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Plaue: Gartenstadt, Stahlfachwerk und die weite Havelsee

Der April hat in den letzten Tagen unartig im März herumgewildert, sich regelrecht ausgetobt und probiert, wie viele verschiedene Wettersorten sich in eine Handvoll Stunden stopfen lassen. Herumgescheucht und hin und wieder eingeweicht wurde alles, was Beine hat, und alles andere ohne Puls und Herzschlag wurde auf hinreichende Befestigung geprüft. Nach diesem Säbelrasseln fällt es schwer, an sonnige Tage und moderat sinkenden Luftdruck zu glauben, doch genau die sind prophezeit.

Seegartenbrücke zwischen Plaue und Kirchmöser

Für die Wochen des zeitigen Frühjahrs bedeuten solche Tage klare Luft, satte neue Farben sowie knackige Kontraste und verlangen damit weite Sicht, freien Himmel und große Wasserflächen, die diesen Himmel widergeben können. Gut geeignet ist da zum Beispiel die Havel hinter Brandenburg, die hier ihre Wasser zu weiten Seen aufspannt. Die beherbergen manche große Insel und sind reich an Buchten aller Größen, sodass die Havelwogen teils bis tief ins Festland vordringen. Von dort kommen im Gegenzug die Flüsschen Buckau und Temnitz und liefern ein weiteres Argument für das klare weiße Wasser dieses Küstenreiches. An gewissen Tagen kann ebendieses Wasser so unfassbar blau aussehen, wie man es sonst nur dem Eismeer abnehmen würde.

Plaue

Die Stadt Brandenburg erreicht mit all ihren Ortsteilen eine erstaunliche Ausdehnung und ist daher rein flächenmäßig größer als die brandenburgische Landeshauptstadt oder auch die von Niedersachsen. Weit im Westen liegt der Ortsteil Plaue, der seinem nördlichen Ausläufer den Beinamen „Gartenstadt“ verdankt. Plaue ist fast vollständig von Wasser umgeben, das im Osten und Süden weite Blicke gestattet. Darüber hinaus gibt es hier einiges zu entdecken, was sich mittels einer verwinkelten Rundtour gut verbinden lässt.

Hauptstraße in Plaue mit Gruß von der sächsischen Elbe

Schon bei der Fahrt nach Plaue wird die Havel viermal überquert. Nur einmal sieht sie dabei aus, wie ein Fluss in der Regel aussieht. Links ein Ufer, rechts ein Ufer, dazwischen eine Brücke breit Wasser und die Ufer in etwa parallel. Bei der letzten Überquerung kurz vor dem Ziel öffnet sie sich zum Plauer See, über den der Blick schonmal drei Kilometer bis zum anderen Ufer schweifen kann.

Beim örtlichen Konditor stehen noch keine Stühle draußen, doch könnte es schon morgen soweit sein. Ein Mann fährt vor mit einem Pudel auf dem Beifahrersitz. Der Pudel sitzt sehr aufrecht und scheint eher der Ansicht, dass ein Pudel vorfährt mit einem Chauffeur auf dem Fahrersitz. Von außen ist hinter der Fensterkante nur sein rassetypisches Scheitelpolster sichtbar. Der Chauffeur trägt eine knallrote und knappe Strickmütze ohne Pudel auf dem Kopf, was guten Stoff für weitere Spekulationen hergibt.

Allee zum Schloss Plaue

Von der Rückbank holt er ein großes bedrucktes Tuch, das aussieht wie eins von diesen Mangeltüchern, zwischen denen in zurückliegenden Zeiten die Wäsche in Kaltmangeln glattgepresst wurde. Schonend und energiesparend. Das Tuch ist zu einem großen Sack vernäht, der flachgelegt etwa einen Meter lang und einen halben breit ist. Schon als er den Laden betritt, kommt ihm die Verkäuferin wissend entgegen und hält halbwegs hochkant ein Brot zwischen ihren Händen, dass die volle Länge des Sackes beanspruchen wird. Ein wunderschönes Brot wie aus dem Bilderbuch, mit schrägen Mehlsenken und einen ganzen Meter lang. Als es fachkundig eingerollt auf der Rückbank verstaut und die Tür verschlossen ist, scheint der Pudelkopf knapp und wohlwollend zu nicken.

Schlosscafé an der Havel, noch frühjahrsmüde

Vom Wasser her wird Plaue bestimmt durch die hübsche Kirche, die auf einem kleinen Hügel mitten im Ort steht, und das Schloss, das seine Hauptfassade zum Wasser hin ausrichtet. Zum Schlosstor führt eine Allee aus eindrucksvollen Platanen, ähnlich alt wie das Schloss selbst. Das riesige Gebäude trägt flache, doch zahlreiche Runzeln, die vom zahlreichen Auf und Ab der Zeiten zurückblieben. Im nördlichen Teil hat sich schon einiges getan, was dem aktuellen Besitzer zu verdanken ist. Gleich benachbart gibt es ein einladendes Café mit schönem Biergarten am Wasser. Von dort fällt der Blick auch auf die eindrückliche Stahlfachwerk-Brücke, sicherlich ein weiteres Wahrzeichen von Plaue, dem seine Patina irgendwann zum Verhängnis werden könnte.

Vom Hochufer vor dem Schloss wird der Blick angezogen von den Türmen und Schloten auf der Halbinsel Kirchmöser, die neben ihrem ungewöhnlichen Namen eine ebenso ungewöhnliche Mischung von Kurort-Charme, Industriekultur, idyllischen Naturräumen und pittoresker Siedlungsarchitektur bereitstellt. Mit einigen spröden Einschlägen zwischendurch.

Theo F. von links unten

Der gediegene Schlosspark ist durchzogen von großen und kleinen Wegen, und etwas Wasser sorgt dafür, dass manche Hängeweide schon extrem im grünen Saft steht. Auch auf dem Boden des hügeligen Laubwaldes spielt sich auf Augenhöhe mit dem Laubteppich schon einiges ab. Kleine bunte Blüten, aber auch künftige Bäume haben sich durch die harten Blätter ans Licht gewunden. Zum Wasser hin residiert ein groß angelegtes Plateau, das in seiner Pracht etwas verloren wirkt. Bewacht wird es von einem Widder und einem Bären, beide überlebensgroß und mit Blick gen Brandenburg.

Im Stadtpark am Plauer See

Die Brücke nach Kirchmöser ist sehr verlockend. Relativ neu, überaus ansehnlich und wohl eine klare Referenz an die Brücke von vorhin. Von hier führen Trampelpfade über einen kleinen Stadtwald in eine Wohnsiedlung, die durchaus ihren eigenen Charakter trägt. Hier und dort gestattet sie Durchblicke zwischen den Häusern und lässt hinten einen Deich vermuten, mit einem Meer dahinter. So ganz falsch ist das ja nicht. Eine ältere Dame steigt gerade über den vermuteten Deich, und ihr gestärkter Rock wird vom frischen märkischen Seewind in maritimes Flattern gebracht.

Seegartenbrücke

Jenseits der ersten Bundesstraße im Lande beginnt nun eine ganz andere Welt. Verträumt, ja fast etwas verschlafen liegt hier die Große Freiheit, die so gar nichts mit Hamburg und Rotlicht zu tun hat. Große Freiheit bietet sie für allerlei Getier sowohl mit Gefieder als auch Fell und im Schlepptau auch für eine Handvoll Menschen. Ein paar Gärten quetschen sich im Norden in ein kleines Eck. Auf einer der Schollen steht ein wettergegerbter Wohnwagen, der hier das Basislager bildet für ein junges Berliner Pärchen, das offensichtlich kein Verächter von urbanen Modeströmungen ist. Hier, weit von der Stadt und jeglicher Form von Darstellungszwängen, sind sie einfach nur entspannt und fröhlich, Mann und Frau im Garten, frei von jeglichem Zaumzeug. Ihr Halbwuchs steht draußen vor dem Garten mitten auf dem staubigen Acker und genießt es voller Begeisterung, seinen Fußball beliebig weit und beliebig hoch schießen zu können, ohne dass dieser irgendwo anstößt oder ohne dass sich irgendwer beschwert. Es ist ein herrliches, ein grundsympathisches Bild.

Siedlung Plaue West

Wir schwenken links ein auf die Straße Große Freiheit, deren Haus-Nr. 7 etwas südlich von hier liegt. Die gepflasterte Straße schickt ihre eleganten Biegen durch ein trockenes Bruchgebiet in Richtung Charlottenhof. Das Pflaster ist exzellent verlegt, für jede Art von Vorwärtskommen geeignet. Noch vor dem Ort biegt links der Weg ab, der die Große Freiheit umrundet, nun durch verschiedenen Wald. Während drüben der Blick nicht weit durchs Schilf kam, gibt es hier jetzt einige Blicke aufs Wasser und seine Bewohner. Die Fläche liegt spiegelglatt, bis ein Schwan für symmetrische Wellen sorgt, mit verlässlicher Eleganz.

Im Vorfrühlings-Wald westlich der Großen Freiheit

Nach dem zweiten Überqueren der erstaunlich ruhigen Bundesstraße, die ja immerhin einmal quer durch Deutschland führt, beginnt an der Plauer Schleuse ein lieblicher Pfad direkt am Ufer des Woltersdorfer Altkanals. Der stellt trotz seiner Beschaulichkeit einen netten Bezug zur weltbekannten Großen Freiheit her, da er nur eine Binnenalster breit später in den Elbe-Havel-Kanal mündet.

Blick aufs Wasser der Großen Freiheit

Unsere Schritte sind regelrecht befreit vom lang erwarteten und tatsächlich eingetretenen Frühlingswetter, und bei jedem zwölften von ihnen springt ein dösender Uferfrosch fast lautlos ins Kanalwasser. Die sind also auch wieder da, was nicht zuletzt die Störche freuen wird, auf die ganz aktuell dasselbe zutrifft. Bald beginnen Gärten rechts der Straße, von denen jeder dritte für einen allerliebsten Uferplatz gesorgt hat. Gegenüber hinterm anderen Ufer erhebt sich hochgewachsener Laubwald, Buchen oder Erlen oder so. Auch dort verläuft ein Weg, genutzt von vielen Leuten auf dem Rad.

Bewerbungsgespräch in Bodennähe

An der Straße nach Woltersdorf kommen uns drei Jungs im Brause-Alter entgegen, auf Rädern und mit Dosen in der Hand. Mit fröhlich-kessem Tonfall rufen Sie, ob wa auchn Bier hamm wolln, denn inna Koofe gibt’s heute Freibier im Sonderangebot. Nö, wollma jetz nonnich, doch schönen Dank. Die Jungs treten in die Pedalen und wiederholen ihr Angebot beim nächsten Passanten.

Woltersdorf

Noch vor dem Dorf winkt uns ein herrlicher Weg in die Wiesen hinein, der entlang eines breiten Wassergrabens hinterm Dorf entlangführt und mit Eseln, Pferden und einem Dorfpanorama aufwartet. Wer nicht unbedingt noch extra viel Auslauf braucht, sollte sich das Dorf nochmal von innen anschauen und dann die Eins nach Norden überqueren, mit Kurs Charlottenhof. Wir brauchen Auslauf und finden uns bald auf dem beruhigenden Dorfverbinder wieder, der durch den Wald von Neubens- nach Altbensdorf führt. Mit einem schönen Extrapfad für Fußgänger am Rande. Am Dorfrand wird mit allerlei Motorkraft Großholz zu Kleinholz gemacht oder Sperriges zu Stapelbarem.

Am Woltersdorfer Altkanal

 Altbensdorf

Bensdorf nennt sich Spargelgemeinde, und da ist in der Tat was dran. Das ruft einem gleich ins Gedächtnis, dass schon in einem Monat überall der Spargel auf den Tellern landet, was über die Jahre immer etwas Besonderes geblieben ist. Nach einem Waldstück beginnen akkurat gefurchten Felder, von denen einige Pause haben in diesem Jahr. Auf anderen liegen schon die schwarzen Planen, die über regelrecht scharfe Kanten der endlosen Wälle gespannt sind. Dazwischen ziehen sich einige Wassergräben, was nicht von Schaden sein dürfte für den Boden. Auch liegt hier ein Flugplatz, an dessen Rand ein Schild darum bittet, ihn nicht zu befahren. Auf demselben Schild steht dann noch „Bitte nicht bereiten!“ mit einer untermalenden Signatur mit Pferd und gibt dem Wort „bereiten“ erstmals einen weiteren Sinn. Ein tüchtiger Maulwurf nimmt das Schild beim Wort und tut ohne jeglichen Verstoß das, was er mit am besten kann. Rechts auf den unbestellten Äckern palavern kleine Gänsegruppen auf dem Boden, leise und verstohlen.

Gartenstadt Plaue

Charlottenhof

Nach einem kleinen Rastplatz im Walde beginnt der lange gerade Weg nach Charlottenhof, erst auf Asphalt, dann wieder sandig. Einige Pferdeställe gibt es hier und eine Handvoll Häuser sowie den Briefkasten im innersten Zentrum. Von hier ist es nicht mehr weit zur kleinen Gartenstadt, auf die wir jetzt gespannt sind. Es ist eine besondere Atmosphäre, bestimmt von vielfältig bunten Fassaden und Fensterläden, lockenverzierten Giebeln und einem so dichten Abstand zwischen Bürgersteig und Wohnraum, dass man sich fast ein bisschen indiskret fühlt auf dem Trottoir, schon halb im Wohnzimmer. Die Gärten schließen sich hinten an die Häuserreihen an und bleiben im Verborgenen, was gewissermaßen einen Ausgleich bringt für die Privatsphäre der Siedelnden. Am nördlichen Rand zeigt sich erneut die Wasserverbundenheit von Plaue, selbst im Inneren.

In der Gartenstadt Plaue

Der Rückweg führt vorbei an zahlreichen Bootslagern und Marinas und beim Fischimbiss ein letztes Mal über die Bundesstraße Nr. 1. Die Kietzstraße mit ihren frisch gestutzten Kopfweiden visiert genau die alte Brücke an. Von dort lässt sich sich jetzt zum Abend besonders schön der weite Blick genießen, denn die Sonne steht schon tiefer und ihr Licht ist dementsprechend warm. Ein winziges Boot schippert raus auf den See, das allererste heute und das einzige. Mit einem kleinen Hauch von Großer Freiheit.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn bis Brandenburg-Kirchmöser, dort mit dem Bus nach Plaue (stündlich)(ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): wahlweise Autobahn Magdeburg oder durchgehend B 1 oder verschiedene Mischungen aus beidem (1,5-2 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (Abkürzungen vielfältig möglich), mit Erweiterung über die Spargelgemeinde Bensdorf ca. 19,5 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Schloss Plaue mit Café am Havelufer

MAZ-Artikel von Ende 2016 über die alte Plauer Brücke

Informationen zur Gartenstadt Plaue (PDF-Dokument)

Informationen zum alten Kanal und der Schleuse

Informationen zum Elbe-Havel-Kanal

Spargelgemeinde Bensdorf

 

Einkehr:
Menzels Garage, Plaue Gartensiedlung
Zum Angler (Vereinsheim des DAV), unterhalb der Seegartenbrücke auf der Seite von Kirchmöser
Zum Fischerufer (ebenfalls auf der Seegartenbrücke nach Kirchmöser, dann hinterm Oval-Verkehr links)
Restaurant Seeblick (an der Plauer Schleuse)
Dorotheenhof (unweit der Plauer Schleuse, Südufer)

Zehdenick: Weiße Havelteiche, kalte Schlote und die glimpfliche Schlidderpartie

Der diesjährige Winter kam im Großen und Ganzen recht winterlich daher und frei von Eskapaden, kühl und grau und manchmal etwas weißgepudert. In den ersten Wochen des neuen Jahres verlieh er sich selbst etwas Nachdruck, indem er Berlin und Brandenburg mehrmals spontan in ein mitteldramatisches Schneechaos stürzte. Das war jeweils in Kürze angerichtet und von langer Nachwirkung. Aktuell scheint er Ruhe zu suchen oder neue Kraft zu sammeln. Liegt etwas lustlos auf den märkischen Äckern und Wiesen herum, gerade noch weiß genug, um nicht übersehen zu werden. Tiefer in den Wäldern sieht es da schon anders aus, denn hier ist das Kältegedächtnis besser ausgeprägt.

Abendlicher Marktplatz im Frühling, Zehdenick

Darin liegt auch das Problem in diesen Wochen zwischen Neuschnee und Schmelze, zwischen Nullpunkt und klirrender Kälte. Es ist fast unmöglich einzuschätzen, wie es auf den Wegen aussieht. Ob es rutschig ist, glatt oder spiegelglatt, pfützennass, glitschig oder matschig oder einfach so wie immer. Ob Skier zu empfehlen sind oder Schneeschuhe, Spikes an den Sohlen oder einfach der ganz normale Schuh für stundenlanges Draußensein. Je tiefer in der Botanik, desto langsamer reagiert der Aggregatzustand des Niederschlages samt seiner Grauzonen, was ja durchaus doppeldeutig sein kann in Hinsicht auf den Farbton. Ganz gute Chancen gibt es dort, wo Asphalt liegt, bevorzugt dunkler. Zum einen, da hier meist etwas Verkehr bleibt, der zumindest einen schmalen Streifen des Straßenbelags freihält, zum anderen, da dieser scheinbar schneller auf höhere Temperaturen und Wärmereize reagiert.

Oderlandbahn unterwegs nach Templin

Am besten geeignet scheint also eine Mischung aus stillen Straßen in freier Landschaft und schön geführten Radwegen. Idealerweise solche, wo es viel zu sehen gibt, denn wenn sowohl Himmel als auch Boden zwischen hell- und mittelgrau changieren, ist jede Abwechslung willkommen und jedes Fleckchen Farbe. Willkommen wäre auch eine Einkehr unterwegs, doch das ist nun Problem Nr. 2 in den erwähnten Wochen. Viele Betriebe haben Urlaub bevorzugt im Januar und Februar, was sinnvoll ist und nachvollziehbar, denn jetzt ist kaum wer unterwegs. Gut, wenn man zumindest für den Abend eine sichere Bank im Hinterkopf hat, wo es warm ist, trocken und gemütlich. Denn die schönste Einkehr und die verdienteste ist doch die nach einem langem grauen Wintertag oder einem erheblichen Aufstieg.

Zehdenick

Zehdenick ist ein Städtchen mit hübschem Kern und verfügt wie auch Storkow über eine markante Zugbrücke unmittelbar am Rande der lauschigen Altstadt. Wie in Storkow ist diese nicht nur hübscher Zierrat, sondern überbrückt eine viel und gern genutzte Wasserverbindung für Freizeitschiffer. Eine Verbindung, die vor nicht allzu langer Zeit gar nichts mit Freizeit zu tun hatte und dafür sorgte, dass große Teile Berlins so aussehen wie sie heut noch aussehen.

Wetter- und zeitgegerbte Bushaltestelle in den Tonstichen

Vor etwa 120 Jahren wurde eine Bahnverbindung von Löwenberg nach Templin gebaut. Bei den Bauarbeiten offenbarten sich Tonvorkommen, komplett unerwartet und direkt unter den Uferwiesen der Havel. Das erklärt die dichte Nachbarschaft des Flusses zu den heutigen Stichteichen, die sich in großer Zahl zwischen Zehdenick und Marienthal hinziehen. Die Vorkommen galten selbst im europäischen Vergleich als riesig und waren so umfassend, dass noch vor gut 25 Jahren aktiv abgebaut wurde. Praktisch war dabei, dass die Ziegel in den zahlreichen Ziegeleien gleich vor Ort gebrannt und über die Havel unkompliziert verschifft werden konnten – bis vor die Berliner Haustür. Es gibt dazu das zutreffende Zitat „Berlin ist aus dem Kahn erbaut“ – auch damals wuchs die Stadt rasend schnell, dehnte sich nach außen aus und schloss in ihrem Innern manche Baulücke. Unter anderem dank der havelnahen Tonvorkommen zählte Berlin in den Dreißiger Jahren zu den fünf größten Städten weltweit.

Zehdenick samt seiner Nachbarorte ist das ganze Jahr über einen Ausflug wert, und heute erfüllt es uns zudem die gewünschte Mischung für einen grauen Wintertag mit Temperaturen um den Nullpunkt. Maßgeblich ist das dem Fernradweg zu verdanken, der die Hauptstädte von Dänemark und Deutschland verbindet. Der einzige Nachteil ist der, dass die Tour ohne Reißleine auskommen muss – es gibt keinerlei Möglichkeit irgendwo abzukürzen, falls gar kein Vorankommen sein sollte. Insgesamt geht der Plan ganz gut auf, wenn auch auf einigen Passagen eine eigenartige Gangart angesagt sein wird, die eher an Schwimmbewegungen erinnert und in keinerlei Zusammenhang steht mit Coolness.

Eichlerstich unter Eis

Nach Verlassen der gefälligen Altstadt wirkt nun die nördliche Vorstadt entlang der Bundesstraße 109 stark kontrastierend. Sieht aus, als sei sie stark verkatert, schon jahrzehntelang. Der graue Himmel unterstützt noch diesen Eindruck. Kaum merkt man den Übergang zu den brachliegenden Gewerbeflächen bis hin zum Hafengelände, die mit ihren Ausmaßen und schwerer Maschinerie von lebhaften Zeiten zeugen. Die ersten Wasserflächen scheinen durch, nicht schwarz und spiegelnd, sondern lückenlos vereist mit leichtem Harsch darauf.

Hier ist der spröde Ausstieg geschafft und man findet sich direkt im Anglerparadies, das diesen Namen wirklich trägt. Über Kilometer liegen weite Teiche links und rechts, einstige Tonstiche, aufgefüllt mit Havelwasser. An vielen Stellen gibt es Parkbuchten, umgrenzt von hüfthohen Palisaden mit einladenden Durchgängen, die im Sommer mit dieser Optik einen Strand verheißen könnten. Zwischendurch zeigen sich immer wieder die spanigen Spuren der hiesigen Bibergang, die so manches Bäumchen umgelegt hat. Die Stümpfe verschwinden unter weich nachgebenden Raspelholzbergen, groß wie Ameisenhügel, die entweder davon zeugen, wie der Mensch dem Biber die Harke zeigt oder mit ihm Zahn in Hand arbeitet.

Griffige Landstraße nach Burgwall

Links der stillen Straße lungert untätig ein Gleis, so wie der ganze Tag durchzogen ist von pensionierten Gleisen und der Vorstellung etwas auf die Sprünge hilft, was hier für ein Treiben herrschte zur besten Zeit des Tonabbaus. Das Wasser zu beiden Seiten, der Damm dazwischen und das Gleis darauf lassen kurz eine finnische Impression aufblitzen, zumal gerade hier noch ein paar Birken stehen.

Ein Pensionär auf seinem Rad zieht vorbei, nur unwesentlich schneller und den Fokus streng nach vorn gerichtet. Vorn am querenden Gleis treffen wir ihn wieder, wie er vor dem Bahnübergang stoisch seine Runden dreht, ohne den Sattel zu verlassen oder einen Fuß auf den Boden zu setzen. Dieses Gleis übrigens ist aktiv, wie wir gleich hören, denn es naht ein Zug, der unterwegs ist nach Templin. Die erste kräftige Farbe an diesem Tag ist diese tiefblaue Breitseite der Oderlandbahn, sogar mit etwas Türen-Gelb. Als der Zug durch ist und das Farbspektakel verklungen, beendet der auf dem Rad die aktuelle Runde und fährt zurück gen Stadt. Das ist dann wohl ein liebes Ritual und beschäftigt uns für die nächsten Minuten mit Spekulationen in verschiedenste Richtungen.

Schmalspurlgleis bei Burgwall

Nur noch ein schmaler Damm führt jetzt hindurch zwischen Bröselstich und Neuhofer Stich, gerade breit genug für Gleis und Straße und noch etwas Uferkante. Die Landschaft mit ihrem Flickenteppich aus Teichen ist so speziell und fast etwas entrückt, dass es verwundert, immer wieder auf so etwas Sachliches wie Bushaltestellen zu treffen. Eine von ihnen markiert den Zugang zum Vorort Neuhof, wo es seinerzeit auch eine Handvoll Ziegeleien gab. Das eigenwillige Buswartehäuschen am Abzweig verfügt neben reichlich Patina über ein unverglastes Panorama-Fenster zur Wasserfläche des Neitzelstiches und sollte von Rechts wegen unter Denkmalschutz gestellt werden. Es war auch schon im Kino zu sehen, später dann im Fernsehen.

Wer nicht tiefer in das Reich der Stiche vordringen möchte und die Landstraße nach Burgwall im Sinn hat, findet hier die vorletzte Möglichkeit zum Abbiegen. Es gibt nach dem folgenden Abzweig zwar noch zwei Verbindungen weiter nördlich, doch sind diese mittlerweile nicht mehr zugänglich. Ein längeres Stück Straße ist also nicht vermeidbar ist, was auch die allgegenwärtige Beschilderung des Laufparks Stechlin bestätigt. Doch das passt heute eher gut, wie sich bald zeigen wird.

Die Havel in Burgwall

Am Eichlerstich liegen kleine Ruderboote, meistenteils aus Metall und lackiert in zurückhaltenden Farbtönen. Von hier reicht der Blick weit über den größten der Teiche, der auch ein paar Inseln im Herzen trägt. An einem kleinen Hochufer steht sie endlich, die erhoffte Bank mit freiem Wasserblick. Heute blickt sie übers Eis, das überzogen ist von Spuren aller Größenordnungen, quer hinüber bis zum jenseitigen Schilfgürtel.

Neuhof

Noch vor den ersten Häusern der Siedlung mit dem süßen Kaiserbahnhof führt ein kleiner Weg links um den See herum und bald hinein in einen verspielten Wald aus kleinen Fichten, in dem man über eine Schar huschender Kobolde kaum staunen würde. So klein der Wald ist, so tief herrscht hier der Winter mit fast lückenloser Schneedecke und fahlen Kontrasten zum tiefdunklen Grün der Nadelarme.

Die Straße ist schon zu hören, bald darauf zu sehen. Sie verläuft direkt vor dem Waldrand des ausgedehnten Forstes Zehdenick, der schon zur Kleinen Schorfheide gerechnet werden kann. Die Straße ist von tiefdunklem Asphalt, und wenn die Autos auch zügig unterwegs sind, ist ihre Zahl übersichtlich. Von links stößt die erwähnte letzte Ausfahrt hinzu. Sie trägt den Namen „Hoch- und Staplerweg“,  und so war es vielleicht eine gute Entscheidung, schon eine vorher abzubiegen.

Ziegeleipark im Winterschlaf

Nichts könnte der Schuhsohle heute so viel Traktion bieten wie diese schnurgerade Straße, die nun gute drei Kilometer den Weg bestimmt. Langweilig ist das zum einen nicht, da man die Griffigkeit genießt und das Hinterteil entspannen kann, zum anderen gibt es nach links immer einen schönen und weiten Blick, hin zur Havel und ihren Spielereien. Ein kurzer Ausweichversuch im Wald verläuft fruchtlos, denn dort ist es entweder glatt, matschig oder sehr uneben. Also eher eine Option für andere Jahreszeiten, dann jedoch lässt sich dort fast die ganze Straßenpassage schattig umgehen.

Das letzte Stück kürzen wir über die stoppelige Wiese ab, als Zielpunkt eine Stelle, wo gerade das Postauto aus dem Wald kam. Das ist uns heute schon mehrfach an entlegensten Stellen zwischen den Teichen begegnet, und auch jetzt ist nicht das letzte Mal. Vermutlich hat es hervorragende Winterreifen an, denn jetzt folgt das balanceträchtigste Stück des ganzen Tages. Selbst der Wegrand taugt kaum zum Ausweichen, da er schmal, nachgiebig und leicht ansteigend ist und man dort genauso ins Straucheln gerät wie auf der eisglitschigen Waldstraße. Nebenher verläuft wieder ein betagtes Schmalspurgleis und weckt einen kleinen Neid, da es von der glatten Straße so völlig unbeeindruckt sein kann. Sein Bett verläuft mitten durchs Kraut, doch wachsen zwischen den Schienen keine Bäumchen oder Sträucher – als wenn hier dann und wann was führe.

Radweg am Welsengraben

Der reichliche Kilometer auf dem Wasser-Eis-Mix sorgt unfreiwillig für die Entdeckung der Langsamkeit und die Gedanken schweifen für ein paar schmerzliche Augenblicke zu den viereinhalb Paar Spikes, die in der Wohnung genau dort liegen, wo man sie auch nach einem Jahr schnell findet. Letztlich erreichen wir mit trockenem Hosenboden und unversehrten Handgelenken die Straße und genießen die Errungenschaft des aufrechten Ganges, die man Tag für Tag als viel zu selbstverständlich hinnimmt.

Burgwall

Das Havelörtchen Burgwall markiert in etwa das nördliche Ende der Tonstiche, die Havel schwenkt hier klar nach Osten ab und taucht damit in eine Landschaft ein, die bestimmt wird von Wäldern. Eine Brücke führt über die Havel und bietet schöne Blicke über das Dorf. Noch vor der Brückenauffahrt steht ein Bahnhofsschild an einem winzigen Bahnsteig und nährt die Vermutung, dass über die Schmalspurgleise dann und wann ein Züglein rattert. Von Fürstenberg kommend stößt der Radweg Kopenhagen-Berlin hinzu, bis kurz vor Zehdenick unser Begleiter. Parallel läuft der Havel-Radweg. Stellt man sich vor eine der zahlreichen Karten am Wegesrand, ist es ein kurioses Bild, wie sich der Fluss mit lebhaften Schlingen eng zwischen all den Stichteichen hindurchwindet, zwischen den Ufern beider manchmal nur ein schmaler Damm übrigbleibt, gerade breit genug für einen Pfad und etwas Polstermaterial.

Uferpfad zwischen Havel und dem großen Kinderstich

An einer Rasthütte kommt es zum letzten Sichtkontakt mit Christel von der Post, die hier souverän ihren Transporter wendet, gefährlich dicht am Straßengraben. Ab und zu kommt ein Radfahrer vorbei, eher Eingeborener als Tourist, und macht Hoffnung auf gute Gangbarkeit der nächsten Kilometer. Eine ältere Dame mit älterem Damenrad und Hausrecht folgt stur und unbeirrbar ihrer schmalen Bahn durch den Eismatsch und zwingt ein altersgerechtes Allrad-Fahrzeug vorübergehend an den Randbereich.

Ziegeleipark Mildenberg

Die Schornsteine kündigen schon den Ziegeleipark Mildenberg an, ein lohnendes Ausflugs-Paradies zu Zeiten mit mehr Tageslicht, und bald schon verdichten sich die Gleise bis hin zu losen Knäulen. Wo es während der mitteleuropäischen Sommerzeit kein Problem ist, auf dem weitläufigen Gelände oder auch nur in seinem havelnahen Herzen einen ganzen Tag zu verbringen, ist jetzt eindeutig Winterpause. Nicht ein Mensch ist zu sehen und keine Kinderscharen wuseln zwischen der Marina und dem imposanten Ringofen. Die Züge mit den umgebauten Loren stehen still und halten Winterschlaf, ein wenig wehleidig. Auch die Flotte von mietbaren Hausbooten, Motor-Jachten und motorisierten Wohnwagenpontons verharrt in Stille, teils auf dem Lande, teils im Wasser. Gleich hinter der Radler-Einkehr beginnt nun wieder eine Fahrradstraße und führt auf schmalem Dämmlein zwischen Stäckebrandts Pappelstich und Döbertstich hindurch. Stäckebrandts Pappelstich – das könnte doch auch eine mittellange Erzählung sein von Theodor Fontane oder Storm. Ein Eisangler sitzt auf der angetauten Fläche und hat ein Loch geschlagen, dicht beim Schilf. Vom Schilfrand hat ihn eine Katze fest im Blick, die scheinbar keine kalten Pfoten scheut für etwas Silberschmaus.

Prerauer Stich hinterm Flussufer vor Zehdenick

Hinterm Wäldchen geht es links entlang am erstarrten Bruch des Welsengrabens, der bei den nächsten Häusern überquert wird, an einer durchaus pittoresken Stelle. In den Bäumen vertreiben sich die Krähen etwas Langeweile und warten auf Gelegenheiten, wem anderen was abzujagen. Davon abgesehen ist es schweigsam heut am Himmel, nur ein paar Gänse zogen durch vorhin, doch auch diese eher wortkarg. Aus einem Weg, den man verkehrstechnisch für hinfällig erklärt hätte, kommt ein Auto angewackelt, mit kurzem Radstand und daher nachgerade aufgebracht im Takt der tiefen Pfützengründe. Wie überhaupt heute an den seltsamsten Stellen Autos hergefahren kommen, aus kleinen und auch kleinsten Wegen und aus entlegenen Sackgassen.

Loren über Kopf, Hafen Zehdenick

An der nächsten Kreuzung weist eins von den vielen Schildern zur Einkehr im nahen Mildenberg, doch unser Ziel ist nun schon greifbar und wir biegen ab zum Bruchwald. Auf dem Weg dorthin kommt uns ein freundliches Männlein auf einem grünen Trecker entgegen. Hat eine leuchtend gelbe Warnweste an und schenkt uns damit die hellste Wahrnehmung des gesamten Tages, obendrauf noch einen freundlichen Gruß. Am Bahndamm erwischen wir dann nochmals den Zeitpunkt einer Zugdurchfahrt, diesmal in Richtung Süden und als Heidekrautbahn. Wieder eine Dosis kräftiges Blau. Doch wirkt sie jetzt fast blass, nach dieser jüngsten Impression in gelb.

Etwas Farbe am anderen Ufer, Hafen Zehdenick

Die Überquerung der Havel ist auf der Eisenbahnbrücke nicht vorgesehen, denn die ist gerade schmal genug fürs Schotterbett. Das trifft sich gut, denn jetzt folgt am diesseitigen Flussufer eine „Stadteinfahrt“ von besonderer Einzigartigkeit. Hautnah darf auf diesem kleinen Pfad miterlebt werden, wie wenig Platz zwischen der Havel und ihren Stichen bleibt. Es ist, als spazierte man auf einer Landbrücke durch einen großen See, durch den auch noch die Havel fließt. Für die Stabilität dieses schmalen Bandes bürgt anfangs eine stattliche Reihe alter Linden, später besorgen das dichte Schilfgürtel. Wenn das an einem trüben Januar-Tag schon fasziniert, wie muss es dann erst sein bei Sonnenschein und dicht belaubten Bäumen?

Fußgängerbrücke an der Schleuse, Zehdenick

Während auch hier alle Wasserflächen weiß vereist sind, ist die Havel offen und fließt spiegelglatt und schwarz. Alle bisher nicht gehörten Wasservögel treffen sich auf dem Fluss, und so ist ein ständiges Schnattern und Flattern, ein reger Austausch und scheinbar Platz für jeden Schnabel. Ein Stück weiter sind gegenüber am Hafen zahllose alte Ton-Loren über Kopf gestapelt, ein kurioses Bild. Daneben Boote auf dem Trockendock. Als einzige im Wasser liegt eine hübsche Barkasse gut vertäut, die noch einmal etwas satte Farbe sehen lässt.

Links öffnet sich jetzt der urwüchsige Bruchwald der Klienitz, während voraus schon die Türme der Zehdenicker Altstadt in Sicht kommen. Das passt gut jetzt, denn die Tour war lang und der Magen hängt schon durch. Über zwei steile Fußgängerbrücken führt der Uferweg zur Stelle, wo die Schleuse einen beeindruckenden Höhenunterschied überwindet. Rechts öffnet sich ein großes Vorbecken, tiefliegend. Hier ankert publikumswirksam ein passendes Museumsschiff in der Bucht, an dem niemand vorbeikommt, der ein Objektiv am Leibe trägt. Dasselbe dürfte für die benachbarte Zugbrücke gelten.

Die Zugbrücke am Rande der Altstadt

Wer die Altstadt nicht schon vorhin erkundet hat, kann das auch jetzt noch tun, denn gleichermaßen schön ist sie, wenn die Laternen brennen. Für den allerletzten Ausklang empfehlen sich ein paar stille Minuten am Ufer bei der Zugbrücke. Wenn man sich dort so aufs Geländer lehnt in seiner dicken Jacke und ein Bein hochstellt, die Augen etwas schlitzt und die Gedanken treiben lässt, können sich schöne Bilder öffnen. Von Jahreszeiten, in denen das Eis eine andere Rolle spielt und eher in die Hand gehört, in bunten Farben. Das ist jetzt gar nicht mehr so lange hin.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn in Richtung Templin (stünd. ab Berlin-Ostkreuz; ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Land (B 109 bzw. kleinere Straßen über Wensickendorf/Liebenwalde)(ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 21 km (keine Abkürzung möglich); Option: mit dem Bus nach Burgwall (verkehrt stündlich, guter Anschluss an Zug von Berlin) und dort in die Tour einsteigen (dann ca. 10 km); Straßenumgehung außerhalb von Schneezeiten Wegpunkte A-F

 

Download der Wegpunkte
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Links:

Tourismusseite von Zehdenick

Fernradweg Berlin-Kopenhagen bei Zehdenick

Ziegeleipark Mildenberg

Tagesspiegel-Artikel von 2010 zum Ziegeleipark

 

 

Einkehr:
Hotel Klement (gute Küche, gemütlich, freundlich)
Neues Haus Vaterland (etwas modernisierte Küche)
Stadtgarten an der Zugbrücke (gute Küche, gemütlich, freundlich)
Ratskeller und Neuer Ratskeller am Markt (keine eigene Erfahrung)
Vereinsgaststätte des Wassersport-Clubs (an der Fußgängerbrücke ans westliche Havelufer)(keine eigene Erfahrung)

Burgwall:
Gasthaus Zur Fähre (keine eigene Erfahrung)

Ziegeleipark Mildenberg:
Gasthaus Alter Hafen (direkt an der Hafenkante, etwas teurer) und Bernis Café am südlichen Ausgang

Niederfinow: Alte Schleusen, kleine Bäche und das gediegene Kanal-Tal

Manche Tage hinterlassen im Zusammenspiel ihrer Umstände lupenreine Poesie, teilweise schon während ihrer Laufzeit. Zu diesen Umständen zählen neben der jeweiligen Landschaft und ihren Charakterzügen das Zusammenspiel von Wetter, Licht und wie beides in die Jahreszeit oder den Monat passt. Einiges davon ist beeinflussbar oder gemäß Erfahrungswerten und Wahrscheinlichkeiten erhoffbar, anderes ergibt sich vollständig unerwartet oder schärft bisher unbekannte Gesichtslinien einer vertrauten Gegend nach.

Finowkanal in Niederfinow
Finowkanal in Niederfinow

Viele Landschaften Brandenburgs werden von fließenden Gewässern geprägt. Das müssen nicht nur die großen und kleineren Flüsse sein. Gerade auch Bäche und Fließe, die sich ohne Kopf- und Kniezerbrechen überspringen lassen, sind von markanter und bezaubernder Landschaft begleitet, für die sie in den allermeisten Fällen selbst verantwortlich sind. Sogar Kanäle, die ja nachweislich von Menschenhand geschaffen wurden und mit ihren geradlinigen Verläufen die Luftlinie anstreben, ziehen ihren Lauf durch ein exzellentes Gemisch aus Natur- und Kulturidylle mit manch gesalzener Prise Industriekultur. Und sind oft älter, als man denken sollte.

Ein Ausflug zu solchen wassergeprägten Landschaften bietet meist eine sichere Bank, wenn harmonische und abwechslungsreiche Touren mit einem Mindestmaß an Wonnigkeit gewünscht sind. Vielleicht zur Drahendorfer Spree mit ihren launigen Bögen, die in ihrem Übermut fast einmal zum Oder-Spree-Kanal durchstößt, nur unweit der Kersdorfer Schleuse. Oder die Havel nördlich von Zehdenick, die sich hier zwischen unzähligen Stichteichen hindurchschummelt. Die Dosse in ihrem Unterlauf bei Sieversdorf und Hohenofen, die kanalsachlich und doch zutiefst liebenswert durch ihr flaches Felderland gen Havel strebt. Oder der oftmals abgeschiedene Rhin, der sich in einer regelrechten Mäander-Orgie seinen Weg durch die üppigen Wälder der Ruppiner Schweiz bahnt, als wäre er von Waldgeistern ersonnen. Das könnte jetzt ohne Ende so weitergehen, wobei die voranstehende Auswahl nichts hat, was repräsentativ zu nennen wäre.

Zugbrücke und Kirche in Niederfinow
Zugbrücke und Kirche in Niederfinow

In einigen Fällen fließt direkt neben einem begradigten oder kanalisierten Fluss nach wie vor auch seine ursprüngliche Version. Wie zum Beispiel die Havel zwischen Zehdenick und Liebenwerder, deren leicht durchgeknallte Schnellversion im Vergleich zum geradlinigen Hauptfluss sicherlich dreimal mehr Flusskilometer sammelt. Ähnlich sieht das im Kleinformat bei der hochromantischen Schlaube zwischen Groß Lindow und Brieskow aus, die in Sichtkontakt zum einstigen Friedrich-Wilhelm-Kanal ihren Gefühlen freien Lauf lässt. Jener ist nicht minder romantisch, und das will schon etwas heißen.

Ein weiterer Fall von historischem Kanal und benachbartem Fluss ist der Finowkanal kurz vor seinem östlichen Ende an der Alten Oder. Der Ursprung des namensgebenden Flüsschens liegt kurz hinter dem C-Bereich des Berliner Nahverkehrs. Hinter Biesenthal gewinnt die Finow an Format, strebt weiter nach Norden und endet als Fluss faktisch am schleusenreichen Finowkanal, der trotz seiner 400 Jahre noch voll funktionstüchtig ist. Für die zeitliche Einordnung ergibt sich durchaus eindrucksvoll, dass beim ersten Spatenstich Shakespeares Hamlet noch halbwegs warm in den Regalen lag, und als der westliche Kanal-Abschnitt der Nutzung übergeben wurde, war der Großvater vom alten Bach noch Quark im Schaufenster.

Der Kanal hat mit diesem westlichen Abschnitt schon sein erstes Drittel auf dem Buckel, als Langer Trödel fast schnurgerade und doch einzigartig schön zwischen Liebenwalde und Zerpenschleuse, dann ab dem Wasserstraßenkreuz mit seinem großen Bruder schon etwas kurvenfreudiger. Ab dem Zusammentreffen mit der Finow trägt er ganz klar die Handschrift eines lebendigen Flusses, wovon auch ein paar abgehängte Altarme zeugen. In Richtung Osten wurde das keineswegs geradlinige Bett der Finow ohne nennenswerte Anpassungen übernommen und lediglich bis zur Schiffbarkeit ausgekuschelt.

Die Kirche über dem Dorfe, Niederfinow
Die Kirche über dem Dorfe, Niederfinow

Dort, wo das aufgrund enger Flußbiegungen und Auenmäander dann doch zu weit gegangen wäre, kommt es zur Aufspaltung. Ab der Försterei Kahlenberg, kurz hinter der Ragöser Schleuse, flossen Kanal und Finow getrennte Wege. Was an letzterer hier noch wild war, hat sich im Lauf der letzten hundert Jahre abgeschliffen, so dass der Ursprungsverlauf nur noch an wenigen Stellen erkennbar ist. Lediglich das Abstrakt des Grenzverlaufes bewahrt ein detailgetreues Abbild aller Biegungen, unterstützt von einigen unverdrossenen Baumreihen als Dechiffrierhilfe. Was jedoch geblieben ist, obendrein sehr dauerhaft, ist der ausgeprägte Talcharakter dieses moränenhügligen Abschnitts zwischen Eberswalde und Oderbruch, der auch unsere brennende Frage beantwortet, wie eine künstliche Wasserstraße zu einem derart bezaubernden Tal kommt. Denn eine sinnenschmeichelnde Landschafts-Modellierung solchen Umfanges hätte sicherlich selbst königliche Kassen überfordert.

Jedenfalls stand nach zwei durchwachsenen der Wunsch nach einer lieblich-kernigen und idyllischen Tour ohne große Unwägbarkeiten, was das Vorhandensein von Wegen betrifft. Wirklich einfach nur abschalten, die Füße machen lassen und genießen. Weißes Rauschen im Kopf, überzogene Kontraste und satte Farben in der Optik. Sich Wandermarkierungen anvertrauen und hier und da einen Wegesammler-Aufkleber ans schwarze Brett pappen. Führte der letzte Besuch von Niederfinow in die Berghänge und die weiten Wiesen des Oderbruchs, sollte heute voll und ganz der Finow-Kanal im Blickpunkt stehen.

Am Ortsrand mit Blick auf die Oderauen, Niederfinow
Aufstieg am Ortsrand mit Blick auf die Oderauen, Niederfinow

Niederfinow

Auf der Zugbrücke stehend wäre es für Maler vermutlich schwierig, sich für ein erstes Motiv zu entscheiden. Die attraktive Brücke selbst oder die Fachwerk-Kirche am Berg, der wonnige Wiesenpfad am Ufer oder der Blick in die wasserdurchfurchten Weiten des platten Tales der Alten Oder – das eine eher für stimmungsvolle Aquarelle geeignet, das andere für detailversessene Bleistiftzeichnungen oder Radierungen. Das dritte vielleicht für Ölgemälde und im Versuche, das Spiel mit dem Licht auf die Spitze zu treiben.

Wie auch immer, jedenfalls zog uns dieser reifknirschende Wiesenpfad hinter den Zäunen und Mauern der ersten Hausreihe umgehend hinab zum Ufer und entfesselte dort Schwärmereien und Wonnetöne, so dass glatt die kleine Extrarunde auf die Höhe vergessen wurde. Also losgerissen fürs Erste, zurück auf Anfang und Neustart bei der Brücke, vorbei unterhalb der Kirche und im Bogen durch den Ort. Am Himmel sorgen die Wetterlage und allerlei Flugzeuge für breitzerfranste Kondensstreifen, die einen kathedralenhaften Bogen über die goldglänzende Spitze der Kirche schlagen, während noch einiges höher ein Flugzeug für Nachschub sorgt.

Der Finowkanal bei der Stecherschleuse
Der Finowkanal bei der Stecherschleuse

Voraus kommen die beiden Schiffshebewerke in Sicht, das eine filigran aus stählernem Gebälk, das andere kompakt und leicht futuristisch aus Beton gebaut. Gleich darauf zweigt links diskret ein Weg ab, der vorbei an niedrigem Gebäum auf die Höhe führt. Die Aussicht liegt nicht viel höher, doch sie ist weit und panoramisch und verlangt nach einer Pause.

Der Abstieg unterhalb der Kirche bietet zum ersten Mal dieses Gefühl von lieblichem Mittelgebirge, das sich bei den oderländischen Übergängen zwischen bewegten Moränenhöhen und dem flachen Oderbruch an so vielen Orten einstellt. Bei Reitwein am gleichnamigen Sporn oder mitten in Lebus, gleichermaßen in den ausgedehnten Mini-Gebirgen rund um den Sprungschanzen-Ort Bad Freienwalde. Dazu gehören auch zahllose Bachtäler mit ihren glasklaren Wässerchen, jedes für sich von einer naturverliebten Romantik, die einem das ferne Wort „Entzücken“ mal wieder ins Gedächtnis ruft. Für Leute, die auf Fakten stehen, verweise ich auf eine mögliche Tour gleich um die Ecke bei Oderberg, die bei einer Länge von vierzehn Kilometern auf reichlich 300 Höhenmeter kommt und passabel als Vorbereitung auf einen Urlaub in den Bergen taugt.

Am westlichen Ende des Dorfes, Niederfinow
Am westlichen Ende des Dorfes, Niederfinow

Zum dritten Mal an der Zugbrücke, betreten wir zum zweiten Mal den Uferpfad, dessen Wiesen jetzt nicht mehr frostig weiß kandiert sind, sondern saftig grün und triefend nass. Das Gegenufer liegt noch komplett unter Kristall und wird das auch den Rest des Tages beibehalten. Zu beiden Seiten des Tals erheben sich gut sichtbar die Flanken des Finow-Taldurchbruches. Den gibt es in dem Sinne nicht, doch einen solchen Namen hätte diese eindrucksvolle Landschaft verdient. Drüben auf den Weiden grasen Pferde, scheinbar weit entfernt, wie hinter Dunst. Ein Eisvogel flitzt kurz über dem Wasser entlang, genau über der Kanalmitte. Sicherlich mit guten Grund. Hinter den Höhenzügen erhebt sich lautstark eine Schar von Kranichen über das Oderbruch, die immer noch größer wird und lauter.

Die Straße nach Stecherschleuse führt direkt vor dem Hang entlang und ist fast frei von Verkehr, so dass hier entspannt getrödelt werden kann. Nicht getreidelt hingegen, denn kleine Pfade, die noch vor ein bis zwei Jahrzehnten direkt am Ufer verliefen, sind in Vergessenheit geraten und dornig zugewachsen, bilden nunmehr schöne Zufluchtsorte für allerlei Getier. Immer wieder gibt es kleine Zuflüsse, teils von Rinnsalen, deren Quelle keine 500 Meter liegt von hier.

Filigrane Baumkronen am Kanal, bei Försterei Kahlenberg
Filigrane Baumkronen am Kanal, bei der Försterei Kahlenberg

Stecherschleuse

Hinter der Stecherschleuse, einem Bauwerk, das trotz moderner Überarbeitung noch immer wirksam Historie ausstrahlt, steht am Wasser eine Rastbank. Die kleine Bucht vor den winterfesten Schleusentoren ist unbewegt und hat Eis angesetzt, schon stark genug, um die dickste Katze des Dorfes zu tragen. Direkt hier beginnt ein wunderbarer Pfad, der eine halbe Stunde im Genießerschritt direkt dem Ufer folgt. Das verlangt eine Entscheidung, denn die Dorfstraße unterm Hang hat auch ihren Reiz. Und erhält den Zuschlag, dieses Mal.

Die Häuser sind hier noch dichter an den Hang geschmiegt und werden nach und nach weniger, bevor am Ortsrand die Straße endet und sich zwiegespalten fortsetzt als asphaltiertes Fahrrad-Band im Rahmen der über tausend Kilometer langen Tour Brandenburg. Parallel verläuft auf sandigem Waldboden ein gemütlicher Fahrweg. Am Waldrand stößt von links der Zubringer vom Uferweg hinzu. Der Tag ist himmelblau und sonnig, und so scheint das Licht im wipfeldichten Nadelwald regelrecht diffus, durchaus wohltuend für den Augenblick.

Die Ragöser Schleuse
Die Ragöser Schleuse

Försterei Kahlenberg

An der Försterei Kahlenberg stehen zwei prächtige Waldhäuser, die herrliche Kulissen für Märchenfilme abgeben dürften. Direkt dahinter geht der Weg in einen pittoresken Bogen, der von Buchen bestimmt ist, vom leuchtenden Laub am Boden und den glatten grauen Stämmen gleich darüber. Noch einmal verläuft er dann direkt am Ufer des Kanals, der schon abendliche Ruhe ausstrahlt, obwohl die Sonne gerade erst ihren Zenit verlassen hat. Doch der liegt eben eher so auf Kniehöhe, wenn es die Zeit ist für Adventskranzkerzen. Das Ragöser Fließ, das kurz zuvor recht keck den Oder-Havel-Kanal unterflossen hat, mündet mit elegantem Hüftschwung ein, und vorn im Blick liegt schon die gleichnamige Schleuse.

Vereistes Schleusenbecken, Ragöser Schleuse
Vereistes Schleusenbecken, Ragöser Schleuse

Ragöser Schleuse

Hier ist eine der schönsten Möglichkeiten, ans andere Ufer des Finowkanales zu gelangen, und auch diese Schleuse atmet gute alte Zeit. Drüben erstrecken sich scheinbar endlose Stoppelwiesen zwischen den Ufern des Kanals und dem Damm der eingleisigen Bahn. Gleich dahinter beginnt wieder schönes Hügelland voller Wald, mit ausgestreckten Taleinschnitten.

Einen Sohn mit seinem Vater und einer kniehohen Promenadenmischung in weiß-geschecktem Kurzstrupp zieht es förmlich hinaus in diese Weite der breiten und schmalen Halme. Man kann es gut verstehen, zumal die tiefstehende Sonne den langen Talgrund in ein spezielles Licht taucht und den Schatten manchen Grasbüschels auf dem benachbarten zu einem kleinen Schauspiel geraten lässt. Zudem greift schon der Filter des flachen Winkels, entfacht weit im Westen ein Glutlodern am Himmel und startet damit ein berauschendes Schauspiel des langwelligen Lichtes. Das klingt dick aufgetragen, doch es trifft die Sache.

Weg durch die Wiesen, unweit der Ragöser Schleuse
Weg durch die Wiesen

Schön an dieser Szene mit Vater und Sohn ist, dass es so aussieht, dass beide vollkommen offline unterwegs sind. Sowohl technisch als auch gedanklich. Da schwimmt keine Besorgnis mit, eine wichtige Nachricht zu verpassen oder irgend etwas Neuestes erst als Zweiter oder Dritter zu erfahren. Die beiden sind einfach zusammen losgezogen, das letzte Licht des Tages auszunutzen und werden dies wahrscheinlich bis ins Letzte auskosten. Sicherlich mit Taschenlampe in der Hosentasche. Der Gescheckte springt voran, tritt manchmal daneben im hohen Kraut und schaut sich in regelmäßigen Abständen um, ob die beiden auch hinterherkommen. Das tun sie, tiefenentspannt, mit weit geöffnetem Geist. Und schaufeln dabei unbemerkt Wahrnehmungen fürs Langzeitgedächtnis.

Ein leicht verwachsener Weg lockt strohig mitten über die durchfeuchteten Wiesen, auf welchen jedoch den größten Teil des Jahres schweres Weidevieh seine Fladen absetzt. Der ausgeschilderte Wanderweg, der auch das Eberswalder Zentrum flankiert, führt direkt unterhalb des Bahndammes entlang, auf dem jede Stunde ein Züglein vorbeieilt. Hier betreten wir jetzt nicht nur den Rückweg nach Niederfinow, sondern zugleich den frostigen Teil der Tour. Die Talflanke liegt nach Norden und erhebt sich ziemlich direkt und teils hoch bewaldet, so dass hier den ganzen Tag und noch viele weitere kein Sonnenlicht hinkommen wird. Alles ist von frostigen Kristallen bedeckt, was insbesondere bei den sachlichen Halmen des Ginsters wie teure, durchaus reizvolle Designer-Kunst aussieht. Fürs Foto war das Licht leider zu knapp.

Abendbrotzeit im kühlen Seitental
Abendbrotzeit im kühlen Seitental

Während unser Blick auf die grüne und farbensatte Hälfte des Tages fällt, führen unsere Schritte hier durch eine fast monochrome Winterlandschaft, ein frostiges Schattenreich aus dunklen Stämmen und weißem Ast- und Halmwerk, denn die Sonne ist nun endgültig hinter den Hängen versackt. Man ist bestrebt, äußerst flach zu atmen, um dieses stille Reich bei nichts zu unterbrechen. Wieder mischen sich zahlreiche Mittelgebirgs-Impressionen ins Bild, auch hier auf der anderen Seite des Kanal-Tales. Oben im letzten Licht steil aufragende Kuppen mit hochgewachsenen Kiefern, unten am Hang altgewachsene Eichen, die den Weg als Waldrand begleiten.

Frostiger Weg am Nordhang
Frostiger Weg am Nordhang

Wir queren ein kleines, reifweißes Seitental, das vom Walde her aussieht wie eine zugefrorene Fjordbucht. Noch eins von diesen glasigen Bächlein kommt von der Höhe und strebt weiter hinab ins Tal, den verbliebenen Höhenmeter bis zum tiefsten Punkt. Die folgende Ausbuchtung nimmt der Weg komplett mit. Hier stehen zwischen allerhand Strohrollen Kühe, denen in nächster Zeit keine Gefahr durch Sonnenbrand droht. Sie stehen still und sparen jetzt schon Energie – da scheint ein Wildnis-Gen noch seine Arbeit zu verrichten, ein letzter Rest vom sagenhaften Auerochsen. Andere stecken einfach ihren Kopf tief ins verdichtete Stroh und arbeiten sich vor zum wohlschmeckenden Kern der Rolle. Ein Kälbchen steht bestens windgeschützt unter einem strohbepackten Hänger und ist dort nicht alleine. Gegenüber in den Häusern gehen die ersten Lichter an.

Die weiße Tageshälfte im Abendlicht
Die weiße Tageshälfte im Abendlicht

Zuletzt schwenkt der Weg direkt nach Osten und gestattet damit einen weiten Blick auf das Spektakel, das der Abendhimmel von der Kette lässt. Die Wege und Wiesen sind noch stärker bereift, da die Talflanken hier noch steiler aufsteigen. Das Zusammenspiel von weißer Natur und flammendem Himmel sorgt dafür, dass wir nicht gut vom Fleck kommen, uns immer wieder umdrehen. Obwohl es langsam Zeit wird anzukommen, denn bald schon wird es zappenduster sein.

Die elektrische Befeuerung des Sportplatzes am Rande des Ortes vermeidet ungelenkes Tappen, und einen Schwibbbogen und ein Lichterbäumchen später stehen wir schon am Bahnhof. Dank zweier Kannen Thermostee nicht durchgefroren, sondern wohltemperiert. Und tagesmüde. Jetzt muss schnellstens Energie her.

Letztes Licht auf dem Dorf, Niederfinow
Letztes Licht auf dem Dorf, Niederfinow

Da passt es gut, dass nur eine Bahnstation weiter in Eberswalde der dortige Weihnachtsmarkt stattfindet, heute den achten von zehn Tagen, also schon gut warmgelaufen. Den Rahmen gibt die gekonnt ausgeleuchtete Kulisse von Rathaus und fachwerklichen Markthäusern, etwas oben von der Seite steuert der Kirchturm ein paar dezente Lichter bei. Hier gibt es neben herzigen Angeboten für Kinder und einem kleinen Bühnenprogramm vorrangig Spezereien für Gaumen und Kehle, solche für sofort und andere zum Verschenken. Der marktansässige Traditionsbäcker backt in Echtzeit Brot, und auch das regionale Handwerk ist vertreten.

Motorloses Karussell, Weihnachtsmarkt Eberswalde
Motorloses Karussell mit stromloser Musik, Weihnachtsmarkt Eberswalde

Verdienter Blick- und Lauschfang ist ein Karussell aus Omas Tagen, in dessen unrotierter Mitte musiziert wird, mit Akkordeon und großem Kontrabass. Drum herum fahren von Hand gehalten und von Bein bewegt Kaffeehaustische mit Biergartenstühlen, festgeschraubt und gut gebucht. Gleich daneben der kleine Spalierwald ist großzügig bestückt mit bunten Kugeln, am Stand dahinter gibt es feine Eberswalder Würstchen in allen Varianten. Friedlich ist es hier und schön, gut besucht und das Gedränge nicht zu dicht. Das Karussell gönnt sich gerade eine Pause, die Instrumente ruhen aus. Über all dem hängt eine zerbrechlich dünne Mondsichel und stellt für einen Augenblick die Wirklichkeit in Frage.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Gesundbrunnen über Eberswalde (ca. 1 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (Ausfahrt Finowfurt/Eberswalde) oder über Land auf der B 158/B 168 (jeweils ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km (bis auf Weglassen des östlichen Kringels keine Abkürzung möglich)

 

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken, dann „Speichern unter…“)

 

Links:

Ortsinformationen Niederfinow

Ortsinformationen Stecherschleuse

Artikel zum Finow-Kanal (Märkische Oderzeitung)

Informationen zum Finow-Kanal (PDF)

 

Einkehr: Forellenhof (Fischrestaurant, Imbiss und Laden), Ragöser Schleuse

div. Gastronomie bei den Schiffshebewerken (nordöstlich des Ortes)

 

 

Ausgeschweift – Leegebruch: Hauszeichen, kleine Strände und der lange Weg zur Havel

An manchen Tagen, bevorzugt an etwas graueren, steht der Sinn nach Touren von einer gewissen Sprödigkeit – aus unbekanntem Grunde. Vielleicht ja aus Wegesammel-Leidenschaft und Freude am Vervollständigen. Oder aus Neugier auf Gegenden, die kaum jemand durchstreift. Vielleicht auch aus verschmitztem Trotz, die Motive eben dafür zumindest teilweise zu widerlegen. Lässt sich nicht fast überall irgendetwas Schönes entdecken – oder etwas Spannendes, und ist denn das Spannende zwangsläufig immer kantig?

Im vorliegenden Fall lag der Hauptteil der Neugier auf der weiten Fläche zwischen Oranienburg und Leegebruch, die sich entlang des Oranienburger Kanals zieht, gleich nördlich vom ewig hektischen Band des Berliner Rings. Auf Karten, die nicht viel älter als zehn Jahre sind, gehörte diese Landschaft zum einen dem Moorgraben, der ohne Hast aus den Wäldern bei Germendorf daherkommt, und zum anderen einem Flugplatz, der zu kaum einer Zeit seines Bestehens ein Ort der Öffentlichkeit war und verschiedene Runden der Geschichte kommen und gehen sah.

Herbstliche Siedlungsstraße in Leegebruch
Herbstliche Siedlungsstraße Karl-Marx-Straße in Leegebruch

Oft haben diese spröden Touren mit schnell befahrenen Straßen zu tun, mit Stadtrand und großflächigem Gewerbe, dichtem Gewirr von Oberleitungen aller Voltstärken und einem durchgängigen Lärmpegel, der für viele Ausschluss-Kriterium für einen erholsamen Spaziergang wäre. Völlig zu recht. Diesem letzten Kriterium lässt sich unter Beachtung der Windrichtung ein wenig von seiner Schlagkraft nehmen. Eine stark befahrene Schnellstraße kann windabgewandt fast lautlos sein, selbst wenn sie nur einen beherzten Steinwurf entfernt verläuft. Das bietet einen Hauch von Amusement, wenn Fahrzeuge etwas gereizt kurz vor der eigenen Nase vorbeirasen und dabei nicht zu hören sind. Ähnlich wie stark und wichtig mimende und gestikulierende Talkshow-Gäste im Fernsehen, wenn man den Ton stummschaltet.

Ganz davon abgesehen kann aber im Rahmen einer solchen Tour der Fokus unerwartet verrutschen und in der Nachschau etwas völlig anderes einprägsam bleiben, die trotzige Erwartung quasi überrumpelt werden. Manchmal sogar gänzlich frei von den angenommenen Ecken und Kanten, sondern bunt und unterhaltsam, trotz grauen Wetters.

In Fall von Leegebruch waren das einprägsame Siedlungshäuser, die nach späten 1930er oder frühen 1940er Jahren aussehen und sich ausgehend von der Hauptstraße in langen Reihen nach Norden und Süden erstrecken. Diese Hauptstraße bildet ganz klar das Herz des Ortes und verfügt über ein hervorragendes Konditorei-Café, eine ebendort beginnende höhergelegte Ladenzeile zu beiden Seiten der Straße und etwas abseits einen kleinen Ruheplatz, der von überdachten Arkaden umgeben ist. Am anderen Ende gibt es noch eine gemütliche Kneipe. Leegebruch erscheint lebenswert und sympathisch und als Ort, dessen Charme am besten zu Fuß zu entdecken ist.

Herbstlicher Querpfad in Leegebruch Nord
Herbstlicher Querpfad zum Mittelweg, Leegebruch Nord

In der Draufsicht passt der Vergleich eines Libellenkörpers ganz gut auf das ausgedehnte Dorf mit seinen Siedlungsstraßen, wenn diese westöstlich verlaufende Hauptstraße der Rumpf ist und die länglichen Flügel mit ihrem feinen Statikgeäst die stets leicht gekrümmten Straßen mit ihren Häuserreihen und den Querpfaden. In letzter Zeit kamen noch weitere Wohngebiete dazu, so dass es sich derzeit eher in Richtung Schmetterling entwickelt.

Charakteristische Siedlungen gibt es in vielen Orten und Städten in Brandenburg und auch sonst im Lande. Meistens entstanden sie direkt im Kielwasser großer Industriebetriebe, und fast jede von ihnen trägt recht deutlich eine eigene Handschrift. In Ludwigsfelde steht südlich der Autobahn eine eindrucksvolle Siedlung aus dunklen Holzhäusern für die damaligen Beschäftigten des Daimler-Werkes. Das ganze innere Eisenhüttenstadt in seinem imposanten Zuckerbäckerstil wurde für die Belegschaft des Eisenhüttenkombinates aus dem Boden gestampft, die seinerzeit aus allen Winkeln der DDR verlesen wurde. Vor den Toren von Eberswalde gibt es in Finow am Kanal die Messingwerksiedlung mit ihrem markanten Wasserturm, und selbst im kleinen Oderberg findet sich eine dieser besonderen Häuserrreihen. Ich glaube jedenfalls, dass es Oderberg war, doch es ist schon eine ganze Weile her. In der Tat war es dann doch Havelberg, wie Nachforschungen ans Licht brachten – doch da gibt es ja zumindest vom Wort her eine hohe Analogie zu Oderberg.

Markante Siedlungen in Berlin sind neben der bekannten Britzer Hufeisen-Siedlung das Märchenviertel in Friedrichshagen oder die Tuschkasten-Siedlung in Bohnsdorf, man kann in dieser Hinsicht jedoch auf dem ganzen Stadtgebiet viel entdecken. Wem es also Spaß macht, solche stadtplanerischen Unikate zu durchstreifen und Häuser und Gärten zu bestaunen, der braucht Leegebruch gar nicht zu verlassen, kann trotzdem ein bis zwei Stündchen an der frischen Luft unterwegs sein und dabei angemessen unterhalten werden.

Siedlungsstraße An den Schlenken in Leegebruch
An den Schlenken in Leegebruch

Unter den zahlreichen Besonderheiten der Siedlungen in Leegebruch stechen besonders die schönen und vielfältigen Hauszeichen hervor, die viele der Häuser an ihren Wänden tragen. Unter anderem sind das Zunftzeichen, Pflanzen und Tierkreiszeichen, jeweils etwa so groß wie ein Kellner-Tablett und fester Bestandteil des Mauerwerks. Streift man zu Fuß umher, sind besonders willkommen auch die zahlreichen Schleichwege, die ohne festes System zwischen den Häuserreihen oder auch parallel zu den Haus- und Gartenreihen verlaufen, meist grün und verkehrsfrei. So kann sich treiben lassen, wer das möchte, endlose Kringel und Schlaufen gehen und immer wieder Neues entdecken. Oder den Ort mit seinen Straßen ganz strukturiert aufrollen und die unterschiedlichen Gestaltungen der weitgehend baugleichen Häuser studieren. Langweilig sehen diese an keiner Stelle aus. Auffällig ist weiterhin, dass der zweite Teil des Ortsnamen im Ortsbild stets präsent ist – überall ziehen sich trockene und nasse Gräben durch die Siedlungen, so dass niemand mit feuchten Kellern Probleme haben sollte.

Noch vor etwa hundert Jahren war Leegebruch nicht viel mehr als ein Hof und hatte vordergründig mit königlich-preußischem Pferdenachwuchs zu tun, der auf seinen Wehrdienst mit dem zu erwartenden Radau vorbereitet wurde. Bis zum Einzugstermin dürften die Bemähnten es dort ganz schön gehabt haben, mit viel Auslaufplatz und saftigen Weiden.

Die Antwort darauf, wie in wenigen Jahrzehnten aus so wenig so viel wachsen, aus einem Gehöft eine Dorf so groß  wie eine Kleinstadt entstehen konnte, liefert recht verschwiegen das weite Gelände, das heute zwischen der Oranienburger Umfahrungsstraße und dem Oranienburger Kanal liegt.

An Oranienburger Kanal auf Höhe der Flugzeughalle, Oranienburg
An Oranienburger Kanal auf Höhe der Flugzeughalle, Oranienburg

Hier bauten die Heinkel-Werke in der Zeit des Dritten Reiches eine Fabrik für Kampfflugzeuge mit angeschlossenem Flugplatz. Damit die aus dem ganzen Land herbeigeholten Fachkräfte untergebracht werden konnten und auch gerne blieben, wurde in nur wenigen Jahren der Ort komplett neu entwickelt – inklusive Ladenstraße, Gemeinschafts- bzw. Kulturhaus und den direkt angebundenen Wohnsiedlungen. Die Häuser waren modern und komfortabel ausgestattet und konnten per Abzahlung erworben werden, samt Grund und Boden. Jedes hatte einen Garten von ordentlicher Größe, in den meisten Fällen vorn mit Zugang zum Haus und separater Hinterpforte im Garten. Da die Häuser über hunderte Meter von identischer Bauart waren, halfen die Hauszeichen sowohl den heimkommenden Schulkindern als auch feierabendlichen Arbeitern mit bierseliger Orientierung, nicht an ihrem Haus vorbeizulaufen oder den Schlüssel in eine fremde Türe stecken zu wollen.

Der erwähnte Moorgraben, bei Leegebruch schon deutlich zu breit zum Überspringen, ist übrigens der winzige Beginn dessen, was später unter dem erhabenen Namen Großer Havelländischer Hauptkanal bis zum Unterlauf der Havel bei Hohennauen reicht, weit im Westen von Brandenburg. Knapp hundert Fließ-Kilometer von hier, ganz kurz vor der Grenze nach Sachsen-Anhalt. Und das nicht erst seit hundert Jahren – dreihundert kommt eher hin, denn verantwortlich für den langen Kanal zeichnete der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. Das späte Zusammentreffen mit der Havel wirkt ein wenig kurios, wenn nicht sogar schrullig, schaut man auf die Karte und sieht die Havel schon hier im benachbarten Oranienburg vorbeiziehen. In kaum zwei Kilometern Luftlinie.

Herbstlicher Radweg entlang des Oranienburger Kanals, Oranienburg
Radweg entlang des Oranienburger Kanals, Oranienburg

Der junge Moorgraben zieht sich in unbeschwerten Biegen relativ diskret durch das Acker-und Wiesenland, das er maßgeblich mitgeprägt hat. Samt dem alten Legebruch, das wie erwähnt auch als heutiges Örtchen Leegebruch in allen Winkeln seine bodennasse Handschrift trägt. Als eine der einzigen über die Jahrhunderte währenden Konstanten hier dürfte er über die Zeiten wenig beeindruckt gewesen sein von all dem, was sich in östlicher Richtung so abspielte, gen Oranienburg. Da kam zunächst der Oranienburger Kanal, um die hundert Jahre jünger als der Große Havelländische und gelegen etwa auf der Mitte zwischen der hiesigen Havel und dem Moorgraben. Wieder hundert Jahre später wurden die erwähnten Fabriken samt Flugplatz gebaut, dessen Start- und Landebahn etwa so lang war wie ganz Leegebruch nach dem Bau der Siedlungen. Der blieb dann eine ganze Zeit, wurde nach dem Krieg von den russischen Besatzern weitergenutzt und verlor erst mit deren Abzug ein paar Jahre nach der Wende seine Funktion. Bis heute verfällt widerstrebend das, was noch übrig ist und bietet einen verlockenden Abenteuerspielplatz für verschiedene Interessen-Gruppen, wenn auch der Zutritt nicht gestattet ist.

Nach der letzten Jahrtausendwende wurde die längst fällige Ortsumfahrung für Oranienburg gebaut, welche fast die komplette Landebahn in ihren Verlauf einbezog. Als Nebeneffekt erhielt Leegebruch eine deutlich verbesserte Anbindung an das Schnellstraßennetz und darüber hinaus seinen eigenen Baggersee mit mehreren Stränden an den gesicherten Ufern im Osten und Süden.

Steg-Schilf-Idyll am jenseitigen Ufer
Steg-Schilf-Idyll am jenseitigen Ufer

Zwischendurch gab es verschiedene Ideen für die Nutzung des verbleibenden Flugplatz-Geländes. Die kurioseste und zugleich exotischste darunter war es, eine Art Chinatown im besten Sinne zwischen Schnellstraße und Kanal aus dem märkischen Sand zu stampfen. Es sollte ein komplett neuer Stadtteil im chinesischen Stil etabliert werden, mit allem Drum und Dran, sogar einem Tempel und einer Miniatur-Ausgabe der Chinesischen Mauer als Schallschutzmaßnahme. Das klingt gleichermaßen romantisch wie pragmatisch. Ob es für die angedachten Bewohner so attraktiv klang, mitten auf dem Acker und fernab einer größeren Stadt, fragt sich bis heute. Und ob das kleine Oranienburg so viel Exotik in dieser geballten Form verkraftet hätte. Oder ganz neu erblüht wäre, was es ja einige Jahre später in Form der Landesgartenschau tat. Die bunten Bilder, welche einem die eigene Phantasie zu Chinatown am Havelkanal vorschlug, haben auf jeden Fall neugierig gemacht. Doch mehr als eine Idee ist nicht daraus geworden, und 2008 war die Sache wieder vom Tisch.

Mitterweile verteilen sich auf dem Areal verschiedene Nutzungen. Ganz im Norden holt sich die Natur nach und nach ihren Raum zurück, dazwischen halten sich neben der großen Flugzeughalle noch einige Nebengebäude und ein Rest der Landebahn. Südlich davon steht mittlerweile ein großes Logistik-Zentrum für Waren des täglichen Bedarfs, direkt angrenzend wird etwas Sonnenenergie geerntet. Noch weiter im Süden hat sich ein Unternehmen angesiedelt, das sein Geld mit Kartonagen und Pappe verdient. Und fast schon an der Autobahn wächst seit etwa zehn Jahren ein neuer Baggersee, der schon erste Badestellen hat, während gegenüber die Bagger tüchtig Material verlagern. Zwischen den beiden Letztgenannten bleibt noch genug Platz für ausgedehnte Spaziergänge über Äcker, Wiesen und entlang von Pappelreihen. Dieser Fakt ist sicherlich dem Wasser zu verdanken, das hier mittels zahlreicher Gräben im Zaume gehalten wird.

Blick über den Leegebrucher Baggersee
Blick über den Leegebrucher Baggersee

Wer also ausführlich durch Leegebruch getigert ist und nach diesen ganzen Eindrücken noch etwas den Kopf ausschütteln und in die Länge und Weite stieren möchte, kann den Ort in Richtung Nordosten verlassen und einen weiten Bogen schlagen, der an heißen Sommertagen auch gut als Badetour funktioniert. Bis zum Oranienburger Kanal gibt es entlang der Straße einen Fuß- und Radweg, bevor man drei schöne und meist schattige Kilometer entlang des Kanales schlendern kann. Einstiegsmöglichkeiten ins Wasser bieten sich alle paar hundert Meter, wenn auch die beiden eigentlichen Strände am jenseitigen Ufer liegen. Wer dann etwas hinter der Schleuse auf Höhe des Wasserwerkes den Kanalweg verlässt, kommt nach zahlreichen Abbiegungen zu den Stränden des Sees bei Leegebruch, der noch auf einen schönen Namen wartet.

Zum Abschluss gibt es noch einen Nachschlag in Sachen Siedlung und Bruchgräben, bevor wieder die Symmetrie-Achse der Leegebrucher Schmetter-Libelle erreicht wird. Dass es hier neben königlich-preußischen Schlachtrössern, nationalsozialistischen Flugzeugfabrikanten und sowjetischen Besatzern noch eine andere Zeit gab, davon kündet die „Straße der Jungen Pioniere“, die sich ihren Namen bis heute erhalten hat. Abgesehen von all diesen überbordenden Seiten der Orts-Chronik macht Leegebruch den Eindruck, als wenn es sich ganz wohl fühlt, so wie es heute ist. Und wir freuen uns schon auf eine baldige Wiederholung des heutigen Wegeknäuels – bei weniger grauem Wetter.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): S-Bahn/Regionalbahn bis Oranienburg, von dort Bus Richtung Hennigsdorf (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Berliner Ring bis Kreuz Oranienburg, dort auf die B 96 und Leegebruch ausfahren

Länge der Tour: 3,5-17 km (im Ortsgebiet Leegebruch beliebig zu variieren); Achtung: bei der großen Runde bei Wegpunkt 42 unbedingt links des Wassergrabens bleiben

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Ortsseite von Leegebruch

Chinatown am Kanal (Spiegel-Artikel)

Chinatown am Kanal (noch ein Spiegel-Artikel)

 

Einkehr:

Bäckerei Konditorei Joachim (am einen Ende der Eichenallee)

Gaststätte Zum Eicheneck, Leegebruch (ggbr. Kulturhaus)

Restaurant Palmenhof (Ringstr. 1)

 

 

Stadtrandtour Erkner – Seewind, Gipfelglück und die erwachte Lagune

An die See oder in die Berge? Diese Frage, die Jahr für Jahr unzählige Familien im Rahmen der Urlaubsplanung beschäftigt, kann auch für einen Tagesurlaub im Berliner S-Bahn-Bereich gestellt werden. Eine der möglichen Antworten darauf ist: warum nicht beides – und dazu noch ein Lagunendorf, eine alte Fischersiedlung sowie ein Fährhafen mit Verkauf von frischem Fisch. Schließlich zum Ausklang eines der schönsten Ausflugsziele im Umland von Berlin und dann noch die Fahrt mit einer mittelhistorischen Bahn. Der Einsatz dafür ist nicht allzu hoch, hoch hingegen ist die Anzahl potentieller Anwärter für eine Pause.

Der Dämeritzsee in Erkner
Der Dämeritzsee in Erkner

Schon die Fahrt gleicht einer Transformation vom bewegten Puls des Stadtalltags mit all seinen stets präsenten Fragen von Unerledigtem im Hinterkopf hin zum ruhigen Atemzug eines morgendlichen Waldmoments. Etwa ab Ostkreuz setzt sich dieser Prozess in Gang und wird erstmals bekräftigt durch die etwas längere Station zwischen Karlshorst und Wuhlheide, einem Bahnhof mitten im gleichnamigen Wald. Auch der Name Hirschgarten spricht für sich. Der kleine Bahnhof wird umkurvt von den mündungsnahen Kapriolen des romantischen Mühlenfließes, das zauberhaft und stark verspielt weit aus dem Märkischen nördlich von Altlandsberg her geflossen kommt.

Nach dem Durchfahren schöner Vororte, eigentlich schon kleine Städte mit eigenem Charakter, folgen zwei lange Stationen durch tiefen Wald, dessen Bäume allesamt noch in die Berliner Statistik einfließen. Wenn sich Fenster öffnen lassen, sollte das getan werden. Danach ist im Idealfall der Ruhepuls erreicht und tiefes Einatmen möglich. Wenn der Zug in Erkner zum Stehen kommt, befindet man sich bereits seit einer Minute auf brandenburgischer Schiene.

Mondäner Kanalblick in Neu-Venedig
Mondäner Kanalblick in Neu-Venedig

Erkner

Der Bahnhof hatte bis vor einiger Zeit noch den rustikalen Charme eines Kleinstadt-Bahnhofs, wovon sein stattliches Portal weiterhin kündet. Vor Kurzem wurde er modernisiert, was besonders auch den Umsteigevorgängen in die Regionalbahn entgegenkommt. Erkner ist eine Stadt inmitten von Wasser und durch dieses – wenigstens theoretisch – verbunden mit Strausberg, Buckow und Wriezen respektive der Oder, darüber hinaus mit allem, was an Spree und Dahme liegt. Schon eine Unterführung und einen Kreisverkehr später beginnt diese Wasserwelt mit dem Dämeritzsee, der mit einem glasklaren Gemisch aus Löcknitz- und Spreewasser gefüllt ist. Der See ist bewegt, die Wellen dazu geeignet, die zahlreichen Paddelboote freundlich umherzuschubsen oder Stehpaddler in Verlegenheit zu bringen. Prompt wird klargestellt, dass es sich hier auch um eine Wasserstraße handelt, als ein langer Frachtkahn von Ost nach West vorbeizieht und die Frage offenlässt, woher er kommen könnte. Etwa von Rüdersdorf, vom Kalk?

Ein stiller Uferweg führt vorbei am Hafen und der Rettungsstation, der mancher sein zweites Leben verdankt – dafür an dieser Stelle großen Respekt und besonderen Dank. Gleich bei den Sportplätzen liegt der Badeplatz mit großer Wiese, und nach ein paar Metern Straße beginnt an einer ehemaligen Industriebrache ein schattiger Weg durch den ufernahen Laubwald. Kleine Pfade führen hinab ans Ufer, wo manchmal eine Bank steht. Am anderen Ufer liegt in aller Breite Erkner mit der markanten Spitze des Hotels, das aus der Ferne aussieht wie eine von Kinderhand ausgedachte und mit Zunge im Mundwinkel konzentriert gemalte Raketenstartbasis.

Gemütlicher Kanal in Neu-Venedig
Gemütlicher Kanal in Neu-Venedig

Hessenwinkel

In Hessenwinkel gibt es nicht nur schöne Villen mit Seeblick, sondern auch einige Uferstellen, deren Rastbänke schon wieder sirenisch singend locken. Die unterhalb eines Waldhügels gelegene Siedlung gibt mit dem Hubertussee und den Spreearmen schon einen Vorgeschmack auf das benachbarte Lagunendorf. Neu-Venedig wird ganz standesgemäß mit dem Rialtoring eröffnet. Wie im Spreewald sind die Kanäle mit Spreewasser gefüllt, wie im italienischen Venedig jedoch von Menschenhand angelegt – im Spreewald soll das ja der Leibhaftige besorgt haben.

Neu-Venedig

Das Wassernetz ist hier so dicht, dass so gut wie jedes Grundstück etwas Wasserkante hat, und da das Wetter sonnig ist und warm die Luft, schippern alle möglichen Sorten von Booten und Bötchen hin und her und kreuz und quer, was sich besonders gut vom nächsten Rastbank-Kandidaten am Ende des Lagunenwegs beobachten ließe. Wenn dort nicht gerade jemand mit dem Trennschleifer Wegplatten halbieren würde. Unter jeden schattigen Uferbaum hat sich ein Paddelboot geklemmt, um für einen Augenblick der kräftigen Mai-Sonne zu entrinnen. Motorbootkapitäne zeigen ihre kugelrunden braungebrannten Bugpartien, Teenies fläzen wie C-Promis auf dem kleinen Vorderdeck und eine ganze Familie hat sich unter dem Schutz eines Sonnenschirmes in ein winziges Schlauchboot gerollt und genießt bei niedriger Drehzahl ihren schönsten Ort auf Erden. Da das neu-venezianische Wassernetz etwa quadratisch ist, sieht man sich wie im Leben auch hier meist zweimal.

Altes Fischerdorf Rahnsdorf
Altes Fischerdorf Rahnsdorf

Rahnsdorf

Am Ende einer Kleingartenanlage liegt an einem kleinen Stichhafen eine schöne Gartenkneipe, und kurz darauf besteht die Option auf einen in vielen Hinsichten lohnenden Abstecher. Das alte Fischerdorf Rahnsdorf verbindet den Charakter eines klassischen Angerdorfs mit der sackgassigen Eigenschaft eines Rundlings, was dem umgebenden Wasser zu verdanken ist. Doch ganz stimmt das nicht mit der Sackgasse, zumindest für Fußgänger und Radfahrer, denn in der warmen Jahreszeit wird Berlins kleinste Fähre über die Müggelspree gerudert, die nach oben offen ist und auch ein paar Fahrräder pro Tour mitnehmen kann.

Am Fährhafen, Rahnsdorf
Am Fährhafen, Dorf Rahnsdorf

Die Fähre zählt zur Flotte der BVG und wird in ihrem Bestand immer wieder bedroht, doch aktuell rudert der freundliche und seebärige Fährmann wieder. Dabei muss er bei jeder Passage auf eine Lücke lauern, denn der Bootsverkehr auf dem Fluss ist dicht und nicht jeder Freizeitkapitän beherrscht sein Gefährt oder das Regelwerk des gesunden Menschenverstandes bis ins Letzte. Ab und zu kreuzt auch würdevoll ein alter Dampfer mit viel Messing und glänzendem Bootslack auf den Planken. Es gibt hier also viel zu gucken, und das lässt sich ganz wunderbar verbinden mit einem Besuch des gemütlichen Biergartens rund um den Fisch-Stand. Manchmal hockt sich auch ein zurückhaltender Herr in den Hintergrund und setzt sein Schifferklavier in Gang. Dann könnte man für einen Augenblick glauben, man wäre wirklich irgendwo an der Küste.

Blick vom Biergarten an der Fähre, Dorf Rahnsdorf
Blick vom Biergarten an der Fähre, Dorf Rahnsdorf

Wilhelmshagen

Wenn es irgendwann gelungen ist sich loszureißen, steht nun ein Landschaftswechsel bevor. Mit der dörflichen und flachen Welt des Spreewassers im Rücken ist bald die einzige verkehrsreiche Straße dieser Tour zu überqueren, die Köpenick mit Erkner verbindet, mit fast demselben Namen auf immerhin elf Kilometern. Hier fährt auch ein Bus, der die S-Bahnhöfe Rahnsdorf, Wilhelmshagen und Erkner auf seiner Strecke hat.

Gleich danach steht der erste Anstieg bevor. Der bald folgende Abstieg auf einem wurzligen Pfad wirft einen direkt in eine kleine Heidelandschaft mit blumenreichen Trockenrasen aus, deren Trampelpfade gern als Abkürzung genutzt werden. An ihrem Rand beginnt der Zustieg zu den Püttbergen, die im Winter ein beliebtes und nicht zu unterschätzendes Rodelrevier sind. Direkt vom Ende der Straße geht es hinauf zum dünensandigen Kammweg, und kurz vor dem höchsten Punkt sieht man doch wahrhaftig die Kirche sehr präsent im Tal stehen, umgeben vom dichten Blätterdach der baumreichen Gärten von Wilhelmshagen.

Kleine Heide am Fuß der Püttberge, Wilhelmshagen
Kleine Heide am Fuß der Püttberge, Wilhelmshagen

Der Abstieg vom wurzligen Dünenkamm kann direkt erfolgen oder auch gemäßigt, und nach dieser Gebirgsüberquerung kommt es gerade recht, dass an der Westflanke des Höhenzuges die Püttbaude liegt, und das schon eine ganze Weile. Neben dem gemütlichen langen Gastraum liegt eine Stufe höher doch tatsächlich ein quadratisches Separee, das so aussieht wie das Innere einer Baude irgendwo im Mittelgebirge. Wenn da nicht alle paar Minuten die S-Bahn zu hören wäre oder einer der Regionalzüge.

Auf dem Kamm kurz vor dem Gipfel, Püttberge
Auf dem Kamm kurz vor dem Gipfel, Püttberge

Schon ein paar Minuten später am grünen Bahnhofsvorplatz von Wilhelmshagen wartet die nächste Pausenverlockung. Wer vielleicht in der Püttbaude eingekehrt ist und noch entsprechend träge jetzt, kann gleich hier am Bahnhofskiosk Café Zweiblum noch den Kaffee nachholen, schöne Plätze gibt es sowohl draußen als auch drinnen. So lässt sich in schöner Trägheit den Bussen beim Kommen und Gehen zuschauen. Gegebenenfalls die Tour schon hier beenden und einfach in die S-Bahn steigen. Nichts spricht dagegen.

Blick von der Gipfelbank auf die Kirche von Wilhelmshagen
Blick von der Gipfelbank auf die Kirche von Wilhelmshagen

Wir haben noch Lust auf mehr und raffen uns dann auf, nach einiger Zeit. Hinter der Bahnhofsunterführung beginnt der weite Wald des Wilhelmshagen-Woltersdorfer Dünenzuges, zu dem auch die Püttberge gehören, und verrät damit die nähere Zukunft und das schöne Ziel des Tages. Durchaus wohltuend ist der Waldschatten, denn der Tag hat sich langsam hochgeheizt. Hinter dem Wald liegt die Bahnhofssiedlung mit ihrem markanten Straßenoval, die von einem schönen Spazierweg gequert wird. Jenseits der Siedlung führt ein kleiner Pfad ein Stück direkt entlang des Ufers, das zum Flakensee gehört. Voraus und gegenüber liegen Sportboothäfen, darüber hoch im Wald der Kranichsberge lugt der Aussichtsturm heraus. Hier und dort ankert ein Boot, das ähnlich träge wirkt wie wir vor einer halben Stunde.

Café Zweiblum am S-Bahnhof Wilhelmshagen
Café Zweiblum am S-Bahnhof Wilhelmshagen

Nach etwas Straße führt ein unscheinbares Trepplein hinab zu einem Weg zwischen den Gärten, voraus blüht in letzter Euphorie ein Apfelbaum. Nach schönen Blicken auf den Bauernsee liegt voraus der Kalksee, der seinen Namen nicht nur so aus Spaß und Zierde trägt, sondern tatsächlich bis zu den fossilienreichen Kalkbrüchen von Rüdersdorf reicht. Was wieder an den Äppelkahn vom Beginn der Tour erinnert und die Frage, wo er herkam.

Spazierweg quer durch die Bahnhofsiedlung Erkner
Spazierweg quer durch die Bahnhofsiedlung Erkner

Woltersdorf

Die letzte Passage entlang des Kanalufers ist ähnlich schön wie das an ihrem Abschluss stehende, wirklich zauberhafte Ensemble rund um die Woltersdorfer Schleuse. Fast wähnt man sich in einem Kurort, und das nicht nur auf den ersten Blick. Die Seebucht vor der Schleuse mit der Uferpromenade und der Servier-Terrasse liegt direkt vor dem steilen Waldhang, und etwas südlich gibt es am Flakensee eine hübsche Strandpromenade. Ein guter Ort hier für Verliebte und welche kurz davor, auch wenn die echte Liebesquelle im Hang vor Jahren schon versiegte. Dank beherzter Woltersdorfer und zahlreicher Spenden kann man sich dort dennoch laben.

Die letzte Pause lockt, und das mit Nachdruck, in Gestalt des Cafés Knappe. Ein herrliches Café der alten Schule, würdig dieses Ortes, gemütlich und an schönsten Tagen rechtschaffen überfüllt. Direkt davor fährt die Straßenbahnlinie 87 ab, die zu den meisten Zeiten alle zwanzig Minuten durch Woltersdorf und dann durch den Wald zum S-Bahnhof Rahnsdorf fährt. Als Besonderheit tut sie dies mit historischen Wagen, den sogenannten Gothawagen, die mittlerweile um die 50 Jahre alt sein dürften und verschiedenste kernige Geräusche erzeugen, die bei vielen Berlinern Kindheit und Jugend oder das ganze Leben mitgeprägt haben.

Historische Straßenbahnwagen vor der Woltersdorfer Schleuse
Historische Straßenbahnwagen vor der Woltersdorfer Schleuse

An besonderen Tagen werden auch ein paar Wagen aus der Halle geholt, die etwa doppelt so alt sind. Zwei von ihnen sind bereits seit 1913 mit der Strecke vertraut, dem Eröffnungsjahr dieser kurzen Straßenbahnlinie, und werden dem Anschein nach sehr liebevoll instandgehalten.

Oft sind sie nicht, diese besonderen Tage, und damit ist es umso erhebender, das heute erleben zu können. Man muss keinerlei Affinität zu Schienenfahrzeugen mitbringen, um so zu empfinden, denn allein das ausgestrahlte Zeitkolorit dieser Wagen und die resultierenden Phantasiebilder im Kopfkino verursachen eine kleine innere Euphorie. Weich glänzenden Bootslack, Messing und kräftige warme Farben gab es ja bereits vorhin, am Fährhafen. Doch jetzt kommt als weitere Dimension noch das von jedwedem Kunststoff freie Rumpeln, Klingen und Rattern hinzu und direkt vom Menschen das Bimmeln der Glocke und das durchdringende Ausrufen der Stationen mit unangestrengtem Bahnerbariton.

Rangieren der ältesten Wagen der Flotte
Rangieren der ältesten Wagen der Flotte

Durch den ganzen Ort schiebt sich die Bahn das teils starke Gefälle hinauf und passiert schließlich das fröhliche Fest, dem die heutigen Sonderfahrten zu verdanken sind. Entlang der Strecke lauern Wissende mit korpulenten Objektiven und lichten das Gespann in der Summe geschätzte 685 Mal ab.

Relativ direkt ist dann der Wechsel auf den Abschnitt, der direkt durch den duftenden Wald verläuft. Die Führerstände sind offen und die Wagen dementsprechend luftdurchströmt. Alles grinst versonnen, und wären noch mechanische Auslöser in Gebrauch, wäre wohl jede zweite Sekunde ein entsprechendes Klicken zu vernehmen, ebenfalls metallisch. So wie dort draußen also auch hier drinnen.

Gemütlicher Innenraum der alten Straßenbahn, Woltersdorf
Gemütlicher Innenraum der alten Straßenbahn, Woltersdorf

Eine ältere Dame sitzt gleich gegenüber, schwärmt mit knappen Worten von diesem Wagen, leicht ergriffen, und gleich erfahren wir warum. Sie kennt diese Bahn noch aus ihrer Kindheit, hat als Mädchen schon in diesem Waggon gesessen. Mitten auf der Waldstrecke erinnert sie sich, an den Schaffner gewandt, dass hier ab den 1950er Jahren ein Kontrollpunkt bestand und die Kontrollen seitens der Kontrollorgane oftmals stark in die Länge gezogen wurden. Berlin stand damals unter dem Viermächtestatus und grenzte an die sowjetische Besatzungszone, die nun seit ein paar Jahren DDR hieß. Vom Kabuff der Grenzkontrolleure ist nichts mehr zu ahnen, und auch abgesehen davon fällt es schwer, sich etwas derartiges aus heutigem Blickwinkel vorzustellen – es wirkt schlichtweg nur absurd.

Umso schöner, als fröhlich plapperndes Volk am S-Bahnhof Rahnsdorf mit einem lachenden und einem weinenden Auge die Bahn verlässt, noch letzte Bilder knipst im warmen Licht der Abendsonne und jeder eine Erinnerung fürs Leben im Langzeitgedächtnis abheften kann. Es bleibt vielleicht nicht die einzige an diesem bunten Tag am Stadtrand.

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Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Anreise mit der S-Bahn oder Regionalbahn bis Erkner; Rückfahrt mit der Woltersdorfer Straßenbahn nach Rahnsdorf, dann weiter mit der S-Bahn

Anfahrt Pkw (von Berlin): durch die Stadt über Köpenick und Rahnsdorf nach Erkner; wahlweise über den Berliner Ring, Abfahrt Erkner

Länge der Tour: ca. 18 km, Abkürzungen und Varianten per ÖPNV sehr gut und an vielen Stellen möglich; Option: wer im Dorf Rahnsdorf mit der Fähre übersetzt, kann am Ufer des Großen Müggelsees in ca. 11 km zum S-Bhf. Friedrichshagen laufen oder schon unterwegs in den Bus steigen

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Verschiedenes über Neu-Venedig (u. a. Geschichte)

Fähre Rahnsdorf-Müggelheim

Informationen über die Püttberge

Artikel zur Püttbaude

Woltersdorfer Straßenbahn

 

Einkehr:
Alt-Rahnsdorf, Fisch-Imbiss mit Biergarten an der Fähre
Püttbaude, Wilhelmshagen
Café Zweiblum, am S-Bhf. Wilhelmshagen (auch breit gefächertes herzhaftes Angebot)(s. u.)
Gasthaus Klabautermann (mit schönem Blick auf den See), Woltersdorf
Café Knappe, an der Woltersdorfer Schleuse

 

AKTUELLE INFORMATION 2017:

Wegen raumgreifender Bahnbauarbeiten ist das gesamte Bahnhofsensemble in Wilhelmshagen eine Baustelle, das Café Zweiblum gibt es leider nicht mehr. Eine vergleichbare Alternative in der Nähe fehlt bislang.

Grobskizziert – Gräbendorf: Die Dubrow, der Pätzer Strand und das Leben als Riesenkäfer

Die erste Schwalbe dieses Jahres saust schwalbenstill und pfeilschnell über den butterblumengelben Wiesen lang – jetzt muss es doch bald vorbei sein mit dieser zähen Kälte! An der Oder rutschen die Nachttemperaturen noch immer weit unter Null und fordern Härte ab von liebenswerten Schlüsselblumen und Adonisröschen, und tagsüber ist es selbst im überheizten Berlin noch äußerst frisch und eine Mütze in der Tasche ratsam nach wie vor. Doch all die Bäume, die schon dicht von Blüten überplüscht sind, lassen sich davon gar nicht beeindrucken, ob auf dem Lande oder in der Stadt, und sorgen sogar tief im lichten Kiefernwald für duftende Überraschungen.

Forsthaus Frauensee bei Gräbendorf
Forsthaus Frauensee bei Gräbendorf

Schon kurz hinter Königs Wusterhausen, dem letzten S-Bahn-Außenposten Richtung Südosten, beginnt bis fast zum Spreewald eine Landschaft mit viel Wald und vielen Seen, darunter einigen großen. Dank der kleinen Dahme haben Sie alle Anschluss an das Wassernetz, das bis nach Berlin reicht und damit über die Spree auch zu Havel und Elbe führt, respektive zum Pazifik und den Osterinseln.

Der Türsteher mit der lockenden Kurbel, Haus des Waldes
Der Türsteher mit der lockenden Kurbel, Haus des Waldes

Mittendrin liegt die Dubrow. Dubrow ist der slawische Begriff für Eiche, und so wie dieser Name slawisch klingt, so weisen auch die Art der Landschaft und die Richtung darauf hin, dass der die nördlichen Ausläufer des Spreewaldes und das Einzugsgebiet der sorbischen Kultur nicht mehr allzu weit entfernt sind. Das ist übrigens auch daran zu merken, dass beim hervorragenden Bäcker und Konditor im Ort die Chancen auf ein Glas Buchweizenhonig ganz gut stehen. Der hat einen bedrohlich starken Charakter (der Honig, nicht der Bäcker), ganz gleich, ob er fast weiß ist wie Raps- oder Akazienhonig oder tiefdunkel wie solcher aus dem Walde, und mit Sicherheit trifft er nicht jedermanns Geschmack. Für andere ist er die Krönung eines ausgedehnten Sonntagsfrühstücks. Davon abgesehen ist er hierzulande schwer zu kriegen, in nahen Polen stehen die Chancen da schon besser.

Feuer- und Rastplatz, Haus des Waldes
Feuer- und Rastplatz, Haus des Waldes

Das Naturschutzgebiet Dubrow ist leicht hügelig, komplett bewaldet und erstreckt sich zwischen den Ufern von Schmölde- und Hölzernem See und dem Gipfel von Richters Berg. Obwohl das Areal recht klein ist, hat der Wald hier erstaunlich viele Gesichter und damit zumeist belaubte Kontraste zum guten alten Kiefernwald. In Ufernähe führt eine schöner Pfad hindurch, doch das ist Stoff für einen anderen Tag.

Einstieg in die Unterwelt, Haus des Waldes
Einstieg in die Unterwelt und ins Käferdasein, Haus des Waldes

Rund um die Dubrow liegen tief im verschwiegenen Wald ein Zeltplatz sowie mehrere gut ausgestattete Ferienlager, jeweils direkt am See und gleichermaßen einladend für Klassenfahrten oder Familienurlaub. Die sind jeweils so großzügig angelegt, dass es nicht unangenehm auffällt, wenn gleichzeitig alle Betten belegt sind. Jeweils gut zu Fuß zu erreichen ist das Haus des Waldes. Es liegt beim Forsthaus Frauensee am Rand von Gräbendorf und ist ein ganz herrlicher Ort. Familien mit Kindern können hier einen richtig schönen Tag verbringen, und auch wer ohne Kinder unterwegs ist, wird seine Pause deutlich ausdehnen und sich mancher Neugier hingeben.

Stammplatz, Haus des Waldes
Stammplatz, Haus des Waldes

Frei von wissensvermittlerischer Trockenheit und pädagogischen Fingern, die gen Himmel weisen, kann man hier die verschiedensten Fragen und Gedanken zum Wald am eigenen Leib erfahren, ggf. erst finden und sich dann selbst beantworten. Sich rundum wohlfühlen und dabei entdecken und staunen, und das über Stunden. Wer als Kind einmal hier gewesen ist und eigentlich nichts mit Wald am Hut hatte, wird das danach anders sehen, zumindest ein bisschen. Und auch ein paar Muskeln spüren, von denen er vorher gar nichts geahnt hatte. Den Duft des Waldes kennen, in vielen seiner Ausprägungen.

Option auf ein Lied, Haus des Waldes
Option auf ein Lied, Haus des Waldes

Es kann auch ganz einfach gespielt werden, denn überall lockt es zum Klettern und Kriechen, zum Balancieren und Hangeln. Auch zum Lachen, zum Springen und zum Musizieren. Ein ganz besonderes Angebot und sicherlich ein anhänglicher Höhepunkt in den Erinnerungen am Abend, wenn vor der Schlafenszeit die Erlebnisse des Tages als Dauerschleife durch den Kopf laufen, ist die Hirschkäferwelt. Da der Hirschkäfer zu den größten Käfern Europas zählt, ist es vielleicht leichter, in seine Haut bzw. seinen Panzer zu schlüpfen als in den eines winzigen Krabbelkäferchens.

Wissen von Generationen
Wissen von Generationen

Wer bereit ist, seinen Blickwinkel eine Zeitlang gegen den eines Hirschkäfers zu tauschen, traut sich hinein in den dunklen Panzer des Käferweibchens, wird erst zum Ei und dann zur Larve. Ehe aus der Larve die Puppe geworden ist, dauert es richtig, richtig lange. So lange, dass es niemand vergessen wird, der es erlebt hat. Aus der Puppe schlüpft vergleichsweise schnell der Käfer, der sich sofort ohne fremde Hilfe im Wald mit all seinen Hindernissen zurechtfinden muss. Die Flugfunktion gibt es erst später, die will zunächst zu Fuß verdient sein. Auch die ersten Flugversuche haben ihren Preis, und wenn das endlich klappt, kommt schon bald die Konkurrenz aus den eigenen Reihen ins Spiel. Wenn sich schließlich alle gefunden haben, gibt es zum Abschluss ein kleines, harmloses und köstliches Saufgelage.

Vom Wald der Dubrow Richtung Pätz
Vom Wald der Dubrow Richtung Pätz

Wer sich nicht für derlei Käfereien angemeldet hat, kann die Kinder einfach ausschwärmen lassen in das sympathische Gelände und mit aufgesperrten Elternohren das erste „Kommstemaher!“ oder „Guck mal hier!“ erwarten. Oder mit ihnen gemeinsam losziehen, sauber strukturiert oder herrlich planlos. Mitmachen oder anfeuern, loslassen oder an die Hand nehmen beim Erkunden. Wo man auch hinschaut, ist Holz, und egal in welche Richtung der Blick gewendet wird, bleibt er hängen und ändert die Bewegungsrichtung, um rasch nachwachsende Neugieren zu stillen.

Es lässt sich also ein schöner Tag verbringen, wenn man vom märkischen Angerdorf Gräbendorf zum Forsthaus spaziert, einiges später von dort den Pfad durch den Wald mit seinen Portalen nimmt und dann die stille Straße zurück ins Dorf.

Badeufer in Pätz
Badeufer in Pätz

Für mehr Spazierlust, vielleicht nach Pätz mit seinem schönen Badplatz, lässt sich die Landschaft des Waldes gegen die freie Sicht der Weiden und Wiesen eintauschen. Die sind von Gräben durchzogen, die sich gerade so noch überspringen ließen. Das ist nicht nötig, denn es gibt Übergänge jeweils dort, wo sie gebraucht werden.

Wer in Pätz nicht die lange Straße bis zum Dorfplatz gehen möchte, kann auch direkt zum Wiesenstrand abbiegen. Direkt hier beginnt eine kleine Seepromenade, auf der man rund um den Pätzer Vordersee zum Bahnhof von Bestensee käme.

Von Pätz Richtung Tonstichsee
Von Pätz Richtung Tonstichsee

In Pätz wurden einst Ziegel gebrannt, und die wenigen Spuren, die es davon noch gibt, führen zu einem anderen See. Der gern zur Erfrischung genutzte Tonsee ist über einen winzigen Pfad zu erreichen, dessen Einschlupf leicht zu übersehen ist. Wer die eigenartig-faszinierende Gestalt von Tonstich-Landschaften kennt, vielleicht schon bei Klausdorf am Mellensee unterwegs war oder in den Glindower Alpen und den Zauber solcher kleinräumigen Reliefdramatik erlebt hat, wird am östlichen Ausgang von Pätz schon die Nachtigall trapsen hören, wenn er versucht, die wildwüchsige Botanik mit seinem Blick zu durchdringen. Apropos – während in Berlin schon seit zwei Wochen die Nachtigallen an den lautesten Stellen ihrer Wahl dem Stadtlärm die zarte Stirn bieten, war hier im Ländchen erst in diesen Tagen die erste dieser virtuosen Kehlen zu vernehmen.

Butterblumiger Schwalbenflugplatz
Butterblumiger Schwalbenflugplatz kurz vor Gräbendorf

Vom Tonsee führt entlang eines Wassergrabens ein direkter Weg mit freiem Blick über die Wiesen zurück nach Gräbendorf. Wer noch immer nicht genug hat und dazu etwas Waldlust übrig, kann alternativ der Waldsiedlung Uhlenhorst und dem Weinberg einen flüchtigen Besuch abstatten. Auch hier gibt es den freien Blick auf dem letzten Kilometer, und wer Glück hat, wird am Ortsrand von Schafen erwartet, die nach kurzer Prüf- und Fremdelphase ihre Lämmchen vorzeigen, aus sicherer Entfernung. Und einem hinterherschauen dann, fürsorglich. Bis der Sichtkontakt abbricht.

Spaziergänger in der jüngsten Saat
Spaziergänger in der jüngsten Saat

Zurück in Gräbendorf bleibt nach diesem Tag das Gefühl, vier verschiedene Landschaften gesehen zu haben, und das an mindestens zwei Tagen. Im Ohr klingt noch manch Schnabel nach, die Lungen sind gefüllt mit Wald und Frühling und später dann, im Traum, wird sicherlich ein Käferchen durch die Kulissen latschen.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Alexanderplatz über Königs Wusterhausen, dann mit dem Bus; von Berlin-Ostkreuz über Zeesen, dann mit dem Bus (ca. 1-1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Autobahn, dann Abfahrt Bestensee; reizvoller: über die Berliner Vororte (Königs Wusterhausen, Wildau, Zeuthen, Eichwalde, Schmöckwitz)(ca. 1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 14,5 km, Abkürzungen sehr gut möglich (mit Kindern kleine Rundtour von Gräbendorf zum Haus des Waldes, ca. 5 km; bis Wegpunkt 8, dann direkt zurück zu Wegpunkt 1)
(Abkürzung vom Abzweig Tonsee bei Pätz direkt nach Gräbendorf Wegpunkte A-E)

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Gräbendorf/Dubrow

Märkisches Haus des Waldes (am Forsthaus Frauensee)

KiEZ Ferienlager Frauensee

KiEZ Ferienlager Hölzerner See

Informationen zu Pätz

 

Einkehr: in Pätz Imbissangebote (Lindenhof, Café am Pätzer See) zwischen Dorfplatz und Badestelle, sonst erst wieder in Bestensee

Monis Imbiss (nahe Bhf. Zeesen)(große Auswahl vollwertiger Gerichte); direkt am Bhf. Zeesen Restaurant Zum Schwiizer

 

Zerpenschleuse: Blaue Brücken, kalter Wind und ein Kanal nach dem Dornröschenschlaf

Nachdem der Dezember sich mit frühlingsmilden Temperaturen von Advent zu Advent und schließlich zu den Weihnachtstagen geschwungen hat und es schwer machte, in festlich-winterliche Stimmung zu gelangen, zieht das neue Jahr nun stirnhebend und kopfschüttelnd einen dicken Strich durch dieses laue Geplänkel und eröffnet den Januar mit einem furiosen Frostschock. Das geschieht so abrupt, dass trödelige Tropfen an laublosen Zweiglein umgehend und in glasklarer Transparenz gefrieren.

Neue Zugbrücke in Zerpenschleuse City
Neue Zugbrücke in Zerpenschleuse City

Wer jetzt dringend an die frische Luft möchte, um diese ganz besondere Stimmung des allerersten Spaziergangs im Jahr einzufangen, sollte nach dem wochenlangen Wechseln verschieden starker Übergangsjacken nun auf ausreichende Wärmedämmung für diese Stunden achten und dabei lieber etwas übertreiben. Ferner empfiehlt es sich, die Windrichtung zu beachten und offenen Passagen gegen den Wind aus dem Weg zu gehen.

Zerpenschleuse

Ganz gut geht das im Örtchen Zerpenschleuse, was ein ganz Besonderes ist im Land Brandenburg. Entlang der Ufer eines schnurgeraden pensionierten Kanals ziehen sich die dicht an dicht stehenden Fassaden des Dörfchens pittoresk und leicht entrückt über fast drei Kilometer, so wie das in Ost- oder auch Westfriesland ziemlich üblich ist, hier hingegen die Ausnahme. Vergleichbares gibt es auch an anderen Stellen im Lande, z. B. in Groß Lindow oder sehr schön auch in Oderberg, doch nirgends ist die Rezeptur so herrlich aufgegangen wie in Zerpenschleuse, nicht so einvernehmlich und direkt der Handschlag zwischen Ufer und Bebauung, und zudem in der Ausführlichkeit. Selbst für einen winzigen Spaziergang lohnt hierher die Anreise, da es so viel an Details zu sehen gibt und so viel Schönheit, panoramisch eingerahmt in tiefe Ruhe.

Im Orte selber hat sich in letzter Zeit sehr viel getan, sogar der Alte Finow-Kanal mit dem herrlich passenden Namen Langer Trödel scheint zurück ins Verkehrsleben gestoßen zu werden. Drei unlängst noch verlandete Stellen sind wieder offen, jetzt bestückt mit blauen Brücken und einer Schleuse, die dann und wann die Durchfahrt auch für Boote erlauben, die höher sind als ein Kanu mit Leuten drin. Damit steht Freizeitschiffern mit Kurs auf Liebenwalde nun eine entspannte Alternative zum viel und breit befahrenen Oder-Havel-Kanal bereit, wenn sie denn genügend Sitzfleisch und Ruhe für die übersichtlichen Brückenöffnungszeiten an Bord haben oder zweidrei Brettspiele unter Deck.

Am Langen Trödel, Richtung Schleuse
Am Langen Trödel, Richtung Schleuse

Vielleicht raubt das dem Langen Trödel vom Erscheinungsbild ein bisschen seine Unschuld, doch ist ein Verkehrsgerangel auch zu badewarmen Jahreszeiten kaum zu befürchten, denn wer schnell weiter will, hätte kaum die erwähnte Geduld zur Hand.

Wer sich Zeit nimmt für all die schönen Hausfassaden, der staunt, was es hier alles für Geschäfte und Wirtshäuser gab. Und kommt darauf, dass der Kanal sehr alt ist, älter als all die großen ihn umgebenden, und dementsprechend lange Jahre wichtiger Verkehrsweg. Schon gut vierhundert Jahre gibt es ihn hier, den Kanal, der seinerzeit von einem hohenzollerschen Fürsten in Auftrag gegeben wurde, um eine Verbindung zwischen Havel und Oder zu schaffen. Wenig später schickte ihn der dreißigjährige Krieg schon wieder in Vergessenheit und er verfiel. Erst über hundert Jahre später ging es weiter, ermöglicht durch den in vielen Hinsichten vorwärtsgewandten Alten Fritz und den Aufschwung der Industrie rund um Eberswalde. Und in der Tat gab es mit der Zeit immer mehr Verkehr auf dem Kanal, die technische Ausstattung musste ständig angepasst werden. Anfang des 20. Jahrhunderts überrannte der Fortschritt schließlich den Kanal selbst in Form des potenteren Hohenzollern-Kanals (heute Oder-Havel-Kanal), der westliche Teil wurde schlichtweg abgetrennt und stillgelegt. Nun ist auch das schon wieder Geschichte, wenn auch erst seit sehr Kurzem – ab der vorausliegenden Saison ist er für Boote kleinerer Bauart wieder durchgehend schiffbar, so zumindest ist der Plan.

Um Wegedopplungen zu vermeiden, lässt sich eine kleine Runde mit Wald- und Wiesenanteil gehen, die zudem ausführliche Rückansichten des Ortes mit sich bringt. Von der blauen Zugbrücke im Herzen des Ortes, wo die einstige Bundesstraße den alten Kanal quert, führt die Uferstraße zwischen Wasser und Häusern Richtung Oder-Havel-Kanal, zugleich der Weg zum Bahnhof. Da ist er jetzt zum ersten Mal, der Ostwind, und auch wenn noch kein dünnes Eis das Wasser ruhigstellt, so hat er doch unzählige der erwähnten Tropfen glasig konserviert, die wie vergessener Weihnachtsschmuck an den Zweigen hängen. Ein Eisvogel saust am anderen Ufer entlang und liefert seinen Beitrag zum Thema.

Tatsächlicher Farbtupfer am jenseitigen Ufer
Tatsächlicher Farbtupfer am jenseitigen Ufer

Hinter den letzten Häusern und dem obligatorischen Hochhaus am Rande der Stadt schafft nun nagelneu eine blautorige Schleuse die viele Jahrzehnte fehlende Verbindung zum damaligen Nachfolger auf der Kanal-Karriere-Leiter, dem Oder-Havel-Kanal. Wer sich die Gemütlichkeit des Langen Trödels jetzt nicht nehmen lassen will, schaut einfach etwas weiter rechts auf die kleine Fußgängerbrücke, die harmlos übers Wasser Richtung Bahnhof führt.

Noch davor führt rechts ein Weg in den Wald hinein, der vor einem eindrucksvoll hohen Damm verläuft, vermutlich dem Negativ-Abdruck des Kanalbettes. So wie der Wind hier in den Kiefern-Wipfeln tobt, will man glauben, dass direkt dahinter ein salziges Meer seine aufgescheuchte Brandung auf den flachen Strand jagt.

Auf dem Weg das Laub ist tiefgefroren und gibt dem Schritt oft unerwartet nach, nicht jede Pfütze hier im Wegeschlamm trägt schon, und so staksen wir etwas unbeholfen bis zum Waldrand. Voraus die erste Rückansicht des Ortes führt ein Wiesenweg bis zu den Gärten. Jenseits der Straße 109 verläuft ein breiter Weg durch den entsprechend der Jahreszeit etwas rumpligen und wenig aufgeräumten Wald, aus dessen Farben alles Grün gewichen ist – es dominieren Erdtöne in allen erdenklichen Varianten. Selbst heiteren Gemütern dürfte es schwerfallen, hier eine gedeckte Buntheit zu entdecken, zudem der Himmel grau und zugezogen ist. In der Tat ist es sehr erfrischend, als sich links des Weges gakeliges Blaubeerkraut erstreckt über die Fläche etwa eines liegenden Elefanten.

Blick über die Wiesen auf den schönen Rücken von Zerpenschleuse
Blick über die Wiesen auf den schönen Rücken von Zerpenschleuse

Im obersten Waldregister ächzen holzrheumatisch klagend die gipfelhohen Kiefern, denen der Frost direkt ins Gebälk gefahren ist. Wäre es schon dämmriger, wir würden unseren Schritt beschleunigen, ohne uns groß dafür zu schämen. Am Waldrand ist es wieder heller, auch wenn hier breit und braun der Acker liegt. Es gibt die zweite Rückansicht von Zerpenschleuse, die durch die Kirche in der Skyline schon mehr Spektakel bietet als vorhin. Noch während heißer Tee genossen wird, wird dieses Bild nun zum Neujahrs-Ereignis, denn die von ihrem flachen Zenit rutschende Sonne bricht durch die Wolken und taucht den langen Ort in dieses unfassbar warme Licht, wie das nur tief im Winter funktioniert.

Während dieses Licht über die Wahrnehmung indirekt von innen wärmt, steht uns hier am Waldrand, kalt und schattig, der Ostwind direkt auf den gut verpackten Hintern. Also rein in den Wald, wahlweise hätte man auch über den gefrorenen Acker direkt Richtung Wärmestrahlung queren können. Auf diesem stehen in größeren Abständen etwas hausgroße Verbünde aus Strohblöcken, hier vorn im Waldschatten fast schwarz, da hinten vor der Allee am Kanal sonnenvergoldet. In einem Dreigebirk etwa auf der Mitte nistet ein exklusiver Hochstand.

Kurz im Windschutz des Waldes ein paar Haken geschlagen, die uns zu einem stillen Sträßchen bringen, das nun als hochgewachsene Allee quer übers Feld zum Kanal führt. Voraus spaziert ein Paar, das dem zunehmend zügigeren Schritt nach eine oder zwei Schichten zu wenig auf der Haut trägt oder über undichte Stellen verfügt, etwa am Hals.

Beim Einbiegen auf die von guter alter Zeit plaudernde Allee entlang des Kanals schlägt nun das volle Ausmaß dieses wohlig warmen Lichtzaubers zu, zeitgleich mit dem froststarrenden Wind, der jetzt direkt von vorn aufs Gesicht trifft und noch weit eisiger ist als vorhin zwischen blauer Brücke und blauer Schleuse. Er zwickt jetzt dermaßen in die Nase, dass dreihundert Meter später erste Zweifel erscheinen, ob die linke Nase noch am Blutkreislauf teilnimmt. Gut, dass man dank der bisherigen Lebensjahre schon über einen gewissen Erfahrungsschatz in dieser Hinsicht verfügt, sonst könnte man in leichte Panik verfallen.

Alte Straße ins Dorf
Alte Straße ins Dorf

Diese paarhundert Meter betagter Straße bündeln so viel Schönheit und Erzählkraft in sich, dass man für einen Augenblick die Wirklichkeit anzweifeln könnte. Das Kopfsteinpflaster auf der rechten Seite ist von den Jahrhunderten gebeugt, war einst vielleicht ein Treidelweg. Links davon liegt ein glatter Streifen für Leute zu Fuß oder Rad und dazwischen kauert eine klobige Balkenreihe, die auch als endlose Rastbank dienen könnte. Zu den Seiten liegt hier die große Weite des Ackers mit seinen warm vergoldeten Strohburgen, dort der tiefste Ruhe ausstrahlende Lange Trödel, bestanden von hohen Uferbäumen. Voraus streckt sich die hohe Kirchturmspitze über alles, was noch davor steht, und zieht den Betrachter ins Dorf hinein.

Am Rand des Fußweges stehen zwei Fahrräder, gegenüber im Gestrüpp des Straßengrabens sind ein Sohn und sein Vater dabei, die aus allerlei Reisig geflochtenen Wände einer bislang dachlosen Baumhöhle zu verdichten – entsprechendes Gezweig liegt dank des zerrigen Windes ausreichend herum. Beide sind sehr beschäftigt und nehmen uns kaum wahr. Kurz darauf passieren wir das Ortseingangsschild von Zerpenschleuse, und sofort beginnt die lange Reihe verschiedenster Häuser und Fassaden, an denen man sich an weniger kalten Tagen länger noch als heute festgucken könnte.

Gleich unter den ersten Häusern ist ein schöner alter Holzschuppen mit großem Werkstattfenster, wo unter dem Namen Emma Emmelie Antikes angeboten wird. Der Uferrand gegenüber ist ganz in diesem Sinne mit viel Lust und Phantasie gestaltet, einer Schneider-Puppen-Madame wurde ein weit wallender Rock aus Kiefernzweigen auf die drahtigen Kurven geschneidert, abends auch beleuchtbar, ferner edler Halsschmuck aus rotlackglänzenden Hagebutten. Weiter vorn im Ort gibt es noch ein Pendant, auch dort wachsen auf dem hochgewölbten Uferrasen allerlei eigenartige Sträucher, an denen verschiedenste Tassen oder auch Bettfedern wachsen, jene aus Draht, nicht aus Gefieder.

Überhaupt ist der gesamte Uferstreifen bis vor zur Bundesstraße bezaubernd, teils sogar mit kleinem Graspfad, hier und da ein Baum und immer wieder einladende Bänke, fast niemals irgendein Verbotsschild. All das lädt intensiv zum Schlurfen und zum Trödeln ein, zumal es links und rechts so viel zu schauen und zu entdecken gibt.

Zwischen Hubbrücke und Alter Schule
Zwischen Hubbrücke und Alter Schule

Zerpenschleuse West

Zunächst jedoch das blaue Bauwerk No. 3. Auch dieses ersetzt als technisch aufwändige Hubbrücke mit allerlei muskulöser Hydraulik einen einstigen Steg aus Festland, der auch hier den Trödel unterbrach. Die westliche Ortslage hat nun ein wenig von ihrem Charme verloren, denn genau hier war das Ensemble aus Siedlung und Kanal ganz besonders verträumt. Man wird sich dran gewöhnen. In der seeartigen Erweiterung vor der Querung hielten sich zur Winterzeit immer jede Menge Enten auf, da der Kanal hier sicher eisfrei blieb. Da stehen wir nun an der schicken neuen Brücke, mit unserem Brot und ohne eine einzige Ente.

Kurz hinter der Brücke steht mit Anmut die wunderschöne Kirche, die liebevoll wieder hergerichtet wurde, fast aussieht, als sei sie eben erst gebaut worden. Hinten überm Wald steht der Himmel jetzt in Flammen, und ein bisschen von diesem Licht fällt durch die hohen Kirchenfenster. Rechts der Kirche verfällt das alte Wirtshaus, links steht fast wie neu die alte Schule, die wirklich genau aussieht wie eine alte Schule. Und als Gasthaus am Finowkanal schon seit langem die Aufgaben des Wirtshauses übernommen hat, zumindest am Wochenende, und das seit Anbeginn mit großer Herzlichkeit.

Etwas weiter treffen wir dann endlich auf die Enten und füttern, was die Tüte hergibt. Eine Frau läuft schnell vorbei mit ihrem Hund und bedankt sich für die Vertretung –  sie ruft noch, sonst macht sie das immer. Der einzige Grund, jetzt nicht in aller Ruhe weiterzutrödeln, ist die weichende Sonne, die dem ungebremst munteren Ostwind jetzt noch mehr Einfluss schenkt. Also am blauen Ausgangsbauwerk von vorhin noch die noblen Steganlagen bewundert und dann nix wie weg in Richtung einer schönen Einkehr mit warmen Ecken und Gemütlichkeit. Es war ein wirklich exklusiver Einstand in das neue Jahr.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): vom S-Bhf. Berlin-Karow mit der Regionalbahn (ca. 1-1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 109 und ehem. B 109 über Wandlitz Richtung Groß Schönebeck (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 8 km, Abkürzungen gut möglich

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Artikel in der MOZ: Mit dem Boot nach Liebenwalde

Langer Trödel im Juni 2016 eröffnet

Zerpenschleuse: Der Ort stellt sich vor

NABU: Der Eisvogel

 

Einkehr:
Eiscafé Eisschleuse, Zerpenschleuse Mitte
Bootshaus Ruhlsdorf, am Bhf. Zerpenschleuse-Ruhlsdorf

[Das Gasthaus am Finowkanal ist mittlerweile leider geschlossen.]

Tonstiche, ein versunkenes Gleis und das unbekannte Ribbeck

Die Tage werden bunter, die Nächte kühler, und jeweils dazwischen gibt es nun wieder die Dämmerungsnebel, die scheinbar und allmählich das Tempo aus den Tagen nehmen. Darunter liegen  dunkle Äcker, vor kurzem noch Felder, begrenzt von Baumreihen mit erstem Gelb im Gefieder. Ein paar standhafte Grillen kommentieren noch die sonnigen Passagen dieser schönen Altweibersommer-Tage, doch die Schwalben haben endgültig das Weite gesucht. Dafür werden Spaziergänge unweit entlegener Wasserflächen und abgeernteter Maisfelder vom Tönen der letzten Saurier begleitet, auf angenehme, beruhigende Weise. Die Verbünde der Kraniche sind noch klein, doch das Sammeln ist bereits zu ahnen, auch wenn sich mittlerweile viele von ihnen zum Bleiben versammeln. Leuchtende Apfelbacken und knallrot lackierte Hagebutten bringen sanfte Euphorie in die Wegränder, an denen noch immer eine beachtlich bunte Vielfalt von Blumigem steht.

Siesta kurz hinter Ribbeck
Siesta kurz hinter Ribbeck

Die halbe deutschsprachige Welt kennt Ribbeck, das Ribbeck im Havelland, doch gibt es noch ein anderes, was weitaus direkter mit der Havel zu tun hat. Benachbart ist der recht bekannte Ziegeleipark Mildenberg, der direkt am Fluss liegt und auf diesem Wasserwege das schnelle Wachsen der Stadt Berlin vor guten hundert Jahren möglich machte. Davon geblieben sind unter anderem eine ganze Reihe verschieden großer Stichteiche direkt am Fluss und auch hier etwas abseits. Daraus ist in den letzten Jahrzehnten eine berührend schöne, stille Landschaft gewachsen, die sich gut zu Fuß durchkämmen lässt, zumindest hier und da.

Die Straßenränder auf der Hinfahrt fordern zum Wiederkehren an fast jedem der folgenden Wochenenden auf – irgendwo findet immer ein schönes Fest statt, die Themen sind mal ganz süddeutsch-zünftig Oktober, oft auch Erntedank oder ganz einfach Herbst. Und das geht durch bis Anfang des Novembers.

Allee bei Rieckesthal
Allee bei Rieckesthal

Ribbeck

Kurz hinter Zehdenick geht es nach Mildenberg, das nächste Dorf ist dann schon Ribbeck. Das Licht und auch die Luft sind so klar, wie sie es nur im September sein können, vielleicht auch noch im März, und auch die Düfte dieses Monats sind alle hier versammelt. Frisches Laub und Eicheln, reifes Obst und erste Pilze und wieder dieser zarte Duft des Pappellaubs, das noch am Baum ausharrt. Die kleine Kirche auf dem Anger scheint ihr Schattendasein zu genießen, das Dorf strahlt Frieden aus. Auf dem Weg hinaus peesen drei Bengels auf ihren Rädern durch das Dorf und wirken damit sehr beschäftigt. Der letzte Garten geht direkt in die erste Weide über, auf der die Kühe lümmeln, herrlich faul die Euter ausgebreitet. Nur jede zweite hat den Kopf noch oben, jede von ihnen genießt die Sonne auf dem luftgekühlten Lederpelz, das kann man sehen.

Auf der Spur der Gleise - Pfad zwischen den Teichen
Auf der Spur der Gleise – Pfad zwischen den Teichen

Für uns stehen jetzt die ersten drei Verkostungen an, drei Apfelsorten, jede grundverschieden. Die dritte dann bekommt den Zuschlag, kräftig aromatisch, saftig und leicht sauer. So dass es an den Zähnen quietscht, ein bisschen. Hinter dem Gehöft bei Rieckesthal wird der Weg noch etwas gemütlicher und sieht aus wie schon vor hundert Jahren. Die Büsche dichter und die Früchte wilder. Von oben kontrastiert der Himmel blau wie selten.

Großer Stichteich
Großer Stichteich

Ein paar Angler laden gerade ihre Ausstattung aus, erwidern unseren stillen Gruß mit lautlosem Brummeln – warum müssen jetzt hier Leute langlatschen und den Fisch verschrecken? An dieser Stelle wird erstmals eine Wasserfläche sichtbar, sonnenglitzernd und umbuchtet. Dahinter dann beginnt ein Pfad, der mitten durch die wilde Landschaft führt, mit unergründlich dicht gewachsener Botanik links und rechts und immer wieder neuen Wasserflächen, mal teich-, mal seengroß. Manchmal führt ein Stichweg bis ans Ufer, manchmal liegt dort ein halb ersoffenes Boot an einem schiefen Steg. Im flachen Wasser der einst trockenen Fläche stehen stabig Reste kleiner Wälder, ein Bild von düsterer Romantik und gespenstisch schön. Auf diesem schmalen Band des Pfades nehmen wir die unsichtbare Spur der alten Werkbahn auf, deren Schienen hier vor ein paar Jahren noch vereinzelt schimmerten. Bis hinter Mildenberg wird uns die Spur begleiten.

Blick auf Ziegelscheunen
Blick auf Ziegelscheunen

Neben den üppigen Wiesen mit all ihren Gräsern und den dichten Schilfflächen, in denen es ständig raschelt, wird der Pfad begleitet von Hopfen und Holunder. Letzterer ist absolut erntereif, die Beeren durchgängig tiefschwarz und groß und prall. Überall sonst sieht er noch ziemlich dürftig aus, doch mit dem vielen Wasser hier, da scheint er prächtig zu gedeihen. In diesem Sinne ist es schade, dass die Tour fast noch am Anfang steht, sonst könnte man gleich ernten.

Immer wieder sorgt der Kranichlärm für angehobene Köpfe, und bei der Suche nach den Vögeln sehen wir bunte Punkte aus den dichten weißen Wolken fallen. Und kurz darauf entfalten zu mehr Fläche, zunächst noch planlos trudelnd, dann kontrollierter einer Richtung folgend. Stimmt – ein paar Kilometer Richtung Gransee gibt es ja die Möglichkeit für einen Fallschirmsprung, allein oder als Tandem, und der Tag ist heut perfekt dafür. Alle Viertelstunde geht der Flieger hoch und schraubt sich langsam in die Höhe, um dann im Halbminuten-Abstand die bunten Willigen herauszuwerfen. Das muss erhebend sein, trotz freiem Fall, wenn sich nach ein paar Sekunden blindweißem Sturz durch die Wolken der Flickenteppich aus Feldern und Teichen öffnet, so klar, wie heut die Sicht ist. Und kurz darauf der Fallschirm.

Pro Flug sind das um die zehn bunte Punkte, das Ganze viermal in der Stunde – da dürften heute recht viele Leute zu Fall kommen, erst frei und dann gebremst. Wer es geschafft hat, auf den warten unten Strandkörbe mit absoluter Bodenhaftung und Kaffeepötte mit derselben Eigenschaft. Oder ein Kurzer und gleich noch einer hinterher.

Familienspaziergang über die Wiese
Familienspaziergang über die Wiese

Ziegelscheunen

Auch hier am Boden gibt es nichts zu vermissen, selbst wenn der sagenhafte, scheinbar stundenlange Pfad die Teichlandschaft verlässt und doppelt breit voraus zum Weiler Ziegelscheunen führt. Die wenigen Häuser hier greifen das Thema Ziegel in vielen Variationen auf. Der weitere Weg ist jetzt etwas ungewiss, und eine Stunde später ist klar, dass man ihn meiden sollte zwischen Mai und Mitte September. Doch wenn nichts wächst oder Gewachsenes abgemäht wurde, kommt man hier bestens lang, auf schönen Wegen und mit freiem Blick. Immer wieder queren Tierpfade, vom Acker rüber bis zum Ufer. Manchmal führt dorthin auch ein Stichweg und gestattet einen Blick über die weite Wasserfläche bis zum nächsten Kirchturm und den Mildenberger Schloten. Die alte Bahntrasse läuft bald wieder nebenher, ist mittlerweile undurchdringbar zugebuscht.

Im gebremsten Fall
Im gebremsten Fall

Vorbei an Mahnhorst, auch mit eigenen Teichen und einem schönen Steg, führt der Weg nach ein paar grasigen Knicken übers freie Feld, mit freiem Blick und direkt auf der alten Trasse der genannten Bahn. Ein Gleis war bisher nicht zu sehen.

Hafen am Großen Stichteich
Hafen am versunkenen Wald, Großer Stichteich bei Ziegelscheunen

Mildenberg

Das Gleis gibt es in Mildenberg, quer über die Straße laufen hier die Schienen. Rund um die angerständige Kirche ruht eine breite Mauer, die gut geeignet ist für eine Rast. Währenddessen fährt ein BMW vorbei, an der Antenne einen Fuchsschwanz. Dass es das noch gibt – vielleicht steht alles als Gesamt-Ensemble unter Artenschutz, Fahrer, Schweif und Fahrzeug. Gemeinsam die Jahrzehnte überdauert, die Epochen. Wir sind gerührt. Der Schweif geföhnt, wie’s scheint. Es geht ja auf das Wochenende.

Ein herrlicher Weg lockt direkt von der Kirche Richtung Ziegelei-Gelände. Die kleine Anhöhe und der hohe Mais zur Rechten wecken kurz Erinnerungen an Höhenwege durch den Wein. Was von der Stimmung her zum Herbst ja bestens passt. War auch ein Weinfest ausgeschrieben an der Straße, auf der Hinfahrt? Wo es doch seit den letzten Jahren überall lauter nördlichste Weinberge Deutschlands gibt. Bestimmt existiert er irgendwo, der Havelwinzer.

09 Himmelsblick
Himmelsblick

Ein kleines, doch stabiles Brücklein lässt uns über den breiten Welsengraben, der ganz sachte fließt, glasklar. Jedes dahintreibende Blättlein Entengrütze wirft seinen scharfen Schatten bis zum Grund mit seinem dunkelgrünen Blätterwald. Das folgende Stück Straße führt vorbei an mächtig alten Weiden, die im besten Safte stehen, egal ob ganz oder geborsten. Vorn, wo der Wald beginnt, gabelt sich der Weg, und wir verlassen die Straße nach links. Hier im lichten Kiefernwald gedeihen nahezu perfekte große Schirmpilze mit ihren kuriosen Krausen in der Halsregion, der angenommenen. Ansonsten sieht es noch recht mau mit Pilzen aus, zu trocken war die letzte Zeit. Rechts aus dem Wald tönt Live-Musik von echten Instrumenten, irgendwas Größeres wird dort gefeiert. Eine Allee von ausgewachsenen Eichen zieht sich links des Weges durch den Nadelwald – und behält den Grund dafür für sich.

Auf der Spur der Gleise - Weg nach Mildenberg
Auf der Spur der Gleise – Weg nach Mildenberg

Am Waldrand geht es links nach Ribbeck. Diese Allee, schon älteren Datums und dementsprechend schattig, wäre durchaus brauchbar für ein Kalender-Titelblatt. An ihrem Ende kommt das Dorf in Sicht, etwas vorher schon der kleine Kirchturm. Obwohl der Tag noch stundenlang so weitergehen könnte, ist es jetzt schön, am Ziel zu sein.

Weg von Mildenberg zum Graben
Weg von Mildenberg zum Welsengraben

Wir wollen zum ausgeschilderten Oktoberfest in Zehdenick, doch erfahren vor Ort, dass es erst um acht beginnt – da wären wir verhungert. Unweit vom Markt werden wir fündig und können daher nach dem Essen noch einmal zur schönen Zugbrücke und dem Becken vor der Havelschleuse schlendern. Noch ist Leben an der Eisdiele, bevor bald Wärmeres begehrter sein wird. Der erste Grog, er kommt bestimmt.

 

 

 

Anreise ÖPNV: mit der Regionalbahn nach Zehdenick oder Fürstenberg, von dort mit dem Bus nach Ribbeck (1,5-2 Std.)

Anreise Pkw: Landstraße über Liebenwalde nach Zehdenick, von dort Richtung Mildenberg bis Ribbeck (kleiner Parkplatz nahe der Kirche)(ca. 1,25 Std.)

Tourdaten: ca. 16 km, Abkürzung möglich (von Mahnhorst direkt zurück nach Ribbeck)

 

Download der Wegpunkte

 

Einkehr: in Zehdenick mehrere Einkehrmöglichkeiten (Empfehlung: Hotel Klement, zwischen Markt und Zugbrücke, gemütlich, gute Küche);
direkt am Weg in Mildenberg Gaststätte „Zum deutschen Krug“ (keine eigene Erfahrung)

Schönerlinde: Waldweide, Heide und die Ankunft des Herbstes

Es ist Einschulung in Berlin – alle Leute auf der Straße schauen feierlich und gehen etwas aufrechter als sonst. Ganz nebenbei ist nach Monaten mit sagenhaften Temperaturen und mittlerweile knirschender Ackerkrume der Sommer mit seiner Hitze wieder in die Sahara verschwunden und – damit kein Loch entsteht – umgehend der Herbst eingesprungen. Für so etwas wie Spätsommer scheint dieses Jahr nicht bereit zu sein.

Es ist September, und eine schöne Zeit steht jetzt bevor. Mit intensiven Düften, Farben in schneller Veränderung und reichen Nuancen sowie minutenschnellen Wetterwechseln, die für Lichtstimmungen sorgen, wie es sie nur im Frühherbst geben kann. Die ersten Regenschauer seit langem lassen die dürstende Botanik aufatmen und sorgen zugleich für Klarheit in der Luft und erste Dunstschwaden über eben noch besonnten Wiesen.

Pfad in der Waldweide
Pfad in der Waldweide

Schönerlinde

Es gibt direkte Nachbardörfer von Berlin, die gänzlich unerwartet mit Landschaften aufwarten, welche erstaunlich deutlich an weit Entferntes denken lassen. Oder wirken, als wären sie aus der Zeit und dieser Welt gefallen. Durchfährt man Schönerlinde, ein Nachbardorf vom schönen Französisch Buchholz und auch Buch, so sieht es aus wie eines dieser hübschen märkischen Dörfer und ähnelt anderen. Doch keine Viertelstunde von der Kirche lässt sich eintauchen in eine ganz besondere Landschaft.

Nach Osten führt eine Pflasterstraße im sanften Anstieg aus dem Dorf und entlässt auf einen hellen Weg, der über die Felder direkt zum Wald hin geht. Hier, nun für ein Stündchen wieder auf Berliner Stadtgebiet, beginnt ein weitläufiger, dicht gewebter Flickenteppich aus noch jugendlichen Waldstücken verschiedenster Art. Mal dicht mit rauschenden Weiden, licht mit schon höheren Birken oder mit der Anmutung einer schattigen Waldweide mit jungen Buchen, so klein noch, dass jemand auf zwei Beinen sich ständig bücken müsste. Doch sind diese auch als Weiden abgezäunt, mit wohlweislichem Hinweis auf Strom im Draht und freilaufenden Bullen dahinter. Beides scheint zu stimmen, zumindest hier und dort.

In der Waldweide-Landschaft zwischen Schönerlinde und Hobrechtsfelde

Der kräftige Wind dieses Septembertages schüttelt nicht nur alles durcheinander, was einen Wipfel hat und lässt wogen, was eher hoch- als breitkant ist, zudem vermischt er noch kräftig all die würzigen Düfte, die hier aufeinandertreffen. Die Goldrute hat jetzt ihre Hochzeit und sorgt für ganze Felder kräftig-dunklen Gelbs, und auch das meiste andere, was noch blüht, ist gelb und üppig, manchmal auch mannshoch oder deswegen ins nahe Gras gestrauchelt.

Zwischen diesen Waldpassagen liegen immer wieder offene Weiden für Pferde, Kühe oder Schafe, öfter auch Rodungen und anderes, was freien Blick gewährt. Durchzogen ist all das von einem nicht zu dichten und erfreulich regellosen Netz von Wegen für Rad und Fuß und Huf und wird Waldweide Hobrechtsfelde genannt. Dass dieses nicht nur schöner Name ist, sondern tatsächlich so genutzt wird, zeigt sich an den zahlreichen Weidezäunen unter Strom, teils mit Durchgängen für Freizeitler, ferner an gemütlichen Lagerhügeln und auch anderen Spuren von Weidevieh. Eine Landschaft jedenfalls, die man kaum auf Berliner Stadtgebiet und direkt hinter der Stadtgrenze erwarten würde.

Zu verdanken ist der hier entstandene Naturraum den einstigen Rieselfeldern, einem frühen und recht schlauen Prinzip der Abwasserklärung größerer Siedlungen, gewachsen auf dem Mist u. a. von Rudolf Virchow (indirekt) und James Hobrecht (direkt). Virchow vermied damit trotz des schnellen Wachstums der Stadt größere Gesundheitsgefahren und Hobrecht machte letztlich aus Gülle wieder Wasser – vor den Toren der Stadt. Das Ganze stank natürlich mörderisch, und das wohl über hundert Jahre, noch bis kurz vor der Wende. Für ganze Landstriche war dieses Aroma charakteristisch und galt im geflügelten Wort als „würzige Landluft“. Wer damals Kind war, hat das wohl heute noch sofort im Kopf, wenn er Vergleichbares riecht.

Typisches Haus in Hobrechtsfelde
Typisches Haus in Hobrechtsfelde

Die kilometerlange und –breite Waldheide mit ihrer vielfältigen und somit äußerst unterhaltsamen Erscheinung ist auch ein Paradies für solche, die gern breit gegrätscht im Sattel sitzen. Es gibt wunderschöne Reitpfade oft direkt neben den Rad- und Spazierwegen, so dass sich niemand in die Quere kommen muss. Wer zu Fuß durch die Heide streift, dem empfehle ich dennoch, öfter mal die Reitwege zu nehmen – sie laufen sich zwar etwas wackelig, doch führen sie tiefer in die Natur, sind pfadig und biegungsreich – und machen einfach erheblich mehr Spaß. Wenn Reiter kommen, ist Platz genug zum Ausweichen da.

Zum schnellen Wechsel in der Landschaft und dem Konzert des Windes da oben in den Bäumen, manchmal auch im Schilf hier unten, kommen heute noch die Wetterwechsel. Wie schon erwähnt, das Licht streicht intensiv über alles hier, wenn sich im Hintergrund kontrastierend blauschwarze Wände aufbauen oder die kräftige Sonne nach einem ebenso kräftigen Schauer alles glitzern lässt und lustvoll den Regler für die Farbsättigung hochdreht. Es ist einfach eine einzige Pracht, duftend und rundum intensiv.

Blick auf den Alten Getreidespeicher, Hobrechtsfelde
Blick auf den Alten Getreidespeicher, Hobrechtsfelde

Hobrechtsfelde

Gerade sieht es noch aus wie in einer mittelschwedischen Waldlandschaft, als hundert Meter voraus ein Auto von rechts nach links hirscht – an so etwas wie Straßen war gerade nicht mehr zu denken. Dennoch verläuft hier die schnurgerade Chaussee nach Hobrechtsfelde, benannt nach dem weiter oben erwähnten Ideenfinder und eigens im Herzen der Rieselfelder platziert. Die langgezogene Siedlung sieht nicht recht nach märkischem Dorf aus, Häuser und Grundstücke sind von einer Bauart, die sich für meinen Kenntnishorizont schwer zuordnen lässt. Charakteristische Häuser, gediegene Mauern davor und etwas abseits am Herz des Ortes ein eigenartiges Turmgebäude, das nicht klar verrät, ob es Ruine ist oder nicht. Und in den Bann zieht.

Dabei hilft noch ein Schild zum Imbiss, der am Wochenende geöffnet sein soll – ein Käffchen wäre jetzt wirklich schön. Der kurze Abstecher führt vorbei an Pferdekoppeln zu einem schönen Spielplatz, direkt benachbart dem turmigen Haus. Hier werden gerade die allerschönsten Einschulungsgeschenke verteilt, solche, die keinen Strom brauchen und garantiert niemals vergessen werden. Ein Opa hat sein Enkel auf ein besonders kleines Pony gesetzt, das man sich hier ausleihen kann, und führt es jetzt in die Waldheide mit ihren herrlichen Hufwegen. Die behelmten Lütten sitzen andächtig auf dem warmen Rücken, sicherlich mit einer schönen Mischung aus Freude und Skepsis. Doch von der Schuhsohle bis zum Boden ist es nur circa Einkäsehoch – die Skepsis wird sicherlich bald weichen.

Das schönste Geschenk zur Einschulung, Hobrechtsfelde
Das schönste Geschenk zur Einschulung, Hobrechtsfelde

Wir kommen zum erhofften Heißen, Kuchen gibt es nicht, aber sowas wie Rumkugeln. Als ich danach frage, erzählt der kernige Bursche hinter der Bedientheke, das sind quasi „besonders feine Rumkugeln“, die Energy Balls heißen und nur die besten Zutaten aus den Rubriken Trockenobst und Nüsse/Samen/Kerne enthalten. Hätte man schon ein Bierchen oder zwei Likörchen intus, würde einem zum Begriff Energy Balls mit Sicherheit viel Lustiges einfallen. Er gibt mir die milde Warnung mit auf den Weg, dass ihm beim Sesam die Hand ein bisschen ausgerutscht ist und dadurch die Walnuss geschmacklich vielleicht etwas verdrängt wird. Doch der Sesam respektiert die Verdrängungsgrenze, kleine beißbare Schokoladenstücken in all dem gesunden und feinen Drumherum sorgen für erhöhte Gaumensympathie, und wir zehren neben dem Genuss zum Kaffee in der darauffolgenden Stunde von einer Extraportion Durchhaltevermögen.

Das markante Gebäude übrigens ist nicht ruinös und diente einst als Getreidespeicher für das Gut, in dem die Getreideernte mit hoher Raffinesse getrocknet werden konnte – mittels durch die Luft rieselnden Korns. Später wurde der Speicher parallel auch als Wasserturm genutzt. Überall um ihn herum trifft man auf alte Schmalspurgleise, über hundert Jahre alt und teils kaum noch zu sehen, versunken im märkischen Staub. Welche die leicht entrückte Atmosphäre dieses besonderen Ortes noch gut unterstützen. Auch der heutige Rad- und Fußweg entlang der Chaussee verläuft auf einer alten Trasse der Feldbahn, die viele Arbeiten auf dem Gut erheblich erleichtern sollte und das wohl auch tat.

In Hobrechtsfelde
In Hobrechtsfelde

Durch eine passierbare Pforte verlassen wir das Ortsgebiet in die östliche Waldweide und müssen nun aufs Neue mit freilaufenden Bullen rechnen, konkret aber auch mit schöner Steinkunst am Weg und einladenden Rastbänken. Das relativiert die Warnung etwas, wenn auch der Blick geringfügig wacher bleibt als sonst. Die ersten Schauer sind jetzt eingetroffen und sorgen für das Zücken der Schirme und eine kurze Luftwäsche. Nötig gewesen wäre das nicht, doch schön ist es allemal, wenn alles gleich noch etwas stärker duftet.

Auf dem Druckrohrweg, bei Schönow
Auf dem Druckrohrweg, bei Schönow

Der aktuelle Reitpfad verpasst den Schuhen eine gründliche Außenreinigung, auf dem breiten Druckrohrweg können sie wieder etwas trocknen. Voraus baut sich vor der sonnenhellen Botanik eine imposante Wand aus tiefem Blau aus, doch ein wenig dürfte es noch dauern. Ein folgender Schauer fällt warnend schon etwas kräftiger aus, kommt mit Seitenwind und empfiehlt daher den Schutz einer Baumkrone. Was gegen nasse Hosenbeine hilft.

Schönow

Glatter Boden unter den Füßen ist auch mal wieder schön, ein paar hübsche Häuser und Gärten gibt es zudem zu sehen. Ein Schleichpfad gewährt in gebückter Haltung den umweglosen Durchlass zur Landstraße und damit zum Südrand der Schönower Heide, ein weiterer Pfad lässt direkt ein. Sofort wird es sandig, und wie erhofft leuchtet gleich das erste Büschel Erika in voller Blüte, etwa so groß wie ein zusammengerolltes Pony. Das wird zum Blickfang einer Pause direkt auf Sand, in der die Sonne strahlt und wärmt. Etwas rechts verläuft eine wunderschöne, breite Birkenallee aus unbekannten Gründen.

Madame Calluna Vulgaris in schönster Blüte und aus der Mistkäferperspektive, Schönower Heide

Wir stoßen auf den Heidepfad, den ausgeschilderten und breiten, der entlang eines Zaunes sofort in die Vollen geht. Links und rechts des Weges blüht flächendeckend die Heide, rechts tut sie das hinter dem Zaun des Wildgeheges, was auf Sichtkontakt mit Tieren hoffen lässt. Kurz vor dem kleinen Aussichtsturm, der leicht im starken Winde ächzt, bietet sich ein fast vollkommenes Bild mittel- bis nordskandinavischer Tundra. Zwei kapitale Hirsche schlendern am Ufer eines kreisrunden Weihers entlang, unter sich die blühenden Kissen des Heidekrauts. Mufflons, Rehe und die anderen sehen wir leider nicht, doch einige von ihnen sicher uns.

Die dunkle Wand hat freundlicherweise noch bis hier gewartet, die Hirsche konnten trocken abgelichtet werden und ohne Hektik, doch jetzt ist es nur recht und billlig, dass es plötzlich losbricht – und diesmal auch ernst meint. Nun rächt sich meine Nichtbereitschaft, die Regenhose heut schon einzupacken, denn der Schirm deckt nur den Oberkörper ab. Auch Baumschutz hilft nur wenig, es kommt einfach zu seitlich. Und ein schnelles Ende, sprich Licht am Horizont, ist dieses Mal nicht auszumachen.

Tundra im südlichen Lappland (oder Schönower Heide)
Tundra im südlichen Lappland (wahlweise: Schönower Heide)

Pragmatische Wegwahl verschafft etwas Wetterschutz, und wir erreichen mit nassem Hosenbein und klatschnassem Schuh den Radweg entlang der Landstraße, wo es nun direkt von vorne prasselt. Doch beim Abzweig nach Hobrechtsfelde ist auch dieser Regen alle, das nenne ich Glück.

Der Radweg zweigt nach rechts ab in eine Allee, die bis zum Waldrand vor Schönerlinde eine Lindenallee sein wird, also fast eine Stunde lang. Die Sonne strahlt, als wäre nichts gewesen, doch die Landschaft trieft und dampft. Einige Kühe schauen trotz ihrer langärmligen Lederjacken grimmig drein, von hinterm Zaun, nur gut. Am geladenen Zaundraht hängt ein Schild, darauf steht „Power-Zaun“. Das lässt an die Energy Balls denken, die es keine zehn Minuten von hier gibt. Doch deren Wirkung hält noch an.

Lange Lindenallee nach Schönerlinde
Lange Lindenallee nach Schönerlinde

Der schnurgerade, sehr direkte Weg nach Schönerlinde könnte trotz aller Naturnähe langweilig sein oder, freundlicher gesagt, meditativ. Das ist er aber nicht, da auch jetzt alle paar hundert Meter die Art des Waldes oder der Weide wechselt, das Auge stets was Neues zu entdecken hat. Zwischendurch lassen die Schilderbäume darüber staunen, dass sich an manchen Stellen drei Bahnhöfe der Berliner S-Bahn in gut erreichbarer Entfernung befinden.

Die Wolken meinen es gut, bis die Kirche von Schönerlinde erreicht ist. Die Beine miezen schon, da die letzte Stunde doch eher ein Lauf gegen die Zeit war als reiner Spaziergenuss. Hose und Schuhe sind wieder halbtrocken, der nächste Schauer hängt oben schon bereit und die Stadt, das Ziel ist nah. So nah, wie eine Druckleitung vom Stadtherz bis zum Stadtrand lang ist. Gut, dass es Menschen wie James Hobrecht gab.

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn nach Schönerlinde, stündlich ab S-Bhf. Karow
alternativer Zugang von S-Bhf. Zepernick (ca. 1,5 km Zuweg zur Tour)

Anfahrt Pkw (von Berlin):
A114 (Stadtautobahn), Ausfahrt Schönerlinder Straße oder einfach über Französisch Buchholz nördlich Richtung Wandlitz bis Schönerlinde

Tourdaten: Länge ca. 16 km, Teilung bzw. Abkürzung sehr gut und vielfältig möglich

 

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6nerlinde

http://agrar-hobrechtsfelde.de/

http://www.gut-hobrechtsfelde.de/

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/natur_gruen/naturschutz/schutzgebiete/de/pflege_entwicklung/beweidung/hobrechtsfelde.shtml

http://www.schoenower-heide-verein.de/

Einkehren:

Zum eisernen Gustav, Französisch Buchholz (sehr gemütlich, hervorragendes Essen, freundlicher Service)
an den S-Bahnhöfen Röntgental und Zepernick gibt es Restaurants und Cafés

Brieskow-Finkenheerd: Wechselbäder, Oderweiten und der Kanal an der Schlaube

In seltenen Fällen kommt es vor, dass ein Tag von starken Kontrasten bestimmt ist, gewissermaßen über Stunden ein intensives Wechselbad grundverschiedener Eigenschaften bietet. Diese können die Landschaft, aber auch die durch sie erzeugte Stimmung betreffen. Spannend ist das immer, und manchmal bringt es Durststrecken für die Augen oder Beine mit sich. Doch der nächste Wechsel kommt bestimmt.

Müllrose

Durch den milden Sommertag stoßen wir weit gen Osten vor und erreichen schließlich Müllrose, ein hübsches Städtchen am Wasser etwas südwestlich von Frankfurt an der Oder. Eines der am meisten pittoresken Bachtäler in Brandenburg ist das der Schlaube. Diese pausiert hier im Großen Müllroser See und lässt sich nach Passieren der eindrucksvollen Mühle auf ein Techtelmechtel mit einem betagten Kanal an, der die zutiefst romantische wildnatürliche Schönheit des Schlaubetals auf seine eigene Weise aufgreift. Sehr erfolgreich und nahezu ebenso einzigartig.

Ernst-Thälmann-Straße in Finkenheerd
Ernst-Thälmann-Straße in Finkenheerd

Nach der Anfahrtspause am Müllroser Markt führt ein verträumtes Sträßchen durch stille Dörfer, die teils ineinander übergehen. Dabei umspielt die Straße den Kanal, dass es fast schon liebevoll wirkt. Wenn man all das mit etwas Muße unter die Lupe nimmt, kann man es ihr nicht verübeln.

Brieskow-Finkenheerd

Vorbei an zahlreichen Höhenstufen ist über Schlaubehammer und Groß Lindow bald Brieskow-Finkenheerd erreicht, ein odernahes Stadtdorf mit zwei Bahnhöfen und einer eigentümlichen Ausstrahlung. In den meisten Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Leben hier von einem Heizkraftwerk bestimmt. Diesem sind paradoxerweise auch die beiden bezaubernden Seen Helenesee und Katjasee zu verdanken, ehemalige Tagebaue, die ein paar Fahrradminuten westlich liegen und so klar wie tief sind.

Haus am Kanal am Rand von Brieskow-Finkenheerd
Haus am Kanal am Rand von Brieskow-Finkenheerd

Brieskow liegt direkt am Kanal und ist als Dorf noch zu erkennen. Finkenheerd, seinerzeit nur kleines Anhängsel von Brieskow, erweckt den Eindruck einer durchgeplanten Zweckanlage und scheint schnell in die Größe gewachsen zu sein, vielleicht zu schnell. Es wirkt ein wenig wie eine kleine Ausführung gelungener sozialistischer Planstädte mit ihren durchdachten Straßenzügen und sorgsam eingefügten Grünflächen, doch wurde offenbar nicht daran gedacht, entlang der Straßen Bäume zu pflanzen. Das geht auf Kosten der Behaglichkeit. Bedingt sicherlich auch durch die Nachwendezeit wirkt die Bausubstanz uneinheitlich und wenig aufeinander abgestimmt.

Finkenheerd liegt auf einem kleinen Hochplateau und ist mittlerweile vielfach größer als Brieskow selbst, beide gehen nahtlos ineinander über, und irgendwie fehlt dadurch eine Mitte, ein Kern oder ein Kiez. Eine schnurgerade Straße führt sachlich und von hohen Laternen gesäumt einmal von Nord nach Süd, unterbrochen nur durch den kleinen Kreisverkehr, an dem eine gut gepflegte Bergbau-Lok mit drei Loren als Denkmal vergangene Zeiten wachruft.

Schwanenfamilie auf dem Kanal, Weißenberg
Schwanenfamilie auf dem Kanal, Weißenberg

Hinter den letzten Häusern fällt die Straße spontan ab und durchquert einen kleinen Grünzug. Unterhalb des Weges liegt noch einmal etwas tiefer ein von Seerosenblättern bedecktes Wasser, vermutlich ein Kanal. Kurz darauf durchschreitet man an einem rostigen Tor zum Gelände des Heizkraftwerkes eine Art Weltenschleuse und geht nun auf einem Radweg entlang dieses Kanales, inmitten tiefster dichter Natur, grün und nochmal grün. Als sollte der Mangel an Bäumen jetzt mit einem Mal ausgeglichen werden. Okay, akzeptiert.

Hindurch unter der Bahnbrücke mit ihrer historischen Ausstrahlung, hier verkehren die Züge zwischen Frankfurt an der Oder und Eisenhüttenstadt, wahlweise auch weiter bis nach Cottbus an der Spree. Eine neue Umfahrung des Ortes entlang der Bahn ist in Arbeit und macht einen soliden Eindruck. An der Landstraße wechseln wir an einer alten Schleusenkammer auf die andere Kanalseite und lesen, dass das hier der Friedrich-Wilhelm-Kanal aus dem 17. Jahrhundert ist, damals die allererste Verbindung zwischen Oder und Spree.

Altes Schleusentor bei Weißenberg
Altes Schleusentor bei Weißenberg

Der relativ flache Kanal bietet ein Bild höchster Industrieromantik, die hier auf Kilometern Länge direkt mit Naturromantik verschmilzt. Die flachen Böschungen der Ufer sind üppig bewachsen, das Kanalwasser tiefschwarz und dabei glasklar. Der Grund ist flächendeckend lose bewachsen von verschiedensten, durchweg sympathisch wirkenden Wasserpflanzen, nicht also von schlierigen Algen und dergleichen. Man ist gewillt, sich direkt ans Ufer zu knien und ohne Hilfe der Hände einen Schluck zu nehmen. Allein eine dieser Stellen hier am Kanal wäre schon die lange Anreise wert gewesen – die weiten Flickenteppiche des See- und Teichrosenslaubs mit ihren eingestreuten Blüten in Gelb und Weiß steigern noch die Ruhe, die der Kanal ohnehin schon ausstrahlt.

Die kleine Straße hier am südlichen Ufer ist zum Teil mit schon größeren Bäumen bestanden, die Wurzeln zapfen vermutlich direkt aus den Kanal. Stellenweise schlagen auch wieder baumlose Phasen durch und erinnern an den Beginn der Tour, doch der gleich rechts liegende Kanal macht das locker wett. Bei Weißenberg passieren wir die dortige Schleusenkammer, eine von den wenigen, die noch nicht aufgefüllt oder teilaufgefüllt ist. Das Wasser fällt hier noch die Höhenstufe herab, träge zwar, doch auf jeden Fall eindrucksvoll. Die Flügel des Schleusentor sind faktisch geschlossen, in der Tat sind einige der diagonal verbauten Hartholzbohlen über die Jahre oder Jahrhunderte weggemorscht und ergeben ein liebenswert-morbides Bild – es ist eines meiner Lieblingsfotos, schon seit Jahren.

Nordwand der Klixmühle
Nordwand der Klixmühle

Auf der anderen Seite liegt in Weißenberg der Sportplatz, wo jedes Jahr im August das Open Air Groß Lindow stattfindet, dieses Jahr zum 19. Mal. Dann reisen hier immer zich Leute mit Zelten an, viele davon gleichermaßen bärtig und bäuchig, und lassen sich durch die Musik in schwelgerische Stimmung versetzen an diesem schönen Ort zwischen Wald und altem Kanal. Vor einigen Jahren war als größter Name Mungo Jerry plakatiert, dessen entscheidender Hit „In the summertime“ auch heute noch weltweit geläufig ist. Nicht das schwül-sehnende „… in the Summertime …“ im Refrain (das waren The Kinks mit „Sunny afternoon“), sondern das stampfend-rollende gleich in der ersten Zeile des Liedes. Beide britisch und nur vier Jahre auseinander liegend, das ältere fast 50 Jahre alt. Mungo Jerrys Frontmann Ray Dorset war äußerst markant durch seinen fast kopfumschließenden kugelrunden Helm aus dichter Afrowolle, der aus heutiger Sicht ein von Herzen kommendes Lächeln verursacht. Naja, jedenfalls hatten wir damals ein paar Takte vom Soundcheck mitbekommen und natürlich auch die entscheidende Zeile. Und das blieb irgendwie prägend als Erinnerung an Groß Lindow.

Klixmühle

Der nächste Uferwechsel folgt an der Klixmühle, einst eine Sägemühle, deren Ruine noch klar vermittelt, wie schön das Ensemble mal aussah. Das Gemäuer rund ums Mühlrad ist noch vollständig erhalten, doch das Wasser der Schlaube stürzt jetzt ungehindert eins tiefer.

Kanalverbreiterung an der Klixmühle
Kanalverbreiterung an der Klixmühle

Hinter der Mühle weitet sich das Kanalwasser zu einem länglichen See, der sogar über eine Insel verfügt. Fast alles ist von den großen festen Blättern der Seerosen bedeckt, so dass die zahlreichen Enten nur im zarten Dauerslalom vorankommen. Was ihrer entspannten Ausstrahlung nach jedoch auch mit Lustgewinn einhergeht. Ein schattiger Spazierweg liegt unterhalb des nördlichen Uferhanges, gegenüber grenzen die Wiesen riesiger Grundstücke ans Wasser, und einige dort haben diese Chance angemessen genutzt.

Groß Lindow

Im Herzen von Groß Lindow liegt eine weitere Höhenstufe des Kanals. Die alte Schleusenkammer ist komplett mit Erde aufgefüllt, doch aus der Wiese ragen knöchelhoch noch die alten, abgerundeten Mauern des Schleusenbeckens heraus – ein Anblick von zurückhaltender Eindrücklichkeit. Heute lässt sich hier sehr schön eine Rast einlegen. Oben quert die Landstraße und führt vorbei am Gasthaus mit seiner schönen kleinen Außenterrasse  den Wasserlauf. Auf dem breiten Kanalsee liegt ungemein pittoresk die Treidelfähre, ein zauberhafter alter Kahn, der nirgendwo schöner aussehen könnte als genau hier. Das lange Gefährt legt am Wochenende und auch an den Tagen davor zu Fahrten auf dem Friedrich-Wilhelm-Kanal ab, auf denen niemand hungern muss.

Weg entlang des Friedrich-Wilhelm-Kanals, Groß LIndow
Weg entlang des Friedrich-Wilhelm-Kanals, Groß LIndow

Ein paar Höhenmeter weiter oben steht eine enorm alte Linde, vielleicht die namensgebende für den Ort. Ein wahres Spinnennetz von Abspanngurten ist in der knorrigen Krone entstanden und gibt alles, um den Riesen im Gleichgewicht zu halten. Etwas daneben befindet sich die kleine Kirche des Ortes, der Platz dazwischen ist schön gepflastert worden. Vorbei an steinigen Gärten verlassen wir Groß Lindow durch eine kühle Waldsenke, wohltuend mittlerweile, denn der Tag hat an Sommerwärme zugelegt. Vorbei an Bungalow-Siedlungen mit wohlklingenden Namen führt die Straße in den Wald, lichter Kiefernwald mit dem entsprechenden Duft, einem zutiefst märkischen. Etwas Wind geht durch die Stämme, ein paar Zapfen knacken unter den Sohlen und die obligatorischen Ameisenkolonnen verrichten ihr Tagewerk. Links im dichten Wald schlängelt sich die Schlaube durch das Unterholz, doch das weiß nur, wer auf die Karte schaut.

Rechts öffnet sich eine Lichtung, die gänzlich einer Handvoll Pferde zur Verfügung steht. Einige tragen knöchellange Mäntel in hellem Grau, vielleicht eine Reha-Maßnahme. Alle scheinen sich hier wohlzufühlen. Ein sandiger Weg führt zwischen wetterblondierten Weidezäunen zu einem Gehöft, das recht beiläufig die Lichtung beendet, bevor erneut die Bahn unterquert wird. Direkt davor steht ein Stück nagelneue breite Straßenbrücke, einsam noch und ausschließlich gradlinig, doch großartig in Szene gesetzt durch orangene Baufahrzeugboliden und blauweiß-zerfaserten Himmel. Wie der maßlos übertriebene Buddelkasten eines verwöhnten Jungen, der nie etwas zu Ende buddelt. Wie aus Trotz ist die Bahnunterführung besonders rundbogig und gemauert aus gebrannten Ziegeln, ewig haltbaren.

Treidelkahn in Groß Lindow
Treidelkahn in Groß Lindow

An der eilig befahrenen Bundesstraße schickt ein Rocker auf seinem Bike ein klares Kompliment an eine Blondgelockte zu Fuß, indem er die Auspuffklappe kurz öffnet und es zwei Sekunden rüpelig knattern lässt. Schnell rüber und gleich wieder in den Wald eingetaucht, vorbei an einigen Häusern in fast etwas spektakulärer Hanglage. Von oben auf der Anhöhe klingt es so, als ob ein schöner alter Dampfer heißen Dampf durch seine heulende Pfeife jagt.

Kurz darauf öffnet sich voraus die Landschaft in berauschende Weite. Was aussieht, als ob weiter hinten die See ihre Wellen anbranden oder von mir aus auch die Wattwürmer ihre vergänglichen Löcher in den Fußboden bohren lässt, sind die entwässerten Flächen einer Art südlichen Oderbruchs. Große Teile davon sind Totalreservate, grenzend an einen Oderstrand, dessen Linie an diesen Stellen besonders verspielt ist.  Als wir am Waldrand unterhalb des Hanges abbiegen, klärt sich der Dampfer von eben – oben gibt es eine Kuhwirtschaft, von wo der Ton entstammte. Wo die Kuh das wohl gelernt hat …

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Pferde auf der Waldlichtung

Wiesenau

Vorbei an weiteren Ställen für Tiere mit Wolle und auch Ringelschwänzen erreichen wir Wiesenau. Auch hier gibt es kaum Straßenbäume, so dass der Verdacht kommt, dass es dafür einen guten Grund geben muss. Vielleicht hat es mit der Flutgefahr zu tun. Das Gasthaus hat gerade geschlossen, sonst wäre jetzt ein guter Zeitpunkt für ein kühles Getränk. Stattdessen legen wir am Denkmal hinter der Kirche eine schattige Pause für die müden Beine ein.

Im Storchennest am Ortsausgang versuchen sich drei schon ausgewachsene Neustörche mit dem wenigen Platz im Nest zu arrangieren und wissen nicht, wohin mit den großen Schnäbeln. Diese und auch die Beine sind noch grau, rote gibt es erst nach der Jugendweihe. Am Ortsrand kommen uns leise schnatternd vier verschiedenaltrige Mädels entgegen, das kleinste hoch auf einem Pferd und alle etwas rosa angezogen.

Einsame Überführung im Sande
Einsame Überführung im Sande

Was jetzt kommt, lässt sich je nach Betrachtungswinkel als eine der oben erwähnten Durststrecken betrachten. Oder als meditativer Einschub. Oder als Gelegenheit, mal schön auszuschreiten. Mit müden Beinen fällt die Entscheidung zwischen den Optionen schwer, letztlich siegt der Genuss der Weite. Gut drei Kilometer führt die vor uns liegende Straße jetzt schnurgeradeaus Richtung Oder, und theoretisch könnte man den Geist aus und den Autopiloten einschalten und wahlweise ein Schläfchen einlegen. Doch viel zu schön ist die Suche am Horizont nach Kirchen am polnischen Ufer voraus und dem gewaltigen Hochofen von Eisenhüttenstadt im Süden. Viel zu angenehm auch das Rauschen in den hochgewachsenen Pappeln, die allein dadurch ein Gefühl der Erfrischung ins Spiel bringen. Fast kein Auto ist unterwegs und man hat hier nichts auszustehen. Weit voraus lässt die Wärme die Luft über der Straße flirren und nicht daran zweifeln, dass dort die Prärie liegen muss.

Blick auf Wiesenau
Blick auf Wiesenau

Schön ist es dann doch, als wir am verschlafenen und seltsamerweise froschlosen Freiwasser links abbiegen und es nun schottrig unter den Füßen knirscht. Tatsächlich fließt das pflanzenreiche Gewässer ein wenig, wie sich am folgenden Wehr herausstellt. Die Felder hinterm anderen Ufer sind schon abgeerntet und stoppeln schwedenblond, links des Weges ist der Raps herangereift und bietet unzähligen Vögelchen Jagdrevier, Versteck und Spielwiese. Hinter einem kleinen Wald wiegt sich eine strohleuchtende Wiese im trägen Wind, aus der Hörner herausragen. Da muss sie wohl recht hoch sein, diese Wiese. Oder die Ziegen an den Hörnern kurzbeinig. Eine letzte Holunderblüte reckt sich halb gen Himmel, und auch ein später Kuckuck ist noch zu vernehmen.

Piepmatz im Raps
Piepmatz im Raps

Nach Verlassen des Freiwassers führt eine junge Lindenallee direkt auf den hinteren Oderdeich zu, der beachtlich hoch ist. Am Schöpfwerk angebracht ist eine dieser Marken, die zeigt, wie hoch das Oderwasser vor 18 Jahren stand. Und lässt den Mund offenstehen. Doch vorstellen kann man sich die Dimensionen trotzdem nicht. Wahrscheinlich nur, wenn man es selbst gesehen hat.

Ein kleiner Schleichweg führt hinauf zur Straße. Die Fisch-Gaststätte hier ist eher für die Mittagszeit gedacht und hat leider schon geschlossen. Doch auf der Hinfahrt fiel ein Schild auf, nur ein paar Dörfer weiter. Also schnell zurück zum Ausgangspunkt und dann direkt dort hin, auf der schönen stillen Straße. Hinter Groß Lindow kommt gleich Weißenspring und hier die Gaststätte mit dem schönen Namen „Zum kühlen Strande“, der nichts verspricht, was er nicht halten würde.

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Entlang des Freiwassers nach Brieskow

Was wir jetzt brauchen, all das finden wir an diesem Ort und noch weit mehr – hinten die Terrasse liegt in einem schönen Garten, mit breiter Feldsteintreppe hinab zur Uferwiese am Kanal. Der blaue Erntetrecker gegenüber ist noch immer tüchtig, das Wasser des Kanals so klar und schwarz wie schon den ganzen Tag und dort am flachen Grunde tummeln sich die Abendfische.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Frankfurt/Oder nach Brieskow-Finkenheerd/Kraftwerk (knapp 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin):
(ca. 1,5 Std.) reizvoll über Müllrose: Autobahn Richtung Frankfurt/Oder, Ausfahrt Müllrose, dann in Müllrose am Kanal links und gleich wieder rechts auf die Landstraße Richtung Brieskow-Finkenheerd (viele Parkmöglichkeiten im Ortsgebiet);
direkt: Autobahn Richtung Frankfurt/Oder, Ausfahrt Frankfurt/Oder Mitte, dann Richtung Eisenhüttenstadt

Tourdaten: Länge ca. 20 km, Teilung bzw. Abkürzungen gut möglich

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.muellrose.de/

http://www.brieskow-finkenheerd.de/

https://de.wikipedia.org/wiki/Kraftwerk_Finkenheerd

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich-Wilhelm-Kanal

www.youtube.com/watch?v=yG0oBPtyNb0
(Mungo Jerry – In the summertime (Video))

Einkehrempfehlung:
Zum kühlen Grunde, Groß Lindow OT Weißenspring (gemütliche Gaststätte mit herrlichem Garten hinten zum Kanal raus, gutes Essen, faire Preise)(Tel. 033609/876)