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Potsdam Südost: Zwei Waldstädte, ein Wolfsrudel und die Herausforderung der Geschicklichkeit

Jeder, der schon einmal dort war, wird es gerne bestätigen: Potsdam ist eine landesweite Spezialität – oder anders gesagt: stellt man sich das Land Brandenburg als gut sortierte Konditorei vor, dann ist Potsdam die Vitrine mit den kunstvoll drapierten und edlen Kleinigkeiten der Confiserie. Hier ist auf überschaubarer Fläche so viel Schönheit, Anmut und Einzigartigkeit versammelt, wie es das so konzentriert nur selten gibt. Das macht die Stadt mit allem, was dazugehört, zu einer Kategorie für sich. Da Potsdam schon immer vor der Haustüre lag, immer schon einfach so da war und noch dazu von überall gut zu erreichen, lässt sich das manchmal leicht vergessen – dieses Besondere.

Entspannter Bär in der Waldstadt

Dabei ist schwer zu sagen, welches das schwerwiegendste Pfund der schönen und sympathischen Stadt ist. Da ist zum einen die Lage zwischen drei einzigartigen Parks, die jeder für sich einen eigenen Charakter tragen und zum Teil über Europa hinaus bekannt sind. Dort stehen über Dutzende Stellen verteilt und gern auch unerwartet Bauwerke in der Landschaft, die so ansehnlich sind und so trefflich arrangiert, dass sie andernorts schon ganz allein ein Ausflugsziel abgeben würden.

Dazu kommt noch die Allgegenwärtigkeit des Wassers der Havel, wie man sie ähnlich gelungen nur in der Stadt Brandenburg findet. Der Fluss umschmiegt Potsdam regelrecht verschwenderisch, und die Uferlinien haben so liebevolle Verläufe, als hätten selbst hier die namhaften Gartenplaner des 18. und 19. Jahrhunderts mit der Natur Hand in Hand gearbeitet und dafür unermessliche, mehr als nur königlich-preußische Budgets gehabt.

Nicht zuletzt und wohl am meisten charakterprägend ist es die einladende Stadt selbst mit ihrer freundlichen Atmosphäre, die auch abseits von pittoresker Innenstadt und Holländischem Viertel stets ein bisschen nach Altstadt aussieht, dabei immer echt und selten nur zugerechtgemacht erscheint. Allein der Eintritt vom Hauptbahnhof über die beiden Havelarme wird auch für regelmäßige Besucher stets besonders bleiben, immer etwas erhebend, wie ein freundlicher Empfang.

Abgesehen davon gibt es auch jenseits der allseits bekannten Areale vieles zu entdecken, was dessen wert und gut zu Fuß erreichbar ist. Sei es nördlich vom Park Sanssouci das Dörfchen Bornstedt mit seinem sehenswerten Gut und bunt-rasselnden Traditionen, oder im Westen des Parks die halbstundenlange, schnurgerade Lindenallee, zugleich die wohl ehrfürchtigste Annäherung an das Neue Palais. Die lässt sich übrigens gut mit dem Erklimmen des Reiherbergs bei Golm verbinden, auf dem es eine schöne Aussichtsplattform gibt nach Westen, auf das Wasserreich der Havel, das dort die Insel Töplitz schafft.

Blick in den herbstlichen Kletterpark auf dem Telegrafenberg, Potsdam

Von den pittoresken holländischen Fassaden im Neuen Garten wiederum ist es nur ein Katzensprung zur russischen Kolonie Alexandrowka, die mit ihren besonderen Häusern und deren bemerkenswerter Anordnung in eine völlig andere, detailfreudige Welt entführt. Und im Osten ist es von der weltbekannten Glienicker Brücke am weiten Havelwasserkreuz nicht weit zum Babelsberger Park. Durch den kann man ins böhmische Dorf Babelsberg spazieren  – wenn man sich nicht zu oft festguckt oder wiederholt im Kreise geht, mit oder ohne Absicht.

Südlich der Stadt gestatten ausgedehnte Wälder stunden- oder tagelanges Genießen von Waldeinsamkeit, von Duft und Stille, und fordern dabei die Beinmuskulatur nennenswert heraus – es geht zur Sache, wenn man es drauf anlegt. Während der westlich gelegene Wildpark noch recht übersichtlich zwischen den Seen der Havel liegt, begleiten die östlichen Wäldereien die Uferlinien bis nach Caputh und Ferch und bleiben auch dann noch lange Zeit geschlossen und dicht. Erst bei Beelitz gibt der Wald wieder Weite frei, was maßgeblich der Nieplitz zu danken ist und ihrem Tal.

Weniger spektakulär und dennoch lohnenswert geht es im Südosten Potsdams zu. Vom Hören bekannte Eckpunkte sind vielleicht der Telegrafenberg, die Waldstadt und der Ortsteil Schlaatz, der sich entlang der Nuthe streckt. Viel Natur ist hier im Spiel, darunter reichlich hügeliger Laubwald auf der Höhe und die flachen Landschaften der Nuthe im Tal, nicht zuletzt auch ein Stück von den erwähnten Parks, die irgendwie dazugehören zu einer Tour bei Potsdam.

Balgende Wölfe, Waldstadt II (zwischen Am Jagenstein und Kiefernring)

Mittlerweile hat der November begonnen und der Herbst ist auf seinem farblichen Höhepunkt angelangt, so dass es bunter nicht mehr werden dürfte und nach und nach die Farben aus dem Landschaftsbild verschwinden. Die Temperaturen, der Regen und der Wind verlangen lückenlos verschließbare Kleidung, und das Tageslicht wird mit jedem Tag sparsamer verteilt. Eine der schönsten und friedlichsten Kampfansagen an die immer kürzeren Tage sind die Laternenumzüge, bunt und vielfältig und überall. Und immer ein Bild des Friedens.

Wer davon abgesehen an klammen Tagen die Kinder vor die Tür locken möchte, findet neben der beliebig variierbaren Tourenlänge noch ein gewichtiges Argument in dieser Gegend: abwechslungsreiche und großzügige Spielplätze, die jeweils die Geschicklichkeit herausfordern und bis ins mittlere Teenageralter noch Interesse wecken dürften.

Potsdam Hauptbahnhof/Templiner Vorstadt

Wer also den Südosten von Potsdam erkunden will, kann damit direkt am Hauptbahnhof beginnen. Die Lage östlich der Havel ist insbesondere bei drohenden Nasswetterlagen von Vorteil, denn die Havel hat ein großes und erwiesenes Talent, dunkle Wolkenwände aufzuhalten. Nicht weit vom Bahnhof beginnt nach dem Queren aller Bussteige und zweier Straßen der Aufstieg auf den Doppelgipfel aus Brauhausberg und Telegrafenberg, letzterer mit seinem halben Dutzend Sternwart-Kuppeln, darunter auch der märchenhafte Einsteinturm. Auf halber Höhe schon löst der Wald die Häuser ab und lockt mit kleinen Pfaden in den herbstlich gelben Abgrund, denn nach links fällt der Hang steil ab und lässt erahnen, wie weit eine Aussicht reichen würde.

Gut gelagerter Findling in der Waldstadt II

Dem auf die Spur gehen lässt sich bodenfern schon drei Minuten später, denn hier wartet mit dem Kletterwald eine schöne Option, den Rest des Tages zu verbringen – selbst wenn die Kinder doch lieber zu Hause geblieben sind. Ansonsten kann sich die ganze Familie in die Seile hängen oder zum Teil auch unten bleiben – wer nicht klettert, vom schwingungsfreien Boden lieber Fotos schießt oder sich derweil im Waldbistro stärken will, muss auch keinen Eintritt zahlen. Alle anderen können in die Wipfel steigen und der Option auf Aussicht auf den Grund gehen, unter anderem.

Potsdam Waldstadt

Ist der November bereits fortgeschritten, fällt der Kletterwald in seinen Winterschlaf. Das ist nicht schlimm, denn nach beliebig langem oder kurzem Streifen durch die tausend Pfade dieses Waldes stößt man an den Rand der Waldstadt, die trotz ihrer Plattenbauten eine erstaunliche Behaglichkeit ausstrahlt, ihren Namen ganz zu Recht trägt. Die Wohnblöcke sind lose angeordnet und durchwebt von kleinen Wegen, und es ist immer Wald im Blick, nie nur eine Betonfassade. Direkt bei den Sportplätzen beginnt ein langgezogener Spielplatz, der es mit dem Kletterwald gut aufnehmen kann, noch dazu kostenlos. Überall hier stehen durchweg gelungene Holzfiguren – zunächst milde Waldgeister mit gewagten Frisuren, am kleinen Platz dann eine respektgebietende und zugleich knuffige Familie von Wölfen, denen ein tiefenenspannter Bär fortlaufend zeigt, wie es zugehen soll im Walde. Allein diese Figuren sind den Weg hierher wert, sei es nun über den Telegrafenwald oder von der nächstgelegenen Straßenbahnstation.

Uferweg an der Nuthe bei Schlaatz

Bald darauf geht es weiter auf einem Weg, der vom Charakter her an einen waldnahen Kurpark denken lässt. Kurz vor der Straße Am Moosfenn liegt klein, doch fein der nächste Spielplatz, auf dem unter anderem ein unegaler Findling von der Größe eines Schafes über einem Qualitätslager befestigt wurde. Das Gewicht des Brockens gestattet keine übermäßig schnelle Rotation, und doch ist es eine Herausforderung an die Balance, sich darauf zu halten – ein Platz, an dem man die Sportart Rodeo-Yoga aus der Taufe heben könnte.

Am Waldstadtcenter kreuzt die Straßenbahn, die hier zu beiden Seiten von schönen Spazierwegen begleitet wird, und auch diese geben dem Namen Waldstadt Recht. Die unaufgeregte Trasse dieser Bahn bildet die Grenze zwischen Waldstadt I und Waldstadt II. Schräg gegenüber stoßen wir auf die Gaststätte Zum Keiler und bemerken unsere knurrenden Mägen. Im Inneren erwartet uns keine Zeitreise und auch keine Ostalgie, vielmehr eine authentische Einrichtung, die etwa so alt sein dürfte, wie die Deutsche Demokratische Republik insgesamt geworden ist. Das Interieur wurde damals mit Bedacht ausgewählt, denn alles befindet sich in bestem Zustand. Wer mit Hammer, Sichel und geflochtenem Getreide aufgewachsen ist, dürfte sich mit dem nötigen Abstand auf angenehme Weise erinnert fühlen, wer ohne, kann sich hier ein gutes Bild machen, wie eine Gaststätte seinerzeit ausgesehen hat. Wir haben Glück, dass noch ein Tischlein frei ist, denn heute sind fast alle Plätze für Martinsgans-Esser vorbestellt. Die gute Küche gibt ihnen Recht, nicht nur, was die Gans betrifft.

An der Nuthe kurz vor dem Potsdamer Hauptbahnhof

Von hier aus ist es eigentlich nicht weit zu den Drewitzer Nuthewiesen, die durch den Kontrast zwischen dem nahen Industriegelände und der wasserdurchzogenen weiten Natur faszinieren. Um von der Waldstadt aus in den Genuss dieser Landschaft zu kommen, müsste man jedoch eine mittelgroße Kröte schlucken und zunächst das graue Industriegelände queren. Eine schöne Alternative dazu sind die verschiedenen Arten von Siedlung, welche die offenere Waldstadt I von der Nr. II unterscheiden und durch die sich ein direkter Weg zum Ufer der Nuthe ergibt.

Schlaatz

Der kleine Fluss strömt nach den Regenfällen der letzten Tage zügig seiner Mündung entgegen, die maushohen Wogen sind klar und alle versammelten Enten sehr beschäftigt. Direkt entlang des Ufers führt ein schöner, teils gediegener Spazierweg vorbei am Neubauviertel Schlaatz. Das sieht nun schon eher nach klassischer Platte aus, weniger nach Waldstadt. Am Zuweg liegt erneut ein kleiner Spielplatz mit Geräten, die das Geschick herausfordern – für große und kleine Füße. Im Herzen des Viertels gibt es unterhalb des Rewe-Marktes einen kleinen Marktplatz. Zwischen diesem, den Sportplätzen und dem Jugendklub Alpha liegt der gestaltete Parkstreifen Schlaatzer Welle, und rund um diesen dürfte wohl der Puls dieser Wohnstadt schlagen.

Schnittstelle zwischen Potsdam, Dorf Babelsberg und dem gleichnamigen Park

An den Wegen von der Nuthe und wieder zurück liegen neben dem erwähnten drei weitere Spielplätze, am Uferweg selbst harren herausfordernd amtliche Sportgeräte wie Reck und Barren. Dort am Ufer setzt sich der grüne Weg fort, oft schattig und bis zum Gleisgewirr, das dem Potsdamer Hauptbahnhof vorgelagert ist. Bis dorthin zeigt die Nuthe dem beständigen Rauschen der nahen Schnellstraße die kalte Schulter und lenkt die Wahrnehmung vom Ohr aufs Auge, das hier abwechselnde über Ufernatur und allerhand undurchdringbare Feuchtgebiete schweifen darf. Ganz zuletzt liegt auf der linken Seite still ein Weiher, beliebt bei Enten, Gänsen und dem hiesigen Graureiher. Angesichts des Wassers zu beiden Seiten kann auf diesem Wegstück durchaus ein kurzer Gedanke an den Spreewald aufflackern.

Portal in den südlichen Babelsberger Park

Der nächste knappe Kilometer geballten Verkehrsraums schleudert einen mit allerhand Asphalt, Schienenstahl und Rohrleitungen hart in die Stadt zurück und gleicht einem Tänzchen mit der Nutheschnellstraße – erst hin und hoch zu ihr, dann Aug in Aug und drunterdurch, zuletzt nochmal auf Tuchfühlung, doch nur fast. Und als wäre es nur ein Traum gewesen, ruht der Blick im nächsten Augenblick auf urigen Babelsberger Straßen, gepflastert, mit gemütlichen Häuslein und wunderschön dörflich.

Park Babelsberg

Gänzlich vergessen ist die kurze Grausequenz, wenn man durch das herrschaftliche Portal den Babelsberger Park betritt und sich in einer Märchenfilmkulisse wiederfindet, die gern ein wenig übertreibt. Der freigelassene Blick trifft auf alte Bäume, die gewaltige Kronen ausbilden konnten und mit kräftigen Ästen nach dem Boden greifen. Auf grüne Wiesenhügel und ein entferntes blaues Meer mit Segeln und Gestaden voller Grazie. Und auf Schlösser mit Türmen und Balkonen, Zierbrücken und goldenen Details und auch einen spätherbstlich leuchtenden Bauerngarten mit selbstgeschnitztem Zaun. Was für ein Wechselbad in dieser letzten Viertelstunde!

Bauerngarten im südlichen Babelsberger Park

Hinterm Strandbad steht dann endlich die erhoffte Bank für eine Pause, mit Blick auf die markante Uferlinie der Berliner Vorstadt und den eigenwilligen Bau des Hans-Otto-Theaters, dessen Architekt vielleicht einmal selbst in Sydney war und von fern die Oper sah, umspielt vom Wasser. Ganz im Nordosten ahnt man leise die Glienicker Brücke. Kaum Leute sind jetzt unterwegs in diesem schönen Park. Ein Grund dafür könnte die gewaltige Wolkenfront in dunkelblau am anderen Havel-Ufer sein.

Nach dem vorläufig letzten Kontakt mit der Nutheschnellstraße beginnt der Nuthepark, rund um die Mündung des kleinen Flusses in die große Havel. Die teilt sich genau an dieser Stelle in zwei Arme und schafft damit die Freundschaftsinsel. Direkt gegenüber der Nuthe-Mündung steht ein hohes Gebäude in Gestalt einer Kirche, das man mit seinem stählern-filigranen Turm für eine Kathedrale des Mobilfunks halten könnte. St. Smafo – in diesen Tagen keineswegs ein absurder Gedanke. Die Messen wären sicher gut besucht, der Blick gemeinschaftlich gesenkt und jedes Antlitz blass und blau erleuchtet.

Heilgeist gegenüber der Nuthemündung

In der Tat stand hier einmal die Heilig-Geist-Kirche, die es in den letzten Kriegstagen so übel erwischte, dass sie schließlich nach und nach abgerissen wurde – bis nichts mehr übrig war. Nachdem die Stelle über zwei Jahrzehnte brachlag, wurde Ende der neunziger Jahre ebendort eine Seniorenresidenz gebaut. Das prägnante Bauwerk zitiert die Umrisse der Kirche recht genau, inklusive der stählernen Turmspitze, die im urbanen Raum eben zunächst an eine Antenne denken lässt.

Nach dem überdachten Steg über das Nuthe-Finale verlaufen die letzten Schritte zurück zum Hauptbahnhof mit direktem Blick auf die Freundschaftsinsel. Das macht neugierig, und so steht jetzt schon fest, womit der nächste Potsdam-Tag eröffnet werden wird. Sicherlich bald schon.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit S-Bahn oder Regionalbahn nach Potsdam Hbf. (ca. 30-45 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise gemütlich über die B 1 oder schneller über Avus und Nuthe-Schnellstraße (45-75 Min.)

Länge der Tour: 14 km, mittels ÖPNV beliebig verkürzbar; Kletterwald bei Wegpünkt 4 (ca. km 1), großer Spielplatz rund um WP 16 (ca. km 4), kleiner Spielplatz mit drehbarem Findling WP 19 (ca. km 4,5), Spielplatz für geschickte Füße (ca. km 8, am Abzweig direkt vor den Sportplätzen Richtung Schlaatz gehen), weitere Spielplätze rund um WP 32

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Kletterwald auf dem Telegrafenberg

Potsdamer Ortsteile im Südosten

Informationen zum Park Babelsberg

 

Einkehr:

Bistro am Kletterpark auf dem Telegrafenberg
Zum Keiler, Friedrich-Wolf-Str. 11, Potsdam Waldstadt I
Restaurant Die Meise, Meisenweg 13, Potsdam Waldstadt I
Gartenlokal Zur Gurke, Zur Nuthe 2, Potsdam Schlaatz

Röddelin: Drei Gipfel, zwei Esel und der Besuch bei Tante Erika

Der letzte eigentliche Sommermonat geht in sein Finale, begleitet von so manchen dickbäuchigen, ausdauernden Schwalben und ein paar zeitlich verirrten Meisen, die hier und da irritiert ein Frühlingstönchen rauspiepsen. Souveräner agieren da schon die Krähen, die kühldunstige Morgenluft wittern und von Woche zu Woche mehr Präsenz zeigen über den Äckern und in den Wipfeln. Dass die Schwalben so korpulent sind, liegt wohl am Überangebot draller Mückenleiber, und dass sie überhaupt noch hier sind wohl daran, dass sie für den anstehenden Interkontinentalflug schlichtweg abspecken müssen, damit nötige Reserven und Fluggewicht sinnvoll die Waage finden. Die ersten Gänseschwärme jedenfalls üben schon für langstreckentaugliche Formationen, fürs erste in beliebigen Himmelsrichtungen.

Tief in der südlichen Kleinem Schorfheide

Auf dem Terminplaner für kleine und große Naturereignisse sollte dieser Tage die Erinnerung an die Heideblüte aufploppen. Die hat in diesem Jahr mehr als pünktlich begonnen – anscheinend gab all das Himmelswasser auch diesem Trockenspezialisten mehr Kraft und Tempo. Wer ansonsten in Brandenburg auf Nummer sicher gehen will, wartet in der Regel bis in den September, doch dieses Jahr darf es etwas früher sein.

Was die gepanzerten Heere des Ostblocks in vielen Regionen hinterlassen haben, ist nach mehreren Jahrzehnten und aufwändigen Beräumungsmaßnahmen zu Naturparadiesen ganz besonderer Art gewachsen. Während die Lüneburger Heide eine Art natürliche Kulturlandschaft ist, die unter dem großen Appetit vieler Weidetiere entstand, wurden Gebiete wie diese per Maschinenkraft weitgehend kahlrasiert und plattgemacht, damit ein freies Schussfeld gegeben war. Nach dem Ende von vielzylindrigem Motorengebrüll und verschossener Munition jeglicher Größenordnung blieb erst einmal wüste Weite, viel Schutt und Schrott – und eine große Ruhe. Nur die Anspruchslosesten konnten im narbigen Gelände Fuß fassen und es schließlich zurückerobern, der Landschaft wieder zu einem Gesicht verhelfen. Zu ihnen gehört neben genügsamen Kiefern und schnellwachsenden Birken eben das robuste Heidekraut.

Zustieg zum Gipfel bei Hohenfelde

Da es eine ganze Reihe solcher Flächen gab, ist die Auswahl groß und die Richtung der Anreise frei wählbar. Besonders weitläufig und dadurch eindrucksvoll ist die ferne Reicherskreuzer Heide unweit von Neuzelle, besonders stadtnah und vielfältig die Schönower Heide, die über Bernau per S-Bahn zu erreichen ist und allerlei Tiere beherbergt. Wer in diesem Sinne immer schon mal die Sielmann-Naturlandschaft Döberitzer Heide erkunden wollte, kommt dorthin recht bequem mit der Regionalbahn. Auch der passende Bahnhof Dallgow-Döberitz liegt noch im C-Bereich. Große Vorkommen von Erika hat auch die havelnahe Himmelpforter Heide mit der Kleinen Schorfheide. Letztere lässt sich über das schöne Städtchen Templin erreichen.

Templin

Die relativ übersichtliche, dennoch ausgedehnte Heidelandschaft zwischen dem Großen Beutelsee, der Havel und der havelstrebigen Templiner Seenkette ist zudem eine schöne Gelegenheit, dem zauberhaften Templin einen oder zwei Besuche abzustatten – wahlweise vor oder nach der Tour oder beides. Wer die Stadt noch nicht kennt, hat eine ganz besonders schöne Entdeckung vor sich. Innerhalb der gut erhaltenen Stadtmauer mit ihren Toren lässt sich Templin mit Pflaster unter den Schuhen einmal komplett umrunden – ein Genuss von circa einer halben Stunde. Und wer bisher nur innerhalb dieser Mauern unterwegs war, kann auch jenseits des betagten Walls viel Schönes finden, zum Beispiel auf dem Spazierweg entlang des Templiner Kanals zum Bahnhof.

Über den Dächern von Röddelin

Röddelin

Von Templin ist es nicht weit nach Röddelin, auf dem Märkischen Landweg etwa eine Stunde, mit dem Auto nur ein paar Minuten. Ein schönes, aufgeräumt wirkendes Dorf, in dem ein halbjahrhundertalter zweisprachiger Wegweiser noch an Zeiten erinnert, als die russische Sprache hier eine Rolle spielte. Davon unbeeindruckt steht die kleine Kirche auf dem Wiesenanger. Jede ihrer Türen wurde vor Kurzem frisch gestrichen, und so vermischt sich dieser durchaus angenehme Geruch mit dem typischen Duft alter Feldsteinkirchen, für den wohl grobe Steinböden, betagtes Gebälk und alte Kirchenbänke verantwortlich sind. Der Innenraum ist fast quadratisch und wie die Türen in zarten Blautönen gehalten, unter den Himmel duckt sich eine winzig kleine Orgel. Sie duckt sich wirklich. Trotz eines offenstehenden Fenster es ist so still, wie es nur in solchen Kirchenräumen sein kann.

Ganz am Ende der Straße locken die Seeterrassen zur ersten Pause, doch die Lust auf Landschaft und der Bewegungsdrang sind stärker. Mit Blick über die Dächer geht es schön hinab ins Dorf, wo der Blick in herrlichen Vorgärten hängenbleibt. Jemand hat seiner Familie und sich und sicher auch dem Kind in sich ein farbenfreudiges Domizil geschaffen, das sämtlichen wildromantischen Traumbildern vom wonnigen Landleben gerecht wird, mit Herz und noch mehr Seele. Da fehlt auch nicht der krumme Lattenzaun oder das Baumhaus hoch im Wipfel mit Hängebrücke in den nächsten. Ein Ferienkind aus der Stadt trödelt mit seiner entsicherten Angelrute über die Dorfstraße hin zum kleinen Bach, und ein Papa fährt mit seinem Steppke eine Runde auf dem Chopper, nicht langsam und nicht schnell und selbstverständlich ohne Helm. Vom Sozius strahlt es.

Zwei Esel im Bild, Schleuse Kannenburg

Hohenfelde

Vom Dorfrand führt ein gemütlicher Sandweg hinauf zu den Häusern von Hohenfelde, die nah am höchsten Punkt einer Art Insel liegen. Um von oben die Insellage zu erkennen, sind die Grüngürtel der umgebenden Seen hoch, doch allein das Wissen ist charmant und verhilft zu einem besonderen Gefühl. Wer eine Karte dabei hat, kann es noch verstärken. Eine alte Lindenallee führt von Hohenfelde zurück zum Hauptweg, der auf Höhe einer schönen Uferstelle die Insel verlässt. Ein paar Autos stehen hier, natürlich auch der obligatorische, untermotorisierte VW-Bus sowie zwei Zelte. Dahinter wechselt jetzt die Landschaft, die durchzogen ist von beschilderten Wanderwegen.

Wer es gar nicht erwarten kann, die ersten violett blühenden Rispen unter die Augen zu bekommen, kann auf den nächsten Parallelweg wechseln, der dem Rand des Truppenübungsplatzes folgt. Hier sieht es aus, wie es aussehen soll und eben so aussieht an solchen Plätzen. Ein sandiger Weg mit etwas struppig trockenem Narbengras, drumherum kleine Kiefern aller Größen und auch ein paar Birken, und schließlich hier und da ein Büschel Heidekraut, das selbst unterm Wolkenschatten etwas leuchtet. Von Steinwurf zu Steinwurf nimmt die Zahl und schließlich auch die Dichte dieser Büschel zu – und Heidesucher-Herzen fangen an zu traben.

Gepflegter Schweineacker mit Verschiedenaltrigen, Schleuse Kannenburg

Schleuse Kannenburg

Wieder im Wald und zurück auf dem Hauptweg verlockt bald der Abzweig zur Schleuse Kannenburg. Dort erhoffen wir ein windiges Rastbänkchen am Wasser, vielleicht mit Blick auf das Geschehen an der Schleuse. Stattdessen liegt da unten ein belebter Platz voller Wonne, mit entspannter Atmosphäre und der Option auf Ausschank und ein Mittagsmahl am Wasser. Die Schleuse mit ihrem weiten Wiesenareal taugt ganz allein als Ausflugsziel, wo sich problemlos Zeit verbringen lässt, viel Zeit. Gern auch ganz wörtlich und quasi maßlos in dem exklusiven Ferienhaus mit dem allereinzigsten Ausblick auf den Kleinen Lankensee. Gegenüber des ausgedehnten Schankgartens ruht ein wohlduftender und kühler Bruchwald, der für stetig frischen Mückennachschub sorgen sollte, doch davon ist die erste halbe Stunde nichts zu merken, danach auch nur ein wenig. Ist eben gut besucht, der Garten, so dass die Last verteilt wird.

Grüne Riviera, Schleuse Kannenburg

Mitten durch die vielen Tische, die teils weiß betucht zwischen mächtigen Erlenstämmen am Ufer stehen, spazieren zwei tiefenentspannte Eselchen, die am Grase zupfen hier und da und darauf achten, den anderen stets im Blick zu haben. Auch ein schwarzweißer Lumpi gehört zum Hof, scheint auch ohne Grasen genauso entspannt und streift zügig zwischen allen Tischen herum, ohne jemanden zu berühren. Etwas weiter hinten, gegenüber vom Biwakplatz und dem Spielplatz mit seinem bunten Fuhrpark, wird hinter groben Brettern ausgiebig rumgeferkelt. Auf einem gepflegten Schweineacker tummeln sich hier und da große und kleine Schweine in einem geordnetem Chaos. Dabei sind die Dimensionen der verschiedenen Tiere so unterschiedlich, dass vielfach unklar bleibt, wer Nachwuchs und wer Elternteil ist. Einzig der fordernde Zitzenandrang gestattet klare Unterscheidung.

Geschleust wird hier im reinen Handbetrieb von zwei kernigen Burschen mit leisem Humor, hinauf von Havel- auf Templin-Niveau oder umgekehrt. Ins Becken passt alles, was die märkische Freizeitschifffahrt so zu bieten hat – vom kleinen Faltboot oder Kajak über Motorbötchen bis hin zu großen Motorjachten oder den korpulenten Hausbooten, die ein kleiner Außenborder über den See schiebt. Die Uferseite lässt sich zu den Betriebszeiten der Schleuse wechseln, was von April bis November tagsüber der Fall ist.

Blick vom Aussichtspunkt auf dem alten Bunker, nahe der Havelkurve

Vom Wegekreuz oberhalb der Schleuse besteht die Option, dem Wanderweg zu folgen, man kann aber auch noch etwas oberhalb des Seeufers weiterspazieren. So oder so zeigen sich jetzt öfter und öfter Überreste aus der Zeit des Geschützdonners, sei es nun in Form verrottender Gemäuer oder geborstener Metallrohre. Das stört nicht groß, da die Natur schon weit damit ist, sich all das einzuverleiben. Wieder kommt breiteres Wasser in Sicht, jetzt wirklich die Havel, der wohl vielfältigste Fluss im Land Brandenburg, der mit den unterschiedlichsten Gestalten. Hier fließt sie still durch üppiges Grün und vermeidet über lange Passagen den direkten Weg.

Schleuse Schorfheide

Einige Zeit nach der Schleuse Schorfheide, die nach der Kannenburger regelrecht zurückhaltend wirkt, steht hoch über der Havel eine kleine Aussichtsbank, die es sogar schon ins Fernsehen geschafft hat. Derzeit lässt sich hier nur unentspannt rasten, da ein Stamm winziger Ameisen entschlossen sein Revier verteidigt. Besser ist da die halbzerfallene Bank auf der Betonglatze eines Bunkergewölbes oder der Rastplatz gleich unterhalb. Von oben bietet sich der wohl eindrucksvollste Ausblick über diese Heide.

Üppiger Heideweg in der südlichen Kleinen Schorfheide

Von der nächsten Bank fällt ein letzter Blick auf die Havel, die sich hier in einer noblen Kurve verabschiedet, und jetzt geht es in die Vollen. Die folgenden 500 Meter haben es wirklich in sich, besonders in diesem Jahr. Beidseitig des Weges mit seinen dicken Holzgeländern steht hier die Erika fast flächendeckend, teils bis auf Hüfthöhe. Links hat sich manche Kiefer durchgekämpft, doch rechts des Weges erstreckt sich eine violett-blaue Weite, die nur durch einzelnstehende alte Laubbäume oder schnelle Birklein unterbrochen wird.

Wolle und Kraut, Kleine Schorfheide

Wie auf Wunsch mischt sich unter das Blütenleuchten wolliges Weiß. Hunderte Schafe stehen weiter hinten und sind so beschäftigt mit ihrer Aufgabe, dass nicht ein Blöken oder Mähen zu vernehmen ist. Lauscht man genau hin, summiert sich hingegen das Geräusch des Rupfens. Und ist ähnlich laut wie die Summe der Flügelschläge aller sechsbeinigen Nektarsammlerinnen im Revier. Eine recht besondere Mischung – und eine still-vergnügte Art von rein tierischem Lärm.

Aussichtsbank auf dem dritten Gipfel, Kleine Schorfheide

Wer ab hier den markierten Wegen treu bleibt, hat keine unliebsamen Überraschungen zu befürchten. Von kreuz und querem Streifen durch die vorausliegende Heidefläche ist hingegen abzuraten, denn tiefenberäumt sind nur die Wanderwege. Abseits davon bleibt ein explosives Restrisiko. Nach einem ausladenden Bogen hin zum Großen Beutelsee gibt es von einer überdachten Hügelbank den zweiten Aussichtspunkt über die Weite. Nicht zu vergleichen mit der Aussicht von vorhin, dafür zum Sitzen weitaus schöner. Von hier führt der Weg durch vielfältigen Wald, hinter dem sich weite Wiesen öffnen. Große Müllcontainer stehen am Wegesrand, scheinbar mitten im Nichts, und weisen als einzige auf die Wochenendhäuser im Hintergrund hin.

Uferpfad mit Doppeltreppe hinauf zur Straße

Nach dem nächsten Waldstück zweigt ein winziger Pfad zum Ufer des Großen Mahlgastsees ab. Kein Weg für Sumo-Ringer, denn Breitbeinigkeit lässt diese zauberhaft verlaufende Trittspur nicht zu. Der Weg bleibt immer dicht am Ufer mit seinem breiten Schilfgürtel. Einige Stellen erlauben es, die Hände in das glasklare, weiche Seewasser zu tauchen und den Blick über den Wasserspiegel ans andere Ufer zu schicken.

Uferstelle am Großen Mahlgastsee

Vorbei an einer großzügigen Doppeltreppe wird es langsam lichter, bis man hinter einem Wiesenhang eine offene Uferstelle erreicht. An der nächsten Badestelle hat ein altes Paar gerade sein Abendbad beendet, so eins, das man eigentlich täglich nehmen müsste, wenn man nahe wohnt an einem solchen See. Ab hier ist der Weg wieder breit und nimmt noch ein abendlich ausatmendes Bruchwäldchen mit, während uns die beiden auf ihren Rädern überholen, mit der weichen glatten Haut, die so ein Badevorgang einbringt.

Ende des Uferpfades in Röddelin

Kurz vor Röddelin übernimmt wieder ein Pfad, mit Blick über das Dorf und einem hübschen Finale hinauf zur Dorfstraße. Wer nichts Besseres vorhat, sollte oben die Bank nutzen und den Tag mit Blick auf den Haussee ausklingen lassen. Eine bewirtschaftete Alternative gibt es am anderen Ende des Dorfes. Auf der Terrasse vor der baudenartigen Fassade ist es kein Problem, bei einem Getränk die Zeit ein wenig zu vergessen. Einen Sonnenuntergang wird man hier nie sehen, doch das übersichtliche Treiben auf dem gewundenen Röddelinsee mit dem kleinen Hafen gegenüber ist Zerstreuung zur Genüge, wenn man erstmal sitzt. Wer schon in Schweden paddelte, wird hier auf Gedanken-Parallelen stoßen, und je nach Wind schallt noch das Treiben einer Westernstadt über den See und lässt weiten Raum für vielfältige Bilder. Die Kunst wird sein, sich irgendwann zu lösen.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Gesundbrunnen nach Templin (ca. 2 Std.), von Templin zu Fuß/mit Taxi/wochentags mit Bus

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Landstraße (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Tourismusseite von Templin

Informationen zu Röddelin

Schleuse Kannenburg

Faltblatt „Kleine Schorfheide“ (PDF)

 

Einkehr: Kannenburger Schleuse (gute Küche, freundlich, großer Außenbereich am Wasser)

Pension Seeblick, Röddelin (schöner Blick von der Terrasse)

 

Berliner Spaziergang – Havelufer West: Küstendörfer, tausend Segel und die verborgene Düne

Eine liebenswerte ältere Dame saß einmal auf der schwarzledernen Rückbank eines Berliner Taxis und erzählte mir auf der Fahrt vom Flughafen Tegel nach Spandau-Wilhelmstadt, dass die Havel eine gewichtige Wetterscheide ist. Keineswegs ohne Grund, denn während der Flughafen in schönstes Sonnenlicht getaucht war, braute sich am Fahrtziel Düsteres am Himmel zusammen. Die Plauderei während der Fahrt war rundum angenehm, das Erwähnte blieb bereitwillig hängen, wurde verinnerlicht und seitdem oft berücksichtigt. Was ebenfalls hängen blieb war die Information, dass Spandauer sich keinesfalls als Berliner sehen, sondern eben als Spandauer. Da sie häufig anderes Wetter als die größere Nachbarstadt am anderen Flussufer haben, ist das nachvollziehbar. Und in der Tat wirkt Spandau sehr wie eine eigenständige Kleinstadt, mehr als die meisten anderen Berliner Stadtteile.

Olympiastadion im Ruhemodus

Wenn in Berlin also lausiges Wetter angesagt ist und auch so stattfindet, lohnt es sich bei einer fünfzigprozentigen Chance durchaus herauszufinden, ob das Wetter jenseits der Havel wonnig ist oder eben noch viel lausiger. Am besten per S-Bahn oder Regionalbahn, denn gegebenenfalls kann man im schier endlosen Spandauer Bahnhof gleich wieder in den nächsten Zug Richtung Innenstadt steigen und dort aus dem lediglich lausigen Wetter das Beste machen. Eventuell vorher noch gut verzurrt in die Spandauer Altstadt spazieren und am Markt eine Institution in Sachen Konditor-Handwerk aufsuchen – damit die Fahrt nicht ganz umsonst war.

Da der April sich weiterhin äußerst selbstbewusst verhält und sein Naturell auslebt, obendrein noch mit Wärme geizt, schöpft man also alle Potentiale gern aus, dem aus dem Weg zu gehen. Verbinden lässt sich das mit einer womöglich vorhandenen Neugier auf eine lockende Wasserlandschaft, die bei jeder Querung der Havel auf der Heerstraße erneut angestoßen wird.

In der Murellenschlucht an der Waldbühne

Neu Westend

Die U-Bahn nach Ruhleben nimmt man im seltensten Fall bis zur Endstation. Das war anders, solange es in ganz Berlin nur eine Möbelhalle unter schwedischer Flagge gab, und sorgte damals sicherlich oft für die Fragestellung, wie groß etwas sein darf, damit es durch eine U-Bahn-Tür passt, und ab welcher Größe ein sperriger Karton eine eigene Fahrkarte benötigt.

Die vorletzte Station ist Olympia-Stadion und wird eher ruckweise beansprucht, dann jedoch sehr intensiv. Noch eine davor liegt der U-Bahnhof Neu-Westend direkt unter dem Steubenplatz. Scheinbar nicht allzu tief, denn in kellerlägigen stillen Örtchen am Platz fühlt es sich so an, als würde die U-Bahn auf Augenhöhe mit der Keramik verkehren. So zum Beispiel im herrlichen Wiener Caffeehaus, das ebenfalls als Westberliner Institution betrachtet werden kann und in gut zehn Jahren seinen Hundertsten feiert. Hinterm Torten-Tresen wieseln vier Damen geschäftig hin und her, die beständig nachwachsende Schlange jenseits der Vitrinen gibt ihnen Recht. Im Gastraum geht es beschaulicher zu, doch wer hierher kommt, hat ohnehin Zeit unterm Hosenboden. Ein perfekter Ort für gepflegte Damenkränzchen und akademischen Austausch unter ergrauten Schopfträgern, auch bestens geeignet für Einheimische, die Freunde zu Gast haben und ihnen zeigen wollen, wie das Berliner Leben in weniger globalen Zeiten ausgesehen haben könnte.

Wohnraumkontraste in Alt-Pichelsdorf

Olympia-Stadion

Nach gediegenen Gärten mit internen Höhenunterschieden beginnt hinter der Olympischen Brücke mit ihrem weiten Blick bis zum Heizkraftwerk Reuter West eine andere Welt und mit ihr ein anderes Kapitel in der Zeitleiste. Wie die Schlange das Kaninchen nimmt einen die großspurige Symmetrie des Olympiastadions in ihren festen Blick, bis man schließlich gebannt zwischen den beiden Säulen vor dem großen Tor steht. Der Weg dorthin führt über einen großen Parkplatz, auf dem die Jungs in menschenleeren Zeiten gern neu erfundene Runen in den Asphalt radieren – mit Vollgas und Handbremse als Schreibwerkzeug.

Wer neugierig ist auf das Stadion-Gelände, zahlt Eintritt und kann sich in den Bann der Details begeben, was lohnend sein dürfte, zeitfordernd und ein Schmaus für Freunde visueller Perspektivspiele. Ansonsten zeigt sich das gesamte Sportgelände ziemlich zugeknöpft. Wer also auf der Durchreise ist, muss große Bögen in Kauf nehmen, um das riesige Areal zu umrunden, welches auch noch das Maifeld und das restmondäne Reiterstadion einschließt.

Bootsstege an der Scharfen Lanke, Alt-Pichelsdorf

Das Pendant zu den beiden wuchtigen Säulen vom Osteingang ist zwischen Maifeld und Waldbühne der schnörkellose Glockenturm, wie das Korn zur Kimme eingebunden in die erwähnte Symmetrie. Nach dem Abschreiten und Sichten all dessen wirkt die benachbarte Waldbühne regelrecht winzig. Das passt gut als Überleitung zu einem unerwarteten Abstecher in die Murellenschlucht, der beachtlich tief hinab führt. War eben noch alles lärmig, grau und abweisend, taucht man hier in starkem Kontrast ein in das grüne, stille Reich, zwischen Hochhäusern, Bahntrasse und historischem Bombast. Ein tiefes, leises Tal, das die Natur einst schuf und dessen Name geheimnisvoll klingt. Eine lange Treppe führt die Talflanke hinab, die dicht bedeckt ist von saftigem Kraut mit kleinen weißen Blüten, bekannt als Berliner Bärlauch oder Wunder-Lauch. Mit beiden Namen passt es bestens an diesen Ort, zu erleben ist es auch im Treptower Park zwischen Baumschulenweg und der Insel der Jugend. Der intensive Knoblauchduft erfüllt die ganze Schlucht.

Mediterran anmutender Weg über der Haveldüne

Den Weg begleiten Spiegel mit rotweißen Rändern, wie man sie von schlecht einsehbaren Straßen-Ausfahrten kennt. Während noch Fragezeichen überm Kopf wachsen, ist bald schon eingravierter Text zu erkennen in einer der Spiegelflächen. Unaufdringlich, doch bald schon eindringlich und ohne senkrechten Zeigefinger tragen die Spiegel dazu bei, eines der unzähligen pestschwarzen Kapitel der NS-Zeit vor dem Vergessen zu bewahren. Sogenannte Denkzeichen sind die Spiegel für einen Schauplatz speziellen Unrechts. Das Lesen der spiegelnden Texte erfordert etwas Kopfgymnastik.

Die Murellenschlucht hätte mit Schanzenwald, Murellenberg und Fließwiesen noch viel zu bieten, doch heute lockt das Land jenseits der Havel, also zweigen wir bei erster Gelegenheit in den Aufstieg ab, noch immer durchs grüne Lauch. Nach dem S-Bahn-Graben und dem äußersten Rand der Pichelsberger Plattenbauten lärmt vorn schon die Heerstraße, die ab hier schnurgerade der Stadtgrenze entgegenstrebt. Von der Stößenseebrücke öffnen sich nun Blicke auf ein regelrechtes Fjordreich aus Havelwasser, gesäumt von unzähligen Stegen, an denen zumeist weiße Bootskörper vertäut liegen – vermutlich noch nicht allzu lange, doch schon ungeduldig.

Blick von der Haveldüne zum Grunewald

Ein Seitenweg senkt sich direkt hinter der Brücke zu einem dieser Ufer ab und vermeidet ein Stück Straßenlärm. Der Pichelswerder, um ein Haar eine Insel, bietet ein einladendes Imbiss-Reich und ein Stück Wald, bevor die Havel höchstselbst auf einer relativ neuen Brücke überquert wird. Die Konzentration der Stege hält an und lässt daran zurückdenken, dass zu Westberliner Zeiten die großen Wasserflächen eher die Ausnahme waren. Hier beginnt nach Süden ein Segel- und Schipperrevier, das bei üppiger Breite zehn Kilometer bis zum Hafen Wannsee reicht. Es war das mit Abstand ausgedehnteste, was das ummauerte Westberlin zu bieten hatte.

Alt-Pichelsdorf

Nach Pichelsberg am Nordrand des Grunewalds und dem havelumspülten Pichelswerder findet man sich nach dem zügigen Verlassen der Heerstraße in Pichelsdorf wieder, einem alten Dörfchen, das an einigen wenigen Stellen noch selbstbewusst durchscheint. Das wirkt kurios, in direkter Nachbarschaft zur eigenwilligen Bebauung aus jüngeren Jahrzehnten. Nördlich des Dorfes und der Heerstraße gibt es mit dem Grimnitzpark und dem Südpark zwei wasserreiche Grünanlagen, die gemeinsam mit der Scharfen Lanke im Süden den Eindruck erschaffen, auch Pichelsdorf wäre ein Teil des genannten Fjordreiches und von Wasser umgeben.

Kirchhof in Alt-Gatow

Unversehrt ist der dörfliche Charakter in den Kleingartenkolonien, die sich um die Scharfe Lanke schmiegen. Da stehen so einige Lauben, die einem zille’schen Pinsel entsprungen sein könnten, und erwecken vor dem geistigen Auge entsprechende Episoden zum Leben. Zeitlich halbwegs passend verrät eine kleine Tafel, dass auch der markant frisierte Albert Einstein hier einen Garten hatte, dazu ein kleines Boot. Auch das eine schöne Vorstellung – der humorvolle Pfeifenraucher auf dem Rand eines nicht gänzlich dichten Bötchens, das der launige Wind über die Havel scheucht.

Ab hier beginnt nun ein Weg, der bis hinein nach Kladow ohne größere Unterbrechung den seebreiten Fluss im Auge behält. Die einzige nennenswerte Havelpause gibt es rund um Alt-Gatow, und das ist dankenswert, wie sich zeigen wird. Der Weg am Flussufer, wieder mal einer der 20 grünen Hauptwege Berlins, ist voller Abwechslung, unterhaltsam und idyllisch. Doch die eigentliche Würze erhält diese entspannte Passage durch ein paar kleine Abstecher, jeweils nicht weit, doch markant.

Aufstieg zum Mühlberg, Alt-Gatow

Die Bucht der Scharfen Lanke ist komplett eingefasst von Stegen, die bis zu hundert Meter ins Wasser hineinragen und bei dichter Belegung mit kleineren und größeren Bootsleibern für eine effiziente Nutzung dieses gut angebundenen Uferstreifens sorgen. Viele von ihnen gehören zu Bootsclubs mit so hakeligen und auf ia endenden Namen wie Arminia Cheruskia und Gothia oder Arkonia und Dresdenia. Die Namen gehören zu Segel- und Rudervereinigungen oder auch zum Altherrenverband einer akademischen Turnverbindung, was weder ausgedacht ist noch aus einem alten Buch entnommen.

Südlich davon übernimmt schon bald die Natur, so dass es nur noch vereinzelt Stege gibt. Noch vorher winkt überzeugend der erste Abstecher in einen steilen Aufstieg über alte Stufen. Die führen hoch auf die Haveldüne, eine kleine Lokal-Prominenz. Von der Düne oder ihrem Sand ist hier so gut wie nichts zu sehen, doch die Anhöhe überrascht mit einem Weg in Kurpark-Breite, der durchaus an die Oberkante einer Steilküste denken lässt und sogar etwas mediterranes Flair ausstrahlt.

Eiche auf dem Gipfelplateau des Mühlberges, Alt-Gatow

Zwischen platten Kronenkiefern stehen herrliche Aussichtsbänke, die den Grunewald in panoramischer Breitseite bieten. Inbegriffen sind der backsteinerne Grunewaldturm, die zerfledderten Horchkuppeln auf dem Teufelsberg und zu ihren Füßen das Restaurant-Schiff Alte Liebe, seit einem Neuanstrich noch weißer als zuvor. Im Süden reicht der Blick in die jüngste Vergangenheit, zu den Plattenbauten von Pichelsberg und dem hohen Funkmast an der Heerstraße. Und direkt zu den Füßen wird die Havel nun minütlich weißer, denn jeder, der ein Boot mit einem Segel hat, will heute diesen Tag ausnutzen. Ein eleganter Zweimaster macht sich auf den Weg nach Spandau und wird später dann zum zuverlässigen Begleiter. Direkt neben uns setzt sich eine Amsel in die kräftige Gabel einer Kiefer und zwitschert präzise Richtung Teufelsberg – als wollte sie die rundlichen Überbleibsel des Kalten Krieges verjuxen.

Rückseite der Windmühle, Alt-Gatow

Nach dem letzten Steg beginnen die grünen Wege. Fast immer dabei ist eine ausgeprägte Geländekante, die das Haveltal als solches betont. Häufig besteht die Wahl zwischen einem ufernahen Spazierweg und einem Radweg, jeweils reizvoll zu gehen. Zwischen beiden wurde auf dem Pless’schen Gelände eine Streuobstwiese angelegt. Direkt benachbart liegt die Villa Lemm und besteht auf ihr ganz persönliches Stück Ufer. Die gesamte Anlage ist sehr mondän und beschreibt anschaulich die Bedeutung des Wortes „konsequent“, auch bekannt als „wenn schon, denn schon“. Drum herum schmiegen sich schon die Ausläufer von Alt-Gatow.

Alt-Gatow

Im Ortsbereich muss also ab dem lemm’schen Fingerzeig das Havelufer verlassen werden, was davor bewahrt, an einer liebenswerten Mischung dörflicher Elemente versehentlich vorbeizulaufen. Obwohl sich der Durchgangsverkehr weiter westlich auf der Bundesstraße 2 abspielt, ist auch hier einiges los. Da heute nicht nur für Segelboote ein guter erster Tag ist, sondern auch für Motorräder, sind einige wohlklingende als auch lärmige Aggregate zu hören.

Gutshof Gatow

Bereits nach wenigen Minuten bietet sich als Gegenentwurf der Kirchhof rund um die Dorfkirche an, der genau so auch auf irgendeiner Ostsee-Insel liegen könnte. Sofort ist es stiller, und sowohl der Duft als auch die Optik versetzen den Besucher in ein entlegenes Dörfchen. Etwas die Straße hinter beginnt ein winziger Pfad hinauf zum Mühlenberg, der nun die Düne von vorhin fürs Auge nachholt. Ein sandiges Wegenetz mit klobigen Holzgeländern führt hoch zum weiten Plateau, das von vielfältigem Trockenrasen bedeckt ist. Weiterhin steht hier eine einzelne Eiche, eine Mühle hingegen nicht.

Gärtnerei-Café, Alt-Gatow

In der Eiche tummeln sich ein buntgekleideter Vater und eine ganze Horde gleichfalls bunter Kinder, die rein rechnerisch nicht alle die eigenen sein können. Die Eiche ist noch nicht sehr alt. Da sie jedoch der einzige Baum hier oben ist, hat sie eine ausufernde Krone aufgespannt und streckt die meisten Äste gerade und weit vom Stamm. Mit sichtlicher Freude turnt der Vater behende und elastisch wie ein Artist durchs Astwerk, das teils erheblich nachgibt. Das Beherzte und die Freude übertragen sich ohne Umweg auf die Kinder, die überhaupt nicht angefeuert, ermutigt oder gebändigt werden müssen. Als der Vater in drei Schwüngen die nachgiebigen und elastischen Außenäste zum Boden hin verlässt, dauert es nicht mehr als anderthalb Minuten, bis alle Kinder wohlbehalten unten sind. Plaudernd trollen sie sich, wahrscheinlich zum gemeinsamen Kakaotrinken. Und haben was Schönes zu erzählen am nächsten Schultag.

Grunewaldturm gegenüber

Eine hochgewachsene Allee begleitet den Abstieg und liefert schließlich noch die Mühle nach zum Berg. Die ist nicht mehr die originale, vielmehr eine Zugezogene aus der Prignitz, und scheint sich gut eingelebt zu haben. Aus den Schildern vor Ort geht hingegen hervor, dass die heutige Mühle fast nur aus fachgerecht konstruierten Neuteilen besteht und mit Lottogeldern finanziert wurde. Wie auch immer, fest steht, dass die Mühle namens Regine wunderschön ist, über ein markantes Dach verfügt und hier einen passenden Standort gefunden hat, an dem sich bestens Feste feiern lassen.

Das gilt auch für den Gutshof Gatow einen halben Wiesenhang tiefer. Hier steht der zur Mühle passende Holzbackofen. Die alten Gebäude rund um den gepflasterten Hof atmen Atmosphäre und schaffen einen einladenden Ort zum Verweilen. Im Hofladen mit Café ist ein kleines Fest im Gange, und zwischen den Beinen der Tanten, Opas und Familienfreunde tummeln sich Kinder mit Kränzen im Haar, geflochten aus den Butterblumen vom erwähnten Wiesenhang. Nicht nur der Hof bezaubert, auch im Café geht es höchst gemütlich zu. Kräftige und grob behauene Holzbalken liegen frei, und in der Raummitte steht groß ein zylindrischer Ofen, dem viel zuzutrauen ist.

Nasses Havelufer an der Laubenkolonie

Wem es hier vielleicht zu voll ist und zu trubelig, der braucht nur eine Pforte weiter zu gehen. In einer kleinen Gärtnerei gibt es unter freiem Himmel und auch drin im alten Wachshaus ein Café, ganz genauso gemütlich wie nebenan und doch völlig anders. Zwei Räume gibt es, in denen man herrlich versacken kann. Dazu tragen neben den kulinarischen Möglichkeiten zwei fähige Öfen, zahllose Zeitschriften und Bücher sowie einige Sessel bei, die einen nicht so leicht loslassen werden, wenn man erstmal drinsitzt. Beiden Orten gemeinsam ist die freundliche Atmosphäre, die das Personal ausstrahlt. Wenn man fünf Minuten später wieder dem Havelufer folgt, wird man gern zurückdenken an Alt-Gatow und sich schon freuen aufs nächste Mal.

Nach etwas Straße biegt schon bald ein Weg ab, der vorbeiführt an Obstwiesen und zaghaft daran erinnert, dass die Zeit der Obstbaumblüte läuft. Am Uferweg ist einiges gemacht worden, Pflasterungen und auch viele neue Bänke. Von den zahlreichen Badebuchten fällt der Blick immer wieder auf den Grunewaldturm, der die ganze Zeit schon sichtbar war und jetzt direkt gegenüber aus den Wipfeln ragt, wie ein vergessener Spargel. Unter ihm schippern weiße Dampfer durchs klare Havelwasser und geben eine Vorausschau auf die nähere Zukunft.

Streuobstwiese unterhalb des Gutshauses, Gutspark Neukladow

Am Ende der Wiesen beginnt nun wieder eine Laubenkolonie, die erneut an Zille denken lässt. Schlicht sind die Lauben, winzig und sehr pittoresk, die meisten mit direktem Wasserblick. Die Kante zur Havel ist hier so niedrig und unmittelbar, dass der beharrliche Wind der letzten Tage den Weg immer wieder mit Wogenwasser überspült. Auch ein Bild, das eher an ein norddeutsches Inselufer denken lässt und die Urlaubswirkung dieses Tages noch verstärkt. Nicht zu verachten ist in dieser Hinsicht auch, dass sich die Sonne immer wieder zeigt, den Himmel zeitweise bis zur Bläue leergeräumt hat. Jetzt ziehen neue Wolken auf und es scheint gut, das Ziel in Griffweite zu haben.

Im Gutspark Neukladow

Gutspark Neukladow

Nach den Lauben übernimmt nochmal die üppige Natur zwischen Hang und Uferkante, bevor der Gutspark Neukladow beginnt. Mit vergleichbarer Sogkraft werben ein flacher Weg am breiten Wiesengrund und der ansteigende Pfad über den laubbestandenen Parkhügel um den Vorrang der Schritte, ein stiller Wettbewerber ist mit dem Reiz des weiten Wassers die Fortsetzung des Uferweges. Auch wer den Hügel umrundet, kommt nicht um die sanfte Steigung herum, die schließlich herrschaftlich am Gutshaus Neukladow endet, einem überschaubar großen Anwesen in schönster Aussichtslage. Um von hier wieder auf Havelniveau zu gelangen, steht eine erfahrene Treppe bereit, die zu einer Uferwiese voller jugendlicher Obstgehölze führt. Der gediegene Weg entlang dieser Wiese endet schließlich an einer Mauer. Der Bogen darin, vor dem sich lange Menschen beim Durchschreiten etwas verneigen müssen, überführt in eine baumschattige Straße und schließlich zur alten Allee, die direkt vom Gutshaus her nach Alt-Kladow führt. Wem das als Abschluss zu direkt ist, der kann vorher noch rechts in eine trockene Rasenkule voller Pfade abbiegen und oben die belebte Ortsmitte von Kladow mitnehmen.

Kladow

Spätestens von der Kirche führen alle Weg hinab zum Hafen, wo jede Stunde ein riesiges vollverglastes Fährboot anlegt, mit reichlich Platz für Bollerwagen voller Kinder und knapp zweihundert Fahrräder, Passagiere auch. Berechtigt ist jegliches Bedauern, dass diese ausgedehnte Passage aufgrund knochentrockener und rationaler Argumente seit einigen Jahren nicht mehr mit frischer Seeluft und Wind um die Nase einhergeht. Der Ausflugsdampfer zum wohl zweitromantischsten Normaltarif der Stadt ist zum praktischen Wasserbus geworden. Auf der anderen Seite ist es schön, dass die regelmäßige Verbindung überhaupt noch besteht, und rausgucken lässt sich nach wie vor bestens. Den Rest muss die Phantasie ausgleichen, vorher und danach beim windzerzausten Stehen an der Hafenkante.

Wenn die Fähre gerade weg ist – Biergarten am Hafen, Kladow

Jede erwartete Fähre zeigt sich erst ganz zuletzt, da fast die gesamte Route von der Vogel-Insel Imchen verdeckt wird, die schützend vor dem Kladower Hafen liegt und wirklich Imchen heißt. Scheinbar ebenso lang wie die zwanzigminütige Überfahrt dauert wohl das Aus- und Einsteigen an beiden Häfen, so dass es rein rechnerisch eigentlich kaum möglich ist, dass nur ein einziges Schiff die Linie F 10 bedient. Der Zeitplan stark auf Knirsch gestrickt ist. Doch es funktioniert.

Auf halbem Weg nach Wannsee gesellt sich von den Potsdamer Havelgewässern kommend der historische Dampfer Rheinland hinzu, lässt der Fähre als Linienverkehr aber Vorfahrt beim Einlaufen. Gebaut wurde er an den klaren Gewässern bei Rüdersdorf. Wie das Schiff zu seinem Namen kam, bleibt im Bereich der Spekulation. Die Optik des 80 Jahre alten Pottes lässt Kenner der alten Fähre noch einmal wehmütig seufzen, doch das ist bei der ersten Brise kurz nach dem Aussteigen rasch wieder vergessen.

Wannsee-Fähre mit MS Rheinland backbord

Wie der Tegeler See ist auch der Wannsee eine ausgeprägte Bucht der Havel, und so liegen zwischen Hafen und Bahnhof ein paar Höhenmeter. Wer sich oben noch einmal umdreht und zurück aufs Wasser schaut, möchte den Tag vielleicht noch etwas verlängern. Eine gute Möglichkeit dafür ist der große Biergarten gleich gegenüber, der weitere Höhenmeter einfordert und direkt auf ein großzügiges Aussichtsplateau führt. Hat man oben einen schönen Platz gefunden und sich mit dem Nötigsten versorgt, liegt beim Blick auf die urige Almhütte oder die glitzernde Wasserfläche der Gedanke mehr als fern, dass in nächster Zukunft ein AB-Fahrschein irgendeine Rolle spielen könnte.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der U-Bahn bis Neu-Westend

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht praktikabel

Länge der Tour: ca. 17,5 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Informationen über Neu-Westend

Informationen über die Murellenschlucht

20 grüne Hauptwege Berlin

Bericht über die Haveldüne

Alte Bauwerke in Gatow

Hannes Café in Alt-Gatow

Gutshof Gatow

Gutspark Neukladow

 

Einkehr:
Imbiss an der Heerstraße auf dem Pichelswerder, mit Biergarten
Hannes Café, Alt-Gatow (nur Wochenende)
Dorfkrug Alt-Kladow, Kladow ggbr. der Kirche
Biergarten am Hafen Kladow
Biergarten und Restaurant Loretta am Hafen Wannsee

Plaue: Gartenstadt, Stahlfachwerk und die weite Havelsee

Der April hat in den letzten Tagen unartig im März herumgewildert, sich regelrecht ausgetobt und probiert, wie viele verschiedene Wettersorten sich in eine Handvoll Stunden stopfen lassen. Herumgescheucht und hin und wieder eingeweicht wurde alles, was Beine hat, und alles andere ohne Puls und Herzschlag wurde auf hinreichende Befestigung geprüft. Nach diesem Säbelrasseln fällt es schwer, an sonnige Tage und moderat sinkenden Luftdruck zu glauben, doch genau die sind prophezeit.

Seegartenbrücke zwischen Plaue und Kirchmöser

Für die Wochen des zeitigen Frühjahrs bedeuten solche Tage klare Luft, satte neue Farben sowie knackige Kontraste und verlangen damit weite Sicht, freien Himmel und große Wasserflächen, die diesen Himmel widergeben können. Gut geeignet ist da zum Beispiel die Havel hinter Brandenburg, die hier ihre Wasser zu weiten Seen aufspannt. Die beherbergen manche große Insel und sind reich an Buchten aller Größen, sodass die Havelwogen teils bis tief ins Festland vordringen. Von dort kommen im Gegenzug die Flüsschen Buckau und Temnitz und liefern ein weiteres Argument für das klare weiße Wasser dieses Küstenreiches. An gewissen Tagen kann ebendieses Wasser so unfassbar blau aussehen, wie man es sonst nur dem Eismeer abnehmen würde.

Plaue

Die Stadt Brandenburg erreicht mit all ihren Ortsteilen eine erstaunliche Ausdehnung und ist daher rein flächenmäßig größer als die brandenburgische Landeshauptstadt oder auch die von Niedersachsen. Weit im Westen liegt der Ortsteil Plaue, der seinem nördlichen Ausläufer den Beinamen „Gartenstadt“ verdankt. Plaue ist fast vollständig von Wasser umgeben, das im Osten und Süden weite Blicke gestattet. Darüber hinaus gibt es hier einiges zu entdecken, was sich mittels einer verwinkelten Rundtour gut verbinden lässt.

Hauptstraße in Plaue mit Gruß von der sächsischen Elbe

Schon bei der Fahrt nach Plaue wird die Havel viermal überquert. Nur einmal sieht sie dabei aus, wie ein Fluss in der Regel aussieht. Links ein Ufer, rechts ein Ufer, dazwischen eine Brücke breit Wasser und die Ufer in etwa parallel. Bei der letzten Überquerung kurz vor dem Ziel öffnet sie sich zum Plauer See, über den der Blick schonmal drei Kilometer bis zum anderen Ufer schweifen kann.

Beim örtlichen Konditor stehen noch keine Stühle draußen, doch könnte es schon morgen soweit sein. Ein Mann fährt vor mit einem Pudel auf dem Beifahrersitz. Der Pudel sitzt sehr aufrecht und scheint eher der Ansicht, dass ein Pudel vorfährt mit einem Chauffeur auf dem Fahrersitz. Von außen ist hinter der Fensterkante nur sein rassetypisches Scheitelpolster sichtbar. Der Chauffeur trägt eine knallrote und knappe Strickmütze ohne Pudel auf dem Kopf, was guten Stoff für weitere Spekulationen hergibt.

Allee zum Schloss Plaue

Von der Rückbank holt er ein großes bedrucktes Tuch, das aussieht wie eins von diesen Mangeltüchern, zwischen denen in zurückliegenden Zeiten die Wäsche in Kaltmangeln glattgepresst wurde. Schonend und energiesparend. Das Tuch ist zu einem großen Sack vernäht, der flachgelegt etwa einen Meter lang und einen halben breit ist. Schon als er den Laden betritt, kommt ihm die Verkäuferin wissend entgegen und hält halbwegs hochkant ein Brot zwischen ihren Händen, dass die volle Länge des Sackes beanspruchen wird. Ein wunderschönes Brot wie aus dem Bilderbuch, mit schrägen Mehlsenken und einen ganzen Meter lang. Als es fachkundig eingerollt auf der Rückbank verstaut und die Tür verschlossen ist, scheint der Pudelkopf knapp und wohlwollend zu nicken.

Schlosscafé an der Havel, noch frühjahrsmüde

Vom Wasser her wird Plaue bestimmt durch die hübsche Kirche, die auf einem kleinen Hügel mitten im Ort steht, und das Schloss, das seine Hauptfassade zum Wasser hin ausrichtet. Zum Schlosstor führt eine Allee aus eindrucksvollen Platanen, ähnlich alt wie das Schloss selbst. Das riesige Gebäude trägt flache, doch zahlreiche Runzeln, die vom zahlreichen Auf und Ab der Zeiten zurückblieben. Im nördlichen Teil hat sich schon einiges getan, was dem aktuellen Besitzer zu verdanken ist. Gleich benachbart gibt es ein einladendes Café mit schönem Biergarten am Wasser. Von dort fällt der Blick auch auf die eindrückliche Stahlfachwerk-Brücke, sicherlich ein weiteres Wahrzeichen von Plaue, dem seine Patina irgendwann zum Verhängnis werden könnte.

Vom Hochufer vor dem Schloss wird der Blick angezogen von den Türmen und Schloten auf der Halbinsel Kirchmöser, die neben ihrem ungewöhnlichen Namen eine ebenso ungewöhnliche Mischung von Kurort-Charme, Industriekultur, idyllischen Naturräumen und pittoresker Siedlungsarchitektur bereitstellt. Mit einigen spröden Einschlägen zwischendurch.

Theo F. von links unten

Der gediegene Schlosspark ist durchzogen von großen und kleinen Wegen, und etwas Wasser sorgt dafür, dass manche Hängeweide schon extrem im grünen Saft steht. Auch auf dem Boden des hügeligen Laubwaldes spielt sich auf Augenhöhe mit dem Laubteppich schon einiges ab. Kleine bunte Blüten, aber auch künftige Bäume haben sich durch die harten Blätter ans Licht gewunden. Zum Wasser hin residiert ein groß angelegtes Plateau, das in seiner Pracht etwas verloren wirkt. Bewacht wird es von einem Widder und einem Bären, beide überlebensgroß und mit Blick gen Brandenburg.

Im Stadtpark am Plauer See

Die Brücke nach Kirchmöser ist sehr verlockend. Relativ neu, überaus ansehnlich und wohl eine klare Referenz an die Brücke von vorhin. Von hier führen Trampelpfade über einen kleinen Stadtwald in eine Wohnsiedlung, die durchaus ihren eigenen Charakter trägt. Hier und dort gestattet sie Durchblicke zwischen den Häusern und lässt hinten einen Deich vermuten, mit einem Meer dahinter. So ganz falsch ist das ja nicht. Eine ältere Dame steigt gerade über den vermuteten Deich, und ihr gestärkter Rock wird vom frischen märkischen Seewind in maritimes Flattern gebracht.

Seegartenbrücke

Jenseits der ersten Bundesstraße im Lande beginnt nun eine ganz andere Welt. Verträumt, ja fast etwas verschlafen liegt hier die Große Freiheit, die so gar nichts mit Hamburg und Rotlicht zu tun hat. Große Freiheit bietet sie für allerlei Getier sowohl mit Gefieder als auch Fell und im Schlepptau auch für eine Handvoll Menschen. Ein paar Gärten quetschen sich im Norden in ein kleines Eck. Auf einer der Schollen steht ein wettergegerbter Wohnwagen, der hier das Basislager bildet für ein junges Berliner Pärchen, das offensichtlich kein Verächter von urbanen Modeströmungen ist. Hier, weit von der Stadt und jeglicher Form von Darstellungszwängen, sind sie einfach nur entspannt und fröhlich, Mann und Frau im Garten, frei von jeglichem Zaumzeug. Ihr Halbwuchs steht draußen vor dem Garten mitten auf dem staubigen Acker und genießt es voller Begeisterung, seinen Fußball beliebig weit und beliebig hoch schießen zu können, ohne dass dieser irgendwo anstößt oder ohne dass sich irgendwer beschwert. Es ist ein herrliches, ein grundsympathisches Bild.

Siedlung Plaue West

Wir schwenken links ein auf die Straße Große Freiheit, deren Haus-Nr. 7 etwas südlich von hier liegt. Die gepflasterte Straße schickt ihre eleganten Biegen durch ein trockenes Bruchgebiet in Richtung Charlottenhof. Das Pflaster ist exzellent verlegt, für jede Art von Vorwärtskommen geeignet. Noch vor dem Ort biegt links der Weg ab, der die Große Freiheit umrundet, nun durch verschiedenen Wald. Während drüben der Blick nicht weit durchs Schilf kam, gibt es hier jetzt einige Blicke aufs Wasser und seine Bewohner. Die Fläche liegt spiegelglatt, bis ein Schwan für symmetrische Wellen sorgt, mit verlässlicher Eleganz.

Im Vorfrühlings-Wald westlich der Großen Freiheit

Nach dem zweiten Überqueren der erstaunlich ruhigen Bundesstraße, die ja immerhin einmal quer durch Deutschland führt, beginnt an der Plauer Schleuse ein lieblicher Pfad direkt am Ufer des Woltersdorfer Altkanals. Der stellt trotz seiner Beschaulichkeit einen netten Bezug zur weltbekannten Großen Freiheit her, da er nur eine Binnenalster breit später in den Elbe-Havel-Kanal mündet.

Blick aufs Wasser der Großen Freiheit

Unsere Schritte sind regelrecht befreit vom lang erwarteten und tatsächlich eingetretenen Frühlingswetter, und bei jedem zwölften von ihnen springt ein dösender Uferfrosch fast lautlos ins Kanalwasser. Die sind also auch wieder da, was nicht zuletzt die Störche freuen wird, auf die ganz aktuell dasselbe zutrifft. Bald beginnen Gärten rechts der Straße, von denen jeder dritte für einen allerliebsten Uferplatz gesorgt hat. Gegenüber hinterm anderen Ufer erhebt sich hochgewachsener Laubwald, Buchen oder Erlen oder so. Auch dort verläuft ein Weg, genutzt von vielen Leuten auf dem Rad.

Bewerbungsgespräch in Bodennähe

An der Straße nach Woltersdorf kommen uns drei Jungs im Brause-Alter entgegen, auf Rädern und mit Dosen in der Hand. Mit fröhlich-kessem Tonfall rufen Sie, ob wa auchn Bier hamm wolln, denn inna Koofe gibt’s heute Freibier im Sonderangebot. Nö, wollma jetz nonnich, doch schönen Dank. Die Jungs treten in die Pedalen und wiederholen ihr Angebot beim nächsten Passanten.

Woltersdorf

Noch vor dem Dorf winkt uns ein herrlicher Weg in die Wiesen hinein, der entlang eines breiten Wassergrabens hinterm Dorf entlangführt und mit Eseln, Pferden und einem Dorfpanorama aufwartet. Wer nicht unbedingt noch extra viel Auslauf braucht, sollte sich das Dorf nochmal von innen anschauen und dann die Eins nach Norden überqueren, mit Kurs Charlottenhof. Wir brauchen Auslauf und finden uns bald auf dem beruhigenden Dorfverbinder wieder, der durch den Wald von Neubens- nach Altbensdorf führt. Mit einem schönen Extrapfad für Fußgänger am Rande. Am Dorfrand wird mit allerlei Motorkraft Großholz zu Kleinholz gemacht oder Sperriges zu Stapelbarem.

Am Woltersdorfer Altkanal

 Altbensdorf

Bensdorf nennt sich Spargelgemeinde, und da ist in der Tat was dran. Das ruft einem gleich ins Gedächtnis, dass schon in einem Monat überall der Spargel auf den Tellern landet, was über die Jahre immer etwas Besonderes geblieben ist. Nach einem Waldstück beginnen akkurat gefurchten Felder, von denen einige Pause haben in diesem Jahr. Auf anderen liegen schon die schwarzen Planen, die über regelrecht scharfe Kanten der endlosen Wälle gespannt sind. Dazwischen ziehen sich einige Wassergräben, was nicht von Schaden sein dürfte für den Boden. Auch liegt hier ein Flugplatz, an dessen Rand ein Schild darum bittet, ihn nicht zu befahren. Auf demselben Schild steht dann noch „Bitte nicht bereiten!“ mit einer untermalenden Signatur mit Pferd und gibt dem Wort „bereiten“ erstmals einen weiteren Sinn. Ein tüchtiger Maulwurf nimmt das Schild beim Wort und tut ohne jeglichen Verstoß das, was er mit am besten kann. Rechts auf den unbestellten Äckern palavern kleine Gänsegruppen auf dem Boden, leise und verstohlen.

Gartenstadt Plaue

Charlottenhof

Nach einem kleinen Rastplatz im Walde beginnt der lange gerade Weg nach Charlottenhof, erst auf Asphalt, dann wieder sandig. Einige Pferdeställe gibt es hier und eine Handvoll Häuser sowie den Briefkasten im innersten Zentrum. Von hier ist es nicht mehr weit zur kleinen Gartenstadt, auf die wir jetzt gespannt sind. Es ist eine besondere Atmosphäre, bestimmt von vielfältig bunten Fassaden und Fensterläden, lockenverzierten Giebeln und einem so dichten Abstand zwischen Bürgersteig und Wohnraum, dass man sich fast ein bisschen indiskret fühlt auf dem Trottoir, schon halb im Wohnzimmer. Die Gärten schließen sich hinten an die Häuserreihen an und bleiben im Verborgenen, was gewissermaßen einen Ausgleich bringt für die Privatsphäre der Siedelnden. Am nördlichen Rand zeigt sich erneut die Wasserverbundenheit von Plaue, selbst im Inneren.

In der Gartenstadt Plaue

Der Rückweg führt vorbei an zahlreichen Bootslagern und Marinas und beim Fischimbiss ein letztes Mal über die Bundesstraße Nr. 1. Die Kietzstraße mit ihren frisch gestutzten Kopfweiden visiert genau die alte Brücke an. Von dort lässt sich sich jetzt zum Abend besonders schön der weite Blick genießen, denn die Sonne steht schon tiefer und ihr Licht ist dementsprechend warm. Ein winziges Boot schippert raus auf den See, das allererste heute und das einzige. Mit einem kleinen Hauch von Großer Freiheit.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn bis Brandenburg-Kirchmöser, dort mit dem Bus nach Plaue (stündlich)(ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise Autobahn Magdeburg oder durchgehend B 1 oder verschiedene Mischungen aus beidem (1,5-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen vielfältig möglich), mit Erweiterung über die Spargelgemeinde Bensdorf ca. 19,5 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Schloss Plaue mit Café am Havelufer

MAZ-Artikel von Ende 2016 über die alte Plauer Brücke

Informationen zur Gartenstadt Plaue (PDF-Dokument)

Informationen zum alten Kanal und der Schleuse

Informationen zum Elbe-Havel-Kanal

Spargelgemeinde Bensdorf

 

Einkehr:
Menzels Garage, Plaue Gartensiedlung
Zum Angler (Vereinsheim des DAV), unterhalb der Seegartenbrücke auf der Seite von Kirchmöser
Zum Fischerufer (ebenfalls auf der Seegartenbrücke nach Kirchmöser, dann hinterm Oval-Verkehr links)
Restaurant Seeblick (an der Plauer Schleuse)
Dorotheenhof (unweit der Plauer Schleuse, Südufer)

Zehdenick: Weiße Havelteiche, kalte Schlote und die glimpfliche Schlidderpartie

Der diesjährige Winter kam im Großen und Ganzen recht winterlich daher und frei von Eskapaden, kühl und grau und manchmal etwas weißgepudert. In den ersten Wochen des neuen Jahres verlieh er sich selbst etwas Nachdruck, indem er Berlin und Brandenburg mehrmals spontan in ein mitteldramatisches Schneechaos stürzte. Das war jeweils in Kürze angerichtet und von langer Nachwirkung. Aktuell scheint er Ruhe zu suchen oder neue Kraft zu sammeln. Liegt etwas lustlos auf den märkischen Äckern und Wiesen herum, gerade noch weiß genug, um nicht übersehen zu werden. Tiefer in den Wäldern sieht es da schon anders aus, denn hier ist das Kältegedächtnis besser ausgeprägt.

Abendlicher Marktplatz im Frühling, Zehdenick

Darin liegt auch das Problem in diesen Wochen zwischen Neuschnee und Schmelze, zwischen Nullpunkt und klirrender Kälte. Es ist fast unmöglich einzuschätzen, wie es auf den Wegen aussieht. Ob es rutschig ist, glatt oder spiegelglatt, pfützennass, glitschig oder matschig oder einfach so wie immer. Ob Skier zu empfehlen sind oder Schneeschuhe, Spikes an den Sohlen oder einfach der ganz normale Schuh für stundenlanges Draußensein. Je tiefer in der Botanik, desto langsamer reagiert der Aggregatzustand des Niederschlages samt seiner Grauzonen, was ja durchaus doppeldeutig sein kann in Hinsicht auf den Farbton. Ganz gute Chancen gibt es dort, wo Asphalt liegt, bevorzugt dunkler. Zum einen, da hier meist etwas Verkehr bleibt, der zumindest einen schmalen Streifen des Straßenbelags freihält, zum anderen, da dieser scheinbar schneller auf höhere Temperaturen und Wärmereize reagiert.

Oderlandbahn unterwegs nach Templin

Am besten geeignet scheint also eine Mischung aus stillen Straßen in freier Landschaft und schön geführten Radwegen. Idealerweise solche, wo es viel zu sehen gibt, denn wenn sowohl Himmel als auch Boden zwischen hell- und mittelgrau changieren, ist jede Abwechslung willkommen und jedes Fleckchen Farbe. Willkommen wäre auch eine Einkehr unterwegs, doch das ist nun Problem Nr. 2 in den erwähnten Wochen. Viele Betriebe haben Urlaub bevorzugt im Januar und Februar, was sinnvoll ist und nachvollziehbar, denn jetzt ist kaum wer unterwegs. Gut, wenn man zumindest für den Abend eine sichere Bank im Hinterkopf hat, wo es warm ist, trocken und gemütlich. Denn die schönste Einkehr und die verdienteste ist doch die nach einem langem grauen Wintertag oder einem erheblichen Aufstieg.

Zehdenick

Zehdenick ist ein Städtchen mit hübschem Kern und verfügt wie auch Storkow über eine markante Zugbrücke unmittelbar am Rande der lauschigen Altstadt. Wie in Storkow ist diese nicht nur hübscher Zierrat, sondern überbrückt eine viel und gern genutzte Wasserverbindung für Freizeitschiffer. Eine Verbindung, die vor nicht allzu langer Zeit gar nichts mit Freizeit zu tun hatte und dafür sorgte, dass große Teile Berlins so aussehen wie sie heut noch aussehen.

Wetter- und zeitgegerbte Bushaltestelle in den Tonstichen

Vor etwa 120 Jahren wurde eine Bahnverbindung von Löwenberg nach Templin gebaut. Bei den Bauarbeiten offenbarten sich Tonvorkommen, komplett unerwartet und direkt unter den Uferwiesen der Havel. Das erklärt die dichte Nachbarschaft des Flusses zu den heutigen Stichteichen, die sich in großer Zahl zwischen Zehdenick und Marienthal hinziehen. Die Vorkommen galten selbst im europäischen Vergleich als riesig und waren so umfassend, dass noch vor gut 25 Jahren aktiv abgebaut wurde. Praktisch war dabei, dass die Ziegel in den zahlreichen Ziegeleien gleich vor Ort gebrannt und über die Havel unkompliziert verschifft werden konnten – bis vor die Berliner Haustür. Es gibt dazu das zutreffende Zitat „Berlin ist aus dem Kahn erbaut“ – auch damals wuchs die Stadt rasend schnell, dehnte sich nach außen aus und schloss in ihrem Innern manche Baulücke. Unter anderem dank der havelnahen Tonvorkommen zählte Berlin in den Dreißiger Jahren zu den fünf größten Städten weltweit.

Zehdenick samt seiner Nachbarorte ist das ganze Jahr über einen Ausflug wert, und heute erfüllt es uns zudem die gewünschte Mischung für einen grauen Wintertag mit Temperaturen um den Nullpunkt. Maßgeblich ist das dem Fernradweg zu verdanken, der die Hauptstädte von Dänemark und Deutschland verbindet. Der einzige Nachteil ist der, dass die Tour ohne Reißleine auskommen muss – es gibt keinerlei Möglichkeit irgendwo abzukürzen, falls gar kein Vorankommen sein sollte. Insgesamt geht der Plan ganz gut auf, wenn auch auf einigen Passagen eine eigenartige Gangart angesagt sein wird, die eher an Schwimmbewegungen erinnert und in keinerlei Zusammenhang steht mit Coolness.

Eichlerstich unter Eis

Nach Verlassen der gefälligen Altstadt wirkt nun die nördliche Vorstadt entlang der Bundesstraße 109 stark kontrastierend. Sieht aus, als sei sie stark verkatert, schon jahrzehntelang. Der graue Himmel unterstützt noch diesen Eindruck. Kaum merkt man den Übergang zu den brachliegenden Gewerbeflächen bis hin zum Hafengelände, die mit ihren Ausmaßen und schwerer Maschinerie von lebhaften Zeiten zeugen. Die ersten Wasserflächen scheinen durch, nicht schwarz und spiegelnd, sondern lückenlos vereist mit leichtem Harsch darauf.

Hier ist der spröde Ausstieg geschafft und man findet sich direkt im Anglerparadies, das diesen Namen wirklich trägt. Über Kilometer liegen weite Teiche links und rechts, einstige Tonstiche, aufgefüllt mit Havelwasser. An vielen Stellen gibt es Parkbuchten, umgrenzt von hüfthohen Palisaden mit einladenden Durchgängen, die im Sommer mit dieser Optik einen Strand verheißen könnten. Zwischendurch zeigen sich immer wieder die spanigen Spuren der hiesigen Bibergang, die so manches Bäumchen umgelegt hat. Die Stümpfe verschwinden unter weich nachgebenden Raspelholzbergen, groß wie Ameisenhügel, die entweder davon zeugen, wie der Mensch dem Biber die Harke zeigt oder mit ihm Zahn in Hand arbeitet.

Griffige Landstraße nach Burgwall

Links der stillen Straße lungert untätig ein Gleis, so wie der ganze Tag durchzogen ist von pensionierten Gleisen und der Vorstellung etwas auf die Sprünge hilft, was hier für ein Treiben herrschte zur besten Zeit des Tonabbaus. Das Wasser zu beiden Seiten, der Damm dazwischen und das Gleis darauf lassen kurz eine finnische Impression aufblitzen, zumal gerade hier noch ein paar Birken stehen.

Ein Pensionär auf seinem Rad zieht vorbei, nur unwesentlich schneller und den Fokus streng nach vorn gerichtet. Vorn am querenden Gleis treffen wir ihn wieder, wie er vor dem Bahnübergang stoisch seine Runden dreht, ohne den Sattel zu verlassen oder einen Fuß auf den Boden zu setzen. Dieses Gleis übrigens ist aktiv, wie wir gleich hören, denn es naht ein Zug, der unterwegs ist nach Templin. Die erste kräftige Farbe an diesem Tag ist diese tiefblaue Breitseite der Oderlandbahn, sogar mit etwas Türen-Gelb. Als der Zug durch ist und das Farbspektakel verklungen, beendet der auf dem Rad die aktuelle Runde und fährt zurück gen Stadt. Das ist dann wohl ein liebes Ritual und beschäftigt uns für die nächsten Minuten mit Spekulationen in verschiedenste Richtungen.

Schmalspurlgleis bei Burgwall

Nur noch ein schmaler Damm führt jetzt hindurch zwischen Bröselstich und Neuhofer Stich, gerade breit genug für Gleis und Straße und noch etwas Uferkante. Die Landschaft mit ihrem Flickenteppich aus Teichen ist so speziell und fast etwas entrückt, dass es verwundert, immer wieder auf so etwas Sachliches wie Bushaltestellen zu treffen. Eine von ihnen markiert den Zugang zum Vorort Neuhof, wo es seinerzeit auch eine Handvoll Ziegeleien gab. Das eigenwillige Buswartehäuschen am Abzweig verfügt neben reichlich Patina über ein unverglastes Panorama-Fenster zur Wasserfläche des Neitzelstiches und sollte von Rechts wegen unter Denkmalschutz gestellt werden. Es war auch schon im Kino zu sehen, später dann im Fernsehen.

Wer nicht tiefer in das Reich der Stiche vordringen möchte und die Landstraße nach Burgwall im Sinn hat, findet hier die vorletzte Möglichkeit zum Abbiegen. Es gibt nach dem folgenden Abzweig zwar noch zwei Verbindungen weiter nördlich, doch sind diese mittlerweile nicht mehr zugänglich. Ein längeres Stück Straße ist also nicht vermeidbar ist, was auch die allgegenwärtige Beschilderung des Laufparks Stechlin bestätigt. Doch das passt heute eher gut, wie sich bald zeigen wird.

Die Havel in Burgwall

Am Eichlerstich liegen kleine Ruderboote, meistenteils aus Metall und lackiert in zurückhaltenden Farbtönen. Von hier reicht der Blick weit über den größten der Teiche, der auch ein paar Inseln im Herzen trägt. An einem kleinen Hochufer steht sie endlich, die erhoffte Bank mit freiem Wasserblick. Heute blickt sie übers Eis, das überzogen ist von Spuren aller Größenordnungen, quer hinüber bis zum jenseitigen Schilfgürtel.

Neuhof

Noch vor den ersten Häusern der Siedlung mit dem süßen Kaiserbahnhof führt ein kleiner Weg links um den See herum und bald hinein in einen verspielten Wald aus kleinen Fichten, in dem man über eine Schar huschender Kobolde kaum staunen würde. So klein der Wald ist, so tief herrscht hier der Winter mit fast lückenloser Schneedecke und fahlen Kontrasten zum tiefdunklen Grün der Nadelarme.

Die Straße ist schon zu hören, bald darauf zu sehen. Sie verläuft direkt vor dem Waldrand des ausgedehnten Forstes Zehdenick, der schon zur Kleinen Schorfheide gerechnet werden kann. Die Straße ist von tiefdunklem Asphalt, und wenn die Autos auch zügig unterwegs sind, ist ihre Zahl übersichtlich. Von links stößt die erwähnte letzte Ausfahrt hinzu. Sie trägt den Namen „Hoch- und Staplerweg“,  und so war es vielleicht eine gute Entscheidung, schon eine vorher abzubiegen.

Ziegeleipark im Winterschlaf

Nichts könnte der Schuhsohle heute so viel Traktion bieten wie diese schnurgerade Straße, die nun gute drei Kilometer den Weg bestimmt. Langweilig ist das zum einen nicht, da man die Griffigkeit genießt und das Hinterteil entspannen kann, zum anderen gibt es nach links immer einen schönen und weiten Blick, hin zur Havel und ihren Spielereien. Ein kurzer Ausweichversuch im Wald verläuft fruchtlos, denn dort ist es entweder glatt, matschig oder sehr uneben. Also eher eine Option für andere Jahreszeiten, dann jedoch lässt sich dort fast die ganze Straßenpassage schattig umgehen.

Das letzte Stück kürzen wir über die stoppelige Wiese ab, als Zielpunkt eine Stelle, wo gerade das Postauto aus dem Wald kam. Das ist uns heute schon mehrfach an entlegensten Stellen zwischen den Teichen begegnet, und auch jetzt ist nicht das letzte Mal. Vermutlich hat es hervorragende Winterreifen an, denn jetzt folgt das balanceträchtigste Stück des ganzen Tages. Selbst der Wegrand taugt kaum zum Ausweichen, da er schmal, nachgiebig und leicht ansteigend ist und man dort genauso ins Straucheln gerät wie auf der eisglitschigen Waldstraße. Nebenher verläuft wieder ein betagtes Schmalspurgleis und weckt einen kleinen Neid, da es von der glatten Straße so völlig unbeeindruckt sein kann. Sein Bett verläuft mitten durchs Kraut, doch wachsen zwischen den Schienen keine Bäumchen oder Sträucher – als wenn hier dann und wann was führe.

Radweg am Welsengraben

Der reichliche Kilometer auf dem Wasser-Eis-Mix sorgt unfreiwillig für die Entdeckung der Langsamkeit und die Gedanken schweifen für ein paar schmerzliche Augenblicke zu den viereinhalb Paar Spikes, die in der Wohnung genau dort liegen, wo man sie auch nach einem Jahr schnell findet. Letztlich erreichen wir mit trockenem Hosenboden und unversehrten Handgelenken die Straße und genießen die Errungenschaft des aufrechten Ganges, die man Tag für Tag als viel zu selbstverständlich hinnimmt.

Burgwall

Das Havelörtchen Burgwall markiert in etwa das nördliche Ende der Tonstiche, die Havel schwenkt hier klar nach Osten ab und taucht damit in eine Landschaft ein, die bestimmt wird von Wäldern. Eine Brücke führt über die Havel und bietet schöne Blicke über das Dorf. Noch vor der Brückenauffahrt steht ein Bahnhofsschild an einem winzigen Bahnsteig und nährt die Vermutung, dass über die Schmalspurgleise dann und wann ein Züglein rattert. Von Fürstenberg kommend stößt der Radweg Kopenhagen-Berlin hinzu, bis kurz vor Zehdenick unser Begleiter. Parallel läuft der Havel-Radweg. Stellt man sich vor eine der zahlreichen Karten am Wegesrand, ist es ein kurioses Bild, wie sich der Fluss mit lebhaften Schlingen eng zwischen all den Stichteichen hindurchwindet, zwischen den Ufern beider manchmal nur ein schmaler Damm übrigbleibt, gerade breit genug für einen Pfad und etwas Polstermaterial.

Uferpfad zwischen Havel und dem großen Kinderstich

An einer Rasthütte kommt es zum letzten Sichtkontakt mit Christel von der Post, die hier souverän ihren Transporter wendet, gefährlich dicht am Straßengraben. Ab und zu kommt ein Radfahrer vorbei, eher Eingeborener als Tourist, und macht Hoffnung auf gute Gangbarkeit der nächsten Kilometer. Eine ältere Dame mit älterem Damenrad und Hausrecht folgt stur und unbeirrbar ihrer schmalen Bahn durch den Eismatsch und zwingt ein altersgerechtes Allrad-Fahrzeug vorübergehend an den Randbereich.

Ziegeleipark Mildenberg

Die Schornsteine kündigen schon den Ziegeleipark Mildenberg an, ein lohnendes Ausflugs-Paradies zu Zeiten mit mehr Tageslicht, und bald schon verdichten sich die Gleise bis hin zu losen Knäulen. Wo es während der mitteleuropäischen Sommerzeit kein Problem ist, auf dem weitläufigen Gelände oder auch nur in seinem havelnahen Herzen einen ganzen Tag zu verbringen, ist jetzt eindeutig Winterpause. Nicht ein Mensch ist zu sehen und keine Kinderscharen wuseln zwischen der Marina und dem imposanten Ringofen. Die Züge mit den umgebauten Loren stehen still und halten Winterschlaf, ein wenig wehleidig. Auch die Flotte von mietbaren Hausbooten, Motor-Jachten und motorisierten Wohnwagenpontons verharrt in Stille, teils auf dem Lande, teils im Wasser. Gleich hinter der Radler-Einkehr beginnt nun wieder eine Fahrradstraße und führt auf schmalem Dämmlein zwischen Stäckebrandts Pappelstich und Döbertstich hindurch. Stäckebrandts Pappelstich – das könnte doch auch eine mittellange Erzählung sein von Theodor Fontane oder Storm. Ein Eisangler sitzt auf der angetauten Fläche und hat ein Loch geschlagen, dicht beim Schilf. Vom Schilfrand hat ihn eine Katze fest im Blick, die scheinbar keine kalten Pfoten scheut für etwas Silberschmaus.

Prerauer Stich hinterm Flussufer vor Zehdenick

Hinterm Wäldchen geht es links entlang am erstarrten Bruch des Welsengrabens, der bei den nächsten Häusern überquert wird, an einer durchaus pittoresken Stelle. In den Bäumen vertreiben sich die Krähen etwas Langeweile und warten auf Gelegenheiten, wem anderen was abzujagen. Davon abgesehen ist es schweigsam heut am Himmel, nur ein paar Gänse zogen durch vorhin, doch auch diese eher wortkarg. Aus einem Weg, den man verkehrstechnisch für hinfällig erklärt hätte, kommt ein Auto angewackelt, mit kurzem Radstand und daher nachgerade aufgebracht im Takt der tiefen Pfützengründe. Wie überhaupt heute an den seltsamsten Stellen Autos hergefahren kommen, aus kleinen und auch kleinsten Wegen und aus entlegenen Sackgassen.

Loren über Kopf, Hafen Zehdenick

An der nächsten Kreuzung weist eins von den vielen Schildern zur Einkehr im nahen Mildenberg, doch unser Ziel ist nun schon greifbar und wir biegen ab zum Bruchwald. Auf dem Weg dorthin kommt uns ein freundliches Männlein auf einem grünen Trecker entgegen. Hat eine leuchtend gelbe Warnweste an und schenkt uns damit die hellste Wahrnehmung des gesamten Tages, obendrauf noch einen freundlichen Gruß. Am Bahndamm erwischen wir dann nochmals den Zeitpunkt einer Zugdurchfahrt, diesmal in Richtung Süden und als Heidekrautbahn. Wieder eine Dosis kräftiges Blau. Doch wirkt sie jetzt fast blass, nach dieser jüngsten Impression in gelb.

Etwas Farbe am anderen Ufer, Hafen Zehdenick

Die Überquerung der Havel ist auf der Eisenbahnbrücke nicht vorgesehen, denn die ist gerade schmal genug fürs Schotterbett. Das trifft sich gut, denn jetzt folgt am diesseitigen Flussufer eine „Stadteinfahrt“ von besonderer Einzigartigkeit. Hautnah darf auf diesem kleinen Pfad miterlebt werden, wie wenig Platz zwischen der Havel und ihren Stichen bleibt. Es ist, als spazierte man auf einer Landbrücke durch einen großen See, durch den auch noch die Havel fließt. Für die Stabilität dieses schmalen Bandes bürgt anfangs eine stattliche Reihe alter Linden, später besorgen das dichte Schilfgürtel. Wenn das an einem trüben Januar-Tag schon fasziniert, wie muss es dann erst sein bei Sonnenschein und dicht belaubten Bäumen?

Fußgängerbrücke an der Schleuse, Zehdenick

Während auch hier alle Wasserflächen weiß vereist sind, ist die Havel offen und fließt spiegelglatt und schwarz. Alle bisher nicht gehörten Wasservögel treffen sich auf dem Fluss, und so ist ein ständiges Schnattern und Flattern, ein reger Austausch und scheinbar Platz für jeden Schnabel. Ein Stück weiter sind gegenüber am Hafen zahllose alte Ton-Loren über Kopf gestapelt, ein kurioses Bild. Daneben Boote auf dem Trockendock. Als einzige im Wasser liegt eine hübsche Barkasse gut vertäut, die noch einmal etwas satte Farbe sehen lässt.

Links öffnet sich jetzt der urwüchsige Bruchwald der Klienitz, während voraus schon die Türme der Zehdenicker Altstadt in Sicht kommen. Das passt gut jetzt, denn die Tour war lang und der Magen hängt schon durch. Über zwei steile Fußgängerbrücken führt der Uferweg zur Stelle, wo die Schleuse einen beeindruckenden Höhenunterschied überwindet. Rechts öffnet sich ein großes Vorbecken, tiefliegend. Hier ankert publikumswirksam ein passendes Museumsschiff in der Bucht, an dem niemand vorbeikommt, der ein Objektiv am Leibe trägt. Dasselbe dürfte für die benachbarte Zugbrücke gelten.

Die Zugbrücke am Rande der Altstadt

Wer die Altstadt nicht schon vorhin erkundet hat, kann das auch jetzt noch tun, denn gleichermaßen schön ist sie, wenn die Laternen brennen. Für den allerletzten Ausklang empfehlen sich ein paar stille Minuten am Ufer bei der Zugbrücke. Wenn man sich dort so aufs Geländer lehnt in seiner dicken Jacke und ein Bein hochstellt, die Augen etwas schlitzt und die Gedanken treiben lässt, können sich schöne Bilder öffnen. Von Jahreszeiten, in denen das Eis eine andere Rolle spielt und eher in die Hand gehört, in bunten Farben. Das ist jetzt gar nicht mehr so lange hin.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn in Richtung Templin (stünd. ab Berlin-Ostkreuz; ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (B 109 bzw. kleinere Straßen über Wensickendorf/Liebenwalde)(ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 21 km (keine Abkürzung möglich); Option: mit dem Bus nach Burgwall (verkehrt stündlich, guter Anschluss an Zug von Berlin) und dort in die Tour einsteigen (dann ca. 10 km); Straßenumgehung außerhalb von Schneezeiten Wegpunkte A-F

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismusseite von Zehdenick

Fernradweg Berlin-Kopenhagen bei Zehdenick

Ziegeleipark Mildenberg

Tagesspiegel-Artikel von 2010 zum Ziegeleipark

 

 

Einkehr:
Hotel Klement (gute Küche, gemütlich, freundlich)
Neues Haus Vaterland (etwas modernisierte Küche)
Stadtgarten an der Zugbrücke (gute Küche, gemütlich, freundlich)
Ratskeller und Neuer Ratskeller am Markt (keine eigene Erfahrung)
Vereinsgaststätte des Wassersport-Clubs (an der Fußgängerbrücke ans westliche Havelufer)(keine eigene Erfahrung)

Burgwall:
Gasthaus Zur Fähre (keine eigene Erfahrung)

Ziegeleipark Mildenberg:
Gasthaus Alter Hafen (direkt an der Hafenkante, etwas teurer) und Bernis Café am südlichen Ausgang

Töplitz: Der Inseltag, die Wappenkirsche und der Weinhang am Klosterberg

Es ist immer wieder erstaunlich. Da tingelt man seit Jahren durch alle möglichen Teile Brandenburgs und ist noch nie darauf gestoßen, dass es da um die Ecke von Potsdam eine bewohnte Insel gibt, komplett umschlossen vom Wasser der Havel und dabei so groß wie ein Berliner Stadtteil. Mit richtigem kleinen Inselflair, das von den Bewohnern auf herzliche Weise gepflegt wird und keineswegs konstruiert ist. Sicherlich – die jenseitigen Küsten sind an den meisten Stellen nicht mehr als einen Steinwurf oder Pfeilschuss entfernt und mancher See-Insulaner mag milde lächeln, doch Fakt ist ebenso, dass Töplitz für motorbetriebene Fahrzeuge nur über eine einzige Straße zu erreichen ist, von Osten her.

Wegweiser in Neu Töplitz
Wegweiser in Neu Töplitz

Ähnlich Fehmarn in Schleswig-Holstein wird die Insel von einer Autobahn gequert und ist daher auch auf diesem Wege gut zu erreichen, unter Nutzung der erwähnten Straße. Ebenso gut lässt sich per Rad auf die Insel gelangen, denn seit der letzten Jahrtausendwende führt ebenfalls von Osten ein Fußgängersteg in ansehnlichem Bogen auf die Insel. Der passende Bahnhof ist der von Golm, einem Dorf etwas westlich des Parks von Sanssouci. Vor einigen Jahrzehnten gab es von Phoeben noch eine Fährverbindung nach Töplitz, über deren saisonale Reaktivierung aktuell nachgedacht wird. Über die ganze Insel zieht sich ein Netz von Wander- und Radwegen, das Optionen für das abwechslungsreiche Verbringen mehrerer Tage bietet und die Entscheidung für nur eine Tour keineswegs leicht macht.

Im innersten Zentrum des Ortes Töplitz
Im innersten Zentrum des Ortes Töplitz

Töplitz ist ein Ortsteil von Werder und führt einen Kirschzweig im Wappen. Das sieht man der Insel an vielen Stellen noch an, auch wenn die Spuren allmählich verblassen. Auf der leicht erhobenen nördlichen Hälfte der Insel ist von fast jedem Punkt eine Obstplantage oder Streuobstwiese zu sehen, meistensteils Kirschen, wie sich versteht.

Der Töplitzer Süden ist meistenteils friesisch platt und wasserdurchtränkt, doch zwischendurch erheben sich eindrücklich und an mehreren Stellen kleine Höhenzüge oder regelrechte Berge. Einer von ihnen steht frei in seiner topfebenen Umgebung und präsentiert am langen Südhang einen schönen Weinberg, der sicherlich irgendeinem Superlativ genügt. Das zugehörige Weingut schmiegt sich östlich an den Fuß des Berges, zum Dorf Neu Töplitz hin. Die wiederbelebte Weintradition wurzelt irgendwo bei den Aktivitäten des Klosters Lehnin, das in der Geschichte der Insel eine relevante Rolle spielte.

Rebenhang am Klosterberg, Neu Töplitz
Rebenhang am Klosterberg, Neu Töplitz

Töplitz betont seine Insellage, ist aber diesbezüglich nicht extra touristisch aufgebrezelt worden. Aus meiner Sicht ist es grundehrlich und gibt ein echtes Stück vom Brandenburger Leben wider. Der direkte Kontakt zur Küstenlinie ist nur an einigen Stellen möglich, doch dann ist es um so eindrucksvoller, wenn sich vor einem die weite Fläche des Göttinsees aufspannt, je nach Wind und Wetter aufgepeitscht oder ruhig und blau. Oder sich am jenseitigen Havelufer über Phöben die steil ansteigenden Höhen der Phöbener Heide erheben, mit ihrem leuchtend in die Bergflanke gegossenen Dünenhang. Auch der leicht verwunschene, schmale Übergang bei Einhaus oder das geradelinige Ufer des Kanals im Norden sind den Besuch wert und unterstreichen die Vielgestalt der Töplitzer Gestade.

Obstwiese im Inselnorden
Obstwiese im Inselnorden

Töplitz

Beim Bäcker kurz vorm Ortskern ist es schon zu beobachten, was in der Ortsmitte fortgeführt wird. Diese Stimmung von Insel. Bevorzugtes Verkehrsmittel für den kurzen Weg zum Besorgen der Brötchen oder der Butter fürs Frühstück oder auch des Biers zum abendlichen Grillen ist hier ein solides Fahrrad ohne viel Zierrat. Das Tempo ist entspannt, das Fahrradschloss bleibt in den meisten Fällen ungenutzt. Allein bei diesem Anblick fühlt man sich schon im Urlaub, wenigstens ein bisschen. Ganz gleich bei welchem der Geschäfte, es ist stets ein leichtes, angenehm entspanntes Kommen und Gehen.

Gegenüber des zentralen Schwarzen Bretts an der meistgenutzten Kreuzung der Insel liegen in friedlicher Koexistenz zwei Geschäfte, die sich gegenseitig ergänzen, fast ohne Überlappung. Im Inselmarkt gibt es alles, was sich verzehren lässt oder alle wird in absehbarer Zeit, die Waren also des täglichen Bedarfs. Waren des monatlichen, jährlichen oder einmaligen Bedarfs hingegen und fast ausschließlich solche, die als unverdaulich gelten, bietet in einer kaum fassbaren Mischung der Töplitzer Einkaufsmarkt. In nur drei bunt-gemischten Regal-Reihen gibt es hier alles, was man sich an drei langen Abenden am Lagerfeuer hätte ausdenken können, nur um auf etwas zu kommen, was sie dann doch nicht haben hier.

Robinienwald auf dem Weg zum Göttinsee
Robinienwald auf dem Weg zum Göttinsee

Vergebens vermutlich, denn hier gibt es wirklich so gut wie alles. Von der handgetöpferten Butterdose über Filzstifte und –pantoffeln bis hin zu 5-Kilo-Hämmern und Autolack, Angelsehne oder einzelnen Schrauben. Auch ein Set fürs Entenangeln bekommt man oder ein Schnapsglas oder Vogelfutter. Angeschlossen ist ein gut sortierter Blumen- und Pflanzladen, und betrieben wird das Ganze von zwei Damen, die das Herz am rechten Fleck haben und den größten Teil der Kundschaft mit dem Namen ansprechen. Wer hier war, kommt gerne wieder. Ergänzt wird dieser Kiez durch ein Hotel, von dem direkt die Stichstraße zum Strand zu führen scheint.

Der Frühling hat das Land unwiderruflich erreicht, da kann es an einzelnen Tagen der Woche gern noch kalt grau und und wettrig sein, doch das Erwachen aller Natur ist angelaufen. Dementsprechend sind alle draußen in ihren Gärten, mit einem Lächeln in den Sinnen oder im Gesicht, und auch beim Kindergarten wird der Spielplatz aufgehübscht, ein neues Segelschiff zusammengenagelt und frischer heller Sand verteilt. Am Ortsrand geht es kurz hinab und macht erst klar, das Töplitz etwas auf der Höhe liegt, was sinnvoll scheint und darum einleuchtet für den Hauptort einer Insel. Unterhalb eines kleinen, zerfurchten Höhenzuges voller Kiefernwald, einem Spielparadies für Kinder und Mountainbiker, ruhen ungestört zwei Angelteiche mit schönen Uferstellen.

Uferplatz in Göttin
Uferplatz in Göttin

Neu Töplitz

Auf den wenigen Metern zwischen dem Ortsschildern von Töplitz und Neu Töplitz rückt der Klosterberg ins Bild, der prägnanteste Berg der Insel, und präsentiert stolz seinen flachen Südhang, bedeckt mit langen Reihen von Rebstöcken. Schöne Wege locken hin zum Berg, der sich komplett umrunden lässt. Solcherart einladend sind viele Wege auf der Insel, und in der Tat sind den ganzen Tag über Radfahrer und Spaziergänger anzutreffen, ganz gleich in welchem Winkel. Östlich von Neu Töplitz zieht sich ein sumpfiger Gürtel aus Bruchwald hin, der mal etwas Zuwendung von Menschenhand vertragen könnte und über den Abzugsgraben in den Sacrow-Paretzer Schifffahrtskanal entwässert. Gleich dahinter beginnt der einsame und weite Norden der Insel mit weiten Blicken bis nach Potsdam oder Nauen.

Hölzernes Stillleben bei Göttin
Hölzernes Stillleben bei Göttin

Streuobstwiesen wechseln ab mit Kiefern-, dann mit Birkenwald, und voraus schiebt sich die Kajüte eines Schubverbandes durch die Landschaft und markiert klar den Verlauf des erwähnten Kanales, der für eine direktere Verbindung zwischen den Städten Brandenburg und Potsdam sorgt. Schließlich führt ein Weg vorbei an klammen Auenwiesen schnurstracks hin zum Göttinsee, zuletzt noch durch ein Wäldchen von Robinien, die mit erstem diffusem Laub schon jetzt das typisches Licht solchen Waldes schaffen. Am gegenüberliegenden Ufer des weiten Sees sind einige Häuser von Paretz zu sehen, weiter hinten in hellem Grau der hohe Speicher im Hafen von Ketzin.

Göttin

Wer einen Fuß in den See stecken möchte oder noch mehr von sich, kann dies direkt in Göttin tun, wo es einen einladenden Rastplatz gibt mit Seeblick-Schaukel und Bänken. Entlang des Uferwegs liegen schöne Gärten, einer ist klein und besonders verspielt und warnt ausdrücklich mit den Schildern „Spielen erwünscht“ und „Betreten der Baustelle nur für Kinder“. Gleich dahinter liegen Teiche schwarz im Bruchwald, und gegenüber am Seeufer haust eine Weide, spektakulär aufgespalten, mit langarmig abgelegtem Holz. Gleich daneben ruhen landunter zwei  Holzkähne an ihrem Steg. Oben in den Wipfeln halten ein paar kohlrabenschwarze Raben eine angeregte, geordnete Debatte. Ohne Aggression, doch mit Nachdruck in den Argumenten, so zumindest klingt es.

Kuhweiden zwischen Göttin und Klosterberg
Kuhweiden zwischen Göttin und Klosterberg

So wie nördlich von Göttin liegen auch hier im Süden des Weilers ausgedehnte Weiden, die lose bevölkert werden von Kühen und allerlei Kälbchen, die ihre ersten Schritte schon ein paar Tage hinter sich haben. Von vorne kommen Radfahrer, die mit Sicherheit keine Insulaner sind, gerade vom Sattel rutschen und gemeinsam die Kuhweide im Detail entdecken. Gesteuert wird der Verband von der Mutter, die sich und ihre zwei Jungs im höheren Grundschulalter vom Helm bis zum Clickpedal-Schuh in hauteng sitzende High-Tech-Kleidung mit dezent eingenähten Protektoren verpackt hat. Die Farbgestaltung sieht hochpreisig und nach Profi-Rennen aus, ebenso die Mountain-Bikes. Der zu vermutende Zeitaufwand in der Ankleide lässt hoffen, dass er gerechtfertigt war und alle Berge und Höhenzüge der Insel mindestens einmal bezwungen wurden bzw. noch werden. Oder die Familie einfach so einen schönen Tag auf der Insel hat, ganz frei von einem Pensum oder Plan.

Der Klosterberg mit seinem langen Südhang
Der Klosterberg mit seinem langen Südhang

Hinter einem Waldstreifen öffnet sich dann eine teilweise wasserdurchtränkte Weite, die an das Vorland von Salzwasserküsten erinnert. Weit voraus sind Reihen von hochgewachsenen Pappeln zu sehen und der markante Fernmeldeturm auf dem Wachtelberg bei Phöben, rechts liegen feuchte Flutwiesen mit umgestürzten Pappeln, die unbeeindruckt weiterwachsen. Dahinter ein Schilfgürtel und das Wissen um die Bögen der breiten Havel. Beim Blick Richtung Binnenland zeigt noch einmal der Klosterberg sein elegantes Profil, mit dem weit auslaufenden Rebenhang gen Süden. Das dürfte über ein paar Fläschchen so zum Spaße weit hinausgehen, wenn die Töplitzer Weinlese ansteht und sich der diesjährige Ertrag abschätzen lässt. Falls es ein Winzerfest gibt später im Jahr, sollte man sich den Termin schon mal vermerken.

Plattes Land im Inselsüden

Im weiten Bogen führt der Wiesenweg um den Berg herum bis zur Alten Fährstraße, deren über die Straßenmitte gebeugtes Ziegelstein-Pflaster mit den Zeiten rundgeschliffen wurde. Die Eichenallee führt auf direktem Weg zur Havel, zu der Stelle am Ufer, wo die Fähre nach Phöben übersetzte. Jetzt sitzt dort ein Angler, glücklich über diesen Tag und euphorisch im Auswerfen seines Blinkers. Direkt daneben steht die perfekte Bank für ein verschwiegenes Päuschen. Der Blick fällt aufs gegenüberliegende Ufer, wo fast schon pittoresk eine Reihe bunter Lauben dicht am Ufer hockt, mit winzigen Parzellen drumherum und ziemlich sicher einem Steg für jede einzelne von ihnen. Ein Motorbötchen, so eins mit Windschutzscheibe und Lenkrad, läuft gerade ein im großen Bogen und tut das so würdig und erhaben, wie es eben geht in dieser Größenordnung. Krönt das Glück dieses Tages am anderen Ufer.

Alte Ziegelsteinallee
Alte Ziegelsteinallee

Voraus ins Land ragt eine lange Reihe alter, baumeshoher Weidenbüsche. Die Eichenallee setzt sich fort bis an den Rand von Töplitz. Nach rechts bietet sich ein Bild, wie es selten ist im Land Brandenburg – weit hinten streckt sich kilometerbreit die Autobahn übers flache Tal, gestützt auf breite Pfeiler. Ist nicht zu hören, dank des Windes, der eher von Westen kommt. Ein schmaler Pfad führt vorbei an Pferdekoppeln und einem alten Schlot. Aber hier geht es jetzt eine Weile am Wasser lang, nicht direkt am Ufer, doch mit Sichtkontakt zur kleinen Havelwelle. Und einem hübschen Badestrand mit Liegewiese.

Phöbener Ufer gegenüber
Phöbener Ufer gegenüber

Töplitz

Ein schön geschwungener Plankenweg gibt den Auftakt für den leichten Zickzack-Kurs, der vorbei am zugeknöpften Hafen und hinter den Grundstücken wieder etwas Uferkontakt gestattet und damit einen kurzen Blick über den Kleinen Zernsee. Vorn die Straße ist schon wieder staubig trocken, obwohl noch gestern Regen fiel, doch das ist bekannt hier von der Gegend. An ihrem Rand wird Wild vom Insel-Jäger angepriesen.

Die Brücke der Autobahn ist erst zu sehen, dann zu hören, und gleich dahinter steht das Tor zum Hafen Ringel offen, das ist der für die Sportboote. Wobei angesichts der vielen Motoryachten und der wenigen Segelboote das mit dem Sport relativ zu sehen ist. Vier Männer, zwei davon mit ausgeprägter Ringmuskulatur, tragen im wiegenden Gleichschritt vier Gerüststangen vom Hafengelände zu einem Platz außerhalb des Hafengeländes und verdienen sich damit die Anerkennung Anwesender und den redlichen Genuss der Abendbiere. Fast schon unter der Autobahnbrücke steht auf dem Trockenen und scheinbar hoch über seinem Kiel ein smartes Dampferchen mit schmaler Taille und dem Namen „Andrea Doria“, der verschiedene Deutungen zulässt.

Lange Brücke über dem Haveltal
Lange Brücke über dem breiten Haveltal

Gleich nach dem Gelände des Hafens beginnt unmittelbar eine andere Welt – die des Wolfsbruchs. Nur ein einziger Weg führt auf diese große Halbinsel, die ein Paradies für Wasservögel sein muss. Die unmittelbare Nähe der Autobahn ist kaum wahrzunehmen. Direkt voraus wäre quer über den Großen Zernsee theoretisch die Insel mit der Altstadt von Werder zu sehen. Praktisch ist es eher die Brücke am Südende des Sees, vielleicht mit den Werderaner Kirchturm dahinter oder dem nach oben zeigenden Flügel der Bockwindmühle. Das wäre dann ein Blick von Insel zu Insel, quasi interinsulär.

Plankenweg am Ufer in Töplitz
Plankenweg am Ufer in Töplitz

Einhaus

Am Rande des Wolfsbruches lässt sich unterhalb des Schwarzen Berges ein komplett zweckfreier, doch reizvoller Abstecher aufs Festland einschieben. Der schattige Alleeweg endet an einer sehenswerten Fußgängerbrücke, die hinüber führt nach Einhaus. Um dem Abstecher mehr Gewicht zu verleihen als das bloße Wechseln des Ufers, steht hier vor dem Rückweg eine winzige Runde bereit. Wer gleich auf dem Festland bleiben will, kann von hier in ca. 3 Kilometern den Bahnhof Golm erreichen.

Geschäftiges Hin und Her am Sportboothafen
Geschäftiges Hin und Her am Sportboothafen

Vom Schwarzen Berg führt der Weg zwischen Waldhang und Bruchwald nach Leest. An einer Stelle scheint ein riesengroßer Müllsack mit mittlerweile historisch wertvollen DDR-Abfällen geplatzt zu sein, die sich weitflächig über den Bruchwald verteilt haben. Da sind alte Spülmittel-Flaschen, Fischdosen, Margarine-Deckel, Kaffee-Tüten und auch Gläser und Flaschen aller Art, die eindrucksvoll zeigen, wie farbecht das damals alles war – einiges ist verblasst, vor allem auf Metal, doch die Farben auf Kunststoffverpackungen sind noch kräftig wie eh. Vielleicht ließe sich jemand finden, der begeisterter Sammler ist und den ganzen Kleinkram aus der Botanik klaubt – und damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Am Sportboothafen
Am Sportboothafen

Danach kommen wir vorbei an einigen Ufergrundstücken, die auf spartanische und zugleich luxuriöse Weise dem Verbringen schöner Stunden der Freizeit gewidmet sind – wirksam konzentriert auf das Wesentliche. Als Maßnahmen der Vorbereitungen einer abendlichen Herrenrunde knackt schon ein Lagerfeuerchen, um das zwei von ihnen sitzen. Ein Dreibein steht bereit mit einem Hängerost. Ein Dritter älteren Semesters steht konzentriert auf seinem Kahn in einem Teich, der nicht viel größer als der Kahn ist, und zielt mit einer ebenso konzentrierten Angel auf den Teich. Ein Vierter schließlich eilt herbei auf Frauchens Rad, und ebenfalls von ihr stammt auch der weiche Korb aus Schilfgeflecht, der mittig am Lenker hängt. Darin sorgsam abgelegt wie ein Neugeborenes sind Bierflaschen, Hals zu Hals gestapelt oder Krone zu Krone. Die sind vermutlich gleichzeitig Plan A, Plan B und sichere Bank für alle vier, falls der im Kahn nichts für das Dreibein liefern kann.

Leest

Hinter einem Pferdehof geht es im Bogen hinauf zur Landstraße und über die Autobahn, rechts davon liegen zwischen Leest und Eichholz die beiden höchsten Erhebungen der Insel. Hinter der Obstplantage begrüßt ein großes Schild die Gäste auf der Insel, und am abzweigenden Wege treffen wir nun auf die ersten blühenden Kirschbäume dieses Jahres – ein wunderbares Geschenk zum Abend und eine schöne Vorausschau auf die Zeit der Obstblüte am Ende dieses Monats.

Der Fußgängersteg bei Einhaus
Der Fußgängersteg bei Einhaus

Zurück in Töplitz lockt hinterm Friedhof noch ein kleiner Schleichweg hin zur Kirche, deren Kirchhof trotz seiner Winzigkeit verzweigt und auch verwunschen wirkt. Die Kirche selbst ist offen, drinnen empfängt eine große Klarheit in der Gestaltung, dazu die unvergleichliche Stille eines solchen Raumes und nicht zuletzt die charakteristische Luft aus Holz und Stein und Kerzenwachs. Ein bunter Strauß steht am Altar und zeigt hier noch einmal, wie fortgeschritten schon der Frühling ist.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): 1-2stündlich mit Regionalbahn und Bus 612 über Potsdam und Bhf. Golm (ca. 1,25-1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (Charlottenburg-Spandau-Groß Glienicke-Neu Fahrland-Marquardt, dann kurz Berliner Ring, wahlweise auch Steglitz-Wannsee-Potsdam-Bornstedt-Leest) oder über den Berliner Ring, Ausfahrt Leest (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 18,5 km, Abkürzungen, Teilung und Varianten sehr gut möglich (die Insel hat ein dichtes Netz an Wanderwegen)

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Tourismus-Informationen von der Insel

Weingut Töplitz

Informationen zum Werderaner Ortsteil Töplitz

Ideen für ein Wassertaxi zwischen den Ortsteilen von Werder

 

Einkehr: Hotel Mohr, schräg gegenüber der Töplitzer Kirche (keine eigene Erfahrung)
Landgasthaus Mühlenberg (an der Straße Zur alten Fähre)(zwischen Töplitz und Neu Töplitz) (keine eigene Erfahrung)
Besenwirtschaft des Weingutes auf dem Weinberg, Neu Töplitz (keine eigene Erfahrung)
Hafenrestaurant und Biergarten am Yachthafen Ringel (italienische Küche)