Philadelphia: Treidelpfade, Strohpolis und das fehlende Satzzeichen

Der Sommer ist schließlich auf seinem goldenen Hochpunkt angekommen, und so hat sich das Korn auf den Feldern von hüfthohen Halmen in haushohe Klotzbauten gewandelt, die zum Teil in abenteuerlicher Tetris-Technik hochgestapelt wurden. Wer dort bequem stehend und behutsam seine Nase hineinbohrt, wird mit würzig-warmem Duft belohnt, der gut sein muss für die Seele und auch die Atemwege. An den randständigen Obstbäumen prahlen die Früchte in knackiger Attraktivität und verführen Passanten zu saisontypischen Sprung- und Streckübungen oder verschämten Griffen übern Gartenzaun. Dabei gilt oft, dass allzu viel Schönheit eher mit wenig geschmacklichem Charakter einhergeht – und umgekehrt. Was ja nicht ausschließlich für Obst gilt.

Treidelweg am Storkower Kanal

Die Sonne trägt nun wieder eine Woche des Triumphierens vor sich her, lässt schon probeweise Findlingshaut erglühen, bodennahe Luft flimmern und Asphaltfugen erweichen. Im Kontrast dazu wird die sommerliche Vogelstille nach und nach abgelöst von den krächzenden Großschnäbeln in Schwarz und Grau, die spüren, dass ihre Zeit jetzt näher rückt. Das zeigt sich auch in ersten vorherbstlichen Düften, für die neben Laub und Obst am Boden auch die die strauchigen Wiesen sorgen und die offene Erde stoppeliger Äcker. Alles wartet wieder auf den Regen, doch zumindest die Weinbauern können frohlocken.

Schleuse Kummersdorf

In solchen Zeiten kann man Spaziergänge und Ausflüge kurz halten oder ganz auf diese verzichten und sich am kühlsten Ort der Wohnung neben eine Tüte Eiswürfel setzen. Wer weder dies noch jenes möchte, sollte auf Schatten achten und die Nähe von Wasser suchen, denn dort ist es fast immer etwas kühler, weht häufig auch ein Brislein. Gut geht das im Dahmeland, für das auch der schöne Name Dahme-Heideseen Verwendung findet. Neben den eigentlichen Seen gibt es reizvolle Verbinder, die als Bächlein daherkommen oder als Kanal – oder eben als die Dahme selbst.

Kornfeldreste in konfuser Kompression

Einer davon ist der Storkower Kanal, der es Freizeitschiffern ermöglicht, von Berlin aus über die Dahme und ein paar Seen bis zum Großen Storkower See und von dort sogar bis zum Märkischen Meer zu gelangen, dem zauberhaften Scharmützelsee. Da ist dann wirklich Schluss, im ganz besonderen Kurort Bad Saarow, der sich bestens eignet für ein Finale. Wer die Tour vorausschauend im Schlauchboot angetreten hat, kann hier die Luft ablassen und von einem der schönsten märkischen Bahnhöfe aus die Heimreise antreten. Wer hingegen mit der Motoryacht unterwegs war, wird bald viele bekannte Orte aus neuer Perspektive sehen.

Der Storkower Kanal ist kein Jungspund – die Mitte des Fahrwassers nutzte schon vor knapp dreihundert Jahren ein zarter Flößerkanal. Etwas später ging er unter Friedrich II. in die Breite und ermöglichte damit, dass Holz und Ziegel den Weg in die große Stadt an der Spree fanden und deren Wachstum unterstützten. Storkow selbst liegt an keinem eigenen Fluss, dafür zwischen mehreren Seen und auch zwischen zwei Referenzen an die Neue Welt. Zwar liegen hier zwischen (Neu) Boston und Philadelphia keine gut 300 Meilen, sondern eher gut 3 Kilometer Luftlinie, doch die Namen haben im urmärkischen Storkower Land eine gewisse Präsenz. Und nur hier ist es wohl möglich, dem Schild „Kartoffeln“ folgend auf kürzestem Wege nach Philadelphia zu gelangen.

Fischerei Köllnitz

Philadelphia

Die hiesige Skyline kann nicht ganz mit der nordamerikanischen am kilometerbreiten Fluss mithalten, doch markant sind die sachlich-verspielten Anlagen der heutigen Floß-Werft schon. Zudem gibt es mehrere Teiche im Ort, von denen der am Spielplatz über einen schönen Strand und ein hervorragendes Schwingseil verfügt, mit dessen Hilfe man freudenvoll und kamerawirksam vom Land ins Wasser wechseln kann.

Man kann sich nun am Rastplatz neben Bootsleibern auf die Schattenbank setzen und den ganzen Tag den passierenden Wassergefährten gönnerisch zuwinken. Auch hier gilt ein Kontrastprinzip: die kleinsten Schüsseln machen die größten Wellen, währenddessen große, gut geschnittene Rümpfe fast lautlos vorbeigleiten und kaum Aufregung an der Uferkante verursachen.

In Philadelphia am Kanal

Am Kanal beginnt hinter den letzten Häusern ein Treidelweg, der dementsprechend das Ufer treu begleitet und von Minute zu Minute schöner wird. Zunächst noch offen und breit zwischen einem knorrigen Weidezaun und dem buschigen Kanalufer, wächst ebendort eine schattenspendende Allee in die Höhe, bevor der Weg zum Pfad einläuft und im lichten Eichenwald verschwindet. Je schmaler die Spur wird, desto breiter erscheint der Kanal selbst.

Uferwiesen in Philadelphia

Im extragroben Uferschotter sitzen zunächst unsichtbar zahllose Enten, die sich beim Näherkommen lautlos lösen und wie eintrainiert am anderen Ufer synchronisieren. Jetzt im August tragen auch die sonst so bunten Kerle ihr tarnendes braunes Schlichtkleid, das der alljährlichen Mauser geschuldet ist. Auf Höhe eines zufließenden Kanals mit unbewegter Wasserfläche zuckt kurze Vorfreude auf den Spreewald auf, der für den Herbst schon vorgemerkt ist. Kurz darauf sorgen zwei uferständige Birken für ein perfektes Spiegelbild.

Schattiger Treidelweg am Storkower Kanal

Neben großen und kleinen Booten schippern hier auch allerhand Hausboote vorbei, auf denen die Gesichtsausdrücke von gähnender Langeweile bis hin zu freudiger Begeisterung reichen. Heranwachsende und auch Herangewachsene fügen sich mehr oder weniger tapfer in die Stunden mit mageren Empfangsbalken. Hier und dort wird reichlich Speck präsentiert, und mancher hat ganz ernsthaft die Kapitänsmütze auf, den Blick nach vorne eingerastet und keinerlei Interesse für Jegliches, das sich abseits der Uferlinie ereignet. Hier ist das Boot zumeist besonders klein.

Kummersdorf

Anderer Kanal von Norden

Kurz darauf kommt die Schleusenanlage in Sicht, die mit ihrem extrasüßen Schleusenwärterhäuschen an Skandinavien denken lässt. Nach der stillverwunschenen Alten Mühle folgt eine sonnige Ortsdurchquerung, bevor es jenseits der Kanalbrücke in den Wald geht. Der Kanal folgt jetzt bestens gelaunt dem ursprünglich gewundenen Bett des Stahnsdorfer Fließes durch einen breiten Feuchtgürtel, sodass dort alle Steuerleute kurz ihren meditativen Halbschlaf verlassen müssen, der auf langen Kanalpassagen irgendwann zuschlägt.

Spiegelbirken am Gegenufer

Nicht jeder Rastbank lässt sich widerstehen, und so braucht es seine Zeit, bis Kummersdorf erreicht wird. Der Uferweg setzt sich auf weichem Rasen fort und öffnet nach wenigen Schritten eine weitere skandinavische Kulisse, für die maßgeblich ein faluroter Giebel in einer Kanalkurve sorgt. Allerhand teure Anwesen und Villen haben sich das Ufer reserviert, darunter auch einige wirklich schöne. Gleich gegenüber sitzen im Uferschatten zwei Mädels mit farblich zum Rasengrün passenden Kopftüchern, die sich eine mittägliche Wasserpfeife teilen und versonnen lächeln. Der verdampfte Tabak mischt sich in seiner fruchtigen Note mit anderen süßlichen Gerüchen aus den Sommergärten.

Kolonie Ost

Uferpfad am Storkower Kanal vor Kummersdorf

Nach einem kurzen Stück auf der Straße verschwindet ein Weg im Wald, von dem es bald durch die lineare Wolziger Waldsiedlung geht. Vorfreudig waren wir heute auf etwas Heidekraut in Blüte, und hier treffen wir es, wenn auch nur an einem kleinen Fleck und nicht mehr, als eine Kinderhand verdecken könnte. Jenseits der Straße geht es weiter in der Kolonie Ost, die über einen eigenen Charakter verfügt. Einige besondere Häuser und Grundstücke gibt es hier zu beschauen, und somit lohnt der Extrabogen, der kurz per Nase den Kanal erspüren lässt und seinen Erlenwald.

Wolzig

Skandinavische Impression am Rand von Kummersdorf

Im Dorf selbst führt an einem großzügigen Wasserwander-Rastplatz eine Brücke über den Kanal, und am anderen Ufer gibt es nun Nachschub an Energie und Mineralien. Der verspielte Sommergarten von Monies Café bietet die dritte Schweden-Referenz, auch wenn er nicht direkt am Wasser liegt. Doch hört man die Boote vorbeituckern, wenn nicht gerade ein Schwarm Biker über die Brücke donnert. Große Karte gibt es keine mehr, doch das Imbiss-Angebot lässt niemanden hungrig vom Hofe ziehen, nicht zuletzt auch dank des frischgebackenen Kuchens.

Bootsanleger am Kanal, Kummersdorf

Rund um das brückennahe Anwesen, das gern ein Schlösschen wäre und manch imposanten Löwen verbaut hat, ist über die Jahre ein wirklich großer Baumschul-Einkauf in die Höhe gewachsen und sorgt für Parkflair und Diskretion, sodass der einstmals dominante Zaun kaum noch ins Bild fällt. Gleich darauf am Dorfplatz wird es gemütlicher, neben dem Fachwerk-Bushäuschen laden Bänke zum Päuschen. Doch wir sind ja frisch gestärkt.

Schleuse Kummersdorf

Hinterm letzten Haus beginnt duftender Wald, durch dessen Stämme der angenehme Wind streicht, der schon den ganzen Tag begleitet. Hinter dem Zaun des Hafengeländes lässt sich zu kleineren Wegen abzweigen, doch einen Blick auf den Hafen gibt es dort auch nicht, also ist es kein Verlust, einfach geradeaus zu gehen und dann an der nächsten Kreuzung abzubiegen. Zwischen kleinen Waldstücken, abgeernteten Feldern und stoppeligen Wiesen kann der Blick nun erstmals weiter schweifen, wenn nicht gerade einer von diesen Strohtürmen im Blickfeld steht. Schmale Lücken im Stroh sorgen für hübsche Durchblicke. Im Wald wird schließlich Görsdorf erreicht, eins von mehreren im Land Brandenburg.

Görsdorf

In der Kolonie Ost, Wolzig

Noch vor der Brücke übers Mühlenfließ, hinter dem das eigentliche Dorf beginnt, führt nach links ein Sträßchen durch ein Wohngebiet, das noch nach Bauphase aussieht, obwohl es schon länger existiert. An dessen Ende wird die Straße abgelöst von einer gediegenen Allee, die abgesehen von Traktoren keine Motoren duldet. Die ausgesperrten Fahrzeuge nutzen die parallel verlaufende Straße, und der eine Traktor biegt schon bald auf die Weide ab und tut den Kühen Gutes, die ihn scheinbar längst erwartet hatten. Der Leitbulle strebt voran, als hätte er gerade ungehalten mit dem langen Arm gewinkt, alle anderen hinterher. Eine Denkpause lässt ihn, dann alle anderen stocken, bevor er wenig später weitergeht. Alle anderen folgen. Viele tönen, so zwischen Godzilla und T-Rex, wie man sie aus Filmen tönen kennt. Denkt man an den Kranichruf und stellt ein bisschen an den Reglern, wirkt das in der Tat nicht abwegig.

Klein Schauen

Strohquader am Wegesrand, Wolzig

Der entspannte Weg führt direkt auf die Dächer von Klein Schauen zu, wo es zwischen drei verschieden langen Varianten für den Restweg zu entscheiden gilt. Es wird die mittlere. Vom schmalen Grünzug des Köllnitzer Fließes weht es kühl und erfrischend herüber. Dahinter beginnt eine kleine Fahrradstraße, die derzeit ziemlich stark befahren ist vom Kraftverkehr. Vermutlich wegen des ziemlich guten Kuchens von Tante Hilde, denn es ist beste Kaffezeit und Hildes Garten groß und schattig.

Busch

Durchblick zur Pappel

Im Weiler Busch stehlen sich zwei Katzen über die Straße, in diesem tiefergelegtem Schleichgang, als hätten sie was ausgefressen oder gemeinsam einen teuren Koi vom wohlhabenden Nachbarn aus dem Teich gemopst, nur so aus Jux und ohne Hungersnot. Dahinter ist wieder Ruhe mit Autos, und ein stiller Alleeweg bringt uns schnurstracks zum Fischerhaus Köllnitz, das direkt am Groß Schauener See liegt. Im kleinen Verkaufskiosk gibt es ein ansehnliches Sortiment von Räucherfisch, Fischspieße und natürlich frische Fischbrötchen in mehr als fünf Sorten.

Fischerhaus Köllnitz

Ruhiger Weg von Görsdorf nach Klein Schauen

Die Anlage rund um die Fischteiche, den Kiosk und die Uferlinie ist schon ein Ausflugsziel für sich, wovon zu Recht der große Parkplatz zeugt. Zwischen Gasthaus und Kiosk verlässt das Köllnitzer Fließ den großen See und tritt trödelnd seinen Weg zum nächsten an. Im glasklaren Wasser tummeln sich einige Fische, klein genug, damit ihnen im flachen Wasser der Bauch nicht abgeschubbert wird. Zwei Meter weiter ziehen im Fischteich wuchtige Karpen ihre Schleifen.

Am Ortsausgang von Klein Schauen

Vorn am Wasser gibt es einen kleinen Hafen und hinter der großen Wiese auch einen Strand, und überall auf dem weitläufigen Gelände scheinen sich die Enten besonders wohl zu fühlen. Flach und nahezu genießerisch haben sie sich auf dem Hochflor des gepflegten Rasens abgelegt und scheinen Müßiggang zu üben.

Fischerei Köllnitz

Gleich gegenüber vom Gasthaus liegt noch ein weiteres, und dort beginnt neben der Straße ein Radweg, der die Partie an der Straße angenehm gestaltet. Noch vor Groß Schauen biegt ein Alleeweg ab, der zwischen den Feldern schattig nach Philadelphia führt. Das erste Haus nach der Landstraße hat Zaun und Garten mit verschiedensten Materialien gestaltet und wird in manchem Kopf sicherlich irgendeine Idee für irgendwas auslösen.

Das Köllnitzer Fließ

Am Badeteich, dem mit dem Seil, tauchen wir am kleinen Strand Hände und Füße ein und genießen diesen einfachen und verlässlichen Effekt. Weiter hinten im Dorf wird ein rollerndes Mädchen zum Abendbrot gerufen. Ein Eis wäre jetzt noch schön. Zum Beispiel im nahen Storkow, schräg gegenüber von der Kirche.

Kleiner Bootshafen am Groß Schauener See

Storkow

Die ganze Stadt ist angenehm durchströmt von einem bunten Treiben, mit Marktbuden und offenen Höfen, Kino und einer Bühne auf dem Marktplatz, wo live und direkt gespielt wird – von Indie über Rock und Pop bis Electronic. Das ganze Wochenende läuft unterm Schirm von Radio Eins ein Festival mit dem sperrigen Namen Alinae Lumr, und das bereits zum fünften Mal. Entsprechend lang ist die Schlange an der Eisdiele, die zwischen Markt und Kirche liegt.

Seil für Mittelmutige am Dorfteich, Philadelphia

Vor mir an der Schlange stehen zwei erwachsene Jungs, der eine muskelbepackt, in sich ruhend und gutgehend tätowiert, der andere eher etwas spack und beide scheinbar Schulkameraden, die sich seit langem mal wieder sehen. Der eine eher jemand, dem man zuhört, der andere passenderweise der ehrfürchtige Gegenpart. Das Standard-Geplänkel schwenkt über die Themen Wohnen und Arbeit beiläufig auf die Harte-Jungs-Schiene und einen lukrativen Nebenverdienst, für den man aber Fertigkeiten als Masafagger mitbringen sollte. Geht dann eine Weile so hin und her mit Interessebekundung und derlei, bis die Jungs irgendwann dran sind. Und mit der Stimme eines Mannes und dem Tonfall eines Schuljungen ihre Bestellung sagen: Kirsche, Mango und Banane. Genau so rührend das klingt, genau so brachial wird das Satzzeichen hinter dem Wort Banane durch einen markerschütternden Schrei aus den Boxentürmen der nahen Bühne ersetzt, gefolgt von einem zielgenauen Schlag auf die sechs Seiten der leitenden Gitarre. Die nächste Band legt los und stürzt unter der einsetzenden Dämmerung die kleine Stadt in ihre Nacht der Nächte.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz mit Umsteigen in Königs Wusterhausen nach Kummersdorf, von dort 10 Min. Zuweg (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Autobahn, dann Storkow abfahren und hinter Rieplos rechts abbiegen (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km, Abkürzungen mehrfach möglich


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

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