Zerpenschleuse: Blaue Brücken, kalter Wind und ein Kanal nach dem Dornröschenschlaf

Nachdem der Dezember sich mit frühlingsmilden Temperaturen von Advent zu Advent und schließlich zu den Weihnachtstagen geschwungen hat und es schwer machte, in festlich-winterliche Stimmung zu gelangen, zieht das neue Jahr nun stirnhebend und kopfschüttelnd einen dicken Strich durch dieses laue Geplänkel und eröffnet den Januar mit einem furiosen Frostschock. Das geschieht so abrupt, dass trödelige Tropfen an laublosen Zweiglein umgehend und in glasklarer Transparenz gefrieren.

Neue Zugbrücke in Zerpenschleuse City
Neue Zugbrücke in Zerpenschleuse City

Wer jetzt dringend an die frische Luft möchte, um diese ganz besondere Stimmung des allerersten Spaziergangs im Jahr einzufangen, sollte nach dem wochenlangen Wechseln verschieden starker Übergangsjacken nun auf ausreichende Wärmedämmung für diese Stunden achten und dabei lieber etwas übertreiben. Ferner empfiehlt es sich, die Windrichtung zu beachten und offenen Passagen gegen den Wind aus dem Weg zu gehen.

Zerpenschleuse

Ganz gut geht das im Örtchen Zerpenschleuse, was ein ganz Besonderes ist im Land Brandenburg. Entlang der Ufer eines schnurgeraden pensionierten Kanals ziehen sich die dicht an dicht stehenden Fassaden des Dörfchens pittoresk und leicht entrückt über fast drei Kilometer, so wie das in Ost- oder auch Westfriesland ziemlich üblich ist, hier hingegen die Ausnahme. Vergleichbares gibt es auch an anderen Stellen im Lande, z. B. in Groß Lindow oder sehr schön auch in Oderberg, doch nirgends ist die Rezeptur so herrlich aufgegangen wie in Zerpenschleuse, nicht so einvernehmlich und direkt der Handschlag zwischen Ufer und Bebauung, und zudem in der Ausführlichkeit. Selbst für einen winzigen Spaziergang lohnt hierher die Anreise, da es so viel an Details zu sehen gibt und so viel Schönheit, panoramisch eingerahmt in tiefe Ruhe.

Im Orte selber hat sich in letzter Zeit sehr viel getan, sogar der Alte Finow-Kanal mit dem herrlich passenden Namen Langer Trödel scheint zurück ins Verkehrsleben gestoßen zu werden. Drei unlängst noch verlandete Stellen sind wieder offen, jetzt bestückt mit blauen Brücken und einer Schleuse, die dann und wann die Durchfahrt auch für Boote erlauben, die höher sind als ein Kanu mit Leuten drin. Damit steht Freizeitschiffern mit Kurs auf Liebenwalde nun eine entspannte Alternative zum viel und breit befahrenen Oder-Havel-Kanal bereit, wenn sie denn genügend Sitzfleisch und Ruhe für die übersichtlichen Brückenöffnungszeiten an Bord haben oder zweidrei Brettspiele unter Deck.

Am Langen Trödel, Richtung Schleuse
Am Langen Trödel, Richtung Schleuse

Vielleicht raubt das dem Langen Trödel vom Erscheinungsbild ein bisschen seine Unschuld, doch ist ein Verkehrsgerangel auch zu badewarmen Jahreszeiten kaum zu befürchten, denn wer schnell weiter will, hätte kaum die erwähnte Geduld zur Hand.

Wer sich Zeit nimmt für all die schönen Hausfassaden, der staunt, was es hier alles für Geschäfte und Wirtshäuser gab. Und kommt darauf, dass der Kanal sehr alt ist, älter als all die großen ihn umgebenden, und dementsprechend lange Jahre wichtiger Verkehrsweg. Schon gut vierhundert Jahre gibt es ihn hier, den Kanal, der seinerzeit von einem hohenzollerschen Fürsten in Auftrag gegeben wurde, um eine Verbindung zwischen Havel und Oder zu schaffen. Wenig später schickte ihn der dreißigjährige Krieg schon wieder in Vergessenheit und er verfiel. Erst über hundert Jahre später ging es weiter, ermöglicht durch den in vielen Hinsichten vorwärtsgewandten Alten Fritz und den Aufschwung der Industrie rund um Eberswalde. Und in der Tat gab es mit der Zeit immer mehr Verkehr auf dem Kanal, die technische Ausstattung musste ständig angepasst werden. Anfang des 20. Jahrhunderts überrannte der Fortschritt schließlich den Kanal selbst in Form des potenteren Hohenzollern-Kanals (heute Oder-Havel-Kanal), der westliche Teil wurde schlichtweg abgetrennt und stillgelegt. Nun ist auch das schon wieder Geschichte, wenn auch erst seit sehr Kurzem – ab der vorausliegenden Saison ist er für Boote kleinerer Bauart wieder durchgehend schiffbar, so zumindest ist der Plan.

Um Wegedopplungen zu vermeiden, lässt sich eine kleine Runde mit Wald- und Wiesenanteil gehen, die zudem ausführliche Rückansichten des Ortes mit sich bringt. Von der blauen Zugbrücke im Herzen des Ortes, wo die einstige Bundesstraße den alten Kanal quert, führt die Uferstraße zwischen Wasser und Häusern Richtung Oder-Havel-Kanal, zugleich der Weg zum Bahnhof. Da ist er jetzt zum ersten Mal, der Ostwind, und auch wenn noch kein dünnes Eis das Wasser ruhigstellt, so hat er doch unzählige der erwähnten Tropfen glasig konserviert, die wie vergessener Weihnachtsschmuck an den Zweigen hängen. Ein Eisvogel saust am anderen Ufer entlang und liefert seinen Beitrag zum Thema.

Tatsächlicher Farbtupfer am jenseitigen Ufer
Tatsächlicher Farbtupfer am jenseitigen Ufer

Hinter den letzten Häusern und dem obligatorischen Hochhaus am Rande der Stadt schafft nun nagelneu eine blautorige Schleuse die viele Jahrzehnte fehlende Verbindung zum damaligen Nachfolger auf der Kanal-Karriere-Leiter, dem Oder-Havel-Kanal. Wer sich die Gemütlichkeit des Langen Trödels jetzt nicht nehmen lassen will, schaut einfach etwas weiter rechts auf die kleine Fußgängerbrücke, die harmlos übers Wasser Richtung Bahnhof führt.

Noch davor führt rechts ein Weg in den Wald hinein, der vor einem eindrucksvoll hohen Damm verläuft, vermutlich dem Negativ-Abdruck des Kanalbettes. So wie der Wind hier in den Kiefern-Wipfeln tobt, will man glauben, dass direkt dahinter ein salziges Meer seine aufgescheuchte Brandung auf den flachen Strand jagt.

Auf dem Weg das Laub ist tiefgefroren und gibt dem Schritt oft unerwartet nach, nicht jede Pfütze hier im Wegeschlamm trägt schon, und so staksen wir etwas unbeholfen bis zum Waldrand. Voraus die erste Rückansicht des Ortes führt ein Wiesenweg bis zu den Gärten. Jenseits der Straße 109 verläuft ein breiter Weg durch den entsprechend der Jahreszeit etwas rumpligen und wenig aufgeräumten Wald, aus dessen Farben alles Grün gewichen ist – es dominieren Erdtöne in allen erdenklichen Varianten. Selbst heiteren Gemütern dürfte es schwerfallen, hier eine gedeckte Buntheit zu entdecken, zudem der Himmel grau und zugezogen ist. In der Tat ist es sehr erfrischend, als sich links des Weges gakeliges Blaubeerkraut erstreckt über die Fläche etwa eines liegenden Elefanten.

Blick über die Wiesen auf den schönen Rücken von Zerpenschleuse
Blick über die Wiesen auf den schönen Rücken von Zerpenschleuse

Im obersten Waldregister ächzen holzrheumatisch klagend die gipfelhohen Kiefern, denen der Frost direkt ins Gebälk gefahren ist. Wäre es schon dämmriger, wir würden unseren Schritt beschleunigen, ohne uns groß dafür zu schämen. Am Waldrand ist es wieder heller, auch wenn hier breit und braun der Acker liegt. Es gibt die zweite Rückansicht von Zerpenschleuse, die durch die Kirche in der Skyline schon mehr Spektakel bietet als vorhin. Noch während heißer Tee genossen wird, wird dieses Bild nun zum Neujahrs-Ereignis, denn die von ihrem flachen Zenit rutschende Sonne bricht durch die Wolken und taucht den langen Ort in dieses unfassbar warme Licht, wie das nur tief im Winter funktioniert.

Während dieses Licht über die Wahrnehmung indirekt von innen wärmt, steht uns hier am Waldrand, kalt und schattig, der Ostwind direkt auf den gut verpackten Hintern. Also rein in den Wald, wahlweise hätte man auch über den gefrorenen Acker direkt Richtung Wärmestrahlung queren können. Auf diesem stehen in größeren Abständen etwas hausgroße Verbünde aus Strohblöcken, hier vorn im Waldschatten fast schwarz, da hinten vor der Allee am Kanal sonnenvergoldet. In einem Dreigebirk etwa auf der Mitte nistet ein exklusiver Hochstand.

Kurz im Windschutz des Waldes ein paar Haken geschlagen, die uns zu einem stillen Sträßchen bringen, das nun als hochgewachsene Allee quer übers Feld zum Kanal führt. Voraus spaziert ein Paar, das dem zunehmend zügigeren Schritt nach eine oder zwei Schichten zu wenig auf der Haut trägt oder über undichte Stellen verfügt, etwa am Hals.

Beim Einbiegen auf die von guter alter Zeit plaudernde Allee entlang des Kanals schlägt nun das volle Ausmaß dieses wohlig warmen Lichtzaubers zu, zeitgleich mit dem froststarrenden Wind, der jetzt direkt von vorn aufs Gesicht trifft und noch weit eisiger ist als vorhin zwischen blauer Brücke und blauer Schleuse. Er zwickt jetzt dermaßen in die Nase, dass dreihundert Meter später erste Zweifel erscheinen, ob die linke Nase noch am Blutkreislauf teilnimmt. Gut, dass man dank der bisherigen Lebensjahre schon über einen gewissen Erfahrungsschatz in dieser Hinsicht verfügt, sonst könnte man in leichte Panik verfallen.

Alte Straße ins Dorf
Alte Straße ins Dorf

Diese paarhundert Meter betagter Straße bündeln so viel Schönheit und Erzählkraft in sich, dass man für einen Augenblick die Wirklichkeit anzweifeln könnte. Das Kopfsteinpflaster auf der rechten Seite ist von den Jahrhunderten gebeugt, war einst vielleicht ein Treidelweg. Links davon liegt ein glatter Streifen für Leute zu Fuß oder Rad und dazwischen kauert eine klobige Balkenreihe, die auch als endlose Rastbank dienen könnte. Zu den Seiten liegt hier die große Weite des Ackers mit seinen warm vergoldeten Strohburgen, dort der tiefste Ruhe ausstrahlende Lange Trödel, bestanden von hohen Uferbäumen. Voraus streckt sich die hohe Kirchturmspitze über alles, was noch davor steht, und zieht den Betrachter ins Dorf hinein.

Am Rand des Fußweges stehen zwei Fahrräder, gegenüber im Gestrüpp des Straßengrabens sind ein Sohn und sein Vater dabei, die aus allerlei Reisig geflochtenen Wände einer bislang dachlosen Baumhöhle zu verdichten – entsprechendes Gezweig liegt dank des zerrigen Windes ausreichend herum. Beide sind sehr beschäftigt und nehmen uns kaum wahr. Kurz darauf passieren wir das Ortseingangsschild von Zerpenschleuse, und sofort beginnt die lange Reihe verschiedenster Häuser und Fassaden, an denen man sich an weniger kalten Tagen länger noch als heute festgucken könnte.

Gleich unter den ersten Häusern ist ein schöner alter Holzschuppen mit großem Werkstattfenster, wo unter dem Namen Emma Emmelie Antikes angeboten wird. Der Uferrand gegenüber ist ganz in diesem Sinne mit viel Lust und Phantasie gestaltet, einer Schneider-Puppen-Madame wurde ein weit wallender Rock aus Kiefernzweigen auf die drahtigen Kurven geschneidert, abends auch beleuchtbar, ferner edler Halsschmuck aus rotlackglänzenden Hagebutten. Weiter vorn im Ort gibt es noch ein Pendant, auch dort wachsen auf dem hochgewölbten Uferrasen allerlei eigenartige Sträucher, an denen verschiedenste Tassen oder auch Bettfedern wachsen, jene aus Draht, nicht aus Gefieder.

Überhaupt ist der gesamte Uferstreifen bis vor zur Bundesstraße bezaubernd, teils sogar mit kleinem Graspfad, hier und da ein Baum und immer wieder einladende Bänke, fast niemals irgendein Verbotsschild. All das lädt intensiv zum Schlurfen und zum Trödeln ein, zumal es links und rechts so viel zu schauen und zu entdecken gibt.

Zwischen Hubbrücke und Alter Schule
Zwischen Hubbrücke und Alter Schule

Zerpenschleuse West

Zunächst jedoch das blaue Bauwerk No. 3. Auch dieses ersetzt als technisch aufwändige Hubbrücke mit allerlei muskulöser Hydraulik einen einstigen Steg aus Festland, der auch hier den Trödel unterbrach. Die westliche Ortslage hat nun ein wenig von ihrem Charme verloren, denn genau hier war das Ensemble aus Siedlung und Kanal ganz besonders verträumt. Man wird sich dran gewöhnen. In der seeartigen Erweiterung vor der Querung hielten sich zur Winterzeit immer jede Menge Enten auf, da der Kanal hier sicher eisfrei blieb. Da stehen wir nun an der schicken neuen Brücke, mit unserem Brot und ohne eine einzige Ente.

Kurz hinter der Brücke steht mit Anmut die wunderschöne Kirche, die liebevoll wieder hergerichtet wurde, fast aussieht, als sei sie eben erst gebaut worden. Hinten überm Wald steht der Himmel jetzt in Flammen, und ein bisschen von diesem Licht fällt durch die hohen Kirchenfenster. Rechts der Kirche verfällt das alte Wirtshaus, links steht fast wie neu die alte Schule, die wirklich genau aussieht wie eine alte Schule. Und als Gasthaus am Finowkanal schon seit langem die Aufgaben des Wirtshauses übernommen hat, zumindest am Wochenende, und das seit Anbeginn mit großer Herzlichkeit.

Etwas weiter treffen wir dann endlich auf die Enten und füttern, was die Tüte hergibt. Eine Frau läuft schnell vorbei mit ihrem Hund und bedankt sich für die Vertretung –  sie ruft noch, sonst macht sie das immer. Der einzige Grund, jetzt nicht in aller Ruhe weiterzutrödeln, ist die weichende Sonne, die dem ungebremst munteren Ostwind jetzt noch mehr Einfluss schenkt. Also am blauen Ausgangsbauwerk von vorhin noch die noblen Steganlagen bewundert und dann nix wie weg in Richtung einer schönen Einkehr mit warmen Ecken und Gemütlichkeit. Es war ein wirklich exklusiver Einstand in das neue Jahr.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): vom S-Bhf. Berlin-Karow mit der Regionalbahn (ca. 1-1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 109 und ehem. B 109 über Wandlitz Richtung Groß Schönebeck (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 8 km, Abkürzungen gut möglich

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Artikel in der MOZ: Mit dem Boot nach Liebenwalde

Langer Trödel im Juni 2016 eröffnet

Zerpenschleuse: Der Ort stellt sich vor

NABU: Der Eisvogel

 

Einkehr:
Eiscafé Eisschleuse, Zerpenschleuse Mitte
Bootshaus Ruhlsdorf, am Bhf. Zerpenschleuse-Ruhlsdorf

[Das Gasthaus am Finowkanal ist mittlerweile leider geschlossen.]

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4 Gedanken zu „Zerpenschleuse: Blaue Brücken, kalter Wind und ein Kanal nach dem Dornröschenschlaf“

    1. Vielen Dank, das lese ich gerne! Es war auch wirklich ein schöner Wintertag, was die Kontraste, Lichtstimmungen und Begegnungen am Weg betraf.

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