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Philadelphia: Treidelpfade, Strohpolis und das fehlende Satzzeichen

Der Sommer ist schließlich auf seinem goldenen Hochpunkt angekommen, und so hat sich das Korn auf den Feldern von hüfthohen Halmen in haushohe Klotzbauten gewandelt, die zum Teil in abenteuerlicher Tetris-Technik hochgestapelt wurden. Wer dort bequem stehend und behutsam seine Nase hineinbohrt, wird mit würzig-warmem Duft belohnt, der gut sein muss für die Seele und auch die Atemwege. An den randständigen Obstbäumen prahlen die Früchte in knackiger Attraktivität und verführen Passanten zu saisontypischen Sprung- und Streckübungen oder verschämten Griffen übern Gartenzaun. Dabei gilt oft, dass allzu viel Schönheit eher mit wenig geschmacklichem Charakter einhergeht – und umgekehrt. Was ja nicht ausschließlich für Obst gilt.

Treidelweg am Storkower Kanal

Die Sonne trägt nun wieder eine Woche des Triumphierens vor sich her, lässt schon probeweise Findlingshaut erglühen, bodennahe Luft flimmern und Asphaltfugen erweichen. Im Kontrast dazu wird die sommerliche Vogelstille nach und nach abgelöst von den krächzenden Großschnäbeln in Schwarz und Grau, die spüren, dass ihre Zeit jetzt näher rückt. Das zeigt sich auch in ersten vorherbstlichen Düften, für die neben Laub und Obst am Boden auch die die strauchigen Wiesen sorgen und die offene Erde stoppeliger Äcker. Alles wartet wieder auf den Regen, doch zumindest die Weinbauern können frohlocken.

Schleuse Kummersdorf

In solchen Zeiten kann man Spaziergänge und Ausflüge kurz halten oder ganz auf diese verzichten und sich am kühlsten Ort der Wohnung neben eine Tüte Eiswürfel setzen. Wer weder dies noch jenes möchte, sollte auf Schatten achten und die Nähe von Wasser suchen, denn dort ist es fast immer etwas kühler, weht häufig auch ein Brislein. Gut geht das im Dahmeland, für das auch der schöne Name Dahme-Heideseen Verwendung findet. Neben den eigentlichen Seen gibt es reizvolle Verbinder, die als Bächlein daherkommen oder als Kanal – oder eben als die Dahme selbst.

Kornfeldreste in konfuser Kompression

Einer davon ist der Storkower Kanal, der es Freizeitschiffern ermöglicht, von Berlin aus über die Dahme und ein paar Seen bis zum Großen Storkower See und von dort sogar bis zum Märkischen Meer zu gelangen, dem zauberhaften Scharmützelsee. Da ist dann wirklich Schluss, im ganz besonderen Kurort Bad Saarow, der sich bestens eignet für ein Finale. Wer die Tour vorausschauend im Schlauchboot angetreten hat, kann hier die Luft ablassen und von einem der schönsten märkischen Bahnhöfe aus die Heimreise antreten. Wer hingegen mit der Motoryacht unterwegs war, wird bald viele bekannte Orte aus neuer Perspektive sehen.

Der Storkower Kanal ist kein Jungspund – die Mitte des Fahrwassers nutzte schon vor knapp dreihundert Jahren ein zarter Flößerkanal. Etwas später ging er unter Friedrich II. in die Breite und ermöglichte damit, dass Holz und Ziegel den Weg in die große Stadt an der Spree fanden und deren Wachstum unterstützten. Storkow selbst liegt an keinem eigenen Fluss, dafür zwischen mehreren Seen und auch zwischen zwei Referenzen an die Neue Welt. Zwar liegen hier zwischen (Neu) Boston und Philadelphia keine gut 300 Meilen, sondern eher gut 3 Kilometer Luftlinie, doch die Namen haben im urmärkischen Storkower Land eine gewisse Präsenz. Und nur hier ist es wohl möglich, dem Schild „Kartoffeln“ folgend auf kürzestem Wege nach Philadelphia zu gelangen.

Fischerei Köllnitz

Philadelphia

Die hiesige Skyline kann nicht ganz mit der nordamerikanischen am kilometerbreiten Fluss mithalten, doch markant sind die sachlich-verspielten Anlagen der heutigen Floß-Werft schon. Zudem gibt es mehrere Teiche im Ort, von denen der am Spielplatz über einen schönen Strand und ein hervorragendes Schwingseil verfügt, mit dessen Hilfe man freudenvoll und kamerawirksam vom Land ins Wasser wechseln kann.

Man kann sich nun am Rastplatz neben Bootsleibern auf die Schattenbank setzen und den ganzen Tag den passierenden Wassergefährten gönnerisch zuwinken. Auch hier gilt ein Kontrastprinzip: die kleinsten Schüsseln machen die größten Wellen, währenddessen große, gut geschnittene Rümpfe fast lautlos vorbeigleiten und kaum Aufregung an der Uferkante verursachen.

In Philadelphia am Kanal

Am Kanal beginnt hinter den letzten Häusern ein Treidelweg, der dementsprechend das Ufer treu begleitet und von Minute zu Minute schöner wird. Zunächst noch offen und breit zwischen einem knorrigen Weidezaun und dem buschigen Kanalufer, wächst ebendort eine schattenspendende Allee in die Höhe, bevor der Weg zum Pfad einläuft und im lichten Eichenwald verschwindet. Je schmaler die Spur wird, desto breiter erscheint der Kanal selbst.

Uferwiesen in Philadelphia

Im extragroben Uferschotter sitzen zunächst unsichtbar zahllose Enten, die sich beim Näherkommen lautlos lösen und wie eintrainiert am anderen Ufer synchronisieren. Jetzt im August tragen auch die sonst so bunten Kerle ihr tarnendes braunes Schlichtkleid, das der alljährlichen Mauser geschuldet ist. Auf Höhe eines zufließenden Kanals mit unbewegter Wasserfläche zuckt kurze Vorfreude auf den Spreewald auf, der für den Herbst schon vorgemerkt ist. Kurz darauf sorgen zwei uferständige Birken für ein perfektes Spiegelbild.

Schattiger Treidelweg am Storkower Kanal

Neben großen und kleinen Booten schippern hier auch allerhand Hausboote vorbei, auf denen die Gesichtsausdrücke von gähnender Langeweile bis hin zu freudiger Begeisterung reichen. Heranwachsende und auch Herangewachsene fügen sich mehr oder weniger tapfer in die Stunden mit mageren Empfangsbalken. Hier und dort wird reichlich Speck präsentiert, und mancher hat ganz ernsthaft die Kapitänsmütze auf, den Blick nach vorne eingerastet und keinerlei Interesse für Jegliches, das sich abseits der Uferlinie ereignet. Hier ist das Boot zumeist besonders klein.

Kummersdorf

Anderer Kanal von Norden

Kurz darauf kommt die Schleusenanlage in Sicht, die mit ihrem extrasüßen Schleusenwärterhäuschen an Skandinavien denken lässt. Nach der stillverwunschenen Alten Mühle folgt eine sonnige Ortsdurchquerung, bevor es jenseits der Kanalbrücke in den Wald geht. Der Kanal folgt jetzt bestens gelaunt dem ursprünglich gewundenen Bett des Stahnsdorfer Fließes durch einen breiten Feuchtgürtel, sodass dort alle Steuerleute kurz ihren meditativen Halbschlaf verlassen müssen, der auf langen Kanalpassagen irgendwann zuschlägt.

Spiegelbirken am Gegenufer

Nicht jeder Rastbank lässt sich widerstehen, und so braucht es seine Zeit, bis Kummersdorf erreicht wird. Der Uferweg setzt sich auf weichem Rasen fort und öffnet nach wenigen Schritten eine weitere skandinavische Kulisse, für die maßgeblich ein faluroter Giebel in einer Kanalkurve sorgt. Allerhand teure Anwesen und Villen haben sich das Ufer reserviert, darunter auch einige wirklich schöne. Gleich gegenüber sitzen im Uferschatten zwei Mädels mit farblich zum Rasengrün passenden Kopftüchern, die sich eine mittägliche Wasserpfeife teilen und versonnen lächeln. Der verdampfte Tabak mischt sich in seiner fruchtigen Note mit anderen süßlichen Gerüchen aus den Sommergärten.

Kolonie Ost

Uferpfad am Storkower Kanal vor Kummersdorf

Nach einem kurzen Stück auf der Straße verschwindet ein Weg im Wald, von dem es bald durch die lineare Wolziger Waldsiedlung geht. Vorfreudig waren wir heute auf etwas Heidekraut in Blüte, und hier treffen wir es, wenn auch nur an einem kleinen Fleck und nicht mehr, als eine Kinderhand verdecken könnte. Jenseits der Straße geht es weiter in der Kolonie Ost, die über einen eigenen Charakter verfügt. Einige besondere Häuser und Grundstücke gibt es hier zu beschauen, und somit lohnt der Extrabogen, der kurz per Nase den Kanal erspüren lässt und seinen Erlenwald.

Wolzig

Skandinavische Impression am Rand von Kummersdorf

Im Dorf selbst führt an einem großzügigen Wasserwander-Rastplatz eine Brücke über den Kanal, und am anderen Ufer gibt es nun Nachschub an Energie und Mineralien. Der verspielte Sommergarten von Monies Café bietet die dritte Schweden-Referenz, auch wenn er nicht direkt am Wasser liegt. Doch hört man die Boote vorbeituckern, wenn nicht gerade ein Schwarm Biker über die Brücke donnert. Große Karte gibt es keine mehr, doch das Imbiss-Angebot lässt niemanden hungrig vom Hofe ziehen, nicht zuletzt auch dank des frischgebackenen Kuchens.

Bootsanleger am Kanal, Kummersdorf

Rund um das brückennahe Anwesen, das gern ein Schlösschen wäre und manch imposanten Löwen verbaut hat, ist über die Jahre ein wirklich großer Baumschul-Einkauf in die Höhe gewachsen und sorgt für Parkflair und Diskretion, sodass der einstmals dominante Zaun kaum noch ins Bild fällt. Gleich darauf am Dorfplatz wird es gemütlicher, neben dem Fachwerk-Bushäuschen laden Bänke zum Päuschen. Doch wir sind ja frisch gestärkt.

Schleuse Kummersdorf

Hinterm letzten Haus beginnt duftender Wald, durch dessen Stämme der angenehme Wind streicht, der schon den ganzen Tag begleitet. Hinter dem Zaun des Hafengeländes lässt sich zu kleineren Wegen abzweigen, doch einen Blick auf den Hafen gibt es dort auch nicht, also ist es kein Verlust, einfach geradeaus zu gehen und dann an der nächsten Kreuzung abzubiegen. Zwischen kleinen Waldstücken, abgeernteten Feldern und stoppeligen Wiesen kann der Blick nun erstmals weiter schweifen, wenn nicht gerade einer von diesen Strohtürmen im Blickfeld steht. Schmale Lücken im Stroh sorgen für hübsche Durchblicke. Im Wald wird schließlich Görsdorf erreicht, eins von mehreren im Land Brandenburg.

Görsdorf

In der Kolonie Ost, Wolzig

Noch vor der Brücke übers Mühlenfließ, hinter dem das eigentliche Dorf beginnt, führt nach links ein Sträßchen durch ein Wohngebiet, das noch nach Bauphase aussieht, obwohl es schon länger existiert. An dessen Ende wird die Straße abgelöst von einer gediegenen Allee, die abgesehen von Traktoren keine Motoren duldet. Die ausgesperrten Fahrzeuge nutzen die parallel verlaufende Straße, und der eine Traktor biegt schon bald auf die Weide ab und tut den Kühen Gutes, die ihn scheinbar längst erwartet hatten. Der Leitbulle strebt voran, als hätte er gerade ungehalten mit dem langen Arm gewinkt, alle anderen hinterher. Eine Denkpause lässt ihn, dann alle anderen stocken, bevor er wenig später weitergeht. Alle anderen folgen. Viele tönen, so zwischen Godzilla und T-Rex, wie man sie aus Filmen tönen kennt. Denkt man an den Kranichruf und stellt ein bisschen an den Reglern, wirkt das in der Tat nicht abwegig.

Klein Schauen

Strohquader am Wegesrand, Wolzig

Der entspannte Weg führt direkt auf die Dächer von Klein Schauen zu, wo es zwischen drei verschieden langen Varianten für den Restweg zu entscheiden gilt. Es wird die mittlere. Vom schmalen Grünzug des Köllnitzer Fließes weht es kühl und erfrischend herüber. Dahinter beginnt eine kleine Fahrradstraße, die derzeit ziemlich stark befahren ist vom Kraftverkehr. Vermutlich wegen des ziemlich guten Kuchens von Tante Hilde, denn es ist beste Kaffezeit und Hildes Garten groß und schattig.

Busch

Durchblick zur Pappel

Im Weiler Busch stehlen sich zwei Katzen über die Straße, in diesem tiefergelegtem Schleichgang, als hätten sie was ausgefressen oder gemeinsam einen teuren Koi vom wohlhabenden Nachbarn aus dem Teich gemopst, nur so aus Jux und ohne Hungersnot. Dahinter ist wieder Ruhe mit Autos, und ein stiller Alleeweg bringt uns schnurstracks zum Fischerhaus Köllnitz, das direkt am Groß Schauener See liegt. Im kleinen Verkaufskiosk gibt es ein ansehnliches Sortiment von Räucherfisch, Fischspieße und natürlich frische Fischbrötchen in mehr als fünf Sorten.

Fischerhaus Köllnitz

Ruhiger Weg von Görsdorf nach Klein Schauen

Die Anlage rund um die Fischteiche, den Kiosk und die Uferlinie ist schon ein Ausflugsziel für sich, wovon zu Recht der große Parkplatz zeugt. Zwischen Gasthaus und Kiosk verlässt das Köllnitzer Fließ den großen See und tritt trödelnd seinen Weg zum nächsten an. Im glasklaren Wasser tummeln sich einige Fische, klein genug, damit ihnen im flachen Wasser der Bauch nicht abgeschubbert wird. Zwei Meter weiter ziehen im Fischteich wuchtige Karpen ihre Schleifen.

Am Ortsausgang von Klein Schauen

Vorn am Wasser gibt es einen kleinen Hafen und hinter der großen Wiese auch einen Strand, und überall auf dem weitläufigen Gelände scheinen sich die Enten besonders wohl zu fühlen. Flach und nahezu genießerisch haben sie sich auf dem Hochflor des gepflegten Rasens abgelegt und scheinen Müßiggang zu üben.

Fischerei Köllnitz

Gleich gegenüber vom Gasthaus liegt noch ein weiteres, und dort beginnt neben der Straße ein Radweg, der die Partie an der Straße angenehm gestaltet. Noch vor Groß Schauen biegt ein Alleeweg ab, der zwischen den Feldern schattig nach Philadelphia führt. Das erste Haus nach der Landstraße hat Zaun und Garten mit verschiedensten Materialien gestaltet und wird in manchem Kopf sicherlich irgendeine Idee für irgendwas auslösen.

Das Köllnitzer Fließ

Am Badeteich, dem mit dem Seil, tauchen wir am kleinen Strand Hände und Füße ein und genießen diesen einfachen und verlässlichen Effekt. Weiter hinten im Dorf wird ein rollerndes Mädchen zum Abendbrot gerufen. Ein Eis wäre jetzt noch schön. Zum Beispiel im nahen Storkow, schräg gegenüber von der Kirche.

Kleiner Bootshafen am Groß Schauener See

Storkow

Die ganze Stadt ist angenehm durchströmt von einem bunten Treiben, mit Marktbuden und offenen Höfen, Kino und einer Bühne auf dem Marktplatz, wo live und direkt gespielt wird – von Indie über Rock und Pop bis Electronic. Das ganze Wochenende läuft unterm Schirm von Radio Eins ein Festival mit dem sperrigen Namen Alinae Lumr, und das bereits zum fünften Mal. Entsprechend lang ist die Schlange an der Eisdiele, die zwischen Markt und Kirche liegt.

Seil für Mittelmutige am Dorfteich, Philadelphia

Vor mir an der Schlange stehen zwei erwachsene Jungs, der eine muskelbepackt, in sich ruhend und gutgehend tätowiert, der andere eher etwas spack und beide scheinbar Schulkameraden, die sich seit langem mal wieder sehen. Der eine eher jemand, dem man zuhört, der andere passenderweise der ehrfürchtige Gegenpart. Das Standard-Geplänkel schwenkt über die Themen Wohnen und Arbeit beiläufig auf die Harte-Jungs-Schiene und einen lukrativen Nebenverdienst, für den man aber Fertigkeiten als Masafagger mitbringen sollte. Geht dann eine Weile so hin und her mit Interessebekundung und derlei, bis die Jungs irgendwann dran sind. Und mit der Stimme eines Mannes und dem Tonfall eines Schuljungen ihre Bestellung sagen: Kirsche, Mango und Banane. Genau so rührend das klingt, genau so brachial wird das Satzzeichen hinter dem Wort Banane durch einen markerschütternden Schrei aus den Boxentürmen der nahen Bühne ersetzt, gefolgt von einem zielgenauen Schlag auf die sechs Seiten der leitenden Gitarre. Die nächste Band legt los und stürzt unter der einsetzenden Dämmerung die kleine Stadt in ihre Nacht der Nächte.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Regionalbahn von Berlin-Ostkreuz mit Umsteigen in Königs Wusterhausen nach Kummersdorf, von dort 10 Min. Zuweg (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Autobahn, dann Storkow abfahren und hinter Rieplos rechts abbiegen (ca. 1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 17 km, Abkürzungen mehrfach möglich


Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Storkow: Erstarrte Seen, die Burg im Schilf und die meeresfernen Salzwiesen

Das schönste Geschenk des Februars ist Jahr für Jahr dieser befreiende Moment, wenn man merkt, dass die Tage wieder spürbar länger sind. Immer mehr Stunden erobern sich ihren Raum zwischen den Dämmerungen. Die längere Lichtausbeute verlockt zu ersten Gedanken an Frühlingsnähe, ganz unabhängig von Kälte, Schornsteinluft oder weißen Landschaften. Letztere gibt es nur manchmal, doch fast immer ist der Februar der Monat der Winterferien. Wer Zeit und Geld übrig hat und etwas Reiselaune nach dem langen Januar, nutzt die Zeit für eine Abwechslung in naher oder weiterer Ferne.

Altstadt von Storkow

Ist Kälte gefragt und schnelle Bewegung auf ganz besonders edlem Schnee, fliegt man vielleicht nach Colorado und erfüllt sich dort einen liegengebliebenen Jungstraum, bevor anderes wichtiger wird oder das eigene Gebälk zu steif. Wer mehr auf Wärme aus ist und irgendwo auf dem indischen Subkontinent vor Jahren seine dritte Heimat finden durfte, gibt sich vielleicht dort einem gänzlich anderen Leben hin und genießt den Menschen, der er dort und nur dort ist. Und wieder andere, die Verkehrsmitteln ohne direkten Bodenkontakt gern aus dem Weg gehen, setzen sich auf die Bahn oder hinters Lenkrad und probieren den europäischen Winter in einem Land mit anderer Sprache, anderem Geld und ganz eigenen Landschaften aus.

Nicht minder reizvoll ist die Option, keine halben und ganzen Urlaubstage auf den Ortswechsel zu verwenden, sondern einfach in der Nähe zu bleiben und mal wieder dorthin zu fahren, wo man noch nie oder schon lange nicht mehr war. Über dem Norden Deutschlands und auch über Brandenburg wurde hier und da ein Kissen ausgeschüttelt, sodass die Landschaft überpudert ist – zu mehr hat sich der weiße Winter bislang nicht hinreißen lassen. Alle Fortbewegung ist daher gut und frei von Spezialtechnik möglich, sei es auf zwei Rädern oder eben zu Fuß. Sonnige Tage wechseln sich mit wolkenverhangenen ab, sodass die Chance auf die schönen und dunstigen Lichtstimmungen des Monats eine attraktive Quote hält.

Die Zugbrücke am Storkower Kanal

Nicht entlegen und gern ein wenig unterschätzt ist das Städtchen Storkow, das mit der Vielfalt seiner Umgebung immer wieder überrascht. Die Stadt im Zeichen des Storches liegt in loser Nachbarschaft zu Neu Boston und Philadelphia. Wem das nicht hilft, um Bilder im Kopf aufzurufen, der denkt vielleicht an die einprägsame Zugbrücke am Rand der Altstadt oder die Burg, die sich oft markante Sonderausstellungen an Land zieht. Vor einigen Jahren ging es dabei um die Puhdys, die ewigen Rockrentner, jetzt gerade heißt das Motto „Drauf geschissen!“. Gar nicht eklig, vielmehr mit guten Prisen von Humor und höchst informativ geht es um das stille Örtchen, mit dem ja jeder Mensch ganz unmittelbar und besonders regelmäßig zu tun hat.

Die Zugbrücke führt über den Storkower Kanal, und ihr Verhältnis zum Marktplatz kann im Gedächtnis leicht zu Verwechslungen mit Zehdenick führen. Doch während Zehdenick eher nördlich liegt und von der Havel und einigen Stichteichen umspielt wird, besetzen rund um Storkow große und noch größere Seen die Hauptrolle. Für noch mehr Wasserreichtum sorgen neben dem Storkower Kanal weite Luchwiesen und alles zusammen dafür, dass hier ein beständiges Kommen und Gehen von Zugvögeln hör- und sichtbar ist.

Storkower Kanal

Von Storkow aus lässt sich hervorragend in alle Richtungen ausschwärmen. Gleich um die Ecke erhebt sich eine der größten Brandenburger Binnendünen, weiter im Nordosten liegen die hügeligen Wälder rund um den Zwei-Seen-Ort Kolpin, die bald schon fließend in die Rauener Berge übergehen. Im Südosten bietet sich als schöner Klassiker die Umrundung des Storkower Sees mit seinen gemütlichen Dörfchen und dem schönen Plankenweg im Süden an, die bei Belieben zu einer Stippvisite zum Scharmützelsee in Wendisch Rietz ausgedehnt werden kann. Westlich der Stadt streckt sich die Groß Schauener Seenkette, geschmiedet aus fünf bis sechs teils dickbauchigen Seen, und im nördlichen Westen liegen schöne Dörfer wie Alt Stahnsdorf, Kummersdorf und Wolzig, die durch allerlei Wasseradern verbunden sind. Wem das alles zu groß ist, dem empfiehlt sich eine schöne Runde um die Stadt, die in steter Tuchfühlung zum Wasser bleibt und eine unterhaltsame Vielfalt an den Tag legt.

Rastbänkchen am Treidelweg, Storkower Kanal

Storkow

Rund um die Zugbrücke herrscht den meisten Teil des Jahres ein gewisses Getummel von Stadtbesuchern und Freizeitkapitänen, von Anglern und Stadtjugend. Wenn weniger Betrieb ist und gerade keine Schleusenzeit, liegt auch schon mal eine gut gebaute Miez flächig auf dem Brückenfundament, dermaßen langgestreckt, wie es nur in der allergrößten Nachmittagsfaulheit möglich ist. Heute ist es frostig und weder Miez noch Mensch weit und breit außer einem kariert-wattierten Angler mit breiten Schultern und hochstehender Wollmütze. Gegenüber reckt sich ein Baukran in den Himmel, der irgendwie zu groß scheint für diese Stadt.

Philadelphia am Storkower Kanal

Der Treidelweg entlang des Storkower Kanals beginnt als Sträßchen, geht dann in breite Uferwiese über und ist nach dem letzten Haus nur noch ein Trampelpfad an der Grenze zur Erkennbarkeit. In gewissen Abständen stehen zusammengenagelte, stabile Bänkchen und stärken die Hoffnung, dass sich der Pfad fortsetzt. Nach beiden Seiten kann der Blick weit ausschwärmen. Während von weither Kraniche zu hören sind, von oben hin und wieder Gänse, stehen tief in den Wiesen als Wintervertretung des Storkower Wappenvogels weiße Reiher, die uns nahe heranlassen, bis sie dann doch das Weite suchen. Kurz vorm Waldrand bei den Türkenbergen fließt von rechts ein Entwässerungsgraben zu und verhilft der hiesigen Bank zu einer Halbinsellage, die ungemein einladend ist für eine Rast. Dahinter geht es weiter über saftige Wiesen, voraus überspannt den Kanal eine kleine Eisenbahnbrücke, über die jede Stunde ein Züglein in Richtung Storkow saust.

Weg nach Groß Schauen

Philadelphia

Nach dem wilden Queren der eingleisigen und schnurgeraden Bahnstrecke kommt hinter dichtem Nadelwald ein markantes Haus am Rand von Philadelphia in Sicht, halb Schloss, halb Werksgebäude. Wer gern Maschinenöl riecht, große Antriebsräder schätzt und solide Aggregate, deren Zündungen man problemlos mitzählen kann, kennt den Namen Philadelphia vielleicht vom Treckertreffen, das bis vor Kurzem alle zwei Jahre stattfand und eines der bekannteren war im Ackerlande Brandenburg.

Blick über die vereiste Groß Schauener Seenkette

Vom Dorfrand verlockt ein schöner Treidelweg weiter entlang des Kanalufers, doch wir schlagen unsere Haken durchs Dorf, vorbei an einem Teich und der alten Eiche, dann entlang eines Scheunenviertelchens und der schönen Badewiese am Dorfteich. Jenseits der Landstraße räkelt sich ein uriger Feldweg zwischen den Feldern, begleitet von alten und teilweise grotesk geborstenen Weiden, die nur einen Meter höher voller Leben stecken. Rechts auf dem Acker stehen so nah wie nie zwei Kraniche und machen nochmals klar, wie groß diese stimmstarken Flugsaurier wirklich sind. Für diese und jenen durchaus auf Augenhöhe.

Groß Schauen

Noch vor Groß Schauen steht am kleinen Badestrand die zweite Rastbank dieses Tages, unschlagbar in Lage und Aussicht. Über mehr als fünf Kilometer Seenfläche schaut man auf die bewaldeten Höhen bei Kehrigk und scheinbar noch viel weiter. Der Dunst des Wintertages betont wirksam jede der Entfernungsebenen. Der See liegt absolut still, die obersten Millimeter sind erstarrt, scheinbar über die gesamte Fläche. Auch das schattenschwarze Uferschilf ist frostfixiert und strebt in seiner Unbewegtheit nach einem möglichst scharfen Spiegelbild im stumpfen Eis. Die Sonne bricht fahl und unsicher durch die Wolkenberge und tut das ihrige.

In Groß Schauen

Vom großen Parkplatz berührt der Blick zum inneren Anger mehrere schwarzweiße Fachwerkwände, die in gleichmäßigen Abständen ausgelegt sind wie eine Spur Grimmscher Brotkrumen, und bereitet schon auf die besondere Anmut des eigentlichen Angers vor. Vom Feuerwehrturm vorbei am Buswartehäuschen und dem Haus mit den Milchkannen steht man schließlich am Dorfplatz, auf den das Wort gemütlich unbedingt zutrifft. Der Kirchturm sitzt nicht auf dem Dach der Kirche, sondern hockt schützend vor ihr. Stämmig und mit seinen langen braunen Holzlatten scheinbar wärmend.

Rund um den Platz mit den lose verstreuten, hohen Bäumen schlingt sich in einem Öhr die Straße, kunstvoll gepflastert aus historisch wirkenden, über Epochen rundgeschliffenen Ziegelsteinen. Von der Altarseite besehen wirkt die kleine Fachwerkkirche höher als erwartet, und auf ihrer sonnenbeschienenen Südseite steht eine Bank, die wie geschaffen ist für längeres Verweilen an einem kühlen Tag wie heute. Der sich zum Teil anfühlt wie Vorvorfrühling, doch auch wie unentschlossen gereifter Winter.

Dorfanger von Groß Schauen

Überall im Dorf gibt es Rastbänke, überdachte Raufen und Pavillons. Von einem dieser Plätze zweigt der Schaplower Weg ab und führt bald als ruhiger Radweg über die Wiesen und durch feuchtes Land. Die charaktervollen Kopfweiden stehen in vollem Saft, die jüngsten Ruten schreien ihr Gelbgrün regelrecht hinaus, selbst aus großer Entfernung ist das zu vernehmen. Hinter einem Wäldchen öffnen sich dann die großen Salzwiesen und geben den Blick auf Storkow frei. Nur ein einziger Baum mit hoher Krone unterbricht diese Fläche, doch nicht nennenswert, eher wie ein Schönheitsfleck in einem barock geschminkten Frauenanlitz.

Radweg hinter Groß Schauen

Auf einem Schild lesen wir, dass auch hier die Sielmann-Stiftung ihre bewahrenden Finger im Spiel hat, wie schon vor Kurzem unweit von Luckau. Unerwartet verhilft ein kleiner Aussichtsturm zum längst herbeigewünschten Blick auf die Groß Schauener Seen und auch auf die klitschnassen Wiesen in der breiten Uferzone. In der Tat handelt es sich hier um Salzwiesen, die man ansonsten eher am Rand des Wattenmeers erwarten würde – im Binnenland hingegen sind sie eine wirkliche Rarität. Das Meer, das sich hier einmal befand, schickt seine Jahrmillionen alten Botschaften nur an wenigen Stellen an die Oberfläche. Eine davon liegt hier bei Storkow und sorgt für salziges Grundwasser, damit verbunden für ein halbwegs kurioses Vorkommen von Pflanzen, die es salzig lieben und fast allesamt ein „Strand-“ im Namen tragen. Nun wird auch klar, warum bereits seit Philadelphia ein Salzweg unsere Schritte begleitet und uns noch weiter treu bleibt, bis hinein nach Storkow.

Bei all der Nässe rundherum wird der Weg jetzt mehr und mehr zum Damm, den keiner verlassen sollte, der gern trockene Füße hat. Rechts reicht der Schilfgürtel bis hin zum See, links des Dammes läuft ein vereister Graben mit und betont, dass die Salzwiesen nasser sind, als sie aussehen. Mitten in der grünen Weite sitzt ein Adler auf einem dieser Masten mit aufgenageltem Querholz, nimmt das Verharren unserer Blicke zur Kenntnis und verlässt mit leichtem Unwillen seine erhabene Position.

Blick vom Aussichtsturm bei den Marstallwiesen

Storkow

Nach einer eigenartigen Reihenhaussiedlung und dem Queren der Bahn flankiert der schwarzerdige Weg einen weiten Schilfteppich, hinter dem sich wirkungsvoll die Storkower Burganlage in Szene setzt. Nach etwas Zickzack durch die Wohnvorstadt ist es nicht mehr weit zur zweiten großen Küstenlinie dieses Tages. Vorbei an einer großzügigen Schulanlage geht es direkt zum schönen Strand, der die Lernmotivation im Klassenzimmer an wonnigen Sommertagen zu einem zähen Kampf machen dürfte. Das Objekt der Begierde, der Storkower See, ist ganz allein ein ähnliches Kaliber wie die ganze Seenkette von vorhin. Zwischen seinen Ufern liegt mehr als ein Kilometer, auch dieser lückenlos vereist.

Dammweg zwischen Salzwiesen und Schilfgürtel

Am flachen Strand gewinnen die Eishopser gut eingepackter Kinder gerade an Wagemut, währenddessen die rund einen Zentner schwereren Elternteile vorsorglich auf Sand und Wiese bleiben, auch wenn im flachen Wasser im Falle eines Bruches allenfalls die Sohle nass werden dürfte. An der nächsten kleinen Badebucht haben sich zwei Mädchen auf ihre Schlittschuhe gewagt und versuchen kichernd, gezieltes Vorwärtskommen, ständiges Umfallen und Touchscreen-Bedienen mit Handschuhen unter eine Wollmütze zu bekommen.

Vor einem neu gebauten Haus mit Graubetonung, direktem Seeblick und wenig Platz für Garten kommt etwas unsicher ein junges Pärchen vor zur Promenade, im Blick und über dem Kopf scheinbar die Frage, ob es wirklich das war, was sie mit der Erbschaft oder dem Lottogewinn machen wollten. Von links kommt ebenfalls zögerlich eine Frau mit ihrem glattgescheckten Lumpi, der uns mit seitlich gedrehtem Kopf fixiert auf unserer Bank, fast unbewegt und bald eine geschlagene Minute lang. Dann wird spontan für Weitergehen entschieden.

Blick über Schilf auf die Burg, Storkow

Die letzten Meter in die Stadt führt ein gut gelaunter Spazierpfad, vorbei an einer Festwiese mit Feuerplatz, der Lagerfeuer fast jeder Größenordnung wegstecken kann. Gleich danach stößt von rechts ein Seitenkanal hinzu, an dessen Rand ein kleiner Ruderboothafen schlummert. Auch hinter der Hauptstraße bleibt ein Weg am kleinen Kanal, auf dem unter anderem ein Flößer unterwegs ist, vor allem aber eine ganze Horde lebhafter Enten in freitäglicher Feierabendlaune.

Auf den Straßen der Altstadt kann man für die letzten Minuten noch mal einen Gang runterschalten, kleine Gassen erkunden und nach Belieben über den Markt schlendern, der umgeben ist von schönen und bunten Fassaden. Dem offenen Platz mit den großen Bäumen und einem guten Dutzend einladender Schattenbänke fehlt leider etwas Gastronomisches – eine Kneipe, ein Café oder ein Bäcker, der Stühle rausstellen könnte in wärmeren Zeiten. Vielleicht wird das ja wieder. Etwas weiter Richtung Zugbrücke gibt es dann das Altstadtcafé mit eigener Terrasse. Zur Zeit ist es drinnen gemütlicher, ganz klar, doch zu wärmeren Zeiten kann man sich hier gut ein Eis rausholen und damit schräg gegenüber vor die Kirche setzen. Dann noch mal rüber, noch ein Eis nachholen und vor der Kirche weiterschlecken. Selbst ein drittes Mal ist kein Problem, das Eis gibt es her.

Abendlicher Marktplatz in Storkow

Von der Zugbrücke fällt der letzte Blick zurück zum Markt, auf dessen Giebeln die untergehende Sonne sitzt, warm und behaglich. Zugleich gehen die Laternen an und zitieren eben dieses Licht, vom Markt bis hin zur Brücke. Die Miez vom Pfeiler liegt wohl hinter irgendeinem Ofen, der karierte Angler ist längst weg und nicht mal eine Ente auf dem spiegelglatten Wasser, so dass die in Laternengold getauchte Brücke nun in absoluter Stille ruht.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der S-Bahn bis Königs-Wusterhausen, dort weiter mit der stündlichen Regionalbahn (ca. 1,25 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die Autobahn (1-1,25 Std.)

Länge der Tour: ca. 13 km (Abkürzungen möglich); wer das Queren der Bahnstrecke ohne offiziellen Übergang vermeiden will, kann die Alternativstrecke über den nördlichen Salzweg (Luchwiesen südlich des Kanals) nutzen (knapp 12 km, Wegpunkte A-F)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Tourismusinformationen Storkow

Flyer der Sielmann-Stiftung (PDF)

Sielmanns Naturlandschaft Groß Schauener Seen

Flyer zum Salzweg (PDF)

Informationen zum Salzweg

 

Einkehr: Zum Fass, Storkow (keine eigene Erfahrung)
Burgstübchen (auf der Burg)(keine eigene Erfahrung)
Pension Storchenklause, Storkow
div. andere Angebote in Storkow

Kiosk am Strand am Storkower See

 

 

Glienicke: Tanzende Kiefern, singende Eiswürfel und das Dorf auf der Platte

Nun hat sie wahrhaftig begonnen, die Zeit der ersten zarten Düfte. Herbeigesehnt und als eingetretene Tatsache bekräftigt von all den Scharen am Himmel, die in den vorausgehenden Tagen schon überall lautstark klarstellten, dass der Winter in dem Sinne dieses Jahr ausgedient hat. Riesige Formationen von Kranichen und Gänsen, die trotz ihrer enormen Flughöhe noch beachtliche Schallpegel bis zum Boden schicken, die selbst im Lärmgewühl der erwachenden Stadt nicht überhörbar sind. Immer noch zu erwarten sind winterliche Protestaktionen in Form von Kälteeinbrüchen und weißen Landschaften, doch das ändert nichts am beständig zunehmenden Tageslicht und dem intensiven Bestreben aller Natur nach mehr Farbe und auch sonstigen Tönen.

Zwei Pferdestärken in Glienicke

In den Dörfern bietet sich um diese Zeit ein Bild großer Aufgeräumtheit. Kleine und große Wiesen liegen noch platt vom letzten Schnee, und von den Straßen und Gehwegen hat die Schneeberäumung alle Zweiglein und Steinchen verschwinden lassen, auch alles, was manchem aus der Hand gefallen war. In den Gärten wurde aufgelesen, was die letzten Stürme so herunterholten, und wartet aufgehäuft auf seine 15 Minuten Ruhm beim großen Osterfeuer. Was die lebendige Botanik betrifft, wird mit Zurückhaltung und Feingefühl erstes Farbgesprenkel ins Spiel gebracht, bevorzugt in den schmalen Vorgärten unterhalb besonnter Häuserwände. Weiß von den Schneeglöckchen, die schon länger im Spiel sind und sich gern vom Wind in Szene setzen lassen, und stellenweise flächiges Gelb von den stets wohlgelaunten Winterlingen. Die Farbpalette der Krokusse ist noch als Rarität zu betrachten, solange der Monat Februar heißt.

Einteiler auf dem Weg nach Beeskow

Der Schnee ist verschwunden und auch das Eis, die Landschaft grün und braun und Bodenhaftung auf den Wegen als gegeben hinzunehmen. Es ist wie ein Befreiungsschlag, dieser Moment im Jahr, wo man wieder Herr der eigenen Schritte ist. Obendrein entfällt auch das besondere Augenmerk aufs Tageslicht, denn das steht jetzt ausreichend zur Verfügung. Beides zusammen ist wie ein lose geschnürtes Korsett, das fürs nächste gute halbe Jahr im Schrank verschwinden darf. Und dann durchaus bereitwillig wieder angelegt wird, wenn es an der Zeit ist. Dass es bereits im Schrank gelandet ist, zeigt uns am Abend unser Durchschnittstempo, zum eigenen Erstaunen. Das war wohl nötig.

Glienicke

Glienicke ist so ein Name, der allein im Bereich von Berlin und Umgebung schon zu teuren Taxi-Rechnungen führen kann, wenn man zuvor einen feucht-fröhlichen Abend hatte und dem Droschken-Kutscher nicht in aller Klarheit sagte, wo genau man hin will. Ganz pur, groß, klein oder alt bzw. Norden, Westen, Südwesten oder Südosten. Davon abgesehen gibt es Glienicke gar nicht so oft in Brandenburg, mir sind nur noch zwei bekannt. Eins davon liegt auf halbem Weg zwischen dem schönen Bad Saarow und der alten Spreestadt Beeskow. Obwohl das Dorf auf der Beeskower Platte liegt, einer Hochebene weit über dem nahegelegenen Scharmützelsee, ist es für Fahrzeuge und Tiere mit wenig Tiefgang an die Weltmeere angeschlossen. Fünf Seen und der verbindende Blabbergraben schaffen die Verbindung bis zur Spree, wobei Blabbergraben eher nach entspanntem Tempo klingt und zunächst Geduld einfordert von dem, der salziges Fahrwasser im Sinne hat.

Weg zwischen Glienicke und Behrensdorf mit Licht am Ende des Tunnels

Auch Glienicke scheint regelrecht zu glänzen, aufgeräumt, doch nicht geleckt, zufrieden und still belebt. Die schönen Straßenlaternen stehen besonders gerade. Zwei Herzen hat der Ort, das eine ist die Kirche, das andere der südlich anschließende Anger. Mitten drauf ein geräumiger Spielplatz, der einlädt und sich mit dem Angerdrumherum als Treffpunkt für alle Altersklassen eignet. Entlang der Straße stehen Häuser, Höfe und Scheunen, und in den Vorgärten findet das erhoffte kleine Spektakel der hartgesottenen Blümchen statt. Zwei Damen haben sich große Pferde untergeschnallt und lassen diese im Ortsbereich gemächlich warmlaufen, bevor sie dann am Ende des Asphalts die Hufe höher fliegen lassen und bald schon außer Sicht sind.

Ein kleiner Zug saust Richtung Beeskow. Direkt vor den Gleisen biegt ein Weg ab, der bald zu einer stattlichen Allee von alten Kirschbäumen wird und schnurgerade eine Senke nimmt. Im Rückblick erwächst Neugier darauf, wie es hier wohl in zwei Monaten aussehen wird, wenn alles buschig weiß in Blüte steht.

Dorfpanorama von Glienicke

Ebenfalls schnurgerade führt ein buschbestandener Weg über die Höhe nach Behrensdorf. An einem eisfreien Graben hat sich ein Schwanenpaar eingerichtet, das auf dem benachbarten Acker gerade Siesta hält und dann und wann in edler Pose Blicke schweifen lässt. Im Westen jenseits des Scharmützelsees erheben sich bewaldete Höhen, vermutlich die Duberowberge. Das mit dem Duberowberg ist hier in der Gegend keineswegs eine eindeutige Sache, denn ihn höchstselbst sowie auch Wortverwandte gibt es allerhand. Nicht weit von hier im Norden erheben sich markant die Dubrower Berge nahe Fürstenwalde, die es auf knapp 150 Meter Höhe bringen, ohne ihren eingezäunten Mast. Weit im Westen gibt es am Hölzernen See die Dubrow, ein Waldgebiet, und auch dort noch einen Dubrowberg, einen lütten, und jetzt da drüben eben wie erwähnt die Duberowberge. So gesehen ließen sich noch diverse Eichhölzer in der Nähe ins Feld führen, denn Dubrow ist das slawische Wort für Eiche.

Waldrandweg auf der Höhe

Da die Sonne schon bei Kraft ist und die Wälder nicht mehr klamm, strömt aus dem lichtdurchkämmten Wald ein schöner Duft nach Erde, Moos und Nadeln. Überhaupt sind das Licht und die üppigen Wolkenbilder am Himmel heute ein Geschenk, nachdem die letzten Tage von Orkanwinden, Dämmerlicht und Sturzfluten bestimmt waren. An windgeschützten Sonnenplätzen kann man jetzt schon mal die Mütze weglassen, was nach den kopfbedeckten Monaten ein schönes Gefühl ist. Dann ist ganz klar zu spüren, dass die Haut auch atmet, selbst unterm Kopffell.

Im geschwungenen Kiefernwald der Behrensdorfer Heide

Wie eine Tunnelgasse führt der Weg durch ein Stück Wald. Ganz hinten das Licht am Ende des Tunnels verspricht mit einem strahlend weißen Fleck irgendetwas Großes, das Meer oder die unbegrenzte Weite einer Abbruchkante. In der Tat war es dann doch nur ein gut inszeniertes Dorfrand-Dach mit Reflexionen.

Waldschneise mit vielfältigem Bewuchs

Behrensdorf

Im aufgeräumten Behrensdorf steht die erhoffte Pausenbank, doch wohnt direkt gegenüber ein Hund mit großem Redebedarf, womit er nicht der einzige im Dorfe ist. Also weiter, vielleicht klappt es am nächsten Waldrand. Und letztlich sind wir den Kläffern zu Dank verpflichtet, denn tatsächlich wartet direkt am Waldrand gerade noch im Sonnenlicht der perfekte Pausenplatz. In eine kleine Kronenkiefer mit barockem Astgewirr haben sich Kinder eine schöne Plattform gezimmert, und direkt darunter stecken zwei Steine im märkischen Sand, die perfekte Sitze abgeben. Windgeschützt und lichtbeschienen.

Uferpfad unterm Hang, am Glubigsee

Das ist dann auch das Abschiedslicht. Die Sonne zieht sich langsam zurück in ihre Gemächer und überlässt dem Wolken-Vorhang die gesamte Bühne. Das fällt nicht so sehr auf, da wir jetzt in den weiten Wald der Behrensdorfer Heide eintauchen. Der ist stets leicht beschwingt im Relief und trotz seines fast reinen Kiefernbestandes äußerst vielgesichtig. Die langen dünnen Streichholz-Kiefern mit dem Blondgrasboden sind hier eher die Ausnahme. Dafür ist viel Platz da und aufgewühlter Boden, wie aufgeworfen von Kämpfen riesiger Urzeit-Eber. In der wogenden Landschaft sind die Bäume eher lose verteilt, manchmal stehen dicht bewaldete Inseln mittendrin. Auf den sanften Buckeln der moosbedeckten Landschaft sind einige der Kiefern wie Eichen großgewachsen und mit wohlgeformten Kronen, dann wieder knorrig krumm und holzgelockt wie in einem Zauberwald. Zwischen all dem zieht der weiche Weg seine Bahn wie eine altersmilde Achterbahn und überrascht nach jeder Kurve mit neuer Raumgestaltung.

Nach dem Absinthgenuss, beim Springsee

Zwei Mountainbiker kommen uns entgegen, auch eher altersmilde und bei bester Stimmung sowie in diversem Einklang. Dahinter beruhigt sich der Wald und sieht nun aus wie solcher, wo man gern Pilze sammeln geht. Eine breite Schneise kreuzt. Ihre Hochspannungsleitungen hängen imposant durch über dem Tal der Seenkette, und der jenseitige Hang wirkt einschüchternd steil, was die Höhenlinien in der Karte bezeugen. Den Waldboden zwischen den riesigen Masten teilt sich eine illustre Mischung aus strohblonden Gräsern, struppigem Heidekraut und flächigem Weißmoos im Zwischenstadium zwischen weich und borstig.

Genau hier beginnt der Abstieg, knieschonend gepolstert mit einer schönen Fusion aus Nadeln, Moos und Wiese. Der Wald ist jetzt dichter. Ein paar Bäume vom letzten Sturm liegen noch quer, scheinbar erst kurz, denn es haben sich noch keine Umgehungen ausgeprägt. Unten angelangt leuchtet die Fläche des Springsees durch die Stämme, teilweise noch von Eis bedeckt. An dieser Stelle liegen wieder besonders phantasievolle Kiefernhügel in der Kurve, bei deren Anblick einem das Bild „Nach dem Absinthgenuss“ von Walter Moers in die Gedanken kommen kann. Oder die Vorlage dafür, der „Tanz“ von Henri Matisse. Auf jeden Fall ein abgedrehtes Treiben da droben auf den Hügeln.

Hochufer über dem Glubigsee

Mittendurch führt jetzt auch ein Radweg, der für lustige Verkehrsschilder mitten im Forst sorgt. Ein freundlicher Läufer kommt entgegen, bald darauf ein paar Spaziergänger und noch welche. Das erklärt sich schon bald durch die Reha-Klinik und eine Ferienhaus-Siedlung am Glubigsee. Auch der ist zum Teil noch gefroren. Am flachen Strand hat sich das Eis zu ungleichmäßig runden Eiswürfeln zerstoßen, wobei die meisten Stücke etwa so groß sind wie eine Katzenfaust. Ein ganzer Teil ist jedoch erheblich größer, und alles zusammen in der Bewegung von Wind und Wasser sorgt für ein entrücktes Klanggewirr. So wie zwei Dutzend kleiner und großer Windspiele auf mehreren Südstaaten-Veranden ineinandergemischt, von einem Tontechniker, der sein Handwerk versteht. Bei einem gleichbleibenden Geräusch-Pegel, der dennoch den Anschein erweckt, als würde sich die Lautstärke langsam steigern, Spannung aufbauen und immer mehr Dezibel anhäufen. Es ist ansatzweise berauschend und sieht zudem hochästhetisch aus.

Mitgenommener Plankenweg durchs Bruch

Der romantische Uferweg unterm Hang wird stellenweise zum Pfad, auf dem hier und da ein dicker Baum zu umsteigen ist. Bänke bieten sich immer wieder an, auch ein kleiner Rastpavillon über dem See. Links und rechts vom Weg wimmelt es nur so von Privat-Schildern, so dass man das Wort irgendwann nicht mehr sehen möchte. Das Problem löst sich bald von selbst, als der Weg auf stillen Pfaden durch ein verwunschenes Bruchwäldchen führt. Der offizielle Wanderweg ist umgeleitet, denn die angelegten Bohlenwege sind in die Jahre gekommen und teilweise leicht geneigt, so dass man bei feuchter Witterung leicht auf Abwege gerät. Das kann bei der Bruchquerung sehr nass enden, auch wenn es nur ein paar Meter sind.

Abendliche Stege am Scharmützelsee, bei Wendisch Rietz Siedlung

Daher ist es dann durchaus wohltuend, oben eine Asphaltstraße zu erreichen. Deren Wassergrundstücke liegen am leicht tiefergelegten Kleinen Glubigsee. Zwischen den Gärten wird am Ende eines Stichweges ein Aussichtspunkt angeboten, mit Blick über den See bis hin zur noblen Anlage eines Fisch-Restaurants.

Nichts für Schlittschuhläufer, dafür etwas für Klangbegeisterte, bei Wendisch Rietz

Wendisch Rietz Siedlung

Jenseits der Bahngleise setzen sich die Wassergrundstücke fort, etwas im Hintergrund bleibt die relativ neue Luxus-Wohnanlage auf der Husareninsel. Immer wieder queren kleine Bäche den ufernahen Weg, meist nicht älter als einzwei Kilometer und dementsprechend glasklar. Auf Höhe des Dampferanlegers strömt nun schon kühle Abendluft aus dem Wald. Vom Steg lässt sich mit etwas gutem Willen der kleine Leuchtturm der skandinavisch inspirierten Ferienhaus-Anlage von Wendisch-Rietz ausmachen. Viel spannender ist hier jedoch die zweite Auflage der Eis-Symphonik von vorhin. Hier am riesigen Scharmützelsee sind auch die Eisstücke gleich ein bisschen größer, und dementsprechend mischen sich mehr von den tiefen Tönen in den gläsern-klirrenden Soundteppich.

Waldfrieden

Nach der Badestelle wird ein stiller Wiesengrund umrundet, der ein regelrecht zu Tale stürzendes Rinnsal aufnimmt und gründlich ausbremst auf seinem letzten Stück zum See. Beim einstigen Forsthaus Waldfrieden verlassen wir endgültig den Dunstbereich des Märkischen Scharmützel-Meeres und setzen den Fuß zum ersten Schritt eines langen, sanften Anstiegs, der anwährt bis zum ersten Haus von Glienicke. Hinterm Wald quert in einer parkartigen Hügel-Landschaft ein letztes lebhaftes Rinnsal, bevor der Weg in eine dichte Gasse aus Buschwerk und Bäumen eintaucht. Richtig dunkel ist es hier, und das, obwohl unübersehbar einiges gestutzt wurde in den letzten Tagen, scheinbar in großer Eile. Im Boden dieser sonnenfernen Gasse steckt noch der Frost und hält an der Oberfläche, was schon aufgetaut war. So ist etwas Slalom angesagt auf dem matschig schwarzen Erdreich. Auch dieser Weg weckt Neugier darauf, wie er wohl im vollen Laub aussieht.

Parklandschaft am Beginn des langen Anstieges

Regelrecht hell ist es jetzt hier oben in Glienicke, und der zurückliegende Anstieg kann als klarer Beweis für die Existenz der Beeskower Platte gelten. Ein paar Kinder gehen nochmal zum Spielplatz, im abendlichen Hopserlauf. Vom benachbarten Herzberg klingen über die Felder und den See handgeläutete Kirchenglocken, und am Himmel saust zielgerichtet eine ganze Formation von Schwänen in ebendiese Richtung. Auch in Herzberg muss es also schön sein, vielleicht Einkehr geben. Wir prüfen das sofort.

 

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): per Regionalbahn oder S-Bahn nach Königs Wusterhausen, von dort per Regionalbahn nach Wendisch Rietz, von dort 1 km Zuweg zur Tour oder mit dem Bus (wenige Verbindungen) nach Glienicke (ca. 1,75 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über Berliner Ring Nord oder Süd zur A 12, dann Landstraße über Storkow oder über Bad Saarow (ca. 1,25-1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 18,6 km (Abkürzung prinzipiell möglich)

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Informationen zu Glienicke und Behrensdorf

Walter Moers: Nach dem Absinthgenuss

Henri Matisse: Tanz

 

Einkehr: Hafenrestaurant am Scharmützeleck (an der Südspitze des Scharmützelsees bei Neue Mühle nördlich der Bahn)(keine eigene Erfahrung)
Landgasthof Simke (im Nachbardorf Herzberg)(sehr empfehlenswert)

 

Stadtrandtour Erkner – Seewind, Gipfelglück und die erwachte Lagune

An die See oder in die Berge? Diese Frage, die Jahr für Jahr unzählige Familien im Rahmen der Urlaubsplanung beschäftigt, kann auch für einen Tagesurlaub im Berliner S-Bahn-Bereich gestellt werden. Eine der möglichen Antworten darauf ist: warum nicht beides – und dazu noch ein Lagunendorf, eine alte Fischersiedlung sowie ein Fährhafen mit Verkauf von frischem Fisch. Schließlich zum Ausklang eines der schönsten Ausflugsziele im Umland von Berlin und dann noch die Fahrt mit einer mittelhistorischen Bahn. Der Einsatz dafür ist nicht allzu hoch, hoch hingegen ist die Anzahl potentieller Anwärter für eine Pause.

Der Dämeritzsee in Erkner
Der Dämeritzsee in Erkner

Schon die Fahrt gleicht einer Transformation vom bewegten Puls des Stadtalltags mit all seinen stets präsenten Fragen von Unerledigtem im Hinterkopf hin zum ruhigen Atemzug eines morgendlichen Waldmoments. Etwa ab Ostkreuz setzt sich dieser Prozess in Gang und wird erstmals bekräftigt durch die etwas längere Station zwischen Karlshorst und Wuhlheide, einem Bahnhof mitten im gleichnamigen Wald. Auch der Name Hirschgarten spricht für sich. Der kleine Bahnhof wird umkurvt von den mündungsnahen Kapriolen des romantischen Mühlenfließes, das zauberhaft und stark verspielt weit aus dem Märkischen nördlich von Altlandsberg her geflossen kommt.

Nach dem Durchfahren schöner Vororte, eigentlich schon kleine Städte mit eigenem Charakter, folgen zwei lange Stationen durch tiefen Wald, dessen Bäume allesamt noch in die Berliner Statistik einfließen. Wenn sich Fenster öffnen lassen, sollte das getan werden. Danach ist im Idealfall der Ruhepuls erreicht und tiefes Einatmen möglich. Wenn der Zug in Erkner zum Stehen kommt, befindet man sich bereits seit einer Minute auf brandenburgischer Schiene.

Mondäner Kanalblick in Neu-Venedig
Mondäner Kanalblick in Neu-Venedig

Erkner

Der Bahnhof hatte bis vor einiger Zeit noch den rustikalen Charme eines Kleinstadt-Bahnhofs, wovon sein stattliches Portal weiterhin kündet. Vor Kurzem wurde er modernisiert, was besonders auch den Umsteigevorgängen in die Regionalbahn entgegenkommt. Erkner ist eine Stadt inmitten von Wasser und durch dieses – wenigstens theoretisch – verbunden mit Strausberg, Buckow und Wriezen respektive der Oder, darüber hinaus mit allem, was an Spree und Dahme liegt. Schon eine Unterführung und einen Kreisverkehr später beginnt diese Wasserwelt mit dem Dämeritzsee, der mit einem glasklaren Gemisch aus Löcknitz- und Spreewasser gefüllt ist. Der See ist bewegt, die Wellen dazu geeignet, die zahlreichen Paddelboote freundlich umherzuschubsen oder Stehpaddler in Verlegenheit zu bringen. Prompt wird klargestellt, dass es sich hier auch um eine Wasserstraße handelt, als ein langer Frachtkahn von Ost nach West vorbeizieht und die Frage offenlässt, woher er kommen könnte. Etwa von Rüdersdorf, vom Kalk?

Ein stiller Uferweg führt vorbei am Hafen und der Rettungsstation, der mancher sein zweites Leben verdankt – dafür an dieser Stelle großen Respekt und besonderen Dank. Gleich bei den Sportplätzen liegt der Badeplatz mit großer Wiese, und nach ein paar Metern Straße beginnt an einer ehemaligen Industriebrache ein schattiger Weg durch den ufernahen Laubwald. Kleine Pfade führen hinab ans Ufer, wo manchmal eine Bank steht. Am anderen Ufer liegt in aller Breite Erkner mit der markanten Spitze des Hotels, das aus der Ferne aussieht wie eine von Kinderhand ausgedachte und mit Zunge im Mundwinkel konzentriert gemalte Raketenstartbasis.

Gemütlicher Kanal in Neu-Venedig
Gemütlicher Kanal in Neu-Venedig

Hessenwinkel

In Hessenwinkel gibt es nicht nur schöne Villen mit Seeblick, sondern auch einige Uferstellen, deren Rastbänke schon wieder sirenisch singend locken. Die unterhalb eines Waldhügels gelegene Siedlung gibt mit dem Hubertussee und den Spreearmen schon einen Vorgeschmack auf das benachbarte Lagunendorf. Neu-Venedig wird ganz standesgemäß mit dem Rialtoring eröffnet. Wie im Spreewald sind die Kanäle mit Spreewasser gefüllt, wie im italienischen Venedig jedoch von Menschenhand angelegt – im Spreewald soll das ja der Leibhaftige besorgt haben.

Neu-Venedig

Das Wassernetz ist hier so dicht, dass so gut wie jedes Grundstück etwas Wasserkante hat, und da das Wetter sonnig ist und warm die Luft, schippern alle möglichen Sorten von Booten und Bötchen hin und her und kreuz und quer, was sich besonders gut vom nächsten Rastbank-Kandidaten am Ende des Lagunenwegs beobachten ließe. Wenn dort nicht gerade jemand mit dem Trennschleifer Wegplatten halbieren würde. Unter jeden schattigen Uferbaum hat sich ein Paddelboot geklemmt, um für einen Augenblick der kräftigen Mai-Sonne zu entrinnen. Motorbootkapitäne zeigen ihre kugelrunden braungebrannten Bugpartien, Teenies fläzen wie C-Promis auf dem kleinen Vorderdeck und eine ganze Familie hat sich unter dem Schutz eines Sonnenschirmes in ein winziges Schlauchboot gerollt und genießt bei niedriger Drehzahl ihren schönsten Ort auf Erden. Da das neu-venezianische Wassernetz etwa quadratisch ist, sieht man sich wie im Leben auch hier meist zweimal.

Altes Fischerdorf Rahnsdorf
Altes Fischerdorf Rahnsdorf

Rahnsdorf

Am Ende einer Kleingartenanlage liegt an einem kleinen Stichhafen eine schöne Gartenkneipe, und kurz darauf besteht die Option auf einen in vielen Hinsichten lohnenden Abstecher. Das alte Fischerdorf Rahnsdorf verbindet den Charakter eines klassischen Angerdorfs mit der sackgassigen Eigenschaft eines Rundlings, was dem umgebenden Wasser zu verdanken ist. Doch ganz stimmt das nicht mit der Sackgasse, zumindest für Fußgänger und Radfahrer, denn in der warmen Jahreszeit wird Berlins kleinste Fähre über die Müggelspree gerudert, die nach oben offen ist und auch ein paar Fahrräder pro Tour mitnehmen kann.

Am Fährhafen, Rahnsdorf
Am Fährhafen, Dorf Rahnsdorf

Die Fähre zählt zur Flotte der BVG und wird in ihrem Bestand immer wieder bedroht, doch aktuell rudert der freundliche und seebärige Fährmann wieder. Dabei muss er bei jeder Passage auf eine Lücke lauern, denn der Bootsverkehr auf dem Fluss ist dicht und nicht jeder Freizeitkapitän beherrscht sein Gefährt oder das Regelwerk des gesunden Menschenverstandes bis ins Letzte. Ab und zu kreuzt auch würdevoll ein alter Dampfer mit viel Messing und glänzendem Bootslack auf den Planken. Es gibt hier also viel zu gucken, und das lässt sich ganz wunderbar verbinden mit einem Besuch des gemütlichen Biergartens rund um den Fisch-Stand. Manchmal hockt sich auch ein zurückhaltender Herr in den Hintergrund und setzt sein Schifferklavier in Gang. Dann könnte man für einen Augenblick glauben, man wäre wirklich irgendwo an der Küste.

Blick vom Biergarten an der Fähre, Dorf Rahnsdorf
Blick vom Biergarten an der Fähre, Dorf Rahnsdorf

Wilhelmshagen

Wenn es irgendwann gelungen ist sich loszureißen, steht nun ein Landschaftswechsel bevor. Mit der dörflichen und flachen Welt des Spreewassers im Rücken ist bald die einzige verkehrsreiche Straße dieser Tour zu überqueren, die Köpenick mit Erkner verbindet, mit fast demselben Namen auf immerhin elf Kilometern. Hier fährt auch ein Bus, der die S-Bahnhöfe Rahnsdorf, Wilhelmshagen und Erkner auf seiner Strecke hat.

Gleich danach steht der erste Anstieg bevor. Der bald folgende Abstieg auf einem wurzligen Pfad wirft einen direkt in eine kleine Heidelandschaft mit blumenreichen Trockenrasen aus, deren Trampelpfade gern als Abkürzung genutzt werden. An ihrem Rand beginnt der Zustieg zu den Püttbergen, die im Winter ein beliebtes und nicht zu unterschätzendes Rodelrevier sind. Direkt vom Ende der Straße geht es hinauf zum dünensandigen Kammweg, und kurz vor dem höchsten Punkt sieht man doch wahrhaftig die Kirche sehr präsent im Tal stehen, umgeben vom dichten Blätterdach der baumreichen Gärten von Wilhelmshagen.

Kleine Heide am Fuß der Püttberge, Wilhelmshagen
Kleine Heide am Fuß der Püttberge, Wilhelmshagen

Der Abstieg vom wurzligen Dünenkamm kann direkt erfolgen oder auch gemäßigt, und nach dieser Gebirgsüberquerung kommt es gerade recht, dass an der Westflanke des Höhenzuges die Püttbaude liegt, und das schon eine ganze Weile. Neben dem gemütlichen langen Gastraum liegt eine Stufe höher doch tatsächlich ein quadratisches Separee, das so aussieht wie das Innere einer Baude irgendwo im Mittelgebirge. Wenn da nicht alle paar Minuten die S-Bahn zu hören wäre oder einer der Regionalzüge.

Auf dem Kamm kurz vor dem Gipfel, Püttberge
Auf dem Kamm kurz vor dem Gipfel, Püttberge

Schon ein paar Minuten später am grünen Bahnhofsvorplatz von Wilhelmshagen wartet die nächste Pausenverlockung. Wer vielleicht in der Püttbaude eingekehrt ist und noch entsprechend träge jetzt, kann gleich hier am Bahnhofskiosk Café Zweiblum noch den Kaffee nachholen, schöne Plätze gibt es sowohl draußen als auch drinnen. So lässt sich in schöner Trägheit den Bussen beim Kommen und Gehen zuschauen. Gegebenenfalls die Tour schon hier beenden und einfach in die S-Bahn steigen. Nichts spricht dagegen.

Blick von der Gipfelbank auf die Kirche von Wilhelmshagen
Blick von der Gipfelbank auf die Kirche von Wilhelmshagen

Wir haben noch Lust auf mehr und raffen uns dann auf, nach einiger Zeit. Hinter der Bahnhofsunterführung beginnt der weite Wald des Wilhelmshagen-Woltersdorfer Dünenzuges, zu dem auch die Püttberge gehören, und verrät damit die nähere Zukunft und das schöne Ziel des Tages. Durchaus wohltuend ist der Waldschatten, denn der Tag hat sich langsam hochgeheizt. Hinter dem Wald liegt die Bahnhofssiedlung mit ihrem markanten Straßenoval, die von einem schönen Spazierweg gequert wird. Jenseits der Siedlung führt ein kleiner Pfad ein Stück direkt entlang des Ufers, das zum Flakensee gehört. Voraus und gegenüber liegen Sportboothäfen, darüber hoch im Wald der Kranichsberge lugt der Aussichtsturm heraus. Hier und dort ankert ein Boot, das ähnlich träge wirkt wie wir vor einer halben Stunde.

Café Zweiblum am S-Bahnhof Wilhelmshagen
Café Zweiblum am S-Bahnhof Wilhelmshagen

Nach etwas Straße führt ein unscheinbares Trepplein hinab zu einem Weg zwischen den Gärten, voraus blüht in letzter Euphorie ein Apfelbaum. Nach schönen Blicken auf den Bauernsee liegt voraus der Kalksee, der seinen Namen nicht nur so aus Spaß und Zierde trägt, sondern tatsächlich bis zu den fossilienreichen Kalkbrüchen von Rüdersdorf reicht. Was wieder an den Äppelkahn vom Beginn der Tour erinnert und die Frage, wo er herkam.

Spazierweg quer durch die Bahnhofsiedlung Erkner
Spazierweg quer durch die Bahnhofsiedlung Erkner

Woltersdorf

Die letzte Passage entlang des Kanalufers ist ähnlich schön wie das an ihrem Abschluss stehende, wirklich zauberhafte Ensemble rund um die Woltersdorfer Schleuse. Fast wähnt man sich in einem Kurort, und das nicht nur auf den ersten Blick. Die Seebucht vor der Schleuse mit der Uferpromenade und der Servier-Terrasse liegt direkt vor dem steilen Waldhang, und etwas südlich gibt es am Flakensee eine hübsche Strandpromenade. Ein guter Ort hier für Verliebte und welche kurz davor, auch wenn die echte Liebesquelle im Hang vor Jahren schon versiegte. Dank beherzter Woltersdorfer und zahlreicher Spenden kann man sich dort dennoch laben.

Die letzte Pause lockt, und das mit Nachdruck, in Gestalt des Cafés Knappe. Ein herrliches Café der alten Schule, würdig dieses Ortes, gemütlich und an schönsten Tagen rechtschaffen überfüllt. Direkt davor fährt die Straßenbahnlinie 87 ab, die zu den meisten Zeiten alle zwanzig Minuten durch Woltersdorf und dann durch den Wald zum S-Bahnhof Rahnsdorf fährt. Als Besonderheit tut sie dies mit historischen Wagen, den sogenannten Gothawagen, die mittlerweile um die 50 Jahre alt sein dürften und verschiedenste kernige Geräusche erzeugen, die bei vielen Berlinern Kindheit und Jugend oder das ganze Leben mitgeprägt haben.

Historische Straßenbahnwagen vor der Woltersdorfer Schleuse
Historische Straßenbahnwagen vor der Woltersdorfer Schleuse

An besonderen Tagen werden auch ein paar Wagen aus der Halle geholt, die etwa doppelt so alt sind. Zwei von ihnen sind bereits seit 1913 mit der Strecke vertraut, dem Eröffnungsjahr dieser kurzen Straßenbahnlinie, und werden dem Anschein nach sehr liebevoll instandgehalten.

Oft sind sie nicht, diese besonderen Tage, und damit ist es umso erhebender, das heute erleben zu können. Man muss keinerlei Affinität zu Schienenfahrzeugen mitbringen, um so zu empfinden, denn allein das ausgestrahlte Zeitkolorit dieser Wagen und die resultierenden Phantasiebilder im Kopfkino verursachen eine kleine innere Euphorie. Weich glänzenden Bootslack, Messing und kräftige warme Farben gab es ja bereits vorhin, am Fährhafen. Doch jetzt kommt als weitere Dimension noch das von jedwedem Kunststoff freie Rumpeln, Klingen und Rattern hinzu und direkt vom Menschen das Bimmeln der Glocke und das durchdringende Ausrufen der Stationen mit unangestrengtem Bahnerbariton.

Rangieren der ältesten Wagen der Flotte
Rangieren der ältesten Wagen der Flotte

Durch den ganzen Ort schiebt sich die Bahn das teils starke Gefälle hinauf und passiert schließlich das fröhliche Fest, dem die heutigen Sonderfahrten zu verdanken sind. Entlang der Strecke lauern Wissende mit korpulenten Objektiven und lichten das Gespann in der Summe geschätzte 685 Mal ab.

Relativ direkt ist dann der Wechsel auf den Abschnitt, der direkt durch den duftenden Wald verläuft. Die Führerstände sind offen und die Wagen dementsprechend luftdurchströmt. Alles grinst versonnen, und wären noch mechanische Auslöser in Gebrauch, wäre wohl jede zweite Sekunde ein entsprechendes Klicken zu vernehmen, ebenfalls metallisch. So wie dort draußen also auch hier drinnen.

Gemütlicher Innenraum der alten Straßenbahn, Woltersdorf
Gemütlicher Innenraum der alten Straßenbahn, Woltersdorf

Eine ältere Dame sitzt gleich gegenüber, schwärmt mit knappen Worten von diesem Wagen, leicht ergriffen, und gleich erfahren wir warum. Sie kennt diese Bahn noch aus ihrer Kindheit, hat als Mädchen schon in diesem Waggon gesessen. Mitten auf der Waldstrecke erinnert sie sich, an den Schaffner gewandt, dass hier ab den 1950er Jahren ein Kontrollpunkt bestand und die Kontrollen seitens der Kontrollorgane oftmals stark in die Länge gezogen wurden. Berlin stand damals unter dem Viermächtestatus und grenzte an die sowjetische Besatzungszone, die nun seit ein paar Jahren DDR hieß. Vom Kabuff der Grenzkontrolleure ist nichts mehr zu ahnen, und auch abgesehen davon fällt es schwer, sich etwas derartiges aus heutigem Blickwinkel vorzustellen – es wirkt schlichtweg nur absurd.

Umso schöner, als fröhlich plapperndes Volk am S-Bahnhof Rahnsdorf mit einem lachenden und einem weinenden Auge die Bahn verlässt, noch letzte Bilder knipst im warmen Licht der Abendsonne und jeder eine Erinnerung fürs Leben im Langzeitgedächtnis abheften kann. Es bleibt vielleicht nicht die einzige an diesem bunten Tag am Stadtrand.

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Anfahrt ÖPNV (von Berlin): Anreise mit der S-Bahn oder Regionalbahn bis Erkner; Rückfahrt mit der Woltersdorfer Straßenbahn nach Rahnsdorf, dann weiter mit der S-Bahn

Anfahrt Pkw (von Berlin): durch die Stadt über Köpenick und Rahnsdorf nach Erkner; wahlweise über den Berliner Ring, Abfahrt Erkner

Länge der Tour: ca. 18 km, Abkürzungen und Varianten per ÖPNV sehr gut und an vielen Stellen möglich; Option: wer im Dorf Rahnsdorf mit der Fähre übersetzt, kann am Ufer des Großen Müggelsees in ca. 11 km zum S-Bhf. Friedrichshagen laufen oder schon unterwegs in den Bus steigen

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Verschiedenes über Neu-Venedig (u. a. Geschichte)

Fähre Rahnsdorf-Müggelheim

Informationen über die Püttberge

Artikel zur Püttbaude

Woltersdorfer Straßenbahn

 

Einkehr:
Alt-Rahnsdorf, Fisch-Imbiss mit Biergarten an der Fähre
Püttbaude, Wilhelmshagen
Café Zweiblum, am S-Bhf. Wilhelmshagen (auch breit gefächertes herzhaftes Angebot)(s. u.)
Gasthaus Klabautermann (mit schönem Blick auf den See), Woltersdorf
Café Knappe, an der Woltersdorfer Schleuse

 

AKTUELLE INFORMATION 2017:

Wegen raumgreifender Bahnbauarbeiten ist das gesamte Bahnhofsensemble in Wilhelmshagen eine Baustelle, das Café Zweiblum gibt es leider nicht mehr. Eine vergleichbare Alternative in der Nähe fehlt bislang.

Brieskow-Finkenheerd: Wechselbäder, Oderweiten und der Kanal an der Schlaube

In seltenen Fällen kommt es vor, dass ein Tag von starken Kontrasten bestimmt ist, gewissermaßen über Stunden ein intensives Wechselbad grundverschiedener Eigenschaften bietet. Diese können die Landschaft, aber auch die durch sie erzeugte Stimmung betreffen. Spannend ist das immer, und manchmal bringt es Durststrecken für die Augen oder Beine mit sich. Doch der nächste Wechsel kommt bestimmt.

Müllrose

Durch den milden Sommertag stoßen wir weit gen Osten vor und erreichen schließlich Müllrose, ein hübsches Städtchen am Wasser etwas südwestlich von Frankfurt an der Oder. Eines der am meisten pittoresken Bachtäler in Brandenburg ist das der Schlaube. Diese pausiert hier im Großen Müllroser See und lässt sich nach Passieren der eindrucksvollen Mühle auf ein Techtelmechtel mit einem betagten Kanal an, der die zutiefst romantische wildnatürliche Schönheit des Schlaubetals auf seine eigene Weise aufgreift. Sehr erfolgreich und nahezu ebenso einzigartig.

Ernst-Thälmann-Straße in Finkenheerd
Ernst-Thälmann-Straße in Finkenheerd

Nach der Anfahrtspause am Müllroser Markt führt ein verträumtes Sträßchen durch stille Dörfer, die teils ineinander übergehen. Dabei umspielt die Straße den Kanal, dass es fast schon liebevoll wirkt. Wenn man all das mit etwas Muße unter die Lupe nimmt, kann man es ihr nicht verübeln.

Brieskow-Finkenheerd

Vorbei an zahlreichen Höhenstufen ist über Schlaubehammer und Groß Lindow bald Brieskow-Finkenheerd erreicht, ein odernahes Stadtdorf mit zwei Bahnhöfen und einer eigentümlichen Ausstrahlung. In den meisten Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Leben hier von einem Heizkraftwerk bestimmt. Diesem sind paradoxerweise auch die beiden bezaubernden Seen Helenesee und Katjasee zu verdanken, ehemalige Tagebaue, die ein paar Fahrradminuten westlich liegen und so klar wie tief sind.

Haus am Kanal am Rand von Brieskow-Finkenheerd
Haus am Kanal am Rand von Brieskow-Finkenheerd

Brieskow liegt direkt am Kanal und ist als Dorf noch zu erkennen. Finkenheerd, seinerzeit nur kleines Anhängsel von Brieskow, erweckt den Eindruck einer durchgeplanten Zweckanlage und scheint schnell in die Größe gewachsen zu sein, vielleicht zu schnell. Es wirkt ein wenig wie eine kleine Ausführung gelungener sozialistischer Planstädte mit ihren durchdachten Straßenzügen und sorgsam eingefügten Grünflächen, doch wurde offenbar nicht daran gedacht, entlang der Straßen Bäume zu pflanzen. Das geht auf Kosten der Behaglichkeit. Bedingt sicherlich auch durch die Nachwendezeit wirkt die Bausubstanz uneinheitlich und wenig aufeinander abgestimmt.

Finkenheerd liegt auf einem kleinen Hochplateau und ist mittlerweile vielfach größer als Brieskow selbst, beide gehen nahtlos ineinander über, und irgendwie fehlt dadurch eine Mitte, ein Kern oder ein Kiez. Eine schnurgerade Straße führt sachlich und von hohen Laternen gesäumt einmal von Nord nach Süd, unterbrochen nur durch den kleinen Kreisverkehr, an dem eine gut gepflegte Bergbau-Lok mit drei Loren als Denkmal vergangene Zeiten wachruft.

Schwanenfamilie auf dem Kanal, Weißenberg
Schwanenfamilie auf dem Kanal, Weißenberg

Hinter den letzten Häusern fällt die Straße spontan ab und durchquert einen kleinen Grünzug. Unterhalb des Weges liegt noch einmal etwas tiefer ein von Seerosenblättern bedecktes Wasser, vermutlich ein Kanal. Kurz darauf durchschreitet man an einem rostigen Tor zum Gelände des Heizkraftwerkes eine Art Weltenschleuse und geht nun auf einem Radweg entlang dieses Kanales, inmitten tiefster dichter Natur, grün und nochmal grün. Als sollte der Mangel an Bäumen jetzt mit einem Mal ausgeglichen werden. Okay, akzeptiert.

Hindurch unter der Bahnbrücke mit ihrer historischen Ausstrahlung, hier verkehren die Züge zwischen Frankfurt an der Oder und Eisenhüttenstadt, wahlweise auch weiter bis nach Cottbus an der Spree. Eine neue Umfahrung des Ortes entlang der Bahn ist in Arbeit und macht einen soliden Eindruck. An der Landstraße wechseln wir an einer alten Schleusenkammer auf die andere Kanalseite und lesen, dass das hier der Friedrich-Wilhelm-Kanal aus dem 17. Jahrhundert ist, damals die allererste Verbindung zwischen Oder und Spree.

Altes Schleusentor bei Weißenberg
Altes Schleusentor bei Weißenberg

Der relativ flache Kanal bietet ein Bild höchster Industrieromantik, die hier auf Kilometern Länge direkt mit Naturromantik verschmilzt. Die flachen Böschungen der Ufer sind üppig bewachsen, das Kanalwasser tiefschwarz und dabei glasklar. Der Grund ist flächendeckend lose bewachsen von verschiedensten, durchweg sympathisch wirkenden Wasserpflanzen, nicht also von schlierigen Algen und dergleichen. Man ist gewillt, sich direkt ans Ufer zu knien und ohne Hilfe der Hände einen Schluck zu nehmen. Allein eine dieser Stellen hier am Kanal wäre schon die lange Anreise wert gewesen – die weiten Flickenteppiche des See- und Teichrosenslaubs mit ihren eingestreuten Blüten in Gelb und Weiß steigern noch die Ruhe, die der Kanal ohnehin schon ausstrahlt.

Die kleine Straße hier am südlichen Ufer ist zum Teil mit schon größeren Bäumen bestanden, die Wurzeln zapfen vermutlich direkt aus den Kanal. Stellenweise schlagen auch wieder baumlose Phasen durch und erinnern an den Beginn der Tour, doch der gleich rechts liegende Kanal macht das locker wett. Bei Weißenberg passieren wir die dortige Schleusenkammer, eine von den wenigen, die noch nicht aufgefüllt oder teilaufgefüllt ist. Das Wasser fällt hier noch die Höhenstufe herab, träge zwar, doch auf jeden Fall eindrucksvoll. Die Flügel des Schleusentor sind faktisch geschlossen, in der Tat sind einige der diagonal verbauten Hartholzbohlen über die Jahre oder Jahrhunderte weggemorscht und ergeben ein liebenswert-morbides Bild – es ist eines meiner Lieblingsfotos, schon seit Jahren.

Nordwand der Klixmühle
Nordwand der Klixmühle

Auf der anderen Seite liegt in Weißenberg der Sportplatz, wo jedes Jahr im August das Open Air Groß Lindow stattfindet, dieses Jahr zum 19. Mal. Dann reisen hier immer zich Leute mit Zelten an, viele davon gleichermaßen bärtig und bäuchig, und lassen sich durch die Musik in schwelgerische Stimmung versetzen an diesem schönen Ort zwischen Wald und altem Kanal. Vor einigen Jahren war als größter Name Mungo Jerry plakatiert, dessen entscheidender Hit „In the summertime“ auch heute noch weltweit geläufig ist. Nicht das schwül-sehnende „… in the Summertime …“ im Refrain (das waren The Kinks mit „Sunny afternoon“), sondern das stampfend-rollende gleich in der ersten Zeile des Liedes. Beide britisch und nur vier Jahre auseinander liegend, das ältere fast 50 Jahre alt. Mungo Jerrys Frontmann Ray Dorset war äußerst markant durch seinen fast kopfumschließenden kugelrunden Helm aus dichter Afrowolle, der aus heutiger Sicht ein von Herzen kommendes Lächeln verursacht. Naja, jedenfalls hatten wir damals ein paar Takte vom Soundcheck mitbekommen und natürlich auch die entscheidende Zeile. Und das blieb irgendwie prägend als Erinnerung an Groß Lindow.

Klixmühle

Der nächste Uferwechsel folgt an der Klixmühle, einst eine Sägemühle, deren Ruine noch klar vermittelt, wie schön das Ensemble mal aussah. Das Gemäuer rund ums Mühlrad ist noch vollständig erhalten, doch das Wasser der Schlaube stürzt jetzt ungehindert eins tiefer.

Kanalverbreiterung an der Klixmühle
Kanalverbreiterung an der Klixmühle

Hinter der Mühle weitet sich das Kanalwasser zu einem länglichen See, der sogar über eine Insel verfügt. Fast alles ist von den großen festen Blättern der Seerosen bedeckt, so dass die zahlreichen Enten nur im zarten Dauerslalom vorankommen. Was ihrer entspannten Ausstrahlung nach jedoch auch mit Lustgewinn einhergeht. Ein schattiger Spazierweg liegt unterhalb des nördlichen Uferhanges, gegenüber grenzen die Wiesen riesiger Grundstücke ans Wasser, und einige dort haben diese Chance angemessen genutzt.

Groß Lindow

Im Herzen von Groß Lindow liegt eine weitere Höhenstufe des Kanals. Die alte Schleusenkammer ist komplett mit Erde aufgefüllt, doch aus der Wiese ragen knöchelhoch noch die alten, abgerundeten Mauern des Schleusenbeckens heraus – ein Anblick von zurückhaltender Eindrücklichkeit. Heute lässt sich hier sehr schön eine Rast einlegen. Oben quert die Landstraße und führt vorbei am Gasthaus mit seiner schönen kleinen Außenterrasse  den Wasserlauf. Auf dem breiten Kanalsee liegt ungemein pittoresk die Treidelfähre, ein zauberhafter alter Kahn, der nirgendwo schöner aussehen könnte als genau hier. Das lange Gefährt legt am Wochenende und auch an den Tagen davor zu Fahrten auf dem Friedrich-Wilhelm-Kanal ab, auf denen niemand hungern muss.

Weg entlang des Friedrich-Wilhelm-Kanals, Groß LIndow
Weg entlang des Friedrich-Wilhelm-Kanals, Groß LIndow

Ein paar Höhenmeter weiter oben steht eine enorm alte Linde, vielleicht die namensgebende für den Ort. Ein wahres Spinnennetz von Abspanngurten ist in der knorrigen Krone entstanden und gibt alles, um den Riesen im Gleichgewicht zu halten. Etwas daneben befindet sich die kleine Kirche des Ortes, der Platz dazwischen ist schön gepflastert worden. Vorbei an steinigen Gärten verlassen wir Groß Lindow durch eine kühle Waldsenke, wohltuend mittlerweile, denn der Tag hat an Sommerwärme zugelegt. Vorbei an Bungalow-Siedlungen mit wohlklingenden Namen führt die Straße in den Wald, lichter Kiefernwald mit dem entsprechenden Duft, einem zutiefst märkischen. Etwas Wind geht durch die Stämme, ein paar Zapfen knacken unter den Sohlen und die obligatorischen Ameisenkolonnen verrichten ihr Tagewerk. Links im dichten Wald schlängelt sich die Schlaube durch das Unterholz, doch das weiß nur, wer auf die Karte schaut.

Rechts öffnet sich eine Lichtung, die gänzlich einer Handvoll Pferde zur Verfügung steht. Einige tragen knöchellange Mäntel in hellem Grau, vielleicht eine Reha-Maßnahme. Alle scheinen sich hier wohlzufühlen. Ein sandiger Weg führt zwischen wetterblondierten Weidezäunen zu einem Gehöft, das recht beiläufig die Lichtung beendet, bevor erneut die Bahn unterquert wird. Direkt davor steht ein Stück nagelneue breite Straßenbrücke, einsam noch und ausschließlich gradlinig, doch großartig in Szene gesetzt durch orangene Baufahrzeugboliden und blauweiß-zerfaserten Himmel. Wie der maßlos übertriebene Buddelkasten eines verwöhnten Jungen, der nie etwas zu Ende buddelt. Wie aus Trotz ist die Bahnunterführung besonders rundbogig und gemauert aus gebrannten Ziegeln, ewig haltbaren.

Treidelkahn in Groß Lindow
Treidelkahn in Groß Lindow

An der eilig befahrenen Bundesstraße schickt ein Rocker auf seinem Bike ein klares Kompliment an eine Blondgelockte zu Fuß, indem er die Auspuffklappe kurz öffnet und es zwei Sekunden rüpelig knattern lässt. Schnell rüber und gleich wieder in den Wald eingetaucht, vorbei an einigen Häusern in fast etwas spektakulärer Hanglage. Von oben auf der Anhöhe klingt es so, als ob ein schöner alter Dampfer heißen Dampf durch seine heulende Pfeife jagt.

Kurz darauf öffnet sich voraus die Landschaft in berauschende Weite. Was aussieht, als ob weiter hinten die See ihre Wellen anbranden oder von mir aus auch die Wattwürmer ihre vergänglichen Löcher in den Fußboden bohren lässt, sind die entwässerten Flächen einer Art südlichen Oderbruchs. Große Teile davon sind Totalreservate, grenzend an einen Oderstrand, dessen Linie an diesen Stellen besonders verspielt ist.  Als wir am Waldrand unterhalb des Hanges abbiegen, klärt sich der Dampfer von eben – oben gibt es eine Kuhwirtschaft, von wo der Ton entstammte. Wo die Kuh das wohl gelernt hat …

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Pferde auf der Waldlichtung

Wiesenau

Vorbei an weiteren Ställen für Tiere mit Wolle und auch Ringelschwänzen erreichen wir Wiesenau. Auch hier gibt es kaum Straßenbäume, so dass der Verdacht kommt, dass es dafür einen guten Grund geben muss. Vielleicht hat es mit der Flutgefahr zu tun. Das Gasthaus hat gerade geschlossen, sonst wäre jetzt ein guter Zeitpunkt für ein kühles Getränk. Stattdessen legen wir am Denkmal hinter der Kirche eine schattige Pause für die müden Beine ein.

Im Storchennest am Ortsausgang versuchen sich drei schon ausgewachsene Neustörche mit dem wenigen Platz im Nest zu arrangieren und wissen nicht, wohin mit den großen Schnäbeln. Diese und auch die Beine sind noch grau, rote gibt es erst nach der Jugendweihe. Am Ortsrand kommen uns leise schnatternd vier verschiedenaltrige Mädels entgegen, das kleinste hoch auf einem Pferd und alle etwas rosa angezogen.

Einsame Überführung im Sande
Einsame Überführung im Sande

Was jetzt kommt, lässt sich je nach Betrachtungswinkel als eine der oben erwähnten Durststrecken betrachten. Oder als meditativer Einschub. Oder als Gelegenheit, mal schön auszuschreiten. Mit müden Beinen fällt die Entscheidung zwischen den Optionen schwer, letztlich siegt der Genuss der Weite. Gut drei Kilometer führt die vor uns liegende Straße jetzt schnurgeradeaus Richtung Oder, und theoretisch könnte man den Geist aus und den Autopiloten einschalten und wahlweise ein Schläfchen einlegen. Doch viel zu schön ist die Suche am Horizont nach Kirchen am polnischen Ufer voraus und dem gewaltigen Hochofen von Eisenhüttenstadt im Süden. Viel zu angenehm auch das Rauschen in den hochgewachsenen Pappeln, die allein dadurch ein Gefühl der Erfrischung ins Spiel bringen. Fast kein Auto ist unterwegs und man hat hier nichts auszustehen. Weit voraus lässt die Wärme die Luft über der Straße flirren und nicht daran zweifeln, dass dort die Prärie liegen muss.

Blick auf Wiesenau
Blick auf Wiesenau

Schön ist es dann doch, als wir am verschlafenen und seltsamerweise froschlosen Freiwasser links abbiegen und es nun schottrig unter den Füßen knirscht. Tatsächlich fließt das pflanzenreiche Gewässer ein wenig, wie sich am folgenden Wehr herausstellt. Die Felder hinterm anderen Ufer sind schon abgeerntet und stoppeln schwedenblond, links des Weges ist der Raps herangereift und bietet unzähligen Vögelchen Jagdrevier, Versteck und Spielwiese. Hinter einem kleinen Wald wiegt sich eine strohleuchtende Wiese im trägen Wind, aus der Hörner herausragen. Da muss sie wohl recht hoch sein, diese Wiese. Oder die Ziegen an den Hörnern kurzbeinig. Eine letzte Holunderblüte reckt sich halb gen Himmel, und auch ein später Kuckuck ist noch zu vernehmen.

Piepmatz im Raps
Piepmatz im Raps

Nach Verlassen des Freiwassers führt eine junge Lindenallee direkt auf den hinteren Oderdeich zu, der beachtlich hoch ist. Am Schöpfwerk angebracht ist eine dieser Marken, die zeigt, wie hoch das Oderwasser vor 18 Jahren stand. Und lässt den Mund offenstehen. Doch vorstellen kann man sich die Dimensionen trotzdem nicht. Wahrscheinlich nur, wenn man es selbst gesehen hat.

Ein kleiner Schleichweg führt hinauf zur Straße. Die Fisch-Gaststätte hier ist eher für die Mittagszeit gedacht und hat leider schon geschlossen. Doch auf der Hinfahrt fiel ein Schild auf, nur ein paar Dörfer weiter. Also schnell zurück zum Ausgangspunkt und dann direkt dort hin, auf der schönen stillen Straße. Hinter Groß Lindow kommt gleich Weißenspring und hier die Gaststätte mit dem schönen Namen „Zum kühlen Strande“, der nichts verspricht, was er nicht halten würde.

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Entlang des Freiwassers nach Brieskow

Was wir jetzt brauchen, all das finden wir an diesem Ort und noch weit mehr – hinten die Terrasse liegt in einem schönen Garten, mit breiter Feldsteintreppe hinab zur Uferwiese am Kanal. Der blaue Erntetrecker gegenüber ist noch immer tüchtig, das Wasser des Kanals so klar und schwarz wie schon den ganzen Tag und dort am flachen Grunde tummeln sich die Abendfische.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
Regionalbahn über Frankfurt/Oder nach Brieskow-Finkenheerd/Kraftwerk (knapp 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin):
(ca. 1,5 Std.) reizvoll über Müllrose: Autobahn Richtung Frankfurt/Oder, Ausfahrt Müllrose, dann in Müllrose am Kanal links und gleich wieder rechts auf die Landstraße Richtung Brieskow-Finkenheerd (viele Parkmöglichkeiten im Ortsgebiet);
direkt: Autobahn Richtung Frankfurt/Oder, Ausfahrt Frankfurt/Oder Mitte, dann Richtung Eisenhüttenstadt

Tourdaten: Länge ca. 20 km, Teilung bzw. Abkürzungen gut möglich

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

http://www.muellrose.de/

http://www.brieskow-finkenheerd.de/

https://de.wikipedia.org/wiki/Kraftwerk_Finkenheerd

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich-Wilhelm-Kanal

www.youtube.com/watch?v=yG0oBPtyNb0
(Mungo Jerry – In the summertime (Video))

Einkehrempfehlung:
Zum kühlen Grunde, Groß Lindow OT Weißenspring (gemütliche Gaststätte mit herrlichem Garten hinten zum Kanal raus, gutes Essen, faire Preise)(Tel. 033609/876)

Kossenblatt, die Spree und der verschollene Räuberberg

Der Mai war kühl bisher, um nicht zu sagen kalt – hat die Eisheiligen irgendwie sehr wörtlich genommen und großzügig um Wochenlänge nach hinten und vorn verlängert, noch mit vereinzelten Nachfrösten im Schlepptau. Während im letzten Jahr bereits die ersten tropischen Nächte wegzustecken waren, verlangt der Monat in diesem Jahr bis fast zum letzten Tag die Mütze auf dem Kopf.

Nachdem der Mai mit seinen Feiertags-Wochenenden andere Bundesländer und dementsprechend entfernter liegende Landschaften mit sich brachte, ist nun die Vorfreude auf Brandenburg mächtig. Am besten eine sanfte Mischung aus Wald, Weite und Dörfern, unaufgeregt und so richtig schön märkisch. Nicht zu nah und nicht zu weit entfernt.

Der gedankliche Finger bleibt auf der Karte irgendwo zwischen Storkow und Beeskow hängen, beides reizvolle Stationen für die Hinfahrt. Die Runde ist schnell gestrickt, geht gut von der Hand, der Mauszeiger greift förmlich nach den Wegen.

Rieplos

Halbzeit- und Kaffeepause auf der Hinfahrt in Rieplos, ziemlich auf der Mitte zwischen Autobahn und Storkow. Hier gibt es die Gaststätte mit dem herrlichen Namen „Zur deutschen Einigkeit“, den man sich auch nach Jahren des Besuchens immer wieder von neuem auf der Zunge zergehen lassen kann. Ein Lokal nicht für jeden Geschmack, doch aus meiner Sicht ein gern besuchter und absoluter Klassiker, die Betreiber mit Herz und Seele an den rechten Flecken, der allzeit vorhandene Käsekuchen eine kleine Legende und die Preise wirklich freundlich. Die Zeit scheint auf sympathische Weise irgendeines Tages stehengeblieben zu sein, und es lässt sich schwer einschätzen, in welchem Jahrzehnt das gewesen sein könnte.

Über das von Wasser umgebene Städtchen Storkow mit seiner schönen Zugbrücke und Wendisch Rietz am Südende des märkischen Meeres Scharmützelsee geht es durch sanfthügelige Landschaft auf stillen Landstraßen und kleinen Alleen bis zum Zielort, vorbei schon an zahlreichen Seen.

Kossenblatt

Beginn der Tour ist in Kossenblatt, zuletzt besucht vor mehr als zehn Jahren und ziemlich blass in der Erinnerung. Einzig präsent – und das in hohem Maße – ist das schattig abseits gelegene und leicht einschüchternde Schloss. Eine graue Eminenz, gelegen auf einer ausgedehnten Insel zwischen der Spree und einem ihrer alten Arme – mit hochgekrempelten Hosen fast schon zu durchwaten, der Fluss hingegen selbst nicht eben voll, doch gut bei Strömung.

Den benachbarten Gutshof hat in jüngerer Zeit – es gab Berichte in der Zeitung und im Regionalfernsehen – eine beherzte junge Frau mit ihren Leuten übernommen und führt ihn Schritt für Schritt zur alten Schönheit zurück. Anna Fiebig scheint voll zu sein mit guten, umsetzbaren Ideen und erfüllt von einer klaren Vision – man hegt keinerlei Zweifel, dass alles davon gelingen wird. In Betrieb sind bereits ein Landhotel mit Restaurant und einem Café mit wiesigem Garten und herrlichen Holzmöbeln. Auch Hochzeiten lassen sich hier auf das Schönste feiern, was auch heute der Fall ist.

Das Schloss kann man nach Überqueren des verträumten Spree-Altarms durch das große alte Gittertor betrachten, auch hier sind Aktivitäten im Gange – dazu blüht euphorisch der Rhododendron. Von dort verhilft ein Uferpfad zu vielfältigen Ansichten des von alten Bäumen umstandenen Gemäuers, dessen Hof sich nach Süden öffnet. Viele Bänke begleiten den Weg, am Ende steht an einer großen Festwiese ein schöner Pavillon mit Blick über die flache Insel bis hin zur Schleuse Kossenblatt. Am Ufer gegenüber macht sich eine abgelatschte Kuhtränke immer breiter.

Über die Spree kommen wir nach Kossenblatt West mit einem einladenden Rastplatz am Wasser. Leicht aufwärts führt ein Sträßchen aus dem Ort, auf dem auch der Spree-Radweg verläuft.

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Zwischen Kossenblatt und Plattkow

Es ist mit 18°C heute einer der milderen Tage des Mais, der jetzt allen Düften und Tönen freien Lauf lässt, die er kältebedingt bisher nur sparsam einsetzte. Hinten im Wald ist noch ein Kuckuck zu hören, am Weg dann und wann eine vom Tag scheinbar ebenfalls begeisterte Nachtigall, und fast allgegenwärtig ist der Klangteppich, den die Grillen zur Verfügung stellen. Es duftet teilweise fast zugleich nach Kiefernnadeln und den Blüten der Robinien, die vereinzelt schon dichte Teppich am Boden bilden. Die Landschaft ist leicht bewegt wie ein geringfügig aus der Ruhe gebrachtes Meer, das seine bereits schulterhohen Kornfelder wogen lässt. Der Wind scheint geradezu liebevoll durch die Ähren zu streichen. Dazu die bunten Feldränder aus Mohnblumen, Kornblumen und Margeriten und die erste Vorschau auf die sommerlichen Blumenwiesen. Es ist die volle Pracht dieses Wonnemonats, in einem einzigen Tag vortrefflich auf den Punkt gebracht.

Hin und wieder ist eine Straße zu kreuzen, die man im leichten Naturrausch schlendernd gerade wirklich nicht erwartet hätte, auch wenn die Karte daraus natürlich kein Geheimnis macht. Kurz gequert und bald zum nächsten Waldrand eingetaucht. Das ist jetzt wörtlicher zu nehmen als erwartet, denn spontan öffnet der Himmel seine Pforten und lässt uns nicht hektisch, doch zügig die Regenhosen anlegen. Eben noch knallte die windgekühlte Sonne, und das wird sie auch in wenigen Minuten wieder tun, doch gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Zudem ist der Staub (und was so mit dazugehört) aus der Luft gewaschen, was dem Heuverschnupften etwas Entspannung bringt.

Plattkow

Die Mitte von Plattkow bietet überdachte Rastmöglichkeiten und einen mächtigen Baum, etwas Hundegebell und eine paar Geräusche, die von fleißigen Handwerkern zeugen. Aus dem Dorf führt ein selbstgebastelter Holz-Lehrpfad, und in der Tat fällt auf, dass der Wald hier eine große Vielfalt aufweist. Was auch für den Rest des Tages so bleibt.

An einer Stelle sind es nur wenige Meter bis zum Spree-Ufer, und sobald wir dort stillstehend staunen, geht gegenüber ein Konzert von Fröschen an, als würde irgendwo im Uferbewuchs ein Bewegungsmelder lauern. Über die Wiesen ist das Dörfchen Werder zu sehen und die Brücke, die dorthin führt. Ein guter Platz hier für ein Bad (wenn’s mal ein heißer Tag sein sollte), ufernah gibt es ein kleines Sandplateau, vielleicht knöcheltief, von dort wird es umgehend tief.

Die Spree bei Werder
Die Spree bei Werder

Werder

Entlang eines stillen Altarms der Spree und über eine und noch eine Holzbrücke gelangt man sehr hübsch ins Spree-Dorf Werder. Rechts lockt ein Schild zu einer Einkehr am Ufer, doch die befindet sich in der Dorfmitte und wirkt nur bedingt einladend. Statt auf den Ruderboot-Hafen und auf Spree-Idylle fiele zudem der Blick hier nur auf parkende Autos.

Obwohl ein kühles Radler jetzt hervorragend gepasst hätte …

Aus dem Spreetal aufgestiegen führt der Weg über ein üppiges und sonnenbeschienenes Kornfeld zu einer Weide mit Kühen, die den schönen südwesteuropäischen Brauch der Siesta pflegen oder sich per Schnauzenstüber einen schönen Schluck kühlen Wassers aus dem Tank zapfen. Zu Füßen einer kiefernbewachsenen Anhöhe führt der Weg entlang eines breiten Talgrundes, dessen bestimmender Wassergraben den Schwenowsee mit der Spree verbindet.

Dann wieder mal so eine unerwartete Straße, die den nassen Grund quert und wo sich die Gemeinde wahrlich nicht hat lumpen lassen, den Kröten und anderen bodennahen Leuten die gefahrlose Querung zu ermöglichen. Entlang der kaum befahrenen Straße einige betagte Eichen, die ihre Kraft schon über lange Zeiten aus dem durchtränkten Grund beziehen.

Am See bei Schwenow
Am See bei Schwenow

Schwenow

In Schwenow gibt es an einem Zaun ein Schild mit der Aufschrift „Deutscher Wachtelhundzwinger vom Hollabusch“, und wir fragen uns, ob es Wachtelhunde wirklich gibt oder ob hier die Passanten auf den Arm genommen werden und irgendwo eine Kamera lauscht. Und wenn es diese Hunde wirklich gibt, ob sich die Wachtel auf die Funktion oder auf die Physiognomie des Hundes bezieht, auf die Durchsetzungskraft seines Gebells oder gar sein Timbre überhaupt. Die Antwort wird offen bleiben, zumal die Frage nicht direkt unter den Nägeln brennt.

Eine gemütliche Fahrradstraße führt aus dem Ort, vorbei an einer schilfigen Senke mit entsprechendem Froschtumult. Kurz dahinter staksen zwei Kraniche mit ihren noch etwas zottigen Küken durch die hohe Wiese. Hätte man doch eher Störche erwartet, doch vielleicht verputzen auch Kraniche gern Frösche. Durch urwüchsigen und hier wieder besonders vielfältigen Wald folgen wir neugierig geworden den Schildern zum Räuberberg. Die Spur verliert sich bald, doch beim Queren des nächsten Talgrundes überschreiten wir den Blabbergraben, ein wirklich herrlicher Name, der zwar seinem Namen keinerlei Ehre macht und eher etwas verschnarcht und in der Ecke stehend daherkommt, dafür aber die Verbindung zu vier kleinen Seen in Richtung Norden herstellt, im Süden wiederum zur lieben Spree.

Am schönen Forsthaus nun wieder aus dem Tal gestiegen, bestimmt zwei Dutzend schwerwiegende märkische Höhenmeter, die auf einer weiten Trockenwiese gipfeln, einsam gelegen und mit einem schönen Gefühl von reichlich Platz und freiem Gedankenraum. Für eine Rast bietet sich ein Stapel Kiefernstämme an. Hier begegnet uns der einzige Mensch heut außerhalb von Ortschaften, eine Frau mit ihrem vierkäsehohen Hund, die als Wegegruß auch ein paar liebevolle Worte zu diesem Plätzchen hier verliert.

Sandig am Fuß und diffus schattig und sanftgrün von oben, wie das so licht nur Robinienwald hinbekommt, geht es im angenehm leichten Abwärtstrend hinab zum ziemlich runden und recht großen Kleinen Kossenblatter See, unzugänglich und von Schilf umgürtelt, doch aus der Ferne sehr schön zu bewundern und dabei mal tiefblau, dann wieder blassgrau. Auch der entwässert über eine schon breitere Verbindung wenig später in die Spree. Kossenblatt empfängt sehr wonnig, flache Hänge hin zum Wald, mal Wiese und mal Weide, mit obligatorischem Pferd darauf oder auch zweien.

Breite Wiesenstreifen trennen die Dorfstraße von den Grundstücken, die alte Kneipe steht noch still da, währenddessen gegenüber im Gut neues Leben über die Bühne geht – die Hochzeit ist noch gut im Gange, die Kinder spielen vergnügt im Garten des Cafés, und die Gäste werden vermutlich gerade den schönen Uferpfad zur Anregung der Verdauung nutzen. Den Tag für seine Hochzeit hat das Brautpaar jedenfalls gut gewählt.

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin):
am Wochenende leider gar nicht, wochentags in ca. 2,5 Stunden mit mehreren Umstiegen (leider wenig praktikabel)

Anfahrt Pkw (von Berlin):
über A 12 Richtung Frankfurt/Oder, Storkow, Wendisch Rietz, Ahrensdorf, Görsdorf b. Beeskow, Giesensdorf nach Kossenblatt, Parkmöglichkeiten ggbr. Gut Kossenblatt (ca. 1,5 Stunden)

Länge der Tour:
ca. 18 km, reine Gehzeit 4-5 Stunden

 

Download der Wegpunkte

Links:

http://www.zurdeutscheneinigkeit.de/

https://www.storkow-mark.de/

https://de-de.facebook.com/gutkossenblatt/

https://de-de.facebook.com/gutkossenblatt

http://www.maerkische-heide.de/default.aspx?ID=44

http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%A4uberberg_%28G%C3%B6rsdorf%29

Schloss Kossenblatt (Stand 2016)

Einkehr-Empfehlung (beide rustikal mit Lokal-Kolorit):
Gut Kossenblatt, Kossenblatt (mit schönem Außenbereich)

Zur deutschen Einigkeit, Rieplos (auf dem Rückweg von Storkow zur Autobahn)
Dorfkrug Kolberg, Kolberg (von Storkow etwas westlich Richtung Autobahn-Auffahrt Friedersdorf)