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Grunow: Das Sophienfließ, der See in türkis und die senkrechten Schachbretter

Endlich kam der Regen. Nach endlosen Wochen von Trockenheit und extremer Hitze gab es nun wirklich ein erlösendes Gewitter, das sich von Frankreich aus auf den Weg machte und als langgezogener Süd-Nord-Riegel einmal übers ganze Land zog. Während es im Südwesten marodierte und einigen Schaden anrichtete, erreichte es den Nordosten bereits ermattet und zeigte sich hier unentschlossen und effektheischend. Stand irgendwann wieder auf festen Beinen und gab dann endlich dem staubigen, teils knochentrockenen Land einige kurze, doch hilfreiche Güsse. Alles mit Wurzeln im Boden erhielt eine umfassende Erfrischung und die Hoffnung auf etwas mehr in der folgenden Woche. Auch alle wurzellosen Lebewesen konnten nun aufatmen und ein paar kreislaufschonenden Tagen entgegensehen mit Temperaturen in den Zwanzigern, nachts schon fast darunter.

Im Tal des Sophienfließes

Abgesehen von der normalisierten Temperatur ist auch sonst zu spüren, dass die Jahreszeit mit den längsten Tagen ihren Zenit überschritten hat. Jedes Jahr aufs Neue gibt es dann wieder dieses besondere Licht, das geschaffen wird von schnellziehenden Wolkenbergen vor kräftiger Sonne und den ersten Lücken im Laub der hohen Bäume. Schon am Nachmittag sorgt der deutlich tiefere Sonnenstand für dieses warme Gold, die langen Schatten für mehr Lebendigkeit in allen Gestalten der Landschaft.

Während die bunten Blumen und Gewächse des späten Sommers sich stille Gefechte liefern um schönste Farbenpracht und maximale Sättigung, mischen sich zwischen die würzigen Düfte des ersten gefallenen Pappellaubs schon die fruchtigen, leicht beschwipsten aller Früchte, die vom Wind oder von den Bäumen selbst abgeworfen wurden. Kleines wildes Murkelobst mit pflaumengroßen Birnen und kirschengroßen Pfläumlein, doch das Aroma dieser Früchtchen strahlt aus mit der Kraft eines Konzentrats. Als drittes im Bunde mischen sich noch die knallblonden Strohrollen dazu, die gut verteilt auf den stoppeligen Feldern parken. Die Duftmischung im Ganzen vermag es, bei manchen sehnliche Vorfreude auf den nähergerückten Herbst zu wecken.

Im Schlosspark Buckow

Gut geeignet für diese Zeit um Spätsommer und Frühherbst ist die bezaubernde Gebirgslandschaft der Märkischen Schweiz mitsamt den Dörfern drumherum – so zumindest zeigt es die Erfahrung. Argumente und Begründung bleibe ich schuldig, dem Textvolumen zuliebe. So gesehen trifft es sich gut, dass Buckow mindestens einmal im Jahr lautstark im Gedächtnis anklopft und sich bemerkbar macht, bestimmt und kaum verhandelbar. Dieses scheinbar gemalte Städtchen zwischen dem türkisesten aller märkischen Bergseen und einer der gelungensten Reliefeuphorien im Land Brandenburg. Beim Spaziergang durch die Stadt trifft man auf viele Bilder und Stimmungen, die eigentlich nur von romantisch übertriebenen Gemälden unglücklich verliebter oder naturversessener Pinselkünstler stammen können. Doch alles ist echt, und man darf es sich anschauen zu jeder Zeit und so oft man kann und möchte. Wenn es Text wäre und nicht Bild, wäre es an einem Tag wie heute wohl komplett fettgedruckt.

Grunow

Grunow ist eines der genannten Dörfer und liegt fünfzig Meter über dem Schermützelsee. Es wird umwogt von langfrequenten Landschaftswellen, die für ein regelmäßiges Auf- und Ab sorgen und mit sanftem Fingerzeig betonen, dass es ins Gebirge geht. Das Dorf liegt mittagsstill und scheint den ersten hitzefreien Tag dankbar aufzusaugen. Eine Katze muss nun keinen kühlen Stein mehr suchen, heut tut es auch ein simpler Schattenplatz am Fuß des Apfelbaums. Weiter hinten bewegen sich drei Ferienmädchen Richtung Dorfrand, wahrscheinlich zu den Pferden hin. Offen bleibt, ob sie rosa Schleifen im Gepäck führen oder Zuckerwürfel, doch sie bewegen sich bogenreich und etwas ruckhaft, da ein drittes Fahrrad fehlt. In irgendeinem Garten kommt viel zu spät ein klobiger Köter ans Gittertor gerannt, scheinbar noch mit der Hitze der letzten Tage im Gehirn. Am Dorfausgang ist dann alles still, und so hört man von Ferne das Schnauben der Pferde. Etwa genauso laut sind die nahen Hummeln auf der bunten Wiese hinterm letzten Haus.

Dorfstraße in Grunow

Dann öffnet sich die große Weite mit ihren sanften Hängen, angenehm durchbrochen von kleinen Waldstücken, hochgewachsenen Pappelreihen und feuchten Senken, in denen alles grün oder noch etwas grüner ist. Von links nähert sich ein kleiner Wasserlauf, der trotz der zähen Dürre etwas Wasser führt. Das Fließvolumen reicht von daumendick bis beinlängenbreit, doch niemals steht es still, das Sophienfließ. Dass es etwas versteht von Naturromantik, beweist das Bächlein bereits ein Dorf stromaufwärts in Prädikow. Wie sich auf dem Rückweg zeigen wird, baut es dieses Talent bis zu seiner Mündung in den Schermützelsee eindrucksvoll aus.

Hügelwiesen am Sophienfließ bei Grunow

Ein gutes Viertelstündchen hält uns das Fließ die Treue, doch im ersten längeren Anstieg plätschert es weiter seiner Wege Richtung Osten, bleibt lieber unten. Eine gute Entscheidung, insbesondere wenn so wenig Wasser zur Verfügung steht wie in diesem Sommer. Oben quert ein verträumter, breiter Weg. Links in den Büschen ist ein stattlicher Haufen Feldsteine mit Größen von Apfel bis Kürbis am Zuwachsen. Den sollte man sich merken, falls Muttern mal wieder ihre Beete umgestalten will.

Am Wiesenpfad vor Bollersdorf

Beide Richtungen des Weges locken, doch geradeaus der Weg nach Bollersdorf ist frisch gemäht und heute gut zu gehen, daher mehr als einladend. Der Weg läuft bald zu einem Pfad ein und kann zeitweise ziemlich krautig sein, notfalls lässt sich die Passage einfach westlich umgehen. Doch dieser knappe Kilometer ist lohnend. Zum Dorf hin und zum alten Wirtschaftshof gibt ein verlandeter Weiher mit Feuchtgebiet allen in der Nachbarschaft von seinem Safte ab und sorgt damit für einen breiten Schilfgürtel mit lautstarkem Leben. Bis zum Pfad hin reicht sein Einfluss, und so hat sich hier im Sommer ein farbenfroher und stengeldicker Blührand entwickelt, in dem es goldgelb strahlt von den hochgewachsenen Goldruten, hell- und dunkelviolett von Kletten und Disteln und in seven shades of white von allem möglichen Gewächs.

Dorfteich in Bollersdorf

Ob all jene, die summen, brummen und flattern, nicht mehr so wählerisch sein können wie im späten Frühling oder es sich wirklich um Blüten handelt, die wohlgelitten sind unter Insekten, oder ob diese Nektarspender einfach das Obst der Saison sind für Leute, die es regional bevorzugen – hier ist richtig Betrieb. Nicht nur die Zahl der Schmetterlinge ist groß, sondern auch ihre Vielfalt, und dazwischen tummeln sich die Hummeln, auch noch Bienen und basslastige Hornissen sowie allerhand kleinere Teilnehmer wie Käfer und Fliegchen. Angesichts des verstörenden Problems der schwindenden Insekten lässt sich nicht aufatmen, auch wenn man gerne würde. Doch es stimmt zuversichtlich, wenn man direkt sieht, was so ein stehengelassener Meter Feldrand bewirken kann. Insbesondere in diesem insektenarmen Sommer, wo man die Wespen eher am Wasserhahn antrifft als auf der Himbeertorte.

Hinter Bollersdorf

Bollersdorf

Allein dieser Kilometer wäre die Anreise wert gewesen, und so ist es schade, dass er trotz allen Herauszögerns irgendwann endet. Doch auch Bollersdorf hat dem Auge viel zu bieten, zumal man mitten durch den großen Dreieinhalbseit-Hof gehen darf und mitverfolgen, wie aus verfallenden Scheunenhäusern wieder Prachtstücke werden oder stattliche Sonnenblumen aus betagten Backsteinfugen wachsen, im schönsten Kontrast. Vorn an der Kirche machen gerade zwei Jungs mit Rädern eine Tourbesprechung, kurz darauf bei der Pause am Dorfteich fragt uns von hinten jemand aus seinem Pickup heraus, ob er hier zur Pritzhagener Mühle kommt. Auf dem Teich wechseln die Enten besonnen von hier nach da, ein dicker Fisch prahlt mit seiner Rückenflosse, bis wir endlich hinschauen, und sogar eine ganze Reihe Schwalben sausen noch dicht überm Wasser herum, ohne Laut und voller Anmut.

Obstallee hinter Bollersdorf

Ein paar Meter weiter schmeißt eine grantige Hexe jeden aus dem Dorf, der zu lange auf ihr Häuschen stiert, und so finden wir uns gleich darauf vor der absteigenden Straße, die hinab zum größten Bergsee der Märkischen Schweiz führt. Doch rechts steht eine sehr anziehende Reihe von Apfelbäumen auf der Höhe und ist stärker. Mit herrlichem Blick auf die bewegten Wälder der Höhen und Täler gegenüber lassen sich hier verschiedene Apfelsorten verkosten, die teils schon rotbackig sind. Nach dem Abbeißen bleibt eher eher ein schiefes Grinsen als ein genießerisches Ah – einzwei Wochen sollten sie noch reifen. Zwischen den Bäumen ragen unverwüstlich die wuchtigen Ventilstutzen der alten Bewässerung aus dem hohen Gras. Auf der zweiten Hälfte der Obstallee geht es weiter mit Pflaumen, die fast schon blauschwarz sind, groß und durchaus aromatisch, doch etwas Reife und Saft fehlen auch hier noch. Für die tägliche Dosis Vitamin C und ein paar andere empfohlene Tagesrationen sollte es jedenfalls gereicht haben. Untermalt wird die Sause von einem hintergründigen Chor zirpender Grillen.

Uferweg am Schermützelsee

Nach der Weite und dem freien Blick verschwindet der Weg abrupt im dunklen Wald, gut gemischt aus Laub und Nadel, damit würzig duftend und von diffusem Schatten. Das Gefühl von offenen Augen ohne Dunkelbrille ist nach der wochenlangen Dauersonne ähnlich weit weg wie das eines festen Schuhes am Fuß – und beides wohltuend. Schnell verliert der Weg an Höhe und lässt dabei auf ein paar Metern eine historische Pflasterstraße aus enormen Steinen sehen, wie man sie auch von der Sächsischen Schweiz kennt. Überhaupt läuft uns heute ständig die Oberbarnimer Feldsteinroute über den Weg, und bis zum Ende werden die Feldsteine häufiger als üblich Präsenz zeigen. Als Lesesteinhaufen am Feldrand oder im Gebüsch, als Straßenbelag oder als Bauklötzer für Häuser und Kirchen. Und natürlich ganz klassisch als imposanter Findling am Wegesrand.

Die Scherri vor Anker, am Badestrand von Buckow

Immer steiler wird nun das Gefälle, immer direkter der Abstieg, bis irgendwann die Wasserfläche durch die Stämme glitzert. Dieser schöne, ganz besondere See, der nur zwei Kilometer lang ist und dennoch zwei schöne weiße Dampfer beschäftigt, einen klassisch zu nennenden Badestrand anbietet und ein ganz passables Segelrevier. Unten beginnt der Uferpfad, der sich auf ganzer Linie so wild gebärdet, als wollte er einen abwerfen. Schön und wild ist er, reich an Treppen und steilem Auf und Ab. Zwischendurch lässt er den Spaziergänger spontan durch ein Bollersdorfer Bergdörfchen spazieren, das mit seinen steilen Stiegen, Streuobsthängen und Terrassengärten an die sächsische Elbe denken lässt.

Keramikscheune mit Biergarten, Buckow

Der Rundweg um den Schermützelsee darf als Legende und Klassiker im besten Sinne gelten, was pittoreske Bilder, umfassende Vielfalt und Naturromantik betrifft. Bei aller Kürze spendiert er eine der abwechslungsreichsten Seeumrundungen in ganz Brandenburg und konzentriert mit allen möglichen Variationen das Erlebnis- und Erholungspotential einer ganzen Urlaubswoche in sich. Am Gasthaus wird es wieder schattig, und wie auch am Stienitzsee zwei Täler weiter trifft man alle paar Minuten auf Quellwasser, das unterhalb des Hanges aus dem Boden sickert. Dieses frische Wasser landet neben dem des Sophienfließes im See und ist vielleicht ein Teil des Geheimnisses um sein kräftiges Türkis.

Wochenend-Idyll in Buckow

Buckow

Hinter einer Reihe geradezu hinreißender Ufergrundstücke oder solcher mit Seeblick steht als letztes das zuwachsende Haus Tirol und ruft Bilder auf, wie es hier im schönen Kurort mit eigener Bahnanbindung einmal zugegangen sein könnte. Worte wie Sommerfrische kommen in den Sinn, ferner Tanztee und Gymnastik sowie Badekleidung, deren Anlegen längere Zeit beansprucht. Gut zu diesen Bildern passt das Strandbad, in dem der Betrieb heute eher verhalten ist. Von Südwesten drückt ein wirklich strammer Seewind in die Bucht, der schaumgekrönte Inlandswellen aufhäuft und im Biergarten sogar die halbvollen Gläser in Schwingung versetzt. Die Mädels, die davon unbeeindruckt vorn auf dem Steg stehen und beim ausgiebigen Schwatzen leise schlottern im badenassen Textil, dürften wohl eher von hier sein und jeden Tag der Ferien am Wasser verbringen. Alle Kundschaft aus der nahen Großstadt hingegen hebt die Zähne beim Zehentest, reibt sich leicht gekrümmt die nackten Oberarme und zieht ein leidendes Gesicht am ersten Tag ohne brüllende Hitze. Beschwichtigende Worte folgen, begleitet von schiefgelegten Köpfen.

Kneipptretstelle am Schlosspark Buckow

Gegenüber des Strandes am Dampferanleger lockt eine steile Stiege hinauf zum Schlossberg, doch wir wollen unbedingt in den Ort, nach dem Rechten schauen und Energie nachlegen. Im alten Strandkiosk ist ein Trödel eingezogen mit buntem Sortiment, so dass ab hier ein großer blauer Krug dabei ist. In einem zillewürdigen Wochenendgarten wird ein Fest begangen. Alle, die uns entgegenkommen, strömen eben dorthin, in schönen Sommergewändern und entweder mit einem Blumenstrauß, einer Sektflasche in der Hand oder einer Kuchendose im Beutel. Manche tragen noch dazu ihr schönstes Lächeln im Gesicht, so eines ganz von innen, grundecht und entwaffnend.

Wir statten der Keramikscheune einen kurzen Besuch ab, die im letzten Jahr eröffnet hat. Vorn gibt es einen schönen Vorhof mit Platz für Feste, drinnen viel Platz und eine großzügige Bühne. Hinterm Haus legt ein schattiger Biergarten eine Pause nahe. Der zugehörige Eiskeller am Hang ist selbst mit Platzangst begehbar, denn der Deckel wurde entfernt.

Streuobsthänge hinterm Schlossberg, Buckow

Zwischen Mühle und Kirche tummeln sich bunt die Leute, und rund um die Brücke über den Stöbberbach gibt es drei Optionen zum Sattwerden für kleine und große Geldbeutel. Die schönsten Plätze direkt am Bach hat der Imbiss, wo eine erfahrene Dame seit langer Zeit den Kochlöffel und anderes Werkzeug schwingt. Ganz egal, wann man hier sitzt, fast immer wird gegenüber in der Stobbermühle geheiratet. Heute nicht, wahrscheinlich ist das Datum nicht ausreichend eingängig. Vorn am Marktplatz in der Eisdiele ist kein Stuhl mehr frei, doch etwas die Straße hinauf in Richtung Bahnhof gibt es ja das Eiskörbchen. Auch hier steht eine Schlange, die schnell und freundlich abgearbeitet ist. Die Eisleckbänke gegenüber sind voll, doch die Fluktuation ist groß und nach etwas Schmökern in der hiesigen Bücherkiste werden Plätze frei.

Bucklige Brücke übers Sophienfließ

Am Eingang zum Schlosspark liegt ein schöner Kräutergarten, in dem es neben der Wassertretstelle im Bach sogar ein Kneipp-Becken für die Arme gibt. Das mit dem Kältekribbeln nach dreißig Sekunden wird dieser Tage nichts, denn das frische strömende Wasser aus dem breiten Hahn ist allenfalls laukalt. Besser macht es eine Horde Kinder, die mit nackten Beinen durch den Bach stiefeln, sich unter der Brücke kaum bücken müssen und dahinter von den Beerenbüschen naschen. Das klingt nach einem schönen Ferientag, selbst wenn es für ein Bad zu frisch war.

Im gediegenen Schlosspark besteht reiche Auswahl an sonnigen oder schattigen Wegen, denn beides ist heute durchaus willkommen. Kurz vor dem Aufstieg entdecken wir links einen Pfad, der im humorvollen Slalom zwischen dickbauchigen Koniferen scharwenzelt. Der Aufstieg auf den Schlossberg ist dann weit moderater, als es die steile Treppe vorhin am Strand befürchten ließ, und oben gibt es einen der schönsten Blicke auf die kleine Gebirgswelt, mit Streuobstwiesen, Waldrandpfaden und Aussichtsbänken. Nach einem Stück Straße unterhalb sanfter Obsthänge und etwas Zickzack sind wir wieder am Sophienfließ, das uns komplett aus der Bilderwelt des bisherigen Tages reißt.

Pfad am Stauteich des Sophienfliesses

Sophienfließ

Der Kilometer bis zur Landstraße zählt wohl zum urigsten und am meisten pittoresken, was sich weit und breit finden lässt. Es ließen sich Vergleiche anstrengen zu Schluchten- und Bachtälern in echten Mittelgebirgen, zu Urwäldern, die im Großen und Ganzen sich selbst überlassen wurden. Etwas wie die Wurzelfichte musste einfach in diesem kleinen Tal stehen, schon die Worte scheinen einander zu bedingen. Die Wurzelfichte am Sophienfließ. Auch wenn von der Fichte nur noch das bizarre Wurzelwerk die Blicke auf sich zieht, seit ein namhafter Sturm den hochgewachsenen Baum umknickte, ist der Weg dorthin so verträumt, fast etwas abenteuerlich, dass man ihn in kleinsten Schritten gehen sollte. Damit er nicht so schnell vorbeigeht.

Auf und ab gebärdet er sich an den Talflanken, schickt seine Besucher mehrfach über betagte Knüppeldämme, die im aktuellen Zustand etwas mehr Trittsicherheit und gesunden Menschenverstand erfordern als sonst. Auch sie scheint man – wie den Urwald – in Ruhe zu lassen. Hier und da sorgen Dämme aus Kleinholz für Stauteiche, deren besonnter Grützteppich goldgrün schimmert, wie manche Eidechse im besten Licht. Andernorts treten eisenhaltige Quellen aus und sorgen für den goldbraunen Ton des fließenden Wassers.

Aufsteigender Weg von der Waldsiedlung

Kurz vor der Wurzelfichte ist das Bett des Fließes derzeit komplett trocken. Da es vor ein paar Minuten noch munter strömte und früher am Tag weiter nördlich etwas Wasser führte, geht das Wasser womöglich eine Zeitlang in den Untergrund. Dem Annafließ bei Strausberg geht es ähnlich. Doch auch ohne fließendes Sophienwasser ist sie ein ehrfurchtgebietender und anrührender Anblick, die riesige hohle Wurzelhand, die sich mit theatralischer Geste in den märkischen Sand krallt. Eher noch als das Glitzern der Wellchen fehlt das Plätschern. Ein gereimter Vers auf dunklem Holz umreißt kurz, was dem berühmten Baume widerfuhr.

Alleeweg nach Grunow

Grund zwischen den Weesenbergen

Nach dem Queren der talversunkenen Landstraße und ein paar Kurven steht wieder etwas stilles Wasser im Bachbett. Die Staudämmchen lassen nicht erkennen, ob sie jemand mit oder ohne Pelz erbaut hat, zumal vor einigen Jahren eine Renaturierung in Angriff genommen wurde. Ein paar Schritte später beginnt eine Pflasterstraße und ruft lose die Feldsteinthematik ins Gedächtnis zurück. Die Wochenendgärtchen in der bewaldeten Landschaftsfurche zwischen Kleinem und Großem Weesenberg sind wunderschön gelegen. Doch der Schlummer in Waldesruh dürfte für die nächsten Wochen passé sein, da in diesem Jahr nicht nur die Obstbäume übervoll mit Früchten hängen, sondern auch die Eichen. Bei einer Fallhöhe von acht Metern und zahlreichen Blechdächern vergeht keine halbe Minute ohne lautes Knallen. Nur ein Haus, zumal das malerischste hier, steht so mittig und ausreichend entfernt von den anderen, dass Schlafen bei offenem Fenster als Option bleibt.

Schafe bei Grunow

Der Schatten bleibt auch nach dem Ende des Waldes erhalten, denn die Bäume beiderseits der sanft geschwungenen Pflasterstraße stehen hoch und dicht. Am nächsten Abzweig ist der höchste Punkt erreicht und damit das Ende des Aufstiegs vom türkisen See. Zur Wahl stehen nun der direkte Weg nach Grunow oder ein weiter Bogen durch die sanft gewellte Landschaft. Der ist auf der Hochzeit der Vegetationsperiode so eine Sache, teilweise von hohen Gräsern bewachsen und auch ausdruckskräftigen Brennesseln, die selbst durch die Hose wirken. Ferner liegen noch ein zwei vom Sturm gefällte Bäume quer, die zu umgehen sind. Doch lohnend ist es schon, den Bogen mitzunehmen, insbesondere an so einem Tag, der nicht zu Ende gehen soll. Der Weg ist pulssenkend und die flächendeckend am Boden liegenden Eicheln knurpsen so schön unter den Sohlen, gar nicht zu reden von den vielen Feldsteinhaufen – was ist da schon ein wenig Nesselbrand über den Fesseln oder ein Ästchen, das im Unterholz die Haare zaust.

Wo die begleitenden Bäume enden, ist jetzt die offene Landschaft wohltuend für Augen, Füße und Unterschenkel und irgendwie auch verdient. Rechts baut der Schäfer gerade den Zaun für eine große Weide auf, weiter links liegt eine noch viel größere, die sich gerade in der Bearbeitung befindet. Endlos viele Schafe müssen es sein, und je länger man die Landschaft absucht, desto mehr werden es – wie beim Blick zum sternenklaren Himmelszelt.

Kirche außerhalb, Grunow

Beim Abbiegen auf die Straße wartet eine Überraschung hinter den Bäumen. Verborgen und von hohem Holz umringt sowie bereits vermisst steht auf einer kleinen Wiese die alte Dorfkirche, die mitsamt dem Friedhof vis à vis einmal das Zentrum von Grunow war. Das Dorf ist vergangen und ein paar Meter weiter neu entstanden, doch die Kirche ist geblieben, wo sie war und bietet damit etwas Einzigartigkeit. Das Lesen der Tafeln lohnt durchaus, denn es gibt einen Reim auf einige sonderartige Feldsteine in der extradicken Kirchenmauer. Ungewöhnlich ist auch, dass für den Bau keine kugeligen Feldsteine verwendet wurden, sondern in Form gehauene mit dem Streben nach rechten Winkeln.

Außergewöhnliche Steine in der Kirchmauer, Grunow

Zum letzten Mal überqueren wir das Sophienfließ, das an dieser Stelle etwa die Hälfte hinter sich hat, und über dem schmalen Wasser tanzen wahrhaftig ein paar Mücken. Die Kinder dürften beim Abendbrot sitzen und ordentlich zugreifen, eine andere Katze als vorhin wechselt die Straße und die meisten Schwalben haben Feierabend gemacht. Die wenigen, die noch unterwegs sind, fliegen jetzt hoch und schauen scheinbar intensiv in Richtung Süden. Nicht uns allein war dieser Tag ein Zeichen und ein Vorgeschmack auf die allumfassend würzigen Monate in Gold.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): über S-Bhf. Lichtenberg und Müncheberg, von dort Bus oder Buckower Kleinbahn (nur Saison am Wochenende)(ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Hönow und Strausberg (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen mehrfach möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Buckower Kleinbahn

Arbeitseinsatz am Sophienfließ

Informationen zum Schermützelsee

 

Einkehr: Johst am See, Bollersdorf (Siedlung am See)
zahlreiche Optionen in Buckow rund um den Markt (Imbiss bis gehoben)

Berliner Spaziergang: Männer mit Nasen, dösende Kröten und ein halbes Dutzend Strände

Es ist praller Sommer in Brandenburg, und in der Folge beschränken sich die tropischen Nächte nicht mehr nur auf das Berliner Stadtgebiet, sondern sind bis weit ins Umland ausgeschwärmt, bis zu den Außengrenzen des Landes. Hatte man sich in den letzten Jahren an Nachttemperaturen von 20°C gewöhnt und mit verschiedensten Mitteln und Maßnahmen irgendwie arrangiert, zeigt das Thermometer weit nach Sonnenuntergang Temperaturen von dreißig Grad an, auf halbem Weg zum Sonnenaufgang dann immerhin noch fünfundzwanzig.

Im Wilhelm-von-Siemens-Park

Aus den Baumärkten werden im Minutentakt Sonnenschirme und Ventilatoren, Planschbecken und Klimaanlagen getragen, währenddessen Insektenschutzmittel bleiern in den Regalen der Drogerien lagern. Denn Mücken sind bislang Mangelware, und wenn es eine bis zur Quelle schafft, dann ist sie so schmächtig, dass man es nicht übers Herz bringt sie plattzumachen. Ähnlich ist es mit den Wespen – die paar, die sich einfinden, sind lütt und irgendwie verwirrt, so dass sie immer wieder eine heiße Tasse Milchkaffee ansteuern, obwohl direkt daneben saftiger Pflaumenkuchen steht.

Da fast alle sich über die letzten Jahre an Dreißiger-Temperaturen gewöhnt haben, versteckt sich niemand mehr, es wird nur alles etwas langsamer gemacht und die Schattenseite gewählt, wenn eine Wahl besteht. Möglichkeiten zur Erfrischung gibt es reichlich sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, und da viele Leute weit weg im Urlaub sind, in warmen Ländern, verteilt es sich ganz gut an den Stränden der städtischen Gewässer und auch der märkischen Seen. Richtig böse voll ist es kulturgegeben dort, wo ein großer Parkplatz in allernächster Nähe ist. Wer solche Stellen vermeidet, wird sicherlich keine Badebucht für sich allein haben, muss aber keinen unfreiwilligen Hautkontakt befürchten.

Pfad an den Fließwiesen Ruhleben

Betrachtet man Badewasser für diesen Tag nicht als Priorität, sondern sucht einfach schöne Stellen mit Schatten, finden sich dazu auch im weitläufigen Stadtgebiet von Berlin fast endlose Möglichkeiten – je öfter man die Stadt durchstreift, desto klarer wird, wie reich an Grün sie wirklich ist und dass es nicht nur die großen Flächen an Havel, Spree und Dahme sind, die hier die Masse ausmachen. Auch im Kleinen sind nahezu alle Stadtteile von Wasserläufen, Grünzügen und Parks durchzogen, die es möglich machen, auf grünen Wegen mit viel Schatten und wenig Autolärm durch Berlin zu spazieren. Stets präsent ist bei solchen Tagen der Flugverkehr, je nach Windrichtung stärker oder schwächer, doch das gehört ja irgendwie dazu.

Bedient man sich dieser Grünflächen nach dem Baukastenprinzip , um kürzere oder längere Touren zu erhalten, stößt man manchmal auf Unerwartetes, Überraschendes oder Faszinierendes. Das macht beim Reiz solcher Wege einen Löwenanteil aus, hallt oftmals lange im Gedächtnis nach oder zieht Recherchen nach sich, der puren Neugier geschuldet. So ist ein Friedhof nicht immer einfach nur ein Friedhof, gleiches gilt für winzige Park-Karrees oder Wege durch Kleingartenanlagen.

Treppen hinab im Parkfriedhof Heerstraße

Fließwiesen Ruhleben

Zwischen den U-Bahn-Stationen Ruhleben und Neu-Westend finden sich gleich drei solcher besonderen Orte, die schon einzeln die lange Anreise mit der U1 wert wären, ein jeder für sich. Schon am U-Bahnhof Ruhleben, im letzten Jahrhundert der Pilgerort für Ikea-Jünger in Berlin, verlockt der gediegene Wiesengrund zum Murellenteich mit zahlreichen schattigen Wegen. Wer widersteht, kann nach wenigen Minuten in den Pfad zu den Fließwiesen Ruhleben abbiegen, die einen aus dröger Gewerbelandschaft stufenlos abtauchen lassen in ein liebliches Arrangement tiefster Natur. Ein knorriger Pfad begleitet den sumpfigen Rand dieses Refugiums. Direkt am Weg gibt es eine wirklich schöne Bank, die abseits kalter Jahreszeiten nur als Scherz gemeint sein kann. Bei normalen Wetterbedingungen sollte es nicht möglich sein, hier länger als dreißig Sekunden entspannt zu rasten angesichts hunderter gieriger Saugrüssel, die hochfrequent heranschwirren. Allein in diesem knochentrockenen Sommer gibt es selbst hier keine einzige Mücke.

Wege im Parkfriedhof

Ein kleiner Höhenweg führt alsbald durch den schmalen Waldstreifen, der längs der grimmigen Doppel-Zäune des Olympia-Geländes verläuft und den Wald erst am nächsten U-Bahnhof verlässt. Der Schatten endet am Vorplatz des imposanten Stadions, auf dem fast immer Fahrschüler mit hochgezogenen Schultern unterwegs sind, sei es im Auto oder hoch oben auf dem Sitz eines Busses oder Lastwagen. Selbst für anspruchsvolle Übungen mit Anhänger rückwärts ist hier ausreichend Platz. In der Mitte des großen Parkplatzes fast schon schützenswert die stets bogenreichen Radierungen von heranwachsenden Fahrzeuglenkern, die gern zugleich Gaspedal und Handbremse benutzen.

Parkfriedhof Heerstraße

Da er eben am Weg lag und kaum einen Umweg darstellt, wurde beim heutigen Weg ein Friedhof einbezogen. Friedhöfe bringen immer die Unwägbarkeit der Ein- und Ausgänge mit sich, die vorhanden oder nicht vorhanden sein können, offen, geschlossen oder dauerhaft geschlossen. Doch das Risiko ist es meistens wert, denn die meisten von ihnen sind zum einen besuchenswert und zum anderen nicht allzu groß, so dass der Haupteingang stets als Verlassens-Option bleibt.

Offener Lehrgarten am Brixplatz

Dieser Parkfriedhof lässt uns nun die Kinnlade herunterklappen, nicht nur einmal. Ungewöhnlich vom Aufbau, geht er immer weiter in die Tiefe und birgt am tiefsten Grunde sogar einen passablen See mit gepfeffertem Namen, dessen Silben sich saftig-derbe artikulieren lassen: Sausuhlensee. Überall gibt es Bänke, von denen der Blick auf etwas fällt, das dem Auge schmeichelt. Alte Bäume verschiedenster Art wurzeln hier, so dicht, dass der Eindruck von lichtem Wald entsteht. Die Treppe, die hinterm Hauptgebäude entspringt, zelebriert den Abstieg in mehreren Phasen. Je tiefer man eintaucht in diesen Friedhof, desto klarer wird, wie dicht und verworren das Netz von Haupt- und Nebenwegen nebst Pfaden ist.

Steinwand unterm Pavillon, Brixplatz

Ein halber Tag ließe sich hier in angenehmem Klima verbringen, und man könnte sich auf jeder fünften Bank niederlassen und das Auge schweifen lassen, bis einen die Neugier schließlich weiterzieht. Aufsummiert müssen es viele Kilometer sein, die kreuz und quer durch die Etagen des eindrucksvollen Kessels geflochten sind. Dabei gibt es klare Linien mit Rondellen und konzentrischen Kreisen, dann solche, die am Hang den Höhenlinien folgen und sogar einige wenige, die ganz konventionell rechteckig sind. Zum Friedhof existieren ein detaillierter Plan sowie eine eigene Broschüre, und letzteres scheint beim Verlassen dieser besonderen Anlage keineswegs so exzentrisch wie beim Betreten.

Weiher am Grund des Brixplatzes

Wer nicht schon per Zufall an großen Namen verschiedener deutscher Schaffenskraft hängenblieb, wird spätestens beim ersten beiläufigen Durchblättern der Broschüre stocken, dann automatisch stehenbleiben und mit gebanntem Blick neugierig weiterblättern. Letztlich dann verstehen, wozu so ein Plan noch taugen kann. Es stehen hier unter anderem die Grabsteine dreier Herren, die vereint sind durch feinen Humor, markante Nasen und einen würzigen Gebrauch ihrer Muttersprache. Neben Vicco von Bülow alias Loriot und Joachim Ringelnatz ist das auch der großartige Curt Goetz. Letztere beide waren etwa gleichalt, und der dreißig Jahre jüngere Loriot hat sicherlich von beiden etwas humoristisch treffsichere Muttermilch abbekommen. Wer mit Curt Goetz erstmal nichts anfangen kann, dem seien dessen Filme aus den 1950er Jahren ans Herz gelegt, in denen er jeweils an der Seite seiner herrlichen, klugen Frau spielt. Vor einigen Jahren wurden diese Raritäten restauriert und sind nun auf Scheibe erhältlich.

Im Ruhwaldpark

Darüber hinaus finden sich auf dem Friedhof, der etwas irritierend Friedhof Heerstraße heißt, noch mehr oder weniger vertraute Namen weiter Schauspieler und Schriftsteller, zahlreicher anderer Kunstschaffender, Wissenschaftler und Sportler, eine lange Reihe von Damen und Herren, die im Laufe der letzten hundert Jahre hier beigesetzt wurden. Da passt es gut, dass der tiefe Kessel dieser Parklandschaft einer Arena gleicht, die sich ja gleichermaßen gut eignet für Darstellung und Unterhaltung, Lehre oder Ertüchtigung.

Treppen und Brücken am Ruhwaldpark

Brixplatz

Nur ein paar Minuten weiter liegt in einem ganz normalen Wohnviertel ein Platz, der um einiges kleiner ist als der Parkfriedhof, von der Topographie her jedoch ähnlich eindrucksvoll. Zuvor sind auf der Olympischen Brücke die Bahngleise zu überqueren, und noch vor der Brücke befindet sich ein Imbiss, an dem man nicht einfach vorbeigehen sollte. Zwei freundliche und gestandene Berliner Damen bieten hier Spezialitäten dieser Gastronomie-Sparte an, die sich vor Currywurst-Prominenz wie Konnopke oder Curry 36 keinesfalls verstecken müssen. Dementsprechend voll ist es, und trotzdem wandert in kürzester Zeit die Bestellung über den Tresen, mitsamt ordentlicher Bäcker-Schrippe. Obendrein lassen sich den Damen noch ein paar Informationen zum Friedhof und dem besonderen Relief der Gegend hier entlocken.

Höhenweg längs der Schrebergärten

Ebendieses präsentiert sich am Brixplatz auf der winzigen Größe eines Straßenblockes oder, um der sportlich geprägten Umgebung gerecht zu werden, auf der Größe zweier Fußballfelder. Auch dieses Fleckchen kesselt sich in die Tiefe, so dass zwischen Straßenniveau und den Pfühlen am Grund zwölf Meter Höhenunterschied liegen. Drei der vier Ecken verfügen über eine besondere Gestaltung, wobei alle Altersklassen angesprochen werden. Unterhalb eines umrankten Pavillon mit gestuften Terrassen und Wasserbecken thront imposant eine steile Wand, die wie eine Schichtendarstellung der Erdzeitalter aussieht, in der Tat wohl die Rüdersdorfer Kalkfelsen zitieren soll. An der nördlichen Nachbarecke liegen flach zwei großzügige Tortenstücke Schul- und Lehrgarten, die frei zugänglich eine breite Vielfalt an Pflanzen zeigen. Wer sich auskennt mit Pflanzen, wird viele Bekannte wiederfinden, wer mit Botanik-Kram bisher wenig damit am Hut hat, wird das womöglich etwas aufweichen.

Am Jungfernheideteich

In der Ecke schräg gegenüber schließlich liegt ein schöner Spielplatz, und zwischen allem senkt sich ein verspielter Pfad auf Wasserniveau hinab, der von alten Kiefern begleitet wird und am tiefsten Punkt den Eindruck hinterlässt, man wäre irgendwo im märkischen Umland – die Häuserfassaden sind aus dem Blick verschwunden. An allen Rändern des Parks verläuft ein umlaufender Spazierweg, schön gestaltet, schattig und meist entlang einer Natursteinmauer.

Ruhwaldpark

Der sanfte Bogen der Meiningenallee leitet direkt über zum nächsten Park, der nun keine Senke hat, sondern etwas in die Höhe geht. Hinter den weiten Wiesen mit ihren breitkronigen Bäumen liegen vergessene Arkadenbögen mit ungewisser Zukunft und ein zugeknöpfter Hochsicherheits-Kindergarten. Der schönste Weg über die Höhe biegt hinter dem Spielplatz rechts ab und weckt kurze Gedanken an die zauberhaften Nebentäler in der Märkischen Schweiz. Unter zwei Brücken hindurch und vorbei an einem Pfuhl berührt man kurz die ebenfalls brandenburgisch aussehende Spreetalallee. In der Tat fließt keine zweihundert Meter entfernt der breite Fluss seiner Mündung entgegen, doch davon ist an dieser Stelle nichts zu ahnen. Die Aufmerksamkeit wird ein paar Schritte später ohnehin abgelenkt von einem der zauberhaftesten Wege, die sich in Berliner Kleingartenanlagen finden lassen. Rund um die Uhr frei zugänglich führen breite Stufen hinauf zu einem kleinen Höhenpfad, der zwischen urigen Gärtchen und blumigen Wiesen oberhalb der Bahntrasse verläuft, fast einen ganzen Kilometer lang.

Schildkröten beim Sonnenbad

Wilhelm-von-Siemens-Park und Jungernheide

Die folgende Viertelstunde entlang von Fürstenbrunner Weg und Rohrdamm ist nun trotz Spreeblick bis hin zum Fernsehturm laut und spröde. Um so schöner ist es, wenn kurz nach dem Queren der Nonnendammallee und dem Unterschreiten der alten Siemensbahn wieder die Stille übernimmt. Am Rande des Werksviertels am Schuckertsdamm beginnt unmittelbar der gediegene Wilhelm-von-Siemens-Park, der durchzogen ist von geraden Wegen und trotz seines Waldcharakters viel von einem Kurpark hat. Gegen Ende setzt sich seine Achse direkt in den Jungfernheideteich fort, und schon Minuten vorher ist die typische Geräuschkulisse sonniger Strandtage zu vernehmen. Im Strandbad Jungfernheide ist viel Betrieb – heute ist der perfekte Tag dafür. Auch die schattigen Alleen rund um den symmetrischen Teich sind belebt, hier wird hingebungsvoll promeniert und alle haben dabei den langsamen Gang eingelegt. Manche kommen vom Baden, manche schlendern eben dorthin oder wechseln zwischen West- und Oststrand.

Am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal

Wer jetzt genug unterwegs war, kann sich noch ein bisschen durch die Jungfernheide treiben lassen und vielleicht dem Wasserturm einen Besuch abstatten oder auch dem Hochseilgarten. Von dort sind es nur ein paar Minuten bis zum nächsten U-Bahnhof, wahlweise Halemweg oder Jakob-Kaiser-Platz. Sind noch Energie und Lust vorhanden auf lange Uferwege und einen straffen Seewind, kann man über die Insel ans Nordufer wechseln und dort mit etwas Glück ein paar Schildkröten beim Sonnenbad in Zeitlupe beobachten.

Badestelle am Tegeler See

Hinterm Saatwinkler Damm eröffnet sich dann eine neue Welt, die bestimmt wird von einem breiten Schifffahrtskanal, auf dem man direkt zum Berliner Hauptbahnhof schippern könnte oder zur nahen Havel. Während rechts etwas tiefergelegt kleine bunte Gärten liegen, wird gegenüber bald ein Insel-Campingplatz sichtbar. Auch wenn die Insel keine im klassischen Sinne ist, hat es schon etwas Exklusives, dort zu campen – tief im Wald, hier in der Großstadt.

Uferweg am Tegeler See

Saatwinkel

Kurz bevor sich der Kanal im Wasser des kleinen Archipels zwischen breitem Havelstrom und Tegeler See auflöst, gibt es nun nach langer gastronomischer Dürre gleich eine ganze Handvoll von Angeboten, allesamt einladend und gemütlich. Das Wissen um eine ähnliche Anzahl vorgelagerter Inseln, die jede ihren eigenen Charakter tragen, spielt dieser Gemütlichkeit noch in die Karten.

Hinter den letzten Häusern von Saatwinkel beginnt ein entspannter Uferweg, der etwa eine Stunde füllt und hier und da unterbrochen wird von kleinen Sportboothäfen und größeren Badestellen, die in diesen heißen Wochen meist dicht bevölkert sind. Doch es gibt auch kleine Buchten, die gerade groß genug sind für eine Handvoll Sonnenanbeter und dennoch dasselbe Seepanorama bieten.

Promenade in Tegel

Eine angemessene Abrundung der Tour ist die Tegeler Uferpromenade mit ihrer herrlichen Platanen-Allee. Gerade heute ist es etwas kramig und lärmig hier, da ein deutsch-polnisches Hafenfest vom Wochenende aufgeräumt und weggefegt wird. Doch die entspannte Hafenatmosphäre dieses schönen Stücks Berlin lässt sich davon nicht beeindrucken, der quengelig quäkende und kaum irgendetwas bewirkende Laubbläser wird von den Promenierenden, Plaudernden und Pausierenden nur milde belächelt. Um dann ein weiteres Stück Torte, eine Kaffeespezialität oder noch ein obergäriges Berliner Bier in grün oder rot zu bestellen – im kugeligsten aller Biergläser. Als größtes Problem bleibt dann nur, den überhängenden Strohhalm nicht an den Seewind zu verlieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): U-Bahn bis Endstation Ruhleben

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: ca. 21 km (Abkürzungen sehr gut möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

NSG Fließwiesen Ruhleben (PDF)

Friedhof Heerstraße

Brixplatz Westend

Beitrag zum Ruhwaldpark

Strandbad Jungfernheide

Volkspark Jungfernheide

Saatwinkel – zur Geschichte

Greenwichpromenade in Tegel

 

 

Einkehr:
Imbissbude an der Olympischen Brücke
div. Gastronomie am Steubenplatz, U Neu-Westend
Gaststätte Bolivar (KGA Ruhwaldpark, nahe Spandauer Damm)(600 m Zuweg)
Tunneleck (vor der Spreebrücke bzw. Rohrdammbrücke rechts runter, großes Schild vorhanden)(600 m Zuweg)
div. Gastronomie Nonnendammallee
im Strandbad Jungfernheide
div. Gastronomie in Saatwinkel
div. Gastronomie in Tegel

Ahrensdorf: Frischer Seewind, stille Gleise und die Waldeseile

Es ist gerademal die Mitte zwischen kalendarischem und meteorologischem Sommeranfang, doch dem Gefühl nach ist der Sommer schon ewig da. Fast überlegt man, ob in einer fernen Warteschleife bereits das irritierte Tappen des Herbstes zu vernehmen ist. Die berauschende Vielfalt der Düfte hat schon lange nichts mehr mit Frühling zu tun, und auch alle Töne, die tagesbegleitend und flächendeckend auftreten, sind ganz klar Sommertöne. In den Blütenkronen der unzähligen Linden in Stadt und Land nimmt das Summen von Hummeln und Bienen mit jeder Viertelminute des lauschenden Verweilens immer noch zu, und eins tiefer zirpen die Grillen auf den trockenen Wiesen so nachdrücklich, als ginge die wärmste der Jahreszeiten in Wochenfrist ins Vorfinale. Hier und da halten sich noch tapfer ein paar Jasminblümchen in der sengenden Hitze, und wer endlich mal wieder Holunderblüten-Eierkuchen brutzeln wollte, kann mit Fleiß, Geduld und etwas Glück noch ein paar der weißen Blüten finden.

Badestelle mit Postheimer Strand gegenüber

Nach einer glutheißen Mai-Woche jenseits der dreißig brachte der Juni Erlösung mittels ergiebiger Wolkenbrüche und lustvoll säbelrasselnder Gewitter, die endlich auch mal Taten folgen ließen. Darauffolgend rollt nun die nächste Hitzewelle durch das Land und verteilt die Niederschläge wie schon so oft sehr ungleichmäßig. Hier im Norden bleibt es eher heiß und trocken, und so steht am freien Tag der Sinn nach schattigen Wegen und kühlen Seen.

Feierabendrad am Zaarsee, Ahrensdorf Nord

Rund um Templin gibt es mehr als eine Handvoll kilometerlanger Seen, und wenn die hübsche Stadt selbst schon eine Reise wert ist, verhelfen die Seen mit ihren skandinavisch gekrümmten Uferlinien zu schönen Optionen für Kontrastprogramme. Das ganze Wassersystem ist derzeit auf sich gestellt, da es durch die Schließung der baufälligen Kannenburger Schleuse von der Havel abgekoppelt ist. Das ist tragisch für die meisten Betriebe, die mit Tourismus zu tun haben und damit auch für die Stadt an sich. Ein Grund mehr, trotzdem hinzufahren und die Seen von innen aufzurollen – von Berlin-Gesundbrunnen ist es mit der Bahn nur eine Spielfilmlänge, eine durchgelesene Zeitung oder eine ausgiebige Döserei bis zur Entscheidung zwischen einem Stadtbesuch, dem Strand am Lübbesee oder jenem am Templiner See.

Engelsburg bei Ahrensdorf

Ahrensdorf Nord

Wer zwischen dem Eintauchen etwas Landschaft sehen möchte und sich das Privileg herausnimmt, nicht zweimal in denselben See zu steigen, kann einmal im großen Bogen um das Dörfchen Ahrensdorf spazieren und dabei ganz verschiedene Wege und Pfade unter die Sohlen nehmen. Für den nächsten Tag ist etwas Muskelkater einzuplanen, nicht wegen Steigungen oder schlechten Wegen, sondern wegen beschleunigtem Gehen und Armfuchteln in den Bereichen der Bruchwälder. Doch das ist verkraftbar, denn der Gegenwert stimmt.

In Ahrensdorf gibt es am Zaarsee gleich die erste Badestelle, um sich nach der langen Anfahrt zu erfrischen. Die ist durchaus schön genug, um wahlweise gleich hier die Decke auszubreiten und den ganzen Tag zu bleiben oder nur die kleine Runde zur Engelsburg zu gehen, denn es gibt eine große Wiese mit einigem Schatten, einen leicht erhöhten Pavillon mit Bänken und eben den kleinen Strand. Den Picknickkorb sollte man jedoch selbst dabei haben, mit Füllung ganz nach Belieben.

Gehöft bei Engelsburg

Ein Radweg führt in angenehmem Abstand zur Straße aus dem Ort, an dessen Ende die Namen Ahrensnest und Engelsburg die Neugier kitzeln. Wer ohne Neugier ist und den Extrabogen lieber auslässt, biegt einfach hier schon rechts ab und strebt relativ direkt zum nächsten See.

Engelsburg

Das Kopfsteinpflaster windet sich hinter Ahrensnest vorbei an einem lichten Bruchwald, dessen Mücken und Bremsen wohl noch morgenträge sind – was wir zu schätzen wissen. Vorbei an schattensuchenden Kühen vieler Farben betreten wir durch torlose Pfosten das weitläufige Gelände von Engelsburg, einer integrativen Wohnstätte für Menschen, die das Leben in eine Sackgasse getrieben hat. Alles hier wirkt offen, keine Verbotsschilder hindern am Durchspazieren und die besonderen Häuser vermitteln den Eindruck, plötzlich in einer anderen Region des Landes zu sein. Nach etwas Wald öffnet sich hinter einem Gehöft die uckermärkische Weite mit ihren gewellten Kornfeldern und vielfältigen Trockenrasen. Zwei einzelstehende Kronenkiefern verhelfen dem Blick nach vorn entlang des schlendernden Weges zum Charakter eines Gemäldes.

Weg zur Landstraße, bei Ahrensdorf

Vorn an der Straße wurde ein massiver Rastplatz errichtet, durch den der milde Nordwind streicht, zusammen mit dem Dachschatten ein perfekter Platz für eine Pause. Während wir uns auf dem Tisch ausbreiten, legt ein kleiner Juni-Käfer dort eine Zwischenlandung ein, inspiziert uninteressiert das Ausgepackte und fliegt dann auch bald weiter. Vielleicht ja nur ein Fingerzeig, dass die Sommerzeit gerade erst begonnen hat …

Vorbei an feuchten Wiesen kommen wir zurück nach Ahrensdorf und verlassen die Straße am bekannten Abzweig. Der Weg schlägt einen eleganten Bogen vorbei an alten Birken, die einladende Schattenplätze schaffen. Unwirklich und sehr rot-weiß erscheint das Andreaskreuz, das mitten in den Feldern einen Bahnübergang ankündigt. In der Tat ist es fast unmöglich, hier auf rollende Waggons zu treffen, denn der Personenverkehr zwischen Joachimsthal und Templin ist seit über zehn Jahren Geschichte. Ein paar Dutzend Holztransporte sorgen für etwas Restglanz auf der Oberseite der Schienen, die ansonsten von einer staubdünnen Rostschicht umhüllt sind. Ob die Lücke jemals wieder geschlossen wird, hängt nicht nur an möglichen Visionären, denn viele sachliche Faktoren stören die Attraktivität eines solchen Vorhabens. Doch hoffen sollte man trotzdem, und ganz aktuell bahnt sich Konkretes an.

Bahnübergang im Felde

Zwei schlanke Fischadler kreisen weit oben und fordern lautstark nach unserer Abwesenheit, so dass wir uns nach etwas Fernglasneugier rasch vom Acker machen. Ihren Horst haben sie auf einer filigranen Konstruktion, die jemand Schwindelfreies asymmetrisch weit oben auf einem übriggebliebenen Mast installiert hat. Fixiert wird sie durch robuste Gewindestangen und vertrauenswürdige Muttern. Die Küken sind noch so klein, dass kein Büschel ihres Flaums über den Nestrand ragt.

Weg am Alten Kanal, Ahrensdorf Süd

Am Gleis fallen die Blicke nach links und rechts also etwas salopper aus, als es die Schilder gebieten, denn interessanter sind vielmehr die nach vorn und hinten, die der ansprechenden Linie der gegangenen und kommenden Schritte folgen. Kurz darauf lockt eine Wiesenspur nach rechts, doch das kann nur mit nassen Füßen enden, also weiter geradeaus. Am Waldrand biegt noch vor unserem Weg ein beschilderter und zuwachsender Reitweg ab, auf dem Reiter unbedingt Helm und Schutzbrille tragen sollten. Der Halbschatten am Waldrand ist entspannend für die Augen, von links erfrischt der Wind und aus dem Wald duften limonenfrisch die Douglasien.

Kleine Badestelle am Lübbesee, Ahrensdorf

Ahrensdorf Süd

Ein Sträßchen kreuzt und bringt uns auf direktem Weg zum südlichen Ende von Ahrensdorf und entlang eines Bachlaufes ans Ufer des langen Lübbesees, der mit seinen vielen Windungen von Templin bis nach Ahlimbsmühle reicht. Was die zahlreichen Uferbruchwälder in den See entwässern, stürzt zunächst über eine zentimeterhohe Stufe und fließt dann im Alten Kanal den anderen Templiner Seen zu und letztlich in die Havel. Wo das Wasser den See verlässt, bietet sich sofort eine Badestelle. Zwei Meter später beginnt, markiert als Wanderweg, ein zauberhafter Pfad zwischen den Terrassengärten mit ihren kleinen und großen Seeblickhäuschen und den zugehörigen Stegen. Geht immer wieder auf Tuchfühlung mit Fuß und Taille, teils sogar mit den Wangenknochen, so hoch stehen Gräser oder Schilf. Dabei ist der Pfad manchmal so schmal, dass selbst ein Hütchen mit schmalster Krempe vom Kopf gefegt werden würde.

Pfad zwischen Gärten und Stegen, Ahrensdorf Süd

Zwischen kleinen Paradiesen, herrlichen Seeblicken und maßlos übertriebenen Brandenburg-Klischees spaziert man also einfach so hindurch, bis kurz hinter dem letzten Grundstück die große Badewiese erreicht ist. Es ist erstaunlich leer hier und wir sind schnell im herrlich duftenden und klaren Wasser. Den Seegrund bedeckt dünn eine helle Schlammschicht, die kurz aufwirbelt und sich bald wieder beruhigt. Wer möchte und über die Kondition verfügt, kann von hier nonstop sieben Kilometer bis Ahlimbsmühle schwimmen, wahlweise eine gute Seemeile bis zum Strand am Gegenufer oder einfach nur ein bisschen hin und her, so lange Lust und Kräfte reichen. Während des Bades vervierfacht sich die Zahl der Badegäste, von denen jeder zweite mit einem kleinen Laut höchsten Wohlbefindens im frischen Seewasser untertaucht und jeder dritte auf Badesachen verzichtet.

Dichter Weg im Uferbruchwald, Lübbesee

In die nähere Zukunft gedacht dient das Bad auch gut als vorbeugende Maßnahme, um den mittlerweile putzmunteren Mücken ihr Tagewerk ein wenig zu erschweren. Viel nützt es nicht, denn die hiesigen Stämme wirken spezialisiert, und so wird die naturnahe Passage durch den dichten Bruchwald am Ufer zu einem Genuss mit Vorspultaste, zu einem Rennen gegen den Saugrüssel, der in Scharen und gut vorbereitet wartet. Nicht nur viele sind es, sondern auch besonders große, also hilft nur Tempo ergo Fahrtwind. Ein trockener Waldstreifen bietet kurz Erholung, doch der nächste Bruchwald kommt schon bald, mit hübschen Brücklein.

Es zeigt sich, dass die Badestellen dünn gesät sind, der Schilfgürtel nur selten eine Lücke zulässt. Direkt gegenüber vom langen Strand bei Postheim kommt die letzte an diesem Ufer, klein und fein. Einmal übern See sind es sechshundert Meter, was wohl fast jeden zweiten guten Schwimmer locken dürfte, drüben kurz die Füße in den heißen Sand zu krallen. Zwei stimmkräftige Damen kommen gerade von drüben und unterhalten sich sehr deutlich und ohne jeden Mangel an Puste über etwas Relevantes, während ihre gleichmäßíge Bugwelle ihnen respektvoll folgt.

Obere Wolfsschlucht

Morgenland

Bei den Häusern von Morgenland verlassen wir den See und nehmen mit dem Fährsee nun den zweiten großen ins Visier. Nach dem erneuten Queren der stillen Bahnstrecke weist ein antiker Wegweiser zur Wolfsschlucht. Der Weg ist erkennbar, doch selten begangen und wächst langsam zu. Maßgeblich mit Brennesseln, doch das ist kein Problem, da der durchblutungsfördernde brennende Schmerz gut vom blutraubenden juckenden der Mückenstiche ablenkt und im direkten Vergleich selbstgewählt und naturheilkundlich, zuträglich und sinnvoll erscheint.

An einer fraglichen Stelle muss man sich links halten und kommt zum zaghaften Ende der Wolfsschlucht, die in einen dichten Laubteppich eingebettet liegt. Die hier noch überspringbare Rinne prägt sich mit jeder Minute stärker aus und ist zuletzt so tief und markant, wie man es von der Märkischen Schweiz kennt oder den tiefen Geländerinnen im Hohen Fläming. Ein kurzer Abstieg endet schließlich in der Bucht am Fährkrug mit Blick auf den Fährsee und der Aussicht auf das nächste Bad.

Breiter Waldweg am Fährsee

Direkt nach den letzten Wohnwagen gibt es eine schöne Badestelle, doch die wird aufwändig beansprucht von einem Pensionärs-Pärchen, das zu einem Gummiboot gehört. Ein herrlicher Wind weht vom See zur schattigen Pausenbank, also nutzen wir die Chance und probieren, die Sache auszusitzen. Irgendwann machen sich die beiden daran, mit zahlreichem Umrunden und Hineinpurzeln sowie ungelenker Akrobatik das Boot zu entern, doch dabei bleibt es dann. Erst kurz nach unserem Aufbrechen macht er seinen ersten Ruderschlag – und denkt: gewonnen. Recht hat er.

Durch schönen Wald mit hohen Laubbäumen und abermals duftenden Douglasien führt der gediegene Weg nun unterhalb des steilen Hanges durch den Waldschatten. Vom See her drückt der Wind nach wie vor kräftig in den Wald und jagt die Mücken hier am Ufersumpf ins Bockshorn. Wir bleiben ungeschoren, abgesehen von etwas Fuchteln. Ein kurzer Abstecher zu einer herrlichen Badestelle lässt uns lächeln über den ersten Ruderschlag von eben, und schon bald tauchen wir ein. Zwei Bäume weiter hat ein Zweierkajak angelegt, die Besatzung schwimmt schon weiter draußen, dort wo Sonne hinfällt. Vom klassischen weichen Ufersand märkischer Seen geht es schnell tiefer, und wie vorhin jagen sich die warmen und kalten Strömungen kurz unter der Wasseroberfläche, der Wind darüber ist erfüllt von herrlichen Sommerdüften. Eine blaue Libelle von der Länge einer Filterzigarette setzt sich direkt vor meine Nase, fixiert mich drei Sekunden und dreht dann scharf und winklig ab. Manchmal ist es ganz angenehm, uninteressant zu sein.

Badestelle mit Paddelboot

Mit der frischem Haut nach dem Bade und etwas abgekühlt schlurfen wir weiter und schütteln dann und wann ein Stückchen Wald aus der Sandale oder etwas Wasser aus dem Ohr. Ein unerwarteter Anstieg endet an einem Hochuferweg, so dass man durch die Baumwipfel den blauen See sieht, der seinen frischen Wind durch ebendiese Wipfel schickt. Ein ungewöhnlicher Ort für diese Art von Wasserluft, gemischt mit Kien und etwas Wiesenwürze. Kurz darauf verlässt der Weg den Wald auf eine weite Wiesenfläche, daher der Duft. Die Sonne brettert und es drückt, als wär noch ein Gewitter fällig. Voraus ragt ein kleiner Kirchturm aus den anderen Häusern, der zum einstigen Schul- und Bethaus gehört und dem Dorfbild sehr gut steht.

Ahrensdorf Nord voraus

Seehof

Ein letzter Bogen beginnt direkt hinter den Häusern von Seehof und führt abendromantisch entlang einer langen Trockenwiese. Der fußschmale Pfad folgt dicht dem Waldrand, noch immer einiges über dem See, der manchmal kurz durchlugt. Über der Wiese kreisen wie vorhin zwei Greife, doch diesmal ohne Not und eher an Mäusen interessiert. Die Blütenpracht der Wiese ist zart und ausgewählt, und ebenso sind die vielen Schmetterlinge, die sich aus den wiegenden Blütenköpfen den Nektar saugen und dabei die Balance behalten, mühelos. Hier und da huscht eine Eidechse, die grad beim Sonnenbaden war.

Pfad zwischen Hochwaldkante und Trockenwiese

Am Zaarsee fällt der Pfad schnell ab und verschwindet umgehend im schmalen Uferwald. Ihn zu begehen erfordert eine Art von Ausdruckstanz, denn der Körper muss unter den tiefhängenden Zweigen der Eichen und zwischen den Büschen, Schilfhalmen und Gräsern hindurch gewunden werden. Nach einigen hundert Metern übernimmt eine fein gemähte Wiesenspur, die sich erklärt durch eine Reihe putziger Bootsstege. Rechts in den Wiesenhang locken kleine Stufen, im hohen Gras parkt halb stehend, halb liegend ein Rad, das viel aussagt über die Qualität des freien Tages.

Stege am Zaarsee, Ahrensdorf Nord

Zum vierten Mal erreichen wir nun Ahrensdorf und haben doch kaum etwas gesehen vom eigentlichen Ort, der sich zwischen dem Friedhof am Kirchtürmchen und dem Alten Kanal am Lübbesee weit mehr als einen Kilometer lang erstreckt, schnurgerade und mit Gaststätte und Einkaufsladen. Also setzen wir uns wenigstens hier am Badeplatz nochmal ans Wasser, schauen beiläufig dem friedlichen Treiben aller Altersklassen zu und drehen das Gesicht zum letzten Male in den frischen Seewind.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn nach Wilmersdorf, dann Bus(se) nach Ahrensdorf (ca. 2 Std.)(nur wochentags, nur wenige Verbindungen)
stündl. Regionalbahn nach Templin (Umstieg in Löwenberg)(ca. 1,5 Std.)(ca. 3 km Zuweg über Postheim erforderlich, Markierung roter Punkt)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Landstraße über Groß Schönebeck und Milmersdorf oder über Liebenwalde, Zehdenick und Templin (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 16 km, Abkürzungen mehrfach möglich

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Förderverein Ahrensdorf (allerlei Nützliches)

Engelsburg bei Ahrensdorf

Aktuelles zur Bahnstrecke Templin-Joachimsthal

 

Einkehr:
Gaststätte Anco, Ahrensdorf

 

Hennickendorf: Der Stienitzsee, das Schaf der Schafe und der gefundene Frühling

Von Zeit zu Zeit gibt es Ereignisse, die in ihrem Dunstkreis mehrere Wochen beanspruchen, hintergründig, jedoch präsent. Solche Kaliber wie Hochzeiten, runde Geburtstage jenseits eines dritten Lebensquartals oder die Konfirmation der Patentochter. Ist dann der Tag herangerückt, um den es geht, wird alles andere auf kleine Flamme gedreht und darf ein wenig knapper ausfallen – sei es nun der liebe Alltag oder auch der Ausflug ins Grüne. Dann wird pragmatisch und mit knappem Kriterienfächer entschieden: einmal rund um einen mittelgroßen See, zu dem man ohne lange Anreise hinkommt. Am besten einen, den man schon ein wenig kennt.

Am weiten Wiesengrund bei Tasdorf

Die Erwartung ist dementsprechend eher medium, was keine Einschränkung darstellt, denn das Spazieren durch den Wald und ein Dorf sowie der Blick über eine große Wasserfläche stellen auf jeden Fall ein vergleichbares Maß an Erholung sicher, das auch eine mit planerischer Feinmotorik gestrickte Tour bieten würde. Nur die Erlebniskurve fällt ein wenig flacher und ruhiger aus.

Dennoch kann es passieren, dass man von der gewählten Landschaft und ihrer Abwechslung dermaßen überrascht wird, dass aus der hingehauchten Skizze unverhofft eine Tour mit dem Zeug zum Klassiker geboren wird, ein Weg also, den man in gewissen Abständen immer wieder unter die Sohlen nehmen möchte, und zwar haargenau so, wie er beim ersten Mal war. Touren wie diese heften sich gern an bestimmte Zeitpunkte, die durch Natur oder Kalender bestimmt werden. Doch es gibt auch solche, die man gerne zu ganz verschiedenen Jahreszeiten sehen würde.

Aktuell ist es der Frühling, der in diesem Jahr durch beharrliches Warten erkämpft werden musste. Viele Geduldsfäden waren bereits gerissen, als es endlich soweit war und die Tage nicht mehr nur vereinzelt erschienen, an denen unbedeckte Köpfe und freie Unterarme gesundheitlich unbedenklich waren. Nach dem österlichen Schnee war der Winterspuk vorbei, und in Wochenfrist wurde die Zwanzig-Grad-Marke geknackt und wochenlang gehalten.

Stichkanal in Hennickendorf

Beim Blick auf die Straßen, die Gehwege und alle Parkflächen musste man denken, dass alle, wirklich alle draußen waren, keiner zu Hause. Mit einem Mal ging alles in die Spur, was Chlorophyll in sich trägt, und fand im schnellen Vorlauf zu dieser allgegenwärtigen Farbsättigung zurück, von der man schnell meint, dass sie nie weg gewesen war. Erst kamen die Blüten, eine halbe Woche später die Blätter an Bäumen und Büschen, und mit einem Mal war alles grün und saftig und erfüllte die Umgebung mit dem Duft der erwachten Vegetation.

Mittelgroße Seen mit schönem Wald drumherum gibt es viele im Land Brandenburg, auch das Berliner Umland ist gut bestückt. Die meisten von ihnen haben adrette Rundwege, die gut markiert einmal drum herum führen. So ein Weg ist sehr entspannend, da man kaum aufpassen muss und eigentlich nicht von ihm abkommen kann.

Wem das zu meditativ ist, zu einförmig oder zu knapp an Abwechslung, der kann hier und da noch einen Ausreißer einbauen, der für einen Landschaftswechsel sorgt. Gut lässt sich das beim Stienitzsee machen, der vom S-Bahnhof Strausberg in einer guten halben Stunde zu erreichen ist – mit dem Bus ist man übrigens nicht viel schneller. Der See ist das letzte Glied einer schiffbaren Kette wunderschöner Seen, die mit der Müggelspree das Wasser teilt und am Dämeritzsee bei Erkner beginnt. Einen ausgewiesenen Rundweg gibt es nicht am Stienitzsee, doch zumindest die westliche Hälfte ist als Teil des 66-Seen-Wegs gut markiert. Umrunden lässt er sich dennoch, und zwar regelrecht spektakulär. Wir haben das im knackfrischen Frühling getan, scheinbar die schönste Jahreszeit dafür, doch werden gerne wiederkommen in Monaten wie Januar, August oder Oktober.

Uferpromenade in Hennickendorf

Hennickendorf

Schon in Hennickendorf beginnt die große Vielfalt. Wer das Dorf durchfährt, sieht eins wie viele andere, doch kriecht man ein wenig in die Winkel und Ecken, zeigen sich mehr als eine Handvoll Gesichter. Am Kreisverkehr mit der Kirche ist die Eisdiele erwacht, in Sichtweite zum örtlichen Bäcker. Beide zusammen stellen am Wochenende den lückenlosen Eisverkauf von früh bis spät sicher.

Ein paar Meter weiter führt ein aufsteigender Weg auf einen von zwei Hügeln. Im Abstieg gibt es auf halber Höhe eine großzügige Aussichtsplattform, unten liegt ein Sportplatz in einzigartiger Lage direkt am blauen Wasser des Sees. Das ist in dieser Konsequenz eine seltene Konstellation. Bevor die Frage nach dem erst verschossenen und dann nassen Ball auftaucht, wird sie schon beantwortet – mit dem Blick auf das hohe Zaunnetz zum Ufer hin. Wer da noch drüberschießt, hat sich die Abkühlung und etwas Wasser in den Ohren wirklich verdient.

Nach einem urigen Stück Wald folgt eine eigene kleine Welt und lässt ans schnuckelige Neu Venedig denken, das vom Berliner Müggelsee kommend zur betreffenden Seenkette überleitet. Ein kleiner Stichkanal mit morsch-pittoresken Bootshäusern und vertäuten Booten greift der Lagune vorweg, die es etwas weiter südlich tatsächlich gibt. Ein zweiter, etwas breiterer Arm lässt fast an Skandinavien denken. Etwas Frischwasser erhält er von einem wenige hundert Meter jungen Rinnsal, das durch Ufer voller gelber Blüten aufwändig ins breite Wasser mäaandert. Als würde es sich immer wieder nach seinem Ursprung umschauen, der lang schon außer Sicht ist.

Verfallendes im Wald unterhalb des Betonwerkes, Hennickendorf

Dahinter liegt der zweite Hügel, auf den trotz oder wegen seiner steilen Flanke kleine Gärten mit Lauben gebaut wurden. Abenteuerliche und selbst verfasste Stiegen aus Holz, Metall oder Beton klettern hinauf zu den großen und kleineren Buden, bei denen das Hauptgewicht ganz klar auf der Aussichtsterrasse liegt. Zu Füßen der Erhebung liegen die Gärten, die statt der Aussicht das eigene Stück Ufer haben. Beides ist gleichermaßen exklusiv.

Strandbad Stienitzsee

Entlang eines Viertels praktisch gebauter Häuser wurde ein breiter Grünstreifen am Ufer freigelassen, davor sogar noch ein Promenierweg, auf dem man zum Wiesenstrand des Dorfes kommt und dran vorbei. Wer einen gediegenen Sandstrand dem Vorzug gibt, standesgemäß gelegen unter etwas Steilküste samt ausdrucksstarker Kiefer, der ist nur noch ein paar Minuten entfernt von seinem Glück. So wie diese Kiefer steht, muss ihr Sämling einst vom Darß hierher geweht worden sein. Im Strandbad Stienitzsee gibt es neben dem Strand die obligate Versorgung mit Getränken und Kuchen, Würstchen und Eis, darüber hinaus kann man verschiedenste Wasserfahrzeuge ausleihen oder den urigen Pfad im Berg erkunden. Wer es gerade passiv liebt, setzt sich einfach nur auf die schöne Terrasse mit den vom Bootslack glänzenden Tischen und lässt den Blick oder das Gehör über die Stille oder das Treiben schweifen – je nach Tageszeit. Nicht wundern, wenn ein Pfau vorüberschreitet.

Kleiner Lagunenhafen

Das folgende Stück entlang der Straße bietet Abwechslung fürs Auge in Form einer jungen Kirschallee, des eigentümlichen alten Wasserwerks mit Grasrondell und Yacht vor Anker sowie einer seltsamen Stallage aus Betonpfeilern. Auf Höhe der alten Werkssiedlung führt ein kleiner Schleichweg hinab in den Wald. Auch dort stehen seltsame Säulen aus Beton und Stahl, mittlerweile Aug in Aug mit nachgewachsenem Wald, und sehen für den Laienblick nach Umspannwerk aus, ein bisschen auch nach Hopfenplantage. Dazwischen rotten Ruinen vor sich hin, werfen Fragen auf und verleihen der kurzen Passage einen morbiden Anstrich.

Regelrecht putzig erscheint in diesem Kontrast die kleine Lagune, deren einer Nehrungsarm von winzigen Segelbooten belagert wird. Ab hier reicht der hochgewachsene Laubwald bis ans Ufer, wirft frischen Schatten über kleine Badebuchten und wird von Minute zu Minute feuchter. Hier und da sickert aus einem Quelltopf Wasser und landet gleich wieder im See. Ein paar Wochen später dürfte hier kein Mangel an Mücken herrschen. Im Wasser sind die Pfosten eines lang vergangenen Steges zu einer überfluteten Reihe von Weiden ausgetrieben, links steigt eine knorrige Allee hinauf zur Straße. Doch hier unten ist es schöner.

Pfad am Ostufer

Der Wald wird niedriger und wandelt sich zu leicht geheimnisvollem Bruchwald, an dessen Rand schlanke Eichen von armesdicken Efeu-Fesseln umschlungen werden. Nach starken Regentagen sollte man hier nicht mit weißen Stoffschuhen durchspazieren, denn der Weg verliert bald die entscheidenden Höhenzentimeter und geht auf Du und Du mit dem Niveau des Sumpfwaldes, der aktuell noch ohne Froschgequak ist. Der Pfad schlägt seine Haken und erfordert hier und dort etwas Balance.

Ein Drittel-Höhenmeter nach oben sorgt bald für trockenen Boden, und zwölf Schritte später findet man sich übergangslos in einer völlig anderen Landschaft wieder, die schon an werdernahe Obstwiesen denken lässt –scheinbar ferne Zukunftsmusik, doch schon in Kürze Wirklichkeit. Links dichtes Buschwerk, rechts eine zart blühende Reihe von Obstbäumen und davor weit gestreckt eine wonnige, saftig grüne Wiese, die schon bald mit der Farbvielfalt in in die Vollen gehen wird. Immer mehr Obstbäume werden es, darunter sone und solche.

Im Süden des Sees

Ein Tälchen weiter landet man ebenso unerwartet in einer Landschaft, die ein wenig an Vegetation auf Mittelmeerinseln erinnert – niedrig trockenes Knorrgebäum, dessen Arme kreuz und quer und waagerecht stehen, als wären sie beim insektenvertreibenden Fuchteln in ihrer Position fixiert worden. Manche davon sind bleich und nackt, in anderen steckt noch Leben, und auch die Mischform existiert. Weiter hinten wird die Wiese von der Uferlinie begrenzt. Dann und wann, so verrät eine Tafel, halten sich hier Heckrinder auf, die rückgezüchteten Erben des legendären Auerochsen, im Kreuzworträtsel gern als „Ur“ gesucht.

Das Schaf der Schafe

Mindestens genauso spektakulär, vor allem aber anwesend ist das absolute Ur-Schaf, das nach Längerem nun doch neugierig auf uns geworden ist, wohlüberlegt seinen Liegeplatz im Halbschatten verlässt und zielstrebig auf uns zuschlendert. Stark quaderförmig sieht es aus, das Schaf, und muss definitiv die Stammesfürstin einer größeren Sippe sein. Sie schleppt noch die Wolle des ganzen langen Winters herum, ein glücklicher Umstand, wie sich in den nächsten Tagen zeigen wird. Vielleicht ist es auch der Stammesfürst, doch diese Frage bleibt offen, da wir es nur von vorne sehen und die Wolle wirklich sehr üppig steht. Auf jeden Fall gibt es denkwürdige Augenblicke der Tuchfühlung und langen, tiefen Augenkontakt, was den Abschied nicht eben leichter macht.

Blick von der Bundesstraße auf das Mühlenfließ

Seltsam sachlich erscheint jetzt im Kontrast zu eben der unwirsche und lärmige Verkehr auf der Bundesstraße Nr. 1, die sich erst nach längerem Verharren überqueren lässt. Ein Blick zurück zeigt noch einmal den schattigen Schafshang und weitere Mitglieder der wolligen Sippe im Unterholz. Gegenüber stehen zwei quatschende Mädels am Zaun des einzigen Grundstücks hier und sehen aus, als wenn gerade Ferien wären. Vorbeifahrende schauen vielleicht mitleidig auf diesen Garten direkt an der lauten Straße, denn die wenigsten werden wissen, wie schön es hinterm Haus aussieht.

Werksbahnbrücke über dem Froschsumpf, Tasdorf

Die Straße spannt sich hoch über einem Kanal, der hier den schönen Namen Mühlenfließ trägt und so gar nicht danach aussieht. Zugleich nüchtern und romantisch lockt er hinab, und nach einem kurzen Abstieg locken Wegweiser in eine scheinbare Sackgasse, aus der wahrhaftig ein kleiner Pfad entspringt. Leicht bockig stapft er unter der Flanke entlang, gesäumt von großkronigen Obstbäumen, die gerade gestern voll erblüht sind und erfüllt von flächigem Summen. Immer schmaler wird die Spur und immer üppiger alles Grün, was schon gewachsen ist in zweiundsiebzig Stunden. Es ist eine völlig andere Welt hier, nur ein paar Steinwürfe von der lauten B 1. Eine markante Eisenbahnbrücke spannt sich breit über Ufersumpf und Kanal, den man gerade kurz vergessen hatte.

Präsent ist der Sumpf auch durch die Klangkulisse, die mit jedem Schritt lauter wird. Da ist er, der neue Jahrgang von Fröschen, und einer zeigt dem anderen, wo der Dezibel-Hammer hängt. Ein schwer rumpelnder Güterzug auf der Brücke sorgt da für keinerlei Irritation, anders hingegen der leise brummende Diesel einer verschnarchten Motorjacht auf dem Verbindungskanal zwischen Rüdersdorfer Kalksee und Stienitzsee. Ein weiterer Arm nimmt noch den schmalen Kriensee mit ins Boot, und dort vom Hafen kommen vor einer Industriekultur-Kulisse frisch geliehene Kajaks gepaddelt.

Höhenweg über dem Kanal

Nach der Brücke steigt der Pfad höher in die Flanke und bietet vor ein paar versandeten Stufen mit alternativer Mountainbike-Rutsche eine Rastbank, an der man einfach nicht vorbeikommt. Rastbänke übrigens gibt es mehr als reichlich auf dieser Seeumrundung, fast immer schön gelegen. Wer keine von ihnen auslassen wollte, hätte am Abend Kniebeugen im dreistelligen Bereich in den Beinen.

Die Hangflanke profitiert bereits vom ersten jungen Laub und verwöhnt mit dem lichten Halbschatten des Frühlings, der diesen und jenen Blümchen noch die Chance lässt, breite Teppiche zu bilden und sich leuchtend darzubieten. So führt ein schicker Höhenweg durch die grüne Kulisse, die jetzt noch ohne Mücken ist. Ein Blick zum feuchten Land da unten hebt diesen Umstand noch hervor.

Nördlich von Tasdorf

Beim nächsten Rastplatz mit knorrigem Geländer und angeschlossenen Stufen geht es hinab zum Blick auf die Kanalgabelung im Norden und eine weitere Eisenbahnbrücke im Süden, die nebenher auch den 66-Seen-Weg ans andere Ufer lässt. Der Blick fällt zudem auf stille Werksanlagen und einen filigranen Förderturm, der schon zum Rüdersdorfer Museumspark gehören könnte. Hier wendet der südliche Abstecher, bevor der Draht zum Stienitzsee verloren geht. Oben an der Straße, immerhin zwanzig Meter über dem Kanal, kann man sich wochentags am Imbiss stärken, vorn an der Kreuzung beim Bäcker ein Kaffeepäuschen einlegen.

Tasdorf

Nach einer kunstvollen Graffiti-Wand von 120 Metern Länge, die mit Tierschutz und Papageien zu tun hat, geht es nach einer Esel- und einer Pferdeweide hinab in den Wald, durch dessen Stämme schon bald der blinkende Spiegel des Stienitzsees erkennbar wird. Unten im Wald sieht es aus, als ob namhafte Gartenplaner vergangener Zeiten ihre Hände im Spiel hatten. Darüber hinaus verneigen sich viele der alten Bäume hin zum wunderschönen Weg, ganz jenseits aller Planbarkeit. Der Weg wird immer noch gediegener, stets etwas breiter und darin noch unterstützt vom Schattenspiel des sonnigen Tages.

Wiesengrund am Westufer

Vor einem weiten, teils schilfigen Wiesengrund schwenkt er nach links und zeichnet dessen Rand nach, wiederum mit schönen Bänken, einer Rasthütte im Stil eines Schafstalls und Sichtfenstern auf diese offene Insel zwischen Hang- und Uferwald, die Entzücken hervorrufen und zugleich den Puls senken. Beim Wiedereintauchen in den Wald, der jetzt bis Torfhaus geschlossen bleibt, gibt es keine Pause vom Erstaunen. Leicht geschwungen ist der Waldboden, kurvig der Weg, und alles links und rechts davon ist lückenlos bedeckt mit dem leuchtend grünen Laub des Scharbockskrauts, dazwischen dessen goldlackierte Blüten. Alles Laub, das selten Schatten hat, ist überzogen mit einer mattglänzenden Schutzschicht und sorgt für Extra-Reflexionen in diesem grünen Teppich, aus dem nur hier und da archaisch ein vor Jahren gefallener Stamm herausragt. Es ist berauschend, mitten hindurch zu gehen, ein wenig wie das Reiten auf der Welle.

Waldweg durch einen Teppich von Scharbockskraut

Der grüne Hang zur Linken wird nun steiler, der Wegelauf noch verspielter und der Boden rechts des Weges immer feuchter. Das geht soweit, dass es in einem regelrechten Kessel das Wasser aus jeder Pore drückt. Aus Dutzenden Rinnsalen entsteht auf nur dreißig Metern Länge ein Bach, der an seiner Mündung breiter als ein großer Schritt ist und dort der Waldesstille ein achtbares Rauschen entgegensetzt. Neben dem Annafließ und den sonstigen Wassern aus dem gleichnamigen Wiesental ist er eine von vielen Quellen, die dicht am Ufer entspringen und dem See zu der Wasserqualität verhelfen, die wir hier und dort sahen. Wer seinen Kindern oder Eltern immer schon ganz lebensecht und ohne viel Aufwand eine Quelle und gleich noch eine Mündung zeigen wollte, kann das hier sehr eindrücklich tun und dabei auf staunende Augen hoffen. Vorn am Ufer bietet der Blick über den blauen See eine Skyline an, die nicht mit Türmen geizt. Hauptdarsteller ist das Kalkwerk Rüdersdorf, im Vordergrund am Ufer noch das Wasserwerk mit seiner Motorjacht.

Skyline gegenüber

Eine Bank am steilen Hang hat sichtlich Mühe, sich geradezuhalten. Wer es dennoch schafft, Sie zu erklimmen und sich dort festzuklammern, wird mit direkter Sicht auf ein hölzernes Sichtfenster belohnt, das den finalen Bachmäander ansprechend in Szene setzt. Eine Schautafel ist dabei nicht nur informativ, sondern hilft maßgeblich beim Festhalten. Erst beim rückwärtsgewandten Abstieg sehen wir etwas Zauberhaftes. Alle Flanken des Kessels sind lose bedeckt von diesen herrlichen blauen Blümchen, denen Carl von Linné einst den Namen Anemone hepatica verpasste. Ihr landläufiger Name klingt mir irgendwie zu sehr nach Leberwurst, und daher betrachte ich diese kleinen Schönheiten intern als blaue Anemonen.

66-Seen-Weg am Westufer

Es gibt nicht allzu viele Stellen im Land Brandenburg, wo man auf dieses zartblaue Leuchten treffen kann, das nach dem Winter oft die allererste kräftige Farbe im graubraunen Laubteppich am Waldboden durchboxt. Gleich um die Ecke im Annatal stehen die Chancen sehr gut, ebenso bei Trebus oder in den Weiten des buchenreichen Grumsiner Forstes. Hier jedoch stehen fast gar keine Buchen, und doch geht es noch hunderte Meter weiter mit diesem Blütenzauber jenseits von gelb, grün und weiß.

Ein paar Wegekurven später drückt sich schlicht inszeniert die nächste Quelle ans Tageslicht, und nach einer Treppe hinab und einer hinauf kann man bei einigen Gärtchen erneut über den See blicken. Vor dem gegenüberliegenden Sandstrand unterhalb der Kiefer zieht ein Segelboot vorbei und fügt dem Tag etwas hinzu, was irgendwie noch fehlte. Bald lockt nach rechts eine hochgewachsene Fichtenreihe hinab zur Wiesen-Badestelle, wo sich schon erste Badegäste eingefunden haben und die Exklusivität des abgeschiedenen Plätzchens genießen. Da wollen wir gar nicht stören und biegen links ein in den Uferpfad.

Sichtfenster auf den Quellbach, Westufer

Der beginnt hoffnungsvoll, bremst uns jedoch nach zweihundert Metern unverhandelbar aus. Überall am Ufer scheinen unterirdische Quellen auszutreten, und entsprechend nass ist auch der Uferbruchwald. Es gab ihn einmal, diesen Uferpfad, doch dass der 66-Seen-Weg jetzt oben auswiesen ist, hat einen guten Grund. Der zeigt sich bislang relativ harmlos mit nassen Schuhen, und so sind wir einsichtig, passieren die Badestelle erneut und stören ein weiteres Mal gar nicht. Zumindest hatten wir von der Wendestelle einen besonders schönen Blick auf die Höhen und Türme von Hennickendorf in der Ferne.

Der breite Weg zieht jetzt gediegen durch den Wald und spendiert noch ein paar blumige Schönheiten. Als er dann zum Pfad wird, kommen uns zwei Leute entgegen mit einem Hund, der groß ist wie ein Kalb, weich wie ein Alpaka und sanft wie ein Lamm. Obwohl kaum Platz ist, passieren sich alle kontaktlos, ohne das leiseste Streifen, und mit einem angedeuteten Lächeln. So ganz anders als auf den rammligen Gehwegen der Berliner Innenstadt, wo viele der Passanten in die Inszenierung der eigenen Person versunken sind oder in ein auf Achselhöhe gehaltenes Display, das scheinbar noch immer genau so magisch ist wie vor zehn Jahren, als es mal brandneu war.

Weite Wiesen im Annatal

Nach einer weiten Kurve führt ein Brücklein über das lebendige Annafließ, das weiter nördlich bei Strausberg zeitweise komplett trockenfällt. Gleich dahinter beginnt von hohen Bäumen gesäumt ein Dammweg, der nac Süden zum Uferpfad nach Hennickendorf führt. Doch etwas Annatal muss schon noch sein, gerade jetzt zum Abend, wenn die Wiesen kühl und duftend ausatmen. Die umgestürmten Bäume vom Oktober liegen hier noch quer, und es hat sich bereits ein neuer Weg gebildet, der sich an den aufgeworfenen Wurzelballen vorbeidrückt. Von vorn kommt ein Vater mit seinem schulterhohen Sohn, und beide nehmen mit dem fokussierten Blick des Pfadfindenden und ohne ein unnützes Wort oder einen Anflug von Zögern den ursprünglichen Wegverlauf durch die liegenden Stämme und Kronen.

Torfhaus

In Torfhaus ist noch immer die Baustelle, die im Satellitenbild zu sehen war. Die Straßendecke ist komplett abgetragen, doch die Brücke über den Stranggraben ist da, zumindest für Fußgänger und Radfahrer. Nur gut. Schräg gegenüber lockt Empfängliche ein unscheinbarer Wiesenpfad in die Langen Dammwiesen, die ja eigentlich Sache des Stranggrabens sind und mit dem Annafließ gar nichts zu schaffen haben. Doch egal, denn so schön und sehnsuchtsvoll klingt Unteres Annatal.

Spazierweg am Mühlenfließ, Hennickendorf

Eine Frau vom Dorf schwärmt mit ihrem Hund aus in einen Weg, der irgendwo an einem Wasserlauf im hohen Gras versinken muss. Rechts liegt der kleine Sporn, der den Namen Wachtelberg trägt und von dessen Kamm man weit in zwei Richtungen blicken kann. Wir bleiben zunächst unten und biegen an der alten Mühle ein in den Uferpfad. Das kleine Mühlenfließ daneben strömt ausreichend rege, um das Mühlrad anzutreiben. Sein klares Wasser kommt vom Kleinen Stienitzsee, der ohne Zufluss ist und demnach auch durch unterirdische Quellen gespeist wird.

Vor dem See läuft ein Sträßchen unterhalb einer Hangwiese entlang, bevor ein steiler, grasiger Pfad den Kammzugang ermöglicht. Zehn Meter höher fällt der Blick ohne Umschweife auf den Fuß des Wachtelbergturms, doch die knapp 100 Stufen und den Lohn der absoluten Rundumsicht heben wir fürs nächste Mal auf. Die letzte gediegene Stufenfolge des ausgehenden Tages steigen wir mit federnden Knien hinab und nehmen zuletzt noch die Bahnhofsstraße und eine Hinterkirchgasse zum Kreisverkehr mit. Das Treiben an der Eisdiele läuft jetzt endgültig auf Hochtouren und sorgt für kurzfristige analoge Verabredungen und verfärbte Zungen mit Gänsehaut.

Abstieg vom Wachtelturm, Hennickendorf

Der Tag ist noch jung, die Sonne steht noch hoch und alle, die hier ein Eis in der Hand halten, denken noch lange nicht an Details der Abendgestaltung. Langes Licht und kurze Ärmel streifen einem ja stets ein Gefühl gewonnener Freiheit über, wenn sie dann verlässlich verfügbar sind. Auch die kühle Luft der mittleren Frühlingsabende lässt noch auf sich warten. Einzig der See hat sich bereits beruhigt, hält seinen stillen Spiegel dem Blau des Himmels entgegen und räumt dem Ruhepuls des Tages vieles aus dem Weg. Die großen Feste können kommen.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): über S-Bhf. Erkner oder S-Bhf. Strausberg, dann jeweils noch mit dem Bus (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die B 1 (ca. 0,75 Std.)

Länge der Tour: 15 km (Problempassage bereinigt)(Abkürzungen im Norden und Süden gut möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Hennickendorf Ortsseite

Fischerei am Stienitzsee

NSG Lange Dammwiesen und Unteres Annatal

Museumspark Rüdersdorf

66-Seen-Weg

Hofladen Mühle Lemcke Hennickendorf

Wachtelturm Hennickendorf

 

Einkehr: am Weg keine Einkehrmöglichkeit
Verschiedenes in Rüdersdorf, Strausberg und Herzfelde

Groß Dölln: Kalter Wind, warme Halme und der Tanz mit dem Döllnfließ

Der zurückliegende Februar hat gute Chancen, auf irgendwelchen Bestenlisten ganz oben zu stehen. Der niederschlagloseste war er zum Beispiel, dazu noch der sonnigste überhaupt und zudem der mit der kältesten letzten Woche. Alle Blümchen, die sich schon Ende Januar vorschnell und besonders beflissen zu Wort gemeldet und damit Frühlingshoffnungen geschürt hatten, wurden über Nacht in ihrer aktuellen Pose eingefrostet und klappten dann bei irgendeinem Stoß des eisigen Ostwinds um.

Im Talgrund des Döllnfließes bei Groß Dölln

Entsprechend kühl und reserviert fiel der kalendarische Frühlingsanfang aus, der auf gefrorenem Boden über die Bühne ging – da half auch die kräftigste Frühjahrssonne nichts. Bevor in der nächsten Woche die ganz dicken Handschuhe erstmal wieder im Schrank verschwinden können, sind jedoch noch ein paar Bibbertage durchzustehen.

Wer trotz allem unbedingt raus will, sollte auf zwei simple Dinge achten: die Sonne und den Wind. Möglichst wenig sonnenabgewandte Wege, möglichst keine offenen Schneisen in Ost-West-Richtung. Also am besten ein flacher Bachgrund im Walde, der unregelmäßig von kleinen Gehölzen durchbrochen ist. Dann stehen auch die Chancen gut für entspannte und fröstellose Pausen mit Sonne im Gesicht.

Im Herzen von Groß Dölln

So etwas gibt es zum Beispiel westlich von Joachimsthal oder noch etwas weiter westlich in der den weiten Wäldern der Schorfheide nördlich von Groß Schönebeck, im Tal des Döllnfließes. Wem jetzt bei Schorfheide nur hochstämmiger Kiefernwald, ein rechtwinkliges Wegenetz und wenig Abwechslung einfallen, vielleicht noch seltsame alte Männer mit Jagdwaffen, der liegt damit nicht unbedingt falsch. Doch geht man etwas ins Detail, etwas näher an die Karte, finden sich gleichmäßig verstreut bezaubernde Durchbrüche dieser meditativen Einförmigkeit, die immer mehr werden, je länger man sich treiben lässt. Verwunschene Sumpfländer, stille Seen und lebhafte Fließe findet man in diesen tiefen Wäldern ebenso wie wirklich hübsche Dörfer und weite, weiche Wiesen, auf denen man am liebsten sofort die Schuhe ausziehen möchte, ganz gleich was das Thermometer geschlagen hat.

Flößers Ruh am Döllnfließ, Groß Dölln

Das kleine Döllnfließ entspringt, zumindest theoretisch, irgendwie und manchmal aus dem großen Döllnsee und versucht eigentlich von Anfang an, den Wald abzuschütteln. Das gelingt dem Bächlein nach und nach, quasi mit bockigen Charme. Die anfangs regelrecht rodeoartigen Windungen bleiben dabei weitgehend erfolglos, während es dann im Mittellauf mittels breitem Feuchtgürtel die Baumstämme schon einmal in die Schranken weist und kurz darauf bei Kappe endgültig ins offene Land tritt. Nach einigen braven Kilometern neben dem breiten Vosskanal landet das Döllnfließ dann im leisen Rauschen einer angelegten Schnelle im havelverwandten Kanalwasser.

Groß Dölln

Die Landschaft um die ersten Fließkilometer ist wie geschaffen für diesen Tag mit kaltem Nordost und kräftiger Sonne, ein wirklich schöner Ausgangspunkt ist Groß Dölln. An der Kirche steht neben einer neu gepflanzten Eiche von einigen Metern Höhe ihre Vorgängerin, gekürzt auf eine ähnliche Höhe und bestückt mit mehreren Abteilen von Büchern. Die Fächer sind fachmännisch in den Baum gefräst, der hier und da noch Lebenszeichen zeigt, die Buchauswahl ist bunt gemischt. Die langgezogene Dorfstraße ist gesäumt von vielen schönen und bunten Häusern, und ihre leichten Kurven geben dem Charme des Dorfes einen letzten Schliff.

Blick über den Talgrund auf Groß Dölln

Der flache und teils breite Talgrund des Döllnfließes macht es nicht leicht, sich für eine Seite zu entscheiden, und so ist es wohl am besten, möglichst oft zwischen beiden zu wechseln. Gleich bei der ersten Überquerung am Dorfrand lädt Flößers Ruh mit einer sonnigen Bank zur ersten Pause, kaum dass man losgegangen ist. Ein Kerl kommt aus einem der letzten Häuser und geht vor uns her zur Brücke, dann hinab zum meterbreiten Fließ, wohl um zu prüfen, wie der Eisgang ist. Der ist komplett, soweit das Auge blickt, doch drunter ahnt man leises Gurgeln.

Frostiger Südrand am Wald

Alles im Tal liegt in der Unschärfe leichten Frostes, zumindest solange die Sonne noch nicht höher steht. Ein herrlicher Weg beginnt und führt direkt am duftenden Waldrand hinein in diesen langen Grund. Wer sich Wegesammler nennt, wird abends mit reicher Beute heimkehren, denn neben der besonderen Landschaft und den zahlreichen Abwechslungen im Kleinen ist heute nahezu jeder Weg besonders schön. Immer wieder wird tief eingeatmet zu einem kleinen Seufzer der Begeisterung. Dazu kommt noch, dass so gut wie all diese Wege auch unbesohlt Spaß machen dürften – es gibt kaum Schotter oder groben Asphalt. Wem es nichts ausmacht, mal auf einen Kienappel oder ein Zweiglein zu treten, kann hier seinen Füßen etwas richtig Gutes tun, kilometerlang, den ganzen Tag. Viel Wiese ist dabei und viele weiche Waldwege, was selbst für die langen geraden unter ihnen zutrifft.

Richtig Spaß macht es auf den ersten Kilometern, wie sich der Kirchturm von Groß Dölln zu immer neuen pittoresken Dorfbildern in Pose stellt, so lang es geht zu sehen bleibt. Nur dreieinhalbmal werden wir das Döllnfließ überqueren, und doch fühlt sich der Tag an wie an Tanz mit diesem Wasserläufchen. Die nächste Querung auf weichem Wiesenboden findet noch beim Dorfe statt und zeigt nun der kleinen Anhöhe den Rücken, welche die Sonne hier besonders lange aussperrt. Dass die im restlichen Tal schon länger auf den Beinen ist, beweist der würzige Kräuter- und Heuduft, der den ganzen Grund erfüllt und mit Nachdruck Frühlingszeit verheißt.

Im Walde kurz vor dem Waldweiher

Nach einem Kilometer auf diesen Wiesenwegen lassen wir uns an einem windstillen Plätzchen einfach fallen zur ersten Pause. Beim Abstützen auf dem blondstruppigen Gras wird unerwartet klar, dass die Sitzkissen im Rucksack bleiben dürfen – an diesem Tag mit sechs Grad unter Null. Das ist faszinierend, und immer wieder spreizt man die Hand auf dem Halmteppich aus, krallt die Fingerspitzen ein und staunt aufs Neue. Also Jacke auf, Mütze ab, Tee in die Tassen und als einziges Problem voraus, sich später wieder loszureißen von diesem Vorgeschmack auf Kommendes.

Der Weg nach Osten ist ein steter Wechsel aus schönen Wiesenwegen, kleinen und großen Waldstücken. Jedes von ihnen ist in verschiedener Mischung bestückt, mit dem Gewicht auf Nadeln, und in Regelmäßigkeit öffnen sich lichte Durchblicke zum krummen Lauf des Wassers, der meist etwas offenes Land um sich hat. Zum Genuss dieses Wechsels zählt nicht nur der für die Augen, sondern auch der für die Nase, denn die Sonne setzt gleichermaßen im Wald und auf den Wiesen ganz verschiedene Düfte frei.

Blick in den Talgrund am Rarang-See

Am Weg liegt neben einer Anlage mit exklusiv gelegenen Kleingärten auch ein Weiher mit schönem Uferpfad und einem herrlichen Lagerplatz rund um vier exaltiert gestellte Kiefern, die scheinbar wieder vom Absinth genascht haben. Drüben vom Weiher kommen mehr spür- als hörbar die dumpf schluckenden Töne, die unterm geschlossenen Eis gefangen sind und unbedingt nach draußen wollen. Nichts, was man zur Dämmerstunde gerne hören würde, hier tief im Wald, und wenn man noch so sicher die ganz vernünftige Erklärung für dieses glucksende Klagen kennt.

Vor dem erheblich größeren Kleindöllner See kommt uns der Weg abhanden, die beinhebende Suche nach dem Anschluss endet im dichten Kraut vor einem überzeugenden Tor. Auch der See gluckst ratlos von unten, also staksen wir zurück zum letzten großen Weg und umgehen das große umzäunte Areal der Siedlung Döllner Heide. Das ist ganz gut so, denn so bringt uns der Zufall noch ein paar mehr von den besonders schönen Wegen.

Waldweg zum Groß Döllner See

Rarangsee

Hinter der Landstraße steht die Auswahl zwischen zwei gleichermaßen einladenden Wegen um den feuchten Grund des Rarangsees. Der nördliche ist kürzer und macht den Umweg von eben wieder wett. Er zeigt sich zudem als gute Entscheidung, denn es bieten sich zunächst durch hohe Birken schöne Blicke auf den vereisten See und das Schilfland dahinter, und etwas später findet sich erneut ein Rastplatz, so schön und so geschützt und wiederum im blonden langen Gras.

Die Hochstände ringsum treiben sonderbare Blüten, teilweise sind sie aufwändig mit Lattenzaun eingehegt, teilweise so hoch gestelzt, dass der Zustieg eine Zwischenplattform braucht. Dann wird es wohl zur Dämmerung hier alles andere als ruhig zugehen, was das Treffen der heimischen Tierwelt betrifft. Auch mitten durch unser Plätzchen hier führt ein ausgelatschter Tierpfad hin zur Tränke.

Eisläufer auf dem Groß Döllner See

Dölln Krug

Nach einem Stückchen Märchenwald liegt dann vor uns der fast fünf Kilometer lange Großdöllner See, der ähnlich wie das Fließ ein wenig in seinen Wald eingebockt scheint. Die geschlossene weiße Fläche und die Schlittschuhläufer am anderen Ufer verleiten uns zu ein paar tastenden Schritten hinaus aufs Eis, dessen Uferschilf fast platinblond zu sein scheint. Die dicke Eisdecke ist mal milchig stumpf, mal fast schon transparent. Gerade als wir den weiten Blick genießen und den Hintern entspannen, fährt ein entfernter Peitschenhieb durchs Eis und ist umgehend bei uns. Sicher ganz normal und ungefährlich, doch wir tappeln hastig zurück ans feste Land. Die Schlittschuhläufer sind schon fast hier und achten ebenfalls auf Ufernähe.

Tunnelgasse nach Groß Väter

Groß Väter

Nun folgt ein sympathisches Zickzack nach Groß Väter, einem charmanten Dörfchen tief im Wald. Die Wege sind lang und gerade, doch keineswegs ermüdend, denn auch hier behält der Wald den steten Wechsel bei. Am Ende liegt wie hinter einem Tunnel aus Bäumen Groß Väter, das zweigeteilt ist in ein schönes Ferienlager und das eigentliche Dorf nördlich des Sees. Der tiefe Sonnenstand ist schon zu spüren, der Wind gewinnt die Macht zurück und alles fühlt sich nun erheblich kälter an. Nach einer Runde durch das Feriendorf queren wir vorbei an einer norddeutschen Impression zum Dorf. Am eigenartig vierbeinigen Glockenturm des Friedhofs beginnt die lange Dorfstraße, und auch hier stehen wieder sehr verschiedene und sehr schöne Häuser, viele davon mit Seeblick. Drüben wird gerade professionell getrommelt, die Wesen unterm Eis steuern das ihre dazu bei. Die Pause am kleinen Badestrand fällt kurz aus, denn der Abend kriecht jetzt unter alle Schichten, die man schon an hat.

Nordische Impression bei Groß Väter

Lang und gerade ging es her, und ebenso geht es weiter. Auch die Stämme im Wald sind lang, und so schafft es die Sonne, noch etwas Licht bis zum Boden zu schicken, so dass Moos und Blaubeerkraut am Boden ihre kurzen Schatten werfen. Am Eingang nach Groß Dölln ergeben sich ein paar Blicke in den Anfang des Tages, hinab zu den breiten Talwiesen. In der Tat ist jetzt der südliche Waldrand warm beschienen, so hoch hat es die Sonne schon geschafft an diesem Märzentag. Das stimmt doch mehr als zuversichtlich.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): wenig praktikabel (in der Woche ca. 3 Std. mit zahlreichen Umstiegen; am Wochenende so gut wie keine sinnvolle Verbindung)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn oder Landstraße (ca. 1-1,2 Std.)

Länge der Tour: ca. 18 km (Abkürzungen sehr gut möglich)

 

Download der Wegpunkte
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Links:

Informationen zum Döllnfließ

Seite von Groß Dölln

Feriendorf Groß Väter See

Seite der Schorfheide

 

Einkehr:
Hotel Döllnsee, liegt fast am Weg (gehobene Preisklasse)
Zur Neuen Schorheide, Groß Schönebeck

Joachimsthal: Edle Weiden, der blaue Grimnitz und die zugewandte Mühle

Nachdem die letzten Rauchschwaden und Widerhalle der Sylvesternacht verzogen sind, hat sich ein neues Jahr in Gang gesetzt. Nicht behäbig, doch ohne Aufhebens. Ganz normal, fast ohne Lärm und nach einem ersten hoffnungsfrohen Sonnentag mit reichlich Regen. Die Wiesen in Stadt und Land triefen vor Nässe, und würde jetzt der Frost zuschlagen, hätte es niemand weit zur nächsten Eisbahn. Doch jegliche Form von Winterlichkeit lässt bislang auf sich warten. Glaubt man den geballt auftretenden Bauernregeln aus Omas Kalender, könnte jedoch ein Winter eintreffen, der all seine Schönheiten und Querelen bis nah an die Ostertage ausdehnt. Das gab es schon einige Jahre nicht mehr, und so gesehen wäre es statistisch legitim – auch wenn man irgendwann keinen Schnee mehr sehen möchte, schon gar nicht unterm bunt behangenen Osterstrauch.

Mühle und Obstbäume, Althüttendorf

Scheinbar wird ebendas genau in diesen Tagen ausgefochten, als mitteleuropäische Angelegenheit und mit schweren Geschützen. Von Westen kamen Stürme und randalierten in weiten Teilen des Landes, andernorts gab es Wintereinbrüche mit großen Mengen von Schnee. Hier wurde nur alles kräftig durchgepustet, viel mehr passierte nicht. Doch der Kampf blieb nicht verborgen, und als erste Zwischenbilanz ist jetzt die Temperatur von zweistellig auf etwas über Null abgesackt.

Ein weiteres Zwischenergebnis der himmlischen Scharmützel war das Geschenk eines kalten und sonnigen Tages, der mit den scharfgezeichneten und kontrastreichen Farbspielen der Landschaft aufwartet und mit diesem ganz speziellen Licht, das eigentlich nur der Januar kann. Wenn sich die tiefstehende Mittagssonne in windschattig unbewegten Grabenwassern spiegelt und diese wie vereist aussehen lässt, obwohl die Kälte dafür fehlt. Wenn winddurchkämmte, saftig grüne Wiesenpelze oder das braune Buckelfell der Ganzjahreskühe so warm und weich aussehen, dass man die Hand darin vergraben möchte. Und jeder Vogel auf dem Wasser gestochen scharf erkennbar ist, egal wie weit entfernt.

Blick über den Grimnitzsee, Althüttendorf

Joachimsthal

Um in den übersichtlichen Stunden des Tageslichts all das zu versammeln – Grabenwasser und See, Kuh und Wiese, Vogel und Himmelsweite – bieten sich in Brandenburg viele Optionen. Eine davon ist Joachimsthal, eins von diesen Städtchen, das jeden in gewisser Regelmäßigkeit zu sich ruft, der einmal dort gewesen ist. Das liegt zum einen am lieblichen und vielfältigen Ortsbild selbst, verbunden mit dem besonderen Charakter dieses Ortes. Dazu kommt noch die Lage zwischen einem der größeren rundgestaltigen Seen Brandenburgs und dem märchenhaften und breiten Talgrund eines zaghaft strömenden Bächleins, der alles in allem ähnlich groß ist wie der See. Damit ist die Landschaftsvielfalt rund um Joachimsthal bei Weitem nicht erschöpft, denn es gibt in guter Erreichbarkeit noch tiefe, endlose und teils verwunschene Wälder und eine ganze Reihe weiterer Seen, darunter als erstes der kaum vergleichliche Werbellin. All das ist eingebettet ins leicht gewellte, augenschmeichelnde Relief, das der Eiszeitschmirgel einst hinterließ.

Joachimsthal ist stündlich per Bahn zu erreichen, eine hübsche Fahrt, die über Eberswalde führt. Vor Ort ist die erste Leistung des Tages die Entscheidung über die weiteren Stunden. Zwischen halbstündigen und ganztägigen Spaziergängen ist alles möglich, und jedes davon ist irgendwie besonders und besonders schön. Wer es ruhig angehen möchte, reißt sich zunächst vom faszinierenden Blick über den weiten Grimnitzsee los und lässt sich dann vom Bahnhof durch die zählbaren Gassen und Straßen der kleinen Stadt treiben, die auch an der charakteristischen Schinkel-Kirche und dem benachbarten Brunnen vorbeiführen. Quert man dabei unterhalb des Friedhofs den verträumten Grund des Hauptgrabens, trifft man auf die nachdrückliche Einladung zu einer kleinen Runde bis zur ersten Querungsmöglichkeit.

Oberes Ende der Marktstraße, Joachimsthal

Bei Lust auf mehr führen schöne Wege vorbei an der erhaben über der Stadt gelegenen Schule hin zum Aussichtsturm, der mit einem der charmantesten und weithin sichtbarsten Fahrstuhlschächte aufwarten kann, die es so gibt. Von hier begleiten Rastbänke, die für die Ewigkeit gebaut wurden, einen Geopfad bis zum Kaiserbahnhof, der mit seinem nordisch angehauchten Bahnhofsgebäude und dem Gasthaus ein lohnendes Ziel bietet, nicht nur für Hörspielfans oder Bahnreisende. Wer dort noch immer nicht genug hat, kann jenseits der Landstraße dem absteigenden Pfad in den Wald folgen, der bis zur Nordspitze des Werbellin-Sees reicht, wo erneut Entscheidungen sowie ein Blick auf die Uhr anstehen.

Davon abgesehen gibt es in Joachimsthal einen märkischen Klassiker, bei dem man nichts falsch machen kann. Die Umrundung des Grimnitzsees ist an keiner Stelle ein klassischer Uferpfad mit nadligen Wurzelwegen, hält vielmehr auf ganzer Länge Abstand zur Uferlinie. Dennoch bleibt der See fast die ganze Zeit im Blick, insbesondere während der laublosen Jahreszeit, und präsentiert sich mit großem Talent immer wieder aufs Neue, was dank eines winzigen Höhenunterschiedes bereits beim Verlassen des kleinen Zuges beginnt. Einen derart imposanten Seeblick direkt vom Bahnsteig gibt es im Land Brandenburg nur selten.

Pfad hinterm Friedhof, Joachimsthal

Die Tour um den Grimnitzsee ist erstaunlich vielfältig, sowohl was die Widescreen-Landschaftsbilder, aber auch die lokalen Details betrifft. Alle paar Minuten gibt es Abwechslung, in regelmäßigen Abständen etwas zu beschauen oder zu bestaunen.

Die kleine Schleife durchs Städtchen ist am Anfang der Tour ähnlich gut aufgehoben wie an deren Ende, denn sie ist überschaubar und auch mit erschöpften Kraftreserven noch gut zu genießen. Wir heben sie als Sahnehaube auf und spazieren vom Bahnhof direkt der Sonne entgegen. Deren Bahn ist im Winter bestens mit der Seerunde synchronisiert– es wird auf dem gesamten Weg nichts vom kostbaren Licht verschenkt, und der von den dunklen Tagen gebeutelte Vitamin-D-Haushalt triumphiert im Stillen.

Altgrimnitz, kurz vor dem Ufer

Kurz hinterm Bahnhof fällt am leicht erhöht gelegenen Friedhof dasselbe Licht gekonnt durch die bunten Kapell-Fenster und hat wohl schon manchen Ablichter durchs klamme Laub hinauf zum Zaun getrieben, wo sich maschendrahtlos fotografieren lässt. Gleich dahinter läuft der Weg zu einem charmanten Pfad direkt oberhalb des Gleises ein. Am Bahnübergang – von hier sind es übrigens nur zweieinhalb Minuten zum hervorragenden Bäcker an der Hauptstraße – beginnt der Ortsteil Grimnitz, der durchaus als eigenständiges Dorf erscheint, darüber hinaus den Charakter eines Küstendorfes hat, wie es im Süden der Insel Rügen liegen könnte oder sonst irgendwo am Bodden. Überhaupt haben Landschaft und Dörfer im Süden und Osten des Sees viel von der Stimmung, wie man sie an den Boddengewässern der Ostseeküste oder dem Usedomer Achterwasser findet.

Verstärkt wird dieser Eindruck durch das sagenhafte Licht dieses klaren Wintertages, welches dem See zu einem selten gesehenen Blau verhilft und aus dem Kontrast zwischen strohblondem Schilfgras und farbkräftiger Wasserfläche etwas mehr als das Maximum herausholt. Die Blicke reichen weit über den See und die Wälder im Norden und Nordosten, bis hin zu einem riesigen Funkmast, der irgendwo bei Angermünde stehen muss.

Uferpromenade vorbei am Feriendorf, Joachimsthal

Grimnitz

Die gepflasterte Dorfstraße zieht ihren Bogen durch die Dorfmitte, vorbei an der ehemaligen Gaststätte und einer der erwähnten Bänke des Geoparks, die gebaut wurden aus zeitlosem Gestein und kräftigen Bohlen. Nach ein paar Bögen linst der See durch zwischen den Häusern, und anscheinend gibt es hier auch einen kleinen Fischerhafen. Was es auf jeden Fall gibt, ist es ein Ruderboothafen, denn das Ruderboot dürfte das meistgenutzte Fahrzeug sein auf dem motorfreien See.

Am Ende des Dorfes beginnt die eigentliche Uferpromenade, ebenfalls frei von Motorgeräuschen. Dafür ist in den zahlreichen Bungalows der einstigen Ferienanlagen mancher am Heizen, um Behaglichkeit in die Bude zu bekommen. Ansonsten ist hier wenig los, was auch für die meisten Cafés und Gasthäuser gilt, die erst im Frühling wieder erwachen. Zwischen der Promenade und dem Ufer liegt ein schmaler Streifen von Bruchwald, der teilweise mit dem See verbunden ist.

Badestelle beim Feriendorf, Joachimsthal

Am ersten großen Badestrand führt eine Landbrücke durch diesen nassen Streifen. Hier kann man nun im Ufersand stehend und mit dem Kinn auf der Brust durchs glasklare Wasser auf die Sandwellchen darunter schauen, oder den Blick erheben und in die große Weite staunen, hin zum anderen Ufer des breiten Sees, das etwa drei Kilometer entfernt unterm Wolkenschatten liegt. Nach den letzten Häusern beginnt jetzt eine augenentspannende Passage durch hochgewachsenen Buchenwald, derzeit mit goldbraunem Laubteppich und freiem Wasserblick, im Sommer mit wohltuendem Schatten unterm diffusem Licht des Buchengrüns. Durch den Uferwald zieht sich ein schmales Asphaltband, das möglichst reizvoll zwischen den Stämmen hindurchkurvt und ein paar zufließende Rinnsale überquert.

Spazier- und Radweg durch den Uferwald

Als Quittung für den ersten schönen Tag seit langem ist hier einiger Verkehr unterwegs. Von vorn kommt eine buntgewürfelte Wandergruppe, die wahrscheinlich das neue Jahr begrüßt. Vielleicht ist ja Joachimsthal jedes Jahr der feste Ort dafür, jeweils mit einer anderen Tour, denn das ist hier ähnlich unproblematisch wie rund um den Berliner Vorort Woltersdorf. Wenig später überholen wir nach und nach einen leicht zerfaserten Familienverbund, der für jedes der drei Kinder ein Fahrzeug dabei hat, als schlaue Option für viele Fälle und vielseitig kombinierbar. Zuletzt zieht ein Radfahrer mit Daunenweste vorbei, im wiegenden Tritt und offensichtlich mit gutem Vorsatz die vorauseilende Körpermitte betreffend. Der Wald ist mittlerweile gemischter, nach den Bruchwäldern vorhin und dem Buchenwald sind jetzt verschiedenste Nadelbäume untergemischt und sorgen unter der wärmenden Sonne hier und da für ätherische Düfte.

Blick über den Grimnitzsee

Althüttendorf

Am Rand von Althüttendorf folgt nach den pittoresken Häuschen eines Hotels und der Gaststätte bei den Sportplätzen der Austritt in die nächste Landschaft. Auf den saftigen Hügelwiesen des Dorfes stehen vorne Pfützen, weiter hinten warm beschienene Rinderrücken, und ganz weit hinten schon in der Flanke zeigt ein hochbeiniges Pferd seine vollendete Silhouette. Links in der Bucht halten sich zu den meisten Zeiten gern die Silberreiher auf, heute sind sie woanders unterwegs und überlassen das Wasser ganzen Scharen von Gänsen und Enten, die in angeregtem Austausch stehen.

Steig hinauf zum Friedhof, Althüttendorf

Ein Aussichtspunkt der Extraklasse und zugleich eine der schönsten Rundbänke im Land liegt auf dem Friedhofshügel, der zwischen Uferstraße und innerem Dorf so sehr in den Himmel ragt, dass stets nur ein oberes Stück des Kirchturms zu sehen ist, mindestens jedoch die goldene Kugel. Auf dem höchsten Punkt residiert eine dieser wirklich alten Eichen, deren es viele gibt im Land Brandenburg, doch nur wenige haben es geschafft, sich so eindrucksvoll zu positionieren. Über den ganzen See ist sie zu sehen und natürlich auch von der Autobahn. Um den enormen Stamm herum wurde eine solide Rundbank gezimmert, die ausreichend Beinfreiheit lässt, sich wahlweise auch stammwärts zu setzen, quasi wie um einen runden Tisch mit maßlos übertriebener Topfpflanze in der Mitte. Mit etwas Gedrängel sollte eine ganze Schulklasse Platz finden auf dieser Bank, die von jeder Stelle einen schönen Blick bietet.

Eichenbank auf dem höchsten Punkt, Althüttendorf

Am spektakulärsten ist natürlich der Ausblick übers große Wasser, der so ufernah von keiner anderen Stelle möglich ist. Von hier kann das Auge schweifen, weit und schwelgerisch. Zwanzig Meter Höhenunterschied und ein unverbauter Blick lassen sicherlich manche Pause zeitlich ausufern, besonders wenn der See so blau wie heut da unten liegt. Als wäre es noch nicht genug an Schauspiel, jagt jetzt ein blitzend weißer Schwarm von großen Tauben über Landzunge und Bucht, mit imposanten Flugmanövern, deren Sinn schwer nachvollziehbar ist. Ganz oben in den Baumkronen am Ufer hocken stattliche Seeadler, die sich nach dem Zücken des Fernglases als Graureiher entpuppen, die genauso hocken, wie es sonst Adler tun. Unterdessen wurden die Tauben von vier ebenso weißen Möwen abgelöst, die windschnittig aussehen und eher patroullieren als herumflattern.

Von hier oben sehen wir nicht nur den See und alles dahinter, sondern unten auf dem Weg auch den Familienverbund, der mittlerweile zusammengefunden hat und seinem Ziele nah erscheint. Meinungsverschiedenheiten von vorhin sind Schnee von gestern und alles ist fröhliches Geplapper, kein Kopf gesenkt und alle Blicke offen.

Uferplatz in Althüttendorf

Von der Eichenbank ist man rasch unten an der Dorfstraße, die ein ungeheuer beruhigendes Bild abgibt. Das gilt im Rückblick auch für das gesamte Dorf, egal wie weit man schon entfernt ist. Gegenüber der Radfahrerkirche mit ihrem schönen Rastplatz wurde vor einiger Zeit ein kleiner Skulpturenpark angelegt. Die lebensgroßen nordischen Göttinen sitzen auf Findlingen und können mit ihren Blicken fesseln, so dass man sich diesen durchaus bereitwillig und zugleich mit leichtem Rückenschauer stellt. Der hinterlassene Eindruck begleitet den Weg aus dem schönen Dorf, klingt dann noch länger nach.

Noch vorher lohnt der Abstecher nach links zum herrlichen Dorfplatz am Ufer, wo es neben Theaterbühne und Spielplatz auch einen schönen Strand gibt, dazu noch einen wirklich fotogenen Steg und winterbleiches Schilf.

Blick zur Autobahn, Althüttendorf

Die wenigen Autos auf den nächsten Metern stören kaum, da es zum See hin schöne Blicke gibt, auch Richtung Inland bleibt das Auge hängen an großen Gänsescharen und weichen Pferderücken, gekrümmten Wasserläufen und Kopfweiden mit Oberwasser. Gleich hinter der ersten Kurve wird man erneut ausgebremst und muss einfach links abbiegen zum sogenannten Eulenturm mit seinem großzügigen Aussichtsbalkon, der sich insbesondere für Sonnenuntergänge empfiehlt. Oder einfach nur für eine schöne Pause.

Rückblick auf Althüttendorf

Gleich dahinter steht mit der flügellosen Mühle der nächste Blickfang, in dunklem und wettergegerbtem Holz und seit Jahren unbewegt. Ihr Sockel ist umgeben von im Tanz erstarrten Obstbäumen und sollte ein Vermerk für die nächste Wiederkehr im Frühjahr auslösen. Das muss unglaublich aussehen, wenn vor der Kulisse des weiten Grimnitz die Mühle über Blütenkronen steht. Wer übrigens vom letzten Besuch im Kopf hatte, die Bockwindmühle stünde schief, wird das bestätigt sehen – sie tut es wirklich. Als würde sie dem See zu jeder Zeit ein lauschendes Ohr hinhalten, wie ein in sich ruhendes Elternteil, das sein Kind von den allerersten Schultagen berichten hört.

Spätestens hier ist die Autobahn unüberhörbar, und wer den direkten Blickkontakt zum sausenden Blech scheut, kann einen kleinen Extrahaken übers hübsche Neugrimnitz schlagen. Ansonsten ist der urige Weg entlang der Autobahn durch einen Baum- und Heckenstreifen von der schnellen Straße getrennt, und wer den Kilometer mit dem automobilen Rauschen am gestochen scharf bepinselten Wegestein verlässt, wird es um so mehr genießen, wenn die Ruhe des großen Sees mit jedem einzelnen Schritt zurückerobert wird.

Am Fuß des Eulenturms, Althüttendorf

In die breiten Uferwiesen locken immer wieder saftig grüne Wege, doch sind das allesamt Sackgassen, die letztlich mit nassen Füßen enden. Die mit den Hufen sollte das wenig stören, doch obwohl hinten ein frischer Misthaufen dampft, sind hier und heute weder Horn noch Euter zu entdecken. Hinter einer kleinen Anhöhe ist aller Lärm verschluckt. Dass es noch stiller geht, zeigt sich beim Eintritt in den Wald, der von hier bis weit nach Norden reicht, bis fast zur Südspitze der langen Uckerseen. Weiter im Osten geht er jenseits der Autobahn in den Grumsiner Forst über, der es mit seinem alten und weitgehend geschlossenen Buchenbestand zu gewisser Bekanntheit gebracht hat.

Diagonal gegenüber zu vorhin treffen wir jetzt hier auf eine weitere bunt gemischte Wandergruppe, deren Teilnehmer so euphorisch oder auch sportlich bei der Sache sind, dass sie uns fast umrennen. Auch dieser fein gemischte Wald gestattet Durchblicke aufs Wasser, jetzt im Winter. Schon seit dem Abzweig nach Neugrimnitz verkünden übrigens Schilder, viele Schilder, dass es bald etwas Heißes zu trinken oder etwas Warmes zu essen geben könnte. Das Leistenhaus hat einen ganzen Lattenzaun zerlegt und einige Farbe verstrichen, damit niemand dran vorbeiläuft. Das wäre durchaus willkommen, zumal die Sonne im Januar schon etwas länger bleibt und das Ende der Runde vor dem des Tageslichts gut zu erreichen ist. Doch kurz vor dem Ziel steht nicht ganz eindeutig zu lesen, dass hier erst ab April wieder der Kochlöffel geschwungen wird. Ein Anruf bringt Gewissheit – wir haben die Winterpause erwischt. Zum gemütlichen und schön gelegenen Leistenhaus gehört übrigens auch ein Badestrand mit direktem Blick auf Joachimsthal – beim nächsten Mal, im Sommer.

Flügellose Mühle, Althüttendorf

Gasthaus Leistenhaus

Als guter Trost steht hier ein schöner Rastplatz mit weitem Blick nach Nordwesten, der bis Templin zu reichen scheint. Während der Tee aus den Tassen dampft, findet der gesamte Verkehr der späten Mittagszeit statt, wenn nicht des Tages. Erst kommt das gelbe Auto und bringt Neuestes zum winterruhenden Leistenhaus, gleich danach kurbelt im ruhigen Tritt ein Herr mit Hut auf dem ausgeborgten Damenrad vorbei und wirft uns ein selten verschmitztes Lächeln zu – als hätt er uns bei einer Schlingelei ertappt. Kurz darauf kommt der gelbe Wagen zurück und überholt den Verschmitzten vermutlich genau dort, wo jetzt Muttis Junge mit dem Moped langsemmelt, hart am Rand der möglichen Drehzahl des geschundenen Zweitakterchens. Und im Wald verschwindet, hoffentlich wissend, dass der Belag von hart auf Waldboden wechselt und alle übrige Traktion im eingemischten Schotter liegt. Doch das Heulen endet nicht abrupt, sondern entfernt sich gleichmäßig. Alles gut, kein Auaweh.

Die Straße zum Weiler Leistenhaus zieht oberhalb eines sanften Hangs entlang, unten beginnt jetzt der Grimnitzsee zu glänzen. Dazwischen weiden Pferde, die von Zeit zu Zeit wild umherjagen. Vor den ersten Häusern quert der einzige Abfluss des großen runden Sees und tritt munter sprudelnd seinen Weg durch feuchte Wälder an. Er gilt als einer der Ursprünge des Flüsschens Welse, das sich auf fünfzig Kilometern zum direkten Zufluss der großen Oder mausert. Auf dem Weg dahin nimmt die Welse noch den tief eingesenkten Wolletzsee und die Teiche der Blumberger Mühle mit, tritt dahinter aus dem Wald und sorgte über die Zeiten für ein ausgedehntes Bruch, das ihren Namen trägt. Bei Schwedt nutzt die herangewachsene Welse schließlich ein Kanalwasser und mündet südlich von Gartz mit beachtlicher Breite in die Oder.

Blick über die Wiesen auf den See

Leistenhaus

Hier am Grimnitzufer ist sie noch keinen Meter breit, doch immerhin. Hinter den Häusern, die alle rechts der Straße stehen und damit direkten Seeblick genießen, öffnet sich nach links eine Parklandschaft, die in der Tat jedoch eine pittoresk von vereinzelten Bäumen und Baumgruppen durchzogene Weide ist. Die Kühe rund um den See haben es recht gut getroffen, falls auch sie ein Auge für die Landschaft haben. Ansonsten auch, denn die Wiesen sind allesamt frisch und saftig und Schattenplätze niemals weit.

Bis zum Rinderhof kann man alternativ zur Straße aus dem Dorf einem kurvenreichen Wiesenweg entlang dieser Parkweide folgen, der zum Teile ebenfalls sehr frisch und saftig ist und ohne wasserdichtes Schuhwerk etwas Tanz erfordert. Die kleine Dorfstraße endet an der Landstraße, die direkt dem Waldrand folgt und nur ab und an ein Auto durchwinkt. Schon bald wieder öffnen sich nach links weite Blicke über die von Gräben durchzogenen Wiesen hin zum See. Voraus präsentiert sich fast schon etwas weltmännisch die Skyline von Joachimsthal, bestimmt von einigen Mehrgeschossern und dem markanten Aussichtsturm darüber.

Blick über die Wiesen nach Joachimsthal

Dass sich die feuchte Wiese selbst mit Gummistiefeln nicht queren lässt, verraten einmal mehr fehlende Maulwurfshaufen. Zur Straße hin nimmt die Dichte der Erdwürfe dann zu, und wer den klammen Weg hintern den Gärten wagen will, wird mit einem schönen Gefühl von Freiheit belohnt und einer Landschaftsstimmung, die man so auch an der Innenkante des Darß finden könnte.

Am Bahngleis erfolgt der unmittelbare Eintritt nach Joachimsthal über einen winzigen Bahnübergang, der unverändert in Fünfziger-Jahre-Filmen mitwirken könnte. Ein paar Höhenmeter sind es hinauf zum Friedhof, über dessen Buckel man zum weiter vorn erwähnten Talgrund absteigt. Der steht nach den letzten Tagen unter Wasser, nicht bedrohlich, doch Maßnahmen erfordernd. Zum Nachtisch kommt also jetzt die kleine Runde durch die Stadt, vorbei am Brunnen bei den Schinkelzacken und der Marktstraße, die sanft von der Höhe absteigt.

Abendlicher Zug im Bahnhof, Joachimsthal

Drüben beim Bahnhof gibt es noch einen allerletzen Blick auf diesen See der Sonderklasse, der still unter dem ersten zaghaften Dämmerlicht liegt, fast spiegelglatt. Am Bahnsteig steht bereits unter Dampf eines der stündlichen Züglein und fasst in den Farben der Niederbarnimer Eisenbahn noch einmal die des zurückliegenden Tages zusammen. Mit einem souveränen Satz steigt der Zugführer ein und läuft im Augenblick des Türenschließens aus nach Eberswalde.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz oder Berlin-Lichtenberg, Umsteigen in Eberswalde (ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Autobahn (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: 15,5 km (keine Abkürzung möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Amt Joachimsthal

Aussichtsplattform Joachimsthal

Nationaler Geopark am Oderrand

Naturbeobachtungspunkt Althüttendorf mit Aussichtsturm

Skulpturenpark Althüttendorf

 

Einkehr:
Zum Kaiserbahnhof, Joachimsthal (etwas außerhalb)
Zur Krim, Joachimsthal (im Zentrum)
Zur Storchenklause, Joachimsthal (zentrumsnah)

unterwegs:
Café zwischen Bungalowdorf und Wald, Joachimsthal (April-Okt.)
Waldschänke, Althüttendorf (gehobenes Preisniveau)
Leistenhaus (am Nordufer des Sees)(April-Okt.)

Grobskizziert – Eichenbrandt: Drei gute Gründe und die körperlose Axt im Walde

So wie in diesem Jahr der September nach der letzten August-Stunde umgehend den großen Schalter von sommerlich mild auf herbstlich kühl umlegte, macht nun auch der Oktober Ernst, punktgenau und ab dem ersten Tag. Verwöhnte der letzte Septembertag noch wohlig-versöhnlich mit sanfter Wärme und Potential für freie Schultern, riss ihm der Oktober den bunten Altweibersommerfummel vom Leibe und ließ ihn direkt im nächsten tiefen Brunnen verschwinden, mit grauem und direktem Blick.

Wald im mittleren Gamengrund

Als wenn das noch nicht reichen würde, baute sich zwei Tage später ein Sturmtief auf, das von Tag zu Tag mehr mit seinen Bizepsen rollte und sich weitere zwei Tage später mit aggressiver Wucht entlud, bevorzugt über Norddeutschland. In nur zwei Stunden wurde in Brandenburg und Berlin so viel Lebend-Holz zerlegt, wie es nur ein Sturm bewirken kann, der viel zu zeitig kommt und alle Kronen noch belaubt erwischt, mit voller Angriffsfläche. Mehrere Menschen überlebten dieses schwere Sturmereignis nicht, zumeist aufgrund stürzender Bäume.

Der Name des Vandalen musste mit dem Buchstaben X beginnen, gemäß der alphabetisch durchlaufenden Namensvergabe. Da beim X nur eine bestimmte Auswahl an halbwegs glaubhaften Namen verfügbar ist, wurde es wieder eine Variante von Xaver, diesmal Xavier. Nicht der erste Xavier in diesem Jahr, doch leider folgenreich und unvergesslich wie einst Kyrill.

Freigeräumter Weg nach den Sturmtagen, bei Eichenbrandt

Tage später ist es beim Bewegen in der Stadt und auf dem Land gleichermaßen kaum zu fassen, was die Naturgewalt alles verursachte und was die Feuerwehren und sonstigen Helfer in dieser kurzen Zeit geleistet haben. Eine Zeit, in der die Zahl der Einsätze in den vierstelligen Bereich ging und es fast unmöglich gewesen sein muss, Prioritäten zu vergeben, weil ja irgendwie alles ineinander verzahnt ist.

Im Umland gibt es nach fast einer Woche noch immer Probleme auf den Straßen, und an fast allen Fahrbahnrändern zeugen liegende Laubbäume mit aufgeworfenen Wurzelballen von der Wucht des Sturmes.

Einstieg in den Gamengrund bei Leuenberg

Tiefer Wald

Abgesehen von solchen Großereignissen äußeren Aufruhrs oder auch damit verflochten gibt es Zeiten innerer Unrast auch in jedem kleinen Menschenleben. Zeiten, die in vielen Hinsichten so vollgestopft sind, dass man in der nächstgelegenen Freizeit einfach nur stundenlang durch die Botanik streifen möchte, ohne einen einzigen Menschen zu treffen, wortwörtlich. Ohne jegliches Gerangel, Gedrängel oder Ausweichen, ohne Notwendigkeit zur räumlichen Rücksichtnahme oder wortlosen Argumentation. Einfach den Wind ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder rauslassen und dazwischen gerade so viel Synapsentätigkeit, um nicht über die eigenen Beine zu stolpern. Widerstandslos und willig Regentropfen erdulden, die genau in die kleine Kragenlücke am Nacken tropfen oder gekrümmte Stöcker, die durchs eigene Darauftreten zeckend an den Unterschenkel knallen. Das Ganze bevorzugt tief in schönem, besonderem Wald.

Langer See oder Mittlerer See im mittleren Gamengrund

Wenn selbst der Weg dorthin sich noch zum gelinden Hindernisparcours gestaltet, ist es umso wohltuender, vor Ort den ersten Schritt zu tun, tief einzuatmen und diese hochqualitative und von Stille getragene Luft durch den ganzen Körper strömen zu lassen. Wenn irgendwann der märkische Ruhepuls erreicht ist, schalten sich nach und nach die Sinne zu. Mit jedem bunt belaubten Baum, jedem Duft von Harz und Kiefernnadeln, dem pulsierenden Rauschen der restlichen Winde in den Wipfeln und der punktuellen Kälte der allerletzten Böen kehrt mehr Ruhe ein im eigenen Gebälk. Bis man schließlich nur der Linie auf der Karte folgt, wenn das denn geht vor lauter umgelegten Bäumen, und ruhig wird und friedlich. Schließlich.

Abendliche Eichenallee bei Heidekrug

Die Möglichkeit auf solche Entlegenheit findet sich zuhauf in den einsamen Nordregionen von Prignitz und Uckermark, sicherlich auch in den eindrucksvollen Weiten rund um die einstigen Lausitzer Tagebaue. Doch es geht auch weniger entlegen. Schon kurz hinterm Berliner S-Bahn-Bereich gibt es eine Möglichkeit, zwei bezaubernde und zudem ausgeprägte Eiszeitrinnen zu einer entlegenen Tour zu verbandeln, auf der man scheinbar ununterbrochen durch tiefe Wälder zieht. Selbst die Querverbindung zwischen beiden haut in diese Kerbe und gibt sich trotz flacher Ausprägung wie ein versunkenes Waldtal.

Gamengrund

Der Gamengrund ist ein wahrer Zauberkünstler, was vielfältige Naturschönheit und Waldromantik betrifft. Zwischen den westlichen Strausberger Seen und dem Oderbruch bei Falkenberg liegen nur reichlich zwanzig Kilometer, doch auf dieser Strecke wird in der meistenteils bachlosen Landschaftsfurche eine Vielfalt entfesselt, die wohl fast jeden wiederkehren lässt, der einmal hier war.

Nördlicher Gamengrund bei Krummenpfahl

Mehr als ein Dutzend schlanke Seen und verträumte Weiher ruhen in der Tiefe dieses Grundes, der manchmal siebzig Meter ins umliegende Land eingegraben ist, manchmal nur etwas über zehn. Die Vielfalt des Waldes reicht von hochgewachsenem Erlenbruchwald bis hin zu Fichtenwäldern, die an Gebirge denken lassen, besonders in verschneiten Wintern. Sie sind so dicht und dunkel, dass hier einfach Wesen leben müssen, die sonst am ehesten im Märchenbuch zu finden sind. Dann wieder gibt es lichte Hänge mit flächigen Teppichen aus Buchenlaub. Dazwischen, meist ganz unten, stehen jahrhundertalte Baumriesen mit glatter Buchenhaut oder zerfurchter Eichenborke, riesige Douglasien und auch mal eine Tanne.

Nadelränder am oberen Grenzgrund

Ein Haus gibt es im Gamengrund nur ganz am Rand von Tiefensee oder bei Leuenberg, dann kurz vorm letzten See im Norden die in Terrassen angelegte Laubensiedlung für das Wochenende. Die liegt unterhalb des Dorfes Krummenpfahl, scheinbar in einem Talkessel.

Wenn man, egal an welcher Stelle, diesen entrückten Grund wieder verlässt und sich zuvor so ganz woanders wähnte, wird man zum einen seine Tiefe in den Beinen merken, zum anderen oben im Lichte staunen, dass man wirklich hier in Märkisch Oderland über die Felder schaut. Kurz hinter Strausberg, oder kurz vor Bad Freienwalde.

Grund ohne Namen

Etwas weiter östlich gibt es ein Pendant, das in vielen Belangen weniger eindeutig ist als der Gamengrund und ebenfalls für Schönheit steht und Einsamkeit. Fährt man mit dem Finger über ein Geländemodell, gibt es eine größere Lücke, wo die Fingerkuppe ohne Führung ist und nach dem Anschluss suchen muss. Was am kurmondänen Rand von Bad Freienwalde als Brunnental beginnt, setzt sich leicht nach Westen versetzt als Geländerinne fort, vorbei an Steinbeck, Biesow und Blumenthal, bis es schließlich so nobel im Straussee sein Finale findet, wie das der Gamengrund im Fänger- und im Bötzsee tut. Auf knapp ein Dutzend langgezogene Seen und Pfühle kommt auch dieser namenlose Grund, und auch hier gibt es so manche steile Flanke sowie ein paar versumpfte Ecken, in denen Mysthik wohnt zu jeder Tageszeit.

Rastmöglichkeit nördlich von Gielsdorf

Heidekrug

Die Wälder dazwischen vollbringen an einer Stelle das kleine Kunststück, selbst über die Höhe ein schönes Waldtal anzubieten, wenn auch ein flaches. Nach einem spürbaren Aufstieg aus dem Gamengrund kommt man vorbei an Heidekrug, einem Platz im Wald, der nichts von dem erfüllt, was sein Name an Erwartung weckt. Keine Waldeinkehr ist hier, auch keinerlei Romantik oder Landlust-Szenen, dafür ein gepflegter Wetter-Radar-Turm sowie verfallende Kasernen, zwischen denen man sich gegenseitig mit kleinen Portionen Farbe beschießen kann.

Grenzgrund

Kurz hinter einer urigen Rasthütte, in der dank eines soliden Abzuges manchmal ein schönes Feuer lodern darf, beginnt kaum spürbar und mit weitem Blick durch lichten Wald der Grenzgrund. Seine Waldvielfalt spielt fast in einer Liga mit dem Gamengrund. Ganz langsam bilden sich die Flanken aus und gewinnen nach und nach an Steilheit, und zum Ende gipfelt das Ganze schließlich weglos und fast etwas dramatisch in einem ausgeprägten Seitental des namenlosen Grundes.

Herbstlicher Gamengrund bei Wesendahl

Unten liegt langgezogen und tief eingesenkt der Große Lattsee. Wie bei fast allen Seen dieses Talgrundes besteht freie Wahl der Uferseite. Westlich läuft ein schmaler Pfad, durch dichten Wald, wild und romantisch, unter dem laubbedeckten Hang am Ostufer ein gediegener Weg, der ein paar schöne Badestellen bietet – falls das gerade von Belang ist.

Eichenbrandt

Dort, wo beide Wege enden, quert eine breite Forststraße, die im Anstieg hier und dort noch altes Pflaster sehen lässt. Nach so viel Wald und Stamm und Wipfeldichte sind jetzt Licht und freier Blick willkommen, und davon gibt es reichlich auf dem letzten Stück der Runde. Immer der Linie des Waldrandes folgend gelangt man vorbei an einem verlassenen Gehöft und einer herrlichen Eichenallee ins gemütliche Dörfchen Eichenbrandt, das sich als Startort anbietet. Nicht zuletzt deswegen, weil dann die erwähnten ersten Schritte durch eine zutiefst beruhigende Reihe von Kastanien führen, bevor der Weg sich absenkt in die Wälder. Eine gute, eine wunderbare Starthilfe im Streben nach dem märkischen Ruhepuls.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): keine direkte Verbindung; wahlweise Regionalbahn über Lichtenberg und Werneuchen nach Werftpfuhl, von dort Wander-Zuweg in den Gamengrund (ca. 3 km)

Anfahrt Pkw (von Berlin) über Landstraße, wahlweise über Werneuchen oder Strausberg (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen gut möglich)(dargestellte Tour/Download-Wegpunkte sind problembereinigt)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

 

Links:

Seite der Naturwacht Gamengrund (mit Tourenvorschlägen)

Informationen zum Gamengrund

Flyer zum Wandern im Gamengrund (PDF)

Flyer zum Wandern im Gamengrund (PDF)

 

Einkehr:

Gasthaus am Berg, Werftpfuhl

(in Leuenberg, Werneuchen und Tiefensee div. Gastronomie)

 

 

Röddelin: Drei Gipfel, zwei Esel und der Besuch bei Tante Erika

Der letzte eigentliche Sommermonat geht in sein Finale, begleitet von so manchen dickbäuchigen, ausdauernden Schwalben und ein paar zeitlich verirrten Meisen, die hier und da irritiert ein Frühlingstönchen rauspiepsen. Souveräner agieren da schon die Krähen, die kühldunstige Morgenluft wittern und von Woche zu Woche mehr Präsenz zeigen über den Äckern und in den Wipfeln. Dass die Schwalben so korpulent sind, liegt wohl am Überangebot draller Mückenleiber, und dass sie überhaupt noch hier sind wohl daran, dass sie für den anstehenden Interkontinentalflug schlichtweg abspecken müssen, damit nötige Reserven und Fluggewicht sinnvoll die Waage finden. Die ersten Gänseschwärme jedenfalls üben schon für langstreckentaugliche Formationen, fürs erste in beliebigen Himmelsrichtungen.

Tief in der südlichen Kleinem Schorfheide

Auf dem Terminplaner für kleine und große Naturereignisse sollte dieser Tage die Erinnerung an die Heideblüte aufploppen. Die hat in diesem Jahr mehr als pünktlich begonnen – anscheinend gab all das Himmelswasser auch diesem Trockenspezialisten mehr Kraft und Tempo. Wer ansonsten in Brandenburg auf Nummer sicher gehen will, wartet in der Regel bis in den September, doch dieses Jahr darf es etwas früher sein.

Was die gepanzerten Heere des Ostblocks in vielen Regionen hinterlassen haben, ist nach mehreren Jahrzehnten und aufwändigen Beräumungsmaßnahmen zu Naturparadiesen ganz besonderer Art gewachsen. Während die Lüneburger Heide eine Art natürliche Kulturlandschaft ist, die unter dem großen Appetit vieler Weidetiere entstand, wurden Gebiete wie diese per Maschinenkraft weitgehend kahlrasiert und plattgemacht, damit ein freies Schussfeld gegeben war. Nach dem Ende von vielzylindrigem Motorengebrüll und verschossener Munition jeglicher Größenordnung blieb erst einmal wüste Weite, viel Schutt und Schrott – und eine große Ruhe. Nur die Anspruchslosesten konnten im narbigen Gelände Fuß fassen und es schließlich zurückerobern, der Landschaft wieder zu einem Gesicht verhelfen. Zu ihnen gehört neben genügsamen Kiefern und schnellwachsenden Birken eben das robuste Heidekraut.

Zustieg zum Gipfel bei Hohenfelde

Da es eine ganze Reihe solcher Flächen gab, ist die Auswahl groß und die Richtung der Anreise frei wählbar. Besonders weitläufig und dadurch eindrucksvoll ist die ferne Reicherskreuzer Heide unweit von Neuzelle, besonders stadtnah und vielfältig die Schönower Heide, die über Bernau per S-Bahn zu erreichen ist und allerlei Tiere beherbergt. Wer in diesem Sinne immer schon mal die Sielmann-Naturlandschaft Döberitzer Heide erkunden wollte, kommt dorthin recht bequem mit der Regionalbahn. Auch der passende Bahnhof Dallgow-Döberitz liegt noch im C-Bereich. Große Vorkommen von Erika hat auch die havelnahe Himmelpforter Heide mit der Kleinen Schorfheide. Letztere lässt sich über das schöne Städtchen Templin erreichen.

Templin

Die relativ übersichtliche, dennoch ausgedehnte Heidelandschaft zwischen dem Großen Beutelsee, der Havel und der havelstrebigen Templiner Seenkette ist zudem eine schöne Gelegenheit, dem zauberhaften Templin einen oder zwei Besuche abzustatten – wahlweise vor oder nach der Tour oder beides. Wer die Stadt noch nicht kennt, hat eine ganz besonders schöne Entdeckung vor sich. Innerhalb der gut erhaltenen Stadtmauer mit ihren Toren lässt sich Templin mit Pflaster unter den Schuhen einmal komplett umrunden – ein Genuss von circa einer halben Stunde. Und wer bisher nur innerhalb dieser Mauern unterwegs war, kann auch jenseits des betagten Walls viel Schönes finden, zum Beispiel auf dem Spazierweg entlang des Templiner Kanals zum Bahnhof.

Über den Dächern von Röddelin

Röddelin

Von Templin ist es nicht weit nach Röddelin, auf dem Märkischen Landweg etwa eine Stunde, mit dem Auto nur ein paar Minuten. Ein schönes, aufgeräumt wirkendes Dorf, in dem ein halbjahrhundertalter zweisprachiger Wegweiser noch an Zeiten erinnert, als die russische Sprache hier eine Rolle spielte. Davon unbeeindruckt steht die kleine Kirche auf dem Wiesenanger. Jede ihrer Türen wurde vor Kurzem frisch gestrichen, und so vermischt sich dieser durchaus angenehme Geruch mit dem typischen Duft alter Feldsteinkirchen, für den wohl grobe Steinböden, betagtes Gebälk und alte Kirchenbänke verantwortlich sind. Der Innenraum ist fast quadratisch und wie die Türen in zarten Blautönen gehalten, unter den Himmel duckt sich eine winzig kleine Orgel. Sie duckt sich wirklich. Trotz eines offenstehenden Fenster es ist so still, wie es nur in solchen Kirchenräumen sein kann.

Ganz am Ende der Straße locken die Seeterrassen zur ersten Pause, doch die Lust auf Landschaft und der Bewegungsdrang sind stärker. Mit Blick über die Dächer geht es schön hinab ins Dorf, wo der Blick in herrlichen Vorgärten hängenbleibt. Jemand hat seiner Familie und sich und sicher auch dem Kind in sich ein farbenfreudiges Domizil geschaffen, das sämtlichen wildromantischen Traumbildern vom wonnigen Landleben gerecht wird, mit Herz und noch mehr Seele. Da fehlt auch nicht der krumme Lattenzaun oder das Baumhaus hoch im Wipfel mit Hängebrücke in den nächsten. Ein Ferienkind aus der Stadt trödelt mit seiner entsicherten Angelrute über die Dorfstraße hin zum kleinen Bach, und ein Papa fährt mit seinem Steppke eine Runde auf dem Chopper, nicht langsam und nicht schnell und selbstverständlich ohne Helm. Vom Sozius strahlt es.

Zwei Esel im Bild, Schleuse Kannenburg

Hohenfelde

Vom Dorfrand führt ein gemütlicher Sandweg hinauf zu den Häusern von Hohenfelde, die nah am höchsten Punkt einer Art Insel liegen. Um von oben die Insellage zu erkennen, sind die Grüngürtel der umgebenden Seen hoch, doch allein das Wissen ist charmant und verhilft zu einem besonderen Gefühl. Wer eine Karte dabei hat, kann es noch verstärken. Eine alte Lindenallee führt von Hohenfelde zurück zum Hauptweg, der auf Höhe einer schönen Uferstelle die Insel verlässt. Ein paar Autos stehen hier, natürlich auch der obligatorische, untermotorisierte VW-Bus sowie zwei Zelte. Dahinter wechselt jetzt die Landschaft, die durchzogen ist von beschilderten Wanderwegen.

Wer es gar nicht erwarten kann, die ersten violett blühenden Rispen unter die Augen zu bekommen, kann auf den nächsten Parallelweg wechseln, der dem Rand des Truppenübungsplatzes folgt. Hier sieht es aus, wie es aussehen soll und eben so aussieht an solchen Plätzen. Ein sandiger Weg mit etwas struppig trockenem Narbengras, drumherum kleine Kiefern aller Größen und auch ein paar Birken, und schließlich hier und da ein Büschel Heidekraut, das selbst unterm Wolkenschatten etwas leuchtet. Von Steinwurf zu Steinwurf nimmt die Zahl und schließlich auch die Dichte dieser Büschel zu – und Heidesucher-Herzen fangen an zu traben.

Gepflegter Schweineacker mit Verschiedenaltrigen, Schleuse Kannenburg

Schleuse Kannenburg

Wieder im Wald und zurück auf dem Hauptweg verlockt bald der Abzweig zur Schleuse Kannenburg. Dort erhoffen wir ein windiges Rastbänkchen am Wasser, vielleicht mit Blick auf das Geschehen an der Schleuse. Stattdessen liegt da unten ein belebter Platz voller Wonne, mit entspannter Atmosphäre und der Option auf Ausschank und ein Mittagsmahl am Wasser. Die Schleuse mit ihrem weiten Wiesenareal taugt ganz allein als Ausflugsziel, wo sich problemlos Zeit verbringen lässt, viel Zeit. Gern auch ganz wörtlich und quasi maßlos in dem exklusiven Ferienhaus mit dem allereinzigsten Ausblick auf den Kleinen Lankensee. Gegenüber des ausgedehnten Schankgartens ruht ein wohlduftender und kühler Bruchwald, der für stetig frischen Mückennachschub sorgen sollte, doch davon ist die erste halbe Stunde nichts zu merken, danach auch nur ein wenig. Ist eben gut besucht, der Garten, so dass die Last verteilt wird.

Grüne Riviera, Schleuse Kannenburg

Mitten durch die vielen Tische, die teils weiß betucht zwischen mächtigen Erlenstämmen am Ufer stehen, spazieren zwei tiefenentspannte Eselchen, die am Grase zupfen hier und da und darauf achten, den anderen stets im Blick zu haben. Auch ein schwarzweißer Lumpi gehört zum Hof, scheint auch ohne Grasen genauso entspannt und streift zügig zwischen allen Tischen herum, ohne jemanden zu berühren. Etwas weiter hinten, gegenüber vom Biwakplatz und dem Spielplatz mit seinem bunten Fuhrpark, wird hinter groben Brettern ausgiebig rumgeferkelt. Auf einem gepflegten Schweineacker tummeln sich hier und da große und kleine Schweine in einem geordnetem Chaos. Dabei sind die Dimensionen der verschiedenen Tiere so unterschiedlich, dass vielfach unklar bleibt, wer Nachwuchs und wer Elternteil ist. Einzig der fordernde Zitzenandrang gestattet klare Unterscheidung.

Geschleust wird hier im reinen Handbetrieb von zwei kernigen Burschen mit leisem Humor, hinauf von Havel- auf Templin-Niveau oder umgekehrt. Ins Becken passt alles, was die märkische Freizeitschifffahrt so zu bieten hat – vom kleinen Faltboot oder Kajak über Motorbötchen bis hin zu großen Motorjachten oder den korpulenten Hausbooten, die ein kleiner Außenborder über den See schiebt. Die Uferseite lässt sich zu den Betriebszeiten der Schleuse wechseln, was von April bis November tagsüber der Fall ist.

Blick vom Aussichtspunkt auf dem alten Bunker, nahe der Havelkurve

Vom Wegekreuz oberhalb der Schleuse besteht die Option, dem Wanderweg zu folgen, man kann aber auch noch etwas oberhalb des Seeufers weiterspazieren. So oder so zeigen sich jetzt öfter und öfter Überreste aus der Zeit des Geschützdonners, sei es nun in Form verrottender Gemäuer oder geborstener Metallrohre. Das stört nicht groß, da die Natur schon weit damit ist, sich all das einzuverleiben. Wieder kommt breiteres Wasser in Sicht, jetzt wirklich die Havel, der wohl vielfältigste Fluss im Land Brandenburg, der mit den unterschiedlichsten Gestalten. Hier fließt sie still durch üppiges Grün und vermeidet über lange Passagen den direkten Weg.

Schleuse Schorfheide

Einige Zeit nach der Schleuse Schorfheide, die nach der Kannenburger regelrecht zurückhaltend wirkt, steht hoch über der Havel eine kleine Aussichtsbank, die es sogar schon ins Fernsehen geschafft hat. Derzeit lässt sich hier nur unentspannt rasten, da ein Stamm winziger Ameisen entschlossen sein Revier verteidigt. Besser ist da die halbzerfallene Bank auf der Betonglatze eines Bunkergewölbes oder der Rastplatz gleich unterhalb. Von oben bietet sich der wohl eindrucksvollste Ausblick über diese Heide.

Üppiger Heideweg in der südlichen Kleinen Schorfheide

Von der nächsten Bank fällt ein letzter Blick auf die Havel, die sich hier in einer noblen Kurve verabschiedet, und jetzt geht es in die Vollen. Die folgenden 500 Meter haben es wirklich in sich, besonders in diesem Jahr. Beidseitig des Weges mit seinen dicken Holzgeländern steht hier die Erika fast flächendeckend, teils bis auf Hüfthöhe. Links hat sich manche Kiefer durchgekämpft, doch rechts des Weges erstreckt sich eine violett-blaue Weite, die nur durch einzelnstehende alte Laubbäume oder schnelle Birklein unterbrochen wird.

Wolle und Kraut, Kleine Schorfheide

Wie auf Wunsch mischt sich unter das Blütenleuchten wolliges Weiß. Hunderte Schafe stehen weiter hinten und sind so beschäftigt mit ihrer Aufgabe, dass nicht ein Blöken oder Mähen zu vernehmen ist. Lauscht man genau hin, summiert sich hingegen das Geräusch des Rupfens. Und ist ähnlich laut wie die Summe der Flügelschläge aller sechsbeinigen Nektarsammlerinnen im Revier. Eine recht besondere Mischung – und eine still-vergnügte Art von rein tierischem Lärm.

Aussichtsbank auf dem dritten Gipfel, Kleine Schorfheide

Wer ab hier den markierten Wegen treu bleibt, hat keine unliebsamen Überraschungen zu befürchten. Von kreuz und querem Streifen durch die vorausliegende Heidefläche ist hingegen abzuraten, denn tiefenberäumt sind nur die Wanderwege. Abseits davon bleibt ein explosives Restrisiko. Nach einem ausladenden Bogen hin zum Großen Beutelsee gibt es von einer überdachten Hügelbank den zweiten Aussichtspunkt über die Weite. Nicht zu vergleichen mit der Aussicht von vorhin, dafür zum Sitzen weitaus schöner. Von hier führt der Weg durch vielfältigen Wald, hinter dem sich weite Wiesen öffnen. Große Müllcontainer stehen am Wegesrand, scheinbar mitten im Nichts, und weisen als einzige auf die Wochenendhäuser im Hintergrund hin.

Uferpfad mit Doppeltreppe hinauf zur Straße

Nach dem nächsten Waldstück zweigt ein winziger Pfad zum Ufer des Großen Mahlgastsees ab. Kein Weg für Sumo-Ringer, denn Breitbeinigkeit lässt diese zauberhaft verlaufende Trittspur nicht zu. Der Weg bleibt immer dicht am Ufer mit seinem breiten Schilfgürtel. Einige Stellen erlauben es, die Hände in das glasklare, weiche Seewasser zu tauchen und den Blick über den Wasserspiegel ans andere Ufer zu schicken.

Uferstelle am Großen Mahlgastsee

Vorbei an einer großzügigen Doppeltreppe wird es langsam lichter, bis man hinter einem Wiesenhang eine offene Uferstelle erreicht. An der nächsten Badestelle hat ein altes Paar gerade sein Abendbad beendet, so eins, das man eigentlich täglich nehmen müsste, wenn man nahe wohnt an einem solchen See. Ab hier ist der Weg wieder breit und nimmt noch ein abendlich ausatmendes Bruchwäldchen mit, während uns die beiden auf ihren Rädern überholen, mit der weichen glatten Haut, die so ein Badevorgang einbringt.

Ende des Uferpfades in Röddelin

Kurz vor Röddelin übernimmt wieder ein Pfad, mit Blick über das Dorf und einem hübschen Finale hinauf zur Dorfstraße. Wer nichts Besseres vorhat, sollte oben die Bank nutzen und den Tag mit Blick auf den Haussee ausklingen lassen. Eine bewirtschaftete Alternative gibt es am anderen Ende des Dorfes. Auf der Terrasse vor der baudenartigen Fassade ist es kein Problem, bei einem Getränk die Zeit ein wenig zu vergessen. Einen Sonnenuntergang wird man hier nie sehen, doch das übersichtliche Treiben auf dem gewundenen Röddelinsee mit dem kleinen Hafen gegenüber ist Zerstreuung zur Genüge, wenn man erstmal sitzt. Wer schon in Schweden paddelte, wird hier auf Gedanken-Parallelen stoßen, und je nach Wind schallt noch das Treiben einer Westernstadt über den See und lässt weiten Raum für vielfältige Bilder. Die Kunst wird sein, sich irgendwann zu lösen.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Gesundbrunnen nach Templin (ca. 2 Std.), von Templin zu Fuß/mit Taxi/wochentags mit Bus

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Landstraße (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km (Abkürzungen möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Tourismusseite von Templin

Informationen zu Röddelin

Schleuse Kannenburg

Faltblatt „Kleine Schorfheide“ (PDF)

 

Einkehr: Kannenburger Schleuse (gute Küche, freundlich, großer Außenbereich am Wasser)

Pension Seeblick, Röddelin (schöner Blick von der Terrasse)

 

AKTUELLE INFORMATION (JANUAR 2018):

Die Schleuse Kannenburg ist für mindestens zwei Jahre geschlossen worden, da sie dringend saniert werden muss. Aus heutigem Blickwinkel ist es fraglich, ob das in absehbarer Zeit stattfinden wird. Bis dahin sind die Templiner Gewässer von der Havel abgeschnitten.

Grobskizziert – Groß Fredenwalde: Uckermärkische Schwärmerei

Die Landschaft der Uckermark ist viel und oft besungen worden, und selbst mit gutem Willen lässt sich eigentlich kein Argument finden, das dagegen spricht. Schon auf der topographischen Karte versprühen die Höhenlinien eine wahre Euphorie, knäueln sich hier dicht zusammen, tanzen da umeinander herum und bilden dort regelrecht expressionistische Formen aus. Dieses Spiel der braunen Linien begeistert vielleicht sogar Leute, die sonst mit topographischen Karten nicht viel am Hut haben.

Geschwungener Pflasterweg zwischen Willmime und Arnimswalde

Löst man vor Ort den Blick vom Kartenwerk und lässt ihn mit gehobenem Haupt panoramisch über die Landschaft streifen, zu der Städte zählen wie Templin und Angermünde oder Prenzlau, wirkt schon der bloße Anblick wie eine visuelle Symphonie. Doch das allein ist es nicht, auch wenn es ausreichend wäre. Es sind darüber hinaus die Düfte und der oft präsente Wind, der lustvoll an den Wipfeln zieht, ganze Kornfelder zum Wogen bringt und immer schon ein bisschen nach Küste schmeckt. Dazu kommen noch die energischen Lichtspiele der Wolkenbänder, die von allen märkischen Landschaften hier am verlässlichsten anzutreffen sind und die mit ihrem breiten Schattenpinsel permanent das Landschaftsbild retuschieren.

Topf-Brunnen am Dorfplatz in Groß Fredenwalde

Hügelig ist es überall und teilweise von so steiler Flanke, dass man sich fragen muss, wie solcherart gerundete Felder zu bewirtschaften sind. Viele der resultierenden Senken sind mit Wasser gefüllt, das rein theoretisch noch geschmolzenes Eis sein könnte. Die windgekräuselten Wasserflächen liegen nicht unnahbar, doch meist weitab der Wege und  sorgen dort für unzählige Glitzerpunkte, während des Weihers andere Hälfte völlig glatt liegen kann, dunkel und scheinbar bodenlos. Drin baden werden wohl nur Unerschrockene.

Weiter Blick vom Weinberg bei Groß Fredenwalde

Jedem Maler, der von einem Dorf zum anderen geht, muss das Werkzeug in der Tasche zucken oder in der Hand, zumal ein und dieselbe Stelle vielleicht schon zwanzig Schritte später ein neues Bild abgibt. Dementsprechend kann so ein Weg für ekzessive Nutzer ihrer Sinne fast schon rauschhaft werden. In der langfristigen Folge wird ein wohliges Verlangen dafür sorgen, dass man immer wieder zurückkehren will in dieses sanft gewellte Reich der weiten Blicke, in diese Uckermark.

Unterhalb der Hügel nach Willmine

Von der Jahreszeit her lässt sich nicht viel falsch machen – irgendwelche Trümpfe werden immer ausgespielt. Neben den ganzjährig verfügbaren Lichtstimmungen sind es im Herbst die Farbspiele in den alten Alleebäumen und nicht zuletzt auch in den großen Buchenwäldern, die ihresgleichen suchen weit und breit. Im Winter schafft das monochrome Spiel von kahlen Bäumen und erdbraunen Hügeln eine dramatische Stille, deren einzige Laute gelegentlich von schwarzgekleideten Vögeln herausgekrächzt werden und wie automatisierte Klagen klingen.

Imkes Gedenksekunde

In den Wochen hingegen, wo es noch Frühling und schon Sommer ist, gibt es kaum woanders in Brandenburg eine größere Garantie für rotblauweiße Kornfeldränder oder ganze Weiten voller Mohn, an denen man sich nur schwer sattsehen kann. Die Bienen hingegen interessieren viel mehr die blauen und geräumigen Kelche des dickstammigen Natternkopfes, die neben ihrem Nektar mit einer gewissen Wohnlichkeit locken, wie so ein Sessel aus den Sechzigern.

Alle Blüten haben jetzt kräftige und eindeutige Farben, blasse oder zurückgenommene Schattierungen sind die Ausnahme. Zwischendurch weht an einzelnen Stellen der Duft von frischer Kamille vorbei, die kleine weiße Inseln schafft inmitten all der bunten Pracht und mit ihrem Aroma die Atemwege streichelt.

Innenstadt von Willmine

Zwischen vielen der Dörfer liegen unberührt alte Feldstein-Straßen, buckelige Pisten, wie es sie so auch auf Rügen gibt. Bucklig in sich durch ihr rundliches Gestein, das jede Art von Fortbewegung etwas poltrig macht, dazu oft schwingend im Verlauf durch die Wellen in der Landschaft. Autos trauen sich kaum hierher, eben deswegen, und selbst auf dem Fahrrad muss man etwas hart gesotten sein oder eben weich gefedert. In diesem Zusammenhang passt es gut, dass an einigen Stellen noch Schilder eines Kutschfernweges hängen, der bis zur Ostseeküste führt und jedes Jahr ein bisschen mehr an Wirklichkeit verliert.

Wilde Rosen und Holunder am Weg zwischen Willmine und Arnimswalde

Abgeschirmt werden die alten und archaisch wirkenden Verbindungswege meist durch dichtes Buschwerk, oft wilde Rosenbüsche und Holunder, sowie alte Bäume, gern auch solche, an denen später süße Früchte hängen. Birnen kann man dann genießen und auch Äpfel sowie Pflaumen, Kirschen oder eben den Holunder. Der steht gerade jetzt in bester Blüte und ist damit in bester Verfassung, um in Eierkuchenteig verbraten zu werden.

Durstig machender Ausblick vom Spitzberg bei Willmine

Das Gehen oder Schlendern auf solchen Straßen ist allein durch ihren Anblick pulssenkend und zugleich doch anregend, da jeder Schritt bedacht und gut gesetzt sein will. Reizvoll ist der Gedanke, dass viele der Pflastersteine nur ein paar Meter zu bewegen waren, bevor sie vom Hindernis für den Ackerbauer zum Komfortmerkmal für den Kutschenreisenden wurden. Auch in den Hausfassaden ist das lokale Gestein allgegenwärtig und sorgt für schöne Dörfer und ewige Mauern. Ob es hier immer schon so farbenfroh zuging, was Fensterläden und Türen betrifft sowie alles, was verspielt im Garten herumsteht?

Talgraben zu den Feldsteinwällen

Von Groß Fredenwalde lassen sich Touren bis Willmine, Klein Fredenwalde oder Arnimswalde aufspannen, die jede für sich eine runde Sache sind. Alle Varianten verlaufen zu einem Teil auf Straßen, doch das macht überhaupt nichts, da kaum Autos unterwegs sind und jede diese Straßen wunderschön verläuft – eher wie ein zu breit geratener Wanderweg.

Wer übrigens an den betagten Buckelpisten seine wahre Freude hat, kann das besonders zwischen Willmine und Arnimswalde auskosten und sollte auch nicht versäumen, Klein Fredenwalde östlich zu verlassen, der Weg ist ausgewiesen.

Steinwälle unter Eichen südlich von Klein Fredenwalde

Beim Prüfen der Optionen ist nur eine einzige Querverbindung mit Vorsicht zu genießen – der Weg, der sich Klein Fredenwalde von Südwesten nähert, beginnt unweit des Spitzbergs entlang des kleinen Grabens und gibt sich in der Vegetationsphase kaum zu erkennen, verlangt dann also Storchengang und etwas Orientierungssinn. Dort, wo er dann auf eine ausgeprägte Fahrspur trifft, lohnt ein kleiner Abstecher nach links, hin zu eindrucksvollen, breiten Feldsteinwällen, die als stromlose Vorgänger des heutigen Weidezauns gelten können. Darüber spannen große Kastanien ihre Kronen auf und sorgen für eine wohlige Stimmung.

Dorfplatz mit Lehmbackofen in Klein Fredenwalde

Auch der Wunsch nach Wald lässt sich erfüllen. Der hochgewachsene Arnimswalder Forst zeigt schon beim kurzen Eintauchen eine Art Werkschau des Baumbestands im Lande – selbst wenn man nur den kleinen Schlenker gleich bei Arnimswalde nimmt. Im Sommer bleibt zum entspannten Betrachten wenig Zeit, da der Wald durchfeuchtet ist, die regionale Mückenzucht auf Hochtour läuft.

Mit dem Weinberg und dem Spitzberg liegen zwei lohnende Gipfelbesteigungen am Weg, die man nicht belächeln sollte. Die Spitzkehren im waldigen Osthang des Weinbergs bei Groß Fredenwalde enden mit ein paar nostalgischen Stiegen auf einer weiten Wiese. Die steht voll mit wogenden Gräsern und öffnet nach Nordwesten eine herrlich weite Sicht.

Eingang in den Arnimswalder Forst

Hinauf zum Spitzberg bei Willmine führt unter freiem Himmel ein allerliebster Wiesenpfad, der von filigran-blauen Libellen umschwärmt wird und oben an einer perfekt platzierten Aussichtsbank endet. Das morsche Sitzmöbel gestattet fast einen Rundumblick, weit nach Süden, scheinbar unendlich in Richtung Norden. Der anziehende Blick über den Sabinensee und seine allernächste Verwandtschaft erinnert irgendwie an Kinowerbung für schäumendes Getreidebräu und macht augenblicklich durstig.

Pflasterstraße hinter Arnimswalde

Eventueller Durst oder Hunger lassen sich leider nicht direkt am Wege stillen, doch ein nördlicher Bogen im Rahmen der Rückfahrt bietet in Gerswalde, Kaakstedt und vor allem Flieth schöne Optionen. Und verstärkt auf der Passage das Verlangen, bald wieder hier zu sein und neue Wege zu entdecken.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): leider nur wenige, umstiegsreiche Verbindungen, daher kaum praktikabel (2,5-3 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn Richtung Prenzlau bis Ausfahrt Pfingstberg, dann ein Stück Landstraße; reizvoller ist, über Joachimsthal und dann über kleine Landstraßen zu fahren

Länge der Tour: ca. 14 km, diverse Abkürzungen sehr gut möglich (zw. WP 8 und 20, zw. WP 11 und 19, zw. WP 13 und 16)

 

Download der Wegpunkte
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Links:

Informationen über Groß Fredenwalde

Tourismus im Amt Gerswalde

 

Einkehr: im näheren Umkreis der Tour nichts
Zum Kastanienhof, Flieth (gemütlich, gute Küche, schattiger Biergarten im Hof)
(weitere Möglichkeiten in Gerswalde und Kaakstedt)

 

Berliner Spaziergang: Nördliche Dörfer, zirpende Gemälde und ein Botanischer Volkspark

Lange hat es gedauert in diesem Jahr und diesem Frühling, doch mit der zweiten Maihälfte ist die Zeit der nächtlichen Bodenfröste und morgendlichen Gedanken an Handschuhe nun endlich vom Tisch. Selbst Abergläubische und Skeptiker werden ihre Winter- und Übergangsjacken ohne große Bedenken in den dunklen Tiefen irgendeines Schrankes archiviert haben, wenigstens für ein knappes halbes Jahr. Aufatmen ist angesagt, direktes Sonnenlicht für Schultern und Knie sowie dichtes Laub auf allen Bäumen, selbst den gerne zaudernden Eichen und Platanen.

Bahnhofsvorplatz in Hermsdorf

Wie von den letzten Jahren gewohnt gibt es auch gleich die ersten Hochsommer-Tage, zunächst noch vereinzelt. Das freut vor allem einige hunderttausend zusätzliche Berlin-Besucher, die ein mehrtägiger Kirchentag, ein eintägiger Herrentag sowie ein mehrstündiges Fußball-Spiel in die Stadt gespült haben. Sie alle konnten Mütze und Schal zuhause lassen. Kurioserweise ist die erhöhte Bevölkerungsdichte jenseits der Innenstadt kaum spürbar, da viele Berliner das lange Wochenende irgendwo anders verbringen. Ganze Straßenzüge freier Parkplätze gähnen selbst in den dahingehend angespannten Stadtvierteln, auch nach halb acht noch. Das ist ungewöhnlich.

Rund um Berlin schnappt sich der spielfreudige Wind alle tausend Düfte des Wonne- und Blütenmonats Mai, verdichtet sie in unberechenbaren Wirbeln zu immer neuen Mischungen und reibt sie allen unter die Nase, die draußen unterwegs sind. Wer an so etwas seine Freude hat, muss die Stadt nicht unbedingt verlassen, denn nicht nur, doch gerade in seinen Randlagen bietet Berlin viel Grün in schmaler und breiter Form, dabei immer in großer Vielfalt. Dass man dabei auf ein paar der 20 Grünen Hauptwege trifft, ist nicht verwunderlich.

Berlin ist vor etwas weniger als 800 Jahren aus zwei Städten entstanden, die aus heutiger Sicht nicht größer als ein Dorf waren. Cölln lag südlich der Spree rund um die Petrikirche, Berlin nördlich des Flusses rund um die Nicolai-Kirche, die heute das älteste Gebäude der Stadt ist. Über die Jahrhunderte wuchs die Stadt und schloss Dorf für Dorf mit ein ins Stadtgebiet. Bis heute dauert das an. Bei vielen von ihnen ist der alte Kern sichtbar geblieben, meist mit Kirche in der Mitte. Gute Beispiele dafür sind Wittenau oder Kaulsdorf, Mariendorf oder Marzahn.

Am Tegeler Fließ zwischen Hermsdorf und Waidmannslust

Wer eine grüne Stadtrandtour machen möchte, braucht eigentlich nur ein paar Dörfer auszusuchen, die halbwegs in einer Reihe liegen, und diese über die passenden Grünzüge zu verbinden. Im wasserreichen Süden ist dabei auf das Vorhandensein von Brücken oder Fähren zu achten. In den meisten Fällen wird sich dann ein schöner und abwechslungsreicher Tag ergeben, der sich alle halbe Stunde per Bus oder Bahn beenden lässt, falls Kondition oder Wetter das nahelegen.

S-Bahn-Linie S1

Die S-Bahn-Linie nach Frohnau weist schon mit poesievollen Namen wie Schönholz, Wilhelmsruh oder Waidmannslust darauf hin, dass nun die Natur mehr und mehr übernimmt, die Hinterhöfe der Altbauten werden von den Gärten der Häuser und Villen abgelöst. Wer noch eine Station weiter in Hermsdorf die Bahn verlässt und auf einen der drei schönen Bahnhofsvorplätze tritt, ist vom Empfinden her ebenso fern von Berlin, wie das in Wilhelmshagen oder Rahnsdorf im Südosten der Stadt der Fall ist.

Wege am Packereigraben

Hermsdorf

Was zwischen den Bahnhofsplätzen liegt, lässt eine erste Pause als alternativlos erscheinen. Überall laden Geschäfte, Cafés und Biergärten zum Verweilen ein. Nicht unbedingt, weil es bereits nötig wäre, sondern weil es einfach viel zu schön ist, um fokussiert und plangemäß loszugehen. Ein gemütlicher Kiez ist das hier, der am südlichen Ende einen halbrunden Platz mit kleinem Markt und einem ganz besonderen Café Achteck bereithält, das quasi in Blumen gebettet ist. Das berlintypische grüne Klo-Häuschen ist umgeben von bunten Beeten und sieht von außen aus wie überall in der Stadt. Im Innern wurden jedoch die Zahl der Achtel nicht nur gerecht für Weiblein und Männlein halbiert, sondern weiterhin unterteilt in alle benötigten Bereiche, die einen adäquaten Rückzug sowie eine gewisse Gleichzeitigkeit gestatten. Wer es nutzt, empfindet ein wenig Noblesse, wenn er bedenkt, um was für ein Bauwerk es sich handelt.

Rückblick am Klötzgraben

Große Bäume an den Straßen sorgen für Schatten. Das ist willkommen an diesem Tag, der als erster im Jahr die 30°C-Marke knacken soll und sich schon jetzt alle Mühe gibt. Im Oval der Brandtstraße gibt es einige besondere Villen zu bestaunen, bevor gleich dahinter die erste konzentrierte Dosis Stadtnatur ihren wirkungsvollen Auftritt feiert. Ein kleiner Weg biegt ab auf den schattigen Bohlenweg entlang des Tegeler Fließes. Die wenigen Meter entlang des still gurgelnden Baches haben eine solche Ausstrahlung, dass man sofort in Versuchung kommt, dem geplanten Weg untreu zu werden und dem stillen Fließ weiter zu folgen, bis zum Stadthafen in Tegel und der Uferpromenade am Tegeler See. Eine Überlegung ist das auf jeden Fall wert, nicht nur des schönen Zieles wegen.

Weg über die Felder zum Zabel-Krüger-damm

Nach dem Losreißen vom schattigen Bachtal folgt etwas Geplänkel auf Straßen, deren Namen alle irgendwie mit der Jagd zu tun haben. Das passt durchaus, denn nördlich des Fließtales beginnt der große Tegeler Forst, der gemeinsam mit seinen Nachbarwäldern in einer Liga mit dem Grunewald spielt oder den weiten Waldgebieten im Bezirk Treptow.

Waidmannslust

Beim S-Bahnhof Waidmannslust gibt es eine kleine Unterführung, und hinter dem sachlichen Oraniendamm beginnt mit dem ersten Grünzug des Tages der Auftakt zu den weiter oben erwähnten Landschaften. Ab hier kann man nun fast lückenlos über Wiesen und Felder, entlang von Wasserläufen oder im Baumschatten bis nach Rosenthal gelangen. Teilweise sind der Weg und seine Stimmungen so romantisch und von ländlicher Idylle, dass einem Gemälde in den Sinn kommen – wild gemischt von Renaissance bis Impressionismus.

Hermsdorfer See

Der behutsam fließende Packereigraben beginnt zurückhaltend und mit einem großen Kletterschritt ans linke Ufer, da eine benachbarte Brücke abhanden kam. Die meisten Wege entlang des kleinen Wasserlaufes sind schattig, doch zweimal öffnet sich das Tal zu breiten Wiesen, die derzeit blütengelb gesprenkelt sind. Dass rundherum hohe Plattenbauten stehen, fällt nur selten auf, denn der Blick nach oben endet am dichten Laub. Erst beim Rückblick über die Wiese sieht man die grauen Türme, die in der dichten Nachbarschaft zum Idyll einen ganz besonderen Kontrast bilden, immer wieder.

Birkenallee am Tegeler Fließ

Vor dem Zusammenfluss von Packereigraben und Klötzgraben läuft am anderen Ufer gerade ein jugendliches Fußball-Spiel, und es scheint um was zu gehen, so laut wie angefeuert wird. Kurz merkt man wieder, dass man in der Stadt ist. Doch zwei Minuten später öffnet sich die nächste bunte Wiese, der Weg hindurch als hochgewachsene Allee. Am Ende quaken Frösche und auch Enten, die zwischen den Ufern von Insel und Teich hin- und herpendeln, ganz klar ohne Eile.

Die weiten Feuchtwiesen des Tegeler Fließes im ehemaligen Grenzgebiet

Die erste Kleingartensiedlung liegt am Weg, und am Ende des Tages wird der Gedanke leichterfallen, dass es gut 70.000 solcher Gärtchen geben soll auf dem Berliner Stadtgebiet. Hinter dem Zabel-Krüger-Damm, der Tegel fast als Luftlinie mit dem Dorf Lübars verbindet, beginnt völlig unerwartet ein bestelltes Feld. Mitten hindurch quert ein dörflicher Pfad eine Senke zum nächsten Wohnviertel. Am Getreiderand leuchten die ersten Mohnblumen, in kräftigem Blau auch schon ein paar Kornblumen. Der fast verblühte Raps steckt voller Bienen, und senkt man seinen Kopf zwischen die Halme, summiert sich das Gesumme eindrucksvoll.

Geschwungener Weg nach Lübars

Ein kleiner Fußweg verlässt die Siedlung und taucht ein in einen schattigen Waldstreifen mit hohen Bäumen. Von rechts sind eindeutige Strandgeräusche zu hören, laut und fröhlich. Freude über die gute Synchronisierung des freien Tages mit dem ersten heißen Tag. Die vergnügten Töne gehören zum Freibad Lübars, dessen Strand am Ziegeleisee liegt. Im weiten Bogen führt der Weg zwischen ihm und dem Hermsdorfer See vorbei. Der ist eine Verbreiterung des Tegeler Fließes, das nun den Weg ein Stück begleitet. Länger als vorhin, doch dafür unsichtbar, da es seine gefälligen Mäander durch üppige Feuchtwiesen schickt, tief versunken durch all die Gräser fließt. Doch wie vorhin führt auch hier ein zauberhaftes Wegstück über breite Planken, und spätestens bei der bequemen Aussichtsplattform schlägt sie zu, die große Idylle und Naturversonnenheit. Das Land Brandenburg ist von hier wirklich nur einen Steinwurf entfernt, und das Tegeler Fließ tut alles dafür, dies zweifelsfrei zu lassen. Zu Zeiten des Mauerbaus brachte das breite und unwegige Auland die Planer der Grenzanlagen in echte Verlegenheit und zwang sie dazu, ein Stück deutschen demokratischen Republik-Bodens hinter der Grenzbefestigung zu lassen. Das sorgte mit Sicherheit für Schmerz und Schmach bei den zuständigen Organen.

Blick von Lübars Richtung Märkisches Viertel

Am Ende des Bohlenweges öffnet sich die weite Wiesenlandschaft. Im pittoresken Bogen führt der Weg auf das alte Dorf Lübars zu, das erhaben oberhalb eines weit auslaufenden Hanges liegt und das dörflichste Dorf von Berlin sein dürfte. Rückblickend sind noch einmal die Wohntürme zu sehen, voraus das Kontrastprogramm mit Pferdekoppeln, Treckern und Scheunen. Überall wiehert, schnaubt oder trabt es. Damit das auch so bleibt, sind ständig Trecker unterwegs, die weiß eingewickelte Strohpäckchen herankarren.

Lübars

Eine gute Gelegenheit für eine gemütliche und freundliche Alt-Berliner Rast sitzt gleich am Anger, noch vor der Kirche und schon seit langem. Wahlweise vorn auf der Terrasse mit Blick aufs Dorfgeschehen und die aktuellen Busabfahrten, drinnen im gediegenen Gastraum oder hinten im süßen Biergarten gibt es im Dorfkrug jede Form von Stärkung. Gleich gegenüber steht leicht erhöht das Kirchlein mitten auf dem Anger, wie sich das gehört. Rundherum ein schönes Dorfbild für ein warmes Herz und an der Ecke kurz vorm Ausgang aus dem Dorf dann noch ein Kräutergarten mit allerlei Kleinvieh. Am Beginn der klassischen Allee nach Blankenfelde verlockt erneut ein schöner Weg zur Untreue, wie vorhin schon der Barnimer Dörferweg, die Nr. 13 von den Grünen Hauptwegen.

Dorfstraße in Lübars

Nach einem Stück Allee quert rechts wieder ein uriger Weg durchs bestellte Feld, der diesmal über eine Anhöhe. Ganz oben steht ein Reh, mit dem Wind im Rücken, daher steht es dort sehr lange. Guckt durchdringend in unsere Richtung wie Reinhard Mey vom Plattencover, bevor es uns dann wittert und umgehend verschwunden ist vom Erdboden. Mittlerweile hat man sich nun daran gewöhnt, dass es auch auf Berliner Stadtgebiet so aussehen kann wie hier. Ein Quäntchen Staunen ist dennoch übrig.

Feldweg zur Lübarser Höhe

Freizeitpark Lübars

Nach einem kurzen Treffen mit dem baumlosen Feldspatzenweg führen Wege hinein in den Schatten eines Parks. Hier spazieren nun Damen mit Hunden, Mädchen mit Ponys und Jungs mit funkgesteuerten Modellflugzeugen, die seltsame Töne erzeugen. Wie Hornissen auf LSD. Im weiten Bogen schraubt sich ein breiter Weg hinauf zur Lübarser Höhe. Auf deren Hälfte liegt eine Aussichtsplattform mit Feuerplatz für Holzscheite jeder Größe. Der freie Blick reicht von hier in alle Richtungen, die mit Westen zu tun haben. Eine und auch zwei Etagen tiefer verlaufen gern genutzte Spazierwege. Die agilen Modellflugzeuge sind von hier aus betrachtet genauso groß wie die Flieger etwas weiter links, die eben noch in Tegel auf der Startbahn rollten.

Blick aus halber Höhe vom Freizeitpark Lübars

Die eigentliche Lübarser Höhe müsste mal zum Friseur. Wer sich in südlicher Ausrichtung und auf Zehenspitzen auf die breite Mauer des Plateaus stellt, erntet ein passables Breitbild in Richtung Innenstadt, aus dem markant der Fernsehturm sticht. Viel mehr als das ist ohne Leiter nicht zu holen, doch immerhin. Beim Abstieg gibt sich die Höhe ganz Berg und schlägt in Serpentinen eine Handvoll Haken durch den bewaldeten Hang, bevor ganz unten ein breiter Weg entlang des Fasaneriegrabens quert. Vorbei an einem vergessenen Frosch-Teich und durch niedrigen, doch besonders schattigen Wald steht man plötzlich vor einem Bahnübergang mit einem Gleis, das keineswegs nach Abstellgleis aussieht. In der Tat trügt der Schein nicht, denn hin und wieder dampft hier tatsächlich ein Zug entlang. In schönster Nostalgie wird dann die Zeit der schnaufenden Heidekrautbahnen wachgerufen. Die Züge fahren an solchen Tagen vom nahe gelegenen Wilhelmsruh bis nach Basdorf im Barnim, wo beim Heidekrautmuseum die Lokschuppen fürs kleine Schwarze warten.

Südliches Sichtfenster von vom Gipfelplateau

Gleich dahinter erinnert der querende Mauer-Radweg kurz daran, dass hier einmal ein Todesstreifen verlief. Angesichts der grünen Üppigkeit ringsum fällt es besonders schwer, sich den vier Meter hohen Betonwall vorzustellen, der hier einmal die Gegend zerschnitt. Ein davon völlig unbeeindruckter Trampelpfad nimmt über die Wiese den kürzesten Weg zur Friedhofsmauer. Dahinter kann das Studium der Berliner-Lauben-Vielfalt weitergehen. Das darf ganz exklusiv von oben herab erfolgen, denn ein Damm bildet die Grenze zwischen Gartenland und üppiger Wiesenweite, die bis zur klassischen Dorfansicht von Blankenfelde reicht.

Altes Gleis der Heidekrautbahn

Von diesem ausgeprägten Damm, der auch schwer nach ehemaliger Bahntrasse aussieht, bietet sich nun eine Sicht auf den Berliner Ortsteil Blankenfelde, dem man wirklich nur schwer abnehmen möchte, dass er noch innerhalb der Stadtgrenze liegt. Die weiten und saftigen Moorwiesen reichen ohne größere Sichthindernisse bis zum Dorf und geben ein urmärkisches Bild ab. Mitten durch die Moor-Wiesen, für deren tiefreichendes Wassermanagement der Zingergraben verantwortlich ist, ziehen sich Wege. Mit großer Geste fordern Sie dazu auf, den schützenden Dammschatten aufzugeben und sich in die Geräuschkulisse zirpender Grillen und raschelnder Halme zu begeben. Die Bäume sind noch niedrig, doch im Wind rauschen können Sie schon wie die ausgewachsenen Weiden auf dem Damm.

Zuweg zur Zingergrabenniederung

Botanischer Volkspark Blankenfelde

Ein unscheinbarer Trampelpfad verlässt den breiten Hauptweg und endet kurz darauf an einer Treppe. Unten quert einer der Gräben, die mit dem Zingerteich zu tun haben. Das Tor gleich dahinter ist der Nordeingang zum Botanischen Volkspark Blankenfelde, einem relativ unbekannten Volkspark. Überall schlendern, sitzen und fläzen entspannte Menschen, die picknicken, spielen, entdecken oder einfach nur genießen. Junge und alte Alleen begleiten die Hauptwege. Am einen Ende des Großen Zingerteiches rasten Gänse mit ihrem unendlich weichen Nachwuchs, am anderen Ende haben zwei Familien mit ihren Kindern einen schönen Tag im Grünen, über Gras und unter Laub. Auf großen, flachen Steinen können Leute aller Beinlängen eine Furt über den träge fließenden Zulauf zum Teich queren. Thematische Wälder gibt es zu entdecken und eine geologische Wand, die zunächst unscheinbar wirkt. Lässt man sich jedoch etwas ein und stellt sich vor, was hier an Zeiten und Orten präsentiert wird, alles komfortabel vereint auf wenigen Metern, kann man schon ins Staunen kommen.

Junge Allee in der Zingergrabenniederung

Wo letztlich die Wege aller Park-Besucher zusammenlaufen, liegt ein schönes Gewächshaus in Form einer riesigen Hantel. Zwischen Palmen und anderen gewichtigen oder stachligen Gewächsen wird hier von einer freundlichen interkulturellen Besatzung kredenzt, was fast jeden mit einem Lächeln den Kassenbereich verlassen lässt. Trotz der bretternden Sonne ist es im Gewächshaus erstaunlich angenehm, zu verdanken schlicht einer ausgeklügelten Durchlüftung. Schöner ist es heute dennoch im weitläufigen Kaffeegarten, wo verbunden durch eine sanfte Brise Menschen sämtlicher Altersgruppen sitzen, liegen oder lümmeln, wahlweise in der Sonne oder im Schatten der großen Bäume. Weiter hinten passt eine große Familienrunde mit vielen Kindern gerade so auf eine riesige Decke und spielt mit Affengeduld und großer Begeisterung irgendein zentral platziertes Spiel.

Im Botanischen Volkspark Blankenfelde

Wem das Genannte nicht reicht als Grund für einen Ausflug hierher, der kann sich auch einem kulinarischen Wildpflanzenspaziergang anschließen, einen tieferen Blick in die Imkerei werfen oder einen Zeichenkurs unter freiem Himmel besuchen. Oder im südöstlichen Bereich des Volksparkes den Leuten beim Stadtgärtnern auf großen kreisrunden Beeten zuschauen, wo alles herangezogen wird, was gut schmeckt und auf dem Teller einen schmalen Fuß macht.

Am Haupteingang kann man sein Scherflein zur Nutzung dieser vielfältigen Anlage beitragen, zur Zeit ein Euro pro Person. Der Automat nimmt jedoch keine Münzen an, die größer sind als dieser Preis, also am besten schon bei Wechselgeldern im Tagesverlauf auf genügend kleines Kleingeld achten. Das Durchschreiten des großen Portals ist ein guter Zeitpunkt, den Tag zu beenden, denn direkt hier befindet sich die Bushaltestelle des 107er Busses, der alle 10-20 Minuten fährt und bald schon auf die Straßenbahn trifft, die zum Kupfergraben ins Herz des alten Berlin rattert.

Pflanzenhaus im Botanischen Volkspark

Wer noch immer keine müden Beine hat und Lust, ein ganz spezielles Berliner Ufer kennenzulernen, biegt zweimal rechts ab und landet kurz darauf an einem haushohen Hochufer. Der Nordgraben, ein naher Verwandter der Panke und noch keine hundert Jahre alt, plätschert zwischen Kräuterweg, Gebirgskräuterweg und Feldkräuterweg so erstaunlich tief dahin, dass sein gekräuseltes Wasser nur dann sichtbar wird, wenn man sich auf die Zehen stellt. Direkte Blicke gestatten einige Brücken, die auf hohen Stelzen den tief eingefurchten Graben queren.

Nutzgärten im Botanischen Volkspark

Rosenthal

Nach den breit gefächerten Eindrücken des Tages ist diese schnurgerade und schattige Passage entlang der Kleingärten eher meditativ und somit gut geeignet, schon mal nach und nach die geistigen Aktivitäten soweit herunterzufahren, dass es gerade noch zum Anheben eines gläsernen oder irdenen Trinkgefäßes reicht, verbunden mit einem zufriedenen Dreinblicken. Ein paar Abbiegungen und eine Kirche später ist das passende Ausflugslokal erreicht, welches gemeinsam mit der Haltestelle der Straßenbahn und einer alten Berliner Wasserpumpe mit ausgeprägter Zugschwäche das Herz von Rosenthal bildet.

Das ruckelige Tempo der Straßenbahn und die vielen Kurven auf der Strecke ermöglichen ein behutsames Wiedereintauchen in die inneren Schichten der Stadt. An einigen Stationen locken im warmen Abendlicht noch schöne Optionen für Unersättliche, bevor dann S- und U-Bahn-Zeichen unumstößlich mit der Wirklichkeit verbinden. Was jetzt durchaus willkommen ist.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S1 Richtung Frohnau bis Hermsdorf

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: ca. 17,5 km (beliebig verkürzbar)

 

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Einkehr: diverse Möglichkeiten in Hermsdorf am Bahnhof
Dorfkrug in Lübars
Café Mint im Botanischen Volkspark Blankenfelde
Gasthaus Dittmann in Rosenthal