Tonstiche, ein versunkenes Gleis und das unbekannte Ribbeck

Die Tage werden bunter, die Nächte kühler, und jeweils dazwischen gibt es nun wieder die Dämmerungsnebel, die scheinbar und allmählich das Tempo aus den Tagen nehmen. Darunter liegen  dunkle Äcker, vor kurzem noch Felder, begrenzt von Baumreihen mit erstem Gelb im Gefieder. Ein paar standhafte Grillen kommentieren noch die sonnigen Passagen dieser schönen Altweibersommer-Tage, doch die Schwalben haben endgültig das Weite gesucht. Dafür werden Spaziergänge unweit entlegener Wasserflächen und abgeernteter Maisfelder vom Tönen der letzten Saurier begleitet, auf angenehme, beruhigende Weise. Die Verbünde der Kraniche sind noch klein, doch das Sammeln ist bereits zu ahnen, auch wenn sich mittlerweile viele von ihnen zum Bleiben versammeln. Leuchtende Apfelbacken und knallrot lackierte Hagebutten bringen sanfte Euphorie in die Wegränder, an denen noch immer eine beachtlich bunte Vielfalt von Blumigem steht.

Siesta kurz hinter Ribbeck
Siesta kurz hinter Ribbeck

Die halbe deutschsprachige Welt kennt Ribbeck, das Ribbeck im Havelland, doch gibt es noch ein anderes, was weitaus direkter mit der Havel zu tun hat. Benachbart ist der recht bekannte Ziegeleipark Mildenberg, der direkt am Fluss liegt und auf diesem Wasserwege das schnelle Wachsen der Stadt Berlin vor guten hundert Jahren möglich machte. Davon geblieben sind unter anderem eine ganze Reihe verschieden großer Stichteiche direkt am Fluss und auch hier etwas abseits. Daraus ist in den letzten Jahrzehnten eine berührend schöne, stille Landschaft gewachsen, die sich gut zu Fuß durchkämmen lässt, zumindest hier und da.

Die Straßenränder auf der Hinfahrt fordern zum Wiederkehren an fast jedem der folgenden Wochenenden auf – irgendwo findet immer ein schönes Fest statt, die Themen sind mal ganz süddeutsch-zünftig Oktober, oft auch Erntedank oder ganz einfach Herbst. Und das geht durch bis Anfang des Novembers.

Allee bei Rieckesthal
Allee bei Rieckesthal

Ribbeck

Kurz hinter Zehdenick geht es nach Mildenberg, das nächste Dorf ist dann schon Ribbeck. Das Licht und auch die Luft sind so klar, wie sie es nur im September sein können, vielleicht auch noch im März, und auch die Düfte dieses Monats sind alle hier versammelt. Frisches Laub und Eicheln, reifes Obst und erste Pilze und wieder dieser zarte Duft des Pappellaubs, das noch am Baum ausharrt. Die kleine Kirche auf dem Anger scheint ihr Schattendasein zu genießen, das Dorf strahlt Frieden aus. Auf dem Weg hinaus peesen drei Bengels auf ihren Rädern durch das Dorf und wirken damit sehr beschäftigt. Der letzte Garten geht direkt in die erste Weide über, auf der die Kühe lümmeln, herrlich faul die Euter ausgebreitet. Nur jede zweite hat den Kopf noch oben, jede von ihnen genießt die Sonne auf dem luftgekühlten Lederpelz, das kann man sehen.

Auf der Spur der Gleise - Pfad zwischen den Teichen
Auf der Spur der Gleise – Pfad zwischen den Teichen

Für uns stehen jetzt die ersten drei Verkostungen an, drei Apfelsorten, jede grundverschieden. Die dritte dann bekommt den Zuschlag, kräftig aromatisch, saftig und leicht sauer. So dass es an den Zähnen quietscht, ein bisschen. Hinter dem Gehöft bei Rieckesthal wird der Weg noch etwas gemütlicher und sieht aus wie schon vor hundert Jahren. Die Büsche dichter und die Früchte wilder. Von oben kontrastiert der Himmel blau wie selten.

Großer Stichteich
Großer Stichteich

Ein paar Angler laden gerade ihre Ausstattung aus, erwidern unseren stillen Gruß mit lautlosem Brummeln – warum müssen jetzt hier Leute langlatschen und den Fisch verschrecken? An dieser Stelle wird erstmals eine Wasserfläche sichtbar, sonnenglitzernd und umbuchtet. Dahinter dann beginnt ein Pfad, der mitten durch die wilde Landschaft führt, mit unergründlich dicht gewachsener Botanik links und rechts und immer wieder neuen Wasserflächen, mal teich-, mal seengroß. Manchmal führt ein Stichweg bis ans Ufer, manchmal liegt dort ein halb ersoffenes Boot an einem schiefen Steg. Im flachen Wasser der einst trockenen Fläche stehen stabig Reste kleiner Wälder, ein Bild von düsterer Romantik und gespenstisch schön. Auf diesem schmalen Band des Pfades nehmen wir die unsichtbare Spur der alten Werkbahn auf, deren Schienen hier vor ein paar Jahren noch vereinzelt schimmerten. Bis hinter Mildenberg wird uns die Spur begleiten.

Blick auf Ziegelscheunen
Blick auf Ziegelscheunen

Neben den üppigen Wiesen mit all ihren Gräsern und den dichten Schilfflächen, in denen es ständig raschelt, wird der Pfad begleitet von Hopfen und Holunder. Letzterer ist absolut erntereif, die Beeren durchgängig tiefschwarz und groß und prall. Überall sonst sieht er noch ziemlich dürftig aus, doch mit dem vielen Wasser hier, da scheint er prächtig zu gedeihen. In diesem Sinne ist es schade, dass die Tour fast noch am Anfang steht, sonst könnte man gleich ernten.

Immer wieder sorgt der Kranichlärm für angehobene Köpfe, und bei der Suche nach den Vögeln sehen wir bunte Punkte aus den dichten weißen Wolken fallen. Und kurz darauf entfalten zu mehr Fläche, zunächst noch planlos trudelnd, dann kontrollierter einer Richtung folgend. Stimmt – ein paar Kilometer Richtung Gransee gibt es ja die Möglichkeit für einen Fallschirmsprung, allein oder als Tandem, und der Tag ist heut perfekt dafür. Alle Viertelstunde geht der Flieger hoch und schraubt sich langsam in die Höhe, um dann im Halbminuten-Abstand die bunten Willigen herauszuwerfen. Das muss erhebend sein, trotz freiem Fall, wenn sich nach ein paar Sekunden blindweißem Sturz durch die Wolken der Flickenteppich aus Feldern und Teichen öffnet, so klar, wie heut die Sicht ist. Und kurz darauf der Fallschirm.

Pro Flug sind das um die zehn bunte Punkte, das Ganze viermal in der Stunde – da dürften heute recht viele Leute zu Fall kommen, erst frei und dann gebremst. Wer es geschafft hat, auf den warten unten Strandkörbe mit absoluter Bodenhaftung und Kaffeepötte mit derselben Eigenschaft. Oder ein Kurzer und gleich noch einer hinterher.

Familienspaziergang über die Wiese
Familienspaziergang über die Wiese

Ziegelscheunen

Auch hier am Boden gibt es nichts zu vermissen, selbst wenn der sagenhafte, scheinbar stundenlange Pfad die Teichlandschaft verlässt und doppelt breit voraus zum Weiler Ziegelscheunen führt. Die wenigen Häuser hier greifen das Thema Ziegel in vielen Variationen auf. Der weitere Weg ist jetzt etwas ungewiss, und eine Stunde später ist klar, dass man ihn meiden sollte zwischen Mai und Mitte September. Doch wenn nichts wächst oder Gewachsenes abgemäht wurde, kommt man hier bestens lang, auf schönen Wegen und mit freiem Blick. Immer wieder queren Tierpfade, vom Acker rüber bis zum Ufer. Manchmal führt dorthin auch ein Stichweg und gestattet einen Blick über die weite Wasserfläche bis zum nächsten Kirchturm und den Mildenberger Schloten. Die alte Bahntrasse läuft bald wieder nebenher, ist mittlerweile undurchdringbar zugebuscht.

Im gebremsten Fall
Im gebremsten Fall

Vorbei an Mahnhorst, auch mit eigenen Teichen und einem schönen Steg, führt der Weg nach ein paar grasigen Knicken übers freie Feld, mit freiem Blick und direkt auf der alten Trasse der genannten Bahn. Ein Gleis war bisher nicht zu sehen.

Hafen am Großen Stichteich
Hafen am versunkenen Wald, Großer Stichteich bei Ziegelscheunen

Mildenberg

Das Gleis gibt es in Mildenberg, quer über die Straße laufen hier die Schienen. Rund um die angerständige Kirche ruht eine breite Mauer, die gut geeignet ist für eine Rast. Währenddessen fährt ein BMW vorbei, an der Antenne einen Fuchsschwanz. Dass es das noch gibt – vielleicht steht alles als Gesamt-Ensemble unter Artenschutz, Fahrer, Schweif und Fahrzeug. Gemeinsam die Jahrzehnte überdauert, die Epochen. Wir sind gerührt. Der Schweif geföhnt, wie’s scheint. Es geht ja auf das Wochenende.

Ein herrlicher Weg lockt direkt von der Kirche Richtung Ziegelei-Gelände. Die kleine Anhöhe und der hohe Mais zur Rechten wecken kurz Erinnerungen an Höhenwege durch den Wein. Was von der Stimmung her zum Herbst ja bestens passt. War auch ein Weinfest ausgeschrieben an der Straße, auf der Hinfahrt? Wo es doch seit den letzten Jahren überall lauter nördlichste Weinberge Deutschlands gibt. Bestimmt existiert er irgendwo, der Havelwinzer.

09 Himmelsblick
Himmelsblick

Ein kleines, doch stabiles Brücklein lässt uns über den breiten Welsengraben, der ganz sachte fließt, glasklar. Jedes dahintreibende Blättlein Entengrütze wirft seinen scharfen Schatten bis zum Grund mit seinem dunkelgrünen Blätterwald. Das folgende Stück Straße führt vorbei an mächtig alten Weiden, die im besten Safte stehen, egal ob ganz oder geborsten. Vorn, wo der Wald beginnt, gabelt sich der Weg, und wir verlassen die Straße nach links. Hier im lichten Kiefernwald gedeihen nahezu perfekte große Schirmpilze mit ihren kuriosen Krausen in der Halsregion, der angenommenen. Ansonsten sieht es noch recht mau mit Pilzen aus, zu trocken war die letzte Zeit. Rechts aus dem Wald tönt Live-Musik von echten Instrumenten, irgendwas Größeres wird dort gefeiert. Eine Allee von ausgewachsenen Eichen zieht sich links des Weges durch den Nadelwald – und behält den Grund dafür für sich.

Auf der Spur der Gleise - Weg nach Mildenberg
Auf der Spur der Gleise – Weg nach Mildenberg

Am Waldrand geht es links nach Ribbeck. Diese Allee, schon älteren Datums und dementsprechend schattig, wäre durchaus brauchbar für ein Kalender-Titelblatt. An ihrem Ende kommt das Dorf in Sicht, etwas vorher schon der kleine Kirchturm. Obwohl der Tag noch stundenlang so weitergehen könnte, ist es jetzt schön, am Ziel zu sein.

Weg von Mildenberg zum Graben
Weg von Mildenberg zum Welsengraben

Wir wollen zum ausgeschilderten Oktoberfest in Zehdenick, doch erfahren vor Ort, dass es erst um acht beginnt – da wären wir verhungert. Unweit vom Markt werden wir fündig und können daher nach dem Essen noch einmal zur schönen Zugbrücke und dem Becken vor der Havelschleuse schlendern. Noch ist Leben an der Eisdiele, bevor bald Wärmeres begehrter sein wird. Der erste Grog, er kommt bestimmt.

 

 

 

Anreise ÖPNV: mit der Regionalbahn nach Zehdenick oder Fürstenberg, von dort mit dem Bus nach Ribbeck (1,5-2 Std.)

Anreise Pkw: Landstraße über Liebenwalde nach Zehdenick, von dort Richtung Mildenberg bis Ribbeck (kleiner Parkplatz nahe der Kirche)(ca. 1,25 Std.)

Tourdaten: ca. 16 km, Abkürzung möglich (von Mahnhorst direkt zurück nach Ribbeck)

 

Download der Wegpunkte

 

Einkehr: in Zehdenick mehrere Einkehrmöglichkeiten (Empfehlung: Hotel Klement, zwischen Markt und Zugbrücke, gemütlich, gute Küche);
direkt am Weg in Mildenberg Gaststätte „Zum deutschen Krug“ (keine eigene Erfahrung)

Grobskizziert: Bachtäler, Pfade und ein Kleinstgebirge

Wer auf dieser Seite gelandet ist und länger als einen Augenblick verweilt hat, dem braucht höchstwahrscheinlich nichts über die Märkische Schweiz berichtet zu werden – ebenso wenig wie über den Spreewald, die Rheinsberger Seen oder das Schlaubetal. Alle sind als Landschaft landes-, wenn nicht sogar bundesweit bekannte Ziele für Touristen, die trotz ihrer Bekanntheit nichts von ihrem Zauber und ihrer Einzigartigkeit einbüßen mussten und wohl auch nie einbüßen werden. Schlichtweg auch deswegen, weil sie genügend Auslauffläche und Rückzugsraum bieten, damit sich auch größere Menschenmengen gut verteilen können.

Unterhalb von Schauinsland, Münchehofe
Unterhalb von Schauinsland, Münchehofe

Dennoch könnte ich an dieser Stelle Absatz an Absatz reihen, befüllt mit Schwärmereien und Bekundungen von Begeisterung gegenüber diesen wenigen Quadratkilometern lieblich-wilder Landschaft, die so üppig angefüllt sind mit Schönem. Da würde ich schreiben von tief zwischen den Hügeln eingesenkten Seen, die zudem selbst beachtlich tief sind. Von schönen Wanderwegen und -pfaden, an deren Knotenpunkten Schilderbäume mit wohlig klingenden Namen stehen, so wie Wolfsschlucht und Silberkehle, Tornow- und Klobichsee oder Pritzhagener Mühle und Poetensteig. Oder Ortsnamen wie Dahmsdorf, Münchehofe und Waldsieversdorf. Vielleicht auch noch die Wurzelfichte am Sophienfließ, mittlerweile eine eindrucksvolle Ruine historischen Holzes, und der humorvoll beplankte Gummiweg am kleinen Buckowsee, der einen der schönsten Blick auf die Stadt am anderen Ufer bietet.

Uferpfad am Großen Klobichsee
Uferpfad am Großen Klobichsee

Verbindendes Element der Märkischen Schweiz ist der lebhafte Stöbberbach, wahlweise auch Stobberbach, Stobberow oder einfach nur Stobber, der gleichermaßen Kneipp-Lustigen, einem stattlichen Mühlrad sowie großen und kleinen Forellen seine kühle Strömung anbietet. Und kurioserweise von seinem Quellgebiet im Roten Luch sowohl nach Süden als auch Norden fließt. Rotes Luch – auch so ein schöner Name, doch ein anderes Kapitel.

Blick auf den Großen Klobichsee
Blick auf den Großen Klobichsee

Erwähnen würde ich zudem die schöne Vielfalt an Bäumen, die besonders in den Jahreszeiten des Werdens und Vergehens die Faszination dieser Landschaft noch verstärkt. Mit über die Hänge gelegten, dichten Teppichen aus Laub, doch auch dunklen Märchenwäldern voll gedrängt stehender Fichten. Dass hier, wie im Gebirge üblich, tief in der Botanik schöne Einkehrmöglichkeiten warten und in tälerner Randlage ein absolut pittoreskes Kurstädtchen liegt, das mit allem aufwartet, was zu so einem Städtchen gehört – sogar einem tiefen Bergsee mit türkisem Wasser. Und natürlich vom ständigen Auf und Ab, dass selbst bei normalen Tagestouren zwei bis dreihundert überwundene Höhenmeter ansammelt. Besser also, man hält die Länge der Tour im Rahmen und unterschätzt nicht milde lächelnd dieses Schweizlein.

Stattdessen fasse ich mich kürzer und lasse ein paar Bilder sprechen.

Buckower Kleinbahn beim Schwarzen See
Buckower Kleinbahn beim Schwarzen See

Beginnt man die waldschattige Tour in Münchehofe, gelegen scheinbar hinter sieben Bergen und etwa 35 Höhenmeter überm Tal des Stobberlaufes, empfängt eine schattige Schlucht als Einstieg in den Tag. Der Weg um die Klobichseen ist pfadig, angenehm naturnah und geht sowohl mit der Abwechslung als auch dem Auf und Ab unverdrossen in die Vollen. Reichlich Bänke für Rast und Schmaus gibt es schon jetzt, schwer ist nur jeweils die Entscheidung. Das gilt auch für all die verlockenden Wegweiser, die alle paar Minuten vom Weg weg locken.

Am Markt in Buckow
Am Markt in Buckow

Am Ende eines entspannten Graswegs durch verschiedenste Waldstücken liegt der Schwarze See mit seinen himmlisch schönen Ufergärten, kurz dahinter geht es über Gleise, die der Museumsbahn. Den ganzen Tag kann man sie tuten hören, mitteilsam und fröhlich.

Im Buckower Schlosspark
Im Buckower Schlosspark

Entlang stehenden Stobber-Wassers tritt man vorm Bahnhof ein nach Buckow, ein Städtchen, fast zu schön, um echt zu sein und dennoch wirklich. Selbst noch im Ortsgebiet gebirgig und zwischen Hang und Seen eingeschmiegt. Im alten Lindenhotel am Markt ist wieder Leben, die beiden Eingangslinden wirken gleich viel stolzer.

Auf dem Buckower Schlossberg
Auf dem Buckower Schlossberg

Vom Schlosspark hoch zum Schlossberg kommt man kurz ins Schnaufen, doch oben steht als Lohn die schönste Aussichtsbank der Stadt. Die kuhbestandenen Streuobstwiesen gleich dahinter sind jedes Mal aufs Neue sehr erstaunlich. Mitten hindurch führt eine Apfelbaum-Allee. Und weckt Erinnerungen ans Meißner Elbland und macht Lust, die dort mal wieder aufzufrischen.

Abstieg vom Buckower Schlossberg
Abstieg vom Buckower Schlossberg

Direkt am Stobberbach und einer einladenden Kneipp-Stelle nahe der Güntherquelle liegt das Schweizerhaus, so eine Art Naturpark-Zentrum. Einmal im Jahr, manchmal auch seltener, findet hier das Apfelfest statt, meist in der Mitte des Septembers. Da kann man seinen Apfel vom Garten oder Wegesrand mitbringen und von Kundigen bestimmen lassen, wie er heißen könnte. Wer gerne selber rätselt, findet auf einem wirklich langen Tisch vier Dutzend Teller mit vier Dutzend alten Apfelsorten, vollständig oder aufgeschnitten zum Begutachten oder Verkosten. Dann gibt es schöne bunte Stände, wo man selbst aktiv werden kann oder etwas Regionales kosten oder kaufen. Den herzhaften und süßen Hunger stillen oder die Lust auf Schönes, gefilzt, getöpfert oder sonstig handgewerkt. Und natürlich gibt es alles hier rund um den Apfel.

Bei den Tornowseen
Bei den Tornowseen

Nach diesem bunten Trubel des schönen Festes geleitet einen der Bach verlässlich in die Stille, stufenweise und romantisch. Um die Tornowseen herum führen die Wege der Wahl zum nobel gelegenen Haus am Tornowsee und dran vorbei, hinten heute, da vorn ein Hochzeitsfest im Gange ist. Rund um die benachbarte Pritzhagener Mühle zeigt der Stobberbach auf kleinstem Raum sein umfassendes Können, bevor er sich dann in sein langes offenes Tal verzieht, das ihm bis zur Eichendorfer Mühle viel Raum und Himmelslicht gewährt. Bevor er dann im Wald erneut verspielt wird und sich austobt bis zu den Teichen von Altfriedland. Auch das ein anderes Kapitel.

An der Düne zwischen Alter Mühle und Münchehofe
An der Düne zwischen Alter Mühle und Münchehofe

Gediegen und entspannt kurvt die Waldstraße nach Dreieichen, zuletzt als markante Hohlgasse, und an der Alten Mühle mit ihrem schönen Weiher beginnt der lange, sanfte Aufstieg. An einer kleinen Düne öffnet sich nach rechts ein langer Wiesengrund. Zugleich mit dem Dorf kommt oben hinterm Waldrand ein kräftiger Regenbogen in Sicht, der standhaft über dem brach liegenden Acker verweilt. Der Himmel gleich dahinter ist stahlblau, das Land ringsum gefärbt im warmen Licht der tiefstehenden Sonne, die warme Farbe noch ganz frisch.

 

 

 

Tourdaten: ca. 16 km, dabei ca. 250 Höhenmeter, Abkürzungen gut möglich

 

Download der Wegpunkte

 

Anreise ÖPNV: direkt nach Münchehofe schlechte Anbindung, darum mit der Bahn von Berlin-Lichtenberg bis Müncheberg, von dort mit Bus oder Kleinbahn (Mai-Sept. Wochenende und Feiertage) nach Buckow (knapp 1,5 Std.)

Anreise Pkw: auf der B 1 nach Müncheberg, von dort nach Münchehofe (ca. 1,5 Std.)

Einkehr: in Buckow zahlreiche Möglichkeiten für jeden Geschmack und Geldbeutel, unterwegs ferner Pritzhagener Mühle und Waldcafé Drei Eichen

Letschin: Oderbruch, Obstgenuß und ein lebendiger Märchenfilm

Eine absolute Spezialität unter den Brandenburger Landschaften ist die gleichermaßen spröde und faszinierende Landschaft des Oderbruchs zwischen Frankfurt im Süden und Oderberg im Norden, die auf manche flach und eintönig wirkt, auf andere hingegen eine suchtartige Anziehungskraft ausübt. Wer Platz, Weite und Einsamkeit sucht, wird hier zu jeder Zeit bestens bedient, und wer es an kalten Tagen noch etwas kälter haben möchte, findet kurz vor der Oder den richtigen Platz dafür.

Weinreben am Südrand von Letschin
Weinreben am Südrand von Letschin

Auch jetzt, wo der Spätsommer dem frühen Herbst die Klinke in die Hand gibt, wird hier bei aller spartanischen Gestalt der Landschaft ein Sinnesspektakel geboten, das alle Viertelstunde tief und zufrieden durchatmen lässt. Der frische Wind und die noch immer kräftige Sonne empfehlen sich gegenseitig, dazu gibt es die breit gefächerten Düfte abgeernteter Felder mit offenliegender Erde, die aus bestimmten Gründen im Oderbruch ganz besonders schwarz und satt aussieht. Gut, wenn man nicht querfeldein muss, denn man würde es sich mit jeder Art von Schuh verscherzen. Abgesehen von Gummistiefeln, doch mit denen geht nun kaum jemand spazieren.

Zu alle dem kommt das in der Luft liegende feine Eau de Parfum des Pappellaubs, ganz gleich, ob noch am Baum oder nicht ganz rascheltrocken am Boden. Und die Allgegenwart reifen, oft gut erreichbaren und dann wohlmundenden Obstes. Aus den teils stehenden, teils langsam fließenden Gräben, die kulturgegeben dieses Landschaft durchziehen, riecht es würzig nach brackigem Wasser, und das Schilf sieht jetzt schon etwas fahler aus.

Bahnhof Letschin, Blickrichtung Frankfurt
Bahnhof Letschin, Blickrichtung Frankfurt

Letschin

Ziemlich der einzige Ort mitten im Oderbruch, der mehr nach Stadt schon als nach Dorf aussieht, das ist Letschin. So wie der Alte Fritz, quasi der Schöpfer dieser Landschaft, hier allgegenwärtig ist, trifft man an vielen Stellen auch auf Friedrich Schinkel, oft auch ganz direkt. So ist der von seiner Kirche verlassene Schinkelturm fast das Erste, was in Sicht kommt, wenn man sich dem Orte nähert. Die Gaststätte mit erwähntem Fritz im Namen liegt derzeit leider brach.

Vom Turm verläuft ein Pfad direkt auf dem Anger, von dem es links auf einer kleinen Gasse zum Fontanepark hin lockt – womit ein dritter großer Name der Mark Brandenburg erwähnt sein darf.

Ein wirklich schöner Radweg führt vom alten Postgebäude aus dem Ort heraus, vorbei an einem waagerechten Weinberg und einem gut bestückten Pflaumenbaum, der dasteht, wie eine Seemannsbraut, die hin zum Bahnhof sehnt. Genau dort ist das andere Ende dieses Weges. Zuletzt ist noch der breite Letschiner Hauptgraben zu queren, der mit Geduld auf seinem Weg zur Alten Oder ist, und dann steht man auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach Eberswalde fahren Züge oder nach Frankfurt.

Aufgemöbelter Personen-Waggon im Eisenbahnmuseum
Aufgemöbelter Personen-Waggon im Eisenbahnmuseum

Gut eine ICE-Länge weiter überrascht eine bunte Sammlung großer und noch größerer Gegenstände, die mit Eisenbahn zu tun haben. Absoluter Augenfang des kleinen Museums ist ein Passagierwagen, der mit viel Herzblut von einem kläglichen Zustand zu dem aufgebaut wurde, was heute hier zu sehen ist. Vom Museum führt parallel zum Kanal und auch der Bahn ein grasiger Weg. Direkt unterm dichten Deckhaar der Halme zeugt das schwere, scheinbar lehmige Erdreich davon, dass es in den letzten Tagen ein paar stärkere Regenfälle gab, die hier nicht so einfach in Minuten wegsickern, sondern auch nach Tagen noch für einen unsicheren Gang sorgen. Und beim Ausrutschen wohl eher für eine harte Schlammkruste auf dem Hosenboden als hartnäckige Grasflecken.

Versammlung von Ackerbürgern
Lose Versammlung von Ackerbürgern

Wir wackeln, watscheln und gleiten also mit Bedacht entlang des Wasserzuges, der höchste Ruhe ausstrahlt, als weiter hinten ein winziger Zug den leicht erhabenen Damm entlanghuscht. Und sich schnell gen Frankfurt entfernt, das an der Oder wohlgemerkt. Fünf sausende Schwalben und auch eine Grille rufen den noch nahen Sommer ins Gedächtnis. Ein alter Bahndamm, wohl vergangene Nebenstrecke, führt nun als Weg entlang einer hochgeschossenen Pappelreihe und bietet eine Handvoll Apfelsorten an, von denen keine richtig überzeugen will. Der eine süß, doch völlig ohne Säure und Charakter, der andere dann so sauer, dass sofort das Gesicht entgleist.

Voßberg

Danach führt der Weg quer durch das Gehöft von Voßberg, wo alles grad zu schlafen scheint, sogar die Katzen. Ohnehin liegen heute alle sichtbaren Katzen am Weg bemerkenswert breit und ganz besonders faul an irgendwelchen Plätzen rum, auf die die Sonne scheint oder noch eben schien.

05 Letschiner Hauptgraben
Am Letschiner Hauptgraben

An diesem Tage zeigt sich klar wie selten, wie weit verstreut und theoretisch doch benachbart diese ganzen Dörfer, Höfe oder Häuser hier in der ganz besonders flachen Ebene liegen. Eben noch am schönen Bauerngarten nahe Voßberg, jetzt lustlos angekläfft von zwei leicht zerstrittenen Hunden bei den Stallungen von Margarethenhof. Voraus zu sehen das kleine Steintoch, im Westen noch Letschin mit seinem landmarkanten Schinkelfinger und östlich schon die allernächste Zukunft mit den großen Ställen von Gut Wollup. Dazwischen zumeist kurvenlose Verbindungen und bejahrte Alleen, aus eben diesen Gründen weithin sichtbar.

06 Weg nach Wollup
Der Weg nach Wollup

Ein Hobbyflieger überholt uns in der Luft und ist schnell ganz woanders. Und doch gleich wieder da, nach uns zu sehen. Noch vor den Ställen von Gut Wollup gibt es nun den Obstausgleich mit formvollendet guten Birnen, saftig, groß und ohne viel Gymnastik pflückbar. Gegenüber eines Feldes voll mit hochgewachsenem Mais liegt still ein kleiner Weiher. Ein Pfad lädt ein und führt gänzlich unerwartet in eine eigene kleine Welt, die eine Mischung bildet zwischen Märchenfilmkulisse, guter alter Zeit und einem Leben ohne Strom, elektrischen.

07 Weiher bei Wollup
Grasernte am Weiherrand, Gut Wollup

Gut Wollup

Am jenseitigen Ufer erntet ein Alter mittels Sense das hohe, bunte Gras des Ufergürtels, das hochgeschichtet schon auf seinem Fahrradhänger liegt. Ein anderer ist auf der eigenen kleinen Scholle mit der Hacke unterwegs, derweil zwei Katzen in den hohen Mais verschwinden, die eine klein, die andere noch kleiner, und stillhalten dort unten bei den Stämmen, mit großen Miezenaugen. Von weiter vorne hört man kleines Applaudieren, so wie nach selbstgeschmiedeten Ansprachen bei familiären Festlichkeiten. Von der gepflasterten Wendeschleife mit ihrem brechend vollen Apfelbaum fällt der Blick auf einen mühlenlosen Mühlteich, über ein pittoreskes Feldsteinbrückchen verschwindet gerade ein anderes Heugespann in ein Stück Wald. Es ist, als wäre man in einen Film hineingeraten. Nicht in die Filmkulisse reingetappt, nein, wirklich in dem Film höchstselbst.

Buchenallee im Naturpark Wollup
Hainbuchenallee im Naturpark Wollup

Da es nun schon passiert ist, nutzen wir die Chance und kreuzen quer durch diese Handlung, die im farbenfrohen und klangfreudigen Kleid eines lieben Märchens vom Alltag auf dem Land berichtet. Am Fuße eines alten Gingkobaumes tummelt sich nah des Ufers eine kleine Entenherde, erstaunlich schweigsam. Wären sie im Gespräch, bestimmt würde man sie jetzt und hier verstehen können, die Entensprache. Wär in der Lage auch zu antworten.

Jenseits der Steinbrücke beginnt ein schattiger Park mit dichten Buchen, und alles ist durchzogen von Wasser und entsprechend vielen Brücklein, eine schöner als die andere. Tiefer im Wäldchen angeln Brüderlein und Schwesterlein mit ihren selbstgebauten Ruten, in schönster Harmonie. Das wohldosierte Licht, das die Wipfel bis zum Boden lassen, zeichnet die ganze Märchenwelt noch klarer und auch wärmer. Es ist bezaubernd.

Szenen aus dem Märchenfilm: Auf dem Fest
Szenen aus dem Märchenfilm: Auf dem Fest

Mittlerweile ist vom Fest Musik zu hören, vom Akkordeon. Aus schönen alten Weisen dieses Landstrichs kristallisiert sich dann eins später „Ich war noch niemals in New York …“ heraus und bereitet damit sanft die Phase Eins der Rückkehr in die Wirklichkeit vor. In Sichtweite des Herrenhauses treffen wir nochmals auf die Entenherde und streifen fast berührbar nah die in schönstes Bunt gewandeten Menschen rund um die Musik, als wären sie real.

Als wir vorbei sind, schütteln wir uns sanft und schauen nochmal zurück – jetzt stehen da auch lauter Autos, solche neuen Baujahrs und mit TÜV-Plaketten, voraus ein großer Kuhstall mit grauen Blechwänden, vorn auf der Straße quert ein hochmoderner Traktor – die Phasen Zwei und Drei greifen zugleich, und wir sind wieder zurück. Um eine unvergessliche Erinnerung reicher.

Szenen aus dem Märchenfilm: Brücklein im Walde
Szenen aus dem Märchenfilm: Brücklein im Walde

Wollup samt Domänengut – das es als solches schon über 500 Jahre gibt – muss einmal ziemlich bedeutend gewesen sein und ist es vielleicht noch heute – die Dimension der Rinderzucht ist eindrucksvoll, und die riesigen Gewächshäuser im Norden erklären die zahlreichen Mehrgeschosser am Dorfrand, auch wenn einige davon aktuell leer stehen. Hier werden im großen Stil Tomaten angebaut.

Übrigens: wie wir vom tüchtigen Herren mit der Sense beim kurzen Plausch erfuhren, geht seine Wagenladung auf direktem Wege als Futter für die Rindviecher aufs Gut. Und im Zusammenhang mit dem Märchen-Park fällt noch ein weiterer großer Name Brandenburgs: er wurde, wie schon gar nicht anders möglich, von Peter Joseph Lenné entworfen. Wird liebevoll Naturpark genannt, ein hölzernes Schild vorn an der Straße lockt mit gewisser Raffinesse dorthin.

Allee alter Eichen Richtung Spadille
Allee alter Eichen Richtung Spadille

Am Ortsausgang wartet nun als Radweg eine eindrucksvolle Allee jahrhundertalter Eichen, die schattig über Felder führt – durchaus willkommen, denn die Sonne brezelt kräftiger als angenommen. Mit nachgepflanzten kleinen Eichen endet dieser wunderbare Weg, kurz vor dem Gehöft mit dem schönen Namen Spadille. Der ruft einem nochmal die Hugenotten ins Gedächtnis, über die vorhin beim Anblick rotreifer Hagebutten schon gewitzelt wurde und die ja zum Oderbruch gehören wie Fritz, Lenné, Fontane und auch Schinkel zu Brandenburg. Fürs deutsche Ohr besonders klangvolle Ortsnamen dieser Art sind noch Beauregard und Croustillier, gelegen etwas nördlicher im Oderbruch.

Weg in Hörweite zur Oder und in Sichtweite zu Letschin
Weg in Hörweite zur Oder und in Sichtweite zu Letschin

In der Tradition dieses Tages führt der weitere Weg über stille Straßen und Sträßchen, schnurgerade selbstverständlich und gern mit Telegrafenmasten. Vorbei an Gehöften, kleinen Gartenzeilen und mitten auf dem Acker gelegenen Höfen, die sich alle per Taschenlampe gegenseitig Nachrichten morsen könnten. Ob das nun zeitgemäß ist oder nicht – so wie auch Telegrafenmasten – Spaß machen dürfte es nach wie vor, speziell wenn es möglichst heimlich geschieht.

Obst wächst hier keins mehr an der Straße, dafür sind von der nahen Oder jetzt die Kraniche zu hören, die ganz unweigerlich hierher gehören. Nach etwas Straße mit Verkehr empfängt am Ortseingang von Letschin die Straße der Jugend mit willkommenem Schatten. Hier reihen sich Garagen aneinander, die an der Hinterseite direkt Ausgänge in kleine Gärten haben, die Gemüse, Obst oder auch Hühner und deren Eier hervorbringen. Und mit Sicherheit ein schönes Plätzchen bieten für ein entspanntes Feierabendbier. Was jetzt auch unser Stichwort sein soll. Der lange Sonnenuntergang erwartet uns bereits.

 

 

 

Anfahrt (ÖPNV): mit der Regionalbahn über Eberswalde oder Frankfurt/Oder (2-2,5 Std.) bis Bhf. Letschin

Anfahrt (Pkw): entweder Landstraße über Werneuchen/Prötzel/Wriezen oder B1 über Müncheberg und Seelow (ca. 1,5 Std.) nach Letschin

Tourdaten: ca. 18 km, Abkürzungen möglich (Achtung: der Großteil der Wege verläuft auf hartem Belag, ggf. bei der Schuhwahl beachten)

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.letschin.de

http://www.evl-letschin.de (Eisenbahnmuseum Letschin)

http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1284656 (informativer Artikel über Wollup)

http://www.havelia.de (Tomatenanbau unter Glas)

 

Einkehr: Landhaus Treptow (ggbr. des Schinkelturms), Letschin
in Golzow (etwas südlich von Letschin) mehrere Einkehr-Möglichkeiten
an der B1 zwischen Seelow und dem Berliner Ring mehrere Einkehr-Möglichkeiten (z. B. Ulmenhof/Diedersdorf, Landgasthaus Jahnsfelde, Goldenes Lamm/Lichtenow, Alte Schule/Herzfelde)

Schönerlinde: Waldweide, Heide und die Ankunft des Herbstes

Es ist Einschulung in Berlin – alle Leute auf der Straße schauen feierlich und gehen etwas aufrechter als sonst. Ganz nebenbei ist nach Monaten mit sagenhaften Temperaturen und mittlerweile knirschender Ackerkrume der Sommer mit seiner Hitze wieder in die Sahara verschwunden und – damit kein Loch entsteht – umgehend der Herbst eingesprungen. Für so etwas wie Spätsommer scheint dieses Jahr nicht bereit zu sein.

Es ist September, und eine schöne Zeit steht jetzt bevor. Mit intensiven Düften, Farben in schneller Veränderung und reichen Nuancen sowie minutenschnellen Wetterwechseln, die für Lichtstimmungen sorgen, wie es sie nur im Frühherbst geben kann. Die ersten Regenschauer seit langem lassen die dürstende Botanik aufatmen und sorgen zugleich für Klarheit in der Luft und erste Dunstschwaden über eben noch besonnten Wiesen.

Pfad in der Waldweide
Pfad in der Waldweide

Schönerlinde

Es gibt direkte Nachbardörfer von Berlin, die gänzlich unerwartet mit Landschaften aufwarten, welche erstaunlich deutlich an weit Entferntes denken lassen. Oder wirken, als wären sie aus der Zeit und dieser Welt gefallen. Durchfährt man Schönerlinde, ein Nachbardorf vom schönen Französisch Buchholz und auch Buch, so sieht es aus wie eines dieser hübschen märkischen Dörfer und ähnelt anderen. Doch keine Viertelstunde von der Kirche lässt sich eintauchen in eine ganz besondere Landschaft.

Nach Osten führt eine Pflasterstraße im sanften Anstieg aus dem Dorf und entlässt auf einen hellen Weg, der über die Felder direkt zum Wald hin geht. Hier, nun für ein Stündchen wieder auf Berliner Stadtgebiet, beginnt ein weitläufiger, dicht gewebter Flickenteppich aus noch jugendlichen Waldstücken verschiedenster Art. Mal dicht mit rauschenden Weiden, licht mit schon höheren Birken oder mit der Anmutung einer schattigen Waldweide mit jungen Buchen, so klein noch, dass jemand auf zwei Beinen sich ständig bücken müsste. Doch sind diese auch als Weiden abgezäunt, mit wohlweislichem Hinweis auf Strom im Draht und freilaufenden Bullen dahinter. Beides scheint zu stimmen, zumindest hier und dort.

In der Waldweide-Landschaft zwischen Schönerlinde und Hobrechtsfelde

Der kräftige Wind dieses Septembertages schüttelt nicht nur alles durcheinander, was einen Wipfel hat und lässt wogen, was eher hoch- als breitkant ist, zudem vermischt er noch kräftig all die würzigen Düfte, die hier aufeinandertreffen. Die Goldrute hat jetzt ihre Hochzeit und sorgt für ganze Felder kräftig-dunklen Gelbs, und auch das meiste andere, was noch blüht, ist gelb und üppig, manchmal auch mannshoch oder deswegen ins nahe Gras gestrauchelt.

Zwischen diesen Waldpassagen liegen immer wieder offene Weiden für Pferde, Kühe oder Schafe, öfter auch Rodungen und anderes, was freien Blick gewährt. Durchzogen ist all das von einem nicht zu dichten und erfreulich regellosen Netz von Wegen für Rad und Fuß und Huf und wird Waldweide Hobrechtsfelde genannt. Dass dieses nicht nur schöner Name ist, sondern tatsächlich so genutzt wird, zeigt sich an den zahlreichen Weidezäunen unter Strom, teils mit Durchgängen für Freizeitler, ferner an gemütlichen Lagerhügeln und auch anderen Spuren von Weidevieh. Eine Landschaft jedenfalls, die man kaum auf Berliner Stadtgebiet und direkt hinter der Stadtgrenze erwarten würde.

Zu verdanken ist der hier entstandene Naturraum den einstigen Rieselfeldern, einem frühen und recht schlauen Prinzip der Abwasserklärung größerer Siedlungen, gewachsen auf dem Mist u. a. von Rudolf Virchow (indirekt) und James Hobrecht (direkt). Virchow vermied damit trotz des schnellen Wachstums der Stadt größere Gesundheitsgefahren und Hobrecht machte letztlich aus Gülle wieder Wasser – vor den Toren der Stadt. Das Ganze stank natürlich mörderisch, und das wohl über hundert Jahre, noch bis kurz vor der Wende. Für ganze Landstriche war dieses Aroma charakteristisch und galt im geflügelten Wort als „würzige Landluft“. Wer damals Kind war, hat das wohl heute noch sofort im Kopf, wenn er Vergleichbares riecht.

Typisches Haus in Hobrechtsfelde
Typisches Haus in Hobrechtsfelde

Die kilometerlange und –breite Waldheide mit ihrer vielfältigen und somit äußerst unterhaltsamen Erscheinung ist auch ein Paradies für solche, die gern breit gegrätscht im Sattel sitzen. Es gibt wunderschöne Reitpfade oft direkt neben den Rad- und Spazierwegen, so dass sich niemand in die Quere kommen muss. Wer zu Fuß durch die Heide streift, dem empfehle ich dennoch, öfter mal die Reitwege zu nehmen – sie laufen sich zwar etwas wackelig, doch führen sie tiefer in die Natur, sind pfadig und biegungsreich – und machen einfach erheblich mehr Spaß. Wenn Reiter kommen, ist Platz genug zum Ausweichen da.

Zum schnellen Wechsel in der Landschaft und dem Konzert des Windes da oben in den Bäumen, manchmal auch im Schilf hier unten, kommen heute noch die Wetterwechsel. Wie schon erwähnt, das Licht streicht intensiv über alles hier, wenn sich im Hintergrund kontrastierend blauschwarze Wände aufbauen oder die kräftige Sonne nach einem ebenso kräftigen Schauer alles glitzern lässt und lustvoll den Regler für die Farbsättigung hochdreht. Es ist einfach eine einzige Pracht, duftend und rundum intensiv.

Blick auf den Alten Getreidespeicher, Hobrechtsfelde
Blick auf den Alten Getreidespeicher, Hobrechtsfelde

Hobrechtsfelde

Gerade sieht es noch aus wie in einer mittelschwedischen Waldlandschaft, als hundert Meter voraus ein Auto von rechts nach links hirscht – an so etwas wie Straßen war gerade nicht mehr zu denken. Dennoch verläuft hier die schnurgerade Chaussee nach Hobrechtsfelde, benannt nach dem weiter oben erwähnten Ideenfinder und eigens im Herzen der Rieselfelder platziert. Die langgezogene Siedlung sieht nicht recht nach märkischem Dorf aus, Häuser und Grundstücke sind von einer Bauart, die sich für meinen Kenntnishorizont schwer zuordnen lässt. Charakteristische Häuser, gediegene Mauern davor und etwas abseits am Herz des Ortes ein eigenartiges Turmgebäude, das nicht klar verrät, ob es Ruine ist oder nicht. Und in den Bann zieht.

Dabei hilft noch ein Schild zum Imbiss, der am Wochenende geöffnet sein soll – ein Käffchen wäre jetzt wirklich schön. Der kurze Abstecher führt vorbei an Pferdekoppeln zu einem schönen Spielplatz, direkt benachbart dem turmigen Haus. Hier werden gerade die allerschönsten Einschulungsgeschenke verteilt, solche, die keinen Strom brauchen und garantiert niemals vergessen werden. Ein Opa hat sein Enkel auf ein besonders kleines Pony gesetzt, das man sich hier ausleihen kann, und führt es jetzt mit bedächtigem Großvaterschritt in die Waldheide mit ihren herrlichen Hufwegen. Die behelmten Lütten sitzen andächtig auf dem warmen Rücken, sicherlich mit einer schönen Mischung aus Freude und Skepsis. Doch von der Schuhsohle bis zum Boden ist es nur circa Einkäsehoch – die Skepsis wird sicherlich bald weichen.

Das schönste Geschenk zur Einschulung, Hobrechtsfelde
Das schönste Geschenk zur Einschulung, Hobrechtsfelde

Wir kommen zum erhofften Heißen, Kuchen gibt es nicht, aber sowas wie Rumkugeln. Als ich danach frage, erzählt der kernige Bursche hinter der Bedientheke, das sind quasi „besonders feine Rumkugeln“, die Energy Balls heißen und nur die besten Zutaten aus den Rubriken Trockenobst und Nüsse/Samen/Kerne enthalten. Hätte man schon ein Bierchen oder zwei Likörchen intus, würde einem zum Begriff Energy Balls mit Sicherheit viel Lustiges einfallen. Er gibt mir die milde Warnung mit auf den Weg, dass ihm beim Sesam die Hand ein bisschen ausgerutscht ist und dadurch die Walnuss geschmacklich vielleicht etwas verdrängt wird. Doch der Sesam respektiert die Verdrängungsgrenze, kleine beißbare Schokoladenstücken in all dem gesunden und feinen Drumherum sorgen für erhöhte Gaumensympathie, und wir zehren neben dem Genuss zum Kaffee in der darauffolgenden Stunde von einer Extraportion Durchhaltevermögen.

Das markante Gebäude übrigens ist nicht ruinös und diente einst als Getreidespeicher für das Gut, in dem die Getreideernte mit hoher Raffinesse getrocknet werden konnte – mittels durch die Luft rieselnden Korns. Später wurde der Speicher parallel auch als Wasserturm genutzt. Überall um ihn herum trifft man auf alte Schmalspurgleise, über hundert Jahre alt und teils kaum noch zu sehen, versunken im märkischen Staub. Welche die leicht entrückte Atmosphäre dieses besonderen Ortes noch gut unterstützen. Auch der heutige Rad- und Fußweg entlang der Chaussee verläuft auf einer alten Trasse der Feldbahn, die viele Arbeiten auf dem Gut erheblich erleichtern sollte und das wohl auch tat.

In Hobrechtsfelde
In Hobrechtsfelde

Durch eine passierbare Pforte verlassen wir das Ortsgebiet in die östliche Waldweide und müssen nun aufs Neue mit freilaufenden Bullen rechnen, konkret aber auch mit schöner Steinkunst am Weg und einladenden Rastbänken. Das relativiert die Warnung etwas, wenn auch der Blick geringfügig wacher bleibt als sonst. Die ersten Schauer sind jetzt eingetroffen und sorgen für das Zücken der Schirme und eine kurze Luftwäsche. Nötig gewesen wäre das nicht, doch schön ist es allemal, wenn alles gleich noch etwas stärker duftet.

Auf dem Druckrohrweg, bei Schönow
Auf dem Druckrohrweg, bei Schönow

Der aktuelle Reitpfad verpasst den Schuhen eine gründliche Außenreinigung, auf dem breiten Druckrohrweg können sie wieder etwas trocknen. Voraus baut sich vor der sonnenhellen Botanik eine imposante Wand aus tiefem Blau aus, doch ein wenig dürfte es noch dauern. Ein folgender Schauer fällt warnend schon etwas kräftiger aus, kommt mit Seitenwind und empfiehlt daher den Schutz einer Baumkrone. Was gegen nasse Hosenbeine hilft.

Schönow

Glatter Boden unter den Füßen ist auch mal wieder schön, ein paar hübsche Häuser und Gärten gibt es zudem zu sehen. Ein Schleichpfad gewährt in gebückter Haltung den umweglosen Durchlass zur Landstraße und damit zum Südrand der Schönower Heide, ein weiterer Pfad lässt direkt ein. Sofort wird es sandig, und wie erhofft leuchtet gleich das erste Büschel Erika in voller Blüte, etwa so groß wie ein zusammengerolltes Pony. Das wird zum Blickfang einer Pause direkt auf Sand, in der die Sonne strahlt und wärmt. Etwas rechts verläuft eine wunderschöne, breite Birkenallee aus unbekannten Gründen.

Madame Calluna Vulgaris in schönster Blüte und aus der Mistkäferperspektive, Schönower Heide

Wir stoßen auf den Heidepfad, den ausgeschilderten und breiten, der entlang eines Zaunes sofort in die Vollen geht. Links und rechts des Weges blüht flächendeckend die Heide, rechts tut sie das hinter dem Zaun des Wildgeheges, was auf Sichtkontakt mit Tieren hoffen lässt. Kurz vor dem kleinen Aussichtsturm, der leicht im starken Winde ächzt, bietet sich ein fast vollkommenes Bild mittel- bis nordskandinavischer Tundra. Zwei kapitale Hirsche schlendern am Ufer eines kreisrunden Weihers entlang, unter sich die blühenden Kissen des Heidekrauts. Mufflons, Rehe und die anderen sehen wir leider nicht, doch einige von ihnen sicher uns.

Die dunkle Wand hat freundlicherweise noch bis hier gewartet, die Hirsche konnten trocken abgelichtet werden und ohne Hektik, doch jetzt ist es nur recht und billlig, dass es plötzlich losbricht – und diesmal auch ernst meint. Nun rächt sich meine Nichtbereitschaft, die Regenhose heut schon einzupacken, denn der Schirm deckt nur den Oberkörper ab. Auch Baumschutz hilft nur wenig, es kommt einfach zu seitlich. Und ein schnelles Ende, sprich Licht am Horizont, ist dieses Mal nicht auszumachen.

Tundra im südlichen Lappland (oder Schönower Heide)
Tundra im südlichen Lappland (wahlweise: Schönower Heide)

Pragmatische Wegwahl verschafft etwas Wetterschutz, und wir erreichen mit nassem Hosenbein und klatschnassem Schuh den Radweg entlang der Landstraße, wo es nun direkt von vorne prasselt. Doch beim Abzweig nach Hobrechtsfelde ist auch dieser Regen alle, das nenne ich Glück.

Der Radweg zweigt nach rechts ab in eine Allee, die bis zum Waldrand vor Schönerlinde eine Lindenallee sein wird, also fast eine Stunde lang. Die Sonne strahlt, als wäre nichts gewesen, doch die Landschaft trieft und dampft. Einige Kühe schauen trotz ihrer langärmligen Lederjacken grimmig drein, von hinterm Zaun, nur gut. Am geladenen Zaundraht hängt ein Schild, darauf steht „Power-Zaun“. Das lässt an die Energy Balls denken, die es keine zehn Minuten von hier gibt. Doch deren Wirkung hält noch an.

Lange Lindenallee nach Schönerlinde
Lange Lindenallee nach Schönerlinde

Der schnurgerade, sehr direkte Weg nach Schönerlinde könnte trotz aller Naturnähe langweilig sein oder, freundlicher gesagt, meditativ. Das ist er aber nicht, da auch jetzt alle paar hundert Meter die Art des Waldes oder der Weide wechselt, das Auge stets was Neues zu entdecken hat. Zwischendurch lassen die Schilderbäume darüber staunen, dass sich an manchen Stellen drei Bahnhöfe der Berliner S-Bahn in gut erreichbarer Entfernung befinden.

Die Wolken meinen es gut, bis die Kirche von Schönerlinde erreicht ist. Die Beine miezen schon, da die letzte Stunde doch eher ein Lauf gegen die Zeit war als reiner Spaziergenuss. Hose und Schuhe sind wieder halbtrocken, der nächste Schauer hängt oben schon bereit und die Stadt, das Ziel ist nah. So nah, wie eine Druckleitung vom Stadtherz bis zum Stadtrand lang ist. Gut, dass es Menschen wie James Hobrecht gab.

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Schönerlinde, stündlich ab S-Bhf. Karow
alternativer Zugang von S-Bhf. Zepernick (ca. 1,5 km Zuweg zur Tour)

Anfahrt Pkw (von Berlin):
A114 (Stadtautobahn), Ausfahrt Schönerlinder Straße oder einfach über Französisch Buchholz nördlich Richtung Wandlitz bis Schönerlinde

Tourdaten: Länge ca. 16 km, Teilung bzw. Abkürzung sehr gut und vielfältig möglich

 

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6nerlinde

http://agrar-hobrechtsfelde.de/

http://www.gut-hobrechtsfelde.de/

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/natur_gruen/naturschutz/schutzgebiete/de/pflege_entwicklung/beweidung/hobrechtsfelde.shtml

Schönower Heideverein

Einkehren:

Zum eisernen Gustav, Französisch Buchholz (sehr gemütlich, hervorragendes Essen, freundlicher Service)
an den S-Bahnhöfen Röntgental und Zepernick gibt es Restaurants und Cafés

Grobskizziert: Berliner Spaziergang – Volkspark Wilmersdorf und Gleisdreieck

An heißen Tagen muss niemand unbedingt die Stadt verlassen, um sich schattig durch die Natur zu bewegen – Berlin bietet eine ganze Menge grüner Korridore, die ganz nebenbei enorm abwechslungsreich die Vielfalt der Stadt zeigen. Selbst alte Hasen im Kreuzen durch die weiten Stadtgebiete und auch sonstige Kenner bekommen hier immer etwas zu staunen, immer etwas Neues oder Unerwartetes, oft auch gänzlich Unerwartetes. Obendrein besteht mittels Bahnhöfen und Haltestellen alle paar Viertelstunden die Option, den Spaziergang zu beenden – zum Beispiel, wenn es gerade am schönsten zu sein scheint. Vielleicht auch die Beine lahm sind oder ein schattiger Biergarten lockt.

Fennsee nahe des Heidelberger Platzes
Fennsee nahe des Heidelberger Platzes

Einer dieser Spaziergänge zum Beispiel quert auf durchweg sympathischen Wegen fast einmal den S-Bahn-Ring. Um die Ecke vom Heidelberger Platz in Wilmersdorf liegen wirklich tief eingeschnitten zwei wildromantische Teiche mit glasklarem Wasser und eröffnen den zwei Kilometer langen Grünzug des Volksparks Wilmersdorf, der sich weitaus länger anfühlt und dabei durchzogen ist von großen und kleinen Wegen, zudem großzügig gefüllt mit schattigen alten Bäumen und großen Spielplätzen.

Bunte Rabatte im Volkspark Wilmersdorf
Bunte Rabatte im Volkspark Wilmersdorf

Das östliche Ende dieses Parksteifens stimmt fast etwas feierlich – hier befindet sich eine Art Kurpark mit bescheiden prächtiger Wandelhalle und einem stattlichen Springbrunnen. Doch wird in der Wandelhalle nicht schlurfenden Schrittes gekurt, sondern es halten hier U-Bahn-Züge mit einem der wohl schönsten Bahnhofsausblicke der Stadt. Diese fallen wahlweise auf den Ententeich oder auf das Wiesenrund mit dem erwähnten Brunnen, wo auch gerne Hochzeitsfotos geschossen werden. Denn direkt nebenan befindet sich das Rathaus Schöneberg, das zur Zeit der Wende als Westberliner Regierungssitz fast täglich in den Nachrichten zu sehen war.

Kurpark und Wandelhalle in Bad Lippspringe (ach nee, U-Bhf. Rathaus Schöneberg)
Kurpark und Wandelhalle in Bad Lippspringe (ach nee, U-Bhf. Rathaus Schöneberg)

Nach ein paar Metern lauter Schöneberger Hauptstraße und mehreren kleinen Parks liegt der unauffällige Kleistpark eindrücklich eingerahmt vom ebenfalls historisch bedeutsamen Kammergericht und zwei derzeit vernachlässigten Säulengängen, vor denen rote Rosen ranken.

Kleistpark mit Kammergericht
Kleistpark mit Kammergericht

Nicht weit davon in der Crellestraße findet jeweils mittwochs und sonnabends ein türkisch geprägter bunter Markt statt, gänzlich ohne Touristengewimmel, dafür duftend, laut und echt.

Crellemarkt am Bhf. Yorckstraße, Südausgang
Crellemarkt am Bhf. Yorckstraße, Südausgang

Nicht viel weiter gibt es unterhalb der Monumentenbrücke einen neuen Spielplatz mit feinstem Sand und Strandkörben sowie einem kleinen Gebirgsmassiv – und auch der ist umgeben von alten, zugewachsenen Gleisen.

Spielplatz unter der Monumentenbrücke
Spielplatz unter der Monumentenbrücke

Gegenüber verläuft ebenfalls auf neuen Wegen der Fernradweg Berlin – Leipzig und eröffnet an einem versteckten Biergarten von Süden her das neu gestaltete Gelände rund ums Gleisdreieck. Der „Park am Gleisdreieck“ wurde Mitte 2013 eröffnet und von den Berlinern scheinbar umgehend ins Herz geschlossen – so viel Platz, Freizeit-Angebot und offene Weite im innersten Herzen der Stadt dürfte es nur selten geben. Sowohl für alle auf Rädern oder Rollen als auch für Fußgänger. Das Beach 61 bietet knapp 50 Felder für Beach-Volleyball an, nachts auch beleuchtet.

Im südlichen Park am Gleisdreieck
Im südlichen Park am Gleisdreieck

Die benachbarten Viadukte der U-Bahn-Linien 1 und 2 geben dem nördlichen Stück eine spezielle Würze, die ein bisschen an New York denken lässt oder an die Wüste des Potsdamer Platzes kurz nach der Wende, mit den Polenmärkten und der durch und durch viaduktenen Magnetbahn obendrüber. Kaum noch vorstellbar, dass es die tatsächlich einmal gab.

Im nördlichen Park am Gleisdreieck
Im nördlichen Park am Gleisdreieck

Nachgerade klassisch geht es weiter, zunächst über den Potsdamer Platz. Ein faszinierendes Stück Stadt, dass nach wie vor ein von oben hineingestellter, netter Fremdkörper zu sein scheint, nicht aber ein Teil von Berlin. Dann durch die Oase des Tiergartens und vorbei am Reichstag mit seiner immerwährenden Schlange für die Kuppelwilligen. Die fällt heute vergleichsweise moderat aus, da die Glaskuppel in diesen glutheißen Tagen effektiv die vorhandene Hitze potenziert.

Am grünen Strand der Spree, gegenüber des Hauptbahnhofs
Am grünen Strand der Spree, gegenüber des Hauptbahnhofs

Die krumme Zielgerade findet sich schließlich entlang der Spree mit ihrem erfrischenden Klima bis zum Hauptbahnhof, der sich hier um die Flusskurve schmiegt. Zuletzt kommt man vorbei an endlosen Herden einladender Uferliegen, deren entspannt hängende Stoffbahnen von passender Clubmucke ganz leicht in Schwingung gebracht werden, mehr jedoch von der leichten Brise, die hier am Wasserdreieck von Fluss und Kanal entsteht. Ein guter Platz, jetzt und hier Schluss zu machen und auf irgendeine schöne Weise zu verweilen.

 

 

 

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Brieskow-Finkenheerd: Wechselbäder, Oderweiten und der Kanal an der Schlaube

In seltenen Fällen kommt es vor, dass ein Tag von starken Kontrasten bestimmt ist, gewissermaßen über Stunden ein intensives Wechselbad grundverschiedener Eigenschaften bietet. Diese können die Landschaft, aber auch die durch sie erzeugte Stimmung betreffen. Spannend ist das immer, und manchmal bringt es Durststrecken für die Augen oder Beine mit sich. Doch der nächste Wechsel kommt bestimmt.

Müllrose

Durch den milden Sommertag stoßen wir weit gen Osten vor und erreichen schließlich Müllrose, ein hübsches Städtchen am Wasser etwas südwestlich von Frankfurt an der Oder. Eines der am meisten pittoresken Bachtäler in Brandenburg ist das der Schlaube. Diese pausiert hier im Großen Müllroser See und lässt sich nach Passieren der eindrucksvollen Mühle auf ein Techtelmechtel mit einem betagten Kanal an, der die zutiefst romantische wildnatürliche Schönheit des Schlaubetals auf seine eigene Weise aufgreift. Sehr erfolgreich und nahezu ebenso einzigartig.

Ernst-Thälmann-Straße in Finkenheerd
Ernst-Thälmann-Straße in Finkenheerd

Nach der Anfahrtspause am Müllroser Markt führt ein verträumtes Sträßchen durch stille Dörfer, die teils ineinander übergehen. Dabei umspielt die Straße den Kanal, dass es fast schon liebevoll wirkt. Wenn man all das mit etwas Muße unter die Lupe nimmt, kann man es ihr nicht verübeln.

Brieskow-Finkenheerd

Vorbei an zahlreichen Höhenstufen ist über Schlaubehammer und Groß Lindow bald Brieskow-Finkenheerd erreicht, ein odernahes Stadtdorf mit zwei Bahnhöfen und einer eigentümlichen Ausstrahlung. In den meisten Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Leben hier von einem Heizkraftwerk bestimmt. Diesem sind paradoxerweise auch die beiden bezaubernden Seen Helenesee und Katjasee zu verdanken, ehemalige Tagebaue, die ein paar Fahrradminuten westlich liegen und so klar wie tief sind.

Haus am Kanal am Rand von Brieskow-Finkenheerd
Haus am Kanal am Rand von Brieskow-Finkenheerd

Brieskow liegt direkt am Kanal und ist als Dorf noch zu erkennen. Finkenheerd, seinerzeit nur kleines Anhängsel von Brieskow, erweckt den Eindruck einer durchgeplanten Zweckanlage und scheint schnell in die Größe gewachsen zu sein, vielleicht zu schnell. Es wirkt ein wenig wie eine kleine Ausführung gelungener sozialistischer Planstädte mit ihren durchdachten Straßenzügen und sorgsam eingefügten Grünflächen, doch wurde offenbar nicht daran gedacht, entlang der Straßen Bäume zu pflanzen. Das geht auf Kosten der Behaglichkeit. Bedingt sicherlich auch durch die Nachwendezeit wirkt die Bausubstanz uneinheitlich und wenig aufeinander abgestimmt.

Finkenheerd liegt auf einem kleinen Hochplateau und ist mittlerweile vielfach größer als Brieskow selbst, beide gehen nahtlos ineinander über, und irgendwie fehlt dadurch eine Mitte, ein Kern oder ein Kiez. Eine schnurgerade Straße führt sachlich und von hohen Laternen gesäumt einmal von Nord nach Süd, unterbrochen nur durch den kleinen Kreisverkehr, an dem eine gut gepflegte Bergbau-Lok mit drei Loren als Denkmal vergangene Zeiten wachruft.

Schwanenfamilie auf dem Kanal, Weißenberg
Schwanenfamilie auf dem Kanal, Weißenberg

Hinter den letzten Häusern fällt die Straße spontan ab und durchquert einen kleinen Grünzug. Unterhalb des Weges liegt noch einmal etwas tiefer ein von Seerosenblättern bedecktes Wasser, vermutlich ein Kanal. Kurz darauf durchschreitet man an einem rostigen Tor zum Gelände des Heizkraftwerkes eine Art Weltenschleuse und geht nun auf einem Radweg entlang dieses Kanales, inmitten tiefster dichter Natur, grün und nochmal grün. Als sollte der Mangel an Bäumen jetzt mit einem Mal ausgeglichen werden. Okay, akzeptiert.

Hindurch unter der Bahnbrücke mit ihrer historischen Ausstrahlung, hier verkehren die Züge zwischen Frankfurt an der Oder und Eisenhüttenstadt, wahlweise auch weiter bis nach Cottbus an der Spree. Eine neue Umfahrung des Ortes entlang der Bahn ist in Arbeit und macht einen soliden Eindruck. An der Landstraße wechseln wir an einer alten Schleusenkammer auf die andere Kanalseite und lesen, dass das hier der Friedrich-Wilhelm-Kanal aus dem 17. Jahrhundert ist, damals die allererste Verbindung zwischen Oder und Spree.

Altes Schleusentor bei Weißenberg
Altes Schleusentor bei Weißenberg

Der relativ flache Kanal bietet ein Bild höchster Industrieromantik, die hier auf Kilometern Länge direkt mit Naturromantik verschmilzt. Die flachen Böschungen der Ufer sind üppig bewachsen, das Kanalwasser tiefschwarz und dabei glasklar. Der Grund ist flächendeckend lose bewachsen von verschiedensten, durchweg sympathisch wirkenden Wasserpflanzen, nicht also von schlierigen Algen und dergleichen. Man ist gewillt, sich direkt ans Ufer zu knien und ohne Hilfe der Hände einen Schluck zu nehmen. Allein eine dieser Stellen hier am Kanal wäre schon die lange Anreise wert gewesen – die weiten Flickenteppiche des See- und Teichrosenslaubs mit ihren eingestreuten Blüten in Gelb und Weiß steigern noch die Ruhe, die der Kanal ohnehin schon ausstrahlt.

Die kleine Straße hier am südlichen Ufer ist zum Teil mit schon größeren Bäumen bestanden, die Wurzeln zapfen vermutlich direkt aus den Kanal. Stellenweise schlagen auch wieder baumlose Phasen durch und erinnern an den Beginn der Tour, doch der gleich rechts liegende Kanal macht das locker wett. Bei Weißenberg passieren wir die dortige Schleusenkammer, eine von den wenigen, die noch nicht aufgefüllt oder teilaufgefüllt ist. Das Wasser fällt hier noch die Höhenstufe herab, träge zwar, doch auf jeden Fall eindrucksvoll. Die Flügel des Schleusentor sind faktisch geschlossen, in der Tat sind einige der diagonal verbauten Hartholzbohlen über die Jahre oder Jahrhunderte weggemorscht und ergeben ein liebenswert-morbides Bild – es ist eines meiner Lieblingsfotos, schon seit Jahren.

Nordwand der Klixmühle
Nordwand der Klixmühle

Auf der anderen Seite liegt in Weißenberg der Sportplatz, wo jedes Jahr im August das Open Air Groß Lindow stattfindet, dieses Jahr zum 19. Mal. Dann reisen hier immer zich Leute mit Zelten an, viele davon gleichermaßen bärtig und bäuchig, und lassen sich durch die Musik in schwelgerische Stimmung versetzen an diesem schönen Ort zwischen Wald und altem Kanal. Vor einigen Jahren war als größter Name Mungo Jerry plakatiert, dessen entscheidender Hit „In the summertime“ auch heute noch weltweit geläufig ist. Nicht das schwül-sehnende „… in the Summertime …“ im Refrain (das waren The Kinks mit „Sunny afternoon“), sondern das stampfend-rollende gleich in der ersten Zeile des Liedes. Beide britisch und nur vier Jahre auseinander liegend, das ältere fast 50 Jahre alt. Mungo Jerrys Frontmann Ray Dorset war äußerst markant durch seinen fast kopfumschließenden kugelrunden Helm aus dichter Afrowolle, der aus heutiger Sicht ein von Herzen kommendes Lächeln verursacht. Naja, jedenfalls hatten wir damals ein paar Takte vom Soundcheck mitbekommen und natürlich auch die entscheidende Zeile. Und das blieb irgendwie prägend als Erinnerung an Groß Lindow.

Klixmühle

Der nächste Uferwechsel folgt an der Klixmühle, einst eine Sägemühle, deren Ruine noch klar vermittelt, wie schön das Ensemble mal aussah. Das Gemäuer rund ums Mühlrad ist noch vollständig erhalten, doch das Wasser der Schlaube stürzt jetzt ungehindert eins tiefer.

Kanalverbreiterung an der Klixmühle
Kanalverbreiterung an der Klixmühle

Hinter der Mühle weitet sich das Kanalwasser zu einem länglichen See, der sogar über eine Insel verfügt. Fast alles ist von den großen festen Blättern der Seerosen bedeckt, so dass die zahlreichen Enten nur im zarten Dauerslalom vorankommen. Was ihrer entspannten Ausstrahlung nach jedoch auch mit Lustgewinn einhergeht. Ein schattiger Spazierweg liegt unterhalb des nördlichen Uferhanges, gegenüber grenzen die Wiesen riesiger Grundstücke ans Wasser, und einige dort haben diese Chance angemessen genutzt.

Groß Lindow

Im Herzen von Groß Lindow liegt eine weitere Höhenstufe des Kanals. Die alte Schleusenkammer ist komplett mit Erde aufgefüllt, doch aus der Wiese ragen knöchelhoch noch die alten, abgerundeten Mauern des Schleusenbeckens heraus – ein Anblick von zurückhaltender Eindrücklichkeit. Heute lässt sich hier sehr schön eine Rast einlegen. Oben quert die Landstraße und führt vorbei am Gasthaus mit seiner schönen kleinen Außenterrasse  den Wasserlauf. Auf dem breiten Kanalsee liegt ungemein pittoresk die Treidelfähre, ein zauberhafter alter Kahn, der nirgendwo schöner aussehen könnte als genau hier. Das lange Gefährt legt am Wochenende und auch an den Tagen davor zu Fahrten auf dem Friedrich-Wilhelm-Kanal ab, auf denen niemand hungern muss.

Weg entlang des Friedrich-Wilhelm-Kanals, Groß LIndow
Weg entlang des Friedrich-Wilhelm-Kanals, Groß LIndow

Ein paar Höhenmeter weiter oben steht eine enorm alte Linde, vielleicht die namensgebende für den Ort. Ein wahres Spinnennetz von Abspanngurten ist in der knorrigen Krone entstanden und gibt alles, um den Riesen im Gleichgewicht zu halten. Etwas daneben befindet sich die kleine Kirche des Ortes, der Platz dazwischen ist schön gepflastert worden. Vorbei an steinigen Gärten verlassen wir Groß Lindow durch eine kühle Waldsenke, wohltuend mittlerweile, denn der Tag hat an Sommerwärme zugelegt. Vorbei an Bungalow-Siedlungen mit wohlklingenden Namen führt die Straße in den Wald, lichter Kiefernwald mit dem entsprechenden Duft, einem zutiefst märkischen. Etwas Wind geht durch die Stämme, ein paar Zapfen knacken unter den Sohlen und die obligatorischen Ameisenkolonnen verrichten ihr Tagewerk. Links im dichten Wald schlängelt sich die Schlaube durch das Unterholz, doch das weiß nur, wer auf die Karte schaut.

Rechts öffnet sich eine Lichtung, die gänzlich einer Handvoll Pferde zur Verfügung steht. Einige tragen knöchellange Mäntel in hellem Grau, vielleicht eine Reha-Maßnahme. Alle scheinen sich hier wohlzufühlen. Ein sandiger Weg führt zwischen wetterblondierten Weidezäunen zu einem Gehöft, das recht beiläufig die Lichtung beendet, bevor erneut die Bahn unterquert wird. Direkt davor steht ein Stück nagelneue breite Straßenbrücke, einsam noch und ausschließlich gradlinig, doch großartig in Szene gesetzt durch orangene Baufahrzeugboliden und blauweiß-zerfaserten Himmel. Wie der maßlos übertriebene Buddelkasten eines verwöhnten Jungen, der nie etwas zu Ende buddelt. Wie aus Trotz ist die Bahnunterführung besonders rundbogig und gemauert aus gebrannten Ziegeln, ewig haltbaren.

Treidelkahn in Groß Lindow
Treidelkahn in Groß Lindow

An der eilig befahrenen Bundesstraße schickt ein Rocker auf seinem Bike ein klares Kompliment an eine Blondgelockte zu Fuß, indem er die Auspuffklappe kurz öffnet und es zwei Sekunden rüpelig knattern lässt. Schnell rüber und gleich wieder in den Wald eingetaucht, vorbei an einigen Häusern in fast etwas spektakulärer Hanglage. Von oben auf der Anhöhe klingt es so, als ob ein schöner alter Dampfer heißen Dampf durch seine heulende Pfeife jagt.

Kurz darauf öffnet sich voraus die Landschaft in berauschende Weite. Was aussieht, als ob weiter hinten die See ihre Wellen anbranden oder von mir aus auch die Wattwürmer ihre vergänglichen Löcher in den Fußboden bohren lässt, sind die entwässerten Flächen einer Art südlichen Oderbruchs. Große Teile davon sind Totalreservate, grenzend an einen Oderstrand, dessen Linie an diesen Stellen besonders verspielt ist.  Als wir am Waldrand unterhalb des Hanges abbiegen, klärt sich der Dampfer von eben – oben gibt es eine Kuhwirtschaft, von wo der Ton entstammte. Wo die Kuh das wohl gelernt hat …

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Pferde auf der Waldlichtung

Wiesenau

Vorbei an weiteren Ställen für Tiere mit Wolle und auch Ringelschwänzen erreichen wir Wiesenau. Auch hier gibt es kaum Straßenbäume, so dass der Verdacht kommt, dass es dafür einen guten Grund geben muss. Vielleicht hat es mit der Flutgefahr zu tun. Das Gasthaus hat gerade geschlossen, sonst wäre jetzt ein guter Zeitpunkt für ein kühles Getränk. Stattdessen legen wir am Denkmal hinter der Kirche eine schattige Pause für die müden Beine ein.

Im Storchennest am Ortsausgang versuchen sich drei schon ausgewachsene Neustörche mit dem wenigen Platz im Nest zu arrangieren und wissen nicht, wohin mit den großen Schnäbeln. Diese und auch die Beine sind noch grau, rote gibt es erst nach der Jugendweihe. Am Ortsrand kommen uns leise schnatternd vier verschiedenaltrige Mädels entgegen, das kleinste hoch auf einem Pferd und alle etwas rosa angezogen.

Einsame Überführung im Sande
Einsame Überführung im Sande

Was jetzt kommt, lässt sich je nach Betrachtungswinkel als eine der oben erwähnten Durststrecken betrachten. Oder als meditativer Einschub. Oder als Gelegenheit, mal schön auszuschreiten. Mit müden Beinen fällt die Entscheidung zwischen den Optionen schwer, letztlich siegt der Genuss der Weite. Gut drei Kilometer führt die vor uns liegende Straße jetzt schnurgeradeaus Richtung Oder, und theoretisch könnte man den Geist aus und den Autopiloten einschalten und wahlweise ein Schläfchen einlegen. Doch viel zu schön ist die Suche am Horizont nach Kirchen am polnischen Ufer voraus und dem gewaltigen Hochofen von Eisenhüttenstadt im Süden. Viel zu angenehm auch das Rauschen in den hochgewachsenen Pappeln, die allein dadurch ein Gefühl der Erfrischung ins Spiel bringen. Fast kein Auto ist unterwegs und man hat hier nichts auszustehen. Weit voraus lässt die Wärme die Luft über der Straße flirren und nicht daran zweifeln, dass dort die Prärie liegen muss.

Blick auf Wiesenau
Blick auf Wiesenau

Schön ist es dann doch, als wir am verschlafenen und seltsamerweise froschlosen Freiwasser links abbiegen und es nun schottrig unter den Füßen knirscht. Tatsächlich fließt das pflanzenreiche Gewässer ein wenig, wie sich am folgenden Wehr herausstellt. Die Felder hinterm anderen Ufer sind schon abgeerntet und stoppeln schwedenblond, links des Weges ist der Raps herangereift und bietet unzähligen Vögelchen Jagdrevier, Versteck und Spielwiese. Hinter einem kleinen Wald wiegt sich eine strohleuchtende Wiese im trägen Wind, aus der Hörner herausragen. Da muss sie wohl recht hoch sein, diese Wiese. Oder die Ziegen an den Hörnern kurzbeinig. Eine letzte Holunderblüte reckt sich halb gen Himmel, und auch ein später Kuckuck ist noch zu vernehmen.

Piepmatz im Raps
Piepmatz im Raps

Nach Verlassen des Freiwassers führt eine junge Lindenallee direkt auf den hinteren Oderdeich zu, der beachtlich hoch ist. Am Schöpfwerk angebracht ist eine dieser Marken, die zeigt, wie hoch das Oderwasser vor 18 Jahren stand. Und lässt den Mund offenstehen. Doch vorstellen kann man sich die Dimensionen trotzdem nicht. Wahrscheinlich nur, wenn man es selbst gesehen hat.

Ein kleiner Schleichweg führt hinauf zur Straße. Die Fisch-Gaststätte hier ist eher für die Mittagszeit gedacht und hat leider schon geschlossen. Doch auf der Hinfahrt fiel ein Schild auf, nur ein paar Dörfer weiter. Also schnell zurück zum Ausgangspunkt und dann direkt dort hin, auf der schönen stillen Straße. Hinter Groß Lindow kommt gleich Weißenspring und hier die Gaststätte mit dem schönen Namen „Zum kühlen Strande“, der nichts verspricht, was er nicht halten würde.

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Entlang des Freiwassers nach Brieskow

Was wir jetzt brauchen, all das finden wir an diesem Ort und noch weit mehr – hinten die Terrasse liegt in einem schönen Garten, mit breiter Feldsteintreppe hinab zur Uferwiese am Kanal. Der blaue Erntetrecker gegenüber ist noch immer tüchtig, das Wasser des Kanals so klar und schwarz wie schon den ganzen Tag und dort am flachen Grunde tummeln sich die Abendfische.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Frankfurt/Oder nach Brieskow-Finkenheerd/Kraftwerk (knapp 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin):
(ca. 1,5 Std.) reizvoll über Müllrose: Autobahn Richtung Frankfurt/Oder, Ausfahrt Müllrose, dann in Müllrose am Kanal links und gleich wieder rechts auf die Landstraße Richtung Brieskow-Finkenheerd (viele Parkmöglichkeiten im Ortsgebiet);
direkt: Autobahn Richtung Frankfurt/Oder, Ausfahrt Frankfurt/Oder Mitte, dann Richtung Eisenhüttenstadt

Tourdaten: Länge ca. 20 km, Teilung bzw. Abkürzungen gut möglich

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.muellrose.de/

http://www.brieskow-finkenheerd.de/

https://de.wikipedia.org/wiki/Kraftwerk_Finkenheerd

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich-Wilhelm-Kanal

www.youtube.com/watch?v=yG0oBPtyNb0
(Mungo Jerry – In the summertime (Video))

Einkehrempfehlung:
Zum kühlen Grunde, Groß Lindow OT Weißenspring (gemütliche Gaststätte mit herrlichem Garten hinten zum Kanal raus, gutes Essen, faire Preise)(Tel. 033609/876)

Die Backofenhitze, Eichhorst und der Werbellin

Was tun an Tagen, an denen man am besten vollkommen still halten sollte, ganz gleich ob drinnen oder irgendwo im Freien? Wo die Sonne ungebremst vom Himmel brennt, die Asphaltfugen in den Wegen schmelzen und die Luft direkt neben dem Schatten fast schon glüht?

Darauf bieten sich zwei einfache Antworten: still halten, ganz gleich ob in der Wohnung, in kühlwindigen U-Bahn-Stationen oder an einem schattigen Platz im Park, oder die großzügigen Gegebenheiten Brandenburgs nutzen und sich möglichst schattig in der Nähe eines Sees herumtreiben. Brandenburger und Berliner sind in dieser Hinsicht sehr verwöhnt – was es hier zu Dutzenden gibt, und was damit ganz normal scheint, ist in anderen Bundesländern als Einzelstück ein ganzes Wochenende wert und meist auch dementsprechend überfüllt.

Bäckermeister am Feldsteinbackofen, Danewitz
Bäckermeister am Feldsteinbackofen, Danewitz

Also die Tour dementsprechend gebaut, dazu noch etwas kleiner und mit reichlich Abkürzoptionen versehen. Oder einfach eine alte Tour aus dem Fundus nehmen, schon ausreichend abgehangen, die einmal genauso so einen Tag entschärfte.

Mit heruntergekurbelten Scheiben verlassen wir die Stadt und fahren über Land zunächst Richtung Bernau und Biesenthal. Die Grillen sind präsent, die gereiften Kornfelder lassen ihre vollen Ähren wogen und schwingen sich sanft von Waldstück zu Waldstück. Kurz vor Biesenthal befindet sich das besonders schöne Danewitz, das sich aus gutem Grund Märkisches Backofendorf nennt. Abseits der Bundesstraße führen urige Alleen mit einer grundsympathischen Ausstrahlung dorthin, von Süden und von Norden. Straßen, die es so nicht mehr oft gibt und die den Wagen bei zügiger Fahrt ungestüm durchschütteln wie ein kleines Boot auf dem flachen Bodden mit seinen kurzen Wellen.

Backofentag in Danewitz
Backofentag in Danewitz

Danewitz

Das Dorf selbst ist von der Anlage zauberhaft zu nennen und scheint von seinen Bewohnern sehr geliebt zu werden. Kein Angerdorf in dem Sinne, doch zwischen der Hauptstraße und einer stilleren Parallele ziehen sich entlang eines kleinen Baches gemütliche Gärtchen, Schollen und Kleinstweiden. Dazwischen bestehen immer wieder höchst charmante Optionen, zwischen den Straßen zu wechseln. Mal als Schleichweg, mal als Pflastersträßchen. Es ist ein bisschen wie ein Anger.

Die Backöfen verteilen sich im ganzen Dorf, der bekannteste von ihnen befindet sich noch hinter der Kirche auf einem schönen Wiesenareal. Zu erreichen über einen gepflasterten Hof und durch eine kleine Pforte. Von Sommer bis Herbst wird hier an jedem ersten Sonnabend im Monat der große Feldsteinbackofen angeheizt. Ab dem späten Nachmittag gibt es frischen Blechkuchen aus einem kleinen und am Nachmittag dampfendes Brot direkt aus dem großen Ofen, der vor dem Backen von erheblichen Mengen Glut befreit und sauber ausgefegt werden muss.

Der Chef kommt uns entgegen und bemerkt treffend „Da kommen ja die ersten Sommerfrischler!“. Doch wir sind zu früh, sagt er, eigentlich gibt es erst in einer Stunde was. Sollen mal fragen, ob schon etwas fertig ist. Also die Wiese hinauf und zur Hütte mit der Verkaufstheke, wo schon allerhand im Gange ist. Genau zum Zeitpunkt, als wir fragen wollen, holt der weiß gekleidete Bäckermeister die ersten beiden Bleche Kuchen aus dem Ofen und damit die Antwort auf die noch ungestellte Frage.

Über dem verwunschenen Altarm, Eichhorst
Über dem verwunschenen Altarm, Eichhorst

Eine schattige Bank im leichten Wind bietet direkten Blick auf den Feldsteinofen, und das mit dem frischesten Kuchen des Tages unterm Gaumen. Nach einem kurzen Schwatz und dem Ja zu einem Foto verabschiedet sich der Bäckermeister zum großen Ofen, öffnet die eiserne Tür und rührt einmal gründlich die Glut um, die noch mehrere Stunden das Gemäuer aufheizen wird. Doch nicht sie allein, denn von außen helfen bereits jetzt 36°C bei wolkenlosem Himmel mit. Zwei mehr werden heute noch drin sein, das reicht dann auch. In diesem Sinne also einfach doppelt gebackenes Brot, denn der Zeitpunkt des höchsten Sonnenstandes wird mit dem des Backens fast übereinstimmen.

Das wäre hier so ein Platz, an dem man den ganzen Tag verweilen könnte. Vorbildlich bewegungsarm. Doch das Vorgesehene hat auch seine Reize, also weiter. Nach etwas Autobahn erreichen wir die Gegend um Marienwerder mit ihrem Gewusel alter und noch älterer Kanäle. Zwischen dem Finowkanal im Süden und dem Werbellinkanal im Norden, die beide eher verspielten Flüssen als Kanälen gleichen, verläuft schnurgerade, groß und effizient der Oder-Havel-Kanal. Auch der hat seine eigenen Reize – und stellt über Havel und Elbe den Anschluss zu den Weltmeeren her. Noch dazu bietet er gern genutzte Badestellen quasi über Kilometer.

Sommer am Werbellinkanal
Sommer am Werbellinkanal

Eichhorst

Bevor der charmante Werbellinkanal im Norden den Werbellin erreicht, verweilt er an einer Schleuse im schönen Örtchen Eichhorst. Hier gibt es einen stillen Altarm, ein Paradies für Mückenzüchter, der tief eingeschnitten ist und den natürlichen Flusseindruck des Kanals nochmals bestärkt. Denn welcher Kanal verfügt schon über Altarme? Oberhalb verläuft ein pittoresker Naturpfad und bildet den Beginn dieses Tages. Eichhorst scheint sofort vergessen, wird jedoch später noch zu Ehren kommen. Durch den lichten, fast noch etwas kühlen Laubwald weht sanft der Wind und scheint den Plan des Tages aufgehen zu lassen.

Schon bald verläuft der Weg direkt entlang des verträumten Kanales mit seinem blautürkisen Wasser. Nachdem eine Schleusenfüllung kleiner und größerer Boote passiert hat, ist Zeit und auch Gelegenheit fürs erste Bad. Das Ufer ist steil und nur wenige Stellen sind geeignet, doch in allererster Sichtweite der Fußgängerbrücke geht es ganz gut. Der großsteinige Grund attestiert schließlich doch den Kanal, der sofort tief wird und mit einer Breite von vielleicht zwanzig Metern zügig überquert ist. Der Kreislauf atmet auf, zum ersten Mal.

Am Abzweig zum Ufer des Werbellin
Am Abzweig zum Ufer des Werbellin

An der Brücke wechseln wir hinauf in den Wald. Die alten, hohen Laubbäume sind meist lose gestreut, ihre Kronen dennoch dicht und das Licht dementsprechend diffus, damit entspannend für die Augen. Vereinzelt stehen hier kleine Gruppen von Douglasien und verströmen ihr frisches, zitrusartiges Aroma. Später wechselt der sanft-süße Duft der Pappeln mit dem zu dieser Zeit fast schon betörenden der Linden. Ein vielfältiger Wald also, der hier über dem Steilhang des Werbellinsees gewachsen ist.

Am Abzweig zum Süßen Winkel übernimmt jetzt die kleine Straße, die sich leicht angeregt in allen Dimensionen durch den Wald schwingt, mit kleinen Wellen und auch Kurven. Um von Eichhorst nach Altenhof zu gelangen, ist sie die einzige sinnvolle Alternative zur Autobahn, dazu neunzigmal schöner und somit verkehrsreicher als erwartet. Einige der Kürvchen rufen kurzzeitig kleine Rennfahrer wach, doch im Großen und Ganzen läuft es sich entspannt. Am kleinen und sehr feinen Hirschhorngrund führen ein paar sandig-holzige Stufen vom Parkplatz direkt hinab zum Seeufer, wobei immerhin 15 Höhenmeter überwunden werden – da zeigt sich eindrucksvoll die ausgeprägte Eiszeitrinne, die für die Entstehung dieses herrlichen Gewässers sorgte.

Tagesentwürfe im Uferbereich, Werbellinsee
Tagesentwürfe im Uferbereich, Werbellinsee

Unten folgt ein breiter, wiederum laubschattiger Weg der Uferlinie. An vielen Stellen haben bereits andere Sommerfrischler ihren schönsten Platz für diesen Tag gefunden, und dennoch gibt es zwischendurch immer ein Plätzchen für einen kurzen Sprung ins Wasser. Nun also folgt das zweite Bad. Anstelle des verträumten Charmes des gassenhaften Werbellinkanals präsentiert sich jetzt hier in breitem Panorama der Blick über die Wasserfläche dieses langen, wirklich langen Sees. Viele Boote, Jachten und sonstige Nussschalen sind unterwegs, die kleinen oft mit einem irgendwie befestigten bunten Sonnenschirmchen, das am Balkon jetzt fehlen wird. Fortbewegung spielt eher eine untergeordnete Rolle – es wird einfach genossen, auf dem See zu sein.

Altenhof

Nach zwei Bädern meldet sich der Hunger nun schon stärker. Das passt ganz gut, da voraus schon Altenhof liegt, das die Bezeichnung Küstenort durchaus verdient. Es ist zudem der einzige richtige Ort direkt am Werbellin und liegt direkt an seinem Herzen. Hat sich gemausert in den letzten Jahren und ist immer noch dabei. Am kleinen Dampferanleger machen mehrmals täglich zwei schöne alte Dampfer fest, darunter die Altwarp, die dieser Tage 80 werden müsste. Von hier führt eine hübsche Uferpromenade direkt entlang des Wassers zum Hafen für kleine Boote, der gemäß der Jahreszeit aus allen Nähten platzt. Selbst die Möwen haben sich verdrückt, die hier im Winter ihre angestammten Pfähle haben und auch bei kalten Winden stoisch dort verharren.

Abfahrt der Altwarp, Altenhof
Abfahrt der Altwarp, Altenhof

Auf viele Weisen lässt sich hier der Hunger stillen. Am effektivsten wirkt heute der Duft vom Kiosk vor der reetgedeckten Alten Fischerei. Zwei tapfere Damen kümmern sich hinter der Verkaufstheke um die Wünsche der Kunden, von denen bestimmt niemand wissen möchte, wie warm es da drinnen ist. Es gibt alle erdenkbaren Arten von Fischbrötchen, alles sieht frisch aus, selbst der Matjes ist rosig. Für die Backfischbrötchen wird frischer Fisch frittiert, der weit davon entfernt ist, rechteckig zu sein. Um die Ecke wird ein stattlicher Räucherofen gerade neu bestückt, mit großen Stücken quergeschnittenem Fisch, auch fertigen Filets. Fürs Essen liegt ein entkernter Kahn mit Schattendach und schönem Mobiliar bereit, so dass man auch als Selbstbediener direkt auf dem Wasser sitzt und etwas durchgeschaukelt wird. Wo könnte es jetzt schöner sein?

Am Rand des Ortes empfängt der nächste schattige Pfad und bringt uns hoch auf Waldniveau. Kurz entlang des Waldrandes, dabei wird klar, wie heiß es draußen wirklich ist und wie gut auszuhalten gleich darauf im Wald. Dieselbe kleine Waldstraße, nun die andere Hälfte, verwöhnt aufs Neue mit den Eigenschaften von vorhin. Am Hirschhorngrund noch einmal hinab zum Ufer, denn das nächste Bad steht an. Der See ist noch genauso kalt wie vorhin, genauso schön erfrischend. Die Uferplätze noch genauso regelmäßig ausgelastet, doch niemals überfüllt. Und auch der Schatten, der Begleiter fast des ganzen Tages, ist zuverlässig da und macht die Fortbewegung überhaupt erträglich.

Frischfisch im Rauch, Altenhof
Frischfisch im Rauch, Altenhof

Am Zeltplatz ist das Ufer baumlos, dicht an dicht sind hier die Campingwagen aufgestellt, und jeder testet seine Strategie, mit Sonne umzugehen oder sich abzulenken von den 38°C. Im Wasser ist viel los, doch selbst hier keineswegs beengt. Die Liegewiese bietet da schon eher Gelegenheit für Tuchfühlung. Etwas weiter wurde ein Stück Strand errichtet, ein Bademeister lässt den Blick gerade schweifen und sieht dann nach dem Rechten. Übern Strand geschaut wird wieder klar, wie faszinierend lang sich dieser See erstreckt – und was man sieht, ist nur die eine Hälfte.

Noch einmal durch den Schatten hoher Stämme und ihrer dichten Kronen. Bei einem Bootssteg steht eine Bank und hat direkt den Wind von vorn –Zeit für die Pause ist es längst. Am vordersten Liegeplatz liegt ein Surfbrett so korrekt verzurrt, als wäre es ein kleines Motorboot. Und bringt ein Grinsen auf die Lippen.

An der Alten Fischerei, Altenhof
An der Alten Fischerei, Altenhof

Fast unmerklich geht der See in den Kanal über, das jenseitige Ufer rückt dementsprechend näher. Die schöne Fußgängerbrücke aus kräftigem Holz lässt uns hinüber, etwas rechts steht hier der Askanierturm, besuchenswert. Ein Aussichtsturm, aus dem schon einmal Rapunzel ihr Haar herabließ und dabei gefilmt wurde. Selbstverständlich mit ihrem Einverständnis.

Am westlichen Ufer des Werbellinkanals führt ein äußerst entspannter Rad- und Fußweg vorbei an zahlreichen Rastplätzen direkt zurück nach Eichhorst. An vielen Stellen befinden sich rechts Gartenpforten und gegenüber Stiegen zu einem kleinen Steg, so dass man faktisch von Wassergrundstücken sprechen könnte, nur eben ohne Blick aufs Wasser und ohne direkten Zugang. Einer dieser Stege wird gerade neu beplankt, mit schönen, hellen Terrassenbohlen.

Blick über den südlichen Werbellinsee, Süßer Winkel
Blick über den südlichen Werbellinsee, Süßer Winkel

Was diesem Tag noch fehlt, das ist ein schönes Eis. Vor langen Zeiten gab es in Eichhorst ein Café mit einer legendären, kaum transportfähigen Mohn-Pudding-Torte, doch das dürfte noch im letzten Jahrtausend gewesen sein. Seitdem ist vieles neu entstanden hier, neben einem großzügig angelegten Fischimbiss mit viel knorrigem Holz auch eine Eisdiele direkt an der Schleuse, wo es sich schön und schattig sitzen lässt, auf Sand sogar. Die probieren wir aus. Und werden gerne wiederkommen.

Zwischen See und Kanal
Zwischen See und Kanal

Die Hitze dieses Juli-Tages hat ihren Spitzenwert erreicht, auch hier zwischen den Kanälen. Jetzt auf der Rückfahrt sind die Grillen etwas leiser, die Felder wogen stiller als vorhin, der Himmel entlässt sein grenzenloses Blau. Die Dörfer liegen still, kaum Menschen unterwegs. Jeder gibt sein Bestes, zum Abend endlich stillzuhalten.

 

 

 

Anreise (ÖPNV): am Wochenende stündlich Regionalexpress nach Eberswalde, von dort Bus Richtung Joachimsthal (Fahrzeit von Berlin Hbf. ca. 1,25-1,75 Std.);
in der Woche ungünstiger (viele Umstiege, längere Fahrzeit)

Anreise (Pkw): auf der A 11 Richtung Prenzlau, Abfahrt Finowfurt nehmen und Richtung Liebenwalde, dann rechts ab nach Eichhorst; parken nahe der Schleuse möglich (u. a. an der kleinen Straße nach Altenhof)

Tourdaten: ca. 15 km (Abkürzungen gut möglich)

 

Download der Wegpunkte

Links:

http://www.feldsteinbackofen.de/
(Feldsteinbackofen Scheuing, kurz hinter der Kirche; Sommer-Herbst ist jeden 1. Sonnabend im Monat Backtag mit Schaubacken von Brot; frischer Blechkuchen und Imbiss-Angebot, viele schöne Plätze auf der Wiese sowie beheizbare Backofenhütte; weitere Veranstaltungen bis weit in den Herbst hinein)

http://www.gemeinde-schorfheide.de/Eichhorst.1124.0.html
(Informationen zum Ort Eichhorst)

https://de.wikipedia.org/wiki/Werbellinkanal

https://de.wikipedia.org/wiki/Werbellinsee

http://www.alte-fischerei.de/
(wunderschön gelegenes Restaurant direkt am Werbellinsee in Altenhof; eigene Räucherei mit angeschlossenem Fisch-Imbiss, sehr gute Fischbrötchen)

Schorfheider Fischexpress
(gemütlicher Imbiss mit großzügigen und schönen Sitzmöglichkeiten, direkt an der Schleuse in Eichhorst)

https://www.facebook.com/pages/Eiszeit/423357577677194?fref=nf
(Café Eiszeit, Außenbereich mit Strandsand, gutes Eis, Kaffee und Cocktails)

Einkehrempfehlung:

Fisch-Imbiss der Alten Fischerei, Altenhof (siehe Links)

Schorfheider Fischexpress, Eichhorst (siehe Links)

(in Altenhof gibt es zahlreiche weitere Lokale aller Preisklassen, in Eichhorst zudem ein Wirtshaus der gehobenen Preisklasse)

Raddusch: Die Lausitz, der Spreewald und das große Glück

Es sollte Regen geben. Viel Regen. Den meisten im Südosten. Trotz all dem siegt das Verlangen nach dem Spreewald in seiner sommerlichen Üppigkeit – gemeinsam mit dem Optimismus. Und dem beruhigenden Wissen darum, dass es im Sommer selbst nach ausgiebigen Schauern nicht viel kälter ist als davor.

Vetschau

Eine sehr reichliche Stunde später stehen wir in Vetschau auf dem Marktplatz und machen im Kaffeehaus die Anfahrtspause. Die Fahrt war trocken, doch am Himmel wird irgendwo hinten schon die nächste Dämmerung vorbereitet. Vetschau ist ein hübsches Städtchen, das bald mal genauer unter die Lupe genommen werden sollte. Heute noch nicht.

Kahnhafen in Raddusch
Kahnhafen in Raddusch

Raddusch

Raddusch dürfte Autobahnreisenden durch eines dieser braunen Schilder bekannt sein, die auf sehenswertes Regionales hinweisen – in diesem Fall die imposante Slawenburg. Besonders und speziell ist hier der Umstand, dass direkt nach Passieren dieses Schildes das stilisiert Abgebildete im Original zu sehen ist.

Am Hotel führt ein Pfad hinab zum Kahnhafen, wo der Betrieb  langsam in die Gänge kommt. Die langen schwarzen Kähne schieben sich träge und erhaben aus den Nebenhäfen zum Anleger, die Männer an den Stakstangen (korrekter: an den Rudeln) nehmen erste gedeckte Blickkontakte mit der Kundschaft auf. Das weit von der Hauptspree abgeschlagene Fließ der Radduscher Kahnfahrt ist bewegt, doch zugleich noch etwas müde.

Vorbei an der hochgewachsenen Dorfeiche, deren Fuß von einem schmiedeeisernen Zaun beschützt wird, und kurz darauf gleich wieder ausgebremst, wenn auch wider einige Vernunft. Links befindet sich in blickfangendem Himmelblau die Alte Backstube und lockt mit dem Duft soeben gebackenen Kuchens, der lebensecht und mit kräftigen Farben auf seinem Blech liegt. Zwei gleichermaßen frische und freundliche Frauen kümmern sich um alles, was zu tun ist, und das scheinbar noch gar nicht allzu lange. Eine von ihnen sagt, sie isst seitdem mehr Kuchen als zuvor, die andere im Gegenzug etwas weniger – so bleibt genügend für die Kundschaft. Serviert wird auf Keramik aus Rheinsberg, gut getöpfert, schön gestaltet und zudem noch funktional.

Frischer Blechkuchen vom Alten Backhaus, Raddusch
Frischer Blechkuchen vom Alten Backhaus, Raddusch

Im Storchennest auf halbem Weg zum Sportplatz linsen kleinlaut zwei jüngst Geschlüpfte über den Nestrand, noch plustrig auf dem Scheitel. Und tauchen wieder ab. Hinter der schnurgeraden Bahnstrecke fängt bald Wald an, würzig kiefernduftend durch die Regenfälle dieser Woche.

Nach Unterqueren der präsent rauschenden Autobahn wird es bald schon leiser, da der Wind südwestlich bläst. Hinterm Wald beginnen bunte Trockenwiesen, und auf einmal sind wir recht unerwartet in einer typischen Landschaft der Lausitz – Bergbaunachfolge, was zunächst recht unromantisch klingt. Warnschilder mit dem Wort Lebensgefahr zeigen, dass der Wandel noch nicht lange läuft, der Boden noch nachgiebig sein kann. Doch es sieht anders aus, schon richtig nach Natur und lang nicht mehr nach sandig-nackten Bergbau-Landschafts-Wunden, wo sich die halbstarken Wildschweine am Abend staubend ihre Raufereien liefern. Die Vogelwelt ist auch schon reich vertreten, vor allem die, die gerne schwimmt.

Blick zum Bischdorfer See

An einer stabilen Blockhütte mit zwei Wänden, die die Hauptwindrichtung verraten, führt ein Trampfelpfad direkt hinab zum Ufer des Kahnsdorfer Sees, der benannt ist nach dem Dorf, das hier einmal stand. Blickt man von unten übers hohe Gras hinauf zur Hütte, man könnte sich auch ganz woanders wähnen. Und fernab, nicht 250 Meter von der nächsten Autobahn.

Entlang der breiten Straße hin zur Slawenburg stehen vereinzelt ausladende Sanddorn-Büschungen, die auch eher an Norden denken lassen. Die Burg ist voraus schon sehen, erhebt sich aus dem früh gereiften Korn, kreisrund und größer als man denken würde. Drumherum ein Gelände, wo sich mit der Familie gut der Tag verleben lässt oder zumindest ein großer Teil davon.

Vom Parkplatz führt ein von Obstbäumen eskortierter Feldweg direkt nach Göritz, das ein paar Meter tiefer liegt. Vom nächsten See sind Gänse zu hören, und rechts im Feld treiben die Starenschwärme traubig ihre unfassbaren Spiele.

Rasthütte über dem Bischdorfer See

Göritz

Der Spielplatz hier ist schattig und damit gut für eine Rast. Ein fleißiger Trecker gibt bald Ruhe und damit Gelegenheit, ganz andere zu hören. Darunter großgewachsene Gänseküken, trotz ihrer Statur noch flauschig und von hoher Stimme. Und Schafe direkt neben Ziegen neben Hühnern.

Jenseits der Autobahn wird es lauter, doch nur kurz, der Schallschutz greift. Über die Gleise und den Düften widerstanden, die vom jeweils sonnabends erweckten Backofen kommen, der zum Bauernmarkt gehört. Hier gibt es auch Gelegenheit, frisches Gemüse, Souvenirs und anderes zu kaufen.

Über die Felder und am Waldrand jetzt nach Stradow, derweil es drückt und im Norden wieder dunkler wird, schön kontrastiert zum Korn – jetzt wird es wohl bald ernst. Die Grillen zirpen laut und rufen Sommer ins Gedächtnis, zu dem ja auch ein Wolkenbruch gehört an manchen Tagen.

Slawenburg Raddusch
Slawenburg Raddusch

Stradow

In Stradow steht auf dem Friedhof ein Wasserhahn bereit, um die Hände zu kühlen, das ist bewährt und angenehm. Die Linden stehen lose entlang der Dorfstraße und scheinen buschig nur aus Blüten zu bestehen, es ist kaum Laub zu sehen und duftet dementsprechend intensiv. Vorbei am Gutshaus führt ein Sträßchen direkt zu den Angelteichen. Von links ruft ein Mann in privater Gartengarderobe, dass Fest ist heut in Lübbenau, und dass wir uns beeilen sollten, weil es sonst vorbei ist, ehe wir noch da sind. Das Fest.

Vorgarten am Dorfplatz, Stradow
Vorgarten am Dorfplatz, Stradow

Am Beginn der Teiche, hier warnt ein sehr hoch angebrachtes Schild mit einer Latte von etwa neun Verboten, stehen schon die ersten Angler, die hier einen schönen Tag verleben werden. Einige scheinen für diesen Tag ihren ständigen Wohnsitz hierher verlegt zu haben, andere sind nur in die Gummihose und darin in den Teich gestiegen und lassen sich die Karpfen durch die Beine streichen. Dafür muss man bestimmt nicht hartgesotten sein, doch schreckhaft besser auch nicht. Einige haben schon heute ihren Festtagsbauch angelegt und präsentieren ihn der Sonne, die noch immer vorherrscht.

Die Gebäude der Teichwirtschaft sind im Herzen aller Teiche so geschickt positioniert, dass sich von hier fast das gesamte Gelände sowie alle Zufahrtswege überblicken lassen. Fast kommt der Gedanke, dass hier im Geheimen vielleicht Goldfische aus purem Gold gezüchtet werden, bei all den Sicherheitsvorkehrungen. Daher auch kein Foto von den Entenküken, die hier sogar noch klein sind.

Zwischen den Teichen dampft schon die tiefstehende Luft, und auch die Schwalben fliegen hier bereits erheblich tiefer. Dazu sind alle Vögel zu vernehmen, die man an solchem Platze hören und auch sehen will. Im Vordergrund die Drosselrohrsänger, die Korrespondenten aller Teiche, die ganz eindeutig viel Humor haben müssen, so wie sie erzählen. Und immer wieder taucht ein großer Fisch mit einem lauten Platschen ab.

Fischteich bei Stradow
Fischteich bei Stradow

Vorbei an Kolonie Muckers treten wir in etwas Wald ein, genau zum Zeitpunkt, da die ersten Tropfen fallen, dicke Tropfen. Ziehen schon mal die Regenschirme und entsichern, hinterm Vetschauer Mühlenfließ im Bushäuschen sitzen bereits ein paar überdachte Radfahrer. Ein Nutria verdrückt sich wissend ins nächste Fließ.

Raus auf die offene Landschaft und noch so lange wie möglich recht lässig und entspannt getan, rennen wir mit immer seitlicher kommendem Regen dann doch los, so flink man eben mit einem Regenschirm rennen kann. Denn voraus steht wahrhaftig am perfekten Platz eine Rastbank mit Dach, die so gründlich und kenntnisreich überdacht wurde, dass es auch seitlich nicht reinregnen kann. Inklusive der für den Spreewald charakteristischen Köpfe des Schlangenkönigs am Giebel. Dank sei ihm und Lobpreisung, falls eine heidnische Gottheit auf so etwas heutzutage noch Wert legt!

Wettervorschau
Wettervorschau

Die Wasser von oben verstärken sich zum Wolkenbruch, und einige Ritzen im wettergeschundenen Dach sorgen bald für etwas Hin und her, auch über den Tisch. Ein Paar zu Rade ist so nass, dass es jetzt auch schon egal ist, und fährt daher schief grinsend vorbei. In den Pfützen regnet es nun Blasen, was dafür spricht, dass es noch eine Weile dauern kann. Doch sahen die Blasen wohl nur aus wie Blasen. Etwa zwanzig Minuten goss es und sorgte für weitreichende Pfützen, doch es wird weniger und hört dann auf.

Die nächsten zwanzig Minuten sprießen von überall Autos aus dem Boden wie Pilze nach dem Regen und sorgen für ein dauerndes Ausweichen und Platzmachen auf den schmalen Straßen. Nach Ablauf dieser Periode haben sich wohl alle an ihren Wunschplätze verteilt und es ist vollkommene Verkehrsruhe. Die beiden Nassen von vorhin sitzen an der nächsten Ecke unterm Dach und nutzen die Rast gleich als Trockenpause. Rechts der Straße breitet sich die ruhige und üppige Landschaft des innersten Spreewaldes in all ihren Grüntönen aus, souverän, saftig und kaum betretbar.

Blick aus der Schutzhütte
Blick aus der Schutzhütte

Dubkow-Mühe

Die Dubkow-Mühle, direkt an der Hauptspree gelegen, ist ohne Zweifel einer der schönsten und verlässlichsten Plätze im Innersten des Oberspreewaldes. Vorsorglich sind ausreichend robuste Zelte aufgestellt, so dass jeder, der im Freien sitzen möchte, dies tun kann, ohne um die Frisur zu fürchten oder Wasser in der Suppe. Eine Einkehr unterwegs ist immer ein dankenswerter Umstand, und sowohl Durst als auch schon Hunger sind vorhanden. Stille Stars hier sind die Mieter zweier Schwalbennester, die direkt oberhalb des Seiteneingangs unterm Dach kleben, rücksichtsvollerweise nicht direkt über der Tür. Vier flauschige Bedürftige, die schon fast das linke der Nester sprengen, verlangen nicht laut, doch dennoch sehr bestimmt nach Wachstumshilfe. Davon dürfte es reichlich Fotos geben auf den Servern der Bundesrepublik, denn die Nummernschilder der erwähnten Autos stammten aus aller Herren Bundesländer.

Hielten wir uns vorhin für Glückspilze, ahnten wir nicht im Ansatz, was jetzt von oben runterkommt und nun die bisherige Zwanziger Periodenlänge deutlich aufweitet. Es saut dermaßen los, dass die tüchtigen Damen von der Bedienung gut zu tun haben, damit auf den sechs Metern von der Haustür bis zum Zelt der Pegelstand auf den Tellern nicht steigt. Die tausend Arme der Spree, sie werden danach sicher gut gefüllt sein und etwas eiliger als noch heut früh.

Schleuse an der Dubkow-Mühle
Schleuse an der Dubkow-Mühle, nach dem Regen

Nach einer knappen Stunde wird es weniger, wir sind hier soweit fertig und zufrieden und klettern auf einer dieser steilen, dunkel getränkten Holzbrücken über die Spree. Zu beiden Seiten steht das schöne Schild „Radfahrer absteigen“ und regt die Phantasie ein wenig an. Die Boote einiger vor Kurzem eingetroffener Paddler liegen hastig angezurrt am Rand und erinnern an halb abgelassene Badewannen. Es war wirklich ein sehr heftiger Regen.

Jetzt tröpfelt es noch sanft und wird schon deutlich heller überall da oben – und hört wahrhaftig wenig später auf. Was kaum zu fassen ist in Sachen Glückspilzigkeit. Von links blickt uns aus dem hohen Gras ein Rehkopf an, sah erst aus wie ein Hase, doch ist das Gras hier wirklich hoch. Guckt noch lange weiter, da wir nicht innehalten, und guckt vielleicht noch heute.

Buschmühle

Durch dichten Bruchwald ist bald die Radduscher Buschmühle zu sehen, doch die sieht entschieden anders aus als noch vor ein paar Jahren. Das halbzerfallene Gebäude wird derzeit von Grunde auf neu gebaut, mit bestem Fachwerk und ein paar neuen Ideen obendrauf, fast will man sagen mit Visionen. Dürfte beim nächsten Mal recht spannend sein, wenn es dann aussieht, wie es aussehen soll. Die Schleuse hier am breiten Südumfluter ist schon länger neu und liegt abgenabelt von der Mühle etwas westlich nun. Unter der Brücke sausen die Schwalben durch, wahrscheinlich aus dem simplen Grund, dass es einfach Spaß macht und dort mehr zu holen ist. Rechts in den Wiesen stehen weiter hinten Kühe, vorne staksen Störche umeinander.

Die Buschmühle im Umbau
Die Buschmühle im Umbau

Vorbei am edlen Eingang zum Angus-Rinderhof, der aus vier kunstvoll gemauerten Vollpfosten mit Ornamentik besteht und beim Gedanken an die Rinder auch den an ein Bankkonto pro Rind oder goldene Uhren an den Fesseln aufblitzen lässt.

Übers pittoreske Göritzer Mühlenfließ kommen wir hinein nach Raddusch und vorbei an der dritten Herde Gänseküken, passieren noch einmal die Eiche mit ihrer eigenen Parzelle. Die Sonne steht noch hoch, die Luft ist frisch gewaschen und der Spreewald hat aufs Neue etwas mehr als alle Wünsche erfüllt.

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Anfahrt ÖPNV: Regionalexpress Richtung Cottbus (stündlich, ca. 75 Min.)(aktuell erkundigen, ob in Raddusch gehalten wird)

Anfahrt Pkw: Autobahn Richtung Cottbus, Ausfahrt Boblitz oder Vetschau, dann auf der Landstraße nach Raddusch

Tourdaten: ca. 19 km, Abkürzungen möglich

Download der Wegpunkte

Links:

http://www.raddusch-spreewald.de/

http://vila-radus.de/ (Alte Backstube in Raddusch)

https://de.wikipedia.org/wiki/Bischdorfer_See

http://www.slawenburg-raddusch.de/

http://www.die-spreewaldbauern.de/ (Bauernmarkt in Göritz)

http://www.teichwirtschaft-stradow.de/

http://www.dubkow-muehle.de/

www.euroschirm.com/ (Trekkingschirme, leicht und stabil; mit silberner UV-Beschichtung (optional) auch effektiv als Sonnenschirm)

 

Einkehr-Empfehlung: Dubkow-Mühle (schöner Außen- und Innenbereich, gutes Essen, freundliches Personal, besonders schön gelegen)

Grenzgänge, ein Wasserfall und die Breddiner Schweiz

Für manche Tage gibt nicht ausschließlich der Wunsch nach bestimmter Landschaft oder einem Phänomen der gerade spielenden Jahreszeit das Ziel vor, auch gewisse Einkehrorte haben starke Anziehungskraft, gerade, wenn sie länger nicht besucht wurden. Sogar besonders weite Anfahrten werden dann gern in Kauf genommen.

Dabei ergeben sich zum Teil besuchte Orte, die man sonst vielleicht nie in seinem Leben gesehen hätte – was schade wäre in so manchem Fall. So geschehen an diesem Tag, im Sammelbeutel dann an seinem Ende wie erwähnt ein Wasserfall und eine Schweiz, darüber hinaus noch ein wirklich zauberhaftes Dorf von ganz eigener Gestalt. Und eine anrührende Begegnung, geschuldet einem schönen Zufall.

Es ist April, noch erste Halbzeit, und der erste der wärmeren Tage in diesem Jahr. So beschaffen, dass abends klar gesagt werden kann: der Frühling ist jetzt auf jeden Fall da! Sonne und leichter Wind vom ersten bis fast zum letzten Schritt. Schlichtweg schön und wie jeder erste Frühlingstag enorm befreiend.

Königsfließ in der Breddiner Schweiz
Königsfließ in der Breddiner Schweiz

Lange Anfahrt, das heißt oft, sich in Grenznähe aufzuhalten zu anderen Bundesländern und das landschaftlich auch etwas zu merken. Das Zwischenziel ist Neustadt an der Dosse, die kleine Stadt mit dem Gestüt, dessen langwährende und spannende Geschichte aus Aufs und Abs mit enormen Kurvenausschlägen besteht. Nach kurzem Bäckerbesuch fahren wir dran vorbei und schauen für zwei Sekunden diese einzigartig schöne Allee hinab, die den südlichen mit dem nördlichen Stall verbindet. Eine Allee, wie geschaffen, um in Filmen mitzuwirken.

Breddin

Über schöne Dörfer nach Breddin, noch nie gehörter, weit abgeschlagener Ort und eher Stadt als Dorf, wo eigentlich schon etwas Elbe-Luft zu wittern sein müsste. Am Friseur beim Bahnhof steht wie erwartet das Fahrrad vor dem Laden, das genau dort hingehört. Und sanfte Neugier macht auf Austausch, der dort drin gerade läuft, das Allerneueste aus dem Ort und drumherum, von Oma Trude sicherlich und auch dem Sohn vom Apotheker.

Erstaunlich viele Läden, Lädchen und anderes von öffentlicher Natur ballen sich rund um die leicht distanzierte Kirche, der Charakter eines Städtchens verfestigt sich, und der Bürgermeister hat die letzte Wahl zurecht gewonnen, wie es scheint. Ein Traktor eilt in den Ort hinein, mit Hänger oder Gerät hinten dran, und genau hier verlassen wir die Straße Richtung Obermühle.

Obermühle

Vorbei an uralten Birnenbäumen führt der Weg zum Wald rund um den ausrangierten Mühlenstandort. Raus aus dem Wind passieren wir den Haufen Häuser und legen auf der Brücke übers Königsfließ die erste Rast ein. Einer sitzt in Brandenburg, der andere schon in Sachsen-Anhalt, und das, ohne die Stimme heben zu müssen. Ein Pflaumenbaum im anliegenden Garten ist hochgewachsen und voll weißer Blüten, und während wir da sitzen und auch kauen, fliegen gleich zwei Eisvögel unter uns hindurch.

Wasserfall bei Kümmernitz
Wasserfall bei Kümmernitz

Der zunächst unaufgeregte Wald mit seinen breiten Wegen fängt bald an, sich ansehnlich zu gebärden und bietet mit großen Buckeln in kleinen Dimensionen eine wirklich sehenswerte und besondere Landschaft, ähnlich dem Gebirge en miniature rund um Buckow in der Märkischen Schweiz. Das eben noch sachlich gerade Königsfließ schlägt in dieselbe Kerbe und fängt an zu kurven, fast schon zu mäandern – es ist ein zauberhafter, sanfter Rausch der kleinen Hügel und auch Täler. Die Ufer gesäumt von großen Scharen von Veilchen und dazu passend im Kontrast den nobel glänzenden Blütenblättern des gelben Scharbockskrautes und denen der weißen Anemonen. Die Buchenwipfel sind fast noch unbekleidet und das Licht hier unten dementsprechend frühlingsklar. Also: die Schweiz im Namen ist auch hier verdient und angemessen.

Zum Ende steigert sich die Bewegtheit der Landschaft am langen aufgestauten Teich zu einem Knotenpunkt allerfeinster Rodelbahnen, die Können beim Bremsen erfordern. An dieser Stelle liegt als schöner Superlativ der höchste Wasserfall im ganzen deutschen Norden, der eindrücklich in die Tiefe fährt, nicht im freien Fall, dafür auf einer langen Rutsche. Zur Rekordzahl kursieren mehrere Versionen, darunter acht, fünf und auch sieben Meter, was beim Davorstehen am wahrscheinlichsten erscheint. Auch dieses Wasser stammt vom Königsfließ, das unten nach rascher Beruhigung umgehend wieder anfängt, sich pittoresk zu winden.

Allee zurück nach Brandenburg
Allee zurück nach Brandenburg

Kurz verfranst, dann übers Fließ und vor zur Straße, links liegt als kleine Kuriosität ein Stückchen Brandenburg komplett umfasst von Sachsen-Anhalt. Eine gemütliche Allee betagter Eichen, die jetzt schon lange Schatten werfen, bringt uns vorbei an Weiden und mit trittfestem Sand unter den Sohlen zurück nach Brandenburg. Die nasse Grenze bildet hier ein kleines Gräbelein, in dem vor Wasserpflanzen kaum das Wasser selbst zu sehen ist.

Sophiendorf

Am Eintritt nach Sophiendorf, dass sich leicht unentschlossen über zwei zauberhafte Kilometer durch die weite Niederung der Neuen Jäglitz streckt, gibt es einen Rastplatz, auf gelungene Weise angelegt. Ein Seitenarm des erwähnten Grenzstromes wird von der Dorfstraße unterbrochen, und ein matt lackierter Kröterich quert zugleich getrieben und in Seelenruhe die asphaltierte Straße trockenen Fußes. Ein Gentleman, da er die aktuelle Dame seines Herzens auf dem Rücken trägt und ihr den Staub der Straße von der klammen Unterseite hält. Vollständig ohne Laute geht der Transfer vonstatten. Dass es ganz anders geht, ist hinten aus den Wiesen länger schon zu hören, wo sich die Kehlen zu Dezibel aufsummieren, die man sich nicht am Schlafzimmerfenster wünscht.

Kurze Rast kurz vor Sophienstädt
Kurze Rast kurz vor Sophienstädt

Das Dorf ist auf eine kaum fassbar schöne Weise seiner Zeit entrückt, sehr einzigartig, und erzeugt bereits beim ersten Hinsehen erste Sehnsucht. Die Straße, kopfsteingepflastert mit kleinem glatten Rand für den pedalen Dorfverkehr, sucht sich ihren Weg zwischen vereinzelten Häufungen schöner und schönster Häuser. Der ganze Ort wäre ein Fest für Fotografen eines dieser Magazine, die das einfach schöne Leben auf dem Lande preisen, gern mit Worten wie Großmutter, einst oder auch Stecken, bei denen sich gleich Wohlgefühl einstellen soll und meist auch einstellt.

Dazwischen weite Blicke über Wiesen, rechts in Richtung schnurgerade Jäglitz, links zu einem kleinen Höhenzug mit etwas Wald, der parallel zum Dorf verläuft. Darauf verschiedenes Weidevieh und auch mal ein paar Störche, die hier ein richtig gutes Leben haben dürften. Ohne lange Wege.

Eine Katze huscht verstohlen und besonders flach über die stille Straße, mit einer Maus am Wickel. Nur wenig später stehen rechts tiefschwarze Wasserbüffel oder etwas in der Art, von kaum gekannter Schulterhöhe. Der Boss der Gruppe fixiert uns mit einem Blick wie eine ernste Kampfansage und auch dementsprechend wirksam, so dass Verharren hier auf keinen Fall in Frage kommt, schon gar nicht für ein Foto. Obwohl nichts Rotes an uns ist.

Dorfstraße in Sophiendorf
Dorfstraße in Sophiendorf

Hinter Sophiendorf gehen wir am Fuße des genannten Höhenzuges direkt auf Stüdenitz zu, die erste Reihe Häuser vor dem eigentlichen Ort sieht irgendwie nach Norddeutschland aus und nach Häusern hinterm Deich. Hinten rauscht ein ICE Richtung Bad Wilsnack, der vermutlich erst in Hamburg wieder hält. Das passt ja irgendwie.

Stüdenitz

Die Kirche ist wiesenumgeben zu allen ihren Seiten und verschlossen, rechts hinterm Busch ist eine Dame mit einem Beet beschäftigt. Sie sagt, sie wäre eine von vier Schlüsseldamen, die dafür sorgen, dass man einen Blick ins Innere werfen kann. Lässt uns auch ein und wahrt auf angenehmste Weise die Distanz. Von all den Kirchen unterwegs, die wir schon mit offener Tür erwischen durften, ist diese hier nicht nur besonders schön, sie ist zudem auf eine bisher nicht bekannte Weise tiefenentspannt, strahlt gleichermaßen Freundlichkeit und Ruhe aus, auch und vor allem durch die schlichten, großartigen Farbenspiele, die es wohl erst seit Kurzem wieder gibt.

Die kaum zählbaren goldenen Sterne am taubenblauen Himmel überm Altar haben Paten auf der ganzen Welt und werden von vielen immer wieder gern besucht. So ließ sich dieser Teil der Restaurierung in die Tat umsetzen. Das ist nur eins der Dinge, die wir draußen beim Plaudern mit der Dame erfahren, ein anderes ist, dass der Pastor ein findiger und weiser Bursche ist, dem das Dorf hier manches zu verdanken hat, auch und gerade ganz praktische Dinge betreffend.

Über dem Altar, Stüdenitz
Über dem Altar, Stüdenitz

Das Gespräch hinterlässt uns in einer wohligen Stimmung von Optimismus und Bewunderung für solche Menschen, da passt es irgendwie ganz schön, dass man Stüdenitz hindurch unter der Bahn durch einen Tunnel in der Form eines Hufeisens verlässt.

Es geht eine Etage höher, ein Traktor kurvt daher auf Augenhöhe mit dem Kirchturm nützlich über seinen Acker und wirbelt Staub auf. Der Wind hier oben weht mit einer solchen Kraft, ganz unerwartet, dass wir nach Abbiegen auf einen Feldweg die Oberkörper nach vorne stemmen müssen, als käme hinten gleich die Küste. Der alte Weg vom Bahnhof, durch das schnelle Gleis jetzt nördlich abgeschnitten, ist eine lose Allee von schönem Obst, ich glaube Kirschen. Den Wind jetzt von der Seite, erreichen wir mit zeitweilig asymmetrischen Frisuren ein Wäldchen, dessen Boden flächig von Veilchen überdeckt ist, dazwischen vereinzelt etwas weiß und gelb. Geht man in die Knie, dann bleibt ein violetter Teppich von betörendem Duft. Haben wir so noch nicht gesehen, und geben uns für den Moment dieser Betörung hin.

Langsam schwächelnd, schließlich lockt ja als späteres Tagesziel die zielgebende Einkehr, hoffen wir, dass das, was schon den ganzen Tag am Himmel aufzieht, noch etwas warten kann. Über dem kleinen Grund des Mühlgrabens noch eine schnelle Rast, dann führt ein dicht bewachsener Damm hinüber nach Kötzlin. Dort vor der Kirche lebt eine wirklich alte Linde, die sich durchschreiten lässt, mit etwas Bücken oder einem Tanzschritt. Und einfach weiterlebt.

Kötzlin

Ein Radweg begleitet die Straße nach Breddin, das ist schön und gut für einen schnellen Schritt, denn es wird jetzt zusehends dunkler, und das nicht aufgrund der Tageszeit. Wo Kühe wohnen, erreichen wir den Ort und bald auch schon den Bahnhof. Für welche ohne Motor gibt es eine kleine Unterführung, drüben dann die ersten Tropfen. Schnell bricht es los, doch wir sind schneller, das Beeilen wird belohnt.

Veilchenteppich im Wäldchen
Veilchenteppich im Wäldchen

Eine Station nur ist es von hier nach Neustadt oder acht Minuten Fahrt, für uns jetzt ein paar mehr mit Scheibenwischern an. Auch wenn man hier vielleicht nie wieder sein wird, die Viertelstunde in Stüdenitz und die ganze Landschaft dieses Tages hinterlassen einen starken Eindruck.

Nochmals vorbei am Nordstall, diesmal ohne Blick, denn der Magen knurrt, verdientermaßen. Noch vor der Kirche und noch vor den schönen Dosseschnellen da am Bad weist nach links ein dezenter Hinweis zu Olafs Werkstatt, einem wunderbaren Mix aus Gasthaus, Videothek und ganz direkter Unterhaltung. Also ab in die Gemütlichkeit, derweil es gegens Fenster prasselt.

Neustadt/Dosse

Der Regen ist vorbei, jetzt noch ein paar Schritte zu den Schafen am anderen Ende der Stadt, fast schon im Übergang zu Köritz. Die Luft ist klar vom Regen, frisch gewaschen, der Tag ein paar Grad kühler und für den Augenblick kein Wunsch mehr offen.

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn Richtung Wittenberge (stündlich, ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der A 24 Richtung Rostock, bei Neuruppin Nord abfahren und auf der B 167 nach Neustadt/Dosse, von dort auf der Landstraße nach Breddin (ca. 120 km bzw. 1,5 Std.)

Tourdaten: 19 km, reine Gehzeit ca. 5 Std.

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.rbb-online.de/geheimnisvolle_orte/archiv/neustadt-dosse.html (kurze Beschreibung der Reportage über Neustadt/Dosse aus der Reihe „Geheimnisvolle Orte“, die zeitweise auch in der Mediathek von dritten Programmen zu finden ist)

https://de.wikipedia.org/wiki/St%C3%BCdenitz
(u. a. Information zur Kirche von Stüdenitz)

http://www.olafs-werkstatt.de/
absolute Empfehlung – sehr gemütlich, gutes Essen, faire Preise, freundliche Bedienung; weiterhin gibt es neben einer Videothek im Hause eine Bowlingbahn, ferner zahlreiche lohnende Veranstaltungen aus den Bereichen Musik, Kabarett und Comedy

Müncheberg: Stadtmauern, Sackgassen und die Spur der Schafe

Manchmal hat man schlichtweg Pech, und das, was bei der Planung einer Tour so schön aussah, verträgt sich ab einem bestimmten Punkt so schlecht mit den Gegebenheiten vor Ort, dass die Runde notdürftig beendet werden muss. Was kurz gefasst meistens bedeutet: arm an Abwechslung und reich an Verkehr.

Manchmal hat man dabei Glück, kann das Steuer noch rechtzeitig rumreißen und die Tour live und vor Ort mit glutheißer Nadel zu einer völlig anderen, doch ebenfalls harmonischen umstricken. Oder hat bei Unwägbarkeiten von vornherein Plan B im Ärmel. Nützt jedoch gar nichts, wenn der Tag so heiß ist, dass keine Ärmel mit dabei sind.

Ebendiese Hitze des Tages fällte die Entscheidung für die luftige Landschaft rund ums Städtchen Müncheberg, einem der Tore zur Märkischen Schweiz. Durchreisende werden sich an zwei Kreisverkehre erinnern, zwischen denen sich das Leben des Ortes abspielt, etwas genauer Hinschauende an zwei Stadttürme, einer rund, einer eckig, zwischen denen die eigentliche Stadt liegt. Bleibt also eher wenig übrig, das man einem, der fragt, berichten könnte. So auch im eigenen Kopf, doch das sollte die Stadt an diesem Tage ändern. Und zwar erheblich.

Kirche auf dem Hügel über der Stadt
Kirche auf dem Hügel über der Stadt

Nach kurzem Kaffeehalt am Kaufhallenbäcker vor dem Stadtturm gen Frankfurt vor zur Kirche mit ihrem faszinierend hohen Durchgang und dort abgestellt. Ein kniehohes Buchsbaum-Labyrinth entlang der Treppen sorgt nicht für Verwirrung, doch für einen schönen Duft von Kirchhof, auf dessen kleinem Wiesenplateau auch eine herrlich schattige Bank steht. Aus heutiger Sicht durchaus ein Platz, diesen Tag in Gänze, intakt und sinnvoll zu verbringen, denn von hier lässt sich aus kühler Lage jegliches Geschehen da unten schön beschauen. Machen wir trotzdem nicht, sondern steigen hinab, flanieren kurz entlang der kleinen Reihe von Geschäften und zurück und biegen direkt unterhalb der Kirche ab, nach „draußen vor der Stadt“. Jemand macht fleißig, doch nicht nützlich klingenden Lärm mit einer Motorsense und wir sehen zu, dass wir Land gewinnen.

„Draußen vor der Stadt“ wird sogleich anschaulich, als am Ufer eines schilfumstandenen Sees die nächste schattige Bank unterm bewegten, bodenlangen Vorhang einer Trauerweide steht und das Geheul des Sensenmannes schon weit weg erscheint. Der See kurz vor der Stadtmauer heißt Waschbanksee, und bestens formt sich die Vorstellung, wie die wirklich fleißigen Waschweiber mit den schweren Körben voller Wäsche nach draußen vor die Stadt ziehen und dort ihr schweißtreibendes Handwerk verrichten. Dass diese Vorstellung nur von Filmausschnitten und nicht von eigenem Erleben befeuert wird, nimmt ihr nichts an Wirksamkeit.

Vorbei an einem langgestreckten Garten, unter den Armen seiner Streuobstbäume ein großes, dichtes Feld von strahlend weißen Margeriten, das jeden Apfel unauffindbar schlucken würde, wäre jetzt schon Fallobstzeit. Kurz dahinter sitzt ein gemütlicher Angler am besten Uferplatz und strahlt den schönsten Frieden aus. Der wird heute Abend auch auf einen schönen Tag zurückblicken können.

Blick über den Waschbanksee auf die Stadt
Blick über den Waschbanksee auf die Stadt

Den See im Rücken führt der Weg nun unerwartet quer durch eine leicht gewellte Wiesenlandschaft mit wirklich bemerkenswerten Weiden, scheinbar lebende Skulpturen eines angenehm durchgeknallten Künstlers, extraknorrig mit schon sagenhaftem Alter und weitreichendem Wurzelwerk, das niemals über Wassermangel klagt. Denn alles Land rund um die Stadt ist feucht bis nass, was wenig später dafür sorgen wird, dass wir für eine halbe Stunde etwas ratlos sind.

Das mit dem allgegenwärtigen Wasser ist insofern ein wenig kurios, als dass die Stadt leicht tälern liegt und all das Nasse ein paar Meter höher. Dass das so ist, wird uns durch den Umstand klar, dass wir während der Tour nicht wie erwartet immer wieder als Konstante der Umrundung den Kirchturm durchlugen sehen, sondern dieses nur ein einziges Mal. Die Erkenntnis: die Stadt liegt im Tal. Da nützt es auch nichts, dass die Kirche wirklich einen beachtlich hohen Turm hat und obendrein noch einiges erhöht im Städtchen thront. Und von der Landstraße überall zu sehen ist. Das nasse Umland bringt auch mit sich, dass viele Wege und auch Straßen nach Kurzem enden, auch wenn der Grund dafür nur überspringbar schmal ist. Theoretisch überspringbar.

In dieser Landschaft stoßen wir nun erstmals auf die Spur der Schafe, die bis vor ein paar Augenblicken doch noch hier gewesen sein müssen – ihre Präsenz lässt sich noch förmlich spüren. Die an Schlupfwinkeln reiche Wiese ist professionell von Schafesmäulern kurzgerupft, was als Geräusch übrigens erstaunlich laut ist, wenn man nicht weit davon entfernt ein Mittagsschläfchen halten will. Der Blick auf diese Landschaft hier verleitet zu ausgiebigem Schwärmen.

Doch es sind keine Schafe hier. Am Abzweig zum abseits liegenden Gehöft Landhof kurz auf Kopfsteinpflaster und dann gleich wieder rechts auf einen Weg, der wieder wiesig und gleich noch ein bisschen schöner ist, die Weiden hier nicht minder eindrucksvoll und noch dazu in großer Zahl. Umgestürzte Riesen schicken einfach gänzlich neue Stämmchen Richtung Himmel und schaffen für ganze Schafherden die herrlichsten Plätze für die Rupfpause, zugleich Schattenspender und Rückenlehne. Eine größere Kuhle in den Armen eines solchen Baumes ist mit platinblondem Stroh ausgepolstert und macht neugierig darauf, sich selbst mal drin zusammenzurollen. Jetzt ist sie wieder greifbar, diese Schafpräsenz, und doch ist keiner da.

Schafweidewiesen mit alten Weiden
Schafweidewiesen mit alten Weiden

Hinten hin zum See zeigt sich die Botanik förmlich überbordend in all Ihren Stockwerken vom Schilf bis zu den Baumwipfeln, dasselbe auch links rund um die Weiher von Augustenaue. In einem der Gärten vor der Stadt sind alle Pfingstrosen zur selben Zeit aufgeknallt, verströmen hier ein Konzentrat von ihrem Duft und sind dabei schon wieder am Vergehen.

Der äußere Weg entlang der Mauer ist schattig, fast ein bisschen kühl noch, während draußen die Sonne brettert, nicht gnadenlos, doch mit Nachdruck. Über einen entenbegrützten Graben voll zahlloser Grüntöne wechseln wir in eine kleine zauberhafte Welt phantasievoller Kleingärten. Eine trapezförmige Restecke, etwa so groß wie drei größere Stranddecken, ließ sich wohl nirgends zuordnen und wird nun frei von Beeten als lauschiges Wiesenzimmer genutzt, ausgestattet mit einer Pforte, zwei meist schattigen Stühlen samt Tisch sowie außenherum einer hohen und dichten Hecke zu den anliegenden Parzellen. Ein paar entgegenkommende Mädchen werfen uns einen entspannten Gruß zu, was heute noch öfter passieren wird.

Links der Landstraße, die kaum sichtbar bedeckt ist von Spuren einer Schafherde, verläuft leicht unterhalb ein schöner Pfad, vorbei an einem froschtönenden länglichen Teich. Obwohl man sich einen Teich auf jeden Fall immer etwas mehr rund vorstellen würde, als es dieser ist. Vorbei am Jahn-Denkmal (gemeint ist tatsächlich der Turnvater), das vor über hundert Jahren von knapp zwei Dutzend Turnverbänden der Umgebung hier errichtet wurde, wechseln wir in den gegenüber verlaufenden Waldpfad entlang des Wohnviertels.

Das Straßenzickzack durch die locker bebaute Siedlung ist fast schattenlos, umso schöner, als der von Pfaden und Wegen durchzogene Wald erreicht ist. Das leise Schnaufen nach dem winzigen Anstieg hinterm Diebsgraben ruft in Erinnerung, wie heiß es heute ist. Obwohl wir schon den Schlurf eingelegt haben. Also noch etwas kleinere Drehzahl.

Wie zu Beginn kurz erwähnt, lauert jenseits der Straße zwischen Müncheberg und seinem weit außerhalb liegenden Bahnhof ein Problem. Lange war kein Hindernis mehr so unumschiffbar, wie jetzt das Gelände des Instituts, das sich mit Agrarlandschaftsforschung und Insektenkunde befasst. Zwei wissenschaftliche Forschungsrichtungen, die für den Moment stark an Sympathiewert einbüßen, da das Gelände komplett eingezäunt ist und alle zur Umgehung taugenden Wege an irgendetwas Nassem enden. Das wäre jetzt so schön gewesen, sich beim Flanieren durch die wogenden Felder luftiger Agrarlandschaften Bienen und Käfer vom Winde am Ohr vorbeipusten zu lassen, gern auch eine Libelle, die ja ebenfalls zu den Insekten zählt. Aber Pustekuchen, wie der Berliner manchmal sagt.

Nach Müncheberg zurückzukommen, ist absolut kein Problem, immer geradeaus entlang einer verkehrsreichen Straße, mit eigenem Fußweg und anfangs sogar schattig. Etwas bockig wagen wir dennoch am Schwarzen Weg einen Ausbrech-Versuch auf gut Glück, doch landen entweder an Zäunen oder in weglosen und vegetationsreichen Regionen, gut geeignet für die Mückenaufzucht. Zugegeben, hier muss ja nun auch niemand dringend lang.

Also zurück und die längst fällige Rast im leidlich windigen Buswartehäuschen eingelegt. Ein Bus aus Hohenwestedt hält, lässt ein paar Leute aussteigen und uns aufhorchen. Vor einer halben Stunde kamen wir am winzigen Straßenstummel der Hohenwestedter Straße entlang, die umgeben war von landläufigen Namen wie Flora-, Garten- und Waldstraße. Hohenwestedt liegt weit nördlich in Schleswig Holstein – ist das ein kurioser Zufall? In der Tat handelt es sich um eine Städtepartnerschaft, die uns hier geschickt serviert wurde. Und dort in Hohenwestedt, da im Norden, dort gibt es einen Straßenstummel namens Müncheberg.

Fuß des Frankfurter Turms (der mit dem Storch)
Fuß des Frankfurter Turms (der mit dem Storch)

Auf dem Fahrrad fährt jemand mit einem fast noch vollständigen Eis vorbei, von der Stadt kommend. Das wäre es jetzt. Ein Eis. Unbewusst legen wir einen Schritt zu. Und am nördlichen Kreisverkehr von Müncheberg, da wohnt es, das Eis – standesgemäß im Ristorante. Ab jetzt wird alles gut – und die leicht verschlungene Quintessenz der Runde am Ende zwar kurz, doch so formvollendet schön, dass ich sie allerbesten Gewissens unten in der Karte anbieten kann.

Mit dem Eis auf der Faust verlassen wir die Stadt erneut, durch ein Gewerbegebiet der ganz alten Schule, bestimmt hieß sowas früher anders. Der Weg dorthin führt vorbei an vier weiteren dieser Wege, die wegen Wassers abrupt enden, so zumindest meint die Karte. Erneut über den Diebsgraben, dann entlässt die Straße kurz in die ursprünglich angestrebte luftige Weite der Wiesen und Felder. Nach zwei Minuten geht es rechts in einen sandigen Feldweg, begleitet von Nachtigallen, gut bei Stimme, und einer Duftmischung aus wilden Rosen und Holunder in seiner Hochblüte. Das dichte Grün links und rechts dampft schwüle Luft heraus an diesen Stellen, wo der Wind keine Chance hat. Geradeaus führt ein Trampelpfad entlang eines kleinen Wassergrabens und widerlegt dabei zwei der eben erwähnten Sackgassen, eine zu befahren, die andere definitiv nur zu Fuß begehbar. Und das auch nicht mit breitkrempigen Hüten, wirklich, dazu ist dieser Pfad zu schmal.

Auf einmal, vorbei an einem Hügelchen mit Gipfelbank, steht man wieder vor der Stadtmauer und staunt, wieviel davon doch noch zu stehen scheint. Denkt kurz an Städte wie Altlandsberg und Bernau, auch an Templin natürlich, wo sie noch die ganze Stadt umschließt.

Dicht am nicht allzu hohen Gemäuer gibt es jetzt schon Schatten, der willkommen ist. Der Weg ist zauberhaft, mit alten Bäumen, und auch hier im Norden gibt es die vorgelagerten Gärtchen. Drei Kerle decken ein kleines Laubendach mit roten Pappschindeln, mitten in der prallen Sonne. Fluchen und reißen Witze dabei, was beides zu verstehen ist.

Nach Westen und auch nach Norden ist die Stadtmauer noch vollständig, teils erhalten, teils gekonnt nachgebaut. Hier und da ein Loch mit Pforte drin und mal auch ohne, ein paar der Pforten unverschlossen und als Durchgang nutzbar. Beim großen Parkplatz mit eigenen Stiegen hinauf zum Kirchhügel steht unter einer großkronigen Rotbuche in tageslangem Schatten eine Bank, wo es sich gut entspannen lässt.

Östlich der Stadt wird die fehlende Mauer durch eine lose Reihe stattlicher Baumstämme fortgeführt, bis hin zum stämmigen Fuß des runden Frankfurter Turms, aus gutem Grund auch Storchenturm genannt, und das wortwörtlich zu verstehen schon seit Kaisers Zeiten. Der diensthabende Storch ist da und zeigt sich so aufrecht stehend und ausführlich, als bezöge er von der Stadt ein festes Honorar.

Kurz darauf übernimmt bis um die Ecke eine Backsteinmauer, bald abgelöst von einem gelungenen Zitat aufs Original. Dieses ist baumesdick und errichtet aus verschiedensten Feldsteinen, deren durchweg skandinavische Herkunft hier und da im Detail beschriftet wurde. Von Mittel- und Südschweden kommen sie sowie auch aus der Gegend um Oslo und von den Åland-Inseln, die zwischen Finnland und Schweden verstreut als Schären in der Ostsee liegen. Danke für den Gruß!

Nördliche Stadtmauer
Nördliche Stadtmauer

Nach einem Abstecher zur schönen Rundbank am Waschbanksee und dem sachlichen Anblick eines Parkhauses, dass zur Entspannung des Stadtbildes beitragen dürfte, setzt sich die echte Mauer wieder fort, nun fast schon vertraut begleitet von alten Laubbäumen und schönen Gärtchen. Kurz die eigenen Wege gekreuzt, dann dem Bogen der Mauer gefolgt und zum zweiten Mal zum Ristorante. Am Kreisverkehr zeigen sich ein letztes Mal klare Spuren einer durchziehenden Schafherde, was sich bei der Einkehr thematisch aufgreifen lässt – zum heißen Tag passt neben etwas großem Kühlen gut ein Salat nach Art des Schäfers.

Der Wind streicht angenehm zwischen den Tischen hindurch, und am Kreisverkehr lassen sich zwar keine Schafe, doch kleine Herden umherziehender Kinder beobachten sowie zahlreiche Autos mit Anhänger, die hintendrauf jeweils zwei Strohrollen zu liegen haben – sollte es heute wirklich etwas werden mit dem Regen, dem lang ersehnten? Werden hier die Schäfchen ins Trockene gebracht?

Gut, dass jetzt sofort noch Gelegenheit zu tausend Schritten ist – vom eckigen Berliner Torturm weiterhin entlang der Mauer. Nochmal vorbei an den drei Dachdeckern, die jetzt fertig sind und verwundert schauen: sind die da nicht vorhin schon mal vorbeigekommen – oder war die Sonne doch zu heiß? Bis zur Rotbuche mit der Schattenbank. Von hier führen wie schon erwähnt die schönen Stiegen hoch zur Kirche, vorbei an einem überlebensgroßen, verschmitzten Zisterziensermönch aus Holz und mit Bezug zum Namen Müncheberg. Die Wolken werden dichter und auch grauer, der Wind frischt auf, und wenig später bricht der Regen los und nimmt mit sich die Spannung aus dem Tag.

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Lichtenberg, dann von Müncheberg Bhf. mit dem Bus in die Stadt (ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 1 Richtung Osten bis Müncheberg (gut 1 Std.), parken lässt sich auf dem großen Parkplatz nördlich der Kirche vor der Stadtmauer und auch im Stadtgebiet

Tourdaten: bereinigte Tour ca. 6,5 km (1-2 Std., da es viel zu gucken gibt); Empfehlung (mit kurzer Doppelung): von der Kirche südlich aus der Stadt und über die Wiesen wieder zurück, dann innerhalb der Stadtmauer zum Berliner Turm; von dort außerhalb der Stadtmauer fast einmal rund herum entlang der Mauer; vor dem Berliner Turm links zum Kreisverkehr, dort nördlich aus der Stadt heraus und wieder zurück zur Mauer, dieser folgend bis zur Kirche

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.stadt-muencheberg.de

http://www.zalf.de (Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung)

http://www.steinofen-baeckerei.de (Hennigs Backstube, Hauptsitz Hennickendorf)

Einkehr:

Ristorante Il Siciliano, Eberswalder Str. 1 (am westlichen Kreisverkehr, Nähe Berliner Tor)
(gute Küche, rote Fassbrause, freundliche Bedienung, elegante Einrichtung)

Zu Fuß durch die märkischen Landschaften