Archiv der Kategorie: Landkreise in Brandenburg

Hier werden die bestehenden Landkreise des Landes Brandenburg aufgelistet, nach denen dann die Beiträge zugeordnet werden können.

Plaue: Gartenstadt, Stahlfachwerk und die weite Havelsee

Der April hat in den letzten Tagen unartig im März herumgewildert, sich regelrecht ausgetobt und probiert, wie viele verschiedene Wettersorten sich in eine Handvoll Stunden stopfen lassen. Herumgescheucht und hin und wieder eingeweicht wurde alles, was Beine hat, und alles andere ohne Puls und Herzschlag wurde auf hinreichende Befestigung geprüft. Nach diesem Säbelrasseln fällt es schwer, an sonnige Tage und moderat sinkenden Luftdruck zu glauben, doch genau die sind prophezeit.

Seegartenbrücke zwischen Plaue und Kirchmöser

Für die Wochen des zeitigen Frühjahrs bedeuten solche Tage klare Luft, satte neue Farben sowie knackige Kontraste und verlangen damit weite Sicht, freien Himmel und große Wasserflächen, die diesen Himmel widergeben können. Gut geeignet ist da zum Beispiel die Havel hinter Brandenburg, die hier ihre Wasser zu weiten Seen aufspannt. Die beherbergen manche große Insel und sind reich an Buchten aller Größen, sodass die Havelwogen teils bis tief ins Festland vordringen. Von dort kommen im Gegenzug die Flüsschen Buckau und Temnitz und liefern ein weiteres Argument für das klare weiße Wasser dieses Küstenreiches. An gewissen Tagen kann ebendieses Wasser so unfassbar blau aussehen, wie man es sonst nur dem Eismeer abnehmen würde.

Plaue

Die Stadt Brandenburg erreicht mit all ihren Ortsteilen eine erstaunliche Ausdehnung und ist daher rein flächenmäßig größer als die brandenburgische Landeshauptstadt oder auch die von Niedersachsen. Weit im Westen liegt der Ortsteil Plaue, der seinem nördlichen Ausläufer den Beinamen „Gartenstadt“ verdankt. Plaue ist fast vollständig von Wasser umgeben, das im Osten und Süden weite Blicke gestattet. Darüber hinaus gibt es hier einiges zu entdecken, was sich mittels einer verwinkelten Rundtour gut verbinden lässt.

Hauptstraße in Plaue mit Gruß von der sächsischen Elbe

Schon bei der Fahrt nach Plaue wird die Havel viermal überquert. Nur einmal sieht sie dabei aus, wie ein Fluss in der Regel aussieht. Links ein Ufer, rechts ein Ufer, dazwischen eine Brücke breit Wasser und die Ufer in etwa parallel. Bei der letzten Überquerung kurz vor dem Ziel öffnet sie sich zum Plauer See, über den der Blick schonmal drei Kilometer bis zum anderen Ufer schweifen kann.

Beim örtlichen Konditor stehen noch keine Stühle draußen, doch könnte es schon morgen soweit sein. Ein Mann fährt vor mit einem Pudel auf dem Beifahrersitz. Der Pudel sitzt sehr aufrecht und scheint eher der Ansicht, dass ein Pudel vorfährt mit einem Chauffeur auf dem Fahrersitz. Von außen ist hinter der Fensterkante nur sein rassetypisches Scheitelpolster sichtbar. Der Chauffeur trägt eine knallrote und knappe Strickmütze ohne Pudel auf dem Kopf, was guten Stoff für weitere Spekulationen hergibt.

Allee zum Schloss Plaue

Von der Rückbank holt er ein großes bedrucktes Tuch, das aussieht wie eins von diesen Mangeltüchern, zwischen denen in zurückliegenden Zeiten die Wäsche in Kaltmangeln glattgepresst wurde. Schonend und energiesparend. Das Tuch ist zu einem großen Sack vernäht, der flachgelegt etwa einen Meter lang und einen halben breit ist. Schon als er den Laden betritt, kommt ihm die Verkäuferin wissend entgegen und hält halbwegs hochkant ein Brot zwischen ihren Händen, dass die volle Länge des Sackes beanspruchen wird. Ein wunderschönes Brot wie aus dem Bilderbuch, mit schrägen Mehlsenken und einen ganzen Meter lang. Als es fachkundig eingerollt auf der Rückbank verstaut und die Tür verschlossen ist, scheint der Pudelkopf knapp und wohlwollend zu nicken.

Schlosscafé an der Havel, noch frühjahrsmüde

Vom Wasser her wird Plaue bestimmt durch die hübsche Kirche, die auf einem kleinen Hügel mitten im Ort steht, und das Schloss, das seine Hauptfassade zum Wasser hin ausrichtet. Zum Schlosstor führt eine Allee aus eindrucksvollen Platanen, ähnlich alt wie das Schloss selbst. Das riesige Gebäude trägt flache, doch zahlreiche Runzeln, die vom zahlreichen Auf und Ab der Zeiten zurückblieben. Im nördlichen Teil hat sich schon einiges getan, was dem aktuellen Besitzer zu verdanken ist. Gleich benachbart gibt es ein einladendes Café mit schönem Biergarten am Wasser. Von dort fällt der Blick auch auf die eindrückliche Stahlfachwerk-Brücke, sicherlich ein weiteres Wahrzeichen von Plaue, dem seine Patina irgendwann zum Verhängnis werden könnte.

Vom Hochufer vor dem Schloss wird der Blick angezogen von den Türmen und Schloten auf der Halbinsel Kirchmöser, die neben ihrem ungewöhnlichen Namen eine ebenso ungewöhnliche Mischung von Kurort-Charme, Industriekultur, idyllischen Naturräumen und pittoresker Siedlungsarchitektur bereitstellt. Mit einigen spröden Einschlägen zwischendurch.

Theo F. von links unten

Der gediegene Schlosspark ist durchzogen von großen und kleinen Wegen, und etwas Wasser sorgt dafür, dass manche Hängeweide schon extrem im grünen Saft steht. Auch auf dem Boden des hügeligen Laubwaldes spielt sich auf Augenhöhe mit dem Laubteppich schon einiges ab. Kleine bunte Blüten, aber auch künftige Bäume haben sich durch die harten Blätter ans Licht gewunden. Zum Wasser hin residiert ein groß angelegtes Plateau, das in seiner Pracht etwas verloren wirkt. Bewacht wird es von einem Widder und einem Bären, beide überlebensgroß und mit Blick gen Brandenburg.

Im Stadtpark am Plauer See

Die Brücke nach Kirchmöser ist sehr verlockend. Relativ neu, überaus ansehnlich und wohl eine klare Referenz an die Brücke von vorhin. Von hier führen Trampelpfade über einen kleinen Stadtwald in eine Wohnsiedlung, die durchaus ihren eigenen Charakter trägt. Hier und dort gestattet sie Durchblicke zwischen den Häusern und lässt hinten einen Deich vermuten, mit einem Meer dahinter. So ganz falsch ist das ja nicht. Eine ältere Dame steigt gerade über den vermuteten Deich, und ihr gestärkter Rock wird vom frischen märkischen Seewind in maritimes Flattern gebracht.

Seegartenbrücke

Jenseits der ersten Bundesstraße im Lande beginnt nun eine ganz andere Welt. Verträumt, ja fast etwas verschlafen liegt hier die Große Freiheit, die so gar nichts mit Hamburg und Rotlicht zu tun hat. Große Freiheit bietet sie für allerlei Getier sowohl mit Gefieder als auch Fell und im Schlepptau auch für eine Handvoll Menschen. Ein paar Gärten quetschen sich im Norden in ein kleines Eck. Auf einer der Schollen steht ein wettergegerbter Wohnwagen, der hier das Basislager bildet für ein junges Berliner Pärchen, das offensichtlich kein Verächter von urbanen Modeströmungen ist. Hier, weit von der Stadt und jeglicher Form von Darstellungszwängen, sind sie einfach nur entspannt und fröhlich, Mann und Frau im Garten, frei von jeglichem Zaumzeug. Ihr Halbwuchs steht draußen vor dem Garten mitten auf dem staubigen Acker und genießt es voller Begeisterung, seinen Fußball beliebig weit und beliebig hoch schießen zu können, ohne dass dieser irgendwo anstößt oder ohne dass sich irgendwer beschwert. Es ist ein herrliches, ein grundsympathisches Bild.

Siedlung Plaue West

Wir schwenken links ein auf die Straße Große Freiheit, deren Haus-Nr. 7 etwas südlich von hier liegt. Die gepflasterte Straße schickt ihre eleganten Biegen durch ein trockenes Bruchgebiet in Richtung Charlottenhof. Das Pflaster ist exzellent verlegt, für jede Art von Vorwärtskommen geeignet. Noch vor dem Ort biegt links der Weg ab, der die Große Freiheit umrundet, nun durch verschiedenen Wald. Während drüben der Blick nicht weit durchs Schilf kam, gibt es hier jetzt einige Blicke aufs Wasser und seine Bewohner. Die Fläche liegt spiegelglatt, bis ein Schwan für symmetrische Wellen sorgt, mit verlässlicher Eleganz.

Im Vorfrühlings-Wald westlich der Großen Freiheit

Nach dem zweiten Überqueren der erstaunlich ruhigen Bundesstraße, die ja immerhin einmal quer durch Deutschland führt, beginnt an der Plauer Schleuse ein lieblicher Pfad direkt am Ufer des Woltersdorfer Altkanals. Der stellt trotz seiner Beschaulichkeit einen netten Bezug zur weltbekannten Großen Freiheit her, da er nur eine Binnenalster breit später in den Elbe-Havel-Kanal mündet.

Blick aufs Wasser der Großen Freiheit

Unsere Schritte sind regelrecht befreit vom lang erwarteten und tatsächlich eingetretenen Frühlingswetter, und bei jedem zwölften von ihnen springt ein dösender Uferfrosch fast lautlos ins Kanalwasser. Die sind also auch wieder da, was nicht zuletzt die Störche freuen wird, auf die ganz aktuell dasselbe zutrifft. Bald beginnen Gärten rechts der Straße, von denen jeder dritte für einen allerliebsten Uferplatz gesorgt hat. Gegenüber hinterm anderen Ufer erhebt sich hochgewachsener Laubwald, Buchen oder Erlen oder so. Auch dort verläuft ein Weg, genutzt von vielen Leuten auf dem Rad.

Bewerbungsgespräch in Bodennähe

An der Straße nach Woltersdorf kommen uns drei Jungs im Brause-Alter entgegen, auf Rädern und mit Dosen in der Hand. Mit fröhlich-kessem Tonfall rufen Sie, ob wa auchn Bier hamm wolln, denn inna Koofe gibt’s heute Freibier im Sonderangebot. Nö, wollma jetz nonnich, doch schönen Dank. Die Jungs treten in die Pedalen und wiederholen ihr Angebot beim nächsten Passanten.

Woltersdorf

Noch vor dem Dorf winkt uns ein herrlicher Weg in die Wiesen hinein, der entlang eines breiten Wassergrabens hinterm Dorf entlangführt und mit Eseln, Pferden und einem Dorfpanorama aufwartet. Wer nicht unbedingt noch extra viel Auslauf braucht, sollte sich das Dorf nochmal von innen anschauen und dann die Eins nach Norden überqueren, mit Kurs Charlottenhof. Wir brauchen Auslauf und finden uns bald auf dem beruhigenden Dorfverbinder wieder, der durch den Wald von Neubens- nach Altbensdorf führt. Mit einem schönen Extrapfad für Fußgänger am Rande. Am Dorfrand wird mit allerlei Motorkraft Großholz zu Kleinholz gemacht oder Sperriges zu Stapelbarem.

Am Woltersdorfer Altkanal

 Altbensdorf

Bensdorf nennt sich Spargelgemeinde, und da ist in der Tat was dran. Das ruft einem gleich ins Gedächtnis, dass schon in einem Monat überall der Spargel auf den Tellern landet, was über die Jahre immer etwas Besonderes geblieben ist. Nach einem Waldstück beginnen akkurat gefurchten Felder, von denen einige Pause haben in diesem Jahr. Auf anderen liegen schon die schwarzen Planen, die über regelrecht scharfe Kanten der endlosen Wälle gespannt sind. Dazwischen ziehen sich einige Wassergräben, was nicht von Schaden sein dürfte für den Boden. Auch liegt hier ein Flugplatz, an dessen Rand ein Schild darum bittet, ihn nicht zu befahren. Auf demselben Schild steht dann noch „Bitte nicht bereiten!“ mit einer untermalenden Signatur mit Pferd und gibt dem Wort „bereiten“ erstmals einen weiteren Sinn. Ein tüchtiger Maulwurf nimmt das Schild beim Wort und tut ohne jeglichen Verstoß das, was er mit am besten kann. Rechts auf den unbestellten Äckern palavern kleine Gänsegruppen auf dem Boden, leise und verstohlen.

Gartenstadt Plaue

Charlottenhof

Nach einem kleinen Rastplatz im Walde beginnt der lange gerade Weg nach Charlottenhof, erst auf Asphalt, dann wieder sandig. Einige Pferdeställe gibt es hier und eine Handvoll Häuser sowie den Briefkasten im innersten Zentrum. Von hier ist es nicht mehr weit zur kleinen Gartenstadt, auf die wir jetzt gespannt sind. Es ist eine besondere Atmosphäre, bestimmt von vielfältig bunten Fassaden und Fensterläden, lockenverzierten Giebeln und einem so dichten Abstand zwischen Bürgersteig und Wohnraum, dass man sich fast ein bisschen indiskret fühlt auf dem Trottoir, schon halb im Wohnzimmer. Die Gärten schließen sich hinten an die Häuserreihen an und bleiben im Verborgenen, was gewissermaßen einen Ausgleich bringt für die Privatsphäre der Siedelnden. Am nördlichen Rand zeigt sich erneut die Wasserverbundenheit von Plaue, selbst im Inneren.

In der Gartenstadt Plaue

Der Rückweg führt vorbei an zahlreichen Bootslagern und Marinas und beim Fischimbiss ein letztes Mal über die Bundesstraße Nr. 1. Die Kietzstraße mit ihren frisch gestutzten Kopfweiden visiert genau die alte Brücke an. Von dort lässt sich sich jetzt zum Abend besonders schön der weite Blick genießen, denn die Sonne steht schon tiefer und ihr Licht ist dementsprechend warm. Ein winziges Boot schippert raus auf den See, das allererste heute und das einzige. Mit einem kleinen Hauch von Großer Freiheit.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn bis Brandenburg-Kirchmöser, dort mit dem Bus nach Plaue (stündlich)(ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise Autobahn Magdeburg oder durchgehend B 1 oder verschiedene Mischungen aus beidem (1,5-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen vielfältig möglich), mit Erweiterung über die Spargelgemeinde Bensdorf ca. 19,5 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Schloss Plaue mit Café am Havelufer

MAZ-Artikel von Ende 2016 über die alte Plauer Brücke

Informationen zur Gartenstadt Plaue (PDF-Dokument)

Informationen zum alten Kanal und der Schleuse

Informationen zum Elbe-Havel-Kanal

Spargelgemeinde Bensdorf

 

Einkehr:
Menzels Garage, Plaue Gartensiedlung
Zum Angler (Vereinsheim des DAV), unterhalb der Seegartenbrücke auf der Seite von Kirchmöser
Zum Fischerufer (ebenfalls auf der Seegartenbrücke nach Kirchmöser, dann hinterm Oval-Verkehr links)
Restaurant Seeblick (an der Plauer Schleuse)
Dorotheenhof (unweit der Plauer Schleuse, Südufer)

Rhinow/Stölln: Beflügelte Lebensfreude, die Rhinfalle und eine Wiesen-Lady

Manchmal, eher selten, hat man recht klar eine Tour vor Augen, die hervorragend zur Jahreszeit und zum vorhergesagten Wetter passt. Was grob skizziert vor dem geistigen Auge schon großartig aussah, scheint bei der konkreten Vorbereitung regelrecht großes Kino zu verheißen. Wenn es sich dann noch in einer selten besuchten, da entlegenen Gegend abspielt, die bisher ausschließlich charakterstarke Tage hervorbrachte, wächst die Vorfreude in der Erwartung auf Grandioses.

Die große Weite vor dem Gollenberg

Umso schmerzlicher ist es, wenn die bereits bunt ausgemalte Vision an einem kleinen Hindernis grandios kentert. Das fordert vor Ort große innere Stärke, insbesondere wenn man im Sternzeichen des Stiers geboren wurde. Stier gleich stur, unter anderem. Gut ist es dann, wenn jemand dabei ist, der mit grober Masche und dicker Wolle gestrickte Hörnlinge dabei hat und diese mit einem klugen Satz über das Stiergehörn streift. Gut und rettend, weil so ein Tag dann mit etwas Glück noch viel besser werden kann. Wenn auch völlig anders.

Der Rhin auf dem Weg zum Gülper See

Es gibt Landschaften, die im eigenen Empfinden besonders gut zu bestimmten Jahreszeiten passen. Oder zu passen scheinen. In den Randbereichen des Winters fallen mir da der Hohe Fläming und das Oderbruch ein, im Herbst der Untere Spreewald oder die Hügelländer und Buchenwälder der südlichen Uckermark. Im zeitigen Frühjahr sind es unter anderem die Gegend zwischen Dahme und Spreewald im Südosten oder die weit entlegene Partie des westlichen Havellands, wo Havel, Dosse und der Große Havelländische Hauptkanal die Wasserzufuhr dominieren. Rhin und Jäglitz mischen auch noch mit. Schaut man zurück in der eigenen Unterwegs-Historie, verschlägt es einen in solche Regionen fast immer zu ähnlichen Zeiten. Vermutlich werden hier erfolgreich und weitgehend verlässlich Sehnsüchte bedient, und Verlässlichkeit kann etwas sehr Schönes sein.

Die Rhinower Voralpen

Als verschmitzter Hintergedanke kam noch dazu, dass es bei verstopften Atemwegen nicht von Schaden sein kann, einen Ort aufzusuchen, der Rhinow heißt und von viel Weite, Wind und klarer Luft umgeben ist. Später vor Ort wurde dem wortspielerisch noch eins draufgesetzt, denn obwohl die Stadt Rhinow nicht sehr groß ist, gibt es hier ein Autohaus. Vertrieben wird eine französische Automarke, die fast genauso heißt wie der Ort und eine merkelsche Raute im Schilde führt.

Weg nach Neugarz, zumindest theoretisch

Rhinow liegt fast schon in Sichtweite zu Sachsen-Anhalt. Das ermöglicht der große Gülper See, der fast bis ans östliche Ufer der Havel reicht, die hier die Ländergrenze markiert. Zugleich lässt sie ein wahrhaft gewaltiges Gewirr von Nebenwassern, Altarmen und undurchdringlichem Nassland von der Leine, über viele Kilometer.

Der See selbst ist mitsamt seinem Zubehör auch charakterprägend für Rhinow. Jahr für Jahr gibt es hier gewaltige Spektakel zu sehen von allen möglichen Geflügelten, die auch weit über seinen Einzugsbereich hinaus allgegenwärtig sind. Alles hier ist fast schon friesisch weit und in vergleichbarer Weise von Wasser durchzogen. Jäglitz, Dosse und Rhin gibt es jeweils in mehreren Ausfertigungen, und dazwischen ziehen sich unberechenbare Netzwerke von schmalen und breiteren Gräben, die Spaziergängern bei einer flapsigen Wegeplanung zum Verhängnis werden können. Für alle Zugvögel und sonstiges Getier ist es eine geniale Heimstatt, sei es nun für einen Durchreisestopp gewisser Länge oder gleich für ein ganzes halbes Jahr.

Der Große Rhin mit den Bergen im Hintergrund

Sachsen-Anhalt liegt nicht um die Ecke, und so braucht es seine Zeit, ehe die goldene Murmel auf dem Rhinower Kirchturm zu sehen ist. Die Art und Weise der Entlegenheit von Städtchen wie Friesack oder Rhinow ist vergleichbar mit solchen im Oderbruch wie Letschin oder Neutrebbin. Wer dorthin mit dem Auto will, muss häufig am Lenkrad kurbeln und gut auf die Schilder achten. Findet auch nicht ohne weiteres denselben Weg zurück. Dabei lassen sich noch Landstraßen erleben, die sich anfühlen wie eine Dampferfahrt auf der bewegten Müritz, darunter uralte und knorrige Alleen sowie nostalgische Pisten aus fachgerecht verlegten Katzenköppen. Nicht das übliche „Autobahn bis Abfahrt Dings, dann über Bums nach Sowieso und gut“. Die Bahn kommt seit über zehn Jahren nicht mehr direkt nach Rhinow, doch über Rathenow gibt es eine gute Anbindung per Bus, die sich im Zeitvergleich sehen lassen kann.

Am Zusammenfluss von Bültgraben und Dosse

Flatow

Den Bäcker in Flatow erreichen wir kurz vor Ladenschluss, doch die gute Frau lässt uns ohne jegliches Stirnkräuseln noch zwei große Tassen durchlaufen, frisch und dampfend. Auf dem schon archivierten Reste-Blech liegen nur die schönsten Sachen und machen die Entscheidung schwer. Als wir versorgt sind, kommt Punkt Feierabend noch ein dritter Kunde, ein freundlicher Kerl mit Rad und kernigem Zottelhund, und nimmt grinsend unser zweites Frühstück zur Kenntnis. Aus seinem Pferdeschwanz ist er schon ein bisschen rausgewachsen, und so hat der Fahrradhelm seine liebe Not, alles unter einen Hut zu bringen. Vielleicht ja einer von den Stadtflüchtern aus dem sieben Kilometer entfernten Kuhhorst oder vom benachbarten Ziegenhof. Er hält einen netten Plausch mit der Bäckersfrau, aus dem wir erfahren, dass einer vom Dorf sich jetzt ein Haus hat bauen lassen in Ägypten und dort das kalte halbe Jahr verbringt seither. Die Bäckersfrau verweist darauf, dass der Flug dorthin doch ganz schön reinhaut mit 350 Euro, und wir einigen uns schließlich alle darauf, dass es nicht groß auffallen dürfte bei jemandem, der sich nebenher ein Häuschen in Ägypten leisten kann. Eine kuriose Konstellation – Flatow im Wechsel mit Ägypten. Rhinluch versus Nildelta.

Stare beim Start aus dem Baum

Kurz hinter Flatow überqueren wir die Autobahn. Sieht man einmal von den weiteren Tentakeln des äußeren Berliner Rings ab, ist die nächste Autobahn von hier aus mehr als 200 Kilometer entfernt und liegt dann schon in Niedersachsen. Kurz vor Kuhhorst vorbei am Abzweig nach Karolinenhof, wo es im gemütlich verkramten Café zum Ziegenhof ein sagenhaftes Panoramafenster in die Unendlichkeit der Felder gibt, mit Abertausenden von Kranichen und anderen Zugvögeln. Über Kuhhorst, wo tatsächlich mitten im Dorf eine lebensgroße Kuh auf ihrem Horst hockt, und Königshorst kommen wir in den Ort mit dem irritierend-exklusiven Namen Lobeofsund. Am Hydranten zeigt grad die Feuerwehr ihrem Nachwuchs, wie man professionell schnelles Wasser zapft, daneben steht motivierend das Tor zur Garage mit dem großen roten PS-Boliden offen, den wohl jeder zweite in der Spielzeugkiste hatte.

Stars in stripes

Rhinow

Während die Horst-Orte im ackerflachen Dunstkreis des Ländchens Bellin liegen, erreichen wir nach Überqueren der ICE-Trasse nun die wald- und hügelreicheren Ländchen Friesack und Rhinow mit ihren gleichnamigen Städten. Von Friesack kommt man dann bis Rhinow ohne weitere Abbiegung aus. Die goldene Murmel sehen wir erst, als wir direkt vor der Kirche stehen, denn das Land ist im Nebel versunken, alles über einer gewissen Höhe beschnitten. Später wird er sich hoffentlich verziehen, denn ein Aussichtspunkt von besonderer Qualität liegt am Weg.

Rhinow ist ein stilles Städtchen mit ganz spezieller Lage. Ähnlich wie Städte, die im flachen Alpenvorland vor dem Hang der ersten Vorhöhen hocken, gibt Rhinow aus der Ferne gesehen eine überzeugende Miniatur-Version davon zum Besten. Denn während sich die topfebene Weite ewig nach Norden ausdehnt, erstreckt sich dahinter ein durchaus markanter Höhenzug. Aus der Entfernung sieht das aus wie ein gut sichtbares Vorgebirge vor vernebeltem Hauptkamm.

Die Dosse auf dem Weg zur Havel

Die Weidenallee hinterm Ortsausgangsschild hat bereits ihren radikalen Schnitt erhalten, die Geschorenen wirken mehr als bereit für den neuen Wuchs. Hinter dem letzten von ihnen führt eine Brücke über den Mühlenrhin. Seine genießerischen, fast etwas lasziven Mäander auf dem Weg zum Gülper See liegen glatt, grau und komplett frei von Reflexionen, denn der Nebel lässt keinerlei Licht hindurch. Überall lagern kleine und große Scharen von Gänsen, teils im gedämpften Dialog. Weiter oben zieht alle paar Minuten eine große Formation gen Osten, sicherlich zu den Futterplätzen.

Weg durch die südlichen Dossewiesen

Hier beginnt ein stiller Weg in das durchtränkte Land zwischen Mühlenrhin und Großem Rhin. Überall auf den Wiesen stehen große Pfützen, fast schon kleine Seen. Und dann hören wir sie – die allererste Lerche dieses Jahres. Dieser winzige Vogel, der klingt, als hätte er das letzte halbe Jahr bei den Kartäusermönchen verbracht und müsste nach dem endlosen Schweigen nun umso mehr seine Lebensfreude in die Welt schreien. Doch dieser Klang verliert nicht seine Kraft, ab jetzt bis zu den letzten Tagen im Spätsommer. Schon heute bleibt er uns den ganzen Tag erhalten.

Rechts des Weges läuft ein Graben, davor liegt torfiger Aushub mit allerlei Schilfwurzeln und diesen urtümlich wirkenden Spiral-Schnecken, die typisch sind für den Rhin. Das weiche Torfzeug gibt eine komfortable Sitzbank für die erste Pause ab. Drüben liegt Rhinow still vor seinen Bergen, der Funkturm steckt noch immer halb gekappt im grauen Dunst. Neben den Gänsen, einigen Kranichen und den stets präsenten Lerchen kommen jetzt viertelstündlich neue Stimmen dazu.

Vorbildliche Weidenreihe

Wenn wir aus klammer Erfahrung bestens wissen, dass der Rhin an vielen Stellen schwer zu überqueren ist und gut und gern ein wirkliches Hindernis bilden kann, so hätten wir nicht mit dem gerechnet, was uns jetzt ausbremsen würde – eine Sackgasse, die eigentlich keine ist. Nach einem Kuhstall mit einem Kuhbauern sowie dem Queren des stillgelegten Damms der Bahn zwischen Rathenow und Neustadt/Dosse stehen wir vor einem sperrangelweit geöffneten Tor zu einem privaten Hof. Dort bellt ein von sich überzeugter Schäferhund in unsere Richtung.

Dann eben außen rum, wie so oft in solchen Fällen. Doch das geht hier nicht, denn links liegt breit der Große Rhin, rechts genauso breit der Mühlenrhin. Von den Bahnbrücken stehen nur noch die Köpfe, scheinbar grienend. Und Badewetter ist noch keins. Siebzig Meter, die eigentlich nicht versperrt sind, doch der Hund ist Meister seines Faches. Vor dem geistigen Auge zerbricht die schöne Tour, die von ihrem Kontrast zwischen flachem Wasserland und aussichtsreichen Waldhöhen lebt, darüber hinaus noch einigen speziellen Accessoires.

Weg nach Rhinow

Also zurück zum Bauern, allen Charme rausgeholt und gefragt, ob er eine Idee hat, wie wir durch den Hof vorbei am Hund zur Straße kommen. Sein Auto stand bereit, er wäre auch befugt. Er hingegen ruft beim Hofbesitzer an, der nimmt nicht ab. Mehr ist leider nicht zu wollen, trotz konkreter Frage. Sein Tipp zum Abschied ist das Wehr etwas flussabwärts, da käme man hinüber.

Etwas bockig nehmen wir die zwei Kilometer Umweg in Kauf, um vor Ort zu sehen, dass das Wehr zwar über etwas hinüber führt, doch nicht über den Großen Rhin. Die Seifenblase mit der schönen Aussicht platzt jäh. Da nimmt die Frau an meiner Seite meinen Kopf, schüttelt ihn mit ein paar sanften Worten und verursacht im Resultat und nach etwas stierem Zeitverzug ein Umdisponieren, das dem Tag und dessen Fortgang seinen Glanz zurückgibt, und zwar nicht zu knapp.

Blick zurück zur Dosse

Die maßgeschneiderte Papierkarte hat damit ausgedient, jetzt schlägt die Stunde des GPS-Empfängers. Mit dessen Hilfe und etwas Restrisiko auf Sackgassen lässt sich etwas zurechtstricken, was uns nicht nur sicher und trocken hier herausbringt, sondern auch schön, ausgewogen und arm an Doppelungen. In der halben Stunde auf dem wiesenweichen Deichweg des Bültgrabens ändert sich komplett das Wetter und mit ihm der Himmel. Erst die Sonne, dann nach und nach mehr Blau am Himmel und zuletzt nur noch zählbar viele weiße Wolkenfetzen. Was könnte tröstlicher und stimmungsaufhellender sein?

Überflutete Wiesen mit Gänsen

Rund um die Mündung des Bültgrabens in die Dosse gibt es nun gleich drei Möglichkeiten, ans andere Ufer zu gelangen, doch das hat sich ja erledigt. Nach Rübehorst führt eine provisorische Brücke, so eine, die man zusammenklappen und einem Sattelschlepper auf den Buckel schnallen kann. Vermutlich liegt sie dort schon immer, triftige Gründe dagegen sind nicht erkennbar. Einmal wechseln wir also wenigstens das Ufer, zum einen, da wir es nun können, zum anderen, da dort ein kleiner Rastplatz steht.

Edle Rhinkurven am Abend

Dank der fast schon vergessenen Verlegenheit können wir nun also ein Stück Hand in Hand mit der entspannten Dosse gehen, deren breite Flutwiesen weitgehend trocken liegen. Zu Zeiten überschüssigen Wassers kann hier ein knöcheltiefes Meer liegen, das sich zwischen Dosse und Jäglitz mehr oder weniger lückenlos aufspannt. Gegenüber steht eine einzelne, asymmetrische Eiche, die als Ausgangsbasis dient für einen Starenschwarm. Diese großen schwarzen Vogeltrauben, die ihren unbegreiflichen Formationsflug am Himmel inszenieren, wie ein entfesseltes Tagesgespenst auf weicher Droge oder wie eine nur aus Ruß bestehende Flamme, die ihrer wild geschwenkten Riesenfackel träge folgt.

Weidenallee nach Rhinow am Abend

Trotz ihres sichtlichen Fließtempos liegt die Dosse spiegelglatt und gibt das Blaugrau wider, das der Himmel gemischt hat. Voraus sehen wir das erste Wäldchen des Tages. Ein schöner Anblick, zumal wir jetzt vom Deich absteigen und den ätherischen Duft erwärmter Nadeln am Waldrand inhalieren dürfen. Ging auf dem Deich noch der kalte Wind durch die Ärmel, ist es jetzt hier unten warm und windgeschützt, dass die obersten drei Zwiebelschichten gelockert werden. Im Westen ist der Himmel fast schon wolkenlos, sodass die Sonne ungehindert ihre Strahlen fließen lässt. Nach dem nächsten Abbiegen wird dann alles wieder schnell verschlossen und verzurrt, denn der Wind hat uns wieder. Richtung Rhinow hat sich eine hinreißende Reihe mittelwüchsiger Weiden brav in einer Reihe aufgestellt, sodass man immer wieder hinschauen muss. Offensichtlich hat ein knorriger Weidezaun bei der Ausrichtung geholfen – Weide hilft Weide.

Blick vom Hauptgipfel des Gollenberges

Auf der langen gerade Plattenpiste nach Buchhorst kommt ein Radfahrer von hinten, später eine Radfahrerin von vorn, darüber hinaus gibt es wenig Aufregung. Das nächste Wäldchen bietet einen harten Wettkampf zwischen zwei Rasthügeln. Links am Waldrand eine charismatische Kiefer mit zottigem Langgras, links am Feldrain eine winzige Eiche mit markanter Krone, darunter kurz gestoppeltes Polstergras. Der Fairness halber warten wir noch etwas mit der Pause. Bei Buchhorst gönnen wir den geschundenen Atemwegen dann den letzten lauwarmen Tee und sitzen dabei in einem Stück Wald, in dem nächste Woche oder in zwei Tagen oder schon nachher die ersten Veilchen durchs harte Bodenlaub schlüpfen könnten. Davon abgesehen scheint Rhinow schon zu wirken, denn die Nase atmet freier, das ist spürbar.

Sanfter Aufstieg zum Nebengipfel

Schon von ferne blinkt jetzt die goldene Kugel auf dem Kirchturm. Auf der Brücke von vorhin queren wir erneut den Rhin, der fast noch genauso ölig glatt liegt, doch auch vereinzelt glitzert. Zwischen den frisierten Weiden parkt ein Fahrrad, die Frau dazu streift durch die nahen Wiesen und sammelt ganz bestimmte Halme.

Stölln

Jetzt greift Plan B. Wir fahren ein Dorf weiter ins hübsche Stölln, das sich seit ein paar Jahren Lilienthal-Gemeinde nennen darf, ganz offiziell. Das ist angemessen, denn hier steht der Gollenberg als einer der weltweit bedeutendsten Orte für die Fluggeschichte der Menschheit. Darüber hinaus gibt es hier noch ein relativ neues Lilienthal-Museum sowie die Pfade, Pflanzungen und Anlagen, die nach der Bundesgartenschau von 2015 blieben. Und natürlich einen Flugplatz, komplett bedeckt von artenreichem Stoppelrasen, der im Sommer die Herzen von Botanikern und Insektenkundlern höher schlagen lässt. Einzigartig ist wohl der Umstand, dass auf halber Hanghöhe ein ausgewachsenes Langstreckenflugzeug parkt, pensioniert, doch gut besucht. Die russische IL 62 ist weniger historisch, als man denken sollte – vor 20 Jahren noch wurden Flugzeuge mit dieser Bezeichnung gebaut, und ein paar davon sollen noch heute ihren Dienst versehen.

Die Lady Agnes, der Spielplatz und die Einkehr

Nicht zuletzt dank der weiten Picknick-Wiesen und des herrlichen Spielplatzes mit seinem Kletterparcour ist das hier ein Ausflugsziel für Familien jeglicher Konstellation, das als genial zu bezeichnen ist, das Wort passt wirklich. Hier lässt sich sowohl bewegungsarm als auch in freizeitlicher Bewegtheit ein ganzer Tag verbringen, ohne sich mehr als einen Kilometer entfernen zu müssen – wer den Weg ins Dorf und zum Museum nehmen möchte, wird von blauen Säulen sicher geleitet. In Sichtweite zum Spielplatz steht beeindruckend die „Lady Agnes“, das erwähnte Flugzeug, das den Namen von Otto Lilienthals Frau trägt. Ihm zu Füßen lässt sich auf das Beste einkehren.

Der frühe Mond überm Gollenberg

Wer Kindern oder seinem liebsten Menschen oder sonstwem zeigen will, wie ein Berg funktioniert, findet im Gollenberg einen dankbaren Verbündeten. Der spürbare Aufstieg ist kurz und vielfältig sowie gefällig für Auge und Fuß und bietet oben den Lohn der Aussicht, womit das Prinzip klar sein dürfte. Schon vom Nebengipfel ist das beeindruckend, vom Hauptgipfel mit dem kleinen Lilienthal-Denkmal dann regelrecht ergreifend. Nach Norden scheint sich die Ebene endlos zu erstrecken, und die steile Hangflanke lässt nachvollziehen, warum sich Lilienthal gerade diesen Berg aussuchte. Wer gern einmal eine Nordwand bezwingen möchte, folgt unten im Ort ein Stück der Hauptstraße und nimmt dann den steilen Aufstieg über zahlreiche Treppen, die ähnlich alt sein dürften wie die Lady Agnes. Apropos Lady Agnes: Familien, die erst noch welche werden wollen, können sich hier gegenseitig Ringe an die Hand stecken und dazu nicken.

Lady Agnes mit Kollegen zu Gast

Durch die verqueren Umstände des Tages erreichen wir den Gipfel des Gollenberges bei ungetrübter Sicht und zu dem Zeitpunkt, wo das warme Licht der sinkenden Sonne die Kiefernstämme vergoldet und den Wald in schöne Schattenspiele taucht. Das ist so ein Moment, wo man gern die Zeit anhalten möchte. Wo zum Abend alles still wird und nur noch eine Amsel singt. So dehnen wir den Abstieg über die langen Stufen durch Langsamkeit, bestaunen kleine Eichen, die wie große tun und greifen tief ins Heidekraut, um zu ermitteln, ob es trocken ist. Wären Pilze da, dann würden wir sie zählen. Stattdessen zählen wir die ersten wilden Bienen.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): nach Rhinow: alle zwei Stunden von Berlin Hbf. mit der Regionalbahn nach Rathenow, weiter mit dem Bus nach Rhinow (letzte Rückfahrt ca. 22 Uhr)(1,75-2 Std.);
nach Stölln: nicht praktikabel (optional von Rhinow ca. 1 Std. zu Fuß)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die A 24 Ausfahrt Fehrbellin, dann Landstraße über Friesack nach Rhinow (1,5-1,75 Std.);
alternativ schon Ausfahrt Kremmen abfahren Richtung Kremmen, dann in Staffelde links nach Flatow und über Königshorst, Warsow und Friesack nach Rhinow (1,75 Std.)

Länge der Tour: Rhinow ca. 15 km, Stölln 1,5-2 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Amt Rhinow

Gülper See (NABU)

Otto-Lilienthal-Verein Stölln

Gollenberg (NABU)

Blog-Beitrag zu Lady Agnes (Reiseland Brandenburg)

Artikel zum Absturz von Otto Lilienthal 1906

 

Einkehr: Zum Schwalbennest, am Gollenberg in Stölln (sehr gute Küche, freundliche Bedienung, schöne Terrasse)

 

Glienicke: Tanzende Kiefern, singende Eiswürfel und das Dorf auf der Platte

Nun hat sie wahrhaftig begonnen, die Zeit der ersten zarten Düfte. Herbeigesehnt und als eingetretene Tatsache bekräftigt von all den Scharen am Himmel, die in den vorausgehenden Tagen schon überall lautstark klarstellten, dass der Winter in dem Sinne dieses Jahr ausgedient hat. Riesige Formationen von Kranichen und Gänsen, die trotz ihrer enormen Flughöhe noch beachtliche Schallpegel bis zum Boden schicken, die selbst im Lärmgewühl der erwachenden Stadt nicht überhörbar sind. Immer noch zu erwarten sind winterliche Protestaktionen in Form von Kälteeinbrüchen und weißen Landschaften, doch das ändert nichts am beständig zunehmenden Tageslicht und dem intensiven Bestreben aller Natur nach mehr Farbe und auch sonstigen Tönen.

Zwei Pferdestärken in Glienicke

In den Dörfern bietet sich um diese Zeit ein Bild großer Aufgeräumtheit. Kleine und große Wiesen liegen noch platt vom letzten Schnee, und von den Straßen und Gehwegen hat die Schneeberäumung alle Zweiglein und Steinchen verschwinden lassen, auch alles, was manchem aus der Hand gefallen war. In den Gärten wurde aufgelesen, was die letzten Stürme so herunterholten, und wartet aufgehäuft auf seine 15 Minuten Ruhm beim großen Osterfeuer. Was die lebendige Botanik betrifft, wird mit Zurückhaltung und Feingefühl erstes Farbgesprenkel ins Spiel gebracht, bevorzugt in den schmalen Vorgärten unterhalb besonnter Häuserwände. Weiß von den Schneeglöckchen, die schon länger im Spiel sind und sich gern vom Wind in Szene setzen lassen, und stellenweise flächiges Gelb von den stets wohlgelaunten Winterlingen. Die Farbpalette der Krokusse ist noch als Rarität zu betrachten, solange der Monat Februar heißt.

Einteiler auf dem Weg nach Beeskow

Der Schnee ist verschwunden und auch das Eis, die Landschaft grün und braun und Bodenhaftung auf den Wegen als gegeben hinzunehmen. Es ist wie ein Befreiungsschlag, dieser Moment im Jahr, wo man wieder Herr der eigenen Schritte ist. Obendrein entfällt auch das besondere Augenmerk aufs Tageslicht, denn das steht jetzt ausreichend zur Verfügung. Beides zusammen ist wie ein lose geschnürtes Korsett, das fürs nächste gute halbe Jahr im Schrank verschwinden darf. Und dann durchaus bereitwillig wieder angelegt wird, wenn es an der Zeit ist. Dass es bereits im Schrank gelandet ist, zeigt uns am Abend unser Durchschnittstempo, zum eigenen Erstaunen. Das war wohl nötig.

Glienicke

Glienicke ist so ein Name, der allein im Bereich von Berlin und Umgebung schon zu teuren Taxi-Rechnungen führen kann, wenn man zuvor einen feucht-fröhlichen Abend hatte und dem Droschken-Kutscher nicht in aller Klarheit sagte, wo genau man hin will. Ganz pur, groß, klein oder alt bzw. Norden, Westen, Südwesten oder Südosten. Davon abgesehen gibt es Glienicke gar nicht so oft in Brandenburg, mir sind nur noch zwei bekannt. Eins davon liegt auf halbem Weg zwischen dem schönen Bad Saarow und der alten Spreestadt Beeskow. Obwohl das Dorf auf der Beeskower Platte liegt, einer Hochebene weit über dem nahegelegenen Scharmützelsee, ist es für Fahrzeuge und Tiere mit wenig Tiefgang an die Weltmeere angeschlossen. Fünf Seen und der verbindende Blabbergraben schaffen die Verbindung bis zur Spree, wobei Blabbergraben eher nach entspanntem Tempo klingt und zunächst Geduld einfordert von dem, der salziges Fahrwasser im Sinne hat.

Weg zwischen Glienicke und Behrensdorf mit Licht am Ende des Tunnels

Auch Glienicke scheint regelrecht zu glänzen, aufgeräumt, doch nicht geleckt, zufrieden und still belebt. Die schönen Straßenlaternen stehen besonders gerade. Zwei Herzen hat der Ort, das eine ist die Kirche, das andere der südlich anschließende Anger. Mitten drauf ein geräumiger Spielplatz, der einlädt und sich mit dem Angerdrumherum als Treffpunkt für alle Altersklassen eignet. Entlang der Straße stehen Häuser, Höfe und Scheunen, und in den Vorgärten findet das erhoffte kleine Spektakel der hartgesottenen Blümchen statt. Zwei Damen haben sich große Pferde untergeschnallt und lassen diese im Ortsbereich gemächlich warmlaufen, bevor sie dann am Ende des Asphalts die Hufe höher fliegen lassen und bald schon außer Sicht sind.

Ein kleiner Zug saust Richtung Beeskow. Direkt vor den Gleisen biegt ein Weg ab, der bald zu einer stattlichen Allee von alten Kirschbäumen wird und schnurgerade eine Senke nimmt. Im Rückblick erwächst Neugier darauf, wie es hier wohl in zwei Monaten aussehen wird, wenn alles buschig weiß in Blüte steht.

Dorfpanorama von Glienicke

Ebenfalls schnurgerade führt ein buschbestandener Weg über die Höhe nach Behrensdorf. An einem eisfreien Graben hat sich ein Schwanenpaar eingerichtet, das auf dem benachbarten Acker gerade Siesta hält und dann und wann in edler Pose Blicke schweifen lässt. Im Westen jenseits des Scharmützelsees erheben sich bewaldete Höhen, vermutlich die Duberowberge. Das mit dem Duberowberg ist hier in der Gegend keineswegs eine eindeutige Sache, denn ihn höchstselbst sowie auch Wortverwandte gibt es allerhand. Nicht weit von hier im Norden erheben sich markant die Dubrower Berge nahe Fürstenwalde, die es auf knapp 150 Meter Höhe bringen, ohne ihren eingezäunten Mast. Weit im Westen gibt es am Hölzernen See die Dubrow, ein Waldgebiet, und auch dort noch einen Dubrowberg, einen lütten, und jetzt da drüben eben wie erwähnt die Duberowberge. So gesehen ließen sich noch diverse Eichhölzer in der Nähe ins Feld führen, denn Dubrow ist das slawische Wort für Eiche.

Waldrandweg auf der Höhe

Da die Sonne schon bei Kraft ist und die Wälder nicht mehr klamm, strömt aus dem lichtdurchkämmten Wald ein schöner Duft nach Erde, Moos und Nadeln. Überhaupt sind das Licht und die üppigen Wolkenbilder am Himmel heute ein Geschenk, nachdem die letzten Tage von Orkanwinden, Dämmerlicht und Sturzfluten bestimmt waren. An windgeschützten Sonnenplätzen kann man jetzt schon mal die Mütze weglassen, was nach den kopfbedeckten Monaten ein schönes Gefühl ist. Dann ist ganz klar zu spüren, dass die Haut auch atmet, selbst unterm Kopffell.

Im geschwungenen Kiefernwald der Behrensdorfer Heide

Wie eine Tunnelgasse führt der Weg durch ein Stück Wald. Ganz hinten das Licht am Ende des Tunnels verspricht mit einem strahlend weißen Fleck irgendetwas Großes, das Meer oder die unbegrenzte Weite einer Abbruchkante. In der Tat war es dann doch nur ein gut inszeniertes Dorfrand-Dach mit Reflexionen.

Waldschneise mit vielfältigem Bewuchs

Behrensdorf

Im aufgeräumten Behrensdorf steht die erhoffte Pausenbank, doch wohnt direkt gegenüber ein Hund mit großem Redebedarf, womit er nicht der einzige im Dorfe ist. Also weiter, vielleicht klappt es am nächsten Waldrand. Und letztlich sind wir den Kläffern zu Dank verpflichtet, denn tatsächlich wartet direkt am Waldrand gerade noch im Sonnenlicht der perfekte Pausenplatz. In eine kleine Kronenkiefer mit barockem Astgewirr haben sich Kinder eine schöne Plattform gezimmert, und direkt darunter stecken zwei Steine im märkischen Sand, die perfekte Sitze abgeben. Windgeschützt und lichtbeschienen.

Uferpfad unterm Hang, am Glubigsee

Das ist dann auch das Abschiedslicht. Die Sonne zieht sich langsam zurück in ihre Gemächer und überlässt dem Wolken-Vorhang die gesamte Bühne. Das fällt nicht so sehr auf, da wir jetzt in den weiten Wald der Behrensdorfer Heide eintauchen. Der ist stets leicht beschwingt im Relief und trotz seines fast reinen Kiefernbestandes äußerst vielgesichtig. Die langen dünnen Streichholz-Kiefern mit dem Blondgrasboden sind hier eher die Ausnahme. Dafür ist viel Platz da und aufgewühlter Boden, wie aufgeworfen von Kämpfen riesiger Urzeit-Eber. In der wogenden Landschaft sind die Bäume eher lose verteilt, manchmal stehen dicht bewaldete Inseln mittendrin. Auf den sanften Buckeln der moosbedeckten Landschaft sind einige der Kiefern wie Eichen großgewachsen und mit wohlgeformten Kronen, dann wieder knorrig krumm und holzgelockt wie in einem Zauberwald. Zwischen all dem zieht der weiche Weg seine Bahn wie eine altersmilde Achterbahn und überrascht nach jeder Kurve mit neuer Raumgestaltung.

Nach dem Absinthgenuss, beim Springsee

Zwei Mountainbiker kommen uns entgegen, auch eher altersmilde und bei bester Stimmung sowie in diversem Einklang. Dahinter beruhigt sich der Wald und sieht nun aus wie solcher, wo man gern Pilze sammeln geht. Eine breite Schneise kreuzt. Ihre Hochspannungsleitungen hängen imposant durch über dem Tal der Seenkette, und der jenseitige Hang wirkt einschüchternd steil, was die Höhenlinien in der Karte bezeugen. Den Waldboden zwischen den riesigen Masten teilt sich eine illustre Mischung aus strohblonden Gräsern, struppigem Heidekraut und flächigem Weißmoos im Zwischenstadium zwischen weich und borstig.

Genau hier beginnt der Abstieg, knieschonend gepolstert mit einer schönen Fusion aus Nadeln, Moos und Wiese. Der Wald ist jetzt dichter. Ein paar Bäume vom letzten Sturm liegen noch quer, scheinbar erst kurz, denn es haben sich noch keine Umgehungen ausgeprägt. Unten angelangt leuchtet die Fläche des Springsees durch die Stämme, teilweise noch von Eis bedeckt. An dieser Stelle liegen wieder besonders phantasievolle Kiefernhügel in der Kurve, bei deren Anblick einem das Bild „Nach dem Absinthgenuss“ von Walter Moers in die Gedanken kommen kann. Oder die Vorlage dafür, der „Tanz“ von Henri Matisse. Auf jeden Fall ein abgedrehtes Treiben da droben auf den Hügeln.

Hochufer über dem Glubigsee

Mittendurch führt jetzt auch ein Radweg, der für lustige Verkehrsschilder mitten im Forst sorgt. Ein freundlicher Läufer kommt entgegen, bald darauf ein paar Spaziergänger und noch welche. Das erklärt sich schon bald durch die Reha-Klinik und eine Ferienhaus-Siedlung am Glubigsee. Auch der ist zum Teil noch gefroren. Am flachen Strand hat sich das Eis zu ungleichmäßig runden Eiswürfeln zerstoßen, wobei die meisten Stücke etwa so groß sind wie eine Katzenfaust. Ein ganzer Teil ist jedoch erheblich größer, und alles zusammen in der Bewegung von Wind und Wasser sorgt für ein entrücktes Klanggewirr. So wie zwei Dutzend kleiner und großer Windspiele auf mehreren Südstaaten-Veranden ineinandergemischt, von einem Tontechniker, der sein Handwerk versteht. Bei einem gleichbleibenden Geräusch-Pegel, der dennoch den Anschein erweckt, als würde sich die Lautstärke langsam steigern, Spannung aufbauen und immer mehr Dezibel anhäufen. Es ist ansatzweise berauschend und sieht zudem hochästhetisch aus.

Mitgenommener Plankenweg durchs Bruch

Der romantische Uferweg unterm Hang wird stellenweise zum Pfad, auf dem hier und da ein dicker Baum zu umsteigen ist. Bänke bieten sich immer wieder an, auch ein kleiner Rastpavillon über dem See. Links und rechts vom Weg wimmelt es nur so von Privat-Schildern, so dass man das Wort irgendwann nicht mehr sehen möchte. Das Problem löst sich bald von selbst, als der Weg auf stillen Pfaden durch ein verwunschenes Bruchwäldchen führt. Der offizielle Wanderweg ist umgeleitet, denn die angelegten Bohlenwege sind in die Jahre gekommen und teilweise leicht geneigt, so dass man bei feuchter Witterung leicht auf Abwege gerät. Das kann bei der Bruchquerung sehr nass enden, auch wenn es nur ein paar Meter sind.

Abendliche Stege am Scharmützelsee, bei Wendisch Rietz Siedlung

Daher ist es dann durchaus wohltuend, oben eine Asphaltstraße zu erreichen. Deren Wassergrundstücke liegen am leicht tiefergelegten Kleinen Glubigsee. Zwischen den Gärten wird am Ende eines Stichweges ein Aussichtspunkt angeboten, mit Blick über den See bis hin zur noblen Anlage eines Fisch-Restaurants.

Nichts für Schlittschuhläufer, dafür etwas für Klangbegeisterte, bei Wendisch Rietz

Wendisch Rietz Siedlung

Jenseits der Bahngleise setzen sich die Wassergrundstücke fort, etwas im Hintergrund bleibt die relativ neue Luxus-Wohnanlage auf der Husareninsel. Immer wieder queren kleine Bäche den ufernahen Weg, meist nicht älter als einzwei Kilometer und dementsprechend glasklar. Auf Höhe des Dampferanlegers strömt nun schon kühle Abendluft aus dem Wald. Vom Steg lässt sich mit etwas gutem Willen der kleine Leuchtturm der skandinavisch inspirierten Ferienhaus-Anlage von Wendisch-Rietz ausmachen. Viel spannender ist hier jedoch die zweite Auflage der Eis-Symphonik von vorhin. Hier am riesigen Scharmützelsee sind auch die Eisstücke gleich ein bisschen größer, und dementsprechend mischen sich mehr von den tiefen Tönen in den gläsern-klirrenden Soundteppich.

Waldfrieden

Nach der Badestelle wird ein stiller Wiesengrund umrundet, der ein regelrecht zu Tale stürzendes Rinnsal aufnimmt und gründlich ausbremst auf seinem letzten Stück zum See. Beim einstigen Forsthaus Waldfrieden verlassen wir endgültig den Dunstbereich des Märkischen Scharmützel-Meeres und setzen den Fuß zum ersten Schritt eines langen, sanften Anstiegs, der anwährt bis zum ersten Haus von Glienicke. Hinterm Wald quert in einer parkartigen Hügel-Landschaft ein letztes lebhaftes Rinnsal, bevor der Weg in eine dichte Gasse aus Buschwerk und Bäumen eintaucht. Richtig dunkel ist es hier, und das, obwohl unübersehbar einiges gestutzt wurde in den letzten Tagen, scheinbar in großer Eile. Im Boden dieser sonnenfernen Gasse steckt noch der Frost und hält an der Oberfläche, was schon aufgetaut war. So ist etwas Slalom angesagt auf dem matschig schwarzen Erdreich. Auch dieser Weg weckt Neugier darauf, wie er wohl im vollen Laub aussieht.

Parklandschaft am Beginn des langen Anstieges

Regelrecht hell ist es jetzt hier oben in Glienicke, und der zurückliegende Anstieg kann als klarer Beweis für die Existenz der Beeskower Platte gelten. Ein paar Kinder gehen nochmal zum Spielplatz, im abendlichen Hopserlauf. Vom benachbarten Herzberg klingen über die Felder und den See handgeläutete Kirchenglocken, und am Himmel saust zielgerichtet eine ganze Formation von Schwänen in ebendiese Richtung. Auch in Herzberg muss es also schön sein, vielleicht Einkehr geben. Wir prüfen das sofort.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): per Regionalbahn oder S-Bahn nach Königs Wusterhausen, von dort per Regionalbahn nach Wendisch Rietz, von dort 1 km Zuweg zur Tour oder mit dem Bus (wenige Verbindungen) nach Glienicke (ca. 1,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Berliner Ring Nord oder Süd zur A 12, dann Landstraße über Storkow oder über Bad Saarow (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 18,6 km (Abkürzung prinzipiell möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Informationen zu Glienicke und Behrensdorf

Walter Moers: Nach dem Absinthgenuss

Henri Matisse: Tanz

 

Einkehr: Hafenrestaurant am Scharmützeleck (an der Südspitze des Scharmützelsees bei Neue Mühle nördlich der Bahn)(keine eigene Erfahrung)
Landgasthof Simke (im Nachbardorf Herzberg)(sehr empfehlenswert)

 

Bernau: Die gerahmte Stadt, zwei Pilgerzüge und der charmante Ziegenbock

Seit Jahresbeginn spielen sich die Temperaturen außerhalb beheizter Räume rund um den Gefrierpunkt ab, und so ist jeglicher Brandenburger Boden knochenhart und durchzogen von mildem Permafrost. Alles Kalte, was auf diesem Boden liegt, hat somit einen langen Bestand. Die großen und kleinen Schneemengen, die es gab, hat der allgegenwärtige Wind zu feinem Pulver gesiebt und irgendwo hin verblasen, nur ein paar flache Wehen hier und da zeugen noch von ihrem Dasein. Was jedoch auf harten Wegen immer wieder taute, anschmolz und über Nacht erneut gefror, wuchs zu einem buckligen Eispanzer von sagenhafter Härte. Wer zurückdenkt an den langatmigen Winter 2010, erinnert sich vielleicht noch an Szenen, wie Ladeninhaber unorthodox versuchten, den Bürgersteig vor ihrem Geschäft mit dem 10-Kilo-Hammer oder der Lötlampe freizulegen oder Autoeigner daran gingen, den kleinen Eisgebirgen rund ums eingekesselte Fahrzeug mit der Spitzhacke beizukommen, ohne dabei dessen Fassade zu zerlegen.

Stadt Bernau im Holz-Rahmen, Börnicke

Um also draußen unterwegs zu sein, sind nach wie vor Wege angeraten, die auch im Winter gangbar sind, frei von Eisglätte und Tiefschnee. Kurzgefasst: kein Wald, bevorzugt feste Beläge und große winde Weite. Dazu unbedingt regelmäßige Abwechslung fürs Auge, gern farbenkräftig bei so viel monochromer Wahrnehmung. Auch etwas Stadtnähe hilft, denn alle Spazierwege rund um Stadtgebiete sind meist frei und gut begehbar. So zum Beispiel das von Bernau.

Bernau (b Berlin)

Als Kind habe ich mich immer gewundert. Bernau war genau so eine S-Bahn-Endstation wie Oranienburg oder Erkner oder Strausberg. Doch wenn es in den Urlaub ging und der Zug über Bernau fuhr, stand dort auf den Bahnhofstafeln „Bernau (b. Berlin)“. Dass es noch andere Bernaus geben könnte, kam mir damals nicht in den Sinn, ganz und gar nicht. Schon gar nicht eins im unmittelbaren Vorland des gewaltigen, doch seinerzeit absolut uninteressanten Gebirges, das immerhin für den weltweit genutzten Begriff „alpin“ verantwortlich ist.

Südliche Bernauer Stadtmauer im Winter

Bernau ist eins von bereits andernorts erwähnten Städtchen in Berlin-Nähe, die über eine intakte Stadtmauer verfügen. Nahezu lückenlos erhalten ist sie hier und ermöglicht Einwohnern wie Besuchern, die Stadt auf stillen Wegen komplett zu umrunden. Entweder direkt innen entlang der Mauer oder – abgesehen vom Südbogen – auch im verzweigten Wegegeflecht, das den einladenden und verspielten Parkgürtel rund um die Stadt durchzieht. Hier ist neben schönen Spielplätzen und großen Wiesen viel Wasser im Spiel, so dass man auf erhabenen Dämmen spazieren kann oder entlang akkurater Teiche, bei deren Anlage Sichtachsen nicht gänzlich außer Acht gelassen wurden. Kleine und große Tore gestatten in dichten Abständen den Wechsel von innen nach außen, und der Altstadtkern mit dem Markt und der eindrucksvollen Marienkirche und ihren Gassen ist immer nur einen Katzensprung entfernt.

Ein Stein des neuen Mühlentores, Bernau

Im Parkstreifen draußen vor der Stadt herrscht in diesen Tagen der Eispanzer und hat alle Gräben und Teiche zu theoretischen Schlittschuhbahnen fixiert. Sogar die Parkwiesen zwischen dem alten Pulverturm und dem neu gemauerten Mühlentor sind großteils von Eis überzogen. Auf den Wegen schlägt das Eis harte kleine Wellen, trotzdem sind Leute allen Alters unterwegs, unbeeindruckt und vergnügt, selbst wenn keine Spikes versichernd zwischen Sohle und Weg vermitteln. Irgendwo ist zwischen zwei Schritten immer noch eine bierdeckelgroße Stelle ohne Eis, und das reicht – wenn man das will. Wer irgendwann doch genug hat, wechselt einfach nach innerhalb der Mauer und freut sich über die gute Haftung auf dem groben Straßenpflaster.

Wege-, Wasser- und Dammgeflecht unter Eis, nördlicher Mauerpark ohne Laub und Sonne

Kurz hinterm Elysiumsteich, der beiläufig auf die zweite große Kirche der Stadt ausgerichtet ist, kann man beim Hungerturm ein paar Züge Mittelalteratmosphäre atmen. Am besten in dem kleinen überdachten Gang am Steintor mit seinem groben Gebälk, der gleichzeitig Durchgang zum Külzpark ist. Wer an dieser Stelle genug vom winterlichen Spazieren hat, bleibt einfach innerhalb der Mauern, streift noch ein wenig durch die Gassen und trinkt irgendwo was Wärmendes.

Während nördlich von Bernau der große Wald beginnt und mit den herrlichen Landschaften zwischen Biesenthal und Wandlitz samt ihren glasklaren Seen lockt, empfiehlt sich jetzt im Winter eher ein südliches Ausschwärmen. Denn abgesehen von ihrer Wintertauglichkeit präsentiert die Barnimer Feldmark hier eine wohltuende Landschaft mit viel Platz und zahlreichen Gestaltungselementen, die der Wald nicht bieten kann.

Blick über den Elysiumteich auf die Herz-Jesu-Kirche, Bernau

Gleich hinterm Bahnhof überquert man die kleine Panke, die hier noch keine Seemeile alt ist. Der Spazierweg führt zwischen dem neuzeitlichen Einkaufszentrum und aus der Zeit gefallenen Gartenlauben hinüber in die kleine Plattenbauvorstadt jenseits der Panke, deren Straßen nach Göttern aus der griechischen Mytholgie benannt wurden, Venus zum Beispiel, und Pollux. Das ist insofern stimmiger als es zunächst scheint, da gleich nördlich das Nibelungen-Wohnviertel anschließt, dessen eher nordische Namen wie Hagen, Kriemhild und Wieland dort im Sinne der Windrose passend verortet sind. Etwas verloren wirkt dazwischen die Fafnirstraße – denn Fafnir gehört, wie nachzulesen ist, zur isländischen Edda. Eine angelehnte Figur namens Fafner erscheint zumindest auch im wagnerschen „Ring der Nibelungen“.

Ob zudem die Nähe des Teufelspfuhls bei der Anlage dieser Stadtviertel eine Rolle spielte und wer überhaupt zuerst da war, sei dahingestellt. Falls sich spätestens jetzt Mythologie-Experten alle Haare sträuben, bitte ich in diesem Sinne alle tiefer Interessierten um einen Gang zur Bibliothek.

Dachgang am Steintor

Am talzugewandten Rand der Siedlung liegt auf einem erhöhten Plateau ein Spielplatz,  der einen herrlichen Blick auf die Skyline von Bernau bietet – oder je nach Lichtverhältnissen und Jahreszeit auf den Scherenschnitt der Stadt kurz vor dem Ende des Tageslichts. Ganz am Rand der Siedlung öffnet sich, nun zwischen Einfamilienhäusern, am Ende eines winzigen Durchgangspfades fast unvermittelt die Landschaft mit dem schönen Namen Börnicker Feldmark, kurz darauf quert ein Jakobsweg. Der kommt von Frankfurt an der Oder und ist hier quasi auf der Zielgeraden. Das kräftige  Blau der Markierung ist wohltuend zwischen den blassen Farbtönen des diesigen Tages.

Mosaik und Details am Portal der Herz-Jesu-Kirche

Über sanft gewellte Landschaft führt der schnurgerade Weg auf eine Anhöhe, kurz dringen sogar ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken. Es sind nur ein paar Höhenmeter, doch erst vom höchsten Punkt ist rückblickend das Stadtbild mit seinen Türmen zu sehen. Das ist durchaus erhebend. Die Wegplatten sind zum Großteil vereist und fordern das Schlagen einiger Haken und ein waches Gleichgewicht. Wer Geradlinigkeit der langsamen Variante der Hasengangart vorzieht, kann auch auf dem harten Acker ganz gut laufen. Von vorne naht, zeitig schon zu sehen, eine Handvoll Leute mit einem Kinderwagen, was bei diesen Wegebedingungen wirklich Respekt verdient. Beim Zusammentreffen sind die Blicke entsprechend düster, zumal manche Jacke eindeutig zu dünn ist für den gnadenlosen Ostwind. Da die Begegnung auf dem Pilgerweg geschieht, wirkt es nicht abwegig, dass dieser Gang vielleicht ein Bußgang ist.

Börnicker Feldmark mit leichten Schneewehen

Börnicke

Der Weg erreicht Börnicke als hochgewachsene Pappelgasse. Am Dorfeingang bietet sich der erhoffte Rastplatz, der mit einem großen Bilderrahmen effektiv Bernau in Szene setzt, das weit hinter den Feldern kauert. Auch hier ist eine Gruppe Pilger unterwegs, als Scherenschnitt und schon vom langen Weg erschöpft, und schlägt den Bogen zu vorhin. Gleich danach stehen links allerlei Tiere, deren Gehege den Rand eines verwilderten Schlossparks bilden. Gleich vorn wohnen vier enorm große Schweine, die bester Laune ihren vollen Trog bevölkern und dem benachbarten Ziegenbock nur ein bewegungsloses Kopfschütteln abringen. Wir trauen uns durch die kleine, unverschlossene Pforte und sind froh, anhand von Spendenbehältern zu sehen, dass ein Rundgang hier erlaubt ist. Überall im äußeren Grenzbereich des Sichtfeldes huscht es, und schaut man schnell genug, sieht man jeweils einen Katzenschwanz verschwinden – immer einen anderen.

Der tagesbegleitende Funkturm von Birkholzaue

Der Ziegerich springt schließlich über den Zaun seines Gatters und übernimmt unsere Führung, was wir durchaus als Kompliment nehmen. Zeigt uns zunächst den wuchtigen schottischen Hochlandzottel, dessen respektgebietendes Gehörn mit seinem einzigartigen Schwung für das Wort „formvollendet“ verantwortlich sein könnte. Wie das seit fünfzig Jahren angestrebte und nie wirklich erreichte Ideal eines Chopper-Lenkers. Dann vorbei an den Kaninchen-Ställen, quasi Mucki-Buden, zu den Ponys. Und endlich ganz hinten zu dem einen von zwei Schafen, das nicht nach uns blökt, sondern klar und deutlich „Mäh“ sagt, mehrfach und mit Nachdruck, bis wir endlich kommen. Dann ist die Führung beendet, der Gehörnte zieht sich zurück.

Viele Gatter sind jetzt leer, aufgrund der Winterkälte, und weder Wollschwein noch Lachshuhn lassen sich blicken, auch nicht das Vorwerkhuhn. In nur wenigen Wochen wird es wieder lebhaft zugehen auf dem Kinderbauernhof. Umso schöner, dass das Gelände trotzdem offen ist. Nicht zuletzt dank der charmanten Begleitung wirft man sehr gerne schwere Münzen in eine der gelben Kannen.

Pilgerzug am Rand von Börnicke

Ein Pfad führt vom letzten Gatter direkt in den Schlosspark mit seinen alten Bäumen und dieser einzigartigen Atmosphäre, die solchen Parks eigen ist. Efeudurchzogen und wild, krautig und echt und mit viel Potential für historisch angehauchte Phantasien. Die werden unterstützt durch das in sich ruhende Schloss, welches eine ähnliche Ausstrahlung hat wie sein Park. Das Bauwerk ist belebt, nicht viel, doch spürbar. Rauch steigt aus dem Schornstein, Dach und Fenster wirken intakt. Hier dürfte ein Blick in naher Zukunft interessant sein, vielleicht so in fünf Jahren. Der Weg durch den Park nimmt noch eine Insel samt zwei Brücken mit. Jenseits des Sees liegt die Gutsanlage von Börnicke mit ihren langen Backsteingebäuden, die auf ihre Weise von schlichter Noblesse sind.

Vier Schweinebuckel und eine Ziege, Kinderbauernhof Börnicke

Auf jeden Fall lohnt das Schlagen eines Hakens bis zum Dorfteich, den ein wenig Angeratmosphäre umspielt. Die meisten Häuser im Dorf sind schön und sehenswert, und auch hier versammelt sich eine bunte Mischung von ihnen. Am Rand steht das in warmes Ocker getünchte Feuerwehrhäuschen, in dem nunmehr das Feuerwehr-Haustheater ein schönes Zuhause gefunden hat. Noch einen kräftigen, wenn auch diffuseren Farbtupfer steuert eine im Saft stehende Hängeweide ab, direkt am Uferweg. Der Dorfbackofen hält Winterruhe.

Born to horn, Kinderbauernhof Börnicke

Die Häuser entlang der Hauptstraße stehen baulich in Verwandtschaft zum Gutsensemble. Es ist wirklich ein besonderes Ortsbild hier in Börnicke, das die Kirche noch komplettiert. Mit einem letzten Blick auf die graue Eminenz des Schlosses und die zahlreichen neuen Bäume rundherum verlassen wir Börnicke auf einem gemütlichen und schwarzen Sandweg, der großflächig vereist ist. Ein Mädchen kommt entgegen auf dem Rad, souverän und frei von Angst. Und in der Tat hat das Oberflächeneis mit dem feinen schwarzen Sand fusioniert und ist stumpf und griffig. Schön.

Schloss Börnicke

Elisenau

Schon den ganzen Tag werden wir begleitet vom gelben Wanderweg, der uns bis fast zuletzt die Treue halten wird. Entlang der schnurgeraden Straße durch Elisenau zeigt sich ein schöner Querschnitt durch die Wohnarchitektur der letzten sechs Jahrzehnte. Die Straße fällt sanft ab, läuft sich angenehm und führt genau auf den markanten Turm zu, der schon den ganzen Tag diesig im Hintergrund stand und aussieht wie ein Fernsehturm mit abgebissener Spitze. In der Tat diente der sogenannte „Dezimeterturm“ seit Ende der 1950er Jahre der Fernsehübertragung in der DDR, war sogar von landesweiter Relevanz für den guten Empfang der beiden Sender, die sinnigerweise DDR 1 und DDR 2 hießen. Der eigenartige Name des Turms hat mit der Länge der elektromagnetischen Wellen zu tun, die charakteristisch sind für den sogenannten Richtfunk.

Birkholzaue

Eine Kuriosität in Elisenau zeigt sich am Ortseingang. Dort stehen zwei Ortseingangsschilder, beiderseits der Straße. Östlich liegt Elisenau, das zu Blumberg und damit zur Gemeinde Ahrensfelde gehört, westlich hingegen das zu Bernau zählende Birkholzaue, die Grenze verläuft auf dem westlichen Rand der Fahrbahn. Was das für administrative Komplikationen bei der Bushaltestelle an der Straße hervorruft, möchte man sich gar nicht ausmalen.

Feuerwehr-Theater am Dorfteich, Börnicke

Gegenüber führt der Weg direkt in einen mäßig  feuchten Bruchwald, der von einem größeren See gewässert wird. Erstmals heute sind die Spikes unumgänglich, und wieder ist es eine herrliche Erfahrung, wie entspannt man sich doch auf glattem Eis bewegen kann. Das kleine Stückchen Wald tritt wirksam den Beweis an, dass es schlau ist, den Wald zu meiden in diesen Wochen. Hinterm Wald fällt der Blick dann wieder auf braune Erde, dunklen Sand und blassgrüne Wiese.

Birkenhöhe

Entlang einer Obstwiese geht es hinauf nach Birkenhöhe, vorbei an ein paar Schweinen, Ziegen und Laufenten. Hier und da hängt noch Weihnachtsschmuck in den Gärten, den jetzt wirklich keiner mehr sehen möchte. Dagegen an piepen und singen neben Meisen und Amseln jetzt auch schon irgendwelche anderen Vögel, die aus gängigen Volksliedern bekannt sind.

Weg nach Lindow mit Blick auf die Türme von Bernau

Lindow

Nach etwas Zickzack durch die Siedlung kommt nach einer Waldrand-Kurve voraus Bernau in Sicht, wirkungs- und verheißungsvoll, denn der Magen knurrt so langsam, die Vorräte sind längst schon aufgebraucht. Gefällig geht es über eine kleine Anhöhe nach Lindow, und Lindow ist schon so gut wie Bernau. Nach etwas Gewerbegebiet führt der letzte Kilometer in einer Stimmung von wunderbarer Abendruhe um die südlichen Vorstadtwiesen herum, entlang verschiedener Wasserläufchen. Einige der kleinen Panke-Zuflüsse sind zugefroren, andere offen. Auf letzteren parken auffallend brav allerhand Enten, dicht unterm Ufer und gut geschützt vor dem scharfen Wind.

Ein dem verwandter und doch seltener Anblick wird jetzt am Himmel geboten. Während die Züge der Kraniche oder die der Gänse zu den Zeiten von spätem Herbst und zeitigem Frühjahr ein stets erhebender, doch gewohnter Anblick sind, ist es selten, dass man Formationen von Enten sieht am Himmel. Jetzt jagen sie dort oben durch die Lüfte, wirken leichtfüßig und unbeschwert und sind auch sicherlich nicht auf der Durchreise, sondern der Stadt Bernau verbunden und den Pankewassern.

Der Rad- und Fußweg durch die Pankewiesen, südlich von Bernau

Auf Durchreisende hingegen trafen wir auf der Fahrt nach Bernau. Sie standen auf dem Acker, hier zwei Kraniche und kurz darauf zwei Gänse. Und trafen damit ihre Aussage. Auch der Deutsche Wetterdienst teilt diese Ansicht und stellt für die nächsten Tage Grade deutlich über Null, dazu noch manche Sonne und infolge die ersten knallenden Knospen in Aussicht. Das ist der Startschuss für die Zeit der ersten zarten Düfte.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der Regionalbahn ab Lichtenberg (halbstündlich) oder mit U- und S-Bahn (jeweils knapp 45 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn A 10 und A 11 oder über die B 2 (jeweils ca. 35 Min.)

Länge der Tour: komplett ca. 17 km (Abkürzungen gut möglich) oder
nur einmal um die Stadt herum (2-3 km) oder
einmal um die Stadt, dann nach Börnicke und auf selbem Weg zurück (ca. 11,5 km)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus-Seite von Bernau

Informationen zum neu gebauten Mühlentor

Zeitungs-Artikel zu den Pilgern von Börnicke

Informationen zu Börnicke

Informationen zum Gutshof und Schloss Börnicke (2003)

Der Dezimeterturm von Birkholzaue

 

 

Einkehr: zahlreiche Möglichkeiten innerhalb der Stadtmauer

 

 

Zehdenick: Weiße Havelteiche, kalte Schlote und die glimpfliche Schlidderpartie

Der diesjährige Winter kam im Großen und Ganzen recht winterlich daher und frei von Eskapaden, kühl und grau und manchmal etwas weißgepudert. In den ersten Wochen des neuen Jahres verlieh er sich selbst etwas Nachdruck, indem er Berlin und Brandenburg mehrmals spontan in ein mitteldramatisches Schneechaos stürzte. Das war jeweils in Kürze angerichtet und von langer Nachwirkung. Aktuell scheint er Ruhe zu suchen oder neue Kraft zu sammeln. Liegt etwas lustlos auf den märkischen Äckern und Wiesen herum, gerade noch weiß genug, um nicht übersehen zu werden. Tiefer in den Wäldern sieht es da schon anders aus, denn hier ist das Kältegedächtnis besser ausgeprägt.

Abendlicher Marktplatz im Frühling, Zehdenick

Darin liegt auch das Problem in diesen Wochen zwischen Neuschnee und Schmelze, zwischen Nullpunkt und klirrender Kälte. Es ist fast unmöglich einzuschätzen, wie es auf den Wegen aussieht. Ob es rutschig ist, glatt oder spiegelglatt, pfützennass, glitschig oder matschig oder einfach so wie immer. Ob Skier zu empfehlen sind oder Schneeschuhe, Spikes an den Sohlen oder einfach der ganz normale Schuh für stundenlanges Draußensein. Je tiefer in der Botanik, desto langsamer reagiert der Aggregatzustand des Niederschlages samt seiner Grauzonen, was ja durchaus doppeldeutig sein kann in Hinsicht auf den Farbton. Ganz gute Chancen gibt es dort, wo Asphalt liegt, bevorzugt dunkler. Zum einen, da hier meist etwas Verkehr bleibt, der zumindest einen schmalen Streifen des Straßenbelags freihält, zum anderen, da dieser scheinbar schneller auf höhere Temperaturen und Wärmereize reagiert.

Oderlandbahn unterwegs nach Templin

Am besten geeignet scheint also eine Mischung aus stillen Straßen in freier Landschaft und schön geführten Radwegen. Idealerweise solche, wo es viel zu sehen gibt, denn wenn sowohl Himmel als auch Boden zwischen hell- und mittelgrau changieren, ist jede Abwechslung willkommen und jedes Fleckchen Farbe. Willkommen wäre auch eine Einkehr unterwegs, doch das ist nun Problem Nr. 2 in den erwähnten Wochen. Viele Betriebe haben Urlaub bevorzugt im Januar und Februar, was sinnvoll ist und nachvollziehbar, denn jetzt ist kaum wer unterwegs. Gut, wenn man zumindest für den Abend eine sichere Bank im Hinterkopf hat, wo es warm ist, trocken und gemütlich. Denn die schönste Einkehr und die verdienteste ist doch die nach einem langem grauen Wintertag oder einem erheblichen Aufstieg.

Zehdenick

Zehdenick ist ein Städtchen mit hübschem Kern und verfügt wie auch Storkow über eine markante Zugbrücke unmittelbar am Rande der lauschigen Altstadt. Wie in Storkow ist diese nicht nur hübscher Zierrat, sondern überbrückt eine viel und gern genutzte Wasserverbindung für Freizeitschiffer. Eine Verbindung, die vor nicht allzu langer Zeit gar nichts mit Freizeit zu tun hatte und dafür sorgte, dass große Teile Berlins so aussehen wie sie heut noch aussehen.

Wetter- und zeitgegerbte Bushaltestelle in den Tonstichen

Vor etwa 120 Jahren wurde eine Bahnverbindung von Löwenberg nach Templin gebaut. Bei den Bauarbeiten offenbarten sich Tonvorkommen, komplett unerwartet und direkt unter den Uferwiesen der Havel. Das erklärt die dichte Nachbarschaft des Flusses zu den heutigen Stichteichen, die sich in großer Zahl zwischen Zehdenick und Marienthal hinziehen. Die Vorkommen galten selbst im europäischen Vergleich als riesig und waren so umfassend, dass noch vor gut 25 Jahren aktiv abgebaut wurde. Praktisch war dabei, dass die Ziegel in den zahlreichen Ziegeleien gleich vor Ort gebrannt und über die Havel unkompliziert verschifft werden konnten – bis vor die Berliner Haustür. Es gibt dazu das zutreffende Zitat „Berlin ist aus dem Kahn erbaut“ – auch damals wuchs die Stadt rasend schnell, dehnte sich nach außen aus und schloss in ihrem Innern manche Baulücke. Unter anderem dank der havelnahen Tonvorkommen zählte Berlin in den Dreißiger Jahren zu den fünf größten Städten weltweit.

Zehdenick samt seiner Nachbarorte ist das ganze Jahr über einen Ausflug wert, und heute erfüllt es uns zudem die gewünschte Mischung für einen grauen Wintertag mit Temperaturen um den Nullpunkt. Maßgeblich ist das dem Fernradweg zu verdanken, der die Hauptstädte von Dänemark und Deutschland verbindet. Der einzige Nachteil ist der, dass die Tour ohne Reißleine auskommen muss – es gibt keinerlei Möglichkeit irgendwo abzukürzen, falls gar kein Vorankommen sein sollte. Insgesamt geht der Plan ganz gut auf, wenn auch auf einigen Passagen eine eigenartige Gangart angesagt sein wird, die eher an Schwimmbewegungen erinnert und in keinerlei Zusammenhang steht mit Coolness.

Eichlerstich unter Eis

Nach Verlassen der gefälligen Altstadt wirkt nun die nördliche Vorstadt entlang der Bundesstraße 109 stark kontrastierend. Sieht aus, als sei sie stark verkatert, schon jahrzehntelang. Der graue Himmel unterstützt noch diesen Eindruck. Kaum merkt man den Übergang zu den brachliegenden Gewerbeflächen bis hin zum Hafengelände, die mit ihren Ausmaßen und schwerer Maschinerie von lebhaften Zeiten zeugen. Die ersten Wasserflächen scheinen durch, nicht schwarz und spiegelnd, sondern lückenlos vereist mit leichtem Harsch darauf.

Hier ist der spröde Ausstieg geschafft und man findet sich direkt im Anglerparadies, das diesen Namen wirklich trägt. Über Kilometer liegen weite Teiche links und rechts, einstige Tonstiche, aufgefüllt mit Havelwasser. An vielen Stellen gibt es Parkbuchten, umgrenzt von hüfthohen Palisaden mit einladenden Durchgängen, die im Sommer mit dieser Optik einen Strand verheißen könnten. Zwischendurch zeigen sich immer wieder die spanigen Spuren der hiesigen Bibergang, die so manches Bäumchen umgelegt hat. Die Stümpfe verschwinden unter weich nachgebenden Raspelholzbergen, groß wie Ameisenhügel, die entweder davon zeugen, wie der Mensch dem Biber die Harke zeigt oder mit ihm Zahn in Hand arbeitet.

Griffige Landstraße nach Burgwall

Links der stillen Straße lungert untätig ein Gleis, so wie der ganze Tag durchzogen ist von pensionierten Gleisen und der Vorstellung etwas auf die Sprünge hilft, was hier für ein Treiben herrschte zur besten Zeit des Tonabbaus. Das Wasser zu beiden Seiten, der Damm dazwischen und das Gleis darauf lassen kurz eine finnische Impression aufblitzen, zumal gerade hier noch ein paar Birken stehen.

Ein Pensionär auf seinem Rad zieht vorbei, nur unwesentlich schneller und den Fokus streng nach vorn gerichtet. Vorn am querenden Gleis treffen wir ihn wieder, wie er vor dem Bahnübergang stoisch seine Runden dreht, ohne den Sattel zu verlassen oder einen Fuß auf den Boden zu setzen. Dieses Gleis übrigens ist aktiv, wie wir gleich hören, denn es naht ein Zug, der unterwegs ist nach Templin. Die erste kräftige Farbe an diesem Tag ist diese tiefblaue Breitseite der Oderlandbahn, sogar mit etwas Türen-Gelb. Als der Zug durch ist und das Farbspektakel verklungen, beendet der auf dem Rad die aktuelle Runde und fährt zurück gen Stadt. Das ist dann wohl ein liebes Ritual und beschäftigt uns für die nächsten Minuten mit Spekulationen in verschiedenste Richtungen.

Schmalspurlgleis bei Burgwall

Nur noch ein schmaler Damm führt jetzt hindurch zwischen Bröselstich und Neuhofer Stich, gerade breit genug für Gleis und Straße und noch etwas Uferkante. Die Landschaft mit ihrem Flickenteppich aus Teichen ist so speziell und fast etwas entrückt, dass es verwundert, immer wieder auf so etwas Sachliches wie Bushaltestellen zu treffen. Eine von ihnen markiert den Zugang zum Vorort Neuhof, wo es seinerzeit auch eine Handvoll Ziegeleien gab. Das eigenwillige Buswartehäuschen am Abzweig verfügt neben reichlich Patina über ein unverglastes Panorama-Fenster zur Wasserfläche des Neitzelstiches und sollte von Rechts wegen unter Denkmalschutz gestellt werden. Es war auch schon im Kino zu sehen, später dann im Fernsehen.

Wer nicht tiefer in das Reich der Stiche vordringen möchte und die Landstraße nach Burgwall im Sinn hat, findet hier die vorletzte Möglichkeit zum Abbiegen. Es gibt nach dem folgenden Abzweig zwar noch zwei Verbindungen weiter nördlich, doch sind diese mittlerweile nicht mehr zugänglich. Ein längeres Stück Straße ist also nicht vermeidbar ist, was auch die allgegenwärtige Beschilderung des Laufparks Stechlin bestätigt. Doch das passt heute eher gut, wie sich bald zeigen wird.

Die Havel in Burgwall

Am Eichlerstich liegen kleine Ruderboote, meistenteils aus Metall und lackiert in zurückhaltenden Farbtönen. Von hier reicht der Blick weit über den größten der Teiche, der auch ein paar Inseln im Herzen trägt. An einem kleinen Hochufer steht sie endlich, die erhoffte Bank mit freiem Wasserblick. Heute blickt sie übers Eis, das überzogen ist von Spuren aller Größenordnungen, quer hinüber bis zum jenseitigen Schilfgürtel.

Neuhof

Noch vor den ersten Häusern der Siedlung mit dem süßen Kaiserbahnhof führt ein kleiner Weg links um den See herum und bald hinein in einen verspielten Wald aus kleinen Fichten, in dem man über eine Schar huschender Kobolde kaum staunen würde. So klein der Wald ist, so tief herrscht hier der Winter mit fast lückenloser Schneedecke und fahlen Kontrasten zum tiefdunklen Grün der Nadelarme.

Die Straße ist schon zu hören, bald darauf zu sehen. Sie verläuft direkt vor dem Waldrand des ausgedehnten Forstes Zehdenick, der schon zur Kleinen Schorfheide gerechnet werden kann. Die Straße ist von tiefdunklem Asphalt, und wenn die Autos auch zügig unterwegs sind, ist ihre Zahl übersichtlich. Von links stößt die erwähnte letzte Ausfahrt hinzu. Sie trägt den Namen „Hoch- und Staplerweg“,  und so war es vielleicht eine gute Entscheidung, schon eine vorher abzubiegen.

Ziegeleipark im Winterschlaf

Nichts könnte der Schuhsohle heute so viel Traktion bieten wie diese schnurgerade Straße, die nun gute drei Kilometer den Weg bestimmt. Langweilig ist das zum einen nicht, da man die Griffigkeit genießt und das Hinterteil entspannen kann, zum anderen gibt es nach links immer einen schönen und weiten Blick, hin zur Havel und ihren Spielereien. Ein kurzer Ausweichversuch im Wald verläuft fruchtlos, denn dort ist es entweder glatt, matschig oder sehr uneben. Also eher eine Option für andere Jahreszeiten, dann jedoch lässt sich dort fast die ganze Straßenpassage schattig umgehen.

Das letzte Stück kürzen wir über die stoppelige Wiese ab, als Zielpunkt eine Stelle, wo gerade das Postauto aus dem Wald kam. Das ist uns heute schon mehrfach an entlegensten Stellen zwischen den Teichen begegnet, und auch jetzt ist nicht das letzte Mal. Vermutlich hat es hervorragende Winterreifen an, denn jetzt folgt das balanceträchtigste Stück des ganzen Tages. Selbst der Wegrand taugt kaum zum Ausweichen, da er schmal, nachgiebig und leicht ansteigend ist und man dort genauso ins Straucheln gerät wie auf der eisglitschigen Waldstraße. Nebenher verläuft wieder ein betagtes Schmalspurgleis und weckt einen kleinen Neid, da es von der glatten Straße so völlig unbeeindruckt sein kann. Sein Bett verläuft mitten durchs Kraut, doch wachsen zwischen den Schienen keine Bäumchen oder Sträucher – als wenn hier dann und wann was führe.

Radweg am Welsengraben

Der reichliche Kilometer auf dem Wasser-Eis-Mix sorgt unfreiwillig für die Entdeckung der Langsamkeit und die Gedanken schweifen für ein paar schmerzliche Augenblicke zu den viereinhalb Paar Spikes, die in der Wohnung genau dort liegen, wo man sie auch nach einem Jahr schnell findet. Letztlich erreichen wir mit trockenem Hosenboden und unversehrten Handgelenken die Straße und genießen die Errungenschaft des aufrechten Ganges, die man Tag für Tag als viel zu selbstverständlich hinnimmt.

Burgwall

Das Havelörtchen Burgwall markiert in etwa das nördliche Ende der Tonstiche, die Havel schwenkt hier klar nach Osten ab und taucht damit in eine Landschaft ein, die bestimmt wird von Wäldern. Eine Brücke führt über die Havel und bietet schöne Blicke über das Dorf. Noch vor der Brückenauffahrt steht ein Bahnhofsschild an einem winzigen Bahnsteig und nährt die Vermutung, dass über die Schmalspurgleise dann und wann ein Züglein rattert. Von Fürstenberg kommend stößt der Radweg Kopenhagen-Berlin hinzu, bis kurz vor Zehdenick unser Begleiter. Parallel läuft der Havel-Radweg. Stellt man sich vor eine der zahlreichen Karten am Wegesrand, ist es ein kurioses Bild, wie sich der Fluss mit lebhaften Schlingen eng zwischen all den Stichteichen hindurchwindet, zwischen den Ufern beider manchmal nur ein schmaler Damm übrigbleibt, gerade breit genug für einen Pfad und etwas Polstermaterial.

Uferpfad zwischen Havel und dem großen Kinderstich

An einer Rasthütte kommt es zum letzten Sichtkontakt mit Christel von der Post, die hier souverän ihren Transporter wendet, gefährlich dicht am Straßengraben. Ab und zu kommt ein Radfahrer vorbei, eher Eingeborener als Tourist, und macht Hoffnung auf gute Gangbarkeit der nächsten Kilometer. Eine ältere Dame mit älterem Damenrad und Hausrecht folgt stur und unbeirrbar ihrer schmalen Bahn durch den Eismatsch und zwingt ein altersgerechtes Allrad-Fahrzeug vorübergehend an den Randbereich.

Ziegeleipark Mildenberg

Die Schornsteine kündigen schon den Ziegeleipark Mildenberg an, ein lohnendes Ausflugs-Paradies zu Zeiten mit mehr Tageslicht, und bald schon verdichten sich die Gleise bis hin zu losen Knäulen. Wo es während der mitteleuropäischen Sommerzeit kein Problem ist, auf dem weitläufigen Gelände oder auch nur in seinem havelnahen Herzen einen ganzen Tag zu verbringen, ist jetzt eindeutig Winterpause. Nicht ein Mensch ist zu sehen und keine Kinderscharen wuseln zwischen der Marina und dem imposanten Ringofen. Die Züge mit den umgebauten Loren stehen still und halten Winterschlaf, ein wenig wehleidig. Auch die Flotte von mietbaren Hausbooten, Motor-Jachten und motorisierten Wohnwagenpontons verharrt in Stille, teils auf dem Lande, teils im Wasser. Gleich hinter der Radler-Einkehr beginnt nun wieder eine Fahrradstraße und führt auf schmalem Dämmlein zwischen Stäckebrandts Pappelstich und Döbertstich hindurch. Stäckebrandts Pappelstich – das könnte doch auch eine mittellange Erzählung sein von Theodor Fontane oder Storm. Ein Eisangler sitzt auf der angetauten Fläche und hat ein Loch geschlagen, dicht beim Schilf. Vom Schilfrand hat ihn eine Katze fest im Blick, die scheinbar keine kalten Pfoten scheut für etwas Silberschmaus.

Prerauer Stich hinterm Flussufer vor Zehdenick

Hinterm Wäldchen geht es links entlang am erstarrten Bruch des Welsengrabens, der bei den nächsten Häusern überquert wird, an einer durchaus pittoresken Stelle. In den Bäumen vertreiben sich die Krähen etwas Langeweile und warten auf Gelegenheiten, wem anderen was abzujagen. Davon abgesehen ist es schweigsam heut am Himmel, nur ein paar Gänse zogen durch vorhin, doch auch diese eher wortkarg. Aus einem Weg, den man verkehrstechnisch für hinfällig erklärt hätte, kommt ein Auto angewackelt, mit kurzem Radstand und daher nachgerade aufgebracht im Takt der tiefen Pfützengründe. Wie überhaupt heute an den seltsamsten Stellen Autos hergefahren kommen, aus kleinen und auch kleinsten Wegen und aus entlegenen Sackgassen.

Loren über Kopf, Hafen Zehdenick

An der nächsten Kreuzung weist eins von den vielen Schildern zur Einkehr im nahen Mildenberg, doch unser Ziel ist nun schon greifbar und wir biegen ab zum Bruchwald. Auf dem Weg dorthin kommt uns ein freundliches Männlein auf einem grünen Trecker entgegen. Hat eine leuchtend gelbe Warnweste an und schenkt uns damit die hellste Wahrnehmung des gesamten Tages, obendrauf noch einen freundlichen Gruß. Am Bahndamm erwischen wir dann nochmals den Zeitpunkt einer Zugdurchfahrt, diesmal in Richtung Süden und als Heidekrautbahn. Wieder eine Dosis kräftiges Blau. Doch wirkt sie jetzt fast blass, nach dieser jüngsten Impression in gelb.

Etwas Farbe am anderen Ufer, Hafen Zehdenick

Die Überquerung der Havel ist auf der Eisenbahnbrücke nicht vorgesehen, denn die ist gerade schmal genug fürs Schotterbett. Das trifft sich gut, denn jetzt folgt am diesseitigen Flussufer eine „Stadteinfahrt“ von besonderer Einzigartigkeit. Hautnah darf auf diesem kleinen Pfad miterlebt werden, wie wenig Platz zwischen der Havel und ihren Stichen bleibt. Es ist, als spazierte man auf einer Landbrücke durch einen großen See, durch den auch noch die Havel fließt. Für die Stabilität dieses schmalen Bandes bürgt anfangs eine stattliche Reihe alter Linden, später besorgen das dichte Schilfgürtel. Wenn das an einem trüben Januar-Tag schon fasziniert, wie muss es dann erst sein bei Sonnenschein und dicht belaubten Bäumen?

Fußgängerbrücke an der Schleuse, Zehdenick

Während auch hier alle Wasserflächen weiß vereist sind, ist die Havel offen und fließt spiegelglatt und schwarz. Alle bisher nicht gehörten Wasservögel treffen sich auf dem Fluss, und so ist ein ständiges Schnattern und Flattern, ein reger Austausch und scheinbar Platz für jeden Schnabel. Ein Stück weiter sind gegenüber am Hafen zahllose alte Ton-Loren über Kopf gestapelt, ein kurioses Bild. Daneben Boote auf dem Trockendock. Als einzige im Wasser liegt eine hübsche Barkasse gut vertäut, die noch einmal etwas satte Farbe sehen lässt.

Links öffnet sich jetzt der urwüchsige Bruchwald der Klienitz, während voraus schon die Türme der Zehdenicker Altstadt in Sicht kommen. Das passt gut jetzt, denn die Tour war lang und der Magen hängt schon durch. Über zwei steile Fußgängerbrücken führt der Uferweg zur Stelle, wo die Schleuse einen beeindruckenden Höhenunterschied überwindet. Rechts öffnet sich ein großes Vorbecken, tiefliegend. Hier ankert publikumswirksam ein passendes Museumsschiff in der Bucht, an dem niemand vorbeikommt, der ein Objektiv am Leibe trägt. Dasselbe dürfte für die benachbarte Zugbrücke gelten.

Die Zugbrücke am Rande der Altstadt

Wer die Altstadt nicht schon vorhin erkundet hat, kann das auch jetzt noch tun, denn gleichermaßen schön ist sie, wenn die Laternen brennen. Für den allerletzten Ausklang empfehlen sich ein paar stille Minuten am Ufer bei der Zugbrücke. Wenn man sich dort so aufs Geländer lehnt in seiner dicken Jacke und ein Bein hochstellt, die Augen etwas schlitzt und die Gedanken treiben lässt, können sich schöne Bilder öffnen. Von Jahreszeiten, in denen das Eis eine andere Rolle spielt und eher in die Hand gehört, in bunten Farben. Das ist jetzt gar nicht mehr so lange hin.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn in Richtung Templin (stünd. ab Berlin-Ostkreuz; ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (B 109 bzw. kleinere Straßen über Wensickendorf/Liebenwalde)(ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 21 km (keine Abkürzung möglich); Option: mit dem Bus nach Burgwall (verkehrt stündlich, guter Anschluss an Zug von Berlin) und dort in die Tour einsteigen (dann ca. 10 km); Straßenumgehung außerhalb von Schneezeiten Wegpunkte A-F

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismusseite von Zehdenick

Fernradweg Berlin-Kopenhagen bei Zehdenick

Ziegeleipark Mildenberg

Tagesspiegel-Artikel von 2010 zum Ziegeleipark

 

 

Einkehr:
Hotel Klement (gute Küche, gemütlich, freundlich)
Neues Haus Vaterland (etwas modernisierte Küche)
Stadtgarten an der Zugbrücke (gute Küche, gemütlich, freundlich)
Ratskeller und Neuer Ratskeller am Markt (keine eigene Erfahrung)
Vereinsgaststätte des Wassersport-Clubs (an der Fußgängerbrücke ans westliche Havelufer)(keine eigene Erfahrung)

Burgwall:
Gasthaus Zur Fähre (keine eigene Erfahrung)

Ziegeleipark Mildenberg:
Gasthaus Alter Hafen (direkt an der Hafenkante, etwas teurer) und Bernis Café am südlichen Ausgang

Was vom Jahre übrig blieb – Sechzehner Spätlese

Wenn das Jahr auf die markanten und mit buntem Schwarzpulver-Radau verbundenen Initialen 3112 zusteuert, stellt sich dieser ewige Widerspruch ein: einerseits sind die Monate und Jahreszeiten mitsamt den verlinkten Ritualen vorbeigerauscht wie ein Regional-Express an einer parallel fahrenden S-Bahn, die eben noch beschleunigte und in Sichtweite zum nächsten Bahnhof schon wieder an Fahrt verliert. Andererseits scheinen einzelne Tage bereits ewig her zu sein, eher schon so, dass das Wort „damals“ mitschwingen möchte.

Kurzes Männergespräch zwischen Dirk und Gonzo, Falknerei Rabenstein

Unergründbar ist in dieser Hinsicht, warum eine ärmellose Berlin-Tour vom Sommer erheblich länger her scheint als das frostige Zerpenschleuser Kanalufer mit seinem metallisch blauen Eisvogel, der Anfang Januar im Ufergebüsch saß. Die Jahreszeiten sollten eigentlich bei der Zuordnung helfen, doch die Ärmellosigkeit wird zeitlich ganz einfach einen Sommer zuvor verankert.

Eine ganze Reihe von Empfehlungen wären gern ausgesprochen worden, landeten jedoch im Nähkästchen. Eine Handvoll hole ich nochmal heraus, wenigstens für ein paar Worte.

Gemütlicher Marktplatz mit Schmalspurgleisen, Cottbus

Cottbus

Cottbus hat mit Berlin unter anderem gemeinsam, dass es kurvenreich von der Spree durchflossen wird. Zudem gibt es ein Stück Stadtmauer, das Aug in Aug mit der Klosterkirche steht. Und auch hier sorgt der Fluss für eine Museumsinsel, welche direkt an die Altstadt grenzt. Im Unterschied zu Berlin steht auf der Insel jedoch nur ein Museum, während sich das andere halbe Dutzend über die Altstadt verteilt, gemeinsam mit dem Schloss, dem weithin bekannten Staatstheater und diversen anderen Spielstätten.

Branitzer Park im späten Winter, Cottbus

Ein ganz entscheidender Unterschied zu Berlin ist der, dass man ziemlich schnell ins Grüne kommt, wenn man das möchte. In Richtung Spreequelle führen schöne Parkwege und allerlei Brücklein vorbei am durchaus eindrucksvollen Stadion der Freundschaft, hin zu den ausgedehnten Parklandschaften von Spreeauenpark und Branitzer Park. Dieser ist natürlich am schönsten, wenn alle Bäume eingekleidet sind und auf dem Boden die Blümchen sprießen. Doch das weitläufige und verspielte Gelände mit seinen durchdachten Sichtachsen ist selbst im November oder Februar charmant, wenn man hier fast alleine ist und die Enten auf dem Wasser eher zusammenrücken.

Nach dem Herumstreifen im Park ist es um so schöner, zurück zum Markt zu streben, sich reinzusetzen irgendwo und zu genießen. Ganz gleich ob herzhaft oder süß.

Eine der Pyramiden im Branitzer Park, Cottbus

Wer anstatt der gefälligen Parklandschaften oder einer gemütlichen Einkehr lieber noch mehr vom Lauf der Spree und etwas zahme Wildnis sehen möchte, kann sich bei den Parks einfach dem Europaweg E 10 anvertrauen und noch um zwei drei Stunden bis nach Neuhausen verlängern, wo jede Stunde ein Zug zurück nach Cottbus fährt.

Kleiner Park zwischen Hafen und Kirche, Wustrau

Wustrau-Altfriesack

Wustrau und Altfriesack liegen am selben See wie Alt- und Neuruppin, nur am anderen Ende. Zwischen dem flächigen und gediegenen Wustrau und dem von Wasser durchzogenen Altfriesack liegt eine Halbinsel, die von zwei Armen des Rhins geschaffen wird. Der Wustrauer Rhin ist ohne viele Umschweife unterwegs in Richtung Fehrbellin, wo er besonders pittoresk dem Rhinkanal zufließt. In Wustrau selbst ist er am schönsten an der alten Wassermühle zu erleben. Der Bützrhin hingegen, der bald schon Alter Rhin heißt, schlägt einen weit ausholenden Bogen zum selben Ziel und nimmt dabei das Linumer Teichland und die Hakenberger Schleuse mit, mitsamt ihren wunderbaren Landschaften. Unterwegs kommt ihm noch der Kremmener Rhin abhanden und macht den Wasserarmsalat perfekt.

Antiquitäten-Mühle am Tag der offenen Mühle, Wustrau

Sowohl das überaus pittoreske Wustrau als auch Altfriesack mit seinem kleinen „Rhindelta“ und der schönen Zugbrücke zählen zu den Brandenburger Orten, die etwas Einzigartiges haben. Verbunden sind beide nicht nur durch einen Bindestrich, sondern auch durch einen Wanderweg, der den Wald der erwähnten Halbinsel quert. Auch hier ist das – wie eben schon bei Cottbus – der E 10, was ein ganz klein wenig kurios ist und von seiner Vielfalt zeugt.

Alte Allee nach Süden ins Luch, Wustrau

Wer nicht gern denselben Weg zurückgeht, kann von Altfriesack auf dem verlängerten Triftweg einen südlichen Bogen zurück nach Wustrau schlagen. Und wer vielleicht in Altfriesack bei einer der zwei Fischerhütten eingekehrt ist und bereits am letzten Loch im Gürtel angelangt, hat die Option, diesen Bogen nach Belieben in die blickoffenen Weiten des Wustrauer Luchs zu verlängern und dann über Langen und Buskow den Weg zurück anzutreten, oft unter dem Schatten prächtiger Alleen. Das sind zwar teilweise öffentliche Straßen, doch sind die Autos zählbar. Und speziell die letzte Allee zur Südspitze des Ruppiner Sees ist eine Offenbarung der Gemütlichkeit.

Gemütliche Allee nach Wustrau-Nord

Die zwanzig grünen Hauptwege von Berlin: Nr. 3 – Heiligenseer Weg

Wer hier und da zu Fuß durch das Stadtgebiet von Berlin streift, trifft in Grünanlagen und auch dazwischen auf Wandermarkierungen, die aus einem blauen Balken und einer Zahl bestehen. Ist beim Erst- und Zweitkontakt vielleicht überrascht, hier im dicht bebauten Dörferverbund von Berlin, aus dem die Stadt gewachsen ist. Dahinter steckt Methode, und der erste Gedanke dafür ist erstaunlicherweise schon mehr als hundert Jahre alt.

Diese Wege können einem nahezu überall in der Stadt begegnen, denn legt man alle zwanzig als Linien über eine Karte von Berlin, sieht das aus wie ein voll bepacktes Einkaufsnetz mit recht gleichmäßiger Maschenverteilung. Wer jetzt keine Vorstellung davon hat, was ein Einkaufsnetz ist und wie es aussieht, fragt beim nächsten Familienfest einfach mal die erste Tante oder Oma, die einem über den Weg läuft. Und darf je nachdem mit ausholenden Beschreibungen und Anekdoten rechnen, was für beide Seiten sehr schön sein kann.

Gemütliches Alt-Tegel, am U-Bahn-Ausgang

Dass Berlin immer noch vielfältiger ist, als man ohnehin schon denkt, ist nichts Neues. Doch das Phänomen, dass man auf vielen Hundert Kilometern grüner Wege durch die Stein- und Asphaltwelten spazieren kann und die Stadt immer wieder von neuen Seiten entdecken, ist bei jedem dieser Wege aufs Neue markant.

Binnenhafen mit Wal, Tegel

Die von offensichtlichen Berlin-Kennern gefundenen und konzipierten Wege tragen so schöne Namen wie Humboldt-Spur oder Nord-Süd-Weg, Lindenberger Korridor oder Barnimer Dörferweg. Sie verlieren selten den Kontakt zum Grün und zur Natur in jedweder Ausprägung, was in vielen Fällen auch mit reichlich Wasser einhergeht. Optional lässt sich etwas Würze hinzufügen, wenn man stellenweise ausbüchst und Abstecher oder Ausflüge in spezielle Viertel oder charakteristische Stadtlandschaften macht, nach denen es dann umso schöner ist, wieder ins Grüne einzutauchen.

Mondäne Platanen-Allee der Uferpromende mit Gänsen, Tegeler See

Einige Wege führen bis an die Stadtgrenze – und keinen Meter weiter. Viele von ihnen hatten wir schon unter den Sohlen, quer durch die Jahreszeiten. Jeder hätte einen eigenen Text verdient, wirklich.

In diesem Sommer war auf einem Stück des Heiligenseer Weges viel Neuland dabei. Steigt man in Tegel zu, bietet sich vorher noch ein Abstecher zum Tegeler Schloss an, von dem ich bis dahin nicht einmal wusste, dass es existiert. Die längliche Anlage gibt sich etwas zugeknöpft und belohnt den Beharrlichen mit einer sagenhaft schönen Lindenallee und der letzten Ruhestätte der Brüder Humboldt. Dahinter liegt urwüchsiger Wald mit schönen Pfaden, die man besser Pfade sein lässt, denn dort leben extrem sportliche Wildschweine. Zum See gibt es – entgegen einzelnen Legenden – ohnehin keinen Durchgang.

Am Rand des Flughafensees, nahe des Flughafens Tegel

Vom Stadthafen Tegel mit seinem stählernen Walfisch lässt es sich herrlich die Uferpromenade entlangtrödeln, bis vor zur roten Brücke an den Häfen, wo gleichermaßen kleine Ruderboote und baumeslange Ausflugsdampfer angeknotet liegen. Wer einen luftigen Hochsommertag erwischt, kann ohne viel Zutun glauben, er säße irgendwo am Tegernsee anstatt an einer ausgeprägten Bucht der Havel, die so ähnlich heißt. An solchen Tagen drückt der Wind vom Wasser her wie echter Seewind und schmeißt schonmal die Torte auf dem Teller um, auch wenn das Stück rechte breite Schultern hat. Die turbulenten Wellen und die gut vertäuten weißen Dampfer an der gediegenen Platanen-Promenade machen es sehr leicht, Voralpenzüge hinter sich zu wähnen und sich ein wenig mondän zu fühlen dabei.

In den Rehbergen, Wedding

Wer es hier nicht schafft sich loszureißen, zeigt in keiner Weise Schwäche, sondern trifft vielmehr eine sinnvolle Entscheidung mit Augenmaß, denn hier lässt sich gut ein ganzer Nachmittag vertrödeln. Wen hingegen doch die Neugier umtreibt, der wird belohnt mit einem städtischen Kontrastprogramm von außen nach innen. Im Flughafensee lässt sich wunderbar ein Bad einschieben. Möchte man danach die Locken trocken haben, braucht man sich nur etwas weiter in die Tegeler Einflugschneise zu stellen, wo alle paar Minuten ein Turbinenwind passiert, ganz frisch gepresst und scheitelnah.

Alternativmündung der Panke beim Invaliden-Friedhof, Berlin Mitte

Nur etwas später in den schattenreichen Rehbergen gibt es Berge, Rehe und auch andere Tiere sowie am Plötzensee die nächste Möglichkeit zum Baden. Noch etwas weiter liegt in sich ruhend und unter Kastanien ein Biergarten á la Bayern, der den Faden aufnimmt von vorhin, mit Leberkäs und Weißbier. Hier trifft der Weg auf ein Ufer, das nun verschiedenen Kanälen folgt, bis hin zur Pankemündung. Und noch weiter bis zum Hauptbahnhof, wo man sich an einer der Uferbars ganz herrlich in einen Liegestuhl hängen kann.

Rotweißer Einheits-Dampfer auf der Spree am Hauptbahnhof

Burg Rabenstein im Hohen Fläming

Für luftige Sommertage, doch auch für andere Jahreszeiten gut geeignet ist ein Ausflug zur Burg Rabenstein im Hohen Fläming, wohl der klassischsten Märchenburg auf dem Gebiet Brandenburgs. Einsam im Wald, auf einem Sporn und mit hohem Rapunzelturm. Dabei überschaubar groß und richtig schön mittelalterlich. Wer diese kleine Höhenburg als Filmkulisse nutzen will, muss nicht allzu viel umbauen, kaschieren oder abschrauben, bevor die erste Klappe fallen kann.

Zugegeben – die Anfahrt ist weit. Doch sie lohnt sich. Insbesondere auch für Familien mit Kindern beliebigen Alters, die hier einen runden Tag verleben können. Schon unten im Dorf wird es schwer, in die Gänge zu kommen, denn sobald man den Burgenbus oder das Auto verlassen hat, übt ein geräumiger Spielplatz seine ganze Anziehungskraft aus, nicht nur auf Kinder und direkt gegenüber des Naturparkzentrums. Dieses unmittelbare Gegenüber ist ein schönes Angebot für eine halbstündige Aufteilung von Groß und Klein, bevor es an den Aufstieg gehen soll.

Sibirischer Uhu Fussel in seinen Gemächern, Fläming-Falknerei Rabenstein

Der gibt den Auftakt zu einem kleinen, allerliebsten Rundweg. Führt vom Spielplatz hoch zur Burg, von dort über endlose Stiegen und hügelige Pfade wieder talwärts und ist dabei kompatibel auch für die kürzesten Beinchen. Auf nicht einmal zwei Kilometern lassen sich hier gemeinsam Abenteuerwelten entdecken, und wem das Talent des Geschichten-Ausdenkens geschenkt wurde, der kann mit ein paar Gedankenstupsern die Phantasie aller anwesenden Kinder befeuern und dafür sorgen, dass der Tag allein deswegen niemals das Gedächtnis der jüngsten Verwandtschaft verlassen wird.

Seeadler Graf Luckner, Fläming-Falknerei Rabenstein

Die Burg spricht am besten für sich selbst, lässt sich gut umstreifen und entdecken. In ihrem unmittelbaren Umfeld gibt es gleich noch zwei Erlebnisspender ganz unterschiedlicher Natur. Wer nach dem minutenlangen Aufstieg zu neuen Kräften finden muss, wird gern noch die vier Stufen zum brotduftenden Innenraum des Backhauses erklimmen, wo es am Wochenende neben köstlichen Schmalzstullen auch Kuchen, kalte Getränke und Bockwurst gibt. Jeglicher Kauf erfolgt angesichts der großen Ofentür des Holzbackofens, hinter der die verlockenden Duftschwaden entstehen. Frisches Brot ohne Geheimnisse. Und ein Backofen, genügend groß für ein ganzes Dutzend großer Brotlaibe.

Gänsegeier im Tiefflug, Fläming-Falknerei Rabenstein

Das zweite Erlebnis wartet nur hundert Meter weiter, zu Füßen des denkbar unromantischen Pendants zum Burgturm. Hier befindet sich mit der Fläming-Falknerei eine der wenigen Falknereien Brandenburgs. Zu Füßen des wuchtigen Betongebildes gibt es in den Monaten der Sommerzeit jeden Nachmittag um halb drei eine Flugvorführung, nur montags nicht.

Vielleicht besteht die Frage, warum man einem und noch einem Vogel und noch anderen dabei zusehen soll, wie sie fliegen. Ähnlich wie bei der Burg lässt sich das am besten vor Ort herausfinden. Der hiesige Falkner stellt in einer Dreiviertelstunde eine ganze Reihe eigenwilliger Charaktere vor, die man in einer Entfernung von wenigen Metern erleben darf. Begleitet wird das von einer charmanten und unterhaltsamen Moderation, die über eine diskret platzierte und hervorragende Tonanlage erfolgt und die Zeit recht schnell vergessen lässt.

Gänsegeier Gonzo in der allerersten Reihe, Flugvorführung Falknerei Rabenstein

Danach ist man ein ganz klein wenig bekannt mit dem Steppenadler Xena, der ebenso gern zu Fuß unterwegs ist wie er fliegt. Und Gonzo, dem sympathischen Gänsegeier, der allen Leuten den Kopf geraderückt, die Geier bislang unsympathisch fanden. Sich freut wie drei kleine Kinder zusammen, wenn er merkt, dass er gleich dran ist und dann majestätisch mit voller Spannweite kurz über dem Boden entlanggleitet. Oder mit Fussel, dem sibirischen Uhu mit den unwiderstehlichen Bernsteinaugen, der eigentlich gar nichts machen muss und trotzdem schwer zu vergessen ist. Einprägsam sind auch die kleineren Kaliber, die Milane, Falken und Habichte, die schnell und wendig sind und Flugmanöver hinlegen, die nur mit wachen Augen zu verfolgen sind.

Falkner Grabow mit Fussel, Fläming-Falknerei Rabenstein

Dabei kann es schon mal vorkommen, dass einem einer der Vögel kurz auf den Fuß tritt, wenn er sich in seiner Neugier in den Reihen des Publikums verfranst hat. Oder man den unmittelbaren Windzug einer ausholenden Schwinge auf der eigenen Haut fühlt. Der Eindruck, den das Ganze beim Einzelnen hinterlässt, wird von Mensch zu Mensch verschieden sein, doch vergessen wird man diese knappe Stunde sicherlich nicht. Und künftig ein wenig anders in die Lüfte stieren, wenn von ganz oben ein pfeifender Laut kommt und ebendort jemand ohne viel Flügelschlag seine Kreise dreht oder in der Luft an einer Stelle verharrt, ein potentielles Mäuschen im Visier.

Wer Raben besucht und vordergründig auf lange Spaziergänge aus ist, kann den wirklich einzigartigen Zauber des idyllischen und flachen Plane-Tals mit den unvermittelt antretenden Höhen des kernigen Miniatur-Gebirgszuges verbinden, auf dessen Mittelpunkt die alte Feste hockt. Der Besuch der Burg lässt sich damit bestens verbinden, dasselbe gilt für die Flugvorführung – wenn man unterwegs die Uhr etwas im Auge behält. Und übrigens: der Wappenvogel Brandenburgs ist hier selbstverständlich auch vertreten. Fragen Sie bei Interesse Ihren Falkner!

Blumberger Mühle

Wer Kinder hat und mit ihnen mehrmals im Jahr ins Land jenseits der Stadtgrenze aufbricht, weiß mit Sicherheit, wie schön es an der Blumberger Mühle ist, was für runde, stressfreie und unvergessliche Tage sich hier verleben lassen. Das gilt gleichermaßen für die weitflächige Teichlandschaft als auch für das an ihrem Rande gelegene Informationszentrum, das einer Kombination aus riesiger Bienenwabe und slawischer Burganlage gleicht. Hier gibt es die schönsten Angebote, um das zu entdecken, was unter freiem Himmel so geboten wird von der guten alten Natur, die sich hier gleichermaßen als Erzählerin und Zauberin zeigt.

Weg zwischen den Fischteichen der Blumberger Mühle, bei Angermünde

Am Südrand der Teichlandschaft liegt die eigentliche Blumberger Mühle. Ein Mühlrad ist hier nicht zu finden, doch ein Gefälle zwischen zwei Teichen ist bei den Gebäuden durchaus erkennbar. Direkt dahinter beginnt ein schnurgerade Weg, der mitten durch den glänzenden Flickenteppich führt, der insgesamt doch immerhin so groß ist wie der Mündesee beim Städtchen um die Ecke. Für Wassernachschub sorgt die Welse, die von Süden wildromantisch daherkommt.

Mit der Blumberger Mühle ist es ähnlich wie mit der Burg Rabenstein – man kann sich bestens auf das Gebiet beim Informationszentrum beschränken, wobei sowohl Bewegung als auch Erlebnisse nicht zu kurz kommen werden. Die Natur kann hier in großer Vielfalt erlebt werden, was mit Sicherheit pädagogisch wertvoll ist und mit ebenso großer Sicherheit gewaltigen Spaß macht. Falls den Kindern die Energie dabei partout nicht ausgehen will, können sich die lieben Erwachsenen für einen Augenblick ins Innere der Wabe zurückziehen und dort stärken – das Essen ist hervorragend, der Kuchen selbstgebacken und die Kakaotassen groß.

Tiefschwarze Angus-Rinder auf der winterlichen Weide, Blumberger Mühle

Ausschwärmen lässt sich von der slawischen Info-Wabe wahlweise ein bisschen oder eben etwas mehr. Für wen „ein bisschen“ reizvoller klingt, der ist mit einem Spaziergang zur eigentlichen Blumberger Mühle und dem Damm zwischen den Teichen gut bedient. Falls gerade der Sommer läuft, ist es von dort durch den Wald nur eine gute halbe Stunde bis zum Strandbad am Wolletzsee – die Schilder zum Campingplatz weisen den Weg.

Und wer noch etwas mehr Bewegungsdrang verspürt oder unterwegs von der Landschaft überredet wird, kann von diesem Strand ein paar Kilometer dem Uckermärkischen Landweg gen Angermünde folgen. Zurück zum Ausgangspunkt besteht die Auswahl zwischen einem zauberhaft uckermärkischen Hügelweg oder der wiesigen Spur, die entlang der Bahn verläuft. Rechnen Sie auf der benachbarten Weide mit tiefschwarzen Rindviechern, deren Rasse nach einem australischen Gitarristen benannt wurde, sowie auf allen Wegen mit plötzlich aufstiebenden, farbenfrohen Fasanen!

 

 

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken, dann „Speichern unter…“)

Cottbus (optional Verlängerung auf dem E 11 nach Neuhausen)

Wustrau-Altfriesack (optional Verlängerung ins Luch)

Heiligenseer Weg (Tegel-Hbf.)

Burg Rabenstein

Blumberger Mühle (optional Verlängerungen Wolletzsee etc.)

 

Links:

Cottbus

Informationen zum Branitzer Park

Tourismus-Informationen Cottbus

Wanderweg E 10

Wustrau-Altfriesack

Ortsinformationen zu Wustrau

Artikel zur Wassermühle Wustrau

Ortsinformationen zu Altfriesack

Von Alt-Tegel zum Berliner Hauptbahnhof

Informationen zum Grünen Hauptweg Nr. 3 „Heiligenseer Weg“

Familien-Information zur Promenade am Tegeler See

Flughafensee am Flughafen Tegel

Invaliden-Friedhof Berlin-Mitte

Burg Rabenstein

Backhaus vor der Burg

Fläming-Falknerei nahe der Burg

Naturpark-Zentrum Hoher Fläming in Raben

Blumberger Mühle

Naturerlebniszentrum Blumberger Mühle

Fischteiche Blumberger Mühle

Biberbus zur Blumberger Mühle

 

 

Niederfinow: Alte Schleusen, kleine Bäche und das gediegene Kanal-Tal

Manche Tage hinterlassen im Zusammenspiel ihrer Umstände lupenreine Poesie, teilweise schon während ihrer Laufzeit. Zu diesen Umständen zählen neben der jeweiligen Landschaft und ihren Charakterzügen das Zusammenspiel von Wetter, Licht und wie beides in die Jahreszeit oder den Monat passt. Einiges davon ist beeinflussbar oder gemäß Erfahrungswerten und Wahrscheinlichkeiten erhoffbar, anderes ergibt sich vollständig unerwartet oder schärft bisher unbekannte Gesichtslinien einer vertrauten Gegend nach.

Finowkanal in Niederfinow
Finowkanal in Niederfinow

Viele Landschaften Brandenburgs werden von fließenden Gewässern geprägt. Das müssen nicht nur die großen und kleineren Flüsse sein. Gerade auch Bäche und Fließe, die sich ohne Kopf- und Kniezerbrechen überspringen lassen, sind von markanter und bezaubernder Landschaft begleitet, für die sie in den allermeisten Fällen selbst verantwortlich sind. Sogar Kanäle, die ja nachweislich von Menschenhand geschaffen wurden und mit ihren geradlinigen Verläufen die Luftlinie anstreben, ziehen ihren Lauf durch ein exzellentes Gemisch aus Natur- und Kulturidylle mit manch gesalzener Prise Industriekultur. Und sind oft älter, als man denken sollte.

Ein Ausflug zu solchen wassergeprägten Landschaften bietet meist eine sichere Bank, wenn harmonische und abwechslungsreiche Touren mit einem Mindestmaß an Wonnigkeit gewünscht sind. Vielleicht zur Drahendorfer Spree mit ihren launigen Bögen, die in ihrem Übermut fast einmal zum Oder-Spree-Kanal durchstößt, nur unweit der Kersdorfer Schleuse. Oder die Havel nördlich von Zehdenick, die sich hier zwischen unzähligen Stichteichen hindurchschummelt. Die Dosse in ihrem Unterlauf bei Sieversdorf und Hohenofen, die kanalsachlich und doch zutiefst liebenswert durch ihr flaches Felderland gen Havel strebt. Oder der oftmals abgeschiedene Rhin, der sich in einer regelrechten Mäander-Orgie seinen Weg durch die üppigen Wälder der Ruppiner Schweiz bahnt, als wäre er von Waldgeistern ersonnen. Das könnte jetzt ohne Ende so weitergehen, wobei die voranstehende Auswahl nichts hat, was repräsentativ zu nennen wäre.

Zugbrücke und Kirche in Niederfinow
Zugbrücke und Kirche in Niederfinow

In einigen Fällen fließt direkt neben einem begradigten oder kanalisierten Fluss nach wie vor auch seine ursprüngliche Version. Wie zum Beispiel die Havel zwischen Zehdenick und Liebenwerder, deren leicht durchgeknallte Schnellversion im Vergleich zum geradlinigen Hauptfluss sicherlich dreimal mehr Flusskilometer sammelt. Ähnlich sieht das im Kleinformat bei der hochromantischen Schlaube zwischen Groß Lindow und Brieskow aus, die in Sichtkontakt zum einstigen Friedrich-Wilhelm-Kanal ihren Gefühlen freien Lauf lässt. Jener ist nicht minder romantisch, und das will schon etwas heißen.

Ein weiterer Fall von historischem Kanal und benachbartem Fluss ist der Finowkanal kurz vor seinem östlichen Ende an der Alten Oder. Der Ursprung des namensgebenden Flüsschens liegt kurz hinter dem C-Bereich des Berliner Nahverkehrs. Hinter Biesenthal gewinnt die Finow an Format, strebt weiter nach Norden und endet als Fluss faktisch am schleusenreichen Finowkanal, der trotz seiner 400 Jahre noch voll funktionstüchtig ist. Für die zeitliche Einordnung ergibt sich durchaus eindrucksvoll, dass beim ersten Spatenstich Shakespeares Hamlet noch halbwegs warm in den Regalen lag, und als der westliche Kanal-Abschnitt der Nutzung übergeben wurde, war der Großvater vom alten Bach noch Quark im Schaufenster.

Der Kanal hat mit diesem westlichen Abschnitt schon sein erstes Drittel auf dem Buckel, als Langer Trödel fast schnurgerade und doch einzigartig schön zwischen Liebenwalde und Zerpenschleuse, dann ab dem Wasserstraßenkreuz mit seinem großen Bruder schon etwas kurvenfreudiger. Ab dem Zusammentreffen mit der Finow trägt er ganz klar die Handschrift eines lebendigen Flusses, wovon auch ein paar abgehängte Altarme zeugen. In Richtung Osten wurde das keineswegs geradlinige Bett der Finow ohne nennenswerte Anpassungen übernommen und lediglich bis zur Schiffbarkeit ausgekuschelt.

Die Kirche über dem Dorfe, Niederfinow
Die Kirche über dem Dorfe, Niederfinow

Dort, wo das aufgrund enger Flußbiegungen und Auenmäander dann doch zu weit gegangen wäre, kommt es zur Aufspaltung. Ab der Försterei Kahlenberg, kurz hinter der Ragöser Schleuse, flossen Kanal und Finow getrennte Wege. Was an letzterer hier noch wild war, hat sich im Lauf der letzten hundert Jahre abgeschliffen, so dass der Ursprungsverlauf nur noch an wenigen Stellen erkennbar ist. Lediglich das Abstrakt des Grenzverlaufes bewahrt ein detailgetreues Abbild aller Biegungen, unterstützt von einigen unverdrossenen Baumreihen als Dechiffrierhilfe. Was jedoch geblieben ist, obendrein sehr dauerhaft, ist der ausgeprägte Talcharakter dieses moränenhügligen Abschnitts zwischen Eberswalde und Oderbruch, der auch unsere brennende Frage beantwortet, wie eine künstliche Wasserstraße zu einem derart bezaubernden Tal kommt. Denn eine sinnenschmeichelnde Landschafts-Modellierung solchen Umfanges hätte sicherlich selbst königliche Kassen überfordert.

Jedenfalls stand nach zwei durchwachsenen der Wunsch nach einer lieblich-kernigen und idyllischen Tour ohne große Unwägbarkeiten, was das Vorhandensein von Wegen betrifft. Wirklich einfach nur abschalten, die Füße machen lassen und genießen. Weißes Rauschen im Kopf, überzogene Kontraste und satte Farben in der Optik. Sich Wandermarkierungen anvertrauen und hier und da einen Wegesammler-Aufkleber ans schwarze Brett pappen. Führte der letzte Besuch von Niederfinow in die Berghänge und die weiten Wiesen des Oderbruchs, sollte heute voll und ganz der Finow-Kanal im Blickpunkt stehen.

Am Ortsrand mit Blick auf die Oderauen, Niederfinow
Aufstieg am Ortsrand mit Blick auf die Oderauen, Niederfinow

Niederfinow

Auf der Zugbrücke stehend wäre es für Maler vermutlich schwierig, sich für ein erstes Motiv zu entscheiden. Die attraktive Brücke selbst oder die Fachwerk-Kirche am Berg, der wonnige Wiesenpfad am Ufer oder der Blick in die wasserdurchfurchten Weiten des platten Tales der Alten Oder – das eine eher für stimmungsvolle Aquarelle geeignet, das andere für detailversessene Bleistiftzeichnungen oder Radierungen. Das dritte vielleicht für Ölgemälde und im Versuche, das Spiel mit dem Licht auf die Spitze zu treiben.

Wie auch immer, jedenfalls zog uns dieser reifknirschende Wiesenpfad hinter den Zäunen und Mauern der ersten Hausreihe umgehend hinab zum Ufer und entfesselte dort Schwärmereien und Wonnetöne, so dass glatt die kleine Extrarunde auf die Höhe vergessen wurde. Also losgerissen fürs Erste, zurück auf Anfang und Neustart bei der Brücke, vorbei unterhalb der Kirche und im Bogen durch den Ort. Am Himmel sorgen die Wetterlage und allerlei Flugzeuge für breitzerfranste Kondensstreifen, die einen kathedralenhaften Bogen über die goldglänzende Spitze der Kirche schlagen, während noch einiges höher ein Flugzeug für Nachschub sorgt.

Der Finowkanal bei der Stecherschleuse
Der Finowkanal bei der Stecherschleuse

Voraus kommen die beiden Schiffshebewerke in Sicht, das eine filigran aus stählernem Gebälk, das andere kompakt und leicht futuristisch aus Beton gebaut. Gleich darauf zweigt links diskret ein Weg ab, der vorbei an niedrigem Gebäum auf die Höhe führt. Die Aussicht liegt nicht viel höher, doch sie ist weit und panoramisch und verlangt nach einer Pause.

Der Abstieg unterhalb der Kirche bietet zum ersten Mal dieses Gefühl von lieblichem Mittelgebirge, das sich bei den oderländischen Übergängen zwischen bewegten Moränenhöhen und dem flachen Oderbruch an so vielen Orten einstellt. Bei Reitwein am gleichnamigen Sporn oder mitten in Lebus, gleichermaßen in den ausgedehnten Mini-Gebirgen rund um den Sprungschanzen-Ort Bad Freienwalde. Dazu gehören auch zahllose Bachtäler mit ihren glasklaren Wässerchen, jedes für sich von einer naturverliebten Romantik, die einem das ferne Wort „Entzücken“ mal wieder ins Gedächtnis ruft. Für Leute, die auf Fakten stehen, verweise ich auf eine mögliche Tour gleich um die Ecke bei Oderberg, die bei einer Länge von vierzehn Kilometern auf reichlich 300 Höhenmeter kommt und passabel als Vorbereitung auf einen Urlaub in den Bergen taugt.

Am westlichen Ende des Dorfes, Niederfinow
Am westlichen Ende des Dorfes, Niederfinow

Zum dritten Mal an der Zugbrücke, betreten wir zum zweiten Mal den Uferpfad, dessen Wiesen jetzt nicht mehr frostig weiß kandiert sind, sondern saftig grün und triefend nass. Das Gegenufer liegt noch komplett unter Kristall und wird das auch den Rest des Tages beibehalten. Zu beiden Seiten des Tals erheben sich gut sichtbar die Flanken des Finow-Taldurchbruches. Den gibt es in dem Sinne nicht, doch einen solchen Namen hätte diese eindrucksvolle Landschaft verdient. Drüben auf den Weiden grasen Pferde, scheinbar weit entfernt, wie hinter Dunst. Ein Eisvogel flitzt kurz über dem Wasser entlang, genau über der Kanalmitte. Sicherlich mit guten Grund. Hinter den Höhenzügen erhebt sich lautstark eine Schar von Kranichen über das Oderbruch, die immer noch größer wird und lauter.

Die Straße nach Stecherschleuse führt direkt vor dem Hang entlang und ist fast frei von Verkehr, so dass hier entspannt getrödelt werden kann. Nicht getreidelt hingegen, denn kleine Pfade, die noch vor ein bis zwei Jahrzehnten direkt am Ufer verliefen, sind in Vergessenheit geraten und dornig zugewachsen, bilden nunmehr schöne Zufluchtsorte für allerlei Getier. Immer wieder gibt es kleine Zuflüsse, teils von Rinnsalen, deren Quelle keine 500 Meter liegt von hier.

Filigrane Baumkronen am Kanal, bei Försterei Kahlenberg
Filigrane Baumkronen am Kanal, bei der Försterei Kahlenberg

Stecherschleuse

Hinter der Stecherschleuse, einem Bauwerk, das trotz moderner Überarbeitung noch immer wirksam Historie ausstrahlt, steht am Wasser eine Rastbank. Die kleine Bucht vor den winterfesten Schleusentoren ist unbewegt und hat Eis angesetzt, schon stark genug, um die dickste Katze des Dorfes zu tragen. Direkt hier beginnt ein wunderbarer Pfad, der eine halbe Stunde im Genießerschritt direkt dem Ufer folgt. Das verlangt eine Entscheidung, denn die Dorfstraße unterm Hang hat auch ihren Reiz. Und erhält den Zuschlag, dieses Mal.

Die Häuser sind hier noch dichter an den Hang geschmiegt und werden nach und nach weniger, bevor am Ortsrand die Straße endet und sich zwiegespalten fortsetzt als asphaltiertes Fahrrad-Band im Rahmen der über tausend Kilometer langen Tour Brandenburg. Parallel verläuft auf sandigem Waldboden ein gemütlicher Fahrweg. Am Waldrand stößt von links der Zubringer vom Uferweg hinzu. Der Tag ist himmelblau und sonnig, und so scheint das Licht im wipfeldichten Nadelwald regelrecht diffus, durchaus wohltuend für den Augenblick.

Die Ragöser Schleuse
Die Ragöser Schleuse

Försterei Kahlenberg

An der Försterei Kahlenberg stehen zwei prächtige Waldhäuser, die herrliche Kulissen für Märchenfilme abgeben dürften. Direkt dahinter geht der Weg in einen pittoresken Bogen, der von Buchen bestimmt ist, vom leuchtenden Laub am Boden und den glatten grauen Stämmen gleich darüber. Noch einmal verläuft er dann direkt am Ufer des Kanals, der schon abendliche Ruhe ausstrahlt, obwohl die Sonne gerade erst ihren Zenit verlassen hat. Doch der liegt eben eher so auf Kniehöhe, wenn es die Zeit ist für Adventskranzkerzen. Das Ragöser Fließ, das kurz zuvor recht keck den Oder-Havel-Kanal unterflossen hat, mündet mit elegantem Hüftschwung ein, und vorn im Blick liegt schon die gleichnamige Schleuse.

Vereistes Schleusenbecken, Ragöser Schleuse
Vereistes Schleusenbecken, Ragöser Schleuse

Ragöser Schleuse

Hier ist eine der schönsten Möglichkeiten, ans andere Ufer des Finowkanales zu gelangen, und auch diese Schleuse atmet gute alte Zeit. Drüben erstrecken sich scheinbar endlose Stoppelwiesen zwischen den Ufern des Kanals und dem Damm der eingleisigen Bahn. Gleich dahinter beginnt wieder schönes Hügelland voller Wald, mit ausgestreckten Taleinschnitten.

Einen Sohn mit seinem Vater und einer kniehohen Promenadenmischung in weiß-geschecktem Kurzstrupp zieht es förmlich hinaus in diese Weite der breiten und schmalen Halme. Man kann es gut verstehen, zumal die tiefstehende Sonne den langen Talgrund in ein spezielles Licht taucht und den Schatten manchen Grasbüschels auf dem benachbarten zu einem kleinen Schauspiel geraten lässt. Zudem greift schon der Filter des flachen Winkels, entfacht weit im Westen ein Glutlodern am Himmel und startet damit ein berauschendes Schauspiel des langwelligen Lichtes. Das klingt dick aufgetragen, doch es trifft die Sache.

Weg durch die Wiesen, unweit der Ragöser Schleuse
Weg durch die Wiesen

Schön an dieser Szene mit Vater und Sohn ist, dass es so aussieht, dass beide vollkommen offline unterwegs sind. Sowohl technisch als auch gedanklich. Da schwimmt keine Besorgnis mit, eine wichtige Nachricht zu verpassen oder irgend etwas Neuestes erst als Zweiter oder Dritter zu erfahren. Die beiden sind einfach zusammen losgezogen, das letzte Licht des Tages auszunutzen und werden dies wahrscheinlich bis ins Letzte auskosten. Sicherlich mit Taschenlampe in der Hosentasche. Der Gescheckte springt voran, tritt manchmal daneben im hohen Kraut und schaut sich in regelmäßigen Abständen um, ob die beiden auch hinterherkommen. Das tun sie, tiefenentspannt, mit weit geöffnetem Geist. Und schaufeln dabei unbemerkt Wahrnehmungen fürs Langzeitgedächtnis.

Ein leicht verwachsener Weg lockt strohig mitten über die durchfeuchteten Wiesen, auf welchen jedoch den größten Teil des Jahres schweres Weidevieh seine Fladen absetzt. Der ausgeschilderte Wanderweg, der auch das Eberswalder Zentrum flankiert, führt direkt unterhalb des Bahndammes entlang, auf dem jede Stunde ein Züglein vorbeieilt. Hier betreten wir jetzt nicht nur den Rückweg nach Niederfinow, sondern zugleich den frostigen Teil der Tour. Die Talflanke liegt nach Norden und erhebt sich ziemlich direkt und teils hoch bewaldet, so dass hier den ganzen Tag und noch viele weitere kein Sonnenlicht hinkommen wird. Alles ist von frostigen Kristallen bedeckt, was insbesondere bei den sachlichen Halmen des Ginsters wie teure, durchaus reizvolle Designer-Kunst aussieht. Fürs Foto war das Licht leider zu knapp.

Abendbrotzeit im kühlen Seitental
Abendbrotzeit im kühlen Seitental

Während unser Blick auf die grüne und farbensatte Hälfte des Tages fällt, führen unsere Schritte hier durch eine fast monochrome Winterlandschaft, ein frostiges Schattenreich aus dunklen Stämmen und weißem Ast- und Halmwerk, denn die Sonne ist nun endgültig hinter den Hängen versackt. Man ist bestrebt, äußerst flach zu atmen, um dieses stille Reich bei nichts zu unterbrechen. Wieder mischen sich zahlreiche Mittelgebirgs-Impressionen ins Bild, auch hier auf der anderen Seite des Kanal-Tales. Oben im letzten Licht steil aufragende Kuppen mit hochgewachsenen Kiefern, unten am Hang altgewachsene Eichen, die den Weg als Waldrand begleiten.

Frostiger Weg am Nordhang
Frostiger Weg am Nordhang

Wir queren ein kleines, reifweißes Seitental, das vom Walde her aussieht wie eine zugefrorene Fjordbucht. Noch eins von diesen glasigen Bächlein kommt von der Höhe und strebt weiter hinab ins Tal, den verbliebenen Höhenmeter bis zum tiefsten Punkt. Die folgende Ausbuchtung nimmt der Weg komplett mit. Hier stehen zwischen allerhand Strohrollen Kühe, denen in nächster Zeit keine Gefahr durch Sonnenbrand droht. Sie stehen still und sparen jetzt schon Energie – da scheint ein Wildnis-Gen noch seine Arbeit zu verrichten, ein letzter Rest vom sagenhaften Auerochsen. Andere stecken einfach ihren Kopf tief ins verdichtete Stroh und arbeiten sich vor zum wohlschmeckenden Kern der Rolle. Ein Kälbchen steht bestens windgeschützt unter einem strohbepackten Hänger und ist dort nicht alleine. Gegenüber in den Häusern gehen die ersten Lichter an.

Die weiße Tageshälfte im Abendlicht
Die weiße Tageshälfte im Abendlicht

Zuletzt schwenkt der Weg direkt nach Osten und gestattet damit einen weiten Blick auf das Spektakel, das der Abendhimmel von der Kette lässt. Die Wege und Wiesen sind noch stärker bereift, da die Talflanken hier noch steiler aufsteigen. Das Zusammenspiel von weißer Natur und flammendem Himmel sorgt dafür, dass wir nicht gut vom Fleck kommen, uns immer wieder umdrehen. Obwohl es langsam Zeit wird anzukommen, denn bald schon wird es zappenduster sein.

Die elektrische Befeuerung des Sportplatzes am Rande des Ortes vermeidet ungelenkes Tappen, und einen Schwibbbogen und ein Lichterbäumchen später stehen wir schon am Bahnhof. Dank zweier Kannen Thermostee nicht durchgefroren, sondern wohltemperiert. Und tagesmüde. Jetzt muss schnellstens Energie her.

Letztes Licht auf dem Dorf, Niederfinow
Letztes Licht auf dem Dorf, Niederfinow

Da passt es gut, dass nur eine Bahnstation weiter in Eberswalde der dortige Weihnachtsmarkt stattfindet, heute den achten von zehn Tagen, also schon gut warmgelaufen. Den Rahmen gibt die gekonnt ausgeleuchtete Kulisse von Rathaus und fachwerklichen Markthäusern, etwas oben von der Seite steuert der Kirchturm ein paar dezente Lichter bei. Hier gibt es neben herzigen Angeboten für Kinder und einem kleinen Bühnenprogramm vorrangig Spezereien für Gaumen und Kehle, solche für sofort und andere zum Verschenken. Der marktansässige Traditionsbäcker backt in Echtzeit Brot, und auch das regionale Handwerk ist vertreten.

Motorloses Karussell, Weihnachtsmarkt Eberswalde
Motorloses Karussell mit stromloser Musik, Weihnachtsmarkt Eberswalde

Verdienter Blick- und Lauschfang ist ein Karussell aus Omas Tagen, in dessen unrotierter Mitte musiziert wird, mit Akkordeon und großem Kontrabass. Drum herum fahren von Hand gehalten und von Bein bewegt Kaffeehaustische mit Biergartenstühlen, festgeschraubt und gut gebucht. Gleich daneben der kleine Spalierwald ist großzügig bestückt mit bunten Kugeln, am Stand dahinter gibt es feine Eberswalder Würstchen in allen Varianten. Friedlich ist es hier und schön, gut besucht und das Gedränge nicht zu dicht. Das Karussell gönnt sich gerade eine Pause, die Instrumente ruhen aus. Über all dem hängt eine zerbrechlich dünne Mondsichel und stellt für einen Augenblick die Wirklichkeit in Frage.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Gesundbrunnen über Eberswalde (ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (Ausfahrt Finowfurt/Eberswalde) oder über Land auf der B 158/B 168 (jeweils ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (bis auf Weglassen des östlichen Kringels keine Abkürzung möglich)

 

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken, dann „Speichern unter…“)

 

Links:

Ortsinformationen Niederfinow

Ortsinformationen Stecherschleuse

Artikel zum Finow-Kanal (Märkische Oderzeitung)

Informationen zum Finow-Kanal (PDF)

 

Einkehr: Forellenhof (Fischrestaurant, Imbiss und Laden), Ragöser Schleuse

div. Gastronomie bei den Schiffshebewerken (nordöstlich des Ortes)

 

 

Ausgeschweift – Leegebruch: Hauszeichen, kleine Strände und der lange Weg zur Havel

An manchen Tagen, bevorzugt an etwas graueren, steht der Sinn nach Touren von einer gewissen Sprödigkeit – aus unbekanntem Grunde. Vielleicht ja aus Wegesammel-Leidenschaft und Freude am Vervollständigen. Oder aus Neugier auf Gegenden, die kaum jemand durchstreift. Vielleicht auch aus verschmitztem Trotz, die Motive eben dafür zumindest teilweise zu widerlegen. Lässt sich nicht fast überall irgendetwas Schönes entdecken – oder etwas Spannendes, und ist denn das Spannende zwangsläufig immer kantig?

Im vorliegenden Fall lag der Hauptteil der Neugier auf der weiten Fläche zwischen Oranienburg und Leegebruch, die sich entlang des Oranienburger Kanals zieht, gleich nördlich vom ewig hektischen Band des Berliner Rings. Auf Karten, die nicht viel älter als zehn Jahre sind, gehörte diese Landschaft zum einen dem Moorgraben, der ohne Hast aus den Wäldern bei Germendorf daherkommt, und zum anderen einem Flugplatz, der zu kaum einer Zeit seines Bestehens ein Ort der Öffentlichkeit war und verschiedene Runden der Geschichte kommen und gehen sah.

Herbstliche Siedlungsstraße in Leegebruch
Herbstliche Siedlungsstraße Karl-Marx-Straße in Leegebruch

Oft haben diese spröden Touren mit schnell befahrenen Straßen zu tun, mit Stadtrand und großflächigem Gewerbe, dichtem Gewirr von Oberleitungen aller Voltstärken und einem durchgängigen Lärmpegel, der für viele Ausschluss-Kriterium für einen erholsamen Spaziergang wäre. Völlig zu recht. Diesem letzten Kriterium lässt sich unter Beachtung der Windrichtung ein wenig von seiner Schlagkraft nehmen. Eine stark befahrene Schnellstraße kann windabgewandt fast lautlos sein, selbst wenn sie nur einen beherzten Steinwurf entfernt verläuft. Das bietet einen Hauch von Amusement, wenn Fahrzeuge etwas gereizt kurz vor der eigenen Nase vorbeirasen und dabei nicht zu hören sind. Ähnlich wie stark und wichtig mimende und gestikulierende Talkshow-Gäste im Fernsehen, wenn man den Ton stummschaltet.

Ganz davon abgesehen kann aber im Rahmen einer solchen Tour der Fokus unerwartet verrutschen und in der Nachschau etwas völlig anderes einprägsam bleiben, die trotzige Erwartung quasi überrumpelt werden. Manchmal sogar gänzlich frei von den angenommenen Ecken und Kanten, sondern bunt und unterhaltsam, trotz grauen Wetters.

In Fall von Leegebruch waren das einprägsame Siedlungshäuser, die nach späten 1930er oder frühen 1940er Jahren aussehen und sich ausgehend von der Hauptstraße in langen Reihen nach Norden und Süden erstrecken. Diese Hauptstraße bildet ganz klar das Herz des Ortes und verfügt über ein hervorragendes Konditorei-Café, eine ebendort beginnende höhergelegte Ladenzeile zu beiden Seiten der Straße und etwas abseits einen kleinen Ruheplatz, der von überdachten Arkaden umgeben ist. Am anderen Ende gibt es noch eine gemütliche Kneipe. Leegebruch erscheint lebenswert und sympathisch und als Ort, dessen Charme am besten zu Fuß zu entdecken ist.

Herbstlicher Querpfad in Leegebruch Nord
Herbstlicher Querpfad zum Mittelweg, Leegebruch Nord

In der Draufsicht passt der Vergleich eines Libellenkörpers ganz gut auf das ausgedehnte Dorf mit seinen Siedlungsstraßen, wenn diese westöstlich verlaufende Hauptstraße der Rumpf ist und die länglichen Flügel mit ihrem feinen Statikgeäst die stets leicht gekrümmten Straßen mit ihren Häuserreihen und den Querpfaden. In letzter Zeit kamen noch weitere Wohngebiete dazu, so dass es sich derzeit eher in Richtung Schmetterling entwickelt.

Charakteristische Siedlungen gibt es in vielen Orten und Städten in Brandenburg und auch sonst im Lande. Meistens entstanden sie direkt im Kielwasser großer Industriebetriebe, und fast jede von ihnen trägt recht deutlich eine eigene Handschrift. In Ludwigsfelde steht südlich der Autobahn eine eindrucksvolle Siedlung aus dunklen Holzhäusern für die damaligen Beschäftigten des Daimler-Werkes. Das ganze innere Eisenhüttenstadt in seinem imposanten Zuckerbäckerstil wurde für die Belegschaft des Eisenhüttenkombinates aus dem Boden gestampft, die seinerzeit aus allen Winkeln der DDR verlesen wurde. Vor den Toren von Eberswalde gibt es in Finow am Kanal die Messingwerksiedlung mit ihrem markanten Wasserturm, und selbst im kleinen Oderberg findet sich eine dieser besonderen Häuserrreihen. Ich glaube jedenfalls, dass es Oderberg war, doch es ist schon eine ganze Weile her. In der Tat war es dann doch Havelberg, wie Nachforschungen ans Licht brachten – doch da gibt es ja zumindest vom Wort her eine hohe Analogie zu Oderberg.

Markante Siedlungen in Berlin sind neben der bekannten Britzer Hufeisen-Siedlung das Märchenviertel in Friedrichshagen oder die Tuschkasten-Siedlung in Bohnsdorf, man kann in dieser Hinsicht jedoch auf dem ganzen Stadtgebiet viel entdecken. Wem es also Spaß macht, solche stadtplanerischen Unikate zu durchstreifen und Häuser und Gärten zu bestaunen, der braucht Leegebruch gar nicht zu verlassen, kann trotzdem ein bis zwei Stündchen an der frischen Luft unterwegs sein und dabei angemessen unterhalten werden.

Siedlungsstraße An den Schlenken in Leegebruch
An den Schlenken in Leegebruch

Unter den zahlreichen Besonderheiten der Siedlungen in Leegebruch stechen besonders die schönen und vielfältigen Hauszeichen hervor, die viele der Häuser an ihren Wänden tragen. Unter anderem sind das Zunftzeichen, Pflanzen und Tierkreiszeichen, jeweils etwa so groß wie ein Kellner-Tablett und fester Bestandteil des Mauerwerks. Streift man zu Fuß umher, sind besonders willkommen auch die zahlreichen Schleichwege, die ohne festes System zwischen den Häuserreihen oder auch parallel zu den Haus- und Gartenreihen verlaufen, meist grün und verkehrsfrei. So kann sich treiben lassen, wer das möchte, endlose Kringel und Schlaufen gehen und immer wieder Neues entdecken. Oder den Ort mit seinen Straßen ganz strukturiert aufrollen und die unterschiedlichen Gestaltungen der weitgehend baugleichen Häuser studieren. Langweilig sehen diese an keiner Stelle aus. Auffällig ist weiterhin, dass der zweite Teil des Ortsnamen im Ortsbild stets präsent ist – überall ziehen sich trockene und nasse Gräben durch die Siedlungen, so dass niemand mit feuchten Kellern Probleme haben sollte.

Noch vor etwa hundert Jahren war Leegebruch nicht viel mehr als ein Hof und hatte vordergründig mit königlich-preußischem Pferdenachwuchs zu tun, der auf seinen Wehrdienst mit dem zu erwartenden Radau vorbereitet wurde. Bis zum Einzugstermin dürften die Bemähnten es dort ganz schön gehabt haben, mit viel Auslaufplatz und saftigen Weiden.

Die Antwort darauf, wie in wenigen Jahrzehnten aus so wenig so viel wachsen, aus einem Gehöft eine Dorf so groß  wie eine Kleinstadt entstehen konnte, liefert recht verschwiegen das weite Gelände, das heute zwischen der Oranienburger Umfahrungsstraße und dem Oranienburger Kanal liegt.

An Oranienburger Kanal auf Höhe der Flugzeughalle, Oranienburg
An Oranienburger Kanal auf Höhe der Flugzeughalle, Oranienburg

Hier bauten die Heinkel-Werke in der Zeit des Dritten Reiches eine Fabrik für Kampfflugzeuge mit angeschlossenem Flugplatz. Damit die aus dem ganzen Land herbeigeholten Fachkräfte untergebracht werden konnten und auch gerne blieben, wurde in nur wenigen Jahren der Ort komplett neu entwickelt – inklusive Ladenstraße, Gemeinschafts- bzw. Kulturhaus und den direkt angebundenen Wohnsiedlungen. Die Häuser waren modern und komfortabel ausgestattet und konnten per Abzahlung erworben werden, samt Grund und Boden. Jedes hatte einen Garten von ordentlicher Größe, in den meisten Fällen vorn mit Zugang zum Haus und separater Hinterpforte im Garten. Da die Häuser über hunderte Meter von identischer Bauart waren, halfen die Hauszeichen sowohl den heimkommenden Schulkindern als auch feierabendlichen Arbeitern mit bierseliger Orientierung, nicht an ihrem Haus vorbeizulaufen oder den Schlüssel in eine fremde Türe stecken zu wollen.

Der erwähnte Moorgraben, bei Leegebruch schon deutlich zu breit zum Überspringen, ist übrigens der winzige Beginn dessen, was später unter dem erhabenen Namen Großer Havelländischer Hauptkanal bis zum Unterlauf der Havel bei Hohennauen reicht, weit im Westen von Brandenburg. Knapp hundert Fließ-Kilometer von hier, ganz kurz vor der Grenze nach Sachsen-Anhalt. Und das nicht erst seit hundert Jahren – dreihundert kommt eher hin, denn verantwortlich für den langen Kanal zeichnete der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. Das späte Zusammentreffen mit der Havel wirkt ein wenig kurios, wenn nicht sogar schrullig, schaut man auf die Karte und sieht die Havel schon hier im benachbarten Oranienburg vorbeiziehen. In kaum zwei Kilometern Luftlinie.

Herbstlicher Radweg entlang des Oranienburger Kanals, Oranienburg
Radweg entlang des Oranienburger Kanals, Oranienburg

Der junge Moorgraben zieht sich in unbeschwerten Biegen relativ diskret durch das Acker-und Wiesenland, das er maßgeblich mitgeprägt hat. Samt dem alten Legebruch, das wie erwähnt auch als heutiges Örtchen Leegebruch in allen Winkeln seine bodennasse Handschrift trägt. Als eine der einzigen über die Jahrhunderte währenden Konstanten hier dürfte er über die Zeiten wenig beeindruckt gewesen sein von all dem, was sich in östlicher Richtung so abspielte, gen Oranienburg. Da kam zunächst der Oranienburger Kanal, um die hundert Jahre jünger als der Große Havelländische und gelegen etwa auf der Mitte zwischen der hiesigen Havel und dem Moorgraben. Wieder hundert Jahre später wurden die erwähnten Fabriken samt Flugplatz gebaut, dessen Start- und Landebahn etwa so lang war wie ganz Leegebruch nach dem Bau der Siedlungen. Der blieb dann eine ganze Zeit, wurde nach dem Krieg von den russischen Besatzern weitergenutzt und verlor erst mit deren Abzug ein paar Jahre nach der Wende seine Funktion. Bis heute verfällt widerstrebend das, was noch übrig ist und bietet einen verlockenden Abenteuerspielplatz für verschiedene Interessen-Gruppen, wenn auch der Zutritt nicht gestattet ist.

Nach der letzten Jahrtausendwende wurde die längst fällige Ortsumfahrung für Oranienburg gebaut, welche fast die komplette Landebahn in ihren Verlauf einbezog. Als Nebeneffekt erhielt Leegebruch eine deutlich verbesserte Anbindung an das Schnellstraßennetz und darüber hinaus seinen eigenen Baggersee mit mehreren Stränden an den gesicherten Ufern im Osten und Süden.

Steg-Schilf-Idyll am jenseitigen Ufer
Steg-Schilf-Idyll am jenseitigen Ufer

Zwischendurch gab es verschiedene Ideen für die Nutzung des verbleibenden Flugplatz-Geländes. Die kurioseste und zugleich exotischste darunter war es, eine Art Chinatown im besten Sinne zwischen Schnellstraße und Kanal aus dem märkischen Sand zu stampfen. Es sollte ein komplett neuer Stadtteil im chinesischen Stil etabliert werden, mit allem Drum und Dran, sogar einem Tempel und einer Miniatur-Ausgabe der Chinesischen Mauer als Schallschutzmaßnahme. Das klingt gleichermaßen romantisch wie pragmatisch. Ob es für die angedachten Bewohner so attraktiv klang, mitten auf dem Acker und fernab einer größeren Stadt, fragt sich bis heute. Und ob das kleine Oranienburg so viel Exotik in dieser geballten Form verkraftet hätte. Oder ganz neu erblüht wäre, was es ja einige Jahre später in Form der Landesgartenschau tat. Die bunten Bilder, welche einem die eigene Phantasie zu Chinatown am Havelkanal vorschlug, haben auf jeden Fall neugierig gemacht. Doch mehr als eine Idee ist nicht daraus geworden, und 2008 war die Sache wieder vom Tisch.

Mitterweile verteilen sich auf dem Areal verschiedene Nutzungen. Ganz im Norden holt sich die Natur nach und nach ihren Raum zurück, dazwischen halten sich neben der großen Flugzeughalle noch einige Nebengebäude und ein Rest der Landebahn. Südlich davon steht mittlerweile ein großes Logistik-Zentrum für Waren des täglichen Bedarfs, direkt angrenzend wird etwas Sonnenenergie geerntet. Noch weiter im Süden hat sich ein Unternehmen angesiedelt, das sein Geld mit Kartonagen und Pappe verdient. Und fast schon an der Autobahn wächst seit etwa zehn Jahren ein neuer Baggersee, der schon erste Badestellen hat, während gegenüber die Bagger tüchtig Material verlagern. Zwischen den beiden Letztgenannten bleibt noch genug Platz für ausgedehnte Spaziergänge über Äcker, Wiesen und entlang von Pappelreihen. Dieser Fakt ist sicherlich dem Wasser zu verdanken, das hier mittels zahlreicher Gräben im Zaume gehalten wird.

Blick über den Leegebrucher Baggersee
Blick über den Leegebrucher Baggersee

Wer also ausführlich durch Leegebruch getigert ist und nach diesen ganzen Eindrücken noch etwas den Kopf ausschütteln und in die Länge und Weite stieren möchte, kann den Ort in Richtung Nordosten verlassen und einen weiten Bogen schlagen, der an heißen Sommertagen auch gut als Badetour funktioniert. Bis zum Oranienburger Kanal gibt es entlang der Straße einen Fuß- und Radweg, bevor man drei schöne und meist schattige Kilometer entlang des Kanales schlendern kann. Einstiegsmöglichkeiten ins Wasser bieten sich alle paar hundert Meter, wenn auch die beiden eigentlichen Strände am jenseitigen Ufer liegen. Wer dann etwas hinter der Schleuse auf Höhe des Wasserwerkes den Kanalweg verlässt, kommt nach zahlreichen Abbiegungen zu den Stränden des Sees bei Leegebruch, der noch auf einen schönen Namen wartet.

Zum Abschluss gibt es noch einen Nachschlag in Sachen Siedlung und Bruchgräben, bevor wieder die Symmetrie-Achse der Leegebrucher Schmetter-Libelle erreicht wird. Dass es hier neben königlich-preußischen Schlachtrössern, nationalsozialistischen Flugzeugfabrikanten und sowjetischen Besatzern noch eine andere Zeit gab, davon kündet die „Straße der Jungen Pioniere“, die sich ihren Namen bis heute erhalten hat. Abgesehen von all diesen überbordenden Seiten der Orts-Chronik macht Leegebruch den Eindruck, als wenn es sich ganz wohl fühlt, so wie es heute ist. Und wir freuen uns schon auf eine baldige Wiederholung des heutigen Wegeknäuels – bei weniger grauem Wetter.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): S-Bahn/Regionalbahn bis Oranienburg, von dort Bus Richtung Hennigsdorf (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Berliner Ring bis Kreuz Oranienburg, dort auf die B 96 und Leegebruch ausfahren

Länge der Tour: 3,5-17 km (im Ortsgebiet Leegebruch beliebig zu variieren); Achtung: bei der großen Runde bei Wegpunkt 42 unbedingt links des Wassergrabens bleiben

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Ortsseite von Leegebruch

Chinatown am Kanal (Spiegel-Artikel)

Chinatown am Kanal (noch ein Spiegel-Artikel)

 

Einkehr:

Bäckerei Konditorei Joachim (am einen Ende der Eichenallee)

Gaststätte Zum Eicheneck, Leegebruch (ggbr. Kulturhaus)

Restaurant Palmenhof (Ringstr. 1)

 

 

Herzsprung: Eichenalleen, weiße Kleider und die unsichtbaren Scharen

Die ersten Nachtfröste kamen mit schnellem Schritt und haben gleich richtig zugeschlagen. Im erwachenden Licht des Tages präsentieren sie lückenlos filigranweiße Landschaften, die übersät sind mit einer unschätzbaren Menge winziger Eisnadeln, keine davon länger als ein Wimpernhaar oder kürzer als der Durchmesser eines Stecknadelkopfes. Es ist ein überwältigendes Bild. So eins, von dem man hofft, es wenigstens einmal im Laufe eines Winters zu erwischen. Dazu bedarf es jedoch einer Konstellation aus frostig klarem Sonnenhimmel, noch jungem Vormittag und nächtlicher Minusgrade, die freie Tage betreffend zumeist am zweiten Argument zu scheitern droht. Manchmal klappt es dennoch.

Stille Eichenallee zwischen Ganz und Ganz Ausbau
Stille Eichenallee zwischen Ganz und Ganz Ausbau

Erfahrungsgemäß passen zu so einem Bild in der Gleitzeit zwischen Herbst und Winter auch weit oben ziehende Formationen großer Vögel, die man zumeist erst hört. Dann den Kopf in den Nacken knickt zur Suche und meistens fündig wird nach einigen Sekunden, meist höher als erwartet. Das hat die gleiche Kraft der Faszination sowohl mitten in der Großstadt als auch über den einsamen Weiten menschenarmer Landstriche, jeweils auf seine Weise. Und stellt unweigerlich klar, dass die kalte Zeit begonnen hat, die mit den knappen Sonnen- und gemütlichen Teestunden.

In Herzsprung
In Herzsprung

Die Prignitz ist landesweit wohl ähnlich bekannt wie zum Beispiel das Hohenloher Land, der Elm-Lappwald oder das Thüringer Holzland – jede für sich besuchenswerte Gegenden mit speziellen Reizen, doch eher von regionalem Ruf. Wer schonmal von ihr gehört hat, verbindet vielleicht teils superlative Begriffe wie „Zugvogel-Paradies“, „am dünnsten besiedelt“, „absolutes Nachtdunkel“ und „östlich der Elbe“. All das ist korrekt, dazu kommen noch zauberhafte Landschaft, große Weite und eine ganze Reihe charaktervoller Städtchen, oft mit historischen Stadtkernen. In diesem Zusammenhang muss ehrlicherweise gesagt werden, dass regionale Tagesausflügler, die von der Prignitz sprechen, meist die Ostprignitz meinen, denn die Reise von irgendwo in Brandenburg oder Berlin in den äußersten Nordwesten Brandenburgs ist schon noch eine andere Entfernungsklasse, fast immer im dreistelligen Kilometerbereich.

Zaun vor Wald am Rand von Herzsprung
Zaun vor Wald am Rand von Herzsprung

Herzsprung

Etwa auf der Mitte zwischen Ost- und Westprignitz liegt, etwas südlich von Wittstock/Dosse, das Örtchen Herzsprung. Beide Ortsnamen dürften Autofahrern geläufig sein, die gelegentlich in Richtung Rostock oder Hamburg unterwegs sind. Ein hübsches Dorf mit guten märkischen Zutaten – es gibt eine Feldsteinkirche auf einem Hügel, ein Gutshaus und einen See sowie allerhand landschaftsgestaltendes Wasser drumherum. Und sogar das Hochhaus am Rande des Ortes, das meist zur Unterbringung landschaftlichen Personals errichtet wurde, in den Jahrzehnten von Hippies, Schlaghosen und Röhrenjeans und sicher auch schon davor.

Am Waldrand bei Herzsprung
Am Waldrand bei Herzsprung

An der Kirche, die souverän auf ihrem Hügel hockt, findet gerade eine Art Subbotnik statt, der jedoch eigentlich gar keiner sein kann, da er ja an der Kirche stattfindet. Der Subbotnik ist ein Begriff aus den Zeiten des Ostblocks. In einem sonnabendlichen Arbeitseinsatz sorgte die Bevölkerung im Orte pflegend und räumend für ein schönes Erscheinungsbild oder zweckmäßige Ordnung, freiwillig und entgeltlos. In der DDR verkam die gute Idee mit der Zeit zu einer Art Pflichtübung, die manchmal auch ohne eigentlichen Sinn oder Nutzen auskam. Wer jedoch nicht dabei gesehen wurde, riskierte Miskreditspunkte, wer besonders eifrig und gut sichtbar teilnahm, konnte der Genehmigung problematischer Anliegen entgegenarbeiten. Heute wird der Begriff hier und da wieder für Arbeitseinsätze wie Frühjahrsputz oder Laubbeseitigung auf Straßen und öffentlichen Flächen genutzt. Davon abgesehen gibt es in letzter Zeit – unter weniger gefärbter Bezeichnung – überall derartige Einsätze, was schön ist und die Wertschätzung jeglicher Altersgruppe am eigenen Umfeld intensiviert.

Eine einsame Brücke später - fast derselbe Wald, fast dieselbe Zeit, andere Ausrichtung
Eine einsame Brücke später – fast derselbe Wald, fast dieselbe Zeit, andere Ausrichtung

Vor dem Gutshaus ruht auf einer großen Waage, mit der sich gut Kartoffelsäcke wiegen ließen, ein kleines Rudel großer Kürbisse, farbenfroh, kältekonserviert und dennoch allmählich in die Knie gehend. In den Vorgärten hat sich trotz kräftiger Sonne an nordorientierten Büschen und Zäunen der weiße Nadelzauber erhalten, der Blumen und Beeren zu bunthäutigen Schneeigeln werden lässt. Das Vieh auf den Weiden atmet Dampfwolken aus, die sekundenlang Bestand haben, und die frühzeitig hochstehende Sonne treibt im Walde eindrucksvolle Spiele mit Wipfellücken, beschlagener Luft und eisigen Kristallen. Zurück in die Wirklichkeit bringt plötzlicher Gegenverkehr am Waldrand – ein Transporter zieht schwer an einem Anhänger voller steinharter Rüben. Der Blick übers Feld ist dunstig, der in den Wald zieht den Blick zu immer neuen Spielen der staubigen Sonnenstrahlen.

Strahlenfächer im Nadelwald zwischen Herzsprung und Ganz
Strahlenfächer im Nadelwald zwischen Herzsprung und Ganz

Zwischen zwei Wäldchen steht auf der Wiese eine Brücke, gänzlich unangebunden. Sie ist breit genug für eine Bundesstraße, in guter Verfassung und umgeben von Fragezeichen. Die eher theoretischen Auffahrten sind erdig, äußerst kurz und bestenfalls für echte Allrad-Fahrzeuge zu bewältigen. Jemand hat dem soliden  Bauwerk zu einem Zweck verholfen und den überbrückten Bereich mit stacheldrahtbewehrten Weidetoren versehen, die so hoch und ehrfurchtgebietend sind, als wären hier zu den Ruhezeiten Mammuts von launischer Natur unterbracht. Das klingt nicht vollkommen unwahrscheinlich, hier zwischen all den Eiszeitlandschaften. Hinweise auf einen verrückten Wissenschaftler gibt es jedoch keine, was ganz angenehm ist.

Hutträger im Moose
Hutträger mit transparenten Untertrikotagen im klammen Moose

In der Tat steht man hier vor einer Art stillem Denkmal, das in dunklen Zeiten gebaut wurde und als Reichsautobahn zwischen Berlin und Hamburg über irgend etwas hinüberführen sollte. Eindrucksvoll ist angesichts ihres guten Zustandes der Fakt, dass die Brücke schon stand, bevor es überhaupt diese Autobahn gab. Und zwar nicht ein paar Jahre vorher, sondern um die vier Jahrzehnte. Die deutsch-deutsche Geschichte hatte für einige Verzögerungen gesorgt und die Autobahn jetzt eher mit Putlitz und Parchim zu tun als mit Pritzwalk und Perleberg.

Feuchter Talgrund bei Ganz
Feuchter Talgrund bei Ganz

Vorbei an der Brücke führt der Weg hin zum feuchten Wiesengrund eines winzigen Baches, der unentschlossen zur Dosse strebt. Der sichtbare Wegverlauf verliert sich bald, also folgen wir den Wasserläufen zum nächsten Hochstand, da zu Hochständen erfahrungsgemäß immer ein befahrbarer Weg führt. Gehen bevorzugt entlang von Maulwurfshügeln, da diese erfahrungsgemäß immer auf trockenem Grund fußen. Das mit dem Hochstand stimmt auch dieses Mal. Enorme Buchen stehen am Damm, der den Weg eine Winzigkeit über den Talgrund erhebt, einige von ihnen sind spektakulär geborsten und lassen nochmals kurz an hungrige Mammuts in übelster Laune denken.

Haus am Waldrand, Ganz
Haus am Waldrand, Ganz

Im Wald wechseln die Baumbestände zwischen lose stehenden Kiefern, dichten Fichtenwäldern und buntbodigen Laubgehölzen. Wipfel und Sonne gestalten an mehreren Stellen imposante Lichtfächer, wie wir sie bisher selten sahen. Viele große Ameisenhaufen residieren am breiten Zubringer, den so ein Waldweg bietet. Nur wenige sind geplündert, und allen gemeinsam ist die absolute Krabbellosigkeit. Die Ameisen haben die wiederholten Bodenfröste zur Kenntnis genommen und sich zur Winterruhe in die tieferliegenden Katakomben zurückgezogen, das Arbeitsjahr beendet.

Weg hinein nach Ganz
Weg hinein nach Ganz

Ganz

Zuletzt führt der Weg über einen goldenen Laubteppich genau auf ein warmes Licht in einem Haus zu, das heimelig am Waldrand liegt und den nördlichen Vorposten des Dorfes Ganz markiert. Im Dorf stehen Ponys auf ihrer Weide, gegenüber hat sich jemand einen zauberhaften Garten geschaffen, in dem die Landlust erfunden sein könnte. Ein Turm täuscht vor, die Kirche zu sein. Die jedoch ist hier eine einfache Kapelle, der Turm hingegen gehört einem der Gutshäuser im Ort, das auf Zuwendung oder eine gute Idee oder beides wartet.

Stiller Alleeweg nach Ganz Ausbau
Stiller Alleeweg nach Ganz Ausbau

Von der weißen Friedhofskapelle führt eine urige und pulssenkende Eichenallee in Richtung Lellichow, die weite Blicke über die Felder gestattet und im Rückblick noch lange das Weiß der Kapelle im Auge behält. Rechts des Weges türmt sich ein mammuthoher Haufen Altholz verschiedenster Stärke, in dem sich ein reges Leben verschiedenster Vögel abspielt, sicher vor magenknurrenden Füchsen, Krähen oder ähnlichen Nahrungskettlern. Bei den Häusern und Wohnwagen von Ganz Ausbau beginnt eine kleine Straße, einige Hühner bringen hier Leben ins Bild, sonst niemand. Dahinter wirft der Waldrand lange Schatten gen Norden, so dass sich eine dicke Reifschicht bis jetzt auf den ungefällten Maispflanzen halten konnte und nun markant ihre Kälte abstrahlt. Wir treten ein in die frostige Hälfte dieses Tages. Von den erhofften und erwarteten Zugvögeln ließ sich bis jetzt niemand vernehmen. Erst jetzt hören wir die ersten drei Kraniche, die sich zwischen den Kiefernwipfeln am Himmel kaum ausmachen lassen.

Diesiger Ackerblick zum Postluch
Diesiger Ackerblick zum Postluch

Lellichow

Die Straße queren wir in Lellichow bei einem vielfältigen Angebot schöner Rastmöglichkeiten, doch ist gerade kein Bedarf. Zudem liegt eine ungewisse Passage voraus, und mit der hat man keine Rastruhe im Bauch, ist eher unrastig. In der Tat sieht es zunächst ganz gut aus, doch dann verschwindet der Weg entlang des klammen Schilfgürtels nach und nach oder ist versperrt von welk gewordenen, querliegenden Bäumen. Es ist ein zauberhafter und uriger Weg, der terrassenartig entlang betagter Eichen verläuft, links unter sich das frostfahle, flächige Schilf. Doch er ist am Verblassen. Viele Quellen entspringen hier, weichen mit ihrem kristallklaren Wasser den Waldboden unberechenbar auf und verbreiten eine leicht archaische Stimmung, hier im verlassenen und lautlosen Talgrund. Über dem Schilf hängen schon erste Nebelschwaden und spielen dieser Impression noch in die Karten.

Im schilfigen Grund des Kattenstiegbaches (NSG Mühlenteich)
Im schilfigen Grund des Kattenstiegbaches (NSG Mühlenteich)

Kattenstiegsmühle

Ohne Wassereinbrüche im Schuh und mit leichtem Aufatmen erreichen wir den nächsten Querweg und ein paar Abbiegungen später die Kattenstiegsmühle, die ein unerwartet reizvolles Ensemble bietet, komplett in Reif gekleidet und mit Kahnhafen, Angelteich und Badestelle. Sowie einer Einkehrmöglichkeit mit schönem Biergarten, die sogar offen hat. Der obere See ist komplett zugefroren, und während hier noch jeder Baumstamm Schatten wirft, verdichten sich weiter hinten schon die Nebel. Um die Mühle rankt sich eine kleine Sage mit Happy End, die Interessierten den ungewöhnlichen Namen erklärt. Wir müssen leider das Tageslicht im Auge behalten, mehr als wir zu diesem Zeitpunkt ahnen, und ziehen weiter ohne frisch gebrautes Heißgetränk.

Bestandsfrost an der Kattenstiegsmühle
Bestandsfrost an der Kattenstiegsmühle

Ein paar Anstiegsmeter bringen neue Wärme unter die Jacke, was durchaus angebracht ist. Oben beginnt eine Allee, abermals kräftige Eichen, und von nun an sinkt die Sichtweite unter vierzig Meter, wird alles bisher Sichtbare geschluckt. Von vorn tönt laut, fast schon bedrohlich eine Unzahl von Gänsen, Abertausend oder sogar mehr. Da sind sie endlich. Doch wir werden sie nicht sehen. Am Campingplatz trinken wir auf einer Bank am Straßenrand den vorletzten heißen Tee.

Eichenallee im aufziehenden Nebel, bei Kattenstiegsmühle
Eichenallee im aufziehenden Nebel, bei Kattenstiegsmühle

Königsberg

Kurz danach beginnt Königsberg. An der ehemaligen Schule staunen wir nicht schlecht. Hier gab es einst ein beredtes Wandrelief im real sozialistischen Stil, doch muss das doch woanders gewesen sein, denn hier steht ein Gutshaus. In der Nachschau finde ich heraus, dass der Plattenbau der Schule an das Gutshaus angebaut war und ohne eine Spur entfernt wurde. Das Gutshaus ist nun wieder unversehrt und kann mit seinen Nebengebäuden eine schöne Ensemblewirkung entfalten, sogar jetzt im dichten Nebel. Das Relief wurde vielleicht an irgendeine Scheunenwand gerettet, wenn sowas geht. Passenderweise vielleicht im Rahmen eines Subbotniks.

Eisbeeren im Vorgarten, Königsberg
Eisbeeren im Vorgarten, Königsberg

Im Zentrum des Angersdorfes liegt die Kirche, ganz leicht erhöht und nebelentrückt. Die roten Beeren in manchen Vorgärten haben sich ihre Eisnadeln bis jetzt bewahrt, bis zur Dämmerung dürfte ihnen an diesem Tage nun keine Gefahr mehr drohen. Auf dem Lychweg verlassen wir Königsberg. Hinter einem kleinen Wasserlauf ist er dann stark zugewachsen und erfordert viel Muskelarbeit für die ohnehin schon müden Oberschenkel. Der Nebel zieht sich immer dichter um uns zusammen. Leicht unterhalb liegt eine Kuhweide, an deren Hang zum Weg dickstämmige Eichen wachsen und veritable Schattenspender für das Vieh abgeben, wenn er wieder mal gebraucht wird, der Schatten. Zur Zeit sind weder Vieh noch Schatten da, noch ein Bedarf dafür.

Schemenhafter Kirchriss im letzten Licht, Herzsprung
Schemenhafter Kirchriss im letzten Licht, Herzsprung

Am nächsten Wald gibt es wieder klare Wege und das Tagesziel in guter Griffweite. Hier ist es schon recht dunkel, was die weiß kristallisierten Spinnennetze zwischen Halmen und Zweigen um so atmosphärischer wirken lässt. Ein Beweis mehr für die enorme Belastbarkeit von echtem Spinnengarn, so schwer, wie sie da hängen, wie Colliers. Hinterm Wald liegt passend dazu ein weiß bereifter Acker und wirft das allerletzte Licht des Tages dreifach stark zurück vom Boden. Am kleinen Friedhof erreichen wir Herzsprung, in den Fenstern leuchten schon die ersten bunten Lichterspiele. Die Kirche auf ihrem aufgeräumten Hügel ist nur als Schatten wahrzunehmen, sie könnte so auch tief im südwestenglischen Dartmoor stehen, unweit von Baskerville. Zum Glück bellt jetzt kein Hund – das wurde schon beim ersten Haus erledigt, ein paar Minuten früher.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): kaum praktikabel (werktags ca. 3 Std. mit mehrfachem Umstieg, am Wochenende gar nicht)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der Autobahn Richtung Hamburg/Rostock bis Abfahrt Herzsprung (1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 18 km; die Tour in der Karte hat wegen einiger Unwägbarkeiten größere Abweichungen zur beschriebenen; Weg über die zeitweilige Viehweide Wegpunkte A1-A5, verblassender Weg bei Lellichow Wegpunkte B1-B9; zwischen den Wegpunkten 9 und 10 ist der Weg auf dem Damm leicht verwachsen; zwischen den Wegpunkten 23 und 24 ist der Weg ggf. stark zugekrautet

“ file_color_list=“blue“]

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Ortsinformationen zu Herzsprung

Einsame Brücke auf dem Acker bei Herzsprung

Kattenstiegsmühle

Ortsinformationen zu Königsberg

 

 

Einkehr: Kattenstiegsmühle (mit schönem Biergarten; keine eigene Erfahrung)(ganzjährig, im Winter nur um das Wochenende geöffnet)

 

Grobskizziert – Altlandsberg: Zwei Türme, vier Fließe und die Vorstadt-Eisdiele

Der Oktoberherbst hat es nun auf einmal eilig, trägt scheinbar schon die Novemberbrille auf der knollig-roten Nase. Wenn es nicht gerade regnet, zaubert er hier und da mit dem, was so rumsteht in der märkischen Landschaft. Die dunstige Luft pinselt Stille über die brachliegenden Ackerweiten, ein eben noch sangloser Chaussee-Baum in der Ferne wird durch einen wohlgezielten Sonnenstrahl zur goldgelben Sensation und die ungleichmäßig verstreuten Pferde auf den vielen Weiden des Berliner Umlandes tragen den letzten Schrei in Sachen Pferdejacken, vermutlich aus Paris. Horse couture gewissermaßen.

Herbstlicher Mauerweg am Storchenturm
Herbstlicher Mauerweg am Storchenturm, Altlandsberg

In der Berliner Innenstadt sieht die Sache etwas anders aus. Da braucht es oft hartgesottene Schöngeister oder naturromantische Ultras, um die Schönheiten dieser zeitlichen Jahresregion unter freiem Himmel ausfindig zu machen und zu genießen. Wenn auf grauem Asphalt nasses Laub und weitere Elemente erdtönerne Liaisonen voller Rätsel eingehen. Und genervt zur Stadtgrenze flüchtende Feierabendautos Bordsteinpfützen in dramatischen Wogen auf dem Bürgersteig verteilen, im unklaren Restlicht der klammen Dämmerung. In Bussen und Bahnen kein Blick nach draußen möglich ist, weil die Scheiben dauerbeschlagen sind von all den nassen Jacken. Viele bevorzugen da eher die täglich wachsende Behaglichkeit der eigenen Gemächer, rauschende Heizkörper und großzügig verteilte Teelichte.

Kirche und ???
Stadtkirche und Schlosskirche

Zwei Straßen gibt es in dieser Stadt, die überreich an Haus-Nummern sind – und die beide in starkem Maße ihre einstige Stadthälfte widerspiegeln. Das ist im Westen Berlins die Heerstraße, im Osten ist es die Landsberger Allee. Würden beide um Superlative auf dem Stadtgebiet heischen, käme es bei schneller Betrachtung zu einem klaren 1:1. Denn wo die Heerstraße auf zehneinhalb Kilometern weit über 650 Hausnummern kommt, muss die Landsberger Allee zwar mit 100 weniger auskommen, doch dafür ist sie unter gleichem Namen elf Kilometer lang. Das sind beeindruckende Werte und Umstände, die Berufsanfänger unter den Postboten sicherlich in ausufernde Verlegenheiten bringen können, zumindest in den ersten Dienstwochen.

Mauerweg westlich der Stadt bei den Pferdeweiden
Mauerweg westlich der Stadt bei den Pferdeweiden

Warum die Heerstraße ihren Namen trägt, wurde bereits vor ein paar Monaten kurz unter die Lupe genommen. Die Landsberger Allee nun ist für die meisten Leute, die sie regelmäßig benutzen wollen oder müssen, wohl einfach nur die Landsberger, so wie Einweck-Gläser eben Einweck-Gläser sind oder eine Molle eine Molle, ob mit oder ohne Korn.

Landsberg am Lech ist viel zu weit weg und zudem in völlig anderer Richtung, gleiches gilt für Landsberg bei Halle. Und das an der Warthe dürfte wohl vorrangig älteren Semestern, Geografen oder Heimatforschern geläufig sein. Hier zumindest würde die Richtung stimmen, und zwar ziemlich präzise.

Blick auf die Vorstadt am Berliner Turm
Blick auf die Vorstadt am Berliner Turm

In der Tat ist die Sache viel einfacher und mit einer kurzen Wanderschaft des Zeigefingers auf der Landkarte ergründet – folgt dieser der Landsberger Allee weiter stadtauswärts, landet er auf halbem Weg nach Strausberg schon bald im Städtchen Altlandsberg, das ähnlich nah am Berliner Stadtzentrum liegt wie Bernau oder die Glienicker Brücke.

Mit Bernau verbindet es auch die weitgehend erhaltene Stadtmauer, die sonst im näheren Umkreis Berlins selten zu finden ist. Hauptstadtnahe Stadtmauerreste finden sich noch in Potsdam und auch in Strausberg sowie im ähnlich weit entfernten Nauen, und ein paar Restmeter gibt es auch nördlich der Altstadt von Spandau. Das war’s dann aber auch.

Mauerpfad im Süden der Stadt
Mauerpfad im Süden der Stadt

Altlandsberg

Auf natürliche Weise geschützt war das Städtchen in früheren Zeiten durch sein durchfeuchtetes Umland, was bis heute nachvollziehbar geblieben ist. Da gibt es das Mühlenfließ und das Elsenfließ, das Wederfließ und das Teufelsfließ. Die kommen alle noch recht jung aus dem Dunstkreis der Nachbardörfer herbeischlendert und sorgen dafür, dass es nicht nur westlich und östlich der Stadt nach wie vor recht sumpfig aussieht, was sich auch in einem üppigen und vielfältigen Grüngürtel zeigt.

Im Wiesengrund
Im Wiesengrund

Bevor es die Stadtmauer gab, stand ganz am Anfang eine Burg. In deren Schatten wuchs mit der Zeit die Stadt heran, die dann vor mehr als zwanzig Generationen ihre Mauer erhielt. Wie viele andere Städte brannte auch sie von Zeit zu Zeit nieder, mal wegen personeller Unstimmigkeiten, mal aufgrund von Ungeschicken, und auch die Pest zog mehrmals hier durch und zog ihre Schneise der Vernichtung. Der Burg folgten verschiedene Schlösser, derweilen Fürsten und Könige kamen und gingen. Und noch einiges später ließen beide Weltkriege die Stadt weitgehend verschont. Ein Schloss gibt es mittlerweile nicht mehr, dafür ein wiedererstehendes Gut mit schönem Gutshaus.

Obst der Saison
Obst der Saison

Heute ist Altlandsberg ein charmantes und stilles Städtchen, das zwischen seinen beiden Stadttürmen ein angenehmes Maß von Patina trägt und bestens geeignet ist für wiederholte Ausflüge. Rund um das Gutshaus und die Schlosskirche ist allerlei Schönes am Entstehen, vieles auch schon fertig. Für Freunde zünftiger Gaumenbefeuchtung sind seit Kurzem auch Brauer und Brenner an der Arbeit, verkostet werden kann mit Blick auf hölzerne Fässer oder kupferne Kessel. Das Gutsensemble soll in absehbarer Zeit durch einen barocken und wasserreichen Lustgarten komplettiert werden.

Blick über die Felder Richtung Hoppegarten
Blick über die Felder Richtung Hoppegarten

Die Stadtmauer steckt wie im Schraubstock zwischen zwei länglichen Naturschutzgebieten, die sich von Neuenhagen im Süden bis nach Werneuchen im Norden räkeln. Ihre Grenzverläufe muten an wie abstrakte Skulpturen. Das Ausschwärmen zu Fuß ist entlang der Fließe in alle Richtungen möglich und vor allem lohnend, und das eigentlich zu allen Jahreszeiten. Von Nord nach Süd und auch in Richtung Osten wird es vom Fernwanderweg E11 begleitet, der im Süden ein paar Chancen am Wiesengrund verschenkt. Reizvoll ist das Gedankenspiel, dass dieser von der niederländischen Nordsee kommende Weg in Polen über längere Passagen unweit der erwähnten Warthe verläuft – allerdings ca. 25 Kilometer südlich vorbei am dortigen Landsberg.

Stadtansicht aus dem Süden
Stadtansicht aus dem Süden

Die Natur entlang der Fließe ist üppig und vielfältig, zwischendurch gibt es viel Platz und große Weite. So kann man entlang des Langen Elsenfließes nach Steinau und weiter nach Wegendorf spazieren, wobei robustes Schuhwerk nicht schaden kann, für den Rückweg gibt es schöne Wege entlang des Mühlenfließes und vorbei an den Häusern von Neuhönow.

Steinharte Futterrüben
Steinharte Futterrüben

Oder entlang des E11 auf einer alten Allee zum Stauteich und der steinigen Fischtreppe bei Wolfshagen, wobei es viele Pferde zu sehen gibt. Der zugehörige Rückweg auf dem Radweg entlang der Landstraße führt in diesem Fall am Scheunenviertel vorbei zum runden Storchenturm, wo es eine schöne Einkehrmöglichkeit gibt mit kalkweißen Gewölben, direkt an der Stadtmauer und einer einladenden Allee.

Am Grund des Wederfließes
Am Grund des Wederfließes

Nach Süden schließlich lockt der breite Wiesengrund mit seinen alten Bäumen, der vom Mauerrund auf einem alten Bahndamm zu erreichen ist, auch hier mit einer prächtigen Allee. Wer mehr Auslauf benötigt, kann sich treiben lassen und einen weiten Bogen über das nördliche Fredersdorf schlagen, der von der Geschäftigkeit der Umgehungsstraße kaum gestört wird.

Knorrige Weidenopas auf der Pferdewiese
Knorrige Weidenopas auf der Pferdewiese

Der Weg um die Stadtmauer passt gewissermaßen in eine Hosentasche. Wer mit Kindern nach Altlandsberg kommt, ist bestens bedient mit diesem kleinen Oval, was auch für sonstige Genießer oder temporäre Faultiere gilt. Hier gibt es Pferdeweiden und ein plätscherndes Bächlein, Zauberwälder und reichlich Stoff für ausgedachte Geschichten über die vielen Pforten in der Stadtmauer. Sowie ganz im Norden und ganz im Süden des Mauerverlaufs zwei schöne Spielplätze, einer an einem Teich und einer in einer Senke des Mauergrabens. In diesem Zusammenhang gut zu wissen ist auch, dass es in Sichtweite des eckigen Berliner Turms eine Eisdiele gibt, eine richtig gute alte Eisdiele mit viel Potential für Jugenderinnerungen. Und Waffeln in Muschelform.

Herbstliche Pferde am Reiterhof nördlich der Stadt
Herbstliche Pferde am Reiterhof nördlich der Stadt

Das übrigens ist – zumindest in den Tagen des Sommers – auch die Empfehlung für solche, denen selbst das Umrunden der Stadtmauer noch zu aufreibend im Ohre klingt: einfach ein Eis holen, sich auf eine der vielen Bänke setzen und gucken, wer so guckt. Daran kann nichts Falsches sein.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn bis Hoppegarten, dann weiter mit dem Bus (ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der Landsberger Allee stadtauswärts über Hönow (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 12,5 km (Abkürzungen sehr gut möglich)

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Tourismus Altlandsberg

Seite des Heimatvereins mit vielfältigen Informationen zur Stadt

Schlossgut und Tourist-Information (auch Brauerei/Brennerei)

Traditionsreiche Eisdiele Altlandsberg (geöffnet Mitte März-Mitte Okt.)

 

Einkehr:
Armenhaus Altlandsberg (am Storchenturm; gute Küche, gemütliches Gewölbe)
Mühle Altlandsberg (an der Umfahrungsstraße; bisher nicht besucht)
Wirtshaus Alt-Berg (südlich des Berliner Turms)
La Dolce Vita (italienische Küche im Kellergewölbe; bisher nicht besucht)