Berliner Spaziergang – Moabit: Stille Mauern, alte Gleise und die Walfisch-Rücken

Es ist April, wie es selten April war in den letzten Jahren. Verschiedenste Wetterlagen wechseln im Viertelstundentakt. Relativ unbeeindruckt davon zeigt sich die frisch eröffnete Internationale Gartenausstellung, die zuletzt den Nordlichtern Rostock und Hamburg zusätzlichen Glanz verlieh. In ihrer neuesten Auflage tut sie dies im Osten von Berlin und hegt die Absicht, die große Welt an die kleine Wuhle zu locken und gleichzeitig dem landesweit bekannten Begriff „Marzahn“ zu ein paar neuen Gesichtszügen zu verhelfen. Nachdem sie am Donnerstag vor dem Osterwochenende erste wetterfeste Besucher empfing, ist ihr umgehend der Osterhase mit seinen freien Tagen auf den Fersen und veranlasst Tourismus-Experten zu Besucher-Prognosen in Millionenhöhe für die Stadt.

Sommergrünes Wuhletal beim Kienberg

Je nach Geschmack kann man sich nun mitten ins internationale und multikulturelle Getümmel der Innenstadtlagen stürzen und nach Herzenslust diese turbulente Seite der Stadt auskosten. Oder gar nicht weit entfernt vom bunten Treiben schauen, was sich denn an einem der grünen Nebenschauplätze der IGA getan hat. Denn abseits vom Marzahner Areal rund um die Gärten der Welt und den wuhleflankierten Kienberg wurden quer übers Stadtgebiet zwanzig weitere Grünflächen unter das gartenplanerische Auge und den zugehörigen Spaten genommen. Darunter sind bekanntere wie Treptower Park, Lietzenseepark und Großer Tiergarten, doch auch weniger prominente wie der Stadtpark Steglitz, der Landschaftspark Herzberge oder der kleine Rosengarten im vorderen Hinterland der Karl-Marx-Allee. Ein weiterer der zwanzig Auserwählten ist der Kleine Tiergarten im Herzen der einstigen Industrie-Siedlung Moabit, wo jegliche Bemühungen sehenswerte Früchte tragen, auch wenn sein Charakter stark verändert wurde. Da das Wetter an diesem April-Wochenende mehr als monatstypisch ist, kann es zudem nicht schaden, alle paar Minuten in einem Buswartehäuschen oder einem Café Zuflucht suchen zu können vor spontanem Niederschlag und frostigen Winden.

Bernauer Straße an der Mauergedenkstätte

Der Weg nach Moabit und wieder zurück lässt sich mühelos mit ein paar reizvollen Extrabögen würzen und führt am Ende zu einem mehrstündigen Spaziergang, nach dem das aktuelle Bild von Moabit  gefällig nachgeschärft ist. Wahlweise als Runde ausgehend vom Hauptbahnhof, wer es etwas ausgedehnter wünscht, nimmt als Ausgangspunkt den U-Bahnhof Eberswalder Straße oder den S-Bahnhof Nordbahnhof.

U-Bhf. Eberswalder Straße

Zwischen beiden liegt die Bernauer Straße, die vor einiger Zeit von Grund auf renoviert wurde. Die seinerzeit gepflanzten Bäume sind fast alle gut gediehen und geben der breiten Straße Jahr für Jahr mehr von dem Charme zurück, den sie durch ihre ausgewachsenen Straßenbäume vormals hatte. Je nach Wochentag wälzen sich auf den ersten 500 Metern Ströme von Menschen über den rechten Bürgersteig, mit Kurs auf Mauerpark und Trödelmarkt. Ab dort übernimmt der linke Bürgersteig mit der stilisierten Berliner Mauer aus unzähligen Stahlrohren, die je nach Blickwinkel durchlässig oder eben absolut undurchlässig ist – eine der gelungensten wortlosen Metaphern für dieses eigenartige Bauwerk, das es wirklich einmal gab. Ab hier ist der Menschenstrom meist überschaubar, bevor es dann an der großartigen Mauer-Gedenkstätte kurz vor dem Nordbahnhof wieder bevölkerter wird. Das ist gut so, denn dieser Platz vermittelt anschaulich und direkt Geschichte, die noch greifbar nah zurück liegt und damit zwar absurd, aber kaum abstrakt ist.

S-Bhf. Nordbahnhof

Das kleine Oberstübchen des Nordbahnhofs linste von Baustellen umtost lange Zeit verloren aus seinem verborgenen Unterbau heraus, wie der kleine Bürzel eines tief gründelnden Entleins. Mittlerweile ist die kleine Backstein-Festung von Bebauung und Gleiskurven umgeben, hat irgendwie ihren Platz gefunden und wirkt dort richtiggehend charmant. Neben den aktiven Gleisen, auf denen Straßenbahnen aus großen Teilen Berlins in einer nassforschen Biege die lange ersehnte Zielgerade zum Hauptbahnhof antreten, werden gleich um die Ecke dezent und doch effektvoll die zahlreichen Gleise des alten Stettiner Bahnhofs zitiert, der jahrzehntelang von einem sonderbaren Grenzverlauf durchzogen wurde. Diese lassen die Frage offen, ob sie noch die originalen sind, auf denen schwere Dampflokomotiven mit viel Wasserdampfgeschnaufe ihre Züge zum Stehen brachten. Sie beantworten aber zugleich klar und sehr gut lesbar, wohin die Reise gehen konnte von diesem Sackbahnhof im Herzen von Berlin. Darunter finden sich eher regionale Ziele wie Eberswalde und Angermünde, vor allem jedoch polnische wie Stargard, Kolberg oder das namengebende Stettin. Zur Bauzeit des Bahnhofs lagen diese in der preußischen Provinz Pommern.

Vor dem Naturkundemuseum in der Invalidenstraße

Die nächste Menschenansammlung wartet vor dem Museum für Naturkunde, das selbst eine gute Lösung für einen verregneten Tag darstellt. Doch heute wechseln die Wetter alle paar Minuten, was bedeutet, dass sich in jeder Stunde des Tages auch ein bisschen Sonnenschein ereignet, meist eingerahmt von spektakulären Wolkenbildern. Das Museum muss also noch warten.

Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal Richtung Invalidenfriedhof

Hinter der Brücke über den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal thront der Hamburger Bahnhof, ebenfalls ein Kopfbahnhof, der für die nordwestliche Richtung zuständig war und in seinem wunderschönen Inneren das Museum der Gegenwart beherbergt. Wer nun neugierig wird, welche Pendants solcher Kopfbahnhöfe es noch gab oder gibt, kann zum Beispiel in der Nachbarschaft des Ostbahnhofs oder in Kreuzberg am Askanischen Platz und dem Görlitzer Park auf sichtbare Spuren stoßen. Insgesamt gab es einmal elf Kopfbahnhöfe mit klar verteilten Zuständigkeiten.

Hauptbahnhof

Gleich darauf erstreckt sich auf der linken Seite der Hauptbahnhof, dieses riesige Ding. Die Vorstellung fällt schwer, dass hier vor relativ kurzer Zeit noch ein unscheinbarer S-Bahnhof kauerte, den man mit der Spree kaum in Verbindung brachte und dessen Namen man immer wieder vergaß. Der heutige Bahnhof ist umtost von der Einfahrt zu einem unterirdischen Stück Stadtautobahn, das eigentlich keine ist, ferner der Straßenbahn und den Bussen sowie dem ständigen Hin und Her von Ausflugsdampfern auf der Spree. Dazu kommt noch der eigene Lärm bremsender und anfahrender S-Bahnen, Regional- und Fernzüge, gemischt mit hallenden Durchsagen .

Auf dem einstigen Gelände des Zellengefängnisses Moabit

Umso faszinierender ist es, wenn man sich schräg gegenüber durch den unscheinbaren, fast verborgenen Eingang in einer hohen Ziegelstein-Mauer wagt. Die gehörte zum Zellengefängnis Moabit, das in seiner aktiven Zeit als eines der fortschrittlichsten Gefängnisse galt. Das erklärt sich insbesondere durch die Art und Weise seiner Anlage. Wer neugierig auf Details ist, findet an den zwei Eingängen wohlkonzipierte Informationstafeln zum Thema. Das Gefängnis wurde vor etwa 60 Jahren abgerissen, die Außenmauer blieb jedoch großteils erhalten.

Wer also durch diese Mauer getreten ist, findet sich umgehend in eindrucksvoller Stille wieder, umgeben von Freiraum, mittelalten Bäumen und einer parkartigen und freundlichen Anlage, die gänzlich ohne Zaunpfahl auf das hinweist, was hier einmal stand. Die Mauer ist nur ein paar Meter hoch, doch sie filtert das meiste von dem Lärm, der sich ebenfalls nur ein paar Meter entfernt abspielt. Fast fühlt es sich an wie der Eintritt in einen Klosterhof, in einen Raum der Stille, einen Rückzugsort. Es ist absolut faszinierend.

Ruheoase mitten im Stadtlärm

Gegenüber des Ausgangs zur Lehrter Straße befindet sich der Hauptsitz der Berliner Stadtmission, die sich bereits seit 130 Jahren um all die Menschen in der Stadt kümmert, die es aus der Bahn geworfen hat, die direkt oder gedanklich ausgegrenzt werden und über die man im Stadtbild gern hinwegsieht. Gleich benachbart stehen die weitläufigen Gebäude des Jugendgästehauses Hauptbahnhof, in sinnvoller Nachbarschaft zu zahlreichen Sportanlagen, einer Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins und einem kleinen Park. Wer sich gern im Wasser oder im Wasserdampf aufhält, wird vom Stadtbad Tiergarten oder der benachbarten Wohlfühl-Sauna-Oase bestens bedient. Ein unmittelbares Nebeneinander verschiedenster Welten, das einen typischen Berliner Gesichtszug recht gut charakterisiert.

Der kleine Park übrigens ist der Fritz-Schloß-Park und gilt immerhin als größte Grünanlage von Moabit. Er verfügt über ein  Gipfelchen, dessen sekundenlanges Erklimmen durchaus einen leicht erhöhten Puls abfordert. Eine Aussicht wird oben nicht geboten, doch dafür gibt es zwei schön geschwungene Liegen und eine Holzplattform, auf der man sich lang ausstrecken kann. Zahlreiche Wege und Pfade durchqueren das dichte Grün, und auch auf einer der vielen Bänke hier lässt es sich gut abschalten.

Auf dem Gipfelplateau im Fritz-Schloß-Park

Turmstraße

Die kurze und gemütliche Pritzwalker Straße endet an der Turmstraße, die ein klarer Identitäts-Bestandteil von Moabit ist. Gegenüber erhebt sich imposant und durchaus einschüchternd das Kriminalgericht, das über ein unterirdisches Gangsystem in direkter Verbindung mit dem Gefängnis steht und damit allerhand Geld, Komplikationen und Risiken beim Hin und Her zwischen Zelle und Gerichtssaal einspart. Im Kopf von Cineasten werden bei diesem Anblick sicherlich zwei Handvoll Filmszenen aufploppen. Gericht und Gefängnis nehmen einen vollständigen Straßenblock ein, und auch sie machen einen Teil davon aus, wofür Moabit bekannt ist.

In der Pritzwalker Straße

Kleiner Tiergarten

Auf der anderen Seite der Turmstraße liegt der sogenannte Kleine Tiergarten, der über die Länge von fast einem Kilometer den Raum zwischen Turmstraße und Alt-Moabit ausfüllt, fast wie ein Anger. Der längliche Park erhielt in zurückliegenden Jahrzehnten wenig Beachtung, wurde aber im Rahmen von Förderprogrammen und zuletzt im Zusammenhang mit der IGA umgestaltet. Das Ergebnis ist eine gelungene Anlage, die bewusst offen und unverwinkelt gestaltet wurde. Das war leider nicht nur gestalterisch eine Notwendigkeit, da der Kleine Tiergarten seit einigen Jahren als Kriminalitätsschwerpunkt gilt und bevorzugt bei hohem Sonnenstand und eher abseits der Stromstraße besucht werden sollte.

Im Park gibt es zahlreiche lichte Sitzecken, teils mit Springbrunnen, und überall wurden große Sitzhügel angelegt, denen man ihren Beton nicht ansieht, die vielmehr an die rundgeschliffenen Uferfelsen mancher Schärenküste erinnern. Auf den sanft gerundeten Walfischrücken kann man bestens sitzen, fläzen oder lümmeln, allein oder zu zehnt. Dass sie viel Geld verschlungen haben und nicht jeden Geschmack treffen, scheint den gelassenen Kolossen ziemlich egal zu sein. Ganz im Osten nahe der Johannis-Kirche gibt es einen großen Spielplatz und eine kleine Carrera-Bahn für Bambi-Räder, mit Über- bzw. Unterführung und ein paar sanften Huckeln in der Piste. Alle angetroffenen Knirpse strahlen breit und wirken sehr beschäftigt.

Sogenannte Sitzkiesel im Kleinen Tiergarten

Die Turmstraße selbst ist westlich der Heilandskirche eine belebte Straße mit Gastronomie und Geschäften, wo an mehreren Stellen ein wirklich guter Döner zu bekommen ist. Direkt an der Kirche erstreckt sich als kleines Berliner Unikat die Thusnelda-Allee über ganze 50 Meter Straßenlänge, die durch diesen Superlativ und ihren markanten Namen jedem Berliner Taxifahrer für immer im Gedächtnis haften bleibt.

Wer sich im Kleinen Tiergarten veranlasst sah, seinen Schritt zu beschleunigen, kann diesen unerwünschten Adrenalin-Stoß schon wenige Minuten später am Ufer der Spree ausgleichen. Dorthin führen südlich von Alt-Moabit gemütliche Straßen, die teilweise über Parkcharakter verfügen und im Rahmen ihrer Vorgärtchen schöne Cafés, Biergärten und sogar eine einladende Kaffee-Rösterei anbieten. Nach einem nordrhein-westfälisch gefärbten Zickzackkurs durch Bochumer, Essener, Elberfelder und Dortmunder Straße glitzert ein paar Meter tiefer auf einmal die Spree, die hier eine ganze Serie von euphorischen Kurven zieht. Auf diesen flanieren all die Dampfer, die sich über die Standard-Partie zwischen Mühlendammschleuse und Kanzler-Riegel hinaus wagen oder sogar regelmäßige Kontakte mit dem Treffpunkt von Spree und Havel unweit der Spandauer Altstadt pflegen.

Im Kleinen Tiergarten nach dem Aprilregen

Spree-Bogen

Auf dem einstigen Gelände der Bolle-Meierei befindet sich jetzt der Spree-Bogen, der stellenweise alte Fabrik-Substanz mit neuer Architektur verbindet und dabei an vielen Stellen Phantasie und Freude am Blickwinkel bewiesen hat. Das Schönste am Spree-Bogen ist ein durchgängig begehbarer Uferstreifen, darunter auch ein sandiger Spielplatz in Gestalt eines lebensgroßen Schiffes, das fast in Rufweite zu den Walen von vorhin vor Anker liegt. Die etwa 12 Meter lange Rutsche sorgt nicht nur bei Kindern für Vergnügen und spitze Stimmlaute.

Spreeufer gegenüber des Hauptbahnhofs, noch ohne Bar und Liegestühle

Eine letzte kleine Grünanlage verbirgt sich im Hof zwischen Spener- und Paulstraße und braucht den Vergleich mit dem Fritz-Schloß-Park samt Hügel nicht zu scheuen – sie ist nur eben drei Nummern kleiner. Eine Kreuzung später liegt in ihrer ausufernden Wendeschleife die bisherige Endstation aller Straßenbahnen, die den Hauptbahnhof anfahren. Es ist keine Haltestelle zum Einsteigen, da die Züge von hier direkt auf ihren Pausenhof fahren. Wer trotzdem gern von Westen aus mit der gelben Stretch-Limo beim Hauptbahnhof vorfahren möchte, kann das auch von der nur wenige Minuten entfernten Station Clara-Jaschke-Straße tun. Alternativ kann man einmal durch den Hauptbahnhof gehen oder um ihn herum, die Spree überqueren und sich drüben mit einem passenden Getränk in einen der Liegestühle hängen – wenn das April-Wetter mitspielt und die Bar schon aufgebaut ist.

 

 

 

 

 

Anfahrt ÖPNV (von Berlin): U-Bhf. Eberswalder Straße, S-Bhf. Nordbahnhof, Hauptbahnhof

Anfahrt Pkw (von Berlin): nicht sinnvoll

Länge der Tour: 10 km, als Runde von Hbf.  gut 6 km

 

Download der Wegpunkte
(mit rechter Maustaste anklicken/Speichern unter …)

 

 

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