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Klein Kreutz: Drei Berge, das Schilfreich und der Flirt mit der Havel

Das Jahr 2019 hat den Betrieb aufgenommen, und so wie die zweite Dezemberhälfte des letzten Jahres haben auch die ersten Januarwochen jeden Tag wenigstens etwas Niederschlag gebracht. Die gnadenlose Großwetterlage dieses dürren Sommers ohne Ende ist also definitiv durchbrochen. Was nun Lichtmangelerscheinungen und Winterdepressionen oder dem Abspielen von Musik mit wenigstens einer Prise Blues in ihrer DNA verlässlich Vorschub gewährt, bedeutet für die vom letzten Jahr erheblich runtergerockte Natur ein erstes Aufatmen. Trockengefallene Dorfteiche und Grabensysteme oder Bruchwälder mit raschelndem Unterholz können auf Wassernachschub hoffen und damit manch trauriger Anblick wieder im Bereich des Normalen verschwinden.

Blick über den Beetzsee

Der Deutsche Wetterdienst verheißt auch für heute tagesbegleitendes Tröpfeln verschiedener Stärkegrade und bestätigt damit die Zeitungsmeldung vom Vortag, nach der die Spree auf ganzer Länge wieder vorwärts fließt. Die aus dem Mecklenburgischen kommende Havel setzt noch einen drauf und deutet an einzelnen Uferstellen klar erkennbar etwas Drüberwasser an, was gut zu den überschwemmten Wiesen in ihrem Hinterland passt und all den ausgedehnten Pfützen auf den Straßen.

Es ist wirklich unwirtlich da draußen vor der Tür, sogar die hartgesottenen Krähen klingen etwas klagender als sonst, fast vorwurfsvoll. Die Dämmerung beginnt direkt nach dem Hellwerden, der wassergetränkte Wind scheucht um die Häuser und die nicht für Schnee ausreichende Kälte will bis unter die innerste Kleiderschicht krauchen. Manches ungelesene Buch, sorgfältig herausgeschobene Vorhaben oder die Aussicht bloßen Müßiggangs bieten zudem eine verlockende Alternative zum Verlassen der Wohnung, das der Drang nach freiem Himmel, reichlich Platz und frischer Luft mit Nachdruck fordert. Da zu diesem Nachdruck noch die Neugier auf nie gegangene Wege und eine lange Havel-Abstinenz kommt, kommt es letztlich doch so, wie es kommen muss.

Schon auf der Hinfahrt Richtung Brandenburg wechseln die Wetter in kurzen Abständen. Immer wieder hinterlassen die Regentropfen ihre Bremsspuren auf den Scheiben, mal in nachvollziehbaren und sekundenlang verweilenden Strichen, dann wieder in flächigen Vorhängen mit leicht gewelltem Rand, der die Sicht nach draußen in Unschärfe verschwimmen lässt und Interpretation fordert von allem, was vorbeifliegt. Bekanntermaßen gilt die Havel als durchaus einflussreiche Wetterscheide, und so bleibt bis fast zuletzt die Hoffnung, sich auf der richtigen Seite des Flusses aufzuhalten. Erst ganz am Ende des Tages wird sich zeigen, ob dem so war.

Blick vom Weinberg zur Stadt Brandenburg, Klein Kreutz

Klein Kreutz und Groß Kreutz – das ist einer der wenigen Fälle, wo bei ähnlicher Namenslage und anzunehmender Beziehung beide Orte nicht nur entfernt voneinander sind, sondern zudem noch durch einen wirklich breiten Fluss getrennt werden. Dessen nächstbenachbarte Brücken liegen gute dreißig Kilometer auseinander – eine in Brandenburg selbst, die nächst flussaufwärts erst kurz vor Werder. Während das größere Groß Kreutz gewissermaßen auf dem Festland liegt, gibt sich das Land zwischen Tremmen und Klein Kreutz auf der Karte fast wie eine große Halbinsel mitten im Land, umgeben von einer fünfzig Kilometern langen Uferlinie, die komplett von Havelwasser befeuchtet wird. Nur ein paar Bäche steuern hier und da noch ein einige Liter von kürzerer Reisezeit bei.

Klein Kreutz

Klein Kreutz hat alles, was ein Dorf braucht und noch etwas mehr. Zur Grundausstattung von Kirche, Feuerwehr und gediegener Dorfstraße gesellen sich neben Spiel- und Sportplätzen und einem echten Bäcker noch ein halbseitig bewaldeter Weinberg sowie ein urwüchsiges Flussufer hinzu, ferner ein ausgedehntes Feuchtgebiet mit schönem Dammweg mittendurch. An manchen Stellen verströmt Klein Kreutz das Flair eines norddeutschen Küstenortes, weiter drinnen sieht es teilweise aus wie am Mittelgebirgsrand. Straßennamen wie Klein Kreutzer Havelstraße, Klein Kreutzer Bergstraße oder Alte Weinberge bekräftigen diese Mehrschichtigkeit.

Auf dem Weinberg, Klein Kreutz

Der Spielplatz hinter der alten Feuerwehr spricht mit seinem rustikal möblierten Potential zwischen Rumturnen und Abhängen fast alle Jahrgänge unterhalb der achtzehn an und deutet mit etwas Flanke schon die bergige Seite des Ortes an, die neben Kiekeberg und Weinberg noch eine namenlose Zwischenerhebung zu bieten hat. Es sind zwar nur Berge im märkischen Maßstab, doch der Aufstieg sollte jeweils dafür ausreichen, dass am Ende niemandem mehr kalt ist unter seiner Jacke.

Drei Berge sollen heute am Weg liegen, ein jeder von ihnen mit eigenen Charakterzügen. Der Weinberg ist der erste in der Reihe und bietet als einziger eine schöne Sicht auf die Stadt Brandenburg, in der auf den ersten Blick ein paar Türme zu fehlen scheinen. Doch das regelt sich auf dem weiteren Weg nach Westen. Der Anstieg führt vorbei am herrlich gelegenen Kindergarten, der sich vermutlich nicht mit irgendwelchen klangvollen Konzeptbezeichnungen schmücken muss – die Lage ist selbsterklärend. Dass es dort das ebenfalls selbsterklärende Café Blubberlutsch gibt, ist dennoch eine Erwähnung wert und dürfte bei jedem Erwachsenen sofort ein international gültiges Klangbild im Kopf aufrufen und abspielen.

Im Havel-Bruchwald bei Klein Kreutz

Weinberg

Gleich dahinter geht es vorbei an Obstwiesen hinauf in den Wald, der Laub- und Nadelholz geschickt mischt und damit die ganze Ostflanke abdeckt. Die nur sporadisch von Bäumen bestandene Westseite ist vielleicht klimatisch bedingt, auf jeden Fall hält sie den erwähnten Blick auf die einmalig schöne alte Stadt an der Havel frei und lässt jeden besonders zufrieden blicken, der in kalter Verachtung von Gewichtsersparnis an ein Fernglas dachte.

Der knackige Abstieg vom Gipfelplateau verläuft auf sandigem Pfad und führt fast ohne Übergang in die nächste besondere Landschaft, die nun eher von Nah- als von Fernsichten lebt. Ein schnurgerader Damm führt durch ein Feuchtgebiet, das mit etwas Wohlwollen an die markanten Moorflächen erinnert, die man überall im Lande treffen kann, wenn auch nicht gerade häufig. Der durchgängige Nieselregen hat dafür gesorgt, dass die Wiesen ringsherum unter Wasser stehen und der Bruchwald so feucht ist, dass dort die Schwanenkinder ohne elterliche Aufsicht durch den Unterholz-Dschungel tingeln. Alles Wasser hier steht schon mit der Havel in Kontakt, die etwas weiter hinten ihre urwüchsige und schilfreiche Uferlinie spinnt. Am jenseitigen Flussufer mündet in ausgedehnten Schilfflächen die wenig bekannte Emster, die man eher in ein anderes Bundesland packen würde und die unweit von Lehnin ihren Ursprung hat, gar nicht weit von hier.

Junger Schwan im Bruch

Eine Bank am zauberhaften, stillen Weg ist der Platz für die erste Pause, schließlich ist bereits ein Berg bezwungen. Das flache Wasser des winterbleichen Bruchwaldes ist klar, leicht golden und vermutlich eisig kalt. Die grauen Schwäne tun, als wären sie nicht da. Sind schon groß wie ihre Eltern, doch zugleich kommt irgendwo aus ihrer Mitte noch das gedämpfte Gepiepse, das vom anhaltenden Kükenstatus zeugt.

An einer kleinen Brücke endet der Dammweg, kurz darauf quert die breite Dorfstraße und lässt von links und rechts tüchtige Geräusche hören. Da sind sie wieder, die Vorhaben, die man aufs neue Jahr vertagt hatte und jetzt beherzt angeht, um bei Sonnenuntergang mit einem wirklich guten Gefühl ins Haus zu gehen. Schubkarren sind dabei und Schaufeln, Leitern und sogar ein Rasenmäher. Was geschafft, nicht nur gequatscht, gleich getan. Und in Stunden erledigt, was einen übers letzte Jahr mit weit mehr Zeitaufwand beim Aufschieben belastete.

Hinter Klein Kreutz

Auch beim Zimmereibetrieb nutzt einer die Gegenheiten des Wetters, um den buckligen Hof zu plätten mit einem dieser vibratorischen Teile, die wirklich im ganzen Dorf zu hören sind. Direkt daneben führt ein kleiner Pfad am Zaun vorbei und setzt den schnurgeraden Spazierweg hinterm Dorf fort. Rechts ist der Stufengiebel der Kirche vor der Kulisse des Weinberges zu sehen, eher als Bergdorfimpression, nach links gen Sportplatz erahnt man hinterm Sportplatz einen Altarm der Havel und hört sie zudem fließen – vermittels stampfender Dieselmotoren von Schubverbänden, die sich angestrengt stromaufwärts kämpfen.

Am Rand des Ortsteils Klein Kreutzer Eigenheime beginnt ein Weg, der nach all den Besonderheiten des Einstiegs nun das Verlangen auf Platz und Weite bedient. Der Wind kommt stramm von vorn, und so wie den ganzen Tag schon schauert es gelegentlich. Schön ist dabei, dass die Pausen dazwischen meist länger sind als die Zeiten des Niederschlags selbst, die Schirme die meiste Zeit geschlossen bleiben können. Wenn sie offen sind, gibt ihre wettergegerbte Mechanik alles im strammen, launischen Blasewind.

Bei den Wochenendgärten am Beetzsee

Die Luftlinie zur Stadt Brandenburg schrumpft nach und nach, und in der Tat kommt mit jedem Kilometer ein weiterer vermisster Turm hinzu zur Silhouette der Stadt, zuletzt ist die Friedenswarte auf dem Marienberg nicht nur schemenhaft, sondern in ihrer griffigen Siebziger-Jahre-Form erkennbar. Rechts des Weges erstrecken sich Spargelfelder, deren Abdeckplanen gekonnt befestigt wurden, keine von ihnen ist aufgeworfen. Auf Höhe des grasgrünen Segelflugplatzes beginnt rechts des Feldweges ein schöner Wiesenweg entlang von Büschen, der den Wind etwas entschärft. Weiter hinten lagern Schwäne auf den Feldern.

Stiller Teich bei den Wochenendgärten

Am offenen Foyer zum Flugplatz, der auch „Airport Brandenburg Sailplaning Regional“ heißen könnte, stehen frei zugänglich zwei tapsige Betonflieger zum Rumklettern. Gleich dahinter quert an einem maximal reduzierten Buswartehäuschen die Landstraße, begleitet von einem Radweg, der scheinbar erst gestern aus der Asphaltquetsche kam. Schon kurz darauf beginnt die zentrale Passage dieser Tour entlang des havelgefüllten Beetzsees Süd, die reich ist an Vielfalt und Eindrücken und daher scheinbar länger, als sie wirklich ist.

Bucht des Beetzsees

Das Spiel mit der Uferlinie gleicht einem Flirt auf Abstand und erinnert an die legendäre Schachpartie in einem wirklich alten Film, in der Faye Dunaway und Steve McQueen auf sagenhaft minimalistische Weise einige Standards der Flirtkunst aus der filmischen Taufe hoben. Immer wieder lockt die Sicht auf das Ufer mit dem gekrümmten Zeigefinger, stößt einen dann mit brüsk erhobenem Kinn wieder zurück, um gut abgezäunt sogleich wieder einen verheißungsvollen Blick zu gestatten. Ein erhoffter Zuweg schließlich ist vorhanden, doch vom erhöhten Wasserstand überschwemmt, der Blick aufs Wasser vom hohen Schilf zensiert. Die definitiv letzte Chance schließlich ist weder versperrt noch umzäunt oder überschwemmt, endlich darf das Auge in voller Breite übers Wasser bis hin zum anderen Ufer schweifen. Obendrein gibt es noch einen kleinen Bootshafen mit Badestrand, ein paar Fischerei-Accessoires und eine bequeme Bank.

Dammweg zwischen den Grundstücken

Auf dem Weg dorthin windet sich der Weg hindurch zwischen Teichen oder Buchten und folgt einem winzigen Pfad zwischen Wald und Schilfgürtel, berührt wassernahe Gebiete von Wochenendgrundstücken mit kleinen Ruderboothäfen und entlegene Siedlungen mitten im Wald, mit vereinzelten privilegierten Lagen, die laut Schild von einem Partnerbetrieb der Polizei umsorgt werden. Überhaupt schafft im unmittelbaren Umkreis dieser schicken Bungalows eine kleine Flut von Verbotsschildern etwas Farbe im monochromen Winterwald. Neben den gelben Schildern für jedermann, die im gutsortierten Baumarkt im Regal hängen, gibt es auch zahlreiche individuelle Anfertigungen, die in ihrer Absurdität gutes Futter für ein kleines Kabarettprogramm abgäben. Eine Dame auf dem Weg zum Domizil hat sichtliche Schwierigkeiten, ihr altersgerechtes und etwas großgeratenes Hochbeinauto in Weiß auf dem Wiesenweg zu zentrieren, so dass wir vorsorglich ausweichen.

Überschwemmter Stichpfad zum Ufer des Beetzsees

Der Weg verläuft teils als winziger Pfad im Wald, dann als weicher Wiesenweg durch losen Wald oder breit auf Schotter, teils entlegen oder eben vorbei an Grundstücken. Immer präsent ist der Schilfgürtel des Sees, der uns nun hier am kleinen Hafen endlich die erhoffte Lücke gewährt. Der Wind, der oben die Wolken am Himmel entlangjagt, peitscht hier unten den Beetzsee bis hin zu Schaumkronen auf und drückt alles Schilf landeinwärts. Im Zusammenspiel mit dem sichtbaren Ufer blitzt kurz ein Gedanke an die Halbinsel Darss auf, wo es jetzt auch so aussehen könnte.

Strandhafen am Beetzsee

Die Zugänge zu den Bootsstegen sind komplett unter Wasser, wenn auch nur knöcheltief, und leider bestätigt sich der Verdacht auf ein Leck in einem meiner Gummistiefel. Mit dem Blick auf baumlange Reusenstangen auf dem Trockenen und den Hafen unter Wasser ist es nun höchste Zeit für heißen Tee und etwas bunt gemischte Energiezufuhr. Auch diese Pause wird vom Regen verschont, dafür ist der Wind umso stärker hier am Wasser und irgendwann das Weitergehen sinnvoll für den Wärmehaushalt.

Weg über die Wiese zu den Teichen

Hinter den letzten Häuschen beginnt auch auf der rechten Seite des Weges wieder eine wasserreiche Schilflandschaft, danach führt der Pfad unvermittelt über eine große Wiese mit riesigem Scheunengebäude, in dem hunderttausende Backsteine verbaut sein müssen. Gleich dahinter treffen wir auf den aus anderen Jahren bekannten Wanderweg mit dem Storchenkopf, der auf Zweitageslänge alle drei Beetzseen umrundet und auch noch weiter nördlich anzutreffen ist.

Teichlandschaft zwischen Beetzsee und Fuchsbruch

Wer vom Flirt mit der Uferlinie noch nicht genug hat oder dem See noch näher kommen möchte, könnte auf Wegen und Pfaden noch ewig weiter gen Norden streben, so zumindest sieht es die bekannteste freie Karte im Internet. Gummistiefel sollte man dafür auf jeden Fall anhaben, solange die Jahreszeit mit dem niedrigen Sonnenstand anhält. Wir hingegen wollen das montane Kernthema der Tour nicht aus den Augen verlieren und drehen vor dem Queren eines breiteren Stichkanals rechts ab, Richtung Binnenland. Der Kanal und eine Reihe von Teichen begleiten den Weg mit dem Storchenhaupt, auf dem uns der erste Mensch des Tages entgegenkommt. Vor ihm, in elegantem Braun und zielstrebiger als er, eilt einer von diesen glatthaarigen Waldis, die mit etwas Quietschen durch ein Standard-Abflussrohr passen würden, eins ohne Knick. Der aktuelle Niesel lässt die Teiche links und rechts des Weges im trüben Grau versinken, und alle Vögel auf dem Wasser scheinen noch verhaltener als früher am Tag. Doch für sie ist all das ja Tagesgeschäft.

Aufstieg zum Wasenberg

Wasenberg

Hinter der Landstraße lockt ein schöner Radweg geradeaus nach Fuchsbruch, und wären wir bereits durchweicht, wir würden diese Option dankbar annehmen. So aber ist es möglich, auf den querenden Radweg abzubiegen und nach Höhenluft zu streben. Am Stichkanal starten gerade vier Seidenreiher durch dessen schmale Wipfelgasse, ein grauer folgt mit etwas Abstand. Ein paar Bäume später treiben bewegliche Schwärme faustgroßer Vögelchen ihr flinkes Spiel in den laublosen Baumkronen. Gleich darauf präsentiert der Wasenberg auf seiner Südflanke den elegant geschwungenen Aufstiegsweg. Berg Nr. 2 ist auf seinem Gipfelplateau bedeckt von einem lichten Birkenhain, den eine mustergültige Eiche am höchsten Punkt um sich geschart zu haben scheint wie graues Volk, um selbst darin noch mehr zu leuchten. Am Ende scheint der Plan nicht aufgegangen – sie ist schon eindrucksvoll, die Eiche, doch der finnische Charme der vielen weißen Stämme bestimmt die Impression ganz klar.

Auf dem Wasenberg

Nach all diesen besonderen Landschaften des Havellandes folgt nun eine nachgerade bodenständige und regelrecht entspannende Passage mit der bewährten Mischung aus weitem Feld und verschieden Wäldern, die dazu noch großzügig ätherische Düfte aus Kiefernhand beimischt, würzig und altvertraut. Auch hier ist da und dort dem Spargel schon sein Bett bereitet. Der Himmel zieht sich immer mehr zu, der Horizont wird minütlich diesiger und die unbelaubten Bäume zeigen sich besonders kahl. Vier benachbarte Kopfweiden mit langen Austrieben versuchen sich in einer mildeuphorischen Choreographie, was rührend wirkt und durchaus Wirkung zeigt.

Nördlich von Fuchsbruch

Langmathenberg

Wir schwenken ein nach Süden und bewegen uns im matschigen Pfützenslalom auf den letzten Berg zu, den Langmathenberg, der sich langsam aus dem Dunst des Horizontes schält. Die Pelle ist nun langsam durchgeweicht, die Kälte hat leichteres Spiel in ihrer Kraucherei und der auffrischende Wind rasselt mit dem Säbel, was die Wettersituation auf dem dritten Gipfel betrifft. Eine ferne Dame hat sich von ihrem Hund zu einer kurzen Runde überreden lassen und hält sich an den allerkürzesten Weg, direkt am Fuß des Berges. Auf dem Gipfel gibt es keine Wege, so dass wir uns an Tierpfade halten und nach dem Zustieg direkt durchs Unterholz gen Gipfel abzweigen, teils gebückt und teils gezaust. Das Gipfelplateau ist wiederum anders, ungezähmt mit viel struppigem Gras, lose verstreute Bäume und auch hier keine Sicht auf irgendwas, wie schon beim letzten Berg. Im Abstieg breitet sich dann im Westen der See von Fuchsbruch aus, mit der gleichnamigen Siedlung, in der schon behagliche Nachmittags-Lichter aus den Fenstern scheinen.

Vier fröhliche Weiden am Weg

Fuchsbruch

Wie in der ganzen Region wurde in letzter Zeit viel Mühe in eine verlässliche und haltbare Wanderbeschilderung gesteckt, auf die wir schon am Seddinsee trafen oder bei Lehnin. Auch hier quert wieder ein Weg, und auch hier gibt es einen schönen überdachten Rastplatz. Doch eine klamme Pause mit Dach überm Kopf hat jetzt nur wenig Zugkraft, zumal der Tee fast alle ist und das Ziel schon greifbar. Von Wind, Nässe und sonstigem Wetter doch leicht eingeschüchtert und müden Beines haben wir fast schon auf Autopilot mit gedrosselter Wahrnehmung geschaltet, als der Weg hinter den letzten Häusern noch einmal richtig reizvoll und besonders wird. Unterhalb einer sanften Waldflanke erstreckt sich links ein weites Schilf- und Teichland, das in der milchigen Dämmerung eine besondere Faszination entwickelt. Noch einmal erwacht der dösende Geist und wird am Ende mit dem gleichmäßigen Hinabrollen nach Klein Kreutz belohnt, das vorbei führt an Häusern, die diesen exklusiven Blick vermutlich gar nicht mehr als solchen wahrnehmen. Wie das so ist mit Völkerschlachtdenkmal, Reichtstag und Landungsbrücken, mit den besonderen Dingen direkt vor der Haustür.

Zustieg zum Langmathenberg

Auf schnellstem Wege wechseln wir in die Stadt Brandenburg und kommen dort auf der anderen Seite der Havel zurück zur Frage von vorhin. In der Tat gibt es zunächst keinen spürbaren Unterschied, während wir die Steinstraße entlanggehen, nach Nahrung und Gemütlichkeit suchen und bald fündig werden. Doch nachdem der Teller leer ist und der beheizte Raum verlassen, zeigt sich die Güte der Entscheidung, den ganz großen Schirm mitzunehmen. Dieser Regen jetzt macht in wenigen Minuten nass, und hätte es den ganzen Tag auf diese Art geschüttet, wäre jeder Regenschutz vergeblich gewesen und jede Abkürzung ein Segen.

Blick vom Langmathenberg auf Fuchsbruch

So können wir nur stillvergnügt unter dem großen Schirm hervorschauen, die schönen Spiele gelben Laternenlichts auf nassem Altstadtpflaster genießen und dazu die zahllosen Erinnerungen vom letzten Sommer aufrufen. Mit denen scheint sogar der Strumpf im lecken Stiefel trocken.










Anfahrt ÖPNV (von Berlin): von Berlin-Alexanderplatz mit der Regionalbahn nach Brandenburg/Havel, von dort mit dem Bus weiter (ca. 1,5 Std.)

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der Autobahn über Brandenburg/Havel oder über Land über Wustermark und Ketzin (jeweils ca. 1,5 Std.)

Länge der Tour: ca. 18 km (Abkürzungen mehrfach möglich)

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

Links:

Schachpartie aus dem Film „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ (1968)

Informationen zum Beetzsee

Einkehr: Sportlerklause Klein Kreutz (am Sportplatz)
zahlreiche Angebote in der Stadt Brandenburg

Rhinow/Stölln: Beflügelte Lebensfreude, die Rhinfalle und eine Wiesen-Lady

Manchmal, eher selten, hat man recht klar eine Tour vor Augen, die hervorragend zur Jahreszeit und zum vorhergesagten Wetter passt. Was grob skizziert vor dem geistigen Auge schon großartig aussah, scheint bei der konkreten Vorbereitung regelrecht großes Kino zu verheißen. Wenn es sich dann noch in einer selten besuchten, da entlegenen Gegend abspielt, die bisher ausschließlich charakterstarke Tage hervorbrachte, wächst die Vorfreude in der Erwartung auf Grandioses.

Die große Weite vor dem Gollenberg

Umso schmerzlicher ist es, wenn die bereits bunt ausgemalte Vision an einem kleinen Hindernis grandios kentert. Das fordert vor Ort große innere Stärke, insbesondere wenn man im Sternzeichen des Stiers geboren wurde. Stier gleich stur, unter anderem. Gut ist es dann, wenn jemand dabei ist, der mit grober Masche und dicker Wolle gestrickte Hörnlinge dabei hat und diese mit einem klugen Satz über das Stiergehörn streift. Gut und rettend, weil so ein Tag dann mit etwas Glück noch viel besser werden kann. Wenn auch völlig anders.

Der Rhin auf dem Weg zum Gülper See

Es gibt Landschaften, die im eigenen Empfinden besonders gut zu bestimmten Jahreszeiten passen. Oder zu passen scheinen. In den Randbereichen des Winters fallen mir da der Hohe Fläming und das Oderbruch ein, im Herbst der Untere Spreewald oder die Hügelländer und Buchenwälder der südlichen Uckermark. Im zeitigen Frühjahr sind es unter anderem die Gegend zwischen Dahme und Spreewald im Südosten oder die weit entlegene Partie des westlichen Havellands, wo Havel, Dosse und der Große Havelländische Hauptkanal die Wasserzufuhr dominieren. Rhin und Jäglitz mischen auch noch mit. Schaut man zurück in der eigenen Unterwegs-Historie, verschlägt es einen in solche Regionen fast immer zu ähnlichen Zeiten. Vermutlich werden hier erfolgreich und weitgehend verlässlich Sehnsüchte bedient, und Verlässlichkeit kann etwas sehr Schönes sein.

Die Rhinower Voralpen

Als verschmitzter Hintergedanke kam noch dazu, dass es bei verstopften Atemwegen nicht von Schaden sein kann, einen Ort aufzusuchen, der Rhinow heißt und von viel Weite, Wind und klarer Luft umgeben ist. Später vor Ort wurde dem wortspielerisch noch eins draufgesetzt, denn obwohl die Stadt Rhinow nicht sehr groß ist, gibt es hier ein Autohaus. Vertrieben wird eine französische Automarke, die fast genauso heißt wie der Ort und eine merkelsche Raute im Schilde führt.

Weg nach Neugarz, zumindest theoretisch

Rhinow liegt fast schon in Sichtweite zu Sachsen-Anhalt. Das ermöglicht der große Gülper See, der fast bis ans östliche Ufer der Havel reicht, die hier die Ländergrenze markiert. Zugleich lässt sie ein wahrhaft gewaltiges Gewirr von Nebenwassern, Altarmen und undurchdringlichem Nassland von der Leine, über viele Kilometer.

Der See selbst ist mitsamt seinem Zubehör auch charakterprägend für Rhinow. Jahr für Jahr gibt es hier gewaltige Spektakel zu sehen von allen möglichen Geflügelten, die auch weit über seinen Einzugsbereich hinaus allgegenwärtig sind. Alles hier ist fast schon friesisch weit und in vergleichbarer Weise von Wasser durchzogen. Jäglitz, Dosse und Rhin gibt es jeweils in mehreren Ausfertigungen, und dazwischen ziehen sich unberechenbare Netzwerke von schmalen und breiteren Gräben, die Spaziergängern bei einer flapsigen Wegeplanung zum Verhängnis werden können. Für alle Zugvögel und sonstiges Getier ist es eine geniale Heimstatt, sei es nun für einen Durchreisestopp gewisser Länge oder gleich für ein ganzes halbes Jahr.

Der Große Rhin mit den Bergen im Hintergrund

Sachsen-Anhalt liegt nicht um die Ecke, und so braucht es seine Zeit, ehe die goldene Murmel auf dem Rhinower Kirchturm zu sehen ist. Die Art und Weise der Entlegenheit von Städtchen wie Friesack oder Rhinow ist vergleichbar mit solchen im Oderbruch wie Letschin oder Neutrebbin. Wer dorthin mit dem Auto will, muss häufig am Lenkrad kurbeln und gut auf die Schilder achten. Findet auch nicht ohne weiteres denselben Weg zurück. Dabei lassen sich noch Landstraßen erleben, die sich anfühlen wie eine Dampferfahrt auf der bewegten Müritz, darunter uralte und knorrige Alleen sowie nostalgische Pisten aus fachgerecht verlegten Katzenköppen. Nicht das übliche „Autobahn bis Abfahrt Dings, dann über Bums nach Sowieso und gut“. Die Bahn kommt seit über zehn Jahren nicht mehr direkt nach Rhinow, doch über Rathenow gibt es eine gute Anbindung per Bus, die sich im Zeitvergleich sehen lassen kann.

Am Zusammenfluss von Bültgraben und Dosse

Flatow

Den Bäcker in Flatow erreichen wir kurz vor Ladenschluss, doch die gute Frau lässt uns ohne jegliches Stirnkräuseln noch zwei große Tassen durchlaufen, frisch und dampfend. Auf dem schon archivierten Reste-Blech liegen nur die schönsten Sachen und machen die Entscheidung schwer. Als wir versorgt sind, kommt Punkt Feierabend noch ein dritter Kunde, ein freundlicher Kerl mit Rad und kernigem Zottelhund, und nimmt grinsend unser zweites Frühstück zur Kenntnis. Aus seinem Pferdeschwanz ist er schon ein bisschen rausgewachsen, und so hat der Fahrradhelm seine liebe Not, alles unter einen Hut zu bringen. Vielleicht ja einer von den Stadtflüchtern aus dem sieben Kilometer entfernten Kuhhorst oder vom benachbarten Ziegenhof. Er hält einen netten Plausch mit der Bäckersfrau, aus dem wir erfahren, dass einer vom Dorf sich jetzt ein Haus hat bauen lassen in Ägypten und dort das kalte halbe Jahr verbringt seither. Die Bäckersfrau verweist darauf, dass der Flug dorthin doch ganz schön reinhaut mit 350 Euro, und wir einigen uns schließlich alle darauf, dass es nicht groß auffallen dürfte bei jemandem, der sich nebenher ein Häuschen in Ägypten leisten kann. Eine kuriose Konstellation – Flatow im Wechsel mit Ägypten. Rhinluch versus Nildelta.

Stare beim Start aus dem Baum

Kurz hinter Flatow überqueren wir die Autobahn. Sieht man einmal von den weiteren Tentakeln des äußeren Berliner Rings ab, ist die nächste Autobahn von hier aus mehr als 200 Kilometer entfernt und liegt dann schon in Niedersachsen. Kurz vor Kuhhorst vorbei am Abzweig nach Karolinenhof, wo es im gemütlich verkramten Café zum Ziegenhof ein sagenhaftes Panoramafenster in die Unendlichkeit der Felder gibt, mit Abertausenden von Kranichen und anderen Zugvögeln. Über Kuhhorst, wo tatsächlich mitten im Dorf eine lebensgroße Kuh auf ihrem Horst hockt, und Königshorst kommen wir in den Ort mit dem irritierend-exklusiven Namen Lobeofsund. Am Hydranten zeigt grad die Feuerwehr ihrem Nachwuchs, wie man professionell schnelles Wasser zapft, daneben steht motivierend das Tor zur Garage mit dem großen roten PS-Boliden offen, den wohl jeder zweite in der Spielzeugkiste hatte.

Stars in stripes

Rhinow

Während die Horst-Orte im ackerflachen Dunstkreis des Ländchens Bellin liegen, erreichen wir nach Überqueren der ICE-Trasse nun die wald- und hügelreicheren Ländchen Friesack und Rhinow mit ihren gleichnamigen Städten. Von Friesack kommt man dann bis Rhinow ohne weitere Abbiegung aus. Die goldene Murmel sehen wir erst, als wir direkt vor der Kirche stehen, denn das Land ist im Nebel versunken, alles über einer gewissen Höhe beschnitten. Später wird er sich hoffentlich verziehen, denn ein Aussichtspunkt von besonderer Qualität liegt am Weg.

Rhinow ist ein stilles Städtchen mit ganz spezieller Lage. Ähnlich wie Städte, die im flachen Alpenvorland vor dem Hang der ersten Vorhöhen hocken, gibt Rhinow aus der Ferne gesehen eine überzeugende Miniatur-Version davon zum Besten. Denn während sich die topfebene Weite ewig nach Norden ausdehnt, erstreckt sich dahinter ein durchaus markanter Höhenzug. Aus der Entfernung sieht das aus wie ein gut sichtbares Vorgebirge vor vernebeltem Hauptkamm.

Die Dosse auf dem Weg zur Havel

Die Weidenallee hinterm Ortsausgangsschild hat bereits ihren radikalen Schnitt erhalten, die Geschorenen wirken mehr als bereit für den neuen Wuchs. Hinter dem letzten von ihnen führt eine Brücke über den Mühlenrhin. Seine genießerischen, fast etwas lasziven Mäander auf dem Weg zum Gülper See liegen glatt, grau und komplett frei von Reflexionen, denn der Nebel lässt keinerlei Licht hindurch. Überall lagern kleine und große Scharen von Gänsen, teils im gedämpften Dialog. Weiter oben zieht alle paar Minuten eine große Formation gen Osten, sicherlich zu den Futterplätzen.

Weg durch die südlichen Dossewiesen

Hier beginnt ein stiller Weg in das durchtränkte Land zwischen Mühlenrhin und Großem Rhin. Überall auf den Wiesen stehen große Pfützen, fast schon kleine Seen. Und dann hören wir sie – die allererste Lerche dieses Jahres. Dieser winzige Vogel, der klingt, als hätte er das letzte halbe Jahr bei den Kartäusermönchen verbracht und müsste nach dem endlosen Schweigen nun umso mehr seine Lebensfreude in die Welt schreien. Doch dieser Klang verliert nicht seine Kraft, ab jetzt bis zu den letzten Tagen im Spätsommer. Schon heute bleibt er uns den ganzen Tag erhalten.

Rechts des Weges läuft ein Graben, davor liegt torfiger Aushub mit allerlei Schilfwurzeln und diesen urtümlich wirkenden Spiral-Schnecken, die typisch sind für den Rhin. Das weiche Torfzeug gibt eine komfortable Sitzbank für die erste Pause ab. Drüben liegt Rhinow still vor seinen Bergen, der Funkturm steckt noch immer halb gekappt im grauen Dunst. Neben den Gänsen, einigen Kranichen und den stets präsenten Lerchen kommen jetzt viertelstündlich neue Stimmen dazu.

Vorbildliche Weidenreihe

Wenn wir aus klammer Erfahrung bestens wissen, dass der Rhin an vielen Stellen schwer zu überqueren ist und gut und gern ein wirkliches Hindernis bilden kann, so hätten wir nicht mit dem gerechnet, was uns jetzt ausbremsen würde – eine Sackgasse, die eigentlich keine ist. Nach einem Kuhstall mit einem Kuhbauern sowie dem Queren des stillgelegten Damms der Bahn zwischen Rathenow und Neustadt/Dosse stehen wir vor einem sperrangelweit geöffneten Tor zu einem privaten Hof. Dort bellt ein von sich überzeugter Schäferhund in unsere Richtung.

Dann eben außen rum, wie so oft in solchen Fällen. Doch das geht hier nicht, denn links liegt breit der Große Rhin, rechts genauso breit der Mühlenrhin. Von den Bahnbrücken stehen nur noch die Köpfe, scheinbar grienend. Und Badewetter ist noch keins. Siebzig Meter, die eigentlich nicht versperrt sind, doch der Hund ist Meister seines Faches. Vor dem geistigen Auge zerbricht die schöne Tour, die von ihrem Kontrast zwischen flachem Wasserland und aussichtsreichen Waldhöhen lebt, darüber hinaus noch einigen speziellen Accessoires.

Weg nach Rhinow

Also zurück zum Bauern, allen Charme rausgeholt und gefragt, ob er eine Idee hat, wie wir durch den Hof vorbei am Hund zur Straße kommen. Sein Auto stand bereit, er wäre auch befugt. Er hingegen ruft beim Hofbesitzer an, der nimmt nicht ab. Mehr ist leider nicht zu wollen, trotz konkreter Frage. Sein Tipp zum Abschied ist das Wehr etwas flussabwärts, da käme man hinüber.

Etwas bockig nehmen wir die zwei Kilometer Umweg in Kauf, um vor Ort zu sehen, dass das Wehr zwar über etwas hinüber führt, doch nicht über den Großen Rhin. Die Seifenblase mit der schönen Aussicht platzt jäh. Da nimmt die Frau an meiner Seite meinen Kopf, schüttelt ihn mit ein paar sanften Worten und verursacht im Resultat und nach etwas stierem Zeitverzug ein Umdisponieren, das dem Tag und dessen Fortgang seinen Glanz zurückgibt, und zwar nicht zu knapp.

Blick zurück zur Dosse

Die maßgeschneiderte Papierkarte hat damit ausgedient, jetzt schlägt die Stunde des GPS-Empfängers. Mit dessen Hilfe und etwas Restrisiko auf Sackgassen lässt sich etwas zurechtstricken, was uns nicht nur sicher und trocken hier herausbringt, sondern auch schön, ausgewogen und arm an Doppelungen. In der halben Stunde auf dem wiesenweichen Deichweg des Bültgrabens ändert sich komplett das Wetter und mit ihm der Himmel. Erst die Sonne, dann nach und nach mehr Blau am Himmel und zuletzt nur noch zählbar viele weiße Wolkenfetzen. Was könnte tröstlicher und stimmungsaufhellender sein?

Überflutete Wiesen mit Gänsen

Rund um die Mündung des Bültgrabens in die Dosse gibt es nun gleich drei Möglichkeiten, ans andere Ufer zu gelangen, doch das hat sich ja erledigt. Nach Rübehorst führt eine provisorische Brücke, so eine, die man zusammenklappen und einem Sattelschlepper auf den Buckel schnallen kann. Vermutlich liegt sie dort schon immer, triftige Gründe dagegen sind nicht erkennbar. Einmal wechseln wir also wenigstens das Ufer, zum einen, da wir es nun können, zum anderen, da dort ein kleiner Rastplatz steht.

Edle Rhinkurven am Abend

Dank der fast schon vergessenen Verlegenheit können wir nun also ein Stück Hand in Hand mit der entspannten Dosse gehen, deren breite Flutwiesen weitgehend trocken liegen. Zu Zeiten überschüssigen Wassers kann hier ein knöcheltiefes Meer liegen, das sich zwischen Dosse und Jäglitz mehr oder weniger lückenlos aufspannt. Gegenüber steht eine einzelne, asymmetrische Eiche, die als Ausgangsbasis dient für einen Starenschwarm. Diese großen schwarzen Vogeltrauben, die ihren unbegreiflichen Formationsflug am Himmel inszenieren, wie ein entfesseltes Tagesgespenst auf weicher Droge oder wie eine nur aus Ruß bestehende Flamme, die ihrer wild geschwenkten Riesenfackel träge folgt.

Weidenallee nach Rhinow am Abend

Trotz ihres sichtlichen Fließtempos liegt die Dosse spiegelglatt und gibt das Blaugrau wider, das der Himmel gemischt hat. Voraus sehen wir das erste Wäldchen des Tages. Ein schöner Anblick, zumal wir jetzt vom Deich absteigen und den ätherischen Duft erwärmter Nadeln am Waldrand inhalieren dürfen. Ging auf dem Deich noch der kalte Wind durch die Ärmel, ist es jetzt hier unten warm und windgeschützt, dass die obersten drei Zwiebelschichten gelockert werden. Im Westen ist der Himmel fast schon wolkenlos, sodass die Sonne ungehindert ihre Strahlen fließen lässt. Nach dem nächsten Abbiegen wird dann alles wieder schnell verschlossen und verzurrt, denn der Wind hat uns wieder. Richtung Rhinow hat sich eine hinreißende Reihe mittelwüchsiger Weiden brav in einer Reihe aufgestellt, sodass man immer wieder hinschauen muss. Offensichtlich hat ein knorriger Weidezaun bei der Ausrichtung geholfen – Weide hilft Weide.

Blick vom Hauptgipfel des Gollenberges

Auf der langen gerade Plattenpiste nach Buchhorst kommt ein Radfahrer von hinten, später eine Radfahrerin von vorn, darüber hinaus gibt es wenig Aufregung. Das nächste Wäldchen bietet einen harten Wettkampf zwischen zwei Rasthügeln. Links am Waldrand eine charismatische Kiefer mit zottigem Langgras, links am Feldrain eine winzige Eiche mit markanter Krone, darunter kurz gestoppeltes Polstergras. Der Fairness halber warten wir noch etwas mit der Pause. Bei Buchhorst gönnen wir den geschundenen Atemwegen dann den letzten lauwarmen Tee und sitzen dabei in einem Stück Wald, in dem nächste Woche oder in zwei Tagen oder schon nachher die ersten Veilchen durchs harte Bodenlaub schlüpfen könnten. Davon abgesehen scheint Rhinow schon zu wirken, denn die Nase atmet freier, das ist spürbar.

Sanfter Aufstieg zum Nebengipfel

Schon von ferne blinkt jetzt die goldene Kugel auf dem Kirchturm. Auf der Brücke von vorhin queren wir erneut den Rhin, der fast noch genauso ölig glatt liegt, doch auch vereinzelt glitzert. Zwischen den frisierten Weiden parkt ein Fahrrad, die Frau dazu streift durch die nahen Wiesen und sammelt ganz bestimmte Halme.

Stölln

Jetzt greift Plan B. Wir fahren ein Dorf weiter ins hübsche Stölln, das sich seit ein paar Jahren Lilienthal-Gemeinde nennen darf, ganz offiziell. Das ist angemessen, denn hier steht der Gollenberg als einer der weltweit bedeutendsten Orte für die Fluggeschichte der Menschheit. Darüber hinaus gibt es hier noch ein relativ neues Lilienthal-Museum sowie die Pfade, Pflanzungen und Anlagen, die nach der Bundesgartenschau von 2015 blieben. Und natürlich einen Flugplatz, komplett bedeckt von artenreichem Stoppelrasen, der im Sommer die Herzen von Botanikern und Insektenkundlern höher schlagen lässt. Einzigartig ist wohl der Umstand, dass auf halber Hanghöhe ein ausgewachsenes Langstreckenflugzeug parkt, pensioniert, doch gut besucht. Die russische IL 62 ist weniger historisch, als man denken sollte – vor 20 Jahren noch wurden Flugzeuge mit dieser Bezeichnung gebaut, und ein paar davon sollen noch heute ihren Dienst versehen.

Die Lady Agnes, der Spielplatz und die Einkehr

Nicht zuletzt dank der weiten Picknick-Wiesen und des herrlichen Spielplatzes mit seinem Kletterparcour ist das hier ein Ausflugsziel für Familien jeglicher Konstellation, das als genial zu bezeichnen ist, das Wort passt wirklich. Hier lässt sich sowohl bewegungsarm als auch in freizeitlicher Bewegtheit ein ganzer Tag verbringen, ohne sich mehr als einen Kilometer entfernen zu müssen – wer den Weg ins Dorf und zum Museum nehmen möchte, wird von blauen Säulen sicher geleitet. In Sichtweite zum Spielplatz steht beeindruckend die „Lady Agnes“, das erwähnte Flugzeug, das den Namen von Otto Lilienthals Frau trägt. Ihm zu Füßen lässt sich auf das Beste einkehren.

Der frühe Mond überm Gollenberg

Wer Kindern oder seinem liebsten Menschen oder sonstwem zeigen will, wie ein Berg funktioniert, findet im Gollenberg einen dankbaren Verbündeten. Der spürbare Aufstieg ist kurz und vielfältig sowie gefällig für Auge und Fuß und bietet oben den Lohn der Aussicht, womit das Prinzip klar sein dürfte. Schon vom Nebengipfel ist das beeindruckend, vom Hauptgipfel mit dem kleinen Lilienthal-Denkmal dann regelrecht ergreifend. Nach Norden scheint sich die Ebene endlos zu erstrecken, und die steile Hangflanke lässt nachvollziehen, warum sich Lilienthal gerade diesen Berg aussuchte. Wer gern einmal eine Nordwand bezwingen möchte, folgt unten im Ort ein Stück der Hauptstraße und nimmt dann den steilen Aufstieg über zahlreiche Treppen, die ähnlich alt sein dürften wie die Lady Agnes. Apropos Lady Agnes: Familien, die erst noch welche werden wollen, können sich hier gegenseitig Ringe an die Hand stecken und dazu nicken.

Lady Agnes mit Kollegen zu Gast

Durch die verqueren Umstände des Tages erreichen wir den Gipfel des Gollenberges bei ungetrübter Sicht und zu dem Zeitpunkt, wo das warme Licht der sinkenden Sonne die Kiefernstämme vergoldet und den Wald in schöne Schattenspiele taucht. Das ist so ein Moment, wo man gern die Zeit anhalten möchte. Wo zum Abend alles still wird und nur noch eine Amsel singt. So dehnen wir den Abstieg über die langen Stufen durch Langsamkeit, bestaunen kleine Eichen, die wie große tun und greifen tief ins Heidekraut, um zu ermitteln, ob es trocken ist. Wären Pilze da, dann würden wir sie zählen. Stattdessen zählen wir die ersten wilden Bienen.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): nach Rhinow: alle zwei Stunden von Berlin Hbf. mit der Regionalbahn nach Rathenow, weiter mit dem Bus nach Rhinow (letzte Rückfahrt ca. 22 Uhr)(1,75-2 Std.);
nach Stölln: nicht praktikabel (optional von Rhinow ca. 1 Std. zu Fuß)

Anfahrt Pkw (von Berlin): über die A 24 Ausfahrt Fehrbellin, dann Landstraße über Friesack nach Rhinow (1,5-1,75 Std.);
alternativ schon Ausfahrt Kremmen abfahren Richtung Kremmen, dann in Staffelde links nach Flatow und über Königshorst, Warsow und Friesack nach Rhinow (1,75 Std.)

Länge der Tour: Rhinow ca. 15 km, Stölln 1,5-2 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

Links:

Amt Rhinow

Gülper See (NABU)

Otto-Lilienthal-Verein Stölln

Gollenberg (NABU)

Blog-Beitrag zu Lady Agnes (Reiseland Brandenburg)

Artikel zum Absturz von Otto Lilienthal 1906

 

Einkehr: Zum Schwalbennest, am Gollenberg in Stölln (sehr gute Küche, freundliche Bedienung, schöne Terrasse)

 

Grobskizziert – Döberitz: Wegevielfalt und Ginsterpracht in der Döberitzer Heide

Es gibt Landschaften, deren jetzige Einzigartigkeit auf einer eigenartigen Kausalität beruht. Wo vor mehr oder weniger vielen Jahren oder Jahrzehnten die Motoren extrem schwerer Kettenfahrzeuge dröhnten und den Boden vibrieren ließen, so dass es auch für Nichtindianer noch im zivilen Gelände wahrzunehmen war, konnte schon zu diesen Zeiten die Natur einen Grundstein für das legen, was in Zeiten des Stillstands und der Stille wachsen würde. Dort, wo Maschinerie, Munition und die steuernden Hände und Köpfe dazwischen auf bestmögliches Zusammenspiel geprüft und strategisches Handeln in einen konsequenzarmen Probelauf geschickt werden konnte, gibt es heute die sichersten Refugien für zahlreiche Tiere und Pflanzen – eben weil hier eine wirklich gute Motivation besteht, ausgeschriebene Wege nicht zu verlassen, so wie es Schilder alle paar hundert Meter einfordern.

Steg über den Schwanengraben
Steg über den Schwanengraben

So hinterließen die Wirren und Unklarheiten in der Nachwendezeit sowie der mehr oder weniger geordnete Abzug ehemals allierter Truppen bis Mitte der neunziger Jahre zahlreiche, teils enorm weitläufige Flächen, die plötzlich ungenutzt und regelrecht herrenlos waren und auf die sich kein Mensch herauftrauen konnte, dem sein Leben lieb und der noch ganz bei Trost war. Demzufolge konnte die Natur hier zu annähernd hundert Prozent ihr Ding machen, was sie auch tat. Eines der schönsten Sinnbilder dafür kam vor einiger Zeit in einer Reportage vor. Da brütete eine bedrohte Vogelart, die es sonst in Deutschland kaum noch gibt, in einem schwer zugänglichen Platz unter der drehbaren Kanonenhaube eines verrostenden Panzers. Kaum erreichbar für Tiere, die ein paar Nahrungskettenglieder höher stehen. Dicker Panzerstahl, sicherer Schatten und darunter pelzköpfige Küken, die frohgemut und kaum hörbar tschilpen, egal wer da draußen auch herumschleicht oder -schwebt.

Uferweg am Schwanengraben
Uferweg am Schwanengraben

Viele dieser Gebiete sind heute Heideflächen und liegen weiter entfernt von Berlin, wie z. B. das ausgedehnte Areal nördlich von Jüterbog mit dem Keilberg und seiner grenzenlosen Aussicht, der vom Wasser der Havel umspielte Annenwalder Brand westlich von Templin oder die Reicherskreuzer Heide östlich von Lieberose, die im spätesten Spätsommer mit einem unvergleichbaren Teppich aus blühendem Heidekraut bedeckt ist – nur der Heideblüte wegen muss also niemand den weiten Weg nach hinter Lüneburg antreten.

Wellenreicher Hauptweg in der Döberitzer Heide
Wellenreicher Hauptweg in der Döberitzer Heide

Näher an Berlin liegt da die recht kleine Schönower Heide um die Ecke von Bernau und nicht zuletzt auch die Döberitzer Heide kurz hinter der Stadtgrenze bei Spandau. Diese erstreckt sich unmittelbar gegenüber des Olympischen Dorfes, wo ja im Wettbewerb um die Nutzung mittlerweile auch die Natur schneller vorankommt als der Mensch, der sich in Anbetracht des historischen Schwergewichts und der erschlagenden Dimension des Ganzen mit Entscheidungen schwer tut. Was zu verstehen ist.

Aus dem Staub gemacht
Aus dem Staube

Die Döberitzer Heide

Glaubt man leicht verfügbaren Quellen, gab es erste militärische Nutzungen dieser Heide schon vor 300 Jahren. Zu dieser Zeit muss es von Berlin bis zur Havel und weiter nach Döberitz noch eine kleine Tagesreise oder ein forscher Halbtagesritt gewesen sein, wenn man das damalige Wegenetz bedenkt.

Als Truppenübungsplatz groß aufgebaut und fortan regelmäßig benutzt wurde die Heide unter dem Kaiser. Das klärt auch die Frage, warum die Heerstraße von Westend bis zum Berliner Ortsausgangsschild Heerstraße heißt – auf fast 11 Kilometern Länge und über knapp 700 Hausnummern. Gut doppelt so lang reichten ihre verlängerten Geraden vom Berliner Stadtschloss bis zur Döberitzer Heide. Wenn man darauf achtet, fällt ins Auge, dass sie fast auf ganzer Länge in einzigartiger Weise als breite und repräsentative Straße verläuft. Daran hat sich auch durch 28 Jahre Ost- und Westberlin nichts geändert.

Blumiger Grasweg am Hasenheider Berg
Blumiger Grasweg auf dem Weg zum Hasenheider Berg

Während der Olympischen Spiele 1936 musste die Heide für militärische Wettkämpfe herhalten. Gleich gegenüber wurde das erwähnte Olympische Dorf errichtet, das über die Heerstraße perfekt an die Hauptstadt und auch an andere relevante Sportstätten wie das Olympiastadion angebunden war.

Die regelmäßige militärische Nutzung der Döberitzer Heide ging über hundert Jahre, bis 1991 dann Schluss war – und fortan Ruhe im Karton. Nur in Richtung Groß Glienicke gibt es noch ein Eckchen, wo die Bundeswehr bisweilen übt – jedoch ohne scharfe Munition.

Obelisk an der weiten Freifläche
Obelisk an der weiten Freifläche

Was von dieser Periode noch sichtbar ist, verleibt sich die Natur langsam und stetig ein. Am ehesten sichtbar sind noch alte Bunkeranlagen und Panzergräben, die mehr und mehr von Gras, Nadeln und Baumbewuchs überformt werden. Ansonsten bestimmt üppige, vielfältige Natur das Bild.

Döberitz

Es war schon herauszulesen – Döberitz liegt kurz hinter der Stadtgrenze und ist schnell erreicht, ob nun auf breitem Asphalt oder auf schmalem Stahl. Das heutige Döberitz liegt zwischen den alten märkischen Dörfern Dallgow und Rohrbeck, verfügt jedoch selbst über keinen Dorfkern. Das ursprüngliche Döberitz lag weiter südlich war selbst so ein Dorf, bis es Ende des 19. Jahrhunderts schließlich das Pech hatte, inmitten eines preußischen Truppenübungsplatzes zu liegen. Das Dorf durfte zunächst noch stehenbleiben, doch die Geschichte war letztendlich nicht gnädig. Ende der 1950er Jahre zog die Sowjetarmee in die Döberitzer Heide ein. In diesem Rahmen wurden alle damaligen Bewohner enteignet und Döberitz dem Erdboden gleichgemacht, samt seiner Kirche. Die einstige Kolonie Neu Döberitz ist heute das eigentliche Döberitz und vor allem ein Ort des Wohnens, und über dem Grundriss des alten Dorfes mitten in der Heide staksen heute in Abgeschiedenheit große Pflanzenfresser umher, auf dem wohlwollend verordneten Weg in die Selbständigkeit.

Rastplatz und Aussichtsturm beim Obelisken
Rastplatz und Aussichtsturm beim Obelisken

Kurz nach der jüngsten Jahrtausendwende gab es in der Döberitzer Heide noch kein ausgeschildertes Wegenetz, weder für Reiter noch für Radfahrer oder Spaziergänger. Es ließ sich auf gut Glück durch das vorhandene Wegenetz streifen in der Hoffnung, nicht irgendwo auf ein unüberwindbares Hindernis wie einen Zaun oder ein dorniges Gebüsch zu treffen. Das hatte den speziellen Charme, den solche Entdeckerstreifzüge eben haben, und ging in unserem Fall auch ohne großes Verlaufen und zähe Rückwege ab. Mittlerweile ist hier alles sehr geordnet, was aber überhaupt nicht groß auffällt. Trotz des dichten Wegenetzes und der vielen Gatterzäune ist man durchaus der Meinung, sich durch so etwas wie eine stadtnahe Wildnis zu bewegen.

Waldrand entlang der weiten Freifläche
Waldrand hin zur weiten Freifläche

Irritierend sind dabei nur die Flugzeuge, die die Landepiste in Tegel anvisieren, und das zu gewissen Zeiten im Vier-Minuten-Takt. Egal ob Düsentriebwerke oder Propeller – laut sind sie alle in ihrem Landeanflug. Wenn dann aber die Schwarmzeit überstanden ist, erscheint die Stille im Inneren der Heide umso zauberhafter und beglückender.

Schafherde im Konzentrat mit Ziegen-Ammen am Rand
Schafherde im Konzentrat mit Ziegen-Amme am Rand

Unterwegs in der Heide

Der innere Bereich der Heide, die heute „Sielmann Naturlandschaft Döberitzer Heide“ heißt, besteht aus einer sogenannten Wildniskernzone, die von einem mehrfachen Zaun umgeben ist und ausgewilderten Tieren ein weitgehend unbeeinflusstes Entfalten gewährleisten soll. Aktuell gewöhnen sich dort, wie weiter oben erwähnt, schon einige Dutzend großer Pflanzenfresser wie Wisente, Przewalski-Pferde und Rothirsche an das unbehelligte Leben. Rund um diesen ausgedehnten Bereich verläuft der große Rundweg, der ziemlich lang ist (länger als der Weg zwischen Döberitz und dem Berliner Schloss) und bei all seinen möglichen Abstechern und Optionen mit dem Fahrrad am meisten Spaß machen dürfte – ein schöner und erlebnisreicher Tag kann hier problemlos gefüllt werden. Nur sollte die Bereifung nicht zu schmal sein.

Rastbank im Ginster
Rastbank im Ginster

Möchte man diese Landschaft zu Fuß entdecken, bieten sich kleine Runden an, die Fahrland und Kartzow oder Kartzow und Priort mit dem inneren Wegenetz im Bereich des Ferbitzer Bruchs kombinieren, dem feuchten Kontrast zur meistenteils staubtrockenen Döberitzer Heide. Wer jedoch eben diese landschaftlich vielfältige Heide im kleinräumigen Konzentrat erleben will, dem empfehle ich den Bereich nördlich der Wildniskernzone, der zudem mit den Öffentlichen hervorragend zu erreichen ist. Hier lässt sich die Tour alle paar Minuten verlängern, verkürzen oder komplett umkrempeln. Die Ausschilderung hilft beim Variieren.

Sandiger Weg entlang des Wildniskernzone
Sandiger Weg bei der Hasenheide

Es gibt mehrere Möglichkeiten, direkt in die Heide einzusteigen, sei es nun vom Einkaufszentrum Havelpark oder am Südrand von Döberitz bei der Unterführung der Bundesstraße. Da es dann jedoch stundenlang ohne jegliche Häuser, Kirchturmspitzen und Dorfplätze durch die Natur geht, ist ein wenig Ortslage als Kontrast und Abwechslung sehr zu empfehlen. Diese Kombination bietet sich am besten mit dem Bahnhof Dallgow-Döberitz als Ausgangspunkt.

Kesse Lupine am Gitterventil
Kesse Lupine am Gatterventil

Von dort führt ein zauberhafter und schattiger Pfad entlang des länglichen Schwanengrabens, immer dicht am Wasser und an vielen Stellen regelrecht verwunschen. Nach ein paar Minuten Gewerbegebiet und Straßenlärm übernimmt bald wieder der Waldschatten und mit ihm die Natur samt ihren Düften und Tönen – die Bundesstraße ist kaum noch zu hören, und die Flugzeuge ignoriert man so gut wie möglich. Bald steht der erste Übersichtsplan am Weg und der Einstieg in die Heide bevor. Nach ein paar hundert Meter breiten Weges wird es schon bald kuschliger und es kann entschieden werden, welchen Schildern man folgen möchte.

Schöner Waldrandweg am Grunde
Schöner Waldrandweg am Giebelfenn

Die Wege des ausgeschilderten Netzes sind allesamt einladend. Mal verlaufen sie schnurgerade zwischen Waldrand und offener Weite oder kurvig einer sanften Talflanke folgend, mal direkt durch den blumenreichen Trockenrasen oder breit und staubig über Dünenbuckel voll Erika und Kiefern. Oft auch schattig und kühl durch jungen Laubwald oder entlang dichter Eichenreihen. Zur nächsten Wegekreuzung ist es nie sehr weit, und so stellt sich beim planlosem Umherstreifen an jeder von ihnen aufs Neue die schwierige Frage, welchem der einladenden Abzweige man folgen möchte.

Weg in den Wald
Weg in den Wald bei Sperlingshof

Die Vielseitigkeit der Döberitzer Heide zeigt sich auch darin, dass die Landschaften etwa alle Viertelstunde wechseln. Sei es nun der Wechsel zwischen Waldgebieten und offenem Grasland, zwischen konstruierter Wegesystematik und solchen Wegen, die der Beschaffenheit des Reliefs folgen oder zwischen kleinräumigen Abschnitten und der großen Weite rund um den liebesbedürftigen Obelisken. Von hier aus reicht der Blick weit ins Land und lässt im Gedanken durchaus den Vergleich zur Lüneburger Heide aufblitzen. Zwischen Rastplatz und Obelisk verläuft eine winzige und allerliebste Wegschleife auf trockenen Gräsern, die von Optik und Duft her auch auf einer norddeutschen Insel liegen könnte und im niedrigen und warmen Abendlicht besonders schön sein muss.

Große Ginsterweite südlich der Bundesstraße
Große Ginsterweite südlich der Bundesstraße, Nordheide

Die Vegetation ist üppig, vielfältig und reich an Baumbewuchs – Heidekrautflächen sind in dieser Heide jedoch die Ausnahme. Dafür blüht im späten Mai an vielen Stellen großflächig der Ginster, wie wir es bisher nur selten gesehen haben. Ein guter Ausgleich für lila Blütenmeere im September.

Worauf wir noch getroffen sind, das waren eine muntere Schar von Pfadfinderinnen und ein großes Halbrund von hochbeinigen Bienenstöcken mit einem eindrucksvollen Klangteppich aus hunderttausenden Flügelschlägen. Ferner eine im Schatten vereinigte Schafherde mit zwei freundlichen Ammen-Ziegen, die verwaisten Lämmchen zur Verfügung standen. Wer die oben erwähnten größeren Tiere sehen möchte, kann sein Glück südlich vom Natur-Erlebniszentrum versuchen. Zwischen Wolfsberg und Wüste kann man mit etwas Glück ein behuftes Bein, ein beschweiftes Heck oder sogar einen bemähnten Kopf zwischen den Bäumen entdecken. Weniger rar machen sich kleinere Leute wie eben die Wildbienen, Grashüpfer und Schmetterlinge, die im gesamten Gelände für einen charmanten Buschfunk sorgen.

Parkstreifen
Parkstreifen in der westlichen Siedlung Döberitz

Für den Rückweg zum Bahnhof gegen Ende der Tour spricht nichts dagegen, wieder den Uferweg am Schwanengraben zu nehmen. Wer bei seinen Streifzügen weiter westlich bei der Zufahrt nach Rohrbeck gelandet ist, kommt durch ein Wohngebiet und einen hübschen Parkstreifen ebenfalls zurück zum Bahnhof. Dort bieten sich für den großen und kleinen Hunger mittlerweile vier Möglichkeiten zur Einkehr an. Mit etwas Heidestaub im Scheitel.

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): mit der Regionalbahn bis Dallgow-Döberitz (ca. 45 Min.), wahlweise weiter mit dem Bus zum Havelpark

Anfahrt Pkw (von Berlin): auf der B 5 Richtung Nauen (ca. 45 Min.)

Länge der Tour: wie unten zu sehen 13,5 Kilometer; darüber hinaus beliebig variierbar; Empfehlung: der Rastplatz am Obelisken sollte dabei sein

 

Download der Wegpunkte

 

Links:

Historische Karte der Döberitzer Heide (1936), altes Dorf Döberitz im Zentrum

Sielmann-Naturlandschaft Döberitzer Heide

Einkehr: mehrere Möglichkeiten am Bhf. Dallgow-Döberitz