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Berliner Spaziergang – Westkreuz: Die Riesenschlange, ein Weinbrunnen und etwas bittersüße Westalgie

Der Sommer lässt Berlin und das Umland in seiner Hitze schmoren, schon über Wochen. Wer die Wärme liebt, genießt die Sommerglut mit breitem Grinsen. Alle anderen helfen sich mit Schattensuche und Ventilator, nassen Handtüchern und anderen Hilfsmitteln durch die Phasen oberhalb der Dreissig. Viele jedoch berührt es nicht groß, denn die Urlaubszeit läuft und anstatt der Stammbevölkerung, welche die Wärme anderer Länder erleben will, sieht man vor allem in den inneren Ortslagen Besucher, die von allen Kontinenten den Weg hierher gesucht haben.

Rennfahrer-Denkmal an der Auffahrt zur AVUS

Bunt geht es zu und fröhlich aufgeregt, vielfältig ist dabei das Gewirr der Sprachen. Vielfältig ist auch die Codierung der Reisegruppenküken, die von der leitenden Glucke anhand quietschgelber Schirmmützen, kleiner Fähnchen oder auch elektronisch über Bande dabei ertappt werden können, wenn sie sich zu weit vom zuständigen Erklärbär entfernen – per Smartphone-Applikation resp. Standortermittlung.

Gleichzeitig ist es leer in großen Teilen der Stadt und doch voll, denn in alter Sommertradition werden alle schon länger anstehenden Baumaßnahmen für Straße und Schiene parallel abgehandelt, in diesen Monaten, wo es weniger die berufstätige Bevölkerung trifft, sondern eher die ungestressten Touristen – für die das ja mittlerweile zum erwarteten Berlin-Feeling gehören dürfte und vielleicht sogar in den Reiseführern gepriesen wird.

Kleine Tanke am Rasthof Avus

Doch das Schöne ist ja beim gut verästelten Berliner Verkehrsnetz, dass es in den allermeisten Fällen eine gangbare Alternative gibt, um von einem schönen Ort zum anderen zu kommen. Die Sache mit dem günstigen Ticket für allen Regionalverkehr im Lande hat sich mittlerweile ganz gut eingepegelt, so dass die medienwirksamen Bilder aus den Anfangswochen fast vergessen sind.

Rasthaus Schmargendorf

Wer gerne zu Fuß durch Stadt und Land streift, nach ausgetüfteltem Plan oder einfach im losen Treibenlassen als Flaneur, tut derzeit gut daran, dies hübsch und sommerlich gekleidet und im Schlurf zu tun, dabei den Schatten zu suchen und längere Anstiege zu meiden. Denn nicht rauszugehen ist keine Option, insbesondere in den schönen freien Tagen, wo der Geist schon mal unbeschwert ins Flattern kommen kann. Weites Grün ist gut und großes Wasser, denn dort ist es tatsächlich und auch vom Gefühl her immer etwas besser auszuhalten. Beides lässt sich bekanntermaßen in jeder dritten Ecke Brandenburgs finden, doch auch die Stadt Berlin ist in dieser Hinsicht gut ausgestattet.

Schmargendorf, Hinter der Breiten Straße

Nicht wundern übrigens: auf dem vergleichsweise kurzen Spaziergang durch die sommerheiße Stadt gab es links und rechts der Schritte, nicht zuletzt auch bei den ausgedehnten Pausen so viel zu sehen und zu hören, zu entdecken und zu beobachten, dass die Details hier und dort die Überhand gewonnen haben.

Westflanke der Schlange

S-Bahnhof Westkreuz

Ein wunderbar absurder Ort, um einen Spaziergang zu beginnen, ist der S-Bhf. Westkreuz, den vermutlich die meisten Leute zum Umsteigen nutzen. Auch wenn der Bahnhof umschmiegt wird von urigen Berliner Kleingärten, gibt es zum Verlassen nur die Option hin zu einem komplexen Knoten aus Autobahnbrücken, ICC-Ausläufern und Straßentunnels. Insofern staunt man kurz über die Zubringer-Radwege, die hier eingeflochten wurden. Ein ähnlich komplexes, auch zu Fuß durchquerbares Stück autogerechte Stadt auf so wenig Fläche dürfte in Berlin nur selten zu finden sein.

Bahnhof Westkreuz, oberer Bahnsteig

Nach viel Beton und ein paar Kurven sieht man an der Ampelkreuzung zum Messedamm neben dem Funkturm und dem Rundbau der Messehallen den Einstieg zur AVUS, erkennbar an der über achtzig Jahre alten Skulptur mit den im Fahrtwind geduckten Motorradfahrern. Bei jedem Auffahren auf die AVUS fragte man sich hier, ob jemals irgendwann ein Fußgänger oder Radfahrer diese Ampel nutzt und wenn ja, warum. In der Tat geht es hier nach einiger Zeit zum Halensee und dann auch bald zum Kudamm, das wären schon zwei gute Gründe.

Stadtautobahnwirren unter dem ICC

Ein drittes, für Fußgänger eher abwegiges Ziel, was sich in zwei Minuten und dank eines Treppchens erreichen lässt, ist die Tankstelle am Rasthof Avus, die aus einer ähnlichen Zeit wie die Motorradfahrer stammen dürfte und irgendwie an Heinz Rühmann denken lässt. So groß der Rasthof mit seinem Platz für unzählige Reisebusse und Laster, so winzig und nahezu rührend ist die kleine Tankstelle ganz am nördlichen Rand mit ihren zwei Zapfsäulen und einem eleganten Tankwart alter Schule mit beiläufigem Berliner Humor. Wundern würde es einen nicht, wenn er beim Vorfahren hinausgeeilt käme, die gewünschte Spritsorte erfragen und den Tankstutzen platzieren würde.

Funkturm und Messegelände und etwas ICC

Auch wenn das hier wirklich kein Ort für Fußgänger ist, gibt es für uns am Außentisch zwei schöne Plätzchen, kühlen Wiesenduft und einen bis zuletzt heißen Kaffee. Ein gerne essender Mann mit einer Schale voller Weintrauben ist plötzlich da, steckt sich eine an und futtert zwischendurch die erste Traube leer. Vom Parkplatz her kommt zwischen den Bussen heraus ein zweiter auf dem Fahrrad, mit einem großen Apfel auf dem Gepäckträger und einem Stoffbeutel am Lenker. Es wirkt wie das Ritual zweier pensionierter Fernbusfahrer, die sich hier stets zum selben Zeitpunkt treffen und ihren Plausch halten. Der Apfel bleibt unberührt. Aus dem Beutel wird eine Flasche Selters gefischt, die Fluppe jedoch nur angedeutet angesteckt, da isser wohl drüber hinweg.

Rennfahrer-Denkmal an der Auffahrt zur AVUS

Es ist vom Straßennetz kommend nicht selbsterklärend, wie man mit dem Auto genau hierher gelangt, und beim ersten Mal durchaus etwas verstörend. Dennoch rollt kurz darauf ein altersgerechter Porsche mit vier Türen und Duisburger Kennzeichen an und kommt zwischen den zwei Säulen sportlich zum Stehen, technische Hilfen verhindern ein untermalendes Quietschen der Reifen. Durchaus lässig und fast filmreif synchron steigen vier elegante junge Araber aus, die aussehen, als kämen sie frisch von einem der unzähligen Barbershops.

Fußgängerrast an der kleinen Tankstelle

Vom Busfahrer mit dem Apfel werden sie mit einem herzlich berlinerten Salemma Leikum begrüßt, dann wird ein bisschen hin- und hergeflachst, dass der Sauna-Club mit dem Damenpersonal aber auf der anderen Seite des Autobahngewirrs liegt. Und dass es zu Fuß nur ein paar Minuten wären, jedoch von hier aus nur mit Auto geht, was wiederum ein komplexer Vorgang wäre. Da ein ausreichender Altersunterschied zwischen den beiden und den vieren besteht, bleibt alles friedlich und die Gesichter freundlich. Und die Jungs reiten in der klimatisierten Fahrgastzelle und ohne Tankvorgang bald wieder vom Hof.

Rasthof Avus mit dem unvollständigen Peace-Zeichen

Eichkamp

Noch stecken wir mitten drin im ewig rauschenden Straßenknäuel. Also kurz vor zum Rasthof Avus, der ganz oben auf seiner Rotunde das unvollständige Peace-Zeichen führt, wie man es auch vom Europa-Center kennt. Dank zweier Durchschlüpfe für Fußgänger lässt sich die alte Nordkurve queren, und nach ein paar geschlagenen Haken und etwas Messegelände ist der S-Bhf. Messe Süd mit seiner verspietten Backstein-Fassade erreicht.

S-Bahnhof Messe-Süd/Eichkamp

Hier erfolgt nun der Wechsel von Asphalt, Lärm und Abgasen ins erste Wohnviertel am Weg, die verschlafene Siedlung Eichkamp, welche dem Bahnhof bis zur Jahrtausendwende ihren Namen gab. Der Zikadenweg ist von schönen Siedlungshäusern gesäumt. In einem der Gärten steht hinten eine riesige Rotbuche, vom zugehörigen Bewohner erfahren wir, dass sie wohl nicht viel älter als hundert Jahre ist.

Kultur- und Nachbarschaftstreff Haus Eichkamp

Grunewald

Vorbei am Haus Eichkamp, einem kulturellen Nachbarschafts-Treffpunkt für alle Altersgruppen, geht es vom Maikäferpfad bald weiter durch einen etwas tieferliegenden Grünstreifen. Obwohl der Wald vor Trockenheit knackt, ist das Klima sofort angenehmer. Rechts erstrecken sich ausgedehnte Sportanlagen, insgesamt fast so groß wie das Messegelände. Der anschließende weite Wald gehört dann schon zum nördlichen Grunewald, der sich zwischen der Havel im Westen und einer Seenkette im Osten bald zehn Kilometer bis nach Nikolassee erstreckt, ohne von irgendetwas unterbrochen zu werden.

Im allernördlichsten Grunewald

Das Netz der Wege hier ist dicht. Auf jedem größeren Weg, der quert, pilgern Leute von links nach rechts. Mal sind es Radfahrer, dann drei Grazien in leicht wehenden Sommerkleidern, die den Boden beim Gehen scheinbar nicht berühren, dann wieder eine Familie mit Bollerwagen, die unter allerhand Gekicher nicht vom Fleck kommen, weil es im Wald so viel zu entdecken gibt. Die ausschließliche Richtung erklärt sich zur gerade noch vormittäglichen Tageszeit mit dem Teufelssee, dessen Areal mehrdimensional Freizeitfreuden für alle Altersgruppen bedient. Vom S-Bahnhof Grunewald sind es gerade mal zwei Kilometer, eine Dimension, die sich mit den meisten Konstellationen von Menschen verträgt.

Schattige Sitze vor der Bezirksgärtnerei

Vor der Bezirksgärtnerei bietet sich eine Pause auf ein paar verstreuten Findlingen an. Wenig später lockt von einem breiten Tor das Waldmuseum zum Abstecher ins organisierte Grüne. Ein versonnenes Mädchen fegt erstes Raschellaub zusammen und weist uns den Weg zum Waldschulgarten hinterm Haus.

Waldschule hinterm Waldmuseum

S-Bahnhof Grunewald

Vom Parkplatz am Pappelplatz quert mit zahllosen Abzweigen ein winziger Pfad hinüber zum breiten Weg, der zum S-Bahnhof führt. Eine Erfrischung wäre durchaus schön, doch die erste und die dritte Wirtschaft haben zu, die dazwischen ruft Preise auf, welche sich eher für andere eignen.

Teufelssee-Zubringer

Am Ende des langen Tunnels, der Autobahn und Bahngleise unterquert, liegt der gemütliche und sehr unterhaltsame Bahnhofsvorplatz mit dem hübschen Bahnhofsportal. Die Plätze beim Bäcker sind alle recht sonnig. Beim Herumsuchen fällt der Blick auf die gegenüberliegende Bahnhofskneipe, wo es schattige Plätze gibt, durch die obendrein der Wind geht. Und natürlich auch kühlere Getränke als beim Bäcker. Vielleicht ja auch gleich ein Mittagessen, was auf den nächsten Kilometern umgehend wieder verheizt werden kann.

S-Bahnhof Grunewald, zwischen Avus und Bahndamm

Von der hohen Warte der Barhocker haben wir beste Sicht auf den Bahnhof samt der regelmäßig einlaufenden Doppeldecker-Busse, denn tatsächlich fühlt es sich ein kleines bisschen an wie am Hafen. Ein Bus läuft ein, Fahrgäste gehen von Bord, ein paar Meter weiter steigen neue ein, und in der Minute des Auslaufens biegt schon der nächste große Gelbe um die Ecke.

Fußgängertunnel S-Bahnhof Grunewald

Als Äquivalent zu den Privatjachten fährt eine bejahrte Dame im teuren Cabrio vor, stilecht mit wehendem Kopftuch, lässt sich unter dem beiläufigen Brabbeln des Sechszylinders im Schritttempo kurz bewundern und springt als kleine Alibihandlung wenigstens zum Bäcker rein. Ein Lieferwagen parkt selten dämlich und verstopft die Hafendurchfahrt, doch bevor noch Ärger unausweichlich wird, kann der Busfahrer die Stirn entrunzeln und die enge Kehre ist wieder frei.

Beim Bäcker haben sich vier ältere Rennrad-Herren in bunten Kunstpellen eingefunden, drei von ihnen käsebleich, einer tiefschwarz, und es ist nicht klar, ob sie gerade erst losgefahren sind oder schon achtzig Kilometer auf der Uhr haben. Ganz egal, beim Bäcker ist erstmal eine Pause fällig, die ausgiebig mit Fachsimpeln und dem Ausformulieren der guten Vorsätze gefüllt wird. Bald sind es schon fünf, kurz darauf sechs. Der Zuwachs geschah unbemerkt, dafür wird nun aufwändig und umständlich ein Nachbartisch herangerückt für bessere Gemeinschaft.

Portal S-Bahnhof Grunewald

Auf der sonnigen Bank vor unserem Lokal, dann bald am schattigen Tisch neben dem zweier gleichaltriger Herren sitzt eine Dame kurz vorm besten Alter, die dem Anschein nach gerade Harald Juhnkes Definition von Glück erfüllt: keine Termine und leicht einen sitzen. Nimmt mit dem Cocktail-Glas in der Hand das Gespräch auf und hält es mit stetem Bröckeln am Laufen, macht auch kaum Hehl daraus, dass einer Anbandelei nichts im Wege stünde. Die Herren füttern den Dialog nur zurückhaltend, scheinen die Situation aber nicht befremdlich zu finden.

Einen begrenzenden Termin hat die Dame dann wohl doch, da sie demnächst ihren Dienst antreten und den Bus nehmen muss, der .53 ausläuft. Auch unsere Kellnerin hat schon schon gut einen sitzen, und als wir es schließlich geschafft haben zu zahlen und einiges nach .um weiterziehen, sitzen sowohl die Dame mit den Herren als auch die schrillbunte Speichenrunde noch fest auf ihren Stühlen.

Hasensprung zwischen den Seen

Königs- und Dianasee

Eine Ecke weiter gibt es hier noch einen hinreißenden Laden für die täglichen Dinge, eine klitzekleine Edeka-Filiale. Der Gedanke erscheint nicht abwegig, dass der Filialbetreiber ein Drittel der Kundschaft mit Namen ansprechen kann. Nun beginnt das Villenviertel rund ums Doppel aus Königs- und Dianasee, wo an manchem dieser riesigen Gebäude tatsächlich nur ein Name auf dem Klingelschild steht. Einige tragen hübsche Namen wie Villa Noelle oder Landhaus Bernhard, ein Chalet Ingo sucht man vergebens. Dazwischen eingestreut finden sich ein paar Botschaften.

Blick auf den Königssee vom Aussichtsplateau

Unerwartet quert der hübsche Spazierweg namens Hasensprung das tiefe Tal am schmalen Seenverbinder, schattig und angemessen mondän. Die Brücke wird von zwei steinerne Hasen bewacht. Im angrenzenden Park gibt es vom kleinen Aussichtsplateau einen schönen Blick ins satte Grün der Gärten. Im gediegenen Tempo zieht der Badekappenkopf einer Dame diagonal über den See.

Hubertussee

Nur ein paar Minuten nach den Hasen wird der nächste See von einer großpfotigen Löwendame mit Menschenhaupt eingeläutet, mit der man besser keinen Ärger hat. Unten am Hubertussee begleitet ein uriger Spazierweg mit knorrigem Geländer die in sich versunkene, idyllische Wasserrinne, auf der es sogar eine kleine Insel gibt. Treppen locken hier und da zurück auf die Höhe. Gar nichts sieht gerade nach mitten in Berlin aus.

Unten am Hubertussee

Roseneck

Doch einen Grünstreifen und ein paar böhmische Straßenecken weiter landen wir auf einmal mitten im städtischen Dorftrubel, der nun nach Westberlin im besten Sinne aussieht und eine kleine Serie von Kiezen eröffnet, an deren kurzem Lauf drei Filialen von Butter-Lindner liegen werden. Mittlerweile gibt es zwar auch einzwei davon in zentral gelegenen Ost-Bezirken oder Potsdam, doch es ist auch heute noch so eine liebenswerte Westberliner Bastion des gehobenen Genusses und der gehobenen Braue – ein bisschen wie KaDeWe in Wohnzimmerformat.

Der Kiez rund ums Roseneck eröffnet den Reigen, und unsere Tortensuchaugen führen uns zielsicher zum hiesigen Wiener Caffeehaus. Bei allen mondänen Grundfesten ist auch hier der Personalmangel spürbar und es braucht jeweils etwas Wartegeduld für Bestellung, Servierung und Rechnungslegung. Wenn man das weiß, ist es so gesehen unproblematisch, als dass man hier herrlich Menschen gucken kann – was natürlich auch für die anderen gilt.

Nicht zuletzt bestätigt das die Wochenendzeitung durch die Information, dass auch das Rolls-Cabrio von Berlins dienstältestem Playboy regelmäßig vor dem Caffeehaus parkte. Der Lebemann mit dem schönen Künstlernamen Eden, der für Westberlin so ein Begriff war wie Pelz-Lösche oder Bolle bzw. Ruhnke und auch Juhnke, hat sich just in diesen Tagen in die nächste Sphäre begeben. Man kann von ihm halten, was man will, doch etwas Vergleichbares hatte die Stadt nicht noch einmal zu bieten – und das von der Nachkriegszeit bis in heutige Tage.

Rathaus Schmargendorf

An den Nebentischen sitzen also allerhand Paradiesvögel der betuchten Sphären, seien es nun bis zum Anschlag aufgebrezelte Barbies jenseits der Siebzig oder in Würde gealterte schwule Pärchen im allumfassenden Sonntagsstaat, was Haarpracht, Brillengestell und Einbalsamierung angeht, funkelndes Geschmeide und getragenen Dialogton nicht zu vergessen. Tätowierung scheint hier hingegen noch verpönt. Die vornehmlich weibliche Kundschaft, die im benachbarten Bioladen ein- und ausgeht, sieht so formvollendet aus, als hätte sie sich extra für den Einkauf in Filz, Naturseide und Linnen geworfen.

An den Nachbartischen gibt es aber auch die lieben alten Mütterchen, bei denen der Besuch wohl schon seit Bestehen der Conditorei zum regelmäßigen Ritual zählt und trotz knapper Rente nicht geopfert wird. Dann sitzen da auch Leute wie du und ich oder die türkische Großfamilie, deren Kinder sich zu Tode langweilen und trotzdem kein digitales Endgerät zu Hilfe holen dürfen, um die stehende Zeit zu überleben. Die Mischung ist herrlich und authentisch. Ein Kolumnist bräuchte sich hier wochenlang nicht vom Fleck zu bewegen für seine Geschichten, und auch ein heutiger Zille hätte reichlich Stoff.

Schmargendorf

Die Torte hat ihren Preis, schmeckt verdammt gut und ist so nicht an jeder Ecke zu bekommen. Wien ist zu Recht namensgebend. Hier am Roseneck beginnt nun ein kleiner Reigen grundverschiedener Kieze, die jeweils nicht mehr als eine Viertelstunde voneinander liegen. Ein paar Ecken weiter zieht ein märchenhaft verspieltes Backsteingebäude den Blick gen Himmel und lässt Kopf und Augen längere Zeit kreisen.

Berkaer Straße in Schmargendorf

Nie habe ich mir merken oder hätte sagen können, wo Schmargendorf liegt, welchem Bezirk oder welcher Himmelsrichtung es zuzuordnen ist, doch jetzt ist es auf ewige Zeit verankert, dank diesem backsteinernen Feuerwerk aus Türmen, Türmchen und Erkern, aus Stufengiebeln, Zacken und Vorsprüngen, Fensterformen, Fialen und Fassadenspielerein. Das stand bei seinem Bau vor hundertzwanzig Jahren noch auf freiem Acker, und wer sich fragt, wie zum Teufel man für ein Kleinstadt-Rathaus so viel Geld ausgeben konnte, findet die Antwort am ehesten in der Immobilienbranche.

Breite Straße

Gleich dahinter beginnt eine bunte Ladenstraße, in der auch Butter-Lindner und Thoben nicht fehlen. Hinter der nächsten Kreuzung liegt dann als Schmargendorfer Kiez Teil 2 die Flachbauzeile entlang der Breiten Straße, die berlinweit eine Rarität darstellt. Etwas Ähnliches gibt es auch noch in der Brunnenstraße im Wedding. Dass hier vormals gemütliche Altbauten standen, lässt sich noch auf der gegenüberliegenden Seite sehen, wo von den Schmargendorfer Höfen, die für ihr Kleingewerbe bekannt waren, noch ein paar in Funktion sind.

Hinter der Breiten Straße in Schmargendorf

Dennoch hat die Fußgängern vorbehaltene Zeile einen besonderen Charme, ist sie doch auch ein offener Hinterhof und gerade in sonnigen Zeiten mit einigem Grün und Schatten ein schöner Zufluchtsort. Mit dem Duft gemahlenen Kaffees in der Nase und einem frisch gekauften Handfeger unterm Arm kann man sich weiter hinten ein schönes Buch kaufen, sich damit ins Café setzen und die ersten Seiten überfliegen. Und dann doch wieder an den Leuten hängen bleiben oder den unterschiedlichsten Satzfetzen von den Nebentischen, welche eine empfängliche Phantasie mit plastischen Bildern versorgen. Ein Dorfkirchlein gibt es hier übrigens auch, ein paar Meter weiter und betont versteckt.

Schmargendorfer Dorfkirche

Schlange

Nach dem Wechsel in den Bezirk Tempelhof-Schöneberg, der nun eher dem Süden als dem Westen zuzuordnen ist, geht es vorbei am einladenden Fritz-Cornelsen-Spazierweg zu einem weiteren Phänomen, einer weiteren Einzigartigkeit in dieser Stadt, die aus heutiger Sicht ebenso aus der Zeit gefallen scheint wie ein bekennender Vollblut-Playboy. Den Gedanken, die innerstädtische Autobahn zu überdachen und damit drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, gab es schon in den Siebzigern, zu den Zeiten, als die autogerechte Stadt als Idealbild galt.

Spielplatz an der Schlange

Zusammen mit der Wohnungsknappheit in der ummauerten Zwei-Millionen-Stadt waren das ausreichende Argumente, das umstrittene Projekt „Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße“ in die Tat umzusetzen, in dessen Rahmen die laute Schnellstraße nicht nur einfach gedeckelt, sondern mit einem gigantischen Wohnhaus abgedeckt wurde. Keine vierzig Jahre nach Bauende übrigens wurde der imposante Komplex vor ein paar Jahren unter Denkmalschutz gestellt.

Fußgängerdurchgang unter der Stadtautobahn

Die sechshundert Meter lange Schlange wird nach Westen hin von Kleingärten und einem schönen Parkstreifen begleitet, der großzügige Spielplätze sowie Raum und Anregung für allerhand Freizeitgestaltung bietet. Ganz am Ende gibt es einen leicht abgefahrenen Durchgang, bei dessen eher eiligem Durchschreiten man von der Autobahn nicht mehr als das dumpfe und scheinbar ferne Abrollgeräusch der Reifen hört und nicht recht weiß, ob es unter oder über einem stattfindet. Etwas davon wird wohl als Rauschen oder als Schwingung in jeder der Wohnungen ankommen, ganz gleich ob sie nahe der Fahrbahn liegen oder ganz oben im Vierzehnten. Nach hundert Metern landet man dank eines blauen Portals mit verglasten Ovalen wieder im Freien, was irgendwie ganz schön ist.

Autobahnüberbauung Schlange

Die betonbetonte Substanz des Ganzen ist über die Zeiten freilich etwas abgerockt, das Monstrum mit seinen linear eingesetzten Farbakzenten strahlt kompromisslos die ausgehenden Siebziger aus, und doch entwickelt dieses mit Abstand größte Reptil der Stadt einen absurden Charme, glaubt man den angestammten Bewohnern gerne, dass es sich dort gut wohnt. Auch östlich liegen grüne Höfe mit Spielplätzen, und so fällt an keiner Stelle, an der man das Haus verlassen kann, der Blick auf ein Auto, tritt man überall dort erst einmal ins Grüne, was ein wenig kurios ist. Einzige Ausnahme auf insgesamt tausend Meter Fassadenlänge ist der Parkplatz am Geschäft für die täglichen Dinge, wo sich auch eine kleine Ladenzeile anschließt.

Rüdesheimer Platz

Der nächste Kiez ist dank der anfangs promenadenhaften Eberbacher Straße keine acht Minuten entfernt und doch so grundlegend anders. Auch wenn im wirklichen Leben der Kurort Schlangenbad im Rheingau liegt, auch hier in Berlin die Schlangenbader Straße dem Namen nach zum Rheingau-Viertel zählt, dürfte sich in dichter Nachbarschaft selten ein so großer Gegensatz finden lassen, wie er zum Rüdesheimer Platz besteht. Die ansehnlichen Fassaden der platzumgebenden Häuser kommen aus einem Guss und tragen einen Hauch von englischem Landhausstil.

Tropfen aus dem Rheingauer Weinbrunnen

Fast kurmondän kommt der Rüdesheimer Platz daher mit den alten Bäumen und seinem tiefergelegten Parkbecken voll gepflegter Rabatten, dem imposanten Brunnen und der großzügigen Empore, die in Nachbarschaft von Mutter Mosel und Vater Rhein über all dem thront. Auf eben diesem Plateau findet sich ein liebenswertes Phänomen, das einmalig ist in Berlin und das es bitte noch lange geben soll.

Rheingauer Weinbrunnen

Seit über fünfzig Jahren plätschert jedes Jahr in den großzügig definierten Sommermonaten den Rheingauer Weinbrunnen, einem kleinen Ausschank, wo Winzer aus dem Rheingauer Weinanbaugebieten ihre Tropfen anbieten. Die Preise am Stand sind moderat, das Personal freundlich und die Stimmung wunderbar entspannt. Obwohl es reichlich Tische gibt, finden sich oft keine freien Plätze. Doch bis man seinen Schoppenstiel zwischen den Fingern hält, ergibt sich meist ganz von selbst ein Plätzchen, sei es stehend am Fass oder etwas später dann sitzend an einem der vielen Tische.

Rüdesheimer Platz

Wer zu den vielfältigen Weinen der verschiedenen Winzer etwas Herzhaftes naschen möchte, erhält am Stand kleine Tüten mit Nüssen, Chips oder ähnlichem. Wer hingegen mehr als Appetit oder sogar Hunger hat und nichts Mitgebrachtes im Beutel, kann sich in den umliegenden Läden, Pizzerien oder beim Bäcker etwas besorgen, von dem sich richtig abbeißen lässt – denn das ist hier ausdrücklich erlaubt und erwünscht. Und wer dann seinen duftenden Wein und einen schönen Platz hat und beides keinesfalls verlassen möchte, wartet einfach ein paar Minuten, denn fahrende Händler mit ausladenden Taschen oder Körben ziehen regelmäßig ihre Kreise zwischen den Gaumenstreichelnden hindurch.

An den Tischen wird palavert, gefeiert und gealbert, sei es weinselig, verliebt oder in großer Familienrunde. Kinder rennen umher, springen Seil oder zeichnen Spielfelder in den flachen Staub, Geschäftsleute in Räuberzivil bringen beschwingte Videotelefonate hinter sich und fühlen sich kurz als digitale Nomaden. Ein hinreißendes Kränzchen alter Damen trifft sich zum regelmäßigen Termin, keine keift, keine fährt der anderen über den Mund und keine ist die, die alles weiß und immer Recht hat.

Jede einzelne Dame führt eine altertümliche Tasche mit krudem Muster und großem Schlund mit sich und fördert Unmengen herzhafter Köstlichkeiten zu Tage, sicherlich jede das, was sie am besten kann, und gewiss das Meiste davon zum Niederknien. Der lange Biergartentisch ist gefordert und wird in den nächsten neunzig Minuten sicherlich mit einer Unmenge fröhlicher Dezibel beschossen.

Im U-Bahnhof Rüdesheimer Platz

Seit einiger Zeit ist dieses Vergnügen vornehmlich bei Tageslicht zu erleben, denn vor ein paar Jahren musste die Schließzeit von halb zwölf auf halb zehn vorverlegt werden. Zum Weingenuss passt natürlich bestens etwas Dämmerung, und wenn die bunten Lampen-Ketten angehen, gewinnt die Atmosphäre noch erheblich. Wer also bis Ende August abwartet und sich vor Ort dann nicht auf einen guten Platz versteift, kann noch ein gutes Stündchen dieses Zaubers abfassen. Und sich ganz einfach in einen langen Moment mittelfernen Urlaubs träumen.












Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
S-Bahn Ringbahnhof Westkreuz

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: ca. 12,5 km (Abkürzungen per ÖPNV vielfach möglich)


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)