditative Weg zwischen Busch- und Baumwerk, der ganz leicht abwärts führt, die Schritte von selbst geschehen lässt. Kurz nach dem verlockenden Abzweig zur Herrenmühle lässt sich vor dem Waldstück auf die Wiese abzweigen, zuletzt über ein paar bucklige Meter Pfad zum Hohlweg hinab ins Bachtal queren. Gen Norden werden die Reststoppeln der abgemähten Kornfelder von der tiefen Sonne nahezu plüschig beleuchtet.

Kurz vor dem Abstieg in den Wald

Nach etwas Fichtenwald erreichen wir den Talgrund und sehen, wie sich das Wasser im nassen Stoppelland breitmacht. Das späte Licht lässt die prall gefüllten Pollen-Würmchen der Birken erglühen. Kurz vor Schluss wird jetzt noch ein weiterer besonderer Ort hinzugefügt, als wir die zerfallenen Gemäuer der Mühle erreichen, die deren Grundriss anschaulich wiedergeben.

Gekämmte Stoppelfelder

Das Wasser flutet nach einem meterhohen Sturz einen der einstigen Mühlenräume zum steingefassten Schwimmbecken und liegt kurz darauf schon wieder spiegelglatt, als wäre nichts gewesen. Das zottige Gras der Ufer reicht hoch bis zum Rastpavillon und wird gegen Ende der Dämmerung sicherlich ein Eigenleben entwickeln. Hochromantisch ist es hier und etwas mystisch, ein flüchtiger Gedanke an Caspar, David und auch Friedrich flackert auf. Das ist jetzt so eine Situation zum Zeiteinfrieren, zum Festhalten des Moments, damit der Tag nur nicht zu Ende geht.

Am alten Mühlgemäuer bei Treplin

Doch mit einem Mal wird es belebt hier unten. Es ist ja auch eine zauberhafte Zeit, wenn der Tag ausatmet, die Luft im Tal spürbar kühler wird und das letzte Licht in den Baumwipfeln immer höher wandert. Einige Vater-Kind-Gespanne nutzen die Zeit nach dem Abendbrot zum kurzen Ausschwärmen vor der Gutenachtgeschichte, ein Pferd wird nochmal ruhig durchbewegt und zwei verhuschte Radfahrer erreichen ihr Ziel wohl später als gedacht.

Der Trepliner Dorfbach auf dem Weg ins Mühltal

Den Weg hinauf ins Dorf begleiten die verspielten Windungen des Dorfbaches, mal erdig in einer Furche, mal flach in der Wiese oder hübsch steinig inszeniert in einem Garten. Eine eilige Katze sieht zu, dass sie noch einen warmen Ofenplatz abfasst, denn es wird schneller kühl jetzt, auch hier oben. Die Abendamsel empfängt uns mit dem schönsten Lied des Frühlings, die Kirche legt fünf ruhige Schläge dahinter. Auch dieser Tag, er ist schon jetzt Legende.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Frankfurt/Oder, von dort mit dem Bus (ca. 1,25-1,45 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land auf B1/B5 (ca.1,5-1,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzunge vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Treplin

Information Hohenjesar/Alt Zeschdorf

MOZ-Artikel zur Russischen Kapelle

Zeitungsartikel zu Tante Magdas Imbiss

Einkehrmöglichkeiten: Tante Magdas Imbiss, an der Badewiese in Alt Zeschdorf
Seecamp am Oderbruch, am Zeltplatz nördlich von Alt Zeschdorf
Gaststätte Am Seeberg, Hohenjesar
Gaststätte Glück auf, Treplin

Grobskizziert – Menz: Holzlaufbahnen, ein Fjord in Weiß und die beweglichen Antworten

Seit Ende Januar schon laufen Erlebniswochen, wie es im Marketing heißen würde – ein richtiger Winter liegt über dem Land, mit viel weißem Schnee und ohne böse Extreme, mal abgesehen von den üblichen Gewöhnungsproblemen für alle Verkehrsteilnehmer und moderne Fahrzeuge mit viel sensibler Elektronik.

Talgrund östlich von Menz

Pünktlich zum Vorabend der Winterferien begann mit bedächtig herabsinkenden Flocken dieses prächtige Schauspiel und verteilte behutsam Balsam auf den wunden Seelen der meisten Leute. Wieder sah man Familien bei gemeinsamen, fast komplett analogen Aktivitäten wie Schneemannbau, Schlittenfahren oder schlichtweg gemeinsamer Winterspazier. Die unschuldige Schönheit und auch die Seltenheit lang währenden, reinweißen Schnees ist Anreiz genug für solche stille Übereinkunft der Altersgruppen, gemeinsame Freude unter freiem Himmel eine Zeitlang aller Peinlichkeit beraubt.

Friedensplatz in Menz

Endlich können auch die richtig dicken Wintersachen aus selten besuchten Schranktiefen geborgen werden, und so sehen viele Leute aus wie Schlafsäcke mit Beinen oder Inuit auf dem Weg zum Walfang und geben dieser ganz eigenen Art des Laufstegs einen letzten Schliff, bei dem ein schlankes Erscheinungsbild keinerlei Rolle spielt. Selbst der kindlich-liebenswerte Fäustling, sonst in den Innenstadtlagen eher belächelt, wird selbstbewusst an alle Größen von Händen gesteckt und darf gern auch besonders bunt sein.

Brücklein über den Wentowkanal

Noch immer sollen die eigenen vier Wände nur aus gutem Grund und mit Gesichtsmaske im Gepäck verlassen werden, in der Entfernung zum Wohnort gibt es hingegen keine Einschränkung mehr. Wer also die Menschenleere beim Bewegen unter freiem Himmel sucht, tut das in besonders einsamer Gegend und kann gut damit leben, dass es nicht ganz so spektakulär zugeht.

Roofenhütte

Wer hingegen endlich wieder ein klassisches Touristenziel vom Kaliber Spreewald, Rheinsberg oder Stechlinsee besuchen möchte, sollte etwas Entlegenes mit eher verschachtelter Anreise wählen bzw. etwas, das in der Peripherie eines der großen Klassiker liegt und ähnlich viel zu bieten hat.

Badestelle am Roofensee

Im Spreewald könnte das der weitläufige Unterspreewald sein oder die Region zwischen Burg und Vetschau, bei Rheinsberg das zauberhafte Lindow oder vielleicht die seenreiche Gegend um Zechliner Hütte. Beim Stechlin ist es eigentlich recht einfach, denn auf dem Weg dorthin kommt man in den meisten Fällen durch das Dörfchen Menz, dessen Ortsbild ähnlich reizvoll ist wie das von Neuglobsow. Auch hat der fjordartig gewundene Roofensee einige Uferpassagen zu bieten, von denen der Stechlin nur träumen kann, und wenn er noch so schön und einzigartig und besungen ist.

Plankenweg Grubitzwisch

Menz

Das Dorf liegt auf einem flachen Buckel zwischen dem Ostende des Roofensees und einem hinreißend schönen Talgrund, den ein Bachlauf prägte. In der Mitte plätschert dessen Wasser in Richtung Havel, die unweit des Ziegeleiparks Mildenberg erreicht wird. Vom anderen Dorfrand schon zu sehen und in wenigen Minuten erreicht ist die großzügig angelegte Badestelle am See. Das glasklare Wasser kann mit dem des Stechlin gut mithalten, auch wenn der Roofensee lange nicht so tief ist wie sein berühmter Nachbar.

Zugefrorener Roofensee

Wenn man jedoch seine schmale Linie bedenkt und sich die Fortsetzung der steilen Uferhänge unter Wasser vorstellt, ergibt sich eine beachtliche Tiefe, welche wohl die allerwenigsten Wald- und Wiesentaucher entspannt erreichen dürften. Rechts des Strandes erhebt sich durchaus wahrnehmbar der bewaldete Hausberg mit einem überwachsenen Ringwall und bietet unterhalb seiner Flanke die Option, zum und vom Strand nicht denselben Weg nehmen zu müssen.

An der Schleusenwiese

Um den offenen Dorfplatz, von dem man bereits die Kirche sehen kann, reihen sich allerhand schöne Häuser, oft mit Fachwerk. Darunter ist auch das Naturparkhaus Stechlin. Hier wird allerlei Zeitvertreib angeboten, sei es zum Aufwärmen, nach der Tour oder als Schlechtwetteroption. In normalen Zeiten gibt es auch Gastronomie im Menz, und so ist die weite Anreise an und für sich schon lohnend, selbst wenn man das Ortsgebiet nicht nennenswert verlassen möchte.

Am Nordufer des Roofensees

Themenrundweg „Von Moor zu Moor“

Ein sehr einnehmender Teil des Naturparkhauses, der nicht im staketumzäunten Areal liegt, ist der bezaubernde Rundweg „Von Moor zu Moor“, der im Prinzip den klassischen Rundweg um den Roofensee kunstvoll und mit gutem Gespür für das rechte Maß aufbohrt. Zwar ist absolut nichts einzuwenden gegen den beliebten ufernahen Zweistünder um den See, er zählt mit seinen steilen Waldflanken und dem verspielten und teils sehr schmalen Pfad am südlichen Ufer ganz klar zu den besonderen Seerunden in Brandenburg.

Stiege hinab zum Kesselmoor

Doch wenn ein Thema – in diesem Fall das Moor – so liebevoll umgesetzt wird und sich tatsächlich an mehr als zwei Ecken der Tour wiederfindet, dann macht das wirklich Spaß und belohnt für manches Geschnaufe beim häufigen Rauf und Runter zwischen den Stationen. Charmant ist neben dem gelungenen Logo übrigens auch die Wegweisung mit dem roten Dreieck, das in immer wieder neuen Varianten erscheint.

Am Großen Barschsee

Manchmal führt es auch in eine kleine Sackgasse, wo eine weitere Station oder ein schöner Rastplatz warten. Doch aus kleinen Verlaufereien erwachsen ja oft die schönsten Entdeckungen, und der Weg zurück ist niemals länger als zwei Minuten. Am Ende der Tour weiß man dann, wie die Wegweisung zu handhaben ist – um es bis zum nächsten Mal wieder zu vergessen.

Der überfrorene Wentowkanal

Bei dieser Tour gibt es also zwischen den Wegen und Pfaden aller Größenordnungen, die teils von skandinavischem Gepräge sind, gut verteilt immer wieder Bruchwälder oder –wiesen und natürlich eine ganze Reihe kleiner bis kleinster Moore, die jeweils mit einem Stück Plankensteg und robuster interaktiver Informationsmechanik bedacht wurden. Und so ein Stückchen Bretterweg zwischendurch ist immer ansprechend. Keines der Moore gleicht dem anderen, sei es nun von der Erscheinungsform oder der umgebenden Topographie.

Plattform an der Schleusenwiese

Bei der Umsetzung der einzelnen Stationen hatten Zimmerleute und Metallbauer, Naturkenner und Touristiker Spaß und in diesem Zusammenhang wohl auch ein angemessenes Budget zur Verfügung, so dass alles Verbaute nicht nur visuell und haptisch ansprechend, sondern auch von großer Haltbarkeit ist. Erfolgreich wird neugierig gemacht, und wer was wissen will, muss zumindest die Hände aus den Taschen nehmen und etwas in Bewegung setzen, um eine Antwort zu erhalten.

Brücklein über den Wentowkanal

Wer Lust auf ein Stündchen mehr hat und der Besuchermenge an Wochenendtagen etwas ausweichen möchte, kann vorher noch einen Bogen nach Westen schlagen, sich durch den Wald zum erwähnten Talgrund treiben lassen und dann an dessen südlichem Rand zurück nach Menz spazieren. Beim Erreichen des ersten Hauses fällt dann die leicht erhöhte Lage des Dorfes auf. Ganz im Osten des Bogens ist übrigens etwas Interpretationsbereitschaft gefragt, denn einige der Wege sind ein wenig zugefallen.

Am Südufer des Roofensees

Zur Wahl stünde für Familien übrigens auch ein knapp einstündiges Minimalprogramm mit Bergumrundung, -besteigung und –überquerung sowie anschließendem Strandbesuch, das auch für kurze Beine gut passen sollte. Auf dem Gipfel des Wallberges gibt es eine Rasthütte, an der Badestelle flaches Einstiegswasser und unterwegs viel zu entdecken.

Wallberg bei Menz

Wem auch das noch zu aufreibend klingt, der geht vom Friedensplatz in Richtung Wallberg, überquert die Seestraße und setzt sich achtzig Meter später links auf die Bank, von der sich all das schön aus naher Ferne betrachten lässt. Und lauscht dort ganz in Ruhe dem, was die Jahreszeit gerade so zu bieten hat.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
von Berlin-Gesundbrunnen über Gransee nach Menz (ca. 1,5-1,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (verschiedene Varianten)(ca. 1,5-1,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 18 km (blau, Abkürzungen vielfach möglich; zur Vermeidung verwachsener Wege von Wegpunkt 7 direkt zu 12);
Berg-Strand-Tour für kurze Beine (grün, ca. 2 km)


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Links:

Naturparkhaus Stechlin in Menz

Faltblatt „Von Moor zu Moor“ (PDF)

Rundweg Wallberg

Einkehr:

Künstlerhof Roofensee (Berliner Str., schräg ggbr. der Kirche)

Grobskizziert – Werbellin: Stille Burg, Ochsenkarren und die Schöpfung in Schwarzweiß

Der Dezember hat sich wie in jedem Jahr wieder die Adventskleider übergeworfen. Doch in diesem Jahr wollen Sie nicht recht passen, auch wenn alle Beteiligten wirklich ihr Bestes geben und möglich machen, was eben geht. Dazu zählen füchsische Listen, ferner die Spielweiten der Interpretation von Vorgegebenem sowie das maximale Eindampfen von weihnachtlichem Marktgeschehen auf Minibude, Becher und Pappe, was dankbar angenommen wird.

Weg über der Buckowseerinne

In der Großstadt wird solches naturgemäß schnell überreizt und erledigt sich damit selbst, auf dem Lande hingegen macht es winzige Episoden echter Adventsstimmung möglich, die herzwärmend aufzeigen, wie wenig eigentlich nötig ist. Davon abgesehen ergeben sich in vielen Treppenhäusern der Großstadt, wo sonst kaum einer den anderen kennt, kleine Begebenheiten echter Weihnachtlichkeit, die man nur wahrnehmen muss.

Bei Margarethenhof

Ansonsten wissen sich viele Menschen selbst zu helfen und vertagen Glühwein und Heißes vom Grill in den eigenen Garten, sodass das würzige Getränk eine Zeitlang die Begehrenskategorie von Nudeln und Klopapier erlangt und mancher Feuerkorb noch mal aus der Winterruhe gerissen wird. Jeder macht irgendwie das Beste draus, und manche alte Gewohnheit muss in diesem Jahr komplett umgekrempelt werden. Womöglich wird das nachwirken und in einem guten Sinn Auswirkungen auf weihnachtliche Reisegeschehen künftiger Jahre haben.

Hinter Werbellin

Ansonsten gelten ähnliche Regeln wie im Frühling, die jedoch entgegen der Erwartung keinesfalls leichter von der Hand gehen – wo man sie doch schon kennt. Vielleicht hat das in gewissem Maße mit der Jahreszeit zu tun, die ja im Frühling für viele Menschen ein Aufatmen bedeutet, im Winter dagegen eher ein Kopfsenken. Zum Regularium zählt also auch wieder, die eigene Höhle nur mit gutem Grund zu verlassen. Bewegung im Freien zählt dazu, sodass zum Ausschwärmen nach Brandenburg keine spitzfindige Grauzone betreten werden muss, wenn man denn betont einsame Gegenden durchstreift. Und die gibt es in fast allen Winkeln von Brandenburg, was kein Geheimnis ist.

Zwischen Autobahn und Margarethenhof

Werbellin

Zwischen Eberswalde und Joachimsthal fährt ein Bus, der etwa auf der Mitte auch in Werbellin hält, einem hübschen Dörfchen, zu dem das Dauerrauschen der Autobahn gehört. Dieses wird vom Wind mal betont, mal lässt es sich fast vergessen. Entsprechend der naheliegenden Vermutung ist es von hier nicht weit zum allseits bekannten Werbellinsee, dessen Uferlinie in einer guten halben Stunde erreicht ist, der schöne Seeort Altenhof nur wenig später.

Landschaft bei Margarethenhof

Ein wahres Kleinod unter den märkischen Landschaften liegt jenseits der Autobahn und blieb vielleicht eben deswegen weitgehend unbekannt – für viele Ausflügler ist die Nähe der dauerlauten Piste ein Ausschlusskriterium. In der naturgeschützten Buckowseerinne liegen zwei der schönsten Wegekilometer, die das Bundesland zu bieten hat. Große Worte, dessen bin ich mir bewusst. Und würde sie sofort wieder schreiben, ohne den kleinsten Gewissenszwack.

Schaukel-Eiche bei Margarethenhof

NSG Buckowseerinne

Was die Eiszeit hier modelliert hat, ist so anmutig und zugleich leicht archaisch, bezaubernd und von wildem Relief, hat fast etwas Nostalgisches. Wenn die Landschaft auf einmal schwarzweiß oder sepiagetönt wäre und einem behäbige Fuhrwerke mit vorgespannten Ochsen entgegenkämen oder Schnitter mit gewaltigen Garben frischen Strohs auf dem Rücken, so richtig staunen müsste man nicht.

Weg über der Buckowseerinne

Die Landschaft mit ihren vielen Weihern ist blickesweit leicht geschwungen, was man schon zu Beginn in den Waden spürt – es kommen viele kleine Päckchen von Höhenmetern zusammen, ganz egal, ob man nun die dreistündige Rundwanderung nimmt, die unten zu sehende Vollversion oder den zweistündigen Schöpfungspfad, der trotz seiner Kürze keine von den feinsten Pralinen dieser Landschaft weglässt.

Weiher der Buckowseerinne

Darüber hinaus wird der Schöpfungspfad von durchweg lesenswerten Tafeln begleitet, deren Zeilen insbesondere in diesem Jahr trostspendend und aufbauend sein können, ohne dabei spürbar zu frömmeln. Keine großen Textblöcke, sondern eher das gute Maß einer Minute. Und danach jeweils ein schönes Stück Stoff im Gedankenwerk für Plaudern oder Schweigen bis zur nächsten Tafel. Das Ganze ist wirklich sehr gelungen.

Treffen bei Tag und Nebel

Der Rahmen also lässt sich beliebig groß anlegen. Der Schöpfungspfad entfernt sich nicht nennenswert von der Buckowseerinne, der Rundwanderweg nimmt noch die Dörfchen Buckow und Werbellin dazu und auch ein Stück vom Großen Buckowsee. Die große Variante hier schlägt noch den Bogen über Lichterfelde und tingelt hinterm Dorf auf herrlich weiten Wiesenwegen zur nächsten Wohnsiedlung.

Diese nun zählt kurioserweise zur Stadt Eberswalde und wurde nach Clara Zetkin benannt ist, welche viele wohl eher vom vorvorletzten Zehn-Mark-Schein kennen denn als Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin. In Sachen Wasser kommt dort noch der breite Oder-Havel-Kanal ins Spiel, der trotz seiner autobahnähnlichen Eigenschaften durchaus eindrücklich ist, zumal der ganze Tag schon fahl und etwas mystisch unter Frost und Nebel liegt und die lange Weite des Wasserbandes unscharf beschneidet.

Weg an der Buckowseerinne

Hinter den letzten Häusern von Karlshöhe geht es noch ein Stück höher, dann rasch hinab zum Großen Buckowsee, dessen steile Uferhänge von Buchen bestanden sind und damit an märkische Seenklassiker wie Wutzsee, Liepnitzsee oder das benachbarte Großkaliber des Werbellin denken lassen. Wo dieser von Sagen umwoben, ist der Große Buckowsee heute von Winternebel gedämpft und überdeckt, sodass sich der Autobahn-Rastplatz über dem jenseitigen Ufer nicht mal erahnen lässt. Die Enten treiben drüben ihre Schabernacke, ein Graureiher zieht in diesem elchganggleichen Flugstil übers Wasser, die Brust der Stirn stets leicht voraus. Die Krähen, welche klagend die Jahreszeit für sich beanspruchen, sind zu hören nur, doch nicht zu sehen.

Stiller Zaungast in Lichterfelde

An der Ostbucht umrundet ein Pfad historische Gemäuer einer Mühle mit ein paar eingekreisten Bungalows, bevor am Kanzelberg noch einmal die Landschaft von vorhin in die Wiesenhügel locken will. Was uns betrifft ist es dafür zu spät, denn die Sonne hat sich schon verabschiedet und die halbstündige Lichtreserve läuft heute trotz oder wegen des Nebels besonders schnell ab.

Hinterm Dorf, bei Lichterfelde

Nach der Autobahnunterführung liegt rechts das Irrenhaus, was mit lockerem Blickwinkel irgendwie gut zum Schöpfungspfad da drüben passt – gelten doch die sogenannten Irren oft als die einzigen Normalen. Hier jedoch handelt es sich um einen Ort, wo man durch und durch freiwillig einkehren, übernachten oder Feste begehen kann, wobei unter anderem Ritter, Schneiderscheren und Pferde eine Rolle spielen.

Oder-Havel-Kanal

Werbellin

Vorhin war von echten Weihnachtsmomenten im Treppenhaus die Rede. In Werbellin gab es dann auch noch so einen Moment, gänzlich unerwartet, mit voller Wucht und einem Bild fürs Langzeitgedächtnis. In der Mitte des Dorfes steht ein Kirchlein von ungewöhnlicher Form, was schon beim Grundriss anfängt und sich in der burgähnlichen Gestalt des hochkanten Gebäudes fortsetzt. Am kleinen Turm gibt es sogar einen holzverkleideten Rundgang, und in das Kirchenschiffchen geht man um drei Ecken.

Am Großen Buckowsee

Das Innere ist urig und fast wohnlich, mit viel Holz und Malerei, der Altarraum wurde erleuchtet von einem wunderbaren Weihnachtsbaum, der so warm schien, als stünden echte Kerzen drauf. Links war für den Heiligen Abend und die Weihnachtstage die Krippe vorbereitet, Schafe und Strohballen warteten in der Stille dieses Raumes auf den alljährlichen Einsatz vor kleinstem oder keinem Publikum. Ein Echo dieses Bildes gibt übrigens – an jedem Tages des Jahres – das Fenster direkt darüber: es zeigt das brotlaibgroße Jesuskind in seiner Krippe, umgeben von beiden Eltern.

Fingerübung zum Pulssenken, am Großen Buckowsee bei Werbellin

Dorfkirche Werbellin

Die Kirche im sogenannten Landstil ist als sogenannte Autobahnkirche tagsüber offen. Und auch wenn sie neben dieser nüchternen Bezeichnung noch einen richtigen Namen verdient hätte, vielleicht St. Brausius, wird einem dadurch doch die zugleich kuriose und sinnvolle Bedeutung solcher Kirchen gegenwärtig, die ja insbesondere diesem Jahr innewohnt, wenn auch zwangsweise: mal das Tempo rausnehmen, wenigstens kurz. Einen Augenblick analog und nur vor Ort sein, nichts beweisen und darstellen müssen. Einfach in die Bank sinken, die Schultern folgen lassen und in der Stille auf den Puls horchen, bis dessen Frequenz der des Atmens entgegenkommt. Es kann eine kleine Kur sein, ganz gleich ob man sich als religiös oder als strenggläubigen Atheisten sieht.

In der Kirche Werbellin

Wer dann hinaustritt, atmet tiefer durch, sieht vielleicht ein wenig klarer und hört sogar die weit entfernten Scharen der Zugvögel, die noch immer abwägen zwischen Aufbruch oder Bleiben.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Bahn bis Eberswalde, dann Bus in Richtung Joachimsthal (1,75-2 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn oder Landstraße (0,75-1 Std.)

Länge der Tour: 18 km (Abkürzungen mehrfach möglich)


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Links:

Rundwanderung NSG Buckowseerinne

Infomation zum Schöpfungspfad

Autobahnkirche Werbellin

Einkehr: Irrenhaus, Werbellin
Omas Speisekammer, Lichterfeld

Stadtrandtour Wannsee – Blattgoldrausch, Inselkapellen und ein Raum für Sehnsucht

Wenn dieses verquaste Jahr irgendetwas besonders gut kann, dann ist es Herbst. Für gute Laune reicht das nicht bei jedem, dennoch zieht es viele Menschen ins Freie, mehr als sonst üblich. Und in der Tat geht es besonders golden zu, sei es nun auf dem Lande oder mitten in der Stadt oder auch dazwischen. Novemberwetter gab es diesmal eher im Oktober, und das reichliche Gold im November lässt einen Tauschhandel vermuten, der vielleicht taktisch ausgeklügelter ist als man meinen sollte. Denn es gilt, die allgemeine Trübnesse etwas aufzuhellen.

Goldener Teppich am Griebnitzsee

Trüb ist dieser November also weniger vom Wetter her, vielmehr ist er trüb für alle Häuser, bei denen eine Bühne oder eine Küche im Zentrum steht. Die Türen müssen zu bleiben und Optionen zur Vermeidung des völligen Stillstands verlangen nicht nur Phantasie, sondern auch noch irgendetwas in der Hinterhand. Und am besten etwas Platz unter freiem Himmel. Wer also noch entsprechende Reserven hat, etwas aus dem Ärmel zu zaubern oder aus dem Boden zu stampfen, kann meistenteils auf dankbare Gesichter und etwas weiter geöffnete Portemonnaies hoffen. Passend dazu hat die zentrale Tourismusstelle des Landes Brandenburg eine Webseite auf die Beine gestellt, wo sich herausfinden lässt, wer zum Beispiel Essen zum Mitnehmen anbietet.

Ungewöhnlicher Potsdam-Blick vom Berliner Gipfel

Ganz unabhängig von all dem macht das Tageslicht sein Ding und bietet der Natur damit eine verlässliche Größe. Grün wird zu bunt, herabgefallen dann zu leuchtend. Farbakzente liefert nur der Zufall hier und da. Es duftet nach Eicheln, nach Pappellaub und Pilzen, nach werdender und währender Erde. Pilzsammler kamen überraschend, weil später als gewohnt auf ihre Kosten und konnten schließlich noch gut gefüllte Körbe durchs Unterholz schleppen. Etwas höher im Wald wird es immer stiller, obwohl zwischen dem Gekrächze der schwarzen Einsilbigen nach wie vor dieses niedliche Finkengezwitscher zu vernehmen ist, manchmal auch schon ein paar frühe Wintermeisen.

Versammelte Sehnsuchten

Wannsee

Rund um Potsdam lassen sich, das ist nichts Neues, herrliche und besondere Tage verbringen. Viel Wasser und lebhafte Uferverläufe gibt es hier, Hügelländer voller Wald und dazwischen unzählige Accessoires für Historienfilme, so dicht gesät wie selten irgendwo im Lande. Noch dazu sind diese großen und kleineren Bauwerke meist in herrschaftliche Parkanlagen gefasst, die jeweils für sich schon als Tagesziel taugen.

Abendliche Wannsee-Ausfahrt

Wem nun selbst Potsdam zu weit weg ist, der findet all das bereits auf einer großen Insel, noch auf Berliner Stadtgebiet. Der Inselwerdung wurde einst von Menschenhand etwas nachgeholfen, nichtsdestotrotz gibt es nur eine Handvoll Brücken, auf denen sich die Insel Wannsee trockenen Fußes verlassen lässt.

Pergola-Gang an der Bismarckstraße in Wannsee

Der Uferweg vom Wannseer Hafen vorbei an der Pfaueninsel zur Glienicker Brücke ist quasi ein Klassiker, nicht zuletzt deswegen, weil sich die Tour an mehreren Stellen per Bus verkürzen lässt. Falls der Bus gerade weg ist, geht man einfach ins jeweilige Wirtshaus und lässt dort vielleicht gleich noch den nächsten Bus fahren.

Auch recht bekannt ist das bezaubernde Wege-Pendant am Südufer. Auch wenn hier die Ausflugsziele nicht Schlag auf Schlag folgen, sorgen die verspielte Uferlinie und der Verlauf dicht am Ufer für gutgehend Betrieb, nicht nur an sonnigen Tagen. Neonbunte Laufschuhe wollen amortisiert sein, Hunde ausgeleert oder Gedanken freigelassen. Will man nun die Insel einen ganzen Tag durchstreifen und trotzdem nicht zu viele Menschen treffen, ist auch das möglich – dank einem dichten Wege- und Pfadenetz.

Taille vom Kleinen Wannsee zum Pohlesee

Bhf. Wannsee

Vom Bahnhof ist es nur ein Katzensprung zum Gasthaus und Biergarten Loretta mit einem der schönsten Blicke auf den Wannsee. Auf der anderen Seite der Königsstraße kommt man durch einen kleinen Park zur Bismarckstraße, ein paar Minuten später schon zum ersten Kulturbeitrag am Weg: in einem kleinen Stückchen Grün oberhalb des Kleinen Wannsees steht das Kleistgrab mit seinem korpulenten Stein. Hier liegt der Dramatiker neben seiner Freundin Henriette Vogel, mutmaßlich an der Stelle, wo sich beide gemeinsam und wohlüberlegt von dieser Welt verabschiedeten.

Uferweg am Griebnitz-Kanal

Entlang der kleinen Pflasterstraße gibt es teure Anwesen, auch schöne und geschmackvolle, jeweils entsprechend die Gärten. Manche sind zugeknöpft, andere wirken historisch wertvoll und einige sind regelrecht verspielt. Im Gedächtnis bleibt ein langer Pergola-Gang aus rotem Gebälk, auf dem sich ein dichtes Dach aus Glyzinien räkelt. Hier und da blitzt unten die Wasserfläche durch.

Blick auf die Marina am Pohlesee und Turm auf dem Schäferberg

Unvermittelt endet die Straße am Wald und lässt die Auswahl zwischen zwei Wegen. Wer Muße hat oder ans Wasser will, geht rechts und kommt durch leuchtendgelben Laubwald bald zur Seentaille, wo der Kleine Wannsee zum Pohlesee wird. Neben vielen kleinen Stränden gibt es schöne Blicke hinüber zur Marina, edlen Bootshaus-Ensembles oder den Türmen auf dem Schäferberg. Die Topographie des Uferwaldes erinnert durchaus an namhafte Seekaliber wie den Wutzsee bei Lindow oder das schöne Geschwisterpaar von Liepnitz- und Hellsee.

Am Stölpchensee

Vor der Brücke zum Stölpchensee wird der Weg zum Kanal hin schmaler, dahinter steigt er etwas höher übers Ufer und gibt den Blick frei auf einen markanten Kirchturm. Der sieht irgendwie nach Schinkel oder Schülerschaft aus, der fehlende Turmspitz lässt sich von vier kleinen Eckzacken vertreten. Der Wald wird jünger und dichter, der Laubteppich zunehmend lückenlos. Bald darauf wiederholt sich am Ende des Sees die Geschichte mit dem Kanal und der Brücke, und jetzt endlich wechseln wir hinüber auf die Insel, die den restlichen Tag superb gestalten wird.

Am Ufer des Griebnitzsees

Hubertusbrücke

Drüben liegt unterhalb der Brücke ein herrlicher Biergarten, darin sehr einladend die hölzerne Hubertusbaude. Dass hier keinerlei Bewegung ist, liegt nicht an der Virenproblematik – die Anlage ist seit einigen Jahren geschlossen und sucht einen neuen Besitzer. Der sich hoffentlich finden wird, für diesen schönen Ort direkt am Griebnitzkanal.

Selten gesehenes Panorama über Potsdam

Am Ufer des gleichnamigen Sees kommt die Sonne heraus und adelt das Goldbraun, das Wege und Hänge bedeckt. So lückenlos ist der waldweite Teppich, dass der kleine Pfad kaum zu erkennen ist, der den Aufstieg auf den Moritzberg einläutet. Rutschig ist das Laub, sodass die ersten steilen Meter nicht nur auf den Füßen zurückgelegt werden. Schließlich greifen die Sohlen wieder, der Gang bleibt aufrecht. Das passt gut, denn wir renken uns die Blicke aus nach den fünfzig Kranichen, die direkt über uns sein müssen und doch nicht zu sehen sind.

Rennsteig-Impression auf der Deponie Wannsee

Moritzberg

Nach etwas Wegewirrwarr und einigen querenden Joggern und Mountainbikern geht der Aufstieg erneut zur Sache, nun breit und knirschend. Auf dem Gipfel suchen wir vergebens nach einem Pausenplätzchen oder einer Aussicht irgendwohin, finden jedoch anhängliches Dornengestrüpp und verworrene Wildpfade. Etwas unterhalb dann schließlich ein Holzschild, das einen Moritzberg benennt. Nur ein paar Schritte weiter kann das Auge über die entlaubten Zweige weit in die Landschaft schauen, nach Südwesten hin zu den Hochhäusern der Potsdamer Waldstadt und dem fernen Turm auf dem Ravensberg dahinter. Direkt nach Süden reicht der Blick weit ins Brandenburgische.

An der Waldmüllerstraße, Klein Glienicke

Abseits des Weges hören wir etwas rechts vergnügtes Geschnatter, ein Pfad führt dort hin und beides zusammen macht neugierig. Zwei Damen kommen uns entgegen und geben kichernd einen Aussichtsplatz der Sonderklasse frei, insofern, dass Potsdam von dort betrachtet aussieht, als läge es irgendwo ins Thüringische Bergland einschmiegt. Das Stadtpanorama reicht vom Rand der Waldstadt und dem Telegraphenberg bis zur markanten Kuppel der Nikolai-Kirche, davor St. Smafo resp. Heilig Geist. Und noch weiter bis zur vergleichsweise nahen Sternwarte Babelsberg.

In Klein Glienicke

Der seltene Blickwinkel macht klar, dass die Stadt nicht nur von der Havel durchzogen ist, sondern auch von zahlreichen Höhenzügen umgeben. Die sind zwar insgesamt nicht allzu hoch, doch eben einiges höher als die Wasserflächen und zumeist bewaldet. Alles zusammen ergibt diesen Eindruck, der noch den ganzen Tag nachhallt.

Beim Schloss Klein Glienicke

Der Thüringer Gedanke wird vom bald folgenden Kammweg weitergesponnen, der prompt ein wenig an den Rennsteig denken lässt. Ein steiler Abstieg bringt wieder die Sohlen auf dem glatten Laub ins Rutschen, bis am idyllischen und gut bevölkerten Uferweg am Griebnitzsee die Bergepisode ihr Ende findet. Dennoch ist der letzte Höhenmeter noch lange nicht gesammelt … Unten am Ufer sitzt in sich versunken ein Angler, oben im Hang turnt ein Junge zwischen den liegenden Stämmen herum. Müde sein werden sie am Abend beide.

Oft gesehene Brücke zwischen den Ländern Brandenburg und Berlin

Klein Glienicke

Schon die ersten Häuser von Klein Glienicke strahlen Mondänes aus, prompt fühlt man sich ganz woanders. So ganz falsch ist das nicht, denn der nächste Kilometer wird im Land Brandenburg verbracht. Passend dazu fachsimpeln gerade zwei Herren in aufwändiger Garderobe um ein weißes Mercedes-Cabrio aus den Fünfzigern herum. Der Motor läuft, schnurrt sonor und entlässt hinten nostalgisch aromatische Abgase. Es wird eingestiegen, fünfzig Meter gefahren, wieder ausgestiegen und erneut um das Auto herumgelaufen. Das wiederholt sich noch einmal, bis schließlich die passende Kulisse der geräumigen Waldmüllerstraße erreicht ist, die auch geeignetes Publikum bereithält fürs Verlassen der Szenerie.

Im Volkspark Klein-Glienicke

Neben der Straße liegt still ein kleiner Wasserlauf, begleitet von einem winzigen Graspfad, von dem sich schön die besonderen Holzhäuser am anderen Ufer bestaunen lassen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird eine kleine Hoffnung wahr: das Eiscafé hat eine Luke offen, draußen einen kleinen Grillstand eingerichtet, und wir können uns was Kleines zu naschen rausholen. Außer den Schlangestehenden bleiben alle Gäste auf dem zugehörigen Gelände stets leicht in Bewegung, damit nicht der Verdacht des Aufhaltens entsteht. Drumherum ist ordentlich Betrieb, kein Wunder, denn hier ist die Hauptschnittstelle zum Park Babelsberg, zudem kreuzen sich hier zahlreiche Rad- und Wanderwege.

Vollblütige Live-Musik in Abstandszeiten, Gasthaus Moorlake

Nur ein paar Minuten sind es zum Schlosspark Klein Glienicke, der nun wieder in Berlin liegt oder doch so absolut nach Potsdam aussieht. Auf dem Weg dorthin liegen ein süßes Kirchlein und der Friedhof in einer eigenartigen Nische des Grenzverlaufes, die sicherlich genau damit zu tun hat. Das direkt benachbarte Jagdschloss ist seinerseits von einem Ausleger der Berliner Grenzlinie umschlungen.

Höhenweg unweit der Moorlake

Der weitläufige Park ist zur Straße hin abgesperrt, was sich in der Trockenheit der letzten Sommer begründet und dem Bestreben, dass keinem Parkbesucher etwas zu Großes auf den Kopf fällt. Die Absperrungen setzen sich in Richtung Moorlake noch fort. Stellenweise bleibt Interpretations-Spielraum offen, welcher Weg zu benutzen ist und welcher nicht. Und zuletzt gibt es ja auch noch den gesunden Menschenverstand.

Blick von der Terrasse am Blockhaus Nikolskoe

Das ist insgesamt wenig tragisch, denn reizvoll sind beide Varianten. Der Hochuferweg sammelt dabei unter alten Laubbäumen so einige Höhenmeter und verwöhnt mit überraschenden Aussichtsfenstern auf die Glienicker Brücke, die Heilandskirche am anderen Ufer oder das markante Bauwerk auf der Pfaueninsel, zwischendurch öffnen sich immer wieder die weiten Wasserflächen der Havel. Begleitet wird der Weg von dicken Holzgeländern, die an Hochuferwege auf Rügen oder Usedom denken lassen, welche sich ähnlich auf und ab gebärden. Unten der Uferweg hingegen gibt sich ruhig und gleichmäßig, und der Besucherverkehr hält sich gerade auch in Grenzen, so dass man keinen Ausweich-Slalom laufen muss.

Blockhaus Nikolskoe

Moorlake

Die Bucht der Moorlake wird in einem langen Rechtsbogen erreicht, und so gleicht es zunächst eher einer Erscheinung, wird erst nach Minutenfrist deutlich und schließlich zur Gewissheit, dass vom Herzen der Bucht Musik erklingt, direkt vom Instrument. Das ist in diesem Jahr auf seine Weise besonderes schön und leitet eine ausgedehnte Viertelstunde ein, die so anmutig wird, dass man gern die Zeit anhalten würde. Auch hier wurden ein paar Ladentische rausgestellt und man bekommt Süßes zum Kaffee oder Herzhaftes zum Sattwerden.

Kirche am Blockhaus Nikolskoe

Die zwei virtuosen Musiker spielen sich beiläufig und ohne Theatralik die Seele aus dem Leib und laden die Luft mit Emotionen auf, was die Kombi aus Fidel, Quetschkommode und herzergreifenden Zigeunerweisen ja sehr gut drauf hat. Zwischendurch gibt es ein paar sauber servierte Gassenhauer der ernsten Musik, die jeder wiedererkennt. Alles in allem sorgt dafür, dass jeder gern was von Gewicht in die Mütze fallen lässt und am Abend das verdiente Feierabendbier kein nennenswertes Loch in die Kasse reißen wird. Ein perfekter Platz, gute Wahl der Instrumente und ein Vorgang, von dem alle Beteiligten am Ende viel mit nach Hause nehmen dürfen.

Fähre zur Pfaueninsel

Blockhaus Nikolskoe

Kurz hinter Moorlake darf nun ganz legal der Höhenweg erklommen werden. Lange Stufen führen hinauf in den Küstenwald und spinnen im Reich der Goldnuancen den Ostsee-Faden fort. Nach der nächsten Abbiegung wähnt man sich dann auf einmal einiges südlicher, oberhalb des Elbtals da irgendwo bei Dresden, und am Ende der nächsten Treppe ist man wieder völlig woanders, eher so direkt im Baltikum. Das tiefschwarze Blockhaus Nikolskoe bietet zwar keine russische Küche an, doch die Optik und die benachbarte Kirche mit ihrer kleinen Zwiebel entführen kurz in den fremden Kulturkreis. Den großen Havel-Blick und Gelegenheit zur Rast bieten beide.

Essenausgabe am Gasthaus Pfaueninsel

Fähranleger Pfaueninsel

Ein sanfter Abstieg endet kurz vor dem Fähranleger zur Pfaueninsel. Auch hier stehen zwei kleine Stände vor dem Gasthaus, auf der Karte neben dem Imbissangebot auch Waffeln. Eine frischgebackene Waffel an der Fähre – allein das ist schon ein kleiner Urlaub. Etwas Wartezeit haben wir dabei, denn das grazile Waffeleisen ziert sich ein bisschen. Der Duft von Bratwurst und Kaffee, Glühwein und Waffeln tröstet ein bisschen über die Adventsmärkte hinweg, die es in diesem Jahr vielleicht nicht geben wird.

Spiegelschnitt vor der Pfaueninsel

Zum Kommen und Gehen der Fährpassagiere gesellen sich noch palavernde Enten, ein paar Ruderer und die erste Ankündigung der tiefstehenden Sonne, die bereits jetzt für nordische Lichtstimmungen auf dem Wasser sorgt. Wasserfläche und Insel, Paddler und Bootshäuser – in der Tat landen die Gedanken kurz in Skandinavien und wir müssen uns ein weiteres Mal bewusst machen, dass sich dieser ganze Tag in Berlin abspielt, bis auf den erwähnten Kilometer.

Versammelte Sehnsuchten

Vom Uferweg wirft sich nun die Insel in Positur, im edlen Abendlicht. Eine zügige Dame paddelt ihr pfeilschmales Kajak so ruhig, dass der Wasserspiegel kaum gestört wird. Weit oben am Himmel strebt eine Gänse-Eins gen Süden, vielleicht zum nassen Land bei Blankensee oder auch zu den Nuthe-Wiesen. Kurz darauf wechseln wir wieder auf den hohen Pfad und können zugleich einer stehenden Wolke von schwerem Duftwasser ausweichen, die schon seit Minuten den ganzen Weg ausfüllt, auf voller Breite.

Sehnsuchts-Beratungsstelle zwischen Birkenstämmen

Nur per Zufall nehmen wir rechts im Wald eine Rasthütte wahr, die nicht direkt einladend aussieht. Doch es lohnt sich, befindet sich doch hier die einzige Sehnsuchtsberatungsstelle weit und breit. Wir nehmen einen kurzfristigen Termin wahr, müssen uns dann jedoch beschränken, da das Licht allmählich knapp wird und noch eine halbe Stunde Wald vorausliegt.

Blick auf das glimmende Strandbad Wannsee

Das Licht wird in der Tat schnell knapp, schon sind an den anderen Ufern die Lichter deutlich heller als alles andere. Doch der Spiegel der Havel verdoppelt das vorhandene Dämmerlicht und schenkt uns damit die verlorenen Minuten zurück. An einer breiten Strandstelle sehen wir gegenüber das Strandbad Wannsee mit seinem endlosen Strand rot erglühen und nehmen erst jetzt wahr, dass der Tag mit dem schönsten Abendrot ausklingt, das der November zu bieten hat. Nach der nächsten Kurve dreht der Weg nach Süden, und nun sehen wir über der Böschung den ganzen Wald in fahlem Rot. Viele Leute sind noch mit uns und sehen zu, dass sie die nächste Straßenlaterne erreichen.

Flensburger Löwe über dem Wannsee

Flensburger Löwe

Wer uns dort empfängt, ist der wohl größte Löwe von Berlin. Der steht auf einer Aussichtsterrasse am Ende der Uferpromenade, von der sich die ganze Uferlinie des Wannsees bis hin zum hell erleuchteten Hafen sehen lässt. Um ihn herum herrscht fröhliches Treiben, nicht zuletzt dank der warm erleuchteten Imbiss-Bude mit ihrem breit gefächerten Angebot. Noch einmal kleiner Budenzaubertrost. Es braucht ja gar nicht viel dafür.

Abend am Hafen Wannsee

Auf dem laternenbeleuchteten Weg vorbei am Haus der Wannsee-Konferenz, der Liebermann-Villa und zahlreichen Boots-Clubs werden jetzt mit einem Mal die Beine bleischwer, kurz vor dem Ziel. Es war so viel in diesem Tag, so viel Neues entlang der bekannten Wege, so viel Besonderes und Schönes.

Als wir endlich den Hafen erreichen, entfernt sich gerade ein kleiner Dampfer, hell erleuchtet, wie eine Traumvision in diesen Zeiten. Zu leise denken wir, um echt zu sein und drehen uns nochmal um, nach dem Erklimmen der allerletzten Treppe. Das stille Licht ist fern, doch noch zu sehen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
mit der S-Bahn oder Regionalbahn zum S-Bhf. Wannsee (0,5-0,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht praktikabel (falls doch: B 1 nach Wannsee (0,75-1,25 Std.))

Länge der Tour: ca. 20 km, Abkürzungen vielfach möglich (auch per ÖPNV)


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Links:

Insel Wannsee

Ehemalige Deponie Wannsee 

Einkehr (Auswahl): Hubertusbaude, am Stölpchenweg/Hubertusbrücke
Wartmanns Eiscafé, Klein Glienicke
Forsthaus Moorlake, Moorlakeweg
Blockhaus Nikolskoe, Nikolskoer Weg
Wirtshaus Zur Pfaueninsel, Pfaueninselchausee
Imbiss am Flensburger Löwen, Tiefhornweg
Bolles Bootshaus, Tiefhornweg

Deetz: Teichmosaiken, der Uhund und die verbindende Beinbaumelbank

Der September ist da in allen Dingen und hat den kleinen Herbst schon an der Hand. In wolkengedämpften Landschaften ohne viel Kontrast und Schärfe leuchten jetzt vor allem wogende Felder von Goldrute, doch auch knallig glänzende Vogelbeeren oder Hagebutten, letztere wie gewachst und aufpoliert. Wer nah genug rangeht, kann sich wahrhaftig darin spiegeln.

Blick auf Deetz

Dazwischen huschen wie nach einem Klingelstreich kleine Vögel von einem Busch zum nächsten, Finken sicherlich, und tragen davon abgesehen zum großen Schnabelschweigen bei, was die höheren Frequenzen betrifft. Die großen Schwarzen mit den wuchtigen Meißeln im Gesicht holen sich die Klangbühne zurück, ein wenig mehr von Tag zu Tag. Spaziergänger ziehen jetzt gern schon mal den Reißverschluss bis hoch ans Kinn, und auch manche Haarpracht verschwindet zeitweise unter dünnem Stoff oder Gestrick.

Zwischen den Erdelöchern

Ganz hinten oder einiges weiter oben ziehen die Größten hin und her, noch nicht auf dem Interkontinentalflug, doch schon in Orientierung darauf. Drei Gänse über der Havel machen Lärm für eine ganze Schar, und auch die Kraniche vom überübernächsten Feld sind locker bis hierher zu hören. Die meisten Storchennester hingegen liegen bereits verlassen auf ihren Schornsteinen, Masten oder sonstigen Stallagen.

Einer der Stichteiche

Ebenfalls für Farbakzente sorgen im fahlbunten Kronenlaub knackige Äpfel und saftige Pflaumen sowie würzige Holunderdolden in tiefschwarzem Blau. Zu klein und hart zum sofortigen Vernaschen hingegen sind die Birnen, doch wer sie zu Hause etwas liegen lässt, wird mit geschmacklicher Ausdruckskraft belohnt. Die Walnussbäume hängen voll von extragroßen Früchten, dick und grün verpackt. Dasselbe gilt für die Kastanien, auf deren edlen Mahagoni-Glanz am Boden noch zu warten ist. Alles zusammen ergibt mit regelmäßigen Himmelstropfen und zeitig gefallenem Laub eine Würze in der leicht bewegten Luft, die für gewöhnlich erst Ende des Monats erreicht wird.

Aufsteigende Dorfstraße in Deetz

Nach scheinbar langer Brandenburg-Abstinenz soll heute am besten alles dabei sein, was eine Tagesrunde rund macht. Rückenwind bei der Suche kommt per Zufall – quasi über Bande wird mir eine der allerneuesten Broschüren vom Havelland vor die Nase geworfen, die unter der Feder des dicht benachbarten Blogs Wanderjenosse entstand, einem seit Februar bekannten Gesicht. Alles passt – wir waren lange nicht in der Gegend, dort gibt es Brandenburg satt, und ein paar Pfadverbindungen mit Fragezeichen haben diese dank der Broschüre verloren. Allzu lang ist die Anfahrt auch nicht, und eine Fährfahrt ließe sich vielleicht auch noch einflechten. Die wandelhafte Havel setzt sich jedenfalls auf dem Weg nach Deetz mehrfach in Szene und perfektioniert das schließlich etwa auf der Mitte der Tour. Und übrigens: auch fern ihrer Uferlinie spaziert man unterwegs am Havelwasser.

Weiter Ausblick über die Havellandschaft, Eichelberg Deetz

Deetz

Deetz ist ein hübsches, beschauliches Dorf zu Füßen des Eichelberges, das von zwei grundverschiedenen Landschaften eingerahmt wird. Der Aufstieg und die Pfade auf dem Haupt- und Nebengipfel erinnern bei etwas Wohlwollen an sächsisches Elbland, während die flachen Wiesen am Havelbogen ganz klar nordisches Flair verströmen, mit Deichen und Schafen, Pumphäuschen, Entwässerungsgräben – und manch kleinem Strand. Auch der Stufengiebel der Kirche schlägt in diese Kerbe, insbesondere wenn man vom Fluss her kommt.

Nach dem Aufstieg durch eine gemütliche Dorfstraße hat man vom westlichen Nebengipfel schon nach einer Viertelstunde die erste große Aussicht über den geschwungenen Lauf des Havelstroms, davor das Dächermeer des Dorfes. Kurz vorher beginnen die ersten Wiesenpfade, die über eine kleine Bergheide zum kurzen, steilen Schleich hinauf zum Plateau führen. Der ist mit seinem Mühlstein-Feuerplatz wie geschaffen zum Feiern schöner Feste oder für erhebende Sylvester-Blicke übers Land, genau so auch für eine simple Pause. Der trübe Tag setzt dem Blick zwar Grenzen, doch liegen diese so weit entfernt, dass Details dort ohnehin nur mittels Linsenoptik zu erkennen wären.

Hinter Deetz

Der gemäßigte Abstieg nimmt in einer Wendel eine lange Fliedergasse, die im Mai eine kleine Sensation bieten sollte. Die letzten Meter vor der Straße begleitet eine gestandene Mauer, die wieder kurz an Weinbaugegend denken lässt. Gleich gegenüber steht eins der elegantesten Häuser des Ortes, ein bisschen wie die eingedampfte Sommer-Residenz eines Blaublüters von untergeordnetem Rang.

Kurz darauf an der Gabelung werden Hockstrecksprünge unterm Apfelbaum direkt belohnt. Handlich sind die Äpfel, dabei saftig süß mit etwas Würze. Voraus ist überm bewaldeten Berg schon der hoch empor ragende Aussichtsturm zu sehen, der gekonnt eine geodätische Messmarke zitiert, einen trigonometrischen Punkt des hiesigen Netzes. Ein kräftiger Schauer zieht für eine Apfellänge seinen grauen Vorhang auf, ein moderater zweiter tut das wenig später.

Ein weiteres der Erdelöcher

Erdelöcher

Nach wohlgefällig zwischen Waldhang und Wiesenland gelegenen Grundstücken folgt ein ruhiger Weg, der ein paar gut gefüllte Gräben quert und schließlich zu einem herrlichen Geknäuel von Pfaden führt, wie man es so schön nur selten trifft. Zwischen Dutzenden kleiner und größerer Teiche quetschen sie sich lang, mal auf schmalem Damm, dann mal etwas breiter. Nicht nur von Mildenberg, von Norden her, hat die Havel mit Ziegelei und Brennofen zu tun. Auch im Südosten gab es diesen Industriezweig, dessen Spuren zwischen Deetz und Götzer Berge mittlerweile zum Großteil mit der Natur verschmolzen sind. Was in Mildenberg Tonstich heißt und in Klausdorf Tongruben, ist hier als „Erdelöcher“ ausgeschildert. Und von gänzlich anderer Gestalt als da und dort.

Pfad zwischen den Stichteichen

Viele Angler haben schon die begehrtesten Stellen belegt. Einige schauen argwöhnisch, wer da sinnlos Schritte in den Boden drückt, doch wir sind leise wie die Katzenpfoten und unterbrechen auch die Plauderei, wenn sie grad läuft. Junge und alte, bunte und tarnfarbene, verbissene, miesgelaunte und entspannte Rutenträger sind dabei. Einige seit dem Morgengrauen, andere per Zelt schon über Nacht. Andere haben wohl erst dick gefrühstückt, dann etwas getrödelt und versuchen nun kurz vor der frühesten Mittagsstunde, noch ein passables Plätzchen fürs Auswerfen zu finden. Wir drücken den Geschuppten die Daumen, ein bisschen auch den Anglern, dass sie Herd und Pfanne nicht umsonst mitgeschleppt haben.

Dammweg zwischen den Teichen

Die erwähnten Stellen mit den Fragezeichen gestatten dank kurzer Stege hilfreiche Verbindungen. Dazwischen schlängelt sich der Weg meist als Pfad über die Dämme zwischen den Teichen, mal so breit wie ein Otto-Normal-Hintern, mal etwas ausgelatschter wie der eines Brauerei-Pferdes. Bänke für ein Päuschen gibt es keine, doch einige der kleinen Stege von Festland zu Festland sind geländerlos und erlauben obendrein noch Beinebaumeln selbst für längste Schenkel.

Schwäne beim Tagewerk

Das schnellste und lauteste in diesem Minuten ist ein aufwändig hechelnder Jogger, der erstaunlicherweise kaum vom Fleck kommt trotz all des Theaters – so ein bisschen wie Meister Jackson beim Moonwalk, nur lang nicht so geschmeidig. Irgendwann ist das Knallrot dann verschwunden und die Ruhe über den leicht dunstigen Teichen wiederhergestellt. Zwei dekorative Schwäne in einem Teich hinterm Teich atmen auf, schütteln langsam die edlen Häupter und schwimmen mit aristokratischem Gebaren weiter ihre Bahnen .

Aufstiegspfad zum Gipfel des Götzer Berges

Götzer Berge

Der Weg wird breiter und mündet bald ins Sträßchen nach Götzer Berge, ebenfalls ein hübsches Dorf am Fuß eines Berges. Der Anstieg durch den Wald, der nach feuchtem Moosboden und Nadeln duftet, folgt zuletzt einem nadelweichen Schlingerpfad mit kleinen Heidekraut-Inseln und knackt an dessen Ende die Hunderter-Marke. Mit dem äußerst stabilen Turm lässt sich noch deutlich einer draufsetzen – wer nach vielen vielen Stufen die Aussichtsplattform erreicht hat, steht nun im schnellsten Wind des Tages hundertfünfundreißig Meter über Normalnull. Extremsportler, welche todesverachtend die wirklich spitze Spitze erklömmen, könnten sogar mit der Zahl hundertzweiundfünfzig prahlen. Doch wäre das Verhältnis von Risiko und Bewundertwerden eher dürftig.

Havelland-Blick vom Aussichtsturm, Götzer Berg

Götzer Berg

Wer ausreichend windfest ist und schließlich stämmig auf der Plattform steht, darf staunen, wieviel seenbreites Havelwasser nun geboten wird und wieviel Weite. Nur die wenigsten werden so beherrscht sein, hier nicht die Panorama-Funktion der Kamera zu bemühen, denn es ist wirklich eindrucksvoll, selbst im permanenten Dämmerlicht dieses Tages. Was uns schließlich das Losreißen erleichtert ist der frische Wind, der weit und breit durch nichts gebremst wird. Den Turm lässt das absolut kalt, nichts schwankt oder schwingt oder vibriert. Doch wir haben schon sämtliche Zwiebelschichten an und treppeln also hinab in den schützenden Wald.

Am Abstieg vom Götzer Berg

Absteigen lässt sich gemütlich und leicht federnd oder sehr direkt mit entsprechender Gangart im weichen Stakkato. Wieder im Dorf lädt die Bibliothek nicht nur wegen ihrer großen Bücherregale ein, sondern auch durch den großen, nach hinten durchschaubaren Raum, der nach ehemaligen Festsaal einer Gaststätte bzw. Dorfbums aussieht, wie es der Volksmund kürzer fassen würde.

Spreewaldblick von der Drehbrücke, Götzer Berge

Gleich folgt ein Nachschlag im Teichgebiet der Erdelöcher, der sich wahlweise auf bekannten Weg erreichen lässt oder über einen per Pinselschrift ausgewiesenen Privatweg, der gleich noch eine kleine Sehenswürdigkeit mitnimmt. Etwas nördlich vom Rosenbergerhof führt er zu einem Seitenhäfchen mit besonders schön gelegenen Wochenendgrundstücken. Uns entgegen kommen zwei Frauen, handtuchgekleidet in dem Stil, wie man eine Sauna verlässt. Beide lächeln, die vordere wie eine zu selten besuchte Tante, die hintere wie eine geballte Faust. Die Luft zwischen beiden scheint aufgeladen.

Die Drehbrücke selbst

Die erwähnte Sehenswürdigkeit ist dann wieder grundfriedlich, so unauffällig und zudem von pittoresker Szenerie umgeben, dass man sie leicht übersehen kann. Eine kleine halbhistorische Drehbrücke führt über einen spreewaldschönen Stichkanal aus der Zeit der Ziegeleien und ermöglicht die kürzeste Verbindung zwischen Götzer Berge und Deetz. Dahinter schlängelt sich der leicht erhabene Pfad durch üppiges Urwald-Dickicht aus hohen Bäumen, Lianentrieben und Hopfengebilden, die stellenweise prächtige Tunnel ausbilden. Ausgeworfen werden wir fast profan auf das stille Asphaltband des Havel-Radweges, der gut genutzt wird.

Grüner Pfad hinter der Drehbrücke

Ein kurzer Abstecher nach rechts führt zu einem kleinen Sandstrand, der nun die Kluft der Mädels erklärt. Ein Kopf schwimmt herum, aus dem noch vor dem Blickkontakt mit sonorer Stadtführer-Stimme Worte an uns gerichtet werden. Diese sollen in Sekundenfrist eine wohlwollende persönliche Verbindung herstellen, damit wir gar nicht erst auf die Idee kommen, seine Sachen ins Wasser zu werfen. Ein bisschen liegen dann auch Laszivität und freundliche Lüsternheit in seinem Timbre – eine geschickte Gesamttaktik, denn so kommen eher wir in die Lage, die Situation besser zu verlassen, bevor sich der tatsächliche Entkleidungsgrad klärt. Er lobt das Wasser und lädt ein, ich kleinplaudere, dass Luft- und Wassertemperatur fast identisch sein dürften, heute bei uns kein Bad auf dem Zettel steht. Dann nehmen wir Abschied und wünschen Gutes für den Rest des Tages.

Noch eins der Erdelöchcer von der anderen Seite

Rechts zum Teich hin stehen dicke Holzgeländer in bester Aufstützhöhe. Jedes der Erdelöcher liegt still, und jedes von ihnen hat einen Namen. Der alte Havelarm links des Weges heißt Ziegeleikanal und ist direkt mit dem Fluss verbunden, was die zahlreichen Bootsstege erklärt. Vor einer Benimmse trainierenden Klasse der örtlichen Hundeschule biegen wir am Parkplatz links ab und bleiben dem Kanal somit treu, der rings herum vom eigenen Wasserreich umgeben ist. Dieses ließe sich per Stichpfad erkunden, doch das fällt heute aus, denn der Magen knurrt schon und Besteckklappern war vorhin auf Schildern angekündigt.

Bootsstege am Ziegeleikanal

Havelstübchen

Direkt am Radweg liegt mit großem Schankgarten die erhoffte Wirtschaft, wo sich jetzt Bedürfnisse stillen lassen. In der knappen Stunde fallen ein paar Tropfen, ähnlich viele Radfahrer kommen und gehen. Wortreiche Platzfindungen in mindestens drei Dialekten und Artikulations-Graden lassen sich beobachten, danach zufriedene Gesichter in der Pedal-Pause. Eine will Kaffe und Kuchen, ein anderer nur sein kühles Bier und seine Ruhe, ganz hinten jemand die leuchtend orangene Kürbissuppe mit einer hausgemachten Limo. Die Bedienung hat zu tun.

Kurz vor dem Havelstrand, Deetz

Alle nächsten Stichwege zur Havel geben sich zugeknöpft, ein anderer haut während der Vegetationsphase nicht hin, also tippeln wir weiter auf dem Sträßchen nach Deetz. Währenddessen legt die Landschaft ihre Verwandlung ins Nordische hin, mehr noch nach dem havelstrebigen Abbiegen entlang einer Häuserreihe. Einige Pferde stehen da wie Models, engagiert erstarrt in ansprechender Pose, und fokussieren regelrecht die Kamera, die wir gar nicht hinhalten. Neben dem elegant-grazilen Kamera-Liebling post lässig ein durchtrainierter Grunge-Typ mit weiten Stiefeln, schaut leicht provokant mit gerecktem Kinn herüber und wartet lange – bis ich tatsächlich die Knipse draußen habe, nur um im selben Augenblick wieder dazustehen wie irgendein grasenden Pferd.

Nordische Szenerie am Havelstrand Deetz

Vorn am Strand wurde ein bisschen auf Küste dekoriert, so mit aufgebockten Bojen, mikadowurffertigen Reusenstangen und einem wettergegerbten Bootsschuppen. Links und rechts des Sandes stehen eine Sonnen- und eine Schattenbank vis-á-vis, dazwischen scheucht der Wind hindurch, so schnell wie vorhin auf dem Turm, doch lange nicht so kalt. Zwei dennoch durchfrostete Radfahrer brechen gerade auf.

Graben und begrünte Deponie im Hintergrund, Deetz

Die Nord-Optik wird weiter verfeinert, jetzt kommen der Deich und das erwähnte Pump-Häuschen ins Spiel, schon bald darauf die Schafe. Die gibt es in weiß, schwarz und grau. Eins von den weißen wird dabei von einem schafsgroßen Hund verkörpert, der verschiedene Unerwünschtheiten abwehren soll. Aus der Ferne grollt er einmal kurz, sobald er uns wahrnimmt – nur um sein Kampfgewicht zu umreißen. Legt sich bald gemütlich hin und lässt uns schwenkenden Kopfes nicht aus den Augen, die Ohren hochgestellt wie ein werbendes Lama. Und zeigt dabei Uhu-Qualitäten, denn der Deich beschreibt einen ordentlichen Bogen. Doch er lagert seinen Körper nicht um.

Die Havel und das jenseitige Ufer

Weitere Schafe an einem späteren Deich sind auf sich allein gestellt und scheinen allerhand Unfug im Schafskopf zu haben, so ohne aufsehendes Organ. Doch liegt gleich eine Siedlung um die Ecke. Voraus ist das sanfte Massiv der übergrünten Deponie zu sehen, formatfüllend. Gleich unterhalb verläuft der Havel-Radweg, wo sich vorgebeugte Regenjacken in zahlreichen Farben knapp über einem Schilfgürtel bewegen. Dahinter hockt dicht am Havelufer der Trebelberg mit teils garstigen Anstiegen, doch das ist eine andere Geschichte.

Weg nach Deetz

Früher als geplant biegen wir ab zur Kirche, da der direkte Weg entlang einer Baumreihe überzeugend lockt. Später übernehmen Kabelmasten die Begleitung, bis schließlich die Giebelzacken des Kirchturms klar erkennbar sind. Kurz vor der Kirche zitiert der Dorfbackofen noch einmal freundlich die Geschichte mit den Ziegeleien – in Form einer Pyramide aus Ziegelsteinen. Als Mittelpunkt von alljährlichen Dorffesten konnte er in diesem Jahr nur selten dienen, doch der Kaffeetreff Ende August konnte schließlich doch stattfinden. Zu den festen Terminen zählt übrigens auch ein Adventsmarkt, gerade mal eine Jahreszeit weiter …











Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn nach Groß Kreutz, dann weiter mit dem Bus (nur Mo-Fr)(ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn und/oder Landstraße (mehrere Mischungen möglich)(ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 13 km (Abkürzungen vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Wanderzeit – Broschüre (PDF)

Ortsseite Deetz

Zeitzeuge der Erdelöcher (Artikel MOZ)

Aussichtsturm Götzer Berg

Havel-Radweg

 

Einkehr: Havelstübchen, Am Havel-Radweg nördlich der Erdelöcher

 

Sperenberg: Märkischer Fels, blaues Rattern und der zugeknöpfte Flugplatz

Still ist es heute durchaus nicht im beschaulichen Sperenberg. Doch das liegt nicht am Flughafen Berlin Brandenburg International SXP (der wartet ja nun doch woanders auf das breite Band und die übergroße Schere), sondern am herumtobenden Wind, der begeistert durchs Laub der hochgeschossenen Pappeln am Ortsrand drängt. Wie befreit von der niederdrückenden Hitze der letzten Wochen scheint die schnelle Luft, die selbst die Altvorderen unter den Baumwipfeln zum Wogen bringt. Das tun sie in einer bedächtigen Art und Weise, wie man es mit dem schönen alten Wort Schwoofen verbinden würde, dazu den Bildern eines Ballhauses mit bester Patina.

Aussichtsplattform über den Gipsteichen

Vor sechsundzwanzig Jahren ging das Raumordnungsverfahren für den geplanten Großflughafen Berlin Brandenburg in die heiße Phase, das Antwort geben sollte auf die Frage nach Schönefeld, Jüterbog oder eben Sperenberg. Für mich persönlich war damals das Einarbeiten der eingehenden Zuschriften ein ordentlich bezahlter Ferienjob in einem richtigen Ministerium mitten im historischen Potsdam, der spannende Einblicke in eine Art von Vorgang gab, die man bis dahin noch nie zur Kenntnis genommen hatte.

Auf dem Weg zum Gipsberg

Das verdiente Geld dieses bewegten Quartals wurde im Herbst umgehend in einem Spreewalddorf verprasst, im Gegenwert gab es einen Lkw-Motor mit sechs Zylindern, verpackt in eine betagte weinrote Schrankwand aus schwedischer Produktion. Jene Dame, Lotte war ihr Name, vollführte nach dem Fahren über Bodenwellen ein hinreißendes Nachgeben mit dem Heck, eine Bewegung, die man bis dahin allenfalls alten Jaguaren zugetraut hatte. Ihre Rückbank war im Übrigen mindestens so bequem und umschmiegend wie Omas altes Sofa und hatte zur Folge, dass die liebsten Menschen beim Mitfahren in den Fond verwiesen wurden. Jede Rückfahrt nach einem Ausflugstag hatte schon ein bisschen Vorgeschmack aufs abendliche Abhängsofa.

Über dem Hochufer der Gipsteiche

Für Sperenberg hingegen ergab sich, dass die im selben Jahr eingeleitete Flugpause von Dauer sein würde. Vorher hoben hier über Jahrzehnte und Tag für Tag große und noch größere Maschinen mit kyrillischen Aufschriften ab, denn bis zum Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen im Herbst war der gar nicht so kleine, gut fünfunddreißig Jahre alte Flughafen für Zehntausende so etwas wie das „Tor in die Heimat“, nach Moskau.

Kurz nach dem verbaselten Eröffnungstermin No. 1 in Schönefeld wurde Sperenberg noch einmal ins Gespräch gebracht – als stille Reserve, wenn Schönefeld gemäß aktueller Zahlen schon bald an seine Grenzen stoßen sollte. Getan hat sich seither kaum etwas – die Natur holt sich das Gelände langsam zurück und ein weitgefasster Ring von Warnschildern rät neben einigen verstreuten Stacheldrahtsträhnen halbwegs überzeugend vom Betreten des Geländes ab, das als Brandenburgs größtes Flächendenkmal gilt.

Felsenstiege von der hohen Kante auf Teichniveau

Sperenberg

Östlich des Flughafens dagegen trifft man in und um Sperenberg auf eine ganze Reihe von Einladungen, und so ist der Ort für verschiedene Interessengruppen unbedingt die Anreise wert. Die Eisenbahn von Berlin über Zossen nach Jüterbog hält hier leider nicht mehr, auch nicht woanders – die Strecke zwischen Zossen und Jüterbog wurde Stück für Stück eingestellt, endgültig dann kurz vor der Jahrtausendwende. Auf der Schiene nach Sperenberg anreisen lässt es sich trotzdem – leuchtend blau lackiert und ganz einfach per Muskelkraft.

Einer von vier Gipsteichen

Von Mellensee, wahlweise auch von Zossen, kann man per Draisine nach Sperenberg rattern, wo es dann vom Eiskiosk nur noch ein paar Schritte zum weitläufigen Strandbad sind. Vor dem breiten Strand ankern drei Inseln zum Darbieten von Sprungkönnen, dahinter gibt es auf der großen Terrasse Abhilfe gegen Hunger und Durst. Wer dann doch eher aß und saß als haaresklamm schwamm, kann auf kurzen oder noch kürzeren Spaziergängen eine besondere kleine Landschaft erkunden – oder einfach nur auf den Aussichtsturm klettern. Natürlich sind auch größere Ausschweifungen möglich, gut beschildert und thematisch verwandt bis hoch nach Klausdorf am Mellensee.

Erika im Walde

Der August jedenfalls hat sich alle Mühe gegeben, auch diesem Jahr noch eine längere Zeit mit schweißtreibenden Temperaturen und tropischen Nächten nachzuliefern. Seit dem Frühling gab es weitgehend moderate Werte und sogar hier und da nennenswerte Mengen von Regen. Die konnten zwar die beiden Sommer davor kaum ausgleichen, doch genehmigten sie der gebeutelten Botanik hier und da eine kleine Trink- und Atempause, in Folge auch der Tierwelt.

Aufstieg von der Sperenberger Kirche

Dennoch liegt schon reichlich Laub am Boden und sorgt dafür, dass sich die verspielte Luft mit frühen Vorahnungen des Herbstes mischt. Das wird für die Stimmungslage von Sonnenanbetern und Feierern des Sommers die drei Blues-Akkorde gedämpft in eine Dauerschleife schicken. Bei Anhängern des würzig-sinnesfreudigen Herbstes könnte es hingegen ein kleines inneres Juchzen der Vorfreude hervorrufen auf die Wochen und Monate mit den Farben, Düften und Lichtspielen der tiefstehenden Sonne, mit den zahllosen Früchten am Wegesrand und der vielfältigen Materialauswahl für Basteleien aller Art, seien sie nun kind- oder erwachsenengerecht. Wo eigentlich lag noch der Kastanienbohrer?

Blick hinab nach Sperenberg

Perfekt zu dieser Atmosphäre passt der Weg, der von der Kirche sanft auf die Höhen steigt. Vorher lohnt noch ein Abstecher zum Friedhof, wo auf den zweiten Blick ein gewaltiger Maulbeerbaum zu finden ist, in dessen hohlen Stamm eine kleine Familie passen würde. Am Ortsrand dagegen stehen hinterm vorletzten Zaun zwei winzige Bäumchen, voll mit Äpfeln, die als perfekt gelten dürfen. Ein Griff über den Zaun wäre kein Problem, doch zum einen wird ein Auge wachen, zum anderen kann kaum schmecken, wer so schön ist und so makellos. Von weiter hinten tönen Kraniche und bewahren vor weiteren Denkschleifen in dieser Sache.

Abzweig zum Aussichtsturm auf dem Gipsberg

Oben liegen die Felder nun teilweise schon in brauner Krume, während rechts des Weges noch alles grüne Kraut an stiernackigen Stängeln steht. Genießerisch reiht der pulssenkende Weg Kurve an Kurve und verleitet immer wieder dazu, sich umzudrehen und auf Sperenberg hinabzuschauen, das immer weiter unten liegt und von immer mehr Seen umgeben scheint. Zuletzt ragt nur noch das Dreieck der Kirchspitze über den Acker, und kurz darauf geht es rechts zum drahtigen Aussichtsturm. Auf dem Weg dorthin riecht es nach Pappellaub und ersten reifen Früchten, die größtenteils noch fest am Baum hängen, teilweise jedoch schon unten liegen und von windfesten Wespen durchgecheckt werden.

Am Faulen Luch

Gipsberg

Schon die wenigen Höhenmeter zum Fuß des Turmes lassen den Wind anschwellen, ihn sich in einer Richtung sammeln. Erstaunlich wenig schwankt dann der kleine Turm auf dem Gipsberg, von dessen gittriger Plattform sich ein ungetrübter Rundumblick öffnet. Die Sicht reicht weit, viel Wald liegt da unten und flache Höhenzüge strecken sich im fernen Süden, vielleicht ja Hoher Fläming. Vom Ort her drängen nun kleine Trupps von Turmwilligen zur Höhe, bunt und plaudrig und ein bisschen wie auf einem Gemälde ohne zuviel Ernst. Damit es im offenen Treppenhaus keine Abstandsprobleme gibt, gewinnen wir den festen Boden zurück und etwas Fassung in der Frise. Unten werden ein paar Grinser ausgetauscht, alle scheinen bester Laune, jeder will und keiner muss.

Wurzelhang zum östlichen Gipsteich

Der schöne Weg läuft etwas ein und geht dann langsam in den Abstieg Richtung Faules Luch – das klingt irgendwie so richtig gut am freien Tag. Vorher will noch ein ausgedehnter Bogen in die Klausdorfer Schweiz zu mehr Aktivität verlocken, doch man muss es ja nicht gleich übertreiben am Tag 1 nach der großen Hitze. Noch vor dem Faulen Luch treffen wir auf ein Geländer mit einer Art Stollenzugang für Wichte, der jedoch keine Öffnung hat. Eine benachbarte Schautafel verrät, worum es sich hier handelt. Ein klangvoller und einprägsamer Begriff mit K und später auch O bezeichnet demnach ein Stück offenes Erdreich, wo verschiedene Gesteins- oder Bodenschichten wie in einem Schaufenster zu betrachten sind. Auch am Turm vorhin gab es schon so eine Öffnung ohne Öffnung. Das wohlklingende Wort wurde natürlich längst wieder vergessen. Doch Cocktail-Parties stehen ohnehin keine an.

Aussichtsplateau über den türkisen Teichen

Faules Luch

Der Luchsee liegt etwas tiefer und ist in einen breiten Schilfgürtel verpackt, sodass zunächst kaum Wasser zu sehen ist. Erfreulicherweise liegt das nicht an der Trockenheit der Jahre, wie der erste richtige Zugang mit Wasserblick verrät. Der Spiegel liegt ruhig, ein paar Enten dümpeln drüben umeinander, mit abweichenden Vorhaben. Das aktivste sind da noch ein paar Angler, die hin und wieder an den ausgestellten Ruten zupfen und Kneifauge etwas regulieren. Viele Stellen bieten sich, wo man die Beine mal ins Wasser stellen und heiße Sohlen etwas runterkühlen kann. Der 66-Seen-Weg und der Sperenberger Geopfad fremdeln ein bisschen, einer hält Kontakt zum Ufer, der andere will mit ansprechend aufgetafeltem Wissen in den Wald locken.

Hochuferweg

Der Boden-Geo-Pfad war einer der ersten Wege in Brandenburg, die mit eigener Beschilderung als fertige Tages- oder Halbtagestour aufbereitet und den Besuchern angeboten wurden, um diese nach Sperenberg zu locken. Zu bieten hat er neben seinem Variantenreichtum und der guten Infrastruktur nicht nur schöne und spezielle Wege und Pfade, sondern eine ganze Reihe von Besonderheiten, die man im Detail und so geballt nur selten trifft. Dazu zählen ein paar steile Anstiege und ein Hochuferweg, eine ganze Handvoll Aussichtskanzeln und spektakuläre Stiegen durch markanten Fels, schließlich noch ein türkisfarbener Felsensee mit Steilwand und gewissem Tauchappeal sowie eine superlative Bohrung, die noch vor Gründung des Deutschen Kaiserreiches gesetzt wurde. Mehr als einen Kilometer tief, dementsprechend mit den Mitteln von damals und aufschlussreich für die Wissenschaft.

Größter der vier Gipsteiche

Sperenberger Gipsbrüche

Kurz hinterm Faulen Luch also beginnt der kurze, steile Aufstieg, der uns durchaus ins Schnaufen bringt. Unterwegs gibt es bereits den ersten tiefen Wasserblick über einen wurzeldurchflochtenen Dünenhang. Das satte Türkis wird heute auf keinem der vier Teiche geboten, dem zugezogenen Himmel geschuldet, doch das geht in Ordnung. Türkiser als Grau sieht es allemal aus, und in der Phantasie geht alles, wie schon Helge Schneider wusste.

Abwärts auf der Felsenstiege

Oben verlässt der Pfad den Wald und windet sich nun auf das Schönste über den steilen Hängen entlang, deren Umrisse er dabei zitiert. Macht mit seinem ersten Blätterbunt Vorfreude auf herbstliche Hochuferwege an der sächsischen Elbe und lässt staunen über dicke alte Kirschbäume, die in erstaunliche Höhen gewachsen sind. Das muss am Boden liegen. Rechts über die stoppeligen Felder ist ganz winzig der Aussichtsturm auf dem Gipsberg zu sehen, links blitzt durch das dichte Buschwerk hin und wieder großes Wasser durch – oder sind es doch die großen Werkhallendächer?

Von einem Teich zum nächsten

Dem lässt sich an jeder der Aussichtskanzeln auf den Grund gehen, die nach und nach Blicke auf jeden der vier Bruchteiche gestatten, teils mit Bänken zu genießerischen Pausen einladen. Wir lassen keine davon aus und können in durchbrochenen Kapiteln verfolgen, wie sich ein per Motorroller angereister nach dem Bade im tiefen Felsensee wieder anpellt. Scheinbar tut er das in loser Verbindung mit Übungseinheiten aus Bewegungsformen, die ein Chi im Namen tragen. Die Angelegenheit braucht alle Zeit und ist mit tiefen Blicken in Richtung der zehn Zehen verbunden. Oder aber er hat sich in einem spannenden Kapitel eines auf Bauchhöhe gehaltenen Buches festgelesen.

Steilwand und Felsstrand

Kurz wird der Pfad zur dichten Gasse im Sinne eines jungen Weidendoms, dann führt links unvermittelt ein kleiner Weg hinab. Geht über in eine Reihe langer Stufen und schaltet nach ein paar Schritten spektakulär um in eine steile Stiege direkt am Fels. Die könnte so auch in der Sächsischen Schweiz stattfinden, selbst die scharfkantige Felsformation auf Augenhöhe fasst sich an wie Sandstein.

Draisinensackbahnhof am Krummen See

Unten geht es von Teich zu Teich weiter auf wiesigen Pfaden, deren hochgeschossenes Randkraut zum Teil auf Tuchfühlung geht. Unweit einer steilen Felsflanke liegt am Ufer die erwähnte Bohrung, knapp kommentiert von einer Metalltafel. Am größten der vier Wasserlöcher treffen wir nun auf den sich Ankleidenden, der jetzt im Wesentlichen fertig ist und sich daran macht, den Roller abzubocken. Ein paar Meter weiter ist eindrucksvoll die Uferkante zu sehen – purer, gratiger Fels, der direkt und tief ins türkise Dunkel abfällt und Kennern gewagte Kopfsprünge erlaubt. Auf das erwartete Anlassen des Rollermotors mit zugehörigem Zweitaktnebel warten wir vergeblich, doch auch das geht absolut in Ordnung.

Mit dem Füßen im Strandsand

Krummer See

Das Verlassen des Naturschutzgebietes mit seinen vielen Besonderheiten wird hinterm gelben Kauzschild spröde abgelöst von einem Betriebsgelände, das allein seinem Zwecke dient. Jemand Letztes macht noch nötige Handgriffe vor dem Feierabend, schließt dann das stachelbewehrte Haupttor ab und fährt von dannen. Von der Wespentaille des Krummen Sees bietet sich ein friedlicher Blick auf die Ortsmitte.

Schienen eines Nebengleises zeugen noch von der Zeit des Gipsabbaus. Der wurde vor knapp hundert Jahren erstmals eingestellt, weil die Grund- und Trinkwassersituation für Sperenberg bedrohlich geworden war. Das Gleis stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als noch einmal für gut zehn Jahre Gips abgebaut wurde, schlichtweg weil er für den Wiederaufbau allerorten dringend gebraucht wurde. Nach der endgültigen Stillegung füllten sich die Gipslöcher von allein mit Wasser. Die besonderen Böden bedeckten sich im Alleingang mit seltenen Pflanzen, welche Botaniker hier ganze Tage verbringen lassen.

Schleichgang im Ortszentrum

Strandbad Sperenberg

Ebendieses Gleis aus den späten Vierzigern ist es, auf dem die blauen Draisinen von Norden her den Sperenberger Strand erreichen und dabei doch von Süden die Blauen ausrollen lassen. Das Ende der Fahrt markiert ein massiger Findling, direkt gegenüber des Seeufers. Keine fünf Minuten sind es zum Strandbad, wo jetzt Mineralien in hohen Gläsern nachgelegt werden können. Oder gleich richtig eingekehrt, bevor der westliche Kringel der heutigen Acht ansteht.

Wiesengrund beim Heegesee

Während wir auf gefüllte Teller warten, streben zielbewusst drei gemütliche ältere Damen mit Handtaschen zu einer ganz bestimmten Uferstelle. Und hängen nicht etwa ihre Beine ins Wasser beim Plausch, sondern lassen die äußeren Hüllen über die bereits angelegten Badeanzüge rutschen, gehen schnurstracks ins Wasser und beginnen nach kurzer Akklimatisierung ein Herumgeschwimme, das so bald nicht endet. Knapp einen Kilometer ist er lang, der hiesige Krummensee, in der Tat so krumm, wie er heißt und damit ein Badeparadies für schwimmfreudige Damen mit Kondition. Luft- und Wassertemperatur liegen dicht beeinander, und somit gibt es keinen rechten Grund, bald wieder aus dem See zu steigen. Die Küche hat noch lange offen.

Kuhherde auf der Waldweide

Sperenberg

Nach kurzem Berühren des Ortskernes, wo es ein paar Geschäfte und ein paar noble Häuser gibt, nehmen wir den kleinen Mauerschleich zwischen der vorderen und hinteren Straße, wo gerade jemand verstohlen Mirabellen hinterm Zaun hervornascht. Nach der halbwilden Querung des Draisinengleises und einem Wäldchen geht nun beim Sportplatz die saftige Botanik los, die gestärkt vom jüngsten Regen in kräftigem Grün daliegt und die nächste Stunde begleiten soll. Der Waldboden ist durchgetränkt und schmatzt bei jedem Schritt leise nach, teilweise sorgen große Pfützen für etwas Slalom im Kleinen. Das gab es lange nicht.

Eine Möglichkeit der Abgrenzung zum Flugplatzgelände

Nach kurzem Berühren des unzugänglichen Heegesees fällt auf, dass weder Mücken noch Bremsen quengeln. Vielleicht liegt das an den vergangenen Hitzewochen, vielleicht aber auch an mehreren auf Waldweiden verteilten Kuhherden, die sich jeweils dicht gedrängt in der Pausenecke rumdrücken. Wortwörtlich, es ist fast ein lautloses Geschubse, als wäre Mangel an Platz oder Schatten oder verkappter Bedarf an Hautkontakt.

Waldstücke aller Baumart werden von Dünen durchbrochen oder wechseln ab mit winddurchfegten Weideflächen, Düfte von saftigen Wiesen mit den fruchtigen der Pappeln oder prallreifen Hagebutten, douglasiensüße Nadelluft mit der würzigen von getränkter schwarzer Erde. Mitten im Kiefernwald steht unvermitelt eine bettlakengroße Schilfinsel, ein paar Ecken weiter zeigen sich auf tief eindrückbaren Moospolstern die ersten offenen Erikablüten, wie immer winzig und im Rispenrudel. Alles ein bisschen quer durcheinander. Ein grundlegender Waldduft liegt jedoch überall dahinter, gut gemischt vom allgegenwärtigen Wind.

Windige Weide zwischen Wald und Bruch

Nach der nächsten großen Kuhherde, die offenkundig keinen Besuch erwartet hatte und sich mit leichter Entrüstung zerstreut, beginnt eine Kleinserie von unerwarteten Sackgassen. Mehrfach werden wir ausgebremst beim Versuch, uns dem Gelände des Flughafens zu nähern. Die Schilder werden nach und nach grimmiger, klingen zuletzt nach dem Wort Freundchen und würfelschüttelnd geschwungenen Fäusten bei leicht geneigtem Kopf. Manchmal hilft es ja, ein wenig außen herum zu gehen, doch auch das greift heute nicht und irgendwann sind zwei von drei Richtungen tabu. Ein bisschen war das zu erwarten, doch die Hartnäckigkeit beeindruckt.

Pappelallee nach Sperenberg

Glücklicherweise sind Plan B und C dabei. Doch auch der auf allen verfügbaren Karten breit und durchgehend eingetragene Waldweg wird irgendwann zum Pfad und versiegt kurz hinter dem nächsten Hochstand in borstigem Kraut. Jetzt also ist einzusehen, dass es heute nicht weiter gehen soll, und so wählen wir die beste Mischung aus schönen Wegen und wenig Doppelungen, um auf kürzestem Wege zurück nach Sperenberg zu kommen – auf Nummer Sicher. Das klappt, wird begleitet von pittoresken Weidezäunen, rauschenden Pappelreihen und zwei Schwänen, die in der Luft bereits ihr Reisetempo erreicht haben.

Altes Wirtshaus an der Kirche

Ein schöner Ausgleich für den entgangenen Flughafen und die erhofften Erika-Flächen ist jetzt nochmal der Abstecher zum Eiskiosk am Draisinenfindling, der von herrlichen Eisleckbänken umgeben ist und jetzt auch offen hat. Der Sommer hat den Tag zurückgewonnen, der Himmel ist blauweiß und die Gipsteiche tragen sicherlich ihr schönstes Türkis zur Schau. Doch sind die Beine träge, säuselt der Wind im Uferschilf und legen die Schwäne von vorhin auf dem Krummen See eine filmreife Landung hin. Bei so viel gebotenem Spektakel obsiegt doch die Option auf ein zweites Eis mit ausgestreckten Beinen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn bis Zossen, dann mit dem Bus (1,75-2,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 96 bis Zossen, dann über Mellensee nach Sperenberg; großer Parkplatz am Strandbad

Länge der Tour: 17 km (Abkürzungen vielfach möglich; selbst kurze Varianten sind abwechslungsreich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Boden-Geo-Pfad

Klausdorfer Rundweg (PDF)

Informationen zu Sperenberg

Allerhand zum Flugplatz Sperenberg

Ein Blickwinkel von benachbarter Seite

Einkehr: Strandbad Sperenberg (mit großer Terrasse)
Phulkari Thai-Imbiss, Sperenberg (Nähe Kirche)
Bäcker Kirchner (Trebbiner Str.)

Berliner Spaziergang – Spandau: Stille Wasser, Dosenfisch de luxe und die gelochte Riesengurke

Nach einem komplett sonnigen April, der in diesem Jahr ohne hochsommerliche Schmelztemperaturen auskam, brachten die letzten Tage des Monats den erhofften Regen, der viele Gewächse einen ersten Durst stillen ließ, erdigen Duft aus dem Boden lockte und für eine selten gesehene Explosion des Blattgrüns in Stadt und Land sorgte.

Mit einem Mal gibt es unter jedem Baum den dichten Schatten, der vermutlich in Kürze gern in Anspruch genommen wird. Die Blütenpracht der zweiten Aprilhälfte hatten die teils dicken Regentropfen von den Zweigen gespült und am Boden zu lichten Teppichen verströmt, die in Weiß, Rosa oder fast schon Violett ganze Bürgersteigpassagen bekleideten.

In der Spandauer Altstadt

Knapp zwei Meter darüber ist mittlerweile der Anblick halbverdeckter Gesichter zur Normalität geworden, wobei die Vielfalt der Masken so breit gefächert ist, dass sie manch modischer Geist vielleicht aus individualistischen Gründen lieber anlegt, als er eigentlich zugeben möchte. Gleichzeitig dürfen nun auch ohne triftigen Grund Füße vor die Wohnungstür gesetzt werden, wenn sie weiterhin einen Ausfallschritt Abstand zu anderen Füßen halten. Endlich also geht es von triftig nun den ersten kleinen Schritt in Richtung Triff Dich. All das ergänzt sich recht gut und könnte den Weg dafür ebnen, dass Ausflüge ins Umland und auch innerhalb von Städten wieder ohne ausschweifende Logistik möglich sind.

Besonders verlockend sind in diesem Monat des Entstehens, Wachsens und Sprießens die Düfte der erwachten Natur, die täglich breiter werdende Farbpalette und auch die Ablösung und Ergänzung der frühblühenden Vögel durch die beredten Plaudereien der Schwalben oder den meist fernen Ton des Kuckucks, den selbst Leute erkennen, die möglichst nicht mit dem Erkennen von Vogelstimmen in Verbindung gebracht werden wollen. Dank der vielen Sonnenstunden des Aprils liegt über weiten Trockenwiesen auch schon der Klangteppich zahlloser Grillen, und dazwischen lässt sich mit etwas Glück eine genial getarnte Eidechse beim Sonnenbad erwischen.

Schattige Wege im Spekte-Grünzug

Nachdem in den letzten Monaten ein überschaubarer Radius nur selten verlassen werden konnte, steht nun im Monat der vielen gesetzlichen Feiertage der Sinn nach etwas Ausflugs-Erlebnis, nach dem Gefühl besonderer Tage. Oder einem dieser immer wieder überraschenden Stadtspaziergänge innerhalb der Berliner Stadtgrenzen, wo man eigentlich das Meiste schon zu kennen glaubt. Denkste.

Knorriger Steg über die Kuhlake

Allerhand angekündigter Regen und kühle Temperaturen dieser Tage sowie breite Wege helfen an vielen Stellen und Grünanlagen dabei, auch einen ganzen Draußentag lang durch dicht bewohnte Gegenden zu schlurfen und doch kaum dem Gegenverkehr ausweichen zu müssen, um den rechten Abstand zu gewährleisten. Bevorzugt empfehlen sich stadtrandnahe Lagen mit Großsiedlungen, wie sie zum Beispiel in Marzahn, Rudow oder auch Spandau zu finden sind. Da sich in Spandau auch noch ein breites Flussgeschehen und das betuliche Bild einer westdeutschen Kleinstadt hinzugesellen, führt der Weg heute ans jenseitige Ufer der Havel, hin zu alten Gemäuern, einer Wasserstadt und einem imposanten Kletterfelsen. Und natürlich absolut vielfältiger Natur.

Stolzer Herr im Wildgehege

Spandau

Spandau trägt das komfortable Merkmal, sowohl ober- als auch unterirdisch erreichbar zu sein. Der endlose S- und Fernbahnhof ist ohne Zweifel eindrucksvoll, zudem Sekunden vorher die breite Havel überquert wird. Doch es gibt nur einen Ausgang, der mit etwas Pech am anderen Ende des genutzten Zuges liegt, und der Vorplatz ist laut und quirlig. Die nahe Spandauer Altstadt liegt im Kontrast dazu gemütlich auf einer Insel, in deren Norden die große Kirche und der älteste Teil der Stadt mit einem Rest der Mauer stehen. Genau dazwischen liegt der Ausgang des U-Bahnhofs, nach dessen Verlassen man sofort eine Altstadtgasse unter den Sohlen hat und schon bald den Kirchturm sieht, der schon im ausgehenden Mittelalter über dem Markt wachte.

Doch nicht nur diese Lage bietet einen guten Grund, Spandau in gelben Zügen zu erreichen. Allein die Fahrt auf der U-Bahn-Linie 7 ist durch ihre bunten und verspielten, phantasievollen und teils prächtigen Bahnhöfe ein Ausflugsgrund sowie eine gute Option zum Beispiel für einen drückend heißen Sommertag im kühlen Untergrund – Tageskarte kaufen, dann einmal bis Endstation, dann bis zur nächsten Endstation und wieder zurück nach dort, woher man kam. Unterwegs lässt sich beliebig oft aussteigen, einen Bahnhof komplett und im Detail beschauen oder in der Oberwelt kurz was Kaltes zischen und dann wieder abtauchen. Nach dem beliebig verlängerbaren Reise-Erlebnis der Sonderklasse ist es dann auch schön, das Kunstlicht des urbanen Orkus gegen das des heißen, hellen Sommers einzutauschen.

An der Nikolai-Kirche, Spandau

Altstadt Spandau

So gesehen ist also die Anreise eine leichte Entscheidung. Der U-Bahnhof Altstadt Spandau liegt tiefer als andere, da die Bahn kurz zuvor die Havel unterqueren muss. Es sind also ein paar Stufen mehr, die vom schön illuminierten Bahnsteig mit seinen wuchtigen und zugleich fein gezeichneten Säulen nach oben führen. Verlässt man den Bahnhof in Fahrtrichtung, fällt der erste Blick unter freiem Himmel direkt auf den Turm der Nikolaikirche, die mit ihren gut 600 Jahren nur gut 100 Jahre jünger ist als die älteste Kirche Berlins – die übrigens denselben Namen trägt.

Die Spandauer, das wurde an anderer Stelle schon erwähnt, legen einigen Wert darauf, nicht als Stadtteilberliner gesehen zu werden, sondern eben als Spandauer. Und in der Tat gibt es keinen vergleichbaren Kiez in der weitläufigen Stadt, der so am Rand liegt und zugleich so ein eigenständiges Stadtbild zeigt, wie es vergleichbar eher mit schönen Vororten wie Strausberg oder Bernau ist. Auch die Lage jenseits der Havel trägt noch dazu bei, und natürlich auch die ovale Form samt der Insellage zwischen breitem Fluss und dem Stadtgraben, über dem auch die erwähnten Überreste der Stadtmauer stehen.

Stadtgraben um die Spandauer Altstadt

Von der Kirche zum Markt sind es nur ein paar Schritte. Ein Großteil der Geschäfte hat nur halb oder gar nicht geöffnet, alle anderen können unter Einhaltung der Hygiene-Regeln betreten werden. Das ist erst seit wenigen Tagen möglich und wird dementsprechend gern angenommen. Auf dem gemütlichen Marktplatz sind die kleinen Bäume schon dicht belaubt, alle Sitzgelegenheiten werden benutzt und Pappbecher erleben eine Zeit, in der sie nochmal richtig sinnvoll sein dürfen. In der Fußgängerzone reichen Ansteh-Schlangen von vier Leuten bis weit auf die Zonenmitte, sodass auch hier ein wenig Slalom angesagt ist, damit sich niemand zu nahe kommt. Doch es funktioniert gut, viele Lächeln wechseln ihre Besitzer und selbst beim belebten Markttreiben vor dem riesigen Rathaus ordnet es sich ganz passabel.

Von hier führt eine kuriose Unterführung auf die andere Seite des breiten und stark befahrenen Altstadt-Rings, der irgendwie auch gut zum Bild der westdeutschen Kleinstadt passt. Hier gab es wohl einmal Laufbänder hinab zum U-Bahn-Eingang, von denen noch die Gummi-Handläufe zeugen. Der Untergrund ist mittlerweile asphaltiert und man bewegt sich mit eigener Kraft. Auf der anderen Seite, im linken Augenwinkel nimmt man gerade so den langen Fernbahnhof wahr, landet man sofort in einem lichten Park mit alten, großkronigen Bäumen, der den Beginn eines vielfältigen Grüngürtel bildet, direkt hier am lauten Bahnhofseck.

Grünzug mit Aussichtsberg in Spandau

Bis zur Stadtgrenze lässt sich nun weitgehend unberührt vom Verkehr spazieren, vorbei an Wiesen und Senken, Seen und Laken und so manchem herrlichen Spielplatz. Nördlich des länglichen Wegesystems erheben sich Hochhäuser, links halten Einfamilienhäuser und Kleingärten die Giebelhöhe eher flach. Besonders schön für diese Zeit jetzt ist, dass meistenteils Wege für Leute mit Rad oder Fuß parallel laufen, weit seltener ausgewichen werden muss.

Plankenweg vor der Zeppelinstraße

Hinter einem halbrunden Areal mit bunt bepflanzten Nutzgärten öffnet sich ein weiter Wiesenpark, über den ein kleiner Hügel wacht. Der ist immerhin so hoch, dass der Hauptaufstieg über eine Treppe in acht Schwüngen zum Gipfelplateau führt, auf dem sich ein Rund von großzügigen Bänken für Blicke in alle sechs Himmelrichtungen anbietet. Die Sicht ist weit, in Richtung der erwähnten Nikolai-Kirchen bzw. des Funk- oder Fernsehturms jedoch durch dichtes Wipfellaub maskiert. Auch im Norden zwischen den Hochhäusern ist alles grün und zu Füßen des Hügels viel Platz für alle möglichen Freizeitsachen.

Auf einer der Bänke sitzt eine Frau, die sofort aufspringt, als Sie uns sieht, und zu erzählen anfängt. „Ah, dit sehick glei – ihr seid Geokescher, haaick sofort jesehen, ditt kennick schon, haaick erkannt wejen den Jerät da, Ihr macht Geokesching, haaick glei jeseen.“ Sie geht dabei langsam auf uns zu, und obwohl Sie einen Mundschutz trägt, weichen wir zurück, so höflich wie eben möglich, wegen einsfuffzich. „Wusstich sofort!“ Es ist eben schon ins Blut übergegangen, und das ist zwar auf den ersten Blick erschreckend, doch beim zweiten Hindenken eigentlich eine gute Sache, dass es quasi automatisch läuft, zur Gewohnheit gewachsen ist. Da es ja nun noch eine Weile gebraucht werden wird, als eins von drei Basis-Werkzeugen.

Spekte-Grünzug, Spandau

Auch wenn wir längeren Wortwechsel vermeiden wollen, lassen wir die Dame nicht gänzlich im Unklaren und erzählen, dass es so ähnlich ist, doch wir eher allgemein schöne Orte suchen und nicht kleine Schatzdöslein mit Zetteln. Sie ist’s zufrieden und wollte ohnehin gerade gehen – und ist auch schon auf dem Weg nach unten. So allein auf dem Gipfel sehen wir jetzt, dass es neben dem gediegenen Stufenaufstieg auch noch einen buschumsäumten Downhill-Sandweg sowie einen breiten Rodelhang für weiße Tage gibt.

Spekte-Grünzug mit dem Kletterfelsen

Unten ist kurz eine Verneigung vor dem Buschwerk angesagt, dann stehen wir wieder auf den Angeboten des Wegesystems. Ein kleiner Waldstreifen, in dessen Bäumen es nur so summt von Bienen und Vergleichbaren, geht über in einen einstigen Feuchtwald, der jetzt trocken liegt und dessen frisch begrünte junge Weiden eine Optik von Bambuswald erzeugen. Mittenhindurch führt ein breiter Bohlensteg, hinter dem die etwas breitere Zeppelinstraße quert. Die ist jetzt bis Falkensee bzw. für die nächste Stunde der letzte direkte Kontakt mit dem Verkehrsgeschehen.

Der Kletterfelsen über dem Spektesee

Spekte-Grünzug

Dahinter beginnt nun der sogenannte Spekte-Grünzug, der etwas südlicher mit dem Bullengraben noch ein Geschwisterchen in unmittelbarer Nähe hat. Ab hier ist die kleine Senke wahrzunehmen, die zwischen dem asphaltierten Radweg auf der einen und dem gepflasterten Fußweg hier liegt. Hinter einem kleinen Teich und der benachbarten üppigen Wiese mit groß angelegten Biotop-Hecken tritt voraus eine charakteristische Gestalt ins Bild. Deren Proportionen entsprechen nicht unbedingt gängigen Schönheitsmaßen, ziehen einen jedoch sofort in ihren Bann. Erst muss noch die Trasse einer alten Kleinbahnlinie überquert werden, die als Bötzowbahn bekannt war und Spandau mit dem havelländischen Umland verband.

Wer den Wuhletalwächter unweit des Ahrensfelder Berges kennt, hat sicherlich auch schon von diesem sandsteinhaften Gebilde gehört oder sogar obendrauf gestanden. Das westliche Pendant des Kletterfelsens steht zwar nicht ganz so spektakulär in der weiten Landschaft, ist dafür aber noch ein paar Köpfe größe und bietet ebenfalls Routen verschiedener Schwierigkeitsgrade sowie unten einen Boulder-Bereich.

Dunkle Wolken über der Spekte-Lake

Die skulpturhafte Gestalt mit ihrem durchsteigbaren Lichtauge, in die sich bereitwillig verschiedenste Motive interpretieren lassen, bietet soghafte Fotomotive vom Spekte-Grünzug aus, auch vom benachbarten Hügel oder vom Seestrand. Der Auslöser kommt nicht zur Ruhe, Begleiter müssen geduldig sein. Aus direkter Nähe weicht jedoch der Charme, da der Felsen des Deutschen Alpenvereins vorsorglich mit einem sachlichen Zaun umgeben wurde. Einen eigenen kleinen Ausflug wert ist der Anblick dieses Kletterfelsens definitiv, zumal direkte nebenan ein Badesee mit einem Kiosk lockt, der irgendwann wieder öffnen wird.

Der Große Spektesee, in dessen Schilfgürtel sich die Wasservögel wohl fühlen, lässt sich in einer knappen halben Stunde komplett umrunden. Am Westrand des Sees beginnt ein Graben, der aktuell trocken liegt und von einem schönen Brücklein überspannt wird. Dahinter setzt sich das bewährte Zwei-Wege-System fort, teils schnurgerade wie ein münsterländischer Bahntrassen-Radweg, dann wieder kurvig. Ein weiterer Weg  begleitet gegenüber das Ufer. Üppig grün sind all diese Wege, links und rechts die Bäume und unten die Wiese, und das wahrscheinlich erst seit ein paar Tagen.

Gemütliche Brücke über die Spekte-Lake

Als wirksamer Farbkontrast türmt sich voraus ein blauschwarzer Himmel auf und kündigt nun konkret an, was als Prognose verheißen war. Manchmal weiß man, dass nicht bald zu handeln ist, sondern jetzt, also zücken und entsichern wir schon mal die Schirme. Auf der breiten Holzbrücke über die Taille der Spekte-Lake kommt dann die nasse Wand angerauscht und wir spannen auf und sehen zu, dass wir ans andere Ufer kommen. Dabei bietet sich die Brücke so schön als Ort zum Verweilen an, mit kleinen Stränden, schönen Ausblicken und Geländern, breit wie Rastbänke. Heute jedoch nicht.

Staaken

Drüben liegt ein aufgeräumtes Wohngebiet im Norden von Staaken, einem dieser Berliner Ortsteile, die ich irgendwie niemals werde zuordnen können und wahrscheinlich bereits morgen wieder vergessen habe. Auf dem Finkenkruger Weg treffen wir auf erste Erinnerungen an die Mauer, kurz darauf auf den Berliner Mauer-Radweg, dessen Schöpfer Michael Cramer in diesem Jahr erstmals nicht seine beliebten und unterhaltsamen Mauer-Streifzüge anbieten kann – nach zwanzig Jahren Tradition. Am Ende des Weges ist die Grenze zu Brandenburg erreicht, das jetzt für ein knappes Stündchen unter die Sohlen genommen wird. Apropos Mauer-Radweg – auch die Zwanzig Grünen Hauptwege von Berlin spielen heute wieder eine große Rolle, drei von ihnen begleiten mit verspielten Zahlen diesen Tag.

Baracken-Fundamente und Mahnmal des KZ-Außenlagers

Hinter der Landesgrenze geht es am Ende einer Birkenreihe mit Seeblick noch einen Schritt weiter zurück in der Geschichte – hier befand sich in der NS-Zeit ein Außenlager des bei Oranienburg gelegenen KZ Sachsenhausen. Auch wenn die Vorstellungskraft an ihre Grenzen gerät, selbst wenn man die lose verstreuten Tafeln aufmerksam liest – die freigelegten Fundamente, über die ganz langsam das Moos wächst, auch die sichtbaren Baracken jagen eine Reihe von Schauern über den Rücken und durchs Mark, und der stürzende Regen hat das Licht des Tages dazu etwas runtergedreht. Ein schlichtes Mahnmal erinnert an die Opfer.

Falkensee

Mit dem Verlassen des Geländes reißt der Himmel auf, letzte dicke Tropfen fallen noch triumphierend in den freigelegten Nacken, und erleichert findet man sich nach wenigen Schritten in der friedlichen Welt von Fußgängerampeln, Kaufhallenschlangen und Jugendlichen, die den Lenker ihres Fahrrades hochreißen, so wie man das selbst als Bengel getan hat. Was auch immer der Grund oder die Zielstellung war, sicherlich dieselbe damals wie heute.

Weg von Falkensee nach Falkenhöhe

Die Wohnsiedlung um die Berliner Straße ist ganz gelungen. Ein Grünstreifen führt vom großen Rundhaus mitten hindurch, und jeder hat zumindest ein bisschen Gartenfläche. Direkt hinter den letzten Häusern beginnt die Natur mit wilden Wiesen und Wald, durch den man nach Falkenhöh gelangt. Aus dem Wald duftet es sagenhaft und würzig nach dem kräftigen Regen, und jeder Atemzug animiert zum besonderen Genießen.

Waldweg bei Falkenhöh

Falkenhöh

Auch in Falkenhöh wird gediegen gewohnt, jedoch mit großen Gärten und vielen schönen Häusern. Martin Luther drängelt sich per Straßenname kurz ins Bild und wird dabei umgeben von einigen seiner Tisch- und Zeitgenossen. Nach dem Eintauchen in den Wald lädt jenseits des schattigen Mauer-Radweges der Nadelboden eines Waldweges ein, der bald von einem Stacheldrahtzaun begleitet wird und dennoch gemütlich wirkt. Noch schöner wird es natürlich, als er den Zaun verlässt und seine Spur weiter durch den Mischwald zieht.

Versteckte Zärtlichkeiten in der Kantine

Kurz ist rechts das Krankenhausgelände zu sehen. In entgegengesetzter Richtung stehen gegenüber des Waldrandes Pferde und später auch übergroße Rindviecher, die zu später Mittagsstunde gerade in einen großen Haufen Heu vertieft sind und es trotz regen Futterns und Wiederkäuens schaffen, mit dem Nachbarkopf in Hautkontakt zu bleiben, Schnauze an Wange oder Stirn an Ohr. Der Vorgang sieht ungemein weich aus, obwohl vier massive Hörner beteiligt sind.

Lichtung im Wald mit jungen Kastanien

Dahinter winden sich Pfade durch den Forst, in dem unvermittelt der Spiegel eines umzäunter Seerosen-Weihers mit kleinen Inseln und rechteckigem Grundriss aufleuchtet. Falls ein Weiher einen Grundriss haben kann. Hinter dem nächsten großen Weg erstreckt sich eine große Trockenrasen-Lichtung, in der es bereits jetzt tüchtig, schillernd und farbenprächtig summt, obwohl bislang kaum etwas blüht – das ist dann eher Sache des Sommers. Am Nordrand der Lichtung wächst eine blutjunge Kastanienallee heran, die man spätestens in zehn Jahren mal wieder besuchen sollte.

Im Spandauer Forst

Gegen schön gerade Wege mit angenehmer Breite weiß sich aller Planung trotzend ein Waldweg durchzusetzen, der diagonal mitten hindurch läuft, von besonders zartem Grün umhüllt ist und stets aufs Neue von sich überzeugt. An der nächsten größenen Kreuzung bietet sich dann eine Sitzgelegenheit zur Pause an, und während wir hier sitzen, passieren mit Hund, Rad oder nur sich selbst mehr Leute, als wir in den letzten drei Stunden getroffen haben –tief im Wald, hier in der Großstadt. Ist wohl der Direktzubringer vom Spandauer Siedlungsrand zum sagenumwobenen Eiskeller.

Siesta in Wildgehege Zwo, Sektion Muffelwild

Wasserzug Kreuzgraben/Kuhlake

Danach bringt uns der Diagonalweg umgehend wieder in die Einsamkeit, wird bald von einem kleinen Pfad abgelöst, der das noch zu verfeinern weiß. Umso mehr staunen wir, als am nächsten großen Weg auf einmal vergleichsweise viele Menschen unterwegs sind und aufs Neue ein Zaun mitten im Wald steht – hunderte Meter lang. Sieht aus wie ein Wildgehege, und ist in der Tat eins, in dem sich jedoch nicht eine einzige Schnauze oder ein behuftes Bein entdecken lässt, auch kein Geweih oder Gehörne.

Wildgehege No. 1, Abteilung Rehwild

Noch im Suchen führen die Schritte über einen idyllischen Wasserzug, auf dem sich verschiedenste Enten tummeln und der schwer danach aussieht, als müssten sich hier auch Schildkröten wohlfühlen. Der Blick auf die Karte eröffnet, dass sich ausgedehnt ein regelrechtes Wassersystem durch den Wald zieht, das unter anderem mit der Kuhlake und dem Kreuzgraben zu tun hat. Verschiedene Seen haben eigene Namen, andere nicht, und Inselchen gibt es auch so einige, was allen beteiligten Kleintieren und Vögeln bestens gefällt.

Kuhlake zwischen den Wildgehegen

Die folgenden paar Hundert Meter sind so zauberhaft, dass sich die große Zahl der Menschen und Familien klar nachvollziehen lässt. Natürlich belassene, weit ausholende Uferkanten, kleine knorrige Stege übers Wasser, zudem ein mehr als zwei Meter hoher Aussichtsturm, von dem sich nun auch die ersten Tiere entdecken lassen. Insgesamt gibt es drei Wildtiergehege, die jeweils ziemlich sortenrein Rehtieren, Muffeltieren und Schwarzkitteltieren vorbehalten sind.

Wildgehege Spandauer Forst

Kein Nerv für Zaungäste in Wildgehege No. 3, Abteilung Kittelwild

Die Fraktion der Rehe hat am meisten Platz, kann sich daher auch am besten verstecken und war aus diesem Grund beim ersten Versuch nicht zu finden. Die mit den Krummhörnern am Schädel haben sogar alpin anmutende Klettergipfel aus aufgetürmten Findlingen, wo sie überzeugend den Steinbock mimen könnten. Die meisten ziehen es zur Stunde allerdings vor, ein breit ausgelatschtes Buffet von feinstem goldenem Stroh als Ruhelager zum Dösen zu nutzen und nur ab und zu ein halbes Maul voll vom Polstermaterial zu verschmausen. Der einzige aktive Hornbock mimt dafür den Poser und stelzt mit gereckter Brust und hinten vorne als höher durch das lichte Unterholz, um zu zeigen, wie das eigentlich aussehen sollte.

Schöne Anlage des Johannesstifts

Auch bei den Rehen ist eher Mittagsruhe angesagt, man steht so bei den Hütten und plaudert im Stillen. Doch auch hier gibt es den einen, weder jugendlich noch Senior, der aufrecht zwischen diversen Hindernissen hindurchstolziert und dabei den charakteristischen Gang eines Elches zitiert. Allein bei den Wildschweinen schert es keinen der Bewohner, wer da gerade guckt und was er wohl denken könnte, denn hier gibt es wirklich Wichtigeres. Der Blick mit gespitztem Auge lässt gut getarnt im Stroh am Stall drei Frischlinge erkennen, welche die ganze Aufmerksamkeit der Alten fordern und dem Anschein nach pausenlos gestreiften Unfug ersinnen. Die Alten sind enorm gut gebaut und der Zaun kurz vor der Nase sehr beruhigend.

Evangelisches Johannesstift

Südliche Kuhlake im frischen Mai-Schatten

Vorn die Straße nach Schönwalde ist kaum befahren, ein kleiner Weg führt nebenher. Vor dem Bahnübergang ist links ein Gebäude-Ensemble mit breiter Mittelallee zu sehen, das einen näheren Blick wert ist. Die Anlage des Evangelischen Johannesstifts rund um die Stiftskirche erinnert ein bisschen an das ehemalige Wihelm-Griesinger-Krankenhaus in Berlin-Biesdorf, unweit des Bahnhofs Wuhletal, auf dem S- und U-Bahn sich die Bahnsteige teilen. Auch dort gibt es gewisse Symmetrien, eine Kirche sowie reichlich schöne Umgebung. Hier die Kuhlake, dort die Wuhle – und damit schon ein zweiter Bezug zum Wuhletal.

Vom Radweg rechts der Schönwalder Allee locken verschiedene Wege und Pfade wieder in den Wald. Das wird mit der Fortsetzung der Kuhlake belohnt, die hier nicht minder idyllisch im Laubwald ruht.

Die breite Havel an der Havelschanze

Hakenfelde

Nach etwas Straßen-Zick-Zack gibt es dann hinter einer markanten Siedlungs-Anlage mit schnieken Wappen recht unvermittelt großes Verkehrsgeschehen und direkt danach den ersten Kontakt zur Havel. Das Becken des Nordhafens reicht fast einen halben Kilometer hinein bis zur Straße, die Spandau und Hennigsdorf verbindet. Der Straßenname Havelschanze kündigt schon den großen Ausblick an, der ganz an ihrem Ende wartet. Breit ist der Fluss hier, und der Blick fällt hinterm Sportboothafen auf die relativ neue Wasserstadt in Halbinsellage, doch auch auf die echte Insel Eiswerder, die durch drei elegante Bögen in Stahlfachwerk mit dem Spandauer Festland verbunden ist.

Uferweg Richtung Altstadt Spandau

Eine alte Kastanie mit kugelrunder Krone hält ihre Arme bis fast zu den Balkonen der ersten Häuserreihe, dahinter wird der Blick freigegeben auf einen breiten Uferweg. Links liegen urige Hausboote, deren Aufbauten vermutlich nur mit Hammer, Nagel und Zunge im Mundwinkel errichtet wurden, rechts wächst gerade der Gegenentwurf in die Höhe – alte Industriegebäude mit Wasserblick, die aufgehübscht und höchstbietend veräußert werden. Hinten auf dem bewegten Wasser streben zwei Wildgänse gen Flussmitte, zwischen sich vier extrasüße Küken, die kaum über die Wellen des windigen Tages schauen können.

Stahlfachwerkbögen zum Eiswerder

Hinter der Brücke über den Eiswerder lässt sich mit etwas Wohlwollen eine Kopenhagener Impression empfinden, zumal gegenüber die Zitadelle einen ihrer vier Festungszacken weit in die Havel hält. An der nächsten Ecke lockt dann ein Mittagsangebot, dem wir nicht widerstehen können. Obwohl anhand äußerer Faktoren nicht abschätzbar ist, was einen letztlich erwartet. Ein Fisch-Restaurant bietet Fischtüten in drei Ausfertigungen an – die höchste Ausstattung bietet Fisch&Chips und klingt irgendwie verdammt gut. Nehmen wir, bereuen es nicht und bestellen gleich noch eine Portion nach.

Havelschleuse Spandau

Dargereicht wird die spätestens nach acht Hapsen fingerfettige Tüte mit frischem paniertem Fisch und kaum verbesserbaren Pommes frittes in einer ausgedienten Konservendose. Das hält die Tüte in Form, die Finger fettfrei und verleiht obendrein dem Ganzen ein bodenständiges, ansprechendes Design. Passend dazu klagen die Möven über der Uferkante, ergänzend faucht von der Havel ein frischer Seewind hinüber, und so ist die längst fällige Energiezufuhr in Großformat schon wenige Minuten nach dem Weitergehen konkret als willkommene Wärme nutzbar. An einem Tag, der so wechselhaft ist wie eine ganze Aprilwoche.

Uferpark nördlich der Altstadt Spandau

Bad Spandau a. d. Havel

Ein kleiner Weg schwenkt links zurück zum Ufer, dessen Grünstreifen sich hier wie ein Kurpark präsentiert – mit Pergolen, Symmetrien und Wasserbecken, ausgeformten Senken samt wohlplatzierten Findlingen und einladenden Bänken. Bad Spandau an der Havel – klingt gar nicht mal verkehrt. Berühmt für seine Bullenkur, die angewandte Spektegrafie und nicht zuletzt die Eiswerder Massagen.

Verbliebene Stadtmauer von Spandau

Hinter einem passend mondänen Tor auf Höhe der Brauerei bietet sich nun, wieder einmal unerwartet, ein Bildausschnitt dar, der mit den Elementen Historische Stadtmauer, Wassergraben und Kirchturmspitze das Gefühl nahelegt, wirklich ganz woanders zu sein, nicht kurz vor dem nächsten U-Bahnhof mit Direktverbindung nach Berlin-Mitte. Da die Anreise nicht weit war und die Einkehr im kalten Havelwind kurz ausfiel, ist der Tag noch jung – nichts weist darauf hin, dass man jetzt die Beine mal stillhalten sollte, kein tiefer Sonnenstand, keine Abendamsel und keine Leute, die entspannt im Biergarten sitzen.

Schwanennest am Fuß der Stadtmauer

Doch unterhalb der Stadtmauer liegt im Schilfgürtel schwer ein Schwanennest, in dem sich der Brüter vom Dienst in sich selbst zurückgezogen hat, den roten Schnabel im barocken Weiß vergraben. Das schließlich gibt den fehlenden Impuls und umgehend schwere Beine und müde Augen. Die Bahnhöfe der U 7 müssen auf der Rückfahrt wohl ohne unsere Aufmerksamkeit auskommen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Alexanderplatz mit U-, S- oder Regionalbahn (0,5-0,75 Std)

Anfahrt Pkw (von Berlin): div. Möglichkeiten (ca. 0,5-1 Std.)

Länge der Tour: 18,5 km (beliebig abkürzbar, auch per ÖPNV)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zum Spekte-Grünzug

Altstadt Spandau

Kletterturm Spandau

Geschichtspark Falkensee

Wildgehege an der Kuhlake

Evangelisches Johannesstift

Mauerstreifzüge mit Michael Cramer (für 2020 abgesagt)

Einkehr: div. Möglichkeiten am Weg oder unweit davon

Löwenberg: Obstnachwuchs, die Schienengabel und der Hufe Staub

Der Frühling ist ja jedes Jahr aufs Neue eine ganz besondere Zeit. In diesem Jahr ist er zudem eine ganz spezielle Zeit, in der vieles Selbstverständliche auf unbestimmte Dauer in Frage gestellt wird und das Wort Abstand eine übergeordnete Rolle spielt. Das Handeln aller entscheidet so über die Wiederkehr und den Grad gewohnter Umstände, und gelebte Solidarität kann ganz direkt auch eigenen Interessen dienen.

Uferweg über dem Kleinen Lankesee

Wem im ungeplanten Stillstand irgendwann doch die Decke auf den Kopf fällt, weil der letzte Staub gewischt, jede alte Zeitschrift ausgelesen und alles im Kleiderschrank gebügelt und sinnvoll abgelegt ist, und wenn dazu noch alle Wonnen des Frühlings ins Freie locken, gibt es einen gewissen Spielraum, der sich mit gutem Gewissen nutzen lässt. Mit den derzeit lose belegten Regionalzügen sind in weniger als einer Stunde viele Orte zu erreichen, wo ein Ausschwärmen ohne nennenswerten Kontakt zur eigenen Spezies möglich ist.

Junge Obstallee am Rand von Löwenberg

Wer befürchtet, im berlinnahen Umland und abseits einschlägiger und daher überfüllter touristischer Auslaufgebiete wie dem Briesetal oder rund um Strausberg auf Abwechslung verzichten zu müssen, darf gerne staunen – so zum Beispiel rund um Löwenberg, nur gute fünfzig Bahnminuten vom Berliner Ostkreuz. Gerade jetzt, im späteren April, muss hier weder auf blühende Obstbäume und tiefe Wälder noch auf Talgründe voller Buschwindröschen oder wildnisumrankte Waldseen verzichtet werden.

Obstallee nach Löwenberg

Der Frühling zeigt dieser Tage sein gesamtes Spektrum, präsentiert zwischen kalten Nächten und milden Tagen Eindrücke von Vorfrühling bis Frühsommer und wird dabei von dieser unwiderstehlichen Mischung aus kräftiger Sonne und kühlem Wind unterstützt. Alles, was in den Baumkronen oder darunter am Boden blühen kann, hat seine ganze Kraft in diese vielfältige Pracht gelegt, lockt zum detailbestaunenden Niederknien oder dem Spitzen der Zehen, um mit der Nase wenigstens die untersten Kirschblüten zu erreichen. Zudem scheinen gerade alle Vögel da zu sein, die man so kennt, und etwaige exotische Klänge lassen sich spielerisch mit Hilfe des mobilen Endgeräts ergründen.

In Sachen Gleis betrachtet liegt Löwenberg am dreifachen Scheideweg zwischen verlockenden Namen wie Zehdenick und Templin, Gransee und Fürstenberg oder Lindow, Rheinsberg und Neuruppin. Alles ziemlich große Kaliber, bei denen sich im Kopf sofort die Bilder öffnen und im Nu mögliche Ausflugstage künftiger Monate verplant scheinen. Wenn auch das beschauliche Löwenberg keine vergleichbar plakativen Pfunde vor sich herträgt, braucht es sich mit seiner Umgebung überhaupt nicht zu verstecken – was ich bis dahin selbst nicht wusste.

Breitschultrige Löwenberger Kirche

Neulöwenberg

Der alte Bahnhof nahe des Dorfkerns, wo der Bummelzug zu Zeiten von Tucholskys Clärchen und Wölfchen sicherlich noch hielt, ist seit Längerem stillgelegt. Vom Gabelungs-Bahnhof in Neulöwenberg ist es also ein Stück bis zur stämmigen Kirche mit ihren breiten Schultern. Wer bei blühenden Obstbäumen so gar nicht ins Schwärmen kommt, kann gleich vom Bahnhof den Zacken über Löwenberg gut abkürzen und landet nach einer guten Viertelstunde entlang der Bahn und einem schönen Alleestück direkt im ersten Wäldchen.

Karl-Marx-Platz in Löwenberg

Für alle anderen, nicht zuletzt auch als kleiner Ausgleich zur abgesagten Obstblüte der Kehlenfreuden rund um Werder, lohnt sich der Weg über Löwenberg in dieser Hinsicht ganz besonders. Hinter den letzten Häusern führt ein Feldweg hinüber zum Wald, dessen Rand bereits von großen, teils sehr alten Obstbäumen begleitet wird, darunter ein wirklich bemerkenswerter Wildapfel. Auch der schöne, niemals ganz gerade Alleeweg vom Waldrand nach Löwenberg hält einige alte Kirschbäume bereit, zudem schöne Weitsichten nach Süden.

Blick auf das Schloss der Kinder, Löwenberg

Löwenberg

Vorbei an etwas Gewerbegebiet und dem Bäcker ist es nicht weit bis zur Ortsmitte, wo unumstößlich die breite, doch geduckte Kirche steht, die aus der Ferne daher kaum auszumachen ist. Kurz hinter dem Karl-Marx-Platz beginnt ein hinreißender Schleichpfad, der in Sichtweite am Schloss vorbeiführt. Wo heute tagsüber die Kinder spielen, stand einst eine Wasserburg, deren Fundamente auch das heutige Schloss tragen.

Löwenberger Schleichweg

Nach dem Überqueren der B 96 folgt ein weiterer Verbindungspfad. Mit den ersten rosapludrigen Kirschbäumen im Rücken liegt kurz darauf der Ortsrand voraus. Der kündigt bereits hier die sanft geschwungene Landschaft an, die über den Tag einige reizvolle Höhenmeter ansammeln wird. Mehrfach gabelt sich der breite Weg, und hinter dem tieferliegenden Sportplatz öffnet sich die Weite. Der Weg wird schmaler, zugleich beginnt beidseitig eine Reihe junger Obstbäume, die fast alle ein paar erste Blüten in die Sonne halten.

Links der Wegspur sind die Bäumchen von einem heranwachsenden Heckengürtel umgeben, rechts stehen sie für sich und lassen den Blick frei auf einige Stall-Ruinen, die zwischen Blütenkronen hocken und aus der Ferne fast etwas mediterran wirken. Von Pflaumen über Kirschen bis hin zu Äpfeln und Birnen ist alles dabei, dementsprechend strahlen die Blüten mal grünlich weiß, mal mit einem Rosahauch oder eben Reinweiß. Selbst unter den kleineren Bäumen summiert sich schon ein kleiner, doch vernehmbarer Bienenlärm.

Stallruinen mit Blütenpracht

Am Ende der Baumreihe entsteht links eine größere Fläche mit Obstbäumen, bereit liegen große Haufen von Rindenmulch sowie wuchtige Holzbalken, stark wie Bahnschwellen – das macht neugierig, und der nächste Besuch sollte noch in Jahresfrist erfolgen. Kaum zu merken ist dabei der beständige Aufstieg auf die benachbarte Anhöhe der Wackerberge – vielleicht liegt hier der sagenumwobene Löwenberg. Ganz nebenbei wird der Weg jetzt gemütlich, und auf dem Gipfel warten ganz standesgemäß ein paar der Staanmanndl, wie man sie aus dem Hochgebirge kennt. Wir erhöhen jeweils um einen Kiesel.

Gipfelglück auf dem verkappten Löwenberg

Kurz hinab zum Wald, auch dort blüht es weiß am Eintritt in die gute Mischung aus dunklen Fichten und zartgrünen Wipfeln. Kurz darauf quert am schmollenden Schilderbaum der Wanderweg nach Neulöwenberg, die eingangs erwähnte Abkürzung. Die sonnenwarmen Nadeln durchströmen den Wald mit ihrem würzigen Duft, der Schatten sorgt zugleich für angenehme Kühle. Ein bunter Specht stärkt die klassische Geräuschkulisse und eine laute Hummel fliegt von links nach rechts. Zeit für die erste Pause, wie gehabt auf einem liegenden Baumstamm. Erstmals ohne heißen Tee, den Champagner des Waldes – das geht in Ordnung, im fortgeschrittenen April.

Eintritt in den Wald

Der Wald öffnet sich zu einer länglichen Wiesenlichtung, an deren Ende hin und wieder ein Zug durchs Bild saust – mal ein kleines blaues Heidekraut, mal ein langer roter Regionaler. Wider Erwarten führt der Weg nicht über die Bahn, sondern unter ihr hindurch, während sich links auf der hügeligen Wiese ein kleines Kieferngehölz mit gelbem Blütenteppich schmückt, der nach gelben Kamillenblümchen aussieht. Links hinten ist ein spitzer Turm zu sehen, welcher der Karte nach nicht zu einer Kirche gehört, sondern zur Weißen Villa. Hinter der Unterführung beginnt die nächste Obstallee, ebenso jung wie die von vorhin und ebenso bunt gemischt. Vorn an der Straße stehen dann einige erfahrene Verwandte, die schon richtiggehend Schatten spenden.

Kamillenversammlung am Kiefernfuß

Jenseits der Landstraße lässt sich mit Blick auf ein kleines Bachtal eine Fläche von Trockenrasen queren, der unter den Sohlen knirscht. Viele Stellen sehen aus wie die perfekt getarnten Nester der Feldlerchen, so dass wir extra vorsichtig gen Waldrand staksen. Im Sommer dürfte das hier eine illustre Blumenmischung sein, durchzogen vom Zirpen und Schwirren der verschiedensten Sechsbeinigen.

In einer kleinen Senke treffen wir auf erste Buschwindröschen, dahinter erinnert die Landschaft an einen weitläufigen Park. Mitverantwortlich ist der Grüneberger Graben, ein winziger Bachlauf, der im Oberlauf komplett trocken liegt, in Wiesengrund jedoch ein wenig Wasser führt. Auf platter Wiese folgt der Weg dem duftenden Waldrand und taucht bald ein. Weiter hinten ziehen zwei Kraniche ihre Kreise und haben bald ihren Platz gefunden.

Wiesengrund des Grüneberger Grabens

Da im Wald der Bachlauf trocken liegt, ist auch der begleitende Weg am Verblassen, gerade noch erkennbar. Das Verlassen des sicheren Hauptweges belohnt kurz darauf der Blick ins Detail, das bald größer und größer wird und für Herzensfreude sorgt. Über große Abschnitte ist der Talgrund bedeckt von weißen Anemonen, vereinzelt auch mit Waldsauerklee, dessen zarte Blüten mit ihren hauchdünnen Streifen wirklich hinreißend sind und irgendwie an Jugendstil denken lassen.

Da wir ohnehin am Boden rumkrauchen, finden sich auf Augenhöhe auch noch ein paar der selten anzutreffenden violetten Anemonen, die etwas so aussehen, als wenn Männer das erste Mal eine Waschmaschine mit überwiegend weißer Kleidung befüllt haben. So angefüttert bleiben wir auf dem verwitterten Weg am einstigen Bachgrund und verfolgen unterhalb jungen Buchenwaldes das kleine Spektakel über fast einen Kilometer. Es ist einfach herrlich. Und der ins Wasser gefallene Mittelgebirgsurlaub mit seinen reichen Blütengründen ein bisschen ausgeglichen.

Blütenpracht und Pollenschatten im trockenen Bachbett

Luisenhof

Ganz am Ende des Talgrundes finden zwei Wege zusammen und vergleichsweise normaler Wald übernimmt. Ein paar Minuten später öffnet sich nach links eine Hangweide, die nach Reh aussieht, jedoch für Pferde gedacht ist. Am Spielplatz des Luisenhofes zeigen benachbart zu einer dunklen Fichtenreihe alte Treckerreifen, wie sinnvoll und langlebig sie auch abseits des Ackers sein können.

Auf der Landstraße ist kaum was los. Drüben stehen in einsachtzig Abstand eine Radfahrerin und ein Autofahrer und werfen sich im Plauderton und mit gekniffenen Gegenlichtaugen die thematischen Wortgruppen hin und her, die wohl dieser Wochen zwischen den meisten Menschen ausgetauscht werden, ganz unabhängig von inneren und äußeren Merkmalen. Auch der Abstand dürfte jeweils ähnlich sein.

Der Große Lankesee bei Liebenberg

Weitaus interessanter als der Sichtkontakt zur eigenen Art ist der zum ansehnlich dahinter liegenden Wasser. Einige Meter tiefer schmiegt sich der Große Lankesee in die Landschaft, eine bewaldete Halbinsel ragt weit hinein, bis fast zu seiner Mitte. Von einer der zahlreichen Uferstellen, die sich für eine Pause oder mehr anbieten, fällt jenseits markanter Sandbänke der mondäne Hügel mit dem Seehaus in den Blick, von dem ein hübscher Pfad zum Gut Liebenberg mit seinem Schloss führt und dabei den Weißen See streift. Wem bei Liebenberg nicht als erstes der Weihnachtsmarkt einfällt, kann sich für den Dezember schon mal eine wohlwollende Notiz im Kalender machen – falls dann derlei Veranstaltungen mit gemütlichem Gedrängel wieder statthaft sind.

Uferweg am Großen Lankesee

Ein schöner Uferweg nimmt seinen Lauf, links vom kleinen Hang leuchten ein paar gelbe Anemonen herüber, und mitten auf dem See starten gerade spektakulär zwei Schwäne, mit allem Tumult, der dazu gehört. Die kleinen Wellen erreichen mit zartem Brandungsgeplätscher die Uferkante. Beim Eintritt in den Wald ändert sich der Charakter des Weges, bestimmt von manchem dichten Nadelgehölz. Ein Schilderbaum mitten im ansteigenden Wald verlangt Entscheidungen, die Tageskondition entscheidet für den Mittelweg, der in diesem Fall nach rechts führt, hin zum trockenliegenden Bruchwald des Moddersees. Abseits des Weges sprießt selbstbewusst saftig grünes Gras zwischen den Stämmen, oben in den Wipfeln jagen sich zeternd zwei Eichelhäher und im Schilfgürtel des Moddersees raschelt es.

Trockener Bruchwald am Moddersee

Zwischen breiten Eichen nimmt der Weg eine weite Kehre, die bei einem hüfthohen Gedenkstein endet. Von rechts blinzeln die silbernen Wellen des Papensees durch die Stämme. Der kleine Waldsee liegt unter einem Hang mit Fichtenwald, was insgesamt für eine schöne Stimmung sorgt. Von vorne kommen zwei weit ausschreitende Damen mit einem Hund. Eine der Damen spricht sehr laut über sie selbst Betreffendes, der Hund im Gegenzug verhält sich um so stiller. Doch der Ausgleich gelingt nicht, wir ziehen daher das nächste Abbiegen im Sinne schweigenden Waldes leicht vor und heben das vorausliegende Seeluch für den nächsten Besuch auf.

Gedenkstein nahe des Papensees

Zur Belohnung dürfen wir erleben, wie fünf Dutzend Rehe einen Steinwurf vor uns quer über den Weg jagen und dabei so viel Staub aufwirbeln, dass die Schwaden noch auf Gesichtshöhe verweilen, als wir die Stelle passieren. Es duftet nach aufgewühlter Erde. Noch zweimal sehen wir sie weiter hinten im Wald, und jedes Mal scheinen es ein paar mehr zu sein. Kurz darauf sind alle wie vom Erdboden verschluckt.

Hinter der nächsten Kurve liegt glänzend der Spiegel des Kleinen Lankesees, der im Vergleich zu seinem großen Pendant mitten im Wald liegt und etwas Wildnis ausstrahlt. Zunächst begleitet ein Pfad die Uferlinie, weicht bald als breiterer Weg einem Hügel aus und führt oberhalb einer schilfigen Bucht zu einer Reihe von Birken, die mit ihrem ersten Laub und dem zarten Gras am Boden für luftiges Licht sorgen.

Birkenlicht am Kleinen Lankesee

Bald übernimmt wieder tiefer Fichtenwald, der Weg steigt an und die Flanke zur Linken fällt erstaunlich steil ab. Ein Stück Weges ist samt Schilderbaum umzäunt, doch links kommt man auf einem Tierpfad vorbei. Hier nun beginnt so ein Wald, der perfekt ist fürs Versteckspiel – hohe Kiefernstämme, die auf einem welligen Teppich aus weichem Gras, Moos und Nadelboden stehen. Hier und da liegen Ansammlungen von Kienäppeln, die bei diesem Spiel durchaus verräterisch sein können. Mitten hindurch spurt im leichten Auf und Ab ein Grasweg, der eine sanfte Kurve an die nächste reiht und am liebsten nie aufhören soll. Das Licht ist diffus, der Boden unterm Fuß weich und ein Duft von Gras und Kien zieht mittendurch.

Vom Ende der kurvigen Linie ist es nicht weit zum Waldrand, dem sich mit freiem Blick bis zur kleinen Kapelle am Friedhof folgen lässt. Von hier aus sind vielleicht schon die neugierigen Köpfe von Straußenvögeln zu entdecken, die am Ortsrand ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Mit dem markanten Wasserturm ist das Ziel im Blick. Das ist keinesweges selbstverständlich, denn dass dieses hübsche Relikt aus der Zeit der Dampflokomotiven noch steht, ist nur einem jungen Bahner zu verdanken.

Wiesiger Kiefernwald bei Neulöwenberg

Übrigens: 1912 wurde der Turm fertiggestellt, und im selben Jahr tat Kurt Tucholsky den Schritt vom Journalisten zum Schriftsteller und veröffentlichte sein Büchlein „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“. Das verkaufte er, gemeinsam mit seinem Illustrator Szafranski, selbst in einer „Bücherbar“ auf dem Kurfürstendamm, unter Zuhilfenahme von Spirituosen – allerdings nur als Jux und nur für einige Wochen. Bedenkt man nun den zeitlichen Weg vom ersten Gedanken eines Autors bis zum gedruckten Buch, dürften Clärchen und Wölfchen diesem Turm wohl nicht begegnet sein. Und doch erinnert er irgendwie an sie, bis heute.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn ab Berlin-Ostkreuz (ca. 0,75-1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 96 (ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 19,5 km (ohne Löwenberg 14,5 km)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Ein Mann mit Wasserturm (MOZ-Artikel)

Einkehr: Straußenfarm Neulöwenberg
Zu den drei Linden, Löwenberg
Ralles Brutzelbude (Imbiss), Löwenberg
etwas abseits: Zu den drei Linden, Grüneberg