Ringenwalde: Blühende Dörfer, alte Alleen und der gelungene Gletscherschliff

Wenn an hellen Tagen die Luft besonders klar ist und schon eine Ahnung des Vorfrühlings geschäftig durch den letzten Wintermonat geistert, gleicht diese Stimmung einer kleinen Befreiung – sei es nun von der lichtärmeren Zeit des Jahreskreises, vom umfänglichen An- und Ausziehen oder von der Jahreszeit des weitgehenden Stillstands in der Natur. Zu spüren ist dieser zarte Freiheitsschlag am Tönen und Huschen der Schnabelwesen oben in den Wipfeln und unten im dichten Geäst der Büsche, an den kräftigen Farbtupfern der Frühblüher in der von Erdtönen beherrschten Landschaft oder an den Düften der abgetauten und aufgebrochenen Erde und des ersten Grüns an den Büschen.

Die Dorfstraße von Ringenwalde
Die Dorfstraße von Ringenwalde

Zudem ist die Sonne im fortgeschrittenen Februar schon spürbar kräftig, kalt ist es an sonnigen Tagen nur dort, wo sie nicht hinkommt und der Wind durchgeht. Wo den ganzen Tag Schatten liegt, kann der Raureif bis zur Abenddämmerung überstehen, währenddessen an der Hauswand gegenüber schon ganze Horden euphorischer Krokusse vor dem aufgewärmtem Mauerwerk leuchten.

Möchte man so etwas vor Feldsteinmauerwerk sehen, empfehle ich eine Reise in die Uckermark. Hier gibt es auffällig viele Dörfer mit solchen Häusern, die von ihren Bewohnern anscheinend besonders geliebt werden. Ob das nun am Klischee vom rückbesinnlich bauernden, finanzkräftigen Wochenend-Berliner mit dem Haus in der Uckermark liegt, sei dahingestellt, doch die Impressionen beim Durchqueren der Dörfer sehen schon nach vorwiegend Einheimischen aus.

Stille Allee nach Julianenhof
Stille Allee nach Julianenhof

Zudem geht das im Februar noch relativ niedrige Licht der Sonne mit der sanft geschwungenen Landschaft, den vielfältigen Wäldern ihrer teildurchtränkten Moränenlandschaften und all den resultierenden Schatten eine sehr einnehmende Liaison ein. Bei all den Hügeligkeiten kann es da durchaus vorkommen, dass man den ganzen Tag an irgendwelchen schönen Seen vorbeispaziert, aber nicht einen von ihnen zu sehen bekommt, da sie stets leicht eingesenkt hinter dem nächsten Buckel liegen.

Ringenwalde

Ringenwalde, eins von zweien im Land Brandenburg, ist eines dieser schönen Dörfer, die ich meine. Umgeben von sanften Tälern und offener Landschaft, mit einer schönen Kirche, zwei Gaststätten und sogar einem alten Bahnhof, der jedoch schon seit zehn Jahren keinen regulären Zug mehr sah. Früher hielt hier die Linie von Templin nach Joachimsthal, das erledigt jetzt ein Bus. Im weiten Bogen um das Dorf zieht sich ein fast geschlossener Ring von dichten Wäldern, wogend mit viel Auf und Ab. Dazwischen immer wieder feuchte Senken, meist morastig und versunken in sich selbst.

Kraniche jenseits des Talgrundes
Kraniche jenseits des Talgrundes

Schon ein paar Minuten später wird er erfüllt, der Wunsch von weiter oben. Auf der linken Straßenseite liegt reifgewordener blasser Frost im Schatten der Häuser, während nördlich der Straße vielfarbige Blüten straußig und ganz dicht am Feldstein sprießen, als wäre es nichts. Ein Ringenwalder beendet gerade einen Schwatz mit einer Ringenwalderin an der doppelflügeligen Haustüre und setzt sich in Bewegung Richtung Westen. Sein Schritt ist ruhig, dabei zielgerichtet und vermittelt damit das Gefühl, es wäre endlos lang, das Dorf. Denn allerhand Minuten ist er so zu sehen, beim Gehen durch Ringenwalde. Am letzten Haus ist er dann da, zuhause. Von hier führt eine Allee recht alter Linden mit freien Blicken nach Julianenhof, das kaum drei Hausnummern haben dürfte. Jenseits des kleinen Talgrundes zur Linken stehen die Kraniche und wirken bester Dinge dort.

Feuchte Senke im Moränenwald
Feuchte Senke im Moränenwald

Julianenhof

Das letzte Grundstück wirkt wie ein Tagebuch vergangener Kraftwagen eines Lebens, die zum Teil vollständig erhalten sind, zum Teil als Fragment. Platz haben sie genug, um hier in Stille zu sinnieren. Wenig später beginnt der Wald, der gleich damit loslegt, alle paar Minuten seine Gestalt zu ändern. Abgesehen vom geschwungenen Verlauf, den der Gletscherschliff vor geraumer Zeit hinterließ, scheinen auch die Böden variantenreich zu sein, ergo ihr Bewuchs. So gibt es erst den klassisch märkischen Kiefernwald, dahinter dann gemischtes Laub und bald darauf ein kurzes Vergnügen mit dichtstehenden Fichten. Wo es feucht am Fuß ist, versammeln sich naturgemäß meist Erlen, und zwischendurch gibt es immer wieder die Buchenwälder, die bis auf Weiteres noch viel vom klaren Licht des Himmels durchlassen. Dazwischen steht mal eine alte Eiche, mal auch ein Kastanienbaum, meist als Einzelstück.

Waldweg unweit des Sees
Waldweg unweit des Sees

Besonders markant und durchaus charakteristisch für den Norden dieser Landschaft sind die Linden, oft gewaltig alt, die so gut wie nie im Walde stehen, sondern die jahrhundertealten Verkehrswege über die Felder begleiten und allen Reisenden Sicherheit und Zuversicht vermitteln. Das muss ein wahrer Rausch sein, wenn diese Bäume dann in Blüte stehen in ihrer vollen Größe und diesen ganz bestimmten Duft ausströmen, konzentriert. Doch bis dahin ist noch etwas Zeit.

Das Wegenetz im Wald ist dicht, wenn man der Karte glauben will, und die Wahrscheinlichkeit hoch, dass nicht mehr alle existieren bzw. noch sichtbar sind für Leute, die notfalls auch die Beine stärker heben. Doch die Forstwirtschaft ist tüchtig hier, was an vielen Stellen sichtbar ist, und das ist gut für uns. So wird es nur zwei Stellen geben, wo etwas kleiner Wagemut und Interpretation gefragt sind.

Alte Allee nach Hohenwalde
Alte Allee nach Hohenwalde

Immer wieder kommen wir vorbei an feuchten Flächen von Morast und Sumpf und wissen nicht, ob diese nur knietief sind oder ein stehendes Mammut verschwinden lassen könnten. Mit dem nötigen Respekt erlauben wir uns einen kurzen Blick ins bodenlose Schwarz des unbewegten Wassers und sind auch dann nicht schlauer. Die Ausstrahlung dieser stillen Wasserflächen mit den seltsame Wurzeln schlagenden Inselbäumen wird nie ihre Magie verlieren.

Alte Lindenallee aus dem Ort heraus, Hohenwalde
Alte Lindenallee aus dem Ort heraus, Hohenwalde

Nach viel bergab, einem Flecken Märchenwald und etwas Sucherei liegt der Proweske-See voraus. Ein seltsamer Name für einen See – Proweske. So wie auch Libbesicke, das als Ort vorhin beim Eintritt in den Wald und auch danach an vielen Stellen ausgewiesen war und woanders einem weiteren See zu einem seltsamen Namen verhilft. Der Proweske ist dünn vereist und derzeit Heimat von zwei Schwänen, die auf den offenen Stellen ansehnlich hin- und hergondeln. Irgendwas zupft unter Wasser mit wenig Unterlass am Uferschilf herum und plätschert dabei leise. Ansonsten ist es hier so still, dass es kaum zu fassen ist. Selbst die Straße gegenüber schickt nur alle paar Minuten ein Auto vorbei.

Der Uferweg führt vorbei an einem Paar symmetrisch angeordneter Bootshäuser mit spitzen Dächern, die auf jeden Fall den Urlaubsprospekt dieses Sees zieren würden, wenn es den gäbe. Sie sind in der Mitte durch Ruderbootgaragen verbunden, somit quasi zwei Doppelhaus-Hälften direkt auf dem Wasser. Exklusiv.

Alte LIndenallee in den Ort hinein, Hohenwalde
Alte LIndenallee in den Ort hinein, Hohenwalde

Hohenwalde

Am Buswartehäuschen an der Landstraße beginnt die stille Straße nach Hohenwalde und quert alsbald ein Bächlein, das nördlich zum Großen Krinertsee führt. Links erstreckt sich eine Weide bis hinab zum Ufer, lose bestanden von offenkundig glücklichen Kühen. Die nun folgenden Alleen rund um Hohenwalde sorgen für so umfangreiches Entzücken, dass ständig die Kamera herausgefummelt wird, der Auslöser kaum zur Ruhe kommt und sicherlich der Film voll geworden wäre, würden wir noch Zelluloid belichten anstatt eines CCD-Sensors. Doch so können wir ungehemmt in die Botanik knipsen und später eine Auswahl treffen.

Jugendlicher Buchenwald am Kutschweg

An der Kreuzung in der Dorfmitte biegt auch der – klingt das nicht schön – Fernreit- und Kutschweg Berlin-Usedom ab in diese sagenhafte Allee, deren gewaltigste Linde um die zwei Meter stark ist. Der erwähnte Weg für die unmittelbaren Pferdestärken ist schon heute eher Legende als durchgehende Realität, die schöne Idee dabei, ihre letzten Spuren im märkischen Sand zu lassen. Etwas weiter unten im Wald stehen besonders junge Buchen mit makellos glatter Haut so dicht, dass sich dort nicht mal ein wendiges Reh hindurchbewegen könnte, trotz der extraglatten Rinde. Hinter den Steinbergen sind die Buchen dann wieder hochgewachsen und stehen mindestens im Hängemattenabstand zueinander. Ein lichter Wald, der sich abgesehen von sumpfigen Stellen auch gut kreuz und quer durchstreifen lässt. Kurz darauf können wir eben das gut gebrauchen, denn der gerade noch kutschenbreite Weg ist nicht mehr zu erkennen. Nach logischen Argumenten, Himmelsrichtung und Satellitenhilfe verfolgen wir die angenommene Linie, bis der Weg nach zehn Minuten auf einmal wieder da ist, in voller Breite. Vorbei am letzten Sumpfloch geht es heraus aus dem Wald, sogleich mit freier Sicht über die gewellte Wiesenweite. Zum letzten Mal lässt sich der Specht vernehmen, mit einem seiner vier markanten Geräusche, die den ganzen Tag über zu hören waren.

Weicher Wiesenhang vor Ringenwalde
Weicher Wiesenhang vor Ringenwalde

Eine alte gepflasterte Allee führt über die letzte Anhöhe nach Ringenwalde. Auf dem höchsten Punkt stößt von rechts der Kutschweg hinzu, links scheint die letzte Abendsonne auf einen samtweich geschwungenen Wiesenhang. Erst ganz zuletzt kommt das Dorf in Sicht, doch ehe man sich auf die letzten Meter entlang der entspannten Dorfstraße freuen kann, lockt rechts ein lichtes Wäldchen, das irgendwie nach Lenné-Park aussieht. Und in der Tat hatte wohl der allgegenwärtige Meister hier ein wenig Einfluss, will man der Zeitleiste neben der Übersichtskarte glauben. Beide sind handgezeichnet. Der Park ist schön und bietet, so klein er ist, einige kulturelle Besuchsziele. Doch wir staunen jetzt vor allem über die großzügig verstreuten Büschel von mehr oder weniger großen Schneeglöckchen, die wir den ganzen Tag noch nicht gesehen hatten und die jetzt auf anmutige Weise den Kreis schließen, den die Tour mit einem erfüllten Wunsch in Multicolor begonnen hatte.

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): über Eberswalde und Joachimsthal, dann weiter mit dem Bus (ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der Autobahn bis Ausfahrt Joachimsthal, dann über Joachimsthal und Friedrichswalde nach Ringenwalde (ca. 1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 14 km (bereinigte Tour ohne die erwähnten Problemstellen), Abkürzungen nicht sinnvoll möglich (Landstraße)

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Zeitungsartikel über Ringenwalde von 1991

Ortsseite von Ringenwalde

Seite des Amtes Gerswalde

 

Einkehr: Landgasthof Zum grünen Baum, Ringenwalde (keine eigene Erfahrung)
Gasthof Zur Eisenbahn, Ringenwalde (vermutlich geschlossen)
Zum Kaiserbahnhof, Joachimsthal (am gleichnamigen, wunderschönen Bahnhof)

 

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2 Gedanken zu „Ringenwalde: Blühende Dörfer, alte Alleen und der gelungene Gletscherschliff“

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