Groß Ziethen: Bunte Feldränder, weite Blicke und der Wind als Retter

Für genau einen Tag wird Hochsommer sein – so war es angesagt, und so findet es auch tatsächlich statt. Dreißig Grad sind prophezeit, und die werden eher über- als unterboten. Könnte man sich jetzt im Wald verkriechen und den Schatten genießen, doch das wäre eine Rechnung ohne die Mücken, verschenkt wäre darüber hinaus die kostbarste Überlebenshilfe an drückend heißen Tagen: der Wind.

Also besser in offene Landschaft mit gutem Windpotential. Das schreit nach Norden und im Detail nach Uckermark (oder Barnim im Kleid der Uckermark). Zumal dort nicht wie im Spreewald 33°C werden, sondern eher nur 29. Und es die beste Zeit ist für volle Kornfelder mit üppig bunten Blumenrändern.

Auf der Hinfahrt ist das erste sommerliche Wochenende nochmals zu erkennen, die meisten Autos tragen irgendwelche Sport- und Freizeitgeräte in oder an sich. Oder sind bis unter die Dachbespannung vollgepackt. Die Ostsee ruft hier wohl nicht mehr, dazu ist es schon zu spät, doch sicherlich eins der herrlichen Gewässer dort im Norden oder auch ein schönes Stückchen Radweg.

Joachimsthal

Kaffeepause in Joachimsthal beim Bäcker an der Ecke, wo sich am Sonnabend oft die Damen treffen und dazu schweigen mal, mal lustig sind – wovon das jeweils abhängt, weiß der Fuchs. Hier hing einmal (vor dem Betreiberwechsel) ein großes, gut gemaltes Bild vom Schiff Altwarp, ein schöner alter Ausflugsdampfer, der noch heute auf dem nahen Werbellinsee seine Süßwasser-Seemeilen runterreißt. Altwarp nun ist ein Dorf gelegen am Stettiner Haff, und das Gemälde hängt mittlerweile im Markt-Café in Angermünde. Der Besuch sei hiermit empfohlen, nicht allein des Bildes wegen!

Groß Ziethen

Nach Groß Ziethen ist es nicht weit, ein Dorf dieser Landschaft, wie es leibt und lebt. Stabil gebaute Häuser für die Ewigkeit aus Feldstein und festem Ziegel, die Leute hier haben viel Spaß an Farben und daran, Altes schön zu halten. Am Ortsende erhebt sich unerwartet ein riesiges Steinportal, nach dem Durchschreiten linst von links aus der Botanik ein lebensgroßes Mammut. Nun, das erklärt den Säbelzahntiger, der kurz zuvor auf einer Eisscholle über den Hinterhof trieb, und das bei diesen Temperaturen. Das noch wenig bekannte Besucherzentrum (der Parkplatz mit Bussteig scheint vor elf Tagen fertiggeworden zu sein) vom hiesigen Geopark bietet ein schönes Ausflugsziel für Familien und verrät anschaulich allerhand über die letzte Eiszeit.

Auch wenn „Eiszeit“ schön erfrischend klingt, uns drängt es jetzt in diese immer wieder sagenhafte Landschaft, die verlässlich Hochgenuss fürs Auge bietet. Also hinterm Parkplatz rechts, und sofort sind wir drin im satten Duft von wachsender Natur, der an windstillen Ecken fast schon dampft. Doch der Plan von oben geht auf, der ganze Tag wird von lebhaftem Wind begleitet, zudem ist der Himmel die meiste Zeit ein wenig zugezogen. Wenn nur eins davon nicht wäre, hätte man die Tour massiv verkürzen müssen, so bleibt sie unversehrt und lediglich die Gangart wird moderat gehalten. Für die Bilder vom Wegesrand gibt es dadurch schöne Himmelsgebilde.

Aufstieg zu den Kernbergen
Aufstieg zu den Kernbergen

Mit weiten Blicken führt der Feldweg entlang des hohen Korns, das sich jetzt im Wind schon schwerer wiegt, und die erhofften Vierfarb-Ränder aus Mohn- und Kornblumen, Margeriten und noch etwas Gelbem gibt es bereits nach wenigen Minuten. Dichte Wände aus Holunder und wilden Rosen, oft in sanfter Fusion vereint und ineinanderwachsend, stehen meist auf der richtigen Seite und lassen uns den Wind, der verfügbar ist, in Vollständigkeit. Der Blick nach Süden kann weit schweifen – das Panorama hat man sicherlich erwartet, doch es ist schon hier aufs Neue überwältigend. Später kommt’s noch besser.

Am Abzweig nach Luisenfelde steht ein bunt gemischter Schilderbaum nahe einer Rasthütte, die zugleich Buswartehäuschen ist. Oder umgekehrt. Schön ist das, dass es erlaubt ist, so viele Schilder völlig unterschiedlicher Kategorie an derselben Stange zu befestigen! Klein Ziethen ist von hier aus schon zu sehen, auch wenn es hinterm Hügel liegt.

Klein Ziethen

Das ist auch so ein schönes gemütliches Dorf, am Eingang treffen wir drei Mädchen mit tierlosen Leinen auf dem Weg zur Hundeherberge, auf der Dorfstraße dann zwei spielende Kinder – ein schönes Bild. Unterhalb der Dachkante eines Hauses hat sich eine ausgedehnte Reihenhaussiedlung von Schwalbennestern entwickelt, die man wohl länger schon gewähren lässt, und es geht rasant zu. Die Daheimgebliebenen und Hungrigen lassen ihre Köpfe sehen und scheinen voller Erwartung auf die, die gerade unterwegs sind mit der Einkaufstüte. Fast immer kommt eins angeflogen, übergibt und macht sich wieder auf die Socken. Alles sehr unterhaltsam bis amüsant, bis einem irgendwann der Nacken wehtut – also weiter.

Der Kirchhof bietet nicht nur einfach den erhofften Wasserhahn zum Abkühlen der Hände, sondern noch viel besser eine abgedeckte, ergo kühle Wanne, in der sich gleich der ganze Unterarm versenken lässt – kaum eine Erfrischung könnte jetzt schöner sein.

Hügelland am Fuß der Kernberge
Hügelland am Fuß der Kernberge

Hinter der verkehrsreichen Landstraße führt ein zauberhafter Weg in ein kleines Hügelland, das an sanft geschwungene Mittelgebirgslandschaft denken lässt. Je höher es geht, desto weniger ist er zu erkennen, dieser Weg, doch als grobes Ziel befindet sich voraus ein immer sichtbarer Sendemast. In sanften Wellen geht es über frisch gemähte Wiesen, die Mahd liegt noch und polstert jeden Schritt. Kurz vor dem Wald, dem Gipfel schon nah, präsentiert sich nun ein wirklich berauschendes Panorama in enormer Breite, sogar bis hin zur Oder und den Hochhäusern von Schwedt.

Der Einschlupf in den Wald lässt sich ein wenig suchen, ist dann jedoch sehr eindeutig, und auf einmal läuft man auf nadligem Waldboden mit trockenen Kienäppeln und steigt hinauf zum Kernberge. Der Hang nach Norden fällt steil ab, der Wald ist fast blickdicht.

Hier in der Gegend verschwinden an vielen Stellen Wege zugunsten von Anbauflächen, so dass die Passage entlang des Serwester Sees nicht mehr möglich ist. Daher gilt es nun eine neue Verbindung zu erkunden. Wir folgen entgegen dem Plan einem besonders einladenden Weg auf einem wildbewiesten Bergrücken, auf dem man Grillen zirpen hört, obwohl grad keine zirpen, weil es einfach so aussieht, als müssten welche zirpen. Kurz nach dem Abstieg wird es so haarig, wie es das selten war beim Finden einer erhofften Verbindung. Vierzig Meter trennen uns vom Anschlussweg, doch die sind wirklich dicht und wehrhaft bewachsen, undurchdringlich, so dass nur ein Versuch durch den benachbarten, auch recht dichten Wald hilft. Fast schon aufgegeben, finden wir in gebückter Haltung, mit einigen Blessuren und fast ausschließlich durch die Unterstützung ausgeprägter Tierpfade die entscheidende, wohl einzige Stelle und stehen voll Flusen und zerknüllter Spinnenweben wieder auf freiem Feld, nun auch wieder aufrecht. Geschafft! Doch die wunderschönen Wege zuvor waren es auf jeden Fall wert (Hinweis: die Darstellung weiter unten in der Karte zeigt eine gangbare Alternative, die etwas länger ist und ein Stück entlang der Landstraße verläuft).

Eine ausgeprägte Traktorspur übers stoppelige Feld bringt uns zu einer urigen Kopfsteinpflasterstraße, die schattig aus dem Wald kommt. Im dreifachen Schritttempo fährt ein Auto vorbei, oben aus dem Schiebedach ragen zutiefst vergnügt zwei Mädchen und winken uns, so gut das eben geht auf der hoppeligen Straße. Ein schönes Bild, ein friedliches.

Abzweig bei Buchholz
Abzweig bei Buchholz

Das Waldstück ist angenehm kühl und bietet schon bald wieder erste Blicke Richtung Serwester See, der wenigstens einmal kurz aufblitzt. Entlang hochgewachsener Wildrosenbüsche nach Buchholz, was auf eigene Art aus der Zeit gefallen wirkt und aus diesem ersten Blickwinkel auch irgendwo im Böhmischen Elbland liegen könnte. Rechts mischt ein weites Kornfeld die Farben rot und blau unter seine Wogen, am Rand dazu noch kräftig gelber Ginster.

Buchholz

Wir verlassen das Dorf nach Westen an einer Art Wagenburg, und auch diese nächsten Kilometer sind als Weg kaum noch zu ahnen, als breiter Feldweg schon gar nicht mehr. Wir haben heute zwar schon Graureiher und Kraniche gesehen, doch noch keinen Storch, also sorgen wir jetzt selbst dafür und staksen beinewerfend entlang des Wegfragmentes. Eine gute Alternative für die Zukunft wäre, das Dorf auf dem südlichen Feldweg zu verlassen, was mindestens genauso schön sein sollte. Von rechts gibt es etwas Windschutz, und es wird nochmals klar, wie wenig das heut ginge, ohne Wind.

An einer flachen Trockenwiese voller Blumen und mit Lerchen-Euphorie ist wieder etwas Weg zu erkennen, der Stil des Ganges geht wieder gen normal. Und auf dem breiten Feldweg darf dann wieder schön entspannt geschlurft werden, dies begleitet von einer eindrucksvollen Reihe betagter Kirschbäume, mal wilde Winzlinge als heranreifende Früchte, doch die meisten schon bald verlockend rot und groß. Ein genau wie Acker aussehender Hase erhebt sich aus dem Acker und sprintet schleunigst weg, nur einmal dreht er sich kurz um. Wir lassen uns nicht irritieren und schlurfen weiter. An den alten Kuhställen rein nach Senftenhütte, dessen gelbes Eingangsschild schon lange zu sehen war.

Senftenhütte

Das Dorf zeigt sich weit schöner und besonderer als in der Erinnerung, und wir folgen der Straße hinab zur Kirche. Die leider keinen Wasserhahn in ihrer Nähe stehen hat, naja, dafür war’s vorhin umso königlicher. Durch das ganze Dorf zieht sich hübsch und zugleich unaufdringlich ein thematischer Strang von Töpferei, der neugierig macht. Kurz vor dem Wald steht an einem schattigen Rastplatz eine Säule, gestaltet mit vollständig analogen getöpferten Touchpanels an jeder Seite, die von den Erwerbszweigen des Dorfes berichten. Was noch neugieriger macht.

Aus dem Wald strömt es kühl und duftend, was für ein paar Minuten schöne Entspannung bringt. Am waldschattigen Festplatz noch ein Wasserhahn-Versuch, doch der ist abgestellt, verständlicherweise. Die folgende, ausgiebige Passage fasst den ganzen Tag und auch die ganze Landschaft hier ganz hervorragend zusammen. In leichten Wellen führt sie über die Felder, vorbei an Tümpeln und auch kleinen Seen, an Hochständen und über kleine Wasserläufe mit gelben Lilienschwertern. Endlich auch drei Enten, ohne die so ein Brandenburg-Tag einfach nicht auskommt.

Größter Weiher am Weg von Senftenhütte nach Groß Ziethen
Größter Weiher am Weg von Senftenhütte nach Groß Ziethen

Als wir entlang eines dichten Rosengebüschs gehen, schreit uns ein Kuckuck fast genau ins Ohr. Bis zum heutigen Tage waren Kuckucke (heißt es Kuckücke oder Kückucke?) immer nur aus weiter bis sehr weiter Ferne zu vernehmen, so dass dieser regelrechte Schrei jetzt ein sehr spezielles Erlebnis darstellt, einmalig vielleicht fürs Leben. Das im Gebüsch nicht zufällig eine Kuckucksuhr hing, beweist sich, als ebenjener Kuckuck wenig später genau von dort ertönt, wo er hingehört: von weit weg.

Von jenseits eines Teichs trifft uns der durchdringende Blick eines Rehs, das es gleich dann dem Hasen von vorhin gleichtut. Wie vorhin bleiben auch wir dabei und lassen uns nicht aus der Ruhe bringen vom eiligem Tun. Die Kirche von Groß Ziethen kommt zwischen den Bäumen in Sicht. Ein erfreulicher Anblick, auch wenn man sich heute gar nicht losreißen möchte von der Landschaft und dem Tag. Doch die Hitze hat einen geschafft, jetzt bietet auch ein kaltes Getränk an schattigem Platz eine schöne, neue Perspektive. Das hilft beim Losreißen.

Die zehn Minuten entlang der Landstraße laufen sich besser als gedacht, rechts gibt es einen breiten Wiesenstreifen und der Verkehr hält sich gerade in Grenzen. Staubig, waldzerzaust und wiesenbestäubt kommen wir an, den Kopf voll bunter Bilder. Der erste Sandalentag, der erste gänzlich ohne Mütze.

Den schattigen Platz gibt es leider nicht beim Gasthaus im Ort, drum fahren wir zum Kaiserbahnhof bei Joachimsthal, der das Gewünschte in nahezu perfekter Form bietet. Dazu das Treiben rund um Wegfahrende und Ankommende – es ist hier fast ein bisschen wie an einem Hafen. Der Tag beruhigt sich mit jeder folgenden Minute.

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): leider wenig praktikabel (über Eberswalde oder Angermünde, doch nur wenige Verbindungen am Tag zu ungünstigen Zeiten)

Anfahrt Pkw (von Berlin): Autobahn A11 bis Abfahrt Joachimsthal, Richtung Angermünde bis Groß Ziethen, parken lässt sich am dreieckigen Dorfplatz nahe der Kirche

Länge der Tour: ca. 19 km, reine Gehzeit ca. 5 Std. (fragliche Abschnitte sind im abgebildeten Track durch gangbare ersetzt);
gut teilbar in zwei kleinere, dennoch ausgewogene Runden

 

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.schorfheide.de/Besucher-und-Informationszent.983.0.html (Besucherzentrum des Geoparks mit Hauptthema Eiszeit)

http://schorfheide-portal.de/start/ziethen/

http://www.senftenhuette.de/

http://www.zum-schwanenteich.de/

http://www.zum-kaiserbahnhof.de/

Einkehr-Empfehlung (beide gemütlich rustikal):
Zum Kaiserbahnhof, direkt am Bhf. Joachimsthal Kaiserbahnhof (mit großem Außenbereich unter schattigen Bäumen)
Zum Schwanenteich, direkt in Groß Ziethen (kleiner Biergarten auf dem Hof)

 

Spargel, Lieder und flusslose Auen

Manchmal muss eine Runde etwas kleiner sein als das Tageslicht lang ist – sei es nun wegen des Geburtstags der besten Freundin, wegen eines lahmgelegten Körpers oder weil es einfach so unfassbar heiß oder kalt ist, dass man sich draußen kaum rühren kann.

In seltenen Fällen gesellt sich dazu noch ein besonderer Grund, der zu einer bestimmten Zeit einen speziellen Ort erfordert. Nicht, dass die Tour zu einem Alibi degradiert würde, doch die Prioritäten, die im Spiel sind, begegnen sich auf Augenhöhe.

Fällt beides auf denselben Tag, ist besondere Mühe gefragt, damit die Tour auch gewohnt vergnüglich wird. Es gibt Landschaften, die bei solch kniffligen Fällen sehr entgegenkommend sind, so dass sich eigentlich nicht viel falsch machen lässt.

Einer dieser seltenen Fälle verzwickten Zusammentreffens lag im Monat Mai und vereinte genannten Geburtstag, die konkrete Nutzung der Spargelzeit und die wohlgesonnene Landschaft rund um Strausberg.

Als Halbzeitpause für die Anfahrt – es ist ein frühlingsmilder, leicht kühler Tag – kurz Richtung Hennickendorf abgebogen und kurz vor zehn zum Strandbad am Stienitzsee, dem noch die ganze Unschuld des Morgens zu Füßen liegt.

Hier ist auch so ein Platz, wo beherzt etwas aufgebaut wird, jedes Jahr ein Stück. Ein junges Paar verwirklicht mit Wagemut eine schöne Vorstellung – und wir genießen jetzt staunend den aktuellen Stand, der keineswegs mehr nach Zwischenstand aussieht.

Wenn jetzt und hier etwas diesen uferstillen Duft-Cocktail von Kiefernharz, Seewasser und Strandsand stören darf, ist es ein frisch gebrauter Kaffee, für den wir uns Zeit lassen. Am liebsten würde man diesen Frühlings-Morgen anhalten und noch zwei Stunden sitzen bleiben oder drei, da auf der Terrasse oberhalb des Strandes. Wo sich der Himmel edel in den vom Bootslack weich glänzenden Tischen spiegelt.

Glasiger Blick in die Kirche von Werder
Glasiger Blick in die Kirche von Werder

Werder

Im Dörfchen Werder unweit von Rehfelde, das wiederum unweit von Strausberg liegt, ist im Kirchhof eine Art gepflanztes Wappen in ein Beet gefasst, und wir wissen beim Losgehen nicht, was es damit auf sich hat. Beim Ankommen werden wir es wissen.

Über offenes Pferdeland geht es nach Garzau. Nach dem Überqueren der unfassbar schnurgeraden Bahnstrecke zwischen Strausberg und Müncheberg rascheln ein paar Kinder durchs hohe Korn, kurz darauf hocken in einem trockenen Wassergraben links und rechts des Weges zwei Eichhörnchen-Puppen, unten dran  erwachsene Frauen mit verlegenem Grinsen überm Kinn, noch etwas weiter liegt bemerkenswert sauberer Hausmüll verschiedener Kategorien sorgfältig zufällig verteilt wie eine Spur grimm’scher Brotkrumen. Hier geht was vor sich, und wir verbringen die Pause zu Füßen einer alten Linde mit Spekulationen. Bestimmt etwas zugleich Unterhaltsames und pädagogisch Wertvolles.

Allee nach Garzau

Durch den grünen Tunnel dieses Alleeweges leuchten von außen Meere blühenden Rapses, die im Osten dem Anschein nach wirklich erst am Horizont enden. Diese undurchbrochene gelbe Weite ist faszinierend.

Garzau

Garzau empfängt mit dem kleinen Kirch-Anger und begleitet uns durch den Ort mit Partyzelt-Musik zurückliegender Jahrzehnte, die an den bald anstehenden Herrentag erinnert. Noch ist das Zelt leer, dahinter feuchtes Bruchland – sollte später dann ein Fest auch für die Garzauer Mücken werden. Wo das stattfinden wird, queren wir erstmals das Mühlenfließ.

Die zweite Querung folgt wenig später am letzten und südlichsten Haus des Dorfes, wunderschön und mit dem Anschein eines Forsthauses, wo wir beim leisen Tönen im Garten tollender Kinder direkt in den Raps entlassen werden.  Am Klärwerk geht es unerwartet wildromantisch in ein winziges, doch uriges Waldstück hinauf, das üppig, ja fast schon saftig den Duft wachsenden Grünzeugs ausströmt. Gegenüber ein Bahnhäuschen, das vor einiger Zeit mit dem Verfallen begonnen hat, und genau hier quert ein winziger Pfad das selbe schnurgerade Gleis von vorhin.

Zwei großkronige Apfelbäume blühen in stiller Konkurrenz, und voraus ist schon die lose verstreute angerlose Hälfte von Werder zu sehen. Für ein paar Minuten werden immer größere werdende Straßen berührt, doch schon kurz nach dem Einschwenken gen Zinndorf verabschieden wir uns wieder ins Stille. Gänzlich unerwartet beginnt nun eine Landschaft, die glauben lässt, man wäre noch am vergangenen Wochenende unterwegs – da ging es durch die weiten und teils wildwüchsigen Elbauen unweit des  anhaltinischen Wörlitz.

Blick über die weiten Wiesen am Mühlenfließ
Blick über die weiten Wiesen am Mühlenfließ

Nach dem Durchschreiten einer stattlichen Pappelreihe, die das nun zum dritten Mal überschrittene Mühlenfließ trotz seiner Lüttheit bedeutend wirken lässt, öffnet sich in nobler Weite eine wirklich konkurrenzfähige Aulandschaft, die jedoch gänzlich ohne großen Strom auskommt. Mit dabei sind stattliche Einzelbäume, kleine und größere Waldstücke und sogar eine Anleihe an den Elbdeich in Form eines wildblumenbestandenen Dammes, der vermutlich den zeitweisen Lärm eines Crossgeländes abschirmt.

Kurz darauf gleich nochmal großes Staunen, als es am nächsten Wäldchen einen Gipfel zu erklimmen gilt – naja, man hätte den Berg auch umgehen können, doch der Haufen Findlinge auf dem Aussichtsplateau ist einfach so verlockend – und genau so unerwartet wie die Auwiesen. Also ohne viel Expeditionsgetue hoch, und oben bietet sich doch eine stattliche Aussicht, wieder über breites Rapsgelb und ein einzelnes Gehöft zu den Anlagen von Rüdersdorf, die gemeinsam mit einigen Windrädern für ein Sekündchen das Wort „Skyline“ durch den aktuellen Gedanken jagen lassen.

Blick zum Gipfel
Vor dem Aufstieg

Die Bergstille und die gipfelklare Luft sind zauberhaft. Noch zauberhafter sind sie, nachdem drei Männer oder Jungs, die Helme machen ein Geheimnis draus, genau jetzt und hier zweimal nacheinander den sandigen Auf- und Abstieg wagten, und zwar auf Quads mit pubertierenden Motoren. Dann ist sie wieder da, die Stille.

Nach dem Abstieg gibt es einen dieser schönen, tiefenentspannten Wege zwischen Wald und weitem Feld. Die Karte, schon etwas in die Jahre gekommen, weiß noch nicht von der Verlängerung des Waldrandes, der sich mittlerweile bis auf die Höhe von Zinndorf zieht, dem Angerdorf, das hinter dem Mühlfließ und seinen Feuchtwiesen liegt. Gemischtaltrig ist das, was nachgewachsen ist, und entsprechend zart die Grüntöne. Zweimal gibt es einladende und begehbare Durchblicke bis zur Au, der breiten.

Den Weg begleiten knapp kniehüfthohe Steinsäulen, vermutlich aus Granit, hell und gesprenkelt. Schräg gepflanzt in einem Winkel, der für Große und Kleine lesefreundlich präsentiert, was in Richtung des Weges angebracht ist. Das sind metallene (oder steinerne?) Liedblätter, jeweils mit  Text und Namen eines Liedes sowie einem gesprenkelten QR-Code für Leute, die vernetzt unterwegs sind und gerne wüssten, wie die Melodie doch gleich noch ging. Die Klangbeispiele, die sich öffnen, meist als Video, sind teils amüsant und teils komplex mehrstimmig dargeboten, doch größtenteils ist die Melodie recht gut erkennbar, und Spaß macht das auf jeden Fall – auch wenn man selbst gerade nicht in Singestimmung ist oder zu faul, noch die Gitarre aufzublasen. Wer gerne singt, sollte auf jeden Fall hier langspazieren und für den Weg genügend Zeit einplanen, wer nicht, der ist hier ebenso gut aufgehoben, denn unterhaltsam ist die ganze Sache fast für jeden.

Blick bis nach Rüdersdorf
Blick bis nach Rüdersdorf

Was daran gut zu merken ist, dass jeder doch aus seiner Kindheit ein paar Handvoll Lieder kennt und damit bei jedem Stein gespannt ist, ob  es eines davon ist. So summt es, ob wir wollen oder nicht, leise auch in unseren Kehlen, zumal das Hindernis des an der Abendkasse vergessenen Textes hier nicht besteht – erstaunlich doch, wieviele Strophen einige der vertrauten Lieder haben.

So richtig gut passt das dann am südlichsten Notenblatt direkt an der Brücke über das Mühlenfließ, dem wir hier zum vierten und für  heute letzten Mal über den Weg laufen, denn hier klappert die Mühle am rauschenden Bach. Vorher ging es vorbei an der herrlichen alten Allee zum Angerdorf Lichtenow, doch die nach Zinndorf steht ihr in Sachen Alleeschönheit in nichts nach.

Zinndorf

In Zinndorf ist auf einmal kein Wind mehr, als wäre er am Ortseingangsschild weggeschickt worden, die Wärme steht bräsig auf der breiten Hauptstraße herum und wird nur durch vorbeifahrende Laster etwas um sich selbst gedreht. Am Beginn des Angers wird es besser, und bald ist der Baumschatten der jahrhundertalten Bäume vor der Kirche mit ihren Rastbänken erreicht.

Zugleich auch das insgeheime Ziel des heutigen Tages, denn einer der besten Plätze, um zur Spargelzeit Spargel zu essen, ist schon in Sichtweite. Durch die Terrasse des Gasthauses streicht auf Beineshöhe ein angenehmer Lufthauch, und bald schon stehen die Teller vor uns und alles ist gut. Keine Angst vor künftigen Berichten, es wird nicht jedes Mal die Einkehr im Detail dargelegt, doch Spargel isst man so gut nur einmal jährlich, und das ist dann doch die Erwähnung wert.

Kirche von Werder aus der Ferne
Kirche von Werder aus der Ferne, mit Flieder

Zufrieden verlassen wir das Dorf, nun wieder durch die Felder, dabei in Hoffnung auf Buntes für einen schönen Blumenstrauß. Für erwähnte Freundin, die mit dem Geburtstag. Noch am Ortsrand, voraus zeigt sich am Wegesrand nichts Rotes, Blaues oder Weißes, lebt eine weite wilde Wiese voller Blumen, die allesamt sich ihre Farbe vom nahen Raps abgeguckt haben. Sonst nichts, doch davon reichlich. Also von Vielfalt auf Volumen umgeschwenkt und gleich so viel davon gepflückt, dass selbst eine große Männerhand fast überfordert ist, das Bündel dicker Stängel bis zum Ziel im Zaum zu halten. Aus der Trinkflasche wird mit ein paar beherzt gesetzten Schnitten eine Vase für die durstigen Blumen, ein Rest Wasser ist auch noch drin. Tatsächlich finden sich dann noch drei Kornblumen als wirksamer Kontrast zum satten Gelb.

Durch die am Rand stehenden Bäume kommt hinterm Raps die Kirche in Sicht, visuell umschmiegt von hohen Fliederbüschen, die in der Tat jedoch am Feldrain stehen. Und direkt am Beginn des Dorfes steht nun die Lösung eines Rätsels, von dem bisher niemand wusste. Die Markierung des Liederweges in Form einer Art von Blüte hat mit diesem nichts zu tun und gehört stattdessen zum Lilienrundweg, der stellenweise selbe Wege nutzt. Die Art von Blüte also ist die stilisierte Lilie, und diese wiederum ist das gepflanzte Wappen vor der Kirche, das vom Anfang. Zu der Erkenntnis und auf die Sprünge verhilft ein prächtiges Exemplar von Lilie, was direkt an der Rastbank am Dorfeingang blüht, in fast schon blauem Lila.

Rastbank mit Lilie am Rand von Werder
Rastbank mit zweierlei Lilie am Rand von Werder

Drei Anger mit drei Kirchen waren das jetzt, jeder ein bisschen anders, dazu zwei untergehakte Wanderwege und ein Blumenstrauß. Letztgenannter wird noch am selben Abend ausgeliefert, als Lohn gab es echte Freude und dazu schönen Erdbeerkuchen. Zwei Wochen später kam eine Nachricht dieser Freundin, mit einem Bild. Vom Strauß, der immer noch auf dem Balkon steht, noch immer aussieht wie ein Strauß.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn nach Rehfelde (stündlich ab Berlin-Lichtenberg, Fahrzeit von Berlin-Hbf. ca. 1,5 Std.), von dort Zuweg (knapp 1 km) auf straßenbegleitendem Radweg

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 1 Richtung Frankfurt/Oder, in Lichtenow abbiegen und über Zinndorf nach Werder (Fahrzeit ca. 1,25 Std.), Parken an der Kirche möglich

Länge der Tour: ca. 12 km, reine Gehzeit 2,5-3 Std.

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.strandbad-stienitzsee.com/

https://www.gemeinde-rehfelde.de/

https://www.gemeinde-rehfelde.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=96435 (Lilienrundweg)
https://daten2.verwaltungsportal.de/dateien/seitengenerator/reh_10_5_1_lilienrundweg_flyer.pdf (Flyer vom Lilienrundweg)

https://www.gemeinde-rehfelde.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=114304 (Deutsch-polnischer Liederweg)

http://www.maerkischeschweiz.eu/cms/upload/pdf/rehfelde_flyer05.pdf (gelungener Flyer mit Wissenswertem für Ausflügler)

https://www.gemeinde-rehfelde.de/verzeichnis/visitenkarte.php?mandat=97628 (Dungers Gasthaus, Zinndorf)

Einkehr-Empfehlung:
Café am Strandbad Stienitzsee (kurz vor Hennickendorf, von der B 1 kommend)(mit Gastraum und schöner Terrasse über dem See)
Dungers Gasthaus (in Zinndorf unweit der Kirche, mit luftigem Wintergarten, deutsche Küche)

Kossenblatt, die Spree und der verschollene Räuberberg

Der Mai war kühl bisher, um nicht zu sagen kalt – hat die Eisheiligen irgendwie sehr wörtlich genommen und großzügig um Wochenlänge nach hinten und vorn verlängert, noch mit vereinzelten Nachfrösten im Schlepptau. Während im letzten Jahr bereits die ersten tropischen Nächte wegzustecken waren, verlangt der Monat in diesem Jahr bis fast zum letzten Tag die Mütze auf dem Kopf.

Nachdem der Mai mit seinen Feiertags-Wochenenden andere Bundesländer und dementsprechend entfernter liegende Landschaften mit sich brachte, ist nun die Vorfreude auf Brandenburg mächtig. Am besten eine sanfte Mischung aus Wald, Weite und Dörfern, unaufgeregt und so richtig schön märkisch. Nicht zu nah und nicht zu weit entfernt.

Der gedankliche Finger bleibt auf der Karte irgendwo zwischen Storkow und Beeskow hängen, beides reizvolle Stationen für die Hinfahrt. Die Runde ist schnell gestrickt, geht gut von der Hand, der Mauszeiger greift förmlich nach den Wegen.

Rieplos

Halbzeit- und Kaffeepause auf der Hinfahrt in Rieplos, ziemlich auf der Mitte zwischen Autobahn und Storkow. Hier gibt es die Gaststätte mit dem herrlichen Namen „Zur deutschen Einigkeit“, den man sich auch nach Jahren des Besuchens immer wieder von neuem auf der Zunge zergehen lassen kann. Ein Lokal nicht für jeden Geschmack, doch aus meiner Sicht ein gern besuchter und absoluter Klassiker, die Betreiber mit Herz und Seele an den rechten Flecken, der allzeit vorhandene Käsekuchen eine kleine Legende und die Preise wirklich freundlich. Die Zeit scheint auf sympathische Weise irgendeines Tages stehengeblieben zu sein, und es lässt sich schwer einschätzen, in welchem Jahrzehnt das gewesen sein könnte.

Über das von Wasser umgebene Städtchen Storkow mit seiner schönen Zugbrücke und Wendisch Rietz am Südende des märkischen Meeres Scharmützelsee geht es durch sanfthügelige Landschaft auf stillen Landstraßen und kleinen Alleen bis zum Zielort, vorbei schon an zahlreichen Seen.

Kossenblatt

Beginn der Tour ist in Kossenblatt, zuletzt besucht vor mehr als zehn Jahren und ziemlich blass in der Erinnerung. Einzig präsent – und das in hohem Maße – ist das schattig abseits gelegene und leicht einschüchternde Schloss. Eine graue Eminenz, gelegen auf einer ausgedehnten Insel zwischen der Spree und einem ihrer alten Arme – mit hochgekrempelten Hosen fast schon zu durchwaten, der Fluss hingegen selbst nicht eben voll, doch gut bei Strömung.

Den benachbarten Gutshof hat in jüngerer Zeit – es gab Berichte in der Zeitung und im Regionalfernsehen – eine beherzte junge Frau mit ihren Leuten übernommen und führt ihn Schritt für Schritt zur alten Schönheit zurück. Anna Fiebig scheint voll zu sein mit guten, umsetzbaren Ideen und erfüllt von einer klaren Vision – man hegt keinerlei Zweifel, dass alles davon gelingen wird. In Betrieb sind bereits ein Landhotel mit Restaurant und einem Café mit wiesigem Garten und herrlichen Holzmöbeln. Auch Hochzeiten lassen sich hier auf das Schönste feiern, was auch heute der Fall ist.

Das Schloss kann man nach Überqueren des verträumten Spree-Altarms durch das große alte Gittertor betrachten, auch hier sind Aktivitäten im Gange – dazu blüht euphorisch der Rhododendron. Von dort verhilft ein Uferpfad zu vielfältigen Ansichten des von alten Bäumen umstandenen Gemäuers, dessen Hof sich nach Süden öffnet. Viele Bänke begleiten den Weg, am Ende steht an einer großen Festwiese ein schöner Pavillon mit Blick über die flache Insel bis hin zur Schleuse Kossenblatt. Am Ufer gegenüber macht sich eine abgelatschte Kuhtränke immer breiter.

Über die Spree kommen wir nach Kossenblatt West mit einem einladenden Rastplatz am Wasser. Leicht aufwärts führt ein Sträßchen aus dem Ort, auf dem auch der Spree-Radweg verläuft.

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Zwischen Kossenblatt und Plattkow

Es ist mit 18°C heute einer der milderen Tage des Mais, der jetzt allen Düften und Tönen freien Lauf lässt, die er kältebedingt bisher nur sparsam einsetzte. Hinten im Wald ist noch ein Kuckuck zu hören, am Weg dann und wann eine vom Tag scheinbar ebenfalls begeisterte Nachtigall, und fast allgegenwärtig ist der Klangteppich, den die Grillen zur Verfügung stellen. Es duftet teilweise fast zugleich nach Kiefernnadeln und den Blüten der Robinien, die vereinzelt schon dichte Teppich am Boden bilden. Die Landschaft ist leicht bewegt wie ein geringfügig aus der Ruhe gebrachtes Meer, das seine bereits schulterhohen Kornfelder wogen lässt. Der Wind scheint geradezu liebevoll durch die Ähren zu streichen. Dazu die bunten Feldränder aus Mohnblumen, Kornblumen und Margeriten und die erste Vorschau auf die sommerlichen Blumenwiesen. Es ist die volle Pracht dieses Wonnemonats, in einem einzigen Tag vortrefflich auf den Punkt gebracht.

Hin und wieder ist eine Straße zu kreuzen, die man im leichten Naturrausch schlendernd gerade wirklich nicht erwartet hätte, auch wenn die Karte daraus natürlich kein Geheimnis macht. Kurz gequert und bald zum nächsten Waldrand eingetaucht. Das ist jetzt wörtlicher zu nehmen als erwartet, denn spontan öffnet der Himmel seine Pforten und lässt uns nicht hektisch, doch zügig die Regenhosen anlegen. Eben noch knallte die windgekühlte Sonne, und das wird sie auch in wenigen Minuten wieder tun, doch gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Zudem ist der Staub (und was so mit dazugehört) aus der Luft gewaschen, was dem Heuverschnupften etwas Entspannung bringt.

Plattkow

Die Mitte von Plattkow bietet überdachte Rastmöglichkeiten und einen mächtigen Baum, etwas Hundegebell und eine paar Geräusche, die von fleißigen Handwerkern zeugen. Aus dem Dorf führt ein selbstgebastelter Holz-Lehrpfad, und in der Tat fällt auf, dass der Wald hier eine große Vielfalt aufweist. Was auch für den Rest des Tages so bleibt.

An einer Stelle sind es nur wenige Meter bis zum Spree-Ufer, und sobald wir dort stillstehend staunen, geht gegenüber ein Konzert von Fröschen an, als würde irgendwo im Uferbewuchs ein Bewegungsmelder lauern. Über die Wiesen ist das Dörfchen Werder zu sehen und die Brücke, die dorthin führt. Ein guter Platz hier für ein Bad (wenn’s mal ein heißer Tag sein sollte), ufernah gibt es ein kleines Sandplateau, vielleicht knöcheltief, von dort wird es umgehend tief.

Die Spree bei Werder
Die Spree bei Werder

Werder

Entlang eines stillen Altarms der Spree und über eine und noch eine Holzbrücke gelangt man sehr hübsch ins Spree-Dorf Werder. Rechts lockt ein Schild zu einer Einkehr am Ufer, doch die befindet sich in der Dorfmitte und wirkt nur bedingt einladend. Statt auf den Ruderboot-Hafen und auf Spree-Idylle fiele zudem der Blick hier nur auf parkende Autos.

Obwohl ein kühles Radler jetzt hervorragend gepasst hätte …

Aus dem Spreetal aufgestiegen führt der Weg über ein üppiges und sonnenbeschienenes Kornfeld zu einer Weide mit Kühen, die den schönen südwesteuropäischen Brauch der Siesta pflegen oder sich per Schnauzenstüber einen schönen Schluck kühlen Wassers aus dem Tank zapfen. Zu Füßen einer kiefernbewachsenen Anhöhe führt der Weg entlang eines breiten Talgrundes, dessen bestimmender Wassergraben den Schwenowsee mit der Spree verbindet.

Dann wieder mal so eine unerwartete Straße, die den nassen Grund quert und wo sich die Gemeinde wahrlich nicht hat lumpen lassen, den Kröten und anderen bodennahen Leuten die gefahrlose Querung zu ermöglichen. Entlang der kaum befahrenen Straße einige betagte Eichen, die ihre Kraft schon über lange Zeiten aus dem durchtränkten Grund beziehen.

Am See bei Schwenow
Am See bei Schwenow

Schwenow

In Schwenow gibt es an einem Zaun ein Schild mit der Aufschrift „Deutscher Wachtelhundzwinger vom Hollabusch“, und wir fragen uns, ob es Wachtelhunde wirklich gibt oder ob hier die Passanten auf den Arm genommen werden und irgendwo eine Kamera lauscht. Und wenn es diese Hunde wirklich gibt, ob sich die Wachtel auf die Funktion oder auf die Physiognomie des Hundes bezieht, auf die Durchsetzungskraft seines Gebells oder gar sein Timbre überhaupt. Die Antwort wird offen bleiben, zumal die Frage nicht direkt unter den Nägeln brennt.

Eine gemütliche Fahrradstraße führt aus dem Ort, vorbei an einer schilfigen Senke mit entsprechendem Froschtumult. Kurz dahinter staksen zwei Kraniche mit ihren noch etwas zottigen Küken durch die hohe Wiese. Hätte man doch eher Störche erwartet, doch vielleicht verputzen auch Kraniche gern Frösche. Durch urwüchsigen und hier wieder besonders vielfältigen Wald folgen wir neugierig geworden den Schildern zum Räuberberg. Die Spur verliert sich bald, doch beim Queren des nächsten Talgrundes überschreiten wir den Blabbergraben, ein wirklich herrlicher Name, der zwar seinem Namen keinerlei Ehre macht und eher etwas verschnarcht und in der Ecke stehend daherkommt, dafür aber die Verbindung zu vier kleinen Seen in Richtung Norden herstellt, im Süden wiederum zur lieben Spree.

Am schönen Forsthaus nun wieder aus dem Tal gestiegen, bestimmt zwei Dutzend schwerwiegende märkische Höhenmeter, die auf einer weiten Trockenwiese gipfeln, einsam gelegen und mit einem schönen Gefühl von reichlich Platz und freiem Gedankenraum. Für eine Rast bietet sich ein Stapel Kiefernstämme an. Hier begegnet uns der einzige Mensch heut außerhalb von Ortschaften, eine Frau mit ihrem vierkäsehohen Hund, die als Wegegruß auch ein paar liebevolle Worte zu diesem Plätzchen hier verliert.

Sandig am Fuß und diffus schattig und sanftgrün von oben, wie das so licht nur Robinienwald hinbekommt, geht es im angenehm leichten Abwärtstrend hinab zum ziemlich runden und recht großen Kleinen Kossenblatter See, unzugänglich und von Schilf umgürtelt, doch aus der Ferne sehr schön zu bewundern und dabei mal tiefblau, dann wieder blassgrau. Auch der entwässert über eine schon breitere Verbindung wenig später in die Spree. Kossenblatt empfängt sehr wonnig, flache Hänge hin zum Wald, mal Wiese und mal Weide, mit obligatorischem Pferd darauf oder auch zweien.

Breite Wiesenstreifen trennen die Dorfstraße von den Grundstücken, die alte Kneipe steht noch still da, währenddessen gegenüber im Gut neues Leben über die Bühne geht – die Hochzeit ist noch gut im Gange, die Kinder spielen vergnügt im Garten des Cafés, und die Gäste werden vermutlich gerade den schönen Uferpfad zur Anregung der Verdauung nutzen. Den Tag für seine Hochzeit hat das Brautpaar jedenfalls gut gewählt.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
am Wochenende leider gar nicht, wochentags in ca. 2,5 Stunden mit mehreren Umstiegen (leider wenig praktikabel)

Anfahrt Pkw (von Berlin):
über A 12 Richtung Frankfurt/Oder, Storkow, Wendisch Rietz, Ahrensdorf, Görsdorf b. Beeskow, Giesensdorf nach Kossenblatt, Parkmöglichkeiten ggbr. Gut Kossenblatt (ca. 1,5 Stunden)

Länge der Tour:
ca. 18 km, reine Gehzeit 4-5 Stunden

 

Download der Wegpunkte

Links:

http://www.zurdeutscheneinigkeit.de/

https://www.storkow-mark.de/

https://de-de.facebook.com/gutkossenblatt/

https://de-de.facebook.com/gutkossenblatt

http://www.maerkische-heide.de/default.aspx?ID=44

http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%A4uberberg_%28G%C3%B6rsdorf%29

Schloss Kossenblatt (Stand 2016)

Einkehr-Empfehlung (beide rustikal mit Lokal-Kolorit):
Gut Kossenblatt, Kossenblatt (mit schönem Außenbereich)

Zur deutschen Einigkeit, Rieplos (auf dem Rückweg von Storkow zur Autobahn)
Dorfkrug Kolberg, Kolberg (von Storkow etwas westlich Richtung Autobahn-Auffahrt Friedersdorf)

 

Zu Fuß durch die märkischen Landschaften