Archiv der Kategorie: Märkisch Oderland

Grobskizziert – Eichenbrandt: Drei gute Gründe und die körperlose Axt im Walde

So wie in diesem Jahr der September nach der letzten August-Stunde umgehend den großen Schalter von sommerlich mild auf herbstlich kühl umlegte, macht nun auch der Oktober Ernst, punktgenau und ab dem ersten Tag. Verwöhnte der letzte Septembertag noch wohlig-versöhnlich mit sanfter Wärme und Potential für freie Schultern, riss ihm der Oktober den bunten Altweibersommerfummel vom Leibe und ließ ihn direkt im nächsten tiefen Brunnen verschwinden, mit grauem und direktem Blick.

Wald im mittleren Gamengrund

Als wenn das noch nicht reichen würde, baute sich zwei Tage später ein Sturmtief auf, das von Tag zu Tag mehr mit seinen Bizepsen rollte und sich weitere zwei Tage später mit aggressiver Wucht entlud, bevorzugt über Norddeutschland. In nur zwei Stunden wurde in Brandenburg und Berlin so viel Lebend-Holz zerlegt, wie es nur ein Sturm bewirken kann, der viel zu zeitig kommt und alle Kronen noch belaubt erwischt, mit voller Angriffsfläche. Mehrere Menschen überlebten dieses schwere Sturmereignis nicht, zumeist aufgrund stürzender Bäume.

Der Name des Vandalen musste mit dem Buchstaben X beginnen, gemäß der alphabetisch durchlaufenden Namensvergabe. Da beim X nur eine bestimmte Auswahl an halbwegs glaubhaften Namen verfügbar ist, wurde es wieder eine Variante von Xaver, diesmal Xavier. Nicht der erste Xavier in diesem Jahr, doch leider folgenreich und unvergesslich wie einst Kyrill.

Freigeräumter Weg nach den Sturmtagen, bei Eichenbrandt

Tage später ist es beim Bewegen in der Stadt und auf dem Land gleichermaßen kaum zu fassen, was die Naturgewalt alles verursachte und was die Feuerwehren und sonstigen Helfer in dieser kurzen Zeit geleistet haben. Eine Zeit, in der die Zahl der Einsätze in den vierstelligen Bereich ging und es fast unmöglich gewesen sein muss, Prioritäten zu vergeben, weil ja irgendwie alles ineinander verzahnt ist.

Im Umland gibt es nach fast einer Woche noch immer Probleme auf den Straßen, und an fast allen Fahrbahnrändern zeugen liegende Laubbäume mit aufgeworfenen Wurzelballen von der Wucht des Sturmes.

Einstieg in den Gamengrund bei Leuenberg

Tiefer Wald

Abgesehen von solchen Großereignissen äußeren Aufruhrs oder auch damit verflochten gibt es Zeiten innerer Unrast auch in jedem kleinen Menschenleben. Zeiten, die in vielen Hinsichten so vollgestopft sind, dass man in der nächstgelegenen Freizeit einfach nur stundenlang durch die Botanik streifen möchte, ohne einen einzigen Menschen zu treffen, wortwörtlich. Ohne jegliches Gerangel, Gedrängel oder Ausweichen, ohne Notwendigkeit zur räumlichen Rücksichtnahme oder wortlosen Argumentation. Einfach den Wind ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder rauslassen und dazwischen gerade so viel Synapsentätigkeit, um nicht über die eigenen Beine zu stolpern. Widerstandslos und willig Regentropfen erdulden, die genau in die kleine Kragenlücke am Nacken tropfen oder gekrümmte Stöcker, die durchs eigene Darauftreten zeckend an den Unterschenkel knallen. Das Ganze bevorzugt tief in schönem, besonderem Wald.

Langer See oder Mittlerer See im mittleren Gamengrund

Wenn selbst der Weg dorthin sich noch zum gelinden Hindernisparcours gestaltet, ist es umso wohltuender, vor Ort den ersten Schritt zu tun, tief einzuatmen und diese hochqualitative und von Stille getragene Luft durch den ganzen Körper strömen zu lassen. Wenn irgendwann der märkische Ruhepuls erreicht ist, schalten sich nach und nach die Sinne zu. Mit jedem bunt belaubten Baum, jedem Duft von Harz und Kiefernnadeln, dem pulsierenden Rauschen der restlichen Winde in den Wipfeln und der punktuellen Kälte der allerletzten Böen kehrt mehr Ruhe ein im eigenen Gebälk. Bis man schließlich nur der Linie auf der Karte folgt, wenn das denn geht vor lauter umgelegten Bäumen, und ruhig wird und friedlich. Schließlich.

Abendliche Eichenallee bei Heidekrug

Die Möglichkeit auf solche Entlegenheit findet sich zuhauf in den einsamen Nordregionen von Prignitz und Uckermark, sicherlich auch in den eindrucksvollen Weiten rund um die einstigen Lausitzer Tagebaue. Doch es geht auch weniger entlegen. Schon kurz hinterm Berliner S-Bahn-Bereich gibt es eine Möglichkeit, zwei bezaubernde und zudem ausgeprägte Eiszeitrinnen zu einer entlegenen Tour zu verbandeln, auf der man scheinbar ununterbrochen durch tiefe Wälder zieht. Selbst die Querverbindung zwischen beiden haut in diese Kerbe und gibt sich trotz flacher Ausprägung wie ein versunkenes Waldtal.

Gamengrund

Der Gamengrund ist ein wahrer Zauberkünstler, was vielfältige Naturschönheit und Waldromantik betrifft. Zwischen den westlichen Strausberger Seen und dem Oderbruch bei Falkenberg liegen nur reichlich zwanzig Kilometer, doch auf dieser Strecke wird in der meistenteils bachlosen Landschaftsfurche eine Vielfalt entfesselt, die wohl fast jeden wiederkehren lässt, der einmal hier war.

Nördlicher Gamengrund bei Krummenpfahl

Mehr als ein Dutzend schlanke Seen und verträumte Weiher ruhen in der Tiefe dieses Grundes, der manchmal siebzig Meter ins umliegende Land eingegraben ist, manchmal nur etwas über zehn. Die Vielfalt des Waldes reicht von hochgewachsenem Erlenbruchwald bis hin zu Fichtenwäldern, die an Gebirge denken lassen, besonders in verschneiten Wintern. Sie sind so dicht und dunkel, dass hier einfach Wesen leben müssen, die sonst am ehesten im Märchenbuch zu finden sind. Dann wieder gibt es lichte Hänge mit flächigen Teppichen aus Buchenlaub. Dazwischen, meist ganz unten, stehen jahrhundertalte Baumriesen mit glatter Buchenhaut oder zerfurchter Eichenborke, riesige Douglasien und auch mal eine Tanne.

Nadelränder am oberen Grenzgrund

Ein Haus gibt es im Gamengrund nur ganz am Rand von Tiefensee oder bei Leuenberg, dann kurz vorm letzten See im Norden die in Terrassen angelegte Laubensiedlung für das Wochenende. Die liegt unterhalb des Dorfes Krummenpfahl, scheinbar in einem Talkessel.

Wenn man, egal an welcher Stelle, diesen entrückten Grund wieder verlässt und sich zuvor so ganz woanders wähnte, wird man zum einen seine Tiefe in den Beinen merken, zum anderen oben im Lichte staunen, dass man wirklich hier in Märkisch Oderland über die Felder schaut. Kurz hinter Strausberg, oder kurz vor Bad Freienwalde.

Grund ohne Namen

Etwas weiter östlich gibt es ein Pendant, das in vielen Belangen weniger eindeutig ist als der Gamengrund und ebenfalls für Schönheit steht und Einsamkeit. Fährt man mit dem Finger über ein Geländemodell, gibt es eine größere Lücke, wo die Fingerkuppe ohne Führung ist und nach dem Anschluss suchen muss. Was am kurmondänen Rand von Bad Freienwalde als Brunnental beginnt, setzt sich leicht nach Westen versetzt als Geländerinne fort, vorbei an Steinbeck, Biesow und Blumenthal, bis es schließlich so nobel im Straussee sein Finale findet, wie das der Gamengrund im Fänger- und im Bötzsee tut. Auf knapp ein Dutzend langgezogene Seen und Pfühle kommt auch dieser namenlose Grund, und auch hier gibt es so manche steile Flanke sowie ein paar versumpfte Ecken, in denen Mysthik wohnt zu jeder Tageszeit.

Rastmöglichkeit nördlich von Gielsdorf

Heidekrug

Die Wälder dazwischen vollbringen an einer Stelle das kleine Kunststück, selbst über die Höhe ein schönes Waldtal anzubieten, wenn auch ein flaches. Nach einem spürbaren Aufstieg aus dem Gamengrund kommt man vorbei an Heidekrug, einem Platz im Wald, der nichts von dem erfüllt, was sein Name an Erwartung weckt. Keine Waldeinkehr ist hier, auch keinerlei Romantik oder Landlust-Szenen, dafür ein gepflegter Wetter-Radar-Turm sowie verfallende Kasernen, zwischen denen man sich gegenseitig mit kleinen Portionen Farbe beschießen kann.

Grenzgrund

Kurz hinter einer urigen Rasthütte, in der dank eines soliden Abzuges manchmal ein schönes Feuer lodern darf, beginnt kaum spürbar und mit weitem Blick durch lichten Wald der Grenzgrund. Seine Waldvielfalt spielt fast in einer Liga mit dem Gamengrund. Ganz langsam bilden sich die Flanken aus und gewinnen nach und nach an Steilheit, und zum Ende gipfelt das Ganze schließlich weglos und fast etwas dramatisch in einem ausgeprägten Seitental des namenlosen Grundes.

Herbstlicher Gamengrund bei Wesendahl

Unten liegt langgezogen und tief eingesenkt der Große Lattsee. Wie bei fast allen Seen dieses Talgrundes besteht freie Wahl der Uferseite. Westlich läuft ein schmaler Pfad, durch dichten Wald, wild und romantisch, unter dem laubbedeckten Hang am Ostufer ein gediegener Weg, der ein paar schöne Badestellen bietet – falls das gerade von Belang ist.

Eichenbrandt

Dort, wo beide Wege enden, quert eine breite Forststraße, die im Anstieg hier und dort noch altes Pflaster sehen lässt. Nach so viel Wald und Stamm und Wipfeldichte sind jetzt Licht und freier Blick willkommen, und davon gibt es reichlich auf dem letzten Stück der Runde. Immer der Linie des Waldrandes folgend gelangt man vorbei an einem verlassenen Gehöft und einer herrlichen Eichenallee ins gemütliche Dörfchen Eichenbrandt, das sich als Startort anbietet. Nicht zuletzt deswegen, weil dann die erwähnten ersten Schritte durch eine zutiefst beruhigende Reihe von Kastanien führen, bevor der Weg sich absenkt in die Wälder. Eine gute, eine wunderbare Starthilfe im Streben nach dem märkischen Ruhepuls.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): keine direkte Verbindung; wahlweise Regionalbahn über Lichtenberg und Werneuchen nach Werftpfuhl, von dort Wander-Zuweg in den Gamengrund (ca. 3 km)

Anfahrt Pkw (von Berlin) über Landstraße, wahlweise über Werneuchen oder Strausberg (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen gut möglich)(dargestellte Tour/Download-Wegpunkte sind problembereinigt)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

 

Links:

Seite der Naturwacht Gamengrund (mit Tourenvorschlägen)

Informationen zum Gamengrund

Flyer zum Wandern im Gamengrund (PDF)

Flyer zum Wandern im Gamengrund (PDF)

 

Einkehr:

Gasthaus am Berg, Werftpfuhl

(in Leuenberg, Werneuchen und Tiefensee div. Gastronomie)

 

 

Lebus: Höhenpfade, Odervielfalt und die verlassenen Schneckenhäuser

Selten war der Wechsel zwischen August und September so klar auch ein Wechsel vom Sommer zum Herbst. Wie das Umklappen eines Kalenderblattes, wie ein pragmatischer Vollzug von Fakten. Wer die warme Jahreszeit besonders liebt mit ihrem vielen Licht, den lauen Abenden und ärmellosem Draußensein, hat sicherlich geschluckt. Wer hingegen gern den Herbst zelebriert, mit seinen Düften und Farben, dem warmen Licht der abendlichen Sonne und den zahlreichen Optionen der Gemütlichkeit zwischen vier Wänden, wird jetzt aufatmen und feiern angesichts der Monate voraus.

Blick von den Lebuser Adonishöhen auf Frankfurt

Ob man es nun als Spätsommer betrachten will oder als Frühherbst, die Lichtstimmungen des tieferen Sonnenstandes stehen beiden Lagern zur Verfügung. Eine schöne Bühne für diese Spiele ist die wechselvolle Landschaft an der Oder bei Lebus.

Das odernahe Land zwischen Frankfurt und Schwedt steckt voller Widersprüche, und der Blick über diesen Fluss vermittelt fast an jeder Stelle etwas Fernes und Wildes. Dass die Oder keinesfalls aus dem nahen Polen kommt und zudem beim Erstkontakt mit der deutsch-polnischen Grenze schon 550 Fließkilometer hinter sich hat – fast so weit wie von Aachen nach Zittau – verleiht diesem Eindruck noch mehr Gewicht. In der Tat gibt es in Tschechien ein Mährisches Odergebirge, wo sich die Oder zunächst als feuchter Waldboden, dann als kleines Rinnsal auf den langen Weg zum Stettiner Haff macht.

Abstieg ins Tal des Mühlengrabens

Der augenfälligste Widerspruch erwacht aus der Erwartung an die topfebenen Weiten des Oderbruchs, das in Brandenburg einen großen Teil des Flusslaufs begleitet. Dabei bindet es fast liebevoll die ziellosen Schlingen der Alten Oder ein, deren Regelmäßigkeit dem Spiel eines sechswöchigen Kätzchens ähnelt. Diese alleenreiche Ebene mit ihrer sagenhaft schwarzen Ackerkrume gibt es, ausführlich sogar, doch dem gegenüber stehen spontan erwachsende und schroffe Höhenzüge, die mit ihren Tälern, Steilhängen und ihren blumenreichen Wiesen immer wieder und völlig zu Recht ans Mittelgebirge erinnern. Dabei sind es nur vereinzelte Stellen, die die Hundert-Meter-Marke knacken.

Obsthang am Bruch, bei Wüste Kunersdorf

Im Süden des Oderbruchs liegt Lebus. Ein faszinierender Ort, der bei jedem Besuch aufs Neue überrascht, wenn man sich ein wenig treiben lässt. Bis im 13. Jahrhundert als gezielte Konkurrenz die Stadt Frankfurt gegründet wurde, gab es keine wichtigere Stadt im großen Umkreis, der noch heute „Land Lebus“ genannt wird.

Neben gemütlichen Straßen und Gassen existiert zwischen Kirche und Burghöhe ein unvergleichliches Geflecht von Wegen, auf die sich in Flutzeiten ausweichen lässt. Mittlerweile können sie als touristisches Alleinstellungsmerkmal betrachtet werden – das Ergründen dieser schmalen Wiesenpfade ist von speziellem Zauber, nicht zuletzt der Aussichten wegen. Auf Augenhöhe mit dem Kirchturm reicht der Blick über die Oder mit ihrer hakeligen Uferlinie weit hinein ins Nachbarland.

Vorgefundene Accessoires bei den Obstwiesen

Nördlich von Lebus beginnt es dann, das platte Oderbruch. Doch die flussüberragende Höhe, auf der die Stadt einst gegründet wurde, setzt sich als Reitweiner Sporn bis nach Reitwein fort und tut das sehr markant. Vor dem Dorf legt sie eine Art Vollbremsung hin, fällt spontan ab und erreicht bei einer silhouettendienlichen Schinkel-Kirchruine den Reitweiner Ortsrand. Ab dort geht das Oderbruch auf volle Breite und wird im Westen erst von der Moränenkante begrenzt, zu der die Seelower Höhen zählen. Weiter nördlich übernehmen das die kleinen Schweizen rund um Bad Freienwalde sowie die große Oderinsel, die seinerzeit zwischen altem und neuem Oderlauf entstand. Südlich von Lebus reicht dieselbe hohe Kante fast hinein bis Frankfurt und sorgt dort für ein kurioses Stadtbild, wo sich Plattenbauten wie agile Wellenreiter geben.

Mühlteich, bei Bruckmühle

Lebus

Beim Meisterbäcker Falk in Lebus ist noch ziemlich reges Treiben, obwohl sich die Öffnungszeiten anderer Läden schon ins Wochenende zurücklehnen. Jeder, der reinkommt und was kauft, nimmt auch mindestens eine Tüte Kekse mit. Das können wir nicht auf uns sitzen lassen, tun es auch so und probieren. Und kaufen gleich noch eine nach.

Vom zentralen Kreisverkehr am gut erhaltenen Kulturhaus ist es knapp ein Kilometer bis zur alten Bahntrasse, die kaum noch zu erkennen ist. Noch vor zwanzig Jahren fuhren hier Züge, die von Küstrin kamen oder von Frankfurt. Stille Straßen führen zum Ortsrand, und dreht man sich zwei Minuten später nochmal um, wirkt es unwahrscheinlich, dass dort ein größerer Ort liegen soll.

Ausgelatschte Stiege auf die Aussichtsplattform, Oberkante Adonishänge

Voraus erstreckt sich breit und unter dunklen Wolkenbändern die wellige Landschaft, entfernte Türme zeugen von der großen Nachbarstadt. Überall ist Platz und Weite. Ein kleiner Abstieg führt hinab ins Tal der Mühlengrabens, das fast platzt vor üppigem Grün. Das ist ein Charakterzug dieses rekordnassen Sommers, der alles Wachstum ins Uferlose trieb. Die Holunderbüsche hängen so voll mit extradicken Früchten, dass man an einem einzigen die Tüten vollbekommen würde, die man gerade selbst noch transportieren kann.

Blick von den Aussichtsbänken auf Frankfurt

Am Mühlengraben treffen ein hochbeiniges Eisenbahn-Viadukt, liebliche Obstwiesen und ein hochstämmiger Bruchwald aufeinander und sorgen nicht nur zur Dämmerstunde für eine Stimmung, die man Caspar David Friedrich guten Gewissens hätte anbieten können. War die Obstwiese erst noch flach, erklimmt sie hinterm Viadukt einen sanften Hang und taugt gemeinsam mit dem Weg anstandslos als Märchenfilm-Kulisse. Nach einer schönen Sonnenbank und noch vor der Straße ruht rechts ein stiller Angelteich, dessen romantisch gelegener Auslass das goldene Wasser des bruchgefilterten Mühlengrabens angemessen inszeniert.

Am oberen Hangweg, mit blühenden Herbstwiesen

Adonishänge

Einen Bruchwald später beginnt mit einer urigen Stiege der Aufstieg auf die Wiesenkante oberhalb der Adonishänge. Die folgende Viertelstunde ist gut geeignet zum anhaltenden Staunen – es ist eine der sagenhaftesten Stellen auf den Oderhöhen, zudem so dicht am breiten Fluss wie selten sonst. Die Hänge hier sind weithin bekannt, da sie besonders reich sind an Frühlings-Adonisröschen. Wenn diese wirklich wunderschönen Blumen blühen, wechseln die Busse auf dem Parkplatz in kurzen Abständen. Ganz abgesehen vom goldglänzenden Frühlings-Spektakel, das deutschlandweit seinesgleichen sucht, wohnt dem Zusammenspiel von steilem Hang und wilder Oderaue eine zurückgenommene Dramatik inne – das ganze Jahr über und natürlich ganz besonders, wenn das Licht für Stimmung sorgt.

Strand an der Alten Oder, bei Lebus

Am oberen Ende der Kante stehen auf einer kleinen Plattform drei Bänke, die einen hinreißenden Blick anbieten – die Skyline von Frankfurt, präsentiert hinter einer weiten Oderkurve. Die Farbe des träge bewegten Wasserspiegels wechselt in Minuten von flüssigem Silber zu mattem Titanium, von intensivem Blau zu kurz vor schwarz.

Hat man sich davon losgerissen, beginnt dieser herrliche Weg direkt oberhalb der Steilkante. Selbst jetzt im spätsommerlichen Frühherbst sind hier die Wiesen noch bunt und prächtig, und wieder kommt das Mittelgebirge in den Sinn. Auf fünfzig Meter über Null. Einige der Blüten und Rispen hinterlassen Fragezeichen selbst bei Versierten.

Kietzer Straße, Lebus

Ganz zuletzt ist im Norden durch eine Baumlücke der eindrucksvolle Reitweiner Sporn zu erahnen. Kurz darauf der Einschlupf in den Abstieg lässt bis zum letzten Meter daran zweifeln, dass es wirklich hier hinabgeht, man nicht zurück zur Treppe muss. Unten ist der Weg dann breit und grasig und flankiert bald einen dickköpfig wirkenden, enorm steilen Hang. Noch etwas tiefer streift er schließlich als idyllischer Pfad ein Strändlein, bevor an einem der nagelneuen Grenzpfeiler das erste Haus in Sicht kommt.

Hochwasserpfad oberhalb des Ortes

Lebus

Im Ort sind alle Straßen im Einzugsbereich möglicher Hochwässer gepflastert und damit schön und dauerhaft zugleich. Der Blick die Kietzer Straße entlang beruhigt, nicht zuletzt auch deswegen, weil hier zwei gemütliche und reizvolle Möglichkeiten liegen, Hunger oder Durst zu stillen. Das passt mehr als gut, denn irgendwie sind wir heute eher hungrig als sonst – wohl der Bergluft wegen.

Odersträndchen

Eine erste Kostprobe der schönen Hochwasserpfade genehmigen wir uns als luftiges Kompott und genießen von oben den Blick der Blicke in Lebus, direkt oberhalb der Kirche. Alle Pfade sind frisch gemäht, auch die Gebüsche am Hang, und haben verlassene Häuser von Weinbergschnecken freigelegt. Diese architektonischen Meisterwerke sind als Dauersuchauftrag schon seit einem Jahr dabei, für eine früher mal gesehene schöne Weihnachtsbastelei. Am Ende klappern zwei Dutzend hohle Wendeln in der Sammeltüte – mit und ohne Erde, von blassweiß-filigran bis eichenbraun und rustikal. Und auf jeden Fall verlassen.

Lebus im Busch

Entlang vorabendlich duftender Hänge mit Robinien, dichtem Buschwerk und viel Hopfen nehmen wir noch ein schönes Seitental mit und ziehen dann vorbei an Lebus im Busch zum südlichen Rand des Oderbruchs. Landen prompt auf einer dieser endlos geraden Straßen, die vielleicht ein Alter Fritz mal abgesegnet hatte. Links liegt mal ein kleines Bruch oder eine weite Wiese, rechts dafür dann ein Gehöft mit Blick zum Oderdeich. Von hinten rauscht routiniert ein entspannter Skater heran auf diesen extragroßen Rollen, die überhaupt nicht wendig sind, doch dafür extraschnell. Und ist schon bald nicht mehr zu sehen, trotz schnurgerader Straße.

Wassergewirr in den Auen der Alten Oder

An einem hundert Meter langen Quader aus Strohblöcken biegen alle ab, die angeln wollen, ihre Ruhe haben oder beides. Wo die Zufahrt endet, beginnt hinterm Deich ein krautiger Weg direkt in die Oderaue, der sich trotz gewissem Risiko auf Weidezäune zu gehen lohnt. Immer geradeaus landet man mitten in der Oder, auf einem dieser Uferhaken, die auf schwerem Steinwerk ruhen. In Richtung Norden sorgt die Gegenströmung dieser Buchten für hübsche kleine Strände, an denen sicherlich auch ein zwei Körnchen aus dem fernen Tschechien liegen. Wenn das Wetter stimmt, der Himmel blau ist und das Oderwasser duftet, ist ein Bad hier ein Genuss – dabei ist keinesfalls die Strömung zu unterschätzen. Ansonsten lässt man sich einfach in den tiefen Sand fallen, kippt nach hinten um und genießt den Blick in den Himmel zu den Klängen, die der Wind so rüberweht. Jetzt gerade sind das die rauschenden Pappeln in den Auen, flussaufwärts blökende Schafe aller Stimmlagen und ein Angler, der seinen Anglerkram auspackt, mit schnappenden Verschlüssen.

Einer der Blicke auf Lebus

Heute erwischt es uns mit Weidezäunen, doch das ist einzusehen. Auch hier ist alles Grüne explodiert, und so haben die Schafe intensiv damit zu tun, der Sache Herr zu werden. Nur kurz werden wir fixiert von knapp dreihundert Augen.  Also zurück zum Deich und dann von hinten nochmal in die Auen rein, die hier durchzogen sind von stillen Buchten und frei geformten Nebenbecken. Drei Schwäne fliegen hin zum Fluss, synchron in allen Dingen und mit dem typischen Geräusch.

Nach den krautigen Wegen ist es jetzt regelrecht entspannt auf der asphaltglatten Deichkrone. Voraus präsentiert sich Lebus hinter immer neuen Variationen aus Oderspiegelwasser und Auenbäumen und macht den gekrümmten Weg zu einem Genuss von milder Spannung. Wuchtige weiße Kühe malmen ihr frisch Gerupftes, alle mit gehörnten Häuptern. Das verdoppelt den Respekt. Der Hirte dreht seine Abendrunde mit dem Jeep.

Abendblick aufs weite Nachbarland

Nach einer letzten Rast am leicht martialischen kleinen Oderhafen steigen wir noch einmal in die Flanke und stoßen per Zufall auf wieder neue Schleichwege und Pfade unterm Schlossberg. Ein kleines Motorboot arbeitet sich gegen die Strömung in Richtung Frankfurt und schafft mit der endlosen polnischen Weite, dem matt glänzenden Oderstrom und dem schwindenden Licht ein Feierabendbild, das innerlich zutiefst beruhigt.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): in der Woche mehrere Verbindungen, mehrfache Umstiege (2,25-2,5 Std.), am Wochenende nur wenige Verbindungen; insgesamt wenig praktikabel

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (B1/B5 etc.) oder über A12 (jeweils ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 19 km, Abkürzungen sehr gut möglich

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Tourist-Information Lebuser Land

Adonisblüte bei Lebus

Informationen zu Lebus

 

Einkehr: Oderblick (unterhalb der Kirche, gute Küche, freundlich, drinnen und draußen schön, direkt am Fluss)
Anglerheim (am nördlichen Ortsrand, sehr gemütlich, drinnen und draußen schön, gute Küche, freundlich, mit Oderblick)

 

Reichenberg: Stöbbermühlen, schneller Kornduft und der Echsen-Schwank

Es ist Juli, und über Stadt und Land sorgen die blitzschnellen und verwegenen Mauersegler mit ihrem schrillen Pfeifen für eine verlässliche Bestätigung der Jahreszeit. Dasselbe gilt für die Grillen, die schon aus kleinsten Wiesenflächen unüberhörbar zirpen, und sei es nur der Mittelstreifen einer breiten Ausfallstraße oder ein vergessenes Wiesenstück an einer lauten Kreuzung. Dementsprechend intensiver sind ihre Klangteppiche über uferlosen Wiesen oder Weiden auf dem Lande. Die Sonne zeigt sich eher punktuell, doch wenn sie da ist, beeindruckt sie sofort mit hochsommerlicher Kraft.

Im mittleren Stöbbertal zwischen den Mühlen

Der Sommer hat in den letzten Jahren gezeigt, dass er Freude gefunden hat an Superlativen. Ausgedrückt hat er das diesmal nicht in Grad Celsius, sondern in selten gemessenen Werten der niederschlagenden Millimeter-Skala. Auf dem Wetterradar sah das aus wie ein erboster Strudel, den seine Suche nach sich selbst über ganz Norddeutschland gefangen hielt. Selbst im vergleichsweise winzigen Einzugsgebiet von Berlin gab es bei diesen Wetterereignissen enorme Unterschiede, so dass es in einzelnen Bezirken einfach nur sehr stark schüttete, währenddessen rund um Oranienburg binnen eines Tages so viel Wasser herunterkam wie sonst in einem halben Jahr nicht.

Zwischendurch gab es dann wieder arglose Phasen, und dieser Tage ist wieder ein gefälliges Maß an Sommerwetter erreicht, das fast jedem Geschmack etwas gerecht wird. Es ist die beste Zeit im Jahr für schöne Hochzeitsfeste, die nackte Schultern ermöglicht und Sonne auf dem Scheitel, Tanzen und Feiern bis in die morgendliche Nacht, beseeltes Schweigen unterm Sternenzelt beim Sound von tausend Grillen in den Wiesenhalmen. Leuten, die befürchten, sie könnten eines Tages ihren Hochzeitstag vergessen, empfiehlt sich in diesem Jahr der erste Tag des Monats Juli, doch nur wer schnell genug gewesen ist oder wen in der Verwandtschaft hat, der jemand kennt, wird seinen liebsten Menschen gewissermaßen frisch gebacken in den zweiten Juli führen.

Gräserner Kirchgang in Reichenberg

Als Ort für so einen besonderen Tag gibt es unzählige Möglichkeiten, die alle das hochrelevante Merkmal der ziemlichen Einzigartigkeit bieten. Wer dabei glaubt, mit Fähren oder Leuchttürmen, Schlössern oder Bohrinseln oder gar historischen Ruinen wäre es im Wesentlichen getan, kann sich gern noch überraschen lassen. Zum Beispiel von übergroßen, teils ächzenden Metall-Skulpturen, die imposant weit verstreut auf einer endlosen Wiese stehen, benachbart zu drei zauberhaften Rückzugsorten komplett verschiedener Größe. Oder einem wunderschönen Saal mit eigenem Strand zum Müggelsee, mitten in der Stadt Berlin.

Wenn nach einer Woche der Nachhall all der schönen Erinnerungen und wohligen Töne langsam leiser wird, da irgendwo im Hinterkopf, wird es manche gleich zur nächsten Hochzeit ziehen, andere in die grüne Stille. Geeignete Zutaten, die bestens in den Sommer passen, wären zum Beispiel ein saftig grünes Bachtal von Romantik und Zurückgezogenheit auf der einen, duftende und winddurchwogte Kornfelder auf der anderen Seite. Dazwischen ein paar Dörfchen und auch Mühlen, gerne auch ein Einkehrort direkt am Weg. Eine entsprechende Datenbank-Abfrage würde neben anderen das Stöbbertal ausgeben.

In der Kornduftschneise hinter Reichenberg

Die Stöbber ist keine dreißig Kilometer lang, doch sie verbindet verschiedenste Landschaften. Da ist zunächst das flache Rote Luch bei Strausberg, unscheinbar und schön. Die stöbberschen Wasser trödeln von hier in zwei grundverschiedene Richtungen und adeln das Luch damit zur Wasserscheide zwischen Nord- und Ostsee. Später fließt der oderstrebige Arm durch das mittelgebirgig anmutende Zentralmassiv der Märkischen Schweiz, zuletzt dann durch die reichhaltige Teichlandschaft bei Altfriedland, die Unmengen von Vögeln als Brut- und Rastplatz dient. Zwischen den letzten beiden zieht sich in tiefer Idylle das mittlere Stöbbertal und bietet einen sanften und genießerisch langgezogenen Übergang von der höhenmeterfreudigen Schweiz zur hügeligen Ringenwalder Heide an. Die wiederum gibt Anhängern der frühesten Blümchen eines jeden Jahres viel Anlass zu kleinen spitzen Seufzern.

Es gibt einige Landschaften, denen man das Prädikat „Nummer Sicher“ verleihen könnte, wenn es um einen schönen und auch runden Tag geht unter freiem Himmel. So auch dieser Teil des Stöbbertals. Damit die Kornfeldquote stimmig ist, empfiehlt sich als Startpunkt eines der nördlich gelegenen Dörfer. Zum Beispiel Reichenberg.

Zustieg zur Einkehr an der Pritzhagener Mühle

Reichenberg

Über Reichenberg liegt Stille. Zwei Pferde trotten nach Hause, genauso viele Bengels hängen ihre Angelhaken in den Teich und irgendwo fegt jemand irgendwas. Das einzig Dialogische kommt von den Hühnern hinterm wiesengrünen Kirchgang, über dem die Kirche auf dem Hügel lagert, wie auf einer Insel.

Gleich hinterm Dorf weht einem der kräftige Wind den erhofften Sommerduft nach gut gereiften Ähren direkt in die Nüstern. Ein Weg lockt in die Wiesen und verliert hinterm Galgenberg an Höhe. Seinen Rand säumt die blauweißgelbe Feldrandmischung dieser Wochen, und voraus liegen gefällige Landschaften in vielfältiger Abwechslung und perfekter Anordnung – als hätten sie sich in Pose geworfen für das Auge des Betrachters. Unten im Wald duftet es würzig nach regengesättigtem Erdreich, und gleich danach kommt uns der Weg abhanden. Ist nicht mehr übrig zwischen Mais und Gerste. Ein netter Trecker hat jedoch ein paar Meter westlich eine gangbare Spur gelegt, durch die sich lautstark staksen lässt, mit ständigem Gekitzel von den langen blonden Grannen.

Schattige Passage im Stöbbertal, ganz dicht am Bach

Pritzhagen

Dass die Alternative auf der Straße kein Problem wäre, zeigt sich auf dem kurzen Stück zum Abzweig nach Pritzhagen. Kaum Autos sind hier unterwegs und man läuft wie auf einem Kamm, mit weitem Blick und scheinbar über allem. Über allem liegt auch das Dorf Pritzhagen. Ein Mädchen schlägt mitten auf der Straße makellose Räder, so unbeschwert und ergiebig, als wenn schon Ferien wären im Lande Brandenburg. Hinten am Teich bei der Kirche ist heute die Ostsee-Quadrille zu Gast, ein zerfasert abgeparkter Convoi von Anhängern und Zugmaschinen, der offensichtlich mit Pferden zu tun hat. Ein großer Mann in Schwarz ist mit seinem großen schwarzen Pferd scheinbar in denselben Traum versunken.

Gabelung an der alten Eiche

Direkt hinterm Dorf fällt die Straße entlang einer saftigen Weide ab, bald schon stärker, links gähnt ein steiler Waldhang. Ein Fröschlein, kleiner als ein Hemdknopf, quert behende die Straße. Geschlagene fünfzig Höhenmeter weiter unten ist am Tornowsee der tiefste Punkt erreicht. Kurz überm Wasser hängt an einer einladenden Badestelle ein langes Tau und kann speziell im Sommer hilfreich sein, wenn man das Loslassen üben will. Nach dem nächsten Abbiegen hört man sie dann endlich rauschen, die Stöbber, die hier mit einer tosenden Fallstufe ihre verträumte und kurvige Passage durch den Wald beendet. Das andere Ende liegt beim Schweizerhaus am Rand von Buckow.

Eine der schönsten Rastbänke, Stöbbertal

Pritzhagener Mühle

Ob nun hungrig oder nicht, auf jeden Fall sollte man sich den Ver- und Gebotsschildern trotzend zur benachbarten Pritzhagener Mühle durchschlagen und bei einem kräftigen Kakao diesen wunderschönen Ort genießen, der dank seiner vordergründigen Hintergrundmusik verlässlich von einer süßen Melancholie umweht wird. Obwohl hier keineswegs alles perfekt ist, birgt dieser Ort leichtes Suchtpotential. Gleichermaßen schön ist es vorne draußen, innen drinnen und hinten unten. Wobei hinten unten auch nah dran ist an den Stöbberflächen und dieser Tage eher gut, wenn man kleine Dosen Blut loswerden will. Schilder besagen, dass es hier ab 16.30 Uhr nur Champagner gibt und Kaviar nach Gewicht – vielleicht schreckt das ja erprobt die Mücken ab.

Brummochsen mit ähnlichen Frisen im mittleren Stöbbertal

Während wir sitzen und schlürfen, spielt sich rund um den gepflasterten Türbereich eine hinreißende und tragikomische Szenerie des Verpassens ab, wie in einem Theaterstück, wo ständig die Türen klappen und alle aneinander vorbeirennen. Insgesamt sind drei Darsteller beteiligt, die sich alle zum Verwechseln ähnlich sehen und von jetzt auf gleich mit dem Granitgestein der Katzenköppe verschmelzen können oder so in einer der Zwischenfugen versinken, dass passierende Kundschaft keine Gefahr darstellt. Letztlich laufen alle Verabredungen schief und die drei Eidechsen verlassen den Schauplatz in drei grundverschiedene Richtungen.

Dezente, doch eindeutige Einladung in den Garten der Besinnung, Eichendorfer Mühle

Hier beginnt nun dieses Wegstück, das zu den Klassikern brandenburgischer Spazierwonnen zählt. Auf knapp vier Kilometern ist im steten Wechsel so viel Schönheit und Idyll versammelt, dass es im Schlurfschritt das Füllhorn eines einzigen Tages zum Überlaufen bringen kann. Tiefer, kühler Wald mit zufließenden Bächen wechselt mit ausschweifenden Wegkurven um üppige Wiesen, einzelstehende Kroneneichen leiten direkt über zu sommerlich bunten Wiesenhängen mit einer der schönsten aller Rastbänke. Im nassen Weidegrund der Stöbberaue stehen knuffige Galloways, denen die Halme bis zur halben Körperhöhe reichen, und sorgen wortkarg für etwas Ordnung.

Balken für die Ewigkeit, Eichendorfer Mühle

Eichendorfer Mühle

Kurz vor der Eichendorfer Mühle liegt hinter einer unverschlossenen Pforte ein sorgsam gestalteter Garten, ganz ohne Verbotsschild. Im Garten der Besinnung gibt es neben einem Teich ein Wassertretbecken und einen schönen Barfußpfad sowie verschiedenste Gärten mit Beschriftungen für Neugierige. Die Eichendorfer Mühle selbst dient als vielschichtiges Therapiehaus, wo fern von allem der Weg von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit begleitet wird. Der Garten und sein hervorragender Zustand sind ein ständiges Ergebnis dieser Prozesse.

Grobkörniges Stillleben im Mühleninnern, Eichendorfer Mühle

Auch die eigentliche Mühle lädt ein mit weit offener Türe und ermutigendem Kopfnicken von jedem, der einem über den Weg läuft. Feldsteinmauern und dickes Gebälk vermitteln ewige Stabilität. Ein Mühlrad dreht sich hier nicht mehr, doch innen wirft schon der erste Schritt auf den knarrenden Bohlen das Kopfkino an, unterstützt vom knochentrockenen Duft betagten Holzes, wie man ihn auch auf alten Dachböden oder in kleinen Holzkirchen wahrnehmen kann, und dem Anblick riesiger Zahnräder aus hartem Holz.

Freier Blick nach dem Aufstieg

Der folgende Austieg aus dem Bachtal gestaltet sich nun haarig, da alle Mücken, die uns bisher verschont haben, hier zusammengefunden haben und zusehen, wie jede zu ihrem Stich kommt. Dazu kommen noch diese kleinen klebrigen Viecher, die man so gut wie gar nicht abstreifen kann. Die führen zwar nichts im Schilde, doch loswerden möchte man sie dennoch. Jeder hat im Augenblick ein paar Hände zu wenig, um der Sache Herr zu werden, also sehen wir zu, auf dem durchweichten Boden oder zwischen den Pfützen schnellstmöglich und aufrecht vorwärts zu kommen und die feuchte Niederung zu verlassen, hin zu lichtem Wald mit etwas Wind.

Blick zu den Kreuzbergen bei Julianenhof

Oben ist es besser, der erhoffte Wind wirklich da, und die Mücken bleiben ihrem Tal treu, da dort insgesamt mehr zu holen ist, auch haben viele ihre Chance genutzt. Weit oben knarren die windgebeugten Stämme der Kiefern aneinander und sorgen gemeinsam mit dem lästernden Krächzen von Hähern und Krähen für etwas Unheimlichkeit, trotz all des Lichts. Bald öffnet sich nach links wieder die Weite der Kornfelder und liefert den dezenten Duft als große Rahmenhandlung dieses Tages.

Der letzte Weg zeigt uns nochmal die Harke. Diesmal ist kein Ausweichen ins Feld möglich, da struppiger, gereifter Raps nicht mehr als ein paar Meter zu durchschreiten ist, ehe alle Bewegung zum Erliegen kommt. Hier hilft auch keine Trecker-Spur. Die wunderschöne Busch- und Baumallee ist nicht zugewachsen, doch durch den Regen der letzten Wochen ist alles in die Höhe geschossen. Vor uns liegt also eine Dreiviertelstunde Storchengang, und das mit tagesmüden Beinen. Jemand muss vor kurzer Zeit hier langgefahren sein, und so bleibt der Trost, der in vielen Fällen bleibt: es könnte schlimmer sein.

Kindliche Streuobstwiese von übermorgen, kurz vor Reichenberg

Kurz vor Reichenberg wurden auf sanften Wiesenhängen winzige Bäumchen eingelocht, nicht viel größer als ein langer Wanderstock, die einmal eine schöne Streuobstwiese abgeben werden. Am Dorfrand schauen uns dann von oben lustige Köpfe an, hinter einem Gürtel aus Schafen und an langen Hälsen. Zwei Bewohner einer Straußenfarm zeigen ihre Neugier und stelzen hinterm hohen Bohlenzaun hin und wieder her. Irgendwo im Wiesenschatten sitzt eine unentdeckte Katze.

Neugieriger Blick von hinter den Schafen

Die Jungs am Dorfweiher sind immer noch beim Angeln, jetzt an einer anderen Stelle. Zum Abend wird der Wind nun leiser, die Grillen gewinnen an Präsenz, und in das Farbenspiel des Abendhimmels ganz im Westen drängen von irgendwo Gewitterwolken. Eine letzte Lerche tobt sich noch aus, so kurz vor Feierabend, sinkt langsam tiefer und gibt schließlich Ruhe für die Ruhe vor dem Sturm.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): wochentags S-Bahn nach Strausberg Nord, dann mit dem Bus (ca. 1,5-1,75 Std., mehrere Verbindungen tägl.); am Wochenende keine Verbindung

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Strausberg (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen gut möglich); der gezeigte Track ist (wie die Download-Wegpunkte) frei von Problempassagen

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)
(A-C nur außerhalb der Vegetationsphase zu empfehlen)

 

Links:

Informationen zur Gemeinde Märkische Höhe

Oberbarnimer Feldsteinroute

Eichendorfer Mühle

Fledermausmuseum Julianenhof

Straußenfarm Reichenberg

 

Einkehr:
direkt an der Route:
Pritzhagener Mühle (vor allem Fisch)
Gasthof Pritzhagen (in Pritzhagen am Teich, nur mittags geöffnet)

Gasthaus Fischer, Bollersdorf

Niederfinow: Alte Schleusen, kleine Bäche und das gediegene Kanal-Tal

Manche Tage hinterlassen im Zusammenspiel ihrer Umstände lupenreine Poesie, teilweise schon während ihrer Laufzeit. Zu diesen Umständen zählen neben der jeweiligen Landschaft und ihren Charakterzügen das Zusammenspiel von Wetter, Licht und wie beides in die Jahreszeit oder den Monat passt. Einiges davon ist beeinflussbar oder gemäß Erfahrungswerten und Wahrscheinlichkeiten erhoffbar, anderes ergibt sich vollständig unerwartet oder schärft bisher unbekannte Gesichtslinien einer vertrauten Gegend nach.

Finowkanal in Niederfinow
Finowkanal in Niederfinow

Viele Landschaften Brandenburgs werden von fließenden Gewässern geprägt. Das müssen nicht nur die großen und kleineren Flüsse sein. Gerade auch Bäche und Fließe, die sich ohne Kopf- und Kniezerbrechen überspringen lassen, sind von markanter und bezaubernder Landschaft begleitet, für die sie in den allermeisten Fällen selbst verantwortlich sind. Sogar Kanäle, die ja nachweislich von Menschenhand geschaffen wurden und mit ihren geradlinigen Verläufen die Luftlinie anstreben, ziehen ihren Lauf durch ein exzellentes Gemisch aus Natur- und Kulturidylle mit manch gesalzener Prise Industriekultur. Und sind oft älter, als man denken sollte.

Ein Ausflug zu solchen wassergeprägten Landschaften bietet meist eine sichere Bank, wenn harmonische und abwechslungsreiche Touren mit einem Mindestmaß an Wonnigkeit gewünscht sind. Vielleicht zur Drahendorfer Spree mit ihren launigen Bögen, die in ihrem Übermut fast einmal zum Oder-Spree-Kanal durchstößt, nur unweit der Kersdorfer Schleuse. Oder die Havel nördlich von Zehdenick, die sich hier zwischen unzähligen Stichteichen hindurchschummelt. Die Dosse in ihrem Unterlauf bei Sieversdorf und Hohenofen, die kanalsachlich und doch zutiefst liebenswert durch ihr flaches Felderland gen Havel strebt. Oder der oftmals abgeschiedene Rhin, der sich in einer regelrechten Mäander-Orgie seinen Weg durch die üppigen Wälder der Ruppiner Schweiz bahnt, als wäre er von Waldgeistern ersonnen. Das könnte jetzt ohne Ende so weitergehen, wobei die voranstehende Auswahl nichts hat, was repräsentativ zu nennen wäre.

Zugbrücke und Kirche in Niederfinow
Zugbrücke und Kirche in Niederfinow

In einigen Fällen fließt direkt neben einem begradigten oder kanalisierten Fluss nach wie vor auch seine ursprüngliche Version. Wie zum Beispiel die Havel zwischen Zehdenick und Liebenwerder, deren leicht durchgeknallte Schnellversion im Vergleich zum geradlinigen Hauptfluss sicherlich dreimal mehr Flusskilometer sammelt. Ähnlich sieht das im Kleinformat bei der hochromantischen Schlaube zwischen Groß Lindow und Brieskow aus, die in Sichtkontakt zum einstigen Friedrich-Wilhelm-Kanal ihren Gefühlen freien Lauf lässt. Jener ist nicht minder romantisch, und das will schon etwas heißen.

Ein weiterer Fall von historischem Kanal und benachbartem Fluss ist der Finowkanal kurz vor seinem östlichen Ende an der Alten Oder. Der Ursprung des namensgebenden Flüsschens liegt kurz hinter dem C-Bereich des Berliner Nahverkehrs. Hinter Biesenthal gewinnt die Finow an Format, strebt weiter nach Norden und endet als Fluss faktisch am schleusenreichen Finowkanal, der trotz seiner 400 Jahre noch voll funktionstüchtig ist. Für die zeitliche Einordnung ergibt sich durchaus eindrucksvoll, dass beim ersten Spatenstich Shakespeares Hamlet noch halbwegs warm in den Regalen lag, und als der westliche Kanal-Abschnitt der Nutzung übergeben wurde, war der Großvater vom alten Bach noch Quark im Schaufenster.

Der Kanal hat mit diesem westlichen Abschnitt schon sein erstes Drittel auf dem Buckel, als Langer Trödel fast schnurgerade und doch einzigartig schön zwischen Liebenwalde und Zerpenschleuse, dann ab dem Wasserstraßenkreuz mit seinem großen Bruder schon etwas kurvenfreudiger. Ab dem Zusammentreffen mit der Finow trägt er ganz klar die Handschrift eines lebendigen Flusses, wovon auch ein paar abgehängte Altarme zeugen. In Richtung Osten wurde das keineswegs geradlinige Bett der Finow ohne nennenswerte Anpassungen übernommen und lediglich bis zur Schiffbarkeit ausgekuschelt.

Die Kirche über dem Dorfe, Niederfinow
Die Kirche über dem Dorfe, Niederfinow

Dort, wo das aufgrund enger Flußbiegungen und Auenmäander dann doch zu weit gegangen wäre, kommt es zur Aufspaltung. Ab der Försterei Kahlenberg, kurz hinter der Ragöser Schleuse, flossen Kanal und Finow getrennte Wege. Was an letzterer hier noch wild war, hat sich im Lauf der letzten hundert Jahre abgeschliffen, so dass der Ursprungsverlauf nur noch an wenigen Stellen erkennbar ist. Lediglich das Abstrakt des Grenzverlaufes bewahrt ein detailgetreues Abbild aller Biegungen, unterstützt von einigen unverdrossenen Baumreihen als Dechiffrierhilfe. Was jedoch geblieben ist, obendrein sehr dauerhaft, ist der ausgeprägte Talcharakter dieses moränenhügligen Abschnitts zwischen Eberswalde und Oderbruch, der auch unsere brennende Frage beantwortet, wie eine künstliche Wasserstraße zu einem derart bezaubernden Tal kommt. Denn eine sinnenschmeichelnde Landschafts-Modellierung solchen Umfanges hätte sicherlich selbst königliche Kassen überfordert.

Jedenfalls stand nach zwei durchwachsenen der Wunsch nach einer lieblich-kernigen und idyllischen Tour ohne große Unwägbarkeiten, was das Vorhandensein von Wegen betrifft. Wirklich einfach nur abschalten, die Füße machen lassen und genießen. Weißes Rauschen im Kopf, überzogene Kontraste und satte Farben in der Optik. Sich Wandermarkierungen anvertrauen und hier und da einen Wegesammler-Aufkleber ans schwarze Brett pappen. Führte der letzte Besuch von Niederfinow in die Berghänge und die weiten Wiesen des Oderbruchs, sollte heute voll und ganz der Finow-Kanal im Blickpunkt stehen.

Am Ortsrand mit Blick auf die Oderauen, Niederfinow
Aufstieg am Ortsrand mit Blick auf die Oderauen, Niederfinow

Niederfinow

Auf der Zugbrücke stehend wäre es für Maler vermutlich schwierig, sich für ein erstes Motiv zu entscheiden. Die attraktive Brücke selbst oder die Fachwerk-Kirche am Berg, der wonnige Wiesenpfad am Ufer oder der Blick in die wasserdurchfurchten Weiten des platten Tales der Alten Oder – das eine eher für stimmungsvolle Aquarelle geeignet, das andere für detailversessene Bleistiftzeichnungen oder Radierungen. Das dritte vielleicht für Ölgemälde und im Versuche, das Spiel mit dem Licht auf die Spitze zu treiben.

Wie auch immer, jedenfalls zog uns dieser reifknirschende Wiesenpfad hinter den Zäunen und Mauern der ersten Hausreihe umgehend hinab zum Ufer und entfesselte dort Schwärmereien und Wonnetöne, so dass glatt die kleine Extrarunde auf die Höhe vergessen wurde. Also losgerissen fürs Erste, zurück auf Anfang und Neustart bei der Brücke, vorbei unterhalb der Kirche und im Bogen durch den Ort. Am Himmel sorgen die Wetterlage und allerlei Flugzeuge für breitzerfranste Kondensstreifen, die einen kathedralenhaften Bogen über die goldglänzende Spitze der Kirche schlagen, während noch einiges höher ein Flugzeug für Nachschub sorgt.

Der Finowkanal bei der Stecherschleuse
Der Finowkanal bei der Stecherschleuse

Voraus kommen die beiden Schiffshebewerke in Sicht, das eine filigran aus stählernem Gebälk, das andere kompakt und leicht futuristisch aus Beton gebaut. Gleich darauf zweigt links diskret ein Weg ab, der vorbei an niedrigem Gebäum auf die Höhe führt. Die Aussicht liegt nicht viel höher, doch sie ist weit und panoramisch und verlangt nach einer Pause.

Der Abstieg unterhalb der Kirche bietet zum ersten Mal dieses Gefühl von lieblichem Mittelgebirge, das sich bei den oderländischen Übergängen zwischen bewegten Moränenhöhen und dem flachen Oderbruch an so vielen Orten einstellt. Bei Reitwein am gleichnamigen Sporn oder mitten in Lebus, gleichermaßen in den ausgedehnten Mini-Gebirgen rund um den Sprungschanzen-Ort Bad Freienwalde. Dazu gehören auch zahllose Bachtäler mit ihren glasklaren Wässerchen, jedes für sich von einer naturverliebten Romantik, die einem das ferne Wort „Entzücken“ mal wieder ins Gedächtnis ruft. Für Leute, die auf Fakten stehen, verweise ich auf eine mögliche Tour gleich um die Ecke bei Oderberg, die bei einer Länge von vierzehn Kilometern auf reichlich 300 Höhenmeter kommt und passabel als Vorbereitung auf einen Urlaub in den Bergen taugt.

Am westlichen Ende des Dorfes, Niederfinow
Am westlichen Ende des Dorfes, Niederfinow

Zum dritten Mal an der Zugbrücke, betreten wir zum zweiten Mal den Uferpfad, dessen Wiesen jetzt nicht mehr frostig weiß kandiert sind, sondern saftig grün und triefend nass. Das Gegenufer liegt noch komplett unter Kristall und wird das auch den Rest des Tages beibehalten. Zu beiden Seiten des Tals erheben sich gut sichtbar die Flanken des Finow-Taldurchbruches. Den gibt es in dem Sinne nicht, doch einen solchen Namen hätte diese eindrucksvolle Landschaft verdient. Drüben auf den Weiden grasen Pferde, scheinbar weit entfernt, wie hinter Dunst. Ein Eisvogel flitzt kurz über dem Wasser entlang, genau über der Kanalmitte. Sicherlich mit guten Grund. Hinter den Höhenzügen erhebt sich lautstark eine Schar von Kranichen über das Oderbruch, die immer noch größer wird und lauter.

Die Straße nach Stecherschleuse führt direkt vor dem Hang entlang und ist fast frei von Verkehr, so dass hier entspannt getrödelt werden kann. Nicht getreidelt hingegen, denn kleine Pfade, die noch vor ein bis zwei Jahrzehnten direkt am Ufer verliefen, sind in Vergessenheit geraten und dornig zugewachsen, bilden nunmehr schöne Zufluchtsorte für allerlei Getier. Immer wieder gibt es kleine Zuflüsse, teils von Rinnsalen, deren Quelle keine 500 Meter liegt von hier.

Filigrane Baumkronen am Kanal, bei Försterei Kahlenberg
Filigrane Baumkronen am Kanal, bei der Försterei Kahlenberg

Stecherschleuse

Hinter der Stecherschleuse, einem Bauwerk, das trotz moderner Überarbeitung noch immer wirksam Historie ausstrahlt, steht am Wasser eine Rastbank. Die kleine Bucht vor den winterfesten Schleusentoren ist unbewegt und hat Eis angesetzt, schon stark genug, um die dickste Katze des Dorfes zu tragen. Direkt hier beginnt ein wunderbarer Pfad, der eine halbe Stunde im Genießerschritt direkt dem Ufer folgt. Das verlangt eine Entscheidung, denn die Dorfstraße unterm Hang hat auch ihren Reiz. Und erhält den Zuschlag, dieses Mal.

Die Häuser sind hier noch dichter an den Hang geschmiegt und werden nach und nach weniger, bevor am Ortsrand die Straße endet und sich zwiegespalten fortsetzt als asphaltiertes Fahrrad-Band im Rahmen der über tausend Kilometer langen Tour Brandenburg. Parallel verläuft auf sandigem Waldboden ein gemütlicher Fahrweg. Am Waldrand stößt von links der Zubringer vom Uferweg hinzu. Der Tag ist himmelblau und sonnig, und so scheint das Licht im wipfeldichten Nadelwald regelrecht diffus, durchaus wohltuend für den Augenblick.

Die Ragöser Schleuse
Die Ragöser Schleuse

Försterei Kahlenberg

An der Försterei Kahlenberg stehen zwei prächtige Waldhäuser, die herrliche Kulissen für Märchenfilme abgeben dürften. Direkt dahinter geht der Weg in einen pittoresken Bogen, der von Buchen bestimmt ist, vom leuchtenden Laub am Boden und den glatten grauen Stämmen gleich darüber. Noch einmal verläuft er dann direkt am Ufer des Kanals, der schon abendliche Ruhe ausstrahlt, obwohl die Sonne gerade erst ihren Zenit verlassen hat. Doch der liegt eben eher so auf Kniehöhe, wenn es die Zeit ist für Adventskranzkerzen. Das Ragöser Fließ, das kurz zuvor recht keck den Oder-Havel-Kanal unterflossen hat, mündet mit elegantem Hüftschwung ein, und vorn im Blick liegt schon die gleichnamige Schleuse.

Vereistes Schleusenbecken, Ragöser Schleuse
Vereistes Schleusenbecken, Ragöser Schleuse

Ragöser Schleuse

Hier ist eine der schönsten Möglichkeiten, ans andere Ufer des Finowkanales zu gelangen, und auch diese Schleuse atmet gute alte Zeit. Drüben erstrecken sich scheinbar endlose Stoppelwiesen zwischen den Ufern des Kanals und dem Damm der eingleisigen Bahn. Gleich dahinter beginnt wieder schönes Hügelland voller Wald, mit ausgestreckten Taleinschnitten.

Einen Sohn mit seinem Vater und einer kniehohen Promenadenmischung in weiß-geschecktem Kurzstrupp zieht es förmlich hinaus in diese Weite der breiten und schmalen Halme. Man kann es gut verstehen, zumal die tiefstehende Sonne den langen Talgrund in ein spezielles Licht taucht und den Schatten manchen Grasbüschels auf dem benachbarten zu einem kleinen Schauspiel geraten lässt. Zudem greift schon der Filter des flachen Winkels, entfacht weit im Westen ein Glutlodern am Himmel und startet damit ein berauschendes Schauspiel des langwelligen Lichtes. Das klingt dick aufgetragen, doch es trifft die Sache.

Weg durch die Wiesen, unweit der Ragöser Schleuse
Weg durch die Wiesen

Schön an dieser Szene mit Vater und Sohn ist, dass es so aussieht, dass beide vollkommen offline unterwegs sind. Sowohl technisch als auch gedanklich. Da schwimmt keine Besorgnis mit, eine wichtige Nachricht zu verpassen oder irgend etwas Neuestes erst als Zweiter oder Dritter zu erfahren. Die beiden sind einfach zusammen losgezogen, das letzte Licht des Tages auszunutzen und werden dies wahrscheinlich bis ins Letzte auskosten. Sicherlich mit Taschenlampe in der Hosentasche. Der Gescheckte springt voran, tritt manchmal daneben im hohen Kraut und schaut sich in regelmäßigen Abständen um, ob die beiden auch hinterherkommen. Das tun sie, tiefenentspannt, mit weit geöffnetem Geist. Und schaufeln dabei unbemerkt Wahrnehmungen fürs Langzeitgedächtnis.

Ein leicht verwachsener Weg lockt strohig mitten über die durchfeuchteten Wiesen, auf welchen jedoch den größten Teil des Jahres schweres Weidevieh seine Fladen absetzt. Der ausgeschilderte Wanderweg, der auch das Eberswalder Zentrum flankiert, führt direkt unterhalb des Bahndammes entlang, auf dem jede Stunde ein Züglein vorbeieilt. Hier betreten wir jetzt nicht nur den Rückweg nach Niederfinow, sondern zugleich den frostigen Teil der Tour. Die Talflanke liegt nach Norden und erhebt sich ziemlich direkt und teils hoch bewaldet, so dass hier den ganzen Tag und noch viele weitere kein Sonnenlicht hinkommen wird. Alles ist von frostigen Kristallen bedeckt, was insbesondere bei den sachlichen Halmen des Ginsters wie teure, durchaus reizvolle Designer-Kunst aussieht. Fürs Foto war das Licht leider zu knapp.

Abendbrotzeit im kühlen Seitental
Abendbrotzeit im kühlen Seitental

Während unser Blick auf die grüne und farbensatte Hälfte des Tages fällt, führen unsere Schritte hier durch eine fast monochrome Winterlandschaft, ein frostiges Schattenreich aus dunklen Stämmen und weißem Ast- und Halmwerk, denn die Sonne ist nun endgültig hinter den Hängen versackt. Man ist bestrebt, äußerst flach zu atmen, um dieses stille Reich bei nichts zu unterbrechen. Wieder mischen sich zahlreiche Mittelgebirgs-Impressionen ins Bild, auch hier auf der anderen Seite des Kanal-Tales. Oben im letzten Licht steil aufragende Kuppen mit hochgewachsenen Kiefern, unten am Hang altgewachsene Eichen, die den Weg als Waldrand begleiten.

Frostiger Weg am Nordhang
Frostiger Weg am Nordhang

Wir queren ein kleines, reifweißes Seitental, das vom Walde her aussieht wie eine zugefrorene Fjordbucht. Noch eins von diesen glasigen Bächlein kommt von der Höhe und strebt weiter hinab ins Tal, den verbliebenen Höhenmeter bis zum tiefsten Punkt. Die folgende Ausbuchtung nimmt der Weg komplett mit. Hier stehen zwischen allerhand Strohrollen Kühe, denen in nächster Zeit keine Gefahr durch Sonnenbrand droht. Sie stehen still und sparen jetzt schon Energie – da scheint ein Wildnis-Gen noch seine Arbeit zu verrichten, ein letzter Rest vom sagenhaften Auerochsen. Andere stecken einfach ihren Kopf tief ins verdichtete Stroh und arbeiten sich vor zum wohlschmeckenden Kern der Rolle. Ein Kälbchen steht bestens windgeschützt unter einem strohbepackten Hänger und ist dort nicht alleine. Gegenüber in den Häusern gehen die ersten Lichter an.

Die weiße Tageshälfte im Abendlicht
Die weiße Tageshälfte im Abendlicht

Zuletzt schwenkt der Weg direkt nach Osten und gestattet damit einen weiten Blick auf das Spektakel, das der Abendhimmel von der Kette lässt. Die Wege und Wiesen sind noch stärker bereift, da die Talflanken hier noch steiler aufsteigen. Das Zusammenspiel von weißer Natur und flammendem Himmel sorgt dafür, dass wir nicht gut vom Fleck kommen, uns immer wieder umdrehen. Obwohl es langsam Zeit wird anzukommen, denn bald schon wird es zappenduster sein.

Die elektrische Befeuerung des Sportplatzes am Rande des Ortes vermeidet ungelenkes Tappen, und einen Schwibbbogen und ein Lichterbäumchen später stehen wir schon am Bahnhof. Dank zweier Kannen Thermostee nicht durchgefroren, sondern wohltemperiert. Und tagesmüde. Jetzt muss schnellstens Energie her.

Letztes Licht auf dem Dorf, Niederfinow
Letztes Licht auf dem Dorf, Niederfinow

Da passt es gut, dass nur eine Bahnstation weiter in Eberswalde der dortige Weihnachtsmarkt stattfindet, heute den achten von zehn Tagen, also schon gut warmgelaufen. Den Rahmen gibt die gekonnt ausgeleuchtete Kulisse von Rathaus und fachwerklichen Markthäusern, etwas oben von der Seite steuert der Kirchturm ein paar dezente Lichter bei. Hier gibt es neben herzigen Angeboten für Kinder und einem kleinen Bühnenprogramm vorrangig Spezereien für Gaumen und Kehle, solche für sofort und andere zum Verschenken. Der marktansässige Traditionsbäcker backt in Echtzeit Brot, und auch das regionale Handwerk ist vertreten.

Motorloses Karussell, Weihnachtsmarkt Eberswalde
Motorloses Karussell mit stromloser Musik, Weihnachtsmarkt Eberswalde

Verdienter Blick- und Lauschfang ist ein Karussell aus Omas Tagen, in dessen unrotierter Mitte musiziert wird, mit Akkordeon und großem Kontrabass. Drum herum fahren von Hand gehalten und von Bein bewegt Kaffeehaustische mit Biergartenstühlen, festgeschraubt und gut gebucht. Gleich daneben der kleine Spalierwald ist großzügig bestückt mit bunten Kugeln, am Stand dahinter gibt es feine Eberswalder Würstchen in allen Varianten. Friedlich ist es hier und schön, gut besucht und das Gedränge nicht zu dicht. Das Karussell gönnt sich gerade eine Pause, die Instrumente ruhen aus. Über all dem hängt eine zerbrechlich dünne Mondsichel und stellt für einen Augenblick die Wirklichkeit in Frage.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Gesundbrunnen über Eberswalde (ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (Ausfahrt Finowfurt/Eberswalde) oder über Land auf der B 158/B 168 (jeweils ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (bis auf Weglassen des östlichen Kringels keine Abkürzung möglich)

 

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken, dann „Speichern unter…“)

 

Links:

Ortsinformationen Niederfinow

Ortsinformationen Stecherschleuse

Artikel zum Finow-Kanal (Märkische Oderzeitung)

Informationen zum Finow-Kanal (PDF)

 

Einkehr: Forellenhof (Fischrestaurant, Imbiss und Laden), Ragöser Schleuse

div. Gastronomie bei den Schiffshebewerken (nordöstlich des Ortes)

 

 

Grobskizziert – Altlandsberg: Zwei Türme, vier Fließe und die Vorstadt-Eisdiele

Der Oktoberherbst hat es nun auf einmal eilig, trägt scheinbar schon die Novemberbrille auf der knollig-roten Nase. Wenn es nicht gerade regnet, zaubert er hier und da mit dem, was so rumsteht in der märkischen Landschaft. Die dunstige Luft pinselt Stille über die brachliegenden Ackerweiten, ein eben noch sangloser Chaussee-Baum in der Ferne wird durch einen wohlgezielten Sonnenstrahl zur goldgelben Sensation und die ungleichmäßig verstreuten Pferde auf den vielen Weiden des Berliner Umlandes tragen den letzten Schrei in Sachen Pferdejacken, vermutlich aus Paris. Horse couture gewissermaßen.

Herbstlicher Mauerweg am Storchenturm
Herbstlicher Mauerweg am Storchenturm, Altlandsberg

In der Berliner Innenstadt sieht die Sache etwas anders aus. Da braucht es oft hartgesottene Schöngeister oder naturromantische Ultras, um die Schönheiten dieser zeitlichen Jahresregion unter freiem Himmel ausfindig zu machen und zu genießen. Wenn auf grauem Asphalt nasses Laub und weitere Elemente erdtönerne Liaisonen voller Rätsel eingehen. Und genervt zur Stadtgrenze flüchtende Feierabendautos Bordsteinpfützen in dramatischen Wogen auf dem Bürgersteig verteilen, im unklaren Restlicht der klammen Dämmerung. In Bussen und Bahnen kein Blick nach draußen möglich ist, weil die Scheiben dauerbeschlagen sind von all den nassen Jacken. Viele bevorzugen da eher die täglich wachsende Behaglichkeit der eigenen Gemächer, rauschende Heizkörper und großzügig verteilte Teelichte.

Kirche und ???
Stadtkirche und Schlosskirche

Zwei Straßen gibt es in dieser Stadt, die überreich an Haus-Nummern sind – und die beide in starkem Maße ihre einstige Stadthälfte widerspiegeln. Das ist im Westen Berlins die Heerstraße, im Osten ist es die Landsberger Allee. Würden beide um Superlative auf dem Stadtgebiet heischen, käme es bei schneller Betrachtung zu einem klaren 1:1. Denn wo die Heerstraße auf zehneinhalb Kilometern weit über 650 Hausnummern kommt, muss die Landsberger Allee zwar mit 100 weniger auskommen, doch dafür ist sie unter gleichem Namen elf Kilometer lang. Das sind beeindruckende Werte und Umstände, die Berufsanfänger unter den Postboten sicherlich in ausufernde Verlegenheiten bringen können, zumindest in den ersten Dienstwochen.

Mauerweg westlich der Stadt bei den Pferdeweiden
Mauerweg westlich der Stadt bei den Pferdeweiden

Warum die Heerstraße ihren Namen trägt, wurde bereits vor ein paar Monaten kurz unter die Lupe genommen. Die Landsberger Allee nun ist für die meisten Leute, die sie regelmäßig benutzen wollen oder müssen, wohl einfach nur die Landsberger, so wie Einweck-Gläser eben Einweck-Gläser sind oder eine Molle eine Molle, ob mit oder ohne Korn.

Landsberg am Lech ist viel zu weit weg und zudem in völlig anderer Richtung, gleiches gilt für Landsberg bei Halle. Und das an der Warthe dürfte wohl vorrangig älteren Semestern, Geografen oder Heimatforschern geläufig sein. Hier zumindest würde die Richtung stimmen, und zwar ziemlich präzise.

Blick auf die Vorstadt am Berliner Turm
Blick auf die Vorstadt am Berliner Turm

In der Tat ist die Sache viel einfacher und mit einer kurzen Wanderschaft des Zeigefingers auf der Landkarte ergründet – folgt dieser der Landsberger Allee weiter stadtauswärts, landet er auf halbem Weg nach Strausberg schon bald im Städtchen Altlandsberg, das ähnlich nah am Berliner Stadtzentrum liegt wie Bernau oder die Glienicker Brücke.

Mit Bernau verbindet es auch die weitgehend erhaltene Stadtmauer, die sonst im näheren Umkreis Berlins selten zu finden ist. Hauptstadtnahe Stadtmauerreste finden sich noch in Potsdam und auch in Strausberg sowie im ähnlich weit entfernten Nauen, und ein paar Restmeter gibt es auch nördlich der Altstadt von Spandau. Das war’s dann aber auch.

Mauerpfad im Süden der Stadt
Mauerpfad im Süden der Stadt

Altlandsberg

Auf natürliche Weise geschützt war das Städtchen in früheren Zeiten durch sein durchfeuchtetes Umland, was bis heute nachvollziehbar geblieben ist. Da gibt es das Mühlenfließ und das Elsenfließ, das Wederfließ und das Teufelsfließ. Die kommen alle noch recht jung aus dem Dunstkreis der Nachbardörfer herbeischlendert und sorgen dafür, dass es nicht nur westlich und östlich der Stadt nach wie vor recht sumpfig aussieht, was sich auch in einem üppigen und vielfältigen Grüngürtel zeigt.

Im Wiesengrund
Im Wiesengrund

Bevor es die Stadtmauer gab, stand ganz am Anfang eine Burg. In deren Schatten wuchs mit der Zeit die Stadt heran, die dann vor mehr als zwanzig Generationen ihre Mauer erhielt. Wie viele andere Städte brannte auch sie von Zeit zu Zeit nieder, mal wegen personeller Unstimmigkeiten, mal aufgrund von Ungeschicken, und auch die Pest zog mehrmals hier durch und zog ihre Schneise der Vernichtung. Der Burg folgten verschiedene Schlösser, derweilen Fürsten und Könige kamen und gingen. Und noch einiges später ließen beide Weltkriege die Stadt weitgehend verschont. Ein Schloss gibt es mittlerweile nicht mehr, dafür ein wiedererstehendes Gut mit schönem Gutshaus.

Obst der Saison
Obst der Saison

Heute ist Altlandsberg ein charmantes und stilles Städtchen, das zwischen seinen beiden Stadttürmen ein angenehmes Maß von Patina trägt und bestens geeignet ist für wiederholte Ausflüge. Rund um das Gutshaus und die Schlosskirche ist allerlei Schönes am Entstehen, vieles auch schon fertig. Für Freunde zünftiger Gaumenbefeuchtung sind seit Kurzem auch Brauer und Brenner an der Arbeit, verkostet werden kann mit Blick auf hölzerne Fässer oder kupferne Kessel. Das Gutsensemble soll in absehbarer Zeit durch einen barocken und wasserreichen Lustgarten komplettiert werden.

Blick über die Felder Richtung Hoppegarten
Blick über die Felder Richtung Hoppegarten

Die Stadtmauer steckt wie im Schraubstock zwischen zwei länglichen Naturschutzgebieten, die sich von Neuenhagen im Süden bis nach Werneuchen im Norden räkeln. Ihre Grenzverläufe muten an wie abstrakte Skulpturen. Das Ausschwärmen zu Fuß ist entlang der Fließe in alle Richtungen möglich und vor allem lohnend, und das eigentlich zu allen Jahreszeiten. Von Nord nach Süd und auch in Richtung Osten wird es vom Fernwanderweg E11 begleitet, der im Süden ein paar Chancen am Wiesengrund verschenkt. Reizvoll ist das Gedankenspiel, dass dieser von der niederländischen Nordsee kommende Weg in Polen über längere Passagen unweit der erwähnten Warthe verläuft – allerdings ca. 25 Kilometer südlich vorbei am dortigen Landsberg.

Stadtansicht aus dem Süden
Stadtansicht aus dem Süden

Die Natur entlang der Fließe ist üppig und vielfältig, zwischendurch gibt es viel Platz und große Weite. So kann man entlang des Langen Elsenfließes nach Steinau und weiter nach Wegendorf spazieren, wobei robustes Schuhwerk nicht schaden kann, für den Rückweg gibt es schöne Wege entlang des Mühlenfließes und vorbei an den Häusern von Neuhönow.

Steinharte Futterrüben
Steinharte Futterrüben

Oder entlang des E11 auf einer alten Allee zum Stauteich und der steinigen Fischtreppe bei Wolfshagen, wobei es viele Pferde zu sehen gibt. Der zugehörige Rückweg auf dem Radweg entlang der Landstraße führt in diesem Fall am Scheunenviertel vorbei zum runden Storchenturm, wo es eine schöne Einkehrmöglichkeit gibt mit kalkweißen Gewölben, direkt an der Stadtmauer und einer einladenden Allee.

Am Grund des Wederfließes
Am Grund des Wederfließes

Nach Süden schließlich lockt der breite Wiesengrund mit seinen alten Bäumen, der vom Mauerrund auf einem alten Bahndamm zu erreichen ist, auch hier mit einer prächtigen Allee. Wer mehr Auslauf benötigt, kann sich treiben lassen und einen weiten Bogen über das nördliche Fredersdorf schlagen, der von der Geschäftigkeit der Umgehungsstraße kaum gestört wird.

Knorrige Weidenopas auf der Pferdewiese
Knorrige Weidenopas auf der Pferdewiese

Der Weg um die Stadtmauer passt gewissermaßen in eine Hosentasche. Wer mit Kindern nach Altlandsberg kommt, ist bestens bedient mit diesem kleinen Oval, was auch für sonstige Genießer oder temporäre Faultiere gilt. Hier gibt es Pferdeweiden und ein plätscherndes Bächlein, Zauberwälder und reichlich Stoff für ausgedachte Geschichten über die vielen Pforten in der Stadtmauer. Sowie ganz im Norden und ganz im Süden des Mauerverlaufs zwei schöne Spielplätze, einer an einem Teich und einer in einer Senke des Mauergrabens. In diesem Zusammenhang gut zu wissen ist auch, dass es in Sichtweite des eckigen Berliner Turms eine Eisdiele gibt, eine richtig gute alte Eisdiele mit viel Potential für Jugenderinnerungen. Und Waffeln in Muschelform.

Herbstliche Pferde am Reiterhof nördlich der Stadt
Herbstliche Pferde am Reiterhof nördlich der Stadt

Das übrigens ist – zumindest in den Tagen des Sommers – auch die Empfehlung für solche, denen selbst das Umrunden der Stadtmauer noch zu aufreibend im Ohre klingt: einfach ein Eis holen, sich auf eine der vielen Bänke setzen und gucken, wer so guckt. Daran kann nichts Falsches sein.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn bis Hoppegarten, dann weiter mit dem Bus (ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der Landsberger Allee stadtauswärts über Hönow (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: ca. 12,5 km (Abkürzungen sehr gut möglich)

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Tourismus Altlandsberg

Seite des Heimatvereins mit vielfältigen Informationen zur Stadt

Schlossgut und Tourist-Information (auch Brauerei/Brennerei)

Traditionsreiche Eisdiele Altlandsberg (geöffnet Mitte März-Mitte Okt.)

 

Einkehr:
Armenhaus Altlandsberg (am Storchenturm; gute Küche, gemütliches Gewölbe)
Mühle Altlandsberg (an der Umfahrungsstraße; bisher nicht besucht)
Wirtshaus Alt-Berg (südlich des Berliner Turms)
La Dolce Vita (italienische Küche im Kellergewölbe; bisher nicht besucht)

 

Grobskizziert – Falkenhagen/Mark: Tausend Schnäbel, sechs Seen und das Krokusrätsel

Wer im zeitigen Frühjahr die Ankunft und Zwischenrast der Zugvögel miterleben möchte, muss dafür nicht unbedingt bis in die Prignitz oder ins Oderbruch reisen. Sehr gut geht das auch in den Ländchen rund um Linum, im Havelland oder zum Beispiel in der wasserreichen Landschaft rund um Falkenhagen, und zwar dem etwas südlich von Seelow. Na gut, da ist man dann auch schon fast im Oderbruch, doch auch ein paar Nummern kleiner haben ihren Reiz.

Hintertürchen zum Kirchhof
Hintertürchen zum Kirchhof

Falkenhagen liegt liebenswürdig eingesenkt in eine dieser schönen Landschaftsrinnen, wie sie im Osten Brandenburgs an mehreren Stellen zu finden sind und die eigentlich alle ganz besonders schöne Landschaften hervorbringen. Relativ bekannt ist das unvergleichliche, bezaubernde Schlaubetal. Doch auch der langgezogene Gamengrund, der sich über vierzig vielfältige Kilometer von den Berliner Randdörfern bis hinauf zum Oderbruch streckt, oder jener besonders waldreiche, der am Kurpark von Bad Freienwalde als Brunnental beginnt, schaffen jeweils ganz eigene, zurückgezogene und gleichzeitig einladende Welten. Den unausweichlichen Bezug zur Eiszeit lasse ich heute einmal dort, wo er gerade ist und bekräftige ihr nur kurz meinen Dank für diese Landschaften.

Buntes Altarraumfenster gen Osten
Buntes Altarraumfenster gen Osten

Auch die Rinne, an der Falkenhagen liegt, zeigt mit etwas Toleranz und ohne zuviel Wissenschaftlichkeit betrachtet eine beachtliche Länge, ist erstaunlicherweise kaum kürzer als das Schlaubetal oder der Gamengrund. Vom Tal der stark mäandernden Spree bei Drahendorf im Süden könnte man ihre Kontur auf einer reichlich überhöhten Reliefkarte vorbei an Briesen, Lietzen und Diedersdorf fast bis an den Rand des Oderbruchs bei Platkow nachfahren, ohne mit dem Finger großartig abrutschen zu können.

Falkenhagener Superlativ im Gesamt-Panorama
Falkenhagener Superlativ im Gesamt-Panorama

Falkenhagen/Mark

Falkenhagen ist von vielen Seen und Teichen umgeben, so dass es hier vermutlich keine Erwähnung wert ist, wenn man vom eigenen Haus aufs Wasser blickt. Nicht zuletzt aufgrund dieser natürlichen Gegebenheit ist das schöne Dorf bestens ausgestattet für angenehmes Verbringen freier Zeit. Mehrere Restaurants gibt es und das Oderlandcamp, das einiges Auf und Ab hinter sich hat und aktuell wohl für eine Falkenhagener Betten-Gesamtzahl von 338 sorgt. Vor allem aber gibt es eine großzügige Badestelle unterhalb eines robinienbestandenen Wiesenhangs – Berg und Tal sind in der Ortslage allgegenwärtig, und die Kirche steht immerhin zwanzig Meter höher als die Stelle, wo man den ersten spitzen Badefuß ins Uferwasser setzen könnte. Gegenüber der Badestelle ankert sogar eine schmale Insel mit mageren Bäumen, die vermutlich an keiner Stelle einem Fuß oder einem Knie festen Boden bietet, doch allemal ein schönes Ziel darstellt für hin und zurück oder „Wer erster da ist!“. Platz für einen sommerlichen Eiswagen auf dem pensionierten Fundament eines mutmaßlichen Kiosks ist auch vorgesehen.

Gänse über dem buchtenreichen Galgsee
Gänse über dem buchtenreichen Galgsee

Auf dem Weg zur Badestelle liegen ein Sportplatz mit sensationellen Tribünenplätzen, ferner ein ansprechender Spielplatz sowie eine Strandmuschel für kleine Aufführungen, wie man sie von Bäderorten am Meer kennt. Nur eben eine Nummer kleiner. Doch so abwegig scheint das nicht, wenn man hier und in der Umgebung einen Tag verbracht hat mit viel frischer Luft – Bad Falkenhagen in der Mark.

Radweg nach Arensdorf oberhalb der Weiherkette
Radweg nach Arensdorf oberhalb der Weiherkette

Die vielen Seen und die Lage des Dorfes in ihrer Mitte gestatten viele Variationen des Lustwandelns oder Spazierens, ohne sich jeweils weit vom Badestrand bzw. der nächsten Möglichkeit für ein kaltes oder heißes Getränk entfernen zu müssen. Die umgebende Natur ist nicht nur einfach schön oder dezent spektakulär, sondern bei aller Kleinräumigkeit von großer Vielfalt. So gibt es verschiedenste Formen von Wald und stille Talgründe, weite Wasserflächen und dichte Feuchtwälder oder Sumpfland, wahlweise auch die große Weite mit stets leicht erhabenen Blicken über umschilfte Weiher und sanft-welliges Land.

Bei Jochenshof
Bei Jochenshof

Für die Verbindungen dazwischen sorgen neben breiten und weichen Wegen auch naturnahe Pfade und zwischen Schwarzem See und Schmielensee ein leicht abenteuerlicher und sehr verspielter Bohlenweg mit zwei stabilen Brücklein und einem kleinen Pass dazwischen. Das war jetzt im zeitigen Frühjahr mit seinen knappen Farbkontrasten schon von spezieller Schönheit und dürfte mit Laub an den Bäumen und Farbvielfalt im Spektrum fast ein wenig berauschend sein, dort nur wenige Zentimeter über dem Nassen über die Planken und durch die Botanik zu wackeln.

Weg zurück Richtung Falkenhagen
Weg zurück Richtung Falkenhagen

Am Beginn des Dammes zwischen Burgsee und Schwarzem See stand einst auf einem Hügel ein Schloss englischer Bauart über dem Wasser. Vom Schloss ist nichts mehr zu sehen, doch der Schlossberg ist noch da samt einigen Pfaden, die hinauf locken. Wer planlos nach Falkenhagen fahren möchte, kann sich am Parkplatz an der Kreuzung nördlich der Kirche die Karte anschauen und auf passende Ideen kommen. Hier ist gut dargestellt, wo am besten langgeht, wer eine, zwei oder drei Stunden unterwegs sein möchte – großartig verlaufen kann sich eigentlich niemand. Fünf Seen stehen bereit zur Umrundung, und von einem einzelnen bis zur Kombination aller fünf stehen alle Optionen bereit. Da sind dann noch nicht die weiten Hügelländer im Westen dabei und ebenso wenig die ausgedehnten Wälder der Falkenhagener Heide im Osten.

Im kleinen Talgrund am Mühlenteich
Im kleinen Talgrund am Mühlenteich

Apropos: wer seinen Wunschweg gegangen ist und womöglich nach so viel Lieblichkeit und Schönheit das Verlangen nach einem kalten Schauer an jedem einzelnen Wirbel des Rückgrats verspürt, kann diesem Verlangen mit einem Abstecher in diese Wälder nachkommen. Zunächst trifft man dort auf hierzulande eher seltene Tannen und Roteichen ebenso wie auf frühjahrslichte Buchen- und märchendunkle Fichtenwälder. Davon abgesehen sind der Wald und die Gegebenheiten stellenweise recht abweisend, was gut so ist und irgendwie passend. Was sich hier verbirgt, zum Teil unter der Erde, ist eine während des Zweiten Weltkrieges geplante und gebaute Fabrik-Anlage mit direktem Bahnanschluss. Hier sollten im großen Stil chemische Kampfstoffe hergestellt werden sollten, im Detail das Nervengas Sarin. Zum großen Glück kam das Ende des Krieges rechtzeitig, um diese Produktion gar nicht erst anlaufen zu lassen. Das einstige Verbindungsgleis von Falkenhagen hinauf zur Fabrik baute die sowjetische Besatzungsmacht im Rahmen von Reparationen ab, so dass nur Fachkundige im Ort selbst noch Spuren dieser Zeit ausmachen können. Auch das ist eigentlich gut so, denn ich finde, man darf die heutige Zeit doch ruhig die heutige Zeit sein lassen, solange die Geschichte nicht vergessen, an sie erinnert wird.

Steg am Burgsee
Brauner Steg am Schwarzen See

Denn einfacher als im teils spröden Gewirr der Waldwege und dennoch unvermindert effektiv geht es auch mit einem Besuch der wuchtigen Kirche, die zwischen den dicken Grundmauern ihres noch wuchtigeren Turmes eine kleine und gelungene Ausstellung zum Thema eingerichtet hat, hier im Herzen des Ortes. Diese bringt es gut auf den Punkt – und lässt einen nach dem Besuch erleichtert aufatmen, wenn sich drei dicke Türen später wieder der freie Himmel hoch über dem Scheitel wölbt und ein Hahn schreit irgendwo im Dorf oder ein davonstiebendes Huhn aufgackert.

Verwirrendes Spiegelschilf am Ufer des Schwarzen Sees

Und was sich unter diesem Himmel zur Zeit so abspielt, führt nun zurück zum Anfang. Allgegenwärtig ist das Hin- und Herziehen der lärmenden Gänsescharen, die sich von all den Seen hier scheinbar am mehrfach taillierten Galgsee mit seinem breiten Schilfgürtel und den flachen umliegenden Feldern am wohlsten fühlen. Die lose Weiherkette Richtung Jochenshof haben wiederum die Kraniche des heutigen Tages als passend ausgewählt, die einmal so nah wie noch nie neben uns auffliegen. Überall in den noch unbelaubten Wipfeln und im Buschwerk entlang der Wege und alten Bahndämme zwitschert und plappert es, die Vielfalt der Stimmen nimmt jetzt von Woche zu Woche rasant zu. Eine Geräuschkulisse wie ein freundlicher Tritt in den Hintern des Winters, auch wenn er sich den jetzt noch nicht klanglos bieten lassen wird.

Plankenpfad zwischen den Seen
Plankenpfad zwischen den Seen

Das unterstützen auch mit großem Einsatz Horden von Schneeglöckchen, die weit entfernt von irgendwelchen Gärten überall hier ganze Flächen weiß färben. Übrigens geht in dieser Hinsicht am nördlichen Ufer des Burgsees im Märzen eine charmante Idee auf, davon abgesehen ein schönes Suchspiel für Groß und Klein, wenn man unterhalb des Waldhanges den Uferweg entlangspaziert. Hier steht am Wegesrand ungefähr alle dreißig Meter ein kesser Krokus, leuchtend im nachwinterwurstigen Waldboden, und nie ist gewiss, ob es vielleicht der letzte war oder doch noch einer kommt. Als dann wirklich keiner mehr kommt, ist der gesamte Boden mit einem Teppich aus Efeu überzogen, der bis fast zum Schlossberg reicht. Da wäre es vielleicht vergebene Liebesmüh gewesen, das Spiel noch fortzusetzen, denn der immergrüne Efeu ist ja nicht nur immergrün, sondern auch höher als so ein Krokus.

Brücke beim Matheswall
Brücke beim Matheswall

Egal, ob man nun auf einer Bank am Wegesrand oder am Ufer sitzen möchte und den ganzen Tag nur gucken, ein Ründchen um einen der Seen spazieren und danach gleich hineinspringen oder sich längere Zeit im Schlurfschritt zwischen den Ortseingangsschildern von Falkenhagen treiben lassen – jede dieser Optionen ist lohnend, besonders natürlich, wenn das Licht schon länger bleibt und keine Mütze mehr benötigt wird. Doch auch zur Zeit der Laubfärbung, bei zugefrorenen Seen oder eben jetzt im spätwinterlichen Vorfrühling mit seinen ersten zarten Düften und vereinzelten Farbpunkten lohnt es, sich hierher auf den Weg zu machen.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): nur wenige und umständliche Verbindungen am Tag (2,25-3 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über B 1 nach Müncheberg, dort Richtung Frankfurt/Oder und in Petershagen links nach Falkenhagen (ca. 1,5 Std.)

Länge der Tour: variabel 5-14 km

 

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Stadtrandtour Seeberg: Ferne Länder, verspielte Bäche und die Spur der Hufe

Bewegt man sich am Rande einer Stadt, sei sie nun so groß wie Jüterbog, Berlin oder Cottbus, stellen oder legen sich oft großformatige Hindernisse in den Weg, die wenig oder gar nichts zu tun haben mit Begriffen wie pittoresk oder landschaftlich ansprechend. Das sind an vielen Stellen Umspannwerke mit dem resultierenden Netzwerk aus Hochspannungsleitungen und Masten, oft ist es auch die Autobahn oder eine Schnellstraßenumfahrung, durch die alte Wege gekappt wurden. Und natürlich die allgegenwärtigen und überlebenswichtigen Gewerbegebiete. Überlebenswichtig für den Bestand der Region sind sie allesamt, diese Hindernisse, denn ohne sie würde das zeitgemäße Leben, wie man es kennt und schätzt, nicht funktionieren.

Der Zochegraben
Der Zochegraben

Um so erstaunlicher kann es werden, wenn man sich davon nicht groß beeindrucken lässt. Überall geht das nicht, denn in vielen Fällen lässt sich auch zwischendurch wenig Reizvolles finden. An manchen Stellen wäre man zudem förmlich gefangen zwischen schnellen Verkehrswegen und auch Wasserstraßen, denn „Brücke“ ist in dieser Hinsicht noch immer ein entschlossenes Zauberwort, wie schon vor tausend oder vor dreitausend Jahren, die Abstände zwischen Brücken manchmal schlichtweg zu groß für Tagesausflüge zu Fuß.

Doch manchmal ergibt sich eine nachgerade zauberhafte, im Vorhinein kaum erahnte Mischung, die durch ihren Kontrastreichtum dem nächstfolgenden Schönen stets noch etwas mehr Kontur verleiht. Und im vorliegenden Falle gleich die Randbereiche von zwei Städten mitnimmt, wenn auch von unterschiedlich großen.

Talgrund zwischen Waldhang und Bruchwald des Zochegraben
Talgrund zwischen Waldhang und Bruchwald des Zochegraben, mit verblassenden Loipen

Erwartet hatte ich für diesen Weg eine eher herbe Mischung, und in der Tat waren im letzten Drittel einige solcher Passagen dabei. Doch im Rückblick fielen diese durch den häufigen Landschaftswechsel weniger ins Gewicht, und das trotz trübem Wetter und feinstem Nieselstaub. Klar überwogen haben die nachgerade bezaubernden Passagen, noch dazu gab es weit mehr Naturnähe, als aus der Karte ersichtlich war.

Gleich hinter der Stadtgrenze mit den Hochhausvierteln von Hönow zieht sich ein regelrechter Gürtel von breitgewachsenen, schönen Dörfern bis hin nach Strausberg, fast ohne Unterbrechung und jedes mit seiner eigenen S-Bahn-Station. Nördlich davon, kurz hinter dem Berliner Ring, liegt das Städtchen Altlandsberg, mit einer fast komplett erhaltenen Stadtmauer samt zwei Türmen.

Blick aus dem Tal auf die Auen
Blick aus dem Tal auf die Auen

Seeberg Dorf

Vorgelagert und fast eingeklemmt zwischen Autobahn und schneller Landstraße liegt das klassisch märkische Dörfchen Seeberg. Im Dorf selbst merkt man bei günstigem Wind nicht allzu viel von den lauten Straßen. Etwas daneben liegt ein Logistikzentrum von nahezu derselben Fläche, das dem Abbiegeschild ins Dorf eine etwas stiefmütterliche Optik verleiht. Doch der Kirchturm lockt.

Es hat geschneit den ganzen Vormittag, recht unerwartet nach den mäßig kalten Tagen und dem ganz aktuell verheißenen Tauwetter. Alles ist weiß eingedeckt, der Schritt gedämpft und die Straße gleich noch etwas weniger zu spüren. Unter dem Schnee ist es stellenweise höllisch glatt, speziell auf der kleinen Brücke über die Autobahn. Erst beim Abbiegen ins Feld stellt sich Entspannung ein beim Setzen der Schritte.

Eisdrachen in der Strömung
Eisdrachen in der Strömung

Das einzige, was hier den Verlauf des Weges verrät, sind die Büschel trockener Gräser, die Spur dazwischen ist nur zu ahnen. Mit der Straße im Rücken und einem markanten Waldhang voraus sind wir augenblicklich in der Stille und könnten sonstwo sein in Brandenburg, ganz tief. Eine hochgewachsene Baumreihe prophezeit einen Wasserlauf. Links in dessen Auflächen, wenn ich sie mal so nennen darf, liegen kleine Bauminseln, die bei näherem Hinsehen aus nur einer einzigen effektvoll gespaltenen Weide mit ein paar Nachbarbäumen bestehen. Das wirkt besonders eindrucksvoll, so in der weiten weißen Ebene.

Voraus jagen ein paar eher kleine Hunde durch den Schnee, gekleidet in Lederponchos mit Fellfütterung, die durchaus kernig wirken. Etwas dahinter prägt eine Langläuferin ihre eigene Loipe durch den Waldstreifen, in Gedanken und still genießend. Sicherlich waren die Skier längst wieder an ihrem angestammten, staubigen Platz im Keller gelandet. Noch vor dem meterbreiten Zochegraben warnt ein großes Schild in großen Buchstaben vor Rennpferden und dem Betreten auf eigene Gefahr. Was beim Gedanken an teure Traber im Trainings-Tiefflug zunächst ein versonnenes Lächeln aufs Gesicht bringt, wird beim Blick auf die Karte plausibler – direkt nebenan befindet sich eine ausgedehnte Trainierbahn für Galopp-Tempo.

Verblüffende Altarme des Zochegrabens
Verblüffende Altarme des Zochegrabens

Zwischen dem Hangwald mit seinen Kiefern und dem Erlenbruchstreifen entlang des Zochegrabens erstreckt sich scheinbar endlos ein Talgrund, der zu jeder Jahreszeit seinen Reiz haben dürfte, so auch jetzt. Und wieder fühlt man sich weit weg von Berlin. Jenseits des Grabens steht ganz für sich eine beeindruckende Eiche. Ist sich ihrer Wirkung bewusst, wie es scheint. Auch dort sind Langläufer unterwegs, die unverhoffte Gunst des Tages nutzend.

Hönower Siedlung

Vor der Landstraße, einer schönen Allee, führt ein Pfad hinab zum Wasser, und tatsächlich lässt sich hier die Straße ohne großes Leitplankengekletter queren. Der Zochegraben blubbert unterm Eis bescheiden vorbei an der noch relativ jungen Hönower Siedlung, zeigt dann aber, was er sonst noch so drauf hat. Wie ein altgestandener Fluss im Miniatur-Format gebärdet er sich in schnieken Mäandern und selbstgebastelten, doch recht überzeugenden Altarmen, an seinen Ufern einen über lange Zeit gewachsenen Baumbestand. Noch dazu senkt sich das Wasser hier recht tief ins breite Tal ab und erzeugt zusammen mit dem trüben Schneelicht eine Stimmung, welche das vorausliegende Birkenstein wie ein Städtchen am Fuß des Mittelgebirges aussehen lässt. Wirklich. Ein faktisches Beweislein dafür liefert der sanfte Anstieg über die Felder, der stattliche 20 Höhenmeter überwindet. Ein Tiroler wird dafür nicht einmal ein müdes Lächeln andeuten, doch für ein Land, dessen höchste Erhebung um die 200 Meter liegt, ist das schon die Erwähnung wert.

Blick vond er Hochebene übers Tal auf die Berliner Seite
Schneetrüber Blick von der Hochebene übers Tal auf die Berliner Seite

Dank reichlich dicker Kleidung und dem noch kaum zerstapften Schnee sind wir oben nun definitiv auf Betriebstemperatur. Vor dem Eintreten ins Wohnviertel quert ein laternenbestandener Fußweg von Ost nach West das Tal und untermauert an dieser Stelle mit genau diesem Blick nochmals den beschriebenen Eindruck. Auf der anderen Talseite verläuft die Landesgrenze zwischen Brandenburg und Berlin, voraus lockt ein ähnlich reizvoller Fußweg hinab. Wir nehmen keinen von beiden und spazieren bald auf dem Grünen Bogen zwischen den Häusern entlang, nun wieder auf unterfrorenen Straßen. Nach dem Ende der Straße liegt voraus ein ausgedehnter Talgrund mit vielen kreuzenden und zweigenden Wegen, noch vorher sausen Kinder über den Weg, mit Schlitten unterm Hintern, befeuert von einer kurzen, doch knackigen Rodelbahn mit zwei winzigen Schanzen im Gefälle.

Auch dieses Tal und der angrenzende Wald werden von einer Trainingsbahn durchzogen, wenn auch nirgends ein Warnschild zu entdecken ist. Direkt benachbart liegt ein Gestüt, zwischen beiden verläuft ein ruhiger Weg, der schließlich in den Wald führt. Nach dem Überqueren eines Bächleins kommt man vorbei an einer Wohnanlage mit einem Kirchlein und steht kurz darauf vor dem S-Bahnhof Hoppegarten – und hat nun einen griffigen Reim auf die ganzen Pferdehinweise des bisherigen Weges. Na klar, hier liegt doch etwas südlich die Galopp-Rennbahn mit ihrer bald 150-jährigen Geschichte, und rundherum gibt es drei Trainingsbahnen, eine im Süden und eben die beiden hier im Norden. Da erstaunt es fast ein bisschen, dass bisher kaum Pferde zu sehen waren.

Über dem Bahnhof Hoppegarten
Über dem Bahnhof Hoppegarten

Hoppegarten

So schön, prächtig und erhaben das ganze frische Weiß dieses Tages ist, so angenehm ist nun der kräftige und flächige Farbtupfer, den die rote Überführung zum Bahnsteig bietet. Drüben führt eine alte Pflasterstraße entlang schöner Stadtvillen in Richtung Zentrum, so wie es eigentlich an jedem der zahlreichen Schilderbäume der nächsten Zeit ins Zentrum geht. Da jedoch die Dörfer hier so fließend ineinander übergehen, ist nicht ganz klar, welches Zentrum jeweils gemeint ist. Aber schön ist es allemal, und verheißungsvoll, denn ein Zentrum ist immer eine willkommene Abwechslung, gerade an nahezu monochromen Tagen.

Im bezaubernden Tal des Neuenhagener Mühlenfließes
Im bezaubernden Tal des Neuenhagener Mühlenfließes

An der nächsten großen Kreuzung, links ginge es ins Zentrum, biegen wir rechts ab ins Tal des nächsten fließenden Wassers. Was hier als Neuenhagener Mühlenfließ den Weg kreuzt, ist Berlinern vielleicht als Erpe bekannt, als die es schließlich in die Spree mündet. Doch bis dahin sind es noch ein paar Kilometer. Dieses Fließ eröffnet augenblicklich einen angenehmen Bann, denn obwohl sich zu beiden Seiten dichte Siedlungen befinden, gebärdet es sich so zauberhaft und schlingenfreudig, dass man sich erneut im Mittelgebirge wähnen könnte. Drumherum steht hochgewachsener Wald, und beim Eintritt ins naturgeschützte Tal von der verkehrsreichen Straße ruft uns eine ältere Dame zu, dass sie vor einer Stunde eine Wildschwein-Bande hätte durchziehen sehen, wir auf der Hut sein sollten. Dementsprechend wacheren Blickes folgen wir dem munter über seinen gewellten Sandboden strömenden Fließ, bis hin zu einem Brücklein, das hinüber ins nächste Wohnviertel führt. Das mit den unterfrorenen Straßen klappt jetzt schon ganz gut und dauert auch nur kurz, denn bald geht es weiter am Mühlenfließ entlang, nun auf dem Liebermannweg. An dessen Ende liegt das Freibad Neuenhagen, direktverbunden mit dem S-Bahnhof durch einen verspielten Zubringer in Spreewald-Manier.

Vor dem Bahnhof Neuenhagen
Vor dem Bahnhof Neuenhagen

Neuenhagen

Die Unterführung des Bahnhofs ist mit individualisierter Lokal-Werbung im allerbesten Sinne gestaltet und hat dadurch nichts vom Unangenehmen einer klammen Unterführung, regt vielmehr zum Stehenbleiben an. Drüben führt eine noble Übereck-Treppe auf Bahnsteigniveau, darüber ein weiterer Farbtupfer, hier nun in kräftigem Blau. Das macht direkt neugierig auf die S-Bahnhöfe von Fredersdorf und Petershagen.

Der Bahnhofsvorplatz ist so gestaltet, dass man hier ganz gern aussteigt, ein paar Läden und Kioske scharen sich drumherum. Vom Schilderbaum weist ein Schild ins Zentrum. Die Fichtestraße führt vorbei an alten und neueren Häusern schnurgerade zur Autobahn, die erst kurz davor zu hören ist – der Schallschutz ist gut, der Schnee dämpft und der Wind steht günstig. Nach ein paar Metern Gewerbegebiet, das so aussieht, wie ein Gewerbegebiet eben aussieht, beginnt unvermittelt ein Weg durch die weiten Wiesen des nächsten Bachtales, das Naturschutzgebiet Wiesengrund. Das Fließ ist noch dasselbe wie vorhin, gegenüber steht ein Fachwerkhaus im dunklen Hang des Waldes und bezieht sich noch ein letztes Mal auf die mittelhohen Berge.

Im Naturschutzgebiet Wiesengrund
Im Naturschutzgebiet Wiesengrund

Die Naturromantik im schönen Wiesengrund verlangt ab hier ein wenig Phantasie, an diesem weißen Tag, wo keine Grille zirpt und sich keine bunten Gräser in den artenreichen Trockenwiesen wiegen, kein milder Wind um nackte Arme streicht. Was sich bisher moderat verteilte, das gibt es jetzt geballt, auch wenn man es zum Teil nur weiß und gar nicht sieht. Im Rücken die Autobahn, links das distanzierte Gewerbegebiet von Altlandsberg, und quer über das stille Tal hängen die kräftig zirpenden Hochspannungsleitungen, die ganz frisch den Strom aus mehreren Himmelsrichtungen zum Umspannwerk anliefern. Das verspielte Mühlenfließ lässt sich davon nicht stören und versteckt sich zuletzt in einem Streifen Wald, der tief wirkt und verwunschen. Am nördlichen Ende des Wiesengrundes gibt es unter der Brücke der Landstraße noch eine letzte Teepause am Mühlenfließ, bevor uns adäquat gekleidete Kühe und Lamas in Seeberg Siedlung Willkommen heißen.

Willkommenskommando in Seeberg Siedlung
Willkommenskomitee in Seeberg Siedlung

Seeberg Siedlung

Hinter dem neuen Komplex aus Seniorenzentrum und Kindergarten geht es direkt auf die Wiesen in Richtung Röthsee, dort vorbei an einer kleinen Badestelle. Je nach Wind rauscht hier die Umgehungsstraße mehr oder weniger. Vorn an der Hönower Chaussee noch unweit der Holländermühle vorbei, im Bockwindmühlenland Brandenburg doch eher die Ausnahme, und jetzt ist es besonders schön zu wissen, dass wir in absehbarer Zeit trocken sein werden. Und satt. Ein überraschender Schneetag geht zu Ende, wohl nicht der letzte dieses Winters, mit Sicherheit jedoch der letzte dieses Januars, denn Tauwetter ist angesagt und Werte deutlich über Null. Das geht in Ordnung, fürs Erste.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): direkt nach Seeberg Dorf keine Anbindung; alternativ S-Bhf. Hoppegarten, S-Bhf. Neuenhagen (ca. 45 Minuten); wahlweise von U-Bhf. Hönow mit ca. 1,5 km Zuweg

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landsberger Allee stadtauswärts, dann vorbei an Hönow Landstraße Richtung Altlandsberg, am Abzweig Altlandsberg rechts nach Seeberg (ca. 45 Minuten)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen nur schlecht möglich)

 

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Einkehr: Zur Mühle, Altlandsberg (bei Seeberg), darüber hinaus mehrere Möglichkeiten im Ortsgebiet von Neuenhagen

 

Buchholz: Laubeuphorie, Apfelbäume und die stille Schönheit

Nach längerer Brandenburg-Abstinenz wünscht man sich idealerweise eine Tour, die möglichst viel von dem vereint, was die märkischen Landschaften ausmacht. Quasi eine eierlegende Wollmilchsau unter den Brandenburg-Touren, die keinen Schönheitswettbewerb, kein Wettrennen und auch keinen Faustkampf gewinnen muss, nur eben die grundlegenden Bedürfnisse stillen soll. Dazu muss man sich gar nicht weit von Berlin wegbewegen. Es gibt jedoch auch nichts, was dagegen spricht.

Gelbes am Anger in Buchholz
Gelbes am Anger in Buchholz

In diesem Fall greife ich gern zum Basis-Baukasten und nehme zunächst zwei bis drei Dörfer in halbwegs offener Landschaft, am besten mit Feldsteinkirchen. Dazu verschiedene Arten von Wegen, also Alleen, buschbestandene Feldwege und solche durch Wald, in dem am besten sowohl Nadel- als auch Laubbäume stehen. Etwas Wasser kann auch nicht schaden, im Idealfall fließendes und stehendes bzw. längliches und rundliches. Wenn dann noch ein verträumt morastiger Talgrund zur Auswahl steht, ist alles bestens.

Buchholz

Orte mit Namen Buchholz gibt es im deutschsprachigen Raum wirklich unfassbar viele, allein in Brandenburg kommen schon einige zusammen. Eichholz und Birkholz sind hier schon seltener. Eines dieser Buchholze liegt zwischen Altlandsberg und Strausberg und ist so ein richtig märkisches Dorf. Eher länglich, mit offenem Anger, auf dem sich die Kirche erhebt, aus Feldsteinen gebaut. Grundstücke und Gärten grenzen rückseitig direkt an Felder und Wiesen.

Robinienallee von Buchholz zur Wesendahler Heide
Robinienallee von Buchholz zur Wesendahler Heide

Die Wiese auf dem Anger ist fast vollständig vom goldgelben Laub der großen alten Linden bedeckt, die rundherum stehen, der Briefkasten dazwischen ist daher schwerer auffindbar als sonst. Zwischen den Bäumen, deren Rinde stellenweise rot übertüncht ist von sonnenbadenden Feuerkäfern, stehen einladende Bänke. An einer davon ist von Mitdenkenden ein Flaschenöffner fest verschraubt worden. Den brauchen wir jetzt nicht, doch die Bank nehmen wir gerne. Ein Auto schleicht vorbei, mit weichem Grünzeug im Anhänger, aus zwei offenen Fenstern ragen drei Mädels und sind über die Maßen vergnügt. Papa steuert die Fuhre souverän und mit stillen Grinsen.

Waldfeld in der Wesendahler Heide
Waldfeld in der Wesendahler Heide

Die Stimmung ist nicht nur deswegen friedlich und gemütlich. Nicht diese trügerische Dorfstille, wie man sie aus manchem Krimi kennt, sondern eine aus allerhand Schönheit und Entspanntheit. Dort radeln ein paar Kinder hin und her, hier wird ein generationenübergreifender Schwatz gehalten. Dazu die Stille der herbstlichen Landschaft und die bewahrende Kraft der Sonne, die ihren Hintern dieser Tage nicht mehr allzu hoch bekommt.

Am Ende des Dorfes zweigen gleich mehrere verlockende Wege ab und verlangen umgehend eine Entscheidung. Wir bleiben beim Plan und schwenken nach links in die herrliche breite Allee hin zum Walde. Während die ersten Bäume hier schon laublos sind, die meisten anderen prächtige Variationen zwischen gelb, gold und goldbraun auffahren, zeigen sich die großen Robinien dieser Allee noch relativ ungerührt in schönstem Grün. Viele der tiefen Furchen ihrer ausgeprägten Rinde liegen talschattig im Dunklen, währenddessen die sonnenbeschienen Flanken moosgrün in tiefwarmem Licht erscheinen.

Nachmittags im Gamengrund
Nachmittags im Gamengrund

Am Ende der Allee strömt aus dem kühlen Wald würziger Duft aus dem ätherischen Öl der Kiefern, dem Laub der Eichen und der Eicheln selbst und noch all dem, was auf dem Boden wächst und welkt. Es ist betörend, wirklich. Geradeaus ginge es direkt zur Spitzmühle zwischen Fängersee und Bötzsee, doch wir biegen ab. Der lichte Weg führt dicht am Waldrand entlang und traut sich doch nicht ganz heraus, der Blick aufs Feld ist dennoch frei. Links und rechts stehen jetzt keinerlei Blümchen mehr, dafür umso mehr besonders gerade gewachsene, hochstielige Pilze, kein Schmaus für die Pfanne, doch fürs Auge. Nette kleine Wichtigtuer, die ihre Wochen unterm Licht genießen.

Kurz geht es tiefer in den Wald und vorbei an einem Ameisenhaufen, wo selbst die Nachsaison so langsam zum Erliegen kommt. Nur wenige Schwarztaillierte sind hier noch unterwegs, und das nur träge und kaum abgesprochen. Von vorne ist jetzt schon das Tierheim zu vernehmen, das oberhalb der Wesendahler Mühle liegt und damit kurz an Strausberg denken lässt. Noch davor liegt ein Feld, vom Wald umgeben, und ehe es zu sehen ist, da ist es schon zu riechen. Das Feld liegt brach, doch darüber hängt mit großer Wucht ein Aroma, gemischt scheinbar aus abgehangenen Fischernetzen, Jungsumkleide und dem Mist von Allesfressern. Hier wurde frisch gedüngt, und es riecht so gar nicht nach Chemie. Da ist sie also wieder, die würzige Landluft aus der Erinnerung der Kindheit und dem klugen Wort der Väter.

Auslagen in den Farben der Saison, Gamengrund
Verschiedenfarbige Auslagen, Gamengrund

Der Weg verläuft etwas im Walde und hält effektiv mit Waldluft gegen, so dass keine Nase so lange gerümpft bleiben muss, dass Falten zu befürchten wären. Rund um das Tierheim begleiten teuflische Holzskulpturen den Wegrand, einprägsam von Gestalt. Kurz hinab Richtung Wesendahler Mühle mit ihrem gut erhaltenen Mühlrad, und schon nach wenigen Schritten beginnt ohne viel Spektakel einer der zauberhaftesten Talgründe, die Brandenburg zu bieten hat. Sein nördliches Ende berührt fast schon das Oderbruch, und auf dem Weg dorthin ist er reich an Abwechslung, Schönheit und dabei weitgehend unberührt. Obwohl sich der Gamengrund selten mehr als dreißig Meter tief in die Landschaft senkt, erwächst an vielen Stellen der Eindruck, man würde durchs Mittelgebirge spazieren. Zwischen seinen Hangflanken gibt es gleichermaßen vielfältige Laubbestände wie auch märchenhafte Fichtenwaldpassagen, dazu immer wieder Seen von nennenswerter Größe und das alles verbindend die herrlichsten Wege und Pfade. Das Licht einer jeden Jahreszeit kann hier ganz besonders schön seine Spiele treiben.

Chaussee von Wesendahl Richtung Strausberg
Chaussee von Wesendahl Richtung Strausberg

So auch heute, wo die schon den ganzen Tag tief stehende Sonne ihre staubigen Strahlen leicht aufmüpfig durch die goldenen Wipfel drängt und breit auf den Waldboden wirft, der fast ausschließlich von leuchtenden Laubteppichen bedeckt ist. Mal pflügt der Fuß lautstark durch aufgekruscheltes Eichenlaub, mal braucht man ihn über großen platten Ahornblättern kaum anzuheben. An einigen Stellen geht dieses Gelb fast mit scharfer Grenze in goldbraunes Buchenlaub über, das dem Wald gleichermaßen verhangene Romantik verleiht wie das Goldgelb herbstliche Euphorie.

Meistenteils ist man hier als Hanghuhn unterwegs, da der Weg stets leicht dem Grunde zugeneigt ist. Der ist auf diesem kurzen Abschnitt von kleinen, doch eindrücklichen Kalkmooren durchzogen, Schilfflächen und Urwüchsigkeit der Vegetation zeugen davon. Die Existenz dieser Moore hier ist zahlreichen kleinen Quellen zu verdanken, die direkt im Gamengrund das schattige Licht der Welt erblicken. Wie der Boden beschaffen ist, spürt man recht verbindlich, wenn man am kleinen Weiher nördlich der Landstraße auf alten, halb versunkenen Eisenbahnschwellen zum Ufer wappt und der Grund weich nachgibt. Wer absolute Sachlichkeit nicht zu seinen Grundeigenschaften zählt, sollte sich hier zwischen den Dämmerungen besser nicht aufhalten. Der Puls könnte steigen.

Äpfel links und rechts vom Zaun
Äpfel links und rechts vom Zaun

Der Weg zieht sich biegefreudig unterhalb des stattlich geneigten Hanges entlang. Bei der ersten Gelegenheit wenden wir uns nach links und direkt in den Aufstieg, der von goldenem Ahornlaub über goldbraunes Buchenlaub bis zum braunem und hartem Laub der Stieleichen führt, dem spitzrandigen. Und oben direkt in eine kurze Allee entlässt, mit freier Sicht auf die leicht gewellte Landschaft. Voraus liegen die weiten Apfelplantagen von Wesendahl.

Weg von Wesendahl nach Buchholz
Weg von Wesendahl nach Buchholz

Das spalierartige Obst steht Weinreben gleich in schnurgeraden Reihen, die erst am Horizont zu enden scheinen. Alle Äpfel sind geerntet, nicht einmal der eine Apfel ist zu finden, der eigentlich immer noch zu finden ist. Auch draußen an der Landstraße stehen Apfelbäume, windflüchtend und zugänglich für jedermann. Anscheinend ebenfalls wohlschmeckende Sorten, denn auch hier ist kein einziger Apfel mehr zu finden, nicht am Baum und nicht im zottigen Gras darunter. Die Bäume entlang der Chaussee nach Strausberg sind komplett entkleidet und präsentieren schon ihr filigranes Astwerk, mit kleinem Fingerzeig zum Winter.

Alleeweg nach Buchholz
Alleeweg nach Buchholz

Wesendahl

Auch Wesendahl strahlt diesen Frieden von vorhin aus, obgleich das Dorf an einer stillen Durchfahrtstraße liegt. Laub wird gefegt und auch hier ein Schwatz gehalten, der Garten noch in Form gebracht, bevor die dunkle Zeit zugreift. Beim Apfelhof vor den großen Lagerhallen stapeln sich diese riesengroßen Kisten, in denen kleine Kinderhorden große Höhlen schaffen könnten mit einem Besenstiel und ein paar Decken und ganze Ferienwochen damit ausgestalten. Hier zeugen sie davon, dass dieses Jahres Apfelernte durch ist. Wovon man sich in den meisten Obsttheken der Geschäfte überzeugen kann, wenn man genauer auf das Etikett schaut.

Wer sich die Suche auf Etiketten ersparen möchte, kann hier direkt im Hofladen feine Äpfel bunkern oder, besser noch, zur rechten Zeit selbst Hand an die wohlbestückten Bäume legen. Alleine das ist schon einen Ausflug nach Wesendahl wert, denn es macht Spaß und ist in vielen Hinsichten anregend – nicht zuletzt auch in der Erdbeerzeit.

Am Ortsrand von Buchholz, kurz vor dem Saloon
Am Ortsrand von Buchholz, kurz vor dem Saloon

Das Gutshaus visavis der Kirche muss in den letzten Jahren aufgemoppelt worden sein und steht jetzt prächtig da und sehr zufrieden. Geht man daran vorbei, beginnt auf ein paar Metern Kopfsteinpflaster der verträumte Alleeweg, der mit weiten Blicken nach Westen über die Felder nach Buchholz führt, niemals gänzlich geradeaus und flankiert von teils sehr alten Bäumen. Einziges Sichthindernis ist hier der Spitzberg mit seinen knappen neunzig Metern Höhe, immerhin, und die auch noch bewaldet.

Gemeinsam mit dem lieblichen Duft des Pappellaubes kommen die ersten Häuser von Buchholz in Sicht – schade fast, der Weg hätte ruhig noch ein paar Viertelstunden länger sein können. Eine Katze verzieht sich schnell über die Mauer des ersten Hofes, ein paar Gänse schnattern irgendwo hinten und jemand sägt im schwindenden Licht. Vorbei am solide gebauten Saloon, der hier in Personalunion als Jugendtreffe, Gemeindezentrum und als Kino funktioniert, kommt der Anger in Sicht. Es könnte ewig noch so weitergehen, doch ist es jetzt auch schön, am Ziel zu sein. Jeder Wunsch von heute morgen ist erfüllt.

 

 

 

Anreise ÖPNV (von Berlin): mit S-Bahn und Bus über Altlandsberg, Strausberg oder Werneuchen (am Wochenende ca. 1-1,5 Std., in der Woche deutlich länger)

Anreise Pkw (von Berlin): Landstraße nach Altlandsberg, von dort über Vorwerk nach Buchholz oder wahlweise Wesendahl (ca. 1 Std.)

Tourdaten: ca. 10 km, Abkürzungen möglich

Download der Wegpunkte

Links:

http://www.altlandsberg.de/index.php?page=kp_buchholz

https://de.wikipedia.org/wiki/Gamengrund

http://www.kalkmoore.de/fileadmin/gemeinsam/1_EU_LIFE_Kalkmoore/Infomaterial_Infotafeln/Infotafeln/UGG_Infotafel.pdf

http://www.altlandsberg.de/index.php?page=kp_wesendahl

http://www.obstgut-franz-mueller.de

http://www.camargue-pferdehof.de

 

 

Einkehr: Bistro Zur Pferdeschänke, Wesendahl (mit Sonnenterrasse; geöffnet am Wochenende)(keine eigene Erfahrung)
Hofladen und Selbstpflücke vom Obstgut Müller (Wesendahl)
Armenhaus, Altlandsberg (beim Storchenturm am Scheunenviertel; gutes Essen in gemütlich trutzigem Gewölbe)

Grobskizziert: Bachtäler, Pfade und ein Kleinstgebirge

Wer auf dieser Seite gelandet ist und länger als einen Augenblick verweilt hat, dem braucht höchstwahrscheinlich nichts über die Märkische Schweiz berichtet zu werden – ebenso wenig wie über den Spreewald, die Rheinsberger Seen oder das Schlaubetal. Alle sind als Landschaft landes-, wenn nicht sogar bundesweit bekannte Ziele für Touristen, die trotz ihrer Bekanntheit nichts von ihrem Zauber und ihrer Einzigartigkeit einbüßen mussten und wohl auch nie einbüßen werden. Schlichtweg auch deswegen, weil sie genügend Auslauffläche und Rückzugsraum bieten, damit sich auch größere Menschenmengen gut verteilen können.

Unterhalb von Schauinsland, Münchehofe
Unterhalb von Schauinsland, Münchehofe

Dennoch könnte ich an dieser Stelle Absatz an Absatz reihen, befüllt mit Schwärmereien und Bekundungen von Begeisterung gegenüber diesen wenigen Quadratkilometern lieblich-wilder Landschaft, die so üppig angefüllt sind mit Schönem. Da würde ich schreiben von tief zwischen den Hügeln eingesenkten Seen, die zudem selbst beachtlich tief sind. Von schönen Wanderwegen und -pfaden, an deren Knotenpunkten Schilderbäume mit wohlig klingenden Namen stehen, so wie Wolfsschlucht und Silberkehle, Tornow- und Klobichsee oder Pritzhagener Mühle und Poetensteig. Oder Ortsnamen wie Dahmsdorf, Münchehofe und Waldsieversdorf. Vielleicht auch noch die Wurzelfichte am Sophienfließ, mittlerweile eine eindrucksvolle Ruine historischen Holzes, und der humorvoll beplankte Gummiweg am kleinen Buckowsee, der einen der schönsten Blick auf die Stadt am anderen Ufer bietet.

Uferpfad am Großen Klobichsee
Uferpfad am Großen Klobichsee

Verbindendes Element der Märkischen Schweiz ist der lebhafte Stöbberbach, wahlweise auch Stobberbach, Stobberow oder einfach nur Stobber, der gleichermaßen Kneipp-Lustigen, einem stattlichen Mühlrad sowie großen und kleinen Forellen seine kühle Strömung anbietet. Und kurioserweise von seinem Quellgebiet im Roten Luch sowohl nach Süden als auch Norden fließt. Rotes Luch – auch so ein schöner Name, doch ein anderes Kapitel.

Blick auf den Großen Klobichsee
Blick auf den Großen Klobichsee

Erwähnen würde ich zudem die schöne Vielfalt an Bäumen, die besonders in den Jahreszeiten des Werdens und Vergehens die Faszination dieser Landschaft noch verstärkt. Mit über die Hänge gelegten, dichten Teppichen aus Laub, doch auch dunklen Märchenwäldern voll gedrängt stehender Fichten. Dass hier, wie im Gebirge üblich, tief in der Botanik schöne Einkehrmöglichkeiten warten und in tälerner Randlage ein absolut pittoreskes Kurstädtchen liegt, das mit allem aufwartet, was zu so einem Städtchen gehört – sogar einem tiefen Bergsee mit türkisem Wasser. Und natürlich vom ständigen Auf und Ab, dass selbst bei normalen Tagestouren zwei bis dreihundert überwundene Höhenmeter ansammelt. Besser also, man hält die Länge der Tour im Rahmen und unterschätzt nicht milde lächelnd dieses Schweizlein.

Stattdessen fasse ich mich kürzer und lasse ein paar Bilder sprechen.

Buckower Kleinbahn beim Schwarzen See
Buckower Kleinbahn beim Schwarzen See

Beginnt man die waldschattige Tour in Münchehofe, gelegen scheinbar hinter sieben Bergen und etwa 35 Höhenmeter überm Tal des Stobberlaufes, empfängt eine schattige Schlucht als Einstieg in den Tag. Der Weg um die Klobichseen ist pfadig, angenehm naturnah und geht sowohl mit der Abwechslung als auch dem Auf und Ab unverdrossen in die Vollen. Reichlich Bänke für Rast und Schmaus gibt es schon jetzt, schwer ist nur jeweils die Entscheidung. Das gilt auch für all die verlockenden Wegweiser, die alle paar Minuten vom Weg weg locken.

Am Markt in Buckow
Am Markt in Buckow

Am Ende eines entspannten Graswegs durch verschiedenste Waldstücken liegt der Schwarze See mit seinen himmlisch schönen Ufergärten, kurz dahinter geht es über Gleise, die der Museumsbahn. Den ganzen Tag kann man sie tuten hören, mitteilsam und fröhlich.

Im Buckower Schlosspark
Im Buckower Schlosspark

Entlang stehenden Stobber-Wassers tritt man vorm Bahnhof ein nach Buckow, ein Städtchen, fast zu schön, um echt zu sein und dennoch wirklich. Selbst noch im Ortsgebiet gebirgig und zwischen Hang und Seen eingeschmiegt. Im alten Lindenhotel am Markt ist wieder Leben, die beiden Eingangslinden wirken gleich viel stolzer.

Auf dem Buckower Schlossberg
Auf dem Buckower Schlossberg

Vom Schlosspark hoch zum Schlossberg kommt man kurz ins Schnaufen, doch oben steht als Lohn die schönste Aussichtsbank der Stadt. Die kuhbestandenen Streuobstwiesen gleich dahinter sind jedes Mal aufs Neue sehr erstaunlich. Mitten hindurch führt eine Apfelbaum-Allee. Und weckt Erinnerungen ans Meißner Elbland und macht Lust, die dort mal wieder aufzufrischen.

Abstieg vom Buckower Schlossberg
Abstieg vom Buckower Schlossberg

Direkt am Stobberbach und einer einladenden Kneipp-Stelle nahe der Güntherquelle liegt das Schweizerhaus, so eine Art Naturpark-Zentrum. Einmal im Jahr, manchmal auch seltener, findet hier das Apfelfest statt, meist in der Mitte des Septembers. Da kann man seinen Apfel vom Garten oder Wegesrand mitbringen und von Kundigen bestimmen lassen, wie er heißen könnte. Wer gerne selber rätselt, findet auf einem wirklich langen Tisch vier Dutzend Teller mit vier Dutzend alten Apfelsorten, vollständig oder aufgeschnitten zum Begutachten oder Verkosten. Dann gibt es schöne bunte Stände, wo man selbst aktiv werden kann oder etwas Regionales kosten oder kaufen. Den herzhaften und süßen Hunger stillen oder die Lust auf Schönes, gefilzt, getöpfert oder sonstig handgewerkt. Und natürlich gibt es alles hier rund um den Apfel.

Bei den Tornowseen
Bei den Tornowseen

Nach diesem bunten Trubel des schönen Festes geleitet einen der Bach verlässlich in die Stille, stufenweise und romantisch. Um die Tornowseen herum führen die Wege der Wahl zum nobel gelegenen Haus am Tornowsee und dran vorbei, hinten heute, da vorn ein Hochzeitsfest im Gange ist. Rund um die benachbarte Pritzhagener Mühle zeigt der Stobberbach auf kleinstem Raum sein umfassendes Können, bevor er sich dann in sein langes offenes Tal verzieht, das ihm bis zur Eichendorfer Mühle viel Raum und Himmelslicht gewährt. Bevor er dann im Wald erneut verspielt wird und sich austobt bis zu den Teichen von Altfriedland. Auch das ein anderes Kapitel.

An der Düne zwischen Alter Mühle und Münchehofe
An der Düne zwischen Alter Mühle und Münchehofe

Gediegen und entspannt kurvt die Waldstraße nach Dreieichen, zuletzt als markante Hohlgasse, und an der Alten Mühle mit ihrem schönen Weiher beginnt der lange, sanfte Aufstieg. An einer kleinen Düne öffnet sich nach rechts ein langer Wiesengrund. Zugleich mit dem Dorf kommt oben hinterm Waldrand ein kräftiger Regenbogen in Sicht, der standhaft über dem brach liegenden Acker verweilt. Der Himmel gleich dahinter ist stahlblau, das Land ringsum gefärbt im warmen Licht der tiefstehenden Sonne, die warme Farbe noch ganz frisch.

 

 

 

Tourdaten: ca. 16 km, dabei ca. 250 Höhenmeter, Abkürzungen gut möglich

 

Download der Wegpunkte

 

Anreise ÖPNV: direkt nach Münchehofe schlechte Anbindung, darum mit der Bahn von Berlin-Lichtenberg bis Müncheberg, von dort mit Bus oder Kleinbahn (Mai-Sept. Wochenende und Feiertage) nach Buckow (knapp 1,5 Std.)

Anreise Pkw: auf der B 1 nach Müncheberg, von dort nach Münchehofe (ca. 1,5 Std.)

Einkehr: in Buckow zahlreiche Möglichkeiten für jeden Geschmack und Geldbeutel, unterwegs ferner Pritzhagener Mühle und Waldcafé Drei Eichen

Letschin: Oderbruch, Obstgenuß und ein lebendiger Märchenfilm

Eine absolute Spezialität unter den Brandenburger Landschaften ist die gleichermaßen spröde und faszinierende Landschaft des Oderbruchs zwischen Frankfurt im Süden und Oderberg im Norden, die auf manche flach und eintönig wirkt, auf andere hingegen eine suchtartige Anziehungskraft ausübt. Wer Platz, Weite und Einsamkeit sucht, wird hier zu jeder Zeit bestens bedient, und wer es an kalten Tagen noch etwas kälter haben möchte, findet kurz vor der Oder den richtigen Platz dafür.

Weinreben am Südrand von Letschin
Weinreben am Südrand von Letschin

Auch jetzt, wo der Spätsommer dem frühen Herbst die Klinke in die Hand gibt, wird hier bei aller spartanischen Gestalt der Landschaft ein Sinnesspektakel geboten, das alle Viertelstunde tief und zufrieden durchatmen lässt. Der frische Wind und die noch immer kräftige Sonne empfehlen sich gegenseitig, dazu gibt es die breit gefächerten Düfte abgeernteter Felder mit offenliegender Erde, die aus bestimmten Gründen im Oderbruch ganz besonders schwarz und satt aussieht. Gut, wenn man nicht querfeldein muss, denn man würde es sich mit jeder Art von Schuh verscherzen. Abgesehen von Gummistiefeln, doch mit denen geht nun kaum jemand spazieren.

Zu alle dem kommt das in der Luft liegende feine Eau de Parfum des Pappellaubs, ganz gleich, ob noch am Baum oder nicht ganz rascheltrocken am Boden. Und die Allgegenwart reifen, oft gut erreichbaren und dann wohlmundenden Obstes. Aus den teils stehenden, teils langsam fließenden Gräben, die kulturgegeben dieses Landschaft durchziehen, riecht es würzig nach brackigem Wasser, und das Schilf sieht jetzt schon etwas fahler aus.

Bahnhof Letschin, Blickrichtung Frankfurt
Bahnhof Letschin, Blickrichtung Frankfurt

Letschin

Ziemlich der einzige Ort mitten im Oderbruch, der mehr nach Stadt schon als nach Dorf aussieht, das ist Letschin. So wie der Alte Fritz, quasi der Schöpfer dieser Landschaft, hier allgegenwärtig ist, trifft man an vielen Stellen auch auf Friedrich Schinkel, oft auch ganz direkt. So ist der von seiner Kirche verlassene Schinkelturm fast das Erste, was in Sicht kommt, wenn man sich dem Orte nähert. Die Gaststätte mit erwähntem Fritz im Namen liegt derzeit leider brach.

Vom Turm verläuft ein Pfad direkt auf dem Anger, von dem es links auf einer kleinen Gasse zum Fontanepark hin lockt – womit ein dritter großer Name der Mark Brandenburg erwähnt sein darf.

Ein wirklich schöner Radweg führt vom alten Postgebäude aus dem Ort heraus, vorbei an einem waagerechten Weinberg und einem gut bestückten Pflaumenbaum, der dasteht, wie eine Seemannsbraut, die hin zum Bahnhof sehnt. Genau dort ist das andere Ende dieses Weges. Zuletzt ist noch der breite Letschiner Hauptgraben zu queren, der mit Geduld auf seinem Weg zur Alten Oder ist, und dann steht man auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach Eberswalde fahren Züge oder nach Frankfurt.

Aufgemöbelter Personen-Waggon im Eisenbahnmuseum
Aufgemöbelter Personen-Waggon im Eisenbahnmuseum

Gut eine ICE-Länge weiter überrascht eine bunte Sammlung großer und noch größerer Gegenstände, die mit Eisenbahn zu tun haben. Absoluter Augenfang des kleinen Museums ist ein Passagierwagen, der mit viel Herzblut von einem kläglichen Zustand zu dem aufgebaut wurde, was heute hier zu sehen ist. Vom Museum führt parallel zum Kanal und auch der Bahn ein grasiger Weg. Direkt unterm dichten Deckhaar der Halme zeugt das schwere, scheinbar lehmige Erdreich davon, dass es in den letzten Tagen ein paar stärkere Regenfälle gab, die hier nicht so einfach in Minuten wegsickern, sondern auch nach Tagen noch für einen unsicheren Gang sorgen. Und beim Ausrutschen wohl eher für eine harte Schlammkruste auf dem Hosenboden als hartnäckige Grasflecken.

Versammlung von Ackerbürgern
Lose Versammlung von Ackerbürgern

Wir wackeln, watscheln und gleiten also mit Bedacht entlang des Wasserzuges, der höchste Ruhe ausstrahlt, als weiter hinten ein winziger Zug den leicht erhabenen Damm entlanghuscht. Und sich schnell gen Frankfurt entfernt, das an der Oder wohlgemerkt. Fünf sausende Schwalben und auch eine Grille rufen den noch nahen Sommer ins Gedächtnis. Ein alter Bahndamm, wohl vergangene Nebenstrecke, führt nun als Weg entlang einer hochgeschossenen Pappelreihe und bietet eine Handvoll Apfelsorten an, von denen keine richtig überzeugen will. Der eine süß, doch völlig ohne Säure und Charakter, der andere dann so sauer, dass sofort das Gesicht entgleist.

Voßberg

Danach führt der Weg quer durch das Gehöft von Voßberg, wo alles grad zu schlafen scheint, sogar die Katzen. Ohnehin liegen heute alle sichtbaren Katzen am Weg bemerkenswert breit und ganz besonders faul an irgendwelchen Plätzen rum, auf die die Sonne scheint oder noch eben schien.

05 Letschiner Hauptgraben
Am Letschiner Hauptgraben

An diesem Tage zeigt sich klar wie selten, wie weit verstreut und theoretisch doch benachbart diese ganzen Dörfer, Höfe oder Häuser hier in der ganz besonders flachen Ebene liegen. Eben noch am schönen Bauerngarten nahe Voßberg, jetzt lustlos angekläfft von zwei leicht zerstrittenen Hunden bei den Stallungen von Margarethenhof. Voraus zu sehen das kleine Steintoch, im Westen noch Letschin mit seinem landmarkanten Schinkelfinger und östlich schon die allernächste Zukunft mit den großen Ställen von Gut Wollup. Dazwischen zumeist kurvenlose Verbindungen und bejahrte Alleen, aus eben diesen Gründen weithin sichtbar.

06 Weg nach Wollup
Der Weg nach Wollup

Ein Hobbyflieger überholt uns in der Luft und ist schnell ganz woanders. Und doch gleich wieder da, nach uns zu sehen. Noch vor den Ställen von Gut Wollup gibt es nun den Obstausgleich mit formvollendet guten Birnen, saftig, groß und ohne viel Gymnastik pflückbar. Gegenüber eines Feldes voll mit hochgewachsenem Mais liegt still ein kleiner Weiher. Ein Pfad lädt ein und führt gänzlich unerwartet in eine eigene kleine Welt, die eine Mischung bildet zwischen Märchenfilmkulisse, guter alter Zeit und einem Leben ohne Strom, elektrischen.

07 Weiher bei Wollup
Grasernte am Weiherrand, Gut Wollup

Gut Wollup

Am jenseitigen Ufer erntet ein Alter mittels Sense das hohe, bunte Gras des Ufergürtels, das hochgeschichtet schon auf seinem Fahrradhänger liegt. Ein anderer ist auf der eigenen kleinen Scholle mit der Hacke unterwegs, derweil zwei Katzen in den hohen Mais verschwinden, die eine klein, die andere noch kleiner, und stillhalten dort unten bei den Stämmen, mit großen Miezenaugen. Von weiter vorne hört man kleines Applaudieren, so wie nach selbstgeschmiedeten Ansprachen bei familiären Festlichkeiten. Von der gepflasterten Wendeschleife mit ihrem brechend vollen Apfelbaum fällt der Blick auf einen mühlenlosen Mühlteich, über ein pittoreskes Feldsteinbrückchen verschwindet gerade ein anderes Heugespann in ein Stück Wald. Es ist, als wäre man in einen Film hineingeraten. Nicht in die Filmkulisse reingetappt, nein, wirklich in dem Film höchstselbst.

Buchenallee im Naturpark Wollup
Hainbuchenallee im Naturpark Wollup

Da es nun schon passiert ist, nutzen wir die Chance und kreuzen quer durch diese Handlung, die im farbenfrohen und klangfreudigen Kleid eines lieben Märchens vom Alltag auf dem Land berichtet. Am Fuße eines alten Gingkobaumes tummelt sich nah des Ufers eine kleine Entenherde, erstaunlich schweigsam. Wären sie im Gespräch, bestimmt würde man sie jetzt und hier verstehen können, die Entensprache. Wär in der Lage auch zu antworten.

Jenseits der Steinbrücke beginnt ein schattiger Park mit dichten Buchen, und alles ist durchzogen von Wasser und entsprechend vielen Brücklein, eine schöner als die andere. Tiefer im Wäldchen angeln Brüderlein und Schwesterlein mit ihren selbstgebauten Ruten, in schönster Harmonie. Das wohldosierte Licht, das die Wipfel bis zum Boden lassen, zeichnet die ganze Märchenwelt noch klarer und auch wärmer. Es ist bezaubernd.

Szenen aus dem Märchenfilm: Auf dem Fest
Szenen aus dem Märchenfilm: Auf dem Fest

Mittlerweile ist vom Fest Musik zu hören, vom Akkordeon. Aus schönen alten Weisen dieses Landstrichs kristallisiert sich dann eins später „Ich war noch niemals in New York …“ heraus und bereitet damit sanft die Phase Eins der Rückkehr in die Wirklichkeit vor. In Sichtweite des Herrenhauses treffen wir nochmals auf die Entenherde und streifen fast berührbar nah die in schönstes Bunt gewandeten Menschen rund um die Musik, als wären sie real.

Als wir vorbei sind, schütteln wir uns sanft und schauen nochmal zurück – jetzt stehen da auch lauter Autos, solche neuen Baujahrs und mit TÜV-Plaketten, voraus ein großer Kuhstall mit grauen Blechwänden, vorn auf der Straße quert ein hochmoderner Traktor – die Phasen Zwei und Drei greifen zugleich, und wir sind wieder zurück. Um eine unvergessliche Erinnerung reicher.

Szenen aus dem Märchenfilm: Brücklein im Walde
Szenen aus dem Märchenfilm: Brücklein im Walde

Wollup samt Domänengut – das es als solches schon über 500 Jahre gibt – muss einmal ziemlich bedeutend gewesen sein und ist es vielleicht noch heute – die Dimension der Rinderzucht ist eindrucksvoll, und die riesigen Gewächshäuser im Norden erklären die zahlreichen Mehrgeschosser am Dorfrand, auch wenn einige davon aktuell leer stehen. Hier werden im großen Stil Tomaten angebaut.

Übrigens: wie wir vom tüchtigen Herren mit der Sense beim kurzen Plausch erfuhren, geht seine Wagenladung auf direktem Wege als Futter für die Rindviecher aufs Gut. Und im Zusammenhang mit dem Märchen-Park fällt noch ein weiterer großer Name Brandenburgs: er wurde, wie schon gar nicht anders möglich, von Peter Joseph Lenné entworfen. Wird liebevoll Naturpark genannt, ein hölzernes Schild vorn an der Straße lockt mit gewisser Raffinesse dorthin.

Allee alter Eichen Richtung Spadille
Allee alter Eichen Richtung Spadille

Am Ortsausgang wartet nun als Radweg eine eindrucksvolle Allee jahrhundertalter Eichen, die schattig über Felder führt – durchaus willkommen, denn die Sonne brezelt kräftiger als angenommen. Mit nachgepflanzten kleinen Eichen endet dieser wunderbare Weg, kurz vor dem Gehöft mit dem schönen Namen Spadille. Der ruft einem nochmal die Hugenotten ins Gedächtnis, über die vorhin beim Anblick rotreifer Hagebutten schon gewitzelt wurde und die ja zum Oderbruch gehören wie Fritz, Lenné, Fontane und auch Schinkel zu Brandenburg. Fürs deutsche Ohr besonders klangvolle Ortsnamen dieser Art sind noch Beauregard und Croustillier, gelegen etwas nördlicher im Oderbruch.

Weg in Hörweite zur Oder und in Sichtweite zu Letschin
Weg in Hörweite zur Oder und in Sichtweite zu Letschin

In der Tradition dieses Tages führt der weitere Weg über stille Straßen und Sträßchen, schnurgerade selbstverständlich und gern mit Telegrafenmasten. Vorbei an Gehöften, kleinen Gartenzeilen und mitten auf dem Acker gelegenen Höfen, die sich alle per Taschenlampe gegenseitig Nachrichten morsen könnten. Ob das nun zeitgemäß ist oder nicht – so wie auch Telegrafenmasten – Spaß machen dürfte es nach wie vor, speziell wenn es möglichst heimlich geschieht.

Obst wächst hier keins mehr an der Straße, dafür sind von der nahen Oder jetzt die Kraniche zu hören, die ganz unweigerlich hierher gehören. Nach etwas Straße mit Verkehr empfängt am Ortseingang von Letschin die Straße der Jugend mit willkommenem Schatten. Hier reihen sich Garagen aneinander, die an der Hinterseite direkt Ausgänge in kleine Gärten haben, die Gemüse, Obst oder auch Hühner und deren Eier hervorbringen. Und mit Sicherheit ein schönes Plätzchen bieten für ein entspanntes Feierabendbier. Was jetzt auch unser Stichwort sein soll. Der lange Sonnenuntergang erwartet uns bereits.

 

 

 

Anfahrt (ÖPNV): mit der Regionalbahn über Eberswalde oder Frankfurt/Oder (2-2,5 Std.) bis Bhf. Letschin

Anfahrt (Pkw): entweder Landstraße über Werneuchen/Prötzel/Wriezen oder B1 über Müncheberg und Seelow (ca. 1,5 Std.) nach Letschin

Tourdaten: ca. 18 km, Abkürzungen möglich (Achtung: der Großteil der Wege verläuft auf hartem Belag, ggf. bei der Schuhwahl beachten)

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.letschin.de

http://www.evl-letschin.de (Eisenbahnmuseum Letschin)

http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1284656 (informativer Artikel über Wollup)

http://www.havelia.de (Tomatenanbau unter Glas)

 

Einkehr: Landhaus Treptow (ggbr. des Schinkelturms), Letschin
in Golzow (etwas südlich von Letschin) mehrere Einkehr-Möglichkeiten
an der B1 zwischen Seelow und dem Berliner Ring mehrere Einkehr-Möglichkeiten (z. B. Ulmenhof/Diedersdorf, Landgasthaus Jahnsfelde, Goldenes Lamm/Lichtenow, Alte Schule/Herzfelde)