Eggersdorf: Weiße Trauben, ferne Berge und das Schweigen der Frösche

Die lückenlose Baumblütenpracht des Aprils hat den Mai in diesem Jahr herausgefordert, und so gibt er alles, um Saft und Kraft und Üppigkeit zu zeigen. Schwingt sich dabei von Feiertag zu Feiertag und erschafft in Düften, Bildern und Stimmungen eine Mischung, die zuletzt schon an Sommerferien denken lässt. Ihren Beitrag dazu leisten die ersten Grillen des Jahres und das bereits hüfthohe Korn, das sich wiegend den launigen Winden hingibt.

Ackerrandweg mit hohem Korn

Beide Frühlingsmonate scheinen bestrebt, das frostige und somit fruchtlose Hin und Her des letzten Frühlings quantitativ auszugleichen und erhalten dabei Rückenstärkung von Sonne, Wind und Regen. Das Ergebnis dieser Bemühungen stimmt hoffnungsfroh, denn die Blüten waren reichlich, die jüngsten Bienen fleißig, und drum sind alle Bäume voll von Früchtchen in der allerersten Phase.

Am Kirchweiher in Eggersdorf

Auch die Klangkulisse in den Lüften ist in die Breite gegangen. Zu den euphorischen Feldlerchen, den virtuosen Nachtigallen und den leise plaudernden Schwalben kamen im Wochenabstand Töne hinzu wie das immer irgendwie entfernt wirkende Intervall des Kuckucks, das ja von der Berliner S-Bahn bei jedem Türschließen gespiegelt wird. Oder die sommerbegleitenden Pfeiftöne der Mauersegler, die wie von Ungestüm und Rausch getrieben durch die Straßenschluchten jagen. Auch die nach großer Unterhaltung klingenden Monologe der kleinen braunen Rohrsänger, die im Schilf hocken und scheinbar niemals Langeweile oder Pause haben und dazu Lungen ohne Grenzen. Vorerst vereinzelt ist mit dem Pirol ein anderer Spaßvogel zu hören, der in größeren Abständen hintersinnige und knackig kurze Kalauer zum Besten gibt, kurz sacken lässt und bei Gefallen gleich noch einmal wiederholt. Meist im Wald und gern ganz oben in den Wipfeln.

Obstweg hinter Eggersdorf

Nebenher ist alles Braun dem Grün gewichen, das effizient auf Wiesen, Äckern und aus Bäumen sprießt und jegliche Blümchen an den Wegrändern noch bunter leuchten lässt. Während der Blick vor die eigenen Füße die schöne Feldrandmischung rotblauweißgelb in immer neuen Konstellationen abscannt und dabei den Kopf von links nach rechts oder nach unten dreht, manchmal auch rückwärts über die Schulter, wird weiter oben ein ganz anderes Schauspiel dargeboten, eines ganz in weiß. Es ist die Hochzeit der Robinien, deren buschig weiße Blütentrauben die Kronen eher weiß als grün erscheinen lassen.

Blick zurück nach Eggersdorf

Vor allem wegen der Lust auf bunte Feldränder landen wir heute in der offenen Landschaft südlich von Müncheberg. Eher pragmatisch wurden reizvoll anmutende Feldwege zu einer menschenleeren Tour verbandelt. Mittendrin liegen drei Passagen, wo ein Durchkommen fraglich ist, denn sowohl Karten als auch Satellitenbilder widersprechen sich. Etwas gewagt in der höchsten Vegetationsphase, doch wir werden sehen und notfalls staksen.

Die Märkische Schweiz in der Ferne

Eggersdorf

In Eggersdorf gab es vor einiger Zeit das Gasthaus Prasser, eine gemütliche Gaststätte mit einem urigen Bullerjan-Ofen, wo der Wirt beim Eintreten unaufdringlich den Nachnamen erfragte und einen dann bis zum Abschied persönlich ansprach. Das war seltsam, doch keineswegs befremdlich, es hatte was und ist auf ewig verknüpft mit diesem Dorf. Noch beim Aussteigen bemerke ich das vergessene GPS-Gerät und spüre ein kurzes Zucken digitalen Entzuges. Doch der Weg heute sollte auch ohne gehen, zumal es eine markante Landmarke und meistenteils klare Abzweigungen gibt. Bei den Problempassagen hilft die Sonne aus an diesem wolkenlosen Tag. Der Rest braucht etwas Glück.

Schwungweiser Aufstieg zu den Weihern

In der Mitte des Dorfes liegt hinter einer gemütlich verwinkelten Bushaltestelle, einem pflanzenreichen Tümpel und einem Backsteintor die Kirche und schafft gemeinsam mit dem Schatten hoher Bäume einen schönen Rahmen für lange Feste. Obwohl die große Pfütze wie geschaffen ist für viele Frösche, ist nichts zu hören. Dafür laufen die Motoren großer und kleiner Maschinen, die fast alle dem Rückschnitt von Halmen dienen.

Wiesenweg bei den Weihern

Hinterm Dorf geht dann nicht nur die erhoffte Stille in die Vollen, auch der Blick trifft auf beruhigende Bilder. Ein gediegener Feldweg, der nie ganz gerade und nie ganz eben ist, führt hindurch zwischen alten und neu gepflanzten Obstbäumen sowie blühenden Rosen- und Holunderbüschen. Schmale Gehölze sorgen für Minuten großer Waldstimmung mit den zugehörigen Düften, und stets ist etwas Halbschatten da.

Vor einem Kiefernwäldchen steht eine Rastbank mit weitem Blick nach Westen, danach übernehmen wieder die Büsche. An der großen Kreuzung lockt der mitlaufende Pilgerweg in einen grünen Tunnel, doch wir biegen ab und ziehen durch die welligen Äcker. Vorn quert ein Radfahrer und macht Hoffnung darauf, dass der entscheidende der unklaren Wege passierbar ist. Biegt leider vorher ab, so dass die Frage bleibt. Im Süden zieht sich panoramabreit und dicht über dem Horizont ein diffus zerklüftetes Wolkenmassiv, das geschickt mit Licht und Schatten spielt und die Alpen imitiert, wie sie langsam zur Greifbarkeit anwachsen, wenn man München mit der Bahn verlässt. Keineswegs ein hinkender Vergleich.

Weiher im Schilf

Links eröffnet sich mit den vier Türmen der Stadt Müncheberg nun eine Art charmanter Begleitung. Die Stadt liegt in einer Senke, doch der markante Kirchturm steht auf einer eigenen Anhöhe und ist weithin zu sehen. Das mit der Anhöhe trifft nicht für die wuchtigen Türme der Stadtbefestigung zu, ein bisschen jedoch für den Wasserturm, dessen Kopf daher ähnlich oft zu sehen ist. Der Blick von hier auf die Stadt beantwortet einen Zusammenhang, der bislang nicht als Frage stand: direkt hinter dem Kirchturm ist eindrucksvoll die Hochfläche der Märkischen Schweiz zu sehen. Ein bisschen so, wie man bei bester Sicht die Alpen von einem Münchner Stadtberg sehen kann …

Hohes Korn mit Feldrandweg

Vom nächsten Wäldchen nahe einem Schafstall schwingt der herrliche Weg sich langsam ein paar Meter höher und streift dabei einige feuchte Augen dieser leicht bewegten Landschaft, die weit ist und tiefes Atmen erlaubt. Die meisten dieser schilfigen Weiher sind kaum mehr als knietief, andere liegen blau und halmlos und lassen kleine Abgründe vermuten. Auch hier von Fröschen nichts zu hören.

Jetzt wird es bunter an den Wegerändern, zunächst noch ohne rot. Oben dann beginnt der fraglichste Weg und ist vorhanden, dank der zahlreichen Hochstände hier. Wirklich zauberhaft ist er und liegt eingebettet zwischen kniehohen Gräserteppichen, die der Wind in Bewegung hält. Als kurvige Wiesenspur umrundet er verspielt eine Reihe von Tümpeln und Weihern, in deren Umfeld sich vom mannshohen Kranich bis zum frischgeschlüpften Entlein verschiedenste Tiere wohlfühlen, wohl auch verschwiegene Breitmäuler.

Robinienweg nach Müncheberger Loose

Jenseits der kleinen Lindenallee, die südlich nach Tempelberg führt, folgt der zweite fragliche Weg nun der Kreisgrenze, die zugleich den Rand eines saftig grünen Roggenfeldes nachzeichnet. Die langen Grannen fordern zum Darüberstreichen auf. Sie sind weicher als angenommen. Im Norden zieht ein karminrotes Dach die Blicke immer wieder auf sich, davor steht edel kontrastierend ein Stück dieses weißen Robinienwaldes und bereitet auf Kommendes vor.

Die nächsten Weiher wären ohne den regen Vogelverkehr kaum zu erkennen, so grün umwachsen sind sie. Am vorerst letzten von ihnen schwenkt der Weg nach Norden und trifft an einer Wendeschleife wieder auf offizielle Linien, von denen jede der befragten Karten weiß. Direkt danach beginnt zwischen den Robinien eine lose Folge von uralten und noch älteren Kirsch- und Apfelbäumen, die gemeinsam mit dem Weg vom Anfang eine innere Notiz für den Herbst auslösen.

Die Türme von Müncheberg mit der Märkischen Schweiz im Hintergrund

Hinterm Abzweig nach Friedrichshof verschwindet die Doppelspur in einem grünen Tunnel aus hochgewachsenen Robinien, über deren teils meterdicken Stämmen ein Klangteppich aus tausend Bienenflügeln tönt. Was muss das für ein Rausch sein für die Gelbgestreiften, wie geht man vor bei einem solchen Überangebot? Das Blätterkleid geht stellenweise auf Tuchfühlung und ist bis zum Boden so dicht, dass nur selten ein Blick aufs Feld drin ist.

Philippinenhof

Müncheberger Loose

Als schon die Frage aufkommt, ob es hier wohl einen Ausgang gibt, steht links ganz unerwartet das erste Haus von Müncheberger Loose. Spielende Kinder und gackernde Hühner verstärken noch das umgebende Gartenidyll, vor dem sicherlich ein Auto aus der Großstadt steht. Vom Schönen Berg gibt es nun einen der schönsten Blicke auf den Müncheberger Kirchturm, das Gebirglein dahinter sitzt noch besser in Szene als vorhin. Jetzt endlich kommen die Mohnblumen ins Spiel und machen die Farbmischung am Wegesrand komplett. Linsen werden gezückt, vor Blumen niedergekniet und die Makro-Funktion an ihre Grenze geführt.

Blick von der Fußgängerbrücke

Philippinenhof

Die unbefestigte Straße durch den Weiler Philippinenhof sieht gemütlich aus mit ihren hölzernen Gartenzäunen, die auf Normen wenig geben. Zwischen den Häusern liegt ein gartengroßes Kornfeld, gesprenkelt von frisch entknitterten Mohnblüten. Die Dorfstraße führt um den Hof herum in schattigen, bodenklammen Wald, trifft hinterm letzten Haus wieder auf den Pilgerweg und lässt Fußgänger problemfrei die schnelle Umfahrungsstraße queren, flankiert von Sanddornbüschen. Wenn bis hierher nicht gänzlich klar war, wer in der Müncheberger Skyline wirklich ein Turm ist und welcher – jetzt lässt es sich lückenlos aufklären.

Am Stadtrand von Müncheberg

Müncheberg

Nach etwas Zickzack und schönen Blicken auf die Kirche führt ein in die Wiese gemähter Weg zu einem kleinen Laubengang, der wieder einmal überrascht und damit bestens zu Müncheberg passt. Ein kleiner Abstecher ins Innerste belohnt mit einem Eis, dass sich schattig auf der Kirchenhöhe vernaschen lässt. Im dichten Efeu an der Kirchenmauer läuft ein ständiges Kommen und wieder Abflattern von Vögeln verschiedenster Größe, die teils selbe, teils gegenläufige Absichten haben. Ein milder Wind schleicht durch den markanten Bogen zwischen Kirchturm und Schiff. Die handschmeichelnde Klinke zum Kirchenraum muss einfach gedrückt werden, wenn auch ergebnislos.

Pfad hinter den Lauben

Der Weg um den Waschbanksee hat nicht an Schönheit verloren, und unter Apfelbäumen blühen auch heute große Margeriten. Oben an der Pflasterstraße weist ein Schild nach Landhof, wo es wieder Teiche gibt. Die sind hier schattig, sumpfig und unbedingt froschgeeignet – doch scheint das heute am Tag zu liegen. Nicht ein Quaken hören wir. Hinter einem Gehöft mit etwas verpeilten Hunden öffnet sich wieder die Weite. Die letzten Teiche des Tages sind etwas größer. Vom rechten starten zwei Gänse mit einigem Zirkus, um auf dem linken regelrecht unauffällig zu landen. Dieser ist eher eine große Pfütze und die Show sollte vielleicht augenzwinkernd den Wechsel von den Futter- zu den Schlafplätzen imitieren, wie er im selben Moment, jedoch in tausendfacher Verstärkung im nahen Oderbruch stattfinden dürfte.

Oben an der Kirche, Müncheberg

Auch an der stillen Landstraße wurden neue Alleebäumchen gepflanzt, bis hinauf zur Brücke. Nach fünfzehn Minuten Asphalt und drei Autos schwenken wir ab zu einem letzten Wäldchen, das schon duftende Abendkühle bietet. Am Friedhof halten wir Arme und Hände unter den Wasserhahn, das erste Mal in diesem Jahr, an diesem Tag, der viel vom Sommer hat.

Eggersdorf ist im Wochenende angekommen. Hier glüht die Holzkohle unterm Würstchen, dort wird ein Fest für morgen vorbereitet und vis à vis vom zweiten Dorfteich steht zeitige Achtziger-Elektronik-Mucke auf der Playlist, solche, die man schon fast vergessen hatte und die wegbereitend war fürs Plattenkratzen.

Flacher Schlafteich für die Gänse

Das mit den Fröschen haben wir abgehakt und schlurfen drum vorbei am schilfigen Gewässer, beinlahm, hungrig und zielgerichtet auf die letzten Meter. Eine eilige Stockente fliegt von Süden kommend Richtung Stadt, sieht uns da unten in der Not und lässt ein leises Quak vom Himmel fallen. Dem ist dann nichts hinzuzufügen.

 

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Eggersdorf nicht praktikabel; Regionalbahn von Berlin-Lichtenberg nach Müncheberg (Mo-Fr stdl., ca. 0,75 Std.) bzw. von Strausberg nach Müncheberg (Sa, So, ca. 1 Std.), vom Bhf. in die Stadt 3 km zu Fuß oder mit dem Bus (10 Min., doch teils seltsame Anschlüsse)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über B 1 (ca. 1 Std.)

Länge der Tour: ca. 18,5 km, Abkürzungen gut möglich (Vermeidung der langen Landstraßenpassage über Wegpunkte 24-23-5-39)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Ortsinformationen Eggersdorf

Stadt Müncheberg

 

Einkehr: Il Siciliano (am Kreisverkehr beim nördlichen Stadtturm), Müncheberg

Eiscafé unterhalb der Kirche, Müncheberg

 

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4 Gedanken zu „Eggersdorf: Weiße Trauben, ferne Berge und das Schweigen der Frösche“

  1. Den Fröschen ist’s zu heiß. So einfach.
    Eine Bitte: nie wieder ein Straßenfoto mit Motorrad in diesem Blog, der die Seele mit Frieden und Grün füllt. An allen anderen Stellen…

    1. Und meine liebe Frau sacht noch … doch liebe Katze, lass Gnade walten: so oft fuhren wir schon auf der schnellen Umfahrung und wollten ewig schon diese schöne Fußgängerbrücke benutzen, wo man über den hastigen Verkehr einfach hinwegspazieren kann, den Blick wieder nach vorn wendet, zwischen den Sanddornbüschen verschwindet und ein kleines Lächeln des Triumpfes um die Lippen spielen lässt. Danke für die schöne Rückmeldung!

  2. Ich bin begeistert vom Wegsammler und habe den Beitrag über Eggersdorf mit Wonne gelesen. Jetzt, da wir die Gaststätte Prasser nicht mehr führen, habe ich auch Augen und Ohren für die schöne Umgebung Eggersdorfs. Leider gibt es keine Nachfolger für unsere Gaststätte, die wir von 1974 bis 2011 führten.
    Fü+r Sie vielen Dank und beste Erfolge bei weiteren Wegbeschreibungen.
    Wolfgang Prasser

    1. So lange also gab es Ihre Gaststätte – und wir kamen noch in den speziellen Genuss, was diesen nachträglich noch verstärkt! Vielen Dank für Ihre Worte.

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