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Ahrensdorf: Frischer Seewind, stille Gleise und die Waldeseile

Es ist gerademal die Mitte zwischen kalendarischem und meteorologischem Sommeranfang, doch dem Gefühl nach ist der Sommer schon ewig da. Fast überlegt man, ob in einer fernen Warteschleife bereits das irritierte Tappen des Herbstes zu vernehmen ist. Die berauschende Vielfalt der Düfte hat schon lange nichts mehr mit Frühling zu tun, und auch alle Töne, die tagesbegleitend und flächendeckend auftreten, sind ganz klar Sommertöne. In den Blütenkronen der unzähligen Linden in Stadt und Land nimmt das Summen von Hummeln und Bienen mit jeder Viertelminute des lauschenden Verweilens immer noch zu, und eins tiefer zirpen die Grillen auf den trockenen Wiesen so nachdrücklich, als ginge die wärmste der Jahreszeiten in Wochenfrist ins Vorfinale. Hier und da halten sich noch tapfer ein paar Jasminblümchen in der sengenden Hitze, und wer endlich mal wieder Holunderblüten-Eierkuchen brutzeln wollte, kann mit Fleiß, Geduld und etwas Glück noch ein paar der weißen Blüten finden.

Badestelle mit Postheimer Strand gegenüber

Nach einer glutheißen Mai-Woche jenseits der dreißig brachte der Juni Erlösung mittels ergiebiger Wolkenbrüche und lustvoll säbelrasselnder Gewitter, die endlich auch mal Taten folgen ließen. Darauffolgend rollt nun die nächste Hitzewelle durch das Land und verteilt die Niederschläge wie schon so oft sehr ungleichmäßig. Hier im Norden bleibt es eher heiß und trocken, und so steht am freien Tag der Sinn nach schattigen Wegen und kühlen Seen.

Feierabendrad am Zaarsee, Ahrensdorf Nord

Rund um Templin gibt es mehr als eine Handvoll kilometerlanger Seen, und wenn die hübsche Stadt selbst schon eine Reise wert ist, verhelfen die Seen mit ihren skandinavisch gekrümmten Uferlinien zu schönen Optionen für Kontrastprogramme. Das ganze Wassersystem ist derzeit auf sich gestellt, da es durch die Schließung der baufälligen Kannenburger Schleuse von der Havel abgekoppelt ist. Das ist tragisch für die meisten Betriebe, die mit Tourismus zu tun haben und damit auch für die Stadt an sich. Ein Grund mehr, trotzdem hinzufahren und die Seen von innen aufzurollen – von Berlin-Gesundbrunnen ist es mit der Bahn nur eine Spielfilmlänge, eine durchgelesene Zeitung oder eine ausgiebige Döserei bis zur Entscheidung zwischen einem Stadtbesuch, dem Strand am Lübbesee oder jenem am Templiner See.

Engelsburg bei Ahrensdorf

Ahrensdorf Nord

Wer zwischen dem Eintauchen etwas Landschaft sehen möchte und sich das Privileg herausnimmt, nicht zweimal in denselben See zu steigen, kann einmal im großen Bogen um das Dörfchen Ahrensdorf spazieren und dabei ganz verschiedene Wege und Pfade unter die Sohlen nehmen. Für den nächsten Tag ist etwas Muskelkater einzuplanen, nicht wegen Steigungen oder schlechten Wegen, sondern wegen beschleunigtem Gehen und Armfuchteln in den Bereichen der Bruchwälder. Doch das ist verkraftbar, denn der Gegenwert stimmt.

In Ahrensdorf gibt es am Zaarsee gleich die erste Badestelle, um sich nach der langen Anfahrt zu erfrischen. Die ist durchaus schön genug, um wahlweise gleich hier die Decke auszubreiten und den ganzen Tag zu bleiben oder nur die kleine Runde zur Engelsburg zu gehen, denn es gibt eine große Wiese mit einigem Schatten, einen leicht erhöhten Pavillon mit Bänken und eben den kleinen Strand. Den Picknickkorb sollte man jedoch selbst dabei haben, mit Füllung ganz nach Belieben.

Gehöft bei Engelsburg

Ein Radweg führt in angenehmem Abstand zur Straße aus dem Ort, an dessen Ende die Namen Ahrensnest und Engelsburg die Neugier kitzeln. Wer ohne Neugier ist und den Extrabogen lieber auslässt, biegt einfach hier schon rechts ab und strebt relativ direkt zum nächsten See.

Engelsburg

Das Kopfsteinpflaster windet sich hinter Ahrensnest vorbei an einem lichten Bruchwald, dessen Mücken und Bremsen wohl noch morgenträge sind – was wir zu schätzen wissen. Vorbei an schattensuchenden Kühen vieler Farben betreten wir durch torlose Pfosten das weitläufige Gelände von Engelsburg, einer integrativen Wohnstätte für Menschen, die das Leben in eine Sackgasse getrieben hat. Alles hier wirkt offen, keine Verbotsschilder hindern am Durchspazieren und die besonderen Häuser vermitteln den Eindruck, plötzlich in einer anderen Region des Landes zu sein. Nach etwas Wald öffnet sich hinter einem Gehöft die uckermärkische Weite mit ihren gewellten Kornfeldern und vielfältigen Trockenrasen. Zwei einzelstehende Kronenkiefern verhelfen dem Blick nach vorn entlang des schlendernden Weges zum Charakter eines Gemäldes.

Weg zur Landstraße, bei Ahrensdorf

Vorn an der Straße wurde ein massiver Rastplatz errichtet, durch den der milde Nordwind streicht, zusammen mit dem Dachschatten ein perfekter Platz für eine Pause. Während wir uns auf dem Tisch ausbreiten, legt ein kleiner Juni-Käfer dort eine Zwischenlandung ein, inspiziert uninteressiert das Ausgepackte und fliegt dann auch bald weiter. Vielleicht ja nur ein Fingerzeig, dass die Sommerzeit gerade erst begonnen hat …

Vorbei an feuchten Wiesen kommen wir zurück nach Ahrensdorf und verlassen die Straße am bekannten Abzweig. Der Weg schlägt einen eleganten Bogen vorbei an alten Birken, die einladende Schattenplätze schaffen. Unwirklich und sehr rot-weiß erscheint das Andreaskreuz, das mitten in den Feldern einen Bahnübergang ankündigt. In der Tat ist es fast unmöglich, hier auf rollende Waggons zu treffen, denn der Personenverkehr zwischen Joachimsthal und Templin ist seit über zehn Jahren Geschichte. Ein paar Dutzend Holztransporte sorgen für etwas Restglanz auf der Oberseite der Schienen, die ansonsten von einer staubdünnen Rostschicht umhüllt sind. Ob die Lücke jemals wieder geschlossen wird, hängt nicht nur an möglichen Visionären, denn viele sachliche Faktoren stören die Attraktivität eines solchen Vorhabens. Doch hoffen sollte man trotzdem, und ganz aktuell bahnt sich Konkretes an.

Bahnübergang im Felde

Zwei schlanke Fischadler kreisen weit oben und fordern lautstark nach unserer Abwesenheit, so dass wir uns nach etwas Fernglasneugier rasch vom Acker machen. Ihren Horst haben sie auf einer filigranen Konstruktion, die jemand Schwindelfreies asymmetrisch weit oben auf einem übriggebliebenen Mast installiert hat. Fixiert wird sie durch robuste Gewindestangen und vertrauenswürdige Muttern. Die Küken sind noch so klein, dass kein Büschel ihres Flaums über den Nestrand ragt.

Weg am Alten Kanal, Ahrensdorf Süd

Am Gleis fallen die Blicke nach links und rechts also etwas salopper aus, als es die Schilder gebieten, denn interessanter sind vielmehr die nach vorn und hinten, die der ansprechenden Linie der gegangenen und kommenden Schritte folgen. Kurz darauf lockt eine Wiesenspur nach rechts, doch das kann nur mit nassen Füßen enden, also weiter geradeaus. Am Waldrand biegt noch vor unserem Weg ein beschilderter und zuwachsender Reitweg ab, auf dem Reiter unbedingt Helm und Schutzbrille tragen sollten. Der Halbschatten am Waldrand ist entspannend für die Augen, von links erfrischt der Wind und aus dem Wald duften limonenfrisch die Douglasien.

Kleine Badestelle am Lübbesee, Ahrensdorf

Ahrensdorf Süd

Ein Sträßchen kreuzt und bringt uns auf direktem Weg zum südlichen Ende von Ahrensdorf und entlang eines Bachlaufes ans Ufer des langen Lübbesees, der mit seinen vielen Windungen von Templin bis nach Ahlimbsmühle reicht. Was die zahlreichen Uferbruchwälder in den See entwässern, stürzt zunächst über eine zentimeterhohe Stufe und fließt dann im Alten Kanal den anderen Templiner Seen zu und letztlich in die Havel. Wo das Wasser den See verlässt, bietet sich sofort eine Badestelle. Zwei Meter später beginnt, markiert als Wanderweg, ein zauberhafter Pfad zwischen den Terrassengärten mit ihren kleinen und großen Seeblickhäuschen und den zugehörigen Stegen. Geht immer wieder auf Tuchfühlung mit Fuß und Taille, teils sogar mit den Wangenknochen, so hoch stehen Gräser oder Schilf. Dabei ist der Pfad manchmal so schmal, dass selbst ein Hütchen mit schmalster Krempe vom Kopf gefegt werden würde.

Pfad zwischen Gärten und Stegen, Ahrensdorf Süd

Zwischen kleinen Paradiesen, herrlichen Seeblicken und maßlos übertriebenen Brandenburg-Klischees spaziert man also einfach so hindurch, bis kurz hinter dem letzten Grundstück die große Badewiese erreicht ist. Es ist erstaunlich leer hier und wir sind schnell im herrlich duftenden und klaren Wasser. Den Seegrund bedeckt dünn eine helle Schlammschicht, die kurz aufwirbelt und sich bald wieder beruhigt. Wer möchte und über die Kondition verfügt, kann von hier nonstop sieben Kilometer bis Ahlimbsmühle schwimmen, wahlweise eine gute Seemeile bis zum Strand am Gegenufer oder einfach nur ein bisschen hin und her, so lange Lust und Kräfte reichen. Während des Bades vervierfacht sich die Zahl der Badegäste, von denen jeder zweite mit einem kleinen Laut höchsten Wohlbefindens im frischen Seewasser untertaucht und jeder dritte auf Badesachen verzichtet.

Dichter Weg im Uferbruchwald, Lübbesee

In die nähere Zukunft gedacht dient das Bad auch gut als vorbeugende Maßnahme, um den mittlerweile putzmunteren Mücken ihr Tagewerk ein wenig zu erschweren. Viel nützt es nicht, denn die hiesigen Stämme wirken spezialisiert, und so wird die naturnahe Passage durch den dichten Bruchwald am Ufer zu einem Genuss mit Vorspultaste, zu einem Rennen gegen den Saugrüssel, der in Scharen und gut vorbereitet wartet. Nicht nur viele sind es, sondern auch besonders große, also hilft nur Tempo ergo Fahrtwind. Ein trockener Waldstreifen bietet kurz Erholung, doch der nächste Bruchwald kommt schon bald, mit hübschen Brücklein.

Es zeigt sich, dass die Badestellen dünn gesät sind, der Schilfgürtel nur selten eine Lücke zulässt. Direkt gegenüber vom langen Strand bei Postheim kommt die letzte an diesem Ufer, klein und fein. Einmal übern See sind es sechshundert Meter, was wohl fast jeden zweiten guten Schwimmer locken dürfte, drüben kurz die Füße in den heißen Sand zu krallen. Zwei stimmkräftige Damen kommen gerade von drüben und unterhalten sich sehr deutlich und ohne jeden Mangel an Puste über etwas Relevantes, während ihre gleichmäßíge Bugwelle ihnen respektvoll folgt.

Obere Wolfsschlucht

Morgenland

Bei den Häusern von Morgenland verlassen wir den See und nehmen mit dem Fährsee nun den zweiten großen ins Visier. Nach dem erneuten Queren der stillen Bahnstrecke weist ein antiker Wegweiser zur Wolfsschlucht. Der Weg ist erkennbar, doch selten begangen und wächst langsam zu. Maßgeblich mit Brennesseln, doch das ist kein Problem, da der durchblutungsfördernde brennende Schmerz gut vom blutraubenden juckenden der Mückenstiche ablenkt und im direkten Vergleich selbstgewählt und naturheilkundlich, zuträglich und sinnvoll erscheint.

An einer fraglichen Stelle muss man sich links halten und kommt zum zaghaften Ende der Wolfsschlucht, die in einen dichten Laubteppich eingebettet liegt. Die hier noch überspringbare Rinne prägt sich mit jeder Minute stärker aus und ist zuletzt so tief und markant, wie man es von der Märkischen Schweiz kennt oder den tiefen Geländerinnen im Hohen Fläming. Ein kurzer Abstieg endet schließlich in der Bucht am Fährkrug mit Blick auf den Fährsee und der Aussicht auf das nächste Bad.

Breiter Waldweg am Fährsee

Direkt nach den letzten Wohnwagen gibt es eine schöne Badestelle, doch die wird aufwändig beansprucht von einem Pensionärs-Pärchen, das zu einem Gummiboot gehört. Ein herrlicher Wind weht vom See zur schattigen Pausenbank, also nutzen wir die Chance und probieren, die Sache auszusitzen. Irgendwann machen sich die beiden daran, mit zahlreichem Umrunden und Hineinpurzeln sowie ungelenker Akrobatik das Boot zu entern, doch dabei bleibt es dann. Erst kurz nach unserem Aufbrechen macht er seinen ersten Ruderschlag – und denkt: gewonnen. Recht hat er.

Durch schönen Wald mit hohen Laubbäumen und abermals duftenden Douglasien führt der gediegene Weg nun unterhalb des steilen Hanges durch den Waldschatten. Vom See her drückt der Wind nach wie vor kräftig in den Wald und jagt die Mücken hier am Ufersumpf ins Bockshorn. Wir bleiben ungeschoren, abgesehen von etwas Fuchteln. Ein kurzer Abstecher zu einer herrlichen Badestelle lässt uns lächeln über den ersten Ruderschlag von eben, und schon bald tauchen wir ein. Zwei Bäume weiter hat ein Zweierkajak angelegt, die Besatzung schwimmt schon weiter draußen, dort wo Sonne hinfällt. Vom klassischen weichen Ufersand märkischer Seen geht es schnell tiefer, und wie vorhin jagen sich die warmen und kalten Strömungen kurz unter der Wasseroberfläche, der Wind darüber ist erfüllt von herrlichen Sommerdüften. Eine blaue Libelle von der Länge einer Filterzigarette setzt sich direkt vor meine Nase, fixiert mich drei Sekunden und dreht dann scharf und winklig ab. Manchmal ist es ganz angenehm, uninteressant zu sein.

Badestelle mit Paddelboot

Mit der frischem Haut nach dem Bade und etwas abgekühlt schlurfen wir weiter und schütteln dann und wann ein Stückchen Wald aus der Sandale oder etwas Wasser aus dem Ohr. Ein unerwarteter Anstieg endet an einem Hochuferweg, so dass man durch die Baumwipfel den blauen See sieht, der seinen frischen Wind durch ebendiese Wipfel schickt. Ein ungewöhnlicher Ort für diese Art von Wasserluft, gemischt mit Kien und etwas Wiesenwürze. Kurz darauf verlässt der Weg den Wald auf eine weite Wiesenfläche, daher der Duft. Die Sonne brettert und es drückt, als wär noch ein Gewitter fällig. Voraus ragt ein kleiner Kirchturm aus den anderen Häusern, der zum einstigen Schul- und Bethaus gehört und dem Dorfbild sehr gut steht.

Ahrensdorf Nord voraus

Seehof

Ein letzter Bogen beginnt direkt hinter den Häusern von Seehof und führt abendromantisch entlang einer langen Trockenwiese. Der fußschmale Pfad folgt dicht dem Waldrand, noch immer einiges über dem See, der manchmal kurz durchlugt. Über der Wiese kreisen wie vorhin zwei Greife, doch diesmal ohne Not und eher an Mäusen interessiert. Die Blütenpracht der Wiese ist zart und ausgewählt, und ebenso sind die vielen Schmetterlinge, die sich aus den wiegenden Blütenköpfen den Nektar saugen und dabei die Balance behalten, mühelos. Hier und da huscht eine Eidechse, die grad beim Sonnenbaden war.

Pfad zwischen Hochwaldkante und Trockenwiese

Am Zaarsee fällt der Pfad schnell ab und verschwindet umgehend im schmalen Uferwald. Ihn zu begehen erfordert eine Art von Ausdruckstanz, denn der Körper muss unter den tiefhängenden Zweigen der Eichen und zwischen den Büschen, Schilfhalmen und Gräsern hindurch gewunden werden. Nach einigen hundert Metern übernimmt eine fein gemähte Wiesenspur, die sich erklärt durch eine Reihe putziger Bootsstege. Rechts in den Wiesenhang locken kleine Stufen, im hohen Gras parkt halb stehend, halb liegend ein Rad, das viel aussagt über die Qualität des freien Tages.

Stege am Zaarsee, Ahrensdorf Nord

Zum vierten Mal erreichen wir nun Ahrensdorf und haben doch kaum etwas gesehen vom eigentlichen Ort, der sich zwischen dem Friedhof am Kirchtürmchen und dem Alten Kanal am Lübbesee weit mehr als einen Kilometer lang erstreckt, schnurgerade und mit Gaststätte und Einkaufsladen. Also setzen wir uns wenigstens hier am Badeplatz nochmal ans Wasser, schauen beiläufig dem friedlichen Treiben aller Altersklassen zu und drehen das Gesicht zum letzten Male in den frischen Seewind.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn nach Wilmersdorf, dann Bus(se) nach Ahrensdorf (ca. 2 Std.)(nur wochentags, nur wenige Verbindungen)
stündl. Regionalbahn nach Templin (Umstieg in Löwenberg)(ca. 1,5 Std.)(ca. 3 km Zuweg über Postheim erforderlich, Markierung roter Punkt)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Groß Schönebeck und Milmersdorf oder über Liebenwalde, Zehdenick und Templin (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km, Abkürzungen mehrfach möglich

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Förderverein Ahrensdorf (allerlei Nützliches)

Engelsburg bei Ahrensdorf

Aktuelles zur Bahnstrecke Templin-Joachimsthal

 

Einkehr:
Gaststätte Anco, Ahrensdorf

 

Eggersdorf: Weiße Trauben, ferne Berge und das Schweigen der Frösche

Die lückenlose Baumblütenpracht des Aprils hat den Mai in diesem Jahr herausgefordert, und so gibt er alles, um Saft und Kraft und Üppigkeit zu zeigen. Schwingt sich dabei von Feiertag zu Feiertag und erschafft in Düften, Bildern und Stimmungen eine Mischung, die zuletzt schon an Sommerferien denken lässt. Ihren Beitrag dazu leisten die ersten Grillen des Jahres und das bereits hüfthohe Korn, das sich wiegend den launigen Winden hingibt.

Ackerrandweg mit hohem Korn

Beide Frühlingsmonate scheinen bestrebt, das frostige und somit fruchtlose Hin und Her des letzten Frühlings quantitativ auszugleichen und erhalten dabei Rückenstärkung von Sonne, Wind und Regen. Das Ergebnis dieser Bemühungen stimmt hoffnungsfroh, denn die Blüten waren reichlich, die jüngsten Bienen fleißig, und drum sind alle Bäume voll von Früchtchen in der allerersten Phase.

Am Kirchweiher in Eggersdorf

Auch die Klangkulisse in den Lüften ist in die Breite gegangen. Zu den euphorischen Feldlerchen, den virtuosen Nachtigallen und den leise plaudernden Schwalben kamen im Wochenabstand Töne hinzu wie das immer irgendwie entfernt wirkende Intervall des Kuckucks, das ja von der Berliner S-Bahn bei jedem Türschließen gespiegelt wird. Oder die sommerbegleitenden Pfeiftöne der Mauersegler, die wie von Ungestüm und Rausch getrieben durch die Straßenschluchten jagen. Auch die nach großer Unterhaltung klingenden Monologe der kleinen braunen Rohrsänger, die im Schilf hocken und scheinbar niemals Langeweile oder Pause haben und dazu Lungen ohne Grenzen. Vorerst vereinzelt ist mit dem Pirol ein anderer Spaßvogel zu hören, der in größeren Abständen hintersinnige und knackig kurze Kalauer zum Besten gibt, kurz sacken lässt und bei Gefallen gleich noch einmal wiederholt. Meist im Wald und gern ganz oben in den Wipfeln.

Obstweg hinter Eggersdorf

Nebenher ist alles Braun dem Grün gewichen, das effizient auf Wiesen, Äckern und aus Bäumen sprießt und jegliche Blümchen an den Wegrändern noch bunter leuchten lässt. Während der Blick vor die eigenen Füße die schöne Feldrandmischung rotblauweißgelb in immer neuen Konstellationen abscannt und dabei den Kopf von links nach rechts oder nach unten dreht, manchmal auch rückwärts über die Schulter, wird weiter oben ein ganz anderes Schauspiel dargeboten, eines ganz in weiß. Es ist die Hochzeit der Robinien, deren buschig weiße Blütentrauben die Kronen eher weiß als grün erscheinen lassen.

Blick zurück nach Eggersdorf

Vor allem wegen der Lust auf bunte Feldränder landen wir heute in der offenen Landschaft südlich von Müncheberg. Eher pragmatisch wurden reizvoll anmutende Feldwege zu einer menschenleeren Tour verbandelt. Mittendrin liegen drei Passagen, wo ein Durchkommen fraglich ist, denn sowohl Karten als auch Satellitenbilder widersprechen sich. Etwas gewagt in der höchsten Vegetationsphase, doch wir werden sehen und notfalls staksen.

Die Märkische Schweiz in der Ferne

Eggersdorf

In Eggersdorf gab es vor einiger Zeit das Gasthaus Prasser, eine gemütliche Gaststätte mit einem urigen Bullerjahn-Ofen, wo der Wirt beim Eintreten unaufdringlich den Nachnamen erfragte und einen dann bis zum Abschied persönlich ansprach. Das war seltsam, doch keineswegs befremdlich, es hatte was und ist auf ewig verknüpft mit diesem Dorf. Noch beim Aussteigen bemerke ich das vergessene GPS-Gerät und spüre ein kurzes Zucken digitalen Entzuges. Doch der Weg heute sollte auch ohne gehen, zumal es eine markante Landmarke und meistenteils klare Abzweigungen gibt. Bei den Problempassagen hilft die Sonne aus an diesem wolkenlosen Tag. Der Rest braucht etwas Glück.

Schwungweiser Aufstieg zu den Weihern

In der Mitte des Dorfes liegt hinter einer gemütlich verwinkelten Bushaltestelle, einem pflanzenreichen Tümpel und einem Backsteintor die Kirche und schafft gemeinsam mit dem Schatten hoher Bäume einen schönen Rahmen für lange Feste. Obwohl die große Pfütze wie geschaffen ist für viele Frösche, ist nichts zu hören. Dafür laufen die Motoren großer und kleiner Maschinen, die fast alle dem Rückschnitt von Halmen dienen.

Wiesenweg bei den Weihern

Hinterm Dorf geht dann nicht nur die erhoffte Stille in die Vollen, auch der Blick trifft auf beruhigende Bilder. Ein gediegener Feldweg, der nie ganz gerade und nie ganz eben ist, führt hindurch zwischen alten und neu gepflanzten Obstbäumen sowie blühenden Rosen- und Holunderbüschen. Schmale Gehölze sorgen für Minuten großer Waldstimmung mit den zugehörigen Düften, und stets ist etwas Halbschatten da.

Vor einem Kiefernwäldchen steht eine Rastbank mit weitem Blick nach Westen, danach übernehmen wieder die Büsche. An der großen Kreuzung lockt der mitlaufende Pilgerweg in einen grünen Tunnel, doch wir biegen ab und ziehen durch die welligen Äcker. Vorn quert ein Radfahrer und macht Hoffnung darauf, dass der entscheidende der unklaren Wege passierbar ist. Biegt leider vorher ab, so dass die Frage bleibt. Im Süden zieht sich panoramabreit und dicht über dem Horizont ein diffus zerklüftetes Wolkenmassiv, das geschickt mit Licht und Schatten spielt und die Alpen imitiert, wie sie langsam zur Greifbarkeit anwachsen, wenn man München mit der Bahn verlässt. Keineswegs ein hinkender Vergleich.

Weiher im Schilf

Links eröffnet sich mit den vier Türmen der Stadt Müncheberg nun eine Art charmanter Begleitung. Die Stadt liegt in einer Senke, doch der markante Kirchturm steht auf einer eigenen Anhöhe und ist weithin zu sehen. Das mit der Anhöhe trifft nicht für die wuchtigen Türme der Stadtbefestigung zu, ein bisschen jedoch für den Wasserturm, dessen Kopf daher ähnlich oft zu sehen ist. Der Blick von hier auf die Stadt beantwortet einen Zusammenhang, der bislang nicht als Frage stand: direkt hinter dem Kirchturm ist eindrucksvoll die Hochfläche der Märkischen Schweiz zu sehen. Ein bisschen so, wie man bei bester Sicht die Alpen von einem Münchner Stadtberg sehen kann …

Hohes Korn mit Feldrandweg

Vom nächsten Wäldchen nahe einem Schafstall schwingt der herrliche Weg sich langsam ein paar Meter höher und streift dabei einige feuchte Augen dieser leicht bewegten Landschaft, die weit ist und tiefes Atmen erlaubt. Die meisten dieser schilfigen Weiher sind kaum mehr als knietief, andere liegen blau und halmlos und lassen kleine Abgründe vermuten. Auch hier von Fröschen nichts zu hören.

Jetzt wird es bunter an den Wegerändern, zunächst noch ohne rot. Oben dann beginnt der fraglichste Weg und ist vorhanden, dank der zahlreichen Hochstände hier. Wirklich zauberhaft ist er und liegt eingebettet zwischen kniehohen Gräserteppichen, die der Wind in Bewegung hält. Als kurvige Wiesenspur umrundet er verspielt eine Reihe von Tümpeln und Weihern, in deren Umfeld sich vom mannshohen Kranich bis zum frischgeschlüpften Entlein verschiedenste Tiere wohlfühlen, wohl auch verschwiegene Breitmäuler.

Robinienweg nach Müncheberger Loose

Jenseits der kleinen Lindenallee, die südlich nach Tempelberg führt, folgt der zweite fragliche Weg nun der Kreisgrenze, die zugleich den Rand eines saftig grünen Roggenfeldes nachzeichnet. Die langen Grannen fordern zum Darüberstreichen auf. Sie sind weicher als angenommen. Im Norden zieht ein karminrotes Dach die Blicke immer wieder auf sich, davor steht edel kontrastierend ein Stück dieses weißen Robinienwaldes und bereitet auf Kommendes vor.

Die nächsten Weiher wären ohne den regen Vogelverkehr kaum zu erkennen, so grün umwachsen sind sie. Am vorerst letzten von ihnen schwenkt der Weg nach Norden und trifft an einer Wendeschleife wieder auf offizielle Linien, von denen jede der befragten Karten weiß. Direkt danach beginnt zwischen den Robinien eine lose Folge von uralten und noch älteren Kirsch- und Apfelbäumen, die gemeinsam mit dem Weg vom Anfang eine innere Notiz für den Herbst auslösen.

Die Türme von Müncheberg mit der Märkischen Schweiz im Hintergrund

Hinterm Abzweig nach Friedrichshof verschwindet die Doppelspur in einem grünen Tunnel aus hochgewachsenen Robinien, über deren teils meterdicken Stämmen ein Klangteppich aus tausend Bienenflügeln tönt. Was muss das für ein Rausch sein für die Gelbgestreiften, wie geht man vor bei einem solchen Überangebot? Das Blätterkleid geht stellenweise auf Tuchfühlung und ist bis zum Boden so dicht, dass nur selten ein Blick aufs Feld drin ist.

Philippinenhof

Müncheberger Loose

Als schon die Frage aufkommt, ob es hier wohl einen Ausgang gibt, steht links ganz unerwartet das erste Haus von Müncheberger Loose. Spielende Kinder und gackernde Hühner verstärken noch das umgebende Gartenidyll, vor dem sicherlich ein Auto aus der Großstadt steht. Vom Schönen Berg gibt es nun einen der schönsten Blicke auf den Müncheberger Kirchturm, das Gebirglein dahinter sitzt noch besser in Szene als vorhin. Jetzt endlich kommen die Mohnblumen ins Spiel und machen die Farbmischung am Wegesrand komplett. Linsen werden gezückt, vor Blumen niedergekniet und die Makro-Funktion an ihre Grenze geführt.

Blick von der Fußgängerbrücke

Philippinenhof

Die unbefestigte Straße durch den Weiler Philippinenhof sieht gemütlich aus mit ihren hölzernen Gartenzäunen, die auf Normen wenig geben. Zwischen den Häusern liegt ein gartengroßes Kornfeld, gesprenkelt von frisch entknitterten Mohnblüten. Die Dorfstraße führt um den Hof herum in schattigen, bodenklammen Wald, trifft hinterm letzten Haus wieder auf den Pilgerweg und lässt Fußgänger problemfrei die schnelle Umfahrungsstraße queren, flankiert von Sanddornbüschen. Wenn bis hierher nicht gänzlich klar war, wer in der Müncheberger Skyline wirklich ein Turm ist und welcher – jetzt lässt es sich lückenlos aufklären.

Am Stadtrand von Müncheberg

Müncheberg

Nach etwas Zickzack und schönen Blicken auf die Kirche führt ein in die Wiese gemähter Weg zu einem kleinen Laubengang, der wieder einmal überrascht und damit bestens zu Müncheberg passt. Ein kleiner Abstecher ins Innerste belohnt mit einem Eis, dass sich schattig auf der Kirchenhöhe vernaschen lässt. Im dichten Efeu an der Kirchenmauer läuft ein ständiges Kommen und wieder Abflattern von Vögeln verschiedenster Größe, die teils selbe, teils gegenläufige Absichten haben. Ein milder Wind schleicht durch den markanten Bogen zwischen Kirchturm und Schiff. Die handschmeichelnde Klinke zum Kirchenraum muss einfach gedrückt werden, wenn auch ergebnislos.

Pfad hinter den Lauben

Der Weg um den Waschbanksee hat nicht an Schönheit verloren, und unter Apfelbäumen blühen auch heute große Margeriten. Oben an der Pflasterstraße weist ein Schild nach Landhof, wo es wieder Teiche gibt. Die sind hier schattig, sumpfig und unbedingt froschgeeignet – doch scheint das heute am Tag zu liegen. Nicht ein Quaken hören wir. Hinter einem Gehöft mit etwas verpeilten Hunden öffnet sich wieder die Weite. Die letzten Teiche des Tages sind etwas größer. Vom rechten starten zwei Gänse mit einigem Zirkus, um auf dem linken regelrecht unauffällig zu landen. Dieser ist eher eine große Pfütze und die Show sollte vielleicht augenzwinkernd den Wechsel von den Futter- zu den Schlafplätzen imitieren, wie er im selben Moment, jedoch in tausendfacher Verstärkung im nahen Oderbruch stattfinden dürfte.

Oben an der Kirche, Müncheberg

Auch an der stillen Landstraße wurden neue Alleebäumchen gepflanzt, bis hinauf zur Brücke. Nach fünfzehn Minuten Asphalt und drei Autos schwenken wir ab zu einem letzten Wäldchen, das schon duftende Abendkühle bietet. Am Friedhof halten wir Arme und Hände unter den Wasserhahn, das erste Mal in diesem Jahr, an diesem Tag, der viel vom Sommer hat.

Eggersdorf ist im Wochenende angekommen. Hier glüht die Holzkohle unterm Würstchen, dort wird ein Fest für morgen vorbereitet und vis à vis vom zweiten Dorfteich steht zeitige Achtziger-Elektronik-Mucke auf der Playlist, solche, die man schon fast vergessen hatte und die wegbereitend war fürs Plattenkratzen.

Flacher Schlafteich für die Gänse

Das mit den Fröschen haben wir abgehakt und schlurfen drum vorbei am schilfigen Gewässer, beinlahm, hungrig und zielgerichtet auf die letzten Meter. Eine eilige Stockente fliegt von Süden kommend Richtung Stadt, sieht uns da unten in der Not und lässt ein leises Quak vom Himmel fallen. Dem ist dann nichts hinzuzufügen.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Eggersdorf nicht praktikabel; Regionalbahn von Berlin-Lichtenberg nach Müncheberg (Mo-Fr stdl., ca. 0,75 Std.) bzw. von Strausberg nach Müncheberg (Sa, So, ca. 1 Std.), vom Bhf. in die Stadt 3 km zu Fuß oder mit dem Bus (10 Min., doch teils seltsame Anschlüsse)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über B 1 (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 18,5 km, Abkürzungen gut möglich (Vermeidung der langen Landstraßenpassage über Wegpunkte 24-23-5-39)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Ortsinformationen Eggersdorf

Stadt Müncheberg

 

Einkehr: Il Siciliano (am Kreisverkehr beim nördlichen Stadtturm), Müncheberg

Eiscafé unterhalb der Kirche, Müncheberg

 

Hennickendorf: Der Stienitzsee, das Schaf der Schafe und der gefundene Frühling

Von Zeit zu Zeit gibt es Ereignisse, die in ihrem Dunstkreis mehrere Wochen beanspruchen, hintergründig, jedoch präsent. Solche Kaliber wie Hochzeiten, runde Geburtstage jenseits eines dritten Lebensquartals oder die Konfirmation der Patentochter. Ist dann der Tag herangerückt, um den es geht, wird alles andere auf kleine Flamme gedreht und darf ein wenig knapper ausfallen – sei es nun der liebe Alltag oder auch der Ausflug ins Grüne. Dann wird pragmatisch und mit knappem Kriterienfächer entschieden: einmal rund um einen mittelgroßen See, zu dem man ohne lange Anreise hinkommt. Am besten einen, den man schon ein wenig kennt.

Am weiten Wiesengrund bei Tasdorf

Die Erwartung ist dementsprechend eher medium, was keine Einschränkung darstellt, denn das Spazieren durch den Wald und ein Dorf sowie der Blick über eine große Wasserfläche stellen auf jeden Fall ein vergleichbares Maß an Erholung sicher, das auch eine mit planerischer Feinmotorik gestrickte Tour bieten würde. Nur die Erlebniskurve fällt ein wenig flacher und ruhiger aus.

Dennoch kann es passieren, dass man von der gewählten Landschaft und ihrer Abwechslung dermaßen überrascht wird, dass aus der hingehauchten Skizze unverhofft eine Tour mit dem Zeug zum Klassiker geboren wird, ein Weg also, den man in gewissen Abständen immer wieder unter die Sohlen nehmen möchte, und zwar haargenau so, wie er beim ersten Mal war. Touren wie diese heften sich gern an bestimmte Zeitpunkte, die durch Natur oder Kalender bestimmt werden. Doch es gibt auch solche, die man gerne zu ganz verschiedenen Jahreszeiten sehen würde.

Aktuell ist es der Frühling, der in diesem Jahr durch beharrliches Warten erkämpft werden musste. Viele Geduldsfäden waren bereits gerissen, als es endlich soweit war und die Tage nicht mehr nur vereinzelt erschienen, an denen unbedeckte Köpfe und freie Unterarme gesundheitlich unbedenklich waren. Nach dem österlichen Schnee war der Winterspuk vorbei, und in Wochenfrist wurde die Zwanzig-Grad-Marke geknackt und wochenlang gehalten.

Stichkanal in Hennickendorf

Beim Blick auf die Straßen, die Gehwege und alle Parkflächen musste man denken, dass alle, wirklich alle draußen waren, keiner zu Hause. Mit einem Mal ging alles in die Spur, was Chlorophyll in sich trägt, und fand im schnellen Vorlauf zu dieser allgegenwärtigen Farbsättigung zurück, von der man schnell meint, dass sie nie weg gewesen war. Erst kamen die Blüten, eine halbe Woche später die Blätter an Bäumen und Büschen, und mit einem Mal war alles grün und saftig und erfüllte die Umgebung mit dem Duft der erwachten Vegetation.

Mittelgroße Seen mit schönem Wald drumherum gibt es viele im Land Brandenburg, auch das Berliner Umland ist gut bestückt. Die meisten von ihnen haben adrette Rundwege, die gut markiert einmal drum herum führen. So ein Weg ist sehr entspannend, da man kaum aufpassen muss und eigentlich nicht von ihm abkommen kann.

Wem das zu meditativ ist, zu einförmig oder zu knapp an Abwechslung, der kann hier und da noch einen Ausreißer einbauen, der für einen Landschaftswechsel sorgt. Gut lässt sich das beim Stienitzsee machen, der vom S-Bahnhof Strausberg in einer guten halben Stunde zu erreichen ist – mit dem Bus ist man übrigens nicht viel schneller. Der See ist das letzte Glied einer schiffbaren Kette wunderschöner Seen, die mit der Müggelspree das Wasser teilt und am Dämeritzsee bei Erkner beginnt. Einen ausgewiesenen Rundweg gibt es nicht am Stienitzsee, doch zumindest die westliche Hälfte ist als Teil des 66-Seen-Wegs gut markiert. Umrunden lässt er sich dennoch, und zwar regelrecht spektakulär. Wir haben das im knackfrischen Frühling getan, scheinbar die schönste Jahreszeit dafür, doch werden gerne wiederkommen in Monaten wie Januar, August oder Oktober.

Uferpromenade in Hennickendorf

Hennickendorf

Schon in Hennickendorf beginnt die große Vielfalt. Wer das Dorf durchfährt, sieht eins wie viele andere, doch kriecht man ein wenig in die Winkel und Ecken, zeigen sich mehr als eine Handvoll Gesichter. Am Kreisverkehr mit der Kirche ist die Eisdiele erwacht, in Sichtweite zum örtlichen Bäcker. Beide zusammen stellen am Wochenende den lückenlosen Eisverkauf von früh bis spät sicher.

Ein paar Meter weiter führt ein aufsteigender Weg auf einen von zwei Hügeln. Im Abstieg gibt es auf halber Höhe eine großzügige Aussichtsplattform, unten liegt ein Sportplatz in einzigartiger Lage direkt am blauen Wasser des Sees. Das ist in dieser Konsequenz eine seltene Konstellation. Bevor die Frage nach dem erst verschossenen und dann nassen Ball auftaucht, wird sie schon beantwortet – mit dem Blick auf das hohe Zaunnetz zum Ufer hin. Wer da noch drüberschießt, hat sich die Abkühlung und etwas Wasser in den Ohren wirklich verdient.

Nach einem urigen Stück Wald folgt eine eigene kleine Welt und lässt ans schnuckelige Neu Venedig denken, das vom Berliner Müggelsee kommend zur betreffenden Seenkette überleitet. Ein kleiner Stichkanal mit morsch-pittoresken Bootshäusern und vertäuten Booten greift der Lagune vorweg, die es etwas weiter südlich tatsächlich gibt. Ein zweiter, etwas breiterer Arm lässt fast an Skandinavien denken. Etwas Frischwasser erhält er von einem wenige hundert Meter jungen Rinnsal, das durch Ufer voller gelber Blüten aufwändig ins breite Wasser mäaandert. Als würde es sich immer wieder nach seinem Ursprung umschauen, der lang schon außer Sicht ist.

Verfallendes im Wald unterhalb des Betonwerkes, Hennickendorf

Dahinter liegt der zweite Hügel, auf den trotz oder wegen seiner steilen Flanke kleine Gärten mit Lauben gebaut wurden. Abenteuerliche und selbst verfasste Stiegen aus Holz, Metall oder Beton klettern hinauf zu den großen und kleineren Buden, bei denen das Hauptgewicht ganz klar auf der Aussichtsterrasse liegt. Zu Füßen der Erhebung liegen die Gärten, die statt der Aussicht das eigene Stück Ufer haben. Beides ist gleichermaßen exklusiv.

Strandbad Stienitzsee

Entlang eines Viertels praktisch gebauter Häuser wurde ein breiter Grünstreifen am Ufer freigelassen, davor sogar noch ein Promenierweg, auf dem man zum Wiesenstrand des Dorfes kommt und dran vorbei. Wer einen gediegenen Sandstrand dem Vorzug gibt, standesgemäß gelegen unter etwas Steilküste samt ausdrucksstarker Kiefer, der ist nur noch ein paar Minuten entfernt von seinem Glück. So wie diese Kiefer steht, muss ihr Sämling einst vom Darß hierher geweht worden sein. Im Strandbad Stienitzsee gibt es neben dem Strand die obligate Versorgung mit Getränken und Kuchen, Würstchen und Eis, darüber hinaus kann man verschiedenste Wasserfahrzeuge ausleihen oder den urigen Pfad im Berg erkunden. Wer es gerade passiv liebt, setzt sich einfach nur auf die schöne Terrasse mit den vom Bootslack glänzenden Tischen und lässt den Blick oder das Gehör über die Stille oder das Treiben schweifen – je nach Tageszeit. Nicht wundern, wenn ein Pfau vorüberschreitet.

Kleiner Lagunenhafen

Das folgende Stück entlang der Straße bietet Abwechslung fürs Auge in Form einer jungen Kirschallee, des eigentümlichen alten Wasserwerks mit Grasrondell und Yacht vor Anker sowie einer seltsamen Stallage aus Betonpfeilern. Auf Höhe der alten Werkssiedlung führt ein kleiner Schleichweg hinab in den Wald. Auch dort stehen seltsame Säulen aus Beton und Stahl, mittlerweile Aug in Aug mit nachgewachsenem Wald, und sehen für den Laienblick nach Umspannwerk aus, ein bisschen auch nach Hopfenplantage. Dazwischen rotten Ruinen vor sich hin, werfen Fragen auf und verleihen der kurzen Passage einen morbiden Anstrich.

Regelrecht putzig erscheint in diesem Kontrast die kleine Lagune, deren einer Nehrungsarm von winzigen Segelbooten belagert wird. Ab hier reicht der hochgewachsene Laubwald bis ans Ufer, wirft frischen Schatten über kleine Badebuchten und wird von Minute zu Minute feuchter. Hier und da sickert aus einem Quelltopf Wasser und landet gleich wieder im See. Ein paar Wochen später dürfte hier kein Mangel an Mücken herrschen. Im Wasser sind die Pfosten eines lang vergangenen Steges zu einer überfluteten Reihe von Weiden ausgetrieben, links steigt eine knorrige Allee hinauf zur Straße. Doch hier unten ist es schöner.

Pfad am Ostufer

Der Wald wird niedriger und wandelt sich zu leicht geheimnisvollem Bruchwald, an dessen Rand schlanke Eichen von armesdicken Efeu-Fesseln umschlungen werden. Nach starken Regentagen sollte man hier nicht mit weißen Stoffschuhen durchspazieren, denn der Weg verliert bald die entscheidenden Höhenzentimeter und geht auf Du und Du mit dem Niveau des Sumpfwaldes, der aktuell noch ohne Froschgequak ist. Der Pfad schlägt seine Haken und erfordert hier und dort etwas Balance.

Ein Drittel-Höhenmeter nach oben sorgt bald für trockenen Boden, und zwölf Schritte später findet man sich übergangslos in einer völlig anderen Landschaft wieder, die schon an werdernahe Obstwiesen denken lässt –scheinbar ferne Zukunftsmusik, doch schon in Kürze Wirklichkeit. Links dichtes Buschwerk, rechts eine zart blühende Reihe von Obstbäumen und davor weit gestreckt eine wonnige, saftig grüne Wiese, die schon bald mit der Farbvielfalt in in die Vollen gehen wird. Immer mehr Obstbäume werden es, darunter sone und solche.

Im Süden des Sees

Ein Tälchen weiter landet man ebenso unerwartet in einer Landschaft, die ein wenig an Vegetation auf Mittelmeerinseln erinnert – niedrig trockenes Knorrgebäum, dessen Arme kreuz und quer und waagerecht stehen, als wären sie beim insektenvertreibenden Fuchteln in ihrer Position fixiert worden. Manche davon sind bleich und nackt, in anderen steckt noch Leben, und auch die Mischform existiert. Weiter hinten wird die Wiese von der Uferlinie begrenzt. Dann und wann, so verrät eine Tafel, halten sich hier Heckrinder auf, die rückgezüchteten Erben des legendären Auerochsen, im Kreuzworträtsel gern als „Ur“ gesucht.

Das Schaf der Schafe

Mindestens genauso spektakulär, vor allem aber anwesend ist das absolute Ur-Schaf, das nach Längerem nun doch neugierig auf uns geworden ist, wohlüberlegt seinen Liegeplatz im Halbschatten verlässt und zielstrebig auf uns zuschlendert. Stark quaderförmig sieht es aus, das Schaf, und muss definitiv die Stammesfürstin einer größeren Sippe sein. Sie schleppt noch die Wolle des ganzen langen Winters herum, ein glücklicher Umstand, wie sich in den nächsten Tagen zeigen wird. Vielleicht ist es auch der Stammesfürst, doch diese Frage bleibt offen, da wir es nur von vorne sehen und die Wolle wirklich sehr üppig steht. Auf jeden Fall gibt es denkwürdige Augenblicke der Tuchfühlung und langen, tiefen Augenkontakt, was den Abschied nicht eben leichter macht.

Blick von der Bundesstraße auf das Mühlenfließ

Seltsam sachlich erscheint jetzt im Kontrast zu eben der unwirsche und lärmige Verkehr auf der Bundesstraße Nr. 1, die sich erst nach längerem Verharren überqueren lässt. Ein Blick zurück zeigt noch einmal den schattigen Schafshang und weitere Mitglieder der wolligen Sippe im Unterholz. Gegenüber stehen zwei quatschende Mädels am Zaun des einzigen Grundstücks hier und sehen aus, als wenn gerade Ferien wären. Vorbeifahrende schauen vielleicht mitleidig auf diesen Garten direkt an der lauten Straße, denn die wenigsten werden wissen, wie schön es hinterm Haus aussieht.

Werksbahnbrücke über dem Froschsumpf, Tasdorf

Die Straße spannt sich hoch über einem Kanal, der hier den schönen Namen Mühlenfließ trägt und so gar nicht danach aussieht. Zugleich nüchtern und romantisch lockt er hinab, und nach einem kurzen Abstieg locken Wegweiser in eine scheinbare Sackgasse, aus der wahrhaftig ein kleiner Pfad entspringt. Leicht bockig stapft er unter der Flanke entlang, gesäumt von großkronigen Obstbäumen, die gerade gestern voll erblüht sind und erfüllt von flächigem Summen. Immer schmaler wird die Spur und immer üppiger alles Grün, was schon gewachsen ist in zweiundsiebzig Stunden. Es ist eine völlig andere Welt hier, nur ein paar Steinwürfe von der lauten B 1. Eine markante Eisenbahnbrücke spannt sich breit über Ufersumpf und Kanal, den man gerade kurz vergessen hatte.

Präsent ist der Sumpf auch durch die Klangkulisse, die mit jedem Schritt lauter wird. Da ist er, der neue Jahrgang von Fröschen, und einer zeigt dem anderen, wo der Dezibel-Hammer hängt. Ein schwer rumpelnder Güterzug auf der Brücke sorgt da für keinerlei Irritation, anders hingegen der leise brummende Diesel einer verschnarchten Motorjacht auf dem Verbindungskanal zwischen Rüdersdorfer Kalksee und Stienitzsee. Ein weiterer Arm nimmt noch den schmalen Kriensee mit ins Boot, und dort vom Hafen kommen vor einer Industriekultur-Kulisse frisch geliehene Kajaks gepaddelt.

Höhenweg über dem Kanal

Nach der Brücke steigt der Pfad höher in die Flanke und bietet vor ein paar versandeten Stufen mit alternativer Mountainbike-Rutsche eine Rastbank, an der man einfach nicht vorbeikommt. Rastbänke übrigens gibt es mehr als reichlich auf dieser Seeumrundung, fast immer schön gelegen. Wer keine von ihnen auslassen wollte, hätte am Abend Kniebeugen im dreistelligen Bereich in den Beinen.

Die Hangflanke profitiert bereits vom ersten jungen Laub und verwöhnt mit dem lichten Halbschatten des Frühlings, der diesen und jenen Blümchen noch die Chance lässt, breite Teppiche zu bilden und sich leuchtend darzubieten. So führt ein schicker Höhenweg durch die grüne Kulisse, die jetzt noch ohne Mücken ist. Ein Blick zum feuchten Land da unten hebt diesen Umstand noch hervor.

Nördlich von Tasdorf

Beim nächsten Rastplatz mit knorrigem Geländer und angeschlossenen Stufen geht es hinab zum Blick auf die Kanalgabelung im Norden und eine weitere Eisenbahnbrücke im Süden, die nebenher auch den 66-Seen-Weg ans andere Ufer lässt. Der Blick fällt zudem auf stille Werksanlagen und einen filigranen Förderturm, der schon zum Rüdersdorfer Museumspark gehören könnte. Hier wendet der südliche Abstecher, bevor der Draht zum Stienitzsee verloren geht. Oben an der Straße, immerhin zwanzig Meter über dem Kanal, kann man sich wochentags am Imbiss stärken, vorn an der Kreuzung beim Bäcker ein Kaffeepäuschen einlegen.

Tasdorf

Nach einer kunstvollen Graffiti-Wand von 120 Metern Länge, die mit Tierschutz und Papageien zu tun hat, geht es nach einer Esel- und einer Pferdeweide hinab in den Wald, durch dessen Stämme schon bald der blinkende Spiegel des Stienitzsees erkennbar wird. Unten im Wald sieht es aus, als ob namhafte Gartenplaner vergangener Zeiten ihre Hände im Spiel hatten. Darüber hinaus verneigen sich viele der alten Bäume hin zum wunderschönen Weg, ganz jenseits aller Planbarkeit. Der Weg wird immer noch gediegener, stets etwas breiter und darin noch unterstützt vom Schattenspiel des sonnigen Tages.

Wiesengrund am Westufer

Vor einem weiten, teils schilfigen Wiesengrund schwenkt er nach links und zeichnet dessen Rand nach, wiederum mit schönen Bänken, einer Rasthütte im Stil eines Schafstalls und Sichtfenstern auf diese offene Insel zwischen Hang- und Uferwald, die Entzücken hervorrufen und zugleich den Puls senken. Beim Wiedereintauchen in den Wald, der jetzt bis Torfhaus geschlossen bleibt, gibt es keine Pause vom Erstaunen. Leicht geschwungen ist der Waldboden, kurvig der Weg, und alles links und rechts davon ist lückenlos bedeckt mit dem leuchtend grünen Laub des Scharbockskrauts, dazwischen dessen goldlackierte Blüten. Alles Laub, das selten Schatten hat, ist überzogen mit einer mattglänzenden Schutzschicht und sorgt für Extra-Reflexionen in diesem grünen Teppich, aus dem nur hier und da archaisch ein vor Jahren gefallener Stamm herausragt. Es ist berauschend, mitten hindurch zu gehen, ein wenig wie das Reiten auf der Welle.

Waldweg durch einen Teppich von Scharbockskraut

Der grüne Hang zur Linken wird nun steiler, der Wegelauf noch verspielter und der Boden rechts des Weges immer feuchter. Das geht soweit, dass es in einem regelrechten Kessel das Wasser aus jeder Pore drückt. Aus Dutzenden Rinnsalen entsteht auf nur dreißig Metern Länge ein Bach, der an seiner Mündung breiter als ein großer Schritt ist und dort der Waldesstille ein achtbares Rauschen entgegensetzt. Neben dem Annafließ und den sonstigen Wassern aus dem gleichnamigen Wiesental ist er eine von vielen Quellen, die dicht am Ufer entspringen und dem See zu der Wasserqualität verhelfen, die wir hier und dort sahen. Wer seinen Kindern oder Eltern immer schon ganz lebensecht und ohne viel Aufwand eine Quelle und gleich noch eine Mündung zeigen wollte, kann das hier sehr eindrücklich tun und dabei auf staunende Augen hoffen. Vorn am Ufer bietet der Blick über den blauen See eine Skyline an, die nicht mit Türmen geizt. Hauptdarsteller ist das Kalkwerk Rüdersdorf, im Vordergrund am Ufer noch das Wasserwerk mit seiner Motorjacht.

Skyline gegenüber

Eine Bank am steilen Hang hat sichtlich Mühe, sich geradezuhalten. Wer es dennoch schafft, Sie zu erklimmen und sich dort festzuklammern, wird mit direkter Sicht auf ein hölzernes Sichtfenster belohnt, das den finalen Bachmäander ansprechend in Szene setzt. Eine Schautafel ist dabei nicht nur informativ, sondern hilft maßgeblich beim Festhalten. Erst beim rückwärtsgewandten Abstieg sehen wir etwas Zauberhaftes. Alle Flanken des Kessels sind lose bedeckt von diesen herrlichen blauen Blümchen, denen Carl von Linné einst den Namen Anemone hepatica verpasste. Ihr landläufiger Name klingt mir irgendwie zu sehr nach Leberwurst, und daher betrachte ich diese kleinen Schönheiten intern als blaue Anemonen.

66-Seen-Weg am Westufer

Es gibt nicht allzu viele Stellen im Land Brandenburg, wo man auf dieses zartblaue Leuchten treffen kann, das nach dem Winter oft die allererste kräftige Farbe im graubraunen Laubteppich am Waldboden durchboxt. Gleich um die Ecke im Annatal stehen die Chancen sehr gut, ebenso bei Trebus oder in den Weiten des buchenreichen Grumsiner Forstes. Hier jedoch stehen fast gar keine Buchen, und doch geht es noch hunderte Meter weiter mit diesem Blütenzauber jenseits von gelb, grün und weiß.

Ein paar Wegekurven später drückt sich schlicht inszeniert die nächste Quelle ans Tageslicht, und nach einer Treppe hinab und einer hinauf kann man bei einigen Gärtchen erneut über den See blicken. Vor dem gegenüberliegenden Sandstrand unterhalb der Kiefer zieht ein Segelboot vorbei und fügt dem Tag etwas hinzu, was irgendwie noch fehlte. Bald lockt nach rechts eine hochgewachsene Fichtenreihe hinab zur Wiesen-Badestelle, wo sich schon erste Badegäste eingefunden haben und die Exklusivität des abgeschiedenen Plätzchens genießen. Da wollen wir gar nicht stören und biegen links ein in den Uferpfad.

Sichtfenster auf den Quellbach, Westufer

Der beginnt hoffnungsvoll, bremst uns jedoch nach zweihundert Metern unverhandelbar aus. Überall am Ufer scheinen unterirdische Quellen auszutreten, und entsprechend nass ist auch der Uferbruchwald. Es gab ihn einmal, diesen Uferpfad, doch dass der 66-Seen-Weg jetzt oben auswiesen ist, hat einen guten Grund. Der zeigt sich bislang relativ harmlos mit nassen Schuhen, und so sind wir einsichtig, passieren die Badestelle erneut und stören ein weiteres Mal gar nicht. Zumindest hatten wir von der Wendestelle einen besonders schönen Blick auf die Höhen und Türme von Hennickendorf in der Ferne.

Der breite Weg zieht jetzt gediegen durch den Wald und spendiert noch ein paar blumige Schönheiten. Als er dann zum Pfad wird, kommen uns zwei Leute entgegen mit einem Hund, der groß ist wie ein Kalb, weich wie ein Alpaka und sanft wie ein Lamm. Obwohl kaum Platz ist, passieren sich alle kontaktlos, ohne das leiseste Streifen, und mit einem angedeuteten Lächeln. So ganz anders als auf den rammligen Gehwegen der Berliner Innenstadt, wo viele der Passanten in die Inszenierung der eigenen Person versunken sind oder in ein auf Achselhöhe gehaltenes Display, das scheinbar noch immer genau so magisch ist wie vor zehn Jahren, als es mal brandneu war.

Weite Wiesen im Annatal

Nach einer weiten Kurve führt ein Brücklein über das lebendige Annafließ, das weiter nördlich bei Strausberg zeitweise komplett trockenfällt. Gleich dahinter beginnt von hohen Bäumen gesäumt ein Dammweg, der nac Süden zum Uferpfad nach Hennickendorf führt. Doch etwas Annatal muss schon noch sein, gerade jetzt zum Abend, wenn die Wiesen kühl und duftend ausatmen. Die umgestürmten Bäume vom Oktober liegen hier noch quer, und es hat sich bereits ein neuer Weg gebildet, der sich an den aufgeworfenen Wurzelballen vorbeidrückt. Von vorn kommt ein Vater mit seinem schulterhohen Sohn, und beide nehmen mit dem fokussierten Blick des Pfadfindenden und ohne ein unnützes Wort oder einen Anflug von Zögern den ursprünglichen Wegverlauf durch die liegenden Stämme und Kronen.

Torfhaus

In Torfhaus ist noch immer die Baustelle, die im Satellitenbild zu sehen war. Die Straßendecke ist komplett abgetragen, doch die Brücke über den Stranggraben ist da, zumindest für Fußgänger und Radfahrer. Nur gut. Schräg gegenüber lockt Empfängliche ein unscheinbarer Wiesenpfad in die Langen Dammwiesen, die ja eigentlich Sache des Stranggrabens sind und mit dem Annafließ gar nichts zu schaffen haben. Doch egal, denn so schön und sehnsuchtsvoll klingt Unteres Annatal.

Spazierweg am Mühlenfließ, Hennickendorf

Eine Frau vom Dorf schwärmt mit ihrem Hund aus in einen Weg, der irgendwo an einem Wasserlauf im hohen Gras versinken muss. Rechts liegt der kleine Sporn, der den Namen Wachtelberg trägt und von dessen Kamm man weit in zwei Richtungen blicken kann. Wir bleiben zunächst unten und biegen an der alten Mühle ein in den Uferpfad. Das kleine Mühlenfließ daneben strömt ausreichend rege, um das Mühlrad anzutreiben. Sein klares Wasser kommt vom Kleinen Stienitzsee, der ohne Zufluss ist und demnach auch durch unterirdische Quellen gespeist wird.

Vor dem See läuft ein Sträßchen unterhalb einer Hangwiese entlang, bevor ein steiler, grasiger Pfad den Kammzugang ermöglicht. Zehn Meter höher fällt der Blick ohne Umschweife auf den Fuß des Wachtelbergturms, doch die knapp 100 Stufen und den Lohn der absoluten Rundumsicht heben wir fürs nächste Mal auf. Die letzte gediegene Stufenfolge des ausgehenden Tages steigen wir mit federnden Knien hinab und nehmen zuletzt noch die Bahnhofsstraße und eine Hinterkirchgasse zum Kreisverkehr mit. Das Treiben an der Eisdiele läuft jetzt endgültig auf Hochtouren und sorgt für kurzfristige analoge Verabredungen und verfärbte Zungen mit Gänsehaut.

Abstieg vom Wachtelturm, Hennickendorf

Der Tag ist noch jung, die Sonne steht noch hoch und alle, die hier ein Eis in der Hand halten, denken noch lange nicht an Details der Abendgestaltung. Langes Licht und kurze Ärmel streifen einem ja stets ein Gefühl gewonnener Freiheit über, wenn sie dann verlässlich verfügbar sind. Auch die kühle Luft der mittleren Frühlingsabende lässt noch auf sich warten. Einzig der See hat sich bereits beruhigt, hält seinen stillen Spiegel dem Blau des Himmels entgegen und räumt dem Ruhepuls des Tages vieles aus dem Weg. Die großen Feste können kommen.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): über S-Bhf. Erkner oder S-Bhf. Strausberg, dann jeweils noch mit dem Bus (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 1 (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: 15 km (Problempassage bereinigt)(Abkürzungen im Norden und Süden gut möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Hennickendorf Ortsseite

Fischerei am Stienitzsee

NSG Lange Dammwiesen und Unteres Annatal

Museumspark Rüdersdorf

66-Seen-Weg

Hofladen Mühle Lemcke Hennickendorf

Wachtelturm Hennickendorf

 

Einkehr: am Weg keine Einkehrmöglichkeit
Verschiedenes in Rüdersdorf, Strausberg und Herzfelde

Wriezen: Der alte Oderdeich, ein krötiger Storch und der badende Apfelbaum

Es ist endlich geschafft – nach fünf Monaten kühler Dunkelheit oder sonniger Eiseskälte oder graugrausem Wetter, auch beliebigen Kombinationen davon und einem zäh hinausgezögerten Ende all dessen. Nachdem der Frühling auf seinen meteorologischen oder kalendarischen Anfang pfiff, nutzte er zuletzt noch die seltene Chance für einen ostersonntäglichen Aprilscherz und schüttete den ganzen kalten Tag über nasse Schneeflöckchen aus, sodass jegliches Eiersuchen unter dem tiefgrauen Himmel eine stramme Herausforderung ans Material und an die gute Laune wurde. Doch danach war es endlich gut, und schon am Ostermontag wurde ein Tag nachgeliefert, der alle Menschen lächeln ließ, alle Schultern sinken und die Eistütendichte auf den Bürgersteigen explodieren.

Auf dem alten Oderdeich

Die Natur ist etwas unter Zugzwang, die verlorenen Wochen wieder aufzuholen. Alles geht noch schneller als sonst in der ersten sonnigen Frühlingswoche, wächst und entblättert und knallt aus den Knospen, und so kann es am Boden und an allen Zweigen auf dem sonnigen Weg nach Feierabend schon ganz anders aussehen, als das am kühlen Morgen noch der Fall war. Etwas irritiert stehen ein paar allerletzte Schneeglöckchen dazwischen und werden regelrecht überrannt von all dem Gelb und Blau sowie den Tönen dazwischen. Auch bei Sträuchern und Bäumen tut sich einiges, um die Schattenspenden zu sichern, die schon bald gebraucht werden. Damit einhergehend strömen würzige Düfte durcheinander, verstärkt von all den Wiesenflächen, die besonders abends grün und erdig auszuatmen scheinen.

Die langwährende Kälte und die jüngsten Regentage haben den Boden auf dem Lande gesättigt hinterlassen, und so liegen überall auf den unbestellten Äckern beständige Pfützen, teils so groß wie Dorfweiher. Besser also kommt man nicht in die Verlegenheit, so eine Scholle queren zu müssen, denn damit wäre jedes Sohlenprofil überfordert. Ein paar Enten hingegen haben ihren Spaß und beleben die Dorfteichoptik.

Blick zum Wriezener Bahnhof

Um also keine Sonne zu verschenken, viel Platz samt freiem Blick zu haben und den frischen Südost möglichst nicht frontal, empfiehlt sich zum Beispiel eine Fahrt zum Rand des Oderbruches, nach Seelow oder Lebus, Bad Freienwalde oder nach Wriezen. An jedem dieser Orte gibt es jeweils noch sagenhafte Aussichten über die flache Weite dieses ganz besonderen Landstrichs zwischen Alter und Neuer Oder.

Wriezen

Wriezen ist ein Städtchen, das einen beim Verlassen des Bahnhofes mit schlichter Noblesse willkommen heißt. Vom Bahnhof wird der Blick, begleitet von einer schönen Alleepromenade, hinaufgelenkt zur Kirche und einer alten Eiche. Deren Hauptäste formen pantomimisch irgendeine Botschaft. Wer dem auf die Schliche kommen möchte, sollte dafür die laublose Zeit nutzen. In der Zeit der Blätter kann man stattdessen in der hübsch gemachten Bummelmeile der Wilhelmstraße ein Eis essen gehen, was wochentags gut möglich ist, am Wochenende aber gar nicht so einfach. Notfalls hilft die Kaufhalle an der Kirche oder die unweit des Kreisverkehrs, was natürlich keine Eisdielen-Schlange ersetzt, mitsamt ihren vorfreudigen Blicken auf Zehenspitzen. Für herzhafte Stärkungen stehen als verlässliche Ansprechpartner an der Kirche der Hanay Grill und unweit des Kreisverkehrs die asiatische Küche beim Asia Snack bereit.

Brunnen vor der Kirchenruine, Wriezen

Altkietz

Hier und da lugt zwischen der heutigen Bebauung noch das alte Wriezen hindurch, so zum Beispiel in der Magazinstraße kurz vor dem erwähnten Kreisverkehr oder ganz wortwörtlich in der Straße Altkietz, deren Bogen für vier Minuten in eine andere Welt entführt. Zu der gehören auch ein umranktes Storchenpodest sowie ganz tagesaktuell ein erwachtes Volk von Erdbienen. Die haben wohl unter dem Mittelgraben überwintert und jetzt unter den ersten verlässlichen Sonnenstrahlen eilige Absprachen zu treffen.

Wriezener Altkietz

Am Nordrand der Stadt finden drei Gewässer zueinander, neben der Alten Oder sind das der Neue Kanal und die Volzine. Die letzten beiden füllen auch das Becken des Alten Hafens mit seinen markanten Kalköfen. Der Kalk kam einst von Westen übers Wasser aus Rüdersdorf, die Kohle per Bahn aus dem Süden Polens. In den 1920er Jahren war Schluss mit der Brennerei, schon siebzig Jahre nach dem Bau der Öfen. Auch der kurz nach 1900 gebaute Hafen bestand nur etwa siebzig Jahre. Lastkähne, die hier festmachten, transportierten Steinkohle, Petroleum oder Getreide und entsprachen gängigen Maßen ihrer Zeit. Ihr Anlegen lässt sich nur noch erahnen, denn die Natur hat sich die Ufer weitgehend zurückgeholt, und das einstige Hafenbecken sieht eher nach einer breiten Kanalstelle aus.

Der ungemein gerade Verlauf eines anderen Transportweges hingegen ist seit einigen Jahren wieder deutlich sichtbar. Die Oderbruch-Bahn verband unter anderem die Spreestadt Fürstenwalde mit der Oderstadt Wriezen, eine Nebenstrecke führte auch nach Müncheberg. Eine Verlängerung der Oderbruch-Bahn strebt von Wriezen ungemein direkt zur Oder und war vorrangig Teil der Wriezener Bahn. Vor hundert Jahren hatte die in Berlin sogar ihren eigenen Kopfbahnhof – den Wriezener Bahnhof unweit des heutigen Ostbahnhofs. Der Name eines Sträßleins dort erinnert noch daran.

Wo die Bahn die Oder querte, stehen unzugänglich und gleichermaßen verlockend die eindrucksvollen Reste einer alten Stahlfachwerkbrücke, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus mehr als einen Dutzend verschiedener Segmente zusammengeschustert wurde. Folgt man auf der Karte den Spuren der alten Bahntrasse jenseits des Flusses, führen diese bis zur großen Hauptstrecke, welche die Oderstädte Szczecin und Kostrzyn verbindet.

Oderbruchbahn-Radweg Richtung Oder

Heute ist der schnurgerade Trassenverlauf als edler Radweg ausgebaut, mit Buschwerk und jungen Alleen zu beiden Seiten. Bei Gegenwind kann es im Fahrradsattel durchaus einschüchternd sein, da man scheinbar nicht vom Fleck kommt. Bei Rückenwind hingegen wird es ein rauschhaftes Vergnügen. Hinter einem Sieltor quert das Asphaltband einen Alten Oderdeich und trifft damit auf ein ungeheuer sympathisches Gegenstück. Nichts ist hier gerade, direkt oder modern, der erdige Weg ist leicht erhöht und spendiert nach beiden Seiten herrlich weite Aussicht zu entfernten Höhenzügen in zwei Ländern. Regelrecht archaisch erscheint dieser sanfte Ritt auf dem alten Deich, der noch greifbar vergangene Zeiten atmet. Wie ein verschmitzter Opa ist er, der Geschichten aus einem dicken, staubigen Wälzer zum Besten gibt und beim wohlmodulierten Erzählen doch niemals auf die Seiten schaut.

Alter Oderdeich bei Mädewitz

Die Spuren der letzten Jahrhundertstürme sind noch klar zu erkennen, doch viele der gut verwurzelten Baumriesen stehen über Windereignissen jeglicher Stärke. Ein Grünspecht wechselt aufwändig zwischen den gewaltigen Stämmen hin und her, damit er ja nicht übersehen wird. Schlägt dann noch Lärm, zur Sicherheit. Etwas links vom Deich steht verloren, doch irgendwie auch versonnen ein lichtes Kiefernwäldchen mitten im Acker. Ein paar Minuten weiter frischen zwischen Büschungen ein paar Jägersleute mit ihren Hunden verbindende Sozialtechniken auf.

Rechts des Deiches gehen in greifbarer Entfernung die Dörfer ineinander über, von Neukietz über Altmädewitz bis Alt- und Neureetz und aufgefädelt an ein und derselben kleinen Landstraße. Die einzigen Häuser direkt am Deich gehören zur Altmädewitzer Loose. Neben schönen Gärten und exklusiver Lage haben Sie üppige Fensterflächen mit Blick in die Weite. Ein paar Meter später springt ein Rehbock aus dem hohen Gras der Flanke, türmt im aufwändigen Bogen zum Acker gegenüber und bleibt dann stehen mit kessem Schulterblick, scheinbar kichernd über die Jäger und ihre Hunde, die in Sichtweite tüchtig üben.

Kurz darauf nähert sich der Deich der Alten Oder an und bietet die erste Querungsmöglichkeit seit Wriezen. Unten auf den eben trocken gewordenen Uferwiesen stehen die Jungs am Rastplatz, in Tuchfühlung zu ihren polierten Simsons, die sie wahrscheinlich direkt von ihren Erzeugern geerbt haben. Die kurvige Oder fließt rege, tut kokett und lässt immer mal wieder etwas Payettenglitzern über ihre Wasser schauern. Eben noch hier, das nächste Mal ein paar Meter weiter rechts. Die wuchtigen Eisspalter an den Brückenpfeilern lassen erahnen, wie es manchmal im Winter zugehen kann.

Die alte Oder bei Neugaul

Neugaul

Gleich voraus liegt hinter einem weiteren Deich der Weiler mit dem widersprüchlichen Namen Neugaul. Jemand im Innersten des Dorfes sorgt sich mit einem späten Osterfeuer um die anhaltende Vertreibung der Winterlichkeit, die noch im klammen Brennholz steckt. Wir stehen kurz im Nebel. Glasklar ist dann der Wasserlauf, der das ruhige Sträßchen nach Rathsdorf begleitet. An seinem Grund werden sicherlich schon erste Krötenbeine zucken, die lange Winterstarre stufenweise beendend. Interessant ist das nicht nur aus dem Blickwinkel der paarungswilligen Froschlurche, sondern auch ein Glied höher in der Nahrungskette, und zwar ganz unmittelbar. Denn die ersten Störche sind innerhalb der letzte Tage eingetroffen. Doch zu hören ist noch nichts, was quakt oder schnarrt, zu sehen auch nicht, weder einzeln noch in anbandelnder Rucksackformation.

Rathsdorf

Nach Rathsdorf geht es nun ein paar Meter hinauf, nachdem der letzte Anstieg der auf den Oderdeich war. Damit wird schon angekündigt, was den zweiten Teil der Runde vom ersten unterscheidet. Die paar Minuten entlang der Straße gewähren noch einen kleinen Aufschub, bevor es hinaufgeht zu den Höhen von Altgaul. An der Kreuzung am Ortsrand steht ein besonders historischer Ziegelofen, der nicht nur dank des traditionsreichen Storchennestes pittoresk wirkt und in sich ein kleines Museum trägt, dessen Schlüsselherr uns über die neuesten Entwicklungen informiert.

Antikes Storchennest auf dem Kalkofen, Storchenmuseum Altgaul

Demnach ist der in jeder Hinsicht treue Stammstorch da oben nicht nur wegen bislang fehlender Leckerbissen krötig, sondern auch, weil seine langjährige Partnerin noch nicht eingetroffen ist. Stattdessen musste er einem lästigen Konkurrenten Beine machen, der ihm den langjährigen Stammplatz streitig machen wollte. Das Weisen in die Schranken fiel dann etwas ruppiger aus als nötig.

Sanfter Aufstieg von Altgaul

Altgaul

Am Bahnübergang beginnt dann der sanfte Aufstieg der nächsten halben Stunde. Führt vorbei an einem stattlichen Hang mit lockenden Pfaden, dann quer durch das kleine Dorf mit dem schönen und sich selbst bestätigenden Namen Altgaul. Auf einem alten, windschiefen und verwitterten Schild unweit von Sonnenburg lasen wir diesen herrlichen Namen zum ersten Mal. Er beflügelte romantisierende Vorstellungen an diesen Ort, zu denen nicht unwesentlich das warme Herbstlicht dieses Tages und ein paar im Widerschein glänzende Spinnennetze in den ausladenden Ästen einer alten Eiche beitrugen. Auch diese Vorstellungen grundsolide und herzwärmend, althergebracht und zutiefst vertrauenswürdig.

Nun sind wir also erstmals hier und keineswegs enttäuscht, auch wenn es meist schade ist, wenn eine solche Phantasie an Wirklichkeit gewinnt. Ein hübsches Dörfchen, eingeschmiegt in die sanften Wiesenhügel seiner Landschaft, mit viel Platz, einer Serie von riesigen Scheunentoren am alten Gutshof und hundert Schafen ganz am Rand. Darunter sind so einige osterfrische Lämmer, sodass das Stimmgewirr entsprechend farbenfroh ausfällt.

Weites Panorama oberhalb von Altgaul

Altgaul und die angrenzenden Hügeleien liegen zwischen zwei der zauberhaftesten Talgründe, die wohlwollende Filmfreunde sicherlich an eine herzige Miniatur des tolkienschen  Auenlandes erinnern können. Die Hutelandschaft Altranft-Sonnenburg beherrscht das ganz besonders gut, den südlicher gelegenen Biesdorfer Kehlen gelingt ein schönes kleines Echo, und die Landschaft dazwischen, also diese hier, hat von beiden etwas abbekommen. Jeder der mit Stoppelwiese überspannten Buckel macht Lust, den Rucksack nach hinten abzuwerfen, dort hinaufzurennen und gleich wieder hinabzukugeln. Dann von vorn. Da die Wiese keine Wege braucht, spricht nichts dagegen. Wie zur Bestätigung sieht man hier und auch dort Leute umherstreifen, kreuz und quer im Auf und Ab.

Abstieg in den Wriezener Stadtwald

Der Weg hinauf nutzt eine sanfte Furche, die ihn fast zum Hohlweg macht. Ein wenig Schatten gibt es hier, in ihm ein paar frühe Blüten und immer wieder alte Obstbäume am Grund der Furche. Oben ist er fast erreicht, der höchste Punkt, und ein paar Meter nach links fordern eine Pause hier und jetzt. Die Wiese ist schon warm, das Kissen kann im Rucksack bleiben. Von hier oben, nur siebzig Meter über Null, spannt sich nach Osten und Nordosten ein weites Panorama auf, von einer Qualität, die schon besonders ist. Mitten in der Aussicht steht mit sattem Grün eine Gruppe von Kiefern, wohlig breit gewachsen. Ein paar Kilometer voraus ragt ein markantes, langes Gebäude mit Türmchen aus dem Wald. Die Lerchen hier oben trällern so selbstbewusst und laut, als wäre schon seit Wochen Frühling. Und sind wie immer nicht zu finden am Himmel.

Teichland am Stadtwald, Wriezen

Zum Ausgleich gibt es jetzt einen ebenso sanften Abstieg hin zum Wald. Auch hier hat sich entlang des Weges eine Furche ausgeprägt, auch hier mit alten Obstbäumen. So tief ist diese Furche, dass die Stämme der Bäume in ihr versunken sind, die Äste nahezu aufliegen an den Rändern. Als säßen die Bäume in der Wanne und wollten gerade aufstehen. In vier Wochen muss hier ein Blütenzauber über die Bühne gehen.

Der Wechsel in den Wald verläuft direkt und wohltuend, der Schatten bringt Entspannung für die sonnenverwöhnten Augen. Eine gekrümmte Hohlgasse führt umgehend tiefer, hin zu einer Stelle, wo sich zich Pfade kreuzen. Hier kommen uns nun Vater und Sohn auf der Simson entgegen, etwas verschämt mit dem Zweitaktgeknatter im trockenen Wriezener Stadtwald. Die schnelle Flucht in die aufsteigende Kurve überfordert das Aggregat oder der falsche Gang ist drin, jedenfalls wird umdisponiert und sich über den nächstmöglichen ebenen Weg getrollt.

Wiesen am Stadtwald, Wriezen

An der nächsten Kreuzung führt eine knorrige Stiege hinauf zu einem Aussichtsplateau, und kurz darauf wechselt die Landschaft erneut zu einem feuchten Tal mit Flüsschen und etwas Bruchwald. Überall sind Menschen unterwegs, mal allein, mal zu zweit. Schnelle Wechsel führen nun vorbei an anglerfreundlichem Schilfland zu einem dammgeteilten Bergsee, dann unterhalb von Wiesenhängen zu einem wildromantischen Bachtälchen und schließlich über eine weitere Wiese zur alten Pflasterstraße, die von Biesdorf kommt. Nach ein paar Metern auf Asphalt erscheint voraus eine friesische Vision – rupfende, noch wollige Schafe auf einem riesigen Deich. In der Tat ist das die begrünte Müllhade, auf der jetzt mittels großer grauer Zellen Sonne geerntet wird. Die Schafe sorgen für Ordnung zwischen den Modulen und auch drumherum.

Friesische Erscheinung kurz vor Wriezen

Nach der Brücke über die komplett leere Bundesstraße – ist heute ein wichtiges Fußballspiel? – strecken sich links und rechts des Weges weite Trockenwiesen, die auf der Terrassen-Höhe überm weiten Oderbruch liegen und als Wriezener Trockenrasensaum eine hiesige Besonderheit darstellen. Scheinbar auch gern genutzt werden, hier von einer sackhüpfenden Geburtstagsgesellschaft, dort zum Drachensteigen und weiter hinten einfach, um eine Decke auszubreiten, die Augen zu schließen und dann Nase und Ohren aufzuspannen, einfach zu genießen.

Die letzte große Wiese grenzt direkt ans Krankenhaus, das vorhin gesehene mit dem Türmchen – das jetzt viel kleiner aussieht. Allein der Anblick dieser Wiese sollte bei vielen Problemen schon zur Heilung beitragen. Ganz weit vorn steht das Ortseingangsschild und lässt ahnen, dass es direkt dahinter hangabwärts geht, hinunter in die Stadt. Und so ist es dann auch. Vorbei an gediegenen Bungalows führt ein holpriger Plattenweg zum Rand der Innenstadt, wo eine kleine Freilichtbühne der kommenden Monate harrt. Im letzten Sommer sorgten hier beim Village-Festival neben regionalen und Nachwuchs-Bands auch City und die Killerpilze für reichlich Schalldruck in Richtung stilles Oderbruch.

Friedrichstraße in Wriezen

In der Friedrichstraße mit ihren schönen Laternen linst ein weiteres Mal das alte Wriezen durch, und schon ein paar Schlenker darauf fällt der Blick vom kessen Brunnen vor der Kirchenruine hinab zum Bahnhof. Ein schöner Ort, um hier den abendlichen Schatten beim Wachsen zuzusehen, wahlweise bei Pizza – Döner – Hähnchen – Burger – Currywurst. Bestimmt haben sie bei Hanay auch ein Eis. Doch Obacht: der letzte Zug nach Eberswalde fährt kurz nach zehn, mit Anschluss nach Bernau und auch Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz über Frankfurt/Oder oder von Berlin-Lichtenberg über Eberswalde; auch von Bhf. Strausberg mit dem Bus (ca. 2 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Werneuchen oder Strausberg (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km, Abkürzungen möglich

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Stadt Wriezen

Kalkofen-Brauerei Wriezen

Informationen zum Oderbruchbahn-Radweg

Storchenmuseum Rathsdorf/Altgaul

Village-Festival Wriezen 2018

 

Einkehr: Hanay Grill, an der Kirche
Asia-Snack, bei Rewe/Freienwalder Str.

nördlich des Zentrums: Feldklause, Feldstr. 1

 

 

Groß Dölln: Kalter Wind, warme Halme und der Tanz mit dem Döllnfließ

Der zurückliegende Februar hat gute Chancen, auf irgendwelchen Bestenlisten ganz oben zu stehen. Der niederschlagloseste war er zum Beispiel, dazu noch der sonnigste überhaupt und zudem der mit der kältesten letzten Woche. Alle Blümchen, die sich schon Ende Januar vorschnell und besonders beflissen zu Wort gemeldet und damit Frühlingshoffnungen geschürt hatten, wurden über Nacht in ihrer aktuellen Pose eingefrostet und klappten dann bei irgendeinem Stoß des eisigen Ostwinds um.

Im Talgrund des Döllnfließes bei Groß Dölln

Entsprechend kühl und reserviert fiel der kalendarische Frühlingsanfang aus, der auf gefrorenem Boden über die Bühne ging – da half auch die kräftigste Frühjahrssonne nichts. Bevor in der nächsten Woche die ganz dicken Handschuhe erstmal wieder im Schrank verschwinden können, sind jedoch noch ein paar Bibbertage durchzustehen.

Wer trotz allem unbedingt raus will, sollte auf zwei simple Dinge achten: die Sonne und den Wind. Möglichst wenig sonnenabgewandte Wege, möglichst keine offenen Schneisen in Ost-West-Richtung. Also am besten ein flacher Bachgrund im Walde, der unregelmäßig von kleinen Gehölzen durchbrochen ist. Dann stehen auch die Chancen gut für entspannte und fröstellose Pausen mit Sonne im Gesicht.

Im Herzen von Groß Dölln

So etwas gibt es zum Beispiel westlich von Joachimsthal oder noch etwas weiter westlich in der den weiten Wäldern der Schorfheide nördlich von Groß Schönebeck, im Tal des Döllnfließes. Wem jetzt bei Schorfheide nur hochstämmiger Kiefernwald, ein rechtwinkliges Wegenetz und wenig Abwechslung einfallen, vielleicht noch seltsame alte Männer mit Jagdwaffen, der liegt damit nicht unbedingt falsch. Doch geht man etwas ins Detail, etwas näher an die Karte, finden sich gleichmäßig verstreut bezaubernde Durchbrüche dieser meditativen Einförmigkeit, die immer mehr werden, je länger man sich treiben lässt. Verwunschene Sumpfländer, stille Seen und lebhafte Fließe findet man in diesen tiefen Wäldern ebenso wie wirklich hübsche Dörfer und weite, weiche Wiesen, auf denen man am liebsten sofort die Schuhe ausziehen möchte, ganz gleich was das Thermometer geschlagen hat.

Flößers Ruh am Döllnfließ, Groß Dölln

Das kleine Döllnfließ entspringt, zumindest theoretisch, irgendwie und manchmal aus dem großen Döllnsee und versucht eigentlich von Anfang an, den Wald abzuschütteln. Das gelingt dem Bächlein nach und nach, quasi mit bockigen Charme. Die anfangs regelrecht rodeoartigen Windungen bleiben dabei weitgehend erfolglos, während es dann im Mittellauf mittels breitem Feuchtgürtel die Baumstämme schon einmal in die Schranken weist und kurz darauf bei Kappe endgültig ins offene Land tritt. Nach einigen braven Kilometern neben dem breiten Vosskanal landet das Döllnfließ dann im leisen Rauschen einer angelegten Schnelle im havelverwandten Kanalwasser.

Groß Dölln

Die Landschaft um die ersten Fließkilometer ist wie geschaffen für diesen Tag mit kaltem Nordost und kräftiger Sonne, ein wirklich schöner Ausgangspunkt ist Groß Dölln. An der Kirche steht neben einer neu gepflanzten Eiche von einigen Metern Höhe ihre Vorgängerin, gekürzt auf eine ähnliche Höhe und bestückt mit mehreren Abteilen von Büchern. Die Fächer sind fachmännisch in den Baum gefräst, der hier und da noch Lebenszeichen zeigt, die Buchauswahl ist bunt gemischt. Die langgezogene Dorfstraße ist gesäumt von vielen schönen und bunten Häusern, und ihre leichten Kurven geben dem Charme des Dorfes einen letzten Schliff.

Blick über den Talgrund auf Groß Dölln

Der flache und teils breite Talgrund des Döllnfließes macht es nicht leicht, sich für eine Seite zu entscheiden, und so ist es wohl am besten, möglichst oft zwischen beiden zu wechseln. Gleich bei der ersten Überquerung am Dorfrand lädt Flößers Ruh mit einer sonnigen Bank zur ersten Pause, kaum dass man losgegangen ist. Ein Kerl kommt aus einem der letzten Häuser und geht vor uns her zur Brücke, dann hinab zum meterbreiten Fließ, wohl um zu prüfen, wie der Eisgang ist. Der ist komplett, soweit das Auge blickt, doch drunter ahnt man leises Gurgeln.

Frostiger Südrand am Wald

Alles im Tal liegt in der Unschärfe leichten Frostes, zumindest solange die Sonne noch nicht höher steht. Ein herrlicher Weg beginnt und führt direkt am duftenden Waldrand hinein in diesen langen Grund. Wer sich Wegesammler nennt, wird abends mit reicher Beute heimkehren, denn neben der besonderen Landschaft und den zahlreichen Abwechslungen im Kleinen ist heute nahezu jeder Weg besonders schön. Immer wieder wird tief eingeatmet zu einem kleinen Seufzer der Begeisterung. Dazu kommt noch, dass so gut wie all diese Wege auch unbesohlt Spaß machen dürften – es gibt kaum Schotter oder groben Asphalt. Wem es nichts ausmacht, mal auf einen Kienappel oder ein Zweiglein zu treten, kann hier seinen Füßen etwas richtig Gutes tun, kilometerlang, den ganzen Tag. Viel Wiese ist dabei und viele weiche Waldwege, was selbst für die langen geraden unter ihnen zutrifft.

Richtig Spaß macht es auf den ersten Kilometern, wie sich der Kirchturm von Groß Dölln zu immer neuen pittoresken Dorfbildern in Pose stellt, so lang es geht zu sehen bleibt. Nur dreieinhalbmal werden wir das Döllnfließ überqueren, und doch fühlt sich der Tag an wie an Tanz mit diesem Wasserläufchen. Die nächste Querung auf weichem Wiesenboden findet noch beim Dorfe statt und zeigt nun der kleinen Anhöhe den Rücken, welche die Sonne hier besonders lange aussperrt. Dass die im restlichen Tal schon länger auf den Beinen ist, beweist der würzige Kräuter- und Heuduft, der den ganzen Grund erfüllt und mit Nachdruck Frühlingszeit verheißt.

Im Walde kurz vor dem Waldweiher

Nach einem Kilometer auf diesen Wiesenwegen lassen wir uns an einem windstillen Plätzchen einfach fallen zur ersten Pause. Beim Abstützen auf dem blondstruppigen Gras wird unerwartet klar, dass die Sitzkissen im Rucksack bleiben dürfen – an diesem Tag mit sechs Grad unter Null. Das ist faszinierend, und immer wieder spreizt man die Hand auf dem Halmteppich aus, krallt die Fingerspitzen ein und staunt aufs Neue. Also Jacke auf, Mütze ab, Tee in die Tassen und als einziges Problem voraus, sich später wieder loszureißen von diesem Vorgeschmack auf Kommendes.

Der Weg nach Osten ist ein steter Wechsel aus schönen Wiesenwegen, kleinen und großen Waldstücken. Jedes von ihnen ist in verschiedener Mischung bestückt, mit dem Gewicht auf Nadeln, und in Regelmäßigkeit öffnen sich lichte Durchblicke zum krummen Lauf des Wassers, der meist etwas offenes Land um sich hat. Zum Genuss dieses Wechsels zählt nicht nur der für die Augen, sondern auch der für die Nase, denn die Sonne setzt gleichermaßen im Wald und auf den Wiesen ganz verschiedene Düfte frei.

Blick in den Talgrund am Rarang-See

Am Weg liegt neben einer Anlage mit exklusiv gelegenen Kleingärten auch ein Weiher mit schönem Uferpfad und einem herrlichen Lagerplatz rund um vier exaltiert gestellte Kiefern, die scheinbar wieder vom Absinth genascht haben. Drüben vom Weiher kommen mehr spür- als hörbar die dumpf schluckenden Töne, die unterm geschlossenen Eis gefangen sind und unbedingt nach draußen wollen. Nichts, was man zur Dämmerstunde gerne hören würde, hier tief im Wald, und wenn man noch so sicher die ganz vernünftige Erklärung für dieses glucksende Klagen kennt.

Vor dem erheblich größeren Kleindöllner See kommt uns der Weg abhanden, die beinhebende Suche nach dem Anschluss endet im dichten Kraut vor einem überzeugenden Tor. Auch der See gluckst ratlos von unten, also staksen wir zurück zum letzten großen Weg und umgehen das große umzäunte Areal der Siedlung Döllner Heide. Das ist ganz gut so, denn so bringt uns der Zufall noch ein paar mehr von den besonders schönen Wegen.

Waldweg zum Groß Döllner See

Rarangsee

Hinter der Landstraße steht die Auswahl zwischen zwei gleichermaßen einladenden Wegen um den feuchten Grund des Rarangsees. Der nördliche ist kürzer und macht den Umweg von eben wieder wett. Er zeigt sich zudem als gute Entscheidung, denn es bieten sich zunächst durch hohe Birken schöne Blicke auf den vereisten See und das Schilfland dahinter, und etwas später findet sich erneut ein Rastplatz, so schön und so geschützt und wiederum im blonden langen Gras.

Die Hochstände ringsum treiben sonderbare Blüten, teilweise sind sie aufwändig mit Lattenzaun eingehegt, teilweise so hoch gestelzt, dass der Zustieg eine Zwischenplattform braucht. Dann wird es wohl zur Dämmerung hier alles andere als ruhig zugehen, was das Treffen der heimischen Tierwelt betrifft. Auch mitten durch unser Plätzchen hier führt ein ausgelatschter Tierpfad hin zur Tränke.

Eisläufer auf dem Groß Döllner See

Dölln Krug

Nach einem Stückchen Märchenwald liegt dann vor uns der fast fünf Kilometer lange Großdöllner See, der ähnlich wie das Fließ ein wenig in seinen Wald eingebockt scheint. Die geschlossene weiße Fläche und die Schlittschuhläufer am anderen Ufer verleiten uns zu ein paar tastenden Schritten hinaus aufs Eis, dessen Uferschilf fast platinblond zu sein scheint. Die dicke Eisdecke ist mal milchig stumpf, mal fast schon transparent. Gerade als wir den weiten Blick genießen und den Hintern entspannen, fährt ein entfernter Peitschenhieb durchs Eis und ist umgehend bei uns. Sicher ganz normal und ungefährlich, doch wir tappeln hastig zurück ans feste Land. Die Schlittschuhläufer sind schon fast hier und achten ebenfalls auf Ufernähe.

Tunnelgasse nach Groß Väter

Groß Väter

Nun folgt ein sympathisches Zickzack nach Groß Väter, einem charmanten Dörfchen tief im Wald. Die Wege sind lang und gerade, doch keineswegs ermüdend, denn auch hier behält der Wald den steten Wechsel bei. Am Ende liegt wie hinter einem Tunnel aus Bäumen Groß Väter, das zweigeteilt ist in ein schönes Ferienlager und das eigentliche Dorf nördlich des Sees. Der tiefe Sonnenstand ist schon zu spüren, der Wind gewinnt die Macht zurück und alles fühlt sich nun erheblich kälter an. Nach einer Runde durch das Feriendorf queren wir vorbei an einer norddeutschen Impression zum Dorf. Am eigenartig vierbeinigen Glockenturm des Friedhofs beginnt die lange Dorfstraße, und auch hier stehen wieder sehr verschiedene und sehr schöne Häuser, viele davon mit Seeblick. Drüben wird gerade professionell getrommelt, die Wesen unterm Eis steuern das ihre dazu bei. Die Pause am kleinen Badestrand fällt kurz aus, denn der Abend kriecht jetzt unter alle Schichten, die man schon an hat.

Nordische Impression bei Groß Väter

Lang und gerade ging es her, und ebenso geht es weiter. Auch die Stämme im Wald sind lang, und so schafft es die Sonne, noch etwas Licht bis zum Boden zu schicken, so dass Moos und Blaubeerkraut am Boden ihre kurzen Schatten werfen. Am Eingang nach Groß Dölln ergeben sich ein paar Blicke in den Anfang des Tages, hinab zu den breiten Talwiesen. In der Tat ist jetzt der südliche Waldrand warm beschienen, so hoch hat es die Sonne schon geschafft an diesem Märzentag. Das stimmt doch mehr als zuversichtlich.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): wenig praktikabel (in der Woche ca. 3 Std. mit zahlreichen Umstiegen; am Wochenende so gut wie keine sinnvolle Verbindung)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn oder Landstraße (ca. 1-1,2 Std.)

Länge der Tour: ca. 18 km (Abkürzungen sehr gut möglich)

 

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Links:

Informationen zum Döllnfließ

Seite von Groß Dölln

Feriendorf Groß Väter See

Seite der Schorfheide

 

Einkehr:
Hotel Döllnsee, liegt fast am Weg (gehobene Preisklasse)
Zur Neuen Schorheide, Groß Schönebeck

Suchende Augen, offene Ohren und der Wegeticker

Kurz in eigener Sache: seit einigen Tagen gibt es einen neuen Menüpunkt – den Wegeticker. Kurzgefasst zu lesen stehen dort Neuigkeiten und Wissenswertes, was das Unterwegssein im Land Brandenburg betrifft. Manches wurde selbst am Wegesrand entdeckt, anderes war aus Presseverteilern, Zeitungen oder von sonstigen vertrauenswürdigen Medien zu erfahren.

Dabei spielen die Phänomene der Jahreszeiten, bestimmte Orte und Ausflugsziele eine Rolle, gleichermaßen Neues und Vergangenes, Sehenswertes und Erfreuliches. Und natürlich alles, was schöne Wege betrifft.

Auch der Wegeticker kann abonniert werden, alternativ lässt sich neuen Meldungen auf Twitter folgen (@Wegeticker_BB).

Storkow: Erstarrte Seen, die Burg im Schilf und die meeresfernen Salzwiesen

Das schönste Geschenk des Februars ist Jahr für Jahr dieser befreiende Moment, wenn man merkt, dass die Tage wieder spürbar länger sind. Immer mehr Stunden erobern sich ihren Raum zwischen den Dämmerungen. Die längere Lichtausbeute verlockt zu ersten Gedanken an Frühlingsnähe, ganz unabhängig von Kälte, Schornsteinluft oder weißen Landschaften. Letztere gibt es nur manchmal, doch fast immer ist der Februar der Monat der Winterferien. Wer Zeit und Geld übrig hat und etwas Reiselaune nach dem langen Januar, nutzt die Zeit für eine Abwechslung in naher oder weiterer Ferne.

Altstadt von Storkow

Ist Kälte gefragt und schnelle Bewegung auf ganz besonders edlem Schnee, fliegt man vielleicht nach Colorado und erfüllt sich dort einen liegengebliebenen Jungstraum, bevor anderes wichtiger wird oder das eigene Gebälk zu steif. Wer mehr auf Wärme aus ist und irgendwo auf dem indischen Subkontinent vor Jahren seine dritte Heimat finden durfte, gibt sich vielleicht dort einem gänzlich anderen Leben hin und genießt den Menschen, der er dort und nur dort ist. Und wieder andere, die Verkehrsmitteln ohne direkten Bodenkontakt gern aus dem Weg gehen, setzen sich auf die Bahn oder hinters Lenkrad und probieren den europäischen Winter in einem Land mit anderer Sprache, anderem Geld und ganz eigenen Landschaften aus.

Nicht minder reizvoll ist die Option, keine halben und ganzen Urlaubstage auf den Ortswechsel zu verwenden, sondern einfach in der Nähe zu bleiben und mal wieder dorthin zu fahren, wo man noch nie oder schon lange nicht mehr war. Über dem Norden Deutschlands und auch über Brandenburg wurde hier und da ein Kissen ausgeschüttelt, sodass die Landschaft überpudert ist – zu mehr hat sich der weiße Winter bislang nicht hinreißen lassen. Alle Fortbewegung ist daher gut und frei von Spezialtechnik möglich, sei es auf zwei Rädern oder eben zu Fuß. Sonnige Tage wechseln sich mit wolkenverhangenen ab, sodass die Chance auf die schönen und dunstigen Lichtstimmungen des Monats eine attraktive Quote hält.

Die Zugbrücke am Storkower Kanal

Nicht entlegen und gern ein wenig unterschätzt ist das Städtchen Storkow, das mit der Vielfalt seiner Umgebung immer wieder überrascht. Die Stadt im Zeichen des Storches liegt in loser Nachbarschaft zu Neu Boston und Philadelphia. Wem das nicht hilft, um Bilder im Kopf aufzurufen, der denkt vielleicht an die einprägsame Zugbrücke am Rand der Altstadt oder die Burg, die sich oft markante Sonderausstellungen an Land zieht. Vor einigen Jahren ging es dabei um die Puhdys, die ewigen Rockrentner, jetzt gerade heißt das Motto „Drauf geschissen!“. Gar nicht eklig, vielmehr mit guten Prisen von Humor und höchst informativ geht es um das stille Örtchen, mit dem ja jeder Mensch ganz unmittelbar und besonders regelmäßig zu tun hat.

Die Zugbrücke führt über den Storkower Kanal, und ihr Verhältnis zum Marktplatz kann im Gedächtnis leicht zu Verwechslungen mit Zehdenick führen. Doch während Zehdenick eher nördlich liegt und von der Havel und einigen Stichteichen umspielt wird, besetzen rund um Storkow große und noch größere Seen die Hauptrolle. Für noch mehr Wasserreichtum sorgen neben dem Storkower Kanal weite Luchwiesen und alles zusammen dafür, dass hier ein beständiges Kommen und Gehen von Zugvögeln hör- und sichtbar ist.

Storkower Kanal

Von Storkow aus lässt sich hervorragend in alle Richtungen ausschwärmen. Gleich um die Ecke erhebt sich eine der größten Brandenburger Binnendünen, weiter im Nordosten liegen die hügeligen Wälder rund um den Zwei-Seen-Ort Kolpin, die bald schon fließend in die Rauener Berge übergehen. Im Südosten bietet sich als schöner Klassiker die Umrundung des Storkower Sees mit seinen gemütlichen Dörfchen und dem schönen Plankenweg im Süden an, die bei Belieben zu einer Stippvisite zum Scharmützelsee in Wendisch Rietz ausgedehnt werden kann. Westlich der Stadt streckt sich die Groß Schauener Seenkette, geschmiedet aus fünf bis sechs teils dickbauchigen Seen, und im nördlichen Westen liegen schöne Dörfer wie Alt Stahnsdorf, Kummersdorf und Wolzig, die durch allerlei Wasseradern verbunden sind. Wem das alles zu groß ist, dem empfiehlt sich eine schöne Runde um die Stadt, die in steter Tuchfühlung zum Wasser bleibt und eine unterhaltsame Vielfalt an den Tag legt.

Rastbänkchen am Treidelweg, Storkower Kanal

Storkow

Rund um die Zugbrücke herrscht den meisten Teil des Jahres ein gewisses Getummel von Stadtbesuchern und Freizeitkapitänen, von Anglern und Stadtjugend. Wenn weniger Betrieb ist und gerade keine Schleusenzeit, liegt auch schon mal eine gut gebaute Miez flächig auf dem Brückenfundament, dermaßen langgestreckt, wie es nur in der allergrößten Nachmittagsfaulheit möglich ist. Heute ist es frostig und weder Miez noch Mensch weit und breit außer einem kariert-wattierten Angler mit breiten Schultern und hochstehender Wollmütze. Gegenüber reckt sich ein Baukran in den Himmel, der irgendwie zu groß scheint für diese Stadt.

Philadelphia am Storkower Kanal

Der Treidelweg entlang des Storkower Kanals beginnt als Sträßchen, geht dann in breite Uferwiese über und ist nach dem letzten Haus nur noch ein Trampelpfad an der Grenze zur Erkennbarkeit. In gewissen Abständen stehen zusammengenagelte, stabile Bänkchen und stärken die Hoffnung, dass sich der Pfad fortsetzt. Nach beiden Seiten kann der Blick weit ausschwärmen. Während von weither Kraniche zu hören sind, von oben hin und wieder Gänse, stehen tief in den Wiesen als Wintervertretung des Storkower Wappenvogels weiße Reiher, die uns nahe heranlassen, bis sie dann doch das Weite suchen. Kurz vorm Waldrand bei den Türkenbergen fließt von rechts ein Entwässerungsgraben zu und verhilft der hiesigen Bank zu einer Halbinsellage, die ungemein einladend ist für eine Rast. Dahinter geht es weiter über saftige Wiesen, voraus überspannt den Kanal eine kleine Eisenbahnbrücke, über die jede Stunde ein Züglein in Richtung Storkow saust.

Weg nach Groß Schauen

Philadelphia

Nach dem wilden Queren der eingleisigen und schnurgeraden Bahnstrecke kommt hinter dichtem Nadelwald ein markantes Haus am Rand von Philadelphia in Sicht, halb Schloss, halb Werksgebäude. Wer gern Maschinenöl riecht, große Antriebsräder schätzt und solide Aggregate, deren Zündungen man problemlos mitzählen kann, kennt den Namen Philadelphia vielleicht vom Treckertreffen, das bis vor Kurzem alle zwei Jahre stattfand und eines der bekannteren war im Ackerlande Brandenburg.

Blick über die vereiste Groß Schauener Seenkette

Vom Dorfrand verlockt ein schöner Treidelweg weiter entlang des Kanalufers, doch wir schlagen unsere Haken durchs Dorf, vorbei an einem Teich und der alten Eiche, dann entlang eines Scheunenviertelchens und der schönen Badewiese am Dorfteich. Jenseits der Landstraße räkelt sich ein uriger Feldweg zwischen den Feldern, begleitet von alten und teilweise grotesk geborstenen Weiden, die nur einen Meter höher voller Leben stecken. Rechts auf dem Acker stehen so nah wie nie zwei Kraniche und machen nochmals klar, wie groß diese stimmstarken Flugsaurier wirklich sind. Für diese und jenen durchaus auf Augenhöhe.

Groß Schauen

Noch vor Groß Schauen steht am kleinen Badestrand die zweite Rastbank dieses Tages, unschlagbar in Lage und Aussicht. Über mehr als fünf Kilometer Seenfläche schaut man auf die bewaldeten Höhen bei Kehrigk und scheinbar noch viel weiter. Der Dunst des Wintertages betont wirksam jede der Entfernungsebenen. Der See liegt absolut still, die obersten Millimeter sind erstarrt, scheinbar über die gesamte Fläche. Auch das schattenschwarze Uferschilf ist frostfixiert und strebt in seiner Unbewegtheit nach einem möglichst scharfen Spiegelbild im stumpfen Eis. Die Sonne bricht fahl und unsicher durch die Wolkenberge und tut das ihrige.

In Groß Schauen

Vom großen Parkplatz berührt der Blick zum inneren Anger mehrere schwarzweiße Fachwerkwände, die in gleichmäßigen Abständen ausgelegt sind wie eine Spur Grimmscher Brotkrumen, und bereitet schon auf die besondere Anmut des eigentlichen Angers vor. Vom Feuerwehrturm vorbei am Buswartehäuschen und dem Haus mit den Milchkannen steht man schließlich am Dorfplatz, auf den das Wort gemütlich unbedingt zutrifft. Der Kirchturm sitzt nicht auf dem Dach der Kirche, sondern hockt schützend vor ihr. Stämmig und mit seinen langen braunen Holzlatten scheinbar wärmend.

Rund um den Platz mit den lose verstreuten, hohen Bäumen schlingt sich in einem Öhr die Straße, kunstvoll gepflastert aus historisch wirkenden, über Epochen rundgeschliffenen Ziegelsteinen. Von der Altarseite besehen wirkt die kleine Fachwerkkirche höher als erwartet, und auf ihrer sonnenbeschienenen Südseite steht eine Bank, die wie geschaffen ist für längeres Verweilen an einem kühlen Tag wie heute. Der sich zum Teil anfühlt wie Vorvorfrühling, doch auch wie unentschlossen gereifter Winter.

Dorfanger von Groß Schauen

Überall im Dorf gibt es Rastbänke, überdachte Raufen und Pavillons. Von einem dieser Plätze zweigt der Schaplower Weg ab und führt bald als ruhiger Radweg über die Wiesen und durch feuchtes Land. Die charaktervollen Kopfweiden stehen in vollem Saft, die jüngsten Ruten schreien ihr Gelbgrün regelrecht hinaus, selbst aus großer Entfernung ist das zu vernehmen. Hinter einem Wäldchen öffnen sich dann die großen Salzwiesen und geben den Blick auf Storkow frei. Nur ein einziger Baum mit hoher Krone unterbricht diese Fläche, doch nicht nennenswert, eher wie ein Schönheitsfleck in einem barock geschminkten Frauenanlitz.

Radweg hinter Groß Schauen

Auf einem Schild lesen wir, dass auch hier die Sielmann-Stiftung ihre bewahrenden Finger im Spiel hat, wie schon vor Kurzem unweit von Luckau. Unerwartet verhilft ein kleiner Aussichtsturm zum längst herbeigewünschten Blick auf die Groß Schauener Seen und auch auf die klitschnassen Wiesen in der breiten Uferzone. In der Tat handelt es sich hier um Salzwiesen, die man ansonsten eher am Rand des Wattenmeers erwarten würde – im Binnenland hingegen sind sie eine wirkliche Rarität. Das Meer, das sich hier einmal befand, schickt seine Jahrmillionen alten Botschaften nur an wenigen Stellen an die Oberfläche. Eine davon liegt hier bei Storkow und sorgt für salziges Grundwasser, damit verbunden für ein halbwegs kurioses Vorkommen von Pflanzen, die es salzig lieben und fast allesamt ein „Strand-“ im Namen tragen. Nun wird auch klar, warum bereits seit Philadelphia ein Salzweg unsere Schritte begleitet und uns noch weiter treu bleibt, bis hinein nach Storkow.

Bei all der Nässe rundherum wird der Weg jetzt mehr und mehr zum Damm, den keiner verlassen sollte, der gern trockene Füße hat. Rechts reicht der Schilfgürtel bis hin zum See, links des Dammes läuft ein vereister Graben mit und betont, dass die Salzwiesen nasser sind, als sie aussehen. Mitten in der grünen Weite sitzt ein Adler auf einem dieser Masten mit aufgenageltem Querholz, nimmt das Verharren unserer Blicke zur Kenntnis und verlässt mit leichtem Unwillen seine erhabene Position.

Blick vom Aussichtsturm bei den Marstallwiesen

Storkow

Nach einer eigenartigen Reihenhaussiedlung und dem Queren der Bahn flankiert der schwarzerdige Weg einen weiten Schilfteppich, hinter dem sich wirkungsvoll die Storkower Burganlage in Szene setzt. Nach etwas Zickzack durch die Wohnvorstadt ist es nicht mehr weit zur zweiten großen Küstenlinie dieses Tages. Vorbei an einer großzügigen Schulanlage geht es direkt zum schönen Strand, der die Lernmotivation im Klassenzimmer an wonnigen Sommertagen zu einem zähen Kampf machen dürfte. Das Objekt der Begierde, der Storkower See, ist ganz allein ein ähnliches Kaliber wie die ganze Seenkette von vorhin. Zwischen seinen Ufern liegt mehr als ein Kilometer, auch dieser lückenlos vereist.

Dammweg zwischen Salzwiesen und Schilfgürtel

Am flachen Strand gewinnen die Eishopser gut eingepackter Kinder gerade an Wagemut, währenddessen die rund einen Zentner schwereren Elternteile vorsorglich auf Sand und Wiese bleiben, auch wenn im flachen Wasser im Falle eines Bruches allenfalls die Sohle nass werden dürfte. An der nächsten kleinen Badebucht haben sich zwei Mädchen auf ihre Schlittschuhe gewagt und versuchen kichernd, gezieltes Vorwärtskommen, ständiges Umfallen und Touchscreen-Bedienen mit Handschuhen unter eine Wollmütze zu bekommen.

Vor einem neu gebauten Haus mit Graubetonung, direktem Seeblick und wenig Platz für Garten kommt etwas unsicher ein junges Pärchen vor zur Promenade, im Blick und über dem Kopf scheinbar die Frage, ob es wirklich das war, was sie mit der Erbschaft oder dem Lottogewinn machen wollten. Von links kommt ebenfalls zögerlich eine Frau mit ihrem glattgescheckten Lumpi, der uns mit seitlich gedrehtem Kopf fixiert auf unserer Bank, fast unbewegt und bald eine geschlagene Minute lang. Dann wird spontan für Weitergehen entschieden.

Blick über Schilf auf die Burg, Storkow

Die letzten Meter in die Stadt führt ein gut gelaunter Spazierpfad, vorbei an einer Festwiese mit Feuerplatz, der Lagerfeuer fast jeder Größenordnung wegstecken kann. Gleich danach stößt von rechts ein Seitenkanal hinzu, an dessen Rand ein kleiner Ruderboothafen schlummert. Auch hinter der Hauptstraße bleibt ein Weg am kleinen Kanal, auf dem unter anderem ein Flößer unterwegs ist, vor allem aber eine ganze Horde lebhafter Enten in freitäglicher Feierabendlaune.

Auf den Straßen der Altstadt kann man für die letzten Minuten noch mal einen Gang runterschalten, kleine Gassen erkunden und nach Belieben über den Markt schlendern, der umgeben ist von schönen und bunten Fassaden. Dem offenen Platz mit den großen Bäumen und einem guten Dutzend einladender Schattenbänke fehlt leider etwas Gastronomisches – eine Kneipe, ein Café oder ein Bäcker, der Stühle rausstellen könnte in wärmeren Zeiten. Vielleicht wird das ja wieder. Etwas weiter Richtung Zugbrücke gibt es dann das Altstadtcafé mit eigener Terrasse. Zur Zeit ist es drinnen gemütlicher, ganz klar, doch zu wärmeren Zeiten kann man sich hier gut ein Eis rausholen und damit schräg gegenüber vor die Kirche setzen. Dann noch mal rüber, noch ein Eis nachholen und vor der Kirche weiterschlecken. Selbst ein drittes Mal ist kein Problem, das Eis gibt es her.

Abendlicher Marktplatz in Storkow

Von der Zugbrücke fällt der letzte Blick zurück zum Markt, auf dessen Giebeln die untergehende Sonne sitzt, warm und behaglich. Zugleich gehen die Laternen an und zitieren eben dieses Licht, vom Markt bis hin zur Brücke. Die Miez vom Pfeiler liegt wohl hinter irgendeinem Ofen, der karierte Angler ist längst weg und nicht mal eine Ente auf dem spiegelglatten Wasser, so dass die in Laternengold getauchte Brücke nun in absoluter Stille ruht.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn bis Königs-Wusterhausen, dort weiter mit der stündlichen Regionalbahn (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Autobahn (1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 13 km (Abkürzungen möglich); wer das Queren der Bahnstrecke ohne offiziellen Übergang vermeiden will, kann die Alternativstrecke über den nördlichen Salzweg (Luchwiesen südlich des Kanals) nutzen (knapp 12 km, Wegpunkte A-F)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Tourismusinformationen Storkow

Flyer der Sielmann-Stiftung (PDF)

Sielmanns Naturlandschaft Groß Schauener Seen

Flyer zum Salzweg (PDF)

Informationen zum Salzweg

 

Einkehr: Zum Fass, Storkow (keine eigene Erfahrung)
Burgstübchen (auf der Burg)(keine eigene Erfahrung)
Pension Storchenklause, Storkow
div. andere Angebote in Storkow

Kiosk am Strand am Storkower See

 

 

Görlsdorf: Schwanengeplauder, absolute Stille und der Mond am anderen Ufer

Wie es seit einigen Jahren üblich ist, schleicht sich die erste Frühlingsahnung bereits im ausgehenden Januar dezent in die Gehörgänge, ins tägliche Blickfeld und über die Atemwege auch direkt ins Herz und die Seele – wenn man denn einen gewissen Sinn dafür hat und zudem diesem Prozess keinen Riegel vorschiebt. Das mit dem Riegel dürfte gar nicht so einfach sein, denn es würde viel Weghören, Weggucken und einen effizienten Filter in der Nase erfordern.

Fjordbucht am Schlabendorfer See, bei Wanninchen

Neben dem hoffnungsfrohen Gepiepe der Wintermeisen, die schon immer die allerersten waren, sind hier und da bereits abendliche Amselliedchen zu hören, wenn auch nur zaghaft, wie aus weiter Entfernung. So als stünde das genetisch verordnete Handeln der Schnabelmusik in ständiger Hinterfrage kalendarischer Anzeichen wie Tageslicht und Temperatur. Dazwischen krächzen immer noch die schwarzen Räuber mit den wuchtigen Schnäbeln, doch selbst die wirken verunsichert darüber, ob wirklich noch ihre Zeit ist und so viel Selbstbewusstsein angebracht.

Zu weiterem Zweifel beitragen könnten auch die flächigen Heere der ersten Winterlinge, die ihre gelben Satellitenschüsseln dorthin ausrichten, wo sie die Sonne vermuten. Dazwischen stemmen sich mit blütenweißem Geläute buschige Inseln von Schneeglöckchen aus der schneeplatten Wiese. Ob nun Sing- oder auch Krächzvögel irgendwelche Aufmerksamkeit auf zeitige Blümchen verwenden, ist nicht bekannt, doch vielleicht werden sie ja im Gesamteindruck als Kundschafter des Frühlings wahrgenommen.

Neben den erwähnten Vögeln, die ganz bequem auf Balkongeländern oder Fahrradlenkern sitzen können, sind jetzt im Januar noch immer oder schon wieder solche unterwegs, die eher das Volumen eines Fahrradanhängers ausfüllen würden und sich zumeist in flachem Wasser am wohlsten fühlen. Während Kraniche und Gänse in immer größeren Scharen in den Wasserlandschaften Brandenburgs überwintern, halten es die seltener zu sehenden Singschwäne eher noch mit althergebrachten Reisegepflogenheiten. Von Süden kommend, legen Sie auf dem Weg zu ihren Brutquartieren gern längere Pausen ein, und mit etwas Glück kann man sie im Januar und Februar an der Oder oder, was weniger bekannt ist, auch im südlichen Brandenburg finden.

Nördliche Luckauer Stadtmauer

Der Lauf der Oder ist insbesondere im Bereich des Oderbruchs vom Menschen beeinflusst, was bekanntermaßen ein hohenzollerscher Fritz zu verantworten hatte. Der hob damit in der Mitte des 18. Jahrhunderts und mit den damaligen technischen Mitteln einen komplett neuen Landstrich aus der Taufe und lockte mit gutem Marketing und etwas Trickserei zahlreiche Siedler aus ganz Mitteleuropa auf die neu gewonnene und fruchtbare Krume.

Was das südliche Brandenburg betrifft, legt gut zweihundert Jahre später abermals der Mensch Hand und allerschwerstes Gerät an eine vormals unauffällige Landschaft, einen leicht hügeligen Flickenteppich aus Wäldern, Feldern und Dörfern unweit von Luckau. Unter gut zwanzig Metern Erde lagerte hier großflächig ein Braunkohle-Schatz, der nach und nach gehoben wurde. Die freigelegte Kohle wurde ein paar Städte weiter in Energie umgewandelt. Bitter ist dabei, dass für lediglich fünfzehn Jahre Kohleförderung fünf Dörfer weichen mussten – ein Schicksal, das im gesamten Lausitzer Braunkohle-Revier weit über hundert Dörfer und zehntausende Menschen betraf.

Am Markt in Luckau

Eins dieser Dörfer trug den knuffigen Namen Wanninchen. Ein einziges Haus dieses Ortes steht noch, dicht an der Kante, vor der die riesigen Bagger einst stoppten. Rund um das verwinkelte Gebäude entstand ein Ausflugsziel besonderer Art, das den Namen Wanninchen am Leben hält, gemeinsam mit einem Gedenkfindling gleich nebenan. Dieser geschundenen Landschaft angenommen hat sich die Heinz-Sielmann-Stiftung, was auch für andere Landschafen vor den westlichen Toren Berlins, bei Storkow oder unweit von Rheinsberg gilt. Wenn es beim Namen Sielmann nicht gleich klingeln sollte, tut es das vielleicht bei „Expeditionen ins Tierreich“ – die Sendung des Tierfilmers lief mit ihm bis Anfang der Neunziger Jahre – mehr als 25 Jahre lang – und war eine der ersten ihrer Art. Da schließt sich jetzt ein ganz klein wenig der weit geschlagene Bogen von und zu den Singschwänen, auf die man hier hoffen darf zu gewissen Zeiten.

Das überschaubare Gelände des Natur-Erlebniszentrums ist gleichermaßen spannend für Kinder und Erwachsene und darüber hinaus gut geeignet für eine Wander- oder Radelpause. Auch ein Abendhimmel über der gewaltigen Landschaft des fjordartigen Schlabendorfer Sees lässt sich von einem der Aussichtsplätze in Vollendung genießen. Entlang der gemütlichen Wege finden sich weiche und weniger weiche Tiere, Kräuter-, Nasch und Findlingsgärten sowie ein ausgewachsenes Steinlabyrinth, in das sich auch die Ängstlichsten hineinwagen werden.

Blick auf die Dächer der Luckauer Altstadt

Wer diesen Ort mit gewisser Regelmäßigkeit, doch in größeren Abständen besucht, kann eindrucksvoll das Neuerwachen einer kompletten Landschaft beobachten – oder besser: langzeitbeobachten. Die Flutung des riesigen Sees gilt seit Jahren als abgeschlossen, und die bizarren Formationen des Abraums werden langsam, doch stetig von Pflanzen erobert, die knallhart sind und ihre Ansprüche ganz weit unten ansiedeln. Im ausgedehnten Totalreservat südlich des Sees stehen sie noch relativ vereinzelt, so dass zwischen ihnen viel Platz ist für zahllose Fährten verschiedenster Tiere, die schon mal ihre Reviere abstecken.

Luckau

Es hat einen gewissen Charme, wenn man sich so einem eindrucksvollen Gewässer wie dem Schlabendorfer See mit gewisser Ehrfurcht oder auch Vorfreude nähert. Das gilt für die großen Flüsse wie Elbe und Oder ebenso wie für diese unnahbaren Gewässer vergangener Tagebaue, die durchaus Assoziationen an Skandinavien wecken. In geeigneter Entfernung zum See liegt Görlsdorf, eins von dreien in Brandenburg. Der Weg dorthin führt über das Städtchen Luckau, an dem man keinesfalls vorbeifahren sollte. Rund um die Stadt zieht sich ein hübscher Stadtgraben, der von der Gehrener Berste gespeist und von einladenden Spazierwegen begleitet wird, auf voller Länge und teils beidseitig. Spaziert man dort entlang, sieht es zum Teil nach Spreewald aus, zum Teil schon nach Sachsen.

Gut Görlsdorf

Der Stadtgraben folgt der Stadtmauer, die zum größten Teil erhalten ist und gemeinsam mit den wuchtigen Kirchenschiff und den gemauerten Türmen der Stadt pittoreske Sichtfenster ergibt. Innerhalb der Mauern wetteifern in den Straßen und Gassen Dutzende Fassaden und Giebel darum, wer von ihnen am schönsten oder originellsten ist, insbesondere am verwinkelten Marktplatz. Und draußen vor der Stadt liegt im Süden der Stadtpark, dem man noch immer die gestalterischen Feinheiten der Landesgartenschau ansieht, die jetzt bald zwei Jahrzehnte zurückliegt. Nicht wundern also, wenn der Aufenthalt in Luckau länger ausfällt als geplant.

Kirchlein in Görlsdorf

Görlsdorf

Ein paar Dörfer südlich von Luckau liegt dann Görlsdorf, ein schönes und aufgeräumtes Dorf mit großen Backsteingebäuden, das schon ganz klar nach Lausitz aussieht. Zu sehen gibt es hier einen Schlosspark im Schneewittchenschlummer, in seinem Herzen ein verfallendes Backstein-Schloss, das an ein Forsthaus erinnert. Weiterhin einen Gutshof, der sich an einer schönen Sichtachse ausrichtet und mit edlen Pferden zu tun hat. Vorbei an der kleinen Kirche läuft die gediegene Görlsdorfer Dorfstraße, mit schönen Häusern zu beiden Seiten und Vorgärten in früher Blüte.

Glatt gepflasterte Landstraße nach Beesdau

Am Ende des Dorfes quert die Landstraße nach Beesdau, meisterhaft gepflastert aus den klassischen Steinen von der Größe einer Bauarbeiterfaust. Solche Straßen sind in der Regel alle längst dem Asphalt gewichen. Doch dafür fehlen hier die Argumente, so astrein und glatt sind die Steine verlegt. Vor dem nächsten Haus zweigt links ein schattiger Weg in den Görlsdorfer Wald ab. Der zeigt sich vielfältig – neben alten Eichen gibt es hier dunkle Fichtenwälder und nach der ersten Lichtung sogar einen schönen Lärchenforst, der passend zur Jahreszeit gerade abgedeckt ist.

Wanninchen

Hinterm Wald ist rechts kurz eine Wasserfläche zu ahnen, doch bei der Ahnung bleibt es. Hier und da sind aus der Ferne ein paar Kraniche zu hören, ein paarmal auch Gänse, doch auch dabei bleibt es. Voraus liegt nun das erwähnte letzte Haus von Wanninchen und beherbergt heute das Erlebniszentrum der Sielmann-Naturlandschaft Wanninchen. Gegenüber hockt zwischen weiten Streuobstwiesen ein rustikaler Schafstall, der samt Wiese auch in Märchenfilmen mitwirken könnte. Der Himmel ist gerade bedeckt, doch leicht kann man sich sommerlich herumtollende Lämmchen vorstellen, die unter blühenden Obstbäumen an Butterblumen zupfen, erst spielerisch, dann auf den Geschmack gekommen.

Aussichtsbank am Gedenkstein für Wanninchen

Das Sielmann-Gelände ist an Winter-Wochenenden geschlossen – die Öffnungszeiten sind zwischen dem Zurück- und Vorstellen der Uhren eher auf Schulklassen zugeschnitten. Das ist schade, da wir nicht aufs Gelände können und auch nicht zu den Schildkröten oder auf die Aussichtstürme. Es ist aber auch schön, da wir den berauschenden Blick von der Rastbank beim Gedenkstein und diese ganze riesige Landschaft rundherum exklusiv genießen dürfen. Wie exklusiv es in der Tat ist, merken wir erst, als wir eine Weile sitzen, ein Tässchen Tee geschlürft und fürs erste ausgeplappert haben, schließlich still werden angesichts dieser Dimension, die unbewegt zu unseren Füßen liegt.

Mondlandschaft am jenseitigen Ufer, Wanninchen

Hunderte Vögel sind auf dem See, die ihre Töne machen könnten. Der Wind könnte leise säuseln oder brüllend in die Gehörgänge donnern, denn das kann er gut an diesem See. In den Wipfeln rauschen. Doch nichts ist zu hören, keine fernen Kraniche, nicht eins der wenigen Flugzeuge, die den Korridor am Tag überqueren, auch nicht Herr und Frau Krüger aus Beesdau, die ihre nachmittägliche Ausfahrt auf dem Rad machen, wortlos, doch mit Kiesknirschen unterm Reifen. Es ist absolut still. Dicht dran an dieser Stille, wo man das eigene Blut in den Adern rauschen hört – was eigentlich nur in abgelegensten, halbmetertief verschneiten Winterwäldern geht.

In Faszination erstarrt staunen wir auf den See hinaus, suchen mit dem Fernglas die mannigfaltigen Horizonte ab, um vielleicht die Stelle zu erwischen, wo ein paar rastende Singschwäne im flachen Wasser stehen. Das erste Geräusch in der Stille sind scheinbar weit entfernte klassische Enten, die sich über einen derben Witz zerreißen. Kurz darauf irgendwo ein Kranichpaar. Dann wieder die Stille. Unvermindert eindrucksvoll. Das nächste Schnattern kommt erst nach einer Weile, auch dieses von weit her.

Beobachtungsplattform beim Natur-Erlebniszentrum

Erst nach dem zweiten Tee haken wir den Gedanken noch einmal nach und erinnern uns an eine Reportage, schon lange her, über Singschwäne. Dieses andere Schnattern, das müssen sie gewesen sein. Denn die großen Vögel singen ja nicht immerzu, wenn sie den Schnabel öffnen, sondern pflegen wohl tagsüber auch gemäßigte, normale Unterhaltung. Das Fernglas bringt schließlich die Bestätigung, hart am Rand seiner Reichweite. Sie sind es. Wir haben sie gefunden, ganz hinten in der Bucht, zwei Kilometer weg im Westen. Als greifbare Ahnung.

Man könnte hier noch ewig verharren, den Rücken angenehm gekrümmt, doch ist zum einen noch allerhand Rückweg übrig, zum anderen folgt jetzt eine schöne Passage entlang der noch nicht allzu alten Uferlinie. Genau jetzt kommt die erste Sonne des Tages heraus, verhilft dem See zu etwas Blau und schärft der Mondlandschaft gegenüber die Charakterzüge noch etwas nach. Der Blick reicht ewig weit nach Süden, und gemeinsam mit dem Dunst der Ferne erwacht nun wirklich der Eindruck einer Fjordlandschaft, wie man es schon länger vom Senftenberger See kennt. Mit jedem Rückblick von der kurvigen Straße erschaffen sich neue Gemälde der Naturromantik, gewinnt die Landschaft immer noch an Weite.

Blick über den glatten See nach Schlabendorf

Die scharfen Kontraste unterm klaren Sonnenlicht sind fast etwas irritierend nach einer grauen Woche mit irgendwie verschwommenem Wetter, stetem Griesel und Niesel und unentschlossenen Temperaturen. Es knallt regelrecht. Als wäre der Asphalt des Radweges gestern erst erstarrt, die Nadeln an den Bäumen frisch gewachsen und der gesamte See frisch überlackiert. Denn passend zur großen Stille für die Ohren fällt jetzt jene für die Augen in den Blick – diese große Wasserfläche liegt vollkommen glatt, nicht eine Kräuselung, und man hat den Eindruck, kein Vogeltier würde es wagen, im Flug etwas fallen zu lassen oder auf dem Wasser eine Spur zu provozieren.

Uferschilf am Schlabendorfer See

Es ist fast ein wenig unwirklich, so dass man sich jetzt und hier nicht über ein riesiges Seeungeheuer mit üblem Atem wundern würde, das mit einem Schlag des langen Schweifes den ganzen See zum Wogen bringt. Das könnte schon ein Größeres sein, denn der See ist im Schnitt knapp zehn Meter tief, im Maximum wohl über dreißig. Doch das Spektakel bleibt aus. Der See liegt weiterhin so glatt, dass jeder herausragende Zweig versunkener Bäume eins zu eins gespiegelt wird. Dementsprechend deutlich ist hinter einer winzigen Insel von der Größe eines Spreewaldkahns die Schlabendorfer Kirche klar erkennbar, wohlgemerkt mit Hilfe des Fernglases.

Rad- und Fußweg unweit des Ufers

Jetzt kommen die ersten Menschen ins Spiel, die hier Freizeit und Bewegung genießen, sei es mit Rollen unterm Fuß, Fifi an der Leine oder ganz einfach auf dem Rad, ganz ohne Gegenwind. Jetzt endlich kommen auch Frau und Herr Krüger, die demnach eher Schlabendorf zuzuordnen sind als Beesdau. Und nicht mal knirschen unterm Reifen, sondern lautlos über Asphalt rollen entlang einer jungen Allee. Die Ufer sind nicht mehr kahl, an vielen Stellen hat sich buschiges Schilf angesiedelt und befreit die künstliche Uferkante mehr und mehr von ihrer Sprödigkeit. Am Knick mit Blick auf Schlabendorf steht ein dreikantiger Unterstand, der vor allen Windrichtungen Schutz bieten kann. Gen See auch komfortabel mit Bank, gen Wegkurve informativ mit allerlei Tafeln. Hier treffen sich jetzt fast alle, die gerade unterwegs sind. Der See liegt stahlblau und glatt.

Skandinavische Impression im Osten

Schlabendorf am See

Ein Abstecher nach Schlabendorf ist bei ausreichend Zeit eine Option. Das Dorf, das es länger gibt als Berlin, ist im Rahmen der Wende um ein Haar der Abbaggerung entkommen. Ein hübsches Kirchlein steht dort, und seit einiger Zeit gibt es auch einen kleinen Seglerhafen.

Schutzhütte auf halbem Weg nach Schlabendorf

Wir wollen zur Dämmerstunde noch zum Kranichturm im benachbarten Freesdorf und drehen landeinwärts ab. Schon nach wenigen Minuten ist nichts mehr zu sehen vom großen See und seinen Landschaften, dafür kommt auf der schnurgeraden Straße nach Görlsdorf in einer Baumlücke das Görlsdorfer Kirchlein in Sicht. Das hätte man ihm auf die Entfernung gar nicht zugetraut. Ein tiefergelegter altrosa Golf rast in gewisser Inkonsequenz vorbei – weit schneller als notwendig, doch lange nicht schnell genug, um Interessierte zu beeindrucken. Rechts voraus vom nassen Borcheltsbusch sind jetzt schon die Kraniche zu hören, die man zu Hunderten auch am See hätte haben können, an einem anderen Tag.

Genau dort steht auch der Kranichturm, der bereits an der Landstraße ausgeschrieben war. Von hier lassen sich zur Zeit des Sonnenuntergangs ganze Scharen von Kranichen und Gänsen beschauen, die zunächst auf dem benachbarten Acker den Tag auswerten, dann aufwändig die Verteilung der Schlafplätze diskutieren und schließlich mit noch größerm Theater in die sichere Obhut des großen Moores umziehen. Der Turm bietet dafür einen komfortablen Logenplatz. Wer dazu neigt, in schönen Momenten die Zeit zu vergessen, sollte für den Weg hinab eine Taschenlampe dabei haben oder zumindest noch einen Akku-Balken übrig am drahtlosen Draht in die Welt.

Blick über die Felder nach Görlsdorf

Auf dem Rückweg nach Luckau treffen wir am Straßenrand auf eine Schafherde, ebenfalls sehr groß, doch abendlich verschwiegen. Der Schäfer macht gerade Feierabend und überlässt seine Schäfchen der Gesellschaft einer Handvoll kleiner Schwäne, die weiter hinten auf der Wiese stehen und leise schnattern, auf besondere Art. Ab heute mit Wiedererkennungswert.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): am Wochenende nicht praktikabel, auch in der Woche 2-3,5 Std. (über Lübben und Luckau)

Anfahrt Pkw (von Berlin): 1,5-2 Std. (Autobahn Ausfahrt Duben)

Länge der Tour: ca. 13,5 km, Abkürzungen möglich (wahlweise kann man direkt zum Natur-Erlebniszentrum fahren, Parkplatz für Autos und Fahrräder vorhanden); bitte beachten: fast die ganze Tour verläuft auf harten Belägen, dämpfende Sohlen empfehlen sich

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Luckau

Heinz Sielmann Natur-Erlebniszentrum Wanninchen

Hauptseite der Sielmann-Stiftung

Schlabendorfer See

Kranichturm am Borcheltsbusch

 

Einkehr:

Landgasthof Zum Auerochsen, Freesdorf
zahlreiche Gastronomie in Luckau

Joachimsthal: Edle Weiden, der blaue Grimnitz und die zugewandte Mühle

Nachdem die letzten Rauchschwaden und Widerhalle der Sylvesternacht verzogen sind, hat sich ein neues Jahr in Gang gesetzt. Nicht behäbig, doch ohne Aufhebens. Ganz normal, fast ohne Lärm und nach einem ersten hoffnungsfrohen Sonnentag mit reichlich Regen. Die Wiesen in Stadt und Land triefen vor Nässe, und würde jetzt der Frost zuschlagen, hätte es niemand weit zur nächsten Eisbahn. Doch jegliche Form von Winterlichkeit lässt bislang auf sich warten. Glaubt man den geballt auftretenden Bauernregeln aus Omas Kalender, könnte jedoch ein Winter eintreffen, der all seine Schönheiten und Querelen bis nah an die Ostertage ausdehnt. Das gab es schon einige Jahre nicht mehr, und so gesehen wäre es statistisch legitim – auch wenn man irgendwann keinen Schnee mehr sehen möchte, schon gar nicht unterm bunt behangenen Osterstrauch.

Mühle und Obstbäume, Althüttendorf

Scheinbar wird ebendas genau in diesen Tagen ausgefochten, als mitteleuropäische Angelegenheit und mit schweren Geschützen. Von Westen kamen Stürme und randalierten in weiten Teilen des Landes, andernorts gab es Wintereinbrüche mit großen Mengen von Schnee. Hier wurde nur alles kräftig durchgepustet, viel mehr passierte nicht. Doch der Kampf blieb nicht verborgen, und als erste Zwischenbilanz ist jetzt die Temperatur von zweistellig auf etwas über Null abgesackt.

Ein weiteres Zwischenergebnis der himmlischen Scharmützel war das Geschenk eines kalten und sonnigen Tages, der mit den scharfgezeichneten und kontrastreichen Farbspielen der Landschaft aufwartet und mit diesem ganz speziellen Licht, das eigentlich nur der Januar kann. Wenn sich die tiefstehende Mittagssonne in windschattig unbewegten Grabenwassern spiegelt und diese wie vereist aussehen lässt, obwohl die Kälte dafür fehlt. Wenn winddurchkämmte, saftig grüne Wiesenpelze oder das braune Buckelfell der Ganzjahreskühe so warm und weich aussehen, dass man die Hand darin vergraben möchte. Und jeder Vogel auf dem Wasser gestochen scharf erkennbar ist, egal wie weit entfernt.

Blick über den Grimnitzsee, Althüttendorf

Joachimsthal

Um in den übersichtlichen Stunden des Tageslichts all das zu versammeln – Grabenwasser und See, Kuh und Wiese, Vogel und Himmelsweite – bieten sich in Brandenburg viele Optionen. Eine davon ist Joachimsthal, eins von diesen Städtchen, das jeden in gewisser Regelmäßigkeit zu sich ruft, der einmal dort gewesen ist. Das liegt zum einen am lieblichen und vielfältigen Ortsbild selbst, verbunden mit dem besonderen Charakter dieses Ortes. Dazu kommt noch die Lage zwischen einem der größeren rundgestaltigen Seen Brandenburgs und dem märchenhaften und breiten Talgrund eines zaghaft strömenden Bächleins, der alles in allem ähnlich groß ist wie der See. Damit ist die Landschaftsvielfalt rund um Joachimsthal bei Weitem nicht erschöpft, denn es gibt in guter Erreichbarkeit noch tiefe, endlose und teils verwunschene Wälder und eine ganze Reihe weiterer Seen, darunter als erstes der kaum vergleichliche Werbellin. All das ist eingebettet ins leicht gewellte, augenschmeichelnde Relief, das der Eiszeitschmirgel einst hinterließ.

Joachimsthal ist stündlich per Bahn zu erreichen, eine hübsche Fahrt, die über Eberswalde führt. Vor Ort ist die erste Leistung des Tages die Entscheidung über die weiteren Stunden. Zwischen halbstündigen und ganztägigen Spaziergängen ist alles möglich, und jedes davon ist irgendwie besonders und besonders schön. Wer es ruhig angehen möchte, reißt sich zunächst vom faszinierenden Blick über den weiten Grimnitzsee los und lässt sich dann vom Bahnhof durch die zählbaren Gassen und Straßen der kleinen Stadt treiben, die auch an der charakteristischen Schinkel-Kirche und dem benachbarten Brunnen vorbeiführen. Quert man dabei unterhalb des Friedhofs den verträumten Grund des Hauptgrabens, trifft man auf die nachdrückliche Einladung zu einer kleinen Runde bis zur ersten Querungsmöglichkeit.

Oberes Ende der Marktstraße, Joachimsthal

Bei Lust auf mehr führen schöne Wege vorbei an der erhaben über der Stadt gelegenen Schule hin zum Aussichtsturm, der mit einem der charmantesten und weithin sichtbarsten Fahrstuhlschächte aufwarten kann, die es so gibt. Von hier begleiten Rastbänke, die für die Ewigkeit gebaut wurden, einen Geopfad bis zum Kaiserbahnhof, der mit seinem nordisch angehauchten Bahnhofsgebäude und dem Gasthaus ein lohnendes Ziel bietet, nicht nur für Hörspielfans oder Bahnreisende. Wer dort noch immer nicht genug hat, kann jenseits der Landstraße dem absteigenden Pfad in den Wald folgen, der bis zur Nordspitze des Werbellin-Sees reicht, wo erneut Entscheidungen sowie ein Blick auf die Uhr anstehen.

Davon abgesehen gibt es in Joachimsthal einen märkischen Klassiker, bei dem man nichts falsch machen kann. Die Umrundung des Grimnitzsees ist an keiner Stelle ein klassischer Uferpfad mit nadligen Wurzelwegen, hält vielmehr auf ganzer Länge Abstand zur Uferlinie. Dennoch bleibt der See fast die ganze Zeit im Blick, insbesondere während der laublosen Jahreszeit, und präsentiert sich mit großem Talent immer wieder aufs Neue, was dank eines winzigen Höhenunterschiedes bereits beim Verlassen des kleinen Zuges beginnt. Einen derart imposanten Seeblick direkt vom Bahnsteig gibt es im Land Brandenburg nur selten.

Pfad hinterm Friedhof, Joachimsthal

Die Tour um den Grimnitzsee ist erstaunlich vielfältig, sowohl was die Widescreen-Landschaftsbilder, aber auch die lokalen Details betrifft. Alle paar Minuten gibt es Abwechslung, in regelmäßigen Abständen etwas zu beschauen oder zu bestaunen.

Die kleine Schleife durchs Städtchen ist am Anfang der Tour ähnlich gut aufgehoben wie an deren Ende, denn sie ist überschaubar und auch mit erschöpften Kraftreserven noch gut zu genießen. Wir heben sie als Sahnehaube auf und spazieren vom Bahnhof direkt der Sonne entgegen. Deren Bahn ist im Winter bestens mit der Seerunde synchronisiert– es wird auf dem gesamten Weg nichts vom kostbaren Licht verschenkt, und der von den dunklen Tagen gebeutelte Vitamin-D-Haushalt triumphiert im Stillen.

Altgrimnitz, kurz vor dem Ufer

Kurz hinterm Bahnhof fällt am leicht erhöht gelegenen Friedhof dasselbe Licht gekonnt durch die bunten Kapell-Fenster und hat wohl schon manchen Ablichter durchs klamme Laub hinauf zum Zaun getrieben, wo sich maschendrahtlos fotografieren lässt. Gleich dahinter läuft der Weg zu einem charmanten Pfad direkt oberhalb des Gleises ein. Am Bahnübergang – von hier sind es übrigens nur zweieinhalb Minuten zum hervorragenden Bäcker an der Hauptstraße – beginnt der Ortsteil Grimnitz, der durchaus als eigenständiges Dorf erscheint, darüber hinaus den Charakter eines Küstendorfes hat, wie es im Süden der Insel Rügen liegen könnte oder sonst irgendwo am Bodden. Überhaupt haben Landschaft und Dörfer im Süden und Osten des Sees viel von der Stimmung, wie man sie an den Boddengewässern der Ostseeküste oder dem Usedomer Achterwasser findet.

Verstärkt wird dieser Eindruck durch das sagenhafte Licht dieses klaren Wintertages, welches dem See zu einem selten gesehenen Blau verhilft und aus dem Kontrast zwischen strohblondem Schilfgras und farbkräftiger Wasserfläche etwas mehr als das Maximum herausholt. Die Blicke reichen weit über den See und die Wälder im Norden und Nordosten, bis hin zu einem riesigen Funkmast, der irgendwo bei Angermünde stehen muss.

Uferpromenade vorbei am Feriendorf, Joachimsthal

Grimnitz

Die gepflasterte Dorfstraße zieht ihren Bogen durch die Dorfmitte, vorbei an der ehemaligen Gaststätte und einer der erwähnten Bänke des Geoparks, die gebaut wurden aus zeitlosem Gestein und kräftigen Bohlen. Nach ein paar Bögen linst der See durch zwischen den Häusern, und anscheinend gibt es hier auch einen kleinen Fischerhafen. Was es auf jeden Fall gibt, ist es ein Ruderboothafen, denn das Ruderboot dürfte das meistgenutzte Fahrzeug sein auf dem motorfreien See.

Am Ende des Dorfes beginnt die eigentliche Uferpromenade, ebenfalls frei von Motorgeräuschen. Dafür ist in den zahlreichen Bungalows der einstigen Ferienanlagen mancher am Heizen, um Behaglichkeit in die Bude zu bekommen. Ansonsten ist hier wenig los, was auch für die meisten Cafés und Gasthäuser gilt, die erst im Frühling wieder erwachen. Zwischen der Promenade und dem Ufer liegt ein schmaler Streifen von Bruchwald, der teilweise mit dem See verbunden ist.

Badestelle beim Feriendorf, Joachimsthal

Am ersten großen Badestrand führt eine Landbrücke durch diesen nassen Streifen. Hier kann man nun im Ufersand stehend und mit dem Kinn auf der Brust durchs glasklare Wasser auf die Sandwellchen darunter schauen, oder den Blick erheben und in die große Weite staunen, hin zum anderen Ufer des breiten Sees, das etwa drei Kilometer entfernt unterm Wolkenschatten liegt. Nach den letzten Häusern beginnt jetzt eine augenentspannende Passage durch hochgewachsenen Buchenwald, derzeit mit goldbraunem Laubteppich und freiem Wasserblick, im Sommer mit wohltuendem Schatten unterm diffusem Licht des Buchengrüns. Durch den Uferwald zieht sich ein schmales Asphaltband, das möglichst reizvoll zwischen den Stämmen hindurchkurvt und ein paar zufließende Rinnsale überquert.

Spazier- und Radweg durch den Uferwald

Als Quittung für den ersten schönen Tag seit langem ist hier einiger Verkehr unterwegs. Von vorn kommt eine buntgewürfelte Wandergruppe, die wahrscheinlich das neue Jahr begrüßt. Vielleicht ist ja Joachimsthal jedes Jahr der feste Ort dafür, jeweils mit einer anderen Tour, denn das ist hier ähnlich unproblematisch wie rund um den Berliner Vorort Woltersdorf. Wenig später überholen wir nach und nach einen leicht zerfaserten Familienverbund, der für jedes der drei Kinder ein Fahrzeug dabei hat, als schlaue Option für viele Fälle und vielseitig kombinierbar. Zuletzt zieht ein Radfahrer mit Daunenweste vorbei, im wiegenden Tritt und offensichtlich mit gutem Vorsatz die vorauseilende Körpermitte betreffend. Der Wald ist mittlerweile gemischter, nach den Bruchwäldern vorhin und dem Buchenwald sind jetzt verschiedenste Nadelbäume untergemischt und sorgen unter der wärmenden Sonne hier und da für ätherische Düfte.

Blick über den Grimnitzsee

Althüttendorf

Am Rand von Althüttendorf folgt nach den pittoresken Häuschen eines Hotels und der Gaststätte bei den Sportplätzen der Austritt in die nächste Landschaft. Auf den saftigen Hügelwiesen des Dorfes stehen vorne Pfützen, weiter hinten warm beschienene Rinderrücken, und ganz weit hinten schon in der Flanke zeigt ein hochbeiniges Pferd seine vollendete Silhouette. Links in der Bucht halten sich zu den meisten Zeiten gern die Silberreiher auf, heute sind sie woanders unterwegs und überlassen das Wasser ganzen Scharen von Gänsen und Enten, die in angeregtem Austausch stehen.

Steig hinauf zum Friedhof, Althüttendorf

Ein Aussichtspunkt der Extraklasse und zugleich eine der schönsten Rundbänke im Land liegt auf dem Friedhofshügel, der zwischen Uferstraße und innerem Dorf so sehr in den Himmel ragt, dass stets nur ein oberes Stück des Kirchturms zu sehen ist, mindestens jedoch die goldene Kugel. Auf dem höchsten Punkt residiert eine dieser wirklich alten Eichen, deren es viele gibt im Land Brandenburg, doch nur wenige haben es geschafft, sich so eindrucksvoll zu positionieren. Über den ganzen See ist sie zu sehen und natürlich auch von der Autobahn. Um den enormen Stamm herum wurde eine solide Rundbank gezimmert, die ausreichend Beinfreiheit lässt, sich wahlweise auch stammwärts zu setzen, quasi wie um einen runden Tisch mit maßlos übertriebener Topfpflanze in der Mitte. Mit etwas Gedrängel sollte eine ganze Schulklasse Platz finden auf dieser Bank, die von jeder Stelle einen schönen Blick bietet.

Eichenbank auf dem höchsten Punkt, Althüttendorf

Am spektakulärsten ist natürlich der Ausblick übers große Wasser, der so ufernah von keiner anderen Stelle möglich ist. Von hier kann das Auge schweifen, weit und schwelgerisch. Zwanzig Meter Höhenunterschied und ein unverbauter Blick lassen sicherlich manche Pause zeitlich ausufern, besonders wenn der See so blau wie heut da unten liegt. Als wäre es noch nicht genug an Schauspiel, jagt jetzt ein blitzend weißer Schwarm von großen Tauben über Landzunge und Bucht, mit imposanten Flugmanövern, deren Sinn schwer nachvollziehbar ist. Ganz oben in den Baumkronen am Ufer hocken stattliche Seeadler, die sich nach dem Zücken des Fernglases als Graureiher entpuppen, die genauso hocken, wie es sonst Adler tun. Unterdessen wurden die Tauben von vier ebenso weißen Möwen abgelöst, die windschnittig aussehen und eher patroullieren als herumflattern.

Von hier oben sehen wir nicht nur den See und alles dahinter, sondern unten auf dem Weg auch den Familienverbund, der mittlerweile zusammengefunden hat und seinem Ziele nah erscheint. Meinungsverschiedenheiten von vorhin sind Schnee von gestern und alles ist fröhliches Geplapper, kein Kopf gesenkt und alle Blicke offen.

Uferplatz in Althüttendorf

Von der Eichenbank ist man rasch unten an der Dorfstraße, die ein ungeheuer beruhigendes Bild abgibt. Das gilt im Rückblick auch für das gesamte Dorf, egal wie weit man schon entfernt ist. Gegenüber der Radfahrerkirche mit ihrem schönen Rastplatz wurde vor einiger Zeit ein kleiner Skulpturenpark angelegt. Die lebensgroßen nordischen Göttinen sitzen auf Findlingen und können mit ihren Blicken fesseln, so dass man sich diesen durchaus bereitwillig und zugleich mit leichtem Rückenschauer stellt. Der hinterlassene Eindruck begleitet den Weg aus dem schönen Dorf, klingt dann noch länger nach.

Noch vorher lohnt der Abstecher nach links zum herrlichen Dorfplatz am Ufer, wo es neben Theaterbühne und Spielplatz auch einen schönen Strand gibt, dazu noch einen wirklich fotogenen Steg und winterbleiches Schilf.

Blick zur Autobahn, Althüttendorf

Die wenigen Autos auf den nächsten Metern stören kaum, da es zum See hin schöne Blicke gibt, auch Richtung Inland bleibt das Auge hängen an großen Gänsescharen und weichen Pferderücken, gekrümmten Wasserläufen und Kopfweiden mit Oberwasser. Gleich hinter der ersten Kurve wird man erneut ausgebremst und muss einfach links abbiegen zum sogenannten Eulenturm mit seinem großzügigen Aussichtsbalkon, der sich insbesondere für Sonnenuntergänge empfiehlt. Oder einfach nur für eine schöne Pause.

Rückblick auf Althüttendorf

Gleich dahinter steht mit der flügellosen Mühle der nächste Blickfang, in dunklem und wettergegerbtem Holz und seit Jahren unbewegt. Ihr Sockel ist umgeben von im Tanz erstarrten Obstbäumen und sollte ein Vermerk für die nächste Wiederkehr im Frühjahr auslösen. Das muss unglaublich aussehen, wenn vor der Kulisse des weiten Grimnitz die Mühle über Blütenkronen steht. Wer übrigens vom letzten Besuch im Kopf hatte, die Bockwindmühle stünde schief, wird das bestätigt sehen – sie tut es wirklich. Als würde sie dem See zu jeder Zeit ein lauschendes Ohr hinhalten, wie ein in sich ruhendes Elternteil, das sein Kind von den allerersten Schultagen berichten hört.

Spätestens hier ist die Autobahn unüberhörbar, und wer den direkten Blickkontakt zum sausenden Blech scheut, kann einen kleinen Extrahaken übers hübsche Neugrimnitz schlagen. Ansonsten ist der urige Weg entlang der Autobahn durch einen Baum- und Heckenstreifen von der schnellen Straße getrennt, und wer den Kilometer mit dem automobilen Rauschen am gestochen scharf bepinselten Wegestein verlässt, wird es um so mehr genießen, wenn die Ruhe des großen Sees mit jedem einzelnen Schritt zurückerobert wird.

Am Fuß des Eulenturms, Althüttendorf

In die breiten Uferwiesen locken immer wieder saftig grüne Wege, doch sind das allesamt Sackgassen, die letztlich mit nassen Füßen enden. Die mit den Hufen sollte das wenig stören, doch obwohl hinten ein frischer Misthaufen dampft, sind hier und heute weder Horn noch Euter zu entdecken. Hinter einer kleinen Anhöhe ist aller Lärm verschluckt. Dass es noch stiller geht, zeigt sich beim Eintritt in den Wald, der von hier bis weit nach Norden reicht, bis fast zur Südspitze der langen Uckerseen. Weiter im Osten geht er jenseits der Autobahn in den Grumsiner Forst über, der es mit seinem alten und weitgehend geschlossenen Buchenbestand zu gewisser Bekanntheit gebracht hat.

Diagonal gegenüber zu vorhin treffen wir jetzt hier auf eine weitere bunt gemischte Wandergruppe, deren Teilnehmer so euphorisch oder auch sportlich bei der Sache sind, dass sie uns fast umrennen. Auch dieser fein gemischte Wald gestattet Durchblicke aufs Wasser, jetzt im Winter. Schon seit dem Abzweig nach Neugrimnitz verkünden übrigens Schilder, viele Schilder, dass es bald etwas Heißes zu trinken oder etwas Warmes zu essen geben könnte. Das Leistenhaus hat einen ganzen Lattenzaun zerlegt und einige Farbe verstrichen, damit niemand dran vorbeiläuft. Das wäre durchaus willkommen, zumal die Sonne im Januar schon etwas länger bleibt und das Ende der Runde vor dem des Tageslichts gut zu erreichen ist. Doch kurz vor dem Ziel steht nicht ganz eindeutig zu lesen, dass hier erst ab April wieder der Kochlöffel geschwungen wird. Ein Anruf bringt Gewissheit – wir haben die Winterpause erwischt. Zum gemütlichen und schön gelegenen Leistenhaus gehört übrigens auch ein Badestrand mit direktem Blick auf Joachimsthal – beim nächsten Mal, im Sommer.

Flügellose Mühle, Althüttendorf

Gasthaus Leistenhaus

Als guter Trost steht hier ein schöner Rastplatz mit weitem Blick nach Nordwesten, der bis Templin zu reichen scheint. Während der Tee aus den Tassen dampft, findet der gesamte Verkehr der späten Mittagszeit statt, wenn nicht des Tages. Erst kommt das gelbe Auto und bringt Neuestes zum winterruhenden Leistenhaus, gleich danach kurbelt im ruhigen Tritt ein Herr mit Hut auf dem ausgeborgten Damenrad vorbei und wirft uns ein selten verschmitztes Lächeln zu – als hätt er uns bei einer Schlingelei ertappt. Kurz darauf kommt der gelbe Wagen zurück und überholt den Verschmitzten vermutlich genau dort, wo jetzt Muttis Junge mit dem Moped langsemmelt, hart am Rand der möglichen Drehzahl des geschundenen Zweitakterchens. Und im Wald verschwindet, hoffentlich wissend, dass der Belag von hart auf Waldboden wechselt und alle übrige Traktion im eingemischten Schotter liegt. Doch das Heulen endet nicht abrupt, sondern entfernt sich gleichmäßig. Alles gut, kein Auaweh.

Die Straße zum Weiler Leistenhaus zieht oberhalb eines sanften Hangs entlang, unten beginnt jetzt der Grimnitzsee zu glänzen. Dazwischen weiden Pferde, die von Zeit zu Zeit wild umherjagen. Vor den ersten Häusern quert der einzige Abfluss des großen runden Sees und tritt munter sprudelnd seinen Weg durch feuchte Wälder an. Er gilt als einer der Ursprünge des Flüsschens Welse, das sich auf fünfzig Kilometern zum direkten Zufluss der großen Oder mausert. Auf dem Weg dahin nimmt die Welse noch den tief eingesenkten Wolletzsee und die Teiche der Blumberger Mühle mit, tritt dahinter aus dem Wald und sorgte über die Zeiten für ein ausgedehntes Bruch, das ihren Namen trägt. Bei Schwedt nutzt die herangewachsene Welse schließlich ein Kanalwasser und mündet südlich von Gartz mit beachtlicher Breite in die Oder.

Blick über die Wiesen auf den See

Leistenhaus

Hier am Grimnitzufer ist sie noch keinen Meter breit, doch immerhin. Hinter den Häusern, die alle rechts der Straße stehen und damit direkten Seeblick genießen, öffnet sich nach links eine Parklandschaft, die in der Tat jedoch eine pittoresk von vereinzelten Bäumen und Baumgruppen durchzogene Weide ist. Die Kühe rund um den See haben es recht gut getroffen, falls auch sie ein Auge für die Landschaft haben. Ansonsten auch, denn die Wiesen sind allesamt frisch und saftig und Schattenplätze niemals weit.

Bis zum Rinderhof kann man alternativ zur Straße aus dem Dorf einem kurvenreichen Wiesenweg entlang dieser Parkweide folgen, der zum Teile ebenfalls sehr frisch und saftig ist und ohne wasserdichtes Schuhwerk etwas Tanz erfordert. Die kleine Dorfstraße endet an der Landstraße, die direkt dem Waldrand folgt und nur ab und an ein Auto durchwinkt. Schon bald wieder öffnen sich nach links weite Blicke über die von Gräben durchzogenen Wiesen hin zum See. Voraus präsentiert sich fast schon etwas weltmännisch die Skyline von Joachimsthal, bestimmt von einigen Mehrgeschossern und dem markanten Aussichtsturm darüber.

Blick über die Wiesen nach Joachimsthal

Dass sich die feuchte Wiese selbst mit Gummistiefeln nicht queren lässt, verraten einmal mehr fehlende Maulwurfshaufen. Zur Straße hin nimmt die Dichte der Erdwürfe dann zu, und wer den klammen Weg hintern den Gärten wagen will, wird mit einem schönen Gefühl von Freiheit belohnt und einer Landschaftsstimmung, die man so auch an der Innenkante des Darß finden könnte.

Am Bahngleis erfolgt der unmittelbare Eintritt nach Joachimsthal über einen winzigen Bahnübergang, der unverändert in Fünfziger-Jahre-Filmen mitwirken könnte. Ein paar Höhenmeter sind es hinauf zum Friedhof, über dessen Buckel man zum weiter vorn erwähnten Talgrund absteigt. Der steht nach den letzten Tagen unter Wasser, nicht bedrohlich, doch Maßnahmen erfordernd. Zum Nachtisch kommt also jetzt die kleine Runde durch die Stadt, vorbei am Brunnen bei den Schinkelzacken und der Marktstraße, die sanft von der Höhe absteigt.

Abendlicher Zug im Bahnhof, Joachimsthal

Drüben beim Bahnhof gibt es noch einen allerletzen Blick auf diesen See der Sonderklasse, der still unter dem ersten zaghaften Dämmerlicht liegt, fast spiegelglatt. Am Bahnsteig steht bereits unter Dampf eines der stündlichen Züglein und fasst in den Farben der Niederbarnimer Eisenbahn noch einmal die des zurückliegenden Tages zusammen. Mit einem souveränen Satz steigt der Zugführer ein und läuft im Augenblick des Türenschließens aus nach Eberswalde.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz oder Berlin-Lichtenberg, Umsteigen in Eberswalde (ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: 15,5 km (keine Abkürzung möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Amt Joachimsthal

Aussichtsplattform Joachimsthal

Nationaler Geopark am Oderrand

Naturbeobachtungspunkt Althüttendorf mit Aussichtsturm

Skulpturenpark Althüttendorf

 

Einkehr:
Zum Kaiserbahnhof, Joachimsthal (etwas außerhalb)
Zur Krim, Joachimsthal (im Zentrum)
Zur Storchenklause, Joachimsthal (zentrumsnah)

unterwegs:
Café zwischen Bungalowdorf und Wald, Joachimsthal (April-Okt.)
Waldschänke, Althüttendorf (gehobenes Preisniveau)
Leistenhaus (am Nordufer des Sees)(April-Okt.)

Stücken: Das Zweistromland, ein Dezemberstorch und die Schwingungen am Himmel

Still und leise kam der Dezember herangeschlichen und übt sich nun im kurzen Wechsel von klamm-ungemütlichen Novembertagen und ersten Anflügen von Winterweiß, die jedoch selten eine Doppelstunde überstehen. Die hochfliegenden Formationen großkalibriger Zugvögel haben Mitteleuropa den Rücken gekehrt, und von den kahlen Bäumen knarzt und krakt es aus respekteinflößenden Krummschnäbeln dunkelgekleideter Kälteexperten, zwischen denen die wenigen Wintermeisen gleich doppelt so niedlich klingen wie ohnehin schon.

Feuchtwiesen vorm Blankensee, bei Körzin

Die ausgehende Adventszeit bringt nun neben nächtlicher Eiseskälte wieder diese Tage mit sich, die es zwischen den Dämmerungen auf weniger als acht Stunden Lichtausbeute bringen. Das kann völlig ausreichend sein, wenn Sonne im Spiel ist und auch Himmelblau. An trüberen Tagen hingegen sorgt es dafür, dass jeder seine beheizbaren vier Wände dreifach zu schätzen weiß. Selbst Leute, die sonst gerne draußen sind, beeilen sich mit dem Abarbeiten monatstypischer Listen und sinken dann zuhause seufzend ins erstbeste Sitzmöbel, zumindest für einen wohlverdienten Augenblick von der unverhandelbaren Länge eines dampfenden Getränks.

Wer in dieser Zeit seine freien Stunden an der frischen Luft verbringen möchte sieht zu, dass von dem knappen Lichtkontigent nichts verschenkt oder beschnitten wird. Keine ausgeprägten Tallagen also, nicht tiefe Wälder und überhaupt gar nichts, was Schatten werfen kann. Als höchstes Zugeständnis allenfalls ein Waldrand. Freie Weite ist passend, wo die Abwechslung maßgeblich in den Horizontlinien stattfindet, im Detail betrachtet gerne auch vor Ort.

Weg zur Kirche in Stücken

Davon reichlich bietet das Land, welches sich im Südwesten zwischen Nuthe und Nieplitz aufspannt. Wie das nach einem ähnlichen Rezept verfasste Havelland ist es frei von großem Spektakel und daher vergleichsweise unbekannt, und es bietet mit seinen großzügigen und wasserreichen Landschaften eine Faszination, die sich schwer mit anderem in Brandenburg vergleichen lässt und Gedanken an ein Müritzland en miniature aufflackern lässt. Die Natur hat hier mit großem Pinselstrich gemalt, nicht mit feinen Linien und Getupfe, und diese sympathische Großspurigkeit verleiht ein exklusives Gefühl, da man all das in den meisten Augenblicken ganz für sich allein haben darf.

Dennoch ist es kein fixiertes Bild, denn irgendwo bewegt sich immer irgendwas. Vergleichbar dem Blick in einen klaren Sternenhimmel wird es immer mehr, je länger man in eine Richtung schaut und versucht zu fokussieren beim fahlgrauen Licht des nahenden Winters. Wenn sich fürs Auge einmal wirklich nichts bewegt, dann ist etwas Lebendiges zu hören, und eher als rauschende Wipfel sind das hier ganze Scharen großer Zugvögel, die noch einmal die Jahreszeit betonen, die eigentlich schon im Begriff zu gehen ist. Die Vögel hingegen scheinen bereits ihr Reiseziel erreicht zu haben, sonst wären sie nicht mehr hier, sondern auf dem Weg ans Mittelmeer.

Dorfstraße in Stücken

Stücken

Schöne Ausgangspunkte finden sich zwischen der Stadt Beelitz, bekannt für ihren Spargel, und dem beschaulichen Trebbin. Erstere liegt an der Nieplitz, das zweite an der Nuthe, und beiden gemein ist, dass in letzter Zeit viel Geld darauf verwendet wurde, das pittoreske Stadtbild aufzuhübschen – jeweils mit sichtlichem Erfolg. Auf der Mitte zwischen beiden liegt das hübsche Dorf Stücken, von dem sich gut eine Umrundung des Blankensees beginnen lässt. Die hält bis auf eine Ausnahme respektvollen Abstand zum Ufer und verleiht damit dem einen, kurzen Strandbesuch doppeltes Gewicht.

Auch wenn sich also der umrundete See nur selten zeigt, ist es bereichernd, von ihm zu wissen, denn ein größeres Wasser zu umrunden ist ja immer eine kleine Leistung, dank der später das verdiente Abendbrot noch etwas besser schmecken darf.

Stücken ist eins von den Dörfern, das seinen Charme abseits der Durchfahrtstraße entfaltet. Am großen Rastplatz zweigt die Dorfstraße ab und schlägt bis zum Ortsrand einen weiten Bogen, der mit schönen Häusern, einer eingekuschelten Kirche und mehreren Einkehrangeboten zu unterhalten weiß. Das heben wir jedoch für die letzten Schritte auf, die im Idealfall in der weihnachtlich erleuchteten Dämmerung stattfinden sollen.

Weg in die Feuchtwiesen des Königsgrabens, bei Körzin

Von der schmiedeeisernen Kirchpforte lockt ein breiter Weg zur feld- und backsteingerahmten Kirchentür, der flankiert wird von verschiedensten Nadelbäumen, die sich auch in Alter und Dicke erheblich unterscheiden. Alles zusammen ergibt für einen Augenblick das Gefühl von Nachhausekommen. Unterhalb der römisch bezifferten Uhr hängt ein großer gelber Weihnachtsstern, der sich vom Wetter unbeeindruckt zeigt. Und ebenfalls der Dämmerung entgegensieht, die seine Stunde sein wird.

Draußen auf der Straße quert ein eiliger Trecker, weiter hinten verlässt eine Familie ihren Wagen und strebt wohin, wo um die Ecke offenes Feuer lodert. Mitten im Dorf quert eins der vielen Mühlenfließe im Brandenburgischen. Dieses hier entspringt nahe des Seddiner Sees und strömt zu den ausgedehnten Feuchtwiesen im Westen des Blankensees. Diese unwegbaren Wiesen gibt es überall in der Nuthe-Nieplitz-Niederung, und gemeinsam mit herbstlich abgeernteten Feldern erklären sie die hohe Beliebtheit dieser Landschaft bei all den durchreisenden und verweilenden Wasservögeln.

Blick über die Feuchtwiesen und den Blankensee zu den Glauer Bergen

So glasklar, wie das Mühlenfließ aussieht, muss es sehr kalt sein. Schon am Wiesenweg entlang des Ufers wird nochmals deutlich, dass in der letzten Woche fast täglich Regen fiel, hier scheinbar erheblich mehr als dort. Die gefütterten Gummistiefel zahlen sich aus und ersparen klamme Zehen für den Rest der Tour. Vorn quert ein befestigter Weg, auf dem winterlich Gekleidete mit oder ohne Hund und meist den Händen in den Taschen ihre Dorfrunde beenden und sicher auch zum heimeligen Feuerflackern wollen.

Am Ende der Pappelreihe geht es links durch ein Wäldchen. Auf dem breiten Weg ist Pfützenslalom angesagt, und die Dunkelheit selbst im kleinsten Kiefernwald bestätigt, dass die offene Landschaft für heute gut entschieden war. Hinterm Wald öffnet sich nach Westen eine lange Blickfreiheit, an deren Ende Kraniche zu hören sind, so einige. Das ist immer etwas erhebend. Es ebbt nicht ab, und was zunächst noch klang wie zweidrei Handvoll dieser Vögel, wird zu Hunderten bis hin zu Tausenden. Eine Klangkulisse, die man sonst eher vom November kennt.

Die Nieplitz bei Stangenhagen

Dann kommen sie näher, und es wird sichtbar, das ganze Ausmaß. Abertausende wechseln von den Äckern zu den Abendlagern rund um den Blankensee oder weiter zu den Nuthewiesen und vielleicht bis hin nach Zossen. Jetzt wird der Flugraum knapp, und es mischen sich die archaischen Saurierlaute der Kraniche mit dem eloquenten Palaver aus hundert Gänseschnäbeln – es ist nicht auszuschließen, dass da so einiges durcheinanderkommt am Himmel. Eben immerhin noch klein in der Weite dieser Landschaft, sind wir jetzt nur noch winzig angesichts der dritten Dimension, die das Klangspektakel hinzufügt. Es lädt ein zur Euphorie.

Nachdem der erste Schwung vorbei ist, lassen wir den Blick sinken und hätten fast den Abzweig verpasst, der durch ein kleines Bruch direkt in die Wiesen führt. Mitten durch dieses erstaunlich grüne Grün zieht der Weg seine sanften Kurven, voraus gewinnen im diesigen Tagesgrau die Häuser des Weilers Körzin an Gestalt. Versprechen dicht des Wegs die Maulwurfshügel anhaltend trockene Füße, stehen schon einen Steinwurf weiter die Wiesen flächig unter Wasser. In ihnen stakst ein Storch herum, wahrhaftig, und versucht gar nicht erst, wie ein Silberreiher auszusehen. Ein Storch im Dezember – das muss gleich raus als Bild an die naturversessene Freundin, gleich noch ein O-Ton hinterher, nicht vom Storch, sondern vom Himmel. Die Antwort kommt sofort.

Körzin

Vom Körziner Dorfrand bietet sich ein vieldimensionales Bild in Richtung Norden. Ganz vorn die Kuhweide, grenzend an die Wiesen voller Wasser. Dahinter kahle Bäume in der Ferne und weiter hinten ganze Pappel-Reihen, dann im Hinterkopf gewusst der große See und schließlich als Horizont der sanfte Höhenzug der Glauer Berge, deren Querung einen schon ins Schnaufen bringen kann.

Uferpfad am Pfefferfließ, am Rand von Stangenhagen

Ein Dutzend Häuser bieten viel Futter fürs Auge. Einige haben sich hier ihren Traum verwirklicht oder sind noch dabei, wie der Bursche, der mit seinem Jüngsten einen Gartenacker umgräbt, beide mit großen Atemwolken vor der Nase und gegenseitigem Verständnisnicken. So klein die Siedlung ist, gibt es hier neben Einkehrmöglichkeiten und einem Pferdehof auch eine der wenigen Falknereien im Lande Brandenburg. Das erklärt die großzügigen Parkplatzangebote, und davon abgesehen kann man natürlich herrlich in die Wiesen ausschwärmen oder eine gediegene Runde von etwa einer Stunde drehen. Gegenüber auf der Weide grasen Pferde und Kühe friedlich, trotz gleicher Interessenlage. Ein Pferdemädchen sorgt nebenan für Hufe in Bewegung.

Stangenhagen

Entlang der Bundesstraße scheint dann alles etwas größer gebaut, als es nötig wäre – breite Straße, edler Radweg, riesiges Geländer. Man erwartet umgehend ein Gewerbegebiet. Doch stattdessen schlägt der Radweg einen freundlichen Bogen um ein paar Bäume, und mit der Nieplitz und dem Pfefferfließ werden zwei breite Wässer überquert, die links und rechts mit urigen Landschaften locken. Kurz vor Stangenhagen beginnt am Ende eines althergebrachten Dammweges ein reizvoller Uferpfad entlang des Pfefferfließes, hin zu einem Vogelbeobachtungsturm. Wer noch eine halbe Stunde übrig hat, dem sei der wasserreiche Abstecher empfohlen, der zudem noch die schöne Stangenhagener Dorfstraße mitnimmt.

Uferhang voller Schafe, bei Stangenhagen

Vorbei an der kuriosen und durchaus sympathischen Kirche, die es wohl unter die Top 25 der sachlichsten Kirchbauten der Welt schaffen dürfte, steigt die Straße langsam an, bis sie bei einem kramigen Hof mit einem gelangweilten Hund den Ort verlässt, der nach einer kurzen Anhöhe nicht mehr zu sehen ist. Zwei urige Aussichtsbänke lassen kaum eine Wahl. Hier sitzend ruht der Blick theoretisch auf der weiten Wasserfläche, in der Tat fällt er heute auf enorm viele Schafe, die immer noch mehr werden, je länger man den Blick auf dem schon halb berupften Wiesenhang ruhen lässt. Analog der Situation vorhin. Das lenkt davon ab, dass der Blick aufs Wasser ohnehin vom klammen Uferwald verstellt ist, und führt zu manchem Blickaustausch mit den wettergerecht bekleideten Käuern.

Unterhalb einer bewaldeten Erhebung wird die Spur von knorrigem Robinienwald begleitet, links lässt sich wahlweise auf der Weide laufen. Dann beendet eine buschige Gasse auf schöne Weise den Weitblick, und schließlich, auf Höhe dreier grundverschiedener Grundstücke mit exklusivem Seeblick, kommt nun zum ersten Mal die weite Wasserfläche in Sicht, mit Blick aufs ferne Blankensee, in diesem Fall das Dorf. Passend dazu gibt es schöne Bänke hier und da. Der Weg hält noch immer seine Höhe, die etwa zehn Meter über dem Seespiegel liegt. Landseits wird mehr und mehr eine ausgedehnte Streuobstwiese sichtbar, die nach mehr aussieht als nur einem ausgefallenen oder landlustigen Freizeitvergnügen.

Aussichtsbänke an der Streuobstwiese, mit Seeblick

Endlich kommt der Abstieg, gefolgt von mysthischen Minuten in einem herrlich schwarzwassrigen Bruchwald, dessen Geräusche zur Dämmerstunde man lieber nicht kennen will. Wieder im Licht besteht je nach Wetter, Jahreszeit und Beweidung die Wahl zwischen der stillen Landstraße oder dem Weg am Bruchrand quer über die Wiese. Wer für die Straße entscheidet, kann bis zum Rand von Blankensee gleich drauf bleiben, wer von der Wiese kommt, dem empfiehlt sich ein Bogen vorbei an ein paar Häusern, gefolgt von kaum erkennbaren Schleichwegen und einer abschließenden Wiesenquerung. Das letztgenannte Gemisch ist eindeutig reizvoller.

Blankensee

Am Rand von Blankensee lässt sich schon erkennen, dass dies ein spezielles märkisches Dörfchen ist. Der Weg vom großen Parkplatz hinab zum Ufer lässt an Sanatorium und Kur denken, sieht ein bisschen nach „Bad Blankensee“ aus. Im Herzen des Ortes und auch drumherum wartet einiges, das zu entdecken lohnt, nicht unbedingt alltäglich ist. Als Stichworte abseits der Strecke seien genannt das markante geformte Kirchenzentrum Waldfrieden, die langgezogenen Glauer Berge und vor allem das Naturparkzentrum mit dem weitläufigen Wildgehege. Beides ist gelegen vor den Toren der vielgesichtigen, etwas sonderbaren Friedensstadt. Im Dunkeln leuchten dort die Fenster aus den hanggelegenen Häusern und schaffen durchaus etwas Mittelgebirgsflair.

Der kleine Strand am Blankensee, Blankensee

Selbst ohne Verlassen der Blankenseer Ortslage ließe sich ein schöner Tag verbringen, mit Schloss und Park und Uferwegen, schönen Brücken und einem Abstecher zur Kapellenruine am Seechen, einem Besuch beim Imkerladen oder dem Bauernmuseum mit der Museumsschänke. Der Ort, den man nicht verpassen sollte, ist der Bäcker-Dorfladen mit kleinem Café in der Dorfmitte. Dieser Laden strömt Herz und Seele aus und entlässt niemanden mit leeren Taschen oder leerem Magen. Wer übrigens getrunkenen Kaffee gleich wieder wegbringen will, findet eine der charmantesten Toiletten im Lande gleich um die Ecke, angedockt an ein Feuerwehrhäuschen in Kapell-Gestalt und mit angemalter Mülltonne.

Unten also bei den „Kurhäusern“ kommt jetzt endlich die Stelle, die einen direkt ans Ufer lässt, unverschilft und ohne Blickbegrenzer. Eine Bank steht hier, auf der man sich den strammen Seewind durch die Haare blasen lassen kann, und spätestens jetzt kommt der Gedanke an eine kleine Müritzumrundung wieder, deutlich und kontrastreich. Je länger man nachdenkt, desto mehr Entsprechungen finden sich. Keinesfalls ist es eine Miniatur in Einszueins, doch Stimmung und Gefühl, Unnahbarkeit und Naturnähe, Wildheit und Weite der Horizonte, all das ist nahe dran an dieser Landschaft rund um den größten deutschen See. Etwas vor dem Ufer treiben mit winterlich sparsamer Gestik verschiedene Sorten von Enten, von den Wellen im Ganzen durchgeschaukelt.

Steg mit freier Sicht auf den See, Blankensee

Ewig könnte man hier sitzen, doch zum einen bleibt der Wind nicht ohne Wirkung und die Thermoskanne zeigt schon Boden, zum anderen wird die Sonne bald weg sein, die Landschaft nur noch schemenhaft zu sehen und wir nur schwarze Schatten für die Handvoll Autos, die hier fahren. Also weiter auf den schönen Plankensteg, der einen überm Wasser wandeln lässt, in Augenhöhe mit dem hohen Schilf und in bester Hörweite zu allem, was sich darin abspielt. Einige Spaziergänger zücken Ferngläser und suchen übers weite Wasser, ein paar ältere Damen blieben lieber auf dem griffigen Laternen-Weg, denn der nasse Steg ist rutschig nach den letzten Tagen und dem spröden Wetter. Bei einer winzigen Fallstufe führt eine Brücke über die Nieplitz, deren Uferpfad mit seinen wehenden Trauerweiden stark verlockt.

Weiteren Verlockungen müssen wir widerstehen – dem komplexen Honigladen, dem urigen Museumshof und dem Portal zum Schlosspark, doch beim Bäcker, der eigentlich längst zu haben müsste, geht der Widerstand doch in die Knie. Kurz aufwärmen, was Heißes trinken, das wäre schön, so vor der letzten Stunde Weges. Hier ist noch ordentlich Betrieb, doch die Theken werden jetzt wirklich abgeräumt, die Kühlregale abgehängt. Am Grund der großen Thermoskaffeekanne sind gerade noch zwei Tässchen drin, und so gelingt die erhoffte Unterbrechung.

Hier gibt es alles, was wichtig ist, darüber hinaus noch einige Regalen mit Regionalem. Ein paar davon stehen um einen tragenden Pfeiler, und um das Ganze dreht ein kniehoher Knirps stiefeltapsend seine Runden und zählt verlässlich mit, wobei die Drei die Obergrenze darstellt und daher öfters aufgerufen wird. Beim Verkünden der Zahl wird stets kurz innegehalten. Es ist ein sympathisches Treiben hier drinnen, zusammengesetzt aus verschiedensten Leuten. Zuletzt schlurft noch eine ältere Dame aus dem Dorf hinein und braucht dringend irgendein schickes Brot, weil sich überraschend die Kinder angemeldet haben. Bekommt sie, ihr schickes Brot mit Doppelnamen, von hinten vorgeholt.

Das lebendige Herz von Blankensee

Wieder draußen ist jetzt das Schwinden des Tageslichts unübersehbar, wohingegen die entfernten Schwingenchöre verlässlich den Hintergrund gestalten. Das mit dem Licht ist nicht tragisch, denn auf dem ruhigen Sträßlein würde man schlimmstenfalls sogar bei völliger Dunkelheit bis zum ersten Fensterlicht von Stücken finden – dank der schlichten Sensorik, die Stiefelsohlen auf Asphalt ermöglichen. Doch die fast schon greifbar hohe Luftfeuchtigkeit sorgt für eine diffuse Streuung des verbliebenen Dämmerlichtes und schafft an den Horizonten rundum graulastige Aquarelle mit Waldkanten und Wipfellinien, erstarrten Weiden, Schilfinseln und pfützenglänzenden Wiesenflächen. Irgendwo ganz weit hinten im hohen Grase stehen unbewegt wildlederfarbene Pferde mit Siebziger-Jahre-Mähnen, im erstarrten Formationstanz in den Wind gedreht.

Nur wenige Fahrzeuge stören den Autopilot der Schritte, fordern nur jeweils ein kurzes Verlassen des Asphalts ein. Noch einmal wird im Süden kurz die Wasserfläche sichtbar, in deren nassen Uferbereichen detailreich all die Vogelleiber zu ahnen sind, die sich in die Verteilung der Schlafplätze arrangieren. Anfangs noch wuselig, dann mehr und mehr geordnet.

Die einzige Stelle, wo die Straße durch Grundstück und Buschhecke etwas schmaler wird, ist bei den Häusern von Breite. Dahinter bestimmt das Wasser des Königsgrabens und seiner Adern die Niederung, und vor dem Flankieren des Weinbergs ist sogar noch eine letzte Rast drin, mit den allerletzten Schlückchen warmen Tees. Erst hinter der Höhe kommt Stücken in Sicht und sieht mit all seinen Fensterlichtern nun besonders heimelig aus.

Stille Straße durch die weite Niederung, bei Breite

In der Ortsmitte zeigt sich, dass diese Stimmung sich noch steigern lässt. Hinter einer offenherzigen Hofeinfahrt ist im Fliederhof ein allerliebster kleiner Adventsmarkt aufgebaut, der unmittelbar mit stillen Fackeln und kienknackenden Feuerschalen lockt, darüber hinaus beim Nähertreten mit Düften von Flüssigem und Festem sowie allerlei Ergebnissen menschlicher Handfertigkeit. Friedlich ist die Stimmung, die Dimension überschaubar und Futter da für alle Sinne. Die Finsternis der längsten Nächte hat in Minuten übernommen, betont jede der bewegten Flammen und wäre jetzt an keinem anderen Ort willkommener.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): wochtags über Regionalbahn nach Michendorf, von dort Bus (ca. stündlich)(ca. 1,15 Std.); am Wochenende seltener, alternativ über Potsdam (ca. 1,45 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über A 115 (Avus), dann Saarmund abfahren (ca. 1 Std.); alternativ über B 101 und A 10, dann Michendorf abfahren (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: 17,5 km (ohne Südhaken 15,5 km)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Internetauftritt von Stücken

Nuthe-Nieplitz-Niederung

Informationen zu Blankensee

Naturpark-Zentrum am Wildgehege Glauer Tal

Landbäckerei Röhrig in Blankensee

 

 

Einkehr:

Landhaus zu Stücken, Stücken
Fliederhof Syring (Café-Restaurant)

Restaurant Landlust, Körzin
Café Zum Kirschbaum, Körzin

Landhaus Waldfrieden (geöffnet zu Johannischen Kirchenfesten), Blankensee
Museumsschänke am Bauernmuseum, Blankensee
Landbäckerei Röhrig (mit Laden und Café), Blankensee

Gastronomie im Naturpark-Zentrum Glauer Tal (knapp 1 km östlich von Blankensee)