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Petzow – Antike Lackbilder, klingender Vormärz und die verdiente Riesenportion

Ewig lange war es kalt, nicht nur gefühlt, sondern bestätigt nach einem Blick in die Wetterstatistik. Kurz nach Ende November ging das los, versprach ein richtiger, ernstzunehmender und auch oftmals schöner Winter zu werden. Und hielt sein Versprechen mit vollen Händen und ganzem Herzen. Und so ist es nun schon ein geschlagenes Vierteljahr kalt und meist auch winterlich, mit ein paar schmerzhaft hartnäckigen Perioden, die eine selten gesehene Überlänge an den Tag legten.

Spätwinterlicher Schlosspark Petzow

Nach wochenlangem Eiertanz auf dauervereisten Bürgersteigen und Radwegen gab es eine kurze Phase der Entspannung, war der normale Gang wieder möglich und wurde gefeiert. Einfach rausgehen, vor die Tür, zum Bäcker, zur Arbeit, und nicht bei jedem Schritt hochkonzentriert darauf achten, dass der Fuß auch dort bleibt, wo man ihn hingesetzt hatte.

Waschhaus im Schlosspark

In der Folge eines betont bleibewilligen Ostwindes ging das Ganze bald von vorn los. Noch einmal lagen die ganze Stadt und auch das Umland unter teuflischer Bootslack-Optik, konnte jeder gesetzte Fuß zu Grätsche oder gar Spagat führen, auch wenn man selbst dafür gar nicht ausgelegt ist. Wer ohne größere Blessuren durch diese Wochen kam, hatte das wohl zum guten Teil untergeschnallten Spikes zu verdanken – oder einfach einer Bauarbeiter-Portion Glück.

Obstgarten am Rand von Glindow

Jetzt, wo der März schon langsam greifbar wird, jetzt endlich sind Eis und Schnee weg, Freiheit, Selbständigkeit und ungestörtes Gehvermögen wieder eine Selbstverständlichkeit, die fürs Erste mit Demut und Dankbarkeit empfunden werden dürfte. Und sollte.

Aussichtskanzel Belvedere in den Glindower Alpen

Da passt es vom Timing her ganz hervorragend, dass zur Rückkehr der Normalität in Sachen muskelbetriebener Fortbewegung auch noch die liebenswerte Unterhaltsamkeit erster frischer Düfte sowie ein von Tag zu Tag mehr anschwellendes Gezwitscher kommt, was bei naturversessenenen Wahrnehmungs-Junkies auch noch das seelische Wohlbefinden befeuert. Und zwar ganz erheblich.

Ziegeleimuseum Glindow

Wochenlang war jeder Dritte im Verkehrsgeschehen grau im Blick und krötig in Wort und Verhalten, verdorrten Zündschnüre von Woche zu Woche zu immer mehr Kürze, war man jeweils froh, wenn der heimische Herd ohne Schimpf und Zeter gereizter Verkehrsteilnehmer erreicht war. Der fahlgraue Teint der Tage, die Kälte und der Klammergriff des Eises schlugen den meisten Leuten aufs Gemüt, verständlicherweise.

Um so schöner ist es nun, dass auch darauf Verlass ist, dass schon nach der ersten Sonnen-Episode, und sei sie noch so kurz, alle Leute schon etwas anders aus ihren dicken Winterhülsen schauen. Und man an jeder zweiten Ecke staunt, wieviel manches Gesicht gewinnen kann, wenn nur ein Lächeln darauf liegt.

Steg im Glindower See

Was ich sagen will: es ist lang ersehnt, wirklich verdient und so sehr willkommen, dass neben dem längeren Tageslicht jetzt auch all das auf der Matte steht, was sich selbst von etwaigen vorausstehenden Frostperioden kaum beeindrucken lässt. Es lebe der Lenz!

Petzow

Entsprechend war bei Ausflügen im Berliner Umland und auch in der Stadt selbst in diesen Winterzeiten fast jedes Mal manches zu bedenken, damit es auch ein schöner Tag wird. So war zum Beispiel nach Tautagen der Wald zu meiden, denn dort hielt sich das Eis auf den Wegen besonders hartnäckig. Spikes, diese geniale und rettende Erfindung, waren Dauergäste im Rucksack, kamen fast bei jedem Ausflug zum Einsatz. Wuchsen quasi zu kleine Gummi-Kumpanen der Selbstermächtigung heran.

Schlosspark Petzow

Und dann dieser Tag – das erste Mal, wo man einfach so planen und dann einfach so losgehen kann, also fast. Der Waldanteil wurde wohlweislich klein gehalten, doch das war’s dann auch schon. Und es musste natürlich eine extrafette Portion schönstes Brandenburg sein, die in diese kleine Runde gepackt wurde. Letztlich wurde es eine Seeumrundung, eigentlich ja keine große Sache. Doch rund um Potsdam und Werder und überhaupt entlang der Havel und ihrer genialen Riesenbuchten, da wird auch so eine ganz normale Seeumrundung zu einem kleinen Festival der Vielfalt, zumal nach so langer Zeit des Entzuges.

Kirchhöhe Petzow

Lange waren wir nicht in Petzow, einem klassischen und sehr lohnenden Ausflugsziel für die meisten Interessenlagen, tragen trotzdem einige nahezu ikonische Fotomotive im Langzeitgedächtnis, die mal wieder aufgefrischt werden wollen. Wie man es sich so wünscht, sah einiges noch ganz genauso aus wie beim letzten Mal, anderes wurde neuentdeckt und bestaunt, weiteres war jetzt nicht mehr hier sondern dort oder war sogar etwas erweitert worden. Letztgenanntes war der Sanddorn-Hof, der beim letzten Mal noch recht neu war. Heute taugt er selbst als vollwertiges Ausflugsziel mit Café und weiterem Drum und Dran.

Havelblick im Schlosspark Petzow

Einige Ungewöhnlichkeiten gibt es im hübschen Ort, also nicht an sich, doch im Detail. Die Kirche zum Beispiel steht im regionstypisch kupierten Gelände auf einer fast schon dramatischen Anhöhe, von der sich der Blick auf drei Gewässer ergibt, man sich fast in Insellage wähnt. Der Entwurf für die Kirche mit ihrem charakteristischen Durchgang unterm Turm stammt, fast hatte man es schon geahnt, von einem gewissen Fritz Schinkel. Schöne Pfade und Wege locken hinauf, oben warten zwei Bänke mit Aufforderungscharakter und erhabenem Seeblick. Unten am Hang blühen erste Schneeglückchen – den unterlaufenen Buchstabenverschreiber lasse ich mal gleich so.

Dorfkern Petzow

Und dann kommt dieser Park, nennen wir ihn mal Schlosspark, der eigentlich winzig klein ist und nur einen breiteren Gürtel um den Haussee bildet. Doch er ist voller Details, alter Bäume, Sichtachsen und besonderer Wasserblicke. Auf höchsten Stellen von Hügelchen stehen Steinskulpturen oder Obelisken, ein winziges Brücklein an der Badewiese wurde als fotogener Steinbogen ausgeführt. Überhaupt ist alles hier pittoresk, und das bei all dem winterfahlen Kraut und bei dem grau-monotonen Licht, wo der Himmel und die vergehenden Eisflächen von ihren Graublauschattierungen her kaum kontrastieren. Die Anlage, die Details, die Zusammenstellung – alles hinreißend. Hach!

Havelsteg unterhalb des Schlosses

Schlosspark Petzow

Wer sich nicht gern bewegt und doch ein paar Schritte gehen möchte, um ein gegessenes oder anstehendes Stück Torte bzw. Tellergericht vor sich selbst zu legitimieren, kann hier gut einen halben Tag verbringen. Trotten, sitzen, spazieren, gaffen. Einmal rechtsherum um den Teich oder einmal linksherum – die möglichen Entwürfe taugen für eine Viertelstunde oder eben für einen halben Tag. Wer dann noch einen Fotoapparat oder aber eine Staffelei bzw. schlicht den Skizzenblock dabei hat, wird wohl den ganzen Tag nicht hier wegkommen. Wenn man sich dann noch erfolgreich einredet, dass hier kein Mobilfunk-Empfang sei, kann die Geschichte noch mehr als nur tiefenentspannt zu Ende gehen.

Geeiste Havel unterm gleich schattierten Himmel

Günstigerweise macht es nichts, wenn einen die Kraft verlässt – an mehreren schönen Orten lässt sich schmausen und genießen, und an jedem einzelnen von ihnen warten abseits der Gaumenfreuden weitere Wahrnehmungsreize, die für mehr Glückshormone sorgen können.

Waldrand am Riegelberg

Schloss Petzow

Na gut – wer die Absicht hatte oder es erstrebenswert findet, Petzow zu verlassen, muss hinterm Schloss mit seinen schönen Zinnentürmchen erst noch am einladenden, leicht nordisch anmutenden Pfad zum Aussichtssteg vorbei, der entlang einer nahezu baumlosen Obstwiese ein paar Höhenmeter hergibt. Ein laubloser Obstbaum steht in dramatischer Geste inmitten der stoppeligen Wiese, die das Tauwasser schon wirksam weggeschluckt hat, sein Stamm bewahrt ein gebrechliches Bänklein vor dem Straucheln. Die Havel ist hier wie so häufig seenbreit, verschmilzt in ihrer eisglasigen Optik mit dem schlierig-grauen Himmel darüber, und wäre da nicht der Horizont mit seinen fernen Waldstreifen, die Grenze zwischen beiden wäre nur schwer auszumachen.

Steg im Glindower See

Vom letzten Torhäuschen der Schlossmauer verläuft der Weg nun reizvoll leicht oberhalb des Seespiegels. Im Sommer dürfte das Wasser kaum zu sehen sein, jetzt dringt der Blick mühelos zwischen Stämmen und nassbraunem Astwerk hindurch. Der Boden ist noch im Auftauen begriffen, jeder Schuhabdruck schmatzt und das immer schwerer werdende Schuhwerk verdreht insgeheim die Augen über die ziemliche Sauerei. Heckengewirr lässt erahnen, wie grün und üppig und wunderwunderschön das hier schon bald aussehen und duften wird, nach Grün und Holz und offener Erde.

Schilfpfad vom Seeufer

Beim Queren der Straße verlockt ein Honig-Automat mit großer Sortenvielfalt, doch da ist gerade jemand wortreich und umständlich im Auswahlprozess und unsere Honignot einfach nicht groß genug zur Zeit, also weiter. Auf den folgenden Metern hat sich tatsächlich noch etwas Eis gehalten, und wieder weiß man die schon freien Wege noch etwas mehr zu schätzen. Es folgen gediegene Alleen, dann eine weitere Matschpassage, auf der man nach jedem Zehn-Meter-Intervall um eine Daumenbreite gewachsen ist.

Obsthöhe über Glindow

Nach dem Umrunden des Blüten-Camping-Platzes folgt ein erstes Stück entlang der Bundesstraße. Von der Strengbrücke reicht es wegen einer Landnase leider nicht für den Blick auf die Inselstadt Werder, doch gegenüber ist immerhin die Kirche von Geltow zu sehen. In Richtung Süden lässt sich die exklusive Halbinsellage des Campingplatzes bestaunen, wo es sicherlich stets ein Gerangel um die schniekesten Plätze gibt oder gegeben hat, denn womöglich werden diese ja auf Lebenszeit vergeben.

Schafweiden bei Glindow

Wohngebiet Werderpark

Gleich nach der Brücke verlassen wir das überschaubare Verkehrsrauschen, spazieren durch eine unauffällige Wohnsiedlung und kommen bald zu einer Reihe besonderer Wochenendgärten. Diese liegen in einer längeren Reihe in Hanglage, der Bungalow oder die gemauerte Laube hockt jeweils auf der Anhöhe, schmale Stiegen führen hinauf. Jede Laube hat ihren panoramasichtigen Außenbereich, das ganze Drumherum hingegen gibt sich ziemlich zugeknöpft. Keine Verbotsschilder, doch zahlreiche diskrete Maßnahmen mit abweisendem Charakter. Naja, kann man vielleicht ein bisschen verstehen … ein bisschen.

Hennenkommune in Glindow

Trotz allem gestattet ein kleiner Pfad, der durchs mannshohe Schilf gen Ufer führt, den Zugang zum See. An einem winzigen Ruderboothafen lässt sich ein Päuschen mit Blick auf den gegenüberliegenden Ziegelofen von Glindow einlegen. Weiterführende Pfade wurden jüngst mit Weidenschnitt verworfen, was vielleicht dazu beitragen soll, dass die Vogelwelt hier ihre Ruhe hat.

Alte Remise in Glindow

Nach erneutem Modder-Slalom wird hinauf zur Siedlung etwas Höhe gewonnen. Und wie man hier so aus der tiefsten Ufernatur kommt, ist es gerade gar nicht vorstellbar, dass ein paar Meter weiter das große Einkaufszentrum Werderpark steht, ein paar hohe Antennenmasten oder so weisen darauf hin, sonst nichts. Nach dem Ende des Knupperweges steigt man entlang einer Mauer auf die Anhöhe, deren alte, knorrige Obstbäume an die nahen Obstplantagen rund um Werder denken lassen. Hoch am Himmel ziehen Einserformationen von Gänsen, immer wieder sind auch Kraniche zu hören.

Kirchpfad Glindow

Wo wir gerade dabei sind – aus den vereinzelten Wintermeisen der vergangenen Wochen ist mit dem heutigen Tage schon ein ganzes Kammerkonzert geworden, und die letzte warme Jahreszeit scheint schon so lange her zu sein, dass bei manchen Stimmen wirklich erstmal überlegen werden muss, wie der Piepvogel zur vernommenen Kehle nun heißt. Selbst wenn ein Spezi in dieser Hinsicht mit dabei ist.

Uferpromenade in Glindow

Bevor der Abstieg von der obstigen Anhöhe beginnt, spannt sich ein Mehrbaumgebilde wie ein prächtiger Fächer quer über den Weg. Auch so etwas, dass in den Zeiten mit Laub am Baum kaum auffallen dürfte. Gleich danach folgt ein pittoresker Abstiegspfad hinab nach Werder Süd, der von Schafsweiden begleitet wird und im Rückblick einen Hauch Mittelgebirgsflair verströmt.

Fließgraben in Glindow

Unten tönen leise Schafe und leicht durchgeknallte Stimmbonsai-Hähnchen, vielleicht haben sich ja ein paar Hasch-Pflänzchen auf der Hühnerweide ausgesamt, deren Wirkung bis in den ausgehenden Winter anhält. Das sollte ja, nicht zuletzt aus Sicht der Hühnertiere, als Eigenbedarf durchgehen und somit keinerlei gerunzelte Stirn bzw. intern-private Aktennotiz wert sein.

Uferpfad

Passend dazu steht eine Art Bauwagen mitten auf dem Gelände, der schwer nach offenherzigem Zusammenleben nach Art einer Kommune aussieht. Quasi Hahn im Korbe und jeder mit jedem. Mit all dem herbeispekulierten Wissen lässt sich das eigenwillige Getön der Gockel nun recht plausibel unter gefiedertem New-Age-Hippie-Frohsinn verbuchen.

Struppiger Wiesenpfad gen Alpenland

Glindow

Wieder folgt nun ein Stück an der Bundesstraße, doch einiges am Straßenrand sorgt für Ablenkung vom nur mäßigen Verkehrsrauschen. So ein einladendes Bäckercafé, die anregenden Schaufenster eines Bootsausstatters oder die hübschen Außenplätze einer Imbiss-Bude, nicht zuletzt auch eine winzige Schmiede-Remise, in der unter rotweißkarierten Gardinchen noch ein verblasster Schwibbogen überlebt hat. Nachdem am Übergang von Werder nach Glindow in einem Vorgärtchen die ersten Winterlinge gesichtet wurden, das sind diese gelben Kugeligen mit der Satellitenschüssel-Optik, wird abgebogen ins dörfliche, eigentliche Glindow.

Nördlicher Aufstieg in die Glindower Alpen

Glindow Dorf

Kurz darauf lässt sich links in die Alte Straße mit ihren hübschen Häuschen abzweigen. Vorbei am Turnplatz schwingt ein kurzes Sträßchen seine Bögen, vorn im Dorf biegt dann vor der Kirche so ein schöner Schleich ab, der auch unterhalb einer Inselkirche liegen könnte. Im Sinne der losen Tagesserie ist die schmale Spur wieder schön matschig-schmatzig. Vorn dann öffnet sich einmal mehr die Havel und mit ihr der Blick aufs jenseitige Ufer, wo wir uns vorhin entlangschlängelten.

Hochebene in den Glindower Alpen

Die beschauliche Seepromenade mit kleinem Spielzeug-Besteck zum Herausfordern des Gleichgewichts verläuft zuletzt entlang eines stillen Wassergrabens, der mit Blick aufs Dorf eine klamme Wiese umrundet. Der Wiesenpfad zwischen Gärtchen und Wasser ist klatschnass, teils kaum begehbar und hinterlässt am Ende zumindest etwas entschlammte Schuhe. Gleich darauf, nach dem seitlichen Blick auf eine deutlich aus dem Leim gegangene Lebensbaumhecke, setzt sich der Pfad als wildes Geschlängel über Stoppelschilfwiesenland fort, strebt geradewegs aufs hiesige Alpenland zu, das niemand belächeln sollte.

Absteig vom Havelblick am Belvedere

Glindower Alpen

Bald nach dem Vorstadt-Dentisten „Zahnziegelei“ zweigt unvermittelt der Zustieg ins Bergland ab, und nach einer riesigen Pfütze geht es sofort an die Höhenmeter. Eine urige Stiege macht dahingehend eine klare Ansage, vorher ist noch etwas Feuchtland zu absolvieren.

Ziegeleimuseum Glindow

Oben liegt eine kiefernbestandene Hochebene, durch die sich ein breiter Kurvenweg windet. Es sieht in der Tat ein wenig nach Mittelgebirge aus, und erfreulicherweise liegt selbst hier kein Schnee mehr. Auch eine in Dünenland gemischte Bergheide mit baumhohen Krüppelkiefern fehlt nicht, bevor mit der Schutzhütte Belvedere einer der feschesten Aussichtspunkte auf den Glindower See erreicht wird.

Ringofen zwischen Alpen und Havel

Angemessen rustikal führt der ausgedehnte, anspruchsvolle Abstieg über eine schmale, steile und teils ausgesetzte Stiege, auf der niemand ins Stolpern geraten sollte. Unten lockt noch etwas abenteuerlicher die nächste Stiege wieder hinauf zum nächsten Höhenrücken, doch die darf links links liegen bleiben.

Hier am Nordrand der Alpen hat sich auch die Kälte gehalten, sodass jetzt die heftigste Schlitterpartie des Tages ansteht. Auch die wird überstanden, zum Lohn gibt es griffige Wiese auf dem Weg zu den Bauwerken rund um den Großen Ziegelofen der einstigen Ziegelei.

Stege am Rüsterhorn

Ziegeleimuseum Glindow

Neben dem hübschen Türmchen mit dem Museum im Fuß sind das vor allem auch wetterfeste Kunstwerke verschiedener Machart im Gelände der Ziegelei. Wie ein Geschenk tritt gerade jetzt die Sonne das erste Mal vollständig heraus und erweckt ein schaufenstergroßes Glasbild mit einer Seelindwurmjungfrau und einem Froschmann zum blau-rot-grünen Leben.

Badewiese bei Petzow

Langsam lockt der Hunger, und so haben wir nur noch bedingt Blicke für das hübsche Uferpromenädchen mit seinen Stegen, die über dem glänzenden Eiswasser des Sees schweben. Ein uriger Schlängelpfad lässt keinen Meter der großen Landnase Rüsterhorn aus, an der sich zahlreiche kuriose Mini-Schuppen lose im Wald verteilen. Vielleicht kleine Lagerhäuschen für Bootskram, doch auch ein paar stille Örtchen darunter. Dutzende kleiner Stege ragen an der Ostseite in den See und steigen ein ins Spiel der Symmetrie zwischen Himmel und Seespiegel.

Hochebene bei Petzow

An der großen Badewiese wird das Ufer verlassen, wider Erwarten geht es dann auf einem weiteren alpinen Pfad noch ein letztes Mal steil in die Höhe. Als Lohn wartet oben eine Landschaft, die heute für die gute Vollständigkeit noch fehlte. Gleich einer Hochebene erstreckt sich weit eine strohblonde Stoppelwiese, während ein Wiesenpfad dicht am Waldrand verläuft, überdacht von mitteljungen Robinien.

Gastwirtschaft in Petzow

Auf dem stillen Fahrweg Zur Hasenheide beginnt dann ein sanfter, wohlverdienter Abstieg, unten gibt es eine letzte Berührung mit dem Glindower See in Form der ausgeprägten Grellbucht. Zwischen Kirchhöhe und Haussee ist es nicht mehr weit zur Essensausgabe der Wahl.

Die Unterarme auf mächtigen, bootslackglänzenden Tischplatten genießen wir den Panoramablick auf die schönen Bleiglasfenster. Zum zweiten Mal an diesem Tag gibt es das passende Sonnengeschenk, welches nun die farbenfrohen Bilder mit den glänzenden Oberflächen spielen lässt.


 

 

 






Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn bzw. S-Bahn bis Potsdam Hbf., dann Bus 607 (ca. 1,5 Std.); bei Einstieg in Glindow oder Werder: Regionalbahn und Bus (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn und Landstraße, wahlweise über Potsdam (ca. 1-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 15,3 km (Abkürzungen nur geringfügig möglich)



Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

 

Einkehr: div. in Petzow, div. in Werder Süd, div. in Glindow

Lichtenow: Brunnenstaub, die schöne Dammscharte und das Meer in Blau

Der Winter hat sich längst vom Hof gemacht, doch die Kälte ist geblieben und macht fast ein halbes Jahr ohne nennenswerte Unterbrechungen voll. Wegsortierte dicke Jacken, Mützen und sogar Handschuhe wurden wieder hervorgeholt, die Heizsaison notgedrungen fortgesetzt. Die Infektionsthematik ist unterdessen zur lebensbegleitenden Gewohnheit eingelaufen und wurde in ihrer medialen Relevanz nochmals eingedampft durch ein Individuum, das mit seinen Handlungen die halbe Welt aus den Angeln gehoben hat.

Alter Bahndamm in Lichtenow

Dagegen scheint kein Trost- oder gar Gegenkraut gewachsen. Allenfalls Solidarität hilft ein wenig und jeder tut in diesem Rahmen, was er so tun kann. Dass nun endlich der Frühling sichtbar wird, ist keine direkte Hilfe, doch mehr Tageslicht, weniger Kälte und die erwachende Natur sind rein praktisch und auch für das allgemeine Seelenleben sehr willkommen.

Kagel im Rückblick

Während die letzten Frostnächte es bis in die Mitte des Aprils geschafft haben, kommt jetzt dieser Zeitpunkt, wo von einem Tag auf den übernächsten jeder Park von punktuellem Grün auf flächigeres überblendet, das Laubvolumen täglich wächst und der Duft der Natur auch ohne nächtlichen Regen präsent ist. Alles wird durchwirkt von Düften, Würze und Licht, Sonne und Wind, von Farbkraft und Vielfalt in allen Dingen. Der Frühling ist da und verstreicht einigen Balsam auf allem, was es so gibt.

Stiege im Alten Bahndamm, Lichtenow

Was die knappe Wegesammelei in den Monaten seit Spätsommer betrifft, sammelten sich in einer verwandten Dimension die Worte über Sinne durch die Luft in den Kopf durch die Finger auf das Blatt und dann raus in den Druck – und liegen jetzt als griffiger Schinken in den Theken. Zu Recherchezwecken ging es in diesem Rahmen wochenlang recht wild zu, im Sinne von hohem Gras, naturnaher Abgeschiedenheit und intensivem Erleben von Tier- und Pflanzenwelt. Mittlerweile hat sich die Lage normalisiert und in den Berichten wieder die Mischung eingestellt, wie man sie von dieser Seite kennt – hier ein Dörfchen, da ein Städtchen und dazwischen viel Natur.

Improvisierter Steg über den Stöbberbach

Lichtenow

Von Fangschleuse bei Erkner bis zum hübschen Dörfchen Hoppegarten erstreckt sich eine längere Kette aus Seen, von deren Mitte es nicht weit ist nach Lichtenow. Das ursprüngliche Dorf liegt etwas abseits, verfügt über einen festerprobten Anger sowie über den Zickenberg, auf dem schon manch illustres Mannschaftsspiel ausgetragen wurde, gern auch ausgestattet mit Schank und Grillständen. Manche Bestellung gegen Ende des Spielgeschehens wurde mit weichgezeichneten Konsonanten und reich an gedehnten Vokalen zur gelallten Formulierung gebracht, dann nach einer gedämmerten Kunstpause noch leise und eher an sich selbst gerichtet um ssweykümmalinge erweitert.

Verkappte Anemone in blau oder Leberblümchen

Was die meisten Leute von Lichtenow sehen, sicherlich meist aus dem Auto, ist die Ortslage entlang der Schnellstraße – Tanke, Ampel, Blitzer. Doch aussteigen lohnt sich, denn neben dem weithin sichtbaren und leicht zu entdeckenden Ringofen mit seinem gut gepflegten musealen Mobiliar gibt es noch einen schönen Dorfrundgang sowie ein paar Badeweiher mit Rundpfaden zu entdecken, auch der Fließweg über die Wiesen ins alte Dorf und die schöne Lindenallee auf dem Rückweg bieten dem Auge einiges Schöne.

Rund um die Kreuzung, die ihren bestimmten Artikel ganz zu Recht trägt, gibt es in Lichtenow eine Art Kiez, der die meiste Zeit über von einem gewissen Leben erfüllt wird. Direkt an die Tanke grenzen eine im Rahmen der Virusjahre stilvoll aufgedonnerte Dönerbude, die jetzt auch Döner-Tempel oder Dön Royál oder Dö|N|A heißen könnte, sowie ein Blumenladen, dessen Name hohe Erwartungen weckt und auch erfüllt.

Mühlenfließ nördlich von Lichtenow

Direkt auf der Ecke gibt es noch das indische Mehrzweck-Lokal, dessen Namen beim schnellen Lesen ohne Brille kurz das Bild umgehängter Blumenketten aufblitzen lässt. Direkt gegenüber liegt ein leicht zu übersehender Park mit schöner Eisleckbank, diagonal gegenüber die große Wiese mit dem Ringofen, bei deren ampelgebremsten Erreichen das Eis jedoch schon tropfen könnte.

Alte Schule bei Lichtenow

Unweit der Kreuzung beginnt der Fließweg und bietet einen Extrabogen für all jene an, die das Lichtenower Mühlenfließ binnen einer guten Stunde so oft wie möglich queren wollen. Beim ersten Mal öffnet sich nach Norden ein weiter Blick, oft mit fernen Kühen und immer mit vereinzelten Kronenbäumen, die dem Kirchblick zum Dorf gut stehen.

Wiesen gen Lichtenow Dorf

Entlang des Fließes wurzeln hochgewachsene Erlen, im Wasser selbst tummeln sich manchmal die eher hochkanten Laufenten beim Bade und sind dann kaum von Watschelenten zu unterscheiden. Gleich dahinter wurde ein Landlust-Traum verwirklicht. Garten und Haus der Alten Schule, jetzt ein Mehrgenerationenhaus, lassen den schweifenden Blick alle paar Meter irgendwo hängenbleiben und bieten Rustikales und Schönes und Naturromantik in Vollkommenheit.

Alleeweg von Lichtenow zum Dorf

Dahinter beginnt links des Weges ein Heckenstreifen, der noch relativ frisch ist und trotzdem seiner Funktion schon gerecht wird. Ein Abstecher ins Dorf passt heute nicht, und so bleiben wir am flüssigen Thema und schwenken zu einer der schönsten Bürgersteig-Passagen weit und breit. Nicht die Straße ist hier die Allee, vielmehr stehen die alten Linden beiderseits des schmalen Asphaltbandes für die Motorlosen.

Goldenes Lamm

Die Querung der Landstraße braucht ein bisschen Geduld. Auf dem Weg zur nächsten Bachbrücke lockt rechts der Gasthof mit seinen Angeboten in Kreideschrift, und obwohl viele noch beim Frühstück sitzen dürften, gestehen wir uns den Hungerast der Nachosterzeit ein und ziehen die Einkehr deutlich vor. Sind ja auch schon mehr als eine Viertelstunde unterwegs. Ein Tisch ist frei, das Interieur steht klar im Zeichen des Schafes.

Schafe im Wiesengrund des Lichtenower Mühlenfließes, Lichtenow

Nach dem Herumsitzen im Rahmen der Energie- und Mineraliengabe sind wir nun erst richtig träge, doch die ersten Ablenkungen gibt es schon nach wenigen Metern in Form der nächsten Bachquerung und der sehr ansehnlich verteilten Schafe, die an diesem sonnigen Tag wahrhaftig schon auf Schattensuche sind. Verständlich, denn noch sind vollständig eingestrickt und können nicht wie unsereins die Jacke etwas lüpfen oder sanftrebellisch die Mütze vom Kopf ziehen. Der Bachlauf zieht schmal durch eine sanfte Wiesenfurche und lässt nichts davon ahnen, wie es an der nächsten Querung aussieht.

Auf dem Alten Bahndamm in Lichtenow

Alter Bahndamm

Nach dem Verlassen der großen Straße wird es schnell still und Pferde bestimmen die Wahrnehmung. An einer der Tafeln des Dorfrundganges wird eine Gedankennotiz in die Tat umgesetzt, der Weg hatte vor zwei Jahren schon mit aller Kraft gelockt. Auf einem alten Bahndamm führt er oberhalb von Pferdeweiden entlang, voraus erhebt sich die eindrucksvolle Ruine eines Speichers, rechts und links werden Pferde bewegt oder bewegen sich selbst.

Bachscharte im Bahndamm mit Stiegen

Im Fuß des Dammes wurzelt eine lange Reihe stattlicher Eichen, die den Weg mit ihren kräftigen Auslegern teils komplett bedachen. Gleich wird die nächste Gedankennotiz abgelegt, für die Zeit mit vollem Laub am Baum, es muss bezaubernd sein. Wo das Mühlenfließ einst eine Bahnbrücke erforderlich machte, ist jetzt eine Art Taldurchbruch entstanden, der diesem kraftvollen Ort mühelos Ehre macht.

Ein knorriges Geländer begleitet ein paar Stufen, während gegenüber schon das pittoreske Pendant zu sehen ist. Ein überaus fotogenes Plätzchen, wie man es wirklich nicht erwartet hätte im platten Hinterland des guten alten Lichtenow. Der Blick von drüben auf die erste Treppe legt dann noch zwei Schippen drauf, wird die Szenerie doch um eine hangständige Doppeleiche ergänzt, die dem Ganzen wirklich Wucht verleiht.

Dammkiefer in großer Geste, Lichtenow

Auf dem nächsten Abschnitt gibt es nun als Dammausstattung auch Buschwerk und eine theatralische Kiefer, bevor die nächste Tafel des Dorfweges den Verdacht auf Bahndamm bestätigt. Das Gleis verband die Lichtenower Ziegelei mit dem weiterführenden Bahnnetz bei Herzfelde.

Gebirgsstiege zum Alten Bahndamm

Nach dem Abbiegen beginnt als schöner Kontrast eine wohltuende Waldpassage, die nach dem Regen der letzten Tage diese Düfte freisetzt, die mit dem Aufblättern des ersten zarten Laubes einhergeht. Noch sind sie selten, die Bienen und die Hummeln. Doch einige trotzen dem kühlen Windhauch, und so summt manchmal schon ein dicker Brummer dicht am Ohr vorbei und lässt schon ganz kurz an den Sommer denken, wo das so ein typisches Geräusch beim dämmrigen Fläzen in der Wiese ist.

Liegendes Sturmholz im Wald

Viele Holzstapel liegen im Wald, die meisten ziemlich frisch, vom Reinemachen nach dem letzten Sturmgeschehen. Manche Stapel duften ätherisch und sind dabei gern klebrig, die Harthölzer hingegen riechen eher nach neugekauften Vollholzmöbeln oder nach gar nichts, und die Robinienstämme zeigen ihren ganz eigenen Duft, wenn man tief und lange einzieht durch die Nase. Hier und da weht eine Brise Waldmeister durch den Wald, woanders sorgen Balsampappeln für vergleichbare Frische und Aromen.

Wiesengrund am Weg nach Kagel

Wegen querliegender Bäume ist der nächste Weg fürs Erste auf das nahe Stoppelfeld verschoben worden, kurz vor dem Mühlenfließ führt er dann wieder zurück. Das hübsche Steinbogenbrücklein mitten im Walde wird derzeit grundlegend erneuert und dürfte noch in diesem Jahr fertig werden. Wer zu Fuß ist, kommt dank einiger Planken trotzdem mit trockenen Schuhen ans andere Ufer.

Gemischter Wald am Mühlenfließ

Diese letzte Querung des Tages ist zugleich auch die letzte mögliche, denn ein paar Bachwindungen weiter landet das von Ruhlsdorf daherkommende Bächlein im Elsensee. Das Wasser wird ein paar Seen weiter an die Löcknitz weitergereicht und landet schließlich in der schönen Spree.

Lichtenower Mühlenfließ im Walde

Nach dem nächsten Waldstück quert eine breite Schneise, die weitgehend von mannshohen Ginsterbüschen ausgefüllt wird. Das muss prächtig aussehen zur Ginsterblüte, und so wird ein weiteres Lesezeichen hinters Ohr geklemmt.

Brücke übers Mühlenfließ

Kagel

Hinter dem nächsten Waldstück folgt, gekleidet in erwachendes Grün, ein verzweigtes Stück Bruchwald, und kurz darauf rückt in greifbarer Ferne der Kirchturm von Kagel in den Blick. Ein schlingernder Pfad, den keine Karte kennt, lockt auf gut Glück quer über die weiten Wiesen, oben drüber haben sich im Laufe des Tages weiße Wolkenberge am blauen Himmel gesammelt. Beides zusammen sorgt dafür, dass man tief atmet, breit grinst und für diesen Augenblick kurz abkoppelt von allem, was da sonst so läuft.

Schneise mit hohem Ginster

Der Pfad funktioniert bis zu den letzten entscheidenden Metern, auf denen im breiten Schilfgürtel ein Wasserlauf gequert wird. Hinter einigen Gärten sind ein Ziegenbock und Schafe über ein verspieltes Gelände voller Holz verteilt, und je länger man dem Blick Zeit lässt, desto mehr Schafe werden es.

Eins von ihnen scheint den Presserummel zu kennen und stellt sich beim Erkennen der Kameralinse umgehend in die entsprechende Pose, wie man es gut von Z-Promis, medialen Selbstvermarktern und kleinen Kindern kennt. Die frontale Halbgrimasse wird über eine halbe Minute stabil gehalten. Ob es auch sein Maul spitzt, ist dem schwarzen Kopf geschuldet nicht zu erkennen. Die weiße Ziege im Hintergrund schüttelt nur augenrollend den Kopf und gibt sich dann weiter dem Schattenbade hin.

Am Bruch vor Kagel

Auf dem Dorfplatz in Kagel gibt es eine Art Dorfgemeinschaftshaus mit schönen Außenanlagen, davor einen großzügigen Dorfplatz mit unzähligen schönen Sitzmöglichkeiten und einem Brunnen, der zur Zeit noch staubt. Das Café, was es hier einmal gab, fehlt ungemein, und so setzen nahezu alle Passanten ihren Weg fort – die ersten cruisenden Biker mit dem breiten Tank als Bauch- und Bartablage, das rege Rudel Radler mit dem nächsten Ziel im Blick, ebenso die ersten offenen Cabrioten mit Fahrtwind-Kaltwelle am Scheitel.

Wiesen vor Kagel mit Querpfad

Auch ein einzelner Vertreter der Dorfjugend fährt vor, lässt die blank gewienerte Simmi mit dem obligatorischen Aufheuler verstummen und wartet, ob aus eins gleich zwei wird oder drei – so wie der Bus manchmal an nie benutzten Endhaltestellen wartet, ob ausgerechnet heute doch ein Fahrgast kommt.

Eine kleine Familie auf der Durchreise hat den netten Spielplatz für sich entdeckt, der Papa fragt uns, ob es hier irgendwo eine Toilette gibt. Kirche, Gemeinschaftshaus – sicherlich, wenn eins davon offen ist. Naja, die Saison beginnt ja bald, doch für heute muss es noch der nächste Busch am Dorfrand tun. Die Simmi springt beim ersten Tritt an, sucht das Weite und hängt noch kurz als Zweitaktduft überm Platz. Obendrüber stellen die ersten Schwalben dieses Jahres nun endgültig sicher, wie es um den Frühling steht.

Holz und Wolle und allerleih rau

Der Weg aus dem Dorf führt über die Straße Am Winkel, die bald schon Am Dudel heißt. Rechts zeigt kurz der Spiegel des Bauernsees sein intensives Blau. Der Fahrweg wechselt von Kopfsteinpflaster auf märkischen Sand, wird begleitet von anspruchslosen gelben Blümchen und rundkronigen Bäumen in allen möglichen Stadien von Blüte und Laub. Das standardmäßig passierende Auto tut seinen Job und staubt in die richtige Richtung.

Weg oberhalb des Bauernsees, Kagel

Entlang eines länglichen Areals rätselhafter Kies- und Sandhaufen zieht sich ein kleiner Waldstreifen, begleitet von einem wonnigen Wiesenweg, der jetzt endlich zum Seeufer führt. Kurz davor macht ein kleiner Pfad neugierig, der vorbei an einem eigenartigen Bungalow hinab zum Seeufer führt.

Der verfallende Bau hat nach vorn eine große Fensteröffnung, darunter zwei ungewöhnliche Rundlöcher, durch die ein Medizinball passen dürfte. Da direkt gegenüber das weiträumige Ensemble der bis heute bedeutenden Sportstätte Kienbaum liegt, hatte es sicherlich damit zu tun. Vielleicht wurde zwischen hier und dort etwas quer über den See gespannt, was für den Bootssport nutzbar war.

Am Liebenberger See gegenüber Kienbaum

Zwischen einem umzäunten Heckenstreifen und der kleinen Steilküste schlängelt sich ein Pfad, der hier und da ein Winden des Oberkörpers oder Einziehen des Kopfes einfordert. Hin und wieder gibt es Stellen unten am Ufer, die im Sommer zum Einstieg taugen sollten. Eine in jeglicher Hinsicht bunt gemischte Traube Leute kommt uns entgegen mit schicken und normalen Angeln sowie klappernden Plastekoffern voller Zubehör. Ausgewichen wird wie auf Bergpfaden üblich, sodass der Absteigende den Vortritt lässt. Derweilen kräuselt der auffrischende Wind die Wasseroberfläche und lässt den Liebenberger See flächig funkeln.

Blick zur Sportstätte in Kienbaum

Jenseits der Landstraße wird es jetzt ein bisschen experimentell, denn es ist nicht gewiss, ob da ein Weg ist und falls ja, ob er gangbar ist. Doch es könnte sich lohnen. An der Schneise noch ist alles trocken, dann wird es schmaler, urwüchsiger und mehr und mehr morastig. Der zerlatschte Boden ist ein gutes Zeichen, die schwarz stehenden Pfützen hingegen verlangen nun kurze, spitze Schritte und etwas Toleranz beim Hinnehmen nasse Füße.

Notdürftiger Steg über den Stöbberbach

Stöbberbach

Ein erstes Rinnsal lässt sich dank ausgelegter Dickäste passabel queren. Kurz dahinter fließt der Stöbberbach auf dem letzten Kilometer seines südgewandten Laufes, kurz bevor er in die Löcknitz mündet. Von einem früheren Besuch ist bekannt, dass eine Querung per beherztem Sprung oder mit Hilfe eines kleinen Steges möglich sein sollte. Der Steg ist weg, sein Geländer jedoch noch da und eine Handvoll vertrauenswürdiger, armdicker Äste wurde quergelegt, so dass wir gut hinüber kommen. Drüben steht eine winzige Blechhütte, eher ein türloser Geräteschuppen, für den man bei starkem Regen sicherlich dankbar ist.

Zartes Blümlein blau

Drüben stoßen wir dann auf ein spätes Leberblümchen, wobei aus meiner Sicht der Name diesem süßen Blümlein nicht gerecht wird. Blaues Buschwindröschen passt da schon eher, auch wenn sich die Experten uneins sind, ob das in Ordnung geht. Na wie auch immer: während sich bevorzugt in Buchenwäldern weiße und seltener auch gelbe Buschwindröschen finden lassen, sind diese blauen Blüten weitaus seltener anzutreffen. Allen dreien gemein ist, dass sie hinreißend im Wind wackeln können und dass sie die Zeit zur Blüte nutzen, bevor sich das Laub die Baumkronen dichtmacht.

Im Wald östlich des Stöbberbaches

Manchmal trifft man auf ein paar mehr dieser zartblauen Sterne, doch was jetzt beginnt, hatten wir so noch nicht. Je länger man schaut, desto mehr werden es und desto dichter stehen sie. Es bleibt auch nicht bei dieser einen Stelle, sondern geht mehr als eine Viertelstunde so weiter, auch abseits vom Bachtal und in wechselnden Waldarten. Es ist wirklich bezaubernd, nicht zuletzt wegen des Kontrastes zwischen dem zarten Farbton und dem allgemeinen Erdton des vorjährigen Laubes.

Zuletzt stellt uns der Stöbberbach auf eine weitere Probe. In der offenen Internet-Karte war ein Querungssteg verzeichnet, doch nachdem der Weg jenseits der Schneise bis zur Unsichtbarkeit ausfranst, stehen wir vor dem munter fließenden Bach, dessen weiche Ufer ein Überspringen ausschließen. Zu unserem Glück hat der Sturm einen dicken Baumstamm so gelegt, dass man mit etwas Geschick ans andere Ufer kommt. Da das mit dem Geschick so eine Sache ist, dient ein kräftiger Ast als Stelze und Stütze, lässt ein trockenes Ende zu. Glück gehabt!

Wiesengrund gen Kagel

Nach ein paar Minuten an der Straße beginnt links eine Wiese, auf der sich gut gehen lässt. Links reicht der Blick weit, noch einmal zur Kirche von Kagel. Nach dem geduldigen Queren der stoßweise verkehrsreichen Bundesstraße beginnt nun ein breiter Alleeweg zwischen hohen Bäumen, der schnurgerade nach Zinndorf führt. Mit Laub in den Kronen ist er erheblich schöner, heute wirkt er noch etwas spröde.

Am Pferdehof bei Lichtenow

Vorbei an einigen Windrädern und mit dem Schlot des Ringofens im Blick ist bald der nächste Wald erreicht, an den sich ein gemütlicher Hof mit vielen verschiedenen Tieren schmiegt. Ein Pfad zweigt einladend in den Wald ab, doch ein Mädchen vom Hof ruft uns zu, dass der dort wieder rauskommt, wo wir herkommen. Ein später Osterhase stellt die Ohren auf, zögert kurz und haut dann in hohen Sätzen ab durch den verkramten Wald – eher wie ein Reh, das sich durchs hohe Korn gemächlich aus dem Staube macht.

Ringofen und Fledermaushotel in Lichtenow

Lichtenow

Etwas Aufmunterung wäre jetzt gut zu gebrauchen, am besten in Form von was Aufgebrühtem. Wir richten uns ein auf einem der Pritschenwagen der ausgestellten Lorenbahn, dessen schwarze Ladefläche die Sonne auf Wohlfühltemperatur gebracht hat. Nach dem Ausschwärmen zur Tanke gibt es nun einen kräftigen Schwarzen, dazu das erste Eis des Jahres unter freiem Himmel. Schräg gegenüber kommt vorabendliches Leben in den bunten Lichtenower Kiez. All das begleitet die Nachtigall vom Buscheck gegenüber, die manchen auf Krawall gekämmten Biketopf ohne Mühe übertönt.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn oder S-Bahn bis Erkner, dann weiter mit dem Bus (nur Mo-Fr)(ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 1 (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: 15 km (Abkürzungen möglich)(die Tour in der Karte und die Wegpunkte wurden angepasst, so dass Problemstellen vermieden werden und der Spannungsbogen stimmiger ist)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Information zu Lichtenow

Historischer Ringofen

Kleinbahn nach Lichtenow

Historischer Rundgang in Lichtenow

Information zu Kagel

Sportzentrum Kienbaum

Einkehr: Zum goldenen Lamm, Lichtenow
Indisches Restaurant Haweli, Lichtenow
weitere gastronomische Angebote an der Tankstelle
Imbiss im Straußenhof, etwas nördlich von Kagel