Philadelphia: Treidelpfade, Strohpolis und das fehlende Satzzeichen

Der Sommer ist schließlich auf seinem goldenen Hochpunkt angekommen, und so hat sich das Korn auf den Feldern von hüfthohen Halmen in haushohe Klotzbauten gewandelt, die zum Teil in abenteuerlicher Tetris-Technik hochgestapelt wurden. Wer dort bequem stehend und behutsam seine Nase hineinbohrt, wird mit würzig-warmem Duft belohnt, der gut sein muss für die Seele und auch die Atemwege. An den randständigen Obstbäumen prahlen die Früchte in knackiger Attraktivität und verführen Passanten zu saisontypischen Sprung- und Streckübungen oder verschämten Griffen übern Gartenzaun. Dabei gilt oft, dass allzu viel Schönheit eher mit wenig geschmacklichem Charakter einhergeht – und umgekehrt. Was ja nicht ausschließlich für Obst gilt.

Treidelweg am Storkower Kanal

Die Sonne trägt nun wieder eine Woche des Triumphierens vor sich her, lässt schon probeweise Findlingshaut erglühen, bodennahe Luft flimmern und Asphaltfugen erweichen. Im Kontrast dazu wird die sommerliche Vogelstille nach und nach abgelöst von den krächzenden Großschnäbeln in Schwarz und Grau, die spüren, dass ihre Zeit jetzt näher rückt. Das zeigt sich auch in ersten vorherbstlichen Düften, für die neben Laub und Obst am Boden auch die die strauchigen Wiesen sorgen und die offene Erde stoppeliger Äcker. Alles wartet wieder auf den Regen, doch zumindest die Weinbauern können frohlocken.

Schleuse Kummersdorf

In solchen Zeiten kann man Spaziergänge und Ausflüge kurz halten oder ganz auf diese verzichten und sich am kühlsten Ort der Wohnung neben eine Tüte Eiswürfel setzen. Wer weder dies noch jenes möchte, sollte auf Schatten achten und die Nähe von Wasser suchen, denn dort ist es fast immer etwas kühler, weht häufig auch ein Brislein. Gut geht das im Dahmeland, für das auch der schöne Name Dahme-Heideseen Verwendung findet. Neben den eigentlichen Seen gibt es reizvolle Verbinder, die als Bächlein daherkommen oder als Kanal – oder eben als die Dahme selbst.

Kornfeldreste in konfuser Kompression

Einer davon ist der Storkower Kanal, der es Freizeitschiffern ermöglicht, von Berlin aus über die Dahme und ein paar Seen bis zum Großen Storkower See und von dort sogar bis zum Märkischen Meer zu gelangen, dem zauberhaften Scharmützelsee. Da ist dann wirklich Schluss, im ganz besonderen Kurort Bad Saarow, der sich bestens eignet für ein Finale. Wer die Tour vorausschauend im Schlauchboot angetreten hat, kann hier die Luft ablassen und von einem der schönsten märkischen Bahnhöfe aus die Heimreise antreten. Wer hingegen mit der Motoryacht unterwegs war, wird bald viele bekannte Orte aus neuer Perspektive sehen.

Der Storkower Kanal ist kein Jungspund – die Mitte des Fahrwassers nutzte schon vor knapp dreihundert Jahren ein zarter Flößerkanal. Etwas später ging er unter Friedrich II. in die Breite und ermöglichte damit, dass Holz und Ziegel den Weg in die große Stadt an der Spree fanden und deren Wachstum unterstützten. Storkow selbst liegt an keinem eigenen Fluss, dafür zwischen mehreren Seen und auch zwischen zwei Referenzen an die Neue Welt. Zwar liegen hier zwischen (Neu) Boston und Philadelphia keine gut 300 Meilen, sondern eher gut 3 Kilometer Luftlinie, doch die Namen haben im urmärkischen Storkower Land eine gewisse Präsenz. Und nur hier ist es wohl möglich, dem Schild „Kartoffeln“ folgend auf kürzestem Wege nach Philadelphia zu gelangen.

Fischerei Köllnitz

Philadelphia

Die hiesige Skyline kann nicht ganz mit der nordamerikanischen am kilometerbreiten Fluss mithalten, doch markant sind die sachlich-verspielten Anlagen der heutigen Floß-Werft schon. Zudem gibt es mehrere Teiche im Ort, von denen der am Spielplatz über einen schönen Strand und ein hervorragendes Schwingseil verfügt, mit dessen Hilfe man freudenvoll und kamerawirksam vom Land ins Wasser wechseln kann.

Man kann sich nun am Rastplatz neben Bootsleibern auf die Schattenbank setzen und den ganzen Tag den passierenden Wassergefährten gönnerisch zuwinken. Auch hier gilt ein Kontrastprinzip: die kleinsten Schüsseln machen die größten Wellen, währenddessen große, gut geschnittene Rümpfe fast lautlos vorbeigleiten und kaum Aufregung an der Uferkante verursachen.

In Philadelphia am Kanal

Am Kanal beginnt hinter den letzten Häusern ein Treidelweg, der dementsprechend das Ufer treu begleitet und von Minute zu Minute schöner wird. Zunächst noch offen und breit zwischen einem knorrigen Weidezaun und dem buschigen Kanalufer, wächst ebendort eine schattenspendende Allee in die Höhe, bevor der Weg zum Pfad einläuft und im lichten Eichenwald verschwindet. Je schmaler die Spur wird, desto breiter erscheint der Kanal selbst.

Uferwiesen in Philadelphia

Im extragroben Uferschotter sitzen zunächst unsichtbar zahllose Enten, die sich beim Näherkommen lautlos lösen und wie eintrainiert am anderen Ufer synchronisieren. Jetzt im August tragen auch die sonst so bunten Kerle ihr tarnendes braunes Schlichtkleid, das der alljährlichen Mauser geschuldet ist. Auf Höhe eines zufließenden Kanals mit unbewegter Wasserfläche zuckt kurze Vorfreude auf den Spreewald auf, der für den Herbst schon vorgemerkt ist. Kurz darauf sorgen zwei uferständige Birken für ein perfektes Spiegelbild.

Schattiger Treidelweg am Storkower Kanal

Neben großen und kleinen Booten schippern hier auch allerhand Hausboote vorbei, auf denen die Gesichtsausdrücke von gähnender Langeweile bis hin zu freudiger Begeisterung reichen. Heranwachsende und auch Herangewachsene fügen sich mehr oder weniger tapfer in die Stunden mit mageren Empfangsbalken. Hier und dort wird reichlich Speck präsentiert, und mancher hat ganz ernsthaft die Kapitänsmütze auf, den Blick nach vorne eingerastet und keinerlei Interesse für Jegliches, das sich abseits der Uferlinie ereignet. Hier ist das Boot zumeist besonders klein.

Kummersdorf

Anderer Kanal von Norden

Kurz darauf kommt die Schleusenanlage in Sicht, die mit ihrem extrasüßen Schleusenwärterhäuschen an Skandinavien denken lässt. Nach der stillverwunschenen Alten Mühle folgt eine sonnige Ortsdurchquerung, bevor es jenseits der Kanalbrücke in den Wald geht. Der Kanal folgt jetzt bestens gelaunt dem ursprünglich gewundenen Bett des Stahnsdorfer Fließes durch einen breiten Feuchtgürtel, sodass dort alle Steuerleute kurz ihren meditativen Halbschlaf verlassen müssen, der auf langen Kanalpassagen irgendwann zuschlägt.

Spiegelbirken am Gegenufer

Nicht jeder Rastbank lässt sich widerstehen, und so braucht es seine Zeit, bis Kummersdorf erreicht wird. Der Uferweg setzt sich auf weichem Rasen fort und öffnet nach wenigen Schritten eine weitere skandinavische Kulisse, für die maßgeblich ein faluroter Giebel in einer Kanalkurve sorgt. Allerhand teure Anwesen und Villen haben sich das Ufer reserviert, darunter auch einige wirklich schöne. Gleich gegenüber sitzen im Uferschatten zwei Mädels mit farblich zum Rasengrün passenden Kopftüchern, die sich eine mittägliche Wasserpfeife teilen und versonnen lächeln. Der verdampfte Tabak mischt sich in seiner fruchtigen Note mit anderen süßlichen Gerüchen aus den Sommergärten.

Kolonie Ost

Uferpfad am Storkower Kanal vor Kummersdorf

Nach einem kurzen Stück auf der Straße verschwindet ein Weg im Wald, von dem es bald durch die lineare Wolziger Waldsiedlung geht. Vorfreudig waren wir heute auf etwas Heidekraut in Blüte, und hier treffen wir es, wenn auch nur an einem kleinen Fleck und nicht mehr, als eine Kinderhand verdecken könnte. Jenseits der Straße geht es weiter in der Kolonie Ost, die über einen eigenen Charakter verfügt. Einige besondere Häuser und Grundstücke gibt es hier zu beschauen, und somit lohnt der Extrabogen, der kurz per Nase den Kanal erspüren lässt und seinen Erlenwald.

Wolzig

Skandinavische Impression am Rand von Kummersdorf

Im Dorf selbst führt an einem großzügigen Wasserwander-Rastplatz eine Brücke über den Kanal, und am anderen Ufer gibt es nun Nachschub an Energie und Mineralien. Der verspielte Sommergarten von Monies Café bietet die dritte Schweden-Referenz, auch wenn er nicht direkt am Wasser liegt. Doch hört man die Boote vorbeituckern, wenn nicht gerade ein Schwarm Biker über die Brücke donnert. Große Karte gibt es keine mehr, doch das Imbiss-Angebot lässt niemanden hungrig vom Hofe ziehen, nicht zuletzt auch dank des frischgebackenen Kuchens.

Bootsanleger am Kanal, Kummersdorf

Rund um das brückennahe Anwesen, das gern ein Schlösschen wäre und manch imposanten Löwen verbaut hat, ist über die Jahre ein wirklich großer Baumschul-Einkauf in die Höhe gewachsen und sorgt für Parkflair und Diskretion, sodass der einstmals dominante Zaun kaum noch ins Bild fällt. Gleich darauf am Dorfplatz wird es gemütlicher, neben dem Fachwerk-Bushäuschen laden Bänke zum Päuschen. Doch wir sind ja frisch gestärkt.

Schleuse Kummersdorf

Hinterm letzten Haus beginnt duftender Wald, durch dessen Stämme der angenehme Wind streicht, der schon den ganzen Tag begleitet. Hinter dem Zaun des Hafengeländes lässt sich zu kleineren Wegen abzweigen, doch einen Blick auf den Hafen gibt es dort auch nicht, also ist es kein Verlust, einfach geradeaus zu gehen und dann an der nächsten Kreuzung abzubiegen. Zwischen kleinen Waldstücken, abgeernteten Feldern und stoppeligen Wiesen kann der Blick nun erstmals weiter schweifen, wenn nicht gerade einer von diesen Strohtürmen im Blickfeld steht. Schmale Lücken im Stroh sorgen für hübsche Durchblicke. Im Wald wird schließlich Görsdorf erreicht, eins von mehreren im Land Brandenburg.

Görsdorf

In der Kolonie Ost, Wolzig

Noch vor der Brücke übers Mühlenfließ, hinter dem das eigentliche Dorf beginnt, führt nach links ein Sträßchen durch ein Wohngebiet, das noch nach Bauphase aussieht, obwohl es schon länger existiert. An dessen Ende wird die Straße abgelöst von einer gediegenen Allee, die abgesehen von Traktoren keine Motoren duldet. Die ausgesperrten Fahrzeuge nutzen die parallel verlaufende Straße, und der eine Traktor biegt schon bald auf die Weide ab und tut den Kühen Gutes, die ihn scheinbar längst erwartet hatten. Der Leitbulle strebt voran, als hätte er gerade ungehalten mit dem langen Arm gewinkt, alle anderen hinterher. Eine Denkpause lässt ihn, dann alle anderen stocken, bevor er wenig später weitergeht. Alle anderen folgen. Viele tönen, so zwischen Godzilla und T-Rex, wie man sie aus Filmen tönen kennt. Denkt man an den Kranichruf und stellt ein bisschen an den Reglern, wirkt das in der Tat nicht abwegig.

Klein Schauen

Strohquader am Wegesrand, Wolzig

Der entspannte Weg führt direkt auf die Dächer von Klein Schauen zu, wo es zwischen drei verschieden langen Varianten für den Restweg zu entscheiden gilt. Es wird die mittlere. Vom schmalen Grünzug des Köllnitzer Fließes weht es kühl und erfrischend herüber. Dahinter beginnt eine kleine Fahrradstraße, die derzeit ziemlich stark befahren ist vom Kraftverkehr. Vermutlich wegen des ziemlich guten Kuchens von Tante Hilde, denn es ist beste Kaffezeit und Hildes Garten groß und schattig.

Busch

Durchblick zur Pappel

Im Weiler Busch stehlen sich zwei Katzen über die Straße, in diesem tiefergelegtem Schleichgang, als hätten sie was ausgefressen oder gemeinsam einen teuren Koi vom wohlhabenden Nachbarn aus dem Teich gemopst, nur so aus Jux und ohne Hungersnot. Dahinter ist wieder Ruhe mit Autos, und ein stiller Alleeweg bringt uns schnurstracks zum Fischerhaus Köllnitz, das direkt am Groß Schauener See liegt. Im kleinen Verkaufskiosk gibt es ein ansehnliches Sortiment von Räucherfisch, Fischspieße und natürlich frische Fischbrötchen in mehr als fünf Sorten.

Fischerhaus Köllnitz

Ruhiger Weg von Görsdorf nach Klein Schauen

Die Anlage rund um die Fischteiche, den Kiosk und die Uferlinie ist schon ein Ausflugsziel für sich, wovon zu Recht der große Parkplatz zeugt. Zwischen Gasthaus und Kiosk verlässt das Köllnitzer Fließ den großen See und tritt trödelnd seinen Weg zum nächsten an. Im glasklaren Wasser tummeln sich einige Fische, klein genug, damit ihnen im flachen Wasser der Bauch nicht abgeschubbert wird. Zwei Meter weiter ziehen im Fischteich wuchtige Karpen ihre Schleifen.

Am Ortsausgang von Klein Schauen

Vorn am Wasser gibt es einen kleinen Hafen und hinter der großen Wiese auch einen Strand, und überall auf dem weitläufigen Gelände scheinen sich die Enten besonders wohl zu fühlen. Flach und nahezu genießerisch haben sie sich auf dem Hochflor des gepflegten Rasens abgelegt und scheinen Müßiggang zu üben.

Fischerei Köllnitz

Gleich gegenüber vom Gasthaus liegt noch ein weiteres, und dort beginnt neben der Straße ein Radweg, der die Partie an der Straße angenehm gestaltet. Noch vor Groß Schauen biegt ein Alleeweg ab, der zwischen den Feldern schattig nach Philadelphia führt. Das erste Haus nach der Landstraße hat Zaun und Garten mit verschiedensten Materialien gestaltet und wird in manchem Kopf sicherlich irgendeine Idee für irgendwas auslösen.

Das Köllnitzer Fließ

Am Badeteich, dem mit dem Seil, tauchen wir am kleinen Strand Hände und Füße ein und genießen diesen einfachen und verlässlichen Effekt. Weiter hinten im Dorf wird ein rollerndes Mädchen zum Abendbrot gerufen. Ein Eis wäre jetzt noch schön. Zum Beispiel im nahen Storkow, schräg gegenüber von der Kirche.

Kleiner Bootshafen am Groß Schauener See

Storkow

Die ganze Stadt ist angenehm durchströmt von einem bunten Treiben, mit Marktbuden und offenen Höfen, Kino und einer Bühne auf dem Marktplatz, wo live und direkt gespielt wird – von Indie über Rock und Pop bis Electronic. Das ganze Wochenende läuft unterm Schirm von Radio Eins ein Festival mit dem sperrigen Namen Alinae Lumr, und das bereits zum fünften Mal. Entsprechend lang ist die Schlange an der Eisdiele, die zwischen Markt und Kirche liegt.

Seil für Mittelmutige am Dorfteich, Philadelphia

Vor mir an der Schlange stehen zwei erwachsene Jungs, der eine muskelbepackt, in sich ruhend und gutgehend tätowiert, der andere eher etwas spack und beide scheinbar Schulkameraden, die sich seit langem mal wieder sehen. Der eine eher jemand, dem man zuhört, der andere passenderweise der ehrfürchtige Gegenpart. Das Standard-Geplänkel schwenkt über die Themen Wohnen und Arbeit beiläufig auf die Harte-Jungs-Schiene und einen lukrativen Nebenverdienst, für den man aber Fertigkeiten als Masafagger mitbringen sollte. Geht dann eine Weile so hin und her mit Interessebekundung und derlei, bis die Jungs irgendwann dran sind. Und mit der Stimme eines Mannes und dem Tonfall eines Schuljungen ihre Bestellung sagen: Kirsche, Mango und Banane. Genau so rührend das klingt, genau so brachial wird das Satzzeichen hinter dem Wort Banane durch einen markerschütternden Schrei aus den Boxentürmen der nahen Bühne ersetzt, gefolgt von einem zielgenauen Schlag auf die sechs Seiten der leitenden Gitarre. Die nächste Band legt los und stürzt unter der einsetzenden Dämmerung die kleine Stadt in ihre Nacht der Nächte.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz mit Umsteigen in Königs Wusterhausen nach Kummersdorf, von dort 10 Min. Zuweg (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Autobahn, dann Storkow abfahren und hinter Rieplos rechts abbiegen (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km, Abkürzungen mehrfach möglich


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Schwedt: Liebessohlen, Auenblicke und die verborgene Dimension

Nachdem sich der Juli von seinen frischkühlen Einstand nach und nach zu sommerlichen Temperaturen hochgeschaukelt hat, soll nun wieder die 30-Grad-Marke erreicht werden. Die Flucht in einen der kühleren Winkel des Landes lässt sich hervorragend mit der etwas weiteren Anreise in den hohen Nordosten Brandenburgs verbinden, die gelb markiert und unterstrichen auf dem Zettel für diese Jahreszeit stand. Dort, im immer wieder besonderen Unteren Odertal, hat kürzlich die Kanu-Saison begonnen, alles Getier sollte also ausgebrütet und grundlegend aufgezogen sein und wenig empfindlich gegen die behutsamen Störungen des sanften Tourismus.

Abend in den Oderauen

Im Hinterkopf scheint diese Gegend immer weit weg zu sein und kommt daher über die Jahre nur selten vor, doch tatsächlich braucht der Zug vom Alex nur gute neunzig Minuten nach Schwedt, und auch auf der Straße dauert das unter freundlichen Bedingungen nicht viel länger. Noch immer ist das Wort Schwedt selbst bei regelmäßigen Brandenburg-Reisenden eher mit Industrie, abgehalftert und spröde assoziiert als mit Altstadtgassen, Ufer-Promenade und Naturnähe, und so kann jeder, der sich darauf einlässt, gern etwas staunen über diese kleine große Stadt am Oderwasser.

Schwedt

Teichpaar im Tal der Liebe

Eine besondere Spezialität ist neben den im Stadtgebiet verteilten Plastiken die großflächige Fassadenmalerei, welche die eigene Optik an der Nase herumführt und Neugierige zum wiederholten Hin- und Hergehen oder schrittweisen Annähern verleitet. Immer wieder erhebend ist zudem die großzügig angelegte Lindenallee, die zum einen ihrem Namen alle Ehre macht, zum anderen direkt auf das weithin bekannte Theater zuführt, dessen ausgelagerte Freiluft-Bühne über der Oder schwebt.

In den Gärten von Zaton Dolna

Gleich dahinter öffnet sich, ähnlich imposant wie beim Mühlendamm in Brandenburg mit der Havel, die große Weite und grüne Wildnis der Oderauen, die bis zum Horizont reichen. Darüber vergisst man glatt, dass sich etwas im Hinterland eine der größten Industrieanlagen weit und breit ausstreckt, ohne die in Berlin und Brandenburg kaum etwas rollen oder laufen würde. Der Betrieb auf dem vier Kilometer langen Gelände der Erdölraffinerie läuft ohne Unterbrechung seit fünfeinhalb Jahrzehnten, hier am westlichen Ende der bislang längsten Pipeline der Welt. Das andere Ende liegt einige Hundert Kilometer hinter dem Ural, bereits in Asien.

Das Wasser direkt am Stadtrand und in den zahllosen Armen der breiten Aue stellen der Finowkanal und die Alte Oder, die bei Hohensaaten der breiten Oder sehr nahe kommt. In Richtung Norden entfernt es sich als Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße jedoch erheblich vom Grenzfluss, so dass zwischen Schwedt und dem Übergang nach Polen schon ein paar Kilometer liegen. Dahinter beginnt eine andere Kultur, eine andere Sprache und in manchen Belangen auch eine kleine Zeitreise.

Liebende in Schwedt

Noch während der ersten Schritte, beim Betreten der ersten von mehreren Brücken, reißt am zarten Frauenfuß neben mir ein Riemen der Sandale, der zwar keine Hauptverantwortung trägt, jedoch nach einigen Probemetern dennoch entscheidet, dass diese tüchtige Sohle nach zehn Jahren für immer aus dem Spiel ist. Die Geschäfte am Stadtrand haben zwar geöffnet, doch als zweite Option stehen im Kofferraum die ebenfalls erfahrenen Gummistiefel bereit. An einem Hochsommertag wie heute und mit viel Sonne im Herzen so eine Sache, doch gut laufen lässt sich darin auf jeden Fall. Und eine gewisse Einmaligkeit ist damit auch gegeben, auch wenn die Botten farblich nicht zum Kleid passen. So kommt es dann.

Also ein zweites Mal über die erste Brücke, die sofort einen weiten Blick auf die seenbreite Ausbuchtung des Wasserstromes freigibt. Daneben fällt der Blick auf das die Baumwipfel überragende Theatergebäude, neben dessen gläserner Dachkonstruktion in jeweils eigenen Nischen detailreiche Figuren stehen, lebensgroß. Hinten der Horizont ist ewig weit weg, vorn am Ufer lockt an den weiten Terrassen mit ihren Freitreppen der Eiswagen. Doch heute soll es polnisch schmecken unterm Gaumen, also weiter.

Breite Wasserstraße am Rand von Schwedt

Gleich am anderen Ufer, der Radweg zieht magisch in die grünen Auen, beginnen die Düfte der wachsenden oder gemähten Wiesen, der umschilften Wasserformen und der ersten Früchte an den Bäumen, dazu gibt es diverse Vogeltöne und unter all dem einen breiten Teppich von zirpenden Grillen, der nur manchmal kurz auf Zimmerlautstärke abschwillt. Am Himmel ziehen gemächlich wie eine Karawane große Wolkengebilde, und von Osten scheint sich ganz langsam das verkündete Gewitter zu nähern, das so gegen Sonnenuntergang zur Sache gehen soll.

Links der Straße läuft treu ein meterbreiter Streifen für Unmotorisierte, rechts rauscht in regelmäßigen Schwüngen der Verkehr vorbei. Zu verdanken ist diese verträgliche Dosierung einer Ampel an der Oderbrücke. Vom parallel verlaufenden breiten Wasser des Dammgrabens ist nichts mitzubekommen, doch nach links öffnen sich an den Brücken über breitere Wasser immer wieder gut gewässerte Sichtfenster, die den Blick zum Schweifen einladen. Aus beiden Richtungen naht hin und wieder ein Radfahrer, im kleinen Grenzverkehr und eher nicht touristisch. Zwischen all diesen Eindrücken sind die drei Kilometer bald geschafft und die blau-orange Brücke ins östliche Nachbarland liegt vor uns.

Nach dem Aufstieg, Krajnik Gorny

Krajnik Dolny

Drüben hocken ein paar kleinere Läden, wo es die üblichen Zigaretten, Getränke und Vogeltränken gibt sowie noch dies und das. Der Verkehr ist übersichtlich. Draußen vor einem der Läden sitzt ein Mann und hat vor sich auf dem Grill üppig bestückte Schaschlik-Spieße zu liegen, die verführerisch aussehen und auch duften. Doch wir bleiben stark, wollen ja nach der Bergtour unsere Kräfte auffrischen, gemütlich und im Sitzen, und mit diesen Spießen wären wir lange Zeit satt. Schade ist es schon – vielleicht ja auf dem Rückweg und dann morgen schön Tomatenreis dazu.

Blick von den Feldern auf die Anlagen von Schwedt

Schon häufig war von Brandenburger Seite her diese bergige Kante über dem polnischen Ufer zu sehen, und jedes Mal stand die Frage, warum dieses Ufer so gänzlich anders beschaffen ist und wie es da wohl aussieht, wie steil die Flanke ist und wie genial der Ausblick, wenn man oben steht. Heute nun ist es soweit, angeschubst durch einen mütterlichen Tipp vor Jahren. Ziel ist Dolina Miłości, das „Tal der Liebe“, eine vor mehreren Jahren aus langem Schlaf erweckte, höhenmeterreiche Parklandschaft von ganz eigenem Charakter. Ursprünglich war dieser naturalistische Park von einer Anna für einen Carl angelegt worden, was mittlerweile zwei Menschenleben zurück liegt. Ein ausführlicher, durchaus spannender Geschichtsabriss findet sich auf der polnischen Internetpräsenz.

In Krajnik Dolny verlassen wir die Landstraße nach rechts, hinein in einen Weg, der eher nach privater Grundstücksauffahrt aussieht. Vorbei an einem noblen Anwesen mit viel Platz verschwindet er bald in einem bachlosen Waldtal, wo zum ersten Mal der intensive Duft großer Mengen gefallener und hängender Pfläumchen die Luft erfüllt. Natürlich öffnet die Klischeemaschine sofort und ungefragt das sinnenkräftige Wort Sliwowitz im Hinterkopf, obwohl dieser Schnaps, einer der knackigsten weltweit, ja nicht hauptsächlich in Polen zu verorten ist. Der Aufstieg beginnt moderat, der Wald wird dichter, und kurz vor dem Austritt wird es für ein paar Meter sehr steil. Oben, auf freiem Feld, liegt nun im Rückblick die erste weite Aussicht in die ebene Landschaft hinter der Oder. Voraus sind die ersten Häuser des oberen Dorfes zu sehen.

Höhenpfad im Tal der Liebe

Krajnik Gorny

Alles hier strahlt Ruhe aus. Etwas eiliger rumpelt nur ein drahtiger Trekker durchs Dorf, denn nur noch ein paar Stunden kann das Stroh trocken vom Acker geholt werden. Würzige Düfte, archaische Gartenbilder und eine reiche Flora ziehen sich durch alles, und am Dorfausgang ist er wieder da, der Duft der kleinen Pflaumen. Wir zweigen bald auf einen Weg ab, der durch Einsparung einiger hundert Meter den ohnehin langen Weg nicht noch länger machen sollte, doch das geht gehörig nach hinten los. Die angedachte Spur ist mittlerweile zugewachsen, doch zunächst lässt sich auf den abgeerntenen Stoppelacker ausweichen. Während wir die freie Panorama-Sicht mit unzähligen Schornsteinen und dem ewigen Flämmchen des Kombinats betrachten, beginnt die Sonne nun richtig zu drücken, heizt es wärmer noch in den Gummistiefeln und unter den Hüten, wird der erhoffte Schatten nun zum dringenden Bedürfnis. Das versuchsweise Umkrempeln der Gummistiefel bringt etwas Linderung.

Gedenkenberg über dem Tal der Liebe

Doch dreihundert Meter vor dem angestrebten Waldrand, am Ende der Stoppeln, steht schulterhoch der Raps, erntereif, fast hölzern struppig und voller streitlustiger Widerhaken. Das macht es erstaunlicherweise sogar dem aufgeschreckten Rehbock schwer, das Weite zu suchen. Eine kaum sichtbare Fahrspur erspart uns den Stillstand oder die reumütige Rückkehr zur letzten Abzweigung und gestattet mit nur wenigen Blessuren den Anschluss zum rettenden Waldrand.

Teiche von Adam und Eva

Hier gibt es nun wieder ein kompetentes Wegesystem, welches das Tal der Liebe durchzieht. Umgehend taucht man ein in eine teils dramatisch ausgeformte Gebirgslandschaft mit schmalen Pfaden, steil abfallenden Hängen und dichtem, wildem Wald. Kleine Quellbäche bahnen sich unter romantischen Brücklein ihren Weg durch die vermeintliche Wildnis und bilden auf Stufen vorzügliche Wildschweinsuhlen aus. Dementsprechend steigt der Puls, als es hier und dann etwas weiter und bald wieder dort raschelt und nach größerem Gewicht klingt, als es ein putziger Eichkater oder ein Fuchs auf die Waage brächten. Kurz darauf knackt es weit unten, wo wir zur Erleichterung ein kleines Reh entdecken. Das guckt uns genauso an wie wir wohl schauen, bevor es nach weit mehr als drei Momenten langsam von dannen stakst.

Bastei über dem Oderstrom, Zaton Dolny

Dolina Miłości (Tal der Liebe)

Danach wird es symbolträchtig im Tal der Liebe, als ich uns, befeuert durch die Leidenschaft zum Wegesammeln, mit viel Bücken und Verbiegen tief in eine strauchige Sackgasse führe und auch das GPS-Gerät im ausgeprägten, dicht bewachsenen Relief an seine Grenzen stößt. Die Gummistiefel erweisen sich jetzt als Segen für den zarten Frauenfuß, währenddessen ich mich mit einer wegwischenden Geste im Geiste nach Herzenslust zerkratzen und zerpieken lasse und in den steilen, wegarmen Flanken auf losen Sohlen rumrutsche. Auf meinen dackeligen Blick hin kommt ein griffiger Vorschlag mit Blick und Handzeig nach oben, der uns nach ein paar Höhenmetern im Unterholz zum bequemen Wegesystem zurückbringt. Die entsprechende Auslegung der Metaphern auf den Pfad der Liebe überlasse ich jedem selbst, die resultierenden Erkenntnisse ebenso. Doch sie werden alle wahr sein.

Café Bei Beata, Zaton Dolna

Im Folgenden halten wir uns nun bei Gabelungen ganz pragmatisch an Wege mit Mindestbreite und genießen zugleich die Romantik dieser wilden Parkanlage, über die an vielen Stellen gut lesbare Tafeln informieren. Einer der schönsten Aussichtspunkte im nördlichen Bereich lässt an Hochküsten auf verschiedenen Ostsee-Inseln denken. Neben einem Pavillon stehen hier drei Kiefern in großer Geste, dazwischen liegen Findlinge, zu denen es ein paar Meter weiter eine Geschichte zu lesen gibt. Der Ausblick ist enorm und kommt unerwartet.

Durch dichten Laubwald fällt der Weg ab in ein vergleichsweise offenes Tal, wo sich unterhalb einer Quelle mit kleinem Bachlauf zwei Weiher eine Lichtung teilen. Hier treffen wir auf erste Menschen. In den „Teichen Adam und Eva“ steht jeweils eine der Figuren in der Wassermitte, beide heißen eigentlich Apollo und Diana und können scheinbar zueinander nicht kommen – was an ein anderes bekanntes Paar denken lässt. Rund um die Teiche sieht es nun richtig nach Park und Gärtnerhand aus, mit einer Pergola, angelegten Wegen und den beiden Teichen.

An der Kirche von Zaton Dolna

Zaton Dolna

Von hier lässt sich nun wahlweise gleich zur Oder absteigen oder der reizvolle Weg über die Anhöhe der Bastei nehmen, von der eine steile Holzstiege alten Stils hinabklettert zum Haupteingang des Parks. Hier steht neben einem Pavillon und einer großen Karte mit dem Wegenetz nun auch der relevante Hinweis auf das Café Wiejski Kocur, zu deutsch Dorfkater. Der ist mir sofort sympathisch, und nachdrücklich zieht nun der leere Magen und die vergangene Kraft nach all dem durchstandenen Strupp der Liebe und den starken Eindrücken zum Ort des Besteckes und der polnischen Küche.

Gasthaus Dorfkater, Zaton Dolna

Schon am Ortseingang lockt eine herrlich über der Oder gelegene Terrasse hinauf ins Café „U Beaty“ und nutzt damit mangelnde Orts- und Sprachkenntnis und ihren Standortvorteil auf das Beste. Der Kater vom Schild vorhin ist dann leicht adaptiert auf dem Garten-Kamin zu entdecken, die Dame des Hauses spricht allerhand Deutsch und bietet nicht nur Kaffee, Kuchen und Getränke, sondern auch zwei herzhafte Gerichte der polnischen Küche an. Die Luft und die Sonne drücken noch immer, doch hier oben geht ein sanfter Wind durch die Talflanke, und so lässt sich sehr gut zu einer ausufernden Pause ausholen, die gewissermaßen einmal die Karte abgrast. In der Bilanz sind wir froh, dass wir den Schaschliks vorhin widerstanden haben, denn der Aufenthalt bei bereits sinkender Sonne verläuft herzlich, unterhaltsam und genießerisch. Da der Rucksack ohnehin sehr schwer ist, nehmen wir noch eins von vier großen Gläsern Honig mit, die neben der Schüssel für ausgediente Kronkorken auf der Bank stehen. Knapp drei Pfund Lindenhonig sichern für die nächsten Monate eine gesunde Energiequelle und regelmäßig aufgefrischte Erinnerungen an diesen Ort.

Am Oderufer, Zaton Dolna

Während der Öffnungszeit lässt sich der Garten von Frau Beata durch eine von hohen Stockrosen gesäumte urige Hinterpforte direkt in Richtung Kirche verlassen, von dort kamen vorhin schon ein paar Stammgäste hergeschlurft. Zur Kirche geht es nochmal ordentlich hinauf. Drei junge Leute machen das kleine Gotteshaus über dem Fluss schön für den morgigen Gottesdienst, wozu unter anderem frische Blumen und Besenschwingen gehören. Auf dem grasigen Kirchhof steht eine Marien-Statue in sanften Blautönen, dahinter öffnet sich über den Wipfeln ein Blick auf die Oder und ihre Auen. In der Kirche ist es angenehm kühl.

Brücke zwischen den Ländern, Krajnik Dolny

Auf der Runde durchs kleine Dorf kommen wir dann schließlich am einladenden Dorfkater vorbei, der hinterm großen Scheunengebäude vermutlich einen schönen Gastgarten anbietet und das nächste Mal besucht wird. Und dann liegt sie vor uns, die Oder, gegenüber ist bereits das Eishaus am Sperrwerk zu sehen, das wir im Falle der längsten Option nachher direkt passieren werden.

Meister A. D. Bahr zwischen den vegetarischen Lunchpaketen

Direkt über dem Oderufer folgen wir nun dem schmalen Fahrweg unterhalb des steil ansteigenden Hanges mit seinem vielfältigen Wald, immer wieder gibt es Einschlüpfe und Anschlüsse an die Wege im gebirgigen Tal der Liebe – allein die Topographie gibt ja schon herrliche Symboltracht her. Das hindernislose Sträßlein läuft sich von selbst, wir rollen regelrecht und kommen unbeabsichtigt auf Tempo. Etwas weiter hinten schlendern erstaunlich stramm zwei junge Mädels auf dem Weg zur Nacht der Nächte, im Rucksack einen Lautsprecher. Der bezieht vom mobilen Endgerät handelsüblichen Vocodergesang mit Musik, deren Bassbereiche den Lautsprecher klar überfordern. Die vokalen Passagen scheinen per Zufallsgenerator erzeugt, die Stimme klingt weinerlich und alle Tracks nutzen denselben sparsamen Ideenpool. Da treu das ganze Album abgespielt wird und die Mädels rasch aufholen, geben wir uns respektvoll geschlagen und lassen sie im vorgeblichen Rahmen einer Trinkpause vorbeiziehen, städterisch dürstend nach abendlicher Stille und dezenten Vogeltönen.

Zaton Dolna vom anderen Ufer aus gesehen

Die weit entfernte Brücke ist also schnell nähergekommen, das Geländerrot wird zum eigentlichen Orange vom Hinweg und die Entscheidung für die längste der drei Varianten ist gefallen, nicht zuletzt wegen langem Oderauen-Entzug. Drum kaufen wir in einem der kleinen Läden in Krajnik Dolny noch eine köstliche Mischung aus drei Pfund Wasser, viel Zitrone und wenig Zucker, was sich schon bald als goldrichtig herausstellt.

Weg in die Oderauen

Was wir vor der Brücke als polnischen Rückenwind hatten, gibt es jetzt am anderen Ufer als erfrischende Brise von vorn, die viele Düfte des Sommers in sich vereinigt und dabei aus dem Oderwasser, den Deichwiesen und den saftigen Auen schöpft. Am anderen Ufer erhebt sich der steile Waldhang, unten am Ufer steht ein blatt- und rindenloser Baum, dessen Silhouette gleichmäßig belaubt ist mit kleinen Vögeln. Der Deich ist frisch gemäht, einige schnelle Blümchen haben ihre kleinen Sonnen schon wieder herausgearbeitet. Hinten zwischen den Heurollen stakst ein satter Storch umher, gerade ohne Konkurrenz und etwas unmotiviert. Weit oben kreist tiefenentspannt und unbewegt ein Raubvogel mit großer Spannweite und kurzem Heck.

Kontrastreicher Blick nach Schwedt

Bald sehen wir Zaton Dolna und die Terrasse der Genüsse und staunen aufs Neue, wie weit oben die Kirche über allem steht. Kurz darauf ist das funktionale Fachwerkgebäude Eishaus erreicht, und am Rastplatz dahinter geht es nun endlich in die weiten Oderauen. Ein klassischer Plattenweg läuft mit bunten Wiesenrändern durch das üppige Grün aus Weiden, Wiesen und ungenutzten Flächen, schlägt hübsche Bögen und weite Biegen und lässt dabei nur selten eine der unzähligen Wasserflächen sehen, die überall die Auen durchziehen.

Alter Oderarm bei Schwedt

So wie auf dem Hinweg der Dammgraben, begleitet nun der Alte Oderstrom von hier bis an den Rand von Schwedt den Verlauf des Weges und wird in Richtung Norden immer breiter. Andere Gewässer heißen Kuhlen Dümpel, Lubitz Rehne oder Ribbe und lassen die Antwort darauf offen. Wege zweigen ab nach Criewen, Zützen oder Meyenburg, dazwischen grasen Kühe in verschiedenen Farbtönen, die uns teils verständnislos anstarren. Im Hintergrund flitzen behende riesige Traktoren über die Äcker und verwandeln abgelagertes Heu in diese kleidsamen Rollen, denen der späte Sonnenstand zu baumeslangen Schatten verhilft. Abends in den Oderauen – das hatten wir noch nie, und so kommen die müden Beine und der lustbetonte Genuss dieser spätsommerlichen Stimmung voll kleiner Sensationen miteinander ins Gerangel, welches Tempo nun das rechte sei. Eine Einigung wird nicht erzielt.

Visuelles Spielwerk in der Altstadt, Schwedt

Langsam prägen sich die fernen Dächer von Schwedt zu Einzelheiten aus, lassen sich Gebäude erkennen und Beziehungen zuordnen. Der Wasserturm, der spitze Kirchturm und die gläserne Kuppel des Theaters werden immer konkreter, bis schließlich der Deich oberhalb der Wasserstraße erreicht ist, die Stadt jetzt direkt gegenüber liegt. Ein tüchtiger Traktor mit Heurollen-Erzeuger eilt zu seinem letzten Einsatz, bevor das nahende Gewitter den verdienten Feierabend vorschreibt.

Altstadt Schwedt

An der letzten Brücke dürfen die Kräfte nun endlich nachlassen. Wir werfen Gepäck ab und flanieren mit leichten Schultern durch die schöne kleine Altstadt zur Neustadt, staunen über die erwähnten haushohen Wandbilder und manches andere, bevor die Magistrale direkt zu den Uckermärkischen Bühnen zieht, hinter denen ein kleiner Biergarten wartet. Beim Vorbeigehen zeigt sich, dass sowohl die Glaskuppel auf dem Dach als auch die lebengroßen Figuren in den Nischen aufgemalt und nicht dreidimensional sind, das ist eindrucksvoll.

An der Uferpromenade in Schwedt

Im Biergarten bekommen wir nun den erhofften Nachschub an Mineralien, sonstigen Salzen und Flüssigkeit. Dazu gibt es die Geräuschkulisse des himmelfrei aufgeführten Musicals um einen grünen Oger, und schließlich gehen noch die ersten Laternen an und die Lichter der Statuen, passend zum Sinken der Sonne. Gut eine Stunde später zucken über dem finsteren Berlin die Wetterleuchten auf, jedes breiter als die ganze Stadt, schenken dem Fernsehturm die ganz große Bühne und überlassen bald den Fluten ihren Platz, die in großen Tropfen allen Boden tränken. Dieser Tag ist bereits jetzt Legende.











Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Hbf. durchgehender Regionalexpress nach Schwedt, jede 2. Stunde nur mit Umstieg in Angermünde (jeweils gut 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Ausfahrt Joachimsthal, dann über Angermünde nach Schwedt (ca. 1,5 Std.)(wesentlich reizvoller ist die Landstraße über Biesenthal, Eberswalde und Chorin, Fahrzeit ca. 20 Min. länger)

Länge der Tour: 26 Kilometer (Abkürzungen vielfach möglich)(Wegpunkte und Kartendarstellung sind auf gangbare Wege bereinigt)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Internetpräsenz von Schwedt

Polnische Seite zum Tal der Liebe (mit Geschichtsabriss)

Informationen zum Tal der Liebe mit Flyer

MOZ-Artikel zum Tal der Liebe von 2011

Artikel zum Tal der Liebe

Einkehr: in Schwedt div. Möglichkeiten, ebenso in Krajnik Dolny
Café U Beaty (Bei Beata), Zaton Dolna (herzlich, gute Küche)
Wiejski kocur (Dorfkater), Zaton Dolna

Seefeld: Kamillenseife, Maschinenlärm und der Weg nach Berlin

Dieser Sommer gibt sich symphonisch in vielen Dingen und bietet eine beherzte Mischung von Düften dar, die vor allem würzig sind und intensiv, daneben viel bewegt und daher ständig neu gemischt. Zugleich ist er außerordentlich launisch und jagt die Thermometerskala rauf und runter, bietet Kostproben der Höllenglut auf und kurz darauf dramatische Wolken, präsentiert wüstenheiße Tage mit stehender Luft oder kühle Sommerwinde, die temporeich um jede Ecke gescheucht werden.

Rundweg am Haussee, Löhme

Viel ist noch übrig vom Frühling, was Vogelkehlen und Wiesenblumen betrifft. Selbst der Holunder, der mancherorts schon längst Früchte bildet, präsentiert seine weißen Blütenteller, die ihren strengen, eigenen Duft verströmen. Ihre Dolden sind zum Teil groß wie eine Handwerkerpranke, die weit geöffnet zum nächsten Werkzeug greift.

Regen gab es immer mal wieder, hier und da auch stürmische Winde und sogar ein paar Unwetter. Zugleich hielt manch brennende Heide mit potentieller Munition im Boden Tausende Helfer und Bewohner in Aufregung, die auf rettenden Regen und abflauende Winde hofften.

Wanderweg von Blumberg nach Ahrensfelde

Der Juli ging schließlich nach einem Temperatursturz von 38 auf 18 Grad an den Start und schustert nun so ein bisschen rum mit frischem Wind und grobmaschig gestrickten Teppichen aus dichten grauen Wolken, die jede Stunde ein per Quote bestimmtes Fensterchen für blauen Himmel lupfen, manchmal sogar ein paar Minuten Sonnenschein durchwinken. Die allgemeine Verwirrung im Hin und Her des Wetters lässt sich am besten an der Bekleidung der Leute auf der Straße ablesen – neben hastig tippelnden dicken Anoraks mit Pelzkragen über hochgezogenen Schultern schlendern entspannt kurzbehoste Schulterfreie in flappenden Badelatschen. Und alle Touristen machen das Beste aus dem, was sie jeweils mehr oder weniger maßlos in ihre Rollkoffer gestopft hatten.

Nach verschiedenen Erlebnissen in der näheren Ferne oder auch etwas dahinter heißt es nun wieder, sich in Berlin und Brandenburg einzuleben, und dazu ist es am schönsten und effizientesten, von der Stadtgrenze her ins Brandenburgische auszuschwärmen oder eben von einem benachbarten Dorf auf die Stadt zuzulaufen, bis irgendwann der Fernsehturm ins Bild rückt.

Aufwändig eingerahmtes Landschaftsbild, Ahrensfelde

Berlins Umsteigebahnhof Nr. 1 ist nun schon über ein halbes Jahr fertig, und nach vielen Jahrzehnten mit ausschließlich S-Bahnen fahren wieder Regionalzüge von hier ab. Wie jedes Kind der Stadt habe ich gemischte Gefühle zu diesem bewegten Bahnhof – wie possierlich scheint doch das Westkreuz dagegen – , den ich zeitweise gefürchtet, lange gern vermieden und über die Jahre doch schätzen gelernt habe. Dass er eines Tages tatsächlich mal fertig wird, schien unwahrscheinlich, doch nun ist es so. Das erste Mal von dort nach außerhalb abzufahren, ist dann tatsächlich ein besonderes Gefühl.

Haussee bei Seefeld

Seefeld

Züge fahren von hier nach Magdeburg an der Elbe, Cottbus an der Spree oder Küstrin an der Oder, auch nach Wismar an der Ostsee und sogar nach Norddeich, puffergenau an den Gezeitenstrand der Nordsee. Derzeit ist sogar das schwäbische Hauptgebiet per Fernzug erreichbar, von wo sich über den Neckar namhafte Weinlagen erreichen lassen.

Etwas weniger spektakulär und ohne Reben oder großes Wasser kommt die Linie nach Werneuchen aus, deren vorletzter Halt in Seefeld liegt. Während der kleine Zug im Stadtgebiet noch gemächlich dahintuckelt, wird hinter dem letzten Bahnhof von Ahrensfelde freudig beschleunigt, so dass die wolkenschattigen Feldlandschaften regelrecht vorbeisausen. An Bahnübergängen locken bereits die ersten Wege und lassen die Sprunggelenke leicht wackeln, und schon bald hält der Zug in Seefeld, das sich mit dem benachbarten Löhme einen Haussee teilt. Der Bahnhof liegt am Rand des Ortes.

Rundweg um den Haussee, Seefeld

Es ist Sonntag, gerade noch vor zwölf, und so können wir uns im gemütlichen Gasthaus am Anger ohne lange Wartezeit stärken, währenddessen die Gäste strömen und Tisch um Tisch besetzt wird. Bei der Wahl des besten Tisches gibt es unterhaltsames Gebrabbel und viel Hin und Her, bis schließlich jeder einverstanden ist. Die Kellnerin moderiert freundlich und bestimmt an den reservierten Tischen vorbei oder von diesen weg. Die wuchtige Feldsteinkirche steht still daneben, schon immer, und auf dem Anger wurde ein winziger „Stadtpark“ eingerichtet, mit allem, was dazugehört.

Blick auf die verschilfte Westbucht des Haussees

Vorbei am Biergarten der fast benachbarten Seeterrasse kommt man nach wenigen Schritten zum Rundweg um den Haussee, der vor ein paar Jahren eingerichtet wurde, liebevoll und fachkundig, und mit gut einem Stündchen Länge von verschiedensten Leuten gern zum Spazieren genutzt wird, insbesondere sonntags um die Mittagszeit. Der See selbst hält sich visuell meist im Hintergrund, ist jedoch zugleich präsent durch Schilfrascheln, Wasserduft und das Klicken der Blesshühner.

Wanderweg nach Löhme

Der Verlauf des meterbreiten Pfades ist verspielt, in dichten Abständen gibt es schöne Rastplätze und bunte Informationstafeln. Aktuell sind die Wegränder bunt gesäumt von allem, was so blüht zwischen spätem Frühling und hohem Sommer – blau, weiß, rot und gelb und noch manche Zwischentöne. Dazwischen die hohen Gräser und kurzen Ähren, denen der Wind durch die Grannen geht, und all das in kräftigen Farbtönen, die nach Sepia-Filter aussehen.

Großdimensionierte Hochspannungsleitungen erinnern zwischendurch daran, dass man sich im unmittelbaren Umkreis einer großen Stadt befindet, doch die Sinne werden schnell wieder nach unten gelenkt vom Rauschen in den Bäumen, dem Huschen im Gebüsch oder dem Summen und Flattern in den Blüten, die jeden Schritt begleiten. Nach einem schönen Pfadgeschlängel setzt sich die Löhmer Kirche in den Blick, deren Helmfirst von einem weithin erkennbaren Hahn gekrönt wird.

Langer Alleeweg nach Westen

Wenn die vielfältige Runde um den Haussee nicht ausreicht, schwenkt man am besten auf Höhe der Kirche ins Dorf und wendet sich dort nach links. Spätestens hier wird es nun einsam. Am Ortsende versiegt der Asphalt und es beginnt auf knirschendem Untergrund einer dieser schönen Alleewege, die zwischen Buschwerk und alten Baumstämmen von einem Dorf zum nächsten führen, niemals schnurgerade sind und dabei halbschattig und etwas windgeschützt.

Letzteres kommt heute weniger zum Tragen, denn unter der dichten, fast etwas barocken Wolkendecke scheint der Wind nach einem Ausgang zu suchen und ist dabei unwirsch und ohne Richtungstreue. Eine Mütze wäre durchaus sinnvoll, doch widerstrebt einem das in dieser Jahreszeit mit Namen Sommer. Somit wird alles, was an Bord ist und sich formen lässt, am Kopf befestigt – Kapuzen, Tücher, Hüte, manches auch zusammen. Würde man das in Berlin ganz selbstverständlich so tragen, wäre wohl ein neuer Trend gepflanzt, am nächsten Tag das Resultat zu sehen. Und sicherlich wären umgehend auch erste Tutorials in den SoMed verfügbar, selbstverständlich mit Shop-Verlinkung. Doch wir belassen es exklusiv und gänzlich unveröffentlicht.

Weg an den Teichen bei Birkholzaue

Robinien, Eichen und Holunder sorgen für einen Wechsel von Licht und Duft, in größeren Lücken dampft es warm vom abgemähten Acker herüber, und voraus ist ganz weit hinten nun zum ersten Mal der Fernsehturm zu sehen, so etwa streichholzgroß. Auf Höhe des Waldes fällt der Weg ein paar Dezimeter ab, und wer hier nach so viel Geradeaus mit dem Abbiegen nicht bis zur nächsten Kreuzung warten möchte, kann bei abgemähtem Feld weglos in Richtung Schilfgürtel schwenken, der einen Teich zwischen den Feldern umgibt. Ist dieser erreicht, beginnt auch wieder ein grasiger Weg, der in schönen Kurven der Uferlinie folgt. An seinem Ende biegt rechts ein Weg durch üppiges Grün ab, der Kletten an der Hose ermöglicht und bald auf einen breiten Fahrweg stößt. Voraus sind bereits die ersten Häuser von Blumberg zu sehen, und alle halbe Stunde saust mit zaghaftem Getute ein Zug durchs ferne Korn.

Blumberg

Im Blumberger Lenné-Park

Die Kornfelder beiderseits des Weges sind zum Teil abgeerntet und stoppelkurz, teils stehen die Ähren fast kindeshoch. Beide Seiten verströmen den sommerlichen Kornfeldduft, der noch immer gut und gründlich verteilt wird. Hinterm Bahnübergang und der Beerenselbstpflücke quert die Landstraße, traditionell mit leichtem Verkehrsgestocke vor der Autobahnauffahrt. Schräg gegenüber lässt sich dann gleich abtauchen in die gediegene Atmosphäre des lennéschen Schlossparks.

Dem geht es ein bisschen wie den Grünanlagen in der benachbarten Spree-Metropole, die scheinbar unabhängig von plausiblen Einstufungen oder Prioritäten mal bestens gepflegt sind, mal auf Erhaltungsmodus oder auch völlig sich selbst überlassen. Der zu jeder Jahreszeit schöne und weitläufige Park mit seinen alten Bäumen und zaghaften Blickachsen kommt etwas wild frisiert daher, was brütenden Vögeln und tüchtigen Insekten sehr entgegen kommt. Hier und da werden neue Wege angelegt, auch ein Brücklein wird erneuert.

Drum herum stehen in Gruppen oder betont als Solitär erhabene Baumriesen, die noch aus der Zeit stammen, wo Lenné hier seine Arbeit tat. Dazwischen weite Wiesen, durch die zurückhaltend kleine Wasserläufe führen. Infolge des letzten Sommers liegen einige davon noch immer trocken, doch der große Teich ist voll klaren Wassers, bedeckt von den Blätterflokatis des Teichrosenlaubes und gesäumt von Schilfgürteln mit hunderten prallsamtiger Rohrkolben. Durch den Park schlendern Hunde mit ihren Leinenhaltern, auch stakst jemand mit einem Metalldetektor durchs hohe Gras, und ein paar Damen scheinen auf der Suche nach gewissen Kräutlein und haben dabei den botanischen Blick aufgesetzt.

Zuweg zur Autobahnbrücke, Blumberg

Über ein Brücklein aus massiven Feldsteinen kommen wir von der Gärtnerei ins Dorf, vorbei an bunten Bauerngärten und den großzügigen Auslaufflächen der Schule, die etwas oberhalb des Parkes liegt. Weiter hinten spielen Kinder etwas ohne Akkubalken und lassen versonnen an einschlägige impressionistische Gemälde denken. Den lohnenden Kringel um den Dorfteich und zum verwunschenen Kirchhof sparen wir heute aus, da wir vor kurzem erst dort waren und noch einiges an Weg übrig ist, ebender hauptausschlaggebend für die heutige Tour war.

Wanderweg zum Ahrensfelder Stadtrand

Hinter Blumberg vollzieht sich ein besonderes Kontrastprogramm aus dem notwendigen Gebrüll lebenspraktischer Verkehrswege, einem wonnigem Weg über die Felder und dem erhebenden Erblicken der noch fernen Stadt. Eine der schönsten Möglichkeiten, auf den Stadtrand zuzugehen. Bei den letzten Häusern von Blumberg machen die Gärten Platz für eine üppig grüne Feuchtlandschaft, zugleich steigt mit jeder Minute der Schallpegel des Autobahnringes an, da helfen bei entsprechender Windrichtung auch die Schallschutzwände wenig. Oben drüber nimmt an manchen Tagen alle paar Minuten ein Langstreckenflieger die große weite Kurve aus Berlin und brüllt allen im weiteren Umkreis ungefragt die Ohren voll. Doch das gehört zur Stadt und auch zu jeder Tour am Stadtrand.

Weg durch die Kornfelder

Wären die Ohren stummgeschaltet, würde der Anstieg hinauf zur Autobahnbrücke fast bis zuletzt so scheinen, als ginge es irgendwo tief in der Provinz über ein größeres Gewässer oder einfach zwischen den Feldern auf eine Anhöhe. Zwei rote Geländer sichern das Überbrücken der schnellen Straße, die bald aus dem Blick ist, doch länger noch im Ohr. Zugleich wächst auf Höhe des Geländers die Silhouette der Hochhäuser empor, gleich neben dem grünen Ahrensfelder Berg und nur für einen Augenblick. Erstaunlich weit rechts steht ein bisschen verloren der Fernsehturm, noch immer ziemlich klein.

Nach dieser Vorschau auf den Stadtrand fängt ein herrlicher Feldweg den Blick ein, während in den Ohren nach und nach der Pistenlärm verklingt. Links und rechts wachsen Rosen- und Holunderbüsche, saftige Gräser und üppiges Gestrüpp. Auch der bucklige Feldweg nach Ahrensfelde hält es charmant mit seiner eigentlichen Geradlinigkeit, die stets abgelenkt wird von leichten Hakenschlägen, bunten Feldrändern oder gut angewachsenen kleinen Alleebäumen. Links des Weges steht bestens gediehen und goldblond der Weizen, und bis zum allerletzten Ende des Weges ließen sich vier verschiedene Fruchtstände von Getreiden sammeln.

Radfahrerpärchen im märkischen Sand

Von vorn kommt ein älteres Paar ohne Gewichtsprobleme, beide sind attraktiv ergraut und sehen tendenziell nach Schreibmaschine, Töpferstube und Kräuterseifensiederei aus und saßen wohl länger nicht auf einem Fahrrad. Sie hätten besser den etwas längeren, wenn auch profaneren Radweg genommen, denn der märkische Zuckersand lässt die nostalgischen Räder hier ordentlich am Lenker ziehen. So wird mehr gehalten als gefahren, doch das naheliegende Schieben scheint nicht in Frage zu kommen. Mit einem leichten Anstieg naht ein weiteres Problem, dessen Lösung wir nicht mehr verfolgen.

Eine der Besonderheiten dieses Weges ist die zauberhafte Art, wie man denkbar unromantisch am äußersten Rand von Ahrensfelde das Dorf verlässt – zwischen einem Handel für hochmotorisierte Ami-Schladen mit Police-Beschriftung sowie Untertitel „to protect and to serve“ und einer in die Jahre gekommenen Tankstelle, zu deren Luftpumpsäulen immerhin drei urige Holzstiegen hinaufführen. Und dann eintaucht, bevorzugt im Monat Mai oder Juni, in hochstehendes Korn, das wie kaum woanders gesäumt ist von Mohn- und Kornblumen sowie Margeriten, zu deren Füßen wiederum weite Teppiche duftender echter Kamille heranwachsen. Die man natürlich hervorragend in selbst gesiedeter Seife verarbeiten und mit einem liebenswerten Logo mit großmütterlicher Handschrift versehen kann. Diese Richtung ist dann schlüssigerweise eine der schönsten Möglichkeiten, sich vom Rand der Stadt zu entfernen, hin zum Blumberger Park.

Weiher inmitten der Felder

Etwa auf der Hälfte des Weges liegt etwas tiefer und von Schilf umgeben ein Weiher, dessen Fläche oft tiefdunkel ist in ihrem Blau und vor Unwettern eine eindrucksvolle Dramatik entwickeln kann. Heute liegt der Spiegel silbergrau und leicht gekräuselt, und einem parkenden Auto nach muss irgendwo im Schilfgürtel ein Angler nisten. Kurz nach dem See kommt wieder Berlin in Sicht, und dabei bleibt es nun.

Ein Kaffee wäre dringend nötig jetzt, das zeigt auch der Kilometerstand, ferner fordern Kälte und Wind ihren Tribut. Der italienische Mineralölausschank mit dem feuerspeienden Hund im gelben Logo serviert zwar exzellenten starken Kaffee aus dickem Porzellan, doch wäre das ein Umweg übers holprige Feld, bei dem wir zudem noch zwei Störche stören würden, die Nachlese betreiben auf dem abgeernteten Stoppelacker. Also kehren wir beim Franzosen ein, der direkt am Weg liegt, der mit den drei Holzstiegen. Der Blick durch die knappe Autowaschstraße zeigt unerwartet ein Landschaftsgemälde, das von den technischen Wässerungsanlagen eingerahmt wird. Das ist exklusiv, der Kaffee drinnen dann heiß wenn auch in Pappe, und obendrein retten wir zum halben Preis noch ein aufgewärmtes Mehretagen-Brötchen, bei dessen Kauf sich eine andere Kundin verkalkuliert hatte, als es schon im Ofen lag. Und das jetzt erstaunlich gut passt und ein drohendes Energieloch verhindert.

Romantische Holzstufen zur Kaffeetränke

In den Beinen ist noch Kraft für Schritte übrig, Lust aufs Weitergehen ohnehin, und so setzen wir den Weg fort und überholen im Spazierschritt die aufgestauten Autos, die nach Berlin reinwollen. An der winzigen Wuhle, die in abgezählten Tropfen durch ihr Bettchen sickert, biegen wir ein in den Wuhletal-Wanderweg, ein gut ausgeschildertes Weglein, das die S-Bahnhöfe Ahrensfelde und Köpenick verbindet. Damit erweist sich eine Legende aus meiner Kinderzeit nun endgültig als falsch, nach der die Wuhle im Bahnhofsklo von Strausberg entspringt. Eine hübsche Parkanlage mit Spielplätzen, Brücklein und Weihern begleitet das klamme Bett der Wuhle in Richtung Bahnhof Ahrensfelde Friedhof.

Direkt hinter dem Bahnhof, am Zugang zum großen Ostkirchhof mit seinen parkartigen Anlagen, gab es ein schönes Gasthaus mit grünem Biergarten, doch leider ist dieser Ort Geschichte, wie wir mit dürstender Kehle feststellen. Nächste Möglichkeit für Durst-Abhilfe wäre eine Tankstelle, das wäre zwar irgendwie konsequent, aber das Wahre eben nicht, auch wenn es zum Stadtrand passt.

Wanderweg an der blutjungen Wuhle, Ahrensfelde

Lust zum Weitergehen ist auch am S-Bahnhof Ahrensfelde vorhanden, so dass wir noch ein Stück verlängern – nun schon auf Berliner Stadtgebiet. Parallel zur Bahntrasse und ohne Wahrnehmung dieser wurde hier vor dem Wohngebiet ein Parkstreifen angelegt, der mit etwas gutem Willen an ein Kurörtchen denken lässt, vielleicht Bad Ahrensen. Mit geschwungenen Wegen, verschieden gestalteten Nischen zum Sitzen und Treffen, Rodel- und Tobehügeln und allerlei schönen Rabatten. Alles in geliebtem Zustand und locker durchstreut mit Menschen allen Alters. Gegenüber auf dem Sportplatz spielen Ferienkinder und haben sich einen brauchbaren Lautsprecher mitgebracht, der fluffige Beats freigibt. Die ganze Szenerie strahlt einen angenehmen Frieden aus.

Kurpromenade von Bad Ahrensen

Nach einem Schwenk beginnt vor einer oberirdischen dicken Rohrleitung, einem mittlerweile eingängigen Charakterzug für diesen Bezirk, ein wirklich besonderer Parkstreifen. Im Kern eine mitteljunge Allee, vermutlich Ahornbäume, und drumherum naturbelassene Wiesen für die Sumsen, später weite Wiesenflächen, begleitet vom eingesenkten Lauf der einstmals breiten Neuen Wuhle.

Ebenfalls wird die Allee begleitet von verschiedensten Spiel- und Trimmgeräten, die verschiedenste Menschen in skurril anmutende Bewegungsmuster bringen. Die Bewegung trimmt dich sicherlich sehr gut, doch würde man sicherlich ungern von Bekannten oder Kollegen dabei beobachtet werden. Es ist wohl in etwa so, dass man aus sich selbst herausschlüpft, wie es auch Leute tun, die im Auto im Stau minutenlang an ihrer Nase herumkneten oder mimische Gymnastik extremer Natur treiben, weil sie ja dort keiner sehen kann – obwohl in Meterentfernung zwei Glasscheiben weiter schon der nächste Nachbar sitzt. Es ist drollig und dabei das Normalste überhaupt, eben menschlich.

Trimm-Dich-Allee im Tal der Neuen Wuhle, Ahrensfelde

Einige auf den Gymnastikgeräten vollziehen dieselbe Bewegung schon mehrere Minuten, rufen dabei das gute alte Duracell-Häschen ins Gedächtnis und werden sicherlich nach dem Verlassen der robusten Metallstallagen zirkelnd in die nächstbeste Richtung umtorkeln. Als hätten sie als gestandene Landratte gerade einen handfesten Sturm durchsegelt und würden nun den ersten festen Fuß an Land setzen. Ganz egal, sie werden weich fallen, denn alles rundum ist entweder Wiese, Sand oder Mulch. Und rücklings umgeplumpst auf der Wiese liegen und glücklich in die Wolken stieren ist ja auch was Schönes, bis sie dann irgendwann wieder mit dem Strudeln aufhören, die Wolken.

Hornochsen zum Abend, Falkenberg

Falkenberg

Vom aufgeblühten Riesen-Sonnenhut in schönstem Mosaik bis zum abendlich geschlossenen Blütenkopf reicht dieser Teil der Allee, und mit kleinem Schwenk setzt sie sich in einer Pflasterstraße fort, hinter den Gärten des Dorfes Falkenberg, wo umgehend die einstigen Rieselfelder losgehen, durchzogen von schönen Wegen, bunter Flora und jungen Obstbaumalleen. Nun endlich soll es gut sein mit den Schritten, und wir überlassen den letzten Kilometer bis zum Anschluss ans Straßenbahnnetz der BVG, die aktuell wieder schöne Anzeigen auszuhängen hat.

Unter dem westlichen Sonnenhut, Falkenberg

Der Bus ist gut gebucht, die Straßenbahn dann auch. Hier wird getwittert, da geschnattert und dort mit ausladenden Gesten lautlos gebärdet – vielleicht, damit es beim Gewackel der eiligen Bahn auch gut verständlich ist. Auf dem Platz schräg gegenüber sitzt ein Mädchen, sommerlich gekleidet, mit einem versonnen-sanften Lächeln im Gesicht und zwei bunten Torten-Vierteln in der Schatulle, die sie jetzt ins Herz der Stadt ausliefert. Der Sonntag ist noch lange nicht zu Ende.











Anfahrt ÖPNV (von Berlin): per Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz (ca. 0,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der Landstraße über Ahrensfelde (ca. 0,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 20 Kilometer (Abkürzungen möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Rundweg Löhmer Haussee

Lenné-Park Blumberg

Wuhletalweg

Einkehr: Fischerhütte, Seefeld
Hotel Aragon, Blumberg
Ahrensfelde Dorf div. Möglichkeiten

Liepe: Stille Wasser, sieben Seen und die Waldmeisterschaft

In den vergangenen Wochen hat der Mai eine kühle Schulter gezeigt, welche die Natur zu üppigem Grün in allen Wuchsbelangen geführt hat, zugleich jedoch die Menschen auch an Ihre Kleiderschränke, um turnusmäßig weggehangene Winter- oder Übergangsklamotten doch noch einmal zu rauszukramen. Etwas Regen gab es immer mal wieder, so dass Waldbrand aktuell kein Thema ist und der Boden nur an wenigen Stellen aufgewirbelten Staub freigibt, wenn der Wind hineinfährt. Im Wald ist das Blätterdach nun dicht, die Zeit der frühen Blümchen drum vorbei, während auf den Wiesen die bunte Blüten-Pracht in die erste Runde geht.

Wasserspiegel im südlichen Plagefenn

Die Mauersegler hatten nach kurzem Intermezzo noch einmal die Segel gestrichen und wagen sich nach einigen wärmeren Tagen nun endgültig in ihre Reviere, die meist mit Häuserschluchten oder steilen Wänden zu tun haben. Den Grillen ging es da ähnlich, nur dass deren Reviere gänzlich anders aussehen. Für eine innere Verfassung, die Vorfreude auf freie Tage im Sommer verheißt, sorgen die Töne sowohl der einen als auch der anderen. Vorsorglich abgewartet hatte hingegen alles, was Froschaugen unterm Scheitel trägt, und so ist es nun in feuchten Senken und entlegenen Weihern vorbei mit der Stille. Jegliche Fliegen leben von nun an gefährlicher, und aus dem entgegengesetzten Blickwinkel oder zwei Nahrungskettenglieder höher können auch die Störche und die Kraniche aufatmen.

 

Blick durch die Brodowiner Fenster

Bevor nun auch die Mücken ihre geduldig im Wasser treibenden Kompressionssäcke verlassen und für ein paar Sekunden die absolute Anmut verkörpern, wenn sie vom Reich des Wassers zu dem der Luft wechseln, ist jetzt die letzte Chance, weitgehend ungepiesackt durch entlegene Bruchwälder ohne viel Wind zu streifen. Blicke auf andere Bundesländer und ein Besuch der Müritz im letzten Jahr hatten länger schon Lust auf Moor gemacht, und eine thematisch benachbarte Seite, der Berliner Wanderschuh, im Winter den passenden Gedanken ans Plagefenn hinterm Ohr platziert. So viele halbwegs zugängliche Moore gibt es nicht im Land Brandenburg, und das Plagefenn zeigt zudem eine stattliche Ausdehnung, in der sich allerlei Wildnis finden lässt. An deren Rand liegen obendrein zwei besonders schöne Dörfer, die jeweils eingebettet sind in charakterstarke Landschaften.

 

Ausgeuferte Kopfweiden zwischen Brodowinsee und Wesensee

Liepe

Liepe ist eins von diesen Dörfern zwischen Eberswalde und der großen Oder, welche die Anmutung eines Bergdorfes haben, wie auch Falkenhagen oder eben die benachbarten Orte Niederfinow und Oderberg. Alle liegen Sie am weiten Bogen des alten Oderverlaufes, der die große Oder-Insel von Neuenhagen westlich umrundet und ein weites, topfebenes Tal aufspannt. Von diesem steigt die Landschaft in einer steilen Stufe an, wobei zwar nicht viele Höhenmeter gesammelt werden, doch dafür oftmals sehr direkt. Die Dörfer liegen jeweils unterhalb dieser Flanke, entsprechend viele Terrassengärten gibt es und schöne Aussichten von den höheren Lagen, die bewaldet sein können oder offen. Liepe ist das einzige der Dörfer ohne Kirche, dafür gibt es einen schicken Gutshof, wo man in edlem Rahmen heiraten kann oder einfach nur ein Bierchen zischen. Wenn auch man sich in Knöchelschuh und Waldzivil vielleicht fehlplatziert fühlen könnte, doch das kann auch ganz anders sein.

 

Am Gutshof Liepe

Vom schönen Areal mit seiner prächtigen Außenmauer steigt eine direkte Treppe ab, die das mit dem Bergdorf nochmals unterstreicht. Unten strömt sofort der Duft der weiten Oderbruchwiesen durch die Nase und weiter in die Lungen, und einige Schritte darauf spannt sich im Breitformat der Blick über ebendiese auf, bis hin zu den Schulter an Schulter stehenden Schiffshebewerken bei Niederfinow. Die erste Wiesenmahd wurde bereits begonnen, in der Folge ist zum einen der Wiesenduft noch aromatischer, zum anderen schweben in edel performten und weitgefassten Bögen die hiesigen Störche ein, um mal was in den Schnabel zu bekommen, was nicht nass und glitschig ist.

Im Übergang zwischen den äußeren Grundstücken und der weiten Landschaft liegen einige Gärten, deren Erde tiefdunkel und fruchtbar sein sollte. Versonnen und leicht betulich wird hier und da mit Rechen oder Spaten gearbeitet, mit grünem oder auch schmutzigem Daumen. Riesige Scheunentore gibt es zu sehen und wettergegerbtes Holz, schöne Gärten und verpeilte Hofhunde. Alle sichtbaren Fahrzeuge sind eher nützlich als repräsentativ, abgesehen von einem tiefergelegten Opel, dessen Unterboden scheinbar auf der hohen Wiese aufliegt. Gibt es also auch noch.

 

Blick von Liepe auf die Schiffshebewerke

Kurz hinter zwei Buswartehäuschen aus zwei Epochen deutscher Geschichte zweigt die Choriner Straße ab, die ihren Namen zu Recht trägt – zu Fuß würde man nach zwei Stunden genau am eindrucksvollen Kloster herauskommen. Doch das ist eine andere Geschichte, auch wenn sie auf dem Zettel dieses Jahres steht. Wir folgen der ersten Gabelung, die rechts in einen schattigen Weg mit Wiesennarbe lockt. Nach den letzten Gärten und Schollen beginnt ein saftiger Wiesengrund mit wuchtigen braunen Kühen, die im Vor- und Rückblick zu einer weiteren Gebirgsimpression beitragen. Mitverantwortlich sind auch die Thiedsschen Berge.

 

Scheunentor in Liepe

Hinter den Wochenendgärten beginnt ein Pfad, der ohne viel Gewese in die entrückte Welt des Plagefenns führt. Die Bäume sind hoch, das Blätterdach schon dunkler als noch vor zwei Wochen, und darunter haben sich unzählige Singvögel sehr viel mitzuteilen. Schon bald liegt rechts die erste Wasserfläche, fast lückenlos bedeckt von Entengrütze, die jegliche Bewegung in prächtigem, matten Grün stillgelegt hat. Kein Tier ist zu sehen, das es wagen würde, die verschwiegene Ruhe dieser Fläche zu stören, eine wasserschwarze Lücke zu reißen. Nur altgediente Bäume ragen heraus, die sich als Erlen kaum beeindrucken lassen von nassen Füßen. Gefallene Stämme liegen im Wasser, schauen noch ein Stück heraus und lassen erahnen, wie flach und morastig es hier ist, wie unwiederbringlich verloren etwas wäre, was man hier hineinwirft. Einige der bemoosten Stämme dienen selbst schon als Nährboden für neue Stämmchen oder Grasbüschel. Versunkene Baumstümpfe sind lebhaft ausgetrieben, andere von buschigem Gras umgeben, wie kleine Inseln.

 

Stilles Moor bei Liepe

Plagefenn

Kurz nach dem Queren eines im Sickertempo fließenden Verbindungsgrabens beginnt dann die Welt der riesigen und verzweigten Wasserfläche am Düsteren Possenberg, die einen regelrecht umhaut und wieder einmal darüber staunen lässt, was es in Brandenburg alles für Landschaften gibt. Wie völlig woanders sieht das aus und weit weg, wie irgendein Hochmoor in ferner rumänischer Wildnis oder den entlegenen Grenzwäldern zwischen Bayerischem Wald und Böhmerwald.

Irgendwo beim Berliner Wanderschuh stand geschrieben, dass man vor lauter Staunen den Abzweig verpasst hätte und dann etwas durch Kraut und Unterholz staksen musste, bis wieder ein richtiger Weg erreicht war. Das ist absolut nachvollziehbar, denn alle paar Meter muss man stehenbleiben und die Augen oder die Ohren aufreißen, lauschen oder linsen, sich auf die Zehenspitzen stellen oder an den Rand zwischen nass und trocken vorwagen, um ein Bild zu knipsen, frei von Uferästen. Hier gibt es grobmaschige Gespensterwälder aus stummen, astlosen Stämmen, undurchdringbare Schilflabyrinthe für Orientierungsmeister, ferner kleine Erlenwälder, die im Wasser stehen und einfach so gedeihen sowie dazwischen immer wieder üppige Buketts hochgewachsener Wasserlilien.

 

Hölzerner Elefantenfriedhof

Ganz hinten, hin zum erwähnten Berg mit dem leicht schaurigen Namen, ruht wie ein nach abgebrochenem Spiel vergessenes Goliaths-Mikado ein Elefantenfriedhof aus unendlich langsam zueinander getriebenen, glatten Stämmen, teils übereinander geschoben. Gegenüber, am Verbinder zum Nebenmoor, halten Dämme in mehreren Stufen das absteigende Wasser in Schach. Die Stufen sehen nicht nach Biber aus, zu brav, zu gleichmäßig, zu vernünftig. Oder der Biber ist diplomiert und von den Forsten angestellt, so allenfalls könnte es sein.

Währenddessen trägt die Windrichtung mit jedem weiteren Schritt eine weitgehend monotone Chormusik übers Wasser, die aus zehntausenden Kehlen kommt und mutmaßlich ohne Dirigenten, Strophen oder derlei Regelwerk funktioniert. Eher wie ein Klangteppich ist, doch mehr stoppelig als weich. Und in den Bann zieht. Immer lauter schwillt es an. Was wir bisher im Jahr an Fröschen nicht vernahmen, gibt es jetzt in einem Rutsch. Es müssen so unerhört viele sein, vielleicht alle.

 

Uferweg im südlichen Plagefenn

Am Düsteren Possenberg selbst wird es wieder leiser, der Wind schweift ab und die Waldvögelein übernehmen aufs Neue die Beschallung, die jetzt dezent wirkt. Kurz nach dem Verlassen der leicht unwirklichen Welt quert im Wald ein wogenreicher Pflasterdamm, dessen Spuren gegenüber der Narbe über die Zeiten stark abgesackt sind – definitiv kein Verkehrsweg für den Opel von vorhin, denn lautes Fluchen und austretendes Öl wären vorprogrammiert, letzteres gerade hier besonders übel.

 

Wiesengrund im Walde

Der Gedanke wird kurz darauf entfernt aufgegriffen, als wir an einem idyllischen Wiesengrund endlich die erste Rast machen können, denn für längeres Verweilen wäre es da unten mit den Mücken doch so eine Sache gewesen, ein Schmaus auf beiden Seiten. Hier geht etwas Wind hindurch, zumal ist das nächste Wasser ein paar mehr Steinwürfe entfernt. Zu verdanken ist das bezaubernde Stück Grün gänzlich unromantisch der Trassenführung einer Erdgasleitung, die einmal von Nord nach Süd führt, von der Ostsee bis nach Tschechien. Absurder als dieser sachliche Umstand ist die spätere Information vom Wegesrand, dass es zu DDR-Zeiten genau hier Rallyes gab, wo hochgezüchtete Rennsemmeln mit Vollgas über diese Waldstraßen jagten. Zurück zur blumigeren Wahrnehmung dieses schönen Fleckchens Erde führen uns zwei Kraniche, die in Sichtweite grasen.

 

Im Wald des Plagefenn

Ein leicht krautiger Weg verlässt die kleine Straße in den Laubwald und führt an den Rand des eigentlichen Plagefenns rund um den Großen Plagesee, einem seit mehreren Jahrzehnten unberührten Totalreservat. Dementsprechend wird darum gebeten, die breiten Wege nicht zu verlassen, damit sich alles schön weiterentwickeln kann und niemand mit Hufen, Pfoten oder Flügeln gestört wird, auch niemand mit Wurzeln, Mycel oder Rhizoiden. Es ist hier im hohen Wald ähnlich unbewegt wie an den grützbedeckten Moorsenken oder dem ruhenden Totholz von vorhin. Ein mit Kleidung bedeckter Passant im Zweifüßergang scheint gerade unvorstellbar. Einige Enten verlassen die Szene und schnattern sich im Abflug Entrüstung zu. Irgendwo steuert ein kaum wahrzunehmender Schwan in kleiner Fahrt zwischen den Grasinseln hindurch.

 

Waldstraße nach Brodowin

Zurück in die Welt bringt uns die Pflasterstraße durch den Wald, neben der auf Waldboden ein kleiner Fußweg läuft, längs geparkte Eichenstämme laden zum Balancieren ein. Ein wohliger Duft erfüllt den Wald, der zum größten Teil dem Waldmeister zu verdanken ist, der hier ungewohnt großflächig den Waldboden bedeckt und gerade in Blüte steht. Griffig widerlegt er die Legende, dass Waldmeister erst nach dem Trocken zu duften beginnt. Ob nun die Blüte oder das Laub duftet, hat sich bislang trotz zahlreichen Niederkniens nicht klären lassen, doch ist es eigentlich auch egal. Es duftet köstlich.

Dass Waldmeister, im Kindermund ein optionaler Begriff für den Förster, laut einer anderen Legende auch leicht berauschend wirken kann, legen uns winzige Fröschlein nahe, die zwischen den Pflanzen eine eigenartige Art von Hochsprung vollführen, die einem das Wort Absinth in die Gedanken ruft. Er wirkt zweckfrei und umgehbar, irgendwie gedopt und nicht ganz bei sich. Viele sind es, und doch wird nicht klar, ob es sich um dieselbe Party handelt. Vielleicht sind auch die Pilze im Spiel, die ein paar Meter weiter ganz unmaihaft am Wege standen. Unwissend und unabhängig davon fahren zwei Radfahrer vorbei, die ihrem Gepäck nach in Brodowin ein Urlauberquartier bewohnen.

 

Waldmeister auf Augenhöhe

Durchaus willkommen nach so viel Entrücktheit ist nun der Landschaftswechsel auf Höhe des Kleinen Plagesees, der schon zu den sieben Seen zählt, die Brodowin umgeben. Hinter dem Wald beginnen große Landschaftswellen voller Kornfelder, denen der Wind liebevoll durch die Grannen fährt, darüber treibt derselbe Wind herrlich nordische Wolkenbilder über den Himmel und trägt dort auch zwei Dutzend Kraniche, ganz weit oben. Der blumig-fruchtige Duft des Waldmeisters wird fast nahtlos abgelöst von dem der Robinien, die hier die aufsteigende Straße begleiten.

 

Feldweg bei Brodowin

Brodowin

Thematisch nahe übernimmt am Dorfeingang der letzte Flieder, wenn auch aromatisch kräftiger in seinem Vergehen. In die Wendeschleife wurde liebevoll eine Rastbank platziert, umgeben von Findlingen, auf denen kreisrunde Platten installiert wurden. Auf diesen findet sich Lesenswertes in angenehmer Kürze, neben Praktischem auch Schönes, darunter Zeilen von Eva Strittmatter oder Christian Morgenstern, der eine hier, die andere dort.

 

Schamhaftes Mohnblümchen

Der Gang durch das langgestreckte Dorf dürfte für Maler oder Fotografen eine zähe Angelegenheit sein, denn überall locken motivträchtige Bilder und Arrangements, liebevoll geschaffene Gärten und schöne Häuser, ab und an zeigt sich auch der Brodowiner See, der innerorts eher wenig Aufhebens von sich macht. Dazu kommt das stille Geplauder der Schwalben, hier und da blökt auch wer von weiter hinten.

Mehr Menschen sind jetzt zu sehen. Bewohner, die von der Arbeit kommen und nach der langen Woche keinen Blick übrig haben für Wochenend-Großstädter, die beseelte Blicke versenden. Filz– und jutebedeckte Gruppen von Seminar-Teilnehmern, die kontrovers und zusammenfassend plaudern oder gerade vor den Toren der Siedlung unterwegs waren, um sich zu spüren, vielleicht auch waldzubaden. Vor allem aber glückliche Familien und erweiterte Verwandtschaftsverbünde, die scheinbar einem gemeinsamen Ziel entgegenstreben. Das Gruppentempo bestimmen der gebeugte Opa am Gehstock und der ähnlich schnelle jüngste Nachwuchs, der kurz zuvor den Sprung von der Krabbelgruppe zur Brabbelgruppe und zum aufrechten Gang geschafft hat und schon mehrere Schritte im Stück gehen kann. Die Cousins im reiferen Teenageralter passen sich in Gang und Lautierung an, von Angesicht zu Angesicht, und schöne Szenen der Heiterkeit entspringen daraus.

 

Runde Tafeln in Brodowin

Der Dorfanger bietet die Gediegenheit und den Schatten eines gepflegten Stadtparks, die umliegenden Häuser und ein niedlicher Trecker runden das Bild ab. Schöne Bänke locken, eine davon geht rund um einen Stamm, der sie demnächst sprengen dürfte. Vorn das Gasthaus lädt ein zu regionalem Spargel und verpacktem Eis, und gegenüber hört man die Zicken auf der Weide, die hier in Brodowin immer besonders friedlich wirken. Das Dorf hat eine gute und aufrechte Idee umgesetzt und sich selbst als Ökodorf erfunden, kurz nach der Wende. Da waren Bioläden eher noch ein Klischee, etwas für Kenner und Idealisten und weit entfernt von großer Wirtschafts-Maschinerie. Der Zustand des Dorfes, der umgebenden Landschaft und nicht zuletzt die Wasserqualität der Seen zeugen von der Kraft der guten Idee, die bis heute im allerbesten Sinne gepflegt wird und besteht.

 

Dorfanger in Brodowin

Von der Kirche aus bieten sich allerlei reizvolle Rundtouren an, so dass ein mehrtägiger Urlaub im Dorf keineswegs abwegig ist. Wir gehen am Zickenstall vorbei und folgen dem gemütlichen Feldweg aus dem Dorf, vorbei an einer gewaltigen Kopfweide und begleitet vom flächigen Zirpen der Grillen. Zwischen den Seen quetscht sich der Weg hindurch und quert dabei ein Stückchen feuchten Wald, im Rückblick ist noch lange die Kirchturmspitze zu sehen. Der Wesensee entzieht sich weitgehend dem Blick, damit auch der jenseits gelegene Kleine Rummelsberg mit seinem Nachbarhügel. Umso mehr setzt sich der Brodowinsee nun in Szene, mit seinem Schilfgürtel und den Waldeshöhen gegenüber, den Landschaftswellen rundherum und manchem toten Baum, der jetzt verschiedensten Tieren ein Zuhause bietet. In einem unbelegten Astloch zieht sich ein kamerascheuer Maikäfer im mattgoldenen Mantel zurück, mit leichtem Vorwurf im schleppenden Gang. Seine letzten Tage sind wohl angebrochen, hier sein Platz dafür gefunden.

 

Am Brodowinsee

An der Kreuzung beim letzten Stein mit runder Texttafel beginnt ein einladender Plattenweg, der am rechten Rand von kleinen Rapsbuketts begleitet wird. Links stehen Büsche wie Weißdorn und wilde Rose, zumeist in Blüte. Zwischen Passanten werden geräuschlos einvernehmliche Blicke ausgetauscht, da offensichtlich derselben Freude gefrönt wird. Durch die Kornhalme leuchtet hier und da in unfassbarem Blau eine Kornblume hindurch, und vorhin schon gab es die ersten zarten Mohnblumen, die ihre knittrigen Laken etwas verschämt im Unterholz entfalteten.

 

Uferbank am Rosinsee

In einer klammen Wegkurve mit Wäldchen zweigt links ein halbwilder Weg in die Wiesen ab, der die schilfige Bucht nördlich des Rosinsees streift. Von vorn kommen zwei Herren mit akademischer Anmutung durch die struppigen Halme gestakst, eher auf Erkenntnisgewinn als auf Wanderlust, die uns gestochen artikuliert und wie genötigt den Gruß entgegenmurmeln, dabei etwas staubig gucken. Wenig später lagern steinpilzbraune Weinbergschnecken sowie ein blasser Pilz an der Spur des winzigen Pfades, die den beiden Herren betreffend Temperament in nichts nachstehen. Von hier lässt sich schon die große Wasserfläche des Sees erahnen, der nach dem Eintritt in den alten Wald groß und glatt vor uns liegt, sogar mit einem hölzernen Schaufenster. Links steigt der Hang steil an, und wäre der Mai nicht wie dieser Mai, wären wir spätestens an der dritten Badestelle schwach geworden.

 

Bruchwald am Rosinsee

Auch am anderen Ufer steht der Wald auf steilem Hang. Am Ende des Sees setzt sich das Wasser in einem breiten Bruchstreifen fort, der besonders dicht und verwunschen ist. Selbst erfahrene Enten beim Versteckspiel dürften hier auf Herausforderungen stoßen. Links des Weges beginnt ein längeres Stück mit alten Lebensbäumen – oder doch eher Sumpfzypressen, wenn man die feuchte Nachbarschaft bedenkt.

Wieder quert eine alte Pflasterstraße, lässt den Bruchwald hinter sich und steigt ein wenig an. Auf Höhe des Krugsees biegt ein Weg ab und folgt im Bogen einem Wiesengrund, der uns ein zweites Mal die Erdgasleitung queren lässt. Ein Maikäfer liegt mitten auf dem Weg, ist auf dem Rücken gelandet und kommt nicht wieder auf seine sechs Beine. Selbst mit Hilfe dauert es fast eine Minute, bis wir ihn wieder halbwegs standsicher in der Wiesennarbe platziert haben. Doch auch er wirkt kraftlos, am Ende des Monats Mai, und sucht vielleicht nur seinen Platz für den finalen Rückzug. Nicht oft sieht man solche Käfer, und jedesmal ist es erstaunlich, wie groß sie sind, wie viel größer als die Kollegen vom Juni.

 

Hohlweg am Rand von Liepe

Am ersten Haus seit langem lockt nach links ein Wegweiser zum Krugsee. Wir bleiben auf dem Weg, überqueren ein winziges Rinnsal und nehmen eine Nasvoll von den frisch erblühten wilden Rosen am Wegesrand. Am Rand von Liepe empfängt ein einladender Rastplatz, doch auch dem widerstehen wir, denn Beine und Arme sind lahm, der Kopf gedankenleer. Am lockenden Hohlweg hingegen, der etwas links auf saftiger Wiese hinabsteigt, siegt die Neugier, zumal er Richtung und Gefälle der Straße folgt. Hoch oben auf der Alm steht viereckig eine Kuh, als wäre sie ein wohlplatziertes Kunstobjekt, das den Betrachter necken soll.

 

Weiter Blick vom Lieper Rang

Am kleinen Dorfplatz öffnet sich nun hinter einer Fachwerkfassade der weite Blick ins Oderbruch und auf die Höhen dahinter, die Mittelgebirgs-Optik bieten und doch nur knapp die 100-Meter-Marke knacken. Entlang eines langen Mauerbogens nehmen wir noch einen letzten Umweg, während im Hintergrund eine Frau ihren Struppi ruft, mehrfach und zunehmend moduliert. Doch der hat wohl woanders Besseres zu tun. Links auf der Mauer hebt dazu eine Katze ihre Stirn, während der Storch von vorhin zum Abend von den Wiesen kommt und nach kurzem Stehen verdient in seinem Nest versinkt.









 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Gesundbrunnen bzw. Hauptbahnhof mit Regionalexpress nach Eberswalde, dann weiter mit dem Bus (ca. 1,5-2 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn und Eberswalde, optional über B 158 und Werneuchen/Tiefensee (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 19 Kilometer (Abkürzungen bzw. Teilung gut möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Berliner Wanderschuh (Wanderblog)

Informationen zu Liepe

Eindrücke vom Plagefenn

Internetpräsenz vom Ökodorf Brodowin

Maikäfer

Einkehr: Zum schwarzen Adler, Brodowin (gemütlich, gute Küche)
Landhof Liepe, Liepe (gehobene Preisklasse)

Kleingemüse, Bescheid und die Freude an Däumchen

Laut verschiedenen Altergruppen spielt Facebook noch immer eine gewisse Rolle.

Unter diesem Kanal finden sich daher seit Anfang des Monats neben wissenswerten Kleinigkeiten oder Auslösern für ein kurzes Lächeln Benachrichtigungen über neue Wegesammler- oder Ticker-Beiträge oder auch Aktuelles zum großen Thema Brandenburg.

Eine passende Ergänzung zum eher statischen und rein informativen Ticker – Reinschauen ausdrücklich erwünscht!

Wegesammler auf Facebook

Marxdorf: Tempelritter, verschwundene Kastanien und die Allee im Walde

In diesem Jahr hatte bereits der März sämtliches Pulver verschossen, welches der April sorgfältig angesammelt und bereitgelegt hatte, um wochenlang alle Lebewesen gehörig durch die verwinkelten Gassen der Wetterphänomene zu scheuchen. Wie er da rangekommen war, weiß keiner. Aller Launischkeit im Vorhinein beraubt, schaltete der April daher auf bockig, wilderte wie schon letztes Jahr übermütig im Werkzeugkasten des Sommers und legte eine gnadenlose Serie heißer Tage hin, an denen die Sonne mit voller Glut vom blauen Himmel bretterte, quasi von Null auf Hundert.

Komturei Lietzen hinter der Mauer

Auf den Bürgersteigen wurde umgehend bauch- und schulterfrei geboten und am Eis geleckt, während alle Cabrios auf den Straßen ihr Dach wegsteckten und jeder Lenker darin forsche Blicke warf. Auch andere Schönwetterautos und geliebte Oldtimer wurden ausgemottet, sodann versonnen und in altersgerechtem Fahrtempo über die Landstraßen bewegt. Waren nun all die Sonnenanbeter entzückt von diesem frühen Geschenk, bimmelten bei vielen schon wieder die Alarmglocken angesichts ausschließlich gelbfarbiger Wettervorschauleisten. Schnell folgten die ersten Waldbrände, und für alle amtlichen und ehrenamtlichen Feuerwehrleute im Lande brach eine unruhige Zeit an.

Fast vier Wochen lang gab es so gut wie keine Wolken und manches zu suchende Osterei schmolz dahin, bis in den letzten Apriltagen endlich der erste wirkliche Regen fiel und bei den tüchtigen Feuerwehren etwas Entspannung und eine Atempause einkehrte – innerhalb von zwölf Stunden sank die Waldbrandgefahr von der höchsten auf die niedrigste Stufe, von fünf auf eins. Auch die Natur schien darauf nur gewartet zu haben, denn in diesen zwölf Nachtstunden explodierte es an Halmen und Zweigen, vervielfachten Baumkronen und Wiesenflächen ihr sichtbares Volumen. Die Vögel tönten laut und zuversichtlich, die Mischung aller Frühlingdüfte geriet sagenhaft und verführte zu tiefem Einatmen. Es war eine wahre Befreiung für alles, was neben Licht auch Wasser braucht. Dass in der folgenden Woche dann gleich wieder die Handschuhe herauszuholen waren, ist eine andere Geschichte, vielleicht ja noch die späte Rache des Aprils. Der Tanz in den Mai jedenfalls war nicht schulterfrei.

Kastanienallee im Walde

Um nun diese lang erwartete Mischung aus nassem Waldboden, frischen Blüten und saftigem Grün beim Ausflug gründlich auszukosten, sollte verschiedenartiger Wald und allerhand von diesen schönen buschigen Wegen dabeisein, die oft von Dorf zu Dorf führen und unattraktiv für Fahrzeuge sind. Dazu vielleicht noch ein paar Seen, welche die Kühle des Morgens gespeichert halten. Zwischen Müncheberg und Seelow ist von all dem einiges zu finden, und aus einer alten Tour wurde durch bloßes Umkehren fast schon eine neue, die hier und da sogar noch überraschen kann.

Kirchweiher in Marxdorf

Marxdorf

Marxdorf ist ein gemütliches Dorf, das auf hübsche Weise abseits liegt – viele Wege führen dort hin, doch bis auf die Hauptzufahrt verleiten sie alle zur Langsamkeit und zum Genuss, egal ob nun im Latsch, im Sattel oder hinterm Lenkrad. Der Anger, nicht klar zu erkennen und variantenreich maskiert, verfügt über zwei Teiche. Am kleineren steht in attraktiver Nachbarschaft die Kirche, während der größere eher entspannten Freizeitstunden dient. Im Norden gibt es ein kleines Parkdreieck mit Denkmal, in der Mitte einige ergiebige Äcker und hier und da verschiedene Weiden für Fell- und Federvieh. Am großen Teich liegt über einer Wiese voller Schlüsselblumen der hübsche Spielplatz, und überall im Dorf trifft man statt Zäunen auf stattliche Feldsteinmauern als Grundstücksbegrenzung.

Am kleineren Kirchweiher, der unterhalb der Mauer des Kirchhofes liegt, hat sich eine Gänsefamilie eingerichtet, die mit lautem Geschnatter auf ihre Fünflinge hinweist und zugleich im Unterton einen ausreichenden Abstand nahelegt. Das gilt selbst für die entfernte Verwandtschaft eines Entenpärchens, das extra vom anderen Teich angereist ist, um seine Aufwartung zu machen.

Gänsefamilie auf dem Kirchweiher

Der hiesige Gasthof der mittleren Preisklasse wurde einst von einem bärtigen Herren geführt, dessen zelebriertes Erkennungszeichen neben frischen Fischen in der Pfanne ein lustig aufgesetzter lustiger Hut war. Markanter noch für den Durchreisenden war der herrliche Bullerjahn-Ofen im Schankraum, speziell natürlich an kalten Tagen. Mittlerweile sind neue Betreiber am Werk, und in greifbarer Zukunft soll hier der Erlebnis-Gasthof Loosgut öffnen, der dann neben Fisch auch Rindfleisch von der Weide nebenan auf die Karte bringt. Nicht minder markant für so ein leicht abgelegenes Dorf und fast ein bisschen kurios war die Likörfabrik, die sich jedoch mittlerweile nach Neustrelitz verlagert hat – das Marxdorf in Namen hat sie mitgenommen, was für ein gewisses Renommee der süßen Spezialitäten spricht.

Doch die Wahrnehmungsorgane und auch der Bewegungsapparat drängen jetzt zum Dorfende, wo einige bekannte Elemente freudig erwartet werden. Neben einem zutiefst beruhigenden Weg in Richtung Wald und dem weiten Blick übers saftige Grün zählen dazu einige alte Kopfweiden, die mehrfach auseinandergebrochen und doch noch zusammenhängend sind. Der jahrzehntealte Kompost der eigenen Krone sorgt im Innern des Stammes für einen weichen Mutterboden, auf dem allerhand wächst und gedeiht. Eine Kleinfamilie hätte dort ausreichend Platz für ein bedrängtes, doch einzigartiges Picknick.

Schlüsselblumenwiesenhang unterm Spielplatz

Am ersten Ausläufer des Waldes steht die erste Nachtigall des Tages in Sangespose, die schon ungeduldig darauf gewartet hat, dass endlich irgendwelche Zuhörer vorbeikommen und beeindruckt sind von ihrer Virtuosität. Von hier fällt der Weg als grüne Hohlgasse ab zum Wald, so eingesenkt, dass man fast den Krummen See übersieht, den ersten der sechs Seen am Weg. Ein Abstecher zum Marxdorfer Moor lohnt sich, verlangt jedoch eine gute Orientierung oder Satellitenunterstützung, denn von einstigen Wegen ist kaum mehr etwas zu sehen. Das Moor liegt noch trocken vom letzten Sommer und keine Froschkehle ertönt, doch in nässeren Zeiten lassen sich hier ganze Teppiche von Wollgras bestaunen. Der Abstecher lohnt auch wegen des besonderen Lichtes im fast reinen Buchenwald, dessen grüner Dom sich hoch über dem laubbraunen Waldboden wölbt.

Trockenes Marxdorfer Moor

Wer das Moor auslässt und sich lieber an vorhandene Wege hält, darf am Waldrand entlang einer stattlichen Reihe alter Eichen spazieren, mit den gewellten Feldern im Blick. Die buckligen Wurzelausläufer an ihren Füßen sind von Moos bedeckt und erinnern an mit Herzblut gebastelte Modelle von Mittelgebirgen. Ein besonderer Weg, der etwas Archaisches hat und auch ein paar Blicke in den Buchenwald spendiert. Am Waldeck biegt, alternativ zur geradeaus führenden Forststraße, ein leicht verwachsener Weg ab, der etwas Staksen und Beineheben verlangt, doch das lohnt sich. Jede Landschaftswelle nimmt er mit und sammelt damit einige Höhenmeter, führt zudem vorbei an Fichten- und Robinienwald, jeweils mit dem besonderen Licht. Begleitet wird der Waldrand auch hier von alten Bäumen mit gewaltigem Umfang. Auffallend sind zudem die Lesesteinhaufen, teils fast schon im Ausmaß vorgeschichtlicher Grabhügel. Direkt am Waldrand stehen sogar kleinere Hinkelsteine benachbart zu kürbisgroßen Brocken. Über wieviele Jahrzehnte wohl so ein Haufen gewachsen ist, wieviele Generationen von Ackerbauern ihn immer wieder nährten?

Buchenwaldhalle beim Marxdorfer Moor

Nach dem Abdrehen in den Wald zeigt sich dieser erneut besonders, denn der Weg führt vorbei an Douglasienbeständen. Wer gern eine besondere und natürliche Erfrischung hätte, zerreibt ein paar Nadeln zwischen seinen Fingern und wird die nächsten Minuten nicht damit aufhören können, immer wieder die Hand an die Nase zu führen und den anregenden Duft einzuatmen, bevor er irgendwann verfliegt.

Im Wald liegt noch einiges quer von vergangenen Stürmen, sodass das Verlassen der großen Wege etwas Kletterei erfordern kann. So krauchen wir über und unter umgelegten Stämmen und Kronen hindurch, bücken, strecken und verbiegen uns. Das Ziel ist ein Hügel mit Robinienwald, der auf einem steilen Weg verlassen wird. Überall lagern meisterlich angelegte Stapel riesiger Holzscheite im Wald, die zeigen, wieviel schon aufgeräumt wurde. Auch die Spuren grobstolliger Reifen zeugen davon. Umso erstaunlicher ist es, was alles noch zu tun bleibt.

Eichenreihe am Waldrand

Nach einem kleinen Gespensterwald voll knolliger Robinienstämme, den man besser nicht zur Dämmerung durchquert, übernehmen wieder breite, freie Wege. Hinter einer Waldstraße steht ein kleiner Lebensbaumwald, und wenig später beginnt eine wahre Rarität: mitten im Wald zieht sich eine betagte Kastanienallee entlang des Weges, deren hochgewachsene Bäume schon vollständig belaubt sind. An einem Querausläufer der Allee ruht eine urige und vielfältig bewachsene Riesenwurzel, groß und schnittig wie ein Delphin, die voll unerzählter Geschichten steckt. Oben in den grünen Wipfeln mit den weißen Kerzen jagen Finken und andere schnelle Vögel hin und her, dem Anschein nach eher verspielt als funktional. Genau hier fällt der erste Sonnenstrahl des Tages in den Wald und veredelt die besondere Szenerie.

Lesesteinhaufen mittlerer Größe, Draufsicht

Vorn auf der Schotterstraße zwischen Marxdorf und Lietzen Nord fetzt ein Transporter vorbei, den wohlverdienten Feierabend im Blick. Dass selbst jetzt kein Staub aufgewirbelt wird, ist wohl der nachdrücklichste Beweis für das Ausmaß des nächtlichen Regens. Die Straße verläuft durch einen grünen Tunnel, dessen Dach zu großen Teilen von Ahornblättern gebildet wird. Rechts im Hintergrund wachsen blutjunge Buchen heran, dicht an dicht mit ihren glatten Stämmen und in Wurfweite zu einigen versteckten Waldweihern.

Blick durch die Buchenstämme nach Marxdorf

Bald darauf verlässt der Weg den Wald und bringt nun großflächig eine neue Farbe ins Spiel. Der grüne Tunnel setzt sich fort, doch er zieht sich durch ein Meer von Gelb, das bis zum Horizont reicht und scheinbar auch die nächsten Waldstücke umspült. Das kaum farbecht zu fotografierende Gelb des Rapses treibt seinen Jux mit dem Kamerasensor, wenn es sich mit jedem Wolkenzug in neue Nuancen wandelt, mit jedem Wogen leicht changiert in seiner Antwort auf das Licht der Sonne. Noch stehen keine mohnroten oder kornblumenblauen Gegenpole am Wegesrand, die den Raps hervorragend ergänzen und ihm zugleich die Schau stehlen, zumindest punktuell und für das Tempo des Fußgängers. Das wird eine Woche später schon anders aussehen.

Gutwillige Robiniengeister

Lietzen Nord/Komturei Lietzen

Für den Windschutz von Feld zu Feld sorgen auch hier altgewachsene Bergahorne, die schnurgerade auf einen besonderen Ort zu führen. Am Ortsrand von Lietzen Nord möchte ein einladender Radweg-Einschlupf zum Überspringen des Dorfes verführen, doch dem sollte man auf keinen Fall nachgeben. Das Dorf Lietzen Nord besteht zur Hälfte aus der Komturei Lietzen, einem aus heutiger Sicht pittoresken Gebäude-Ensemble, wie es in Brandenburg kein zweites Mal zu finden ist. Komtureien sind Niederlassungen des Ordnens der Tempelritter, auf deren Spuren man hier im Umkreis in vielen Dörfern trifft. Die Templer gab es etwa zwei Jahrhunderte lang. Während der Kreuzzüge bildeten sie eine Art Elite-Einheit, die direkt dem Papst unterstand. Zahlreiche Filme bedienen sich bei ihrer Geschichte, Nachfolgeorganisationen sind bis heute aktiv. Das benachbarte Dorf Neuentempel trägt die Templer schon im Namen, und auch Marxdorf beruht auf dem Orden, der dort auch die Kirche baute.

Alte Kastanienreihe im Wald bei Lietzen Nord

Durch die zahlreichen Film-Adaptionen wurde die spannende und kontroverse Historie eher zur blumig-abenteuerlichen Fantasy-Mär abgeschliffen, und so passt es durchaus in den Blickwinkel, wenn man das zauberhafte Gelände der Komturei durch das große Portal betritt und an Drehorte und Kulissen der jüngsten Märchenverfilmungen denken muss. Insbesondere, wenn die Wiesen bunt und die Obstbäume voller Blüten oder Laub sind, ist es wirklich ein märchenhafter Ort, dessen Gelände zum größten Teil betreten werden darf – wo nicht, weisen Schilder freundlich darauf hin. Ein paar Blicke wert ist zuvor die Außenseite der Umgrenzungsmauer, deren pragmatisches Flickwerk von verschiedensten Epochen erzählt. Ihre Krone ist nachgerade exotisch bewachsen, im gekonnten Stil eines Steingartens.

Allee in den Raps um Lietzen Nord

Am ältesten sind wohl die Kirche und das benachbarte Herrenhaus, die zu Lebzeiten Walthers von der Vogelweide errichtet wurden, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. In der einige Jahrzehnte zuvor gegründeten Mark Brandenburg war da gerade die Zeit der Askanier angelaufen. Der noch älter erscheinende Speicher hingegen kam erst etwas später dazu. Die Kirche ist meist geöffnet, die Tür einladend angelehnt, und diese Einladung anzunehmen lohnt sich. Neben der Stille und dem herrlichen blauweißen Himmelsgewölbe strahlt das kleine Schiff eine tiefe Ruhe aus, wozu auch die grobe Pflasterungen mit großen Ziegelsteinen beiträgt – im Altarraum übrigens in Bienenwabenform, die man auch im benachbarten Diedersdorf wiederfindet.

Komturei Lietzen mit Speicher, Kirche und Obstwiese

Zu all der Schönheit kommt noch die Lage über den Uferwiesen des Küchensees hinzu. Nördlich des neu gebauten Saal-Gebäudes gab es noch vor einigen Jahren eine sagenhafte Reihe freistehender alter Kastanien, die entlang eines grobknüppligen Geländers am Hang standen und dem Spaziergänger ihre waagerechten Äste fast ins Gesicht hielten. Dieses urige Bild im Kopf war fast so etwas wie das Tagesziel heute, und es ist wirklich schade, dass es diesen einzigartigen Ort nicht mehr gibt. Vermutlich wurde auch er ein Opfer der Wetterkapriolen. Zu hoffen bleibt der naheliegende Gedanke, dass nach Fertigstellung des neuen Gebäudes kleine Kastanienbäume nachgepflanzt werden. Das wäre wirklich schön.

In der Kirche, Komturei Lietzen

Vom Rand des Anwesens öffnet sich der Blick über eine idyllische Landschaft in grün, gelb und Himmelsschattierungen von grau bis blau, durch die sich unegal ein Wasserlauf zieht. Büsche und Bäume stehen vereinzelt darin, hinten verdichtet sich der Wald. Nachdem der Weg im Wald verschwunden ist, schwingt er sich in Kurven über eine kleine Anhöhe. Auch hier fallen wieder die vielen alten Bäume auf. Mehrere souverän-freundliche Spaziergänger begegnen uns. Sie wirken, als wenn sie den Jaguar im Zündschlüssel und den Weimaraner an der Leine hätten, darüber hinaus viele gute Ideen im Kopf und ansonsten gern ihre Ruhe beim Umsetzen dieser Ideen.

Steg zwischen den Seen, Lietzen Nord

Ein kleiner Fußgängersteg führt über den Durchlass zwischen Küchensee und Großem See, dahinter folgt ein üppiges Stück dichter Botanik – unten auf dem Weg die gelb leuchtenden Butterblumen, links und rechts die weiß blühenden Büsche und efeuberankten Baumstämme und darüber die frisch gedeckten Dächer der Baumwipfel. Sehr alte Buchen begleiten auch den Uferweg am Großen See, der manches Mal zu einer Rast am Wasser einlädt.

Rechts des Weges erhebt sich wie ein kleines Massiv ein fester, von Bäumen bestandener Sandhügel, der über steile Wände und Höhlen verfügt und rege von Schwalben und unterschiedlichsten Insekten als Unterkunft genutzt wird – demnach in halbwegs friedlicher Koexistenz. Es herrscht ein lebhaftes Kommen und Gehen, Flattern und Schwätzeln, begleitet von Gesumm. Bald öffnet sich der Wald und präsentiert ein Haus, das so wohlgefällig in blühende Fliederbüsche eingebettet liegt, dass es selbst kaum zu sehen ist. Rundherum gewinnt das Korn an Höhe und bildet schon winzige Ähren aus.

Großer See

Neuentempel

Auf den Wiesen zwischen Großem See und Halbesee rastet eine größere Schar Gänse, keineswegs lautlos, dazwischen mischt sich von weiter hinten das norddeutsch langgezogene Quaken der allerersten Frösche, und noch weiter hinten liegt eines der schönsten Dorfbilder Brandenburgs, das vom erwähnten Neuentempel mit seiner wuchtigen Kirche. War der Kirchturm vor ein paar Jahren fast noch vollständig zu sehen, sind die Bäume auf halbem Blick mittlerweile so hoch, dass nur noch die kantige Haube herausragt.

Kurz vor Neuentempel

Der geschwungene Verlauf des Weges zieht etwas höher die Uferlinie des Halbesees nach, auf dem zum ersten Mal in diesem Jahr das humorvolle und mitteilsame Geschnarre des Drosselrohrsängers zu hören ist, der im noch bleichen Uferschilf den Monat Mai bestätigt. Vom Ende des Sees brückt sich ein Weg durchs nasse Land, begleitet vom Verbindungsgraben zwischen Halbe- und Weinbergssee. Die Badestelle am Rand von Diedersdorf wurde in den letzten Jahren von Grund auf neu gestaltet, draußen auf dem See treibt sogar eine verankerte Badeinsel.

Dammweg zum Weinbergssee, Diedersdorf

Diedersdorf

In Diedersdorf, das wie das bekanntere Dorf gleichen Namens bei Großbeeren ebenfalls über ein Schloss verfügt, queren wir den kleinen Kirchhof und treffen vor der Kirchtür erneut auf die sechseckigen Pflastersteine. Schräg gegenüber bietet sich im Gasthaus nun unbedingt eine ausgedehnte Pause an. Erstmals in diesem Jahr können wir dabei im Freien sitzen, direkt neben der außerordentlichen Ulme, in der die Vögel aus den Furchen der Rinde kleinste Insekten ernten, teils kopfüber hängend. Als Hintergrundmusik zum Essen spielt im Gebüsch am Zaun eine trainierte Nachtigall ihr Repertoire für die anstehende Saison durch.

Alte Sensenschmiede am Rand von Neuentempel

Bald hinter dem Schloss biegt die stille Straße nach Neuentempel ab, die einem saftig grünen Talgrund folgt. Fast keine Autos fahren hier, und auf halber Strecke zwischen den Dörfern macht eine leicht erhöhte Rastbank ein faires Angebot. Als erstes Haus von Neuentempel empfängt die Alte Sensenschmiede, die noch immer komplett ausgestattet ist und deren Mauerwerk ähnlich pragmatisch gepatchworkt wurde wie die Lietzener Außenmauer von vorhin. Komplett wird das hübsche Bild durch ein schönes schmiedeeisernes Zunftzeichen, das somit doppelt passend ist.

Neuentempel

Im Dorf kommt von vorn der Oderbruchbahn-Radweg daher, der vorhin am Rand von Lietzen verführen wollte und einmal komplett durch Neuentempel fährt. Noch vorher zweigt nach rechts das Sträßchen Richtung Hedwigshof ab, dessen Asphaltband bald zwei wasserdurchlässigen Fahrspuren weicht. Vorher gilt es noch den lockenden Wegen hinab zum Großen Raaksee und dem Abzweig nach Hedwigshof zu widerstehen, beide durchaus schöne Optionen, den verbleibenden Weg noch etwas auszudehnen.

Wogende Rapsfelder bei Hedwigshof

Tief in den blühenden Rapsfeldern, welche die sanften Wellen der Landschaft abbilden, bereiten sich einige Bienenvölker auf ein gutes Stück Arbeit vor, und dann und wann rauscht ein Auto vorbei, meist mit Kennzeichen von ganz woanders. Die dichte Allee strebt direkt auf den Wald zu, der als schmaler Streifen die Felder vom zweiten Marxdorfer Haus trennt.

Wenn es am Vormittag schon ruhig war im Dorfe, so ist es jetzt noch ruhiger. Selbst die frischen Gänslein scheinen schon ins Nest gebracht zu sein, der Kirchenteich ruht spiegelglatt, frei von Lament. Gleichermaßen zurückhaltend und vordergründig liegt in der Luft das Sausen der eleganten Schwalben. Ihre Spiele verweisen auf eine Zeit, die bald schon kommen wird.














Anfahrt ÖPNV (von Berlin): wochentags über Seelow (1,25-1,75 Std.), am Wochenende ungünstiger

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße B 1 (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: knapp 19 Kilometer (vielfältige Abkürzungen gut möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Informationen zu Marxdorf (Amt Seelow)

Informationen zu Lietzen (Amt Seelow)

Seite der Komturei Lietzen

Einkehr: Ulmenhof, Diedersdorf

Gerswalde: Entfesselte Mäher, zerfallene Mauern und der weiße Duft von Brandenburg


Den halben März lang hat der April vor der Pforte mit den Hufen gescharrt, Richtung Klinke ausgeschlagen und Einlass begehrt, krakeelend und beharrlich. Nicht ohne Erfolg, denn immer wieder gab es Tage, die so launisch und galoppierend wechselhaft waren, als wären sie direkt beim April in die Lehre gegangen. Viele von ihnen brachten gleichmäßigem Regen mit, was gut ist für den gebeutelten Wasserhaushalt, und die Temperaturen reichten in ein paar Nächten sogar noch aus für Nachtfröste. Bei all dem Grau und Nass und Kühl also gute Voraussetzungen, um sich allmählich auf die Euphorie und den Farbenrausch des Frühlings zu freuen, mit jeder Woche etwas mehr, bis hin zum Herbeisehnen.

Wasserburg Gerswalde

Während sich Augen und Ohren schon seit Anfang Februar mit allerlei kleinen Blütenköpfen, zarten Trieben und einer gleichmäßig zunehmenden Vielfalt des Wipfel-Gepiepes auf das Frühjahr einstellen konnten, wurde die Nase erst seit dem Datum bedient, das den Meteorologen als Frühlingsanfang gilt. Jetzt ist also alles beisammen, und jetzt soll er bitte auch kommen, der Lenz. Und bleiben.

Blick vom Aussichtsturm über den Oberuckersee nach Warnitz

Es gibt einen schneeweiß blühenden Busch mit einem dichten Werk aus kleinen Blüten, dessen Duft ein Inbegriff des Frühlings im Land Brandenburg ist. Er steht fast überall in den märkischen Landschaften, ist einer der ersten mit voller Blütenkrone und daher schon weithin zu sehen. Bei Frühlingsungeduld kann es helfen, diesen visuellen Reiz in einer üppigen Dosis zu verabreichen. Begünstigend dafür ist eine offene Landschaft mit weitem Blickhorizont. Ganz flach zum Beispiel und ungemein kontrastierend im Oderbruch mit seinen schokoladenschwarzen Ackerschollen, oder in grenzenlosen Hügelländern, wie sie am gekonntesten die Uckermark anbietet.

Rückblick zur Kaakstedter Kirche

Gerswalde

Zwischen Templin, Angermünde und Prenzlau gibt es kaum größere Ortschaften. Ein Ort, der jedoch mehr nach Stadt als nach Dorf aussieht, ist Gerswalde, das einmal an einer Handelsstraße lag. Dass der Ort eine gewisse Bedeutung hatte, lässt sich noch an einigen Gebäuden ablesen, die aus jetzigem Blickwinkel eine Nummer zu groß wirken für Gerswalde. Und auch heute gibt es hier noch vieles, was in anderen Dörfern die Ausnahme sein dürfte und den städtischen Eindruck stärkt. Darunter eine Reihe von Ärzten und auch eine Apotheke, ferner eine Grundschule und einen Kindergarten sowie auch eine Sparkasse und eine Tourist-Information mit Bibliothek.

Schloss Gerswalde mit Burgmauern

Unbedingt zu erwähnen ist auch der Landmarkt, der hier so manchen Weg erspart und gerade auch betagteren Menschen das Leben erheblich erleichtern dürfte. Insgesamt also ein sympathisches Bild von einem Ort, der sich nicht unterkriegen lässt von all der Landflucht und zudem Durchreisende und Besucher auf vielfache Weise willkommen heißt. Entsprechend altersgemischt ist auch das Bild der Leute, die auf der Straße zu sehen sind.

Tourist-Information Gerswalde und Kirchturm

Neben dieser Grundausstattung gibt es noch die mittelalterliche Ruine einer Wasserburg in bestem Zustand, die umgeben ist von einem verspielten und hügeligen Gelände voll schöner Plätze und ein jüngeres arnim’sches Schloss zum Nachbarn hat. Dieses wird von einem Jugendheim genutzt, bietet aber auch Zimmer für Urlauber an. Die Kulisse der Burg beherbergt Museen und wird gern auch für Veranstaltungen wie Mittelalterfeste und Konzerte aller Art genutzt – sicherlich eine bleibende Erinnerung. Unterhalb der Burgmauern liegt ein kleiner Haussee mit Insel, dessen quellenreiches Wiesenumland für einen munter sprudelnden Abfluss sorgt.

Weg nach Norden

Da Gerswalde in das lebhafte Relief der uckermärkischen Landschaft eingebettet liegt, kann man dieses Städtchen in fast alle Richtungen auf reizvollen Wegen verlassen, die meistenteils auch ausgewiesene Wanderwege sind. Wer neben schönen Wegen und freiem Blick gern noch ein konkretes Ziel hätte und begierig ist auf reichlich Auslauf, kann zum Beispiel Fergitz mit seinem Aussichtsturm anpeilen, dessen Blick über den nordisch weiten Oberuckersee reicht.

Apfelallee nach Weiler

Die große Gerswalder Feldsteinkirche steht mitten im Ort auf ihrem eigenen Hügel. Die Wehrkirche musste in der Vergangenheit öfters Unwettern standhalten, wohl auch deswegen ist ihr wuchtiger Turm stilistisch unentschlossen. Die Aussicht von dort oben muss gewaltig sein. Die Wiese rundherum scheint wie geschaffen für schöne Feste, und auch der Marktplatz zu Füßen des Turms wirkt einladend und kompetent. Etwas oberhalb öffnet sich ein kleiner Platz mit langen Bänken, der kurz an Boitzenburg denken lässt, und hier drängt nun eine ganze Schar von Wanderwegen nach Norden, hinaus auf die welligen Wiesenhöhen über dem Ort.

Wiesenweg am Weiher hinter Weiler

Hinterm Friedhof beginnt eins von diesen urgemütlichen Pflastersträßchen, gerade breit genug für zwei Pferdefuhrwerke und begleitet von gestandenen Alleebäumen und allerhand Buschwerk, dass schon bald voll Laub und duftender Blüten sein wird. Im Rückblick ist der Kirchturm bereits fern und nun auf Augenhöhe. Links des Weges erheben sich augenschmeichelnd diese weichen Wiesenhänge, die man hier unbedingt sehen möchte. Eingestreut und wohlgefällig liegen darin Findlinge verschiedenster Korngröße und machen das Bild fast ein bisschen skandinavisch. Nach Osten hingegen stößt der Blick kaum an Grenzen und reicht gefühlt bis hin zum Odertal. In der Tat ist es eher das Tal der Ucker, die sich dort nach ein paar Dutzend Fließkilometern das erste Mal so richtig breit macht. Ein weiterer Kirchturm rückt ins Bild, wird das tagesbegleitend beibehalten und es zuletzt sogar perfektionieren.

Im zauberhaften Bachgrund der Großen Helle

Dicht am Weg, ein paar Steinwürfe entfernt oder ganz weit da hinten auf den Hügeln, überall stehen die weiß blühenden Büsche, die später im Jahr vermutlich Schlehbeeren tragen werden, und sind erkennbar noch auf Kilometer. Über den Äckern schreien die Lerchen ihre aufrechte Freude heraus, ohne jemals Luft holen zu müssen, und im ersten zarten Laubansatz der Bäume jagen verschiedenste Vögel umher, deren Unterhaltung mal ganz schlicht klingt und mal virtuos, in jedem Falle aber freudig. Mindestens einmal in der Viertelstunde eröffnen nahe oder ferne Kraniche ihren urtümlichen Dialog, den Lautstärke-Regler auf Anschlag. Auch ein erster Storch hat ein Dorf weiter schon sein tonnenschweres Nest bezogen, auf der bedenkenlos belastbaren Giebelspitze einer betagten Kirchenmauer.

Aufgestautes Wasser der Großen Helle

Weiler

Während in den weit aufgeplüschten Weidenblüten am Wegesrand ein koordiniertes Gedrängel winziger Wildbienchen herrscht, haben sich weiter unten am kramigen Waldboden zarte Veilchen ans Licht gearbeitet, durch Strupp und altes Laub und losen Kies. Von rechts her müffeln drei Biogaszylinder dazwischen, die erst nach dem Erreichen der windabgewandten Seite wieder Ruhe geben. Ein Sträßchen führt entlang wackerer Apfelbäumchen hinüber zu den Häusern von Weiler, die in ländlicher Stille rund um die Kreuzung mit der Bushaltestelle verteilt liegen. Hier ist die Wahl zu treffen zwischen geradem breitem Schotterweg mit weiter Sicht oder lieblichem Wiesenweg, idyllischem Wald und naturromantischem Bachtal, die jetzt hoffentlich leichter fällt.

Eine ganze Herde Huflattich beim Sonnenanbeten

In der Tat war es eine gute Entscheidung für diesen Tag, was einen guten Monat später, zur Zeit der bunten Kornfeldränder, schon ganz anders aussehen kann. Der herrliche Wiesenweg wird begleitet von wogenden Kornfeldern, auf denen die erste Saat schon zartgrün die Ackerkrume verdeckt. Mitten im grünen Teppich liegt, von blassem Schilf umgeben, ein versenkter Weiher, auf dem Blesshühner zu hören und Schwäne zu sehen sind.

Kurz vor dem Wrietzensee

Unterhalb einer lichten Flanke mit jungem Robinienwald steht ein Hochstand, daran vorbei fällt der Blick auf tiefen Fichtenwald, der ein romantisches kleines Waldtal eröffnet. Von rechts stößt bald ein Rinnsal hinzu, das sich zaghaft vorwärts tastet und dabei das Licht der Sonne flimmern lässt. Das Bachbett liegt voll Altholz verschiedener Kaliber, und am Hang gegenüber stehen blanke Buchenstämme über ihrem Laubteppich. Wenn irgendwo am Weg ein Buschwindröschen stehen sollte, dann wohl hier, und so ist es in der Tat. Zwei der kleinen weißen Blüten haben sich schon durchs dicke Altlaub gedrängelt und wackeln selbstbewusst im Wind, der hier unten noch übrigblieb.

Zwischen Wrietzensee und Geländekante

Vor einer Wegkurve hat sich das Wasser zu einem Weiher aufgestaut, an dessen unterem Ende sich eine ganze Schar von Huflattich-Blüten zusammengefunden hat, die ihrerseits das Sonnenlicht zurückwerfen. Hinter einem Schilffeld öffnet sich der Talgrund zur Spielwiese und endet an einem hölzernen Balken, hinter dem es nun wieder über die Felder geht. Vorbei an schilfigen Senken buckelt der sandige Weg zum Ufer des Wrietzensees. Zwischen Weg und Wasserkante siedeln uralte Kopfweiden mit unglaublichen Umfängen, die zum Teil schon mehrfach auseinanderbrachen und sich immer wieder neu erfunden haben. Nach links steigt eine Talflanke an, wie man sie häufig an der Oder hat, mit Feld, Wiesenmatten und lose verstreuten Waldinseln, dazwischen liegt ab und an ein dicker Brocken aus Skandinavien.

Fergitzer Kirche

Fergitz

Der schnurgerade Weg nach Fergitz behält die Kirche fest im Blick, und auch deren Zaun besteht solchen Brocken. Gerade tollen zwei Kinder mit ihren Rädern durchs Dorf, während hinten im Gut einige Urlauber eintreffen, die beseelt Ihr Ferienhaus mit Seeblick beziehen, mit erfüllten Erwartungen. Nach einem Haken vorbei am Gutsgelände sinkt der Weg hinab zum Ufer des Oberuckersees, noch vorher steht links in der Wiese ein hölzerner Aussichtsturm mit großzügigen Plattformen auf zwei Etagen, sodass auch Höhenängstliche nicht draußen bleiben müssen.

Naturbeobachtungsturm Fergitz über dem Oberuckersee

Auf dem Oberdeck wird ein stattlicher Seeblick geboten. Der tiefblaue See wirkt riesig, der Eindruck wird noch verstärkt durch die Schilfbucht und die Insel auf seiner Mitte, vor allem aber durch die Winzigkeit des weißen Bootes, das mit drei Mann Besatzung auf dem Weg ans andere Ufer ist. Dort liegt das langgestreckte Dorf Warnitz, dessen Namen auch ein Bahnhof und eine Autobahnabfahrt tragen. Vorbei am Turm trödeln zwei Damen in Richtung Badestelle, vermutlich in der Hoffnung, dass der Turm auf dem Rückweg wieder verwaist ist. Ihr Gang wird stetig von entdeckenden Blicken zum Wegesrand unterbrochen, und auch der durch die Luft getragene Grundton ihrer Plauderei zeugt von Freizeit und entspannt herabhängenden Schultern.

Gestalten auf der Wiese

Da eine Bank am Fuß des Turmes fehlt, ziehen wir zurück zur Kirche und verlassen das Dorf Richtung Suckow. Beim Einschwenken zum Wrietzensee kommt nun der Wind erstmals von vorn, und die morgendliche Entscheidung für die wärmere Jacke erweist sich doch noch als die richtige. Im nächsten Waldstück geht der Wind durch die Kiefern und lässt ihre Stämme im Bereich von zwei Oktaven ächzen. Begleitet werden sie sporadisch von einigen Krähen, die ihre Jahreszeit ablaufen sehen und widerstrebend den Singvögeln das Feld räumen.

Der Stierngraben an der ehemaligen Fergitzer Mühle

Nach Süden liegt weit die Landschaft vor uns, durchzogen von einigen Wasserläufen. Über ihren Ufern lagern grasige Kumpane, die im Sonnenschein harmlos und lustig aussehen. Zur Dämmerung hingegen würde man ihnen durchaus etwas Beweglichkeit zutrauen, wenn noch dazu vielleicht die Kiefern quietschen und ein Käuzchen ruft. Für weniger mysthische Gedanken sorgen die allerersten Schlüsselblumen, die sich noch zugeknöpft im Unterholz versteckt haben und erstmal allen Wachstum in die Stengel stecken, um das Licht nicht zu verlieren.

Frisches Quellwasser aus den Talflanken des Stierngrabens

Fergitzer Mühle

Unerwartet erreichen wir einen zauberhaften Ort, vorbereitet nur durch ein zunehmendes Rauschen. Dieses kommt also nicht aus den bewegten Wipfeln, sondern von einem kleinem Bachlauf, der noch vor gut einer Generation eine Mühle antrieb und gerade hier ein paar Höhenzentimeter verliert. An der Wegkurve über die Brücke ahnt man noch die Grundmauern des Mühlengebäudes, eine Informationstafel hilft der Vorstellung auf die Sprünge. Nachdem hier viele Jahrhunderte eine Mühle stand, war sie noch bis 1980 funktionstüchtig und fiel nur wenige Jahre danach in sich zusammen. Angetrieben wurde sie vom Stierngraben, dem man das so gar nicht zutrauen würde.

Alte Allee aus dem Grund des Stierngrabens

Ebenso eindrucksvoll wie die alten Gemäuer und die Geschichte darum sind die zahlreichen Quellen, die rund um die Mühle aus dem Hang gedrückt werden und dem Stierngraben auf wenigen Metern zu mehreren Zuflüssen verhelfen. Das dürfte hier in ein paar Wochen auch ein Fest sein, was die letzten unter den Frühblühern im Walde betrifft. Jetzt glitzert zwischen dem flächigen Quellwasser schon das reflektierfreudige Laub des Scharbockskrauts, das hier bald für viel lackglänzendes Gelb am Waldboden sorgen wird.

Motorloser Weg entlang der Landstraße

Eine knorrig-alte Allee steigt in weiter Kurve aus dem Tal, und da man gerade so entrückt war, so fern der Welt, ist es kaum zu glauben, dass hier ganz profan und praktisch eine Straße quert. Doch das macht gar nichts, denn sie wird von einem schön geführten Radweg begleitet, der genügend Abstand hält und einige erhaben liegende Rastbänke anbietet. Von vorn kommt an einem schönen Gefälle ein Familienverbund auf Rollschuhen und Fahrrädern und genießt gut hörbar die sanfte Abfahrt. Kurz darauf führt eine relativ neue Brücke hoch über den Stierngraben, der etwas bachabwärts in das sanfte Tal der Mühle abtaucht und bereits hier von Quellwasser verstärkt wird.

Uriger Weg von Kaakstedt nach Gerswalde

Kaakstedt

Nach dem letzten Zwischenhügel liegt Kaakstedt voraus, dessen Kirchturm es also war, um den die ganze Tour sich dreht. Die Gaststätte an der Ecke hat zu, dafür wird jetzt ein Konzert von Aufsitzmähern geboten, die heute für die erste große Ausfahrt nach dem Winter von der Kette gelassen wurden. Gesteuert werden sie von Leuten im Alter zwischen Dreirad, Moped und Trike. Dementsprechend unbeachtet fühlt sich ein Hund, der uns am Zaun unaufgefordert sein Leid klagt und sich dabei häufig wiederholt. Um so kostbarer ist die Stille nach dem Verlassen des Dorfes.

Weiter Blick Richtung Uckertal

Sofort hinter dem letzten Zaunpfosten des letzten Grundstückes beginnt ein Weg, der so unfassbar schön ist, dass man bei jedem Schritt befürchtet, er könnte gleich vorbei sein, gesperrt oder verboten. Zur Üppigkeit der Natur und der vollkommenen Komposition kommt zu Beginn noch der herrliche Blick zurück zur Kirche, später dann die Vielfalt seiner Spielarten. Erst ein saftiger Wiesengrund mit quellfrischem Bach, dann eine weiche Wegespur zwischen Weidenruinen hindurch. Danach ein eingeschnittener, schattiger Hohlweg und am Ende seines Anstiegs ein Blick, gebettet auf Landschaftswellen und von so großer Weite, dass er diesmal wirklich bis zur Oder reichen sollte. Schließlich noch ein knorriger Robinienwald am steilen Hang und Anemonenbüschel zu Füßen und zuletzt ein runder Wiesengrund im warmen Abendlicht, wo wir ein letztes Mal den plätschernden Stierngraben überqueren.

All das uckermärkische Auf und Ab, das zunächst unbemerkt manchen Höhenmeter sammelt, zeigt sich mit einem Mal in müden Beinen und schweren Schultern, auch der Magen hängt langsam Richtung Knie. Beim letzten Anstieg hinauf zum hübschen Haus des Wasserwerks bietet sich in Richtung Fernsicht eine kuriose Almkulisse mit weißen Kühen zwischen felsgesprenkelten Wiesen. Die Ablenkung hält nur kurz an, und ab jetzt wird jeder abkürzbare Meter abgekürzt. Nach der wirklich allerletzten Querung des ganz jungen Stierngrabens können wir auf Autopilot schalten, denn die kleine Straße, ein Traum für Radfahrer, führt absolut direkt ans Ziel. Kleine Zwischenanstiege werden mit sanftem Galgenhumor genommen, und auch die Kirche zeigt sich erst, als wir fast schon vor ihr stehen.

Almkulisse am Wasserwerk Gerswalde

Auf den Wiesen des Baches, der aus dem Haussee kommt, gibt es ganz zuletzt noch etwas für Herz und Seele – eine ganze große Wiese voll blütenweißer Buschwindröschen. Daneben rauscht das Wasser Richtung Uckerseen, vom höchsten Baum im Schlosspark singt die Abendamsel und auf dem Haussee sammeln sich die Enten und erörtern, was für April so auf dem Zettel steht.








Anfahrt ÖPNV (von Berlin): nicht praktikabel möglich

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn Richtung Prenzlau (ca. 1,25 Std.) oder wahlweise Landstraße B 109 (ca. 1,5 Std.)

Länge der Tour: 21 km (Abkürzungen vielfach möglich)



Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Internetauftritt Amt Gerswalde

Tourismus Gerswalde

Informationen Fergitz

Einkehr: Zum Schwarzen Adler, Gerswalde
Bistro an der Wasserburg, Gerswalde (in der Saison)



Ein Rücken, zwei Deckel und dutzende Seiten – Jetzt auch zum Anfassen

Von mehreren Seiten wurde gefragt, ob es denn die Berichte auch auf Buchseiten gibt.

Weil Blättern, Auf- und Zuschlagen doch so schön ist.

Oder weil im Bücherregal immer das Buch umfällt.



Der be.bra verlag, der im Herzen von Berlin sitzt, hat sich der Sache angenommen und 176 Seiten mit Text, Bildern und anderem bedruckt.

Eine erste Draufsicht samt reflektiertem Einblick gibt es gleich hier (die alte Kartoffel ist übrigens ein noch viel älterer Stein):

Und nähere Informationen sowie eine reflexfreie Leseprobe unter:

Dem be.bra verlag meinen ausdrücklichen und herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit und das gelungene Resultat!



Grobskizziert – Birkenwerder: Krumme Wege, zweitausend Planken und die eiskalte Briese

Nach einer längeren Winter-Pause und zwei Berichten mit blasskalten Bildern wollte ich für den nächsten Text eigentlich auf einen Sonnentag warten oder wenigstens einen mit ein paar Farben zwischen all den Schattierungen von Weiß zu Dunkelgrau. Doch nicht ohne Grund gibt es das funktionale Wort eigentlich …

Bei Kolonie Briese

Die zweite Februarhälfte sorgte mit viel Sonne und frühlingsmilden Temperaturen für farbenfrohe Meere früher Blümchen und hat im Gefolge schon erste Heerscharen pelziger Sechsfüßer in schwarz-gelb aus Ihren Plattenbauten oder Erdlöchern gelockt. Somit ist niemand vor Entzücken gefeit, der vor einem aufgerissenen Krokus auf die Knie geht, dann Nase und Augen langsam in Richtung Blüte schiebt und fast schon als Regelfall beobachten darf, wie sich zwei Summende friedlich in einer Blüte drängeln. Ob solches Geschiebe ein Geräusch hervorruft, wird ein menschliches Ohr wohl nicht ergründen können, ob sich hingegen das Summen zweier Bienen summiert, dürfte oberhalb der Wahrnehmungsgrenze liegen und damit schnell herauszufinden sein.

Auch wenn in manchem alten Schlosspark die strahlend gelben Winterlinge ihre Blütenblätter zu edlen Kelchen formen, teils in wohnzimmergroßen Teppichen – am beliebtesten beim Sammelvolk sind aktuell die Krokusse, die sich willig darbieten und dabei fast zum Mercedes-Stern aufreißen. Die stehen etwas vereinzelter und sind daher vielleicht nicht so verwirrend wie die dichtgedrängten Gelben. Das Schöne bei dieser Geschichte mit den Bienen und den Blüten ist ja, dass wirklich alle Beteiligten etwas davon haben, zufällig Vorbeitrottende inklusive.

Die Briese mitten in Birkenwerder

Sobald sich aber eine Wolke vor die Sonne schiebt oder gar der ganze Tag bedeckt ausfällt, kehrt Ruhe ein, was Farben und Gesumm betrifft. So hat der März  begonnen, mit Wolken, etwas Sonne und auch ein paar Tropfen und tritt damit dämpfend auf die Bremse des vorauseilenden Frühjahrs. Gut so. Doch eben wieder kühle, blasse Bilder, keine Sonne, wenig Farbe.

Im Papenluch

Fährt man – mit oder ohne Sonne – von Berlins Mitte nach Norden in Richtung Oranienburg, besteht die Wahl zwischen zwei Optionen, was sowohl für die S-Bahn als auch für die Straße gilt. Entweder über die nördlichen Dörfer im Bezirk Reinickendorf, Stichwort Frohnau, oder eben die des einstigen Ost-Berlins, wo Blankenburg die letzte Station auf dem Stadtgebiet ist. In allen vier Fällen ist die Stadtgrenze nicht klar zu spüren, vollzieht sich der Übergang vom Städtischen ins Dörfliche sehr fließend.

Weg von der Ortsmitte zur Briese

Birkenwerder

Genau auf der Mitte zwischen den äußeren Ringen von Regionalbahn und Autobahn finden alle vier wieder zusammen, und eben hier liegt das großflächig angelegte Birkenwerder. Das Dorf muss ohne klassischen Ortskern auskommen, da alles, was ihn ausmachen würde, etwas verstreut und jeweils für sich liegt. Einzig das riesige Post-Gebäude steht gleich am Bahnhof und spannt mit der Touristen-Information und ein paar Hotels so etwas wie einen Kiez auf, jenseits der Bahnbrücke gibt es auch noch einen richtigen Bäcker und einen hübschen Park mit Spielplatz. Doch vom Bahnhof zum Rathaus und von dort zur Kirche sind es jeweils mehrere Minuten.

Kneipp-Anlage an der eiskalten Briese

Die Briese

Eben dort, zwischen Rathaus und Kirche, trifft man auf einen roten Faden ganz anderer Art, der Birkenwerder auf zauberhafte Weise prägt und von seltener Schönheit ist, gerade wenn man bedenkt, wie dicht besiedelt der Ort und wie nah die große Stadt ist. Die Briese kommt vom Wandlitzsee  daher und verplätschert bis zur ihrer Mündung ins Havelwasser keine 20 Kilometer. Doch in diese Kürze packt sie so unerhört viel Wildheit und Naturromantik, ist ihr Tal so reich an Abwechslung und Pfadigkeit, dass es pure Verschwendung wäre, dieses Bächlein in einem Ritt abzuschreiten. Nach der Hälfte wäre das verarbeitbare Maß an Eindrücken voll, die Wahrnehmung würde auf Durchgang schalten und jede weitere Viertelstunde im Briesetal als Doppelung verbuchen.

Briese auf dem Weg zur Mündung

Die meisten Leute, die gern draußen sind, werden die Briese kennen, nicht zuletzt der guten Erreichbarkeit wegen, und so ist es oft voll auf den Wegen, muss überholt und ausgewichen werden und die Naturromantik ist zu teilen. Wie bei allen Schönheiten und Besucherzielen im Lande relativiert sich das mit zunehmender Entfernung vom nächsten Parkplatz, doch wer dieses verschwiegene und ursprünglich anmutende Bachtal wirklich still erleben möchte und möglichst nur Naturgeräuschen lauschen, ist mit grauen oder kalten Tagen gut beraten, die möglichst nicht mit S beginnen.

Spreewald-Referenz unweit der Havel

Während das mittlere Briesetal in seiner ausgedehnten Waldpassage zwischen Zühlsdorfer Mühle und Borgsdorf fern von Siedlungen in seiner eigenen Romantik schwelgt und die einzigen Anflüge von Infrastruktur zwei Landstraßen und ein Forsthaus mit wochenendlichem Imbissangebot sind, ist es damit im dicht bebauten Ortsgebiet von Birkenwerder keineswegs vorbei. Mitten durch die Siedlungsviertel ziehen sich unzählige Plankenpfade über nassen Grund, die oft nur wenige Minuten kurz sind und dennoch vergessen lassen, dass man sich mitten in einer Ortschaft befindet.

Bruchwald am Mönchsee

In diese Stege und auch all die anderen Uferwege wurde in jüngerer Zeit viel Geld und Mühe gesteckt, und so sind sie sowohl schön als auch dauerhaft und können selbst auf kleinsten Spaziergängen in eine eigene Welt entführen. Dank zahlreicher Brücken steht ein regelrechter Modulbaukasten zur Verfügung, der beliebige Kombinationen der Vielfalt dieses Bachlaufes gestattet. Inklusive des Zuweges vom Bahnhof wird schon ein halbstündiger Spaziergang zum kleinen Erlebnis, inklusive Uferpfad, Kneipp-Tretstelle und Wasserfällchen. Bei jeweils einer Viertelstunde Erweiterung kommen auf kurvigen Wegen spreewaldartige Wasserlabyrinthe, verwunschene Bruchwälder oder kleine Moorseen hinzu.

Uferweg am Boddensee

Die sonst eher dünn gesäten Plankenpfade, über die man sich im Harz oder der Rhön, auf dem Darß oder an der Müritz stets besonders freut, sind hier schon fast die Regel und verleiten dazu, den Weg bereitwillig Stück für Stück zu erweitern. Wer schließlich den Boddensee mit seinen terrassierten Grundstücken in Hanglage umrundet hat, kann direkt hier vornehm einkehren und entlang der Gleise zurück zum Bahnhof schlendern oder noch um eine ganze Stunde verlängern.

Nördlich der Autobahn wird es nach wenigen Minuten wieder still. Schon bald lässt die Briese jeden Besucher tief in die Natur von Mooren und Feuchtwäldern eintauchen, zeigt bald im ausgeprägten Tal ihr Waldgesicht. Ging es in Birkenwerder noch glatt und eben zu, werden jetzt auf wurzligen und windschiefen Uferpfaden die Balance und auch die Griffigkeit der Sohle herausgefordert.

Weg entlang des Papenluches

Briese

Wenn Laub an den Bäumen ist und der Kalender Wochenende zeigt, gibt es als Belohnung eine gemütliche Einkehr im Imbiss Briesekrug, der alles bietet, was ein Mensch im 21. Jahrhundert zum Überleben braucht. Direkt gegenüber besteht im herzallerliebsten kleinen Klettergarten ein attraktives Konkurrenzangebot in Form von Waffeln und Kaffee. Ganz nebenbei lassen sich hinreißende Szenen rein analoger kindlicher Freude beobachten, oben in den Seilen.

Brücke über die Briese, bei Kolonie Briese

Wer auch hier nicht von der Briese lässt und weiter bachaufwärts geht, läuft Gefahr, noch eine halbe oder ganze Stunde dranzuhängen, denn sämtliche Pfade locken überzeugend. Doch alle paar Kilometer gibt es Querungsmöglichkeiten und Uferwege stets auf beiden Seiten, so dass niemand denselben Weg zweimal gehen muss.

Alles, was der Mensch zum Leben braucht

Der Weg von Briese nach Birkenwerder und zum Bahnhof wirkt nach den intensiven Wahrnehmungsreizen vergleichsweise sachlich, auch wenn ein Wiesenpfad die kleine Straße begleitet. Nach der Autobahnbrücke gibt es zur Zerstreuung einige schöne Villen und großzügige Grundstücke zu beschauen, und kurz darauf ist auch schon der Bahnhof zu sehen.

Die Briese im ausgeprägten Tal

Wann auch immer man zum Briesetal reist, lässt sich eigentlich wenig verkehrt machen. Viel geboten wird mit Sicherheit, solange der Fluss am Fließen ist. Die Regler für Lichtstimmungen, Klänge und Düfte, für Fauna und Flora und jene für den Publikumsverkehr muss jeder nach seinem Geschmack bedienen und dementsprechend für Monat oder Tageszeit entscheiden. Und dann bald wiederkommen, in der nächsten Jahreszeit.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn nach Birkenwerder (wahlweise über Frohnau oder Pankow)(ca. 45 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 96a oder die B 96 (ca. 45 Min.)

Länge der Tour: ca. 14 km (Abkürzungen variantenreich möglich)


Download der Wegpunkte
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Links:

Der östliche und mittlere Teil des Tales

Birkenwerder

Einkehr: Ratskeller Birkenwerder, im Ort
Briesekrug, Kolonie Briese (nur am Wochenende)

Trampe: Frisierte Kiefern, der Nebeltreck und das gezackelte Nonnenfließ

Der Januar hat sich nach klammen drei Wochen ein paar sonnige Tage mit knackig-blauem Himmel gegönnt und zugleich die Temperaturen ein wenig in den Keller geschickt. Erst danach gab es den ersten Schnee dieses Jahres, der eine ganze Nacht überstand und am nächsten Morgen den erwachenden Berufsverkehr auf ein bloßes Gemurmel dämpfte. Nur von hier und da tönten die scharf artikulierten Geräusche von Eiskratzern und das aufwändige Schnaufen potentieller Wagenlenker, die zum Freilegen benötigter Autos tüchtig den Schneebesen schwangen. Von weiter oben hört man hier und dort bereits die freudige Einsilbigkeit der Wintermeisen, die allem sonstigen Gekrächze schon selbstbewusst Paroli bieten. Wer es bis tief in den Wald geschafft hat, erhält sogar schon mehr als eine Ahnung von der zwitschernden Vielfalt, die in greifbarer Zeit zu erwarten ist.

Kurviger Lauf des Nonnenfließes

Ein weitgehend monochromer Wintertag mit flächiger Schneedecke kann eine Landschaft unkenntlich machen. Ähnlich hoch ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass er eben durch die Farbarmut und die allgemeine Glättung des Landschaftsbildes ihre Konturen nachzieht, bestehende Kontraste erhöht und jeden noch so kleinen Farbpunkt fast symphonisch wirken lässt. So wie auch alte Schwarz-Weiß-Photographien immer wie gestochen erscheinen, stets noch etwas reicher an Details, und dazu anregen, sich in dieses eine Bild nur gründlich zu vertiefen.

Trampe

Bei welcher Landschaft sich der Schnee eher verallgemeinernd auswirkt und welche er detailversessen porträtiert, lässt sich im Vorhinein schwer einschätzen. In der Tat hatten wir jedoch mit der bei Trampe ziemliches Glück, entgegen der Befürchtung. Das Straßendorf mit dem Bäcker am einen und dem Fleischer am anderen Ende liegt auf der Mitte zwischen den beiden brandenburgischen Landschaftsjuwelen von Gamengrund und Nonnenfließ und hält in seinem direkten Hinterland einige Überraschungen bereit. Der Zutritt dazu erfolgt direkt hinter dem Schloss, das als solches kaum zu erkennen ist. Schlicht, funktional und schon länger frei von Zierrat steht es vor seinem kleinen Park-Zugang, drei Blumenkübel in Form riesiger Schraubenmuttern stützen diesen Eindruck. Das ist durchaus passend, denn ohne Überschwang übernimmt das Gebäude eine der wichtigsten Funktionen im ländlichen Raum. Die Kita Schlossgeister hat hier seit langem ihre Räume, und gemäß frisch aufgewärmten Plänen soll in absehbarer Zeit ein Mehrgenerationenhaus umgesetzt werden. Diese Kombination von Menschen grundverschiedenen Alters gibt es mittlerweile an vielen Orten, und der in viele Richtungen gegenseitige Nutzen liegt auf der Hand, so einfach wie genial.

Schlosspark Trampe

Gleich hinter dem großen Gebäude beginnt mit dem kleinen, doch liebenswerten Schlosspark eine der exklusivsten Auslaufflächen für Kinder, deren Ausdehnungen einen gekonnten Steinwurf kaum überragen, doch darin eine große landschaftliche Vielfalt sowie reiche Spiel- und Erlebnismöglichkeiten beherbergen. Eine junge Allee gleich vorne gibt es und eine eindrucksvolle alte hinten raus zum Wald, dann noch verschiedene Teiche und ein lebendiges Bächlein mittendurch. Dazu noch Wege breit und schmal und nicht zuletzt sogar eine waschechte Burgruine im Hosentaschenformat mit kleinem Rodelhang, beredtem Gemäuer und schilfgeschütztem Burggraben.

Burgruine Breydin im Schlosspark Trampe

Die Burg Breydin auf ihrem kleinen Wall ist von der Größe her also eher als Drei Zimmer/Küche/Bad einzustufen, wenn man noch ein wenig Platz für den Burghof annimmt. Neben einem steinernen Gipfelkreuz mit einem kurzen, guten Spruch auf dem Sockel stehen hier uralte Bäume, die kraftvoll vermitteln, wie lange das Mittelalter doch schon her sein muss. Eine lebendige Lindenruine gleicht einer riesigen Hand, die einen von oben hineingelegten Apfel erwartet oder aber beim erzählenden Gestikulieren betonen möchte, wie enorm und wirklich vorhanden etwas war. Ihr Stamm ist aufgesprengt, scheinbar von der eigenen Expansion mit all den baumesdicken Nebenästen, und sie einmal zu umfassen bedürfte es wohl neben allen Kindern auch noch der Erzieherarme.

Bunte Tupfer im schwarzweißen Schlosspark

Der zugefrorene Schlossteich ist bedeckt von kaum berührtem Schnee, vielleicht ein Daumenbreit. Unterm kleinen Uferhang steht ein Papa, zu seinen Füßen grätscht sein gut verpacktes Kind auf dem Eis und sammelt mit Handschuhen und Unterarmen zusammen, was der Schnee so hergibt. Der Papa grinst dazu und übermittelt Zuversicht. Langsam wächst ein winziges Schneemännlein in die Höhe, und als der Junge uns sieht, trompetet er uns begeistert entgegen, dass wir mal gucken sollen und dass er einen Schneemann baut. Dann sammelt er weiter Hand für Hand, lässt sie geduldig wachsen, die Figur. Wir werden das am Tagesende noch mal würdigen. Oben in den Bäumen sind überall Vogelhäuschen angebracht, die jeweils farbenfroh mit einem Bild des Mieters beschriftet sind. An diesem Tag besonders farbenfroh.

In der Tramper Heide

Um den Schlosspark zu verlassen, muss man noch der einladenden älteren Allee widerstehen und durch etwas Wald vorbei an zwei gehügelten Vorposten gehen, auf denen vielleicht noch eine Burg für den Hausmeister und eine für den Pförtner standen. Hinter dem Rand des Waldes öffnet sich dann eine ganz neue Landschaft, weit und sanft gewellt, mit dem Bewuchs, wie man ihn vielleicht von Weideflächen in sanften Bergregionen kennt. Hier und da mal ein einzelner Baum, dort etwas Heidestrupp oder ein Strauch, vereinzelt auch mal ein gewaltiger Hutebaum, der Vieh oder Hirten Schatten spenden soll.

Zugegebenermaßen ist von all dem fast nichts zu sehen, denn die Sicht mit interpretationsfreien Kanten reicht nur ca. 11 Meter weit. Alles dahinter ist Spekulation. Da meint man Bäumchen zu sehen mit filigranen Ästen, unten dann irgendwelche Optikfehler, die aber auch blattlos stehende Wiesenhalme sein könnten. Ganz hinten irgendwo das schemenhaft Dunkle ist vielleicht ein Wäldchen. Der Blick schweift durch die graue Suppe, der Hals schiebt den Kopf dabei etwas nach vorn in der Meinung, das Bild könnte dadurch an Schärfe und Detail gewinnen. Tut es nicht.

Sagenhafter Treck

In all dem geisterhaft Gestaltlosen bewegt sich noch weiter hinten eine ferne Karawane, die langsam näher kommt und an Kontur gewinnt. Alles passiert ein wenig langsamer als in der Wirklichkeit, trägt den Charakter einer Traumsequenz. Lange Beine und runde Hintern werden zu fünf Pferden, fast alle von unterschiedlicher Schulterhöhe und Färbung und jedes mit einer Reiterin auf dem Rücken. Das Kinn einer jeden von ihnen befindet sich in etwa auf selber Höhe, da auf dem größten Pferd mutig und hoch oben das kleinste Mädchen sitzt, entsprechend umgekehrt bildet ein Pony mit größerer Reiterin das Ende des einzigartigen Trecks. Keine von ihnen ist älter als vierzehn, dementsprechend mit Argusaugen fixiert uns die ausgewachsene Dame am Kopf des Zuges, bis sie uns schließlich scharf fokussieren und als harmlos einstufen kann. Um daraufhin erleichtert zu sein, ist sie viel zu souverän. So nimmt sie es lediglich mit Wohlwollen zur Kenntnis und schenkt uns stattdessen einen charmanten und geistreichen Satz im Vorbeigehen.

Dramatik des Liegens

So wie das kleine Ereignis Gestalt annahm, verschwindet es auch wieder im weißen Dunst. Wir schütteln kurz die Köpfe, fokussieren erneut in die weiße Landschaft und sehen vor uns eine Kreuzung aus fünf bis sechs Wegen, wo die Karte nur von dreien wusste. Und nehmen jetzt die volle Vielfalt dieser Landschaft wahr, die kleine Wälder hat und feuchte Schilfflächen, Bruchwaldstreifen und weite Heide, leicht bucklig wiegesagt. Einige Bäume wurden umgeweht und sind in theatralischer Geste zum Liegen gekommen, andere stehen in kleinen Gruppen beieinander, etwas geduckt und etwas heimlich, wie in der Raucherecke auf dem Schulhof.

Zusammenhanglos wachsen Ginsterbüsche weit entfernt voneinander, und besonders markant sind stets für sich stehende Kiefernbäume, die nichts gemein haben mit den klassischen hohen Stämmen im märkischen Wald. Ihre Kronen gleichen denen von gut gewachsenen Obstbäumen, und nach unten hin tragen sie alle einen Pony, der etwa zwei Meter Platz zum Boden lässt und sehr gleichmäßig gewachsen ist. Als würden gerne Bullis darunter parken oder besonders aufrecht stehende Kühe den lückenlosen Schattenwurf des dichten Nadelkleides genießen. Das Geheimnis bleibt bestehen, auch wenn der wissende Specht da im Wald vielleicht gerade die Antwort morst.

Frisierte Kiefern

Hinter einer wohlgewachsenen Eiche schlummert ein verfallendes Gebäude und bestätigt nun den Verdacht, dass diese Landschaft hier und ihr Charakter das Resultat einer langen militärischen Nutzung sein könnten. Das erklärt auch die kleinen Podeste mit Stufen und die tiefen, mittlerweile dicht begrünten Furchen im Wald, in denen sich gut etwas Größeres verbergen ließe. Alles Sicht- und Greifbare, das der Manöverbetrieb in fünf Jahrzehnten formte, sorgt nun für die besonderen Eigenschaften und Schönheiten dieser Landschaft, die nicht aussieht wie Dutzende andere, nicht wie die weiten und sandigen Erika-Heiden bei Templin zum Beispiel, Reicherskreuz oder Jüterbog. Einen entscheidenden Anteil daran hat der NABU, wie sich später ermitteln lässt.

Teich bei der Mühle, Tuchen

Tuchen-Klobbicke

Nach viel Staunen und Begeisterung, und das trotz der beschränkten Sicht, wendet sich der Weg schließlich nach Tuchen und lässt auch schon die ersten Häuser sehen. Eine Allee aus betagten Robinien mit tiefschartiger Rinde begleitet uns vorbei am Abzweig zur Froschmühle bis hinein ins Dorf. Tuchen-Klobbicke hat seine Ortsteile im Dreieck angeordnet, rund um einen kleinen Hausberg und den feuchten Grund des blutjungen Nonnenfließes. Die bewaldete Anhöhe ist von Pfaden durchzogen. Ein beruhigender Weg führt um sie herum, mit schönen Blicken auf das Dorf.

Am Tuchener Hausberg

In Tuchen selbst treffen wir an der Kirche auf den wohl großflächigsten Farbpunkt des Tages. Das Fachwerkkirchlein, das wirklich einmal abgerissen werden sollte, hat überlebt und wurde sorgfältig erneuert, strahlt jetzt in einem freundlichen Gelb. Überall im Dorf kommen Hunde an den Zaun gerannt, mit denen lange niemand mehr gesprochen hat. Erst am leicht entlegenen Dorfweiher kehrt wieder Ruhe ein. Hier gibt es nur ein Grundstück, und der am Gartenzaun versprochene Hund hat heute frei. Es sei ihm gegönnt. Noch vor dem Teich sind eindrucksvolle Reste der alten Mittelmühle zu sehen, bei denen das Nonnenfließ zum ersten Mal den Sprung nach unten probt, auch heute noch. Damit nach gut einem Kilometer Fließlänge dafür ausreichend Wasser bereitsteht, eilt ihm kurz vorher ein Rinnsal zu Hilfe, das noch kürzer ist, doch bereits beim Austritt aus dem Weiher ansehnliche kleine Schnellen zustandebringt.

Kirche in Tuchen

Rund um den Weiher stehen Bänke, so dass die Entscheidung schwer fällt. Die erste an der Straße hat einen Extra-Balken zum Abstellen der Füße, als ob von dort öfter winzige Drachenbootrennen angefeuert würden und man sich in der Euphorie des Anfeuerns gern nach vorn gewichtet. Die nächste ist stark zum See hin geneigt, so dass nach dem Hinsetzen ein sofortiges, auch unbeabsichtigtes Gleiten in den See wahrscheinlich ist. Ganz hinten gibt es einen Rastplatz mit Tisch, komfortabel und ohne Eigenheiten, und schließlich am anderen Ufer dann zwei sehr bequeme Bänke, von denen sich alle Vorgänge auf den ersten beiden gut beschauen lassen. Zwei Jungs, die das Vertrauen ihrer Eltern genießen, tasten sich mit ihrem Plasteschlitten Schritt für Schritt aufs Eis vor und kommentieren eifrig, was sie tun, auch was sie lassen sollten.

Gemäuer der einstigen Mühle, Tuchen

Nonnenfließ

Hinterm Friedhof erfolgt nun der Einstieg in die Landschaft des Nonnenfließes, die eine der ganz Besonderen ist im Land Brandenburg. Rechts und links des breiten Waldweges beginnt sie schon langsam sich aufzuschaukeln, um bald darauf ein vollwertiges Tal auszuformen. Zwischen den braunen Kiefernstämmen und dem weißen Waldboden stehen leuchtend kleine Buchen, die das Laub in ihrem ersten Winter sicherheitshalber noch dranbehalten haben.

Auch im Wald ein paar Farben

Neue Mühle

Bereits bei den Gebäuden der Neuen Mühle erheben sich zu beiden Seiten kleine Talflanken, die gut sind für Mountain-Biker und tollende Kinder, später auch für recht anständige Rodelbahnen mit Zwischenschwung. Das Nonnenfließ hat nach nur zwei Kilometern Länge das Laufen gelernt, holt noch mal Luft in der Ruhe eines Weihers und stürzt sich dann ins ausgelassene Spiel der Kurven.

Dammweg am Nonnenfließ

Ein kleiner Dammweg leitet trockenen Fußes durch eine Schilf- und Bruchlandschaft, die sich an dieser Stelle das Bachtal etwas breiter drückt. Die Bögen sind noch brav und der Bachgrund ist bedeckt von diesem kühlen, weichen Sand mit feinstem Kies dazwischen, in dem man fast schon Gold vermuten möchte. Noch einmal übernimmt ein breiter Weg, bevor schließlich die Pfade beginnen, die dem Ufer kaum noch von der Seite weichen wollen. Sie tun es nur, wenn es gar nicht anders geht oder die Mäanderschlingen so überschwänglich ausfallen, dass das glasklare Bächlein fast wieder Richtung Quelle fließt. Teils gibt es Pfade auf beiden Seiten, die Querungsmöglichkeiten von einem Ufer ans andere bleiben dabei zählbar.

Bruchsenke des Nonnenfließes

Am Übergang von der feuchten Talbreite zum verspielten Bachlauf sind die Zeichen der Biber nun deutlicher, zugleich wird der Wald immer mehr zum Urwald, wo alles liegenbleibt, was einmal stand und nicht mehr steht. Mal parallel und äußerst günstig für das Weiterkommen, mal kreuz und quer und folglich mit etwas Kletterei oder Anlass für den Forstwirt, auch die Säge kurz mal anzuschmeißen. Sehr gleichmäßig angelegte Hügel aus Zweigen und Ästen ließen bisher eher an Attrappen zum Verjuxen ansiedlungswilliger Biber denken, nach dem Motto: ist schon besetzt, such Dir selber dein Revier. Doch hier sieht es nun schon sehr nach echten Burgen aus, und mag man zu dem Biber stehen, wie man will, die Voraussetzungen dieses Tales schreien nach ihm.

Gedenkstein auf der Höhe mit wetterfester Bank

Oberhalb des Tales steht ein wuchtiger Gedenkstein mit einer Bank für die Ewigkeit und der seltsamen Aufschrift „Tschermak v. Kap-herr“, die trotzdem nicht neugierig macht. Wenig später besteht die Möglichkeit, ans rechte Ufer zu wechseln, wo nun dieser Pfad am Fließ beginnt, der oben schon Erwähnung fand, der ufertreue. Der weitere Weg in Richtung Norden verläuft auf solchen Pfaden, und er findet sein Ende erst am gern besuchten Zoo von Eberswalde.

Auf halbem Weg dorthin liegt noch der faszinierende Ort Spechthausen, der Industrieromantik ausstrahlt und eine ganz besondere Stimmung trägt. Noch vor einer greifbaren Zahl von Jahren wurde hier im tiefen Tal Papier geschöpft, was eher untypisch wirkt in dieser Gegend. Ebenso untypisch ist überhaupt der Name des Weilers, erinnert er doch eher an ferne, tiefe Wälder im Sachsenland. Damit steht er nicht allein, denn auch Begriffe wie Geschirr und Liesenkreuz, Zainhammer Mühle oder Schwärze würde man guten Gewissens dort in den Süden packen. Jene Schwärze übrigens ist ein Bach und holt das kleine Nonnenfließ eben in Spechthausen ab, begleitet es von da unter ihrem Mantel bis zum Wasser der Finow. Die wiederum reist im bequemen Bett ihres Kanals an, der dort nur wenig nach Kanal aussieht. Vielleicht hat er sich von der Kurvenfreudigkeit der kurzgereisten Bächlein etwas abgeguckt.

An der Steinernen Brücke

Wir werden nicht einmal bis dorthin kommen, doch selbst die jetzt folgenden paar Kilometer entlang des Nonnenfließes würden unmäßig viel Text und Schwärmerei erzeugen, wollte man dabei ins Detail gehen. Beides haben wir bereits vor Ort erzeugt und darum auch gleich dort gelassen, doch ein paar Stichpunkte seien gestattet. Der Bach gewinnt unterwegs an Breite und verliert sie wieder zwischendurch, er gönnt sich Pausen in Becken von der Größe eine Badewanne oder eines Swimming-Pools. Das Nonnenfließ räkelt sich so wohlig, dass es wohl auf die doppelte bis dreifache Länge kommt wie der Pfad nebenher, der vergleichsweise geradlinig der grundlegenden Fließrichtung folgt – Nord. Mal fließt es flach und kaum versenkt, dann wieder entlang dramatischer kleiner Steilhänge.

Mäander des Baches

Wer das Nonnenfließ und sein Tal aus grünen Jahreszeiten kennt, wird es so weiß und nackt und transparent kaum wiedererkennen. Zum großen Teil sind die lebhaften Wasser beruhigend vom Eis bedeckt, unter dem es leise gurgelt, bis die Wellen ein paar Windungen später wieder ans Licht drängen. Auch an den fließoffenen Stellen ist der Rand vom Eis gezackt und sorgt für eine lückenlose Schmuckborte, die man so noch nicht gesehen hat. Während oben in der Heide alles Weiß vom aufgewachten Wind schon wieder weggeblasen wurde, dürfte sich der Zauber hier unten noch ein paar Tage halten. Der Weg durch dieses hochromantische Tal mit seinem vielfältigen Baumbestand sollte im Schlenderschritt genossen werden, so die dringende Empfehlung.

Weg über dem Fließ

In einer Bachschlinge steht wie auf einer Halbinsel eine willkommene Rastbank, um den letzten heißen Tee zu trinken, den Schlender kurz zu unterbrechen, bevor es an den Aufstieg geht. Als einziger Farbpunkt im ganzen Tal fliegt ein Rotkehlchen dicht an uns heran, setzt sich jeweils kurz, gerade lang genug, um die leuchtend rote Brust noch wahrzunehmen. Bald kriecht die Kälte in die Jacke, wird es Zeit zum Weitergehen.

Ein dramatisches Nebental kurz vor einem Stein-Brücklein geht den Aufstieg sehr direkt an. Die Wasser, die hier einmal flossen, haben sich tief in den Boden eingegraben und eine eindrucksvolle Furche hinterlassen. Der Weg liegt voll Laub, und auch oben ist nicht klar zu erkennen, wo der Anschluss ist. Eine hochgewachsene Eiche voraus gibt etwas Hilfestellung, kurz dahinter ist der nächste klare Weg erreicht. Kreuz und quer folgen wir jetzt verschiedensten Kalibern von Wegen durch den Wald, kommen vorbei an einem weiteren Biberrevier und dem derzeit trockenen Brennengraben, der unsere Schritte zuletzt begleitet.

Im Walde

Hinter ein paar übrig gebliebenen Armee-Baracken endet abrupt der Wald, und vor uns liegt wieder die Landschaft vom Anfang des Tages, mit den weiten Wiesen, den Birkengruppen und den frisierten Kiefern. Das ist durchaus willkommen jetzt, denn die lange Passage im Winterwald war schön, doch die Dämmerung ist schon fortgeschritten und ein freier Blick im schwindenden Licht jetzt angenehm.

In der unverschneiten Tramper Heide

War diese Landschaft am Vormittage durch und durch noch weiß, ist jetzt rein gar nichts mehr davon übrig. Die stoppeligen Wiesen erstrecken sich in ihrem fahlen Wintergrün bis an den fernen Waldrand, nur in einigen Mulden der Maulwurfshügel hat etwas Schnee überdauert. Ein schütteres Asphaltband zieht sich mitten hindurch, wie eine verirrte und die Jahre gekommene Landebahn im Grünen. Hinter einem Bruchwaldstreifen lockt ein Wiesenweg, der im Sommer sicherlich von großer Blumenvielfalt umgeben ist. Jetzt mischt sich hier nur grün mit braun, doch ein Duft wie von aufgetauter Kräuterwiese liegt vor dem Wald und erinnert daran, dass andere Jahreszeiten auch ihre Reize haben. Am Waldrand weisen neben einem winzigen Robinienhain mit seinem typischen dunkelgrünen Teppich einige ausgeprägte Kopfweiden den Weg ins Dorf, zwischen ihren haushoch toupierten Köpfen ist der Tramper Kirchturm endlich zu erkennen.

In der unverschneiten Tramper Heide

Einmal schreiten wir die ganze Dorfeslänge ab, von Nord nach Süd. Trotz müder Beine und hängender Mägen schlagen wir noch den kurzen Bogen in den Schlosspark, um im letzten Licht zu sehen, wie der Schneemann nun geraten ist. Selbst wenn er kindeshoch geworden war, hat die Kälte des Eises nicht ausgereicht, das zu bewahren. Das Häuflein Schnee ist ungefähr genau so groß wie der Entwurf vom Anfang, den wir sahen. Doch wenn sein Schneemann-Leben auch nur kurz war, so war es doch von vorn bis hinten voll mit echter Kindesliebe.













Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Ostkreuz Regionalbahn nach Werneuchen, dann weiter mit dem Bus (ca. 1,25 Std.)(nur Mo-Fr)

Anfahrt Pkw (von Berlin): B 158 bis Tiefensee, dann B 168 bis Trampe, einige Parkplätze am Bäcker

Länge der Tour: ca. 18 km (Abkürzungen möglich)(schwer erkennbaren Weg aus dem Fließtal bei Wegpunkt 25 vermeiden: noch 10 Min. weiter am Nonnenfließ, dann rechts auf den großen Weg abbiegen und nach 700 m an der Wegekreuzung rechts bis Wegpunkt 27)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

NABU: Ehemaliger Truppenübungsplatz Trampe

Burg Breydin und Schlosspark Trampe

Aktuelles zum Schloss Trampe

Rundweg Nonnenfließ

Einkehr: keine Möglichkeit direkt am Weg

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Zu Fuß durch die märkischen Landschaften