Groß Ziethen: Bunte Feldränder, weite Blicke und der Wind als Retter

Für genau einen Tag wird Hochsommer sein – so war es angesagt, und so findet es auch tatsächlich statt. Dreißig Grad sind prophezeit, und die werden eher über- als unterboten. Könnte man sich jetzt im Wald verkriechen und den Schatten genießen, doch das wäre eine Rechnung ohne die Mücken, verschenkt wäre darüber hinaus die kostbarste Überlebenshilfe an drückend heißen Tagen: der Wind.

Also besser in offene Landschaft mit gutem Windpotential. Das schreit nach Norden und im Detail nach Uckermark (oder Barnim im Kleid der Uckermark). Zumal dort nicht wie im Spreewald 33°C werden, sondern eher nur 29. Und es die beste Zeit ist für volle Kornfelder mit üppig bunten Blumenrändern.

Auf der Hinfahrt ist das erste sommerliche Wochenende nochmals zu erkennen, die meisten Autos tragen irgendwelche Sport- und Freizeitgeräte in oder an sich. Oder sind bis unter die Dachbespannung vollgepackt. Die Ostsee ruft hier wohl nicht mehr, dazu ist es schon zu spät, doch sicherlich eins der herrlichen Gewässer dort im Norden oder auch ein schönes Stückchen Radweg.

Joachimsthal

Kaffeepause in Joachimsthal beim Bäcker an der Ecke, wo sich am Sonnabend oft die Damen treffen und dazu schweigen mal, mal lustig sind – wovon das jeweils abhängt, weiß der Fuchs. Hier hing einmal (vor dem Betreiberwechsel) ein großes, gut gemaltes Bild vom Schiff Altwarp, ein schöner alter Ausflugsdampfer, der noch heute auf dem nahen Werbellinsee seine Süßwasser-Seemeilen runterreißt. Altwarp nun ist ein Dorf gelegen am Stettiner Haff, und das Gemälde hängt mittlerweile im Markt-Café in Angermünde. Der Besuch sei hiermit empfohlen, nicht allein des Bildes wegen!

Groß Ziethen

Nach Groß Ziethen ist es nicht weit, ein Dorf dieser Landschaft, wie es leibt und lebt. Stabil gebaute Häuser für die Ewigkeit aus Feldstein und festem Ziegel, die Leute hier haben viel Spaß an Farben und daran, Altes schön zu halten. Am Ortsende erhebt sich unerwartet ein riesiges Steinportal, nach dem Durchschreiten linst von links aus der Botanik ein lebensgroßes Mammut. Nun, das erklärt den Säbelzahntiger, der kurz zuvor auf einer Eisscholle über den Hinterhof trieb, und das bei diesen Temperaturen. Das noch wenig bekannte Besucherzentrum (der Parkplatz mit Bussteig scheint vor elf Tagen fertiggeworden zu sein) vom hiesigen Geopark bietet ein schönes Ausflugsziel für Familien und verrät anschaulich allerhand über die letzte Eiszeit.

Auch wenn „Eiszeit“ schön erfrischend klingt, uns drängt es jetzt in diese immer wieder sagenhafte Landschaft, die verlässlich Hochgenuss fürs Auge bietet. Also hinterm Parkplatz rechts, und sofort sind wir drin im satten Duft von wachsender Natur, der an windstillen Ecken fast schon dampft. Doch der Plan von oben geht auf, der ganze Tag wird von lebhaftem Wind begleitet, zudem ist der Himmel die meiste Zeit ein wenig zugezogen. Wenn nur eins davon nicht wäre, hätte man die Tour massiv verkürzen müssen, so bleibt sie unversehrt und lediglich die Gangart wird moderat gehalten. Für die Bilder vom Wegesrand gibt es dadurch schöne Himmelsgebilde.

Aufstieg zu den Kernbergen
Aufstieg zu den Kernbergen

Mit weiten Blicken führt der Feldweg entlang des hohen Korns, das sich jetzt im Wind schon schwerer wiegt, und die erhofften Vierfarb-Ränder aus Mohn- und Kornblumen, Margeriten und noch etwas Gelbem gibt es bereits nach wenigen Minuten. Dichte Wände aus Holunder und wilden Rosen, oft in sanfter Fusion vereint und ineinanderwachsend, stehen meist auf der richtigen Seite und lassen uns den Wind, der verfügbar ist, in Vollständigkeit. Der Blick nach Süden kann weit schweifen – das Panorama hat man sicherlich erwartet, doch es ist schon hier aufs Neue überwältigend. Später kommt’s noch besser.

Am Abzweig nach Luisenfelde steht ein bunt gemischter Schilderbaum nahe einer Rasthütte, die zugleich Buswartehäuschen ist. Oder umgekehrt. Schön ist das, dass es erlaubt ist, so viele Schilder völlig unterschiedlicher Kategorie an derselben Stange zu befestigen! Klein Ziethen ist von hier aus schon zu sehen, auch wenn es hinterm Hügel liegt.

Klein Ziethen

Das ist auch so ein schönes gemütliches Dorf, am Eingang treffen wir drei Mädchen mit tierlosen Leinen auf dem Weg zur Hundeherberge, auf der Dorfstraße dann zwei spielende Kinder – ein schönes Bild. Unterhalb der Dachkante eines Hauses hat sich eine ausgedehnte Reihenhaussiedlung von Schwalbennestern entwickelt, die man wohl länger schon gewähren lässt, und es geht rasant zu. Die Daheimgebliebenen und Hungrigen lassen ihre Köpfe sehen und scheinen voller Erwartung auf die, die gerade unterwegs sind mit der Einkaufstüte. Fast immer kommt eins angeflogen, übergibt und macht sich wieder auf die Socken. Alles sehr unterhaltsam bis amüsant, bis einem irgendwann der Nacken wehtut – also weiter.

Der Kirchhof bietet nicht nur einfach den erhofften Wasserhahn zum Abkühlen der Hände, sondern noch viel besser eine abgedeckte, ergo kühle Wanne, in der sich gleich der ganze Unterarm versenken lässt – kaum eine Erfrischung könnte jetzt schöner sein.

Hügelland am Fuß der Kernberge
Hügelland am Fuß der Kernberge

Hinter der verkehrsreichen Landstraße führt ein zauberhafter Weg in ein kleines Hügelland, das an sanft geschwungene Mittelgebirgslandschaft denken lässt. Je höher es geht, desto weniger ist er zu erkennen, dieser Weg, doch als grobes Ziel befindet sich voraus ein immer sichtbarer Sendemast. In sanften Wellen geht es über frisch gemähte Wiesen, die Mahd liegt noch und polstert jeden Schritt. Kurz vor dem Wald, dem Gipfel schon nah, präsentiert sich nun ein wirklich berauschendes Panorama in enormer Breite, sogar bis hin zur Oder und den Hochhäusern von Schwedt.

Der Einschlupf in den Wald lässt sich ein wenig suchen, ist dann jedoch sehr eindeutig, und auf einmal läuft man auf nadligem Waldboden mit trockenen Kienäppeln und steigt hinauf zum Kernberge. Der Hang nach Norden fällt steil ab, der Wald ist fast blickdicht.

Hier in der Gegend verschwinden an vielen Stellen Wege zugunsten von Anbauflächen, so dass die Passage entlang des Serwester Sees nicht mehr möglich ist. Daher gilt es nun eine neue Verbindung zu erkunden. Wir folgen entgegen dem Plan einem besonders einladenden Weg auf einem wildbewiesten Bergrücken, auf dem man Grillen zirpen hört, obwohl grad keine zirpen, weil es einfach so aussieht, als müssten welche zirpen. Kurz nach dem Abstieg wird es so haarig, wie es das selten war beim Finden einer erhofften Verbindung. Vierzig Meter trennen uns vom Anschlussweg, doch die sind wirklich dicht und wehrhaft bewachsen, undurchdringlich, so dass nur ein Versuch durch den benachbarten, auch recht dichten Wald hilft. Fast schon aufgegeben, finden wir in gebückter Haltung, mit einigen Blessuren und fast ausschließlich durch die Unterstützung ausgeprägter Tierpfade die entscheidende, wohl einzige Stelle und stehen voll Flusen und zerknüllter Spinnenweben wieder auf freiem Feld, nun auch wieder aufrecht. Geschafft! Doch die wunderschönen Wege zuvor waren es auf jeden Fall wert (Hinweis: die Darstellung weiter unten in der Karte zeigt eine gangbare Alternative, die etwas länger ist und ein Stück entlang der Landstraße verläuft).

Eine ausgeprägte Traktorspur übers stoppelige Feld bringt uns zu einer urigen Kopfsteinpflasterstraße, die schattig aus dem Wald kommt. Im dreifachen Schritttempo fährt ein Auto vorbei, oben aus dem Schiebedach ragen zutiefst vergnügt zwei Mädchen und winken uns, so gut das eben geht auf der hoppeligen Straße. Ein schönes Bild, ein friedliches.

Abzweig bei Buchholz
Abzweig bei Buchholz

Das Waldstück ist angenehm kühl und bietet schon bald wieder erste Blicke Richtung Serwester See, der wenigstens einmal kurz aufblitzt. Entlang hochgewachsener Wildrosenbüsche nach Buchholz, was auf eigene Art aus der Zeit gefallen wirkt und aus diesem ersten Blickwinkel auch irgendwo im Böhmischen Elbland liegen könnte. Rechts mischt ein weites Kornfeld die Farben rot und blau unter seine Wogen, am Rand dazu noch kräftig gelber Ginster.

Buchholz

Wir verlassen das Dorf nach Westen an einer Art Wagenburg, und auch diese nächsten Kilometer sind als Weg kaum noch zu ahnen, als breiter Feldweg schon gar nicht mehr. Wir haben heute zwar schon Graureiher und Kraniche gesehen, doch noch keinen Storch, also sorgen wir jetzt selbst dafür und staksen beinewerfend entlang des Wegfragmentes. Eine gute Alternative für die Zukunft wäre, das Dorf auf dem südlichen Feldweg zu verlassen, was mindestens genauso schön sein sollte. Von rechts gibt es etwas Windschutz, und es wird nochmals klar, wie wenig das heut ginge, ohne Wind.

An einer flachen Trockenwiese voller Blumen und mit Lerchen-Euphorie ist wieder etwas Weg zu erkennen, der Stil des Ganges geht wieder gen normal. Und auf dem breiten Feldweg darf dann wieder schön entspannt geschlurft werden, dies begleitet von einer eindrucksvollen Reihe betagter Kirschbäume, mal wilde Winzlinge als heranreifende Früchte, doch die meisten schon bald verlockend rot und groß. Ein genau wie Acker aussehender Hase erhebt sich aus dem Acker und sprintet schleunigst weg, nur einmal dreht er sich kurz um. Wir lassen uns nicht irritieren und schlurfen weiter. An den alten Kuhställen rein nach Senftenhütte, dessen gelbes Eingangsschild schon lange zu sehen war.

Senftenhütte

Das Dorf zeigt sich weit schöner und besonderer als in der Erinnerung, und wir folgen der Straße hinab zur Kirche. Die leider keinen Wasserhahn in ihrer Nähe stehen hat, naja, dafür war’s vorhin umso königlicher. Durch das ganze Dorf zieht sich hübsch und zugleich unaufdringlich ein thematischer Strang von Töpferei, der neugierig macht. Kurz vor dem Wald steht an einem schattigen Rastplatz eine Säule, gestaltet mit vollständig analogen getöpferten Touchpanels an jeder Seite, die von den Erwerbszweigen des Dorfes berichten. Was noch neugieriger macht.

Aus dem Wald strömt es kühl und duftend, was für ein paar Minuten schöne Entspannung bringt. Am waldschattigen Festplatz noch ein Wasserhahn-Versuch, doch der ist abgestellt, verständlicherweise. Die folgende, ausgiebige Passage fasst den ganzen Tag und auch die ganze Landschaft hier ganz hervorragend zusammen. In leichten Wellen führt sie über die Felder, vorbei an Tümpeln und auch kleinen Seen, an Hochständen und über kleine Wasserläufe mit gelben Lilienschwertern. Endlich auch drei Enten, ohne die so ein Brandenburg-Tag einfach nicht auskommt.

Größter Weiher am Weg von Senftenhütte nach Groß Ziethen
Größter Weiher am Weg von Senftenhütte nach Groß Ziethen

Als wir entlang eines dichten Rosengebüschs gehen, schreit uns ein Kuckuck fast genau ins Ohr. Bis zum heutigen Tage waren Kuckucke (heißt es Kuckücke oder Kückucke?) immer nur aus weiter bis sehr weiter Ferne zu vernehmen, so dass dieser regelrechte Schrei jetzt ein sehr spezielles Erlebnis darstellt, einmalig vielleicht fürs Leben. Das im Gebüsch nicht zufällig eine Kuckucksuhr hing, beweist sich, als ebenjener Kuckuck wenig später genau von dort ertönt, wo er hingehört: von weit weg.

Von jenseits eines Teichs trifft uns der durchdringende Blick eines Rehs, das es gleich dann dem Hasen von vorhin gleichtut. Wie vorhin bleiben auch wir dabei und lassen uns nicht aus der Ruhe bringen vom eiligem Tun. Die Kirche von Groß Ziethen kommt zwischen den Bäumen in Sicht. Ein erfreulicher Anblick, auch wenn man sich heute gar nicht losreißen möchte von der Landschaft und dem Tag. Doch die Hitze hat einen geschafft, jetzt bietet auch ein kaltes Getränk an schattigem Platz eine schöne, neue Perspektive. Das hilft beim Losreißen.

Die zehn Minuten entlang der Landstraße laufen sich besser als gedacht, rechts gibt es einen breiten Wiesenstreifen und der Verkehr hält sich gerade in Grenzen. Staubig, waldzerzaust und wiesenbestäubt kommen wir an, den Kopf voll bunter Bilder. Der erste Sandalentag, der erste gänzlich ohne Mütze.

Den schattigen Platz gibt es leider nicht beim Gasthaus im Ort, drum fahren wir zum Kaiserbahnhof bei Joachimsthal, der das Gewünschte in nahezu perfekter Form bietet. Dazu das Treiben rund um Wegfahrende und Ankommende – es ist hier fast ein bisschen wie an einem Hafen. Der Tag beruhigt sich mit jeder folgenden Minute.

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): leider wenig praktikabel (über Eberswalde oder Angermünde, doch nur wenige Verbindungen am Tag zu ungünstigen Zeiten)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn A11 bis Abfahrt Joachimsthal, Richtung Angermünde bis Groß Ziethen, parken lässt sich am dreieckigen Dorfplatz nahe der Kirche

Länge der Tour: ca. 19 km, reine Gehzeit ca. 5 Std. (fragliche Abschnitte sind im abgebildeten Track durch gangbare ersetzt);
gut teilbar in zwei kleinere, dennoch ausgewogene Runden

 

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.schorfheide.de/Besucher-und-Informationszent.983.0.html (Besucherzentrum des Geoparks mit Hauptthema Eiszeit)

http://schorfheide-portal.de/start/ziethen/

http://www.senftenhuette.de/

http://www.zum-schwanenteich.de/

http://www.zum-kaiserbahnhof.de/

Einkehr-Empfehlung (beide gemütlich rustikal):
Zum Kaiserbahnhof, direkt am Bhf. Joachimsthal Kaiserbahnhof (mit großem Außenbereich unter schattigen Bäumen)
Zum Schwanenteich, direkt in Groß Ziethen (kleiner Biergarten auf dem Hof)

 

© 2015, Wegesammler. All rights reserved.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.