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Bernau: Die gerahmte Stadt, zwei Pilgerzüge und der charmante Ziegenbock

Seit Jahresbeginn spielen sich die Temperaturen außerhalb beheizter Räume rund um den Gefrierpunkt ab, und so ist jeglicher Brandenburger Boden knochenhart und durchzogen von mildem Permafrost. Alles Kalte, was auf diesem Boden liegt, hat somit einen langen Bestand. Die großen und kleinen Schneemengen, die es gab, hat der allgegenwärtige Wind zu feinem Pulver gesiebt und irgendwo hin verblasen, nur ein paar flache Wehen hier und da zeugen noch von ihrem Dasein. Was jedoch auf harten Wegen immer wieder taute, anschmolz und über Nacht erneut gefror, wuchs zu einem buckligen Eispanzer von sagenhafter Härte. Wer zurückdenkt an den langatmigen Winter 2010, erinnert sich vielleicht noch an Szenen, wie Ladeninhaber unorthodox versuchten, den Bürgersteig vor ihrem Geschäft mit dem 10-Kilo-Hammer oder der Lötlampe freizulegen oder Autoeigner daran gingen, den kleinen Eisgebirgen rund ums eingekesselte Fahrzeug mit der Spitzhacke beizukommen, ohne dabei dessen Fassade zu zerlegen.

Stadt Bernau im Holz-Rahmen, Börnicke

Um also draußen unterwegs zu sein, sind nach wie vor Wege angeraten, die auch im Winter gangbar sind, frei von Eisglätte und Tiefschnee. Kurzgefasst: kein Wald, bevorzugt feste Beläge und große winde Weite. Dazu unbedingt regelmäßige Abwechslung fürs Auge, gern farbenkräftig bei so viel monochromer Wahrnehmung. Auch etwas Stadtnähe hilft, denn alle Spazierwege rund um Stadtgebiete sind meist frei und gut begehbar. So zum Beispiel das von Bernau.

Bernau (b Berlin)

Als Kind habe ich mich immer gewundert. Bernau war genau so eine S-Bahn-Endstation wie Oranienburg oder Erkner oder Strausberg. Doch wenn es in den Urlaub ging und der Zug über Bernau fuhr, stand dort auf den Bahnhofstafeln „Bernau (b. Berlin)“. Dass es noch andere Bernaus geben könnte, kam mir damals nicht in den Sinn, ganz und gar nicht. Schon gar nicht eins im unmittelbaren Vorland des gewaltigen, doch seinerzeit absolut uninteressanten Gebirges, das immerhin für den weltweit genutzten Begriff „alpin“ verantwortlich ist.

Südliche Bernauer Stadtmauer im Winter

Bernau ist eins von bereits andernorts erwähnten Städtchen in Berlin-Nähe, die über eine intakte Stadtmauer verfügen. Nahezu lückenlos erhalten ist sie hier und ermöglicht Einwohnern wie Besuchern, die Stadt auf stillen Wegen komplett zu umrunden. Entweder direkt innen entlang der Mauer oder – abgesehen vom Südbogen – auch im verzweigten Wegegeflecht, das den einladenden und verspielten Parkgürtel rund um die Stadt durchzieht. Hier ist neben schönen Spielplätzen und großen Wiesen viel Wasser im Spiel, so dass man auf erhabenen Dämmen spazieren kann oder entlang akkurater Teiche, bei deren Anlage Sichtachsen nicht gänzlich außer Acht gelassen wurden. Kleine und große Tore gestatten in dichten Abständen den Wechsel von innen nach außen, und der Altstadtkern mit dem Markt und der eindrucksvollen Marienkirche und ihren Gassen ist immer nur einen Katzensprung entfernt.

Ein Stein des neuen Mühlentores, Bernau

Im Parkstreifen draußen vor der Stadt herrscht in diesen Tagen der Eispanzer und hat alle Gräben und Teiche zu theoretischen Schlittschuhbahnen fixiert. Sogar die Parkwiesen zwischen dem alten Pulverturm und dem neu gemauerten Mühlentor sind großteils von Eis überzogen. Auf den Wegen schlägt das Eis harte kleine Wellen, trotzdem sind Leute allen Alters unterwegs, unbeeindruckt und vergnügt, selbst wenn keine Spikes versichernd zwischen Sohle und Weg vermitteln. Irgendwo ist zwischen zwei Schritten immer noch eine bierdeckelgroße Stelle ohne Eis, und das reicht – wenn man das will. Wer irgendwann doch genug hat, wechselt einfach nach innerhalb der Mauer und freut sich über die gute Haftung auf dem groben Straßenpflaster.

Wege-, Wasser- und Dammgeflecht unter Eis, nördlicher Mauerpark ohne Laub und Sonne

Kurz hinterm Elysiumsteich, der beiläufig auf die zweite große Kirche der Stadt ausgerichtet ist, kann man beim Hungerturm ein paar Züge Mittelalteratmosphäre atmen. Am besten in dem kleinen überdachten Gang am Steintor mit seinem groben Gebälk, der gleichzeitig Durchgang zum Külzpark ist. Wer an dieser Stelle genug vom winterlichen Spazieren hat, bleibt einfach innerhalb der Mauern, streift noch ein wenig durch die Gassen und trinkt irgendwo was Wärmendes.

Während nördlich von Bernau der große Wald beginnt und mit den herrlichen Landschaften zwischen Biesenthal und Wandlitz samt ihren glasklaren Seen lockt, empfiehlt sich jetzt im Winter eher ein südliches Ausschwärmen. Denn abgesehen von ihrer Wintertauglichkeit präsentiert die Barnimer Feldmark hier eine wohltuende Landschaft mit viel Platz und zahlreichen Gestaltungselementen, die der Wald nicht bieten kann.

Blick über den Elysiumteich auf die Herz-Jesu-Kirche, Bernau

Gleich hinterm Bahnhof überquert man die kleine Panke, die hier noch keine Seemeile alt ist. Der Spazierweg führt zwischen dem neuzeitlichen Einkaufszentrum und aus der Zeit gefallenen Gartenlauben hinüber in die kleine Plattenbauvorstadt jenseits der Panke, deren Straßen nach Göttern aus der griechischen Mytholgie benannt wurden, Venus zum Beispiel, und Pollux. Das ist insofern stimmiger als es zunächst scheint, da gleich nördlich das Nibelungen-Wohnviertel anschließt, dessen eher nordische Namen wie Hagen, Kriemhild und Wieland dort im Sinne der Windrose passend verortet sind. Etwas verloren wirkt dazwischen die Fafnirstraße – denn Fafnir gehört, wie nachzulesen ist, zur isländischen Edda. Eine angelehnte Figur namens Fafner erscheint zumindest auch im wagnerschen „Ring der Nibelungen“.

Ob zudem die Nähe des Teufelspfuhls bei der Anlage dieser Stadtviertel eine Rolle spielte und wer überhaupt zuerst da war, sei dahingestellt. Falls sich spätestens jetzt Mythologie-Experten alle Haare sträuben, bitte ich in diesem Sinne alle tiefer Interessierten um einen Gang zur Bibliothek.

Dachgang am Steintor

Am talzugewandten Rand der Siedlung liegt auf einem erhöhten Plateau ein Spielplatz,  der einen herrlichen Blick auf die Skyline von Bernau bietet – oder je nach Lichtverhältnissen und Jahreszeit auf den Scherenschnitt der Stadt kurz vor dem Ende des Tageslichts. Ganz am Rand der Siedlung öffnet sich, nun zwischen Einfamilienhäusern, am Ende eines winzigen Durchgangspfades fast unvermittelt die Landschaft mit dem schönen Namen Börnicker Feldmark, kurz darauf quert ein Jakobsweg. Der kommt von Frankfurt an der Oder und ist hier quasi auf der Zielgeraden. Das kräftige  Blau der Markierung ist wohltuend zwischen den blassen Farbtönen des diesigen Tages.

Mosaik und Details am Portal der Herz-Jesu-Kirche

Über sanft gewellte Landschaft führt der schnurgerade Weg auf eine Anhöhe, kurz dringen sogar ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken. Es sind nur ein paar Höhenmeter, doch erst vom höchsten Punkt ist rückblickend das Stadtbild mit seinen Türmen zu sehen. Das ist durchaus erhebend. Die Wegplatten sind zum Großteil vereist und fordern das Schlagen einiger Haken und ein waches Gleichgewicht. Wer Geradlinigkeit der langsamen Variante der Hasengangart vorzieht, kann auch auf dem harten Acker ganz gut laufen. Von vorne naht, zeitig schon zu sehen, eine Handvoll Leute mit einem Kinderwagen, was bei diesen Wegebedingungen wirklich Respekt verdient. Beim Zusammentreffen sind die Blicke entsprechend düster, zumal manche Jacke eindeutig zu dünn ist für den gnadenlosen Ostwind. Da die Begegnung auf dem Pilgerweg geschieht, wirkt es nicht abwegig, dass dieser Gang vielleicht ein Bußgang ist.

Börnicker Feldmark mit leichten Schneewehen

Börnicke

Der Weg erreicht Börnicke als hochgewachsene Pappelgasse. Am Dorfeingang bietet sich der erhoffte Rastplatz, der mit einem großen Bilderrahmen effektiv Bernau in Szene setzt, das weit hinter den Feldern kauert. Auch hier ist eine Gruppe Pilger unterwegs, als Scherenschnitt und schon vom langen Weg erschöpft, und schlägt den Bogen zu vorhin. Gleich danach stehen links allerlei Tiere, deren Gehege den Rand eines verwilderten Schlossparks bilden. Gleich vorn wohnen vier enorm große Schweine, die bester Laune ihren vollen Trog bevölkern und dem benachbarten Ziegenbock nur ein bewegungsloses Kopfschütteln abringen. Wir trauen uns durch die kleine, unverschlossene Pforte und sind froh, anhand von Spendenbehältern zu sehen, dass ein Rundgang hier erlaubt ist. Überall im äußeren Grenzbereich des Sichtfeldes huscht es, und schaut man schnell genug, sieht man jeweils einen Katzenschwanz verschwinden – immer einen anderen.

Der tagesbegleitende Funkturm von Birkholzaue

Der Ziegerich springt schließlich über den Zaun seines Gatters und übernimmt unsere Führung, was wir durchaus als Kompliment nehmen. Zeigt uns zunächst den wuchtigen schottischen Hochlandzottel, dessen respektgebietendes Gehörn mit seinem einzigartigen Schwung für das Wort „formvollendet“ verantwortlich sein könnte. Wie das seit fünfzig Jahren angestrebte und nie wirklich erreichte Ideal eines Chopper-Lenkers. Dann vorbei an den Kaninchen-Ställen, quasi Mucki-Buden, zu den Ponys. Und endlich ganz hinten zu dem einen von zwei Schafen, das nicht nach uns blökt, sondern klar und deutlich „Mäh“ sagt, mehrfach und mit Nachdruck, bis wir endlich kommen. Dann ist die Führung beendet, der Gehörnte zieht sich zurück.

Viele Gatter sind jetzt leer, aufgrund der Winterkälte, und weder Wollschwein noch Lachshuhn lassen sich blicken, auch nicht das Vorwerkhuhn. In nur wenigen Wochen wird es wieder lebhaft zugehen auf dem Kinderbauernhof. Umso schöner, dass das Gelände trotzdem offen ist. Nicht zuletzt dank der charmanten Begleitung wirft man sehr gerne schwere Münzen in eine der gelben Kannen.

Pilgerzug am Rand von Börnicke

Ein Pfad führt vom letzten Gatter direkt in den Schlosspark mit seinen alten Bäumen und dieser einzigartigen Atmosphäre, die solchen Parks eigen ist. Efeudurchzogen und wild, krautig und echt und mit viel Potential für historisch angehauchte Phantasien. Die werden unterstützt durch das in sich ruhende Schloss, welches eine ähnliche Ausstrahlung hat wie sein Park. Das Bauwerk ist belebt, nicht viel, doch spürbar. Rauch steigt aus dem Schornstein, Dach und Fenster wirken intakt. Hier dürfte ein Blick in naher Zukunft interessant sein, vielleicht so in fünf Jahren. Der Weg durch den Park nimmt noch eine Insel samt zwei Brücken mit. Jenseits des Sees liegt die Gutsanlage von Börnicke mit ihren langen Backsteingebäuden, die auf ihre Weise von schlichter Noblesse sind.

Vier Schweinebuckel und eine Ziege, Kinderbauernhof Börnicke

Auf jeden Fall lohnt das Schlagen eines Hakens bis zum Dorfteich, den ein wenig Angeratmosphäre umspielt. Die meisten Häuser im Dorf sind schön und sehenswert, und auch hier versammelt sich eine bunte Mischung von ihnen. Am Rand steht das in warmes Ocker getünchte Feuerwehrhäuschen, in dem nunmehr das Feuerwehr-Haustheater ein schönes Zuhause gefunden hat. Noch einen kräftigen, wenn auch diffuseren Farbtupfer steuert eine im Saft stehende Hängeweide ab, direkt am Uferweg. Der Dorfbackofen hält Winterruhe.

Born to horn, Kinderbauernhof Börnicke

Die Häuser entlang der Hauptstraße stehen baulich in Verwandtschaft zum Gutsensemble. Es ist wirklich ein besonderes Ortsbild hier in Börnicke, das die Kirche noch komplettiert. Mit einem letzten Blick auf die graue Eminenz des Schlosses und die zahlreichen neuen Bäume rundherum verlassen wir Börnicke auf einem gemütlichen und schwarzen Sandweg, der großflächig vereist ist. Ein Mädchen kommt entgegen auf dem Rad, souverän und frei von Angst. Und in der Tat hat das Oberflächeneis mit dem feinen schwarzen Sand fusioniert und ist stumpf und griffig. Schön.

Schloss Börnicke

Elisenau

Schon den ganzen Tag werden wir begleitet vom gelben Wanderweg, der uns bis fast zuletzt die Treue halten wird. Entlang der schnurgeraden Straße durch Elisenau zeigt sich ein schöner Querschnitt durch die Wohnarchitektur der letzten sechs Jahrzehnte. Die Straße fällt sanft ab, läuft sich angenehm und führt genau auf den markanten Turm zu, der schon den ganzen Tag diesig im Hintergrund stand und aussieht wie ein Fernsehturm mit abgebissener Spitze. In der Tat diente der sogenannte „Dezimeterturm“ seit Ende der 1950er Jahre der Fernsehübertragung in der DDR, war sogar von landesweiter Relevanz für den guten Empfang der beiden Sender, die sinnigerweise DDR 1 und DDR 2 hießen. Der eigenartige Name des Turms hat mit der Länge der elektromagnetischen Wellen zu tun, die charakteristisch sind für den sogenannten Richtfunk.

Birkholzaue

Eine Kuriosität in Elisenau zeigt sich am Ortseingang. Dort stehen zwei Ortseingangsschilder, beiderseits der Straße. Östlich liegt Elisenau, das zu Blumberg und damit zur Gemeinde Ahrensfelde gehört, westlich hingegen das zu Bernau zählende Birkholzaue, die Grenze verläuft auf dem westlichen Rand der Fahrbahn. Was das für administrative Komplikationen bei der Bushaltestelle an der Straße hervorruft, möchte man sich gar nicht ausmalen.

Feuerwehr-Theater am Dorfteich, Börnicke

Gegenüber führt der Weg direkt in einen mäßig  feuchten Bruchwald, der von einem größeren See gewässert wird. Erstmals heute sind die Spikes unumgänglich, und wieder ist es eine herrliche Erfahrung, wie entspannt man sich doch auf glattem Eis bewegen kann. Das kleine Stückchen Wald tritt wirksam den Beweis an, dass es schlau ist, den Wald zu meiden in diesen Wochen. Hinterm Wald fällt der Blick dann wieder auf braune Erde, dunklen Sand und blassgrüne Wiese.

Birkenhöhe

Entlang einer Obstwiese geht es hinauf nach Birkenhöhe, vorbei an ein paar Schweinen, Ziegen und Laufenten. Hier und da hängt noch Weihnachtsschmuck in den Gärten, den jetzt wirklich keiner mehr sehen möchte. Dagegen an piepen und singen neben Meisen und Amseln jetzt auch schon irgendwelche anderen Vögel, die aus gängigen Volksliedern bekannt sind.

Weg nach Lindow mit Blick auf die Türme von Bernau

Lindow

Nach etwas Zickzack durch die Siedlung kommt nach einer Waldrand-Kurve voraus Bernau in Sicht, wirkungs- und verheißungsvoll, denn der Magen knurrt so langsam, die Vorräte sind längst schon aufgebraucht. Gefällig geht es über eine kleine Anhöhe nach Lindow, und Lindow ist schon so gut wie Bernau. Nach etwas Gewerbegebiet führt der letzte Kilometer in einer Stimmung von wunderbarer Abendruhe um die südlichen Vorstadtwiesen herum, entlang verschiedener Wasserläufchen. Einige der kleinen Panke-Zuflüsse sind zugefroren, andere offen. Auf letzteren parken auffallend brav allerhand Enten, dicht unterm Ufer und gut geschützt vor dem scharfen Wind.

Ein dem verwandter und doch seltener Anblick wird jetzt am Himmel geboten. Während die Züge der Kraniche oder die der Gänse zu den Zeiten von spätem Herbst und zeitigem Frühjahr ein stets erhebender, doch gewohnter Anblick sind, ist es selten, dass man Formationen von Enten sieht am Himmel. Jetzt jagen sie dort oben durch die Lüfte, wirken leichtfüßig und unbeschwert und sind auch sicherlich nicht auf der Durchreise, sondern der Stadt Bernau verbunden und den Pankewassern.

Der Rad- und Fußweg durch die Pankewiesen, südlich von Bernau

Auf Durchreisende hingegen trafen wir auf der Fahrt nach Bernau. Sie standen auf dem Acker, hier zwei Kraniche und kurz darauf zwei Gänse. Und trafen damit ihre Aussage. Auch der Deutsche Wetterdienst teilt diese Ansicht und stellt für die nächsten Tage Grade deutlich über Null, dazu noch manche Sonne und infolge die ersten knallenden Knospen in Aussicht. Das ist der Startschuss für die Zeit der ersten zarten Düfte.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der Regionalbahn ab Lichtenberg (halbstündlich) oder mit U- und S-Bahn (jeweils knapp 45 Min.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn A 10 und A 11 oder über die B 2 (jeweils ca. 35 Min.)

Länge der Tour: komplett ca. 17 km (Abkürzungen gut möglich) oder
nur einmal um die Stadt herum (2-3 km) oder
einmal um die Stadt, dann nach Börnicke und auf selbem Weg zurück (ca. 11,5 km)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Tourismus-Seite von Bernau

Informationen zum neu gebauten Mühlentor

Zeitungs-Artikel zu den Pilgern von Börnicke

Informationen zu Börnicke

Informationen zum Gutshof und Schloss Börnicke (2003)

Der Dezimeterturm von Birkholzaue

 

 

Einkehr: zahlreiche Möglichkeiten innerhalb der Stadtmauer

 

 

Berlin/Buch: Die Panke, der Jungwald und der Fahrtwind der Anderen

Die Panke ist ein kleiner Fluss, vielleicht auch ein großer Bach, und wird von Anfang bis Ende treu  von der Berliner S-Bahn begleitet. Wer den Lauf dieses kristallklaren Gewässers erkunden will, kann das zu Fuß an einem knackigen Tag erledigen oder die einzelnen Entdeckungen passend portioniert auf zehn S-Bahn-Stationen verteilen, die sich auf drei Linien abspielen. Wahlweise lässt sich auch etwas U-Bahn untermischen – bevorzugt natürlich der Bahnhof Pankstraße, der so betrachtet also nichts mit rebellischer Jugendkultur, zentrischen Frisuren und effizienter Drei-Akkord-Musik zu tun hat.

Blick auf den Grund der Panke
Blick auf den Grund der Panke

Die ursprüngliche Panke-Quelle soll etwas nördlich des Bernauer Bahnhofs liegen, auf Höhe der Siedlung Pankeborn, ihre ursprüngliche Mündung knapp 30 Flusskilometer später in Sichtweite zum S-Bahnhof Friedrichstraße. Beide sind zutiefst unromantisch. Was sich jedoch dazwischen abspielt, ist an den meisten Stellen verspielt, charmant und zauberhaft zu nennen und lässt einen effektiv abkoppeln vom Tempo und der baulichen Dichte der Stadt, durch die man sich bewegt.

Berlin hat zwar schon ganz klar den September erreicht, doch die Stadt ist nach drei kurzen Tagen unterhalb der 25-Grad-Marke schon lange wieder großflächig aufgeheizt und versucht sich Tag für Tag im Erreichen und Übertreffen der 30. Dank des tiefen Sonnenstandes bringen die Nächte etwas Linderung, doch die tageswarme Bausubstanz kann dazu nur kalt lächeln. Zum Ende der Woche ist einmal aufs Neue das allerletzte Sommer-Wochenende des Jahres angesagt, und die Ufer der Spree werden überall in der Stadt dementsprechend entspannte Impressionen bieten, bevölkert von verschiedensten Konstellationen von Menschen.

Brennesselpfad entlang der Panke in Buch
Brennesselpfad entlang der Panke in Buch

Wer eine geringe Bevölkerungsdichte unmittelbar um sich herum ersehnt, kann auch zwischen der Panke und dem Seegraben, einem ihrer Zuflüsse, nach warmen Tagen und einer kurzen S-Bahn-Fahrt oder ein paar Fahrrad-Kilometern angenehm Zuflucht finden. Für letzteres steht ab dem inselgelagerten Berliner Dom der Fernradweg Berlin-Usedom zur Verfügung, und allein das Wort Usedom klingt ja schon erfrischend, denkt man an den weit mehr als pankelangen Sandstrand, der zugleich die Mutgrenze zur immer etwas zu kalten Ostsee bildet.

Reinspringen und ein paar Züge schwimmen kann man an Panke und Seegraben zwar nicht, doch einer Erfrischung im Liegen steht dem nicht im Wege, der sich der beachtlichen Kälte des flach fließenden Wassers gewachsen fühlt. Und den erstaunten Blicken von etwaigen Passanten – je nachdem, welche Körperhälfte mit der nötigen Diskretion gerade gewässert wird.

Radweg Berlin-Usedom hinter der S-Bahn-Unterführung
Radweg Berlin-Usedom hinter der S-Bahn-Unterführung

Auch zu Fuß lässt es sich hier gut aushalten an Tagen, wo die Sonne gnadenlos brezelt und die Luft flirrt beim Blick in nahe Fernen. Die meisten Wege lassen vergessen, wie heiß es draußen ist, und die Luft scheint immer etwas bewegt zu sein. Das liegt an den vielen Bäumen, die lose genug gestreut sind, um bei fast jedem Blick nach oben freie Sicht zum Himmel zu gestatten, jedoch auch nah genug beisammen und am Weg stehen, um wohltuenden Schatten zu liefern.

Da einiges in dieser Landschaft noch relativ neu ist, trifft man hier auf kuriose kleine Wälder, die allesamt noch etwas niedrig sind. Dazwischen stehen unvermittelt betagte Baumriesen wie zum Beispiel eine enorme Buche. Eingebunden in das Ganze sind ausgedehnte Waldweiden, eingezäunte Gebiete, die durch Tore betreten werden dürfen. Innerhalb dieser Tore vertreiben sich englische Parkrinder und osteuropäische Konikpferde ihre Tage, ferner schottische Hochlandrinder sowie doppelt befellte Galloways. Auch wenn die Chance recht gering ausfällt, den internationalen Wiesenrupfern direkt zu begegnen, sollte man auf ein entsprechendes Treffen vorbereitet sein. Am wichtigsten dabei sind Respekt und Abstand, beides in ausreichendem Maße.

Weg entlang der Panke bei den Karower Teichen
Weg entlang der Panke bei den Karower Teichen

Buch

Unweit des Bahnhofs Buch locken gleich zwei Uferwege an die grasigen Bettkanten der eingesenkten Panke, die hier schon circa einen Meter breit ist und beeindruckend glasklar über ihren sandigen Grund eilt. Der fühlt sich so weich an, als wäre er aus märkisch eingefärbtem Sahara-Sand gelegt worden. Wer einmal so mutig war, seinen Zeigefinger in die unheimlich pulsierende Kochquelle bei Kunsterspring nördlich von Neuruppin zu halten, kennt ein ähnliches Sandgefühl.

Alles, was hier wächst im Bach, sieht so appetitlich aus, frisch und knackig grün, dass es wohl kein Salatfreund von seinem Teller weisen würde. Am rechten Ufer verläuft der Pankeweg, biegt aber schnellstens ab, als es geradeaus kaum erkennbar durch die hohe Wiese pfadet. Wer dennoch geradeaus geht, sollte lange Hosen tragen oder unempfindliche Unterschenkel haben, doch lohnend und schön ist es. Ein pensionierter und zahnloser Bahndamm hilft hinüber ans linke Ufer, wo zwischen hohen Brennesseln ein klitzekleiner Pfad direkt entlang des urwüchsigen Ufers führt, ein paar Minuten nur. Die Panke tut hier ein winziges Bisschen, als flösse sie gerade im Mittelgebirge.

Zwischen Ententeich und Schilfteich, Karower Teiche
Zwischen Ententeich und Schilfteich, Karower Teiche

An der Brücke stößt von links der Pankeweg hinzu, der für kurze Hosen, und voraus ist das rege Speichentreiben auf dem beliebten Radweg nicht zu übersehen. Noch davor beendet die Feuerwehr gerade eine Übung, auf einem eigens dafür vorgesehenen Übungsgelände, und macht langsam Feierabend. In den Fahrerhäusern erleichterte Gesichter der alltäglichen Helden, die hoffentlich gleich ihre schweren und warmen Monturen verlassen können.

Direkt hinter der Bahnunterführung lockt ein herrlicher Pfad über die Wiesen vorbei an einer einzelstehenden Prachteiche, vielleicht ist es auch eine Linde. Doch wir wollen ein Stück Richtung Stadt und schwenken auf den Radweg ein. Vor der Autobahn lockt noch so ein Pfad, danach wird der Weg etwas schmaler und ein gegenseitiges Ausweichen mit den Radfahrern bleibt nicht aus. Fast alle fahren in Richtung Stadtgrenze, so dass man sich Sorgen machen muss, ob in Berlin überhaupt noch ein paar Radler übrigbleiben. Alle sind zügig unterwegs, die einen wirken dabei sportlich verspannt, die meisten anderen genießerisch entspannt. Das ständige Ausweichen macht irgendwann etwas quengelig, doch die großen und kleinen Pedal-Verbände bringen zumindest regelmäßige Windschwälle mit sich, die ähnlich erfrischend sind wie der Anblick der etwas tiefer fließenden Panke.

Aussichtsplattform auf den Schilfteich, Karower Teiche
Aussichtsplattform auf den Schilfteich, Karower Teiche

Nachdem auch mal zwei Räder von hinten kamen, verlassen wir den Weg an einer Gruppe von größeren Kindern, die von zwei Erwachsenen gerade etwas Spannendes hören, was hier mit den Teichen zu tun hat. Ein angenehm halbschattiger Damm mit einigen größeren Bäumen führt zwischen Ententeich und Schilfteich hindurch, beides einstige Fischteiche, die auf blubbernde Weise in fließender Verbindung stehen. An drei Stellen gibt es leicht erhöhte Aussichtsplattformen, von denen sich das behäbige Teichtreiben des heißen Nachmittags beobachten lässt. Beteiligt sind neben sympathietragenden Schwänen und Enten auch ein paar Kormorane, die auf zwei ehemaligen Bäumen mitten im Teich wohnen.

Westlich der Karower Teiche
Westlich der Karower Teiche

Vor der Landstraße biegt ein schöner Weg entlang eines Wiesenstreifens ab, mit einem schier endlosen knorrigen Holzgeländer entlang von Rosen- und Holunderbüschen. Am Ende stehen wir jenseits der Straße vor einer Unklarheit des Wegeverlaufes und infolgedessen mit einem Fuß im Schlamm eines strömungsarmen Froschparadieses. Doch die Beschilderung führt schließlich auf den rechten Weg und auf der richtigen Seite des Wassers unter der Autobahn hindurch.

Fischtreppe mit knietiefem Wasser, südlich des Bogensees
Fischtreppe mit knietiefem Wasser, südlich des Bogensees

Passende Rastbänke waren bisher keine, und gerade als es höchste Zeit für eine Pause ist, sehen wir links eine aus klobigen Steinquadern gebaute Fischtreppe, die flossenlahmen oder dehydrierten Fischen dabei hilft, mehrere Zentimeter Gefälle zu überwinden und dabei vom fast schon eisigen Wasser des Lietzengrabens durchrannt wird. Das klingt erfrischend, liegt halbwegs schattig, und die Uferböschung ist sogar mit frischem Schilfstroh ausgelegt. Die vierstufige Treppe ist noch neu, so sagt die Tafel nebenan, doch ihre groben Stufen sind schon herrlich ausgelatscht. Das Wasser hier so tief, dass ein mehr als knöcheltiefes Fußbad bestens möglich ist. Das ist perfekt jetzt.

Zwischen den Karpfenteichen, Bogensee-Kette
Zwischen den Karpfenteichen, Bogensee-Kette

Durch ein metallenes Tor betreten wir die erste Waldweide. Zugegeben, der Puls erhöht sich um zwei Schläge pro Minute, ungefähr. Gleich danach geht es zutiefst romantisch zwischen zwei weiteren Teichen hindurch, der eine mit einer stattlichen Schilfinsel, der andere mit flächigen Blumenteppichen, durch die sich Enten ungerade Wege bahnen. Unter den Sohlen knacken frische und auch abgelagerte Eicheln, denn hohe Eichen stehen stattlich hier im Uferschatten und bilden einen gefälligen Kontrast zum lichten Birkenwäldchen, das als nächstes kommt, mit frischem Wiesenteppich drunter. Ein paar Minuten später liegt links des Weges ein zappendunkles Fichtenstück, ähnlich jung wie die Birken und so komplett anders vom Erscheinungsbild.

Zweiergespann im Laubteppich
Zweiergespann im Laubteppich

Der Hauptweg ist zuletzt eine ausgewachsene Allee von borkenstämmigen Linden. Mit etwas gutem Willen sieht es aus wie hier und dort auf dem Gebiet der weiten Streusiedlung Burg im Spreewald. Am Auslasstor zur Straße kommt ein Rennrad zum Stehen. Es ist zu sehen, dass er nicht friert, der Fahrer. Gekleidet ist er in ein ziemlich schniekes Wams aus Neopren, das schnellen Fahrtwind sicher abhält, doch auch die Rumpf- und Herzenswärme eher drinlässt. Fragt nach dem See, von dem wir gerade kommen. Doch der ist eher zum Schlammwaten geeignet und zum tragischen Versinken, und wir empfehlen ihm anstatt, sich analog zur Panke von vorhin ausgestreckt in den kalten Seegraben zu legen, nur ein paar Meter weiter.

Er lehnt ab und fragt nach Seen in der Nähe. Als mir der Gorinsee nicht einfallen will, hat er schon voraus die Arkenberge gesichtet, die jüngst den Teufelsberg im Grunewald in die Schranken verwiesen haben und seit Kurzem als Berlins höchste Gipfel gelten. Soweit ich weiß, liegt unterhalb des Osthangs ebenfalls ein See. Das gefällt ihm, liegt auch eher in seiner Richtung, also saust er los nach schnellem Dank und hängt sich eiligst in den würzigen Windschatten eines kreuzenden Treckers.

Birkenwald im Bucher Forst
Birkenwald im Bucher Forst

Der Seegraben bildet hier die Außengrenze eines ausgedehnten Bruchwaldes und erinnert nochmals an den Spreewald, jetzt durchaus den inneren. Eine Familie hat ihr Picknick ausgepackt an einem Rastplatz und genießt den kühlen Platz im Schatten, der erstaunlicherweise nicht von Mücken bevölkert ist. Ein seltsames Phänomen schon diesen ganzen Sommer. Vielleicht sind auch die Vögel effizienter diese Jahr und schnappen sich immer genau so viele Mücken wie gerade ausgewachsen sind.

Pappelreihe kurz vor der Schönerlinder Chaussee
Pappelreihe kurz vor der Schönerlinder Chaussee

An der erwähnten Riesenbuche geht es wieder in den Schattenwald hinein. Am großen Hauptweg, der schnurgerade ist und scheinbar keine Enden hat, lockt bald ein Schild zum Hobrechtsfelder Speicher, der schon Erwähnung fand vor etwa einem Jahr, Stichwort Energy Balls. Doch die Hitze dieses Tages hockt bestärkend auf dem inneren Schweinehund, und so wunderbar ein Kaffee wäre in absehbarer Zeit an diesem schönen Ort, so sehr lockt auch das faule Herumsitzen in einem schattigen Biergarten. Also kürzen wir ein wenig ab und gehen weiter geradeaus. Der Weg führt leicht verwachsen vorbei an üppiger Goldroute und an riesigen Stößen gründlich abgelagerten Laubholzes. Dazu der Duft von Laub der Pappeln, der unweigerlich und sehnsuchtsvoll in diesen Monat gehört.

Bei Hobrechtsfelde-Süd
Bei Hobrechtsfelde-Süd

Entlang der Schönerlinder Straße verläuft ein Rad- und Fußweg, der ebenso breit ist wie die Straße selbst, doch etwas tiefer liegt und fast wie ein Parkweg wirkt, nicht langweilig. Autos kommen nur selten, auch wenn die großzügige Breite anderes befürchten lässt. Es läuft sich hervorragend jetzt, nachdem zuletzt die Beine etwas storchengängig waren.

Zepernick

Direkt hinter dem Gelände des Seniorenheims führt unauffällig ein kleiner Schleichpfad in den Wald, der wie erhofft an der Buchenallee endet, in einem Wohngebiet mit einigen schönen Villen. Am Ende geht es wieder in den Wald hinein, den feuchten und ganz besonders schattigen. Noch vorher lockt eine Bank zum Beinestrecken. Ein Schäferhund an einer Leine kommt von links und schlägt Krawall. Der am anderen Ende der Leine sagt, dass er sich aufregt, weil dort, wo wir jetzt sitzen, gestern niemand saß. Ob der alt werden wird, der Hund, wenn er sich über Dinge dieser Größenordnung jedesmal ernsthaft aufregt?

Herrlicher Dammweg durch die Pankewiesen, Röntgental
Herrlicher Dammweg durch die Pankewiesen, Röntgental

Röntgental

Nach dem zweiten Unterqueren der S-Bahn-Gleise unweit des Bahnhofs Röntgental darf man direkt geradeaus und spaziert bald auf einem urgemütlichen Dammweg über die Wiesen der Panke. Mitten im saftigen Grase sitzen Leute und genießen die schon spürbar nahende Abendluft des Bachtales. Der Tag atmet aus, kühl und beruhigend, was vom frischen Heu der jüngsten Mahd noch bekräftigt wird. Auf dem Weg nach Usedom dreht sich kaum noch ein Rad, die Panke plätschert friedlich nebenher und die Sonne steht schon tief. Auch darauf ist Verlass jetzt im September, da kann sie heizen wie sie will den ganzen Tag, die liebe Sonne.

Spreewald-Impression an der Insel im Bucher Schlosspark
Spreewald-Impression an der Insel im Bucher Schlosspark

Zum schönen Abschluss biegen wir links ab in den Schlosspark Buch, der uns neben einladenden Wegen und schattigem Baumbestand mit weiteren Spreewald-Impressionen versorgt, inklusive Laub und Enten auf dem stillen Wasser der verzweigten Pankearme – und so mancher Brücke. Was jetzt noch fehlt, ist nur ein Tisch unter Kastanien, darauf ein frisch gezapftes Eis. Es soll sich finden, direkt hinter dem Süd-Portal des Parkes.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn bis Buch (ca. 30 Min. ab Zentrum)

Anfahrt Pkw (von Berlin): ca. 40 Min. (über Autobahn oder über die Dörfer)

Länge der Tour: ca. 14,5 km, Abkürzungen gut möglich

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Das Flüsschen Panke

Karower Teiche

Bogenseekette und Lietzengraben-Niederung

Berlin-Buch

Schlosspark und Stadtgut Buch

 

Einkehr: in Buch verschiedene gastronomische Angebote (meist Imbiss),
Ristorante Il Castelle mit schönem Kastanien-Biergarten (am östlichen Schlosspark-Portal)

 

 

 

Berlin/Marzahn: Grüne Wege und große Vielfalt – durch die Plattenprärie im wilden Osten

Berlin ist schon seit Wochen hin und hergerissen zwischen dem immer wieder angekündigten Ende des Sommers und seiner stets überraschenden Rückkehr, die manchmal ein paar Tage andauert, manchmal auch nur zwanzig Stunden. Die wärmste Jahreszeit fand in diesem Jahr eher in Mai und Juni statt als wie gewohnt von Juli bis August. Es ist Ferienzeit und die Stadt voller als gewöhnlich von Touristen, während eine Großzahl derer, die alle vier Jahreszeiten hier zubringen, die Flucht ergriffen hat. Das ist ganz gut so, denn dem Brauch folgend werden allerlei Sperrungen von Zugstrecken, Straßen und Fusionen von beidem in diesen Wochen abgehandelt, was für Touristen sicherlich zum Abenteuer Berlin gehört, für die Berliner jedoch eher nervig ist während der kostbaren Tage des Urlaubs.

Blick vom Ahrensfelder Berg nach Westen
Blick vom Ahrensfelder Berg nach Nordwesten zur Ahrensfelder Kirche

Wer nicht außerhalb weilt oder schon von dort zurück ist und noch freie Tage übrig hat, kann innerhalb der Stadtgrenzen enorme Vielfalt und Überraschendes aus verschiedensten Richtungen und Bereichen finden. Häufig ist beides auch dort zu finden, wo man eher wenig damit rechnen würde. Und es kann ein Tag daraus werden, der von Stunde zu Stunde immer größer wird und verschiedenste Welten und Landschaften miteinander verbindet.

Bahnhofsvorplatz in Wartenberg
Wohlwollender Blick auf den Bahnhofsvorplatz in Wartenberg

Wer zum Beispiel einen Stadtteil aufsucht, bei dessen Namen man sofort an Grau denkt, kann mit sehr viel Grün überrascht werden, und wer sich am dicht besiedelten Stadtrand aufhält, kann innerhalb des Stadtgebiets in eindrucksvolle Landschaften eintauchen. So ist es keineswegs ein Widerspruch, den ganzen Tag Plattenbau-Siedlungen zu durchstreifen und dennoch Haken für Haken auf einen Wunschzettel setzen zu können, auf dem Worte wie Berggipfel, Flusstal, Dorf und Sumpfwiese oder auch Windmühle und Kuhweide stehen. Kleiner Hinweis: wer mit Kindern unterwegs ist, sollte bei der Zeitplanung beachten, dass an vielen Stellen großzügige Spielplätze im Grünen einladen, von denen keiner dem anderen ähnelt und deren Angebote nicht nur Leute unter einem Meter Körpergröße neugierig machen. Der Stefan aus dem Buch „Die Insel der Schwäne“ wäre wohl heute sehr zufrieden, wenn er sehen würde, was aus den „kleinen Wiesen“ geworden ist, für die er dreißig Jahre zuvor gekämpft hatte.

Parkfläche unweit des Bahnhofs, Wartenberg
Parkfläche unweit des Bahnhofs, Wartenberg

Wenn man also heute durch Marzahn oder Hellersdorf spaziert und keine Plattenbau-Phobie hat, lässt sich wahrnehmen, dass die Stadtplaner in den Siebzigern und Achtzigern eine Vision hatten und das, was davon umgesetzt werden durfte, über die Jahrzehnte aufgegangen ist. Bei allem Grau des flächig verbauten Betons sind lebenswerte Siedlungen gewachsen, deren Straßen über viel Grün verfügen. Die dürren Baumschulabgänger von einst verfügen mittlerweile über beachtliche Laubdächer, und viele der grauen Hauswände sind jetzt bunt. Dazwischen gibt es zahlreiche Grünflächen und Parks, so dass beim Durchstreifen der Anlagen das Gefühl erwächst, sich durch eine ausgedehnte Parkanlage zu bewegen. Die Spaziertage in den Plattenbau-Vierteln in Ost und West zählen zu den eindrücklichsten in Berlin – eben wegen der Kontraste und Widersprüche, die aus Erwartung und Erleben entstehen.

Wiesenbrache hinterm Falkenbogen, Wartenberg
Wiesenbrache hinterm Falkenbogen, Wartenberg

Nach Wartenberg fährt direkt vom Alex die S-Bahn. Einen stufenloseren Transfer von der Innenstadt in die Welt der standardisierten Hochhäuser ermöglicht jedoch die Straßenbahn, die ebenfalls hier abfährt, nur ein Stockwerk tiefer im Parterre und dann quer übern Platz – von so viel Bodenhaftung kann die S-Bahn nur träumen. Nach längerer Fahrt hält die M 4 kurz vor Ihrem Ziel Falkenberg am S-Bahnhof Hohenschönhausen. Wiederum ein Stockwerk tiefer ist es dann nur noch eine Station nach Wartenberg.

Am Seegraben bei Falkenberg Dorf
Am Seegraben bei Falkenberg Dorf

Wartenberg

Nicht so hoch wie die in Marzahn sind die Plattenbauten von Wartenberg, die herangewachsenen Bäume wirken daher größer. Der verwaist wirkende Bahnhofsvorplatz bietet ein kleines Wäldchen mit schattigen Bänken und ein paar zaghafte Möglichkeiten für eine Stärkung. Wenig später schon lockt der erste Pfad in einen offenen Park mit sanft geschwungenen Wegen und damit zu den ersten Spielplätzen dieser Tour. Schon dieser Einstieg macht mit dem Umstand vertraut, dass die Tour zum größten Teil durchs Grüne führen wird, stärkerer Verkehr oder Autolärm nur an einigen wenigen Stellen anzutreffen ist. Präsenter sind da eher die Flugzeuge, die sich im Landeanflug auf Tegel befinden.

Blumengerahmte Eichenallee am Tal der Neuen Wuhle
Blumengerahmte Eichenallee am Tal der Neuen Wuhle

Nach etwas Straße quert ein Pfad über eine wildwüchsige Wiese, welcher der gartenpflegerische Sparkurs zu einer bunten Vielfalt verholfen hat. Direkt dahinter befindet sich der Falkenbogen, ein mittelmodernes Center mit ein paar Geschäften, Gastronomie und einem Kieztreff. Vorn an der breiten Falkenberger Chaussee befindet sich hier ein berlinweites Kuriosum für Notfälle der besonderen Art: der Streubelsche Bäckerbetrieb bietet ähnlich wie Apotheken einen Nachtschalter an. Wer also eines Nachts hochschreckt, hellwach ist und das dringende Verlangen nach Crémetorte oder einem frischen Stück Kuchen empfindet, kann hier zu jeder Zeit an der Nachtglocke läuten und wird Hilfe bzw. konditorische Erstversorgung erhalten.

Allee mit östlicher Blüte
Allee mit östlicher Blüte

Eine Grünfläche später steht man vor der ICE-langen Fassade einer kombinierten Schule, an deren Ende etwas alte Dorfstraße beginnt. Gleich hier biegt ein motorfreier Weg ab, direkt in die naturgeschützte Botanik der Wartenberger Feldmark mit ihren baumgesäumten Wiesen, ihren Weiden und Obstgärten. Die folgende Stunde bis zum Bahnhof Ahrensfelde verläuft vollständig durch Parks und Grünanlagen, die jede fürs sich ihren eigenen Charakter und dementsprechend ihren eigenen Reiz haben. Für Orientierung sorgt die blaue Markierung der Zwanzig Grünen Hauptwege der Stadt Berlin, von denen diese Tour gleich mehrere benutzt oder berührt.

Hinterhof in Ahrensfelde
Hinterhof in Ahrensfelde

Falkenberg

Nach einem kurzen Blick auf das Dorf Falkenberg setzt sich der Weg fort, durch etwas jungen Wald und mit Obstbäumen am Wegesrand, die in wenigen Wochen interessant sein dürften, jetzt noch nicht. Hinter einem kleinen Graben geht es dann durch die Trockenwiesen – entweder breit und bequem für Rad und Fuß oder ufernah als struppiger Trampelpfad. Überall sind Radfahrer unterwegs und Jogger, ältere Damen und junge Paare mit ihrem Nachwuchs im Kinderwagen. In allen Blicken lässt sich die Stimmung dieses einzelnen Sommertages ganz klar ablesen. Entspannt und zufrieden, ein bisschen glücklich. Und beruhigt darüber, dass sich der Herbst noch etwas Zeit lässt.

Zwischenhof unweit des Havemannplatzes
Zwischenhof unweit des Havemannplatzes

Nach ein paar Metern entlang der Hohenschönhauser Straße kommen voraus zwei Dinge in Sicht, die um Aufmerksamkeit buhlen. Gleich rechts ragen im Schatten kleiner Bäume große, geschwungene Gehörne aus den hohen Wiesen, und voraus steht eine riesige bunte Blume am Beginn einer äußerst geraden Allee. Wenn ich nicht irre, ein Sonnenhut, vielen vielleicht aus der Erkältungszeit als Echinacea bekannt. Eine Blume, die so aussieht, wie ein älteres Kind eine Blume malen würde. Das wonnige Gewächs ist knapp vier Meter hoch und innen wie außen komplett mit Mosaiksteinen gepflastert.

Schöner Ort für eine Pause oder mehr
Schöner Ort für eine Pause oder mehr

Rechts zeigen sich noch einmal die herausragenden Hörner der Brummochsen, die sich hier um die Offenhaltung einer großen eingezäunten Fläche kümmern, ihren Dienst mit großer Ruhe und Sorgfalt angehen. Voraus erstreckt sich akkurat die Allee aus jugendlichen Eichen, und in den Wiesen verlocken unterschiedliche Gerätschaften aus Holz oder Metall dazu, mit Spaß an der Freude die Gelenke mal wieder durchzuschmieren oder zu prüfen, wie es um die Körperkoordination steht. Oder sie einfach nur als Spielplatz zu nutzen.

Gleisbett der Straßenbahn, Ahrensfelde
Gleisbett der Straßenbahn, Ahrensfelde

Es gibt auch einen ganz harmlosen und völlig sportfreien Rastplatz oberhalb der leicht eingesenkten Neuen Wuhle. Dass deren Bett so großzügig ausfällt, erklärt sich damit, dass hier früher das Klärwerk Falkenberg große Mengen Wassers bereitstellte, die beim Zusammenfluss mit der eigentlichen Wuhle unweit des Dorfes Eiche deren Volumen ca. verzehnfachten. Als das Klärwerk 2002 stillgelegt wurde, musste sich die nun winzige Wuhle mit ihrem breiten Bett gänzlich neu arrangieren. Das hat sie bis heute ganz gut hinbekommen, wobei verschiedene Maßnahmen geholfen haben und noch immer helfen.

Grüne Wogen und ein krummes Rohr im Seelgrabenpark
Grüne Wogen und ein krummes Rohr im Seelgrabenpark

Für die Mosaikblume von vorhin gibt es übrigens am Ende der Eichenallee ein Gegenstück mit aufgefächertem Blattwerk und einer klaren Neigung zu Orangetönen. Auf der Verlängerung der kleinen Allee über die Wolfener Straße hinaus kreuzen voraus hin und wieder S-Bahnen oder Regionalzüge. Parallel zu den Gleisen verläuft der Grünstreifen mit teils schattigen Parkwegen vorbei an einer schönen Plansche, bis man schließlich relativ unvermittelt von der Überführung zum Bahnhof Ahrensfelde angegähnt wird. Die ist absolut ungeschminkt, und so wirkt es am anderen Ende regelrecht kuschlig, wenn neben den allgemeinen Hinweisen zu Ausgang, Bus und WC auch einer zum Barnimer Dörferweg aufgeführt ist, der an dieser Stelle für diesen und jenen durchaus eine Verlockung darstellen könnte. Zu Recht, durchaus. Doch wir wollen in Berlin bleiben, denn die meisten Spezialitäten am Weg stehen noch aus.

Kurz vor dem Gipfelplateau, Ahrensfelder Berg
Kurz vor dem Gipfelplateau, Ahrensfelder Berg

Ahrensfelde

Den speziellen Charme rund um den Bahnhof Ahrensfelde muss man schon mögen. Ein kleiner Schwenk nach links lohnt dennoch, wenn man im direkten Vergleich sehen möchte, wie sich durch Wegnehmen und Hinzufügen aus rein quaderförmigen Standard-Platten recht ansprechende und individuelle Mehretagenhäuser mit unterschiedlichen Grundrissen, Terrassen und offenen Bereichen machen lassen. Das ist bestimmt eine dankbare Aufgabe für einen Architekten. Für uns ergibt sich als kleiner Nebeneffekt noch das Auffinden von Original-Drehschauplätzen für das Video eines bezopften Köpenicker Lokalbarden, der musikalisch gern die Werbetrommel für seinen schönen Bezirk rührt.

Blick vom Gipfel auf die südlichen Nachbarberge
Blick vom Gipfel auf die südlichen Nachbarberge (ganz hinten das Müggelgebirge)

Die Dichte an Spielplätzen auf den kleinen Grünflächen zwischen den Blocks steigt jetzt massiv an, so dass Familien ab hier vermutlich nicht allzu flüssig vorwärtskommen werden. Warum auch, wenn es sich doch schön verweilen lässt. An der Straßenbahn, die bezirkstypisch über ihr ureigenes bequemes Bett verfügt, liegt jenseits der Havemannstraße der Barnimplatz, großzügig angelegt, doch etwas verloren. Etwas heimeliger ist da schon der hügelige Innenhof zwischen zwei kurvigen Hochhauszügen, auf dem oberhalb des Spielplatzes auch ein übermannshoher Fliegenpilz wächst.

Abstiegsstufen kurz hinterm Gipfel, Ahrensfelder Berg
Abstiegsstufen kurz hinterm Gipfel, Ahrensfelder Berg

Zwei Jungs, nee zwei Steppkes hängen im vierten Stock am Fenster und schauen raus, noch einer steht unten und versucht angenehm gelangweilt, im Stand auf seinem Fahrrad nicht umzufallen, während er zu den beiden hochstiert. Ferien eben. Die beiden von oben rufen uns zu „Ihr seht top aus!“. Das hört man natürlich immer gern, speziell, wenn es nicht von Leuten kommt, die erheblich älter sind als man selbst. Ob sie jetzt „Topp“ meinten, lässt sich nicht heraushören, also nehmen wir mal das Erstgenannte an. Und ob unsere jeweils strohgedeckten Köppe gemeint sind oder das teils pragmatisch, teils modisch zusammengestellte Gesamtarrangement der sommerlichen Stadtspazeure, auch das darf offen bleiben.

Ein paar Meter von dem Balancierenden steht eine Pumpe, die jetzt willkommen ist, um endlich mal die Spuren der Kuchenpause abzuwaschen und auch schlichtweg den Puls abzukühlen, denn ist es wirklich Sommer heute. Einer von den dreien schreit noch rüber, dass dit dauan kann und man lange pumpen muss, bis watt kommt. Und es dauert, doch das kennen wir von den höherliegenden Innenstadtpumpen bestens. Da können schon mal ein paar Minuten ins Land gehen. Doch die Ausdauer lohnt, gleich der erste eiserne Schwapp ist eisig und herrlich erfrischend.

Wuhletal-Weg am Straßenbahnhof Marzahn
Wuhletal-Weg am Straßenbahnhof Marzahn

Für den Gaumen hätten wir auch gern was Erfrischendes, und auch eine Stärkung für den anstehenden Aufstieg wäre richtig schön, doch am Straßenbahnhof Niemegker Straße gibt es zwar etwas, doch die schönsten Draußentische sind schon besetzt und drinnen ist ganz klar zu wenig Wind. Also weiter, und ein paar grüne Höfe später überrascht uns eine Golfanlage, mit der man hier wirklich nicht gerechnet hätte. Eingeschmiegt zwischen Straßenbahntrasse, Apfelbäumen und Sportplatz liegt ein winziges Areal mit einer turnierfähigen Minigolf-Anlage darin. Dass das hier alles reinpasst, liegt an geschickter Verschachtelung der achtzehn verschiedenen Bahnen. Umgeben ist das Ganze von Gebüsch und Geheck, so dass man drinnen denken könnte, man wäre irgendwo auf dem Lande und es kämen gleich Kinder um die Ecke, die Annika, Lisbeth oder Rasmus heißen.

Teichquerung im Wiesenpark, Wuhletal
Teichquerung im Wiesenpark, Wuhletal

Neben der Möglichkeit zum Abschlag gibt es hier auch ein kleines gastronomisches Angebot und gemütliche Außenanlagen. Das ist sehr willkommen, denn der Proviant ist knapp geworden. Die Anlage ist gut genutzt von Leuten aller Altersklassen, von Paaren, Familien und angemeldeten Gruppen, die allerhand unterhaltsame Kommentare hören lassen und meistenteils sehr vernügt sind.

Birkenplateau am Fuße des Holzsofas
Birkenplateau am Fuße des Holzsofas

Jenseits der Gleise liegt nördlich des Tals der Neuen Wuhle der Borkheider Teich, mit kleinem Entenstrand. Hinter einem Wäldchen jagen im Seelgrabenpark Delphine durch die Wiese, weiter hinten träumt ein Walfisch vor sich hin und am Spielplatz zieht die geschwungene Rutsche alle Aufmerksamkeit auf sich. Ein Trampelpfad führt durch anhängliches Buschwerk ans Südufer der Neuen Wuhle, wo der Ahrensfelder Berg schon seine steile Nordflanke mit ihrer breiten Rodelpiste ins Bild hält. Hinter Sumpfwiesen und einer Weide, die von schottischen Hochlandrindern betreut wird, zweigt rechts der Zustieg ab.

Aussichtsplattform oberhalb des Wiesenparks
Aussichtsplattform oberhalb des Wiesenparks

Der eigentliche Aufstieg zum Gipfel führt pulssteigernd ohne jegliches Drumherum durch den steilen Waldhang auf das fünfzig Meter höher gelegene Gipfelplateau, das am Erreichen der Baumgrenze kaum Zweifel lässt. Die Sicht von hier ist gewaltig und gestattet Blicke auf die beiden Nachbarberge in Richtung Süden, aber auch auf alle ebenbürtigen Berliner Gipfel wie den bekuppelten Charlottenburger Teufelsberg im Westen, die seeüberragenden Pankower Arkenberge im Norden oder die betürmten Müggelberge im Südosten Berlins. Darüber hinaus reicht der Blick weit ins Land Brandenburg hinein, und auch die unmittelbaren Stadtteile zu Füßen des Berges geben ein eindrucksvolles Bild ab. Eine längere Pause ist hier kein Problem, auch wenn es keine bewirtschaftete Alm gibt.

Altes Dorf Marzahn
Altes Dorf Marzahn

Ahrensfelder Berg

Der Gipfel ist gut besucht, doch es verteilt sich angenehm. Ein Pärchen versucht im wohlwollenden Dialog, einen Drachen in den Wind zu bringen, trotz frischer Brise relativ erfolglos. Eine Familie kann ihre vier sommerlichen Kinder unbesorgt auf die Wiese ausschwärmen lassen. Andere haben ihre Decken ausgebreitet, und manche sitzen einfach nur auf einer Bank oder dem kleinen Mäuerchen des Gipfelplateaus und genießen still das Exklusive dieses Ortes.

Mühle überm Dorf
Mühle überm Dorf (mit Zehngeschosser im Hintergrund)

Der Abstieg durch die strauchigen Blumenwiesen beginnt auf urig ausgelatschten, groben Holzstufen, später geht es weiter auf einem schmalen Pfad durch schattigen Hangwald. Alternativ gibt es einen bequemen Abstieg auf einem breiten Weg. So oder so, der Weg hinab verläuft relativ flach über einen langen Sporn und lässt sich dadurch ausgiebig genießen. Sein Ende liegt am Tal der Wuhle.

Am Marzahner Dorfanger
Am Marzahner Dorfanger

Ein schmiedeeisern anmutendes Portal zur Landsberger Allee führt zur fast einzigen lauten und verkehrsreichen Stelle des gesamten Weges. Drüben setzt sich der Wuhle-Wanderweg fort, unterhalb großer Weiden dem Ufer folgend. Kleine Abstecher lohnen sich und führen unter anderem zu einem Weiher mit Plankenweg, einem riesigen Holzsofa oberhalb eines Birkenwäldchens und weiteren Spielplätzen mit viel Platz in alle Richtungen. Voraus ist der Kienberg zu sehen, auf den in greifbarer Zeit eine Seilbahn fahren soll, im Rahmen der Internationalen Gartenbauausstellung.

Blick auf den tiefsten Punkt der Marzahner Promenade
Blick auf den tiefsten Punkt der Marzahner Promenade

Ein breiter Talboden wird der Wuhle an dieser Stelle genehmigt, so dass jegliches Spielen auf den Spielplätzen vom windflüchtenden Stammwald und dem blauen Walfisch besonders grenzenlos sein muss. Gen Westen setzt eine kleine Geländekante dem Wohnungsbau eine natürliche Grenze entgegen. Dort oben lockt eine frisch bewaldete Aussichtsplattform mit roten Bänken zum ausgiebigen Rumsitzen oder dem Beobachten des langsamen Schattenwachstums auf den warm beschienenen Nachmittags-Wiesen.

Der Weg durch das neuere Wohnviertel schafft mit seinen Straßennamen Lust auf kommende Ausflugstage, alles Orte im Umkreis von Strausberg. Hinterm Blumberger Damm steht der nächste Spielplatz bereit, und jenseits einer im Sinkflug befindlichen Ladenpassage lässt sich eintauchen in die gemütliche Welt eines märkischen Angerdorfes mit allem Drum und Dran. Sogar eine Mühle gibt es hier, mit echtem Müller und gemahlenem Mehl. Nur fällt im Vergleich zu den meisten anderen Dörfern nicht der Schatten von hochgewachsenen Pappelreihen auf die Häuser oder der von tiefhängenden Wolken, jedenfalls nicht vorrangig. Mit Schatten werfen hier vornehmlich hochgeschossene Quader, die zu kuriosen Kontrasten verschiedenster Gebäudekanten führen.

Das Tor zum Osten, gesehen vom Straßenbahnsteig
Das Tor zum Osten, gesehen vom Straßenbahnsteig

Angerdorf Marzahn

Zwischen den Hochhäusern steht der alte Dorfkern von Marzahn stillvernügt und völlig unbeschadet mit seiner allumfassenden Dörflichkeit, inklusive stufengiebliger Ziegelkirche, gemütlichem Dorfkrug und märkischer Hausfassaden entlang des länglichen Angers. Vor dem Dorf auf einem Hügel die erwähnte Mühle sowie Viehweiden und landwirtschaftliches Gerät. Und natürlich ein schöner kleiner Spielplatz. Wer noch etwas Zeit übrig hat und der Neugier folgen möchte, kann am westlichen Ende des Angers ergründen, was es mit dem Kulturgut Marzahn und dem hübschen Wort Schamottchen auf sich hat.

Ein Sommerabend im Volkspark Friedrichshain
Ein Sommerabend im Volkspark Friedrichshain, gesehen vom schönen Kiosk am Westeingang

Ein letzter Weltenwechsel wartet hinter der Landsberger Allee, nun wieder direkt in der Platte. Vom offenen Platz vor dem Freizeitforum Marzahn, langjährigen Einwohnern vielleicht noch bekannt als Plattmar Formzahn, geht es vorbei an zwei schönen Spielplätzen direkt auf die Marzahner Promenade, die derzeit auf ihrer Länge mehrere Gesichter hat. Breit und etwas verlassen steigt sie von der höchsten Ebene stufenweise tiefer, bis eine überdachte und gut besuchte Passage beginnt. An einem einladenden kleinen Platz liegt der tiefste Punkt der Promenade. Danach schmiegt sie sich baumschattig entlang des Einkaufscenters Eastgate und führt zu besten Schienen-Kontakten in die Stadt. Kein Tourist ist hier zu sehen weit und breit, man hört fast ausschließlich den Berliner Dialekt und oft auch die russische Sprache.

Vor dem Freiluftkino Friedrichshain im gleichnamigen Volkspark
Vor dem Freiluftkino Friedrichshain im gleichnamigen Volkspark

Wer vielleicht nach dieser facettenreichen Wildost-Expedition eine neue Jeans benötigt, vielleicht auch eine Waschmaschine oder ein Duftwasser, lässt die letzten beiden Kurven weg und kommt direkt zu den betreffenden Händlern. Und wer nach so viel Abstinenz doch noch etwas Touristengetümmel braucht, steigt einfach in die nächste Straßenbahn und fährt zum Volkspark Friedrichshain. Oder etwas weiter bis zum Alex. Womit sich dann der Bogen der elektrischen Oberleitung schließt.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit Straßenbahn und S-Bahn bis S-Bhf. Wartenberg

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll, da Streckentour

Länge der Tour: ca. 15,5 km (vielfältig modifizierbar, da alle paar Minuten der ÖPNV berührt wird)
für eine kürzere Tour mit Kindern (ca. 6 km) empfiehlt sich der Einstieg an der Straßenbahn-Haltestelle Niemegker Str. (GPS-Wegpunkt 33) bis zum Dorf Marzahn mit der Mühle (Wegpunkt 68), hier hält dieselbe Straßenbahnlinie

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Bäckerei Streubel (Werkverkauf mit Nachtschalter)

Wartenberger Feldmark

Information zur Neuen Wuhle

Seelgrabenpark

Wasserpumpen in Berlin

Neue Idee für die Ahrensfelder Berge

Ausflugsziel Dorf Marzahn

Mühle Alt Marzahn

Freizeitforum Marzahn

 

Einkehr: Alter Dorfkrug, Marzahn (am Anger; gemütlich, freundlich, sehr gute Küche, mit kleinem Biergarten),
vorher und nachher entlang des Weges diverse weitere Möglichkeiten

 

Grobskizziert – Döberitz: Wegevielfalt und Ginsterpracht in der Döberitzer Heide

Es gibt Landschaften, deren jetzige Einzigartigkeit auf einer eigenartigen Kausalität beruht. Wo vor mehr oder weniger vielen Jahren oder Jahrzehnten die Motoren extrem schwerer Kettenfahrzeuge dröhnten und den Boden vibrieren ließen, so dass es auch für Nichtindianer noch im zivilen Gelände wahrzunehmen war, konnte schon zu diesen Zeiten die Natur einen Grundstein für das legen, was in Zeiten des Stillstands und der Stille wachsen würde. Dort, wo Maschinerie, Munition und die steuernden Hände und Köpfe dazwischen auf bestmögliches Zusammenspiel geprüft und strategisches Handeln in einen konsequenzarmen Probelauf geschickt werden konnte, gibt es heute die sichersten Refugien für zahlreiche Tiere und Pflanzen – eben weil hier eine wirklich gute Motivation besteht, ausgeschriebene Wege nicht zu verlassen, so wie es Schilder alle paar hundert Meter einfordern.

Steg über den Schwanengraben
Steg über den Schwanengraben

So hinterließen die Wirren und Unklarheiten in der Nachwendezeit sowie der mehr oder weniger geordnete Abzug ehemals allierter Truppen bis Mitte der neunziger Jahre zahlreiche, teils enorm weitläufige Flächen, die plötzlich ungenutzt und regelrecht herrenlos waren und auf die sich kein Mensch herauftrauen konnte, dem sein Leben lieb und der noch ganz bei Trost war. Demzufolge konnte die Natur hier zu annähernd hundert Prozent ihr Ding machen, was sie auch tat. Eines der schönsten Sinnbilder dafür kam vor einiger Zeit in einer Reportage vor. Da brütete eine bedrohte Vogelart, die es sonst in Deutschland kaum noch gibt, in einem schwer zugänglichen Platz unter der drehbaren Kanonenhaube eines verrostenden Panzers. Kaum erreichbar für Tiere, die ein paar Nahrungskettenglieder höher stehen. Dicker Panzerstahl, sicherer Schatten und darunter pelzköpfige Küken, die frohgemut und kaum hörbar tschilpen, egal wer da draußen auch herumschleicht oder -schwebt.

Uferweg am Schwanengraben
Uferweg am Schwanengraben

Viele dieser Gebiete sind heute Heideflächen und liegen weiter entfernt von Berlin, wie z. B. das ausgedehnte Areal nördlich von Jüterbog mit dem Keilberg und seiner grenzenlosen Aussicht, der vom Wasser der Havel umspielte Annenwalder Brand westlich von Templin oder die Reicherskreuzer Heide östlich von Lieberose, die im spätesten Spätsommer mit einem unvergleichbaren Teppich aus blühendem Heidekraut bedeckt ist – nur der Heideblüte wegen muss also niemand den weiten Weg nach hinter Lüneburg antreten.

Wellenreicher Hauptweg in der Döberitzer Heide
Wellenreicher Hauptweg in der Döberitzer Heide

Näher an Berlin liegt da die recht kleine Schönower Heide um die Ecke von Bernau und nicht zuletzt auch die Döberitzer Heide kurz hinter der Stadtgrenze bei Spandau. Diese erstreckt sich unmittelbar gegenüber des Olympischen Dorfes, wo ja im Wettbewerb um die Nutzung mittlerweile auch die Natur schneller vorankommt als der Mensch, der sich in Anbetracht des historischen Schwergewichts und der erschlagenden Dimension des Ganzen mit Entscheidungen schwer tut. Was zu verstehen ist.

Aus dem Staub gemacht
Aus dem Staube

Die Döberitzer Heide

Glaubt man leicht verfügbaren Quellen, gab es erste militärische Nutzungen dieser Heide schon vor 300 Jahren. Zu dieser Zeit muss es von Berlin bis zur Havel und weiter nach Döberitz noch eine kleine Tagesreise oder ein forscher Halbtagesritt gewesen sein, wenn man das damalige Wegenetz bedenkt.

Als Truppenübungsplatz groß aufgebaut und fortan regelmäßig benutzt wurde die Heide unter dem Kaiser. Das klärt auch die Frage, warum die Heerstraße von Westend bis zum Berliner Ortsausgangsschild Heerstraße heißt – auf fast 11 Kilometern Länge und über knapp 700 Hausnummern. Gut doppelt so lang reichten ihre verlängerten Geraden vom Berliner Stadtschloss bis zur Döberitzer Heide. Wenn man darauf achtet, fällt ins Auge, dass sie fast auf ganzer Länge in einzigartiger Weise als breite und repräsentative Straße verläuft. Daran hat sich auch durch 28 Jahre Ost- und Westberlin nichts geändert.

Blumiger Grasweg am Hasenheider Berg
Blumiger Grasweg auf dem Weg zum Hasenheider Berg

Während der Olympischen Spiele 1936 musste die Heide für militärische Wettkämpfe herhalten. Gleich gegenüber wurde das erwähnte Olympische Dorf errichtet, das über die Heerstraße perfekt an die Hauptstadt und auch an andere relevante Sportstätten wie das Olympiastadion angebunden war.

Die regelmäßige militärische Nutzung der Döberitzer Heide ging über hundert Jahre, bis 1991 dann Schluss war – und fortan Ruhe im Karton. Nur in Richtung Groß Glienicke gibt es noch ein Eckchen, wo die Bundeswehr bisweilen übt – jedoch ohne scharfe Munition.

Obelisk an der weiten Freifläche
Obelisk an der weiten Freifläche

Was von dieser Periode noch sichtbar ist, verleibt sich die Natur langsam und stetig ein. Am ehesten sichtbar sind noch alte Bunkeranlagen und Panzergräben, die mehr und mehr von Gras, Nadeln und Baumbewuchs überformt werden. Ansonsten bestimmt üppige, vielfältige Natur das Bild.

Döberitz

Es war schon herauszulesen – Döberitz liegt kurz hinter der Stadtgrenze und ist schnell erreicht, ob nun auf breitem Asphalt oder auf schmalem Stahl. Das heutige Döberitz liegt zwischen den alten märkischen Dörfern Dallgow und Rohrbeck, verfügt jedoch selbst über keinen Dorfkern. Das ursprüngliche Döberitz lag weiter südlich war selbst so ein Dorf, bis es Ende des 19. Jahrhunderts schließlich das Pech hatte, inmitten eines preußischen Truppenübungsplatzes zu liegen. Das Dorf durfte zunächst noch stehenbleiben, doch die Geschichte war letztendlich nicht gnädig. Ende der 1950er Jahre zog die Sowjetarmee in die Döberitzer Heide ein. In diesem Rahmen wurden alle damaligen Bewohner enteignet und Döberitz dem Erdboden gleichgemacht, samt seiner Kirche. Die einstige Kolonie Neu Döberitz ist heute das eigentliche Döberitz und vor allem ein Ort des Wohnens, und über dem Grundriss des alten Dorfes mitten in der Heide staksen heute in Abgeschiedenheit große Pflanzenfresser umher, auf dem wohlwollend verordneten Weg in die Selbständigkeit.

Rastplatz und Aussichtsturm beim Obelisken
Rastplatz und Aussichtsturm beim Obelisken

Kurz nach der jüngsten Jahrtausendwende gab es in der Döberitzer Heide noch kein ausgeschildertes Wegenetz, weder für Reiter noch für Radfahrer oder Spaziergänger. Es ließ sich auf gut Glück durch das vorhandene Wegenetz streifen in der Hoffnung, nicht irgendwo auf ein unüberwindbares Hindernis wie einen Zaun oder ein dorniges Gebüsch zu treffen. Das hatte den speziellen Charme, den solche Entdeckerstreifzüge eben haben, und ging in unserem Fall auch ohne großes Verlaufen und zähe Rückwege ab. Mittlerweile ist hier alles sehr geordnet, was aber überhaupt nicht groß auffällt. Trotz des dichten Wegenetzes und der vielen Gatterzäune ist man durchaus der Meinung, sich durch so etwas wie eine stadtnahe Wildnis zu bewegen.

Waldrand entlang der weiten Freifläche
Waldrand hin zur weiten Freifläche

Irritierend sind dabei nur die Flugzeuge, die die Landepiste in Tegel anvisieren, und das zu gewissen Zeiten im Vier-Minuten-Takt. Egal ob Düsentriebwerke oder Propeller – laut sind sie alle in ihrem Landeanflug. Wenn dann aber die Schwarmzeit überstanden ist, erscheint die Stille im Inneren der Heide umso zauberhafter und beglückender.

Schafherde im Konzentrat mit Ziegen-Ammen am Rand
Schafherde im Konzentrat mit Ziegen-Amme am Rand
Unterwegs in der Heide

Der innere Bereich der Heide, die heute „Sielmann Naturlandschaft Döberitzer Heide“ heißt, besteht aus einer sogenannten Wildniskernzone, die von einem mehrfachen Zaun umgeben ist und ausgewilderten Tieren ein weitgehend unbeeinflusstes Entfalten gewährleisten soll. Aktuell gewöhnen sich dort, wie weiter oben erwähnt, schon einige Dutzend großer Pflanzenfresser wie Wisente, Przewalski-Pferde und Rothirsche an das unbehelligte Leben. Rund um diesen ausgedehnten Bereich verläuft der große Rundweg, der ziemlich lang ist (länger als der Weg zwischen Döberitz und dem Berliner Schloss) und bei all seinen möglichen Abstechern und Optionen mit dem Fahrrad am meisten Spaß machen dürfte – ein schöner und erlebnisreicher Tag kann hier problemlos gefüllt werden. Nur sollte die Bereifung nicht zu schmal sein.

Rastbank im Ginster
Rastbank im Ginster

Möchte man diese Landschaft zu Fuß entdecken, bieten sich kleine Runden an, die Fahrland und Kartzow oder Kartzow und Priort mit dem inneren Wegenetz im Bereich des Ferbitzer Bruchs kombinieren, dem feuchten Kontrast zur meistenteils staubtrockenen Döberitzer Heide. Wer jedoch eben diese landschaftlich vielfältige Heide im kleinräumigen Konzentrat erleben will, dem empfehle ich den Bereich nördlich der Wildniskernzone, der zudem mit den Öffentlichen hervorragend zu erreichen ist. Hier lässt sich die Tour alle paar Minuten verlängern, verkürzen oder komplett umkrempeln. Die Ausschilderung hilft beim Variieren.

Sandiger Weg entlang des Wildniskernzone
Sandiger Weg bei der Hasenheide

Es gibt mehrere Möglichkeiten, direkt in die Heide einzusteigen, sei es nun vom Einkaufszentrum Havelpark oder am Südrand von Döberitz bei der Unterführung der Bundesstraße. Da es dann jedoch stundenlang ohne jegliche Häuser, Kirchturmspitzen und Dorfplätze durch die Natur geht, ist ein wenig Ortslage als Kontrast und Abwechslung sehr zu empfehlen. Diese Kombination bietet sich am besten mit dem Bahnhof Dallgow-Döberitz als Ausgangspunkt.

Kesse Lupine am Gitterventil
Kesse Lupine am Gatterventil

Von dort führt ein zauberhafter und schattiger Pfad entlang des länglichen Schwanengrabens, immer dicht am Wasser und an vielen Stellen regelrecht verwunschen. Nach ein paar Minuten Gewerbegebiet und Straßenlärm übernimmt bald wieder der Waldschatten und mit ihm die Natur samt ihren Düften und Tönen – die Bundesstraße ist kaum noch zu hören, und die Flugzeuge ignoriert man so gut wie möglich. Bald steht der erste Übersichtsplan am Weg und der Einstieg in die Heide bevor. Nach ein paar hundert Meter breiten Weges wird es schon bald kuschliger und es kann entschieden werden, welchen Schildern man folgen möchte.

Schöner Waldrandweg am Grunde
Schöner Waldrandweg am Giebelfenn

Die Wege des ausgeschilderten Netzes sind allesamt einladend. Mal verlaufen sie schnurgerade zwischen Waldrand und offener Weite oder kurvig einer sanften Talflanke folgend, mal direkt durch den blumenreichen Trockenrasen oder breit und staubig über Dünenbuckel voll Erika und Kiefern. Oft auch schattig und kühl durch jungen Laubwald oder entlang dichter Eichenreihen. Zur nächsten Wegekreuzung ist es nie sehr weit, und so stellt sich beim planlosem Umherstreifen an jeder von ihnen aufs Neue die schwierige Frage, welchem der einladenden Abzweige man folgen möchte.

Weg in den Wald
Weg in den Wald bei Sperlingshof

Die Vielseitigkeit der Döberitzer Heide zeigt sich auch darin, dass die Landschaften etwa alle Viertelstunde wechseln. Sei es nun der Wechsel zwischen Waldgebieten und offenem Grasland, zwischen konstruierter Wegesystematik und solchen Wegen, die der Beschaffenheit des Reliefs folgen oder zwischen kleinräumigen Abschnitten und der großen Weite rund um den liebesbedürftigen Obelisken. Von hier aus reicht der Blick weit ins Land und lässt im Gedanken durchaus den Vergleich zur Lüneburger Heide aufblitzen. Zwischen Rastplatz und Obelisk verläuft eine winzige und allerliebste Wegschleife auf trockenen Gräsern, die von Optik und Duft her auch auf einer norddeutschen Insel liegen könnte und im niedrigen und warmen Abendlicht besonders schön sein muss.

Große Ginsterweite südlich der Bundesstraße
Große Ginsterweite südlich der Bundesstraße, Nordheide

Die Vegetation ist üppig, vielfältig und reich an Baumbewuchs – Heidekrautflächen sind in dieser Heide jedoch die Ausnahme. Dafür blüht im späten Mai an vielen Stellen großflächig der Ginster, wie wir es bisher nur selten gesehen haben. Ein guter Ausgleich für lila Blütenmeere im September.

Worauf wir noch getroffen sind, das waren eine muntere Schar von Pfadfinderinnen und ein großes Halbrund von hochbeinigen Bienenstöcken mit einem eindrucksvollen Klangteppich aus hunderttausenden Flügelschlägen. Ferner eine im Schatten vereinigte Schafherde mit zwei freundlichen Ammen-Ziegen, die verwaisten Lämmchen zur Verfügung standen. Wer die oben erwähnten größeren Tiere sehen möchte, kann sein Glück südlich vom Natur-Erlebniszentrum versuchen. Zwischen Wolfsberg und Wüste kann man mit etwas Glück ein behuftes Bein, ein beschweiftes Heck oder sogar einen bemähnten Kopf zwischen den Bäumen entdecken. Weniger rar machen sich kleinere Leute wie eben die Wildbienen, Grashüpfer und Schmetterlinge, die im gesamten Gelände für einen charmanten Buschfunk sorgen.

Parkstreifen
Parkstreifen in der westlichen Siedlung Döberitz

Für den Rückweg zum Bahnhof gegen Ende der Tour spricht nichts dagegen, wieder den Uferweg am Schwanengraben zu nehmen. Wer bei seinen Streifzügen weiter westlich bei der Zufahrt nach Rohrbeck gelandet ist, kommt durch ein Wohngebiet und einen hübschen Parkstreifen ebenfalls zurück zum Bahnhof. Dort bieten sich für den großen und kleinen Hunger mittlerweile vier Möglichkeiten zur Einkehr an. Mit etwas Heidestaub im Scheitel.

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der Regionalbahn bis Dallgow-Döberitz (ca. 45 Min.), wahlweise weiter mit dem Bus zum Havelpark

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 5 Richtung Nauen (ca. 45 Min.)

Länge der Tour: wie unten zu sehen 13,5 Kilometer; darüber hinaus beliebig variierbar; Empfehlung: der Rastplatz am Obelisken sollte dabei sein

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Historische Karte der Döberitzer Heide (1936), altes Dorf Döberitz im Zentrum

Sielmann-Naturlandschaft Döberitzer Heide

Einkehr: mehrere Möglichkeiten am Bhf. Dallgow-Döberitz

Stadtrandtour Seeberg: Ferne Länder, verspielte Bäche und die Spur der Hufe

Bewegt man sich am Rande einer Stadt, sei sie nun so groß wie Jüterbog, Berlin oder Cottbus, stellen oder legen sich oft großformatige Hindernisse in den Weg, die wenig oder gar nichts zu tun haben mit Begriffen wie pittoresk oder landschaftlich ansprechend. Das sind an vielen Stellen Umspannwerke mit dem resultierenden Netzwerk aus Hochspannungsleitungen und Masten, oft ist es auch die Autobahn oder eine Schnellstraßenumfahrung, durch die alte Wege gekappt wurden. Und natürlich die allgegenwärtigen und überlebenswichtigen Gewerbegebiete. Überlebenswichtig für den Bestand der Region sind sie allesamt, diese Hindernisse, denn ohne sie würde das zeitgemäße Leben, wie man es kennt und schätzt, nicht funktionieren.

Der Zochegraben
Der Zochegraben

Um so erstaunlicher kann es werden, wenn man sich davon nicht groß beeindrucken lässt. Überall geht das nicht, denn in vielen Fällen lässt sich auch zwischendurch wenig Reizvolles finden. An manchen Stellen wäre man zudem förmlich gefangen zwischen schnellen Verkehrswegen und auch Wasserstraßen, denn „Brücke“ ist in dieser Hinsicht noch immer ein entschlossenes Zauberwort, wie schon vor tausend oder vor dreitausend Jahren, die Abstände zwischen Brücken manchmal schlichtweg zu groß für Tagesausflüge zu Fuß.

Doch manchmal ergibt sich eine nachgerade zauberhafte, im Vorhinein kaum erahnte Mischung, die durch ihren Kontrastreichtum dem nächstfolgenden Schönen stets noch etwas mehr Kontur verleiht. Und im vorliegenden Falle gleich die Randbereiche von zwei Städten mitnimmt, wenn auch von unterschiedlich großen.

Talgrund zwischen Waldhang und Bruchwald des Zochegraben
Talgrund zwischen Waldhang und Bruchwald des Zochegraben, mit verblassenden Loipen

Erwartet hatte ich für diesen Weg eine eher herbe Mischung, und in der Tat waren im letzten Drittel einige solcher Passagen dabei. Doch im Rückblick fielen diese durch den häufigen Landschaftswechsel weniger ins Gewicht, und das trotz trübem Wetter und feinstem Nieselstaub. Klar überwogen haben die nachgerade bezaubernden Passagen, noch dazu gab es weit mehr Naturnähe, als aus der Karte ersichtlich war.

Gleich hinter der Stadtgrenze mit den Hochhausvierteln von Hönow zieht sich ein regelrechter Gürtel von breitgewachsenen, schönen Dörfern bis hin nach Strausberg, fast ohne Unterbrechung und jedes mit seiner eigenen S-Bahn-Station. Nördlich davon, kurz hinter dem Berliner Ring, liegt das Städtchen Altlandsberg, mit einer fast komplett erhaltenen Stadtmauer samt zwei Türmen.

Blick aus dem Tal auf die Auen
Blick aus dem Tal auf die Auen

Seeberg Dorf

Vorgelagert und fast eingeklemmt zwischen Autobahn und schneller Landstraße liegt das klassisch märkische Dörfchen Seeberg. Im Dorf selbst merkt man bei günstigem Wind nicht allzu viel von den lauten Straßen. Etwas daneben liegt ein Logistikzentrum von nahezu derselben Fläche, das dem Abbiegeschild ins Dorf eine etwas stiefmütterliche Optik verleiht. Doch der Kirchturm lockt.

Es hat geschneit den ganzen Vormittag, recht unerwartet nach den mäßig kalten Tagen und dem ganz aktuell verheißenen Tauwetter. Alles ist weiß eingedeckt, der Schritt gedämpft und die Straße gleich noch etwas weniger zu spüren. Unter dem Schnee ist es stellenweise höllisch glatt, speziell auf der kleinen Brücke über die Autobahn. Erst beim Abbiegen ins Feld stellt sich Entspannung ein beim Setzen der Schritte.

Eisdrachen in der Strömung
Eisdrachen in der Strömung

Das einzige, was hier den Verlauf des Weges verrät, sind die Büschel trockener Gräser, die Spur dazwischen ist nur zu ahnen. Mit der Straße im Rücken und einem markanten Waldhang voraus sind wir augenblicklich in der Stille und könnten sonstwo sein in Brandenburg, ganz tief. Eine hochgewachsene Baumreihe prophezeit einen Wasserlauf. Links in dessen Auflächen, wenn ich sie mal so nennen darf, liegen kleine Bauminseln, die bei näherem Hinsehen aus nur einer einzigen effektvoll gespaltenen Weide mit ein paar Nachbarbäumen bestehen. Das wirkt besonders eindrucksvoll, so in der weiten weißen Ebene.

Voraus jagen ein paar eher kleine Hunde durch den Schnee, gekleidet in Lederponchos mit Fellfütterung, die durchaus kernig wirken. Etwas dahinter prägt eine Langläuferin ihre eigene Loipe durch den Waldstreifen, in Gedanken und still genießend. Sicherlich waren die Skier längst wieder an ihrem angestammten, staubigen Platz im Keller gelandet. Noch vor dem meterbreiten Zochegraben warnt ein großes Schild in großen Buchstaben vor Rennpferden und dem Betreten auf eigene Gefahr. Was beim Gedanken an teure Traber im Trainings-Tiefflug zunächst ein versonnenes Lächeln aufs Gesicht bringt, wird beim Blick auf die Karte plausibler – direkt nebenan befindet sich eine ausgedehnte Trainierbahn für Galopp-Tempo.

Verblüffende Altarme des Zochegrabens
Verblüffende Altarme des Zochegrabens

Zwischen dem Hangwald mit seinen Kiefern und dem Erlenbruchstreifen entlang des Zochegrabens erstreckt sich scheinbar endlos ein Talgrund, der zu jeder Jahreszeit seinen Reiz haben dürfte, so auch jetzt. Und wieder fühlt man sich weit weg von Berlin. Jenseits des Grabens steht ganz für sich eine beeindruckende Eiche. Ist sich ihrer Wirkung bewusst, wie es scheint. Auch dort sind Langläufer unterwegs, die unverhoffte Gunst des Tages nutzend.

Hönower Siedlung

Vor der Landstraße, einer schönen Allee, führt ein Pfad hinab zum Wasser, und tatsächlich lässt sich hier die Straße ohne großes Leitplankengekletter queren. Der Zochegraben blubbert unterm Eis bescheiden vorbei an der noch relativ jungen Hönower Siedlung, zeigt dann aber, was er sonst noch so drauf hat. Wie ein altgestandener Fluss im Miniatur-Format gebärdet er sich in schnieken Mäandern und selbstgebastelten, doch recht überzeugenden Altarmen, an seinen Ufern einen über lange Zeit gewachsenen Baumbestand. Noch dazu senkt sich das Wasser hier recht tief ins breite Tal ab und erzeugt zusammen mit dem trüben Schneelicht eine Stimmung, welche das vorausliegende Birkenstein wie ein Städtchen am Fuß des Mittelgebirges aussehen lässt. Wirklich. Ein faktisches Beweislein dafür liefert der sanfte Anstieg über die Felder, der stattliche 20 Höhenmeter überwindet. Ein Tiroler wird dafür nicht einmal ein müdes Lächeln andeuten, doch für ein Land, dessen höchste Erhebung um die 200 Meter liegt, ist das schon die Erwähnung wert.

Blick vond er Hochebene übers Tal auf die Berliner Seite
Schneetrüber Blick von der Hochebene übers Tal auf die Berliner Seite

Dank reichlich dicker Kleidung und dem noch kaum zerstapften Schnee sind wir oben nun definitiv auf Betriebstemperatur. Vor dem Eintreten ins Wohnviertel quert ein laternenbestandener Fußweg von Ost nach West das Tal und untermauert an dieser Stelle mit genau diesem Blick nochmals den beschriebenen Eindruck. Auf der anderen Talseite verläuft die Landesgrenze zwischen Brandenburg und Berlin, voraus lockt ein ähnlich reizvoller Fußweg hinab. Wir nehmen keinen von beiden und spazieren bald auf dem Grünen Bogen zwischen den Häusern entlang, nun wieder auf unterfrorenen Straßen. Nach dem Ende der Straße liegt voraus ein ausgedehnter Talgrund mit vielen kreuzenden und zweigenden Wegen, noch vorher sausen Kinder über den Weg, mit Schlitten unterm Hintern, befeuert von einer kurzen, doch knackigen Rodelbahn mit zwei winzigen Schanzen im Gefälle.

Auch dieses Tal und der angrenzende Wald werden von einer Trainingsbahn durchzogen, wenn auch nirgends ein Warnschild zu entdecken ist. Direkt benachbart liegt ein Gestüt, zwischen beiden verläuft ein ruhiger Weg, der schließlich in den Wald führt. Nach dem Überqueren eines Bächleins kommt man vorbei an einer Wohnanlage mit einem Kirchlein und steht kurz darauf vor dem S-Bahnhof Hoppegarten – und hat nun einen griffigen Reim auf die ganzen Pferdehinweise des bisherigen Weges. Na klar, hier liegt doch etwas südlich die Galopp-Rennbahn mit ihrer bald 150-jährigen Geschichte, und rundherum gibt es drei Trainingsbahnen, eine im Süden und eben die beiden hier im Norden. Da erstaunt es fast ein bisschen, dass bisher kaum Pferde zu sehen waren.

Über dem Bahnhof Hoppegarten
Über dem Bahnhof Hoppegarten

Hoppegarten

So schön, prächtig und erhaben das ganze frische Weiß dieses Tages ist, so angenehm ist nun der kräftige und flächige Farbtupfer, den die rote Überführung zum Bahnsteig bietet. Drüben führt eine alte Pflasterstraße entlang schöner Stadtvillen in Richtung Zentrum, so wie es eigentlich an jedem der zahlreichen Schilderbäume der nächsten Zeit ins Zentrum geht. Da jedoch die Dörfer hier so fließend ineinander übergehen, ist nicht ganz klar, welches Zentrum jeweils gemeint ist. Aber schön ist es allemal, und verheißungsvoll, denn ein Zentrum ist immer eine willkommene Abwechslung, gerade an nahezu monochromen Tagen.

Im bezaubernden Tal des Neuenhagener Mühlenfließes
Im bezaubernden Tal des Neuenhagener Mühlenfließes

An der nächsten großen Kreuzung, links ginge es ins Zentrum, biegen wir rechts ab ins Tal des nächsten fließenden Wassers. Was hier als Neuenhagener Mühlenfließ den Weg kreuzt, ist Berlinern vielleicht als Erpe bekannt, als die es schließlich in die Spree mündet. Doch bis dahin sind es noch ein paar Kilometer. Dieses Fließ eröffnet augenblicklich einen angenehmen Bann, denn obwohl sich zu beiden Seiten dichte Siedlungen befinden, gebärdet es sich so zauberhaft und schlingenfreudig, dass man sich erneut im Mittelgebirge wähnen könnte. Drumherum steht hochgewachsener Wald, und beim Eintritt ins naturgeschützte Tal von der verkehrsreichen Straße ruft uns eine ältere Dame zu, dass sie vor einer Stunde eine Wildschwein-Bande hätte durchziehen sehen, wir auf der Hut sein sollten. Dementsprechend wacheren Blickes folgen wir dem munter über seinen gewellten Sandboden strömenden Fließ, bis hin zu einem Brücklein, das hinüber ins nächste Wohnviertel führt. Das mit den unterfrorenen Straßen klappt jetzt schon ganz gut und dauert auch nur kurz, denn bald geht es weiter am Mühlenfließ entlang, nun auf dem Liebermannweg. An dessen Ende liegt das Freibad Neuenhagen, direktverbunden mit dem S-Bahnhof durch einen verspielten Zubringer in Spreewald-Manier.

Vor dem Bahnhof Neuenhagen
Vor dem Bahnhof Neuenhagen

Neuenhagen

Die Unterführung des Bahnhofs ist mit individualisierter Lokal-Werbung im allerbesten Sinne gestaltet und hat dadurch nichts vom Unangenehmen einer klammen Unterführung, regt vielmehr zum Stehenbleiben an. Drüben führt eine noble Übereck-Treppe auf Bahnsteigniveau, darüber ein weiterer Farbtupfer, hier nun in kräftigem Blau. Das macht direkt neugierig auf die S-Bahnhöfe von Fredersdorf und Petershagen.

Der Bahnhofsvorplatz ist so gestaltet, dass man hier ganz gern aussteigt, ein paar Läden und Kioske scharen sich drumherum. Vom Schilderbaum weist ein Schild ins Zentrum. Die Fichtestraße führt vorbei an alten und neueren Häusern schnurgerade zur Autobahn, die erst kurz davor zu hören ist – der Schallschutz ist gut, der Schnee dämpft und der Wind steht günstig. Nach ein paar Metern Gewerbegebiet, das so aussieht, wie ein Gewerbegebiet eben aussieht, beginnt unvermittelt ein Weg durch die weiten Wiesen des nächsten Bachtales, das Naturschutzgebiet Wiesengrund. Das Fließ ist noch dasselbe wie vorhin, gegenüber steht ein Fachwerkhaus im dunklen Hang des Waldes und bezieht sich noch ein letztes Mal auf die mittelhohen Berge.

Im Naturschutzgebiet Wiesengrund
Im Naturschutzgebiet Wiesengrund

Die Naturromantik im schönen Wiesengrund verlangt ab hier ein wenig Phantasie, an diesem weißen Tag, wo keine Grille zirpt und sich keine bunten Gräser in den artenreichen Trockenwiesen wiegen, kein milder Wind um nackte Arme streicht. Was sich bisher moderat verteilte, das gibt es jetzt geballt, auch wenn man es zum Teil nur weiß und gar nicht sieht. Im Rücken die Autobahn, links das distanzierte Gewerbegebiet von Altlandsberg, und quer über das stille Tal hängen die kräftig zirpenden Hochspannungsleitungen, die ganz frisch den Strom aus mehreren Himmelsrichtungen zum Umspannwerk anliefern. Das verspielte Mühlenfließ lässt sich davon nicht stören und versteckt sich zuletzt in einem Streifen Wald, der tief wirkt und verwunschen. Am nördlichen Ende des Wiesengrundes gibt es unter der Brücke der Landstraße noch eine letzte Teepause am Mühlenfließ, bevor uns adäquat gekleidete Kühe und Lamas in Seeberg Siedlung Willkommen heißen.

Willkommenskommando in Seeberg Siedlung
Willkommenskomitee in Seeberg Siedlung

Seeberg Siedlung

Hinter dem neuen Komplex aus Seniorenzentrum und Kindergarten geht es direkt auf die Wiesen in Richtung Röthsee, dort vorbei an einer kleinen Badestelle. Je nach Wind rauscht hier die Umgehungsstraße mehr oder weniger. Vorn an der Hönower Chaussee noch unweit der Holländermühle vorbei, im Bockwindmühlenland Brandenburg doch eher die Ausnahme, und jetzt ist es besonders schön zu wissen, dass wir in absehbarer Zeit trocken sein werden. Und satt. Ein überraschender Schneetag geht zu Ende, wohl nicht der letzte dieses Winters, mit Sicherheit jedoch der letzte dieses Januars, denn Tauwetter ist angesagt und Werte deutlich über Null. Das geht in Ordnung, fürs Erste.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): direkt nach Seeberg Dorf keine Anbindung; alternativ S-Bhf. Hoppegarten, S-Bhf. Neuenhagen (ca. 45 Minuten); wahlweise von U-Bhf. Hönow mit ca. 1,5 km Zuweg

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landsberger Allee stadtauswärts, dann vorbei an Hönow Landstraße Richtung Altlandsberg, am Abzweig Altlandsberg rechts nach Seeberg (ca. 45 Minuten)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen nur schlecht möglich)

 

Download der Wegpunkte

 

Einkehr: Zur Mühle, Altlandsberg (bei Seeberg), darüber hinaus mehrere Möglichkeiten im Ortsgebiet von Neuenhagen

 

Schönerlinde: Waldweide, Heide und die Ankunft des Herbstes

Es ist Einschulung in Berlin – alle Leute auf der Straße schauen feierlich und gehen etwas aufrechter als sonst. Ganz nebenbei ist nach Monaten mit sagenhaften Temperaturen und mittlerweile knirschender Ackerkrume der Sommer mit seiner Hitze wieder in die Sahara verschwunden und – damit kein Loch entsteht – umgehend der Herbst eingesprungen. Für so etwas wie Spätsommer scheint dieses Jahr nicht bereit zu sein.

Es ist September, und eine schöne Zeit steht jetzt bevor. Mit intensiven Düften, Farben in schneller Veränderung und reichen Nuancen sowie minutenschnellen Wetterwechseln, die für Lichtstimmungen sorgen, wie es sie nur im Frühherbst geben kann. Die ersten Regenschauer seit langem lassen die dürstende Botanik aufatmen und sorgen zugleich für Klarheit in der Luft und erste Dunstschwaden über eben noch besonnten Wiesen.

Pfad in der Waldweide
Pfad in der Waldweide

Schönerlinde

Es gibt direkte Nachbardörfer von Berlin, die gänzlich unerwartet mit Landschaften aufwarten, welche erstaunlich deutlich an weit Entferntes denken lassen. Oder wirken, als wären sie aus der Zeit und dieser Welt gefallen. Durchfährt man Schönerlinde, ein Nachbardorf vom schönen Französisch Buchholz und auch Buch, so sieht es aus wie eines dieser hübschen märkischen Dörfer und ähnelt anderen. Doch keine Viertelstunde von der Kirche lässt sich eintauchen in eine ganz besondere Landschaft.

Nach Osten führt eine Pflasterstraße im sanften Anstieg aus dem Dorf und entlässt auf einen hellen Weg, der über die Felder direkt zum Wald hin geht. Hier, nun für ein Stündchen wieder auf Berliner Stadtgebiet, beginnt ein weitläufiger, dicht gewebter Flickenteppich aus noch jugendlichen Waldstücken verschiedenster Art. Mal dicht mit rauschenden Weiden, licht mit schon höheren Birken oder mit der Anmutung einer schattigen Waldweide mit jungen Buchen, so klein noch, dass jemand auf zwei Beinen sich ständig bücken müsste. Doch sind diese auch als Weiden abgezäunt, mit wohlweislichem Hinweis auf Strom im Draht und freilaufenden Bullen dahinter. Beides scheint zu stimmen, zumindest hier und dort.

In der Waldweide-Landschaft zwischen Schönerlinde und Hobrechtsfelde

Der kräftige Wind dieses Septembertages schüttelt nicht nur alles durcheinander, was einen Wipfel hat und lässt wogen, was eher hoch- als breitkant ist, zudem vermischt er noch kräftig all die würzigen Düfte, die hier aufeinandertreffen. Die Goldrute hat jetzt ihre Hochzeit und sorgt für ganze Felder kräftig-dunklen Gelbs, und auch das meiste andere, was noch blüht, ist gelb und üppig, manchmal auch mannshoch oder deswegen ins nahe Gras gestrauchelt.

Zwischen diesen Waldpassagen liegen immer wieder offene Weiden für Pferde, Kühe oder Schafe, öfter auch Rodungen und anderes, was freien Blick gewährt. Durchzogen ist all das von einem nicht zu dichten und erfreulich regellosen Netz von Wegen für Rad und Fuß und Huf und wird Waldweide Hobrechtsfelde genannt. Dass dieses nicht nur schöner Name ist, sondern tatsächlich so genutzt wird, zeigt sich an den zahlreichen Weidezäunen unter Strom, teils mit Durchgängen für Freizeitler, ferner an gemütlichen Lagerhügeln und auch anderen Spuren von Weidevieh. Eine Landschaft jedenfalls, die man kaum auf Berliner Stadtgebiet und direkt hinter der Stadtgrenze erwarten würde.

Zu verdanken ist der hier entstandene Naturraum den einstigen Rieselfeldern, einem frühen und recht schlauen Prinzip der Abwasserklärung größerer Siedlungen, gewachsen auf dem Mist u. a. von Rudolf Virchow (indirekt) und James Hobrecht (direkt). Virchow vermied damit trotz des schnellen Wachstums der Stadt größere Gesundheitsgefahren und Hobrecht machte letztlich aus Gülle wieder Wasser – vor den Toren der Stadt. Das Ganze stank natürlich mörderisch, und das wohl über hundert Jahre, noch bis kurz vor der Wende. Für ganze Landstriche war dieses Aroma charakteristisch und galt im geflügelten Wort als „würzige Landluft“. Wer damals Kind war, hat das wohl heute noch sofort im Kopf, wenn er Vergleichbares riecht.

Typisches Haus in Hobrechtsfelde
Typisches Haus in Hobrechtsfelde

Die kilometerlange und –breite Waldheide mit ihrer vielfältigen und somit äußerst unterhaltsamen Erscheinung ist auch ein Paradies für solche, die gern breit gegrätscht im Sattel sitzen. Es gibt wunderschöne Reitpfade oft direkt neben den Rad- und Spazierwegen, so dass sich niemand in die Quere kommen muss. Wer zu Fuß durch die Heide streift, dem empfehle ich dennoch, öfter mal die Reitwege zu nehmen – sie laufen sich zwar etwas wackelig, doch führen sie tiefer in die Natur, sind pfadig und biegungsreich – und machen einfach erheblich mehr Spaß. Wenn Reiter kommen, ist Platz genug zum Ausweichen da.

Zum schnellen Wechsel in der Landschaft und dem Konzert des Windes da oben in den Bäumen, manchmal auch im Schilf hier unten, kommen heute noch die Wetterwechsel. Wie schon erwähnt, das Licht streicht intensiv über alles hier, wenn sich im Hintergrund kontrastierend blauschwarze Wände aufbauen oder die kräftige Sonne nach einem ebenso kräftigen Schauer alles glitzern lässt und lustvoll den Regler für die Farbsättigung hochdreht. Es ist einfach eine einzige Pracht, duftend und rundum intensiv.

Blick auf den Alten Getreidespeicher, Hobrechtsfelde
Blick auf den Alten Getreidespeicher, Hobrechtsfelde

Hobrechtsfelde

Gerade sieht es noch aus wie in einer mittelschwedischen Waldlandschaft, als hundert Meter voraus ein Auto von rechts nach links hirscht – an so etwas wie Straßen war gerade nicht mehr zu denken. Dennoch verläuft hier die schnurgerade Chaussee nach Hobrechtsfelde, benannt nach dem weiter oben erwähnten Ideenfinder und eigens im Herzen der Rieselfelder platziert. Die langgezogene Siedlung sieht nicht recht nach märkischem Dorf aus, Häuser und Grundstücke sind von einer Bauart, die sich für meinen Kenntnishorizont schwer zuordnen lässt. Charakteristische Häuser, gediegene Mauern davor und etwas abseits am Herz des Ortes ein eigenartiges Turmgebäude, das nicht klar verrät, ob es Ruine ist oder nicht. Und in den Bann zieht.

Dabei hilft noch ein Schild zum Imbiss, der am Wochenende geöffnet sein soll – ein Käffchen wäre jetzt wirklich schön. Der kurze Abstecher führt vorbei an Pferdekoppeln zu einem schönen Spielplatz, direkt benachbart dem turmigen Haus. Hier werden gerade die allerschönsten Einschulungsgeschenke verteilt, solche, die keinen Strom brauchen und garantiert niemals vergessen werden. Ein Opa hat sein Enkel auf ein besonders kleines Pony gesetzt, das man sich hier ausleihen kann, und führt es jetzt in die Waldheide mit ihren herrlichen Hufwegen. Die behelmten Lütten sitzen andächtig auf dem warmen Rücken, sicherlich mit einer schönen Mischung aus Freude und Skepsis. Doch von der Schuhsohle bis zum Boden ist es nur circa Einkäsehoch – die Skepsis wird sicherlich bald weichen.

Das schönste Geschenk zur Einschulung, Hobrechtsfelde
Das schönste Geschenk zur Einschulung, Hobrechtsfelde

Wir kommen zum erhofften Heißen, Kuchen gibt es nicht, aber sowas wie Rumkugeln. Als ich danach frage, erzählt der kernige Bursche hinter der Bedientheke, das sind quasi „besonders feine Rumkugeln“, die Energy Balls heißen und nur die besten Zutaten aus den Rubriken Trockenobst und Nüsse/Samen/Kerne enthalten. Hätte man schon ein Bierchen oder zwei Likörchen intus, würde einem zum Begriff Energy Balls mit Sicherheit viel Lustiges einfallen. Er gibt mir die milde Warnung mit auf den Weg, dass ihm beim Sesam die Hand ein bisschen ausgerutscht ist und dadurch die Walnuss geschmacklich vielleicht etwas verdrängt wird. Doch der Sesam respektiert die Verdrängungsgrenze, kleine beißbare Schokoladenstücken in all dem gesunden und feinen Drumherum sorgen für erhöhte Gaumensympathie, und wir zehren neben dem Genuss zum Kaffee in der darauffolgenden Stunde von einer Extraportion Durchhaltevermögen.

Das markante Gebäude übrigens ist nicht ruinös und diente einst als Getreidespeicher für das Gut, in dem die Getreideernte mit hoher Raffinesse getrocknet werden konnte – mittels durch die Luft rieselnden Korns. Später wurde der Speicher parallel auch als Wasserturm genutzt. Überall um ihn herum trifft man auf alte Schmalspurgleise, über hundert Jahre alt und teils kaum noch zu sehen, versunken im märkischen Staub. Welche die leicht entrückte Atmosphäre dieses besonderen Ortes noch gut unterstützen. Auch der heutige Rad- und Fußweg entlang der Chaussee verläuft auf einer alten Trasse der Feldbahn, die viele Arbeiten auf dem Gut erheblich erleichtern sollte und das wohl auch tat.

In Hobrechtsfelde
In Hobrechtsfelde

Durch eine passierbare Pforte verlassen wir das Ortsgebiet in die östliche Waldweide und müssen nun aufs Neue mit freilaufenden Bullen rechnen, konkret aber auch mit schöner Steinkunst am Weg und einladenden Rastbänken. Das relativiert die Warnung etwas, wenn auch der Blick geringfügig wacher bleibt als sonst. Die ersten Schauer sind jetzt eingetroffen und sorgen für das Zücken der Schirme und eine kurze Luftwäsche. Nötig gewesen wäre das nicht, doch schön ist es allemal, wenn alles gleich noch etwas stärker duftet.

Auf dem Druckrohrweg, bei Schönow
Auf dem Druckrohrweg, bei Schönow

Der aktuelle Reitpfad verpasst den Schuhen eine gründliche Außenreinigung, auf dem breiten Druckrohrweg können sie wieder etwas trocknen. Voraus baut sich vor der sonnenhellen Botanik eine imposante Wand aus tiefem Blau aus, doch ein wenig dürfte es noch dauern. Ein folgender Schauer fällt warnend schon etwas kräftiger aus, kommt mit Seitenwind und empfiehlt daher den Schutz einer Baumkrone. Was gegen nasse Hosenbeine hilft.

Schönow

Glatter Boden unter den Füßen ist auch mal wieder schön, ein paar hübsche Häuser und Gärten gibt es zudem zu sehen. Ein Schleichpfad gewährt in gebückter Haltung den umweglosen Durchlass zur Landstraße und damit zum Südrand der Schönower Heide, ein weiterer Pfad lässt direkt ein. Sofort wird es sandig, und wie erhofft leuchtet gleich das erste Büschel Erika in voller Blüte, etwa so groß wie ein zusammengerolltes Pony. Das wird zum Blickfang einer Pause direkt auf Sand, in der die Sonne strahlt und wärmt. Etwas rechts verläuft eine wunderschöne, breite Birkenallee aus unbekannten Gründen.

Madame Calluna Vulgaris in schönster Blüte und aus der Mistkäferperspektive, Schönower Heide

Wir stoßen auf den Heidepfad, den ausgeschilderten und breiten, der entlang eines Zaunes sofort in die Vollen geht. Links und rechts des Weges blüht flächendeckend die Heide, rechts tut sie das hinter dem Zaun des Wildgeheges, was auf Sichtkontakt mit Tieren hoffen lässt. Kurz vor dem kleinen Aussichtsturm, der leicht im starken Winde ächzt, bietet sich ein fast vollkommenes Bild mittel- bis nordskandinavischer Tundra. Zwei kapitale Hirsche schlendern am Ufer eines kreisrunden Weihers entlang, unter sich die blühenden Kissen des Heidekrauts. Mufflons, Rehe und die anderen sehen wir leider nicht, doch einige von ihnen sicher uns.

Die dunkle Wand hat freundlicherweise noch bis hier gewartet, die Hirsche konnten trocken abgelichtet werden und ohne Hektik, doch jetzt ist es nur recht und billlig, dass es plötzlich losbricht – und diesmal auch ernst meint. Nun rächt sich meine Nichtbereitschaft, die Regenhose heut schon einzupacken, denn der Schirm deckt nur den Oberkörper ab. Auch Baumschutz hilft nur wenig, es kommt einfach zu seitlich. Und ein schnelles Ende, sprich Licht am Horizont, ist dieses Mal nicht auszumachen.

Tundra im südlichen Lappland (oder Schönower Heide)
Tundra im südlichen Lappland (wahlweise: Schönower Heide)

Pragmatische Wegwahl verschafft etwas Wetterschutz, und wir erreichen mit nassem Hosenbein und klatschnassem Schuh den Radweg entlang der Landstraße, wo es nun direkt von vorne prasselt. Doch beim Abzweig nach Hobrechtsfelde ist auch dieser Regen alle, das nenne ich Glück.

Der Radweg zweigt nach rechts ab in eine Allee, die bis zum Waldrand vor Schönerlinde eine Lindenallee sein wird, also fast eine Stunde lang. Die Sonne strahlt, als wäre nichts gewesen, doch die Landschaft trieft und dampft. Einige Kühe schauen trotz ihrer langärmligen Lederjacken grimmig drein, von hinterm Zaun, nur gut. Am geladenen Zaundraht hängt ein Schild, darauf steht „Power-Zaun“. Das lässt an die Energy Balls denken, die es keine zehn Minuten von hier gibt. Doch deren Wirkung hält noch an.

Lange Lindenallee nach Schönerlinde
Lange Lindenallee nach Schönerlinde

Der schnurgerade, sehr direkte Weg nach Schönerlinde könnte trotz aller Naturnähe langweilig sein oder, freundlicher gesagt, meditativ. Das ist er aber nicht, da auch jetzt alle paar hundert Meter die Art des Waldes oder der Weide wechselt, das Auge stets was Neues zu entdecken hat. Zwischendurch lassen die Schilderbäume darüber staunen, dass sich an manchen Stellen drei Bahnhöfe der Berliner S-Bahn in gut erreichbarer Entfernung befinden.

Die Wolken meinen es gut, bis die Kirche von Schönerlinde erreicht ist. Die Beine miezen schon, da die letzte Stunde doch eher ein Lauf gegen die Zeit war als reiner Spaziergenuss. Hose und Schuhe sind wieder halbtrocken, der nächste Schauer hängt oben schon bereit und die Stadt, das Ziel ist nah. So nah, wie eine Druckleitung vom Stadtherz bis zum Stadtrand lang ist. Gut, dass es Menschen wie James Hobrecht gab.

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Schönerlinde, stündlich ab S-Bhf. Karow
alternativer Zugang von S-Bhf. Zepernick (ca. 1,5 km Zuweg zur Tour)

Anfahrt Pkw (von Berlin):
A114 (Stadtautobahn), Ausfahrt Schönerlinder Straße oder einfach über Französisch Buchholz nördlich Richtung Wandlitz bis Schönerlinde

Tourdaten: Länge ca. 16 km, Teilung bzw. Abkürzung sehr gut und vielfältig möglich

 

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6nerlinde

http://agrar-hobrechtsfelde.de/

http://www.gut-hobrechtsfelde.de/

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/natur_gruen/naturschutz/schutzgebiete/de/pflege_entwicklung/beweidung/hobrechtsfelde.shtml

http://www.schoenower-heide-verein.de/

Einkehren:

Zum eisernen Gustav, Französisch Buchholz (sehr gemütlich, hervorragendes Essen, freundlicher Service)
an den S-Bahnhöfen Röntgental und Zepernick gibt es Restaurants und Cafés