Grobskizziert – Eichenbrandt: Drei gute Gründe und die körperlose Axt im Walde

So wie in diesem Jahr der September nach der letzten August-Stunde umgehend den großen Schalter von sommerlich mild auf herbstlich kühl umlegte, macht nun auch der Oktober Ernst, punktgenau und ab dem ersten Tag. Verwöhnte der letzte Septembertag noch wohlig-versöhnlich mit sanfter Wärme und Potential für freie Schultern, riss ihm der Oktober den bunten Altweibersommerfummel vom Leibe und ließ ihn direkt im nächsten tiefen Brunnen verschwinden, mit grauem und direktem Blick.

Wald im mittleren Gamengrund

Als wenn das noch nicht reichen würde, baute sich zwei Tage später ein Sturmtief auf, das von Tag zu Tag mehr mit seinen Bizepsen rollte und sich weitere zwei Tage später mit aggressiver Wucht entlud, bevorzugt über Norddeutschland. In nur zwei Stunden wurde in Brandenburg und Berlin so viel Lebend-Holz zerlegt, wie es nur ein Sturm bewirken kann, der viel zu zeitig kommt und alle Kronen noch belaubt erwischt, mit voller Angriffsfläche. Mehrere Menschen überlebten dieses schwere Sturmereignis nicht, zumeist aufgrund stürzender Bäume.

Der Name des Vandalen musste mit dem Buchstaben X beginnen, gemäß der alphabetisch durchlaufenden Namensvergabe. Da beim X nur eine bestimmte Auswahl an halbwegs glaubhaften Namen verfügbar ist, wurde es wieder eine Variante von Xaver, diesmal Xavier. Nicht der erste Xavier in diesem Jahr, doch leider folgenreich und unvergesslich wie einst Kyrill.

Freigeräumter Weg nach den Sturmtagen, bei Eichenbrandt

Tage später ist es beim Bewegen in der Stadt und auf dem Land gleichermaßen kaum zu fassen, was die Naturgewalt alles verursachte und was die Feuerwehren und sonstigen Helfer in dieser kurzen Zeit geleistet haben. Eine Zeit, in der die Zahl der Einsätze in den vierstelligen Bereich ging und es fast unmöglich gewesen sein muss, Prioritäten zu vergeben, weil ja irgendwie alles ineinander verzahnt ist.

Im Umland gibt es nach fast einer Woche noch immer Probleme auf den Straßen, und an fast allen Fahrbahnrändern zeugen liegende Laubbäume mit aufgeworfenen Wurzelballen von der Wucht des Sturmes.

Einstieg in den Gamengrund bei Leuenberg

Tiefer Wald

Abgesehen von solchen Großereignissen äußeren Aufruhrs oder auch damit verflochten gibt es Zeiten innerer Unrast auch in jedem kleinen Menschenleben. Zeiten, die in vielen Hinsichten so vollgestopft sind, dass man in der nächstgelegenen Freizeit einfach nur stundenlang durch die Botanik streifen möchte, ohne einen einzigen Menschen zu treffen, wortwörtlich. Ohne jegliches Gerangel, Gedrängel oder Ausweichen, ohne Notwendigkeit zur räumlichen Rücksichtnahme oder wortlosen Argumentation. Einfach den Wind ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder rauslassen und dazwischen gerade so viel Synapsentätigkeit, um nicht über die eigenen Beine zu stolpern. Widerstandslos und willig Regentropfen erdulden, die genau in die kleine Kragenlücke am Nacken tropfen oder gekrümmte Stöcker, die durchs eigene Darauftreten zeckend an den Unterschenkel knallen. Das Ganze bevorzugt tief in schönem, besonderem Wald.

Langer See oder Mittlerer See im mittleren Gamengrund

Wenn selbst der Weg dorthin sich noch zum gelinden Hindernisparcours gestaltet, ist es umso wohltuender, vor Ort den ersten Schritt zu tun, tief einzuatmen und diese hochqualitative und von Stille getragene Luft durch den ganzen Körper strömen zu lassen. Wenn irgendwann der märkische Ruhepuls erreicht ist, schalten sich nach und nach die Sinne zu. Mit jedem bunt belaubten Baum, jedem Duft von Harz und Kiefernnadeln, dem pulsierenden Rauschen der restlichen Winde in den Wipfeln und der punktuellen Kälte der allerletzten Böen kehrt mehr Ruhe ein im eigenen Gebälk. Bis man schließlich nur der Linie auf der Karte folgt, wenn das denn geht vor lauter umgelegten Bäumen, und ruhig wird und friedlich. Schließlich.

Abendliche Eichenallee bei Heidekrug

Die Möglichkeit auf solche Entlegenheit findet sich zuhauf in den einsamen Nordregionen von Prignitz und Uckermark, sicherlich auch in den eindrucksvollen Weiten rund um die einstigen Lausitzer Tagebaue. Doch es geht auch weniger entlegen. Schon kurz hinterm Berliner S-Bahn-Bereich gibt es eine Möglichkeit, zwei bezaubernde und zudem ausgeprägte Eiszeitrinnen zu einer entlegenen Tour zu verbandeln, auf der man scheinbar ununterbrochen durch tiefe Wälder zieht. Selbst die Querverbindung zwischen beiden haut in diese Kerbe und gibt sich trotz flacher Ausprägung wie ein versunkenes Waldtal.

Gamengrund

Der Gamengrund ist ein wahrer Zauberkünstler, was vielfältige Naturschönheit und Waldromantik betrifft. Zwischen den westlichen Strausberger Seen und dem Oderbruch bei Falkenberg liegen nur reichlich zwanzig Kilometer, doch auf dieser Strecke wird in der meistenteils bachlosen Landschaftsfurche eine Vielfalt entfesselt, die wohl fast jeden wiederkehren lässt, der einmal hier war.

Nördlicher Gamengrund bei Krummenpfahl

Mehr als ein Dutzend schlanke Seen und verträumte Weiher ruhen in der Tiefe dieses Grundes, der manchmal siebzig Meter ins umliegende Land eingegraben ist, manchmal nur etwas über zehn. Die Vielfalt des Waldes reicht von hochgewachsenem Erlenbruchwald bis hin zu Fichtenwäldern, die an Gebirge denken lassen, besonders in verschneiten Wintern. Sie sind so dicht und dunkel, dass hier einfach Wesen leben müssen, die sonst am ehesten im Märchenbuch zu finden sind. Dann wieder gibt es lichte Hänge mit flächigen Teppichen aus Buchenlaub. Dazwischen, meist ganz unten, stehen jahrhundertalte Baumriesen mit glatter Buchenhaut oder zerfurchter Eichenborke, riesige Douglasien und auch mal eine Tanne.

Nadelränder am oberen Grenzgrund

Ein Haus gibt es im Gamengrund nur ganz am Rand von Tiefensee oder bei Leuenberg, dann kurz vorm letzten See im Norden die in Terrassen angelegte Laubensiedlung für das Wochenende. Die liegt unterhalb des Dorfes Krummenpfahl, scheinbar in einem Talkessel.

Wenn man, egal an welcher Stelle, diesen entrückten Grund wieder verlässt und sich zuvor so ganz woanders wähnte, wird man zum einen seine Tiefe in den Beinen merken, zum anderen oben im Lichte staunen, dass man wirklich hier in Märkisch Oderland über die Felder schaut. Kurz hinter Strausberg, oder kurz vor Bad Freienwalde.

Grund ohne Namen

Etwas weiter östlich gibt es ein Pendant, das in vielen Belangen weniger eindeutig ist als der Gamengrund und ebenfalls für Schönheit steht und Einsamkeit. Fährt man mit dem Finger über ein Geländemodell, gibt es eine größere Lücke, wo die Fingerkuppe ohne Führung ist und nach dem Anschluss suchen muss. Was am kurmondänen Rand von Bad Freienwalde als Brunnental beginnt, setzt sich leicht nach Westen versetzt als Geländerinne fort, vorbei an Steinbeck, Biesow und Blumenthal, bis es schließlich so nobel im Straussee sein Finale findet, wie das der Gamengrund im Fänger- und im Bötzsee tut. Auf knapp ein Dutzend langgezogene Seen und Pfühle kommt auch dieser namenlose Grund, und auch hier gibt es so manche steile Flanke sowie ein paar versumpfte Ecken, in denen Mysthik wohnt zu jeder Tageszeit.

Rastmöglichkeit nördlich von Gielsdorf

Heidekrug

Die Wälder dazwischen vollbringen an einer Stelle das kleine Kunststück, selbst über die Höhe ein schönes Waldtal anzubieten, wenn auch ein flaches. Nach einem spürbaren Aufstieg aus dem Gamengrund kommt man vorbei an Heidekrug, einem Platz im Wald, der nichts von dem erfüllt, was sein Name an Erwartung weckt. Keine Waldeinkehr ist hier, auch keinerlei Romantik oder Landlust-Szenen, dafür ein gepflegter Wetter-Radar-Turm sowie verfallende Kasernen, zwischen denen man sich gegenseitig mit kleinen Portionen Farbe beschießen kann.

Grenzgrund

Kurz hinter einer urigen Rasthütte, in der dank eines soliden Abzuges manchmal ein schönes Feuer lodern darf, beginnt kaum spürbar und mit weitem Blick durch lichten Wald der Grenzgrund. Seine Waldvielfalt spielt fast in einer Liga mit dem Gamengrund. Ganz langsam bilden sich die Flanken aus und gewinnen nach und nach an Steilheit, und zum Ende gipfelt das Ganze schließlich weglos und fast etwas dramatisch in einem ausgeprägten Seitental des namenlosen Grundes.

Herbstlicher Gamengrund bei Wesendahl

Unten liegt langgezogen und tief eingesenkt der Große Lattsee. Wie bei fast allen Seen dieses Talgrundes besteht freie Wahl der Uferseite. Westlich läuft ein schmaler Pfad, durch dichten Wald, wild und romantisch, unter dem laubbedeckten Hang am Ostufer ein gediegener Weg, der ein paar schöne Badestellen bietet – falls das gerade von Belang ist.

Eichenbrandt

Dort, wo beide Wege enden, quert eine breite Forststraße, die im Anstieg hier und dort noch altes Pflaster sehen lässt. Nach so viel Wald und Stamm und Wipfeldichte sind jetzt Licht und freier Blick willkommen, und davon gibt es reichlich auf dem letzten Stück der Runde. Immer der Linie des Waldrandes folgend gelangt man vorbei an einem verlassenen Gehöft und einer herrlichen Eichenallee ins gemütliche Dörfchen Eichenbrandt, das sich als Startort anbietet. Nicht zuletzt deswegen, weil dann die erwähnten ersten Schritte durch eine zutiefst beruhigende Reihe von Kastanien führen, bevor der Weg sich absenkt in die Wälder. Eine gute, eine wunderbare Starthilfe im Streben nach dem märkischen Ruhepuls.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): keine direkte Verbindung; wahlweise Regionalbahn über Lichtenberg und Werneuchen nach Werftpfuhl, von dort Wander-Zuweg in den Gamengrund (ca. 3 km)

Anfahrt Pkw (von Berlin) über Landstraße, wahlweise über Werneuchen oder Strausberg (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen gut möglich)(dargestellte Tour/Download-Wegpunkte sind problembereinigt)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

 

Links:

Seite der Naturwacht Gamengrund (mit Tourenvorschlägen)

Informationen zum Gamengrund

Flyer zum Wandern im Gamengrund (PDF)

Flyer zum Wandern im Gamengrund (PDF)

 

Einkehr:

Gasthaus am Berg, Werftpfuhl

(in Leuenberg, Werneuchen und Tiefensee div. Gastronomie)

 

 

Lebus: Höhenpfade, Odervielfalt und die verlassenen Schneckenhäuser

Selten war der Wechsel zwischen August und September so klar auch ein Wechsel vom Sommer zum Herbst. Wie das Umklappen eines Kalenderblattes, wie ein pragmatischer Vollzug von Fakten. Wer die warme Jahreszeit besonders liebt mit ihrem vielen Licht, den lauen Abenden und ärmellosem Draußensein, hat sicherlich geschluckt. Wer hingegen gern den Herbst zelebriert, mit seinen Düften und Farben, dem warmen Licht der abendlichen Sonne und den zahlreichen Optionen der Gemütlichkeit zwischen vier Wänden, wird jetzt aufatmen und feiern angesichts der Monate voraus.

Blick von den Lebuser Adonishöhen auf Frankfurt

Ob man es nun als Spätsommer betrachten will oder als Frühherbst, die Lichtstimmungen des tieferen Sonnenstandes stehen beiden Lagern zur Verfügung. Eine schöne Bühne für diese Spiele ist die wechselvolle Landschaft an der Oder bei Lebus.

Das odernahe Land zwischen Frankfurt und Schwedt steckt voller Widersprüche, und der Blick über diesen Fluss vermittelt fast an jeder Stelle etwas Fernes und Wildes. Dass die Oder keinesfalls aus dem nahen Polen kommt und zudem beim Erstkontakt mit der deutsch-polnischen Grenze schon 550 Fließkilometer hinter sich hat – fast so weit wie von Aachen nach Zittau – verleiht diesem Eindruck noch mehr Gewicht. In der Tat gibt es in Tschechien ein Mährisches Odergebirge, wo sich die Oder zunächst als feuchter Waldboden, dann als kleines Rinnsal auf den langen Weg zum Stettiner Haff macht.

Abstieg ins Tal des Mühlengrabens

Der augenfälligste Widerspruch erwacht aus der Erwartung an die topfebenen Weiten des Oderbruchs, das in Brandenburg einen großen Teil des Flusslaufs begleitet. Dabei bindet es fast liebevoll die ziellosen Schlingen der Alten Oder ein, deren Regelmäßigkeit dem Spiel eines sechswöchigen Kätzchens ähnelt. Diese alleenreiche Ebene mit ihrer sagenhaft schwarzen Ackerkrume gibt es, ausführlich sogar, doch dem gegenüber stehen spontan erwachsende und schroffe Höhenzüge, die mit ihren Tälern, Steilhängen und ihren blumenreichen Wiesen immer wieder und völlig zu Recht ans Mittelgebirge erinnern. Dabei sind es nur vereinzelte Stellen, die die Hundert-Meter-Marke knacken.

Obsthang am Bruch, bei Wüste Kunersdorf

Im Süden des Oderbruchs liegt Lebus. Ein faszinierender Ort, der bei jedem Besuch aufs Neue überrascht, wenn man sich ein wenig treiben lässt. Bis im 13. Jahrhundert als gezielte Konkurrenz die Stadt Frankfurt gegründet wurde, gab es keine wichtigere Stadt im großen Umkreis, der noch heute „Land Lebus“ genannt wird.

Neben gemütlichen Straßen und Gassen existiert zwischen Kirche und Burghöhe ein unvergleichliches Geflecht von Wegen, auf die sich in Flutzeiten ausweichen lässt. Mittlerweile können sie als touristisches Alleinstellungsmerkmal betrachtet werden – das Ergründen dieser schmalen Wiesenpfade ist von speziellem Zauber, nicht zuletzt der Aussichten wegen. Auf Augenhöhe mit dem Kirchturm reicht der Blick über die Oder mit ihrer hakeligen Uferlinie weit hinein ins Nachbarland.

Vorgefundene Accessoires bei den Obstwiesen

Nördlich von Lebus beginnt es dann, das platte Oderbruch. Doch die flussüberragende Höhe, auf der die Stadt einst gegründet wurde, setzt sich als Reitweiner Sporn bis nach Reitwein fort und tut das sehr markant. Vor dem Dorf legt sie eine Art Vollbremsung hin, fällt spontan ab und erreicht bei einer silhouettendienlichen Schinkel-Kirchruine den Reitweiner Ortsrand. Ab dort geht das Oderbruch auf volle Breite und wird im Westen erst von der Moränenkante begrenzt, zu der die Seelower Höhen zählen. Weiter nördlich übernehmen das die kleinen Schweizen rund um Bad Freienwalde sowie die große Oderinsel, die seinerzeit zwischen altem und neuem Oderlauf entstand. Südlich von Lebus reicht dieselbe hohe Kante fast hinein bis Frankfurt und sorgt dort für ein kurioses Stadtbild, wo sich Plattenbauten wie agile Wellenreiter geben.

Mühlteich, bei Bruckmühle

Lebus

Beim Meisterbäcker Falk in Lebus ist noch ziemlich reges Treiben, obwohl sich die Öffnungszeiten anderer Läden schon ins Wochenende zurücklehnen. Jeder, der reinkommt und was kauft, nimmt auch mindestens eine Tüte Kekse mit. Das können wir nicht auf uns sitzen lassen, tun es auch so und probieren. Und kaufen gleich noch eine nach.

Vom zentralen Kreisverkehr am gut erhaltenen Kulturhaus ist es knapp ein Kilometer bis zur alten Bahntrasse, die kaum noch zu erkennen ist. Noch vor zwanzig Jahren fuhren hier Züge, die von Küstrin kamen oder von Frankfurt. Stille Straßen führen zum Ortsrand, und dreht man sich zwei Minuten später nochmal um, wirkt es unwahrscheinlich, dass dort ein größerer Ort liegen soll.

Ausgelatschte Stiege auf die Aussichtsplattform, Oberkante Adonishänge

Voraus erstreckt sich breit und unter dunklen Wolkenbändern die wellige Landschaft, entfernte Türme zeugen von der großen Nachbarstadt. Überall ist Platz und Weite. Ein kleiner Abstieg führt hinab ins Tal der Mühlengrabens, das fast platzt vor üppigem Grün. Das ist ein Charakterzug dieses rekordnassen Sommers, der alles Wachstum ins Uferlose trieb. Die Holunderbüsche hängen so voll mit extradicken Früchten, dass man an einem einzigen die Tüten vollbekommen würde, die man gerade selbst noch transportieren kann.

Blick von den Aussichtsbänken auf Frankfurt

Am Mühlengraben treffen ein hochbeiniges Eisenbahn-Viadukt, liebliche Obstwiesen und ein hochstämmiger Bruchwald aufeinander und sorgen nicht nur zur Dämmerstunde für eine Stimmung, die man Caspar David Friedrich guten Gewissens hätte anbieten können. War die Obstwiese erst noch flach, erklimmt sie hinterm Viadukt einen sanften Hang und taugt gemeinsam mit dem Weg anstandslos als Märchenfilm-Kulisse. Nach einer schönen Sonnenbank und noch vor der Straße ruht rechts ein stiller Angelteich, dessen romantisch gelegener Auslass das goldene Wasser des bruchgefilterten Mühlengrabens angemessen inszeniert.

Am oberen Hangweg, mit blühenden Herbstwiesen

Adonishänge

Einen Bruchwald später beginnt mit einer urigen Stiege der Aufstieg auf die Wiesenkante oberhalb der Adonishänge. Die folgende Viertelstunde ist gut geeignet zum anhaltenden Staunen – es ist eine der sagenhaftesten Stellen auf den Oderhöhen, zudem so dicht am breiten Fluss wie selten sonst. Die Hänge hier sind weithin bekannt, da sie besonders reich sind an Frühlings-Adonisröschen. Wenn diese wirklich wunderschönen Blumen blühen, wechseln die Busse auf dem Parkplatz in kurzen Abständen. Ganz abgesehen vom goldglänzenden Frühlings-Spektakel, das deutschlandweit seinesgleichen sucht, wohnt dem Zusammenspiel von steilem Hang und wilder Oderaue eine zurückgenommene Dramatik inne – das ganze Jahr über und natürlich ganz besonders, wenn das Licht für Stimmung sorgt.

Strand an der Alten Oder, bei Lebus

Am oberen Ende der Kante stehen auf einer kleinen Plattform drei Bänke, die einen hinreißenden Blick anbieten – die Skyline von Frankfurt, präsentiert hinter einer weiten Oderkurve. Die Farbe des träge bewegten Wasserspiegels wechselt in Minuten von flüssigem Silber zu mattem Titanium, von intensivem Blau zu kurz vor schwarz.

Hat man sich davon losgerissen, beginnt dieser herrliche Weg direkt oberhalb der Steilkante. Selbst jetzt im spätsommerlichen Frühherbst sind hier die Wiesen noch bunt und prächtig, und wieder kommt das Mittelgebirge in den Sinn. Auf fünfzig Meter über Null. Einige der Blüten und Rispen hinterlassen Fragezeichen selbst bei Versierten.

Kietzer Straße, Lebus

Ganz zuletzt ist im Norden durch eine Baumlücke der eindrucksvolle Reitweiner Sporn zu erahnen. Kurz darauf der Einschlupf in den Abstieg lässt bis zum letzten Meter daran zweifeln, dass es wirklich hier hinabgeht, man nicht zurück zur Treppe muss. Unten ist der Weg dann breit und grasig und flankiert bald einen dickköpfig wirkenden, enorm steilen Hang. Noch etwas tiefer streift er schließlich als idyllischer Pfad ein Strändlein, bevor an einem der nagelneuen Grenzpfeiler das erste Haus in Sicht kommt.

Hochwasserpfad oberhalb des Ortes

Lebus

Im Ort sind alle Straßen im Einzugsbereich möglicher Hochwässer gepflastert und damit schön und dauerhaft zugleich. Der Blick die Kietzer Straße entlang beruhigt, nicht zuletzt auch deswegen, weil hier zwei gemütliche und reizvolle Möglichkeiten liegen, Hunger oder Durst zu stillen. Das passt mehr als gut, denn irgendwie sind wir heute eher hungrig als sonst – wohl der Bergluft wegen.

Odersträndchen

Eine erste Kostprobe der schönen Hochwasserpfade genehmigen wir uns als luftiges Kompott und genießen von oben den Blick der Blicke in Lebus, direkt oberhalb der Kirche. Alle Pfade sind frisch gemäht, auch die Gebüsche am Hang, und haben verlassene Häuser von Weinbergschnecken freigelegt. Diese architektonischen Meisterwerke sind als Dauersuchauftrag schon seit einem Jahr dabei, für eine früher mal gesehene schöne Weihnachtsbastelei. Am Ende klappern zwei Dutzend hohle Wendeln in der Sammeltüte – mit und ohne Erde, von blassweiß-filigran bis eichenbraun und rustikal. Und auf jeden Fall verlassen.

Lebus im Busch

Entlang vorabendlich duftender Hänge mit Robinien, dichtem Buschwerk und viel Hopfen nehmen wir noch ein schönes Seitental mit und ziehen dann vorbei an Lebus im Busch zum südlichen Rand des Oderbruchs. Landen prompt auf einer dieser endlos geraden Straßen, die vielleicht ein Alter Fritz mal abgesegnet hatte. Links liegt mal ein kleines Bruch oder eine weite Wiese, rechts dafür dann ein Gehöft mit Blick zum Oderdeich. Von hinten rauscht routiniert ein entspannter Skater heran auf diesen extragroßen Rollen, die überhaupt nicht wendig sind, doch dafür extraschnell. Und ist schon bald nicht mehr zu sehen, trotz schnurgerader Straße.

Wassergewirr in den Auen der Alten Oder

An einem hundert Meter langen Quader aus Strohblöcken biegen alle ab, die angeln wollen, ihre Ruhe haben oder beides. Wo die Zufahrt endet, beginnt hinterm Deich ein krautiger Weg direkt in die Oderaue, der sich trotz gewissem Risiko auf Weidezäune zu gehen lohnt. Immer geradeaus landet man mitten in der Oder, auf einem dieser Uferhaken, die auf schwerem Steinwerk ruhen. In Richtung Norden sorgt die Gegenströmung dieser Buchten für hübsche kleine Strände, an denen sicherlich auch ein zwei Körnchen aus dem fernen Tschechien liegen. Wenn das Wetter stimmt, der Himmel blau ist und das Oderwasser duftet, ist ein Bad hier ein Genuss – dabei ist keinesfalls die Strömung zu unterschätzen. Ansonsten lässt man sich einfach in den tiefen Sand fallen, kippt nach hinten um und genießt den Blick in den Himmel zu den Klängen, die der Wind so rüberweht. Jetzt gerade sind das die rauschenden Pappeln in den Auen, flussaufwärts blökende Schafe aller Stimmlagen und ein Angler, der seinen Anglerkram auspackt, mit schnappenden Verschlüssen.

Einer der Blicke auf Lebus

Heute erwischt es uns mit Weidezäunen, doch das ist einzusehen. Auch hier ist alles Grüne explodiert, und so haben die Schafe intensiv damit zu tun, der Sache Herr zu werden. Nur kurz werden wir fixiert von knapp dreihundert Augen.  Also zurück zum Deich und dann von hinten nochmal in die Auen rein, die hier durchzogen sind von stillen Buchten und frei geformten Nebenbecken. Drei Schwäne fliegen hin zum Fluss, synchron in allen Dingen und mit dem typischen Geräusch.

Nach den krautigen Wegen ist es jetzt regelrecht entspannt auf der asphaltglatten Deichkrone. Voraus präsentiert sich Lebus hinter immer neuen Variationen aus Oderspiegelwasser und Auenbäumen und macht den gekrümmten Weg zu einem Genuss von milder Spannung. Wuchtige weiße Kühe malmen ihr frisch Gerupftes, alle mit gehörnten Häuptern. Das verdoppelt den Respekt. Der Hirte dreht seine Abendrunde mit dem Jeep.

Abendblick aufs weite Nachbarland

Nach einer letzten Rast am leicht martialischen kleinen Oderhafen steigen wir noch einmal in die Flanke und stoßen per Zufall auf wieder neue Schleichwege und Pfade unterm Schlossberg. Ein kleines Motorboot arbeitet sich gegen die Strömung in Richtung Frankfurt und schafft mit der endlosen polnischen Weite, dem matt glänzenden Oderstrom und dem schwindenden Licht ein Feierabendbild, das innerlich zutiefst beruhigt.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): in der Woche mehrere Verbindungen, mehrfache Umstiege (2,25-2,5 Std.), am Wochenende nur wenige Verbindungen; insgesamt wenig praktikabel

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (B1/B5 etc.) oder über A12 (jeweils ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 19 km, Abkürzungen sehr gut möglich

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Tourist-Information Lebuser Land

Adonisblüte bei Lebus

Informationen zu Lebus

 

Einkehr: Oderblick (unterhalb der Kirche, gute Küche, freundlich, drinnen und draußen schön, direkt am Fluss)
Anglerheim (am nördlichen Ortsrand, sehr gemütlich, drinnen und draußen schön, gute Küche, freundlich, mit Oderblick)

 

Röddelin: Drei Gipfel, zwei Esel und der Besuch bei Tante Erika

Der letzte eigentliche Sommermonat geht in sein Finale, begleitet von so manchen dickbäuchigen, ausdauernden Schwalben und ein paar zeitlich verirrten Meisen, die hier und da irritiert ein Frühlingstönchen rauspiepsen. Souveräner agieren da schon die Krähen, die kühldunstige Morgenluft wittern und von Woche zu Woche mehr Präsenz zeigen über den Äckern und in den Wipfeln. Dass die Schwalben so korpulent sind, liegt wohl am Überangebot draller Mückenleiber, und dass sie überhaupt noch hier sind wohl daran, dass sie für den anstehenden Interkontinentalflug schlichtweg abspecken müssen, damit nötige Reserven und Fluggewicht sinnvoll die Waage finden. Die ersten Gänseschwärme jedenfalls üben schon für langstreckentaugliche Formationen, fürs erste in beliebigen Himmelsrichtungen.

Tief in der südlichen Kleinem Schorfheide

Auf dem Terminplaner für kleine und große Naturereignisse sollte dieser Tage die Erinnerung an die Heideblüte aufploppen. Die hat in diesem Jahr mehr als pünktlich begonnen – anscheinend gab all das Himmelswasser auch diesem Trockenspezialisten mehr Kraft und Tempo. Wer ansonsten in Brandenburg auf Nummer sicher gehen will, wartet in der Regel bis in den September, doch dieses Jahr darf es etwas früher sein.

Was die gepanzerten Heere des Ostblocks in vielen Regionen hinterlassen haben, ist nach mehreren Jahrzehnten und aufwändigen Beräumungsmaßnahmen zu Naturparadiesen ganz besonderer Art gewachsen. Während die Lüneburger Heide eine Art natürliche Kulturlandschaft ist, die unter dem großen Appetit vieler Weidetiere entstand, wurden Gebiete wie diese per Maschinenkraft weitgehend kahlrasiert und plattgemacht, damit ein freies Schussfeld gegeben war. Nach dem Ende von vielzylindrigem Motorengebrüll und verschossener Munition jeglicher Größenordnung blieb erst einmal wüste Weite, viel Schutt und Schrott – und eine große Ruhe. Nur die Anspruchslosesten konnten im narbigen Gelände Fuß fassen und es schließlich zurückerobern, der Landschaft wieder zu einem Gesicht verhelfen. Zu ihnen gehört neben genügsamen Kiefern und schnellwachsenden Birken eben das robuste Heidekraut.

Zustieg zum Gipfel bei Hohenfelde

Da es eine ganze Reihe solcher Flächen gab, ist die Auswahl groß und die Richtung der Anreise frei wählbar. Besonders weitläufig und dadurch eindrucksvoll ist die ferne Reicherskreuzer Heide unweit von Neuzelle, besonders stadtnah und vielfältig die Schönower Heide, die über Bernau per S-Bahn zu erreichen ist und allerlei Tiere beherbergt. Wer in diesem Sinne immer schon mal die Sielmann-Naturlandschaft Döberitzer Heide erkunden wollte, kommt dorthin recht bequem mit der Regionalbahn. Auch der passende Bahnhof Dallgow-Döberitz liegt noch im C-Bereich. Große Vorkommen von Erika hat auch die havelnahe Himmelpforter Heide mit der Kleinen Schorfheide. Letztere lässt sich über das schöne Städtchen Templin erreichen.

Templin

Die relativ übersichtliche, dennoch ausgedehnte Heidelandschaft zwischen dem Großen Beutelsee, der Havel und der havelstrebigen Templiner Seenkette ist zudem eine schöne Gelegenheit, dem zauberhaften Templin einen oder zwei Besuche abzustatten – wahlweise vor oder nach der Tour oder beides. Wer die Stadt noch nicht kennt, hat eine ganz besonders schöne Entdeckung vor sich. Innerhalb der gut erhaltenen Stadtmauer mit ihren Toren lässt sich Templin mit Pflaster unter den Schuhen einmal komplett umrunden – ein Genuss von circa einer halben Stunde. Und wer bisher nur innerhalb dieser Mauern unterwegs war, kann auch jenseits des betagten Walls viel Schönes finden, zum Beispiel auf dem Spazierweg entlang des Templiner Kanals zum Bahnhof.

Über den Dächern von Röddelin

Röddelin

Von Templin ist es nicht weit nach Röddelin, auf dem Märkischen Landweg etwa eine Stunde, mit dem Auto nur ein paar Minuten. Ein schönes, aufgeräumt wirkendes Dorf, in dem ein halbjahrhundertalter zweisprachiger Wegweiser noch an Zeiten erinnert, als die russische Sprache hier eine Rolle spielte. Davon unbeeindruckt steht die kleine Kirche auf dem Wiesenanger. Jede ihrer Türen wurde vor Kurzem frisch gestrichen, und so vermischt sich dieser durchaus angenehme Geruch mit dem typischen Duft alter Feldsteinkirchen, für den wohl grobe Steinböden, betagtes Gebälk und alte Kirchenbänke verantwortlich sind. Der Innenraum ist fast quadratisch und wie die Türen in zarten Blautönen gehalten, unter den Himmel duckt sich eine winzig kleine Orgel. Sie duckt sich wirklich. Trotz eines offenstehenden Fenster es ist so still, wie es nur in solchen Kirchenräumen sein kann.

Ganz am Ende der Straße locken die Seeterrassen zur ersten Pause, doch die Lust auf Landschaft und der Bewegungsdrang sind stärker. Mit Blick über die Dächer geht es schön hinab ins Dorf, wo der Blick in herrlichen Vorgärten hängenbleibt. Jemand hat seiner Familie und sich und sicher auch dem Kind in sich ein farbenfreudiges Domizil geschaffen, das sämtlichen wildromantischen Traumbildern vom wonnigen Landleben gerecht wird, mit Herz und noch mehr Seele. Da fehlt auch nicht der krumme Lattenzaun oder das Baumhaus hoch im Wipfel mit Hängebrücke in den nächsten. Ein Ferienkind aus der Stadt trödelt mit seiner entsicherten Angelrute über die Dorfstraße hin zum kleinen Bach, und ein Papa fährt mit seinem Steppke eine Runde auf dem Chopper, nicht langsam und nicht schnell und selbstverständlich ohne Helm. Vom Sozius strahlt es.

Zwei Esel im Bild, Schleuse Kannenburg

Hohenfelde

Vom Dorfrand führt ein gemütlicher Sandweg hinauf zu den Häusern von Hohenfelde, die nah am höchsten Punkt einer Art Insel liegen. Um von oben die Insellage zu erkennen, sind die Grüngürtel der umgebenden Seen hoch, doch allein das Wissen ist charmant und verhilft zu einem besonderen Gefühl. Wer eine Karte dabei hat, kann es noch verstärken. Eine alte Lindenallee führt von Hohenfelde zurück zum Hauptweg, der auf Höhe einer schönen Uferstelle die Insel verlässt. Ein paar Autos stehen hier, natürlich auch der obligatorische, untermotorisierte VW-Bus sowie zwei Zelte. Dahinter wechselt jetzt die Landschaft, die durchzogen ist von beschilderten Wanderwegen.

Wer es gar nicht erwarten kann, die ersten violett blühenden Rispen unter die Augen zu bekommen, kann auf den nächsten Parallelweg wechseln, der dem Rand des Truppenübungsplatzes folgt. Hier sieht es aus, wie es aussehen soll und eben so aussieht an solchen Plätzen. Ein sandiger Weg mit etwas struppig trockenem Narbengras, drumherum kleine Kiefern aller Größen und auch ein paar Birken, und schließlich hier und da ein Büschel Heidekraut, das selbst unterm Wolkenschatten etwas leuchtet. Von Steinwurf zu Steinwurf nimmt die Zahl und schließlich auch die Dichte dieser Büschel zu – und Heidesucher-Herzen fangen an zu traben.

Gepflegter Schweineacker mit Verschiedenaltrigen, Schleuse Kannenburg

Schleuse Kannenburg

Wieder im Wald und zurück auf dem Hauptweg verlockt bald der Abzweig zur Schleuse Kannenburg. Dort erhoffen wir ein windiges Rastbänkchen am Wasser, vielleicht mit Blick auf das Geschehen an der Schleuse. Stattdessen liegt da unten ein belebter Platz voller Wonne, mit entspannter Atmosphäre und der Option auf Ausschank und ein Mittagsmahl am Wasser. Die Schleuse mit ihrem weiten Wiesenareal taugt ganz allein als Ausflugsziel, wo sich problemlos Zeit verbringen lässt, viel Zeit. Gern auch ganz wörtlich und quasi maßlos in dem exklusiven Ferienhaus mit dem allereinzigsten Ausblick auf den Kleinen Lankensee. Gegenüber des ausgedehnten Schankgartens ruht ein wohlduftender und kühler Bruchwald, der für stetig frischen Mückennachschub sorgen sollte, doch davon ist die erste halbe Stunde nichts zu merken, danach auch nur ein wenig. Ist eben gut besucht, der Garten, so dass die Last verteilt wird.

Grüne Riviera, Schleuse Kannenburg

Mitten durch die vielen Tische, die teils weiß betucht zwischen mächtigen Erlenstämmen am Ufer stehen, spazieren zwei tiefenentspannte Eselchen, die am Grase zupfen hier und da und darauf achten, den anderen stets im Blick zu haben. Auch ein schwarzweißer Lumpi gehört zum Hof, scheint auch ohne Grasen genauso entspannt und streift zügig zwischen allen Tischen herum, ohne jemanden zu berühren. Etwas weiter hinten, gegenüber vom Biwakplatz und dem Spielplatz mit seinem bunten Fuhrpark, wird hinter groben Brettern ausgiebig rumgeferkelt. Auf einem gepflegten Schweineacker tummeln sich hier und da große und kleine Schweine in einem geordnetem Chaos. Dabei sind die Dimensionen der verschiedenen Tiere so unterschiedlich, dass vielfach unklar bleibt, wer Nachwuchs und wer Elternteil ist. Einzig der fordernde Zitzenandrang gestattet klare Unterscheidung.

Geschleust wird hier im reinen Handbetrieb von zwei kernigen Burschen mit leisem Humor, hinauf von Havel- auf Templin-Niveau oder umgekehrt. Ins Becken passt alles, was die märkische Freizeitschifffahrt so zu bieten hat – vom kleinen Faltboot oder Kajak über Motorbötchen bis hin zu großen Motorjachten oder den korpulenten Hausbooten, die ein kleiner Außenborder über den See schiebt. Die Uferseite lässt sich zu den Betriebszeiten der Schleuse wechseln, was von April bis November tagsüber der Fall ist.

Blick vom Aussichtspunkt auf dem alten Bunker, nahe der Havelkurve

Vom Wegekreuz oberhalb der Schleuse besteht die Option, dem Wanderweg zu folgen, man kann aber auch noch etwas oberhalb des Seeufers weiterspazieren. So oder so zeigen sich jetzt öfter und öfter Überreste aus der Zeit des Geschützdonners, sei es nun in Form verrottender Gemäuer oder geborstener Metallrohre. Das stört nicht groß, da die Natur schon weit damit ist, sich all das einzuverleiben. Wieder kommt breiteres Wasser in Sicht, jetzt wirklich die Havel, der wohl vielfältigste Fluss im Land Brandenburg, der mit den unterschiedlichsten Gestalten. Hier fließt sie still durch üppiges Grün und vermeidet über lange Passagen den direkten Weg.

Schleuse Schorfheide

Einige Zeit nach der Schleuse Schorfheide, die nach der Kannenburger regelrecht zurückhaltend wirkt, steht hoch über der Havel eine kleine Aussichtsbank, die es sogar schon ins Fernsehen geschafft hat. Derzeit lässt sich hier nur unentspannt rasten, da ein Stamm winziger Ameisen entschlossen sein Revier verteidigt. Besser ist da die halbzerfallene Bank auf der Betonglatze eines Bunkergewölbes oder der Rastplatz gleich unterhalb. Von oben bietet sich der wohl eindrucksvollste Ausblick über diese Heide.

Üppiger Heideweg in der südlichen Kleinen Schorfheide

Von der nächsten Bank fällt ein letzter Blick auf die Havel, die sich hier in einer noblen Kurve verabschiedet, und jetzt geht es in die Vollen. Die folgenden 500 Meter haben es wirklich in sich, besonders in diesem Jahr. Beidseitig des Weges mit seinen dicken Holzgeländern steht hier die Erika fast flächendeckend, teils bis auf Hüfthöhe. Links hat sich manche Kiefer durchgekämpft, doch rechts des Weges erstreckt sich eine violett-blaue Weite, die nur durch einzelnstehende alte Laubbäume oder schnelle Birklein unterbrochen wird.

Wolle und Kraut, Kleine Schorfheide

Wie auf Wunsch mischt sich unter das Blütenleuchten wolliges Weiß. Hunderte Schafe stehen weiter hinten und sind so beschäftigt mit ihrer Aufgabe, dass nicht ein Blöken oder Mähen zu vernehmen ist. Lauscht man genau hin, summiert sich hingegen das Geräusch des Rupfens. Und ist ähnlich laut wie die Summe der Flügelschläge aller sechsbeinigen Nektarsammlerinnen im Revier. Eine recht besondere Mischung – und eine still-vergnügte Art von rein tierischem Lärm.

Aussichtsbank auf dem dritten Gipfel, Kleine Schorfheide

Wer ab hier den markierten Wegen treu bleibt, hat keine unliebsamen Überraschungen zu befürchten. Von kreuz und querem Streifen durch die vorausliegende Heidefläche ist hingegen abzuraten, denn tiefenberäumt sind nur die Wanderwege. Abseits davon bleibt ein explosives Restrisiko. Nach einem ausladenden Bogen hin zum Großen Beutelsee gibt es von einer überdachten Hügelbank den zweiten Aussichtspunkt über die Weite. Nicht zu vergleichen mit der Aussicht von vorhin, dafür zum Sitzen weitaus schöner. Von hier führt der Weg durch vielfältigen Wald, hinter dem sich weite Wiesen öffnen. Große Müllcontainer stehen am Wegesrand, scheinbar mitten im Nichts, und weisen als einzige auf die Wochenendhäuser im Hintergrund hin.

Uferpfad mit Doppeltreppe hinauf zur Straße

Nach dem nächsten Waldstück zweigt ein winziger Pfad zum Ufer des Großen Mahlgastsees ab. Kein Weg für Sumo-Ringer, denn Breitbeinigkeit lässt diese zauberhaft verlaufende Trittspur nicht zu. Der Weg bleibt immer dicht am Ufer mit seinem breiten Schilfgürtel. Einige Stellen erlauben es, die Hände in das glasklare, weiche Seewasser zu tauchen und den Blick über den Wasserspiegel ans andere Ufer zu schicken.

Uferstelle am Großen Mahlgastsee

Vorbei an einer großzügigen Doppeltreppe wird es langsam lichter, bis man hinter einem Wiesenhang eine offene Uferstelle erreicht. An der nächsten Badestelle hat ein altes Paar gerade sein Abendbad beendet, so eins, das man eigentlich täglich nehmen müsste, wenn man nahe wohnt an einem solchen See. Ab hier ist der Weg wieder breit und nimmt noch ein abendlich ausatmendes Bruchwäldchen mit, während uns die beiden auf ihren Rädern überholen, mit der weichen glatten Haut, die so ein Badevorgang einbringt.

Ende des Uferpfades in Röddelin

Kurz vor Röddelin übernimmt wieder ein Pfad, mit Blick über das Dorf und einem hübschen Finale hinauf zur Dorfstraße. Wer nichts Besseres vorhat, sollte oben die Bank nutzen und den Tag mit Blick auf den Haussee ausklingen lassen. Eine bewirtschaftete Alternative gibt es am anderen Ende des Dorfes. Auf der Terrasse vor der baudenartigen Fassade ist es kein Problem, bei einem Getränk die Zeit ein wenig zu vergessen. Einen Sonnenuntergang wird man hier nie sehen, doch das übersichtliche Treiben auf dem gewundenen Röddelinsee mit dem kleinen Hafen gegenüber ist Zerstreuung zur Genüge, wenn man erstmal sitzt. Wer schon in Schweden paddelte, wird hier auf Gedanken-Parallelen stoßen, und je nach Wind schallt noch das Treiben einer Westernstadt über den See und lässt weiten Raum für vielfältige Bilder. Die Kunst wird sein, sich irgendwann zu lösen.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Gesundbrunnen nach Templin (ca. 2 Std.), von Templin zu Fuß/mit Taxi/wochentags mit Bus

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Landstraße (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Tourismusseite von Templin

Informationen zu Röddelin

Schleuse Kannenburg

Faltblatt „Kleine Schorfheide“ (PDF)

 

Einkehr: Kannenburger Schleuse (gute Küche, freundlich, großer Außenbereich am Wasser)

Pension Seeblick, Röddelin (schöner Blick von der Terrasse)

 

Berliner Spaziergang: Kleine Großstadtwelten zwischen Grunewald und Tiergarten

Es ist Sommer in Berlin und Ferienzeit. Den Sommer merkt man nicht so sehr, da er in diesem Jahr auf der groben Klaviatur spielt. So eine, die eher mit kräftigen Faustunterseiten gespielt wird wie bei einem Carillon, das in Kirchtürmen Dutzende Glocken erklingen lässt. Solche Klangerscheinungen kennt man aus dem Tiergarten, wo unweit der Spree eines der weltgrößten Carillons der Welt steht, ganz losgelöst von einer Kirche. Das jüngste der Stadt im Turm der Parochialkirche nistet denkbar zentral direkt über dem letzten Rest der Berliner Stadtmauer. Im letzten Jahr wurde es nach 72 Jahren Pause eingeweiht und weht nun regelmäßig faustgetriebene Glockenklänge über das innerste Herz Berlins. Das im Tiergarten wurde übrigens vor dreißig Jahren errichtet, um dem an der Stadtmauer zu gedenken.

Am S-Bahnhof Grunewald

Doch zurück zum Sommer. Neben zartem Himmelsblau und vereinzelten Tagen der sommerlichen Milde werden der Stadt Gewitter um die Ohren gehauen, die man in der Häufung lange nicht mehr hatte. Dazu gibt es immer wieder Starkregen, der nur Minuten dauert, doch im Handumdrehen die Kanalisation füllt. Alle paar Tage ziehen zudem vorgezogene Herbststürme durch die wechselwarmen Häuserfluchten und Parks der Stadt. Im Großen und Ganzen ist das Hinundher aus all dem akzeptabel, doch mehrere Sommertage in Folge sind ganz klar die Ausnahme.

Dass Ferien sind, merkt man zum einen an weit weniger Menschen auf den Straßen und Gehwegen, zum anderen an den unzähligen Baustellen, die jeglichen Varianten der urbanen Fortbewegung gewichtige Kiesel in den Weg rollen, breitbeinig und allgegenwärtig. Auf den hervorgerufenen Umwegen berühren sowohl Gleisreisende als auch Autofahrer Stellen der Stadt, die noch nie oder lange nicht mehr gestreift wurden. Wer das eigene Wohnviertel verlassen möchte, ist also mit aktuellen Informationen gut beraten. Hoch lebe das Internet in der Hosentasche!

Am Hundekehlesee, Grunewald

Eine sichere und ruckelfreie Verbindung ist derzeit die S-Bahn-Linie 7, die von der Innenstadt nach Potsdam fährt. Entlang der zugehörigen Bahnhöfe lässt sich viel entdecken, bevorzugt natürlich an einem der mildsommerlichen Tage. Zum Beispiel auf dem Weg vom Grunewald zum Tiergarten, vom größten Waldgebiet im Westen Berlins hin zum größten Park derselben Stadthälfte. Dazwischen liegen verschiedenste Welten, die übervoll sein dürften von erzählten und unerzählten Anekdoten.

Grunewald

Der entzückende Vorplatz am S-Bahnhof Grunewald hat mit seinem betulichen, doch steten Kommen und Gehen viel von der Atmosphäre eines kleinen Hafens, wenn auch hier Doppeldeckerbusse ein- und auslaufen anstelle von Fährschiffen. Im Rücken rauscht über ein halbes Dutzend Gleise und sechs AVUS-Spuren der eilige Verkehr, doch das wird automatisch ausgeblendet, wenn man hier ein schönes Plätzchen gefunden hat. Während sich ein Dreiergespann von erzählfreudigen Schwestern scheinbar nach Jahren erstmals wiedersieht, macht ein historischer Bus die Biege und lässt sich minutenlang bestaunen. In Richtung Grunewald schweben Damen mit sündhaft teuren Windspielen an der Leine, denen sie in ihren eigenen Proportionen nachzueifern suchen. Ein wichtiger Herr führt am Nebentisch ein wichtiges Telefonat, nicht zu laut, doch laut genug, damit der Vorgang wahrgenommen wird.

Uferweg am Hubertussee

Direkt vor dem Bahnhof erinnert ein kleiner, dreieckiger Platz mit jungen Birken, grobem Schotter und alten Bahnschwellen an das Gleis 17, gleich das erste, wenn man reinkommt. Hier nahm im Zweiten Weltkrieg die Deportation deutscher Juden nach Osteuropa ihren Anfang, weitere Züge fuhren von Moabit und dem Anhalter Bahnhof ab. Das Mahnmal drängt sich nicht auf, ist jedoch eindringlich und hallt lange nach.

Bedenkt man, wie weit sich der Grunewald bis hin zur Havel erstreckt, ist es erstaunlich, dass der Bahnhof so gar nicht im Wald liegt, sondern die noblen Wohnlagen des gleichnamigen Ortsteils unmittelbar am Vorplatz in die Vollen gehen.

Baumarkt-Fassade, S-Bhf. Halensee

Der Bahntrasse folgend taucht schon nach wenigen Metern ein Weg hinab in dichtes Ufergrün. Der Hundekehlesee mit seinem breiten Uferweg liegt am Rand des östlichen Grunewaldes und eröffnet die Seenkette, zu der auch die Krumme Lanke und der Schlachtensee gehören. Am Gegenufer thronen herrschaftliche Villen, distanziert und erfolgreich um Mondänität bemüht.

Die Lücke zum nächsten See wird vom Hundekehlefenn ausgefüllt, dessen Wasserlauf breit und kurschattig unter alten Laubbäumen dahintrödelt, verträumt und unentschlossen. Das Ufer lädt ein zu einem Päuschen, die Mücken nicht, also weiter. Aus der Senke führen lange Stufen hinauf ins Villenviertel, dessen Straßen einem unklaren Prinzip folgend nach Komponisten, Nichtkomponisten und auch Malern benannt sind.

Blick auf den S-Bahn-Ring bei Halensee

In den nächsten Viertelstunden lässt sich nun verschiedenste Architektur von Fachwerk bis Jugendstil oder freier Märchenlust bestaunen, oft umgeben von ausufernden Gärten mit historischen Pflanzenbeständen. Neben schönen alten Villen stehen teure neue Villen und unterstreichen, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt. In einigen Fällen gehen Finanzkraft und Geschmack bester Dinge Hand in Hand und zeigen, dass auch das heute möglich ist. Zwischendurch kauert immer mal wieder so ein quaderförmiger Wohnbau, zweckdienlich und frei von jeglichem Zierrat oder Renommé, der vermutlich eine kriegsbedingte Lücke füllt. Das wirkt jedes Mal ein wenig kurios, insbesondere wenn direkt gegenüber ein Anwesen im Schlossformat ruht. Auf einem dreieckigen Platz bemüht sich die Grunewaldkirche um etwas Kiezbildung.

Lietzensee

Kurz darauf steigt noch vor der Bismarckbrücke ein Spazierweg hinab zum Hubertussee. Vom urigen Uferpfad bieten sich schöne Blicke über den schmalen See mit seinem Inselchen. Vom anderen Gegenufer führen erneut Stufen hinauf zu den Häusern, und auch hier setzt sich die kuriose Mischung aus Noblesse und Zweckbau fort. Da und dort weist eine Flagge auf die Botschaft eines fernen Staates hin.

Kurz hinterm Bismarckplatz geht der abrupteste Szenenwechsel dieser Tour über die Bühne. Mit dem bronzenen Reichskanzler im Rücken landet man von jetzt auf gleich in tosendem Straßen-Rauschen und überquert auf einem Fußgängersteg die niemals ruhende Stadtautobahn, fast in Wurfweite zum Funkturm. Befindet sich zwei Minuten später an dem Ende des Kudamms, zu dem es wohl nur die Tapfersten unter den Touristen schaffen. Denn von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bis zu den einbetonierten Cadillacs sind es endlose dreieinhalb Kilometer, denen zum Ende hin zudem die touristische Attraktivität ausgeht. Die Stirn des Kudamms ist hier zerfurcht und trocken, der Abschnitt kernig und eher für die Berliner aus dem Viertel hier.

Im Lietzenseepark

Halensee

Nach der wohl elegantesten Baumarkt-Front des Landes mit ihren schönen Spiegelspielen überquert man den S-Bahn-Ring am Bahnhof Halensee. Noch vor wenigen Jahren streckte sich dort unten ein alter Güterbahnhof mit vielen Verladehallen und Handelszweigen sowie dubiosen Winkeln und Rolltoren. Anstatt dessen gibt jetzt eine lange Aluminium-Fassade, die ihr Angesicht von Stunde zu Stunde wechselt und darüber hinaus den Augen kleine Rätsel stellt.

Am Ende der Brücke bekommt man gleich links gegenüber im Café Eisgrün Kaffeevariationen und Eis von allerbester Qualität und kann sich auf einem der vielen schönen Plätze dem frisch verdienten Müßiggang hingeben, Leute gucken und dabei genießen. Die seltener werdende Chance, auf echte alte Berliner zu treffen, mit verschiedensten Furchen aus dem 20. Jahrhundert im Gesicht, steht hier ganz gut.

Sophie-Charlotte-Platz

Vom Ende der Ringbahnstraße sind es im Spatzenmodus keine 400 Meter bis zum Lietzensee mit seinem Uferpark, doch dazwischen liegt als undurchdringlicher Großstadt-Dschungel das von Schienenstahl durchflochtene Westkreuz mit seinen zahllosen lebendigen und toten Gleisen. Gut dran ist, wer weiß, wo sich welches davon über- oder unterqueren lässt. Möglich ist das nur auf dem verschlungenen Weg, der durch stark fragmentierte Kleingartensiedlungen führt, doch gewöhnlichen Durchreisenden macht ein solides Tor einen Strich durch die Rechnung. Also außen herum, wobei sich die Holtzendorffstraße als kleiner Problemlöser erweist und in einem Ritt vier Schienenstränge unterquert. Wer am Ende der Rönnestraße Hunger verspürt und ein noch solideres, fast einschüchterndes Tor unverschlossen antrifft, kann den Schildern bis zum Vereinsheim folgen. Dort lässt sich zur Klangkulisse des direkt benachbarten S-Bahnhofs Westkreuz ein schönes Biergärtchen nutzen. Wieder heraus geht es auf demselben Weg, und nur auf diesem.

In der Schlossstraße kurz vor dem Schloss

Schräg gegenüber des Tores beginnt unvermittelt der zwiegeteilte Lietzenseepark mit seinen alten Bäumen, den südlichen Eingang feierlich inszeniert mit Pergolen und gestuften Bassins. Die Stimmung ist entspannt, reichlich Platz vorhanden, und es gibt gleichermaßen sonnige Uferstellen und schattige Bänke auf dem leicht erhabenen Weg im Hintergrund. Die ausladenden Baumkronen und das Ufer, Gärten mit weiteren Pergolen sowie aufeinander abgestimmte Freitreppen und Wasserbecken sorgen für die Anmutung eines Kurparkes, die sich auch durch den dominanten Plattenbau zwischen all den edlen Bürgerhäusern nicht stören lässt.

Nördlich der Kantstraße wird es dann voller und auch bunter. Das schöne Parkwächterhaus stand lange leer, jetzt ist es von neuem Leben erfüllt, ein Café hier schon in Betrieb. Gegenüber das Bootshaus lockt mit seiner idyllischen Terrasse, und am jenseitigen Ufer des lärmigen Kaiserdamms wartet als sympathischer Gegenentwurf schon die nächste Eis-Versuchung, der man an heißen Tagen ruhig nachgehen sollte.

Im Schlosspark Charlottenburg

Nach dem Streifen des Sophie-Charlotte-Platzes schlummert an einem kleinen Seitenschlenker der versteckte und geheimnisvoll wirkende Schusteruhspark, der neben seinem eigenartigen Namen über eine Vielzahl markanter Leuchter verfügt. Kurz darauf bietet die Schloßstraße die wohl schönste Option, sich der prächtigen Anlage von Schloss Charlottenburg zu nähern, vor dem diverse hohenzollersche Fritzen aufgesockelt und patiniert in den Tag stieren. Mindestens sechs voneinander unabhängige weiße Bräute aus mehreren Kulturkreisen schweben scheinbar ganglos und mit vollem Gefolge von hier nach dort, um die schönste Fotokulisse zu finden. Sie haben es gut getroffen mit diesem kühlen, doch sonnigen Tag, der umgeben ist von eher durchwachsenen.

Blickachse zum Schloss, Charlottenburg

Schlosspark Charlottenburg

Wer noch nie so richtig oder lange nicht mehr in diesem Schlosspark war, dem wird an vielen Stellen das Wort Sanssouci durch den Kopf geistern. Die verschiedenen Gärten ergeben eine schöne Gesamtstimmung, und das obligatorische Baugerüst können Fotografen mit Fontänen oder Bäumen passabel kaschieren. Jeder Parkbesucher wird wenigstens einmal vor der Fontäne im französischen Park stehen. Jenseits der Ufertreppe geht dieser fließend in den englischen Parkteil über, der reich ist an Brücklein und in dem man sich auf längere Zeit verlieren oder ein stilles Plätzchen finden kann. Charmant ist dabei der Umstand, dass all die Seen und Wasserläufe direkt von der Spree gespeist werden, die den Park begleitet und beinahe das Schloss berührt.

Spreeufer am Schlosspark, Charlottenburg

Jenseits der Schlossbrücke haben beide Ufer schöne Wege und präsentieren den Fluss im besten westberliner Kurvenreichtum. Wer sich direkt am Ufer in einen Liegestuhl hängen will, muss dafür nicht bis zum Hauptbahnhof, sondern kann es gleich unterhalb der Caprivibrücke tun. Hier beginnt der architektonisch eindrucksvolle Komplex des Heizkraftwerkes Charlottenburg, in dessen Historie die Firma Siemens eine große Rolle spielt. Vom unerwartet holzbeplankten Siemenssteg mit seinem aufwändigen Stahlfachwerk bieten sich daher interessante Perspektiven auf verschiedenste Fassaden.

Alt-Lietzow

Vorbei an Alt-Lietzow, dem sein Dorfcharakter abhanden gekommen ist, trifft man auf die Otto-Suhr-Allee, einen der fünf Strahlen des Großen Sterns. Gleich dahinter beginnt die Krumme Straße mit ein paar Impressionen, die einen für Sekunden in Zilles Zeit zurückversetzen, bevor die Deutsche Oper einen harten Schnitt in jüngere Jahrzehnte vollzieht. Der spröde Quader wirkt heute noch erstaunlich neuzeitlich – obwohl er bald sechzig Jahre auf dem Beton-Buckel hat.

Blick von der Caprivibrücke auf die Spree

Charlottenburg

Hinter der Bismarckstraße, einem weiteren der Strahlen, geht es nun hinein ins lebendige und in jeder Hinsicht gut durchmischte Charlottenburg. Zwischen Kant-, Pestalozzi- und Goethestraße locken unzählige Läden mit Schaufenstern, an denen man sich gerne festguckt, dazu gibt es eine vielfältige Kneipen- und Cafédichte, die es auf wenigen hundert Metern fast auf ein Dutzend Italiener bringt, ein jeder anders als der andere. Mittendrin liegt wuselig und bunt, vielfältig und rau die Wilmersdorfer Straße, einst ein Inbegriff für Einkaufsstraßen in Berlin. Aus heutiger Sicht wirkt die Fußgängerzone in der Stadt der hundert Einkaufspassagen wie ein rührendes Relikt, das genau so in jeder beliebigen Mittelstadt des Landes liegen könnte. Gut bummeln lässt es sich hier nach wie vor – mit dem gewaltigen Vorteil frischer Stadtluft beim Wechsel von einem Geschäft zum anderen.

Siemenssteg bei Alt-Lietzow

Savignyplatz

Auf dem Weg zum Savignyplatz werden einige Straßen gequert, auch diese benannt nach geistigen Multi-Talenten. Der zauberhafte Platz ist vielen Berlinern eher bekannt als Sawicknie-Platz oder bestensfalls Sawingnie-Platz und hat damit ein ähnliches Schicksal zu schultern wie zum Beispiel die Biezett-Straße in Weißensee oder die Schohdowiggi-Straße im Prenzlauer Berg. Das dürfte ihn jedoch kaum stören, denn mit einem Alter von über 150 Jahren, einer ganz besonderen Ausstrahlung zu allen Tageszeiten sowie dem Einmünden von sieben Straßen verfügt er wohl über ausreichend Gelassenheit in solchen Dingen. Zwei Knaben mit zwei widerborstigen Ziegenböcken streben hier seit langem aufeinander zu, umgeben von zahlreichen Sitzbänken und Pergolen. Besonders eindrucksvoll und sehr markant sind die vier stämmigen Platanen auf den Ecken des Platzes, die historischen Fotografien gemäß noch gar nicht so sehr alt sein können.

Die Wilmersdorfer Straße, Charlottenburg

Sein besonderes Flair verdankt der Platz maßgeblich auch der Passage an den S-Bahn-Bögen, die insbesondere zwischen den Dämmerungen ihren Charme verstrahlt. Leider sind einige der zahlreichen Bars der alten Schule vergleichsweise trivialen Geschäften und Standard-Cafés gewichen, doch der verbleibende Rest ist noch ausreichend. Gleich um die Ecke liegt in der Bleibtreustraße der Zillemarkt, eine zünftige Wirtschaft, die zwar nicht ganz billig ist, doch auch in eine eigene Welt entführt, eine ganz andere.

Eleganter Panther in der Pestalozzistraße

Zum Verlassen des achtstrahligen Platzes wählen wir mit der Kantstraße die breiteste von allen. Gleich an der nächsten Ecke residiert das Stilwerk, ein kaufhausartiger Verbund von Läden, die Waren fern der Stange anbieten, für Leute, die gern ihr Geld für Individuelles investieren. Ein Blick hinein lohnt sich auf jeden Fall, sei es zum Staunen, dem Einfangen von Anregungen für die eigene Kreativität oder für das unvernünftige Erfüllen eines unanständigen Wünschleins. Damit man vielleicht doch noch mal drüber schläft, sollte mitgeführtes Plastikgeld zum Tabu erhoben werden, mit großer innerer Stärke. Ein Selbsttest, der es in sich hat. Als kleiner Trost: „die guten Dinge“ gibt es jetzt woanders. Nur ein paar Ecken weiter …

Einer von zwei Ziegenböcken auf dem Savignyplatz, Charlottenburg

Bahnhof Zoo

Spätestens hinter dem Delphi-Kino und dem Theater des Westens hat einen dann der Einzugsbereich des Bahnhofs Zoo, mit allen seinen Klischees, seiner zugigen Ungemütlichkeit und den vielen herrlichen Erlebnissen, die fast jeder Berliner mit diesem Ort verbinden wird. Auf der Joachimsthaler wird so intensiv gebaut, dass selbst Fußgänger umgeleitet werden. Somit erfahren wir beim Gang durch den Yva-Bogen brühwarm, dass die Yorck-Gruppe bald ein neues Kino hier eröffnen wird, das Delphi Lux. Das ist eine erfreuliche Nachricht, wo doch mit dem Gloria-Palast gerade eins der großen alten Lichtspielhäuser abgerissen wurde, für ein weiteres graues Geschäftshaus. Als nette Referenz werden einige der Leuchter aus dem alten Gloria-Palast in einem der neuen Säle ihren Dienst verrichten, was den Beinamen des neuen Kinos direkt aufgreift.

Abendlicht im Schleusenkrug am Großen Tiergarten

Die wiederbelebten Zoo-Terrassen und der ewigwährende Ulrich-Markt, die hundert Bussteige und das frisch sanierte Löwentor befeuern noch die aufploppenden Erinnerungen. Davon abgesehen fällt spontan auf, dass die Beine lang schon müde sind, die Zunge trocken unterm Gaumen liegt und es höchste Zeit wird für eine letzte ausgedehnte Pause. Vom breiten Spazierweg zum Großen Tiergarten lassen sich auf Zehenspitzen noch ein paar Blicke erhaschen auf Huftiere und solche mit Flügeln, und dann ist der Schleusenkrug erreicht, der schon die Luft atmet von großem Park und Wasser.

Blick aus der S-Bahn am Hauptbahnhof

Hier ist es eigentlich immer voll, und immer lässt sich doch ein Plätzchen finden, denn das kleine, abgestufte Gelände ist bemerkenswert ergiebig. Gleich Tisch No. 2 ist frei, die Schlange am Zapfhahn gerade kurz, und der souveräne Bursche hinterm Ausschank zapft simultan zwei schäumende Weizenbiere, eins aus der Flasche und eins aus dem Hahn. Die sind nach gut 30 Sekunden ziemlich gleichzeitig fertig, und so sitzen wir schon bald mit dem besten Blick, der das Treiben am Ausschank, an den vorderen Tischen und auf dem dauerbelebten Bahndamm vereint. Im Wissen um den Katzensprung zum nächsten S-Bahnhof, der noch das historische Laternenmuseum mitnimmt, geht eigentlich nichts mehr zu verbessern. Die Sonne sieht das anders und schenkt spendabel Gold am Himmel aus.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn zum Bahnhof Grunewald

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: ca. 20 km (alle paar Minuten Kontakt zum ÖPNV, daher beliebig abkürzbar)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Mahnmal Gleis 17 am Bhf. Grunewald

Lietzensee und Park

Parkhaus am Lietzensee

Schusteruhspark

Schloss Charlottenburg

Siemenssteg

Rund um den Savignyplatz

Neues Yorck-Kino Delphi Lux

Gaslaternen-Freilichtmuseum

 

Einkehr: ab Halensee in regelmäßigen Abständen

 

Reichenberg: Stöbbermühlen, schneller Kornduft und der Echsen-Schwank

Es ist Juli, und über Stadt und Land sorgen die blitzschnellen und verwegenen Mauersegler mit ihrem schrillen Pfeifen für eine verlässliche Bestätigung der Jahreszeit. Dasselbe gilt für die Grillen, die schon aus kleinsten Wiesenflächen unüberhörbar zirpen, und sei es nur der Mittelstreifen einer breiten Ausfallstraße oder ein vergessenes Wiesenstück an einer lauten Kreuzung. Dementsprechend intensiver sind ihre Klangteppiche über uferlosen Wiesen oder Weiden auf dem Lande. Die Sonne zeigt sich eher punktuell, doch wenn sie da ist, beeindruckt sie sofort mit hochsommerlicher Kraft.

Im mittleren Stöbbertal zwischen den Mühlen

Der Sommer hat in den letzten Jahren gezeigt, dass er Freude gefunden hat an Superlativen. Ausgedrückt hat er das diesmal nicht in Grad Celsius, sondern in selten gemessenen Werten der niederschlagenden Millimeter-Skala. Auf dem Wetterradar sah das aus wie ein erboster Strudel, den seine Suche nach sich selbst über ganz Norddeutschland gefangen hielt. Selbst im vergleichsweise winzigen Einzugsgebiet von Berlin gab es bei diesen Wetterereignissen enorme Unterschiede, so dass es in einzelnen Bezirken einfach nur sehr stark schüttete, währenddessen rund um Oranienburg binnen eines Tages so viel Wasser herunterkam wie sonst in einem halben Jahr nicht.

Zwischendurch gab es dann wieder arglose Phasen, und dieser Tage ist wieder ein gefälliges Maß an Sommerwetter erreicht, das fast jedem Geschmack etwas gerecht wird. Es ist die beste Zeit im Jahr für schöne Hochzeitsfeste, die nackte Schultern ermöglicht und Sonne auf dem Scheitel, Tanzen und Feiern bis in die morgendliche Nacht, beseeltes Schweigen unterm Sternenzelt beim Sound von tausend Grillen in den Wiesenhalmen. Leuten, die befürchten, sie könnten eines Tages ihren Hochzeitstag vergessen, empfiehlt sich in diesem Jahr der erste Tag des Monats Juli, doch nur wer schnell genug gewesen ist oder wen in der Verwandtschaft hat, der jemand kennt, wird seinen liebsten Menschen gewissermaßen frisch gebacken in den zweiten Juli führen.

Gräserner Kirchgang in Reichenberg

Als Ort für so einen besonderen Tag gibt es unzählige Möglichkeiten, die alle das hochrelevante Merkmal der ziemlichen Einzigartigkeit bieten. Wer dabei glaubt, mit Fähren oder Leuchttürmen, Schlössern oder Bohrinseln oder gar historischen Ruinen wäre es im Wesentlichen getan, kann sich gern noch überraschen lassen. Zum Beispiel von übergroßen, teils ächzenden Metall-Skulpturen, die imposant weit verstreut auf einer endlosen Wiese stehen, benachbart zu drei zauberhaften Rückzugsorten komplett verschiedener Größe. Oder einem wunderschönen Saal mit eigenem Strand zum Müggelsee, mitten in der Stadt Berlin.

Wenn nach einer Woche der Nachhall all der schönen Erinnerungen und wohligen Töne langsam leiser wird, da irgendwo im Hinterkopf, wird es manche gleich zur nächsten Hochzeit ziehen, andere in die grüne Stille. Geeignete Zutaten, die bestens in den Sommer passen, wären zum Beispiel ein saftig grünes Bachtal von Romantik und Zurückgezogenheit auf der einen, duftende und winddurchwogte Kornfelder auf der anderen Seite. Dazwischen ein paar Dörfchen und auch Mühlen, gerne auch ein Einkehrort direkt am Weg. Eine entsprechende Datenbank-Abfrage würde neben anderen das Stöbbertal ausgeben.

In der Kornduftschneise hinter Reichenberg

Die Stöbber ist keine dreißig Kilometer lang, doch sie verbindet verschiedenste Landschaften. Da ist zunächst das flache Rote Luch bei Strausberg, unscheinbar und schön. Die stöbberschen Wasser trödeln von hier in zwei grundverschiedene Richtungen und adeln das Luch damit zur Wasserscheide zwischen Nord- und Ostsee. Später fließt der oderstrebige Arm durch das mittelgebirgig anmutende Zentralmassiv der Märkischen Schweiz, zuletzt dann durch die reichhaltige Teichlandschaft bei Altfriedland, die Unmengen von Vögeln als Brut- und Rastplatz dient. Zwischen den letzten beiden zieht sich in tiefer Idylle das mittlere Stöbbertal und bietet einen sanften und genießerisch langgezogenen Übergang von der höhenmeterfreudigen Schweiz zur hügeligen Ringenwalder Heide an. Die wiederum gibt Anhängern der frühesten Blümchen eines jeden Jahres viel Anlass zu kleinen spitzen Seufzern.

Es gibt einige Landschaften, denen man das Prädikat „Nummer Sicher“ verleihen könnte, wenn es um einen schönen und auch runden Tag geht unter freiem Himmel. So auch dieser Teil des Stöbbertals. Damit die Kornfeldquote stimmig ist, empfiehlt sich als Startpunkt eines der nördlich gelegenen Dörfer. Zum Beispiel Reichenberg.

Zustieg zur Einkehr an der Pritzhagener Mühle

Reichenberg

Über Reichenberg liegt Stille. Zwei Pferde trotten nach Hause, genauso viele Bengels hängen ihre Angelhaken in den Teich und irgendwo fegt jemand irgendwas. Das einzig Dialogische kommt von den Hühnern hinterm wiesengrünen Kirchgang, über dem die Kirche auf dem Hügel lagert, wie auf einer Insel.

Gleich hinterm Dorf weht einem der kräftige Wind den erhofften Sommerduft nach gut gereiften Ähren direkt in die Nüstern. Ein Weg lockt in die Wiesen und verliert hinterm Galgenberg an Höhe. Seinen Rand säumt die blauweißgelbe Feldrandmischung dieser Wochen, und voraus liegen gefällige Landschaften in vielfältiger Abwechslung und perfekter Anordnung – als hätten sie sich in Pose geworfen für das Auge des Betrachters. Unten im Wald duftet es würzig nach regengesättigtem Erdreich, und gleich danach kommt uns der Weg abhanden. Ist nicht mehr übrig zwischen Mais und Gerste. Ein netter Trecker hat jedoch ein paar Meter westlich eine gangbare Spur gelegt, durch die sich lautstark staksen lässt, mit ständigem Gekitzel von den langen blonden Grannen.

Schattige Passage im Stöbbertal, ganz dicht am Bach

Pritzhagen

Dass die Alternative auf der Straße kein Problem wäre, zeigt sich auf dem kurzen Stück zum Abzweig nach Pritzhagen. Kaum Autos sind hier unterwegs und man läuft wie auf einem Kamm, mit weitem Blick und scheinbar über allem. Über allem liegt auch das Dorf Pritzhagen. Ein Mädchen schlägt mitten auf der Straße makellose Räder, so unbeschwert und ergiebig, als wenn schon Ferien wären im Lande Brandenburg. Hinten am Teich bei der Kirche ist heute die Ostsee-Quadrille zu Gast, ein zerfasert abgeparkter Convoi von Anhängern und Zugmaschinen, der offensichtlich mit Pferden zu tun hat. Ein großer Mann in Schwarz ist mit seinem großen schwarzen Pferd scheinbar in denselben Traum versunken.

Gabelung an der alten Eiche

Direkt hinterm Dorf fällt die Straße entlang einer saftigen Weide ab, bald schon stärker, links gähnt ein steiler Waldhang. Ein Fröschlein, kleiner als ein Hemdknopf, quert behende die Straße. Geschlagene fünfzig Höhenmeter weiter unten ist am Tornowsee der tiefste Punkt erreicht. Kurz überm Wasser hängt an einer einladenden Badestelle ein langes Tau und kann speziell im Sommer hilfreich sein, wenn man das Loslassen üben will. Nach dem nächsten Abbiegen hört man sie dann endlich rauschen, die Stöbber, die hier mit einer tosenden Fallstufe ihre verträumte und kurvige Passage durch den Wald beendet. Das andere Ende liegt beim Schweizerhaus am Rand von Buckow.

Eine der schönsten Rastbänke, Stöbbertal

Pritzhagener Mühle

Ob nun hungrig oder nicht, auf jeden Fall sollte man sich den Ver- und Gebotsschildern trotzend zur benachbarten Pritzhagener Mühle durchschlagen und bei einem kräftigen Kakao diesen wunderschönen Ort genießen, der dank seiner vordergründigen Hintergrundmusik verlässlich von einer süßen Melancholie umweht wird. Obwohl hier keineswegs alles perfekt ist, birgt dieser Ort leichtes Suchtpotential. Gleichermaßen schön ist es vorne draußen, innen drinnen und hinten unten. Wobei hinten unten auch nah dran ist an den Stöbberflächen und dieser Tage eher gut, wenn man kleine Dosen Blut loswerden will. Schilder besagen, dass es hier ab 16.30 Uhr nur Champagner gibt und Kaviar nach Gewicht – vielleicht schreckt das ja erprobt die Mücken ab.

Brummochsen mit ähnlichen Frisen im mittleren Stöbbertal

Während wir sitzen und schlürfen, spielt sich rund um den gepflasterten Türbereich eine hinreißende und tragikomische Szenerie des Verpassens ab, wie in einem Theaterstück, wo ständig die Türen klappen und alle aneinander vorbeirennen. Insgesamt sind drei Darsteller beteiligt, die sich alle zum Verwechseln ähnlich sehen und von jetzt auf gleich mit dem Granitgestein der Katzenköppe verschmelzen können oder so in einer der Zwischenfugen versinken, dass passierende Kundschaft keine Gefahr darstellt. Letztlich laufen alle Verabredungen schief und die drei Eidechsen verlassen den Schauplatz in drei grundverschiedene Richtungen.

Dezente, doch eindeutige Einladung in den Garten der Besinnung, Eichendorfer Mühle

Hier beginnt nun dieses Wegstück, das zu den Klassikern brandenburgischer Spazierwonnen zählt. Auf knapp vier Kilometern ist im steten Wechsel so viel Schönheit und Idyll versammelt, dass es im Schlurfschritt das Füllhorn eines einzigen Tages zum Überlaufen bringen kann. Tiefer, kühler Wald mit zufließenden Bächen wechselt mit ausschweifenden Wegkurven um üppige Wiesen, einzelstehende Kroneneichen leiten direkt über zu sommerlich bunten Wiesenhängen mit einer der schönsten aller Rastbänke. Im nassen Weidegrund der Stöbberaue stehen knuffige Galloways, denen die Halme bis zur halben Körperhöhe reichen, und sorgen wortkarg für etwas Ordnung.

Balken für die Ewigkeit, Eichendorfer Mühle

Eichendorfer Mühle

Kurz vor der Eichendorfer Mühle liegt hinter einer unverschlossenen Pforte ein sorgsam gestalteter Garten, ganz ohne Verbotsschild. Im Garten der Besinnung gibt es neben einem Teich ein Wassertretbecken und einen schönen Barfußpfad sowie verschiedenste Gärten mit Beschriftungen für Neugierige. Die Eichendorfer Mühle selbst dient als vielschichtiges Therapiehaus, wo fern von allem der Weg von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit begleitet wird. Der Garten und sein hervorragender Zustand sind ein ständiges Ergebnis dieser Prozesse.

Grobkörniges Stillleben im Mühleninnern, Eichendorfer Mühle

Auch die eigentliche Mühle lädt ein mit weit offener Türe und ermutigendem Kopfnicken von jedem, der einem über den Weg läuft. Feldsteinmauern und dickes Gebälk vermitteln ewige Stabilität. Ein Mühlrad dreht sich hier nicht mehr, doch innen wirft schon der erste Schritt auf den knarrenden Bohlen das Kopfkino an, unterstützt vom knochentrockenen Duft betagten Holzes, wie man ihn auch auf alten Dachböden oder in kleinen Holzkirchen wahrnehmen kann, und dem Anblick riesiger Zahnräder aus hartem Holz.

Freier Blick nach dem Aufstieg

Der folgende Austieg aus dem Bachtal gestaltet sich nun haarig, da alle Mücken, die uns bisher verschont haben, hier zusammengefunden haben und zusehen, wie jede zu ihrem Stich kommt. Dazu kommen noch diese kleinen klebrigen Viecher, die man so gut wie gar nicht abstreifen kann. Die führen zwar nichts im Schilde, doch loswerden möchte man sie dennoch. Jeder hat im Augenblick ein paar Hände zu wenig, um der Sache Herr zu werden, also sehen wir zu, auf dem durchweichten Boden oder zwischen den Pfützen schnellstmöglich und aufrecht vorwärts zu kommen und die feuchte Niederung zu verlassen, hin zu lichtem Wald mit etwas Wind.

Blick zu den Kreuzbergen bei Julianenhof

Oben ist es besser, der erhoffte Wind wirklich da, und die Mücken bleiben ihrem Tal treu, da dort insgesamt mehr zu holen ist, auch haben viele ihre Chance genutzt. Weit oben knarren die windgebeugten Stämme der Kiefern aneinander und sorgen gemeinsam mit dem lästernden Krächzen von Hähern und Krähen für etwas Unheimlichkeit, trotz all des Lichts. Bald öffnet sich nach links wieder die Weite der Kornfelder und liefert den dezenten Duft als große Rahmenhandlung dieses Tages.

Der letzte Weg zeigt uns nochmal die Harke. Diesmal ist kein Ausweichen ins Feld möglich, da struppiger, gereifter Raps nicht mehr als ein paar Meter zu durchschreiten ist, ehe alle Bewegung zum Erliegen kommt. Hier hilft auch keine Trecker-Spur. Die wunderschöne Busch- und Baumallee ist nicht zugewachsen, doch durch den Regen der letzten Wochen ist alles in die Höhe geschossen. Vor uns liegt also eine Dreiviertelstunde Storchengang, und das mit tagesmüden Beinen. Jemand muss vor kurzer Zeit hier langgefahren sein, und so bleibt der Trost, der in vielen Fällen bleibt: es könnte schlimmer sein.

Kindliche Streuobstwiese von übermorgen, kurz vor Reichenberg

Kurz vor Reichenberg wurden auf sanften Wiesenhängen winzige Bäumchen eingelocht, nicht viel größer als ein langer Wanderstock, die einmal eine schöne Streuobstwiese abgeben werden. Am Dorfrand schauen uns dann von oben lustige Köpfe an, hinter einem Gürtel aus Schafen und an langen Hälsen. Zwei Bewohner einer Straußenfarm zeigen ihre Neugier und stelzen hinterm hohen Bohlenzaun hin und wieder her. Irgendwo im Wiesenschatten sitzt eine unentdeckte Katze.

Neugieriger Blick von hinter den Schafen

Die Jungs am Dorfweiher sind immer noch beim Angeln, jetzt an einer anderen Stelle. Zum Abend wird der Wind nun leiser, die Grillen gewinnen an Präsenz, und in das Farbenspiel des Abendhimmels ganz im Westen drängen von irgendwo Gewitterwolken. Eine letzte Lerche tobt sich noch aus, so kurz vor Feierabend, sinkt langsam tiefer und gibt schließlich Ruhe für die Ruhe vor dem Sturm.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): wochentags S-Bahn nach Strausberg Nord, dann mit dem Bus (ca. 1,5-1,75 Std., mehrere Verbindungen tägl.); am Wochenende keine Verbindung

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Strausberg (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen gut möglich); der gezeigte Track ist (wie die Download-Wegpunkte) frei von Problempassagen

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)
(A-C nur außerhalb der Vegetationsphase zu empfehlen)

 

Links:

Informationen zur Gemeinde Märkische Höhe

Oberbarnimer Feldsteinroute

Eichendorfer Mühle

Fledermausmuseum Julianenhof

Straußenfarm Reichenberg

 

Einkehr:
direkt an der Route:
Pritzhagener Mühle (vor allem Fisch)
Gasthof Pritzhagen (in Pritzhagen am Teich, nur mittags geöffnet)

Gasthaus Fischer, Bollersdorf

Grobskizziert – Groß Fredenwalde: Uckermärkische Schwärmerei

Die Landschaft der Uckermark ist viel und oft besungen worden, und selbst mit gutem Willen lässt sich eigentlich kein Argument finden, das dagegen spricht. Schon auf der topographischen Karte versprühen die Höhenlinien eine wahre Euphorie, knäueln sich hier dicht zusammen, tanzen da umeinander herum und bilden dort regelrecht expressionistische Formen aus. Dieses Spiel der braunen Linien begeistert vielleicht sogar Leute, die sonst mit topographischen Karten nicht viel am Hut haben.

Geschwungener Pflasterweg zwischen Willmime und Arnimswalde

Löst man vor Ort den Blick vom Kartenwerk und lässt ihn mit gehobenem Haupt panoramisch über die Landschaft streifen, zu der Städte zählen wie Templin und Angermünde oder Prenzlau, wirkt schon der bloße Anblick wie eine visuelle Symphonie. Doch das allein ist es nicht, auch wenn es ausreichend wäre. Es sind darüber hinaus die Düfte und der oft präsente Wind, der lustvoll an den Wipfeln zieht, ganze Kornfelder zum Wogen bringt und immer schon ein bisschen nach Küste schmeckt. Dazu kommen noch die energischen Lichtspiele der Wolkenbänder, die von allen märkischen Landschaften hier am verlässlichsten anzutreffen sind und die mit ihrem breiten Schattenpinsel permanent das Landschaftsbild retuschieren.

Topf-Brunnen am Dorfplatz in Groß Fredenwalde

Hügelig ist es überall und teilweise von so steiler Flanke, dass man sich fragen muss, wie solcherart gerundete Felder zu bewirtschaften sind. Viele der resultierenden Senken sind mit Wasser gefüllt, das rein theoretisch noch geschmolzenes Eis sein könnte. Die windgekräuselten Wasserflächen liegen nicht unnahbar, doch meist weitab der Wege und  sorgen dort für unzählige Glitzerpunkte, während des Weihers andere Hälfte völlig glatt liegen kann, dunkel und scheinbar bodenlos. Drin baden werden wohl nur Unerschrockene.

Weiter Blick vom Weinberg bei Groß Fredenwalde

Jedem Maler, der von einem Dorf zum anderen geht, muss das Werkzeug in der Tasche zucken oder in der Hand, zumal ein und dieselbe Stelle vielleicht schon zwanzig Schritte später ein neues Bild abgibt. Dementsprechend kann so ein Weg für ekzessive Nutzer ihrer Sinne fast schon rauschhaft werden. In der langfristigen Folge wird ein wohliges Verlangen dafür sorgen, dass man immer wieder zurückkehren will in dieses sanft gewellte Reich der weiten Blicke, in diese Uckermark.

Unterhalb der Hügel nach Willmine

Von der Jahreszeit her lässt sich nicht viel falsch machen – irgendwelche Trümpfe werden immer ausgespielt. Neben den ganzjährig verfügbaren Lichtstimmungen sind es im Herbst die Farbspiele in den alten Alleebäumen und nicht zuletzt auch in den großen Buchenwäldern, die ihresgleichen suchen weit und breit. Im Winter schafft das monochrome Spiel von kahlen Bäumen und erdbraunen Hügeln eine dramatische Stille, deren einzige Laute gelegentlich von schwarzgekleideten Vögeln herausgekrächzt werden und wie automatisierte Klagen klingen.

Imkes Gedenksekunde

In den Wochen hingegen, wo es noch Frühling und schon Sommer ist, gibt es kaum woanders in Brandenburg eine größere Garantie für rotblauweiße Kornfeldränder oder ganze Weiten voller Mohn, an denen man sich nur schwer sattsehen kann. Die Bienen hingegen interessieren viel mehr die blauen und geräumigen Kelche des dickstammigen Natternkopfes, die neben ihrem Nektar mit einer gewissen Wohnlichkeit locken, wie so ein Sessel aus den Sechzigern.

Alle Blüten haben jetzt kräftige und eindeutige Farben, blasse oder zurückgenommene Schattierungen sind die Ausnahme. Zwischendurch weht an einzelnen Stellen der Duft von frischer Kamille vorbei, die kleine weiße Inseln schafft inmitten all der bunten Pracht und mit ihrem Aroma die Atemwege streichelt.

Innenstadt von Willmine

Zwischen vielen der Dörfer liegen unberührt alte Feldstein-Straßen, buckelige Pisten, wie es sie so auch auf Rügen gibt. Bucklig in sich durch ihr rundliches Gestein, das jede Art von Fortbewegung etwas poltrig macht, dazu oft schwingend im Verlauf durch die Wellen in der Landschaft. Autos trauen sich kaum hierher, eben deswegen, und selbst auf dem Fahrrad muss man etwas hart gesotten sein oder eben weich gefedert. In diesem Zusammenhang passt es gut, dass an einigen Stellen noch Schilder eines Kutschfernweges hängen, der bis zur Ostseeküste führt und jedes Jahr ein bisschen mehr an Wirklichkeit verliert.

Wilde Rosen und Holunder am Weg zwischen Willmine und Arnimswalde

Abgeschirmt werden die alten und archaisch wirkenden Verbindungswege meist durch dichtes Buschwerk, oft wilde Rosenbüsche und Holunder, sowie alte Bäume, gern auch solche, an denen später süße Früchte hängen. Birnen kann man dann genießen und auch Äpfel sowie Pflaumen, Kirschen oder eben den Holunder. Der steht gerade jetzt in bester Blüte und ist damit in bester Verfassung, um in Eierkuchenteig verbraten zu werden.

Durstig machender Ausblick vom Spitzberg bei Willmine

Das Gehen oder Schlendern auf solchen Straßen ist allein durch ihren Anblick pulssenkend und zugleich doch anregend, da jeder Schritt bedacht und gut gesetzt sein will. Reizvoll ist der Gedanke, dass viele der Pflastersteine nur ein paar Meter zu bewegen waren, bevor sie vom Hindernis für den Ackerbauer zum Komfortmerkmal für den Kutschenreisenden wurden. Auch in den Hausfassaden ist das lokale Gestein allgegenwärtig und sorgt für schöne Dörfer und ewige Mauern. Ob es hier immer schon so farbenfroh zuging, was Fensterläden und Türen betrifft sowie alles, was verspielt im Garten herumsteht?

Talgraben zu den Feldsteinwällen

Von Groß Fredenwalde lassen sich Touren bis Willmine, Klein Fredenwalde oder Arnimswalde aufspannen, die jede für sich eine runde Sache sind. Alle Varianten verlaufen zu einem Teil auf Straßen, doch das macht überhaupt nichts, da kaum Autos unterwegs sind und jede diese Straßen wunderschön verläuft – eher wie ein zu breit geratener Wanderweg.

Wer übrigens an den betagten Buckelpisten seine wahre Freude hat, kann das besonders zwischen Willmine und Arnimswalde auskosten und sollte auch nicht versäumen, Klein Fredenwalde östlich zu verlassen, der Weg ist ausgewiesen.

Steinwälle unter Eichen südlich von Klein Fredenwalde

Beim Prüfen der Optionen ist nur eine einzige Querverbindung mit Vorsicht zu genießen – der Weg, der sich Klein Fredenwalde von Südwesten nähert, beginnt unweit des Spitzbergs entlang des kleinen Grabens und gibt sich in der Vegetationsphase kaum zu erkennen, verlangt dann also Storchengang und etwas Orientierungssinn. Dort, wo er dann auf eine ausgeprägte Fahrspur trifft, lohnt ein kleiner Abstecher nach links, hin zu eindrucksvollen, breiten Feldsteinwällen, die als stromlose Vorgänger des heutigen Weidezauns gelten können. Darüber spannen große Kastanien ihre Kronen auf und sorgen für eine wohlige Stimmung.

Dorfplatz mit Lehmbackofen in Klein Fredenwalde

Auch der Wunsch nach Wald lässt sich erfüllen. Der hochgewachsene Arnimswalder Forst zeigt schon beim kurzen Eintauchen eine Art Werkschau des Baumbestands im Lande – selbst wenn man nur den kleinen Schlenker gleich bei Arnimswalde nimmt. Im Sommer bleibt zum entspannten Betrachten wenig Zeit, da der Wald durchfeuchtet ist, die regionale Mückenzucht auf Hochtour läuft.

Mit dem Weinberg und dem Spitzberg liegen zwei lohnende Gipfelbesteigungen am Weg, die man nicht belächeln sollte. Die Spitzkehren im waldigen Osthang des Weinbergs bei Groß Fredenwalde enden mit ein paar nostalgischen Stiegen auf einer weiten Wiese. Die steht voll mit wogenden Gräsern und öffnet nach Nordwesten eine herrlich weite Sicht.

Eingang in den Arnimswalder Forst

Hinauf zum Spitzberg bei Willmine führt unter freiem Himmel ein allerliebster Wiesenpfad, der von filigran-blauen Libellen umschwärmt wird und oben an einer perfekt platzierten Aussichtsbank endet. Das morsche Sitzmöbel gestattet fast einen Rundumblick, weit nach Süden, scheinbar unendlich in Richtung Norden. Der anziehende Blick über den Sabinensee und seine allernächste Verwandtschaft erinnert irgendwie an Kinowerbung für schäumendes Getreidebräu und macht augenblicklich durstig.

Pflasterstraße hinter Arnimswalde

Eventueller Durst oder Hunger lassen sich leider nicht direkt am Wege stillen, doch ein nördlicher Bogen im Rahmen der Rückfahrt bietet in Gerswalde, Kaakstedt und vor allem Flieth schöne Optionen. Und verstärkt auf der Passage das Verlangen, bald wieder hier zu sein und neue Wege zu entdecken.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): leider nur wenige, umstiegsreiche Verbindungen, daher kaum praktikabel (2,5-3 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn Richtung Prenzlau bis Ausfahrt Pfingstberg, dann ein Stück Landstraße; reizvoller ist, über Joachimsthal und dann über kleine Landstraßen zu fahren

Länge der Tour: ca. 14 km, diverse Abkürzungen sehr gut möglich (zw. WP 8 und 20, zw. WP 11 und 19, zw. WP 13 und 16)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Informationen über Groß Fredenwalde

Tourismus im Amt Gerswalde

 

Einkehr: im näheren Umkreis der Tour nichts
Zum Kastanienhof, Flieth (gemütlich, gute Küche, schattiger Biergarten im Hof)
(weitere Möglichkeiten in Gerswalde und Kaakstedt)

 

Berliner Spaziergang: Nördliche Dörfer, zirpende Gemälde und ein Botanischer Volkspark

Lange hat es gedauert in diesem Jahr und diesem Frühling, doch mit der zweiten Maihälfte ist die Zeit der nächtlichen Bodenfröste und morgendlichen Gedanken an Handschuhe nun endlich vom Tisch. Selbst Abergläubische und Skeptiker werden ihre Winter- und Übergangsjacken ohne große Bedenken in den dunklen Tiefen irgendeines Schrankes archiviert haben, wenigstens für ein knappes halbes Jahr. Aufatmen ist angesagt, direktes Sonnenlicht für Schultern und Knie sowie dichtes Laub auf allen Bäumen, selbst den gerne zaudernden Eichen und Platanen.

Bahnhofsvorplatz in Hermsdorf

Wie von den letzten Jahren gewohnt gibt es auch gleich die ersten Hochsommer-Tage, zunächst noch vereinzelt. Das freut vor allem einige hunderttausend zusätzliche Berlin-Besucher, die ein mehrtägiger Kirchentag, ein eintägiger Herrentag sowie ein mehrstündiges Fußball-Spiel in die Stadt gespült haben. Sie alle konnten Mütze und Schal zuhause lassen. Kurioserweise ist die erhöhte Bevölkerungsdichte jenseits der Innenstadt kaum spürbar, da viele Berliner das lange Wochenende irgendwo anders verbringen. Ganze Straßenzüge freier Parkplätze gähnen selbst in den dahingehend angespannten Stadtvierteln, auch nach halb acht noch. Das ist ungewöhnlich.

Rund um Berlin schnappt sich der spielfreudige Wind alle tausend Düfte des Wonne- und Blütenmonats Mai, verdichtet sie in unberechenbaren Wirbeln zu immer neuen Mischungen und reibt sie allen unter die Nase, die draußen unterwegs sind. Wer an so etwas seine Freude hat, muss die Stadt nicht unbedingt verlassen, denn nicht nur, doch gerade in seinen Randlagen bietet Berlin viel Grün in schmaler und breiter Form, dabei immer in großer Vielfalt. Dass man dabei auf ein paar der 20 Grünen Hauptwege trifft, ist nicht verwunderlich.

Berlin ist vor etwas weniger als 800 Jahren aus zwei Städten entstanden, die aus heutiger Sicht nicht größer als ein Dorf waren. Cölln lag südlich der Spree rund um die Petrikirche, Berlin nördlich des Flusses rund um die Nicolai-Kirche, die heute das älteste Gebäude der Stadt ist. Über die Jahrhunderte wuchs die Stadt und schloss Dorf für Dorf mit ein ins Stadtgebiet. Bis heute dauert das an. Bei vielen von ihnen ist der alte Kern sichtbar geblieben, meist mit Kirche in der Mitte. Gute Beispiele dafür sind Wittenau oder Kaulsdorf, Mariendorf oder Marzahn.

Am Tegeler Fließ zwischen Hermsdorf und Waidmannslust

Wer eine grüne Stadtrandtour machen möchte, braucht eigentlich nur ein paar Dörfer auszusuchen, die halbwegs in einer Reihe liegen, und diese über die passenden Grünzüge zu verbinden. Im wasserreichen Süden ist dabei auf das Vorhandensein von Brücken oder Fähren zu achten. In den meisten Fällen wird sich dann ein schöner und abwechslungsreicher Tag ergeben, der sich alle halbe Stunde per Bus oder Bahn beenden lässt, falls Kondition oder Wetter das nahelegen.

S-Bahn-Linie S1

Die S-Bahn-Linie nach Frohnau weist schon mit poesievollen Namen wie Schönholz, Wilhelmsruh oder Waidmannslust darauf hin, dass nun die Natur mehr und mehr übernimmt, die Hinterhöfe der Altbauten werden von den Gärten der Häuser und Villen abgelöst. Wer noch eine Station weiter in Hermsdorf die Bahn verlässt und auf einen der drei schönen Bahnhofsvorplätze tritt, ist vom Empfinden her ebenso fern von Berlin, wie das in Wilhelmshagen oder Rahnsdorf im Südosten der Stadt der Fall ist.

Wege am Packereigraben

Hermsdorf

Was zwischen den Bahnhofsplätzen liegt, lässt eine erste Pause als alternativlos erscheinen. Überall laden Geschäfte, Cafés und Biergärten zum Verweilen ein. Nicht unbedingt, weil es bereits nötig wäre, sondern weil es einfach viel zu schön ist, um fokussiert und plangemäß loszugehen. Ein gemütlicher Kiez ist das hier, der am südlichen Ende einen halbrunden Platz mit kleinem Markt und einem ganz besonderen Café Achteck bereithält, das quasi in Blumen gebettet ist. Das berlintypische grüne Klo-Häuschen ist umgeben von bunten Beeten und sieht von außen aus wie überall in der Stadt. Im Innern wurden jedoch die Zahl der Achtel nicht nur gerecht für Weiblein und Männlein halbiert, sondern weiterhin unterteilt in alle benötigten Bereiche, die einen adäquaten Rückzug sowie eine gewisse Gleichzeitigkeit gestatten. Wer es nutzt, empfindet ein wenig Noblesse, wenn er bedenkt, um was für ein Bauwerk es sich handelt.

Rückblick am Klötzgraben

Große Bäume an den Straßen sorgen für Schatten. Das ist willkommen an diesem Tag, der als erster im Jahr die 30°C-Marke knacken soll und sich schon jetzt alle Mühe gibt. Im Oval der Brandtstraße gibt es einige besondere Villen zu bestaunen, bevor gleich dahinter die erste konzentrierte Dosis Stadtnatur ihren wirkungsvollen Auftritt feiert. Ein kleiner Weg biegt ab auf den schattigen Bohlenweg entlang des Tegeler Fließes. Die wenigen Meter entlang des still gurgelnden Baches haben eine solche Ausstrahlung, dass man sofort in Versuchung kommt, dem geplanten Weg untreu zu werden und dem stillen Fließ weiter zu folgen, bis zum Stadthafen in Tegel und der Uferpromenade am Tegeler See. Eine Überlegung ist das auf jeden Fall wert, nicht nur des schönen Zieles wegen.

Weg über die Felder zum Zabel-Krüger-damm

Nach dem Losreißen vom schattigen Bachtal folgt etwas Geplänkel auf Straßen, deren Namen alle irgendwie mit der Jagd zu tun haben. Das passt durchaus, denn nördlich des Fließtales beginnt der große Tegeler Forst, der gemeinsam mit seinen Nachbarwäldern in einer Liga mit dem Grunewald spielt oder den weiten Waldgebieten im Bezirk Treptow.

Waidmannslust

Beim S-Bahnhof Waidmannslust gibt es eine kleine Unterführung, und hinter dem sachlichen Oraniendamm beginnt mit dem ersten Grünzug des Tages der Auftakt zu den weiter oben erwähnten Landschaften. Ab hier kann man nun fast lückenlos über Wiesen und Felder, entlang von Wasserläufen oder im Baumschatten bis nach Rosenthal gelangen. Teilweise sind der Weg und seine Stimmungen so romantisch und von ländlicher Idylle, dass einem Gemälde in den Sinn kommen – wild gemischt von Renaissance bis Impressionismus.

Hermsdorfer See

Der behutsam fließende Packereigraben beginnt zurückhaltend und mit einem großen Kletterschritt ans linke Ufer, da eine benachbarte Brücke abhanden kam. Die meisten Wege entlang des kleinen Wasserlaufes sind schattig, doch zweimal öffnet sich das Tal zu breiten Wiesen, die derzeit blütengelb gesprenkelt sind. Dass rundherum hohe Plattenbauten stehen, fällt nur selten auf, denn der Blick nach oben endet am dichten Laub. Erst beim Rückblick über die Wiese sieht man die grauen Türme, die in der dichten Nachbarschaft zum Idyll einen ganz besonderen Kontrast bilden, immer wieder.

Birkenallee am Tegeler Fließ

Vor dem Zusammenfluss von Packereigraben und Klötzgraben läuft am anderen Ufer gerade ein jugendliches Fußball-Spiel, und es scheint um was zu gehen, so laut wie angefeuert wird. Kurz merkt man wieder, dass man in der Stadt ist. Doch zwei Minuten später öffnet sich die nächste bunte Wiese, der Weg hindurch als hochgewachsene Allee. Am Ende quaken Frösche und auch Enten, die zwischen den Ufern von Insel und Teich hin- und herpendeln, ganz klar ohne Eile.

Die weiten Feuchtwiesen des Tegeler Fließes im ehemaligen Grenzgebiet

Die erste Kleingartensiedlung liegt am Weg, und am Ende des Tages wird der Gedanke leichterfallen, dass es gut 70.000 solcher Gärtchen geben soll auf dem Berliner Stadtgebiet. Hinter dem Zabel-Krüger-Damm, der Tegel fast als Luftlinie mit dem Dorf Lübars verbindet, beginnt völlig unerwartet ein bestelltes Feld. Mitten hindurch quert ein dörflicher Pfad eine Senke zum nächsten Wohnviertel. Am Getreiderand leuchten die ersten Mohnblumen, in kräftigem Blau auch schon ein paar Kornblumen. Der fast verblühte Raps steckt voller Bienen, und senkt man seinen Kopf zwischen die Halme, summiert sich das Gesumme eindrucksvoll.

Geschwungener Weg nach Lübars

Ein kleiner Fußweg verlässt die Siedlung und taucht ein in einen schattigen Waldstreifen mit hohen Bäumen. Von rechts sind eindeutige Strandgeräusche zu hören, laut und fröhlich. Freude über die gute Synchronisierung des freien Tages mit dem ersten heißen Tag. Die vergnügten Töne gehören zum Freibad Lübars, dessen Strand am Ziegeleisee liegt. Im weiten Bogen führt der Weg zwischen ihm und dem Hermsdorfer See vorbei. Der ist eine Verbreiterung des Tegeler Fließes, das nun den Weg ein Stück begleitet. Länger als vorhin, doch dafür unsichtbar, da es seine gefälligen Mäander durch üppige Feuchtwiesen schickt, tief versunken durch all die Gräser fließt. Doch wie vorhin führt auch hier ein zauberhaftes Wegstück über breite Planken, und spätestens bei der bequemen Aussichtsplattform schlägt sie zu, die große Idylle und Naturversonnenheit. Das Land Brandenburg ist von hier wirklich nur einen Steinwurf entfernt, und das Tegeler Fließ tut alles dafür, dies zweifelsfrei zu lassen. Zu Zeiten des Mauerbaus brachte das breite und unwegige Auland die Planer der Grenzanlagen in echte Verlegenheit und zwang sie dazu, ein Stück deutschen demokratischen Republik-Bodens hinter der Grenzbefestigung zu lassen. Das sorgte mit Sicherheit für Schmerz und Schmach bei den zuständigen Organen.

Blick von Lübars Richtung Märkisches Viertel

Am Ende des Bohlenweges öffnet sich die weite Wiesenlandschaft. Im pittoresken Bogen führt der Weg auf das alte Dorf Lübars zu, das erhaben oberhalb eines weit auslaufenden Hanges liegt und das dörflichste Dorf von Berlin sein dürfte. Rückblickend sind noch einmal die Wohntürme zu sehen, voraus das Kontrastprogramm mit Pferdekoppeln, Treckern und Scheunen. Überall wiehert, schnaubt oder trabt es. Damit das auch so bleibt, sind ständig Trecker unterwegs, die weiß eingewickelte Strohpäckchen herankarren.

Lübars

Eine gute Gelegenheit für eine gemütliche und freundliche Alt-Berliner Rast sitzt gleich am Anger, noch vor der Kirche und schon seit langem. Wahlweise vorn auf der Terrasse mit Blick aufs Dorfgeschehen und die aktuellen Busabfahrten, drinnen im gediegenen Gastraum oder hinten im süßen Biergarten gibt es im Dorfkrug jede Form von Stärkung. Gleich gegenüber steht leicht erhöht das Kirchlein mitten auf dem Anger, wie sich das gehört. Rundherum ein schönes Dorfbild für ein warmes Herz und an der Ecke kurz vorm Ausgang aus dem Dorf dann noch ein Kräutergarten mit allerlei Kleinvieh. Am Beginn der klassischen Allee nach Blankenfelde verlockt erneut ein schöner Weg zur Untreue, wie vorhin schon der Barnimer Dörferweg, die Nr. 13 von den Grünen Hauptwegen.

Dorfstraße in Lübars

Nach einem Stück Allee quert rechts wieder ein uriger Weg durchs bestellte Feld, der diesmal über eine Anhöhe. Ganz oben steht ein Reh, mit dem Wind im Rücken, daher steht es dort sehr lange. Guckt durchdringend in unsere Richtung wie Reinhard Mey vom Plattencover, bevor es uns dann wittert und umgehend verschwunden ist vom Erdboden. Mittlerweile hat man sich nun daran gewöhnt, dass es auch auf Berliner Stadtgebiet so aussehen kann wie hier. Ein Quäntchen Staunen ist dennoch übrig.

Feldweg zur Lübarser Höhe

Freizeitpark Lübars

Nach einem kurzen Treffen mit dem baumlosen Feldspatzenweg führen Wege hinein in den Schatten eines Parks. Hier spazieren nun Damen mit Hunden, Mädchen mit Ponys und Jungs mit funkgesteuerten Modellflugzeugen, die seltsame Töne erzeugen. Wie Hornissen auf LSD. Im weiten Bogen schraubt sich ein breiter Weg hinauf zur Lübarser Höhe. Auf deren Hälfte liegt eine Aussichtsplattform mit Feuerplatz für Holzscheite jeder Größe. Der freie Blick reicht von hier in alle Richtungen, die mit Westen zu tun haben. Eine und auch zwei Etagen tiefer verlaufen gern genutzte Spazierwege. Die agilen Modellflugzeuge sind von hier aus betrachtet genauso groß wie die Flieger etwas weiter links, die eben noch in Tegel auf der Startbahn rollten.

Blick aus halber Höhe vom Freizeitpark Lübars

Die eigentliche Lübarser Höhe müsste mal zum Friseur. Wer sich in südlicher Ausrichtung und auf Zehenspitzen auf die breite Mauer des Plateaus stellt, erntet ein passables Breitbild in Richtung Innenstadt, aus dem markant der Fernsehturm sticht. Viel mehr als das ist ohne Leiter nicht zu holen, doch immerhin. Beim Abstieg gibt sich die Höhe ganz Berg und schlägt in Serpentinen eine Handvoll Haken durch den bewaldeten Hang, bevor ganz unten ein breiter Weg entlang des Fasaneriegrabens quert. Vorbei an einem vergessenen Frosch-Teich und durch niedrigen, doch besonders schattigen Wald steht man plötzlich vor einem Bahnübergang mit einem Gleis, das keineswegs nach Abstellgleis aussieht. In der Tat trügt der Schein nicht, denn hin und wieder dampft hier tatsächlich ein Zug entlang. In schönster Nostalgie wird dann die Zeit der schnaufenden Heidekrautbahnen wachgerufen. Die Züge fahren an solchen Tagen vom nahe gelegenen Wilhelmsruh bis nach Basdorf im Barnim, wo beim Heidekrautmuseum die Lokschuppen fürs kleine Schwarze warten.

Südliches Sichtfenster von vom Gipfelplateau

Gleich dahinter erinnert der querende Mauer-Radweg kurz daran, dass hier einmal ein Todesstreifen verlief. Angesichts der grünen Üppigkeit ringsum fällt es besonders schwer, sich den vier Meter hohen Betonwall vorzustellen, der hier einmal die Gegend zerschnitt. Ein davon völlig unbeeindruckter Trampelpfad nimmt über die Wiese den kürzesten Weg zur Friedhofsmauer. Dahinter kann das Studium der Berliner-Lauben-Vielfalt weitergehen. Das darf ganz exklusiv von oben herab erfolgen, denn ein Damm bildet die Grenze zwischen Gartenland und üppiger Wiesenweite, die bis zur klassischen Dorfansicht von Blankenfelde reicht.

Altes Gleis der Heidekrautbahn

Von diesem ausgeprägten Damm, der auch schwer nach ehemaliger Bahntrasse aussieht, bietet sich nun eine Sicht auf den Berliner Ortsteil Blankenfelde, dem man wirklich nur schwer abnehmen möchte, dass er noch innerhalb der Stadtgrenze liegt. Die weiten und saftigen Moorwiesen reichen ohne größere Sichthindernisse bis zum Dorf und geben ein urmärkisches Bild ab. Mitten durch die Moor-Wiesen, für deren tiefreichendes Wassermanagement der Zingergraben verantwortlich ist, ziehen sich Wege. Mit großer Geste fordern Sie dazu auf, den schützenden Dammschatten aufzugeben und sich in die Geräuschkulisse zirpender Grillen und raschelnder Halme zu begeben. Die Bäume sind noch niedrig, doch im Wind rauschen können Sie schon wie die ausgewachsenen Weiden auf dem Damm.

Zuweg zur Zingergrabenniederung

Botanischer Volkspark Blankenfelde

Ein unscheinbarer Trampelpfad verlässt den breiten Hauptweg und endet kurz darauf an einer Treppe. Unten quert einer der Gräben, die mit dem Zingerteich zu tun haben. Das Tor gleich dahinter ist der Nordeingang zum Botanischen Volkspark Blankenfelde, einem relativ unbekannten Volkspark. Überall schlendern, sitzen und fläzen entspannte Menschen, die picknicken, spielen, entdecken oder einfach nur genießen. Junge und alte Alleen begleiten die Hauptwege. Am einen Ende des Großen Zingerteiches rasten Gänse mit ihrem unendlich weichen Nachwuchs, am anderen Ende haben zwei Familien mit ihren Kindern einen schönen Tag im Grünen, über Gras und unter Laub. Auf großen, flachen Steinen können Leute aller Beinlängen eine Furt über den träge fließenden Zulauf zum Teich queren. Thematische Wälder gibt es zu entdecken und eine geologische Wand, die zunächst unscheinbar wirkt. Lässt man sich jedoch etwas ein und stellt sich vor, was hier an Zeiten und Orten präsentiert wird, alles komfortabel vereint auf wenigen Metern, kann man schon ins Staunen kommen.

Junge Allee in der Zingergrabenniederung

Wo letztlich die Wege aller Park-Besucher zusammenlaufen, liegt ein schönes Gewächshaus in Form einer riesigen Hantel. Zwischen Palmen und anderen gewichtigen oder stachligen Gewächsen wird hier von einer freundlichen interkulturellen Besatzung kredenzt, was fast jeden mit einem Lächeln den Kassenbereich verlassen lässt. Trotz der bretternden Sonne ist es im Gewächshaus erstaunlich angenehm, zu verdanken schlicht einer ausgeklügelten Durchlüftung. Schöner ist es heute dennoch im weitläufigen Kaffeegarten, wo verbunden durch eine sanfte Brise Menschen sämtlicher Altersgruppen sitzen, liegen oder lümmeln, wahlweise in der Sonne oder im Schatten der großen Bäume. Weiter hinten passt eine große Familienrunde mit vielen Kindern gerade so auf eine riesige Decke und spielt mit Affengeduld und großer Begeisterung irgendein zentral platziertes Spiel.

Im Botanischen Volkspark Blankenfelde

Wem das Genannte nicht reicht als Grund für einen Ausflug hierher, der kann sich auch einem kulinarischen Wildpflanzenspaziergang anschließen, einen tieferen Blick in die Imkerei werfen oder einen Zeichenkurs unter freiem Himmel besuchen. Oder im südöstlichen Bereich des Volksparkes den Leuten beim Stadtgärtnern auf großen kreisrunden Beeten zuschauen, wo alles herangezogen wird, was gut schmeckt und auf dem Teller einen schmalen Fuß macht.

Am Haupteingang kann man sein Scherflein zur Nutzung dieser vielfältigen Anlage beitragen, zur Zeit ein Euro pro Person. Der Automat nimmt jedoch keine Münzen an, die größer sind als dieser Preis, also am besten schon bei Wechselgeldern im Tagesverlauf auf genügend kleines Kleingeld achten. Das Durchschreiten des großen Portals ist ein guter Zeitpunkt, den Tag zu beenden, denn direkt hier befindet sich die Bushaltestelle des 107er Busses, der alle 10-20 Minuten fährt und bald schon auf die Straßenbahn trifft, die zum Kupfergraben ins Herz des alten Berlin rattert.

Pflanzenhaus im Botanischen Volkspark

Wer noch immer keine müden Beine hat und Lust, ein ganz spezielles Berliner Ufer kennenzulernen, biegt zweimal rechts ab und landet kurz darauf an einem haushohen Hochufer. Der Nordgraben, ein naher Verwandter der Panke und noch keine hundert Jahre alt, plätschert zwischen Kräuterweg, Gebirgskräuterweg und Feldkräuterweg so erstaunlich tief dahin, dass sein gekräuseltes Wasser nur dann sichtbar wird, wenn man sich auf die Zehen stellt. Direkte Blicke gestatten einige Brücken, die auf hohen Stelzen den tief eingefurchten Graben queren.

Nutzgärten im Botanischen Volkspark

Rosenthal

Nach den breit gefächerten Eindrücken des Tages ist diese schnurgerade und schattige Passage entlang der Kleingärten eher meditativ und somit gut geeignet, schon mal nach und nach die geistigen Aktivitäten soweit herunterzufahren, dass es gerade noch zum Anheben eines gläsernen oder irdenen Trinkgefäßes reicht, verbunden mit einem zufriedenen Dreinblicken. Ein paar Abbiegungen und eine Kirche später ist das passende Ausflugslokal erreicht, welches gemeinsam mit der Haltestelle der Straßenbahn und einer alten Berliner Wasserpumpe mit ausgeprägter Zugschwäche das Herz von Rosenthal bildet.

Das ruckelige Tempo der Straßenbahn und die vielen Kurven auf der Strecke ermöglichen ein behutsames Wiedereintauchen in die inneren Schichten der Stadt. An einigen Stationen locken im warmen Abendlicht noch schöne Optionen für Unersättliche, bevor dann S- und U-Bahn-Zeichen unumstößlich mit der Wirklichkeit verbinden. Was jetzt durchaus willkommen ist.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S1 Richtung Frohnau bis Hermsdorf

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: ca. 17,5 km (beliebig verkürzbar)

 

Download der Wegpunkte
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Einkehr: diverse Möglichkeiten in Hermsdorf am Bahnhof
Dorfkrug in Lübars
Café Mint im Botanischen Volkspark Blankenfelde
Gasthaus Dittmann in Rosenthal

Berliner Spaziergang – Havelufer West: Küstendörfer, tausend Segel und die verborgene Düne

Eine liebenswerte ältere Dame saß einmal auf der schwarzledernen Rückbank eines Berliner Taxis und erzählte mir auf der Fahrt vom Flughafen Tegel nach Spandau-Wilhelmstadt, dass die Havel eine gewichtige Wetterscheide ist. Keineswegs ohne Grund, denn während der Flughafen in schönstes Sonnenlicht getaucht war, braute sich am Fahrtziel Düsteres am Himmel zusammen. Die Plauderei während der Fahrt war rundum angenehm, das Erwähnte blieb bereitwillig hängen, wurde verinnerlicht und seitdem oft berücksichtigt. Was ebenfalls hängen blieb war die Information, dass Spandauer sich keinesfalls als Berliner sehen, sondern eben als Spandauer. Da sie häufig anderes Wetter als die größere Nachbarstadt am anderen Flussufer haben, ist das nachvollziehbar. Und in der Tat wirkt Spandau sehr wie eine eigenständige Kleinstadt, mehr als die meisten anderen Berliner Stadtteile.

Olympiastadion im Ruhemodus

Wenn in Berlin also lausiges Wetter angesagt ist und auch so stattfindet, lohnt es sich bei einer fünfzigprozentigen Chance durchaus herauszufinden, ob das Wetter jenseits der Havel wonnig ist oder eben noch viel lausiger. Am besten per S-Bahn oder Regionalbahn, denn gegebenenfalls kann man im schier endlosen Spandauer Bahnhof gleich wieder in den nächsten Zug Richtung Innenstadt steigen und dort aus dem lediglich lausigen Wetter das Beste machen. Eventuell vorher noch gut verzurrt in die Spandauer Altstadt spazieren und am Markt eine Institution in Sachen Konditor-Handwerk aufsuchen – damit die Fahrt nicht ganz umsonst war.

Da der April sich weiterhin äußerst selbstbewusst verhält und sein Naturell auslebt, obendrein noch mit Wärme geizt, schöpft man also alle Potentiale gern aus, dem aus dem Weg zu gehen. Verbinden lässt sich das mit einer womöglich vorhandenen Neugier auf eine lockende Wasserlandschaft, die bei jeder Querung der Havel auf der Heerstraße erneut angestoßen wird.

In der Murellenschlucht an der Waldbühne

Neu Westend

Die U-Bahn nach Ruhleben nimmt man im seltensten Fall bis zur Endstation. Das war anders, solange es in ganz Berlin nur eine Möbelhalle unter schwedischer Flagge gab, und sorgte damals sicherlich oft für die Fragestellung, wie groß etwas sein darf, damit es durch eine U-Bahn-Tür passt, und ab welcher Größe ein sperriger Karton eine eigene Fahrkarte benötigt.

Die vorletzte Station ist Olympia-Stadion und wird eher ruckweise beansprucht, dann jedoch sehr intensiv. Noch eine davor liegt der U-Bahnhof Neu-Westend direkt unter dem Steubenplatz. Scheinbar nicht allzu tief, denn in kellerlägigen stillen Örtchen am Platz fühlt es sich so an, als würde die U-Bahn auf Augenhöhe mit der Keramik verkehren. So zum Beispiel im herrlichen Wiener Caffeehaus, das ebenfalls als Westberliner Institution betrachtet werden kann und in gut zehn Jahren seinen Hundertsten feiert. Hinterm Torten-Tresen wieseln vier Damen geschäftig hin und her, die beständig nachwachsende Schlange jenseits der Vitrinen gibt ihnen Recht. Im Gastraum geht es beschaulicher zu, doch wer hierher kommt, hat ohnehin Zeit unterm Hosenboden. Ein perfekter Ort für gepflegte Damenkränzchen und akademischen Austausch unter ergrauten Schopfträgern, auch bestens geeignet für Einheimische, die Freunde zu Gast haben und ihnen zeigen wollen, wie das Berliner Leben in weniger globalen Zeiten ausgesehen haben könnte.

Wohnraumkontraste in Alt-Pichelsdorf

Olympia-Stadion

Nach gediegenen Gärten mit internen Höhenunterschieden beginnt hinter der Olympischen Brücke mit ihrem weiten Blick bis zum Heizkraftwerk Reuter West eine andere Welt und mit ihr ein anderes Kapitel in der Zeitleiste. Wie die Schlange das Kaninchen nimmt einen die großspurige Symmetrie des Olympiastadions in ihren festen Blick, bis man schließlich gebannt zwischen den beiden Säulen vor dem großen Tor steht. Der Weg dorthin führt über einen großen Parkplatz, auf dem die Jungs in menschenleeren Zeiten gern neu erfundene Runen in den Asphalt radieren – mit Vollgas und Handbremse als Schreibwerkzeug.

Wer neugierig ist auf das Stadion-Gelände, zahlt Eintritt und kann sich in den Bann der Details begeben, was lohnend sein dürfte, zeitfordernd und ein Schmaus für Freunde visueller Perspektivspiele. Ansonsten zeigt sich das gesamte Sportgelände ziemlich zugeknöpft. Wer also auf der Durchreise ist, muss große Bögen in Kauf nehmen, um das riesige Areal zu umrunden, welches auch noch das Maifeld und das restmondäne Reiterstadion einschließt.

Bootsstege an der Scharfen Lanke, Alt-Pichelsdorf

Das Pendant zu den beiden wuchtigen Säulen vom Osteingang ist zwischen Maifeld und Waldbühne der schnörkellose Glockenturm, wie das Korn zur Kimme eingebunden in die erwähnte Symmetrie. Nach dem Abschreiten und Sichten all dessen wirkt die benachbarte Waldbühne regelrecht winzig. Das passt gut als Überleitung zu einem unerwarteten Abstecher in die Murellenschlucht, der beachtlich tief hinab führt. War eben noch alles lärmig, grau und abweisend, taucht man hier in starkem Kontrast ein in das grüne, stille Reich, zwischen Hochhäusern, Bahntrasse und historischem Bombast. Ein tiefes, leises Tal, das die Natur einst schuf und dessen Name geheimnisvoll klingt. Eine lange Treppe führt die Talflanke hinab, die dicht bedeckt ist von saftigem Kraut mit kleinen weißen Blüten, bekannt als Berliner Bärlauch oder Wunder-Lauch. Mit beiden Namen passt es bestens an diesen Ort, zu erleben ist es auch im Treptower Park zwischen Baumschulenweg und der Insel der Jugend. Der intensive Knoblauchduft erfüllt die ganze Schlucht.

Mediterran anmutender Weg über der Haveldüne

Den Weg begleiten Spiegel mit rotweißen Rändern, wie man sie von schlecht einsehbaren Straßen-Ausfahrten kennt. Während noch Fragezeichen überm Kopf wachsen, ist bald schon eingravierter Text zu erkennen in einer der Spiegelflächen. Unaufdringlich, doch bald schon eindringlich und ohne senkrechten Zeigefinger tragen die Spiegel dazu bei, eines der unzähligen pestschwarzen Kapitel der NS-Zeit vor dem Vergessen zu bewahren. Sogenannte Denkzeichen sind die Spiegel für einen Schauplatz speziellen Unrechts. Das Lesen der spiegelnden Texte erfordert etwas Kopfgymnastik.

Die Murellenschlucht hätte mit Schanzenwald, Murellenberg und Fließwiesen noch viel zu bieten, doch heute lockt das Land jenseits der Havel, also zweigen wir bei erster Gelegenheit in den Aufstieg ab, noch immer durchs grüne Lauch. Nach dem S-Bahn-Graben und dem äußersten Rand der Pichelsberger Plattenbauten lärmt vorn schon die Heerstraße, die ab hier schnurgerade der Stadtgrenze entgegenstrebt. Von der Stößenseebrücke öffnen sich nun Blicke auf ein regelrechtes Fjordreich aus Havelwasser, gesäumt von unzähligen Stegen, an denen zumeist weiße Bootskörper vertäut liegen – vermutlich noch nicht allzu lange, doch schon ungeduldig.

Blick von der Haveldüne zum Grunewald

Ein Seitenweg senkt sich direkt hinter der Brücke zu einem dieser Ufer ab und vermeidet ein Stück Straßenlärm. Der Pichelswerder, um ein Haar eine Insel, bietet ein einladendes Imbiss-Reich und ein Stück Wald, bevor die Havel höchstselbst auf einer relativ neuen Brücke überquert wird. Die Konzentration der Stege hält an und lässt daran zurückdenken, dass zu Westberliner Zeiten die großen Wasserflächen eher die Ausnahme waren. Hier beginnt nach Süden ein Segel- und Schipperrevier, das bei üppiger Breite zehn Kilometer bis zum Hafen Wannsee reicht. Es war das mit Abstand ausgedehnteste, was das ummauerte Westberlin zu bieten hatte.

Alt-Pichelsdorf

Nach Pichelsberg am Nordrand des Grunewalds und dem havelumspülten Pichelswerder findet man sich nach dem zügigen Verlassen der Heerstraße in Pichelsdorf wieder, einem alten Dörfchen, das an einigen wenigen Stellen noch selbstbewusst durchscheint. Das wirkt kurios, in direkter Nachbarschaft zur eigenwilligen Bebauung aus jüngeren Jahrzehnten. Nördlich des Dorfes und der Heerstraße gibt es mit dem Grimnitzpark und dem Südpark zwei wasserreiche Grünanlagen, die gemeinsam mit der Scharfen Lanke im Süden den Eindruck erschaffen, auch Pichelsdorf wäre ein Teil des genannten Fjordreiches und von Wasser umgeben.

Kirchhof in Alt-Gatow

Unversehrt ist der dörfliche Charakter in den Kleingartenkolonien, die sich um die Scharfe Lanke schmiegen. Da stehen so einige Lauben, die einem zille’schen Pinsel entsprungen sein könnten, und erwecken vor dem geistigen Auge entsprechende Episoden zum Leben. Zeitlich halbwegs passend verrät eine kleine Tafel, dass auch der markant frisierte Albert Einstein hier einen Garten hatte, dazu ein kleines Boot. Auch das eine schöne Vorstellung – der humorvolle Pfeifenraucher auf dem Rand eines nicht gänzlich dichten Bötchens, das der launige Wind über die Havel scheucht.

Ab hier beginnt nun ein Weg, der bis hinein nach Kladow ohne größere Unterbrechung den seebreiten Fluss im Auge behält. Die einzige nennenswerte Havelpause gibt es rund um Alt-Gatow, und das ist dankenswert, wie sich zeigen wird. Der Weg am Flussufer, wieder mal einer der 20 grünen Hauptwege Berlins, ist voller Abwechslung, unterhaltsam und idyllisch. Doch die eigentliche Würze erhält diese entspannte Passage durch ein paar kleine Abstecher, jeweils nicht weit, doch markant.

Aufstieg zum Mühlberg, Alt-Gatow

Die Bucht der Scharfen Lanke ist komplett eingefasst von Stegen, die bis zu hundert Meter ins Wasser hineinragen und bei dichter Belegung mit kleineren und größeren Bootsleibern für eine effiziente Nutzung dieses gut angebundenen Uferstreifens sorgen. Viele von ihnen gehören zu Bootsclubs mit so hakeligen und auf ia endenden Namen wie Arminia Cheruskia und Gothia oder Arkonia und Dresdenia. Die Namen gehören zu Segel- und Rudervereinigungen oder auch zum Altherrenverband einer akademischen Turnverbindung, was weder ausgedacht ist noch aus einem alten Buch entnommen.

Südlich davon übernimmt schon bald die Natur, so dass es nur noch vereinzelt Stege gibt. Noch vorher winkt überzeugend der erste Abstecher in einen steilen Aufstieg über alte Stufen. Die führen hoch auf die Haveldüne, eine kleine Lokal-Prominenz. Von der Düne oder ihrem Sand ist hier so gut wie nichts zu sehen, doch die Anhöhe überrascht mit einem Weg in Kurpark-Breite, der durchaus an die Oberkante einer Steilküste denken lässt und sogar etwas mediterranes Flair ausstrahlt.

Eiche auf dem Gipfelplateau des Mühlberges, Alt-Gatow

Zwischen platten Kronenkiefern stehen herrliche Aussichtsbänke, die den Grunewald in panoramischer Breitseite bieten. Inbegriffen sind der backsteinerne Grunewaldturm, die zerfledderten Horchkuppeln auf dem Teufelsberg und zu ihren Füßen das Restaurant-Schiff Alte Liebe, seit einem Neuanstrich noch weißer als zuvor. Im Süden reicht der Blick in die jüngste Vergangenheit, zu den Plattenbauten von Pichelsberg und dem hohen Funkmast an der Heerstraße. Und direkt zu den Füßen wird die Havel nun minütlich weißer, denn jeder, der ein Boot mit einem Segel hat, will heute diesen Tag ausnutzen. Ein eleganter Zweimaster macht sich auf den Weg nach Spandau und wird später dann zum zuverlässigen Begleiter. Direkt neben uns setzt sich eine Amsel in die kräftige Gabel einer Kiefer und zwitschert präzise Richtung Teufelsberg – als wollte sie die rundlichen Überbleibsel des Kalten Krieges verjuxen.

Rückseite der Windmühle, Alt-Gatow

Nach dem letzten Steg beginnen die grünen Wege. Fast immer dabei ist eine ausgeprägte Geländekante, die das Haveltal als solches betont. Häufig besteht die Wahl zwischen einem ufernahen Spazierweg und einem Radweg, jeweils reizvoll zu gehen. Zwischen beiden wurde auf dem Pless’schen Gelände eine Streuobstwiese angelegt. Direkt benachbart liegt die Villa Lemm und besteht auf ihr ganz persönliches Stück Ufer. Die gesamte Anlage ist sehr mondän und beschreibt anschaulich die Bedeutung des Wortes „konsequent“, auch bekannt als „wenn schon, denn schon“. Drum herum schmiegen sich schon die Ausläufer von Alt-Gatow.

Alt-Gatow

Im Ortsbereich muss also ab dem lemm’schen Fingerzeig das Havelufer verlassen werden, was davor bewahrt, an einer liebenswerten Mischung dörflicher Elemente versehentlich vorbeizulaufen. Obwohl sich der Durchgangsverkehr weiter westlich auf der Bundesstraße 2 abspielt, ist auch hier einiges los. Da heute nicht nur für Segelboote ein guter erster Tag ist, sondern auch für Motorräder, sind einige wohlklingende als auch lärmige Aggregate zu hören.

Gutshof Gatow

Bereits nach wenigen Minuten bietet sich als Gegenentwurf der Kirchhof rund um die Dorfkirche an, der genau so auch auf irgendeiner Ostsee-Insel liegen könnte. Sofort ist es stiller, und sowohl der Duft als auch die Optik versetzen den Besucher in ein entlegenes Dörfchen. Etwas die Straße hinter beginnt ein winziger Pfad hinauf zum Mühlenberg, der nun die Düne von vorhin fürs Auge nachholt. Ein sandiges Wegenetz mit klobigen Holzgeländern führt hoch zum weiten Plateau, das von vielfältigem Trockenrasen bedeckt ist. Weiterhin steht hier eine einzelne Eiche, eine Mühle hingegen nicht.

Gärtnerei-Café, Alt-Gatow

In der Eiche tummeln sich ein buntgekleideter Vater und eine ganze Horde gleichfalls bunter Kinder, die rein rechnerisch nicht alle die eigenen sein können. Die Eiche ist noch nicht sehr alt. Da sie jedoch der einzige Baum hier oben ist, hat sie eine ausufernde Krone aufgespannt und streckt die meisten Äste gerade und weit vom Stamm. Mit sichtlicher Freude turnt der Vater behende und elastisch wie ein Artist durchs Astwerk, das teils erheblich nachgibt. Das Beherzte und die Freude übertragen sich ohne Umweg auf die Kinder, die überhaupt nicht angefeuert, ermutigt oder gebändigt werden müssen. Als der Vater in drei Schwüngen die nachgiebigen und elastischen Außenäste zum Boden hin verlässt, dauert es nicht mehr als anderthalb Minuten, bis alle Kinder wohlbehalten unten sind. Plaudernd trollen sie sich, wahrscheinlich zum gemeinsamen Kakaotrinken. Und haben was Schönes zu erzählen am nächsten Schultag.

Grunewaldturm gegenüber

Eine hochgewachsene Allee begleitet den Abstieg und liefert schließlich noch die Mühle nach zum Berg. Die ist nicht mehr die originale, vielmehr eine Zugezogene aus der Prignitz, und scheint sich gut eingelebt zu haben. Aus den Schildern vor Ort geht hingegen hervor, dass die heutige Mühle fast nur aus fachgerecht konstruierten Neuteilen besteht und mit Lottogeldern finanziert wurde. Wie auch immer, fest steht, dass die Mühle namens Regine wunderschön ist, über ein markantes Dach verfügt und hier einen passenden Standort gefunden hat, an dem sich bestens Feste feiern lassen.

Das gilt auch für den Gutshof Gatow einen halben Wiesenhang tiefer. Hier steht der zur Mühle passende Holzbackofen. Die alten Gebäude rund um den gepflasterten Hof atmen Atmosphäre und schaffen einen einladenden Ort zum Verweilen. Im Hofladen mit Café ist ein kleines Fest im Gange, und zwischen den Beinen der Tanten, Opas und Familienfreunde tummeln sich Kinder mit Kränzen im Haar, geflochten aus den Butterblumen vom erwähnten Wiesenhang. Nicht nur der Hof bezaubert, auch im Café geht es höchst gemütlich zu. Kräftige und grob behauene Holzbalken liegen frei, und in der Raummitte steht groß ein zylindrischer Ofen, dem viel zuzutrauen ist.

Nasses Havelufer an der Laubenkolonie

Wem es hier vielleicht zu voll ist und zu trubelig, der braucht nur eine Pforte weiter zu gehen. In einer kleinen Gärtnerei gibt es unter freiem Himmel und auch drin im alten Wachshaus ein Café, ganz genauso gemütlich wie nebenan und doch völlig anders. Zwei Räume gibt es, in denen man herrlich versacken kann. Dazu tragen neben den kulinarischen Möglichkeiten zwei fähige Öfen, zahllose Zeitschriften und Bücher sowie einige Sessel bei, die einen nicht so leicht loslassen werden, wenn man erstmal drinsitzt. Beiden Orten gemeinsam ist die freundliche Atmosphäre, die das Personal ausstrahlt. Wenn man fünf Minuten später wieder dem Havelufer folgt, wird man gern zurückdenken an Alt-Gatow und sich schon freuen aufs nächste Mal.

Nach etwas Straße biegt schon bald ein Weg ab, der vorbeiführt an Obstwiesen und zaghaft daran erinnert, dass die Zeit der Obstbaumblüte läuft. Am Uferweg ist einiges gemacht worden, Pflasterungen und auch viele neue Bänke. Von den zahlreichen Badebuchten fällt der Blick immer wieder auf den Grunewaldturm, der die ganze Zeit schon sichtbar war und jetzt direkt gegenüber aus den Wipfeln ragt, wie ein vergessener Spargel. Unter ihm schippern weiße Dampfer durchs klare Havelwasser und geben eine Vorausschau auf die nähere Zukunft.

Streuobstwiese unterhalb des Gutshauses, Gutspark Neukladow

Am Ende der Wiesen beginnt nun wieder eine Laubenkolonie, die erneut an Zille denken lässt. Schlicht sind die Lauben, winzig und sehr pittoresk, die meisten mit direktem Wasserblick. Die Kante zur Havel ist hier so niedrig und unmittelbar, dass der beharrliche Wind der letzten Tage den Weg immer wieder mit Wogenwasser überspült. Auch ein Bild, das eher an ein norddeutsches Inselufer denken lässt und die Urlaubswirkung dieses Tages noch verstärkt. Nicht zu verachten ist in dieser Hinsicht auch, dass sich die Sonne immer wieder zeigt, den Himmel zeitweise bis zur Bläue leergeräumt hat. Jetzt ziehen neue Wolken auf und es scheint gut, das Ziel in Griffweite zu haben.

Im Gutspark Neukladow

Gutspark Neukladow

Nach den Lauben übernimmt nochmal die üppige Natur zwischen Hang und Uferkante, bevor der Gutspark Neukladow beginnt. Mit vergleichbarer Sogkraft werben ein flacher Weg am breiten Wiesengrund und der ansteigende Pfad über den laubbestandenen Parkhügel um den Vorrang der Schritte, ein stiller Wettbewerber ist mit dem Reiz des weiten Wassers die Fortsetzung des Uferweges. Auch wer den Hügel umrundet, kommt nicht um die sanfte Steigung herum, die schließlich herrschaftlich am Gutshaus Neukladow endet, einem überschaubar großen Anwesen in schönster Aussichtslage. Um von hier wieder auf Havelniveau zu gelangen, steht eine erfahrene Treppe bereit, die zu einer Uferwiese voller jugendlicher Obstgehölze führt. Der gediegene Weg entlang dieser Wiese endet schließlich an einer Mauer. Der Bogen darin, vor dem sich lange Menschen beim Durchschreiten etwas verneigen müssen, überführt in eine baumschattige Straße und schließlich zur alten Allee, die direkt vom Gutshaus her nach Alt-Kladow führt. Wem das als Abschluss zu direkt ist, der kann vorher noch rechts in eine trockene Rasenkule voller Pfade abbiegen und oben die belebte Ortsmitte von Kladow mitnehmen.

Kladow

Spätestens von der Kirche führen alle Weg hinab zum Hafen, wo jede Stunde ein riesiges vollverglastes Fährboot anlegt, mit reichlich Platz für Bollerwagen voller Kinder und knapp zweihundert Fahrräder, Passagiere auch. Berechtigt ist jegliches Bedauern, dass diese ausgedehnte Passage aufgrund knochentrockener und rationaler Argumente seit einigen Jahren nicht mehr mit frischer Seeluft und Wind um die Nase einhergeht. Der Ausflugsdampfer zum wohl zweitromantischsten Normaltarif der Stadt ist zum praktischen Wasserbus geworden. Auf der anderen Seite ist es schön, dass die regelmäßige Verbindung überhaupt noch besteht, und rausgucken lässt sich nach wie vor bestens. Den Rest muss die Phantasie ausgleichen, vorher und danach beim windzerzausten Stehen an der Hafenkante.

Wenn die Fähre gerade weg ist – Biergarten am Hafen, Kladow

Jede erwartete Fähre zeigt sich erst ganz zuletzt, da fast die gesamte Route von der Vogel-Insel Imchen verdeckt wird, die schützend vor dem Kladower Hafen liegt und wirklich Imchen heißt. Scheinbar ebenso lang wie die zwanzigminütige Überfahrt dauert wohl das Aus- und Einsteigen an beiden Häfen, so dass es rein rechnerisch eigentlich kaum möglich ist, dass nur ein einziges Schiff die Linie F 10 bedient. Der Zeitplan stark auf Knirsch gestrickt ist. Doch es funktioniert.

Auf halbem Weg nach Wannsee gesellt sich von den Potsdamer Havelgewässern kommend der historische Dampfer Rheinland hinzu, lässt der Fähre als Linienverkehr aber Vorfahrt beim Einlaufen. Gebaut wurde er an den klaren Gewässern bei Rüdersdorf. Wie das Schiff zu seinem Namen kam, bleibt im Bereich der Spekulation. Die Optik des 80 Jahre alten Pottes lässt Kenner der alten Fähre noch einmal wehmütig seufzen, doch das ist bei der ersten Brise kurz nach dem Aussteigen rasch wieder vergessen.

Wannsee-Fähre mit MS Rheinland backbord

Wie der Tegeler See ist auch der Wannsee eine ausgeprägte Bucht der Havel, und so liegen zwischen Hafen und Bahnhof ein paar Höhenmeter. Wer sich oben noch einmal umdreht und zurück aufs Wasser schaut, möchte den Tag vielleicht noch etwas verlängern. Eine gute Möglichkeit dafür ist der große Biergarten gleich gegenüber, der weitere Höhenmeter einfordert und direkt auf ein großzügiges Aussichtsplateau führt. Hat man oben einen schönen Platz gefunden und sich mit dem Nötigsten versorgt, liegt beim Blick auf die urige Almhütte oder die glitzernde Wasserfläche der Gedanke mehr als fern, dass in nächster Zukunft ein AB-Fahrschein irgendeine Rolle spielen könnte.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der U-Bahn bis Neu-Westend

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht praktikabel

Länge der Tour: ca. 17,5 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Informationen über Neu-Westend

Informationen über die Murellenschlucht

20 grüne Hauptwege Berlin

Bericht über die Haveldüne

Alte Bauwerke in Gatow

Hannes Café in Alt-Gatow

Gutshof Gatow

Gutspark Neukladow

 

Einkehr:
Imbiss an der Heerstraße auf dem Pichelswerder, mit Biergarten
Hannes Café, Alt-Gatow (nur Wochenende)
Dorfkrug Alt-Kladow, Kladow ggbr. der Kirche
Biergarten am Hafen Kladow
Biergarten und Restaurant Loretta am Hafen Wannsee

Grobskizziert – Wolfshagen: Schlummernde Schönheit ganz am Rand

Weit im Norden Brandenburgs, ganz hart an der Grenze zum Mecklenburgischen, liegt wie in einem verstaubten Regal im hintersten Winkel eines riesigen Dachbodens eine kleine Schatztruhe. Ein Dorf, in dem man gleich morgen einen Märchenfilm drehen könnte, ohne viel verändern, kaschieren oder abbauen zu müssen. Die Zutaten sind reichlich, darunter auf den ersten Blick sichtbar ein buchtenreicher See, über seinem Ufer eine Burgruine und direkt gegenüber ein Park mit einer Brücke, deren allererste Aufgabe es ist, schön zu sein, das Auge zu erfreuen.

Obelisk in Wolfshagen

Wer länger hinschaut, entdeckt noch interessant gescheitelte Feldsteinhäuser ganz besonderer Bauart und eine elegante Kirche á la Schinkel, darüber hinaus einen kleinen Rosengarten und einen großen Obelisken. Nimmt man sich Zeit und das ganze Dorf in Ruhe unter die Lupe, kommt man auf den rekordverdächtigen Wert von knapp vierzig Baudenkmälern. In einem Dorf, in dem nur ein paar Hundert Leute leben.

Der kleine Rosengarten im Vorfrühling

Die ganze Uferlinie von Wolfshagen ist in einen Park eingebunden, der reich an wirklich alten Bäumen ist und an den vermutlich schlaflosen Gartenbaumeister Lenné denken lässt. Und wahrhaftig hatte er auch hier seine Finger im Spiel. Wo dieser Mann in nur 77 Lebensjahren überall tätig war, und das zu einer Zeit, wo allein das Hin und Her weit mehr Zeit beanspruchte als heute, bleibt schon rein logistisch ein Rätsel.

Blick über den Haussee zur Ruine der Blankenburg

Von der gestalterischen Qualität und der Üppigkeit der Ausstattung her würde Wolfshagen durchaus in die Umgebung von Potsdam und Babelsberg passen. In der Tat liegt es jedoch weit abgeschlagen und so weit im Norden, dass sich kaum jemand hierher verirrt. Auch die Zahl der Durchreisenden dürfte übersichtlich bleiben, seit die Autobahn eine Alternative zur B 198 bietet.

Brücke am Uferstreifen

Umso bezaubernder ist ein Spaziergang durch dieses besondere Dorf, in dem man alle paar Minuten erstaunt stehen bleibt, einen Betrachter-Schritt zurücktritt oder die Perspektive wechselt, um einer vergilbten oder aufgefrischten Sichtachse des Gesamtkonzepts auf die Schliche zu kommen.

Beginn des Uferweges

Auch außerhalb des Dorfes umgibt sich der See mit Reizvollem. Selbst ist er verspielt und von gebogener Uferlinie, kann euphorisch glitzern oder einfach schwarz oder tiefblau daliegen, wenn der frische Wind des Nordens und die uckermärkischen Wolkenbilder für schnelle Stimmungswechsel sorgen. Am Ortsrand steht auf einem Hügel ein Denkmal, ähnlich der abgebissenen Kirchturmspitze auf dem Berliner Kreuzberg. Hier beginnt an der Sitzbank unter einem gewaltigen dreigeteilten Bergahorn ein idyllischer und keinesfalls eintöniger Weg rund um den See, gleich oberhalb des kleinen Badestrandes. Am Ostufer läuft er direkt unter einer kleinen steilen Flanke, während er am bereits mecklenburgischen Westufer in gut gelaunten Bögen durch flachen und blickweiten Laubwald schlendert.

Wald voll weißer Anemonen

Im April sind sowohl die Uferhänge als auch die krautigen Waldböden bedeckt vom weißen Zauber der Buschwindröschen, hier und da ist auch eine Schüsselblume zu finden, deren Name sich dem sofort erklärt, der schon einmal einen alten Kirchtür-Schlüssel in der Hand halten durfte. An vielen Stellen stehen vereinzelt betagte Baumriesen, darunter Eichen, Buchen und Platanen. Drei davon gruppieren sich am Ende der kleinen Runde als Burgwächter gegenüber des Turms der Blankenburg, ihrem einzigen, doch völlig ausreichenden Rest. Dass dessen Mauern mehrere Meter stark sind, steht nicht nur auf einer Tafel, es lässt sich auch persönlich überprüfen. Von der schmiedeeisernen Gitterpforte am kleinen Burgplateau schaute man zu früheren Zeiten über den See auf ein passables Schloss, jetzt bildet die erwähnte Brücke den Haupt-Blickfang.

Blick von der Burg übern See

Der breiteste der vielen Frischwasserspender für den Haussee kommt auf direktem Weg von einem ausgedehnten Bruchwald her und beschert gleich zwei Zuflüsse – einen im Wald nördlich des Burgturms, einen im Park, der ufernah das ganze Dorf durchzieht. Sicher gibt es noch allerhand zu sehen in Wolfshagen, doch das darf gerne warten – die nächste Rückfahrt von der Ostsee kommt bestimmt!

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): nur sehr aufwändig mit mehreren Umstiegen (ca. 3-4 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Prenzlau, von dort B 198 bis zur Landesgrenze (ca. 1,5-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 6 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Artikel aus der ZEIT zu Wolfshagen

Informationen auf der Gemeindeseite

Amt für Denkmalspflege – Informationen zum Park Wolfshagen

Berliner Spaziergang – Moabit: Stille Mauern, alte Gleise und die Walfisch-Rücken

Es ist April, wie es selten April war in den letzten Jahren. Verschiedenste Wetterlagen wechseln im Viertelstundentakt. Relativ unbeeindruckt davon zeigt sich die frisch eröffnete Internationale Gartenausstellung, die zuletzt den Nordlichtern Rostock und Hamburg zusätzlichen Glanz verlieh. In ihrer neuesten Auflage tut sie dies im Osten von Berlin und hegt die Absicht, die große Welt an die kleine Wuhle zu locken und gleichzeitig dem landesweit bekannten Begriff „Marzahn“ zu ein paar neuen Gesichtszügen zu verhelfen. Nachdem sie am Donnerstag vor dem Osterwochenende erste wetterfeste Besucher empfing, ist ihr umgehend der Osterhase mit seinen freien Tagen auf den Fersen und veranlasst Tourismus-Experten zu Besucher-Prognosen in Millionenhöhe für die Stadt.

Sommergrünes Wuhletal beim Kienberg

Je nach Geschmack kann man sich nun mitten ins internationale und multikulturelle Getümmel der Innenstadtlagen stürzen und nach Herzenslust diese turbulente Seite der Stadt auskosten. Oder gar nicht weit entfernt vom bunten Treiben schauen, was sich denn an einem der grünen Nebenschauplätze der IGA getan hat. Denn abseits vom Marzahner Areal rund um die Gärten der Welt und den wuhleflankierten Kienberg wurden quer übers Stadtgebiet zwanzig weitere Grünflächen unter das gartenplanerische Auge und den zugehörigen Spaten genommen. Darunter sind bekanntere wie Treptower Park, Lietzenseepark und Großer Tiergarten, doch auch weniger prominente wie der Stadtpark Steglitz, der Landschaftspark Herzberge oder der kleine Rosengarten im vorderen Hinterland der Karl-Marx-Allee. Ein weiterer der zwanzig Auserwählten ist der Kleine Tiergarten im Herzen der einstigen Industrie-Siedlung Moabit, wo jegliche Bemühungen sehenswerte Früchte tragen, auch wenn sein Charakter stark verändert wurde. Da das Wetter an diesem April-Wochenende mehr als monatstypisch ist, kann es zudem nicht schaden, alle paar Minuten in einem Buswartehäuschen oder einem Café Zuflucht suchen zu können vor spontanem Niederschlag und frostigen Winden.

Bernauer Straße an der Mauergedenkstätte

Der Weg nach Moabit und wieder zurück lässt sich mühelos mit ein paar reizvollen Extrabögen würzen und führt am Ende zu einem mehrstündigen Spaziergang, nach dem das aktuelle Bild von Moabit  gefällig nachgeschärft ist. Wahlweise als Runde ausgehend vom Hauptbahnhof, wer es etwas ausgedehnter wünscht, nimmt als Ausgangspunkt den U-Bahnhof Eberswalder Straße oder den S-Bahnhof Nordbahnhof.

U-Bhf. Eberswalder Straße

Zwischen beiden liegt die Bernauer Straße, die vor einiger Zeit von Grund auf renoviert wurde. Die seinerzeit gepflanzten Bäume sind fast alle gut gediehen und geben der breiten Straße Jahr für Jahr mehr von dem Charme zurück, den sie durch ihre ausgewachsenen Straßenbäume vormals hatte. Je nach Wochentag wälzen sich auf den ersten 500 Metern Ströme von Menschen über den rechten Bürgersteig, mit Kurs auf Mauerpark und Trödelmarkt. Ab dort übernimmt der linke Bürgersteig mit der stilisierten Berliner Mauer aus unzähligen Stahlrohren, die je nach Blickwinkel durchlässig oder eben absolut undurchlässig ist – eine der gelungensten wortlosen Metaphern für dieses eigenartige Bauwerk, das es wirklich einmal gab. Ab hier ist der Menschenstrom meist überschaubar, bevor es dann an der großartigen Mauer-Gedenkstätte kurz vor dem Nordbahnhof wieder bevölkerter wird. Das ist gut so, denn dieser Platz vermittelt anschaulich und direkt Geschichte, die noch greifbar nah zurück liegt und damit zwar absurd, aber kaum abstrakt ist.

S-Bhf. Nordbahnhof

Das kleine Oberstübchen des Nordbahnhofs linste von Baustellen umtost lange Zeit verloren aus seinem verborgenen Unterbau heraus, wie der kleine Bürzel eines tief gründelnden Entleins. Mittlerweile ist die kleine Backstein-Festung von Bebauung und Gleiskurven umgeben, hat irgendwie ihren Platz gefunden und wirkt dort richtiggehend charmant. Neben den aktiven Gleisen, auf denen Straßenbahnen aus großen Teilen Berlins in einer nassforschen Biege die lange ersehnte Zielgerade zum Hauptbahnhof antreten, werden gleich um die Ecke dezent und doch effektvoll die zahlreichen Gleise des alten Stettiner Bahnhofs zitiert, der jahrzehntelang von einem sonderbaren Grenzverlauf durchzogen wurde. Diese lassen die Frage offen, ob sie noch die originalen sind, auf denen schwere Dampflokomotiven mit viel Wasserdampfgeschnaufe ihre Züge zum Stehen brachten. Sie beantworten aber zugleich klar und sehr gut lesbar, wohin die Reise gehen konnte von diesem Sackbahnhof im Herzen von Berlin. Darunter finden sich eher regionale Ziele wie Eberswalde und Angermünde, vor allem jedoch polnische wie Stargard, Kolberg oder das namengebende Stettin. Zur Bauzeit des Bahnhofs lagen diese in der preußischen Provinz Pommern.

Vor dem Naturkundemuseum in der Invalidenstraße

Die nächste Menschenansammlung wartet vor dem Museum für Naturkunde, das selbst eine gute Lösung für einen verregneten Tag darstellt. Doch heute wechseln die Wetter alle paar Minuten, was bedeutet, dass sich in jeder Stunde des Tages auch ein bisschen Sonnenschein ereignet, meist eingerahmt von spektakulären Wolkenbildern. Das Museum muss also noch warten.

Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal Richtung Invalidenfriedhof

Hinter der Brücke über den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal thront der Hamburger Bahnhof, ebenfalls ein Kopfbahnhof, der für die nordwestliche Richtung zuständig war und in seinem wunderschönen Inneren das Museum der Gegenwart beherbergt. Wer nun neugierig wird, welche Pendants solcher Kopfbahnhöfe es noch gab oder gibt, kann zum Beispiel in der Nachbarschaft des Ostbahnhofs oder in Kreuzberg am Askanischen Platz und dem Görlitzer Park auf sichtbare Spuren stoßen. Insgesamt gab es einmal elf Kopfbahnhöfe mit klar verteilten Zuständigkeiten.

Hauptbahnhof

Gleich darauf erstreckt sich auf der linken Seite der Hauptbahnhof, dieses riesige Ding. Die Vorstellung fällt schwer, dass hier vor relativ kurzer Zeit noch ein unscheinbarer S-Bahnhof kauerte, den man mit der Spree kaum in Verbindung brachte und dessen Namen man immer wieder vergaß. Der heutige Bahnhof ist umtost von der Einfahrt zu einem unterirdischen Stück Stadtautobahn, das eigentlich keine ist, ferner der Straßenbahn und den Bussen sowie dem ständigen Hin und Her von Ausflugsdampfern auf der Spree. Dazu kommt noch der eigene Lärm bremsender und anfahrender S-Bahnen, Regional- und Fernzüge, gemischt mit hallenden Durchsagen .

Auf dem einstigen Gelände des Zellengefängnisses Moabit

Umso faszinierender ist es, wenn man sich schräg gegenüber durch den unscheinbaren, fast verborgenen Eingang in einer hohen Ziegelstein-Mauer wagt. Die gehörte zum Zellengefängnis Moabit, das in seiner aktiven Zeit als eines der fortschrittlichsten Gefängnisse galt. Das erklärt sich insbesondere durch die Art und Weise seiner Anlage. Wer neugierig auf Details ist, findet an den zwei Eingängen wohlkonzipierte Informationstafeln zum Thema. Das Gefängnis wurde vor etwa 60 Jahren abgerissen, die Außenmauer blieb jedoch großteils erhalten.

Wer also durch diese Mauer getreten ist, findet sich umgehend in eindrucksvoller Stille wieder, umgeben von Freiraum, mittelalten Bäumen und einer parkartigen und freundlichen Anlage, die gänzlich ohne Zaunpfahl auf das hinweist, was hier einmal stand. Die Mauer ist nur ein paar Meter hoch, doch sie filtert das meiste von dem Lärm, der sich ebenfalls nur ein paar Meter entfernt abspielt. Fast fühlt es sich an wie der Eintritt in einen Klosterhof, in einen Raum der Stille, einen Rückzugsort. Es ist absolut faszinierend.

Ruheoase mitten im Stadtlärm

Gegenüber des Ausgangs zur Lehrter Straße befindet sich der Hauptsitz der Berliner Stadtmission, die sich bereits seit 130 Jahren um all die Menschen in der Stadt kümmert, die es aus der Bahn geworfen hat, die direkt oder gedanklich ausgegrenzt werden und über die man im Stadtbild gern hinwegsieht. Gleich benachbart stehen die weitläufigen Gebäude des Jugendgästehauses Hauptbahnhof, in sinnvoller Nachbarschaft zu zahlreichen Sportanlagen, einer Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins und einem kleinen Park. Wer sich gern im Wasser oder im Wasserdampf aufhält, wird vom Stadtbad Tiergarten oder der benachbarten Wohlfühl-Sauna-Oase bestens bedient. Ein unmittelbares Nebeneinander verschiedenster Welten, das einen typischen Berliner Gesichtszug recht gut charakterisiert.

Der kleine Park übrigens ist der Fritz-Schloß-Park und gilt immerhin als größte Grünanlage von Moabit. Er verfügt über ein  Gipfelchen, dessen sekundenlanges Erklimmen durchaus einen leicht erhöhten Puls abfordert. Eine Aussicht wird oben nicht geboten, doch dafür gibt es zwei schön geschwungene Liegen und eine Holzplattform, auf der man sich lang ausstrecken kann. Zahlreiche Wege und Pfade durchqueren das dichte Grün, und auch auf einer der vielen Bänke hier lässt es sich gut abschalten.

Auf dem Gipfelplateau im Fritz-Schloß-Park

Turmstraße

Die kurze und gemütliche Pritzwalker Straße endet an der Turmstraße, die ein klarer Identitäts-Bestandteil von Moabit ist. Gegenüber erhebt sich imposant und durchaus einschüchternd das Kriminalgericht, das über ein unterirdisches Gangsystem in direkter Verbindung mit dem Gefängnis steht und damit allerhand Geld, Komplikationen und Risiken beim Hin und Her zwischen Zelle und Gerichtssaal einspart. Im Kopf von Cineasten werden bei diesem Anblick sicherlich zwei Handvoll Filmszenen aufploppen. Gericht und Gefängnis nehmen einen vollständigen Straßenblock ein, und auch sie machen einen Teil davon aus, wofür Moabit bekannt ist.

In der Pritzwalker Straße

Kleiner Tiergarten

Auf der anderen Seite der Turmstraße liegt der sogenannte Kleine Tiergarten, der über die Länge von fast einem Kilometer den Raum zwischen Turmstraße und Alt-Moabit ausfüllt, fast wie ein Anger. Der längliche Park erhielt in zurückliegenden Jahrzehnten wenig Beachtung, wurde aber im Rahmen von Förderprogrammen und zuletzt im Zusammenhang mit der IGA umgestaltet. Das Ergebnis ist eine gelungene Anlage, die bewusst offen und unverwinkelt gestaltet wurde. Das war leider nicht nur gestalterisch eine Notwendigkeit, da der Kleine Tiergarten seit einigen Jahren als Kriminalitätsschwerpunkt gilt und bevorzugt bei hohem Sonnenstand und eher abseits der Stromstraße besucht werden sollte.

Im Park gibt es zahlreiche lichte Sitzecken, teils mit Springbrunnen, und überall wurden große Sitzhügel angelegt, denen man ihren Beton nicht ansieht, die vielmehr an die rundgeschliffenen Uferfelsen mancher Schärenküste erinnern. Auf den sanft gerundeten Walfischrücken kann man bestens sitzen, fläzen oder lümmeln, allein oder zu zehnt. Dass sie viel Geld verschlungen haben und nicht jeden Geschmack treffen, scheint den gelassenen Kolossen ziemlich egal zu sein. Ganz im Osten nahe der Johannis-Kirche gibt es einen großen Spielplatz und eine kleine Carrera-Bahn für Bambi-Räder, mit Über- bzw. Unterführung und ein paar sanften Huckeln in der Piste. Alle angetroffenen Knirpse strahlen breit und wirken sehr beschäftigt.

Sogenannte Sitzkiesel im Kleinen Tiergarten

Die Turmstraße selbst ist westlich der Heilandskirche eine belebte Straße mit Gastronomie und Geschäften, wo an mehreren Stellen ein wirklich guter Döner zu bekommen ist. Direkt an der Kirche erstreckt sich als kleines Berliner Unikat die Thusnelda-Allee über ganze 50 Meter Straßenlänge, die durch diesen Superlativ und ihren markanten Namen jedem Berliner Taxifahrer für immer im Gedächtnis haften bleibt.

Wer sich im Kleinen Tiergarten veranlasst sah, seinen Schritt zu beschleunigen, kann diesen unerwünschten Adrenalin-Stoß schon wenige Minuten später am Ufer der Spree ausgleichen. Dorthin führen südlich von Alt-Moabit gemütliche Straßen, die teilweise über Parkcharakter verfügen und im Rahmen ihrer Vorgärtchen schöne Cafés, Biergärten und sogar eine einladende Kaffee-Rösterei anbieten. Nach einem nordrhein-westfälisch gefärbten Zickzackkurs durch Bochumer, Essener, Elberfelder und Dortmunder Straße glitzert ein paar Meter tiefer auf einmal die Spree, die hier eine ganze Serie von euphorischen Kurven zieht. Auf diesen flanieren all die Dampfer, die sich über die Standard-Partie zwischen Mühlendammschleuse und Kanzler-Riegel hinaus wagen oder sogar regelmäßige Kontakte mit dem Treffpunkt von Spree und Havel unweit der Spandauer Altstadt pflegen.

Im Kleinen Tiergarten nach dem Aprilregen

Spree-Bogen

Auf dem einstigen Gelände der Bolle-Meierei befindet sich jetzt der Spree-Bogen, der stellenweise alte Fabrik-Substanz mit neuer Architektur verbindet und dabei an vielen Stellen Phantasie und Freude am Blickwinkel bewiesen hat. Das Schönste am Spree-Bogen ist ein durchgängig begehbarer Uferstreifen, darunter auch ein sandiger Spielplatz in Gestalt eines lebensgroßen Schiffes, das fast in Rufweite zu den Walen von vorhin vor Anker liegt. Die etwa 12 Meter lange Rutsche sorgt nicht nur bei Kindern für Vergnügen und spitze Stimmlaute.

Spreeufer gegenüber des Hauptbahnhofs, noch ohne Bar und Liegestühle

Eine letzte kleine Grünanlage verbirgt sich im Hof zwischen Spener- und Paulstraße und braucht den Vergleich mit dem Fritz-Schloß-Park samt Hügel nicht zu scheuen – sie ist nur eben drei Nummern kleiner. Eine Kreuzung später liegt in ihrer ausufernden Wendeschleife die bisherige Endstation aller Straßenbahnen, die den Hauptbahnhof anfahren. Es ist keine Haltestelle zum Einsteigen, da die Züge von hier direkt auf ihren Pausenhof fahren. Wer trotzdem gern von Westen aus mit der gelben Stretch-Limo beim Hauptbahnhof vorfahren möchte, kann das auch von der nur wenige Minuten entfernten Station Clara-Jaschke-Straße tun. Alternativ kann man einmal durch den Hauptbahnhof gehen oder um ihn herum, die Spree überqueren und sich drüben mit einem passenden Getränk in einen der Liegestühle hängen – wenn das April-Wetter mitspielt und die Bar schon aufgebaut ist.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): U-Bhf. Eberswalder Straße, S-Bhf. Nordbahnhof, Hauptbahnhof

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: 10 km, als Runde von Hbf.  gut 6 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

 

Zu Fuß durch die märkischen Landschaften

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