Grobskizziert – Schwedt: Versunkene Spuren, lohnendes Warten und das Blau in den Auen

Da ist er endlich – dieser Zeitpunkt im Jahr, wo gleichermaßen scheinbar und tatsächlich ein Schalter umgelegt wird, der Tagesrhythmus und Licht verändert, mehr und mehr die Gesichter aller Passanten öffnet und Aufbruch in verschiedensten Dingen mit sich bringt. Ein schöner Moment, der meist dicht nach den Winterferien kommt und ab dem man nun wirklich keine Weihnachtsbeleuchtung mehr sehen möchte.

Am Rand von Schwedt

Da sämtliche Wochen des laufenden Jahres sich eher ausgewählten Schattierungen von Grau hingaben, anscheinend ohne Widerstand und stark durchfeuchtet, war er dann besonders schön – der erste sonnig-blaue Tag mit kalter Luft und warmer Sonne. Auch die Vögel haben sofort den Schalldruck erhöht, sodass selbst Frischluftvermeider mitbekommen müssen, dass sich etwas tut da draußen.

Oderdeich zwischen Fluss und Aue

Auf einen freien Tag mit solchem Wetter hatten wir lange gewartet, denn ein voradventlicher Besuch in Schwedt hatte eine Erkenntnis beschert, daraufhin große Neugier geweckt und baldiges Wiederkehren ganz oben auf den Zettel gesetzt – zwingend im positiven Sinne. Der Wetterprophet behielt Recht, und so ließ sich vor Ort das Spektakel stundenlang genießen.

Südlicher Polder bei Schwedt

Schwedter Oderpolder

Entlang der Oder gibt es, nach niederländischem Vorbild, ausgedehnte Flächen, die vollständig von Deichen umgeben sind. Die sogenannten Polder dienen vorrangig dem Hochwasserschutz der flussnahen Ortschaften, da sie sich bei Hochwasser über Öffnungen in den Deichen vollständig fluten lassen und somit eine Menge Wasser auffangen können. Nebenher sorgt das Umleiten der Oderfluten für die Düngung der weiten Flächen, reinigt das Flusswasser und schafft Lebensräume für verschiedenste Pflanzen und Tiere, vor allem natürlich für solche mit Flügeln. Die sind zwar temporär, doch die Tiere kennen das Spiel schon lange und wissen es sehr gut zu nutzen, wie die Erfahrung zeigt.

Blick übers flache Wasser nach Schwedt

Wer sich die Poldergebiete auf der Karte anschaut, sieht bereits auf den ersten Blick, dass Wasser schon von Hause aus eine flächige Rolle spielt, die endlosen Wiesen und Weiden westlich der Oder von Wasserzügen und Feuchtland durchzogen sind. Im Sommer kann man sich direkt durch dieses faszinierende Landschaftsbild hindurchbewegen und trifft trockenen Fußes auf spiegelglatt liegende Weiher, vom Wind gekräuselte Altarme oder krukelig-krumme Wassergebilde, welche durchaus die Phantasie anregen.

Blick in die südliche Oderaue

Dazwischen schaut hier und dort ein prächtiger Baum heraus, meist in der Hochzeit seiner Jahre, manchmal auch als rindenlose Baumruine, gebleicht und streichelglatt von Sonne und Wetter. An vielen Stellen gibt es weite Schilffelder, bei denen nicht klar ist, bis wohin sie reichen, ebenso wenig, ob da Wasser ist und wo. Hinreißende Wege führen mittenhindurch, die dringend einladen und häufig belohnen. Manchmal jedoch enden sie im Nichts oder an einem kleinen Oderstrand, vereinzelt auch am Weidezaun vor einer kaum bewegten Viehherde, die man besser in diesem Zustand belässt.

Versinkender Weg im verleiteten Oderwasser

Insbesondere nach Hochwasserzeiten kann auch stehendes Wasser das Ende der Schritte bedeuten, sei es nun konkret sichtbar mit Spiegel oder erst ein paar Meter später anhand Geräusch und nasser Schuhe zu bemerken, wenn der Untergrund noch stark durchtränkt ist. Doch der Versuch ist eigentlich immer lohnend, ganz gleich wie weit man kommt – schlimmstenfalls geht man auf demselben Weg zurück und entdeckt mit neuem Blickwinkel wieder andere Details.

Schwedter Oderpolder im Winter und Frühjahr

Im Winter sieht die Lage ganz anders aus und jeder, der hier Ausflüge plant, sollte sich an Wege halten, die etwas erhöht auf Deichen oder Dämmen verlaufen. Das schränkt die Auswahl an gangbaren Tagestouren gehörig ein, doch dafür sieht es hier noch dreimal mehr nach dem vollmundigen Wort Nationalpark aus wie ansonsten schon. Und klingt auch so, denn jeder Augenblick wird von verschiedensten Vogelrufen begleitet.

Farbfrohe Grenzbrücke zwischen Zoll und Schaschlik

Jeweils an einem Stichtag im November werden die Lücken im Oderdeich geöffnet. Das Wasser des ruhig dahinfließenden Stromes drückt sich mit Kraft durch die sogenannten Auslassbauwerke und lässt Seitentriebe ins weite Auenland austreiben, die beständig wachsen. Das Wasser sucht sich im Krabbeltempo seinen Weg durchs flache Gelände, welches nach Westen hin über ein hauchzartes Gefälle verfügt.

Oderdeich mit beidseitigem Wasser

Nach einer Woche ist davon fast nichts zu sehen und die meisten Wege liegen noch trocken. Wer sich jedoch um die Weihnachtszeit herum auf den Weg nach Schwedt macht, dürfte schon ins Staunen kommen angesichts der Wasserflächen, die sich teilweise kilometerweit aufspannen. Erfahrungsgemäß gibt es jedoch in diesen Wochen selten klares Wetter und das Licht ist ohnehin so knapp wie es nur sein kann. Wer also noch etwas Geduld aufbringt oder sich durch den mehrtägigen Festschmaus eher noch als Kriechtier empfindet, kann im Januar oder Februar bei zurückgekehrter Grundkondition das Ganze unter vollem Licht oder sogar mit Eisgang erleben.

Gefüllte Oderauen

Oben drüber ist immer etwas los am Himmel, erst für die Ohren, dann nach dem Kopfheben auch für die Augen. Dementsprechend sieht man häufig Leute mit gewaltigen Objektiven oder Spektiven samt Stativen herumpilgern. Die ganze Welt der großen Zug- und Wasservögel zeigt sich hier mit einigem Schaueffekt, schlägt Lärm, schimpft oder bezirzt, wirft sich in Schale oder macht sich im Balzritual zum Affen.

Trubel auf dem Oderdeich

Zwischen all den Großkalibern gibt es auch so manche Kleinere, die zwar für Laien nicht zuordenbar, doch nichtsdestotrotz sehr schön sind. Die Vielfalt der Geräusche ist so breit, dass man im sanften Freudentaumel selbst mit dem Grundbesteck durcheinanderkommen kann und das charakteristische Fluggeräusch der Schwäne schon mal anderweitig einordnet.

Blick übers Wasser nach Schwedt

Es lohnt sich, auf solche Tage mit guten Kontrasten zu warten, denn erst an diesen lassen sich sämtliche Feinheiten wahrnehmen, welche die Landschaft im Allgemeinen und die Wassersituation im Speziellen auffahren. Da stehen ausgewachsene Alleen mitten im Wasser, ein paar Minuten weiter verlieren altgediente Plattenwege ein paar Zentimeter an Höhe und versinken im Wasser, während die Grasnarbe noch zwei Steinwürfe länger den Wegverlauf anzeigt.

Landspitze zwischen Fluss und Kanal

Endlose Schilfflächen lassen im Unklaren, aus welcher Kategorie von Entfernung das ausgelassene Geschnatter der Enten herkommt. Gebogene Schilfgürtel mit begleitenden Bäumen lassen vermuten, dass links davon das Wasser bis zum Knie und rechts wohl eher bis zum Scheitel reichen dürfte. Während die markantesten Gebäude von Schwedt sich ansonsten hinter weitem Grün erheben, tun sie dies nun jenseits weiten Blaus oder über einem silbrig durchbrochenen Spiegel, für den der wasserkräuselnde Wind sorgt.

Eins der Auslasstore im Deich

Die Durchlaufzeit der Polder währt bis Mitte April. Dann werden die Tore entlang der fließenden Oder geschlossen und das Wasser kann in den folgenden Wochen über jene am Kanal ablaufen, hier und dort helfen noch einige potente Pumpanlagen mit. Irgendwann ist alles fließende Wasser draußen und das Verbliebene entspricht wieder weitgehend dem, was die topographische Karte zeigt. Danach beginnt die landwirtschaftliche Nutzung, die später im Jahr so manchem Storch ein gutes Auskommen sichert.

Kanalufer nördlich der Innenstadt

Wem nun vor lauter Landschaftseindrücken der Kopf überläuft, der kann sich jeweils an den Rändern kleine Pausen gönnen. Im ersten polnischen Dorf gleich an der Oderbrücke gibt es zum Beispiel Deftiges vom Grill, das manchmal etwas Wartezeit verlangt, weil nicht auf Vorrat vorgegrillt wird sondern frisch und solches eben seine Zeit braucht. Die Warteminuten lassen sich gut bei einem Rundgang durch die Welt der Zigaretten und Vogelhäuschen oder bei einem vorbereitenden Uferpäuschen auf der bequemen Mauer unterhalb der Brücke vertreiben.

In der Schwedter Innenstadt

Drüben in Schwedt kann man den Rückweg zur Stadt auf der Festlandseite entlang der Schlosswiesen nehmen, wo von der Schleuse an der Schwedter Querfahrt ein Pfad auf der Deichkrone verläuft, der die Stadt voraus sehr schön in Szene setzt. Später schließt die Uferpromenade an, die mit kleiner Unterbrechung bis zur Freilichtbühne des Theaters bei den herrlichen Freitreppen führt. Über die besuchenswerte Innenstadt mit ihrer gut verteilten Kunst im Stadtbild und den zeichnerischen Überraschungsmomenten an verschiedenen Fassaden muss ja hier nichts mehr geschrieben werden!

















Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Schwedt (1,5-1,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn bis Ausfahrt Angermünde, dann Landstraße (ca. 1,5-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 15,5 km (Abkürzungen zwischen Mitte November und Frühsommer nicht möglich)

Hinweis: Manchmal kündigen Schilder eine Sackgasse oder einen nicht möglichen Durchgang an – nicht immer eindeutig, was Motorlose betrifft. Ursache sind meist Instandhaltungsarbeiten an den Deichwehren. Am besten erkundigen Sie sich im Vorfeld bei der Tourist-Information. Empfehlenswerter, weil tagesaktuell ist es, vor Ort nach entgegenkommenden Fußgängern oder Radfahrern zu schauen und direkt diese zu befragen. Im schlimmsten Falle ist auf dem Weg zurückzugehen, auf dem man kam.

Links:

Die Polder im Unteren Odertal

Schwedt-Tourismus

Faltblatt zum Poldersystem (PDF)

Einkehr: div. Möglichkeiten in Schwedt, Imbiss in Polen an der Grenzbrücke (z. B. Schaschlik)

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