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Reichenberg: Stöbbermühlen, schneller Kornduft und der Echsen-Schwank

Es ist Juli, und über Stadt und Land sorgen die blitzschnellen und verwegenen Mauersegler mit ihrem schrillen Pfeifen für eine verlässliche Bestätigung der Jahreszeit. Dasselbe gilt für die Grillen, die schon aus kleinsten Wiesenflächen unüberhörbar zirpen, und sei es nur der Mittelstreifen einer breiten Ausfallstraße oder ein vergessenes Wiesenstück an einer lauten Kreuzung. Dementsprechend intensiver sind ihre Klangteppiche über uferlosen Wiesen oder Weiden auf dem Lande. Die Sonne zeigt sich eher punktuell, doch wenn sie da ist, beeindruckt sie sofort mit hochsommerlicher Kraft.

Im mittleren Stöbbertal zwischen den Mühlen

Der Sommer hat in den letzten Jahren gezeigt, dass er Freude gefunden hat an Superlativen. Ausgedrückt hat er das diesmal nicht in Grad Celsius, sondern in selten gemessenen Werten der niederschlagenden Millimeter-Skala. Auf dem Wetterradar sah das aus wie ein erboster Strudel, den seine Suche nach sich selbst über ganz Norddeutschland gefangen hielt. Selbst im vergleichsweise winzigen Einzugsgebiet von Berlin gab es bei diesen Wetterereignissen enorme Unterschiede, so dass es in einzelnen Bezirken einfach nur sehr stark schüttete, währenddessen rund um Oranienburg binnen eines Tages so viel Wasser herunterkam wie sonst in einem halben Jahr nicht.

Zwischendurch gab es dann wieder arglose Phasen, und dieser Tage ist wieder ein gefälliges Maß an Sommerwetter erreicht, das fast jedem Geschmack etwas gerecht wird. Es ist die beste Zeit im Jahr für schöne Hochzeitsfeste, die nackte Schultern ermöglicht und Sonne auf dem Scheitel, Tanzen und Feiern bis in die morgendliche Nacht, beseeltes Schweigen unterm Sternenzelt beim Sound von tausend Grillen in den Wiesenhalmen. Leuten, die befürchten, sie könnten eines Tages ihren Hochzeitstag vergessen, empfiehlt sich in diesem Jahr der erste Tag des Monats Juli, doch nur wer schnell genug gewesen ist oder wen in der Verwandtschaft hat, der jemand kennt, wird seinen liebsten Menschen gewissermaßen frisch gebacken in den zweiten Juli führen.

Gräserner Kirchgang in Reichenberg

Als Ort für so einen besonderen Tag gibt es unzählige Möglichkeiten, die alle das hochrelevante Merkmal der ziemlichen Einzigartigkeit bieten. Wer dabei glaubt, mit Fähren oder Leuchttürmen, Schlössern oder Bohrinseln oder gar historischen Ruinen wäre es im Wesentlichen getan, kann sich gern noch überraschen lassen. Zum Beispiel von übergroßen, teils ächzenden Metall-Skulpturen, die imposant weit verstreut auf einer endlosen Wiese stehen, benachbart zu drei zauberhaften Rückzugsorten komplett verschiedener Größe. Oder einem wunderschönen Saal mit eigenem Strand zum Müggelsee, mitten in der Stadt Berlin.

Wenn nach einer Woche der Nachhall all der schönen Erinnerungen und wohligen Töne langsam leiser wird, da irgendwo im Hinterkopf, wird es manche gleich zur nächsten Hochzeit ziehen, andere in die grüne Stille. Geeignete Zutaten, die bestens in den Sommer passen, wären zum Beispiel ein saftig grünes Bachtal von Romantik und Zurückgezogenheit auf der einen, duftende und winddurchwogte Kornfelder auf der anderen Seite. Dazwischen ein paar Dörfchen und auch Mühlen, gerne auch ein Einkehrort direkt am Weg. Eine entsprechende Datenbank-Abfrage würde neben anderen das Stöbbertal ausgeben.

In der Kornduftschneise hinter Reichenberg

Die Stöbber ist keine dreißig Kilometer lang, doch sie verbindet verschiedenste Landschaften. Da ist zunächst das flache Rote Luch bei Strausberg, unscheinbar und schön. Die stöbberschen Wasser trödeln von hier in zwei grundverschiedene Richtungen und adeln das Luch damit zur Wasserscheide zwischen Nord- und Ostsee. Später fließt der oderstrebige Arm durch das mittelgebirgig anmutende Zentralmassiv der Märkischen Schweiz, zuletzt dann durch die reichhaltige Teichlandschaft bei Altfriedland, die Unmengen von Vögeln als Brut- und Rastplatz dient. Zwischen den letzten beiden zieht sich in tiefer Idylle das mittlere Stöbbertal und bietet einen sanften und genießerisch langgezogenen Übergang von der höhenmeterfreudigen Schweiz zur hügeligen Ringenwalder Heide an. Die wiederum gibt Anhängern der frühesten Blümchen eines jeden Jahres viel Anlass zu kleinen spitzen Seufzern.

Es gibt einige Landschaften, denen man das Prädikat „Nummer Sicher“ verleihen könnte, wenn es um einen schönen und auch runden Tag geht unter freiem Himmel. So auch dieser Teil des Stöbbertals. Damit die Kornfeldquote stimmig ist, empfiehlt sich als Startpunkt eines der nördlich gelegenen Dörfer. Zum Beispiel Reichenberg.

Zustieg zur Einkehr an der Pritzhagener Mühle

Reichenberg

Über Reichenberg liegt Stille. Zwei Pferde trotten nach Hause, genauso viele Bengels hängen ihre Angelhaken in den Teich und irgendwo fegt jemand irgendwas. Das einzig Dialogische kommt von den Hühnern hinterm wiesengrünen Kirchgang, über dem die Kirche auf dem Hügel lagert, wie auf einer Insel.

Gleich hinterm Dorf weht einem der kräftige Wind den erhofften Sommerduft nach gut gereiften Ähren direkt in die Nüstern. Ein Weg lockt in die Wiesen und verliert hinterm Galgenberg an Höhe. Seinen Rand säumt die blauweißgelbe Feldrandmischung dieser Wochen, und voraus liegen gefällige Landschaften in vielfältiger Abwechslung und perfekter Anordnung – als hätten sie sich in Pose geworfen für das Auge des Betrachters. Unten im Wald duftet es würzig nach regengesättigtem Erdreich, und gleich danach kommt uns der Weg abhanden. Ist nicht mehr übrig zwischen Mais und Gerste. Ein netter Trecker hat jedoch ein paar Meter westlich eine gangbare Spur gelegt, durch die sich lautstark staksen lässt, mit ständigem Gekitzel von den langen blonden Grannen.

Schattige Passage im Stöbbertal, ganz dicht am Bach

Pritzhagen

Dass die Alternative auf der Straße kein Problem wäre, zeigt sich auf dem kurzen Stück zum Abzweig nach Pritzhagen. Kaum Autos sind hier unterwegs und man läuft wie auf einem Kamm, mit weitem Blick und scheinbar über allem. Über allem liegt auch das Dorf Pritzhagen. Ein Mädchen schlägt mitten auf der Straße makellose Räder, so unbeschwert und ergiebig, als wenn schon Ferien wären im Lande Brandenburg. Hinten am Teich bei der Kirche ist heute die Ostsee-Quadrille zu Gast, ein zerfasert abgeparkter Convoi von Anhängern und Zugmaschinen, der offensichtlich mit Pferden zu tun hat. Ein großer Mann in Schwarz ist mit seinem großen schwarzen Pferd scheinbar in denselben Traum versunken.

Gabelung an der alten Eiche

Direkt hinterm Dorf fällt die Straße entlang einer saftigen Weide ab, bald schon stärker, links gähnt ein steiler Waldhang. Ein Fröschlein, kleiner als ein Hemdknopf, quert behende die Straße. Geschlagene fünfzig Höhenmeter weiter unten ist am Tornowsee der tiefste Punkt erreicht. Kurz überm Wasser hängt an einer einladenden Badestelle ein langes Tau und kann speziell im Sommer hilfreich sein, wenn man das Loslassen üben will. Nach dem nächsten Abbiegen hört man sie dann endlich rauschen, die Stöbber, die hier mit einer tosenden Fallstufe ihre verträumte und kurvige Passage durch den Wald beendet. Das andere Ende liegt beim Schweizerhaus am Rand von Buckow.

Eine der schönsten Rastbänke, Stöbbertal

Pritzhagener Mühle

Ob nun hungrig oder nicht, auf jeden Fall sollte man sich den Ver- und Gebotsschildern trotzend zur benachbarten Pritzhagener Mühle durchschlagen und bei einem kräftigen Kakao diesen wunderschönen Ort genießen, der dank seiner vordergründigen Hintergrundmusik verlässlich von einer süßen Melancholie umweht wird. Obwohl hier keineswegs alles perfekt ist, birgt dieser Ort leichtes Suchtpotential. Gleichermaßen schön ist es vorne draußen, innen drinnen und hinten unten. Wobei hinten unten auch nah dran ist an den Stöbberflächen und dieser Tage eher gut, wenn man kleine Dosen Blut loswerden will. Schilder besagen, dass es hier ab 16.30 Uhr nur Champagner gibt und Kaviar nach Gewicht – vielleicht schreckt das ja erprobt die Mücken ab.

Brummochsen mit ähnlichen Frisen im mittleren Stöbbertal

Während wir sitzen und schlürfen, spielt sich rund um den gepflasterten Türbereich eine hinreißende und tragikomische Szenerie des Verpassens ab, wie in einem Theaterstück, wo ständig die Türen klappen und alle aneinander vorbeirennen. Insgesamt sind drei Darsteller beteiligt, die sich alle zum Verwechseln ähnlich sehen und von jetzt auf gleich mit dem Granitgestein der Katzenköppe verschmelzen können oder so in einer der Zwischenfugen versinken, dass passierende Kundschaft keine Gefahr darstellt. Letztlich laufen alle Verabredungen schief und die drei Eidechsen verlassen den Schauplatz in drei grundverschiedene Richtungen.

Dezente, doch eindeutige Einladung in den Garten der Besinnung, Eichendorfer Mühle

Hier beginnt nun dieses Wegstück, das zu den Klassikern brandenburgischer Spazierwonnen zählt. Auf knapp vier Kilometern ist im steten Wechsel so viel Schönheit und Idyll versammelt, dass es im Schlurfschritt das Füllhorn eines einzigen Tages zum Überlaufen bringen kann. Tiefer, kühler Wald mit zufließenden Bächen wechselt mit ausschweifenden Wegkurven um üppige Wiesen, einzelstehende Kroneneichen leiten direkt über zu sommerlich bunten Wiesenhängen mit einer der schönsten aller Rastbänke. Im nassen Weidegrund der Stöbberaue stehen knuffige Galloways, denen die Halme bis zur halben Körperhöhe reichen, und sorgen wortkarg für etwas Ordnung.

Balken für die Ewigkeit, Eichendorfer Mühle

Eichendorfer Mühle

Kurz vor der Eichendorfer Mühle liegt hinter einer unverschlossenen Pforte ein sorgsam gestalteter Garten, ganz ohne Verbotsschild. Im Garten der Besinnung gibt es neben einem Teich ein Wassertretbecken und einen schönen Barfußpfad sowie verschiedenste Gärten mit Beschriftungen für Neugierige. Die Eichendorfer Mühle selbst dient als vielschichtiges Therapiehaus, wo fern von allem der Weg von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit begleitet wird. Der Garten und sein hervorragender Zustand sind ein ständiges Ergebnis dieser Prozesse.

Grobkörniges Stillleben im Mühleninnern, Eichendorfer Mühle

Auch die eigentliche Mühle lädt ein mit weit offener Türe und ermutigendem Kopfnicken von jedem, der einem über den Weg läuft. Feldsteinmauern und dickes Gebälk vermitteln ewige Stabilität. Ein Mühlrad dreht sich hier nicht mehr, doch innen wirft schon der erste Schritt auf den knarrenden Bohlen das Kopfkino an, unterstützt vom knochentrockenen Duft betagten Holzes, wie man ihn auch auf alten Dachböden oder in kleinen Holzkirchen wahrnehmen kann, und dem Anblick riesiger Zahnräder aus hartem Holz.

Freier Blick nach dem Aufstieg

Der folgende Austieg aus dem Bachtal gestaltet sich nun haarig, da alle Mücken, die uns bisher verschont haben, hier zusammengefunden haben und zusehen, wie jede zu ihrem Stich kommt. Dazu kommen noch diese kleinen klebrigen Viecher, die man so gut wie gar nicht abstreifen kann. Die führen zwar nichts im Schilde, doch loswerden möchte man sie dennoch. Jeder hat im Augenblick ein paar Hände zu wenig, um der Sache Herr zu werden, also sehen wir zu, auf dem durchweichten Boden oder zwischen den Pfützen schnellstmöglich und aufrecht vorwärts zu kommen und die feuchte Niederung zu verlassen, hin zu lichtem Wald mit etwas Wind.

Blick zu den Kreuzbergen bei Julianenhof

Oben ist es besser, der erhoffte Wind wirklich da, und die Mücken bleiben ihrem Tal treu, da dort insgesamt mehr zu holen ist, auch haben viele ihre Chance genutzt. Weit oben knarren die windgebeugten Stämme der Kiefern aneinander und sorgen gemeinsam mit dem lästernden Krächzen von Hähern und Krähen für etwas Unheimlichkeit, trotz all des Lichts. Bald öffnet sich nach links wieder die Weite der Kornfelder und liefert den dezenten Duft als große Rahmenhandlung dieses Tages.

Der letzte Weg zeigt uns nochmal die Harke. Diesmal ist kein Ausweichen ins Feld möglich, da struppiger, gereifter Raps nicht mehr als ein paar Meter zu durchschreiten ist, ehe alle Bewegung zum Erliegen kommt. Hier hilft auch keine Trecker-Spur. Die wunderschöne Busch- und Baumallee ist nicht zugewachsen, doch durch den Regen der letzten Wochen ist alles in die Höhe geschossen. Vor uns liegt also eine Dreiviertelstunde Storchengang, und das mit tagesmüden Beinen. Jemand muss vor kurzer Zeit hier langgefahren sein, und so bleibt der Trost, der in vielen Fällen bleibt: es könnte schlimmer sein.

Kindliche Streuobstwiese von übermorgen, kurz vor Reichenberg

Kurz vor Reichenberg wurden auf sanften Wiesenhängen winzige Bäumchen eingelocht, nicht viel größer als ein langer Wanderstock, die einmal eine schöne Streuobstwiese abgeben werden. Am Dorfrand schauen uns dann von oben lustige Köpfe an, hinter einem Gürtel aus Schafen und an langen Hälsen. Zwei Bewohner einer Straußenfarm zeigen ihre Neugier und stelzen hinterm hohen Bohlenzaun hin und wieder her. Irgendwo im Wiesenschatten sitzt eine unentdeckte Katze.

Neugieriger Blick von hinter den Schafen

Die Jungs am Dorfweiher sind immer noch beim Angeln, jetzt an einer anderen Stelle. Zum Abend wird der Wind nun leiser, die Grillen gewinnen an Präsenz, und in das Farbenspiel des Abendhimmels ganz im Westen drängen von irgendwo Gewitterwolken. Eine letzte Lerche tobt sich noch aus, so kurz vor Feierabend, sinkt langsam tiefer und gibt schließlich Ruhe für die Ruhe vor dem Sturm.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): wochentags S-Bahn nach Strausberg Nord, dann mit dem Bus (ca. 1,5-1,75 Std., mehrere Verbindungen tägl.); am Wochenende keine Verbindung

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Strausberg (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen gut möglich); der gezeigte Track ist (wie die Download-Wegpunkte) frei von Problempassagen

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)
(A-C nur außerhalb der Vegetationsphase zu empfehlen)

 

Links:

Informationen zur Gemeinde Märkische Höhe

Oberbarnimer Feldsteinroute

Eichendorfer Mühle

Fledermausmuseum Julianenhof

Straußenfarm Reichenberg

 

Einkehr:
direkt an der Route:
Pritzhagener Mühle (vor allem Fisch)
Gasthof Pritzhagen (in Pritzhagen am Teich, nur mittags geöffnet)

Gasthaus Fischer, Bollersdorf